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DER
GESANG DES WÜSTENWINDS |
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Neuntes Kapitel - Der Tod mit sanften Schwingen... |
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„Aber ich habe doch ausdrücklich betont, wie ernst der Zustand der Baronin ist!“ wiederholt Sabrina eindringlich. Es geht praktisch um Leben und Tod! Wann meldet sich ihr Boss denn wieder?“ „Keine Ahnung!“ lautet die gelassene Antwort aus dem Telefonhörer. „Baron von Falkenberg hat uns angeordnet, den Herrn Ingenieur nicht zu beunruhigen. Das es so ernst ist, davon wussten wir allerdings hier nichts!“ Die Sekretärin ist der Verzweiflung nahe: „Die junge Frau ringt mit dem Tod! Seine einzige Tochter! Und er ist nicht zu erreichen! Wissen Sie was das für uns alle bedeutet? Welche Folgen diese Nachlässigkeit mit sich bringen wird? Er wird uns verantwortlich machen, dafür, dass wir nicht anders reagiert haben, sollte er zu spät zurückkommen, um seine Tochter noch lebend vorzufinden! Mein Gott! Ist das denn die Möglichkeit!“ Ihre Stimme droht umzukippen, sie ist außer sich. Die Chefabteilung der Hollowitz-Werke ist perplex ob des Gehörten. Nach kurzem Schweigen in der Leitung, meldet sich eine Männerstimme: „Ich bin Prokurist Wormer! Die Abteilung ist in Aufruhr! Die Privatnummer des Direktors muss doch irgendwo zu finden sein! Ich werde persönlich danach trachten, sie in Erfahrung zu bringen, wenn nötig, mit Hilfe der Polizei! Sobald ich etwas Neues weiß, melde ich mich bei Ihnen! Sollte ich nicht auch mit dem Baron...? „Nein, nur das nicht!“ unterbricht die aufgeregte Sekretärin den Mann hastig. „Es muss unter uns bleiben! Irgendetwas stimmt nicht bei der Sache! Angeblich ist seine Frau hier im Schloss und wird ärztlich versorgt, jedoch niemand weiß genau wo sie sich befindet, niemand hat sie je gesehen seit dem Ausbruch ihrer geheimnisvollen Viruserkrankung!“ „Ich verstehe!“ stimmt der Prokurist zu. « Vielleicht können Sie selbst auch noch ein wenig mehr erfahren. Eine Frau kann doch nicht einfach so spurlos verschwinden!“ „Anscheinend doch!“ erwidert Sabrina finster. „Ich werde mein Möglichstes tun, aber ich kann nichts versprechen!“ Sie verabschiedet sich hastig, und ihr Blick schweift immer wieder zur verschlossenen Tür. Ihre Zweifel werden immer größer, was die Aufrichtigkeit des Barons betrifft. Seine Miene drückt Besorgnis aus, Trauer, doch seine Augen sind kalt und leer....
***** „Bis morgen dann!“ verabschiedet sich die zierliche Frau mit dem kurzen, modischen Haarschnitt vom Schlossverwalter. Dieser nickt ihr kurz zu und widmet sich wieder seinem Telefongespräch. „Einen Moment, Frau Zweig! » ruft er sie plötzlich zurück. „ Was ist mit der überarbeiteten Abrechnung? Der Baron will sie morgen Vormittag sehen!“ Der Verwalter hält mit einer Hand die Sprechmuschel des Hörers zu, während er mit seiner Sekretärin spricht. „Ja, ja, ist schon fertig. Ich drucke sie gleich morgen früh aus!“ Sie eilt die breite Treppe hinunter in den Saal, durch den sie zum Parkplatz des Schlosses läuft, um gleich darauf ihren Wagen vom Schlossgelände zu lenken. Sie hat beschlossen, nicht darauf zu warten, bis die Botschaft des Todes von Anja Falkenberg bis zu ihr vordringen würde. Sie war fest entschlossen, die Baronin zu suchen und sich selbst Klarheit zu verschaffen. Irgendeinen Weg würde sie schon finden.
