Wenn sie sich ein wenig beeilte, dann konnte sie noch vor der Abenddämmerung zurück in der Stadt sein. Die Wasserproben hatte sie fein säuberlich in ihrem Spezialkorb verstaut. Im Labor würde sie sie dann analysieren und auswerten. Sie kratzt ein wenig von dem Algenpelz der Steine ab. Die See war etwas angestiegen in den letzten Stunden. Über ihrem Kopf kreischen die schwebenden Möwen, die sich vom Aufwind tragen lassen und nach einem geeigneten Schlafplatz suchen. Eine große Anzahl hat sich nahe des Strandes auf der glatten Wasseroberfläche niedergelassen und sie scheinen darauf zu warten, dass auch die letzten ihrer Art den Weg zu diesem Sammelplatz fanden, bevor der Schwarm aufsteigen würde und sie sich zwischen den Felsen und Klippen verteilten, um dort die Nacht zu verbringen. Es war täglich das gleiche Schauspiel und faszinierte sie trotzdem immer wieder auf dieselbe erhebende Art. Ein Heer von weißen Pünktchen mit gelben Schnäbeln, die untereinander schnatterten und schrille Laute von sich gaben. Die klugen Knopfaugen sehen in ihre Richtung, doch heute hat sie nichts dabei, was sie dem Federvieh zum Fraß vorwerfen konnte. Oft genug nahm sie Reste aus der Fleischerei ihres Wohnviertels mit. Dort wussten sie von ihrem Job als Meeresbiologin und auch, dass sie immer gerne ein paar Brocken für die Gesellen des Meeres mit hinaus nahm, wenn sie wöchentlich ein bis zwei Mal in den frühen Morgenstunden den Strand absuchte und über die Klippen kletterte, auf der Suche nach neuen Forschungsobjekten.

Sie war an diesem Morgen spät dran gewesen und so warteten die Vögel umsonst auf die Leckerbissen. Der Tag neigt sich dem Ende zu, und sie hofft, man würde es ihr verzeihen und bereut, dass sie so nachlässig gewesen war.

Sie formt ihre Hände zu einem Trichter vor ihrem Mund und ruft aufs Meer hinaus:

„Tut mir leid, Freunde! Ich komme dafür am Wochenende extra für Euch vorbei! Dann gibt’s die doppelte Ration!“

Ein viel kehliges Geschnatter ist die Antwort und sie muss unwillkürlich grinsen. Eindeutig steht für sie fest, dass diese Vogelgattung weitaus klüger ist, als die meisten Leute annahmen.

Ihr Fuß rutscht auf dem glitschigen Felsen ab und landet im knöcheltiefen Wasser.

„Shit!“ entfährt es ihr, während ihre Sportschuhe sich mit Wasser voll saugen. Sie lässt sich auf einem der Steine nieder und zieht ihre Schuhe und Socken aus. Im Fond ihres alten Kombis mussten irgendwo ein Paar ausgelatschte Sandalen liegen,

die würden für die Rückfahrt schon reichen.

Ihre Zehen spielen mit dem gelben Sand, krallen sich darin fest und sie genießt das kühle Fußbad, während sie die Augen schließt. Richtig wohl fühlte sie sich nur hier an der Küste. Wenn da nicht ihr Job gewesen wäre, könnte sie stundenlang so sitzen und dem Rauschen und Plätschern der Wellen lauschen. Sie sollte in Erwägung ziehen, ein wenig näher zum Strand umzusiedeln. Dann hätte sie es hierher nicht allzu weit und auch nicht ins Institut für Meeresbiologie von Melbourne. Je mehr sie darüber nachdenkt, umso konkreter nimmt der Wunsch Formen an und wird zum fixen Projekt für sie. Gleich morgen wollte sie die Immobilienagenturen durchforsten und sich nach einem geeigneten Zuhause in Strandnähe erkundigen.

Sie schnuppert in den Wind. Es riecht verbrannt. Öl oder Gummi. Nicht Tang, nicht Seeluft. Jedenfalls ist der Geruch zwar nicht sehr ausgeprägt, aber äußerst unangenehm. Er erinnert sie an Umweltverschmutzung und Industriedreck.

‚Sie werden doch keine Autoreifen abgefackelt haben’, überlegt sie wütend. Es kam schon vor, dass man sich, meistens nachts, von diesem Unrat auf völlig illegale Weise befreien wollte. Manche schreckten eben vor nichts zurück. Und in ihrer Überlegung endete das Leben der Erde mit dem eigenen, so nach dem Motto: „Hinter mir die Sintflut!“ Der Westwind musste den Gestank bis über die Klippen getragen haben.

Vor ihren Augen versinkt die Sonne theatralisch in einem Schauspiel von Gold und Rot.  Rot wie das Wasser, das ihre Zehen umspült... Wie???? Sie starrt auf das hellrote Meereswasser und zwinkert mit den Augen, um das Trugbild zu verscheuchen. Doch es bleibt. Rosiges Meereswasser. Ein verletztes, verendendes Tier wahrscheinlich! Es musste zwischen den Klippen stecken, wohin es sich wahrscheinlich verirrt hatte und dabei war zu sterben. Sie betete, dass es kein Delphin war oder gar ein kleiner Wal. Sie vergisst ihre nassen Schuhe, krempelt die Jeans hoch und klettert vorsichtig über die scharfen Kanten der Felsen, während ihre Augen der Blutspur folgen. Als sie das Opfer erblickt, prallt sie erschrocken zurück und muss an sich halten, um nicht leise aufzuschreien. Vor ihr liegt ein Mann. Der Kopf und ein Arm sind zwischen zwei Felsbrocken eingeklemmt und seine Finger hatten sich kraftlos um die scharfen Kanten des einen gekrallt. Seine Hände sind bandagiert und hindurch sickerndes Blut hat die schmutzigen Bandagen rostrot und braun verfärbt. Er scheint so gut wie bewusstlos, vielleicht tot zu sein. Das leichte Flattern seiner Augenlider überzeugt sie jedoch vom Konträren. Sie klettert die paar Schritte zum Strand hinunter, weil der Mann im dunklen Anzug mit dem Kopf schon fast unter Wasser liegt. Ein bisschen höher die Flut und er würde ertrinken. Aus seinem weißen Hemd und dem Smoking wird Blut in dünnen Fäden gespült, das sich mit dem Salzwasser vermischt und diesen rosigen Aspekt um die Felsen ringsum spült.

„Verdammt!“ flucht sie verhalten und erreicht den Verletzten, der in diesem Moment, als sie sich vor ihm ins Wasser kniet, die Augen aufschlägt. Sie scheinen von der gleichen Farbe des Meeres zu sein, von einem grünblauen Ton, den sie nie zuvor gesehen hatte. Er versucht zu sprechen, doch außer einem schmerzerfüllten Ächzen dringt kein Ton über seine Lippen.

„Nicht sprechen, Mister!“ fordert sie ihn auf und bettet seinen Kopf auf ihre Knie. „Bleiben Sie ganz ruhig!“ Ihre geschulten Augen gleiten über seine kräftige Gestalt und ihre Rechte öffnet die Jacke seines Anzugs.

„Shit!“ entkommt es ihr, als sie die eindeutige Schussverletzung erkennt, die unschön sein weißes Hemd ziert. Ein Schuss in der Mitte seines Brustkorbes, der eigentlich hätte tödlich sein müssen. Doch der Mann lebte und es war keine Zeit zu verlieren, wenn das so bleiben sollte.

„Ich muss zurück zum Wagen! Ich bin in zwei Minuten wieder hier! Sie müssen durchhalten, Mister!“

Er schließt erneut die Augen, öffnet sie unter größter Anstrengung und versucht zu sprechen, doch auch diesmal will es ihm nicht gelingen. „Ich verspreche es“, versichert sie hastig. „Ich will nur Hilfe anfordern!“

Sie hat ihre Windbluse ausgezogen und zusammengerollt, um seinen Kopf darauf zu betten. Schon ist sie verschwunden und klettert die Felsen hoch, ohne dabei auf ihre nackten Füße zu achten. Sie spürt nicht, wie ihre empfindliche Haut an den scharfen Felskanten aufreißt. Ein Mensch schwebt in Lebensgefahr und sie musste ihn retten. Nichts sonst zählt mehr! Fieberhaft schnappt sie sich ihr Handy! Sie hätte das verdammte Ding an ihrem Gürtel befestigen sollen! Wertvolle Minuten verlor sie durch ihre Unachtsamkeit! Ihre zitternden Finger wählen den Notruf und sie fordert einen Rettungshubschrauber an, mit dem Hinweis, dass es sich um Leben und Tod handelte. Sie versucht sich soweit zu konzentrieren, um die ungefähre Position, in der sie sich befanden, angeben zu können. Sie beschreibt ihren roten Kombi der unübersehbar auf dem Plateau oberhalb des Strandes thronte. Danach kramt sie in ihren Sachen, findet ein sauberes T-Shirt und nimmt den Verbandkasten an sich, um mit den gefundenen Gegenständen und mit ihren Sandalen ausgerüstet, hinunter an den Strand zu klettern.

Über ihrem Kopf hat sich das Heer der Möwen in die Lüfte erhoben, doch sie nimmt das einmalige Naturschauspiel heute nicht wahr. Ihre Augen suchen nach der bewegungslosen Gestalt am Strand. Als sie den Mann erreicht, fürchtet sie zuerst, dass sie zu spät kommt, doch er öffnet die Augen und seine Lippen zucken ein wenig. Als sie neben ihn kniet und das gefaltete T-Shirt auf seine Wunde presst, stellt sie fest, dass diese kaum mehr blutet. Die Kugel musste tief in der Brust des Angeschossenen sitzen. Er musste sofort operiert werden, sonst gab es keine Rettung für ihn. Sie schreckt davor zurück, ihn weiter zu manipulieren und versucht nur durch beruhigende Worte ihn vor einer Ohnmacht zu bewahren, die fatal hätte sein können.

„Hilfe kommt gleich! In ein paar Minuten wird man sich um Sie kümmern! Es ist fast überstanden!“ Wie leicht ihr die Lüge über die Lippen kam. Sie spricht fast mechanisch auf ihn ein, während ihr hilfloser Blick über den dämmrigen Himmel gleitet, nach einem Zeichen des nahenden Helikopters suchend.

 Als sie das erlösende Geräusch seiner Motoren hört, atmet sie erleichtert auf. Schon ist der Flugköper über ihr und sie springt auf, um mit den Armen zu winken. Das kurze Verweilen des Hubschraubers bestätigt ihr, dass man sie entdeckt hatte und die Landung an einem geeigneten Platz folgen würde. Keine zwei Minuten später sieht sie die drei Männer über die Felsen springen.

Nach einem kurzen Gruß kann sie den Verletzten getrost den erfahrenen Händen der Notärzte überlassen und war zurück getreten, um nicht ihre Tätigkeit zu beeinträchtigen. Sie beobachtet, wie man ihm Sauerstoff gibt, eine Infusion anlegt und die ersten, notdürftigen Untersuchungen in Blitzesschnelle durchführt.

„Kommen Sie und packen Sie mit an, Mam!“ wird sie heran gewunken. Sie hilft, den Kranken auf die Bahre zu hieven. „Werden Sie es schaffen, ihn mit hoch zu heben? Es ist nicht weit, aber steil. Wir können ihn nicht einfach mit dem Seil in den Hubschrauber ziehen, er würde das nicht überstehen!“

Sie nickt und packt die Trage am rechten unteren Teil an, um ihren menschlichen Fund zum wartenden Helikopter zu befördern. Sie bricht sich beinahe ein Bein dabei und ist froh, ihre Sandalen übergestreift zu haben.

Als man den Mann ins Innere verfrachtet hat, will sie wissen, wohin man ihn brachte. „Ins Royal Melbourne Hospital“, lässt man sie wissen. „Sie sollten sich dort einfinden, um den Papierkram zu erledigen, Mam!“ Sie nickt und kann erst aufatmen, als sich der Metallvogel mit den Männern in die Lüfte erhebt und die Positionslichter blinkend abdrehen.

Sie sammelt ihr Zeug zusammen und wirft es achtlos in den Fond des Wagens, bevor sie sich hinters Steuer klemmt. Also zurück nach Melbourne. Aber nicht ins traute Heim oder Labor, sondern ins Hospital. Es versprach eine lange Nacht zu werden...

 

Als sie dem Stau auf der Stadtautobahn endlich entkommt, sind gute zwei Stunden vergangen. Sie parkt ihren alten, aber immer noch tauglichen Wagen ein, und hastet in die Aufnahmehalle des Hospitals. Eine Schlange von Menschen befindet sich vor dem Schalter der Aufnahme und sie reiht sich wohl oder übel ein, nicht erbaut über die erneut verlorene Zeit. Sie versucht mit einem plumpen Trick etwas Zeit zu gewinnen. „Man wartet auf mich“, versucht sie mit treuherzigem Blick aus ihren großen braunen Augen, die Hostess von der Dringlichkeit ihrer Sache zu überzeugen. Unwilliges Gemurmel macht sich unter den Wartenden breit.

„Sehen Sie die Leute da?“ fragt die Angestellte ungerührt. „Auf alle wartet irgendjemand. Entweder hier oder anderswo! Und alle haben es ebenso eilig wie Sie, Lady! Da kann man nichts anderes tun als zu warten!“

Sie ist wütend. Schließlich kam sie aus freiwilligen Stücken her. Niemand konnte sie zwingen, zu warten! Sie hatte einem Unbekannten möglicherweise das Leben gerettet, oder vielleicht hatte der Ärmste es nicht einmal geschafft und lag bereits im Kühlraum des Spitalkellers mit einem Nummernschild am großen Zeh. Sie schüttelt sich unwillkürlich und ruft sich das apathische Gesicht des verletzten Mannes ins Gedächtnis zurück. Seine müden, aber ausdrucksvollen Augen, und die vergeblichen Versuche, ihr etwas mitzuteilen. Ein Mann im Smoking am helllichten Tag angeschossen am Strand. Das sah verdammt nach Problemen aus. Abrechnung unter „Freunden“ oder noch Schlimmeres! Sie war von Natur aus nicht besonders neugierig, sah man erst einmal von der natürlichen, ja angebrachten Neugier im wissenschaftlichen Bereich ab. Also sind es andere Beweggründe, die sie dazu veranlassen, brav zurück in die Warteschlange zu traben und ein Stossgebet um rasches Vorwärtskommen zum Himmel zu schicken.

Es hatte so ausgesehen, als wollte ihr der Mann, als sie ihn fand, etwas mitteilen. Was immer es auch war, er brauchte ihre Hilfe, soviel hatte sie als Mensch und als Frau gespürt. Und ganz gewiss war es keine Einbildung gewesen.

Ihr Magen knurrt und ihre Füße schmerzen. Als sie sie in den unförmigen Sandalen betrachtet, ist sie nicht weiter darüber verwundert. Sie bemerkt ein paar Schnitte und Abschürfungen. Sie will erst gar nicht nachsehen, wie die Sohlen ihrer geplagten Gehwerkzeuge aussahen. Unerwartetherweise geht es dann doch rascher als sie befürchtet hatte und als sie erleichtert am Tresen des Schalters lehnt und die Frau sie mit immer noch unbeweglicher Miene abwartend betrachtet, sprudelt es aus ihr heraus: „Ein Verletzter wurde vor über zwei Stunden hier eingeliefert. Ich denke, er hatte keine Papiere bei sich. Ich war es, die ihn gefunden hat. Ich bin hier, um die Papiere für ihn zu erledigen, doch der Mann ist mir gänzlich unbekannt!“

„Ah, Sie sind das“, lautet die abschätzende Antwort. „Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Die Polizei wartet schon auf sie! Gehen Sie den Gang hinunter, Lift, 2. Stock, Büro des Chefarztes.“

Sie schluckt die patzige Antwort, die sich ihr aufdrängt, hinunter und versucht ein grimmiges Lächeln. Wortlos eilt sie den Gang entlang und begibt sich zum Lift. Die Polizei! So etwas Ähnliches hatte sie befürchtet. Die hatten keine Zeit verloren! Jetzt erst recht wollte sie wissen, worum es hier ging. War er ein Verbrecher? Ein Mörder? Ein Mafiaboss? Ach, Blödsinn! Ihre Fantasie ging wieder einmal mit ihr durch. Aber sie hatte ein Recht darauf, mehr zu erfahren. Angesichts ihrer zerschundenen Füße war der Preis dafür gering, ein paar Infos über den Mann und seine Herkunft übermittelt zu bekommen. Unwillkürlich beginnt sie zu humpeln. Als sie die blinkenden Lämpchen über den Operationssälen bemerkt, nimmt sie an, dass in einem dieser Räume der Unbekannte immer noch unter dem Messer der Chirurgen lag und um sein Leben kämpfte. Sie verhält den Schritt, lauscht. Es ist totenstill, nur das Klappern ihrer Sandalen ertönt leise, als sie ihren Weg fortsetzt. Sie klopft kurz an besagtes Büro und wartet keine Aufforderung einzutreten ab, sondern öffnet ungeduldig die Tür, um gleich darauf zwei Beamten gegenüber zu stehen, die sich als solche ausweisen. Der größere, ältere heftet seinen geschulten Blick auf ihre Gestalt. Eine junge Frau, Ende der Zwanzig, vielleicht auch älter, mit aufgekrempelten Jeans und einem übergedehnten Pullover, der auch schon bessere Zeiten gesehen haben musste. Ihre schmutzigen, nackten Füße sahen ziemlich angegriffen aus und steckten in ausgelatschten Sandalen. Wirres, langes Haar, das sich teilweise gelöst hatte, umrahmte blond das ovale Gesicht mit den großen Augen, die ihr Gesicht beherrschen. Die Haut gebräunt, die Hände zart, aber ohne besondere Maniküre, kein Nagellack, keine zugefeilten Nägel. Eine ansprechend hübsche Erscheinung, die jedoch nicht viel auf Äußerlichkeiten zu geben schien. Eine Art Naturschönheit eben. Er räuspert sich und deutet auf einen Besucherstuhl.

„Wir haben auf Sie gewartet, Miss...?“

„Winkler“, antwortet sie spontan. „Betty Winkler!“

„Ah“, ein lang gezogener Ausruf der Überraschung folgt ihren Worten. „Deutsche?“

„Der Abstammung nach, ja!“

Der Polizist nickt und fixiert sie aufmerksam. „Na, dann erzählen Sie uns bitte kurz, wie, wann und wo genau sie den Kerl gefunden haben!“ Die Aufforderung ignorierend reckt sie ihr Kinn in die Höhe und mustert den selbstsicheren Mann, der vor ihr steht und auf sie nieder blickt, als wäre sie seine Gefangene. „Wer ist es? Ich meine, ich habe jemandem das Leben gerettet...“ Der Beamte rollt die Augen. „Er lebt doch noch, oder“, wagt sie zaghaft zu fragen. Der Angesprochene nickt bedächtig. „Wir haben ihn seit Stunden für tot gehalten. Wir dachten er wäre in einem Wagen verbrannt, aber irgendwie hat der Bursche es geschafft heraus zu kriechen, ohne dass wir das bemerkt hätten. Und das mit dieser Schussverletzung!“

„...die er Ihnen zu verdanken hat, nehme ich an!“ spöttelt sie. Warum sie plötzliche Aggressivität gegen die Beamten empfindet, kann sie nicht erklären, aber es ist so. Angesichts eines sterbenden, hilflosen Menschen, egal, was er auch getan haben mochte, konnte sie einfach nicht anders reagieren.

