DER GESANG DES WÜSTENWINDS
Teil 3

Fünftes Kapitel – Zwischen Liebe und Schuld

 

Typisches Novemberwetter liegt über der grauen Stadt an der Donau. Anja und Leyla beziehen die Privaträume im Schloss. Sie beschließt, die Wohnung in Wien aufzugeben, weil sie sicher ist, dass ihr die unliebsamen Erinnerungen, die in diesen Räumen lauern, einen angenehmen Aufenthalt für immer verleiden würden. Leylas vierter Geburtstag steht bevor und sie wird versuchen, das Kind halbtags im Kindergarten des nahen Dorfes unterzubringen. Leyla sollte weiterhin Kontakt zu anderen Kindern jeder Gesellschaftsschicht haben und nachmittags wollte sie selbst dem Mädchen Reitunterricht geben und nur für Leyla da sein.

Steve hatte ganze Arbeit geleistet, auch die Verwaltung des Gutes war nun mit dem Internet verkabelt und auf dem letzten Stand der EDV ausgerichtet. Sie würde ihn gelegentlich bitten, sie einzuschulen, damit auch sie mit der elektronischen Technik der Gegenwart vertraut wird.

Die Hollowitz Werke und die damit verbundenen Geschäfte haben die beiden Männer, den Boss und seinen viel versprechenden Jünger wieder völlig in Beschlag genommen. Am Wochenende bittet Anja den Computerfreak, sie im Schloss zu besuchen, was er entschieden ablehnt. Etwas verdutzt fragt sie ihn nach dem Grund und er erwidert schlicht:

„Es ist nicht meine Art, die Frau des Schlossherrn während seiner Abwesenheit in dessen Bett zu verführen. Auch wenn ihm das Schloss nicht mehr rechtlich gehört, so wird er in den Augen der Leute immer der Besitzer bleiben, egal was auf den Papieren steht. Ich will weder dich noch die Familie in Verruf bringen. Die Landmenschen denken anders als wir, sind durchdrungen von ihren religiösen Vorstellungen und Geboten und lassen es jeden, der anders denkt als sie, irgendwann mit Bitterkeit spüren. Ich will nicht, dass du oder das Kind irgendwelchen rustikalen Gemeinheiten ausgesetzt werdet!“

Nach dieser für ihn ungewöhnlich langen Rede, holt er Luft und als er nichts mehr hinzuzufügen hat, will sie betreten wissen: „Soll das das Ende unserer Beziehung sein?“

„Hatten wir je eine? » Sie schweigt betroffen und er fügt milder hinzu: „Das habe ich nicht gesagt“, komm zu mir! Ich habe Platz genug für uns, wie du weißt. Leyla und du, ihr könnt genauso gut das Wochenende über bei mir verbringen!“ Sie willigt ein, denn insgeheim hatte sie gehofft, dass er sie dazu auffordern würde.

 

So kommt es, dass sie am nächsten Freitagabend mit einem Vorgefühl der Freude und Erwartung in die bewaldete Vorortschaft Wiens fährt. Sie entdecken sich aufs Neue, der blonde Brite mit den sanften Händen und die dunkelhaarige, junge Frau, die mit ihren Gefühlen ringt und sich gerne diesen Händen überlässt, die sie Zweifel und Selbsthader für einige Stunden vergessen lassen.

 

Auch der milde Herbst hat sich nun endgültig verabschiedet und ein düsterer Novembermorgen kündigt Regen und Sturm an. Steve macht Feuer in dem kleinen Kamin und die Holzscheite knistern in der Glut. Der Geruch von Holzkohle breitet sich ebenso angenehm aus, wie die sanfte Wärme, die davon ausgeht. Auf einem alten Rost brät er Esskastanien für Leyla, die am Tisch sitzt und Ali, den kleinen ägyptischen Hund, malt. Anscheinend fehlte er ihr sehr, der Spielkamerad der letzten Wochen.

Steve wendet die Kastanien, vorsichtig, um sie nicht ins Feuer fallen zu lassen und blickt auf Anja, die daneben hockt und den züngelnden Flammen bei ihrem wilden Tanz zusieht. In seinen Augen steht die alte Frage: „Hast du dich entschieden?“ Und sie versucht immer wieder dieser Frage auszuweichen. Sie würde Charlys Rückkehr abwarten, sie würde es ihm sagen. Sie würde ihm mitteilen, dass sie ihn nicht mehr liebte und ihr Leben nicht mit ihm verbringen will. Sie würde dafür sorgen, dass er sein Auskommen hatte, aber sie wollte ihm nicht ihre Zukunft opfern. Irgendetwas in ihr war zerbrochen, zerschellt und sie konnte nur die Scherben auflesen und versuchen, sie so recht und schlecht wieder zu kitten. Doch es konnte niemals mehr so werden wie früher, egal was er ihr versprechen würde.

 

Die Überraschung war total. Als sie Montagmorgen heimkommt, ist Charly aus der Schweiz zurück, ohne Voranmeldung, ohne Anruf. Die Zeit war wie im Fluge vergangen, es waren wahrhaftig zweieinhalb Monate vergangen, seit er sich zu dem Entzug in der Klinik entschlossen hatte, und da stand er nun vor ihr, braungebrannt und gut aussehend wie eh und je, mit einer seiner strahlenden Mienen und dem ungetrübten Blick eines Mannes, der wusste was er wollte.

„Ich bin gestern angekommen Anja! Ich habe mich nach euch gesehnt. Vater hat mir am Telefon gesagt, dass ihr in Ägypten ward. Ich hoffe, du hast dich erholt und dabei an mich gedacht!“

Sie sieht ihn mit großen Augen an und findet nicht die richtigen Worte. Wie er so vor ihr steht, zuversichtlich, dass seine Welt noch in Ordnung war, sie konnte ihm nicht ins Gesicht schleudern, das es vorbei war und sie keineswegs an ihn gedacht hatte! Sie steht nur da und überlegt fieberhaft, wie sie sich verhalten sollte.

„Du hast die Wohnung aufgegeben? Du hattest Recht! Wir haben dieses riesige Schloss, wozu die Pendelei zwischen zwei Residenzen. Stellen wir uns doch ganz auf die Rolle der Landedelleute ein, die wir letztendlich ja sind, was meinst du?“

„Wir müssen uns erst aussprechen, Charly!“ entgegnet sie leise und vermeidet es, ihm dabei direkt in die Augen zu sehen.

Er überhört angelegentlich ihren Einwand. „Du hast mir sehr gefehlt, Anja!“ versichert er mit fester Stimme. „Du und das Kind!“ setzt er hinzu und streckt die Arme nach Leyla aus, die halbversteckt hinter der Mutter steht.

„Komm Leyla, gib Charly einen Kuss!“ lockt er sie lächelnd und als sie sich nicht rührt, greift er nach einer Schachtel, die mit anderen Dingen auf dem Sofa gelegen hat. Er öffnet sie und entnimmt ihr einen Plüschhund, es ist ein Bernhardiner mit einem kleinen Rumfässchen um den Hals.

„Der gehört dir, damit du siehst, dass ich immer an dich gedacht habe, Schatz!“

Vorsichtig greift Leyla nach dem Spielzeug. „Ich habe einen richtigen Hund in Ägypten!“ erzählt sie, langsam Vertrauen fassend. „Ich konnte ihn nicht mitnehmen. Mama sagt, die Grenzbeamten würden es nicht erlauben, weil sie Angst vor Krankheiten hätten, aber Ali ist nicht krank!“

Charly nickt verständnisvoll. „Mama hat Recht“, sagt er. „Leider sind die Gesetze manchmal sehr streng. Vielleicht tröstet dich dieser Schweizer Hund ein wenig, bis du deinen Ali wieder siehst!“ ‚Er war auf dem besten Wege, sich wieder bei ihr einzuschmeicheln’, stellt Anja fest, doch bei ihr konnte er nicht mehr mit seiner Masche landen. Mit keiner Masche! Er musste begreifen! Es war vorbei!

„Ich war bei den Pferden, sie haben sich prachtvoll entwickelt!“ wendet er sich wieder zufrieden an seine Frau. „Wo seid ihr zwei eigentlich gewesen? Nicht einmal Frédéric wusste Bescheid!“ Es sollte nicht vorwurfsvoll klingen, doch Anja entgegnet schnell, bevor sich das Kind ausfragen lässt: Bei Freunden, in der Vorstadt Wiens!“ Doch Leyla war mit dem Hund beschäftigt und hörte dem Gespräch der Erwachsenen nicht mehr länger zu. Sie hatte die Gelegenheit verpasst, ihm reinen Wein einzuschenken.

Er kam einfach daher, weil er so tat, als wäre nichts vorgefallen und das Leben könnte so weitergehen, wie er sich das vorgestellt hatte. So, als habe man nur auf seine Rückkehr gewartet, damit die Sonne erneut für ihn aufginge. Wie froh war sie nun, dass Steve es abgelehnt hatte, hier im Schloss zu nächtigen! Mit dieser Situation musste sie selbst zu Recht kommen, niemand konnte ihr dabei helfen, auch Steve nicht! Charly war und ist unberechenbar, das war nicht zu bestreiten und der Moment im Beisein Leylas wäre auf jeden Fall ungünstig gewählt, um ihn vor die Tatsachen zu stellen. Inzwischen war sie wirklich zu der Überzeugung gekommen, dass Charlys Psyche nicht vollkommen gesund war, nicht nur des Drogenkonsums wegen...

Er macht einen Schritt auf sie zu und streckt die Hand aus. „Anja ! Nur einen Kuss zur Begrüßung ! Nichts weiter ! Ich werde dich nicht drängen! Nie mehr wieder ! Ich bin ein anderer Mensch geworden! Für dich“, fügt er hinzu.

Sie unterdrückt den Wunsch, einen Schritt nach rückwärts zu tun und lässt ihn an sich heran kommen. Er haucht einen Kuss auf ihre Wange. Sie empfindet ihn nicht als unangenehm und ist erleichtert, dass sie nicht gleich vor Ekel zusammen zuckt. Sie verschiebt die Aussprache auf den Abend, wenn Leyla längst schlafen würde und lässt Charly erzählen. Er spricht von der Bergwelt der Schweiz, die ihn zu Beginn seiner Entziehungskur kaum interessierte, seinen ersten, teuflischen Wochen, den Ärzten, seinen Zweifeln und endlich den ersten positiven Ergebnissen der Behandlung. Sie hört ihn sprechen, doch erfasst kaum den Sinn seiner Worte. Sie sieht ihm zu, wie er demonstrativ ein Glas Mineralwasser leert und nickt hier und da, während ihre Gedanken nach einem Ausweg suchen. Ihr ist, als befände sich ihr Geist umherirrend, in einem ausweglosen Labyrinth.