Es ist achtzehn Uhr. Helllichter Tag an diesem späten Augustabend. Sie beschließt ins Dorf zu fahren, dort einen Kaffee zu trinken und später, wenn es dämmerig wurde, wollte sie zurückkommen. Eine gewisse Portion Abenteuerlust überkommt sie bei dem Gedanken an ihr Vorhaben, vor allem aber leitet sie ihr Gefühl, richtig zu handeln, sich selbst ein Bild über Anjas Zustand verschaffen zu wollen. Nervös und hastig raucht sie ihre Zigarette zu Ende und sieht sich in der Gaststube um. Es war die einzige der kleinen Ortschaft, und die Bewohner sind ungemein stolz auf sie. Am Wochenende gibt es sogar Musik hier, ländliche Volksmusik und manchmal wurde sogar getanzt. Mehrere Männer lehnen müßig an der Theke und trinken Kaffee oder Bier. Eine Gruppe von Hausfrauen sitzt tratschend im kleinen Garten des Lokals und mustert sie misstrauisch. Man stellt sich Fragen über sie, die man hier nicht kennt. Die Fremden, die ab und zu vorbeikommen, haben meist etwas mit dem Schloss zu tun. Besucher, Lieferanten oder Gelegenheitsarbeiter. Nach ihren Bürostunden hält sie sich nie lange in der Gegend auf. Sie sieht dazu, so rasch wie möglich die dreißig Kilometer zur Hauptstadt zurückzulegen und widmet sich dann ihren Besorgungen, Einkäufen oder kehrt in ihre kleine Wiener Wohnung zurück. Doch hier, in dem kleinen Dorf, hatte sie noch nie etwas mit den Leuten zu tun gehabt. Umso überraschter ist sie, als sie den grauhaarigen, schlanken Mann im tadellosen Anzug herein kommen sieht. Er ist ihr nicht unbekannt. Es handelt sich um den persönlichen Anwalt des Barons, Dr. Weigert. Sie ist ihm schon einige Male über den Weg gelaufen, drüben im Schloss. Sie hofft, er möge sie nicht erkennen, doch er steuert bereits den kleinen runden Tisch an, an dem sie sitzt. „Entschuldigen Sie bitte, aber haben wir uns nicht schon irgendwo gesehen?“ Anscheinend versuchte der Mann sich daran zu erinnern, woher er sie kannte. „Ich glaube nicht!“ erwidert sie unsicher, doch seine Miene erhellt sich sichtlich, als er ausruft: „Doch! Ja, richtig! Ich kenne Sie! Sie arbeiten im Schloss! In der Verwaltung, wenn ich mich recht entsinne!“ „Ja, das ist richtig! Ich glaube, ich habe Sie ebenfalls schon im Schloss gesehen!“ Er stellt sich höflich mit einer knappen Verbeugung vor und sie denkt: ‘Ganz alte Schule! Eigentlich ein charmanter Mensch’! Sie macht Anstalten aufzustehen und zu gehen, doch er bittet sie, noch zu bleiben. Er möchte sie zu einem Glas einladen und sie nimmt zögernd an. Bis zur Dämmerung ist es noch lang hin und sie müsste sonst noch ein paar Stunden im Wagen warten, den sie später im angrenzenden Schlosswald zu parken gedenkt. Er nimmt ihr gegenüber Platz und nun gelten die neugierigen Blicke nicht nur ihr, sondern auch ihm. Abschätzende Blicke treffen die beiden Unbekannten. Vielleicht wusste er ja mehr und sie konnte etwas über die Kranke in Erfahrung bringen. „Dann sollen sie es doch hören!“ ruft plötzlich einer, der an der Theke lümmelnden Männer im grünen Overall eines Landarbeiters aus. „Was schert mich das? Ich bin denen vom Schloss nicht schuldig! Sollen sie es ruhig hören! Aber wahr ist es! Seit der Baron zurückgekommen ist, geht es drunter und drüber! Erst macht er sich an meine Anita heran, als wäre sie eine Dirne, dann jagt er sie vom Schloss wie eine Verbrecherin, weil sie ihn nicht drüber lässt, und jetzt ist die Baronin verschwunden! Krank! Dass ich nicht lache! Sie wird auf und davon gelaufen sein! Wunder wäre es keines! Sie hätte es schon viel früher tun sollen!