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DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
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Siebentes Kapitel – In den Fängen des Falken |
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„Soll das heißen, du glaubst wirklich, dass ich mich an dem Bauerntrampel vergreifen wollte?“ Ungläubig sieht er sie an und sie erwidert kalt seinen Blick. „Das soll heißen, dass du mir nichts weiter zu erklären brauchst. Du hast mich um Aufschub gebeten, den hattest du, ein ganzes Jahr lang. Nun teile ich dir meine endgültige Entscheidung mit! Ich trenne mich von dir, für immer. Wir gehen beide unserer Wege und beginnen von vorn, jeder für sich!“ Fassungslosigkeit steht ihm ins Gesicht geschrieben, dann lacht er kurz und trocken auf: „Soll das ein Scherz sein? Ich habe meine Abmachung eingehalten! Ich bin trocken und du hast versprochen, mich nicht zu verlassen!“ „Dein Erinnerungsvermögen ist ziemlich schlecht!“ entgegnet sie eisig. „Ich sagte, ich würde es mir überlegen! Nun, das habe ich!“ „Du träumst, oder du bist dabei überzuschnappen, wegen dieser blöden kleinen Nutte! Du bist wieder eheliche Beziehungen mit mir eingegangen und hast einen Sohn von mir empfangen! Unter welch fadenscheinigen Vorhaltungen willst du mich verlassen?“ „Ich brauche keine Vorhaltungen, keine Gründe, ich verlasse dich, so einfach ist das! Wenn du klug bist, dann verhältst du dich anständig und ich werde es ebenso tun und dir keinerlei finanziellen Schaden zufügen! Aber dass du nicht länger im Schloss bleiben kannst, das ist dir ja klar, denke ich! In den Staaten schien es dir gefallen zu haben. Warum gehst du nicht einfach dorthin zurück und suchst dir eine reiche Ranchertochter?“ Sie wundert sich selbst über die Kälte, die sie bei ihren Worten empfindet und dir ihr so einfach über die Lippen kommen. Noch nie hatte sie es gewagt in diesem Ton mit ihm zu sprechen. Doch Steves Eingeständnis, die Tatsache, dass er sie immer noch liebte, gaben ihr Kraft und Mut. Er kann ihr keine Angst mehr einjagen und sein drohendes Gesicht beeindruckt sie nicht im Geringsten. „Ach ja, richtig! Mein Schloss gehört ja dem Spross des Kameltreibers! Aber wenn ich gehe, dann nur mit meinem Sohn, das ist dir doch klar!“ entgegnet er höhnisch. Kein bisschen Bedauern in seiner Stimme, keine Enttäuschung, nur Wut und Hass! „Wenn du im amtlichen Geburtenbuch nachliest, wirst du feststellen müssen, dass das Kind nicht deinen Namen trägt, sondern meinen, den ich bald schon wieder annehmen werde. Denn du bist nicht der Vater dieses Kindes!“ Ihre Stimme ist ruhig und gefasst. Wie leicht kamen ihr diese Worte doch über die Lippen. „Wie?“ Entgeistert macht er einen Schritt auf sie zu. „Ich bin nicht der Vater? Natürlich bin ich der Vater! Wir haben miteinander geschlafen oder willst du das etwa auch bestreiten?“ „Dennoch bist du nicht Davids Vater, das kann ich dir beschwören und wenn du auf einen Vaterschaftstest bestehst, dann wirst du dich selbst davon überzeugen können, es ist ganz einfach, aber es ist die Tatsache! Ich denke, unsere Beziehung war seit langem beendet! Für mich jedenfalls, seit dem Tag, an dem du mich geschlagen hast! Das vergisst keine Frau!“ In ihrer Stimme klingt ein kleinwenig Triumph mit und dies stachelt seine Wut noch mehr an. „Du verdammte kleine Hure! Was hast du dir dabei gedacht! Warum willst du mich unbedingt fertig machen? Du ziehst es vor einen Bastard nach dem anderen in die Welt zu setzen und enthältst mir das Kind vor, das mir von Gesetz aus zusteht?! Weißt du, was du da tust?“ Sein Gesicht ist fahl geworden. „Ich liebe dich nicht mehr, Charly“, beschwichtigt sie ihn, „und ich stelle mir die Frage ob ich dich jemals geliebt habe! Du hast mich fasziniert, und ich war so einsam und unerfahren, aber es war nicht mehr, denke ich heute!“ „Aha, du kannst denken!“ knurrt er sarkastisch und macht einen Schritt auf sie zu. „Aber ich kann dir heute sagen, dass mir deine Liebe überhaupt nichts bedeutet! Wir sprechen hier nicht von Liebe, sondern meiner Existenz, die du mit allen Mitteln ruinieren willst! Mit diesem abgedroschenen Wort, an dem dir anscheinend so viel liegt, kann ich nichts anfangen! Nichts ist mir mehr gleichgültig als das, was du für mich empfindest, das sollte dir längst klar sein! Aber, dass du diesmal nicht so leicht davonkommst, das hättest du dir schon längst denken können und diesmal kann auch dein Vater dich nicht retten!“ Die Ruhe und Eindringlichkeit seiner Worte ängstigt sie nun doch ein klein wenig. Noch bevor sie vor ihm zurückweichen kann, hat er sie um die Taille gefasst und hält ihre beiden Hände fest, während er ihre Arme auf den Rücken dreht. Sie kann sich kaum noch rühren. „Und wenn dir das Leben deiner beiden Bastarde lieb ist, dann kommst du jetzt mit mir, ohne irgendwelche Versuche, dich gegen mich zu wehren.“ Seine starken Hände haben sie so im Griff, dass sie bei der geringsten Bewegung vor Schmerz aufschreien möchte. Sie findet keine Gelegenheit, sich zu wehren oder loszumachen. Sie schnappt nach Luft und versucht ihren Kopf zu wenden und ihn dabei anzufauchen: „Bist du verrückt, lass mich sofort los!“ Er verdreht ihren Arm ein wenig mehr und sie gibt einen klagenden Laut von sich, während ihre Knie nachzugeben drohen. Sie kann sich praktisch nicht bewegen und er schiebt sie vor sich her zur Tür. Sie ist so verblüfft, dass sie nicht einmal Anstalten zur Gegenwehr macht und er drängt sie durch die Bibliothek und die Wirtschaftsräume bis zu einer versperrten Tür, in einem der Lagerräume. Niemand begegnet ihnen unterwegs. Das Schloss scheint wie ausgestorben zu sein. Er kramt mit einer Hand nach dem Schlüssel und sie hat endlich ihre Kraft wieder gefunden und versucht, nach seinem Bein zu treten, doch sein Griff ist derart hart und unbarmherzig, dass sie nicht viel ausrichten kann. Er packt mit der zweiten Hand grob in ihr volles Haar und reißt ihren Kopf mit einem Ruck weit in den Nacken, bis sie aufstöhnt. Sie hat das Gefühl, ihre Schulter würde jeden Moment ausgerenkt werden. Er stößt sie vor sich her, die dunkle