Zu ihrer Überraschung schüttelt der große, hagere Mann den Kopf. „Nein, Miss. Das ist eine lange Geschichte. Wir sind nur mehr zufällig dazu gekommen, als die Sache so gut wie abgeschlossen war. Wir haben das Fluchtauto zwar eine Weile lang verfolgt, aber die Insassen waren schon angeschossen und, ...hm, wir konnten nichts mehr für sie tun. Beim Versuch, den Wagen zu stoppen, hat er sich am Strand überschlagen und fing Feuer.“

„Er war nicht allein?“ Nun war ihre Neugier doch geweckt. Doch warum sollte die Polizei ihr diese „lange Geschichte“ erzählen?

„War er nicht“, lautet die knappe Antwort. „Er hatte eine Komplizin bei sich, und beide wurden von deren Ehemann verfolgt und zur Strecke gebracht.“

„Haben Sie den Kerl wenigstens gefasst?“

„Seine Frau hat ihn erschossen! Wir haben seine Leiche aus einem Kühlwagen entfernt. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, wir wissen kaum etwas über die beiden, werden es aber herausfinden. Sie haben gemeinsam mehrere Banken überfallen.“ Sein Blick beobachtet ihre Reaktion.

„Eine Art Bonnie und Clyde, made in Australia!“ versucht der jüngere, mit dem dunklen Haar, zu witzeln. Ein strafender Blick seines Vorgesetzten, wie ein verachtender ihrerseits, ist der Lohn für den rabenschwarzen Humor des Mannes.

„Also“, knüpft der Inspektor an sein Gespräch von vorhin an. „Kennen Sie den Mann?“

Sie schüttelt den Kopf. „Natürlich nicht! Ich habe ihn ganz zufällig entdeckt, als ich Wasserproben fürs Institut abfüllte. Ich bin Meeresbiologin! Ich bin auf sein Blut gestoßen, das sich ins Wasser gemischt hatte, und dann lag er plötzlich vor mir! Ich habe Hilfe angefordert, und das war’s auch schon.“

Der Jüngere machte sich Notizen auf einem Miniblock. „Hat er mit Ihnen gesprochen?“

Erneut schüttelt sie den Kopf. „Nein. Aber er hat es versucht, doch sein Zustand war wohl so schwach, dass er keine Kraft dazu fand! Können Sie mir sagen, ob er durchkommen wird? Es ist ein Wunder, dass die Kugel ihn nicht komplett durchbohrt hat!“

Das Gesicht des Polizisten verzieht sich zu einer Grimasse. „Hat sie doch. Und das war sein Glück, denn dort, wo sie sich hätte festsetzen können, käme man wohl kaum dazu, sie herauszuholen. Trotzdem ist es ein Wunder, dass er noch lebt. Sollte er jemals wieder sprechen können, wird er uns einige Fragen zu beantworten haben. Wenn Sie jetzt noch ihre Daten angeben würden, damit wir sie aufschreiben können, sollten wir eventuell mit Ihnen ein anderes Mal sprechen müssen, können Sie dann gehen, Miss!“ Er dreht ihr den Rücken zu, sie ist entlassen. Steifbeinig erhebt sie sich und dreht sich an der Tür nochmals zu den Männern um. „Wissen Sie wenigstens seinen Namen, oder ist der streng geheim?“ Der Polizist übergeht ihren Spott und sieht sie teilnahmslos an. „Keineswegs, morgen sind die Zeitungen sicher voll davon. Er heißt O’Brien. Colin O’Brien.“

„Ah, ja...“. Sie nickt dankend und verschwindet aus dem Raum. Warum es ihr schwer fällt, den riesenhaften Komplex der Spitalsanlage zu verlassen, kann sie sich nicht richtig erklären. Wahrscheinlich hätte sie gern den Ausgang seines chirurgischen Eingriffs erfahren. Und eigentlich ging sie das nichts an. Ebenso, wie es eigentlich ganz unwahrscheinlich war, dass gerade ihr ein solches Ding passierte. Ihr, die außer ihrem Plankton, den mikroskopischen Entdeckungen im Reichtum des Ozeans und ihrer kleinen heilen Welt, die sich zwischen ihren bescheidenen vier Wänden und dem Biologieinstitut, für das das sie tätig war, abspielte, nichts weiter kannte, weil es sie nicht interessierte. Und plötzlich war sie mitten in einem Drama, und befand sich unmittelbar auf der Bühne mit den Schauspielern einer irrealen Geschichte, die sich um Liebe, Rache und Tod drehte.

Sie atmet die Nachtluft, die sie draußen empfängt ein, macht kehrt und betritt erneut die Wartehalle des Spitals. Sie wollte ein wenig warten. Vielleicht konnte man ihr bald mehr verraten. Unentschlossen lässt sie sich auf eine der gepolsterten Sitzbänke sinken und sieht gedankenverloren den Menschen zu, die kommen und gehen. Irgendwann schläft sie ein...

„Das hier ist kein Schlafplatz, Schätzchen!“ Die unsanfte, eindringliche Stimme des Mannes reißt sie aus dem traumlosen Schlaf. Der Sicherheitsbeamte sieht auf sie herunter. Schmutzig, unfrisiert und allein auf weiter Flur, hat sie sich wohl hier ein Plätzchen zum Pennen gesucht. Er konnte das nicht einreißen lassen. Es wurden täglich mehr, die mit irgendwelchen Ausreden ihr Lager im Wartezimmer der Administration aufschlagen wollten.

„So kalt ist es ja nicht mehr“, fügt er mit sanfterer Stimme hinzu. „Eine Parkbank tut es auch um diese Jahreszeit. Du musst von hier verschwinden. So lauten die Vorschriften!“

Als sie vollends wach ist, versucht sie einen Einwand, doch sein Blick ist auf ihre nackten, erbarmungswürdigen Füße gefallen. „Wenn Du Dir das hier verarzten lassen willst, dann bist Du hier auf der falschen Seite des Gebäudes gelandet! Die Notaufnahme befindet sich rückwärts. Hier ist nur die Besucherhalle.“

Dass man sie für eine Strotterin hält, lässt sie empört nach Luft schnappen. Aber sie kann sich recht gut vorstellen, welches Bild des Elends sie abgibt. Sie will sich auf keine Diskussion einlassen. So nickt sie ergeben und trollt sich in Richtung Waschanlagen davon. Sie fühlt den prüfenden Blick des Wächters in ihrem Rücken.

Als sie ihr Spiegelbild im großen Wandspiegel ausnehmen kann, muss sie sogar grinsen. Na toll! An jeder Straßenecke hätte man ihr mitleidig ein paar Dollars in den Schoss geworfen! Sie nimmt die restlich verbliebenen Haarnadeln aus dem aufgelösten Knoten und fährt sich mit den Fingern glättend durchs Haar, bevor sie ihr Gesicht energisch wäscht und trockenreibt. „Ach herrje!“ Sie erinnert sich an die Proben im Kühlbehälter ihres Wagens. Die mussten noch unbedingt ins Labor, sonst waren sie verloren. Ein Blick auf die große Wanduhr sagt ihr, dass es auf Mitternacht zuging. Sie konnte immer noch am Rückweg herein schauen und sich nach O’Briens Gesundheitszustand erkundigen.

Gesagt, getan. Sie macht sich rasch aus dem Staub und die verwunderten Blicke des Securitys folgen ihr, bis sie draußen ist und ihrem Wagen zustrebt.

Im Labor, zu dem sie einen eigenen Schlüssel besitzt, versorgt sie die Proben für die Auswertung am nächsten Morgen. Schließlich bleibt sie dort und befindet, dass es sich nicht auszahlte, jetzt noch nach hause zu fahren. Der kurze Schlaf hatte ihr gut getan und sie ist putzmunter, sodass sie, nachdem sie mit einem energischen Guss hochprozentigen Alkohols ihre Füße desinfiziert hat und dabei ihr Repertoire an schmerzerfüllten Grimassen durchspielte, sich danach ihren weißen Laborkittel schnappt und mit der Auswertung der Proben beginnt. Erst einmal in ihrem Element von Formeln und Zahlen, vergisst sie die Ereignisse der letzten Stunden und widmet sich konzentriert ihrer Arbeit. Als der Morgen graut, hat sie das meiste erledigt. Nach und nach wird es lebendig im Institut. Die Kollegen treffen der Reihe nach ein und auch die Praktikanten. Ihr Boss, Dr. Meyers, ist verwundert, sie so früh hier anzutreffen. Sie hatte das Privileg, immer als Letzte kommen zu können, weil sie auch die Letzte war, die für gewöhnlich diese heiligen Mauern spätabends verließ. Außer natürlich, sie trieb sich am Strand herum, für wissenschaftliche Zwecke natürlich, oder um einen angeschossenen Gangster aus dem Wasser zu fischen.

Sie gibt an, die nächsten paar Stunden ein paar wichtige Erledigungen tätigen zu müssen und verschwindet sang und klanglos. Sie fühlt sich gerädert. Na ja, Kunststück! Körper und Geist verlangten ihr Recht. Abgesehen von den paar Minuten während denen sie auf der Sitzbank im Hospital eingenickt war, konnte von wohl verdientem und konsumiertem Schlaf keine Rede gewesen sein. Dann sitzt sie im Frühverkehr fest. Ihre Finger trommeln ungeduldig aufs Lenkrad und sie sucht gedankenverloren nach einem Radiosender, der sie mit guter Musik zum Leben erwecken konnte.

„...und nun die Kurznachrichten“, ertönt es aus dem Lautsprecher. „Abrechnung einer Gangsterbraut. Dies ist keinesfalls der Titel eines neuen Films, der in unsere Kinos kommt, sondern trauriges Tatgeschehen. Wie es scheint hat in diesem Fall die Realität jede Fiktion bei Weitem übertroffen. Wie wir vom Pressesprecher der Polizei von Victoria erfahren haben, fand gestern Nachmittag ein wildes Duell bei Geelong, etwa zehn Kilometer von der Küste entfernt, statt. Der in mehreren Fällen des Bankraubes verdächtigte Colin O’Brien wurde mit seiner Komplizin von deren japanischen Ehemann, der während seiner Verfolgungsjagd mehrere Menschen getötet hatte, unter anderen auch den Vater O’Briens, ein Farmer aus Shepparton, durch tödliche Schussverletzungen zur Strecke gebracht. Das Pärchen wurde bei einem Singleball, den es besucht hatte, von dem rachsüchtigen Japaner überrascht. Die Ehefrau konnte den Angreifer jedoch mit zwei Schüssen erschießen, nachdem sie bereits angeschossen war und O’Brien tödlich getroffen am Boden lag. Irgendwie hat das Pärchen es anschließend dennoch geschafft, mit einem Wagen zu entkommen und schlug aus bisher unbekannten Gründen den Weg zur Küste ein, wo es von der Polizei nach einer wilden Verfolgungsjagd gestoppt werden konnte. Den Ermittlern ist es ein Rätsel, wie die sterbende Frau, die anscheinend die Lenkerin des Wagens war, den weiten Weg noch bis zum Strand geschafft hatte. Bei dem Versuch, die beiden zu stoppen, kam der Wagen, in dem die beiden Schwerverletzten saßen ins Schleudern und überschlug sich. Jede Hilfe kam zu spät, die Beamten konnten nur mehr hilflos mit ansehen, wie der Wagen samt seinen Insassen verbrannte. Wenn man den ersten Vermutungen Glauben schenken darf, war kurz vor der Explosion ein Schuss gefallen, und wie es schien, hat die sterbende Frau sich selbst gerichtet, um nicht bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Colin O’Brien muss zu diesem Zeitpunkt schon tot gewesen sein. ... Und nun zum Wetter.....“

 

Betty fühlt sich sonderbar berührt, als sie das Radio ausschaltet. Die Polizei hatte nichts verlauten lassen, dass dieser Colin noch lebte – wenn er jetzt überhaupt noch lebte - und sich irgendwie aus dem Wagen befreien hat können. Die einzige Erklärung war, dass man dadurch einen Ansturm von Reportern oder Sensationshaschern auf das Royal Hospital vermeiden wollte. Das erschien ihr logisch zu sein. Nun war ich auch klar, warum der sonderbare Fremde einen Smoking getragen hatte. Welch unglaubliche Geschichte! Sie hätte gerne die Einzelheiten gewusst, und auch, wer dieser O’Brien war. Als Mensch, als Krimineller, als Mann. Gemeingefährlich? Verrucht? Erbarmungslos? Oder einfach Opfer von unglücklichen Umständen. Anscheinend hatte ihn jemand geliebt. Also musste irgendetwas trotz aller schlimmen Bedenken an ihm dran sein, das ihn liebenswert machte, und menschlich...

Als sie endlich das Hospital erreicht, ist es schwierig um diese Tageszeit einen Parkplatz zu finden. Irgendwie schafft sie es, den riesigen Ford zwischen zwei Bäume zu klemmen und hat dadurch einige Mühe, sich durch den Spalt der Tür zu zwängen, der mehr als eng ist. Sie atmet auf, als am Schalter eine andere Person als gestern sitzt. Und es gibt auch keine Wartenden, da die Besuchszeit offiziell erst nachmittags beginnt. Also setzt Betty ein mehr oder weniger freundliches Lächeln auf und fragt nach der Zimmernummer O’Briens. Ein erstaunter, dann neugieriger Blick gleitet über ihre Züge und die ältere Frau hinter der Glasscheibe will wissen, ob sie eine Verwandte des Patienten sei. Sie zögert. „Nicht direkt“, antwortet sie. „Eine Bekannte“. Als sie an der Mimik der Angestellten erkennt, dass diese sich ein wenig Abwechslung von ihrem Besuch verspricht, fügt sie rasch hinzu: „Ich habe die Erlaubnis der Polizei, nach ihm sehen zu dürfen!“ Die Sensationslust in den Augen der Frau erlischt und sie gibt beflissen Auskunft: „Er befindet sich noch im Koma, soviel ich weiß. Am besten sie reden mit dem Beamten, der vor der Intensivstation postiert ist, oder sie wenden sich den Chirurgen, der ihn operiert hat, wenn Dr. Greenfield jetzt überhaupt frei ist!“ Betty nickt und bedankt sich knapp für die Auskunft, bevor sie den Pfeilen an der Wand folgt, die ihr anzeigen, wo die Intensivstation zu finden ist. Der junge Beamte, der gelangweilt vor einer der Türen sitzt und eher desinteressiert in einem Magazin blättert, sieht überrascht auf, als sie sich mutig vor ihm aufbaut.

„Ich bin Diejenige, die Mister O’Brien gestern gefunden hat“, erklärt sie lakonisch und rasch. „Ich wollte mich erkundigen, wie es ihm geht und eventuell einen Blick auf ihn werfen!“

„Wieso? Kannten Sie ihn denn?“ Typische Polizeifrage. Verdächtigungen und Spekulationen. Das Übliche. Sie versucht verärgert drein zu sehen. „Nein, aber immerhin habe ich dem Mann wahrscheinlich das Leben gerettet. Da ist es doch normal und logisch wenn man sich für sein Befinden interessiert! Er lebt doch noch, oder?“

„Ja“, lautet die skeptische Antwort. „Derzeit schon. Aber die Ärzte sind nicht sicher, ob er durch kommt. Angeblich haben sie fünf Stunden lang operiert. Sieht nicht gut aus für den Knaben! Wenn Sie sich jetzt noch ausweisen können, dann sprechen sie am Besten mit dem Doktor, der ist da drinnen.“ Er deutet mit dem Kinn auf das rote Lämpchen oberhalb der Tür. „Ja, und ich muss auch noch rückfragen, ob das dem Inspektor passt!“

„Natürlich“, antwortet sie, wenig davon überzeugt, und kramt nach ihrem Führerschein, um sich auszuweisen. Was glaubte der Bursche denn? Dass sie O’Brien zur Flucht verhelfen wollte? Sich ihn über die Schulter warf und mit dem Mann abhaute?“ Sie grinst ein wenig amüsiert bei dem Gedanken, was ihr einen verwunderten Blick des Polizisten einträgt. Er gibt ihr den Ausweis zurück und entfernt sich ein paar Schritte, um mit seinem Vorgesetzten zu telefonieren. Sie lehnt sich mit dem Rücken an die Wand und schließt die Augen. Warum sollte man ihr erlauben, den Mann zu sehen? Aber warum sollte man es ihr nicht erlauben? Als die Tür des Zimmers sich öffnet, gleichzeitig das rote Signal erlöscht und ein mittelgroßer Mann, Ende der Vierzig aus dem Raum tritt, wird sie aus ihren Gedanken geschreckt. „Dr. Greenfield?“ meint sie höflich und der Angesprochene, flankiert von zwei Pflegerinnen, nickt. Er scheint es eilig zu haben und macht Anstalten, weiter zu gehen.

„Entschuldigen Sie, Doktor! Ich will nur wissen, wie es dem Patienten geht! Ich bin Betty Winkler und habe den Mann gestern am Strand vor der Stadt gefunden! Wird er durchkommen?“

Aufmerksam geworden verhält der Arzt seinen Schritt und sieht sie über seine Brillenränder hinweg an. „Soviel Glück, wie dieser Patient gehabt hat, ist schon fast unheimlich! Der Mann verdankt Ihnen sein Leben, Miss! Ich denke schon, dass er durchkommt, wir haben ihn dementsprechend zusammen geflickt. Aber es wird eine Weile dauern, bis er wieder auf eigenen Beinen stehen kann! Hätte die Kugel ihn einen minimalen Zentimeter weiter oben getroffen, wäre er längst tot. Mehr als zwei Stunden überlebt kein Mensch eine solche Verletzung. Brustbein, Lunge, Herzkammern, da wäre nichts zu machen gewesen. Aber er hat die Kugel in den Magen bekommen, ganz oben. Sie ging glatt durch und hat keine lebenswichtigen Organe verletzt, vom Magen abgesehen. Natürlich hat er sehr viel Blut verloren, ist ziemlich geschwächt und muss furchtbare gelitten haben, bevor wir ihn unters Messer bekamen. Er schläft, wir haben das nötige getan, damit er nicht unter zu großen Schmerzen leidet. Also ansprechbar wird er in den nächsten Tagen keinesfalls sein!“ Als der Arzt sich mit einem grüssenden Nicken zum Gehen wendet, bittet sie ich hastig darum, einen Blick auf den Verletzten werfen zu dürfen. Der Arzt zögert kurz, weist aber dann die eine Schwester an, sie ein paar Sekunden lang eintreten zu lassen. Der Polizist telefoniert immer noch, was sie ausnützt, um der Frau ins Zimmer zu folgen.