“ Die Blicke aller wandern zum Tisch, an dem die beiden Stadtmenschen sitzen, vorwurfsvoll, anklagend, als hätten sie etwas damit zu tun. Es wird getuschelt und schließlich normalisiert sich das Gespräch wieder einigermaßen und die Männerstimmen bleiben gedämpft. „Ich glaube, wir sind hier nicht besonders willkommen!“ stellt der Jurist säuerlich fest. „Die Menschen auf dem Lande sagen immer gerade heraus, was sie denken!“ entgegnet Sabrina kühl. Sie selbst stammt ebenfalls vom Land, wenn auch aus einer anderen Gegend. „Und was denken sie, Ihrer Meinung nach?“ fragt Dr. Weigert gespannt. Sie musste auf der Hut sein! Ihr gegenüber saß der Freund des Barons, den sie verdächtigte! Weswegen? Das ist ihr selbst auch nicht so richtig klar! „Ich denke einfach, die Leute finden es höchst merkwürdig, dass man nichts Genaues über die Krankheit der jungen Baronin weiß und auch nicht, wo sie sich jetzt befindet!“ Ihre Stimme bleibt sachlich. „Ich habe gehofft, Sie wissen ein wenig mehr, als die anderen!“ Verwundert hebt sie die Augenbrauen und sieht ihn unter den langen, geschwungenen Wimpern misstrauisch an. „Ich? Wieso ich? Ich weiß nichts! Sie sind der Freund des Barons, wenn ich mich recht entsinne! Ich bin nur eine kleine Angestellte, der er sicher nichts anvertrauen würde!“ „Warum dieser bittere Unterton in ihrer Stimme, gnädige Frau! Ich versichere Ihnen, dass auch ich nicht mehr weiß, als dass sich der beste aller Spezialisten um die junge Frau kümmert und es ihr sehr schlecht gehen soll!“ Er seufzt und seine Besorgnis klingt echt. Seine grauen Augen drücken Sorge aus. Ob für die Kranke oder seinen Freund, das ist ihr nicht klar. „Aber ich war auf den Weg ins Schloss! Ich werde meinen Mandanten, bitten, mich zu ihr zu lassen, damit ich mich selbst davon überzeugen kann, wie es um die Arme steht und ob man nicht irgendetwas für sie tun kann.“ Erleichtert antwortet die Sekretärin: „Das freut mich zu hören! Ich konnte leider nichts beim Baron erreichen! Er hat mir mehr oder weniger zu verstehen gegeben, dass mich die Sache nichts angeht!“ Freundlich blickt der Anwalt sie an: „Ich verspreche Ihnen, ich rufe Sie morgen früh an, sollte ich etwas wissen! Das gibt mir Gelegenheit, ihre charmante Stimme wieder zu hören, was Sie bitte nicht als plumpes Kompliment auslegen sollten!“ Sabrina fasst ein wenig mehr Vertrauen zu dem seriös wirkenden Mann. Sie schenkt ihm ein warmes Lächeln. Freund hin oder her, er war trotz allem ein Mann des Gesetzes! „Ich sorge mich, da auch der Vater der jungen Frau nichts von der Krankheit weiß. Er ist unerreichbar und auf Reisen, wie es heißt!“ Ungläubig starrt ihr Gegenüber sie an: „Hardtberg ist nicht erreichbar? Das ist unmöglich! Er hat doch immer sein Telefon bei sich!“ Sie nickt: „Ja schon! Aber die Einzige, die seine Nummer haben soll, ist die Baronin und deren Telefon sei unauffindbar, wie der Baron mir zu verstehen gab!“ Es tat gut, jemanden an den Zweifeln, die sie plagten, teilhaben zu lassen. Verständnislos schüttelt der Anwalt langsam dem Kopf: „Na, das ist ja ein Ding! Dann bitte ich Sie, mich jetzt entschuldigen zu wollen, ich werde sofort mit meinem Klienten sprechen und mir selbst Klarheit verschaffen!“