Treppe hinunter, die tief in den Keller führt, und sie versucht nicht auf die Knie zu fallen. Erst als sie unten angelangt sind und ihre Augen sich allmählich an das fahle Licht der schwachen Beleuchtung gewöhnt haben, lässt er sie los. „Du hattest das Leben einer Schlossherrin, obwohl dein bürgerliches Blut ein Schandfleck für mein Geschlecht ist. Du hattest alles, was du dir nur wünschen konntest! Aber nein, du musstest aus dem Spiel aussteigen und wieder Zicken machen! Dein Vater, dieser Emporkömmling, hat dir diese Flausen in den Kopf gesetzt! Er hat mich von Anfang an gehasst! Dein größter Fehler ist, dass du mich immer unterschätzt hast! Du und er! Ihr habt mich alle unterschätzt! Ihr haltet mich für einen degenerierten Blaublütigen, vergnügungssüchtig und geistig beschränkt. Leider wirst du nicht mehr die Gelegenheit haben die Welt darüber aufzuklären, dass dem nicht so ist. Leider, meine liebe Anja! Und spar dir deine Stimme, kein Mensch kann dich hören und den einzigen Schlüssel zum Keller besitze ich! Jetzt hast du genügend Zeit zum Nachdenken, auch wenn es dir nicht mehr viel nützen wird!“ Seine hellen, gelblichen Augen leuchten fast dämonisch, ja irrsinnig in der Dunkelheit und sein sonst schöner, sinnlicher Mund ist verzerrt und bösartig. Wortlos dreht er sich um und eilt die Treppe hoch. Sie ruft seinen Namen hinterher, fleht ihn an, sie frei zu lassen, doch schon hört sie, wie der Schlüssel im Schloss herumgedreht wird. Sie läuft die Wände entlang und tastet in den dunklen Ecken nach Türen und Fenstern, einem Fluchtweg, doch sie fühlt nur kalten, harten Stein unter den Händen. Entsetzt und mutlos lässt sie sich zu Boden sinken und sitzt zusammengekauert in der Dunkelheit. Wie lange weiß sie nicht. Ihre Armbanduhr hat sie während Charlys brutalem Zugriff verloren. Es gibt kein Fenster in dem weiten Raum, der voll gestopft ist mit alten, leeren Flaschen, Kartons und ausrangierten Möbeln. Die Angst um ihre Kinder macht sie rasend. Was konnte er ihr schon antun? Er würde ihr nichts zuleide tun, wie konnte er ihr Verschwinden rechtfertigen? Ihr Vater würde sie suchen und auch finden, daran zweifelte sie keine Sekunde. Alle würden ihm Fragen stellen, wohin sie verschwunden war und er müsste ihnen Antwort stehen. Selbst er, mit seiner Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit konnte sie nicht einfach umbringen und verschwinden lassen! Langsam beruhigt sie sich mit dem Gedanken, dass er den Kindern nichts zuleide würde. Sie waren sein Kapital, seine Hoffnung auf das Erbe, das ihnen zustand. War das seine Überlegung? Das Erbe seines Sohnes zu verwalten bis zu dessen Volljährigkeit? Und was blieb dann noch übrig? Charly war erfinderisch. Wenn er sie beseitigen wollte, dann würde er es tun, ohne Skrupel und er würde der Welt eine so rührende Geschichte auftischen, dass sie in Tränen ausbräche! Hatte sie diesen Mann wirklich geliebt? Es erscheint ihr unmöglich! Es scheint ihr alles so weit entfernt, so lang schon her und erst recht eine Ewigkeit war es her, dass er sie fasziniert hatte! Sie weiß nicht, ob es draußen Nacht geworden ist, als sie den Schlüssel hört und seine Schritte auf der Treppe vernimmt. „Schon eingewöhnt im neuen Quartier?“ fragt er spöttisch. „Lass mich frei, Charly! Du verschlimmerst die Sache nur! Ich muss zu den Kindern!“ Seine Augen mustern sie kalt: „Für die ist gesorgt, keine Angst! Ich habe eine diplomierte Kinderschwester angefordert, mit der Begründung, meine Frau sei unpässlich, ganz plötzlich! Wie das Leben eben so spielt! Ganz der besorgte Vater und Ehemann! Wie du weißt, sind das meine Lieblingsrollen! Über spätere Details wollen wir uns jetzt noch nicht den Kopf zerbrechen. Du solltest schlafen, dann vergeht dir die Zeit schneller!“ Bevor sie noch richtig sehen kann, was er im Schilde führt, spürt sie den schmerzhaften Einstich einer Nadel in ihrem Arm und er hält sie brutal fest, während er die helle Flüssigkeit in ihre Blutbahn injiziert. „Was ist das? Charly! Du bist verrückt, wirklich verrückt!“ keucht sie und er lacht leise. „Selbst schuld! Ich habe dich gewarnt!“ Als er den Keller verlässt spürt sie bereits die Müdigkeit in ihren Gliedern und kraftlos sinkt sie gegen die harte Steinwand des dunklen Raumes. Sie murmelt einige Unzusammenhängende Worte und sinkt schließlich in eine tiefe Ohnmacht, gegen die sie nicht weiter ankämpfen kann. ******
„Sie können Sie nicht hier so liegenlassen!“ Die Stimmen dringen nur langsam in ihr Bewusstsein und sie versucht die Augen zu öffnen. Doch sie bringt nur ein Blinzeln zustande. Sie ist nicht allein. Zwei Personen unterhalten sich miteinander. Charlys Stimme: „Und warum nicht? Für sie ändert sich ohnehin nichts mehr!“ Die andere Männerstimme klingt schockiert, bedrückt: „Baron! Bringen Sie wenigstens eine Matratze herunter, Bettzeug! Das ist doch unmenschlich!“ „Ihre Ratschläge brauche ich ganz sicher nicht, Doktor!“ Charly ist wütend, wie seine Stimme verrät. „Ihre Aufgabe kennen Sie! Alles andere hat Sie nicht zu interessieren, verstanden?“ Sie hört Geräusche und wird allmählich wieder klarer im Kopf, der ihr zu zerspringen droht. Jemand kniet neben ihr nieder und fasst nach ihrem Arm, fühlt ihren Puls. „Sie haben ihr zuviel injiziert!“ hört sie die fremde Stimme unwirsch sagen. „Sie ist knapp an einem Herzstillstand vorbei gegangen!“ Man befühlt ihre Stirn und sie will etwas sagen, um Freiheit bitten, um Hilfe, doch ihre Zunge liegt schwer in ihrem Mund, wie gelähmt, unbeweglich. „Bringen Sie ihr wenigstens eine Decke! Seien Sie kein Unmensch!“ beschwörerisch versucht dieser Fremde sich für sie einzusetzen, und sie liegt da wie ein Sack Kartoffel, bleischwer und kraftlos. Sie sieht die Umrisse eines Mannes, mittelgroß, korpulent, doch sein Gesicht kann sie nicht erkennen. „Sie müssen ihr genau die Dosis verabreichen, die ich ihnen verordnet habe! In zwei Stunden die nächste! Keinesfalls früher!“ Verzweifelt hört sie, wie die Schritte sich über die Treppe entfernen, unfähig sich rühren zu können. Sie sinkt erneut in diesen unruhigen Schlaf, der sie quält und nicht erlöst, wie sie es erhofft.