 

Der Abend vor dem Kaminfeuer des behaglichen Wohnraumes lässt eine ernsthafte Aussprache nicht zu. Charly ist so begeistert vom Erfolg seiner Kur, so zuversichtlich, was ihr gemeinsames Leben betrifft, dass sie ihm einfach nicht die Wahrheit sagen kann oder das mitteilen, was sich für sie geändert hat. Er strahlt, lacht und erzählt Anekdoten aus den vergangenen drei Monaten, ja er kommt nicht auf die Idee, dass es eigentlich anders ausgemacht war. Nämlich, dass Anja ihren Entschluss, sich von ihm trennen zu wollen, nur aufgeschoben hatte und darüber nachdenken wollte. Er war zurück und es schien ganz klar für ihn zu sein, dass sie auf ihn gewartet hatte und nur mehr ihn sah, so wie zu Beginn ihrer Beziehung.

Sie verschiebt ein ernstes Gespräch auf den nächsten Tag. Es würde sich schon der richtige Augenblick finden. Charly drängt sie nicht und ohne nur ein Wort fallen zu lassen, macht er es sich auf der breiten Wohnzimmerbank bequem, während sie allein ihr Schlafzimmer benützt und vorsichtig den Schlüssel umdreht um vor irgendwelchen nächtlichen Überraschungen sicher zu sein. Sie schalt sich selbst, ob ihrer Passivität und ihres Zögerns. Hat er denn je Rücksicht auf ihre Gefühle genommen?

Charly war wieder der, den sie einst kennen gelernt hat! Der unwiderstehliche Junge mit dem sprühenden Charme, dem die Welt zu Füssen lag. Er hatte alles auf sich genommen, um sie nicht zu verlieren. Oder ging es ihm wieder nur um die materielle Sorglosigkeit an ihrer Seite? Und Steve? Was sollte sie mit ihren Gefühlen für ihn anfangen? Er war das Gegenteil von Charly: zuverlässig, liebevoll, ehrlich, wenn auch ebenso leidenschaftlich, doch weitaus einfühlsamer, weniger fordernder. Zärtlich denkt sie an den wortkargen Briten, seinen fragenden Blick und die klaren, blaugrauen Augen, seine Gesten, sein verschmitztes Lächeln und die beiden Grübchen, die sich dabei in seinen Mundwinkeln bilden.

Sicher hatte er vom Eintreffen des Barons erfahren. Vielleicht sorgte er sich, vielleicht wartete er auf ihre Antwort. Und ganz sicher dachte er an sie.

Sie greift nach ihrem Handy und wählt seine Nummer. Nach mehrmaligem Läuten hört sie seine Stimme, er befindet sich noch im Büro.

„Ich halte es zuhause nicht aus!“ gesteht er und sie empfindet ihm gegenüber das wachsende, schlechte Gewissen. „Er ist zurück!“ Es war eher eine Feststellung, als eine Frage. „Ja, er ist zurück!“ sagt sie so emotionslos wie nur möglich. Er bleibt eine Weile stumm, bevor er sie fragt: „Und? Geht es dir gut?“

„Ja, es geht schon! Ich muss mit ihm reden, aber ich brauche Zeit! Er ist so zuversichtlich, sicher noch sehr gefährdet, in seinem Zustand. Deshalb muss ich die richtige Gelegenheit abpassen!“

„Verstehe!“ erwidert Steve gedehnt. „Pass nur auf, dass du sie nicht verpasst und lass dich nicht täuschen von seiner charmanten Maske!“

„Nein“, bemüht sie sich zuversichtlich und rasch zu antworten. „Ich brauche nur Zeit, versteh es bitte!“

„Aber ja, was bleibt mir schon anderes übrig? Ich warte auf dich!“

„Ich weiß“ erwidert sie leise. „Ich liebe dich!“ Es war das erste Mal, dass sie es ausgesprochen hatte und es kam ihr ganz selbstverständlich über die Lippen.

„Beweis es“, entgegnet der Brite leise, „beweis es mir, Anja!“

Als sie die Kommunikation unterbricht, überlegt sie, ob es nicht doch klüger wäre, hinauszugehen und Charly vor die Tatsachen zu stellen. Sie lässt es bleiben und hofft, dass diese Nacht ihr Rat und Ruhe schenken mochte. Mit gemischten Gefühlen schläft sie ein.

Als sie gegen Morgen erwacht, hat sie furchtbare Kopfschmerzen. Ihr ist übel und die Illusionen ihres Traumes verfolgen sie bis in den Tag hinein. Seit dem Tag seiner Beerdigung hatte sie nicht von ihm geträumt und nun dieser absurde Traum. Sie erinnert sich nur mehr an vage Szenen, doch er war sehr komplex gewesen, dieser Traum und hat eine tiefe Niedergeschlagenheit in ihr ausgelöst und einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Sie kniete in der alten Koptenkirche in Kairo. Vor ihr stand der alte Mönch in seiner schwarzen Kutte und hielt ein vor sich her schwenkendes Weihrauchgefäß. Er fasste sie fest ins Auge und murmelte unverständliche Litaneien vor sich hin. Alles war voll von Myrre und Rauch gewesen und ihre Augen tränten. Sie fühlte sich wie hypnotisiert von dem Alten, und als sie seinen starren Blick erwiderte, trug der Priester plötzlich das Antlitz Smains. Immer noch schwenkte er das Messinggefäß und sein glatt rasiertes, dunkles Gesicht zeigte nicht die Spur eines Lächelns. Seine Lippen formten sich zu einem lautlosen Wort. Sie konnte es bei bestem Willen nicht erfassen. Sie starrte auf seine Lippen und bemühte sich die Bedeutung dessen, was er ihr sagen wollte, zu begreifen. Der Rauch trieb ihr die Tränen in die Augen und auch die Verzweiflung, weil sie begreifen wollte und es nicht konnte. Sie hustete, immer stärker, immer krampfhafter und erwachte schließlich hustend und mit diesen verdammten Kopfschmerzen.

Anscheinend war eine Grippe im Anzug. Das hatte ihr gerade noch gefehlt! Sie würde wohl oder übel zum Arzt gehen müssen, wenn sie ihren Zustand nicht mit Aspirin in den Griff bekam. Sie versucht den Traum abzuschütteln und unter der heißen Dusche werden ihre Gedanken klarer. Warum hatte sie gerade heute Nacht von Smaïn geträumt? Sollte sie dem Beachtung beimessen? Was wollte er ihr mitteilen? Ja, in welcher Sprache hat er zu ihr gesprochen? Sicher nicht in Deutsch! Französisch? Arabisch? Ach, ein Traum, was soll’s, denkt sie und kramt nach einer Schachtel Aspirin im Schränkchen neben dem Spiegel. Sie ist auf sich selbst wütend, weil sie der Verführung, sich dem dummen Aberglauben hinzugeben, so bedenkenlos Folge geleistet hatte.

 

Als sie zu dritt um den Frühstückstisch sitzen, ganz wie eine harmonische Familie, erklärt Charly plötzlich, an Leyla gewandt: „Ich habe deinen Geburtstag nicht vergessen, Prinzessin! Und wir werden ein Fest veranstalten, noch tausendmal schöner als jenes im Vorjahr! Was sagst du dazu?“

Leyla ist auf der Hut. Ihr kindlicher Instinkt sagt ihr, dass nach begeisterten Worten, niederschmetternde Äußerungen kommen konnten, wie jene, die ihr den Tod ihres Vaters auf so direkte Weise offenbart hatten. Ein zaghaftes Lächeln in Charlys Richtung und die schüchterne, leise Frage: „Bist du jetzt wieder gesund, Onkel Charly?“

„Das bin ich, Kleines, das bin ich wirklich! Wir werden es gut haben, jetzt, alle drei!“ Ein viel sagender Blick auf Anja, lässt diese erschauern. ‘Wenn du wüsstest!’ denkt sie beunruhigt, und nimmt einen Löffel Konfitüre auf ihre Toastscheibe. Charly besteht darauf, dass Leyla ihm ihre Reitkünste vorführt. Er will sich von ihren Fortschritten überzeugen. Anja begleitet die beiden zu den Stallungen. Draußen ist es kalt und regnerisch. Ein feiner Nieselregen liegt über dem Wald und den Feldern, taucht die Landschaft in grau. Doch nichts kann Leylas Begeisterung beeinträchtigen. Letztendlich hatte Charly alle Trümpfe in der Hand, um Leyla zurück zu gewinnen. Und sein größter Trumpf gegen Anja war schließlich das Kind.

Sie lehnt am Gatter des Reitplatzes und vergräbt die Fäuste in den tiefen Taschen der Wolljacke. Die Kopfschmerzen hatten sich gelegt, doch die Übelkeit blieb bestehen. Wahrscheinlich hatte sie die Aspirintabletten nicht vertragen. Sie atmet tief die würzige Landluft ein und konzentriert sich auf Leyla, die ernsthaft im Kreise trabt, auf dem Rücken ihres Ponys.

„Ich werde dich noch heute anmelden, Leyla. Du wirst dein Bronzenes Reiterabzeichen machen, noch vor Ende dieses Jahres, das verspreche ich dir!“ hört sie Charly rufen, der in der Mitte des Platzes steht und sich langsam mit den Bewegungen des Tieres um sich selbst dreht, Leyla immer im Auge behaltend. Ich bin sicher, aus dir wird noch ein echter Champion, Liebes!“ ruft er ihr zu. „Treib ihn an, den Kleinen, los doch, schneller!“ Leyla ermuntert das Pony und setzt ihre kleinen Beine ein, um dem Pony mit Fersendruck das Zeichen zum Angaloppieren zu geben. „Jalla“, ruft sie mit ihrer hellen Stimme, „jalla, jalla!“ Wie ein Blitz durchzuckt es Anjas Bewusstsein, als sie ihr Kind rufen hört, ihren kleinen Mund sieht, als er dieses arabische Befehlswort für das Wort „Schnell!“ formt. So sahen Smaïns Lippen aus in ihrem Traum! „Jalla“, hatte er gerufen, und immer wieder „jalla!“

 

 

 

Aber nun weiß sie soviel wie zuvor, nämlich rein gar nichts. Was wollte er von ihr? Wozu wollte er sie anspornen? Schnell! Was sollte sie schnell tun? Sich schnell von Charly trennen, schnell mit Steve sprechen, schnell sich entscheiden? Ach, sie ärgert sich über sich selbst! Der dumme Traum, warum sollte sie ihn ernst nehmen? Sie war verwirrt gewesen, müde, unentschlossen und da ist der Mensch wohl am anfälligsten für undefinierbare, sonderbare Träume dieser Art!