Nachdem sie den Wagen auf dem stillen Waldweg stehen hat lassen, geht sie die letzten hundert Meter vorsichtig zum Schloss weiter. Mücken umschwirren sie und es ist immer noch sehr warm, trotzdem die Dämmerung weit vorangeschritten ist. Ein Käuzchen ruft, gefolgt vom Eichelhäher, der sie mit seinem schrillen Laut erschreckt. Sie bleibt stehen und atmet tief durch. Sie wird den Waldrand erst verlassen, wenn es ganz dunkel war und sich dann von rückwärts an das Schloss anschleichen. Vorne, auf der Hotelterrasse sitzen die Gäste und genießen die linde Abendstimmung. Sie kennt das Schloss nur oberflächlich und nur einen kleinen Teil der Räumlichkeiten. Doch sie ist von ihrem Vorhaben nicht abzubringen. Von weitem sieht sie den großen Wagen des Anwalts vor dem Eingang stehen. Sie hatte ihm vorgetäuscht, nach Wien zu fahren, und war bei der nächsten Feldstrasse umgekehrt. Die Schatten nehmen zu und allmählich wird es dunkel. Vorsichtig bleibt sie von den hohen Holundersträuchern verborgen, die den Waldrand säumen. In vielen Räumen geht Licht an, Silhouetten sind vereinzelt erkennbar, die meisten Fenster noch weit geöffnet, um die duftende Waldluft hereinzulassen. Vereinzelt dringt Gelächter heraus und die Stimmen der Gäste. Sie mustert die vielen Fenster und versucht sich vorzustellen, was sich dahinter abspielte. Eine Reihe von Gästezimmern, die zum Clubhotel gehörten, die große Küche und Nebenräume. Die großen, hohen Fenster der Säle befanden sich an der Vorderfront. Östlich davon begann der Privattrakt der Familie und sie kann nur einen Teil davon ausnehmen. Die Fenster der Verwaltung sind erleuchtet. Es konnte nur dieser Dr. Weigert sein, der hier mit dem Mann diskutierte, der unruhig auf und ab schritt und erregt die Hände hob. Die Gesichter waren zu weit entfernt, um sie erkennen zu können. Sie geht die Rückfront des Schlosses ab, immer noch im schützenden Dickicht verborgen. Am Ende der westlichen Seite sind ebenfalls zwei Fenster erleuchtet. Das sieht sie erst nach genauem Hinsehen, denn dicke, schwere Vorhänge lassen keinen Blick in das Innere der Zimmer zu. Sie weiß nicht, welcher Teil des Schlosses dies war, aber wahrscheinlich, der für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Teil, in dem sich die Privaträume des alten Barons befanden. Sie werden, soviel sie weiß, seit Jahren nicht benutzt. Gleich daneben ein weiteres, dunkles Fenster, das plötzlich erhellt wird. Sie sieht die Umrisse einer weiblichen Person, die die Fenster schließt und die Vorhänge zu Recht schiebt. Sabrina wartet ein Weilchen, doch nichts verändert sich. Sie würde sich auf diesen Baumstumpf setzen und das Schloss beobachten. Dabei konnte sie überlegen, wie sie ungesehen in diesen Teil des Gebäudes eindringen konnte. *****