Als sie erneut zu sich kommt und der Dämmerzustand allmählich aus ihrem Kopf weicht, fühlt sie, dass sie auf einer schmalen Matratze liegt und man sie mit einer einfachen, kratzigen Wolldecke zugedeckt hat. Sie kann eine halbgefüllte Mineralwasserflasche erkennen, die man auf den Boden gestellt hat. Mit zitternden Händen greift sie danach. Ihre Finger sind taub, doch irgendwie schafft sie es, die Flasche mit beiden Händen zu halten und einige Schlucke zu trinken. Ihre Gedärme ziehen sich krampfhaft zusammen. Wie lange war sie ohne Bewusstsein? Stunden? Tage? Die schmerzliche Erinnerung an ihren Peiniger und die Kinder, die sich in seiner Gewalt befinden, wird abermals gegenwärtig und lassen sie trocken aufschluchzen. Was hatte er vor? Wer war der Mann, der zuvor neben ihr gehockt hatte? Hatte Charly einen Komplizen für seine schmähliche Wahnsinnstat gefunden? Was erwartete sie in der Folge? Dass er einen Plan verfolgte war nicht von der Hand zu weisen. Einen teuflischen Plan, dazu war ihr Mann ohne weiteres fähig. Sie musste versuchen, wach zu bleiben! Sie musste versuchen, den Komplizen für sich zu gewinnen! Wer ließ sich auf eine so verbrecherische Tat ein? Sie musste ruhig bleiben und versuchen nachzudenken!
Noch während sie Überlegungen anstellt, und ihr die Ausweglosigkeit ihrer Situation mehr und mehr bewusst wird, hört sie, das jemand die Treppe herunter kommt. Sie hofft, dass es der Fremde von vorhin war. Doch es ist Charly und er ist allein. Er pflanzt sich vor ihr auf und wirft ihr ein Paket, in Aluminiumfolie gewickelt zu: „Einige Sandwichs, damit du mir nicht verhungerst, denn das wäre zu verfrüht!“ Sie sitzt halb aufgerichtet auf der Matratze und fühlt sich schwach und elend. „Charly“, sagt sie mühsam und hört selbst, wie ihre Worte leicht verzerrt klingen. „Mach Schluss mit dem grausamen Spiel! Lass uns reden! Lass mich raus hier!“ „Aus meinem Spiel gibt es kein Aussteigen mehr, liebste Anja!“ knurrt er und nicht die Spur eines Lächelns erhellt seine Züge, die im Halbdunkel des Kellers liegen. « Wir spielen ab jetzt nach meinen regeln. » Sein endgültiger Tonfall, lässt ihren Mut sinken. Er hat plötzlich erneut eine Injektion in der Hand und sie wehrt verzweifelt ab. Doch ein Griff genügt um ihren Arm bewegungslos zu machen. „Halt still, wenn du nicht willst, dass ich dir weh tue!“ droht er, und seine sich in ihren Arm bohrenden Finger hinterlassen schmerzvolle Abdrücke auf ihrer Haut. Anja spürt erneut den Einstich in ihrer Vene, das momentane Brennen des Serums, das in ihre Adern schießt und rasch in ihre Blutbahn gelangt. „Du hast mich nie geliebt!“ murmelt sie fast unhörbar. Er zieht die Nadel mit einem Ruck aus ihrer Armbeuge und sieht sie gefühllos an. „Du mit deiner Liebe! Gibt es nur dieses fadenscheinige Wort für dich? Ich will alles! Macht und Reichtum! Liebe kann ich mir erkaufen! Alles kann ich mir erkaufen! Sogar deinen Tod! Du allein mit deinem verbockten Charakter hast dir alles selbst zuzuschreiben. Schade um dich, wirklich schade! Wir hätten sicher noch viel Spaß miteinander gehabt!“ Sie beginnt leise zu weinen und hofft, so an seinem harten Kern zu rühren, doch er hat sich bereits wieder entfernt und steigt die Stufen der Kellertreppe empor. Sie hätte wissen sollen, dass für Charly Worte wie Mitleid oder Barmherzigkeit nicht existieren! Sie schiebt die eingepackten Brote angeekelt, von sich und sinkt zurück auf ihr jämmerliches Lager, während die Droge ihre Wirkung nicht verfehlt und sie zurückholt, in eine Welt von Zwiespalt und Visionen.
Die Zeit vergeht und während ihren kurzen Momenten des Erwachens, das eigentlich kein richtiges Munterwerden mehr ist, nur ein Dämmerzustand, in dem sie ergebnislos einen klaren Gedanken zu fassen sucht, fühlt sie von mal zu mal intensiver, wie ihre geistigen und körperlichen Kräfte nach und nach zusammenschrumpfen. Sie empfindet nicht einmal mehr richtige Angst oder Sorge. Labilität und Gleichmut haben Besitz von ihr ergriffen und fast ist sie erleichtert, wenn sie die ihr inzwischen vertraute Nadel aufblitzen sieht und erwartet den gezielten Stoss in ihren Arm wie eine Erlösung. Gleich würde sie wieder hinab gleiten, in den dunklen Schlund des Vergessens, des Schlafes.....