 

Der Tag vergeht. Und der nächste. Und sie schweigt. Je mehr sie Charly um sich spürt, sieht, umso mehr sinkt ihr Mut, ihm reinen Wein einzuschenken. Steve rückt jeden Tag ein wenig mehr in den Hintergrund. Es schmerzt sie zu wissen, dass er auf sie wartet, dass es ihn verletzt, dass sie ihn so lange im Ungewissen lässt, bis sie sich für ihn entscheidet. Doch da ist der Baron, der, in den sie sich verliebt hatte. Nein, sie liebte ihn nicht mehr wie zuvor, dessen war sie sich ganz sicher. Aber er wollte sein Leben neu beginnen, einen neuen Start wagen, an ihrer Seite. Und wenn es diesmal klappte? Sie sucht nach tausend Gründen und Entschuldigungen. Elizabeth Taylor und Richard Burton fallen ihr ein. Haben sie sich nicht geliebt, bis zum Wahnsinn geliebt und dann wieder gehasst, geschlagen, verachtet, um sich wieder zu versöhnen, einander in die Arme zu sinken, schmachtend, verzeihend, immer wieder? Es gab viele solcher Beispiele und sie redet sich jeden Tag ein bisschen mehr ein, dass sie Charly vielleicht wieder lieben könnte, nur ein bisschen und mit Vorsicht. Gerade soviel, um ihm den Neuanfang zu ermöglichen, ihm Stärke zu geben in der ersten Zeit. Aber Steve, was sollte sie mit ihrer Liebe zu ihm anfangen? Konnte man zwei Menschen gleichzeitig lieben? Konnte man von einem Mann erwarten, dass er so lange wartete? Auf etwas wartete, das vielleicht nie eintreffen würde? Konnte man von einem Mann verlangen, erst den Vortritt einem anderen zu überlassen? Hatte Steve das nicht schon längst getan? Gewartet, sich im Hintergrund gehalten? Es war absurd! Sie erinnert sich an die warmen Nächte in ihrem Zimmer in Assuan. An seine Zärtlichkeit und seinen fragenden Blick. An sein Zögern, bevor sie sich das erste mal liebten und doch, Steve rückte immer mehr in den Schatten, ohne dass sie es beabsichtigte. Er war wie eine süße Erinnerung, eine sehnsüchtige Erwartung, die sich ohnehin nie erfüllen würde. Sie findet mehrere Nachrichten auf ihrem Beantworter vor. Kurze Worte, Fragen, kein Drängen. Sie ruft nicht zurück. Immer weniger ist sie sich im Klaren darüber, was sie ihm sagen sollte. Charlys Anwesenheit dringt bis in den letzten Winkel des Schlosses und ihres Denkens, gleich einem schleichenden Gift, das sich langsam, aber stetig ausbreitete!

 

Seine Macht über sie wächst und sie weiß es, ist sich dessen voll und ganz bewusst. Charly organisiert Leylas Geburtstagfest und hält sein Versprechen. Außer einem nagelneuen Kindersattel für das Pony, schenkt er ihr einen kleinen Hund. Es ist ein winziger, weißer Malteser, flauschig, weiß und weich. Leyla kann ihre Freude nicht verbergen. Charlys Sieg ist total, sie fällt ihm um den Hals und er führt mit ihr einen Freudentanz durch den Saal auf. Er engagiert eine Gruppe von Clowns, einen Zauberer, der seine Tricks vorführt und die Kinder der gesamten Umgebung eingeladen, um ihren Geburtstag zu feiern.

Der einzige Schatten, der über diesen Tag fällt, ist die Abwesenheit Frédérics. Er hat es abgelehnt zu erscheinen und es bricht ihm das Herz, seiner Enkeltochter an diesem Tag nicht gratulieren zu können, doch er erträgt die Anwesenheit des Barons keine Minute. Er kann dem Mann nicht gegenübertreten, der seine Tochter geschlagen, bedroht, ihres Heimes beraubt, ihres Geldes betrogen und seine kleine Enkeltochter verängstigt hat. Das war einfach zuviel verlangt, Anja musste es verstehen und wenn nicht, dann war ihr nicht zu helfen!

Er selbst war mit der Enttäuschung, die Steve erfahren hat, tagtäglich konfrontiert, sah dessen umwölkte Stirn, seine müden Augen, sein unrasiertes Gesicht, den schmerzlichen Zug um die Lippen. Es war, als würde der Brite darauf vergessen, an sich zu denken, als wäre er in einer Art Trancezustand. Versessen und übereifrig tat er seine Arbeit, gab sich wortkarg und blieb bis spätnachts im Büro. Frédéric fand keine Worte, um die Situation zu entschärfen. Aber es tat ihm in der Seele weh, zu sehen, was Anja mit ihrer Unentschlossenheit, ihrer weiblichen Verführungskunst angerichtet hatte, denn Steve war ihm lieb und teuer und er litt mit ihm. Trotzdem kann er nicht umhin, ihn an diesem Abend noch aufzusuchen, bevor der das Büro verlässt. Er fühlt sich fast ein wenig verantwortlich für Steves Gemütszustand. Aufrecht, beide Fäuste in seine Jacke vergraben, bleibt er im Türrahmen stehen und fixiert seinen Angestellten mit festem Blick. „Du solltest etwas unternehmen“, sagt er gerade heraus. Steve wendet seinen Blick erstaunt vom Bildschirm ab und wartet darauf, dass Frédéric sich näher über seine Worte auslässt. Der fährt sich mit einer Hand über sein stoppeliges Kinn und seine grünen Augen blicken eindringlich in jene seines Gegenübers. „Kämpf’ um sie, verdammt! Sie wird sich nie von ihm lösen! Sie ist zu schwach, zu beeinflussbar! Der Baron versteht sein Handwerk, glaub’ mir!“ Steve macht eine wegwerfende Handbewegung. „Ich kann sie zu nichts zwingen! Die Entscheidung muss von ihr kommen!“

„Sie wird sich nie dazu durchringen können, bevor er sie nicht erneut misshandelt. Und davor wird er sich erst einmal hüten, weil er weiß, was für ihn auf dem Spiel steht!“ wendet der Boss ein. „Du riskierst, sie für immer zu verlieren!“ Seine Stimme wird etwas leiser, ängstlicher und Steve blickt ihn verwundert an, nachdem er sich wieder dem Bildschirm zugewandt hatte. „Er wird sie zerstören! Ich habe Angst um mein Kind“, fügt Frédéric hinzu. „Wenn ich einen Weg wüsste, den Kerl endgültig los zu werden, ich würde ihn wählen“, seine Stimme hatte sich wieder gefestigt, ließ keine Schwäche mehr heraus hören. „Welchen auch immer“, setzt er hinzu und Steve versteht, was er damit meint. Er schüttelt abwehrend den Kopf: „Du würdest sie trotzdem verlieren, Frédéric. Du kannst nicht riskieren, dass sie ihm ewig nachweint. Es gibt keine andere Lösung: sie muss es selbst entscheiden, glaub’ mir“. Er widmet sich erneut seinen Ziffern, die über den Bildschirm flimmern und Frédéric dreht sich langsam und wortlos um. Seine breiten Schultern wirken heute schmächtiger und sein sonst so forscher Gang hat ein wenig an Schwung verloren, als er die Zimmerflucht seiner Firma verlässt.

*******

 

Liebevoll betrachtet die Mutter ihr Kind, wie es nun schlafend in dem Kinderbett liegt, den winzigen  Hund im Arm, der ebenso wie sie die kleinen, schwarzen Knopfaugen geschlossen hielt und sie lächelt über das friedliche Bild, das sich ihr darbietet.

Auf leisen Sohlen verlässt sie das Zimmer ihrer Tochter und zieht sich in ihr nebenan liegendes Zimmer zurück. Sie musste mit Steve sprechen. Sie musste ihm sagen, dass sie Charly nicht verlassen konnte. Noch nicht. Sie kann ihn nicht erreichen und so hinterlässt sie ihm eine Nachricht, fast erleichtert darüber, ihn nicht sofort, in diesem Augenblick am Telefon verletzen zu müssen. Sie sagt ihm, dass es ihr nicht möglich sei, Charly jetzt im Stich zu lassen und, dass sie noch einen letzten Versuch wagen würde, um ihre Ehe zu retten, einen allerletzten Versuch. Sie bittet ihn um sein Verständnis und weiß doch, wie unsinnig sich ihre Worte anhören müssen. Er wollte ihre Freundschaft nicht gefährden und sie wollte mehr. Nun hatte sie ihn wahrscheinlich für immer verloren! Sich ihrer eigenen Feigheit bewusst, fühlt sie sich abgespannt und ausgelaugt!

Sie weiß, er würde nicht in sie drängen oder sie zu überreden versuchen, nein, das würde er nie. Er würde es einfach hinnehmen und sich niemanden anvertrauen. Das war nicht seine Art. Er hatte eine gewisse noble Art an sich und diese trat sie jetzt mit Füssen. Das war ihr klar und erfüllt sie mit Gram und Ohnmacht gleichzeitig. Und als Charly diese Nacht zaghaft an ihre Tür klopft öffnet sie ihm nicht aus Verlangen, sondern eher aus Trostbedürfnis und dem Wunsch nach zwei starken Armen, in denen sie einschlafen konnte und vergessen, wenigstens für einige Stunden.

 

Sie fühlt sich mies und schlecht. Die Übelkeitsanfälle plagen sie nun schon seit über zwei Wochen. Sie hatte ihre Grippe höchstwahrscheinlich verschleppt. Immer nur diese Aspirintabletten, reichten nicht aus, eine eventuelle Infektionskrankheit auszuheilen und sie beschließt, ihren Arzt in Wien aufzusuchen, bevor sie den Virus an ihre Tochter weitergeben konnte.