„Ich will sie sehen!“ beharrt Dr. Weigert. „Führe mich zu ihr, damit ich mich von ihrem Zustand überzeugen kann!“ Missbilligend schüttelt Falkenberg den Kopf: „Das kommt nicht in Frage! Der Arzt hat jeden Besuch untersagt, es regt sie nur auf!“ „Ich will nicht glauben, dass du so stur bist!“ sagt der Anwalt mit erhobener Stimme. „Es wird bereits geredet! Die Leute machen sich so ihre Gedanken! Nicht nur hier im Schloss, auch unten im Dorf! Ich glaube, sie sehen in dir eine Art Blaubart, der seine Frau beiseite räumen will!“ Charly lacht trocken auf: „Na diese Bauerntölpeln haben ja eine rege Phantasie! Glaubst du, ich habe nicht genug am Hals, als dass ich mich noch um die Redereien dieses einfältigen Packs kümmern könnte?“ Hartnäckig wiederholt der Ältere: „Ich habe fest stellen müssen, dass dein Ruf bei den Einheimischen hier nicht der beste ist, Charly! Sieh dich vor. Lass mich nur einen Blick auf sie werfen! Ich könnte die Neugier der Leute dann irgendwie besänftigen, ihre Zweifel zerstreuen! Ich bin schließlich dein Anwalt und vertrete deine Interessen!“ „Die Leute scheren mich keinen Deut!“ braust der Baron auf. „Hörst du! Keinen Deut! Aber wenn du darauf bestehst, dann folge mir! Du kannst sie kurz sehen, einen Augenblick lang, und dann bitte mich nie wieder darum!“ Er geht dem Hochgewachsenen Mann voraus durch eine Flut von Gängen und Korridoren, und Weigert ist beinahe sicher, das gesamte Gebäude von einem Ende zum anderen zu durchqueren. Zuletzt ersteigen sie eine kurze Treppe und bevor der Korridor an der Wand endet, klopft der Baron an eine der letzten Türen. Ein Schlüssel wird herumgedreht und die Tür einen Spalt breit geöffnet. Hat Weigert sich getäuscht, oder stand wirklich im Gesicht des korpulentes Mannes hinter der Tür panische Angst und Schrecken bei seinem Anblick? „Mein Anwalt!“ erklärt Charly rasch. „Er will kurz meine kranke Frau sehen! Wie geht es ihr heute Abend?“ Der Angesprochene zuckt die Schultern und antwortet nicht. „Mein Spezialist aus der Schweiz!“ erklärt Charly, doch der Mann stellt sich nicht vor und der Jurist findet das Benehmen des Arztes höchst merkwürdig, der ihn nicht einmal eines Blickes würdigt. Doch sein eigener Blick wird von dem traurigen Bild gefesselt, das sich ihm darbietet. In diesem wundervoll ausgestatteten Raum mit seinen reich verzierten Barockmöbeln, liegt eine kleine, blasse Gestalt in der Mitte des breiten Prunkbettes. Er will rasch näher treten, doch Charly hält ihm am Arm zurück. „Nein, geh nicht näher! Sie will niemanden sehen, niemanden! Du siehst, es steht schlecht um sie!“ Der abgehärtete Mann schluckt schwer. Diese Person ist kaum mehr als die junge, Lebenssprühende und selbstsichere Baronin zu erkennen, die ihm oft schlagfertig geantwortet hatte. Die riesigen, blauen Augen haben sich ihm zugewandt und in ihnen steht Furcht, Angst vor dem Tod. Er hätte gerne ihre kleine Hand genommen und sie getröstet, doch der Arzt baut sich vor ihm auf und Charly bedeutet ihm ungeduldig, den Raum zu verlassen. „Aber was hat sie denn eigentlich! Woran leidet sie?“ flüstert der schockierte Mann, als sie wieder auf dem Korridor stehen und zurück in den belebten Teil des Schlosses wandern. „An einem Virus unbekannter Herkunft! Sie spricht auf keine Behandlung an, obwohl der Arzt weiß Gott alles Mögliche versucht hat, doch dieser heimtückische Bazillus schreitet mit einem derartigen Tempo voran und lässt sich durch nichts aufhalten! Er nährt sich von ihrer Lebenskraft, von der ihr nicht mehr viel bleibt!“ „Sie gehört in eine Klinik!