Irgendwann wird ihr klar, dass sie sich nicht mehr in dem Kellergewölbe befindet. Die Helligkeit, die sie umgibt, tut ihren Augen weh und sie schließt sie sofort wieder und wartet erst das Zucken der Blitze in ihrem Kopf ab, bevor sie nochmals versucht, vorsichtig um sich zu blicken. Mühsam nur kann sie ihre Augen zu schmalen Schlitzen öffnen. Über ihr befindet sich der reich mit verschnörkelten, goldfarbenen Stuckaturen verzierte Plafond. Das Grinsen der gemalten Barockengel dazwischen, erscheint ihr hämisch und irgendwie debil. Ihre feisten, kleinen Körper sind in seltsamen Verrenkungen dargestellt. Es ist Tag. Sonnenlicht dringt durch die schmalen Schlitze der fest zugezogenen, schweren Samtvorhänge vor den hohen Fenstern. Sie muss sich in einem der geschlossenen Räume des Schlosses befinden. Sie kann sich jedoch nicht orientieren. Nur einmal hat sie wirklich alle Räume besichtigt und festgestellt, dass einige davon versperrt und nicht benützt wurden. Auch das von Charlys verhassten Mutter, die Mann und Kind aus Heimweh verlassen hatte, um in ihr sonniges Spanien zurück zu kehren. Sie lässt den Kopf kraftlos zur Seite rollen. Anja spürt die angenehme Kühle frischer Bettlaken und ihr wird klar, dass man sie gewaschen haben musste und in ein richtiges Bett verfrachtet hatte, ein breites, ausladendes Bett, mit gerafften Seitenteilen aus blutrotem Satin. Der linke Arm liegt schwer neben ihrem Körper auf der dünnen Decke. Sie kann erkennen, dass man durch eine Kanüle, die in ihrer Vene steckt, pausenlos irgendwelche Substanzen tropfenweise aber unablässig in sie pumpt. Sie versucht den rechten Arm zu heben und sich diese Infusionen aus dem Fleisch zu reißen, doch sie bringt nur ein kraftloses Zucken ihrer Finger zustande. Die Muskeln und Sehnen ihrer Hand gehorchen ihr nicht mehr. Sie weiß, dass sie Bestandteil eines Planes ist. Schachfigur eines Spieles. Es konnte nur einen Gewinner geben und einen Verlierer. Der Gewinner würde zweifellos Charly sein und sie würde verlieren. Wahrscheinlich alles. Ihre Kinder, ihre Gesundheit und vielleicht sogar ihr Leben! Sie hatte verloren und diese Tatsache macht ihr nicht einmal mehr Angst. Unter dem Einfluss der Drogen, unter die man sie zweifellos gesetzt hat, wird alles erträglich, sogar der Gedanke an ihren eigenen Tod!
Er beugt sich über sie und beobachtet ihre geschlossenen Lider. Sie fühlt die warme, weiche Arzthand auf ihrer Stirn und öffnet ein wenig die Augen. Ihre Lider flattern. Sie versucht den Mund zu öffnen, etwas zu sagen, doch nur ein Krächzen entringt sich ihrer trockenen Kehle. „Bleiben Sie ruhig“, hört sie den Mann sagen, den sie nur undeutlich gegen das grelle Licht der Neonröhre erkennen kann. „Sie sind sehr krank und müssen sich schonen! Versuchen Sie nicht zu sprechen! Sie sind in guten Händen!“ Es amüsiert sie, das zu hören und sie hätte gerne gelacht. Die schiefe Verzerrung ihres Mundes sieht einem Lächeln kaum ähnlich. Es war also ein Arzt, der hier neben ihr stand und jetzt den Zufluss aus dem Plastikbeutel, der oberhalb ihres Bettes an einer Stange befestigt war, prüfte. Erschöpft schließt sie die Augen. Sie würde sich nicht verständlich machen können. Sie war jenen Leuten ausgeliefert, die über ihr Leben und ihr Schicksal bestimmen würden, allen voran ihr Mann, der Baron. Die Gesichter ihrer beiden Kinder tauchen vor ihr auf. Allein dieser Gedanke löst eine vage Reaktion von Rebellionsgefühlen in ihr aus. Die Ohnmacht, in der sie sich befindet, treibt ihr die Tränen in die geschlossenen Augen und sie spürt wie diese aus den Augenwinkeln auf das Kissen tropfen. Der um sie herum hantierende Mann seufzt. Sie hört seine Stimme, sie klingt belegt und spröde: „Beruhigen Sie sich bitte! Sie werden wieder gesund. Geduld!“ Er war ein schlechter Lügner. Genauso gut hätte er sagen können: „Finden Sie sich damit ab. Sie kommen nicht lebend hier weg!“ Sie hört, wie er die Tür ins Schloss zieht und ein Schlüssel umgedreht wird. Dann ist sie wieder allein. Allein in dem prunkvollen Zimmer, aufgebahrt wie eine lebendige Tote. Ausgeliefert den teuflischen Machenschaften geldgieriger, mordlüsterner Männer, an deren Spitze, ihr eigener Ehemann, den sie glaubte zu lieben.
Ohne Zeitgefühl für Tag und Nacht, Stunden oder Tage, liegt sie danieder in diesem vollkommen stillen Raum. Kein Geräusch dringt durch die starken Wände oder die gepolsterte Tür. Der Geruch von medizinischem Alkohol und Äther liegt in der Luft. Kaum erwacht sie aus ihrer Ohnmacht und ihr Verstand beginnt langsam zu arbeiten, erscheint dieser Mann, den Charly als Doktor angesprochen hat und regelt die Zufuhr der flüssigen Substanz, die in sie fließt, sie auf Sparflamme am Leben erhält und gleichzeitig alle Kraft in ihr abtötet.
Steve... denkt sie, während hinter ihren geschlossenen Augen Spiralen und Kreise ihr wildes Spiel treiben. Dass sie sich nicht gleich für ihn entschieden hat, trotz ihrer starken Gefühle für ihn, würde sie nun wahrscheinlich das Leben kosten! Dass sie immer wieder Rücksicht auf die Gefühle anderer genommen hat und erst dann an sich selbst dachte, wurde ihr zum Verhängnis! Carla hatte sie gewarnt! Ihr Vater hat ihr immer wieder seine Bedenken kundgetan und sie hatte geglaubt, er wäre einfach nur eifersüchtig auf den Baron! Wie unerfahren sie doch war, wie naiv! Sie sieht die Stationen ihres Lebens vor sich, wie in einem Film, der vor ihr abläuft, in Zeitlupentempo. Sie selbst hat keine Rolle mehr inne, nur mehr teilnahmslose Betrachterin ist sie. Sie sieht ihre Kinder beim Spielen zu, ihren Vater, der irgendwo in Italien die späten Sommertage genießt, sofern es noch Sommer war. Smaïns ernstes Gesicht, seine traurigen Augen. Er schüttelt resigniert den Kopf. Sein Bild verblasst allmählich… Die Tür wird geöffnet. Es ist diesmal nicht der Arzt. Es ist ihr Mann, der zu allem entschlossene Mistkerl. Sekundenlang steht er neben ihrem Lager und blickt auf sie nieder. Mühsam öffnet sie ein wenig die Augen und versucht flehende Worte an ihn zu richten, doch nur unverständliche Laute dringen aus ihrem Mund. Sie fühlt sich erniedrigt. Verschlossen blickt er in ihr Gesicht und schüttelt langsam den Kopf. Er war bereit, seinen Plan weiter zu verfolgen, wie immer dieser auch für sie enden würde. „Armes Mädchen!