Der relativ junge Arzt in der Wiener Innenstadt lässt sie nicht lange warten. Es grassierten jede Menge übler Viren derzeit, bestätigte er. Es war die typische Zeit für Erkältungskrankheiten, regnerisches Allerheiligenwetter, Wind und kriechende, feuchte Kälte.

„Wir sollten jedoch eine Blutprobe machen, um sicher zu gehen! Immerhin waren sie in Ägypten!“ rät der Arzt und Anja nickt. Sie war müde und wollte nur rasch wieder nach hause fahren. In ein paar Tagen wäre sie dann wieder die Alte. Der Arzt verschreibt ihr die nötigen Grippemittel und verspricht, sie am nächsten Tag zu informieren, sollten die Blutbefunde etwas Außergewöhnliches aufgezeigt haben.

Sie ist froh, endlich wieder in eine warme Wolldecke gehüllt vor dem Kaminfeuer zu dösen, und sie dankt Charly insgeheim, dass er den Reitunterricht Leylas so ernst nimmt und sie sorglos eine Stunde vor sich hinschlummern kann.

Er bezieht das gemeinsame Schlafzimmer und behandelt sie vorsichtig und liebevoll. Er will nicht mehr von ihr, als sie bereit ist zu geben und das ist nicht viel. Er hat in ihr nicht mehr das Feuer vergangener Tage erwecken können und sie war froh, als sie später einfach in seinen Armen einschlafen konnte. Sicher waren ihre Gedanken noch immer mit Steve beschäftigt und ihren Zweifeln an ihrer Entscheidung. Der stumme Vorwurf in Vaters Augen, ihre Grippeerkrankung, Charlys Veränderung, das alles war zuviel für sie und rieb sie auf.

 

Als ihr Wiener Arzt sie am nächsten Vormittag anruft, hat sie Leyla im Kindergarten abgeliefert und will eben ihren Wagen, den sie vor dem Schloss geparkt hat, verlassen. Sie kramt nach dem Telefon und hatte mit dem Anruf des Doktors eigentlich nicht gerechnet.

„Ich habe die Blutbefunde eben erhalten!“ lässt er vernehmen.

„Es ist Influenza »!

„Ja, das dachte ich mir“, erwidert Anja. „Es geht mir schon ein kleines bisschen besser, dank ihrer medikamentösen Behandlung!“ fügt sie hinzu.

„Ja, doch sie müssen damit aufhören. Kommen sie vorbei, ich verschreibe ihnen etwas anderes, oder ich setze mich mit ihrer Apotheke in Verbindung, dort können Sie dann die nötigen Sachen abholen, denn für eine Fahrt nach Wien, scheinen Sie mir doch nicht kräftig genug zu sein!“

„Ich verstehe nicht, wieso...“

„Liebe Frau Baronin!“ unterbricht sie der Arzt. „Sie haben mir verschwiegen, dass sie schwanger sind, und gerade in der ersten Zeit der Schwangerschaft muss man besonders vorsichtig mit Medikamenten umgehen! Ich verschreibe ihnen daher etwas homöopathisches, das wirkt etwas langsamer, ist aber ungefährlich für das Kind!“

Anja glaubt erst, sich verhört zu haben, aber als der Arzt ausgesprochen hat, fragt sie ungläubig: „Ich bin schwanger? Aber das muss ein Irrtum sein!“

Sie hört den Arzt lachen: „Nein, ganz sicher nicht! Sie sind in der sechsten

Schwangerschaftswoche. Sagen Sie bloß, Sie haben es nicht gewusst!“

„Nein! Ich..., entschuldigen Sie bitte, aber ich bin etwas durcheinander!“ Der Arzt beruhigt sie mit aufmunternden Worten und ermahnt sie, die Vorsorgeuntersuchungen termingerecht durchführen zu lassen. Sie ist froh, als er das Gespräch rasch beendet und lässt sich auf das Sofa sinken. Ich bin schwanger, denkt sie ungläubig und in ihrer Brust ringen Freude mit Verzweiflung, Unglauben mit dem bereits in ihr aufkeimenden Stolz einer werdenden Mutter! Mein Gott, wie hatte das passieren können? Es war Steves Kind! Es war das Kind des Mannes, den sie zurückgewiesen hatte, den sie verdrängt und verloren hatte. Sie bekam ein Kind und es war nicht das Kind des Mannes mit dem sie versuchen wollte, wieder in Gemeinschaft zu leben. Was sollte sie tun? Es Charly sagen? Er war soweit gegangen, ihm zu verzeihen, ihn aufzunehmen, in die Arme zu schließen. Konnte sie jetzt vor ihn hintreten und ihm an den Kopf werfen: „Ich trage da Kind eines anderen in mir!?“

Sollte sie dieses Kind überhaupt zur Welt bringen? Rasch verwirft sie diesen Gedanken. In ihr war Leben und egal wer es in sie gepflanzt hatte, es hatte ein recht auf Existenz und sie sollte solche Überlegungen gar nicht erst anstellen! Was sprach dagegen, das Kind auszutragen? Es würde höchstens dazu beitragen, sie stärker zu machen und der Welt zu trotzen. Es war ihre Pflicht, Steve davon Mitteilung zu machen, aber war es das wirklich? Würde es ihn nicht nur unglücklich machen, zu wissen, dass sie sein Kind trug und ein anderer es als das seine betrachten würde. Nein, das brachte niemandem etwas! Weder ihr, noch Steve  oder Charly und dem Kind noch weniger. Bei Leyla war das nicht das gleiche gewesen. Damals hatte sie gewusst, dass sie nie ein Leben gemeinsam mit Smaïn führen würde, die Situation war so anders und doch so ähnlich.....

 

Die immer wieder auftretenden Übelkeitsanfälle trägt sie mit Fassung und dem Bewusstsein ihrer Ursache. Sie würde einige Wochen warten, Charly brauchte es erst zu erfahren, wenn es sich nicht mehr verheimlichen ließ. Bis dahin hatte er Zeit, an ihrer und Leylas Seite seine Aufrichtigkeit unter Beweis zu stellen. Sie empfand keine Schuldgefühle, Charly ein Kind unterzuschieben, das nicht das seine war. Er wünschte sich nichts sehnlicher. Es war nun einmal passiert und sie würde alles tun, um die beste Lösung für jeden einzelnen von ihnen zu finden. Ägypten hatte ihr zwei Kinder beschert! Die Götter trieben ihr Spiel mit ihr!

 

Manchmal schläft sie mit Charly, ohne dass sie es wirklich will. Doch es ist ihr auch nicht unangenehm und sie entspannt sich in seinen Armen und denkt, dass die alte Leidenschaft eines Tages zurückkommen würde. Es brauchte Zeit, die alten Wunden heilen zu lassen. Sie denkt an Steve, zieht andauernd Vergleiche zwischen ihm und Charly. Sie schalt sich selbst ihrer Zwiespältigkeit wegen und konzentriert sich auf das Kind, das in ihr wächst und das Mädchen, das mit seinen vier Jahren Leben in das alte Schloss gebracht hatte.

Leyla schafft das bronzene Reiterabzeichen und Charly veranstaltet eine kleine Feier für sie. Anja fleht Frédéric an, doch ebenfalls kurz vorbeizukommen und schließlich lässt er sich erweichen. Sie will nach Steve fragen, doch unterlässt es. Sie hat Angst vor der Antwort.

Als ihr Vater mit Carla eintrifft, geht der Baron mit seinem charmantesten Lächeln auf beide zu und streckt ihnen jovial die Hand entgegen. Anja hält die Luft an und endlich ergreift Frédéric die ihm dargebotene Rechte um sie gleich wieder freizugeben. Sein Gesicht verrät keinerlei Regung. Er wendet sich rasch seiner Enkelin zu, die ihm den kleinen Hund, Charlys Geburtstagsgeschenk, in die Arme legt. Er reicht das kleine Tierchen an Carla weiter, und hebt seine Enkelin auf den Arm: „Mein Gott, bist du schwer geworden! Vier Jahre und schon eine Medaille! Ich gratuliere dir, mein Schatz!“

Die Kleine plappert lustig drauflos, und er stellt erschüttert fest, das jeder zweite Satz mit „Charly“ beginnt. Die Kleine war toll nach Charly. Wie ihre Mutter, denkt der Mann verbittert und wirft dieser einen Blick zu. Gut sah sie aus, das musste er zugeben. War sie glücklich? Hatte der Baron sich wirklich so zu seinem Vorteil verändert? Irgendwo witterte er wieder Unheil und es würde dann über sie hereinbrechen, wenn sie alle es am wenigsten erwarteten.

Anja kommt auf ihn zu, in der Hand ein Glas Sekt. Charly trinkt perlendes Mineralwasser und verabsäumt nicht, dies allen kund zu tun.

Die junge Frau reicht ihrem Vater das Glas. So beiläufig wie möglich fragt sie, während sie belanglos in die Runde blickt: „Und Steve? Wie geht es ihm?“

„Keine Ahnung!“ entgegnet der Unternehmer und beobachtet gespannt ihre Reaktion. Verwundert wendet sie ihr Gesicht ihm zu: „Wieso? Ist er nicht in Wien?“

„Nein“, entgegnet Frédéric knapp. „Er hat vor zwei Wochen gekündigt und ist irgendwo nach Asien abgereist, ich glaube Japan, oder war es Korea? Na, egal, in den Fernen Osten jedenfalls !“

Fassungslos sieht Anja ihren Vater an: „Aber das ist doch nicht möglich! Wieso so plötzlich?“

 „Er war fertig mit seiner Arbeit hier! Er hat alles installiert, was es zu installieren gab, hat die Leute ausgebildet, eingeschult und jetzt rufen ihn neue Herausforderungen, wie du siehst!“ Er trinkt aus seinem Glas und nimmt mit Genugtuung wahr, wie seine Tochter mit den aufsteigenden Tränen ringt. „Heißt das, dass er nie wieder zurückkommt?“ Sie versucht das Zittern ihrer Stimme zu unterdrücken.