“ bemerkt der Jurist. „Du kannst sie nicht hier vor der Welt wegsperren und so dahinsiechen lassen! Man wird dir die Schuld an ihrem Tod geben!“ „Es ist ihr Wunsch hier zu bleiben, in der Nähe ihrer Kinder! Den Wunsch einer Sterbenden habe ich zu respektieren und außerdem ist dieser Arzt der Beste, den es gibt auf diesem Gebiet! Er kostet mich ein Vermögen!“ Der grausame Zug um Charlys Mund, straft ihn Lügen und das Glitzern seiner Augen verleiht dem Mann eine teuflische Ausstrahlung. Weigert erschauert: „Und Hardtberg? Du musst ihn unbedingt erreichen!“ entgegnet er. „Das kann ich nicht! Herrgott noch mal!“ Seine Stimme droht überzuschnappen. „Anjas Telefon ist verschwunden! Wahrscheinlich hat sie es irgendwo verloren! Ich habe die Wohnung dreimal auf den Kopf stellen lassen, ohne Erfolg und du weißt so gut wie ich, dass man eine Geheimnummer nicht in Erfahrung bringen kann, mit keiner Begründung! Außerdem kann er ihr auch nicht helfen! Wenn der Alte durchdrehen sollte, dann bist du mein Zeuge! Du hast sie gesehen und hast dich von ihrem Zustand überzeugt, und der angemessenen Pflege, die ich ihr zuteil habe kommen lassen, oder?“ Der Jurist spart sich eine Antwort und verabschiedet sich rasch von seinem Freund und Klienten. Weg aus diesem Schloss! Fort von diesem Ort der unglaublichsten Geschehnisse! Er will mit der Sache nichts zu tun haben. Morgen früh wird er seiner Sekretärin gleich eine Aktennotiz diktieren, eine sachliche Beschreibung dessen, was er gesehen hat in den Sekunden eines Blickes, den man ihm gewährt hatte. Er würde nichts bezeugen! Mochte Charly doch zum Teufel gehen, er und seine Freundschaft! Er legte keinen Wert mehr darauf, der Freund dieses Wahnsinnigen zu sein. Die bessere Gesellschaft, in der er sich an der Seite des Barons bewegt hatte, hat ihren Reiz für ihn verloren. Er hatte sich Ansehen erhofft, eventuell eine gute Partie und hat feststellen müssen, dass es sich dabei um eine Gruppe oberflächlicher, vergnügungssüchtiger Leute handelte, die selbst nach dem für sie unerreichbaren Glück lechzten und glaubten, es im Drogenrausch und auf ausschweifenden Partys zu finden. Er hatte nichts mehr mit diesem Milieu zu tun. Er hätte jetzt noch gerne mit der hübschen, rothaarigen Person gesprochen, die er im Dorf getroffen hatte, doch er kannte weder ihre Adresse noch ihre Telefonnummer und so fährt er schnurstracks nach Wien in sein Büro, um heute Nacht noch seine Notiz auf dem Diktiergerät festzuhalten! *****
Ein Rascheln im Gebüsch lässt die Frau hochschrecken. Sie war eingeschlafen, an den Baumstamm gelehnt. Sie versucht die Uhrzeit auf ihrer kleinen Armbanduhr festzustellen, doch es ist zu dunkel. Ein Blick auf die rückwärtige Schlossfassade zeigt ihr, dass die meisten Fenster bereits dunkel sind, nur vereinzelte, im Bereich der Gästezimmer sind noch schwach erleuchtet. Dort, wo sie das Krankenzimmer vermutet, ist kein Lichtstrahl mehr zu erkennen und auch nicht im Nebenzimmer. Sie steht auf und streckt ihre vom Sitzen steif gewordenen Beine. Der lange Wickelrock hat sie vor den Bissen der Mücken geschützt, die selbst jetzt noch in der lauen Sommernacht ihren Kopf umschwirren. Ihre Arme jucken und sie unterdrückt das Bedürfnis, sich zu kratzen. Vorsichtig tritt sie aus dem Dunkel des Waldes hervor und überquert