“ flüstert er an ihrem Ohr. „Keiner kann dir helfen! Du bist ja so krank! Ich bereite deine Tochter langsam auf dein sicheres Ende vor, damit es sie nicht zu plötzlich trifft! Ich habe da einiges Feingefühl, weißt du es noch? Das ist doch in deinem Sinne, oder?“ Und noch leiser setzt er hinzu: „Sie wird heranwachsen, deine Tochter. Ich werde mich auch später um sie kümmern.“ Warum quälte er sie so? Wie tief ging sein Hass? Was hatte sie getan? Sie gibt ein heiseres Keuchen von sich und er zeigt den Anflug eines grausamen Lächelns: „Was David, meinen Sohn betrifft, er wird sich nie an dich erinnern können! Aber ich werde dein Andenken ihm gegenüber hoch halten! Vorläufig jedenfalls! Das sollte dich versöhnen!“ Er stemmt seine Arme zu beiden Seiten ihres bewegungsunfähigen Körpers auf ihr Lager und sein Gesicht ist dem ihren sehr nahe. „Viel ist nicht mehr übrig von der hübschen, verwöhnten Anja Hardtberg! Kein Mann würde dich mehr begehren, so wie du jetzt aussiehst! Du bist nur mehr eine willenlose Hülle, die froh sein wird, wenn der ewige Schlaf sie erlöst, bald schon!“ Das Gesicht über ihr ist schön, dunkel. Ihr Todesengel würde kein Erbarmen kennen. „Quält dich immer noch die Frage über Christine Weihmuts Tod? Du sollst die Wahrheit erfahren! Es spielt jetzt keine Rolle mehr!“ Er flüstert an ihrem Ohr, als hätte er Angst vor Zuhörern, obwohl sich niemand sonst im Raum befindet. „Ich habe ihr diesen Flug in die Ewigkeit ermöglicht. Ich habe sie aufgefordert zu springen. Sie hat sich geweigert, sie hat gezittert und gebettelt. Armes Ding! Ich hatte sie ja gewarnt, sich von dir fern zu halten! Niemand treibt sein Spiel mit mir! Niemand! Und schon gar nicht eine Frau! Dein trauriges Ende war nicht wirklich geplant, aber du hast mir keine Wahl gelassen. Ich habe dich unterschätzt. Ich muss es tun! Du oder ich! Die Entscheidung fiel auf mich, das wirst du doch verstehen, oder?“ Er holt Luft und fügt mit einem grausamen Lächeln hinzu: „Bald wirst du sie wieder sehen, die Frau, die für dich starb und auch deinen Heißgeliebten Wilden aus Ägypten, den du nicht vergessen konntest! Welch ein frohes Wiedersehen das geben wird!“ Tief in ihrem Innersten hat sie immer schon gewusst, das Charly seine Hände im Spiel gehabt hatte beim Tod des Mädchens, das sie damals vor ihm warnen wollte. Sie war umsonst gestorben, die junge Deutsche! Charly hatte sein Ziel erreicht und nun stand ihr eigenes ruhmloses, erbärmliches Ende bevor. Als sie wieder allein ist und von einer Vision in die andere fällt, entsteht das Bild des blonden, toten Mädchens deutlich vor ihr, ihr nackter, geschundener Rücken, ihre angstvollen, großen Augen, ihre sie beschwörende Stimme.... Auch dieses Verbrechen würde ungesühnt bleiben! Wenn ihr Vater zurückkäme, wäre sie begraben und niemand konnte ihr mehr helfen, auch nicht Steve! Ihr Geist bäumt sich gegen diese Vorstellung auf, und trotz des Giftes, das langsam in ihren Körper tropft, wehrt sich ihre Lebenskraft, ihre Jugend gegen diese Gewalt, die man dabei war, ihr anzutun! ‚Es ist nicht meine Bestimmung, so zu enden’, schreit es in ihr. Wenn sie sich nur von diesen Schläuchen befreien könnte, dann gäbe es eine Möglichkeit sich zu retten, vielleicht..... |
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Achtes Kapitel – Zwischen Tag und Nacht |
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Unschlüssig starrt die Sekretärin der Schlossverwaltung, Sabrina Zweig, auf die Nachricht, die sich heute Morgen in der Mailbox ihres Computers in der Schlossverwaltung befunden hatte. Sie hat die Baronin seit mindestens zwei Wochen nicht mehr getroffen oder gesehen. Der Baron war ungehalten gewesen, als sie einmal in der Wohnung des Paares angerufen hatte, um sie über die Jahresabrechnung der Pferdehaltung zu informieren, um die die junge Chefin sie erst kürzlich gebeten hatte. Unwirsch hatte er zur Antwort gegeben, seine Frau fühle sich schlecht und sei bis auf weiteres für niemanden zu sprechen. Er selbst würde sich jetzt um alles, was die Verwaltung des Besitzes betraf, kümmern und persönlich ins Büro kommen, um mit ihr die Abrechnung durchzugehen. Ganz zufällig hat sie dann eine junge Frau mit den Kindern vor dem Schloss spazieren gehen sehen. Der kleine David lag im Kinderwagen und Leyla trottete daneben einher. Selbst von weitem konnte sie sehen, dass das kleine Mädchen bedrückt wirkte, wo es doch sonst lachend und spielend quer über den Rasen lief, meistens hinter ihrem weißen, zotteligen Fido her. Wo war die Baronin? Hatte man sie in eine Klinik gebracht, nachts, ganz plötzlich, oder befand sie sich im Schloss, in ihren eigenen Räumen und war bettlägerig? Selbst die diskreten Umfragen, die sie unter dem Personal anstellte, brachten kein Ergebnis. Alle schüttelten den Kopf, der Verwalter selbst war über rein gar nichts im Bilde, was den Zustand der angeblich kranken, jungen Frau betraf. Niemand wusste etwas Genaueres über die Krankheit und den Verbleib der beliebten Schlossherrin. Der sorgenvolle Baron hätte sie nur alle knapp über die unbekannte Krankheit seiner Frau informiert und betont, ihr Zustand sei kritisch, so wusste man.
Erst zwei Tage vor ihrem Verschwinden hatte sie Anja die ausgedruckte, geheimnisvolle Botschaft gegeben. Sie erinnert sich, wie ihr Gesicht Farbe bekam, als sie die kurze Nachricht überflogen hatte. Keinerlei Anzeichen einer Krankheit oder Erschöpfung hatten in dem jungen, hübschen Gesicht gestanden. Im Gegenteil, ihre Augen blickten erwartungsvoll, klar und glänzend. Ein feines Lächeln hatte ihre vollen Lippen beim Lesen der Zeilen umspielt. Und plötzlich soll sie sehr krank sein? Unauffindbar für jeden? Ohne Anweisungen zu hinterlassen und ihre Kinder in fremde Hände zu geben? Wäre Ing. Hardtberg, der Vater der jungen Frau von Falkenberg, erreichbar gewesen, sie hätte ihn verständigt, aber wie sie von der Firmenleitung in Erfahrung gebracht hatte, war dieser auf Reisen, mit unbestimmtem Ziel. Sie hatte darum gebeten, er solle sich mit ihr in Verbindung setzen, sobald er sich meldete. Angeblich war es der erste wirkliche Urlaub in seinem Leben, und der wollte mit keinerlei Firmenproblemen belastet werden. Seine Handynummer kannte sie nicht. Nur den Mitgliedern seiner Familie war sie bekannt. In Anjas Privaträumen würde sie zu finden sein, und sie hofft, dass der Baron den Vater längst über den schlechten Gesundheitszustand seiner einzigen Tochter informiert hat!