„Das ist wohl anzunehmen! Was sollte er hier?“ seufzt der Firmenboss. „Was hätte er hier noch zu erwarten gehabt?“ Sein Blick ist nicht ohne Anklage und sie wendet sich ab und entgegnet leise: „Und du hast ihn einfach so gehen lassen!“

„Was sollte ich tun? Ich habe natürlich versucht, ihn hier zu behalten, aber er war mein Angestellter, nicht mein Sklave und es war seine Entscheidung zu gehen. Er fehlt mir, das gebe ich zu, aber den Willen eines Mannes kann man nicht beeinflussen. Er sagte mir, er wüsste genau, was er täte!“

„Hat er keine Nachricht für mich hinterlassen?“

„Nicht dass ich wüsste! Aber du kannst bei Carla ja nachfragen, vielleicht weiß sie mehr, die beiden haben sich gut verstanden und Carla hat ihn bemuttert wie einen Sohn!“ Er lächelt in Erinnerung an die besondere Behandlung, die seine Frau dem jungen Briten hat angedeihen lassen.

Anja nickt und gesellt sich zu Carla, die den weißen Winzling lachend an Leyla zurückgibt, während sie ihr Hundegeküsstes Gesicht mit einer Serviette trocken tupft.

„Steve ist weg!“ stößt Anja zwischen den Zähnen hervor.

Carla nickt ernst und sieht sie offen an: „Was hast du erwartet? Dass er im Schatten deines Mannes wartet, bis es dich hier und da nach ihm gelüstet?“ Die grausamen Worte ihrer Stiefmutter treiben ihr die Tränen in die Augen und sie läuft aus dem Saal, in der Hoffnung, dass ihr eiliger Abgang unbemerkt geblieben ist. Im Foyer des Schlosses lässt sie sich auf einen der Besuchersessel fallen und schluckt krampfhaft an ihren Tränen. Carla war ihr gefolgt und bleibt hinter ihr stehen. „Tut mir leid! So war es nicht gemeint!“ versucht sie einzurenken, doch ihr trockener Tonfall straft sie Lügen.

 „Doch, du hast ja Recht!“ flüstert Anja heiser. „Es ist alles meine Schuld!“

„Man kann eben nicht gegen seine Gefühle ankämpfen, Anja! Du nicht und Steve konnte es ebenfalls nicht! Du hast dich für Charly entschieden und er hat es nicht ertragen, in unserer Nähe zu bleiben! Was blieb ihm anderes übrig? Sollte er dich glückstrahlend an der Seite seines Rivalen in den Tag leben sehen!? Steve ist kein Mann von großen Worten, aber soviel weiß ich, er hat dich wirklich geliebt, mehr als du erahnen kannst!“

Die versteckte Anklage in den Worten der Italienerin war nicht zu überhören. Hatte sie von deren Seite Trost und Verständnis erwartet, so wurde sie jetzt enttäuscht. Auch sie schien jede Achtung vor Charly, den sie einmal sehr gern gemocht hatte, verloren zu haben.

Sie fühlt sich plötzlich leer und ausgehöhlt und die Welt, die sie wieder in Ordnung glaubte, beginnt zu wanken, das glückliche Gesicht ihres Mannes verzerrt sich zu einer höhnischen Maske und Smaïns warnendes Gesicht taucht vor ihr auf,  der ihr zuruft: „Jalla!“ Das wollte er ihr sagen! „Schnell, entscheide dich, Anja, bevor es zu spät ist!“

„Ich bekomme sein Kind!“ stößt sie gepresst hervor.

Carla lässt sich auf den Stuhl daneben fallen.

„Oh Gott!“ ächzt sie. „Das hätte ich mir denken können! Du machst keine halben Sachen, Kind! Wenn du Probleme schaffst, dann schon mit allem Drum und Dran! Mit Pauken und Trompeten! Ich brauche wohl nicht zu fragen, ob du es bekommen willst! Ich sehe dir die Antwort an! Na ja, egal! Und weiß es dein Mann?“

Sie schüttelt den Kopf und nimmt dankbar das Taschentuch, das Carla aus ihrem Ärmel zaubert. “Noch nicht“ bekennt sie, „aber ich werde es ihm sagen, aber nicht, dass es Steves Kind ist!“

„Aha“, stellt Carla trocken fest, „der Schlachtplan steht schon fest, wie ich sehe! Ein Kind für den Baron! Dann hat er ja erreicht, was er wollte, ob so oder so. Ich denke, wenn er wüsste, dass ein anderer seine Arbeit verrichtet hat, würde ihn das nicht einmal stören! Solange das Kind seinen Namen trägt...“

„Carla, wie kannst du so etwas sagen!“ stößt Anja gequält hervor. „Steve ist verschwunden und Charly will ein Kind! Was ist so schlecht, alles so zu arrangieren, damit niemand zu Schaden kommt? Es ist an mir, die Sache auszubügeln und ich tue es nach meiner Façon!“

Resigniert nickt Carla und ihre klugen Augen haften an Anjas Gesicht: „Ja, das ist ja das Schlimme! Du glaubst immer die Fehler anderer ausbügeln zu müssen! Ich glaube, du gleichst in dieser Hinsicht deiner Mutter. Immer nur für andere da sein, das eigene Glück in den Schatten zu stellen, bis hin zur Todesgefahr! Bist du es nicht leid, erst immer an andere zu denken und erst an dich zuletzt?“ Ihre Stimme klingt fast ein wenig zornig und erstaunt misst sie die Jüngere:  „Das tu ich doch! Ich denke an erster Linie an mich und das Kind! Wir werden ein zufriedenes, gutes Leben haben und niemand wird je erfahren, wer wirklich sein Vater ist, denn du wirst schweigen wie ein Grab!“

„Natürlich, das werde ich! Das weißt du! Aber ich bitte dich, überlege es dir nochmals, bevor du Charly sagst, dass du sein Kind in dir trägst! Überlege es dir zweimal, ob es wirklich die beste Lösung ist, ja?“

„Ja!“ gibt sie nach. „Aber Carla, es ist die beste Lösung für uns alle! Ich werde den wahren Vater dieses Kindes wahrscheinlich nie mehr wieder sehen und das Kleine wird ihn ebenfalls nie kennen lernen! Wozu also sollte ich ihn angeben?“ beeilt sich Anja zu versichern.

„Wie du meinst!“ fügt Carla resigniert mehr zu sich selbst hinzu als zu Anja und sie blickt auf die schmalen Schultern der jungen Frau, die für ihre dreiundzwanzig Jahre, die sie erst zählte, schon so viele menschliche Prüfungen und Stürme der verschiedenartigsten Gefühle, die das Leben ihr auferlegte und tief greifende Entscheidungen  hat auf sich nehmen müssen!

 

*******

 

„Es ist eine einmalige Chance für mich, für uns!“ betont Charly ein zweites Mal, während er mit eiligen Schritten im Raum auf und ab geht.

„Stell dir das vor! An mich persönlich haben sie sich gewandt! Ich soll ihren Champion trainieren und ihnen beim Aufbau der Zucht helfen! Anja, ich werde zwar ein paar Monate weg sein, aber es wird einfach traumhaft! Ich mache mir einen Namen in den Staaten! Und ich verdiene mein eigenes Geld und liege dir nicht länger auf der Tasche! Du solltest dich freuen und nicht so ein Gesicht machen!“

„Ich denke nicht an mich, sondern an Leyla!“ erwidert Anja ruhig und verschränkt die Hände im Rücken, während sie aus dem Fenster auf den verschneiten Schlosspark blickt.

„Das tu ich auch! Glaub mir! Aber ihr könnt mich ja jederzeit besuchen in Kalifornien! Es dauert höchstens ein Jahr, dann bin ich zurück und ein gemachter Mann! Leyla wird es schon verkraften, keine Sorge! Kinder vergessen schnell!“

‘Was weißt du’? Denkt Anja bitter. ‚Kinder vergessen nie’! Die Männer, die am Rande ihres jungen Lebens standen, hat sie alle verloren. Erst den Vater, dann Charly, und Steve und kaum hat sie Charly wieder gefunden, verliert sie ihn wieder. Hätte er sich nur nicht so um das Kind bemüht. Es war verrückt nach ihm und seiner Zuwendung. Sie würde die Leere, die seine Abreise in ihr hinterlassen würde, allein ausfüllen müssen, aber wie?

Sie ist von ihren eigenen Gefühlen ein wenig überrascht. Sein Plan, in die Vereinigten Staaten zu reisen und dort das Angebot eines Pferdezüchters anzunehmen, die besten davon zu trainieren und sich um die Zucht zu kümmern, hat bei ihr fast Erleichterung hervorgerufen! Sie brauchte ihm nichts von dem Kind zu erzählen. Sie würde es bekommen, ohne, dass er etwas davon wusste und hatte Zeit, sich ihre Entscheidung aufzuheben. Er würde ihr nicht fehlen und diese Erkenntnis verwunderte sie selbst am meisten. Das Schicksal hatte ihr eine Frist gewährt.

 

Sie würden ihn besuchen, vielleicht! Und Leyla, nun Leyla würde getröstet werden mit der Ankunft eines kleinen Brüderchens, denn soviel wusste sie bereits, dass es ein Junge sein würde, wie die letzte Echographie-Untersuchung ergeben hatte.

Sie befand sich bereits am Ende des dritten Monats und bald konnte sie ihren Zustand nicht mehr verbergen. Sie würde ihn dann vor sich hertragen, stolz und glücklich und Leyla würde ihre kleine Hand auf ihren Bauch legen und die Bewegungen ihres Geschwisterchens spüren können....

 

Während der Winter seinen Lauf nimmt und die Landschaft abermals in ein großes, weißes Bild aus  Helligkeit und Licht verwandelt, und schließlich der Frühling Einzug hält, die Bäume austreiben und zartes Grün unter der schmelzenden Schneedecke sichtbar wird, ist Anjas Zustand offensichtlich. Sie erzählt Leyla, was mit ihr geschieht und dass sie bald zu dritt sein würden. Leyla ist erst fassungslos und dann überdreht vor Freude. Sie beginnt kleine Geschenke für das Baby vorzubereiten, mustert ihre Stofftiere aus und packt das eine oder andere in buntes Seidenpapier. In einem großen Karton stapelt sie die dem Baby zugedachten Geschenke und Anja verfolgt ihre Emsigkeit mit Rührung. Im Februar wollte sie mit Leyla nach Kalifornien fliegen, doch Charly hat erst verlegen, dann entschieden abgewehrt. Es liefe alles noch sehr problematisch und er würde es vorziehen, wenn man noch ein paar Monate warten könnte, bis er sich richtig etabliert hätte. Anja war es auch recht, obwohl sie eine gewisse Enttäuschung empfand, und auch Misstrauen. Ja, da war es wieder, das nur allzu bekannte Gefühl, das an ihr nagte. Er sehnte sich nicht nach seiner Familie, gut, dann brauchte er auch nicht zu wissen, dass sie bald zu viert waren.