Sie kann den Mann, der bis zur Mitte unter einem weißen Laken ruht, nur durch eine gläserne Trennwand sehen, der Bereich des Kranken ist strengsten Hygienebestimmungen unterworfen. Sein Brustkorb ist von dicken Bandagen umgeben, was die Breite seines Oberkörpers noch mehr betont. Sein Gesicht ist blass und er wirkt mehr als tot. Die kräftigen, sehnigen Arme liegen ruhig neben dem Körper und eine Vielzahl von Infusionsflaschen, deren Inhalt durch mehrere Plastikschläuche in seine Venen tropft, scheint ihm einen schmerzfreien Schlaf zu garantieren. Die elektronischen Überwachungsgeräte für Herz und Kreislauf zeigen einen normalen Verlauf an. Die hellen, schmerzerfüllten Augen hatten sich in ihre Erinnerung geprägt, nun sind sie geschlossen und seine dichte Wimpern schützen sie vor der Außenwelt, der Realität, die ihn schnell genug einholen würde. Sein Haar, gestern noch nass und strähnig, wirkte nun getrocknet, wellig und hellbraun, ebenso wie die sorgfältig modelliert und ausrasierten Koteletten, die seine Schläfen zieren und von starkem Bartwuchs zeugen.

„Wenn Sie jetzt gehen würden, Miss!“ Die energische, leise Stimme der Krankenschwester lässt keinen Protest zu. Außerdem was konnte sie schon anderes tun, als den regungslosen Mann anzustarren?

Also verlässt sie das Krankenzimmer und prallt mit dem Polizisten zusammen, der sich von ihr überrumpelt vorkommt. Er schaut sie sauer an. „Sie hätten auf mein grünes Licht warten sollen, Miss!“ Sein Gesichtsausdruck wird entspannter, als sie ihm ein bezauberndes Lächeln schenkt! „Ich danke Ihnen, Officer! Es waren doch nur ein paar Sekunden. Ihr Inspektor hat doch sicher nichts dagegen, wenn ich morgen wieder komme, oder?“ Der Angesprochene zuckt unwissend die Schultern.

„Auf jeden Fall hätte er noch einmal gerne mit Ihnen gesprochen. Er bittet Sie, in der Polizeizentrale vorbei zu schauen!“

„Mach ich sofort“, verspricht sie und denkt im Traum nicht daran, das zu tun. Als sie in den Lift entschwebt, hat sie nur mehr den einen Wunsch, sich ein paar Stunden in ihr Bett zu verkriechen und eine große Leere in ihre grauen Gehirnzellen zu schaffen. Nachmittags würde sie dann erneut das Institut aufsuchen, wenn sie sich halbwegs dafür fit fühlte. Am Kiosk, in der Halle, greift sie sich ein paar Tageszeitungen. Vielleicht erfuhr sie ja mehr über den geheimnisvollen Fremden, dessen Retter sie nun unwiderruflich war.

 In ihrer kleinen Wohnung angekommen, befreit sie ihre gequälten Füße von den Sandalen und schält sich aus den Klamotten, die besser in einem Sammelkasten für die dritte Welt aufgehoben wären. Sie kriecht unter die Dusche, flucht, weil das Wasser wieder nicht heiß genug wird und erinnert sich an ihr Vorhaben, diese miese Wohnung aufzugeben. Als sie eingerollt unter ihrer Decke liegt, und die weißen Wände sie gleichgültig anstarren, stellt der Schlaf sich nur zögernd ein. Eine anmutige, weiß geschminkte Japanerin in einem roten, bestickten Kimono gehüllt, verfolgt sie schließlich in den unruhigen Schlaf, aus dem sie durch lautes Klopfen an ihre Tür, wenige Stunden später unliebsam geweckt wird. Sie findet sich erst gar nicht zurecht, und langsam kehren die Erinnerungen der letzten Ereignisse in ihr Gedächtnis zurück. Sie stützt den Kopf mit dem zerzausten Haar in die Hände und lauscht dem Klopfen an der Tür. Welcher verdammte Idiot kam sie am helllichten Tag besuchen? Jeder, der sie kannte, wusste genau, dass sie normalerweise nicht zuhause war um diese Zeit.

„Wenn Sie da sind, Miss Winkler, öffnen Sie bitte! Ich habe noch ein paar Fragen an Sie!“ Die dumpfe Stimme des Inspektors veranlasst sie, eine unwillige Grimasse zu schneiden. „Der hat mir gerade noch gefehlt“, murmelt sie zu sich selbst und zieht ein langes T-Shirt über.

Als sie die Tür öffnet und den beiden Polizeibeamten gegenüber steht, hat sie wahrhaftig keine Lust, die beiden Männer in ihre Wohnung einzulassen, doch man lässt ihr ja keine Wahl.

„Ich hab’ auf sie gewartet“, lautet die vorwurfsvolle Begrüßung des Älteren, als sie den Weg in die Wohnung frei gibt. Sofort und gewohnheitsmäßig lassen beide Männer ihre Augen durch den Raum schweifen.

„Ich war todmüde“, antwortet sie, ohne sich schuldig zu fühlen. „Ich habe die Nacht durchgearbeitet. Sie kennen das ja, oder? Ich mach mir schnell Kaffee, wollen Sie mithalten?“

 Die beiden verneinen, begleiten sie aber, und während der Grosse ihr beim Kaffeekochen zusieht, nimmt sie an, dass der andere, der Dunkle, sich heimlich in ihrer Wohnung umsieht. Sie verkneift sich ein Grinsen. „Wie es aussieht, Inspektor, verdächtigen Sie mich irgendeines Vergehens, von dem ich auch gerne erfahren würde, wenn Ihnen das nicht zuviel Mühe macht!“

Er übersieht ihren spöttischen Blick, mit dem sie ihn bedacht hat. „Wir führen unsere Ermittlungen durch, Miss! Nichts weiter!“ Ein Blick auf die Zeitungen, die ungelesen auf der Kommode liegen, als sie ins Wohnzimmer zurückgehen, entlocken ihm die Bemerkung: „Ich hoffe, Sie schenken dem Zeug nicht wirklich Beachtung! Die Medien bauschen diese Dinge gerne auf und machen aus einem banalen kriminellen Vergehen, eine schaurig schöne Romanze!“

Sie fixiert ihn ungerührt, während sie an ihrer Tasse nippt. „Das braucht Sie doch nicht zu stören, oder? Es hat ja nichts mit den Ermittlungen zu tun, was die Leute glauben oder denken! Gedanken sind bekanntlich frei.“ Er seufzt und lässt sich auf einen Stuhl fallen, der ächzt, als würde er gleich zusammenbrechen unter dem Gewicht des Inspektors. „Ich habe es nur satt, dass die Polizei meistens am Ende als böse Vereitler irgendwelcher sülziger Liebesgeschichten steht, das ist alles!“ Sie lächelt kalt. „Nun, ganz Unrecht hat die Öffentlichkeit ja wohl nicht mit ihrer Vermutung, oder?“

„Wie ist das denn gemeint?“ grunzt der Inspektor angewidert und überfliegt die Schlagzeilen ihrer gekauften Tagesblätter. Wenn er sie jetzt auch noch auseinanderfaltete, würde sie gleich auszucken. Sie hasste es, Zeitungen zu lesen, die jemand vor ihr durchgeblättert hatte.

„Da es ihr Pressesprecher war, der diese Infos an die Radiostationen weitergegeben hat, nehme ich doch stark an, dass sie stimmen und ihre Richtigkeit haben“, erwidert sie süffisant lächelnd. „Oder habe ich das missverstanden, dass sie die beiden, von denen sie genau wussten, dass sie schwer verletzt waren, zu Tode gehetzt haben?“

Er erwidert unwillig aber kein bisschen gerührt ihren prüfenden Blick. „Allerdings haben Sie das missverstanden! Wir haben sie nicht gehetzt, sondern verfolgt, um sie zu stoppen. Wir wollten retten, was zu retten war. Außerdem scheinen Sie zu vergessen, dass es sich um flüchtende Verbrecher handelte, und nicht das unglückliche Traumpaar, direkt einer Soap-Oper entsprungen, das ihrer fraulichen Fantasie in rosaroten Farben vielleicht vorschwebt.“

„Mir schwebt absolut nichts vor, Inspektor. Ich besitze eine unromantische Seele, wie die meisten Wissenschaftler! Ich weiß ja nichts! Ich wiederhole nur, was man in den Nachrichten durchgegeben hat. Der Wagen hat sich überschlagen, dank ihrer heldenhaften Verfolgungsjagd. Und als er Feuer fing, haben Sie sich natürlich nicht die Finger schmutzig gemacht und versucht, die beiden aus dieser Hölle zu befreien, oder? Muss ein schönes Feuerchen gegeben haben!“

Der Inspektor wird wütend: „Was wissen Sie denn!? Da war nichts mehr zu machen! Sie waren verloren, sobald der Wagen zu brennen begann! Fragen Sie doch meinen Kollegen, sie vorwitzige Person!“

Sie schluckt ihren Ärger nur mühsam herunter und versucht mit gelassener Stimme auf den Besuch des Polizisten zurück zu kommen. „Stellen Sie ihre Fragen, Inspektor, und dann lassen Sie mich zufrieden. Man darf doch noch eine freie Meinung haben in diesem Land, die nicht von der Polizei zensuriert wird!“

Er legt den Kopf schief und der Jüngere greift zu seinem Schreibblock, der ihr inzwischen vertraut ist. „Ich kann Sie auch vorladen, wenn Sie es so auffassen, Miss Winkler! Sie sind ja ganz schön aggressiv! Und immerhin eine wichtige Zeugin. Was auch immer der Grund für Ihre Antipathie gegen die Polizei sein mag, wir kriegen auch das heraus! Ihre Reaktion ist jedenfalls äußerst verdächtig! Aber jetzt beruhigen Sie sich und beantworten Sie meine Fragen, dann sind Sie uns vorerst schnell wieder los und können sich ihren bittersüßen Vorstellungen von Raub und Mord genüsslich weiter hingeben.“

Ihre Augen sprühen vor verhaltenem Zorn. Sie kann verstehen, warum die meisten Leute nichts mit der Polizei zu tun haben wollten und sich viele davor drückten als Zeugen aufzutreten. Die beste Methode schien wirklich die der drei Affen zu sein: ‚Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen!’

„Gut“, beginnt der Mann seine Befragung und sieht ihr dabei zu, wie sie hastig ihren Kaffee austrinkt, als könnte ihr das helfen, ihre Ruhe wieder zu erlangen. „Sie haben O’Brien also gefunden! Wann genau?“ „Ich habe nicht auf die Uhr gesehen. Es war bei Sonnenuntergang!“ „Wie romantisch“, bemerkt er zynisch und wird wieder ernst. „Sind Sie sicher, dass er nichts gesagt hat?“ „Natürlich bin ich das!“ begehrt sie auf. „Glauben Sie etwa, er hat mir verraten , wo er heimlich einen Schatz vergraben hat? Der Mann hatte einen Magendurchschuss! Wie hätte er da sprechen können? Er war am Verrecken, als ich ihn fand!“ Ihre Stimme war lauter geworden, ohne, dass sie es gemerkt hatte. Wieder ruhiger, versucht sie den Inspektor von ihrer Aussage zu überzeugen. „Ich habe den Mann noch nie zuvor gesehen, kenne ihn nicht und weiß nicht mehr über ihn, als ich in den Nachrichten gehört habe. Das wissen Sie doch sicher längst und haben in meinem Privatleben nachgeschnüffelt, oder? Ich habe am Strand gearbeitet! Ich war dabei Proben für unsere Forschungszwecke über die Vermehrung des rasant zunehmenden Algenwuchses an der Küste zu nehmen. Danach wollte ich das Ganze ins Labor bringen. Ich bemerkte das Blut im Meerwasser und befürchtet, ein Tier hätte sich verletzt. Natürlich habe ich nachgesehen und O’Brien gefunden. Hätte ich ihn etwa so liegen lassen sollen? Vielleicht hätten Sie ja dann weniger Arbeit und Stress gehabt, wenn man ihn erst tot gefunden hätte. Ich zumindest ganz bestimmt!“ Diese harten Worte tun ihr in der Seele weh, aber sie ist zu verärgert über die Beamten. Der Jüngere schnüffelt in ihrer Küche herum, doch sie erspart sich eine Zurechtweisung.

„Ich schwöre Ihnen, er hat mir nichts gesagt!“ betont sie nochmals.

„Okay, Miss Winkler“, beendet der Polizist das Gespräch und erhebt sich. „Danke für Ihre Hilfe“. Unverhohlener Spott. Nun, ganz verderben durfte sie es sich auch nicht mit der Behörde. „Ich darf ihn doch besuchen, oder?“ Wieder ein misstrauischer Blick aus grauen Augen.

„Wollen Sie das Ganze nicht lieber vergessen?“ wird sie gefragt. „ Ich finde, Sie engagieren sich gefühlsmäßig ein bisschen viel in dieser Sache! Colin O’Brien ist ganz sicher kein Umgang für Sie, Miss, glauben Sie mir!“

‚Aha, er versuchte die väterliche Masche’, denkt sie. „Was der Bursche alles ausgefressen hat, werden Sie in Ihren Zeitungen ja noch nachlesen! Aber bitte, schenken sie dem darin geschilderten Liebesgesülze keine Aufmerksamkeit! Alles war passiert ist, war eine Folge unglückseliger Ereignisse, die jedoch krimineller Handlungen entsprungen sind, und der allerschlimmsten von allen, nämlich Mord! Das hat eine Kettenreaktion ausgelöst, die unaufhaltbar war und einfach so enden musste, wenn Sie mich fragen. O’Brien konnte nicht mehr zurück. Und diese Japanerin, wie hieß sie doch...?“

Er blickt fragend seinen Kollegen an, der eben den Deckel der Zuckerdose, in die er geblickt hatte, zurücksetzt. „Midori“, antwortet der. „Ja, Midori“, nimmt der Alte das Gespräch wieder auf. „Diese Midori wollte hier in Australien ihren Mann verlassen. Sie waren auf Hochzeitsreise und sie wollte sich mit ihrem japanischen Lover hier treffen und gemeinsam mit ihm abhauen. Der Gute hatte jedoch kalte Füße bekommen und das Mädchen konnte nicht mehr zurück. Unglücklicherweise befand sie sich in der Bank, als O’Briens Komplizen diese ausraubten. Es wurde geschossen und er fuhr den Fluchtwagen für diese Gangster. Man hat Midori mitgenommen, als Geisel. Was danach passiert ist, wissen wir nicht genau, weil alle Zeugen tot sind, aber wir vermuten, dass sich die Komplizen des Mädchens entledigen wollten und O’Brien dazwischen gegangen ist. Es gab einen weiteren Toten und er verschwand mit dieser Midori. Um sich über Wasser zu halten, überfielen sie die Banken in mehreren Kleinstädten! Was sie nicht wussten ist, dass Midoris verrückter Ehemann mit seinem japanisch überdrehten Ehrenkodex den beiden auf den Fersen war. Seinen Rachefeldzug pflasterte er mit Leichen, unschuldige Leute, die ihm im Weg standen, pustete er einfach weg! So kamen wir auch auf die Spur der beiden. O’Brien wurde von der Familie des getöteten Bankräubers ebenfalls verfolgt, und ich weiß nicht wie er das geschafft hat, er konnte sie jedenfalls umlegen und sich befreien. Nein, Miss, sehen Sie ihn bitte nicht als Superhelden! Das Ganze ist nur Tragik und Tod! Wenn O’Brien wieder auf dem Damm ist, wird er uns viele Fragen beantworten müssen!“ Der Beamte holt tief Luft und beobachtet ihre Reaktion, die jedoch ausbleibt. Trotzdem erwidert sie: „Wenn das alles halbwegs stimmt, was Sie mir da erzählen, Inspektor, dann trifft O’Brien nicht wirklich große Schuld! Wenn er das Mädchen retten wollte und seine eigene Haut, ich kann darin nichts Verwerfliches sehen, tut mir leid!“

Ein mitleidiges Lächeln trifft sie seitens des Inspektors. „Ja natürlich“, erwidert er geduldig. „Das ist die Sicht der Frauen. Der fabelhafte Retter aus der Not. Wenn er ein so edler Mensch ist, für den sie ihn anscheinend halten, wieso machte er dann bei dem Banküberfall mit und setzte dieses Spielchen weiter fort, in das er auch die unglückliche Asiatin hineingezogen hat?“ Sie zuckt die Schultern und wagt noch eine letzte Frage: „Weiß er, dass sein Vater tot ist?“

„Nein“, grummelt der Polizist. „Noch nicht! Aber er wird es wohl noch früh genug erfahren!“ Er tritt aus der Wohnung, gefolgt von seinem Assistenten. „Ich darf ihn aber trotzdem besuchen, ja?“

„Von mir aus“, gibt der Mann nach, „aber ich warne Sie! Sie mischen sich in nichts ein, was diesen Fall betrifft! Ist das klar? Ich lasse sie sonst gewaltsam aus dem Hospital entfernen und buchte Sie auch ein, wenn es sich nicht umgehen lässt. Motiv: Behinderung der polizeilichen Ermittlungen! Wir haben uns doch verstanden, ja?“

Sie nickt brav und blickt den Männern nach, bis sie in den Wagen steigen. Danach trollt sie sich ins Bett zurück, nicht ohne davor die Zeitungen an sich genommen zu haben.

Von der leidenschaftslosen Information beeinflusst, die sie durch den Inspektor erhalten hatte, gelingt es ihr einigermaßen den Weizen von der Spreu zu trennen, und die haarsträubenden Vermutungen, die auf Spekulationen von mordgierigen Japanern und der Flucht leidenschaftlicher Liebesleuten basiert, beiseite zu lassen. Was bleibt, kommt der Ausführung des Beamten ziemlich nahe: eine Kettenreaktion, ausgelöst durch eine Fehlentscheidung, genährt von  unglücklichen Umständen, die Hass- und Rachegefühle in allen Richtungen auslösten und aus  O’Brien und seiner Partnerin eine ideale Zielscheibe für einen gedemütigten Ehemann, eine Familie, die sich verraten vorkam und letztendlich auch die Hüter des Gesetzes machte. Unaufhaltsam, ohne Chance auf das geringste Entkommen, war ihnen der Tod auf den Fersen wie ein hungriges Raubtier. Vor ihr entsteht das Bild eines Mannes, der sich vom Leben tragen ließ, ohne an ein Morgen zu denken. Der das Jetzt und Hier lebte, wie es ihm über den Weg lief, ohne sich eventuelle Konsequenzen auszumalen. Ein Mann mit wenig Ambitionen, vielleicht weil er die Träume und Hoffnungen schon lange zuvor verloren hatte, und einer, dem es an Mut nicht fehlte. Ein Mann, der trotz seines moralischen Abstiegs ein gewisses Maß an Gerechtigkeit und Mitleid in sich bewahren konnte, ein Flackern in der Seele, das ihn davor bewahrte, sich ganz aufzugeben oder in die totale und erbarmungslose Kriminalität abzusacken. Doch alles das sind Vermutungen und Überlegungen, Spekulationen einer weiblichen Person, die außer ihrem Job und den wenigen Leuten, mit denen sie zu tun hatte, keinerlei Leidenschaft für eine andere Sache als die Wissenschaft empfand. Und so kann sie auch nicht wissen, wie nahe ihre Vorstellung den vorhandenen, wenn auch nur vermuteten Tatsachen kommt.