Sabrina überlegt, ob sie die Nachricht an Falkenberg weitergeben sollte, doch ein unbestimmtes Gefühl hält sie davon ab. Sie ist ausdrücklich an Anja von Falkenberg gerichtet und heute befand sich auch eine Email- Adresse am Ende der Durchgabe, zum ersten Mal! Sie druckt die Nachricht aus und legt sie in die erste Lade ihres Schreibtisches, nachdem sie sie nochmals kurz überflogen hat. „Ich warte auf deine Antwort“ stand hier, „je nachdem wie sie lautet, werde ich dann endgültig aus deinem Leben verschwinden!“ Es folgte die elektronische Adresse. Welches Geheimnis mochte mit diesem mysteriösen Internet-Schreiber verknüpft sein? Sabrina spürt, dass es sich um eine sehr persönliche Sache ihrer Dienstgeberin handeln musste. Der Baron hatte damit nichts zu tun, dessen war sie sicher.
„Ich würde gerne die Frau Baronin besuchen!“ rafft sich die Bürofrau auf und versucht dem misstrauischen Blick des Barons, der irritiert von den Zahlen der eben gelesenen Liste aufblickt, Stand zu halten. „Das ist unmöglich“, entgegnet er trocken, fast unwirsch. „Ihr Zustand ist kritisch. Der sie behandelnde Arzt erlaubt keine Besuche, auch die ihrer eigenen Kinder nicht!“ Er wendet sich wieder der Tabelle zu. Die Sache war für ihn erledigt. Sabrina nimmt ihren Mut zusammen und fragt vorsichtig: „Aber Sie dürfen doch zu ihr, oder?“ Ungehalten blickt der Mann erneut auf: „Ich kann kurz zu ihr, einmal am Tag öfters nicht, und dann nur einige Minuten lang. Die Besuche regen sie auf, strengen sie an.“ Er seufzt und blickt verloren aus dem Fenster des Büros. Tränen steigen in seine Augen: „Ich fürchte, ich werde sie verlieren. Trotzdem ich den besten Virusspezialisten aus der Schweiz habe kommen lassen und er sich Tag und Nacht um meine Frau kümmert, wird es von Tag zu Tag schlechter! Dieser schleichende Tod, der sich durch ihren Körper frisst, ist nicht aufzuhalten! Mit allen Mitteln der Welt nicht!“ Mitleidig betrachtet die Sekretärin den gebrochenen Mann, der plötzlich mitteilungsbedürftig zu sein scheint. „Haben Sie schon ihren Vater verständigt?“ Hilflos zuckt Charly die Schultern. „Er ist immer noch nicht erreichbar! Das Telefon meiner Frau, in welchem sie mit Wahrscheinlichkeit seine Nummer eingespeichert hatte, ist unauffindbar und nirgends sonst hat sie seine Geheimnummer notiert. Auch die Firma weiß momentan nicht, wo er sich aufhält. Wir beten alle, dass er sich in den nächsten Tagen von sich aus meldet und wir ihn zurückrufen können! Ich fürchte, diesen Schlag wird er nur sehr schwer verkraften!“ Der Baron hat sich gefasst und fährt sich müde mit der Hand über die Augen. „Wenn ich Gelegenheit habe, werde ich ihr Grüsse von Ihnen bestellen, Sabrina, doch sie erkennt mich kaum noch!“ „Die armen Kinder!“ sagt Sabrina leise. „Ja! Aber ich habe Anja geschworen, dass ich mich gut um sie kümmern werde! Sie sind alles was mir bleibt!“ „Aber wo wird sie denn behandelt? In welcher Klinik?“ Argwöhnisch mustert der Baron die hartnäckige Frau und Sabrina Zweig heftet die bereits kontrollierten Abrechnungen in den Ordner, ohne ihn dabei anzusehen. „Sie wird hier im Schloss selbst behandelt. Wir haben die modernsten Apparaturen und medizinischen Geräte für sie installieren lassen. Es fehlt ihr an nichts und es war ihr eigener Wunsch, dass wir sie in keine Klinik einliefern. Diese Methode der Behandlung ist heute nicht mehr unüblich! Dem steht auch nichts im Wege! Täglich reinigt ihr der Arzt ihr Blut mittels einer Dialyse, doch was wir auch tun, ihr Verfall wird täglich deutlicher!“ Zur Bekräftigung seines Grams fährt er sich zerfahren über die Stirn, das dunkle Haar und seufzt tief auf. „Vielleicht sollte man sie doch in eine Spezialklinik bringen! Mehrere Ärzte und Diagnostiker können mitunter Wunder vollbringen!“ erklärt die Sekretärin aufmunternd. Charlys Geduld ist am Ende. Seine Augen nehmen ein böses Glitzern an und er entgegnet kalt: „Wollen Sie etwa behaupten, ich täte nicht alles in meiner Macht Stehende, um meine Frau zu retten! Was wissen Sie schon? Dr. Van Trauting ist der beste Mann auf diesem Gebiet, der Allerbeste! Und jetzt stehen Sie nicht länger hier herum, dafür werden Sie nicht bezahlt! Morgen will ich die überarbeitete Abrechnung hier auf dem Tisch liegen sehen, und zwar diesmal komplett und noch vor Mittag! Ich habe weiß Gott andere Sorgen, als mich auch noch um den Bürokram zu kümmern!“ Er würdigt sie keines Blickes mehr und starrt auf die ausgedruckten Computerseiten, die vor ihm auf dem Schreibtisch liegen. Doch zwischen seinen Augen stehen immer noch zwei tiefe Falten. Perplex verlässt Sabrina das Verwalterbüro und mit mehreren Ordnern beladen sucht sie eilig ihr eigenes Büro auf, während sie versucht, sich den Namen des vom Baron genannten Arztes einzuprägen.