 

Die Reaktion ihres Vaters war gemischt: einerseits machte ihn die Vorstellung, Großvater eines Jungen zu werden, stolz, andererseits, die Tatsache, dass der Baron nun doch an sein Ziel gelangt war, nämlich einen legalen Nachkommen, der erbberechtigt war, zu bekommen, bereitete ihm auch Groll. Er gab die Hoffnung nicht auf, dass der Baron vielleicht für immer verschollen blieb! Aber es war sein Enkelkind, sein Enkelsohn, ein männlicher Nachkomme, der sich vielleicht einmal für da großväterliche Erbe interessieren könnte! Die Hoffnung war schließlich da!

Carla hütete das Geheimnis um die wahre Vaterschaft des Jungen, wie versprochen und Anja fand in ihr, wie schon so oft, die Vertraute, auf die man zählen konnte, egal was passierte. Von Steve kam keine Nachricht, der Brite blieb verschollen und niemand kannte seinen genauen Aufenthaltsort.

 

Sechstes Kapitel – Die Botschaft aus Nirgendwo

 

Der Säugling räkelt sich in den weißen, bestickten Laken seines Bettchens und dreht den kleinen, wohlgeformten Kopf in die Richtung, aus der er den Klang der vertrauten Stimme vernimmt:

„Ist mein kleiner Mann schon aufgewacht?“ Anja beugt sich über das Kind und streichelt die blonden, feinen Haare des Köpfchens. Die winzigen Finger des Jungen klammern sich um ihren dargebotenen Zeigefinger.

„Und kräftig bist du, allerhand!“ lacht die junge Mutter amüsiert. Sie schiebt die zarten, wallenden Vorhänge zur Seite und lässt die Strahlen der Nachmittagssonne ins Zimmer. Als das Baby mit ein paar demonstrativen Krächzern seinen Hunger kundtut, nimmt Anja den Jungen aus dem Bettchen und setzt sich mit dem Kind in den bequemen Lehnsessel am Fenster.

Sie öffnet ihre Bluse und lässt es trinken. Mit gierigen, schmatzenden Zügen schluckt das Kind ihre Milch und Anja blickt in die blauen, noch nicht wirklich sehenden Augen. Es ist fraglich, ob sie diese Farbe von Vergissmeinnicht beibehalten werden. Babyaugen veränderten ja meistens ihre Farbe in den ersten Wochen. Vielleicht kann es schon Umrisse wahrnehmen, doch um die weichen, lächelnden Züge seiner Mutter wirklich genau erkennen zu können, werden noch einige Tage vergehen. Genau fünf Tage ist der Junge alt, ein gesundes Kind hat sie nach einer raschen, komplikationslosen Geburt geboren und war erst gestern aus der Klinik zurück aufs Schloss gekommen. Etwas müde fühlte sie sich noch, ein bisschen überfordert. Um Leyla nicht zu benachteiligen, hat sie ein junges Mädchen aus dem Dorf engagiert, das ihr zur Hand geht und ihr diese ersten Wochen bei der Kinderbetreuung zur Seite steht. Wenn sie sich erst einmal organisiert hatte, dann kam sie auch unschwer allein zurecht.

Das etwas füllige, schüchterne Mädchen besuchte in Wien eine Landwirtschaftsschule und war während der Ferien auf den elterlichen Hof zurückgekehrt. Anita war froh darüber, sich ein bisschen Geld nebenbei verdienen zu können und Anja war nicht kleinlich. Das Mädchen hatte in der Vergangenheit ihre vier Geschwister betreut und kannte sich mit Kindern aus. Sie blieb für gewöhnlich bis zum späten Nachmittag und fuhr mit dem Rad nach hause, nachdem Anja den Jungen gebadet hatte. Sie hat das Mädchen schon vor der Entbindung engagiert, umsichtig darauf bedacht, nicht nach ihrer Rückkehr ins Schloss in einen zeitmäßigen Engpass zu gelangen. Carla hatte ihr angeboten, ein Weilchen ins Schloss zu ziehen, doch Anja hatte abgelehnt. Sie sah sie lieber an der Seite ihres Vaters, so wusste sie ihn in guten Händen.

 

Während sie dem Schmatzen des trinkenden Kindes lauscht, wandert ihr Blick aus dem Fenster und verliert sich in den grünen Wipfeln des nahen Waldes, der die Schlossanlage umgibt. Sie hatte in letzter Zeit sehr viel an Steve gedacht und sich immer wieder die Frage gestellt, wo er wohl sein mochte. Konnte es wirklich sein, dass er sich nie mehr melden würde oder sich nach ihr erkundigen wollte? Sie hielt sein Kind im Arm. Sollte das wirklich alles sein, was sie je noch an ihn erinnern würde? Sie seufzt und legt das ungeduldig zappelnde Kind an die andere Brust, wo es begierig nach dem prallen Fleisch seiner Mutter tastet. Sie sieht Leyla in der Wiese vor dem Haus spielen. „Fido“, ihr Hund, läuft ungeduldig neben ihr an der kurzen, roten Leine und das Mädchen, Anita, trägt den kleinen Rucksack, wahrscheinlich mit den Badesachen. Sicher wollten sie zum Schwimmteich. Der Juli hat sich von Beginn an als ein besonders heißer Monat bestätigt, und die kommenden Wochen versprachen einen strahlenden Sommer. Anja sieht den beiden nach, bis sie ihrem Blickfeld entschwinden. Charly hatte seit dem Frühjahr zweimal angerufen. Ihn selbst konnte man telefonisch nie erreichen und sie ließ einige Male kurze Nachrichten auf seiner Mailbox, nicht weil die Sehnsucht nach ihm sie plagte, sondern der Form halber. Sie hätte zu gerne gewusst, wie es um ihrer beiden Beziehung nun von Charlys Sicht aus stand! Er antwortete nicht, möglicherweise hörte er die Nachrichten nicht einmal ab! Und sie ertappt sich dabei, zu wünschen, dass er nicht mehr wiederkäme...

Wenn sie an ihn dachte, dann war es ihr, als dachte sie an einen Fremden. Karl-Robert von Falkenberg-Heroldstein ging seiner Wege. Er hatte sie, seine Frau und sein Schloss, das ihm schon lange nicht mehr gehörte, hier als Quartier und sozusagen als Absteige in der Heimat zurückgelassen und frönte seinem Leben, so, wie er es sich immer vorgestellt hatte. Doch Charly war klug. Nach seiner gelungenen Entziehungskur hatte sie ihm vergeben, wenn ihr auch bald schon bewusst wurde, dass das Feuer für ihn für immer in ihr erloschen war. Etwas war in ihr zerbrochen und hinterließ eine Leere, schal und dumpf. Er war nicht mehr glaubwürdig genug und alles was sie noch empfand, war eine Spur von Mitleid und Gleichmut. Die wenigen Male, die sie sich ihm hingegeben hatte, waren nicht mehr geprägt von der alten Leidenschaft und er hatte dies sicherlich gespürt, den es lag ihr fern, ihm etwas vorzumachen. Doch Gefühle ließen sich nicht erzwingen und deshalb war sie auch nicht überrascht und noch weniger betrübt gewesen, als er beschloss, für längere Zeit in die Staaten zu gehen.

Nein! Sie empfand sogar eine gewisse Erleichterung, Abstand zu ihm zu gewinnen. Leyla war natürlich sehr traurig darüber. Charly hatte ihr Herz zurück gewonnen, er spornte sie zum Reiten an und war großzügig mit Geschenken und der Zeit, die er ihr widmete. Doch oft hatte Anja auch hier das Gefühl gehabt, als wolle er ihr mit seinen Bemühungen um Leyla nur beweisen, welch guten Vater er abgeben konnte. Trotzdem Charly immer ein guter Schauspieler gewesen war, spürte ihr sechster Sinn die falsche Echtheit seiner Begeisterung heraus. Ihr war klar, eines Tages kam er zurück und vielleicht wollte er dann bleiben und sie, sie müsste sich dann im Klaren darüber sein, ob sie ein Leben an der Seite eines Mannes fortsetzen wollte, der ihr nicht mehr das Geringste bedeutete. Vielleicht konnte man ja vernünftig mit ihm reden und er sah ein, dass es besser wäre, wenn jeder seiner eigenen Wege ginge. Doch sie wollte sich nicht jetzt schon mit diesen Gedanken belasten, die Zeit würde auch diesmal Lösungen für sie bereithalten, die richtigen, so hoffte sie.

 

Verwundert begibt sich Anja ins Verwaltungsbüro. Der Jurist ihres Mannes, Dr. Weigert, von dem sie seit über einem Jahr nichts mehr gehört hatte, wünschte sie zu sprechen. Die Sekretärin ihres Verwalters kündigte ihr seinen Besuch an und sie zog es vor, den Mann, der ihre eigenen Interessen stets in den Hintergrund gestellt hatte, und nur auf das Wohl seines Freundes bedacht gewesen war, im Büro zu empfangen und nicht in den Privaträumen des Schlosses. Sie hatte nichts mit dem Mann zu tun und nichts von ihm zu erwarten. Der Anwalt springt vom Stuhl auf, als sie die Tür öffnet und ins Besprechungszimmer tritt.

„Anja! Ich freue mich aufrichtig, Sie wieder zu sehen!“

„Und was verschafft mir das Vergnügen?“ entgegnet sie kühl ohne sich zu setzen.

„Ich wollte mich einfach nur nach ihrem Befinden erkundigen!“

„Und in wessen Auftrag?“

Der Anwalt versucht einen fragenden Blick aufzusetzen: „Auftrag? Niemand hat mich beauftragt! Aber da ich weiß, wie lang sie schon allein sind, wollte ich nur wissen, wie sie so zu Recht kommen!“

„Ausgezeichnet, wie Sie sehen!“ Ruhig erwidert sie den Blick seiner forschenden Augen. „Welch rührendes Interesse!“

Er überhört ihre spöttische Bemerkung. „Das freut mich zu hören! Haben Sie Neuigkeiten von Karl-Robert?“

„Es geht ihm gut, soviel ich weiß! Aber warum fragen Sie mich? Sie wissen sicher mehr als ich!“ erwidert sie sarkastisch.