 

*****

Nachdem sie an den beiden aufeinander folgenden Tagen keinerlei Reaktion Colin O’Briens verzeichnen konnte, und jedes Mal enttäuscht, aber zuversichtlich, dass es mit ihm bergauf ging, das Spital verließ, fühlt sie am dritten Tag einen Aufwall gemischter Gefühle in sich hochsteigen, als seine Augen halb geöffnet beim Betreten seines Zimmers sind. Die Polizei machte ihr keine Schwierigkeiten mehr und nahm ihre Besuche hin, so gut wie ohne jede Einschränkung. Die kam nur vom Pflegepersonal. Fast eifersüchtig wachten die Schwestern darüber, dass der Patient nicht überansprucht oder gestört wurde, was in seinem lethargischen Zustand wohl kaum möglich gewesen wäre.

An diesem Tag jedoch flattern die Lider seiner Augen ein wenig, und als er sie öffnet, blicken sie gehetzt um sich, als suchten sie nach einer Antwort auf die tausend Fragen die er sich stellen mochte.

„Wir haben ihm zu verstehen gegeben, dass er hier gut aufgehoben und außer Lebensgefahr ist“, erklärt ihr die Diensthabende Schwester, während sie gebannt auf den zum Leben erwachten Mann durch die trennende Glasscheibe starrt. „Mehr können wir nicht tun. Er muss sich schonen und von allein gesund werden. Aber das ist nur mehr eine Frage von Zeit.“

„Hat er schon gesprochen?“ will sie wissen. Die Pflegerin schüttelt verneinend den Kopf. „Es scheint ihn zu sehr anzustrengen. Vielleicht morgen, oder in ein paar Tagen. Er ist ziemlich kräftig und wird sich rasch wieder erholen. Das ist auch die Meinung von Dr. Greenfield. Es gibt keinerlei Komplikationen, keine Infektionen, die Wunde müsste ziemlich gut verheilen und zwar in kürzester Zeit.“

„Könnte ich ihm vielleicht etwas sagen? Er scheint ziemlich beunruhigt zu sein.“

Die Schwester nickt zustimmend und hilft ihr in den sterilen Mantel und auch dabei, die Maske vor Nase und Mund zu binden. „Aber nichts, das ihn aufregen könnte.“ Sie nickt. „Ich denke, er fragt sich, was mit ihm geschehen ist. Will wissen, wie die Tragik, in die er verwickelt war, geendet hat.“

„Das denke ich auch“, klingt Bettys Stimme dumpf unter der Gesichtsmaske hervor. „Vielleicht kann er sich daran erinnern, dass ich ihn gefunden habe, und das stellt ein Bindeglied zu seinem Erinnerungsvermögen her.“

Als sie neben seiner Bettstatt steht, sucht er in dem vermummten Gesicht, das das ihre ist, nach einer Antwort. Doch alles was er sehen kann sind ein Paar Augen, von einem hellen Braun, die groß und aufmerksam auf ihn geheftet sind.

„Midori?“ flüstert er mühsam und sie legt ihre Hand beruhigend auf die seine, frisch verbundene, während sie langsam den Kopf schüttelt. „Nein“, antwortet sie ruhig und ihre Stimme klingt fremd durch den Fliesstoff der Maske. „Erinnern Sie sich, Colin, ich habe Sie am Strand gefunden. Sie waren verletzt. Ich wollte nach Ihnen sehen, und wissen, wie es Ihnen geht.“

Er dreht den Kopf leicht zur Seite und schließt die Augen. Sie fühlt die kühle Haut seiner Hand auf ihrer Handfläche und wagt sich nicht zu rühren. Nun steht wieder alles klar vor ihm: die wilde Flucht im Wagen, der Schmerz, der ihn durchbohrte und die Frau an seiner Seite, die krampfhaft das Lenkrad umklammerte und gegen ihre Ohnmacht ankämpfte. Ihr schönes, blaues Kleid, mit Blut beschmiert, während das Leben aus den Verwundungen, die ihr Mann ihr zugefügt hatte, langsam und stetig heraus rann. Er erinnert sich an ihre großen Mandelaugen, die voller Angst und Verzweiflung auf die Strasse gerichtet waren, während ihr kleiner Fuß das Gaspedal durchdrückte, in dem Versuch den Verfolgern zu entkommen.

„Am Strand“, hatte er in Agonie geflüstert, „am Strand wird alles gut!“ Diese Vorstellung versinnbildlichte seine schönsten Kindheitserinnerungen, als er noch als kleiner Junge Mitglied einer intakten Familie gewesen war. Frieden, Ruhe, Glück. Verzweifelt suchte er den Weg zurück und wurde von der Gnadenlosigkeit der Realität unaufhaltbar vorwärts ins Unheil getrieben, ins Verderben. Und die Frau an seiner Seite, die er glaubte zu lieben, und die sich an ihn geklammert hatte, da sie nicht wusste, in welche Richtung sie ihr Leben lenken sollte, nahm er mit in den sicheren Tod. Er hatte es nicht gewollt, nicht geplant, so wie er nie etwas in seiner Vergangenheit geplant hatte. Vielleicht war das ein Fehler gewesen, vielleicht auch nur sein Schicksal. Noch immer hat er den Gestank des brennenden Autos in der Nase und in seinen Ohren hallt der Schuss wider, mit dem Midori ihren eigenen Tod besiegelt hatte. Er spürt ihre zarten, zitternden Finger an seinem Mund, als sie ihn berührte, als wolle sie Abschied nehmen von ihm. Er stand nahe davor das Bewusstsein zu verlieren, als der Schuss ertönte. Das brachte ihn zur Besinnung, und als mobilisierte das flackernde Leben in ihm alle noch verbleibenden Kräfte, hatte er es irgendwie geschafft, aus dem geöffneten Seitenfenster zu klettern und sich ein wenig von dem brennenden Fahrzeug weg zu rollen. Auch das hatte er nicht geplant, es war einfach passiert. Das Entsetzen vor dem Verbrennungstod hatte ihn dazu getrieben. Die sengende Hitze der darauf folgenden Explosion blendete ihn trotz seiner geschlossenen Augen. Wie er sich das Stück bis zu den Klippen hat schleppen können, wo diese Frau ihn fand, das weiß er nicht mehr. Sicher ist nur, dass er von der Polizei unbemerkt geblieben war. Sicher hätten sie irgendwann bemerkt, dass er nicht im Wagen war, aber sie kam ihnen zuvor. Sie fand ihn vor ihnen.

Er blickt sie erneut an. Er brauchte keine Fragen zu stellen. Er weiß, dass Midori nicht mehr am Leben ist. Die kleine, verschreckte Japanerin, die erst aus sich herausgehen konnte und ihre Lebensfreude entdeckte, als ihre Wege sich kreuzten, würde nie mehr Furcht empfinden oder unter dem Druck ihrer Traditionen zu leiden haben. Ihr helles, befreites Lachen klingt erneut in seinen Ohren und er hat nur mehr den einen Wunsch, nämlich, dass man ihn allein lässt.

 

Die Ärzte behalten Recht. Es geht schnell aufwärts mit ihm. Obwohl er sich schwach und kraftlos fühlt, schreitet seine Gesundung zufrieden stellend voran. Er hatte die Besuche der Polizei mehrere Male über sich ergehen lassen. Er gab knappe Antworten, sagte, was sie hören wollten. Er hatte keinen Grund irgendetwas zu verschweigen. Ja, er hatte den Afghanen und dessen Sohn getötet. Aber es war Notwehr gewesen. Sie hatten seine Hände festgenagelt, wollten ihn zu Tode quälen, das war ihre Rache für den Tod des ältesten Sohnes, den er auf der Flucht erschießen musste, um Midoris Leben zu retten. Er wollte und konnte nicht zulassen, dass sie sie wie ein Vieh abschlachteten und weg warfen. Die Frau hatte sich ganz zufällig in der Bank befunden, sie stand da, wie eine Spielfigur, die das Schicksal einfach in die Mitte des Raumes gestellt hatte, um den räuberischen Brüder als Geisel zu dienen. Er hatte seine Beteiligung an dem Coup nicht überlegt, sondern Geld gebraucht und sich leichtsinnig auf die Sache eingelassen, aber von Mord war nie die Rede gewesen. Er wusste, sie würden ihn suchen und versuchen kalt zu stellen. Ihn und Midori, die er nicht mehr loswurde. Die ihm nachlief wie ein kleines Hündchen, das er erst ignorierte und dann gnadenhalber mit sich nahm.  Die Lebensfreude, die sie plötzlich durch die gewonnene Freiheit zum Ausdruck brachte, wirkte ansteckend auf ihn. Sie hatte zum ersten Mal in ihrem Leben richtigen Spaß. Spaß, wenn sie sich Geld aus den Banken der Kleinstädte, durch die ihr Fluchtweg sie führte holten, Spaß, wenn sie über die staubigen Strassen des Outbacks rasten, Spaß, wenn sie beisammen waren und sie sich ihm anvertraute, von ihren Wünschen und Enttäuschungen erzählte und einfach nur seine Anwesenheit genoss. Es war ihm nie zuvor passiert, dass jemand ihn wirklich brauchte. Nun war es jedoch geschehen: Midori brauchte ihn, verehrte ihn als ihren Lebensretter und schließlich liebte sie ihn, weil das alles zu nichts anderem führen konnte. Und er nahm ihre Liebe an, nahm sie, wie ein demütiges Geschenk, gab es zurück und dachte, dass es ewig so weitergehen konnte. Besser gesagt, er dachte gar nichts. Nach vielen Jahren besuchte er mit ihr seinen alten Vater, der immer noch in Einsamkeit sein karges Leben als Farmer in einem verbrannten Land fristete. Er suchte Zuflucht bei dem alten Mann, pflegte seine verwundeten Hände, bevor er mit Midori weiter fuhr, dem Strand entgegen. Der Vollkommenheit, dem absoluten Frieden, einer verlockenden Täuschung. Als der verratene Ehemann Midoris ganz plötzlich vor ihm stand und auf ihn schoss, wurde ihm erst gar nicht bewusst, was da geschah. Die Erkenntnis kam, als er am Boden lag und mit ansehen musste, wie der zarte Körper seiner Begleiterin von dem Geschoss der schweren Waffe, die der Mann auf sie gerichtet hatte, durchbohrt wurde. Trotzdem fand sie die Kraft, mit seiner Pistole, die sie im wartenden Wagen wusste, ihren Mörder zu erschießen. Gnadenlos und mit all dem Hass, den sie für ihn, der ihr das jung entdeckte Lebensglück brutal entriss, empfinden musste. Den Rest wusste die Polizei besser als er. Ihre Spur war nicht schwer zu verfolgen und die kurze Zeit, die ihnen zum Leben blieb, war gezählt. Die anderen brauchten dann nur mehr die Leichen einzusammeln, was in seinem Falle misslang. Es war ihm egal ob er lebte oder nicht. Er hatte es nicht entschieden. Er würde auch nicht entscheiden können, wie viele Jahre er im Knast verbringen musste. Er weiß nur, dass er den Gedanken daran nicht ertragen konnte.

 

Sie kam jeden Tag, diese Frau, die sich Betty nannte. Seit er in einem normalen Krankenzimmer lag und die Intensivstation verlassen hatte, konnte er sie genauer unter die Lupe nehmen. Sie war nicht mehr von Kopf bis Fuß vermummt, in diese sterilen Masken und Mäntel. Sie war mittelgroß, schlank und ihr langes, blondes Haar trug sie meistens zu einem schlampigen Haarknoten aufgesteckt. Sie machte den Eindruck, als sei sie immer in Eile, aber das lag wohl an ihrer lässigen Art sich zu kleiden. Ihre Figur versteckte sie sicher ungewollt unter weiten Blusen oder Pullis, unförmigen Jeans oder langen Wickelröcken. Am Ansprechendsten in ihrem Gesicht waren diese braunen Augen, mit einem Goldtouch. Seit er wieder sein Bewusstsein erlangt hatte, hatten sie ihn angeblickt und sicher auch schon zuvor.  Er hätte es gerne offen gesehen, dieses Haar. Wahrscheinlich machte es ihre ernsten, nachdenklichen Züge weicher. Für gewöhnlich blieb sie nur kurz, möglicherweise weil man ihr verboten hatte zu bleiben. Nicht, dass es ihm etwas ausmachte. Aber er fragte sich, weshalb sie kam. Sicher war sie informiert über seine Vergangenheit. Sie sah gut aus, nicht unintelligent, also was wollte sie von ihm? Sie stellte keine Fragen, außer nach seinem Befinden. Er antwortete ihr knapp und emotionslos, aber nicht unhöflich. Er verdankte ihr sein Leben. Nun gut. Aber es war ihm nicht so wichtig, wie sie vielleicht annahm. Er hatte nicht mehr viel zu erwarten. Es hatte zu viele Tote gegeben und er war als Einziger noch am Leben. Den Richter könnte das eventuell stören und die Geschworenen erst recht. Er wollte nicht daran denken, noch nicht. Er hätte gerne geraucht und weiß, dass es unmöglich ist. Man hat ihn zum ersten Mal in einen Stuhl gesetzt, ans Fenster. Vielleicht, damit er das Leben draußen, noch die kurze Zeit, die er in Freiheit verbrachte, beobachten konnte. Er hatte einige Gehversuche gewagt und es war besser abgegangen, als er befürchtet hatte, auch wenn er sich dabei noch krümmte.

Als sie später kommt, als für gewöhnlich, ertappt er sich dabei, dass er auf sie gewartet hatte. Es verschaffte ihm Unbehagen, eine Art Abhängigkeit, die er über alles hasste. Sie hatte ihm Zeitungen gebracht, vom Tag des Geschehens. Fragte, ob er sie behalten wollte und lesen. Er bittet sie, ihm das Wichtigste daraus vorzulesen, was sie tut. Er nimmt befriedigt zur Kenntnis, dass die Öffentlichkeit ihn für tot hält. So hatte er seine Ruhe. Die ganze Scheiße war es nicht wert, noch weiter ausgeschlachtet und aufgebauscht zu werden. Sie liest, er hört zu. Als sie an die Stelle kommt, wo vom gewaltsamen Tod seines Vaters die Rede ist, stockt sie und sieht ihn unschlüssig an. Er ermuntert sie, weiter zu lesen. „Ich weiß das längst“, erklärt er. „Die Polizei war diesbezüglich nicht sehr zimperlich!“ Ein bitteres Lächeln umspielt seinen sinnlich geschwungenen Mund, das sogleich wieder verblasst. Die Mutlosigkeit in seinen Augen tut ihr weh. Sie scheltet sich töricht. Sie ist es und weiß es. Aber sie kann nichts dagegen tun. Sie ist nicht einmal sicher, ob ihn ihre Besuche nicht ärgern, also fragt sie danach.

Er sieht sie zweifelnd an. „Ich weiß es nicht“, gibt er zu. „Ich habe nicht darüber nachgedacht.“ Als er sieht, dass ihr seine Worte wehtun, meint er einleitend: „Das ist nicht persönlich gemeint. Wahrscheinlich bin ich Ihnen zu großen Dank verpflichtet, aber ich weiß nicht, ob mir etwas an diesem verpfuschten Leben noch liegt.“ Dann erinnert er sich daran, dass er heute auf sie gewartet hatte. „Sie waren heute spät dran“, fährt er fort und ist zufrieden, als sich ihre Züge ein wenig aufhellen. „Ich habe mich schon gefragt, wo Sie wohl steckten!“

Sie lächelt und es ist ein Lächeln, so ganz anders als jenes seiner toten Geliebten. Es ist zaghafter, unsicherer. Errötete sie etwa? War sie etwa auch auf der Suche, egal wonach?

„Der Straßenverkehr“, erklärt sie. „Er nimmt täglich zu, besonders in diesen frühen Abendstunden.“ Er nickt, betrachtet das Foto des toten Japaners in der Zeitung. Er konnte ihn nicht einmal hassen, diesen Typen. Wahrscheinlich hatte er Midori sehr geliebt, aber mehr noch liebte er seine Ehre, ohne die konnte er ihr nicht zugestehen, dass sie glücklich wurde ohne ihn.

„Sie sollten nicht so sprechen“, ermahnte sie ihn leise. „Sie haben ihr Leben noch vor sich, Colin. Ich glaube auch nicht, dass ihre Verurteilung große Folgen für Sie haben wird. Wenn erst einmal bekannt wird, warum und wie die Geschichte gelaufen ist, dann...“

Er macht eine wegwerfende Handbewegung. Seine Hände sind nicht mehr bandagiert. Sie starrt auf das frische rosige Fleisch auf seinem Handrücken. Ein Detail, von dem sie nichts wusste... „Sie kennen die Gerichte nicht, Betty, und ich will mich auch gar nicht rechtfertigen oder selbst bedauern. Die nächsten Jahre werde ich im Loch verbringen, damit finde ich mich ab. Und danach...“ Er lässt den Satz unvollständig und sie hakt ein: „Da ist die Farm Ihrer Eltern...“, „...die ich ganz gewiss nicht übernehmen werde“, beendet er ihre Phrase. „ Sie werden mich demnächst in U-Haft setzen, dann ist es auch vorbei mit Ihren täglichen Besuchen!“ Er sieht ihren erschrockenen Blick. Hatte sie daran noch nicht gedacht? „Es ist besser so“, versucht er sie zu überzeugen. „Sie haben genug für mich getan und sollten diese Angelegenheit vergessen! Einer wie ich, ist kein Umgang für eine Frau wie Sie!“

„Das habe ich schon einmal gehört“, entgegnet sie leise und schlägt die Augen nieder. Er räuspert sich. Sie war doch hoffentlich nicht auf dem besten Wege, sich in ihn, den Looser, zu verlieben? „Ich bringe Frauen wenig Glück“, fügt er hinzu. Vergessen Sie das alles und vergessen Sie mich! Ich will es.“ Sie schüttelt den Kopf, ohne ihn dabei anzusehen. „Doch“, meint er etwas schärfer. „Das müssen Sie! Verschwinden Sie und kommen Sie nicht wieder!“ Er hatte sich zu sehr angestrengt und presst eine Hand auf den bandagierten Leib. Sie springt erschrocken auf und beugt sich über ihn, doch er wehrt ab. „Es ist nichts“, versichert er und nagelt sie mit seinem faszinierenden Blick fest. „Wirklich! Weiter nichts!“ Sie weicht zurück, hätte ihn gerne getröstet, doch das war irrelevant. Sie wusste nicht weswegen und ob er Trost brauchte. Schließlich war er ein Mann, der genau wusste, wie es um ihn stand. Er hatte Recht, sie sollte ihn vergessen. Sie wird gehen. Ihr rascher Aufbruch gleicht einer Flucht. Dann war das also ihr letzter Besuch gewesen. Das war auch besser so, sie sieht es ein. Ein Teil von ihr zumindest. Der andere wehrt sich und fleht, sucht nach unsinnigen Ausreden...