***** „Ich hoffe, du bringst dich nicht wieder in Schwierigkeiten!“ Zweifelnd sieht der Anwalt seinen Mandanten an. „Was für Schwierigkeiten?“ Erstaunt hebt der Baron eine Augenbraue. „Ich tue alles in meiner Macht stehende, um Anja die beste Pflege und Behandlung zukommen zu lassen! Als sie noch sprechen konnte, war es ihr eigener Wunsch, das Schloss nicht zu verlassen! Sie wollte nicht in eine der sterilen Kliniken gebracht werden! Sie ist in einem vollkommen isolierten Trakt des Schlosses untergebracht, dem Besten hier und steht unter absolut kompetenter, ärztlicher Betreuung! Der Arzt wacht Tag und Nacht an ihrer Seite!“ „Hardtberg wird es anders sehen! Wenn er zurück kommt und erfährt, dass man seine Tochter Zuhause hat sterben lassen, dann macht er dich fertig! Das kannst du mir glauben! Anja ist sein einziges Kind und bedeutet ihm alles. Für sie würde er es sogar mit dem Teufel aufnehmen, dessen kannst du sicher sein!“ Unwirsch leert der Baron sein volles Glas, was Dr. Weigert mit Unbehagen verfolgt. Er zweifelt daran, ob Charly überhaupt jemals wirklich trocken war. „Er kann nichts gegen mich unternehmen! Sollte Anja wirklich verloren sein, dann kann auch er nichts daran ändern und kein Arzt der Welt! Ich bin der rechtmäßige Vormund der Kinder und er wird gut daran tun, sich mit mir nicht anzulegen, wenn er nicht will, dass er sie nie wieder zu Gesicht bekommt!“ Dr. Weigert schüttelt den Kopf: „Fang dir keinen Krieg an mit dem Alten! Er ist mächtiger, als du glaubst!“ „Die Gesetze gelten aber auch für ihn!“ erwidert Karl Robert spöttisch. Und wenn er sich für noch so mächtig hält! Aber jetzt lass die Schwarzmalerei beiseite! Der Mann macht mir keine Angst! Ich habe momentan andere Sorgen! Berichte mir lieber, was du über meinen Sohn und seine amtliche Namenseintragung in Erfahrung gebracht hast!“ Der Jurist setzt seinen sachlichen Blick auf und faltet die Hände. „Das Kind wurde als ehelich, jedoch nicht unter deinem Namen eingetragen, sondern unter dem Mädchennamen der Mutter, Hardtberg. David, Frédéric Hardtberg, schlicht und einfach!“ „Und mit welcher Begründung hat sie das getan?“ Der Baron kann seinen Missmut nicht mehr zurückhalten. „Mit der Begründung, dass die Ehe nicht mehr intakt war und die Partner getrennt lebten!“ lautet die Erklärung. „Sie hat keine Zeit verloren, diese kleine Hexe!“ stößt der Baron gepresst hervor. „Wenn du mich fragst, dann würde ich deine Vaterschaft anzweifeln!“ Ruhig hatten diese Worte geklungen, doch sie lösen einen Sturm aus. Wutverzerrt wendet sich Charly dem Juristen zu und mit erhobener Stimme schnauzt er den Mann an: „Was soll diese Unterstellung? Das hätte sie nie gewagt, sich mit einem anderen Mann einzulassen! Er ist mein Sohn! Was sonst! Vor dem Gesetz ist es mein Kind, oder etwa nicht?“ Der Jurist nickt beruhigend: „Ja, vor dem Gesetz ist es ein eheliches Kind und nachdem kein anderer als Vater angegeben wurde, bist und bleibst du dessen Vormund! Wenn du dir allerdings Gewissheit verschaffen willst, dann rate ich dir zu einem Bluttest! Zu neunundneunzig Prozent sicher!“ „ Genau das werde ich nicht tun! Vertrittst du nun meine Interessen oder willst du mir schaden mit deinen Ratschlägen? Du warst es doch, der mir zu einem legalen Nachkommen geraten hat, oder etwa nicht?“ Beschwichtigend hebt der Anwalt die Hände. „Ich sage dir nur, wie die Dinge sind! Schließlich warst du lange außer Lande und Anja ist eine junge, zärtlichkeitsbedürftige Frau, die vielleicht getröstet werden wollte, nach den Enttäuschungen mit dir. Was liegt näher als eine Affäre mit einem anderen, während deiner Abwesenheit? Immerhin ward ihr doch so gut wie geschieden. Ich weiß natürlich nichts Genaues, aber eines Tages könnte der echte Vater auftauchen und diesen Bluttest fordern, was dann?“ „ Wenn es dazu kommt, dann werde ich auch für ihn die richtige Lösung finden und dafür sorgen, dass er von diesem Vorhaben ablässt!“ entgegnet der Baron kalt. Dr. Weigert schüttelt verständnislos den Kopf. Er zweifelt immer mehr am Verstand seines Freundes und Klienten und zieht ernsthaft in Erwägung, sich um dessen Angelegenheiten nicht mehr weiter zu kümmern. Er fürchtet, in den Sog eines wachsenden Irrsinns mitgerissen zu werden, aus dem es kein Entrinnen mehr gab!
***** Unschlüssig starrt Sabrina Zweig auf die Tasten ihres Computers. Sie hat keine Ahnung, wer hinter den Botschaften für Anja steckte. Aber es musste jemand sein, der ihr nahe stand, soviel hatte sie begriffen. Dieser Mensch wartete auf eine Antwort, die er von der Baronin nicht mehr erhalten würde können. Man rechnete täglich mit ihrem Ende und das Personal lief bedrückt und mit gesenkten Kopf im Schloss umher. Man wich dem fragenden Blick des kleinen Mädchens aus, wenn es einem über den Weg lief. Es war wie verhext! Hardtberg hatte sich immer noch nicht gemeldet, diese verflixte Situation war ein Wettlauf mit der Zeit! Der Mann musste doch zu finden sein! Sie würde heute noch mit der Firma telefonieren und sie auf die Dringlichkeit der Sache hinweisen. Der Baron hatte anscheinend den Ernst der Angelegenheit und des Zustandes der Baronin herunter gespielt, bedacht darauf, nichts an die Öffentlichkeit dringen zu lassen. Möglicherweise sogar mit Vorbedacht! So, als hätte er Angst davor, dass man seine Frau doch noch in eine Klinik einliefern könnte. Da war man heutzutage mit den modernsten elektronischen Anlagen ausgerüstet und konnte doch nicht die gewünschte Person erreichen, wenn diese es nicht wünschte. Und wohin hatte die Baronin ihr Telefon verlegt? Alle diese eigenartigen Umstände sahen geplant aus und irgendwie gewollt. Der unauffindbare Vater, das verschwundene Telefon mit der eingespeicherten Privatnummer, das Verschwinden der jungen Frau in einem isolierten Trakt des alten Gemäuers und nur der Baron konnte Auskunft über sie geben und war nicht dazu bereit! Kein Pflegepersonal, nur ein Arzt, angeblich eine Kapazität für Viruserkrankungen, den jedoch noch niemand zu Gesicht bekommen hatte! Kurz entschlossen speichert die Sekretärin die elektronische Adresse des mysteriösen Internet-Korrespondenten ein und hinterlässt eine kurze, aber alarmierende Nachricht: „Baronin von Falkenberg todkrank, ihr Vater unauffindbar! Keine Aussicht auf Rettung!“ Sie unterschreibt die Nachricht nicht mit ihrem Namen, sondern setzt darunter „Schlossverwaltung Falkenberg“. Sollte der Baron von ihrem eigenmächtigen Handeln Wind bekommen, dann wäre es klüger, alles abzustreiten. Sie liebte ihren Job und die Arbeit im Schloss. Doch sie war ziemlich sicher, dass nach dem Tod der jungen Baronin, der Schatten dieser Tragödie das Haus für immer verändern würde! Mit dem Zeigefinger drückt sie auf die Taste „Absenden“ und sieht mit Erleichterung, wie die Bestätigung Sekunden später auf dem Bildschirm erscheint.