„Nein, nein! Wir telefonieren nur sehr selten. Er ist mehr als beschäftigt in Amerika! Man erreicht ihn so gut wie nie!“

„Wem sagen Sie das! Nun entschuldigen Sie mich bitte, ich habe zu tun!“ Sie will sich abwenden und den Raum verlassen. Sie hatten einander nichts zu sagen.

„Ach, Baronin, ich will natürlich nicht verabsäumen, Ihnen zu gratulieren!“

Eine dunkle Ahnung steigt in Anja hoch: „Gratulieren?“

„Ja natürlich! Das Dorf hat ja nur ein Gesprächsthema! Zur Geburt Ihres Sohnes!“

„Danke! Und nun leben Sie wohl, Dr. Weigert!“

Sie hat bereits die Tür erreicht, als er ihr noch schadenfroh zu ruft: „Weiß der Baron von dem freudigen Ereignis? Er muss ja außer sich vor Freude sein!“

Doch sie hat die Tür bereits hinter sich zugezogen und will das Büro verlassen, als die Sekretärin sie zurückhält. „Frau von Falkenberg! Ich habe ein Email erhalten und kann damit nichts anfangen! Vielleicht wollen Sie kurz nachsehen, ob es für Sie Sinn ergibt! Vielleicht ist es auch nur versteckte Werbung. Es ist jedoch an Sie persönlich gerichtet!“

Widerstrebend folgt ihr Anja. Weigerts Besuch musste sie erst verdauen. Impertinenter Mensch! Sie begibt sich zum Schreibtisch, auf dem die Computeranlage aufgebaut ist. Steves Werk! Die Verwaltung des Gutes und der Ländereien ist ein Kinderspiel geworden, dank seiner Hilfe.

Der Bildschirm zeigt verschiedene Zahlen und Tabellen an.

„Einen Moment, bitte, ich such es rasch!“ Die Sekretärin tippt auf der Tastatur der Anlage, Zahlen und Angaben laufen durch und verändern sich. Als sie gefunden hat, was sie sucht, druckt sie es aus und überreicht Anja das Blatt Papier. Außer einigen unverständlichen Zahlen und Wörtern steht nur ein Satz darunter: „Unsere Freundschaft bedeutet mir zuviel, als dass ich sie leichtfertig aufs Spiel setzen will!“

Anja greift sich an die Kehle. Steve! Das konnte nur von Steve kommen. Mit bebender Stimme und so ruhig wie möglich fragt sie: „Gibt es keinen Absender?“

Die Sekretärin verneint: „Es ist unter einem Pseudonym herein gekommen!“

„Und wie lautet dieses?“

„Bristol!“ erwidert die junge Angestellte. „Wie das Hotel Bristol in Wien!“

„Oder die Stadt Bristol in England!“ murmelt Anja. Sie bedankt sich und begibt sich in die Wohnung, wo das Mädchen Anita gemeinsam mit Leyla Plätzchen bäckt. Ihr Junge, ihr kleiner David, schläft tief und fest mit zusammengeballten Fäusten in seinem Bettchen. Sie studiert die Nachricht ein zweites Mal, doch auch sie kann den Absender nicht herausfinden. Es wurde von einem Internet-Café in Wollte er nicht, dass sie wusste, wo er sich aufhielt? Was befürchtete er, wenn sie seinen Aufenthaltsort wusste? Dass sie ihn erneut hinhalten könnte? Dass sie ihm eine Abfuhr erteilte? Warum dann dieses Lebenszeichen? Kam er ebenso wenig von ihr los, wie sie selbst von ihm? Sie konnte nur hoffen, dass es noch weitere davon geben würde. Sie beauftragt die Sekretärin des Büros, ihr sofort alle ähnlichen, weiteren Nachrichten zukommen zu lassen.

 

Sie wartet ungeduldig täglich auf weitere Nachrichten, doch Steve lässt sie zappeln und warten. Sollte dies eine Art Rache sein, dafür, dass auch sie ihn hat warten lassen, immer noch warten lässt?

Sie telefoniert erneut mit ihrem Vater, Frédéric. Wenn jemand etwas über Steve in Erfahrung bringen konnte, dann er. Er hatte dem Briten sehr nahe gestanden, ungewöhnlich nahe. Anja weiß, er hätte ihn gerne an der Stelle des Barons gesehen, an ihrer Seite. Doch Frédéric bedauert, nichts in Erfahrung gebracht zu haben. Sie erzählt ihm nicht von der Nachricht, die sie erhalten hat. Vielleicht hat sich ja jemand einen Scherz erlaubt! Doch sie weiß, dass dies unmöglich war, niemand war Zeuge gewesen, als er ihr diesen einen Satz in Ägypten zugemurmelt hat, kurz bevor er sie liebte, weil sie es so gewollt hat.

‘Armer Papa’, denkt Anja. Er glaubt, sein Enkelsohn sei der Sohn des Barons. Vielleicht sollte sie ihn einweihen und er würde dann Himmel und Hölle in Bewegung setzen um Steve zu finden. Je mehr sie an Steve dachte um so mehr wird dieser Vorsatz ihr Leben in eine andere Bahn zu lenken.

Frédéric lässt Anja wissen, dass er mit Carla eine längere Italienreise plane und sie bald schon für einige Wochen verreisen würden. Anja ist froh, dass ihr Vater nun doch endlich an sich selbst dachte und sie sagt es ihm auch.

„Ja, du hattest recht!“ bestätigt er. „Die Zeit läuft uns davon! Wir werden wahrscheinlich auch endlich Carlas Verwandtschaft besuchen! Sie ist ja über den gesamten italienischen Stiefel verteilt!“ Er lacht und Anja hört die frohe Erwartung aus seiner Stimme, wirklich abschalten zu können.

„Ich bin entbehrlich geworden!“ fährt er fort. „Ich habe erkannt, dass sogar ich nicht unersetzbar bin! Wahrscheinlich werde ich eine Aktiengesellschaft aus der Firma machen! Ich hatte es schon mit Steve besprochen. Den Großanteil behält die Familie, aber die Sorgen und Arbeit überlasse ich dann den anderen. Ich habe meinen Teil erfüllt!“

Anja lacht befreit auf: „Du hast also meinen Rat endlich befolgt, Papa! Denn für mich bist du sehr wohl unersetzlich! Es ist wirklich nicht zu früh! Das macht mich sehr froh, eine bessere Neuigkeit könnte es kaum für mich geben!“

„Für mich auch nicht, Anja! Und was Carla davon hält, das kannst du dir sicher vorstellen! Ich habe genug getan! Ich will mich die guten Jahre meines Lebens um meine kleine Frau kümmern, mehr nicht. Wir wollen reisen und einfach gut leben, ohne Hast und Termine, die eingehalten werden müssen!“

„Werdet ihr in Wien bleiben?“ will sie wissen.

Frédéric zögert. „Es gefällt uns hier recht gut, mitten im Herzen Europas. Aber wir sind ja ungebunden und haben noch viel vor! Ägypten wir zum Teil unser Wohnort, wie damals. Aber auch im Elsass wollen wir uns ein Weilchen aufhalten! Wer weiß, vielleicht sogar später für immer! Weißt du, Anja, seine Wurzeln kann man nicht verleugnen! Irgendwann ruft sie, die Heimaterde, auch wenn es oft Jahrzehnte dauert!“

Diese Erleichterung über Frédérics Entschluss, seinem Leben eine neue Wende zu geben, beschwingt Anja. Wenn David erst einmal aus dem zartesten Alter heraus war, dann würde sie mit ihren Kindern ebenfalls verreisen, die Welt kennen lernen, vielleicht Steve suchen. Sie beendet ihr Gespräch mit Frédéric und lässt ihre Gedanken in die Ferne schweifen. Steve... Wo er nur stecken mag...

 

Doch noch bevor sie diesen Gedanken in die Tat umsetzen kann, erreicht sie Charlys Anruf, der überraschend ankündigt, er käme zurück und löse seinen Arbeitsvertrag in den Staaten. Seine Stimme klingt geradeso, als sei er erst vor kurzem verreist und nicht bereits seit fast zehn Monaten aus ihrem Leben verschwunden! Er wolle sich um seinen Sohn kümmern, betont er. Dr. Weigert hat also keine Minute versäumt und ganze Arbeit geleistet! Es folgen ein paar schwache Vorwürfe, warum sie ihn nicht über dieses wichtige Ereignis in seinem Leben informiert  hatte und sie findet sich nur schwer mit der Tatsache ab, dass ihr Sohn David einen Vater bekam, den sie ihm nicht zugedacht hatte.

 

Leyla ist glücklich. Der braungebrannte, gut aussehende Mann ist ihr Held und er ist zurück! Sie würden wieder miteinander ausreiten und sie wäre aufs Neue seine Prinzessin. Auch Anita, das Landmädchen, betrachtet Charly mit offenem Mund. Er muss ihr vorkommen, wie einer jener amerikanischen Schauspieler, strahlend und unwiderstehlich, denkt Anja und lacht heimlich amüsiert. Dass Charly seine Fassade hegte und pflegte, das wusste sie am Besten.

Ihre etwas kühle und gleichgültige Begrüßung fällt ihm entweder nicht auf oder sie berührt ihn kein bisschen. Er sieht nur den Jungen, der ihn aus großen Augen betrachtet. Sie sind so blau wie der Himmel an einem Tag im Mai. Heller als Anjas Augen, viel heller.  

„Von wem er wohl den blonden Schopf hat?“ witzelt Charly und hält das Kind fest im Arm. „Es muss schon einige Generationen zurückliegen, ich glaube, meine Großmutter väterlicherseits hatte blondes Haar!“ überlegt er. ‘Von der hat er es sicher nicht’, denkt Anja und ringt sich ein Lächeln ab. Am Liebsten hätte sie David diesem Mann aus dem Arm genommen. Ein Gefühl von Sorge und Unbehaglichkeit beschleicht sie.