„Vielleicht könnten Sie mir etwas zum Rauchen mitbringen, wenn Sie morgen wiederkommen“, holt seine angenehm dunkle Stimme sie an der Tür ein. Erstaunt blickt sie sich um, sieht ihn an. Ein schelmisches Grinsen steht auf seinem Gesicht, dass alles in ihr zum Schmelzen bringt, was noch zögernd unter einen dünnen Eisschicht verborgen geruht hatte. Emotionen, so fremd, so neu, so bittersüß.

 

Sie beschließt, sich ein paar Tage Ruhe zu gönnen, um Zeit für ihn zu haben. Natürlich waren Dr. Meyers ihre ungewöhnlich verklärten Züge, die sie seit Tagen zur Schau trug, aufgefallen, aber es stand ihm nicht zu, darüber irgendwelche Kommentare abzugeben. Die Kollegen grinsten hinter ihrem Rücken und munkelten etwas von „Scheint die alte Jungfer auch endlich mal erwischt zu haben...“ Sie nimmt es nicht zur Kenntnis, weil sie andere Sorgen hat. Der Kampf, den sie anfangs in sich ausfocht, scheint aussichtslos zu sein. Sie stuft ihre Gefühle als ganz normalen Beschützerinstinkt ein, dann als menschliche Regung, als Mitleid. Als sie sich wie aus dritter Sicht schließlich belauert und prüft, befragt und mahnt, wird ihr klar, dass sie diese unbequemen Gefühle nicht für diesen Unbekannten empfinden sollte, die sie jedoch massenweise schmerzend wie auch wohltuend überschwemmen. Sie war noch nie verliebt gewesen. Es gab ein paar One Night Stands, manchmal dauerten sie ‚two or three nights long’ an, mehr nicht. Keine Zeit, keine Ambition für längere Affären, kein Interesse ihre Lebensgewohnheiten für einen anderen einzuschränken oder gar zu ändern. Keine Geduld für Männer, die suchten, ihr angeborenes Ego in ihr wiederzuspiegeln. Tatendrang, ja, aber Privatleben und Beruf waren für sie eins, und so lief auch dieser darauf hinaus. Natürlich hatte sie bemerkt, dass Dr. Meyers, dieser Mann, der etliche Jahre älter als sie war, sie manchmal verstohlen und sonderbar betrachtete. Als wollte er in ihre Gedanken eindringen. Meyers war geschieden, hatte zwei halbwüchsige Jungs und lebte allein in einem viel zu großen Haus, außerhalb der Stadt. Ein Haus so groß, dass man sich darin verirren konnte. Sie war ein paar Mal dort gewesen, rein aus Neugier, als ihr Vorgesetzter sie darum bat, ihm einige Unterlagen zu bringen. Er hatte damals seine beiden Jungs am Hals und musste dem Labor für etliche Tage fern bleiben. Zwei richtige Teufel waren das gewesen, diese Burschen. Keine Zeit für Kinder, keine Geduld, keine mütterlichen Ambitionen. Aber in der Gesellschaft von Paul Meyer hatte sie sich immer wohl gefühlt. Er versuchte nie, sie irgendwie in die Enge zu treiben oder an ihre Fraulichkeit zu appellieren. Oh nein, das war nicht sein Stil. Er sah in ihr die Wissenschaftlerin, die sie war, und zwar mit Leib und Seele. Er bewunderte sie, das spürte sie und achtete ihre Arbeit, ihre Erfolge. Seit er sie so eigenartig betrachtete und annahm, sie würde es nicht merken, fühlte sie sich unbehaglich. Paul war ein gut aussehender Mann mit einer hohen Stirn, klugen grauen Augen und kurz geschnittenem ergrauendem Haar, in dem aber immer noch das dunkel Blond dominierte. Es verlieh ihm ein jugendliches Aussehen und man schätzte ihn weitaus jünger, als die fünfzig, die er bald werden würde. Weiblichen Avancen gegenüber blieb er immun. Die Scheidung von seiner Frau hatte ihn mehr als das halbe Vermögen gekostet und jedes Interesse, das er an einer ernsthaften Beziehung zum schwachen Geschlecht empfinden könnte, gänzlich demoliert. Doch alle diese Fragen stellte sich Betty nicht. Er war ihr Boss und sie arbeitete gerne mit ihm zusammen. Seine mehrfachen Aufforderungen, doch den Doktor zu machen, wehrte sie lächelnd ab. „Ich bin nicht Titelgeil“, hatte sie ihm einmal erklärt. „Meine Arbeit befriedigt mich voll und auf, es bleibt mir keine Zeit, die Nase erneut in Bücher zu stecken und jahrelang an einer Doktorarbeit zu basteln. Vergessen Sie es, Paul! Ein bisschen Privatleben brauche ich auch noch“. Er wusste, dass sie bluffte. Sie hatte kein Privatleben, höchstens man bezeichnete ihre langen Spaziergänge die Küste entlang, oder die Nächte, in denen sie wissenschaftliche Zeitschriften und Arbeiten las, als solches. Er zuckte dann jedes Mal resignierend die Schultern und erklärte ihr, wie schade es wäre, weil sie das Zeug zu ganz Großem hätte. Dingen, die vielleicht einmal der Menschheit zugute kamen... Sie nannte ihn lachend einen Träumer, aber das war Paul Meyers ganz bestimmt nicht. Er war sich nur voll bewusst, dass Betty Winkler, seine Assistentin, eine außergewöhnliche Person war und er sich glücklich schätzen musste, dass sie ihre geistige Kompetenz gerade seinem Labor zur Verfügung gestellt hatte. Daran zu denken, dass er auch einmal ohne sie arbeiten müsste, wagt er sich nicht vorzustellen. Es war ihm nie in den Sinn gekommen, sie einzuladen oder mit ihr weggehen zu wollen. Es lag nicht daran, dass es ihn nicht interessierte, sondern vielmehr, dass er ihre Kollegialität nicht aufs Spiel setzen wollte. Er war davon überzeugt, dass sie derart ungewöhnliche Bitten seinerseits falsch auslegen würde. Und so vermied er, sie misstrauisch zu machen, oder gar befangen.

„Sie sind derzeit ein bisschen durch den Wind, hab’ ich Recht Betty?“ will er wissen, als sie um ein paar Tage Entspannung bittet. Sie sieht ihn gespielt erstaunt an. „Wie kommen Sie darauf, Paul?“ lautet die Antwort, die ihn keineswegs überzeugt.

„Nur so“, gibt er zurück und fixiert ihre großen Augen und den ernsten Gesichtsausdruck. „Sie lächeln manchmal so komisch, so...“ er sucht nach den richtigen Worten, „...abwesend? Nachdenklich? Verliebt?“ Shit! Das wollte er eigentlich nicht sagen, aber sie scheint nicht besonders schockiert oder ärgerlich zu sein. Im Gegenteil. Sich jemandem anzuvertrauen, würde vielleicht auch ihr mehr Klarheit über die Situation, in der sie sich befand, schaffen. Aha, sie errötet ein wenig. Alles klar. Er hatte verdammt richtig getippt. Betty setzt sich auf seine Schreibtischkante und verschränkt ihre Finger ineinander. „Wenn Sie ein paar Minuten Zeit für mich haben, dann will ich Ihnen ein Geheimnis anvertrauen, Paul.“ Da war er wieder dieser Unterton, in dem mehr als ihre übliche Gelassenheit mitschwang. Was war es? Erwartung? Freude? Oder noch mehr?

Als sie ihm nach und nach diese unglaubliche Geschichte anvertraut, die ihr widerfahren ist, fühlt er, dass sich etwas in ihm verkrampft und er dabei war, sie, die er nie besessen hatte, kein Fünkchen ihres Herzens, ganz zu verlieren. Jede Hoffnung darauf, dass sich jemals etwas an ihrem Verhältnis zueinander positiv verändern könnte, oder vertiefen. Er fühlte es, weil er mehr für sie empfand als nur Freundschaft oder Zuneigung, doch das würde sie nie erfahren. Sie war dabei sich in etwas zu verrennen, obwohl sie keine Wort von Plänen oder Hoffnungen mit diesem unbekannten Mann, auf den der Zugriff der Justiz wartete, Preis gegeben hatte. Und wenn er ihr jetzt sagte, was er davon hielt, und dass sie sich seiner Meinung nach ein bisschen zuviel engagierte, dann hatte er sie in diesem Moment ganz verloren, also schwieg er.

„Ist es nicht unglaublich, Paul“, endet sie ihre Erzählung. „Ich pendle seit guten zwei Wochen zwischen Labor und Hospital, und es verschafft mir ein großes Gefühl von Befriedigung, das zu tun. Es ist, als hätte ich ein Leben lang darauf gewartet, dass mir so etwas passiert!“ „Jemanden das Leben zu retten?“ fragt er bewusst naiv, denn ihm ist klar, dass sie sich über ihre Gefühle noch nicht im Klaren ist. Doch das würde nicht mehr lange dauern und sie musste sich selbst eingestehen, dass sie mehr für den Unbekannten empfand als nur Mitgefühl. Sie zögert. „Ja, wahrscheinlich! Was sonst? Oder glauben Sie an eine Bestimmung, ein vorgezeichnetes Schicksal?“ Er erwidert aufmerksam ihren in sich gekehrten Blick. Als Wissenschaftler lässt er sich nicht hinreißen, an diese Träumereien zu glauben. „Betty“, erwidert er eindringlich. „Sie haben das Zeug und die Möglichkeit viele Leben zu retten, davon bin ich überzeugt. Vielleicht nicht auf die spektakuläre Weise wie in diesem Fall, aber durch ihre wertvolle Forschungsarbeit. Das nenne ich Bestimmung! Gepaart mit Ihrer Begabung und Wissen. Die Auswertungen vieler ihrer Versuche sind bereits im pharmazeutischen Bereich auf dem Markt, Sie wissen das doch besser als ich! Sie sind ein wertvoller Mensch für uns alle, es scheint Ihnen jedoch gar nicht richtig bewusst zu sein.“ Seine Worte verschaffen ihr Unbehagen. Ihre angeborene Bescheidenheit lässt derartige, auch ernst gemeinte Komplimente an ihr abprallen.

„Ich bin nichts Besonderes, Paul“, versucht sie verlegen einzuwenden. „Aber bei Colin O’Brien habe ich das Gefühl, etwas Besonderes geleistet zu haben, wenn auch nur zufällig oder unwissentlich. Stellen Sie sich doch vor, der einzig Überlebende in dieser tragischen Geschichte, die so vielen Menschen das Leben gekostet hatte!“

Er nickt zustimmend. „Ich verstehe das, Betty, und es ist auch bei mir gut aufgehoben, das wissen Sie, sonst hätten Sie mir kaum etwas davon gesagt. Aber die Blutspur wird diesen Mann auch weiterhin verfolgen, das ist unvermeidlich!“

Ihr Gesicht verdunkelt sich. „Dafür gibt es keinerlei Begründung. Er fürchtet das Gefängnis!“ „Wer tut das nicht“, entgegnet er lakonisch, und riskiert weiter, sie zu brüskieren. „Sie haben Ihr Möglichstes getan. Nehmen Sie seinen Rat und den der Polizei an. Halten Sie sich fern von ihm, sonst wird sein Schicksal auch in der Folge ihr Leben verdunkeln oder es zumindest negativ beeinflussen“, - ‚auch wenn er es kurzzeitig versüßen wird, der Fall ist unabänderlich und der Nachgeschmack mehr als Gallenbitter’, denkt er bei sich und beobachtet ihre Reaktion auf seine Worte. „Ich weiß, Sie meinen es gut mit mir, Paul. Und ich bin Ihnen auch dankbar dafür. Aber ich will Colin noch ein wenig beistehen. Ich könnte ihn dann eventuell im Gefängnis besuchen, es gibt da ja geregelte Besuchszeiten, und...“

„Und?“, fragt er schärfer als gewollt, als sie nicht mehr weiter weiß. „Und Sie glauben allen Ernstes, das könnte ihr Leben ausfüllen, einmal wöchentlich vor den Toren einer Haftanstalt zu stehen und sein Dasein darauf auszurichten, ein paar Worte durch eine Glasscheibe mit einem Mann zu wechseln, den sie erst seit ein paar Tagen kennen, und der eine mehr als zweifelhafte Vergangenheit hinter sich hat?“

„Er ist da hinein gerutscht...“ versucht sie schwach seine Verteidigung zu übernehmen, weil sie um den Wahrheitsgehalt der Sache weiß. „ Ja“, gibt er zu, „ja, natürlich, aber nicht unschuldig. Wenn dieser Mann Ihnen sagt, Sie sollten sich von ihm fernhalten, dann ist ihm das hoch anzurechnen und sie sollten seinen Rat und auch den meinen befolgen, Betty. Das ist nicht ihre Welt, nicht ihr Problem und sie haben getan, was in ihrer Macht stand. Ziehen sie einen Schlussstrich, rasch, bevor es zu spät ist.“

„Er braucht mich“, kommt es trotzig zurück. Paul Meyers weiß, dass er einen gefährlichen Weg einschlägt, so mit ihr zu sprechen. Aber er kann nicht tatenlos zusehen, wie sie sich in eine ausweglose Sache verrannte, dafür bedeutete sie ihm zuviel! Er legt eine seiner gepflegten Hände auf ihren Arm. „Nein“, sagt er eindringlich, „Sie wissen, dass es nicht stimmt, Betty. Er braucht sie nicht. Sie brauchen ihn, wie es scheint, und das ist es, was mich beunruhigt! Bitte denken Sie darüber nach! Sie sind überdurchschnittlich intelligent. Keine Narrheiten, Betty bitte!“

Sie war aufgestanden und er ebenfalls. Sie stehen einander gegenüber und sie blickt zu dem großen Mann auf, von dem sie wusste, dass er sie verstand. Ihr Freund, ihr Vertrauter, der ihr auch nicht helfen konnte, weil es zu spät war. „Was soll ich tun?“ fragt sie leise und es bricht ihm das Herz, weil ihre schönen Augen in Tränen schwimmen und er ihr nicht helfen kann. Er legt schützend seine Arme um ihre Schultern und sie bettet ihren Kopf an seine Brust. „Stark sein, Betty“, sagt er leise und atmet den Duft ihres weichen Haares ein. „Stark sein und klug!“ Er will ihr noch sagen, dass sie immer auf ihn zählen konnte, aber das wusste sie ja, und es wäre vielleicht ein Wort zuviel gewesen.

 

Sie hilft ihm bei seinen ersten Gehversuchen, stützt seinen kräftigen Körper, der während seines erbärmlichen Gesundheitszustands an Masse kaum viel verloren hat, und versorgt ihn mit Zigaretten, die er heimlich am offenen Fenster raucht. Er hatte ihr nie wieder geraten, ihn zu vergessen und einfach nicht mehr zu kommen. Gewohnheit war eine verdammt heimtückische Sache. Irgendwann wurde sie unentbehrlich für ihn, das Verbindungsglied zum Leben, das da draußen ohne ihn stattfand. Er war ungeduldig, wenn sie zu spät dran war und bedauerte, wenn sie ging. Ihre Gegenwart verhinderte es, dass er zu sehr an das Später dachte, an die graue Zukunft, die ungewiss vor ihm lag. Er hatte noch nie zuvor eingesessen, trotzdem nicht alle seine Handlungen legaler Art waren, hatte er es doch jedes Mal geschickt verstanden, sich aus der einen oder anderen Affäre unbeschadet heraus zu manövrieren. Als sein Gesundheitszustand so gut wie wieder hergestellt ist, waren einige Wochen vergangen. Er ist nicht überrascht, als er von seiner Überstellung in Untersuchungshaft erfährt. Ein Wochenende sollte er sich noch hier ausrasten können, dann wurde er von hier weg gebracht werden.

Sie ist bedrückt und er wortkarg. Es gab auch nicht viel zu sagen. Die Dinge waren unabänderlich und er konnte nur hoffen, dass man nicht allzu streng mit ihm ins Gericht gehen würde. Allein die U-Haft konnte sich viele Monate lang dahin ziehen.

„Ich besorge Dir einen guten Anwalt“, verspricht sie in vertrautem Ton. Er lehnt an der Wand neben dem Fenster und inhaliert den Rauch seiner Zigarette. „Ich werde den besten auftreiben, der sich mit solchen Fällen auskennt!“

Er blickt sie durch den Rauch hindurch an. „Ein Pflichtverteidiger tut es auch“, wendet er ein. Sie schüttelt den Kopf und eine fast verblasste Erinnerung steigt in ihm auf. „Würdest Du etwas für mich tun, Betty?“ ‚Alles’, hätte sie am Liebsten gerufen, und sich in seine Arme geworfen, doch sie nickt nur und wartet auf seine Ausführungen. „Ich habe im Haus meines Vaters etwas verborgen, das ich unbedingt benötige, um mit halbwegs heiler Haut aus dieser Scheißsituation heraus zu kommen.“ Sie betet, dass es keine Waffe war, die er dort versteckt hatte und nun von ihr einforderte.

„In meinem ehemaligen Zimmer gibt es ein Versteck, das ich als Junge eingerichtet hatte. Ich sammelte dort die verrücktesten Dinge, wie jeder Junge das so tut. Käfer, mumifizierte Eidechsen und den einen oder anderen Dollar, den mir Dad zugesteckt hat.“ Seine hellen Augen blicken durch sie hindurch, konzentrieren sich auf die Erinnerung, die schon eine Weile zurückliegen musste. Er erklärt ihr, wo die Latten der Holzverkleideten Wand unterhalb seines Bettes locker waren und wie man sie leicht entfernen konnte. „Dahinter befindet sich ein Hohlraum. Du steckst einfach die Hand hinein und nimmst das Bündel, das sich darin befindet, an Dich. Pass aber auf, dass niemand in der Nähe ist oder Dich dabei beobachtet. Es ist unwahrscheinlich, die Farm liegt weit von jeder Nachbarschaft entfernt, aber man weiß ja nie, wer sich in der Gegend herum treibt. Wie Du wahrscheinlich richtig vermutest, habe ich das übrig gebliebene Geld aus den Überfällen dort verwahrt“.  Sein Blick ruht abwartend auf ihr. „Banken sind versichert“, meint er in überzeugendem Tonfall und streichelt ihre Hand dabei. „Ich nehme nicht wirklich jemandem etwas weg, aber es hilft mir ein neues Leben aufzubauen. Ein Leben, in dem ich alles richtig machen werde, Betty.“ Sie ist ein wenig blass um die Nase geworden, das kann er sehen. Es ist ungeheuerlich, was er von ihr verlangte. Sie sollte eine strafbare Handlung für ihn tun, die sie unweigerlich zu seiner Komplizin machte. Aber sie war seine einzige Hoffnung. Es missfällt ihm, sich ihrer Verliebtheit für ihn zu bedienen, aber er klammert sich daran, wie ein Schiffbrüchiger an ein kleines Stück Holz, das in der Weite des Ozeans treibt. „Würdest Du das für mich tun, Betty? Dorthin fahren und das Geld für mich holen?“

„Aber ich übernehme doch die Kosten für den Anwalt“, entgegnet sie, schwach unter seinem eindringlichen Blick. Er lächelt abwehrend und schüttelt den Kopf. „Darum geht es nicht. Mir bleiben nur mehr wenige Stunden, dann kommen sie mich holen. Wenn ich dieses Hospital erst einmal verlassen habe, gibt es keine Aussicht auf Freiheit oder Gerechtigkeit. Die Medien werden spitz kriegen, was da abläuft und mich in der Luft zerreißen. Sie werden mich jagen, von allen Seiten aus. Und dann werden die Räder der Justiz mich langsam aber unaufhaltsam zermalmen, machen wir uns doch nichts vor. Du weißt es, ich weiß es.“

„Aber“, entgegnet sie ein wenig aus der Fassung gebracht, „ich werde danach trachten, dass man Dir einen fairen Prozess macht!“ Er schüttelt den Kopf. „Gibt es denn so etwas? Einen fairen Prozess? Du weißt nicht, wovon Du sprichst, Mädchen! So wie ich das sehe, ist das Urteil über mich längst gefällt worden. Ich habe nicht vor, tatenlos abzuwarten, dass sie aus mir einen Sündenbock machen, nur weil ich der einzige bin, den man noch bestrafen kann! Oder hast Du mein beschissenes Leben gerettet, damit man mir das antut? Dann wäre es besser gewesen, Du hättest mich so liegen gelassen, wie Du mich gefunden hast! Und das meine ich ernst! Hilf mir, Betty! Den Rest erledige ich, aber ich brauche das Geld, um von hier weg zu kommen, verstehst Du? “ Er hat ihre Arme gepackt und sein beschwörender Blick bohrt sich in ihre Seele, ihr Bewusstsein mit der Kraft seiner männlichen Ausstrahlung, die sich in ihr festsetzt, sodass sie nur mehr zustimmend nicken kann.