***** Anja hofft, dass der, neben ihrem Bett stehende Mann im weißen Kittel das Flehen ihres Blickes nicht wieder übersehen würde. Sie hat Mühe, die Augen offen zu halten. Wahrscheinlich sah er sie absichtlich nicht direkt an. Er hantierte an der Särumflasche und klopfte mit dem Fingerknöchel dagegen, um das gleichmäßige Tropfen in den dünnen Plastikschlauch zu überprüfen. Sie lauscht ihrem eigenen, rasselndem Atem. Man hatte ihr bereits mehrmals die Sauerstoffmaske angelegt und ohnmächtig wohnt sie ihrem schleichenden, aber sicheren Tod bei. Das Polenmädchen, dass sie engagiert hatten, wahrscheinlich illegal im Lande, dessen Aufgabe es war, sie zu waschen, zu kämmen, ihr langes Haar zu einem festen Zopf zu flechten und ihr Bettzeug zu wechseln, sprach kein Wort, weder deutsch noch polnisch. Anja hat den Verdacht, dass es sich dabei um eine taubstumme Person handelte. Sie hatten wirklich an alles gedacht! Und wenn schon, was konnte sie ausrichten? Was wusste sie? Ihre dunklen Augen waren mitleidig auf Anja gerichtet und die Überzeugung, eine sterbende Kranke vor sich zu haben, stand in ihrem Blick. Sicher hatte man sie ebenfalls hier in diesem Trakt untergebracht, in einem der verwaisten Zimmer. Sie kam morgens, mittags und abends, um sich um die Hygiene der Kranken zu kümmern, und blieb stets unter der Aufsicht des Arztes hier. Dessen weißer Mantel streift eben ihre Hand und sie versucht danach zu fassen. Der Mann sieht sie kurz an, um gleich darauf wieder wegzusehen. „Ich hab das nicht gewollt!“ murmelt er zu sich selbst, „nicht gewollt!“ Sie vernimmt das Geräusch der sich öffnenden Tür. Charly hat den Raum betreten und sieht sie neugierig, aber gefühllos an. „Wie lange wird sie noch durchhalten?“ will er wissen und trotz ihrer Mattigkeit kann Anja den leicht angewiderten Blick des Fremden ausmachen. „Sie ist jung und hat ein starkes Herz!“
„Dann sehen Sie dazu, dass es schwächer wird. Ich habe nicht mehr viel Zeit! Ihr Zustand muss sich endlich zunehmend verschlechtern. Draußen erwarten sie ihren Tod! Mir scheint, sie gewöhnt sich an dieses Zeug!“ „Ich beschwöre Sie, Falkenberg, überlegen Sie sich noch einmal die Sache! Ein Mord! Ich kann einfach nicht mehr!“ krächzt der scheinbar arg mitgenommene Mann. „Hören Sie endlich auf mit dem Geflenne! Wir waren uns doch einig! Wenn Sie jetzt aussteigen oder auf dumme Gedanken kommen, dann sind sie fertig und fristen ihr Leben bis ans Ende im Gefängnis! Sie haben keine Wahl! Sehen Sie einfach nicht in ihre Augen, wenn sie ihren Blick nicht ertragen! Ich sage Ihnen, diese Frau ist durch und durch schlecht, durchtrieben und geht über Leichen um an ihr Ziel zu gelangen. Sie verdient ihr Mitleid nicht!“ Charly beschreibt hiermit seine eigenen Charakterzüge und Anja muss mit anhören, wie sie von diesem abscheulichen, besessenen Menschen als Scheusal beschrieben wird. Die Kälte seiner Stimme legt sich wie ein eisiger Reifen um ihr Herz. Er würde die Sache durchziehen. Er würde sie sterben lassen, sich ihrer entledigen, wie man einen alten, ausgedienten Mantel ablegte. Er würde das Schloss behalten, ihre Kinder, deren Erbe. Er würde trauernd an ihrem Grab stehen und die Welt würde ihn bedauern, den jungen Witwer mit den beiden kleinen Kindern. Ihren Vater würde er nicht täuschen können, aber was nützte ihr das, was nach ihrem Tod kam. Vielleicht würde er darauf bestehen, sie exhumieren zu lassen. Wahrscheinlich haben sie ein nicht nachweisbares Gift verwendet. Vielleicht war es nicht einmal Gift, nur eine chemische Zusammenstellung, ein Heilmittel, dessen hohe Dosierung das Gegenteil bewirken konnte, den Organismus lähmte, erst die Glieder, dann die Organe, zuletzt das Herz! Egal! Sie würde sterben. Vielleicht war der Tod wirklich ein Neubeginn, wie ihre Ziehmutter Eveline immer geglaubt hatte. Vielleicht würde sie drüben auf Anja warten, sie, ihre Mutter und Smaïn und all die anderen, die dahin gegangen waren. Oder aber es gab nur mehr das gähnende Nichts. Verwesung und Vergessen. Warum weilten ihre Gedanken immer häufiger in den alten ägyptischen Prunkgräbern, die sie im Laufe der Jahre besucht hatte? Die prachtvollen, bunten Wandgemälde versprachen ein gutes und reiches Leben inmitten der Götter! Sie selbst würde bald die Wahrheit kennen, wenn Anubis ihr den Weg ins Jenseits wies. „Sobald alles vorbei ist und Sie mir die offizielle Totenbescheinigung ausgestellt haben, können Sie abhauen! Am besten wäre für uns beide, Sie verlassen diesen Kontinent für immer! Sie haben sich mit Ihrer Hilfe mein Stillschweigen über Ihre dunklen Machenschaften erkauft und einen Batzen Geld dazu gewonnen. Das ist doch ein faires Geschäft, oder?“ Schweigen, dann fällt eine Tür ins Schloss. Als sie die Augen erneut öffnet, ist sie allein mit Charly. Ihr Mann legt seine gepflegte Hand auf ihr verschwitztes Haar und murmelt leise: „Du stirbst wie es sich für dich als Schlossherrin geziemt, im schönsten Zimmer des Schlosses, im prunkvollen Schlafgemach meiner teuren Mutter! Möge sie zum Teufel gehen!“ Charly hat Frauen sein Leben lang nur benutzt. Nachdem seine Mutter das Land verlassen hatte und sich nie mehr um ihn kümmerte, wurde er frauenfeindlich vom verbitterten Vater erzogen. Und diese ohnmächtige Wut des verlassenen Mannes hatte sich auf das Kind übertragen, ist mit gewachsen mit ihm, und fand schließlich etwas Linderung in der Schmähung und der Misshandlung der Frauen, die den Lebensweg des jungen Barons gekreuzt hatten. Diese schon, seit langem, erlangte Kenntnis geistert einmal mehr durch Anjas müden Kopf. Und mit Bangen sieht sie der Dämmerung des Tages entgegen, der langen, dunklen Nacht, in der sie zittert, den kommenden Tagesanbruch nicht mehr erleben zu können, weil ihr geplagtes Herz den Kampf verloren hatte. |