„Falkenberg hat einen Nachkommen!“ meint er stolz und betrachtet den Jungen, der ihm vertrauensvoll zulächelt. „Er hat mein Lachen!“ stellt er fest und Anja denkt sarkastisch: ‚Wenn es dich glücklich macht! Von mir hat er demnach gar nichts!’

Dass sie es war, die ihm den vermeintlichen Sohn geschenkt hat, daran denkt er nicht oder sieht es als völlig normal an. Sie hat ihre Pflicht getan, weiter nichts! Er war der Erzeuger, und er hielt das Kind in Händen, das ihm seine Sorgen um die materielle Bequemlichkeit abnahm.

 

In den folgenden Wochen ändert sich das Wesen des Barons sichtlich und Anja vermutet, dass er auch heimlich wieder trinkt. Sie geben sich wortkarg miteinander, und hatte Leyla auf die Gesellschaft ihres Stiefvaters gehofft, wurde sie nun einmal mehr enttäuscht. Der Baron hatte täglich andere Ausreden. Einmal wollte er sich wieder eingehend um die Zucht kümmern, dann hatte er Termine einzuhalten und blieb tagelang außer Haus. Wenn er sich im Schloss befand, dann nur, um nach dem Jungen zu sehen, dem er aber sonst weiter auch nicht viel Aufmerksamkeit schenkte. „Wenn er erst größer ist, dann werde ich mich um ihn kümmern“, versichert er Anja, die ihn um nichts gebeten hatte. Im Gegenteil, sie atmet auf, wenn seine Geschäftlichkeiten den unberechenbaren Mann dem Schloss fern hielten. Die spärliche, freie Zeit, die ihr bei den Kindern blieb, vertieft sie sich in ihre Bilder. So findet sie Ruhe und Entspannung, wenn auch ihr Gedanken immer wieder zu Steve eilen, auf dessen Nachricht sie wartet, ungeduldig und hoffend.

Sie wollte ihn endlich wissen lassen, dass ihre Entscheidung immer nur ihm gegolten hatte und sie einfach zu schwach war, um sich Charlys Einfluss zu entziehen. Sie hoffte, dass er dies als Entschuldigung gelten ließ. Sie hatte ihm einen Sohn geschenkt, es war ihr Beweis für das was sie für ihn empfand. Die Vaterschaft nachzuweisen, war ein Leichtes!

Der Zwischenfall, der sich kurze Zeit später ereignet, sollte der Beginn eines Abstieges in eine schier ausweglose Dunkelheit für Anja und ihre Kinder werden. Denn zu einem klärenden Gespräch sollte es erst gar nicht mehr kommen!

 

Als das verstörte Mädchen, Anita, aus dem Haus stürmt, ist Anja nicht im Schloss. Sie hatte einen Einkaufsbummel mit Leyla geplant und war nach Wien gefahren. David überließ sie der Obhut Anitas. David trank zwischendurch auch schon Fläschchen und sie war dadurch nicht mehr an fixe Zeiten gebunden, und ein wenig freier, etwas zu unternehmen. Sie sieht nicht, dass Anita verstört und fluchtartig das Schloss verlässt und mit hochroten Wangen hastig ihr Rad besteigt, um ins Dorf zu fahren. Sie ist nur verwundert, dass sie das junge Mädchen nicht mehr bei ihrer Rückkehr antrifft. Charly ist in den Stallungen beschäftigt und sie ist sehr verärgert, den kleinen David weinend und völlig durchnässt in seinem Bettchen vorzufinden. Sie würde der Person einiges erzählen, nimmt sie sich vor. Das Kind einfach allein zu lassen!

Erst als Anita am nächsten Morgen nicht erscheint, macht sie sich Gedanken über deren Gesundheit und telefoniert mit der Mutter des Mädchens. Die einfache Landfrau ist verlegen und kann nicht ausdrücken, was sie bewegt. Anita würde jedenfalls nicht mehr kommen. Frau Baronin möge es verzeihen, aber es wäre unmöglich. Die respektvolle Hochachtung vor den Adeligen ist nach wie vor am Lande besonders ausgeprägt, und Anja kann keine Einzelheiten in Erfahrung bringen. Hat sie das Mädchen überlastet? War es krank?

Sie beschließt, zum Hof der Familie zu fahren und selbst mit Anita zu reden. Doch diese will erst nicht aus dem Zimmer kommen und Anja lehnt dankend den Kaffee, den ihr Anitas Mutter anbietet, ab.

 

 

„Sie ist halt noch ein halbes Kind!“ meint die Frau wie entschuldigend.

„Hat sie sich beschwert über uns?“ will Anja wissen.

„Nein, nein, Frau Baronin, nein! Sie waren immer so gut zu der Kleinen. Sie war sehr gern auf dem Schloss, bis...“ Verlegen wischt sich die Frau die Hände an der geblümten Schürze ab.

„Bis wann?“ Anja sucht ahnungslos nach einer Erklärung für Anitas Fortbleiben.

„Na ja, der Herr Baron, er ist halt ein bisschen .... Wie soll ich sagen... ein bisschen zu ...!“

„Zudringlich?“ vervollständigt Anja den Satz und ist keinesfalls verwundert darüber. Irgendwo hat sie es geahnt. Es konnte nur zwischen Charly und dem Mädchen etwas vorgefallen sein, was die Kleine erschreckt hatte. Sie kannte seine Vorliebe für blutjunge Mädchen....

„Mein Gott!“ beschwörend hebt die Frau die Hände. „Anita ist halt noch unerfahren und ängstlich!“

„Hören Sie endlich auf, sich andauernd zu entschuldigen!“ braust Anja auf und es tut ihr leid. Milder gestimmt bittet sie: „Lassen Sie mich mit ihrer Tochter reden, ganz kurz nur!“

Zögernd weist die Frau auf eine Tür am Ende des Korridors und Anja klopft und tritt ein. Anita ist verlegen, ebenso wie ihre Mutter, doch sie entschuldigt sich wenigstens nicht dafür, dass ihr die anmaßenden Zugriffe des Barons unangenehm waren.

„Er hat keine Gelegenheit ausgelassen“, erzählt sie stockend, ohne Anja dabei anzusehen. „Kaum war ich mit ihm allein, begrapschte er mich und sagte mir obszöne Sachen ins Ohr. Ich hab‘ mich nicht getraut, mich zur Wehr zu setzen! Als Sie gestern Nachmittag fort gefahren waren, und der Kleine geschlafen hat, da war er plötzlich wieder in der Wohnung und hat mich ziemlich hart gepackt“, sie deutete auf die Male an ihren Handgelenken. „Er wollte mich ins Schlafzimmer zerren!“ Anja schluckt und ermuntert das Mädchen weiter zu erzählen.

„Ich dachte erst, er mache Spaß. Doch, er hatte so glänzende, kalte Augen und ich hab‘ Angst bekommen! Ich hab ihn noch nie so gesehen, den Herrn Baron! Ich habe mich gewehrt, aber er ist ja viel stärker und ich wollte nicht schreien und David aufwecken. Dann schob er mir den Rock hoch und begann an meiner Wäsche herum zu fummeln. Ich habe mich gewehrt, wie ich konnte. Er wurde immer wütender und gab mir schließlich eine Ohrfeige.“ Das junge Ding schluckt und ist sichtlich sehr betroffen, scheint sich zu schämen, wofür es nichts konnte. „Er meinte, eine wie ich müsste froh sein, dass sich Seinesgleichen überhaupt mit einem Trampel wie mir abgebe! Dann sagte er, ich solle zu heulen aufhören und mich zum Teufel scheren und nie wieder im Schloss auftauchen!“

Mühsam unterdrückt Anja das Zittern ihrer Hände. Sie legt eine Hand auf Anitas Schulter. „Ich verstehe dich ja! Ich kann nur sagen, der Baron war lange Zeit krank und ich fürchte, dass er wieder einen Rückfall erlitten hat! Aber das entschuldigt nicht sein Benehmen! Ich werde deiner Mutter einen Scheck für dich geben, als Entschädigung dafür, dass du nicht mehr im Schloss arbeiten willst oder kannst. Aber ich will dich auch nicht beeinflussen! Wenn du es der Polizei melden willst, dann tu es!“

Wild verneinend schüttelt Anita den Kopf: „Das tu ich niemals! Die glauben mir eh nicht und außerdem sind sie mir viel zu sehr ans Herz gewachsen. Ich will nicht, dass Sie Unannehmlichkeiten durch mich bekommen! Es tut mit alles so leid, Frau Baronin!“

„Und mir erst!“ versichert Anja tonlos und kramt in ihrer Tasche nach dem Scheckbuch. Bevor Charlys Abstieg in die Hölle an Tempo zunahm und ihre und vor allem die Sicherheit der Kinder gefährdete, würde sie endgültig ihre Entscheidung treffen, ein für allemal! Er würde, ja konnte sich nicht ändern und sie war so müde, andauernd nach einer Entschuldigung für seine Ausrutscher zu suchen. Sie war jung und die Ideale und Werte, die sie dem Leben abverlangte, erstickten nach und nach in der Dekadenz von Charlys Lebensauffassung. Sie hatte es satt und wollte nur einfach in Ruhe mit ihren Kindern leben.

 

Das war es, worauf Anja die ganze Zeit über unbewusst gewartet hatte. Endlich zeigte er wieder sein wahres Gesicht und sie hatte ihre wertvolle Zeit an ihn vergeudet. Es bestärkte sie in dem Vorsatz, Charly endgültig vor die Tatsachen zu stellen, dass er nicht mehr zu ihrem Leben und das ihrer Kinder gehörte.

Die Sekretärin der Schlossverwaltung ist eben beim Weggehen, als Anja zurückkehrt. „Ach, Frau von Falkenberg! Ich habe Sie schon gesucht! Eine neue Nachricht für Sie!“

Ein bedeutsamer Blick der Frau lässt Anjas Herz bis zum Hals klopfen, als sie das Blatt Papier in ihren Händen hält und die Zeilen überfliegt. Neben den unverständlichen Zeichen und Ziffern, steht ein neuer Satz, eine Frage: „Ich liebe dich, hast du dich endlich entschieden“? Sie drückt das Papier gegen ihre heiße Wange. Nun würde sie die Kraft finden, einen dicken Strich unter Charlys Rechnung zu ziehen und dann würde sie warten! Warten, dass Steve sich wieder meldete und ihr verriet, wo er zu finden war!

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