„Ja, natürlich,“ sagt sie fast mechanisch. „Ich tue das für Dich. Ich fahr’ gleich los, wenn Du mir sagst, wohin.“ Es stand ihr nicht zu, ihn vom Gegenteil zu überzeugen, damit er dann in einer Gefängniszelle verrottete. Es ging um sein Leben und das bedeutete ihr viel, zuviel.

Er küsst dankbar ihre Stirn und sie schließt die Augen dabei, wünscht, er könnte sie ganz in die Arme nehmen, weil sie von Sinnen ist und unaufhaltsam vom Sog seiner Macht über sie abwärts gezogen wird. Als hätte er ihre Gedanken gelesen, zieht er sie vorsichtig an seine Brust, küsst zärtlich ihre Lippen, und dass, was sie als Inbrunst auslegt, ist Dankbarkeit und Erleichterung. Dann gibt er sie frei und der Hoffnungsschimmer in seinen ausdrucksvollen, grünen Augen schenkt ihr Kraft und Zuversicht, als sie seinen Ausführungen lauscht, der Beschreibung der Route und den Ermahnungen, die er vom Stapel lässt.

 

Sie erreicht die Farm nach guten drei Stunden Fahrtzeit. Ihre Abwesenheit würde keinem auffallen, an diesem Sonnabend. Es dämmert bereits, als sie das einsame Gebäude vor sich auftauchen sieht. Das Windrad, unweit davon, dreht sich quietschend und stetig im Abendwind. Die ganze Szenerie hat etwas Gespenstisches an sich. Die Stille ist bedrückend. Als würde der Tod selbst in dieser kargen Gegend sein Quartier aufgeschlagen haben. Aber sie ist Realistin, die nicht an Geister glaubt, nur an Fakten. Und Fakt ist, dass die Zeit drängt und Colin mit ihrer Hilfe rechnet. Als sie unter der polizeilichen Absperrung durchschlüpft und einen halbgeöffneten Fensterladen findet, durch den sie ins Haus einsteigen kann, atmet sie auf. Die Brechstange im Fond ihres Wagens würde sie also nicht benötigen. Sie wusste nicht einmal, wie man mit einem solchen Ding umging. Der Strahl ihrer Taschenlampe sucht seinen Weg über die einfachen Möbeln der Küche. Über einer kleinen Ansammlung schmutziger Teller und Tassen summen ein paar Fliegen. Es riecht scheußlich hier. An der Wand entdeckt sie eine Vielzahl von Polaroidfotos. Eng wurden sie nacheinander an die Wand geheftet. Alles Mögliche geben sie wider. Die meisten Aufnahmen sind von der Farm gemacht worden, Felder, dürres Gras. Als sie Colin erblickt, wie er ihr mit seinem unwiderstehlichem Grinsen entgegen sieht, schlägt ihr Herz ein wenig rascher. An seiner Seite die zarte Gestalt der kleinen Japanerin mit dem blond gefärbtem Haar. Wie sie ihn ansah! Wie einen Gott! Aber man konnte es ihr nicht verübeln, schließlich war sie sogar für ihn gestorben. Eine Tatsache, die sie vor wenigen Wochen noch nicht verstanden hätte... Sie verscheucht die melodramatischen Gedanken, nimmt ein paar Bilder von der Wand und steckt sie ein. Sie durchstreift einen Korridor, öffnet die Türen zu den Zimmern und als sie das von Colin gefunden hat, macht sie sich an die Arbeit. Das Bett von der Wand zu rücken, bereitet ihr keine Mühe, und komplikationslos findet sie die losen Bretter und das Versteck, das dahinter liegt. Sie nimmt die Plastiktüte mit dem Geld an sich, ohne einen Blick hinein zu werfen. So kann sie sich immer noch sagen, wenn auch ohne jede Überzeugung, dass sie nicht wusste, was sich darin befand. Ein jähes Geräusch lässt sie erschreckt herumfahren. Die gelben Augen einer Katze blicken sie ebenso entgeistert an, wie die ihren das aufgescheuchte Tier. Ein Fauchen, ein Sprung und die Katze ist irgendwo in einem der dunklen Winkeln des Hauses verschwunden. Sicher gab es hier genug zu jagen für den Landstreicher. Ihre Nerven liegen nun doch ein wenig blank und sie beeilt sich, diese Stätte, die nur mehr den Geistern der Erinnerung als Unterschlupf diente, so schnell wie nur möglich und unbeschadet zu verlassen. Erst als sie sicher im Fond ihres Wagens sitzt, kann sie aufatmen. Den Beutel hat sie unter ihrem Sitz verstaut, samt den Fotos, und sie macht in einer aufwirbelnden Staubwolke kehrt und schlägt den weiten Weg zurück in die Stadt ein. Ihr Verstand hatte schon seit langer Zeit aufgehört zu arbeiten, und was sie vorwärts treibt, ist einzig und allein die Besessenheit, ihm zu gefallen.

 

Es ist nachts, als sie sich ins Zimmer ihres Schützlings schleicht, sie war niemandem unterwegs begegnet. Am Wochenende hatte nur ein Minimum des Personals Dienst und das war ihr heute von Vorteil. Der Polizist schlummerte an die Wand gelehnt, vor sich hin. Sie kann sogar ein leises Schnarchen aus seiner Richtung vernehmen. Lautlos schlüpft sie ins Zimmer, in dem Colin wach auf seinem Bett liegt und auf sie gewartet hatte. Sein Lächeln wiegt alle Besorgnis, alle Angst, die sie unterwegs ausgestanden hatte auf. Als sie auf seiner Bettkante sitzt und seinem Plan lauscht, fühlt sie fiebernd, dass auch sie längst daran gedacht hatte, Colin zur Flucht zu verhelfen. Ihr Blick hängt an seinem gefällig geschwungenem Mund, den ausdrucksvollen, magnetischen Augen, den breiten Schultern und dem kräftigen Nacken des Mannes, während er sie komplett auf seine Seite zieht, seine Interessen zu den ihren macht und ihr mit einfachen Worten seine Pläne mitteilt, für die er ihre Hilfe nötig hatte. Sie lässt sich neben ihn gleiten, während er einen Arm um ihre Schultern legt. Sie prägt sich gebannt seine Anordnungen ein und küsst ihn zart auf die Lippen, als er seine Ausführungen beendet hat. ‚Wie weich sie ist’, denkt der Mann und lässt zu, dass ihre Küsse fordernder werden und sich ihre Zunge zwischen seine Lippen drängt. Ein schmerzhafter Gedanke an Midori durchflutet ihn, doch sie legt seinen Laut als Liebesseufzer aus.  Ermutigt lässt sie ihre Hände über seinen Körper wandern, der darauf sofort reagiert. Ein Mann, der nichts anderes zu tun hatte, als den Tag über zu ruhen und zu denken, war mehr als bereit, sich den Zärtlichkeiten einer willigen Frau hinzugeben. Er hätte es nie gewagt, sie zu diesen Spielchen zu verführen, doch spürt er, dass es ihr Wunsch ist, ihm nahe zu sein. Er fühlt, wie sehr sie ihn brauchte und wollte. Anfängliche Bedenken schwinden dahin wie Schäfchenwolken am Sommerhimmel. Sie fürchtet um seine Verletzung, doch er bringt sie in die richtige Position, die es ihm ermöglicht, sie zu lieben, ohne dabei selbst Schmerz zu empfinden.  Sanft drängend rollt er sie zur Seite und presst sich an sie. Seine geübten Hände machen sie bereit dafür, ihn aufzunehmen und sie presst ihr Gesicht in sein Kissen, um nicht lustvoll aufzustöhnen, als er vorsichtig in sie eindringt.   Sie waren ungestört, die Nachtschwester schlief irgendwo auf ihrem Lager und würde nur kommen, wenn man nach ihr rief.  Seine Hände liebkosen ihren Bauch, ihre zarte Haut unterhalb des Nabels, seine Schenkel pressen sich an die ihren, während sie gemeinsam einem beglückenden Liebesspiel frönen, das sie nicht geplant hatten und einfach passiert ist. Als sie beide gleichzeitig und heftig ihr lustvolles Ziel erreichen, wird Betty bewusst, dass sie ihr Leben lang auf einen Mann wie Colin gewartet hatte. Ihr Liebesakt war ein Beweis mehr, und sie bleibt zitternd in seinen Armen liegen, bis die erste Nachtigall draußen ihr süßes Lied zu trällern beginnt. Als sie ihn verlässt, weil sich der Beamte vor der Tür auf die Suche nach einem Kaffeeautomaten begibt, ist ihr Bedauern mit der Hoffnung gepaart, dass sie bald für immer vereint sein würden. Sie verlässt das Gebäude ungesehen, und fährt keineswegs nachhause, sondern fährt aus der Stadt, macht sich auf den Weg zu Dr. Meyers Wohnsitz. Verborgen unter Bäumen verbringt sie die kurze Zeit, bis der Morgen vollends erwacht, in ihrem Wagen, fröstelnd und doch erfüllt von einer erwartungsvollen Süße, die vollends ihr ganzes Sein durchzieht, ihre Intelligenz vernebelt und ihre Sinne belebt.

Als sie fast einschläft, schreckt sie hoch, und stellt mit Schrecken fest, dass sie ihren Boss beinahe verpasst hätte. Der große Mann fährt eben seinen Wagen aus der Garage und scheint bereits etwas für diesen Sonntagmorgen vor zu haben. Sie erinnert sich, dass er einem Golfclub angehörte und seinem Vergnügen dort sicher auch heute frönen wollte. Sie startet ihre alte Kiste und schneidet ihm kurzerhand den Weg ab. Der völlig überraschte Wissenschaftler bremst seine Limousine jäh ab und starrt ihr fassungslos entgegen, wie sie mit aufgelöstem Haar, und vom Schlaf verquollenen Augen aus dem Wagen stürzt, geradewegs auf ihn zu. Sie sieht furchtbar aus und strahlt trotzdem wie von einem inneren Licht beseelt.

„Ich brauche Ihre Hilfe, Paul“, sind die Worte ihrer hastigen Begrüßung, und als er langsam aus dem Wagen steigt und vor ihr die Treppe zu seiner Veranda hoch geht, ist ihm klar, dass es sich um ein außergewöhnliches Anliegen handeln musste, das sie hierher getrieben hatte, um sich an ihn zu wenden. Als er ihr wortlos eine Tasse frischen Kaffees hinstellt und sie in dem Korbsessel der kleinen Empfangshalle sitzt, verspürt er eine ungeheure Wut auf den unbekannten Mann, der aus dieser kühlen, überlegenen Frau eine vollkommen verblendende, hingebungsvolle Komplizin gemacht hatte, denn diese Annahme wurde Minuten später durch ihre eigenen Worten bestätigt.

Er hatte ihrer Bitte gelauscht und sie dabei kein einziges Mal unterbrochen. Seinen Ratschlag schien sie vergessen zu haben. Ihre Augen flehen, ihre Lippen beben, weil sie seine negative Antwort fürchtet und seine Seele zieht sich, angesichts dessen, schmerzerfüllt zusammen. Es hatte keinen Sinn zu versuchen, sie zu verachten oder überreden zu wollen, es sich anders zu überlegen. Und es hatte noch weniger Sinn, sich selbst einreden zu wollen, dass ihm diese Frau egal war und er sie aus dem Haus schmeißen sollte, ja, vielleicht sogar die Polizei verständigen müsste. Zu ihrem eigenen Besten. Es hatte alles keinen Sinn. Er konnte ihr die Hilfe, um die sie ihn bat, verweigern. Natürlich. Eventuell auf diese Art seine eigene Haut retten, denn es war ungeheuerlich, was sie von ihm forderte. Wie konnte sie nur annehmen, er ließe sich auf dieses Spielchen ein, das dieser Kerl sich da ausgedacht hatte? Auf was hinauf? Sie war weder seine Geliebte, noch eine besonders nahe Freundin gewesen. Sie war seine Angestellte, die er schätzte und verehrte, mehr nicht. Von seinen Gefühlen zu ihr, konnte sie nichts ahnen, er war diskret geblieben und sie die Ahnungslose, Coole. Sie war unverschämt, verrückt und hypnotisiert von einem Verbrecher und Mörder! Und sie scheute sich nicht davor, ihn selbst, den angesehenen Forscher, der bisher ein geruhsames, anständiges Leben geführt hatte, für ihre wahnwitzigen Pläne und die des Unbekannten zu opfern. Eine Welle von Wut überkommt ihn und sie kann sehen, wie er mit sich kämpft. Sie hört, wie er seine Kiefer zusammenpresst und mit den Zähnen knirscht. Er macht ihr Angst, sie steht auf, schnell, eilig, wirft dabei die Tasse um, die klirrend am steinernen Fliesenboden zerschellt. Keiner der beiden achtet darauf. Seine Augen verbieten ihr, sich zu rühren und kraftlos, erschöpft von den anstrengenden Stunden der letzten Nacht, lässt sie sich wieder in den tiefen Stuhl fallen, zieht den Kopf ein und harrt seiner niederschmetternden Worte, die sie zu erwarten hat. Sie hatte ihn enttäuscht, doch das zählte nicht mehr. Sie war auch nur ein Mensch, eine Frau und hatte ein Recht auf Gefühle dieser Art.

„Warum ich?“ fragt er mit gepresster Stimme. „Warum kommen Sie ausgerechnet zu mir, Betty?“ „Ich habe wenig Freunde...“ erklärt sie leise und zaghaft. „ Ich hatte immer den Eindruck, Sie würden mich verstehen, Paul. Ich glaubte zu wissen, dass ich Ihnen etwas bedeutete...“

Eine steile Falte entsteht zwischen seinen Augen, als er zurück schnaubt: „Wenn Sie das gewusst haben, Betty, dann finde ich es überaus anmaßend, meine menschlichen, tiefen Regungen Ihnen gegenüber für eine so ungeheuerliche Tat ausnutzen zu wollen! Ich hätte Ihnen mehr Charakter zugetraut!“

Seine Verachtung prasselt auf sie nieder, doch kann sie kaum verletzen. Sie hat längst den Punkt überschritten, an dem sie sich noch Sorgen um sich selbst machte.

„Wenn es um einen Bruder ginge, einen Freund! Aber nein! Einem unbekannten Mörder soll ich zur Flucht verhelfen, ihn bei mir verstecken, bis der günstigste Moment gekommen ist, wo er sich aus dem Staub macht, möglicherweise mit meiner besten Assistentin, die ich je hatte! Ich müsste vollkommen wahnsinnig sein, dem zuzustimmen! Sie selbst sind verrückt, etwas Derartiges von mir zu verlangen! Wofür halten Sie mich eigentlich, Betty Winkler? Für einen verknallten Studenten, der sich ihrer schönen Augen wegen vom höchsten Turm stürzt, obwohl er weiß, dass er nicht fliegen kann?“

Sie hatte damit gerechnet, dass er so reagieren würde. Vielleicht nicht ganz so heftig, aber doch so ähnlich. Sogar befürchtet, dass er sie gleich aus seinem Haus warf, sobald sie auch nur die Andeutung eines Fluchtversuchs auszusprechen wagte. Aber die Sache war es wert gewesen, es zu versuchen. Langsam steht sie nun doch auf. „Dann ziehe ich es alleine durch! Sie halten mich nicht auf, niemand kann das! Es tut mir leid, Paul, ich wollte Sie nicht verärgern oder gar verletzen! Bitte vergessen Sie unser Gespräch!“ Sie hat bereits ihre Hand auf die Klinke seiner Eingangstür gelegt, als sie sich nochmals zu ihm umdreht und mit klarer, entschlossener Stimme hinzufügt: „Ich werde ihn begleiten. Nehmen Sie meine Kündigung hiermit an, Paul. Es war eine schöne Zeit mit Ihnen, leben Sie wohl und danke für die letzten Jahre der loyalen Zusammenarbeit!“

Wie konnte sie nur von loyal sprechen? Sie war es nicht, obwohl er es immer geglaubt hatte! Sein verzweifelter Ruf erreicht sie, als sie bereits in den Wagen steigen will. Er war wie gelähmt dagestanden und versuchte sich einzureden, dass er im falschen Film war. Sein Blick umfasst ihre schlanke Gestalt, das lange, unfrisierte Haar und den gestrafften Rücken, den Ausdruck ihrer Entschlossenheit. „Betty!“ Sie verhält ihren Schritt, die Hand bereits auf dem geöffneten Wagenschlag.

„Wir reden darüber. Kommen Sie ins Haus zurück!“ Es klingt wie ein Befehl, nicht wie eine Bitte, und sie folgt dieser letzten Hoffnung auf Hilfe, mechanisch wie eine aufgezogene Puppe.

Er würde tun, was sie von ihm verlangte. Er tat es für sie, für wen sonst? Als sie den Plan, den sie sich zu Recht gelegt hatte, vor ihm ausbreitete, war ihm vollkommen bewusst, dass er ebenfalls eine ideale Spielfigur für Colin O’Briens Theaterstück abgab. Niemand zwang ihn dazu, er half ihr aus freiwilligen Stücken gegen das Gesetz zu handeln und ihr den Weg in die Freiheit zu ebnen, mit einem Mann, der ihm die Frau nahm, die er seit langem liebte. Als er sie genötigt hatte, sich ein paar Stunden hinzulegen, saß er neben der Couch, auf der sie ruhte und lauschte ihren unruhigen Atemzügen. Sie hätten ein gutes Team werden können. In jeder Weise. Beruflich und privat. Sie waren sich so ähnlich in Ansichten und Ambitionen, dass es ihn manchmal erschreckt hatte. Auch wenn sie jünger als er selbst war, sie erschien ihm immer reifer und gesetzter als Frauen ihres Alters es für gewöhnlich waren. Sie liebte die Einsamkeit der Natur, die Forschung, wie er selbst. Er hatte sich getäuscht. Es hatte genügt, dass ein gut aussehender (von der Annahme ging er aus), redegewandter Mann daher kam, dessen Ausstrahlung nicht zuletzt mit Gefährlichkeit und einem unsinnigen Mut dem Gesetz trotzen zu wollen gewürzt war, und sie wurde schwach und dumm, wie die meisten Frauen angesichts eines potenten Männchens. Paul Meyers fährt sich über die Augen als könne er die Bitterkeit, die sich seiner bemächtigt, so aus seinem Kopfe streichen.

Er würde ihr helfen Colin O’Brien die Flucht zu ermöglichen. Aber sie ließ er nicht gehen! Er würde nicht zulassen, dass sie ihre brillante Zukunft, ihr Leben für einen Mann dieser Art aufgab und sich mit offenen Armen ins Verderben stürzte. So verrückt war er nun auch wieder nicht! O’Brien hatte keine Wahl. Wenn er Betty wollte, dann musste er auf seine Freiheit verzichten. Er kann sich bereits gut vorstellen, wie die Entscheidung des Mannes lauten würde...!

 

*****

 

Als Betty am späten Nachmittag einen Kollaps vortäuscht und somit die Aufmerksamkeit der Dienst habenden Schwester, wie auch des Beamten, dem sie ja bereits gut vertraut ist, auf sich lenkt, gelingt es Meyers, unbemerkt ins Zimmer des zur Flucht entschlossenen Mannes zu gelangen, wo der bereits auf ihn wartet und fertig angezogen unruhig auf und ab geht.  Paul Meyers steht dem Mann gegenüber, der Betty, seine Betty, verrückt gemacht hatte. Die beiden Männer waren etwa gleich groß, aber natürlich ist O’Brien um einiges jünger als er selbst. Er muss sich eingestehen, dass der Mann etwas an sich hatte, das selbst auf ihn faszinierend wirkte. Er hatte erwartet, einen brutalen Kerl, der über Leichen ging, anzutreffen. Frauen standen auf Gangstertypen, das lag in ihrer Natur, hatte etwas mit der Steinzeitepoche des ‚Jägers’ zu tun!  Nicht alle, aber doch viele von ihnen. Doch mit Erstaunen stellt er fest, dass O’Brien mit seinem markanten, aber keinesfalls von schlechtem Lebenswandel gezeichneten Gesicht, einer verletzlichen Mundpartie und durchdringenden, nicht unintelligenten, hellen Augen alles andere aussah wie ein Verbrecher. Vielleicht wie ein Rockstar, mit diesen lächerlichen Koteletten, dem zurück gekämmten, perfekt gestyltem Haarschnitt, oder ein Trucker, wegen der ungewöhnlich breiten Schultern. Er wirkt eigenartig seriös in dem Hemd, das ihm Betty besorgt haben musste und den dunklen Hosen, die von einem Abendanzug herzustammen schienen. Schmale Hüften, flacher Bauch, geschmeidige Bewegungen. Natürlich musste sie auf ihn hereinfallen! Er spürt, wie seine Verbitterung ihr gegenüber zu schwinden beginnt. Der Kerl spielte seine Rolle nicht, er war so, wie er sich gab. Ein unsicheres Lächeln umspielt seinen Mund, als er seinem Helfer zunickt. Er hatte dem Tumult draußen gelauscht, den Bettys gespielter Zusammenbruch auslöste, und noch bevor sich die Aufregung legen konnte, waren die beiden Männer wortlos aus dem Zimmer, und um die Ecke des Korridors verschwunden. Sie nehmen die Treppe, um nicht weiter aufzufallen. Der sonntägliche Besucherstrom nimmt sie auf, und Colin wirkt in dem farblosen Staubmantel, den der Mann ihm wortlos gereicht hatte, wie ein Besucher unter vielen. Seite an Seite eilen sie dem Parkplatz entgegen, während Betty die Rolle ihres Lebens spielt, und als man oben, im zweiten Stock erleichtert aufatmet, weil die Ohnmächtige endlich verwirrt die Augen aufschlägt, sucht die Limousine Pauls bereits ihren Weg aus der weitläufigen Anlage der Krankenanstalt. Das schlichte „Danke“, das Colin an den Mann am Steuer richtet, bleibt das einzig gesprochene Wort zwischen den Männern, als sie sich aus der Stadt hinaus bewegen, der Freiheit entgegen, unbemerkt und unverfolgt.

Betty schlüpft inzwischen, wieder auf den Beinen, und den hilfreichen Leuten versichernd, dass es ihr wieder gut gehe, ins Zimmer, und tut so, als würde sie ihren kranken Freund besuchen. Die zusammengerollte Deckenrolle, die die Gestalt eines Schlafenden unter dem Laken vortäuschen soll, ist nur eine Sicherheitsmassnahme, die sie sich ausgedacht hatte. Es blieben drei Stunden, bis die Nachtschwester ihren Dienst antreten würde. Eine Stunde davor würde sie sich selbst auf den Weg machen. Dann war Colin bereits in Sicherheit. Sie würde dem Beamten, der vor der Tür wachte, ein freundliches Lächeln schenken und ihm eine gute Nacht wünschen.

Die Sache war noch nicht ausgestanden. Colin würde eine Zeit lang bei Paul wohnen, sich versteckt halten, bis die Polizei davon überzeugt war, dass O’Brien längst das Land verlassen haben musste. Wenn man sie selbst verhörte, so musste sie die Unwissende spielen, die Enttäuschte, die Verlassene. Und sie würde ihre Sache gut machen, so gut, dass nicht einmal dieser überhebliche Inspektor Verdacht schöpfen konnte. Ihr Leben sollte verlaufen wie immer, Laborarbeit, einsame Abende zuhause.

Bis...., nun, bis sich die Gelegenheit ergab, gemeinsam mit Colin aus dieser Stadt zu verschwinden. Was danach kam, konnte nicht anderes als ihr Glück bedeuten. An seiner Seite, in seinen Armen.

 

Die Rechnung geht auf, ganz wie sie sich das vorgestellt hatte. Sie besitzt die innere Kraft und Stärke, den unzähligen Befragungen, die darauf hinauslaufen, dass die Polizei nur darauf wartet, dass sie sich widerspricht, gewachsen zu sein. Man durchstöbert ihre Wohnung, und kann nichts finden. Nicht den kleinsten Hinweis auf O’Briens Verschwinden. Sie wird immer ruhiger, immer gelassener, immer überzeugender, bis man sie, Tage danach, endlich in Ruhe lässt. Sie hatte geweint, geklagt, bis der gute Inspektor sogar Mitleid mit ihr empfand. „Ich habe es Ihnen am ersten Tag bereits gesagt, Miss Winkler! Lassen Sie die Finger von dem Mann. Es tut mir leid, Sie daran erinnern zu müssen, aber Sie wollten ja nicht auf den Rat eines erfahrenen Polizisten hören. Aber wir schnappen uns den Burschen, keine Sorge! Und er wird von mir persönlich zu hören bekommen, was ich von ihm halte!“ Sie nickte dankbar, schien getröstet und nahm das Taschentuch, das er ihr reichte, entgegen, um sich damit die feuchten Augen abzutupfen.

 

Sie macht ihre Arbeit und tut, als bemerke sie nicht die Leute, die jeden ihrer Schritte beobachteten. Dann ist auch damit Schluss und sie atmet befreit auf. Die viel sagenden Blicke, die sie Paul während ihrer Arbeitszeit zuwirft, sind voll von Dankbarkeit und er erwidert sie gelassen, scheinbar ohne Gefühlsregung. „Er lässt sie grüssen“, raunt er ihr manchmal kurz zu und ihre leuchtenden Augen schmerzen ihn, wenn sie diese Worte in sich aufsaugt, als hinge ihr Seelenheil davon ab. So wird er zum Überbringer von zärtlichen Grüssen an ihn. Die einzige Genugtuung ist die Tatsache, dass O’Brien ihre Grüsse scheinbar gelassen hinnimmt. Mit freundlichem Nicken, nicht mehr. Er kann den Mann nicht mehr hassen, auch nicht verachten. An den langen Abenden, die sie gemeinsam in dem riesigen, einsamen Haus verbringen, erfährt er nach und nach alles aus Colins Leben. Er erfährt von den Träumen eines jungen Mannes, dem das Schicksal nicht eben mit viel Glück bedacht hatte, und die an seiner ungestümen Art, seiner Unüberlegtheit zerplatzt sind. Er lauscht den Ausführungen, die Colin emotionslos und ohne um Mitleid heischen zu wollen, über das letzte, dramatische Kapitel seines Lebens macht. Er gibt kein Urteil ab, ist nur Zuhörer und entspannt sich nach und nach, weil die Hoffnung, dass Colin nie vorhatte, Betty mit sich zu nehmen, für ihn zur Gewissheit wird. Die Behörden scheinen sich damit abzufinden, dass der Fall O’Brien abgeschlossen ist. Der Mann scheint bereits den Kontinent verlassen zu haben. Er verliert an Wichtigkeit, gerät in Vergessenheit, und man wendet sich wichtigeren, aktuellen Fällen zu.

Das Team Dr. Meyers bekommt den Eindruck, als sei mehr zwischen dem Boss und seiner Assistentin und so streift die beiden des Öfteren ein verständnisvolles Lächeln seitens der Kollegen und Mitarbeiter. Das vertraute Tuscheln in den dunklen Winkeln des Labors wird für Liebesgeplänkel gehalten, und ist der Anlass für diese Vermutungen. Das kommt ihrer gemeinsamen Sache nur zugute. So findet es auch niemand verwunderlich, wenn Dr. Meyers Betty immer öfter mit seinem Wagen mitnimmt. Es war ihr Wunsch, Colin zu sehen und trotz der Versuche des Doktors, sie von dieser Idee abzubringen, setzt sie ihren Willen durch. Sie verbringt viele Abende in der Gesellschaft der beiden Männer, kocht für sie und räumt ein bisschen auf. Die beiden scheinen ihre Familie geworden zu sein, die sie seit langem nicht mehr hatte. Doch vergeblich wartet sie darauf, mit Colin allein zu sein und von ihm zu hören, dass er damit rechne, dass sie ihn auf seiner bevorstehenden Flucht begleitete. Aber tief in sich spürt sie, dass er es will. Seine Augen konnten sie nicht täuschen, dieser intensive Blick, der sie so oft streift, scheint von dankbarer Liebe gezeichnet zu sein. Pauls wachsamer Blick entdeckt nur eines in Colins Augen: Dankbarkeit, gepaart mit einem normalen Maß von Interesse, das ein Mann für eine hübsche Frau empfinden kann. Zwischen den drei Leuten entsteht eine Art Freundschaft der gewissen Art, auch wenn es beiden Männern nicht neu ist, dass Bettys Gefühl für Colin weit über Freundschaft hinausgeht. Das ist eine unausgesprochene Tatsache. Doch sie sieht auch Paul in einem anderen Licht wie bisher. Seine große Überwindung, ihr und einem Fremden zu helfen, hat eine Art Helden aus ihm gemacht, der zur Kategorie jener gehörte, die im Verborgenen tätig waren und um so wirkungsvollere Arbeit leisten konnten, weil sie ohne den Glanz von Sieg und Glorie auskamen.

 

Es wurde Zeit, Colin los zu werden. Paul Meyers konzentriert sich auf dieses Ziel, weil er nur zu gut weiß, dass es Betty nicht gut tat, wenn sie noch länger der Anwesenheit dieses Mannes ausgeliefert war. Auch wollte er nicht, dass sich O’Brien letzten Endes doch noch in seine Retterin verliebte... Die menschliche Seele ging schließlich oft seltsame Wege...

Er verfügt über ausgezeichnete Kontakte zu den Mitgliedern seines angesehenen Golfclubs, dem er seit Jahren angehört. Dort findet er das, was er sucht. Eine Gruppe von Leuten, die eine ausgiebige Segeltour nach Tasmanien geplant hatte. Und wie der Zufall es wollte, waren sie noch auf der Suche nach einem kräftigen Mann, der sie begleitete und sich auch nicht davor scheute, selbst mit an zu packen. Er sollte die See kennen und umgänglich sein. Noch bevor er mit Colin darüber geredet hatte, ließ er verlauten, dass er da eventuell jemanden wüsste. Den Sohn eines Cousins zweiten Grades aus Neuseeland, der ihn demnächst  besuchen wollte. Die zwölf Mann starke Equipe war daran interessiert und bat darum, diesen Verwandten Dr. Meyers von dem bevorstehenden Abenteuer zu überzeugen. Er versprach, sein Möglichstes zu tun und frohlockte innerlich über diese Aussicht, die Sache positiv zu beenden. Loyal zu beenden.

Als er Colin gegenüber von den Plänen seiner Golfer erzählt, ist dieser sofort, trotz seiner zur Schau getragenen Zurückhaltung, Feuer und Flamme. Und wie sich heraus stellt, hatte er sogar kurze Zeit lang auf einem Frachter gearbeitet, der Ozean war ihm also keineswegs fremd. Fortuna war auf seiner Seite, wenn auch nicht auf jener Bettys, die noch nichts davon ahnen konnte.

„Wann?“ will Colin wissen und reibt sich, unruhig geworden, die Hände. „In zwei Wochen will man in See stechen“, lautet die Antwort. „In Tasmanien können Sie erst einmal untertauchen, die große Insel bietet genug Möglichkeiten, sich irgendwo in die Natur zu verdrücken und erst einmal in Ruhe abzuwarten. Es läuft keine offizielle Fahndung nach Ihnen und so besteht auch keinerlei Gefahr, dass man sie erkennt oder jemand auf Sie aufmerksam wird, wenn Sie sich ruhig verhalten!“ Colin nickt zustimmend. „Das ist okay! Ich werde an meinem Look basteln!“ Er streicht sich viel sagend und grinsend über seinen Bart und die sorgfältig ausrasierten Koteletten. Paul grinst zurück und macht eine abwehrende Handbewegung.

„Ich bin Ihnen zu großer Dankbarkeit verpflichtet, Paul! Und Betty natürlich auch! Ohne sie wäre ich nicht mehr am Leben.“

„Da gibt es noch etwas zu besprechen, Colin“, antwortet Paul Meyers langsam und er heftet seinen Blick in den seines Gegenübers, der ihn abwartend ansieht. „Es betrifft Betty. Und ich kann mir denken, dass Sie wissen, was ich meine.“

„Sie ist in mich verliebt,“ lautet die prompte Antwort. Paul nickt. „Das konnten Sie wohl kaum übersehen. Ich mache mir Sorgen um sie. Sie ist keine Frau mit Erfahrung. Besitzt wenig Menschenkenntnis. Männer waren für sie bisher immer nur zweitrangig, kamen weit hinter ihren beruflichen Interessen. Sie hat sich sehr verändert, seit der Sache mit Ihnen, und sie bedeutet mir sehr viel!“ Er macht eine Pause und schenkt aus der Weinflasche nach, die sie sich an diesem frühen Abend teilen. „Sie scheint zu glauben, das Schicksal hat Sie in ihre Arme gespült, damals, an dem Abend, als Sie sie verletzt aufgelesen hatte. Wie steht es um ihre Gefühle, Colin? Was haben Sie mit ihr vor?“

Colin schüttelt langsam den Kopf, als er nach dem Glas greift. „Was soll ich vorhaben? Ich schätze Betty sehr, aber unsere Wege werden sich trennen, wenn Sie mir diesen Platz auf dem Segler verschaffen können.“

„So einfach ist das für sie?“ Zweifelnd trifft Colin der Blick des Mannes, dem Betty Winkler anscheinend viel bedeutete. Er nickt entschlossen. „Ja, so einfach ist das! Unter anderen Umständen, in einem anderen Leben, zu einer anderen Zeit hätte vielleicht etwas aus uns werden können, aber in meiner Situation, wird auch sie verstehen, dass es nicht möglich ist. Nicht möglich sein kann. Die letzte Frau, die ich geliebt habe, ist tot. Gestorben durch meine Schuld.“

Paul schwächt ab. „Ich würde eher sagen, sie haben sie gerettet.“ Ein schmerzlicher Zug stiehlt sich um Colins Lippen. „Sagen wir, ich habe ihrem Tod nur ein wenig Aufschub geboten, nicht mehr. Hätte sie mich nicht getroffen, wäre Midori vielleicht zu ihrem Mann zurückgekehrt und es hätte alle diese Toten nie gegeben.“ „Daran sind sie aber nicht schuld, Colin! Sie haben schon eine verdammte Wirkung auf Frauen, das gebe ich zu!“

Colin wirft den Kopf in den Nacken und starrt zur Decke hoch. „Verdammt! Ja, das ist wohl der richtige Ausdruck. Ich will nicht, dass sich eine ähnliche Sache wiederholt. Ich brauche Abstand von alledem. Bettys Platz ist nicht an meiner Seite. Sie wird das alles vergessen, sie muss mich vergessen und ein normales, geordnetes Leben führen, so, wie sie es zuvor gelebt hatte.“

Pauls innere Anspannung, dieser eiserne Ring, der die ganze Zeit über um seine Brust lag, löst sich auf, in einem wohltuenden Gefühl von Entspannung und Erleichterung. „Sie sind ein Mann von Ehre, Colin! Das rechne ich Ihnen dreifach hoch an! Ich befürchtete schon,....“ „...dass ich sie als meine Gangsterbraut entführe, Paul?“ vervollständigt er den Satz und zwinkert dabei.

Paul lacht befreit auf. „So etwas ähnliches! Man weiß ja nie! Immerhin ist Betty eine attraktive Frau mit Charakter! Alles, was ein Mann sich nur wünschen kann!“

Colin pflichtet ihm mit verständnisvollem Blick bei. „Das ist sie ganz sicher. Daran kann ich wohl am Wenigsten zweifeln! Eben deshalb ist sie nichts für mich! Sie gehört Ihnen, Paul! Sie mag sie. Es liegt an Ihnen, ihr zu beweisen, dass Sie unentbehrlich für Betty sind!“

„Das wird nicht leicht sein“, seufzt Paul Meyers und dreht sein Glas nachdenklich in den Händen. „Sie rechnet fest damit, dass Sie ihre Liebe erwidern, Colin.“

„Was ist schon leicht, Doktor? Was ist in diesem verdammten Leben schon leicht?“ Die Männer prosten einander gegenseitig zu und trinken ihre Gläser in einem Zug leer.

 

Als die letzte Woche vor der Abreise Colin O’Briens bevor steht, fährt Paul an einem Sonntag in seinen Club, um der Seglermannschaft zu versichern, dass alles glatt ginge und auf seinen Cousin zweiten Grades Verlass wäre. Er betet darum, dass es auch so war. Sie mussten es endlich Betty sagen. Das war Colins Aufgabe und er beneidete ihn nicht darum.  Er wollte den beiden Zeit lassen, und die nötige Zweisamkeit, damit Betty sich damit abfinden konnte, dass sie nicht wiedergeliebt wurde von dem Mann ihrer Träume.

Sie hatte sich vorgenommen, etwas Besonderes für sie Drei zu kochen und kommt, mit Tüten beladen, im Haus ihres Freund und Bosses an. Ihre Laune ist auf dem Höhepunkt, wie immer, wenn sie voll Erwartung auf ein Wiedersehen mit Colin ist. Dieses Haus hat für sie große Bedeutung gewonnen. Auch Paul. Er hatte ihr schließlich den Weg für ihr Lebensglück, das den Namen Colins trug, geebnet. Sie findet ihn vor dem Fernseher sitzend. Sein Haar ist noch feucht vom Duschen, und er trägt ein ärmelloses Trikot, das sich um seinen beeindruckend muskulösen Oberkörper ein wenig spannt. Seine magisch sexuelle Ausstrahlung nimmt sie sogleich gefangen, während sie ihn liebevoll, aber auch begehrlich betrachtet.

„Hei, Betty“, lautet seine Begrüßung. Er lächelt, wie immer, wenn er sie sieht und sie küsst seine frisch rasierte Wange. Dass Paul nicht zuhause ist, erweckt die kühnsten Hoffnungen in ihr. Doch ist heute irgendetwas in Colins Gesichtsausdruck, das sie ein wenig beunruhigt. Sie kann es nicht richtig deuten, es wirkt auf sie in der Art melancholischer Nachdenklichkeit, die man empfindet, wenn man vor einem Entschluss steht, der einem nicht leicht gemacht wird. „Alles okay?“ will sie wissen und er nickt. „Mehr als Du Dir vorstellen kannst. Paul hat einen Weg gefunden, wie ich von hier abhauen kann!“

Das war es also. Er scheint beunruhigt zu sein, weil ihre endgültige Flucht bevorstand. Sie hatte gut daran getan, normal ihrer Berufstätigkeit nachzugehen, keine Wohnung aufgelöst und einfach gar nichts unternommen zu haben, um den Verdacht für ein plötzliches Verschwinden ihrerseits nicht zu erregen. Paul würde sie als krank gemeldet angeben und niemanden würde es verwundern, wenn sie erst ein paar Tage lang dem Labor fern blieb. In dieser Zeit würden sie vielleicht schon auf der anderen Seite des Globus sein. Seit langem schon wurde sie nicht mehr überwacht und Colin schienen sie auch inzwischen vergessen zu haben. Die Zeit war wie im Fluge vergangen und nun konnte sie die Früchte ihrer Bemühungen, ihrer Träume und Hoffnungen ernten. Mit ihm! Durch ihn!

„Wann geht es los?“ fragt sie atemlos und lässt sich auf das Sofa an seine Seite gleiten. „In wenigen Tagen“, lautet seine knappe Antwort, während er ein paar Falten auf seiner Stirn zieht. „Ich bin furchtbar aufgeregt“, gibt sie zu. „Wohin geht es?“ „Erst einmal nach Tasmanien. Dort sollte es vorläufig sicher sein, danach sehe ich weiter!“

Sie schmiegt ihr Gesicht an seine nackte Schulter und schlingt die Arme um seine Brust. Er macht keine Anstalten, ihre Liebkosung zu erwidern und blickt angetan in den Fernseher, um den Agrikulturnachrichten zu lauschen. Sie merkt seine Anspannung kaum. Leicht vorgebeugt, die Unterarme auf die Knie gestützt, wirkt er wie ein Raubtier kurz vor dem Sprung, doch das nimmt sie nicht wahr. Irgendwo in ihrem Kopf lauscht sie einer Melodie, die ihr Sein erfüllt, den Klängen einer Symphonie von Liebe und Glück, die keine Noten braucht.

„Betty“, beginnt er plötzlich mit ruhiger, fast tonloser Stimme, die sie in die Wirklichkeit zurück holt.  „Da ist noch etwas. Ich fahre allein!“ Seine Worte haben ihr Bewusstsein nicht ganz erreicht, doch seine scheinbare Unnahbarkeit verallgegenwärtigt ihr dann doch ganz plötzlich die Ungeheuerlichkeit seiner Worte. Er wagt nicht, sie anzublicken. „Es war nie die Rede davon gewesen, dass Du hier alles aufgibst und mir folgst! Deine Zukunft ist hier, mit Deiner Arbeit, mit Paul!“

„Mit Paul?“, stammelt sie fassungslos und hat ihn frei gegeben, als sie aufspringt und auf ihn hernieder sieht. „Das ist nicht Dein Ernst, Colin! Du erlaubst Dir einen schlechten Scherz mit mir, nicht wahr?“

„Ich würde es nicht wagen, Betty! Nicht, nach allem, was Du für mich getan hast! Aber wir haben doch beide gewusst, dass...“ „Dass was?“ will sie heftig wissen. Ihre plötzliche Blässe macht ihm zu schaffen und er blickt ihr Gesicht, das den Schrecken ihrer Enttäuschung wiedergibt, mit der Demut eines schuldbewussten Gewissens, an. Er zieht sie sanft wieder an seine Seite, hält ihre Schultern fest, und stellt sich der Schwierigkeit, sie von der Richtigkeit seines Vorhabens zu überzeugen.

„Betty“, seine sanfte, dunkle Stimme klingt traurig. „Es tut mir leid, wenn unsere Nacht in Dir falsche Hoffnungen geweckt hat. Es ist meine Schuld. Ich hätte Dich nie anfassen dürfen. Ich bin ein blödes Arschloch, und habe Deine Gefühle für mich ausgenutzt. Aber nicht in dem Sinne, dass Du mir nichts bedeutest, denn das ist falsch. Vielleicht gerade deshalb, weil Du mir so wichtig bist, mir Dein Glück wichtig ist, kann und will ich Dich nicht mit mir nehmen. Ich erspare Dir, Dich daran zu erinnern, wohin das führt, wenn eine Frau versucht mich zu lieben!“

Sie reißt sich wütend von ihm los. „Ja, erspar mir Dein Selbstmitleid und diese öden Ausreden. Es berührt mich nicht! Du versteckst Dich feige hinter Deiner Vergangenheit, die nicht das Geringste mit uns zu tun hat! Colin!“ Ihre Stimme wird beschwörend und ihre Augen sind nass von Tränen. « Ich liebe Dich, Colin! Wie kannst Du das mit Füssen treten und Dich ohne mich aus dem Staub machen wollen?“

Er hält sie erneut fest, sie versucht sich zu wehren und übergibt sich dann doch seinem Zugriff, weint haltlos an seiner Brust, während er nach den Worten sucht, die ihr Trost spenden könnten. Mit einem derartigen Gefühlsausbruch hatte er nicht gerechnet. Mit ihrer Enttäuschung, ja, mit ihrer Wut, aber nicht mit diesem Elend, das sie aus sich heraus schluchzte.

„Bitte, Liebster“, schluchzt sie. „Lass mich nicht hier! Nimm mich mit. Ich gehöre zu Dir.“ Er antwortet nicht, weil es nichts gibt, was er sagen konnte, streichelt nur ihren Rücken und lässt sie hemmungslos weinen. „Es tut mir leid, dass ich Dich enttäuscht habe, Betty!  Bitte, verzeih’ mir! Du wirst bald erkennen, dass ich Recht habe.“

Sie wird etwas ruhiger, ihr Verstand beginnt erneut zu arbeiten. Mit Tränenverschleierten Augen blickt sie zu ihm auf. „Lass mich nachkommen, Colin! Egal wohin! Ich werde kommen!“ Es fällt ihm schwer, ihrem Flehen nicht zu erliegen und er küsst sanft ihre zitternden, nassen Lippen. Sie klammert sich an seinen Hals und zwingt ihn zu einem heftigen Kuss, den er nur zögernd erwidert. Es tut ihm weh, dass sie ihre letzten Trümpfe auszuspielen versucht, um ihn seine Entscheidung widerrufen zu lassen, doch ihre Zärtlichkeit prallt nicht ganz von ihm ab, als wäre er aus Stein. Als er sie freigeben will, küsst sie überschwänglich seinen Hals, lässt ihre kleinen Hände unter sein Trikot gleiten und streichelt zärtlich seine Brust, seinen Rücken. „Bitte!“ versucht er schwach einzuwenden. „Nicht, Betty! Bitte, das macht es schwerer für uns beide. Lass uns nicht den Kopf verlieren!“

„Dazu ist es zu spät, Colin,“ flüstert sie atemlos erregt, als ihre Hände in den Bund seiner Trainingshose gleiten, um ihn willenlos zu machen, durch die gezielten Berührungen ihrer sanften Finger. Er hatte sie so noch nie zuvor erlebt. Die Verzweiflung darüber, ihn ganz zu verlieren, macht aus ihr eine Frau, die alle ihr zur Verfügung stehenden weiblichen Mitteln einsetzt, ihn zu verführen.  Sie baut darauf, setzt alles auf diese eine Karte, um ihn erkennen zu lassen, dass er nicht ohne sie leben konnte. Schwer atmend lässt er sie gewähren, überrumpelt von ihrer Wildheit und ihren Berührungen, die ihn gegen seinen Willen erregen und seinen Verstand dorthin rutschen lassen, wo sie dabei ist, ihn mit Zärtlichkeiten vergessen zu machen, dass er das nicht wollte und nicht zulassen durfte.

„Lass es uns tun“, flüstert sie, während sie ihren langen Rock hochschiebt und sich behände ihres Slips entledigt, um ihm ihren nackten, verlockenden Schoss zu offenbaren. „Nur dieses letzte Mal noch, Colin!“ Er versucht die Herrschaft über seine Sinne zu bewahren, zählt die glitzernden Kristallsteine des teueren Lusters, der über ihm schwebt und wünscht vergebens, nicht auf ihre Zärtlichkeit mit der Heftigkeit, seiner von ihr angeregten Sinne zu reagieren, mit der es tut. Er stöhnt auf, als er ihr warmes Fleisch spürt, das ihn aufnimmt, als sie sich rittlings auf ihn setzt und schließt die Augen vor unkontrollierbarer Wollust. Trotzdem er weiß, dass ihr hingebungsvolles Bemühen nichts an seinem Entschluss ändern wird, beginnt er das sanfte Wiegen ihrer Lenden auf seinem Schoss zu erwidern, hält sie fest an sich gepresst und pariert ihr Entgegenkommen mit Lustbringenden Stößen, die ihr ein leichtes Keuchen entringen. Sein Gesicht ist in ihrem langen, seidigen Haar verstrickt, an ihre Brüste gepresst, während sie ihre Finger in das Fleisch seines nackten Rückens krallt. Mit Erleichterung nimmt er bald schon ihre stöhnende Erfüllung wahr, da er keine Beherrschung mehr findet, sich selbst zurück halten zu können, und auch er lässt los und genießt die Wellen seines heftigen Höhepunktes, der nur langsam abebbt, während sie mit Genugtuung seinem verhaltenen Stöhnen lauscht, das ihre Verführung ihm entlocken konnte. Lange bleiben sie so aneinander geklammert sitzen, bis das Motorengeräusch von Pauls Wagen sie daran erinnert, dass es jemanden gab, der ihnen vertraute und es nicht ertragen würde, den Anblick ihrer ineinander verschlungenen Gestalten ansehen zu müssen.

Betty löst sich widerstrebend aus seiner Umarmung und verschwindet im Bad, während Colin versucht, seine Fassung wieder zu erlangen und einen halbwegs teilnahmslosen Blick aufzusetzen. Er zündet sich hastig eine Zigarette an und steckt seine Nase in die Morgenzeitung, die er im Postkasten fand. Er verachtet sich selbst. Als Paul das Haus betritt und ihn erwartungsvoll anblickt, nickt er mit zusammen gepressten Lippen. „Sie weiß es“, kommt es spröde über seine Lippen. „Und sie hat geweint!“ Pauls Bedauern ist dem Mann anzusehen. „Sie wird darüber hinweg kommen“, murmelt er. „Ich werde dafür sorgen!“ Colin schluckt und kann doch nichts dagegen tun, dass er sich des zweifachen Verrats schuldig fühlt. Das war eben ganz er. Leicht manövrierbar und immer bereit, den leichtesten Weg zu wählen. Es wurde Zeit, dass er diese Leute hier in Ruhe ließ.

Als sich Betty, die nichts zu sich genommen hatte, nach dem Essen mit stockenden Worten verabschiedet und Kopfschmerzen vortäuscht, besteht Paul Meyers darauf, sie nach hause zu fahren. Die Mahlzeit hatten sie in bedrückender Atmosphäre zu sich genommen. Es war Colin unmöglich gewesen, Betty auch nur mit einem Blick zu streifen und Pauls erzwungener Konversation konnte er kaum folgen. Paul tat, als merke er Bettys verheultes Gesicht nicht. Jedes Wort an sie wäre falsch gewesen. Sie musste allein damit Zu Recht kommen. Er konnte nichts für sie tun, nicht jetzt, wo sie noch so tief verletzt war. Colin O’Brien hatte Wort gehalten. Er würde allein gehen und auf Betty verzichten. Es war besser so für alle. Nicht zuletzt auch für Colin selbst. In seiner Situation musste ein Mann ungebunden sein, frei von jeder Verantwortung für andere, flexibel und dadurch die Möglichkeit haben, sich spontan zu entscheiden, wohin sein Weg ihn führte, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab. Was der Mann auch in der Vergangenheit getan haben mochte, er besaß Pauls Hochachtung.

Während der Fahrt, bittet sie ihn, einen Umweg über den Strand zu machen. „Ich brauche das Meer“, gesteht sie ihm. „Es erinnert mich daran, wie ewig es ist, wie unbesiegbar. Es gibt mir Kraft, einfach dem Tanz der Wellen zuzusehen, das hat etwas unsagbares Tröstliches an sich.“ Paul ist erleichtert, ihre Worte zu hören. Sie begann wieder vernünftig zu denken und die Weinkrämpfe, die er befürchtet hatte, bleiben aus. Sie blickte nach vorne und nicht zurück, weil sie begriffen hatte, dass die Entscheidung ihres Lebens gefallen war. Auch wenn es nicht die ihre war, auch wenn sie sich jetzt ungeliebt fühlte, das würde nicht immer so sein.

Sie gehen Seite an Seite, Kilometer weit den einsamen Sandstrand entlang, entfernen sich mehr und mehr der Stelle, an der sie Colin gefunden hatte. „Er geht ohne mich“, gesteht sie, was er schon seit langem weiß. Er bleibt stumm. Wie konnte er einer verletzten Frau begreiflich machen, dass es die beste Entscheidung für sie war? Sie musste sich verraten fühlen, benutzt. „Er wird Dich nie vergessen“, wagt Paul doch einzuflechten. „Immerhin verdankt er Dir alles.“ Sie bleibt stehen und blickt zu ihm auf. „Und Dir!“ setzt sie hinzu und in ihren Augen spiegelt sich Hochachtung und Dank wieder. Er wehrt kopfschüttelnd ab. „Ich hatte keine Wahl.“ Sie kann erkennen, wie das gemeint ist. Und sie weiß, dass er es für sie getan hat. Traurigkeit überfällt sie. Er hatte Besseres verdient. Sie hatte seine innigen Gefühle ausgenutzt und sie ringt sich ein bedauerndes Lächeln ab. „Ach, Paul! Ich würde lügen, wenn ich jetzt sagte, dass es mir leid tut! Das tut es nicht! Aber vergib mir, wenn Du kannst. Ich stehe tief in Deiner Schuld!“

„Das tust Du nicht“, wehrt er ab und fasst nach ihrer Hand, während sie langsam weiterschlendern. „Ich mag Colin und glaube nicht, dass er einen schlechten Kern hat. Er ist vielleicht ein wenig labil, aber er ist nicht verdorben.“

Sie sieht den kreisenden Möwen zu und erinnert sich daran, dass die Vögel auf sie warteten. Ihr ist, als käme sie von einer langen Reise zurück nach hause. Viel hatte sich geändert, und doch war alles beim Alten. „Ich werde mir eine andere Wohnung nehmen“, erklärt sie, während ihr Blick sich am Horizont verliert. „Ich muss raus aus der Stadt!“

„Ich könnte Dir ein paar Zimmer vermieten, wenn Du es möchtest“, wagt er ihr vorzuschlagen. „Und da ist noch etwas: man hat mir ein ungewöhnlich interessantes Angebot gemacht, einige Zeit für den Southern Ocean Workshop in Auckland, Neuseeland, zu arbeiten. Sie haben ungewöhnliche Entdeckungen dort gemacht und bitten um meine Mitarbeit. Ich würde dort Hilfe gebrauchen.“ Sie wirft ihm einen prüfenden Seitenblick zu. „Ich werde es mir überlegen.“ Er nickt zustimmend. Ihr Interesse war geweckt, Forschung war ihr Leben. Während sie an Colins letzte Umarmung zurückdenkt, bittet sie leise, aber fest entschlossen: „Lass mir ein wenig Zeit Paul. Ich brauche Zeit, bevor ich weiß, wo mein Platz ist! Vielleicht werde ich es auch nie wirklich wissen!“ Er drückt ihre Hand und spürt, dass sie auf dem besten Wege war, sich einem neuen Anfang zu öffnen. Er würde sie behutsam und ohne zu drängen dorthin führen, wo er glaubte, dass sie hin gehörte. An seine Seite.

 

Epilog

 

Als die weißen Segel sich mehr und mehr aus der Bucht entfernen, bis sie nur mehr als helle Punkte irgendwo auf der Weite des Ozeans tanzen, lässt der Druck auf ihrer Brust allmählich nach. Sie hatte den Abschied von Colin vermieden. Trotzdem jedoch heimlich das „in See stechen“ der Yacht mitverfolgt. Er wartete täglich darauf, noch einmal mit ihr sprechen zu können, ihr zu danken, sie um Verzeihung zu bitten, all das, was er ihr schuldig war, in Worte zu fassen. Sie kam nicht. So schrieb er es auf und hinterließ seine Zeilen an sie bei Paul. Sie hatte sie gelesen und sein Bild war dabei so lebhaft vor ihr entstanden, dass sie mit den Tränen zu kämpfen hatte, die sie sich verbot. Nun knüllt sie entschlossen das einfache Stück Papier in ihrer Hand zusammen und lässt es vom Wind davontragen. Es flattert ein wenig in der Luft und landet im Hafenbecken, wo es den Wellen als Spielball dient und dann rasch von ihnen davongetragen wird. Als sie ihren Blick wieder auf die verschwindenden, gesetzten Segeln werfen will, sind sie verschwunden, so, als hätte es sie nie gegeben. Mit ihnen eine Illusion, die nie etwas anderes als eine Illusion gewesen war. Als sie sich dessen bewusst wird, fühlt sie sich besser. Das Kreischen der Möwen erinnert sie an ihr Versprechen. Sie wurde gebraucht, und sie folgt dem Ruf der Natur.

 

Colin O’Brien gerät mit der Zeit in Vergessenheit. Er wird nicht mehr gesucht. Touristen erzählen manchmal begeistert von dem Naturführer, den sie angeheuert hatten, während der langen Märsche durch die Wildnis Tasmaniens. Vor allem weibliche Touristen.

 

Ende

 

    zurück zu