lautlos den Rasen. Als sie die Wand des Schlosses erreicht, bleibt sie klopfenden Herzens stehen und überzeugt sich davon, dass niemand sich in Reichweite befand. Sie setzt Schritt vor Schritt und erreicht eine schmale, einfache Tür, die jedoch versperrt ist. Sie späht durch die schmutzige Scheibe des Eingangs und sieht innen den Schlüssel stecken. Sie vermutet, dass diese Pforte nur zur Entsorgung des Mülls diente, den man so ungesehen von den Gästen und Bewohnern aus dem Schloss entfernen konnte. Sie ist selbst verwundert über ihren Mut, doch sie würde die Sache zu Ende bringen. Diese schlaflose Nacht sollte nicht umsonst gewesen sein! Vorsichtig nimmt sie eine ihrer Sandalen und klopft erst leicht mit dem Absatz gegen die kleine Scheibe, dann stärker und ein Klirren, das in ihren Ohren wie ein Erdbeben klingt, lässt die Scheibe zersplittern. Sie hält den Atem an und wartet, doch der Lärm bleibt anscheinend unbemerkt. Vorsichtig, um sich nicht an den zerbrochenen Glassplittern zu schneiden, streckt sie ihre Hand durch die Öffnung und bekommt den altmodischen, großen Schlüssel zu fassen. Endlich kann sie die Tür mühelos öffnen. Lautlos öffnet sie sich, und als Sabrina eintritt, steht sie vor einer schmalen Steintreppe, die oben in einen langen Korridor mündet. Sie schenkt dem Gang im Erdgeschoss keine Beachtung. Wahrscheinlich führte er zu den Lagerräumen und weiter zur Küche. Sie ersteigt die Treppe und der alte Stein schluckt jedes Geräusch. Der lange Korridor, in den sie gelangt, ist spärlich von einer winzigen Kontrolllampe erleuchtet, gerade genug, um zu sehen, wohin man trat. Sie versucht sich zu orientieren. Die verdächtigen Zimmer mussten sich rechter Hand befinden. Das letzte Fenster war jenes gewesen, in der sie vermeinte die Frauengestalt gesehen zu haben. Das bedeutete, dass sie die vorletzte Tür untersuchen sollte, da hier wahrscheinlich das Krankenzimmer lag! Sie ist versperrt. Damit hätte sie rechnen müssen. Kein Laut ist zu hören, doch plötzlich, ein Geräusch! Panisch zieht sie sich in den Schatten der übernächsten Tür zurück und wartet. Die letzte Tür wird geöffnet und eine junge Frau tritt heraus. Sie ist im Schlafrock und sperrt die Tür des verschlossenen Raumes auf, die sie jedoch gleich wieder hinter sich ins Schloss zieht. Auf Zehenspitzen schleicht Sabrina heran und drückt leise die Klinke nach unten, um durch den so entstandenen Spalt ins Zimmer blicken zu können. Schwaches Licht erhellt kaum den reich verzierten Raum. Das Bett in der Mitte wird durch die daneben stehende Gestalt verdeckt, die dabei ist, sich an den Laken zu schaffen zu machen. Sie schüttelt die Kissen auf, wortlos und Sabrina kann nur vermuten, dass die kranke Baronin hier ihr Krankenlager hat. Sie nimmt den beißenden Geruch von Äther wahr und erhascht noch einen Blick auf die durchsichtigen Plastikschläuche, die an der Rückwand des Bettes befestigt sind, den Glasbehälter mit der klaren Flüssigkeit. Erschrocken eilt sie zurück in ihr Versteck, als das Mädchen sich umdreht und Anstalten macht, den Raum zu verlassen. Sorgfältig versperrt sie ihn und begibt sich in das angrenzende Zimmer zurück. Sabrina wartet noch, bis der erloschene Lichtstreifen unter der Tür ihr bestätigt, dass die Frau sich anscheinend wieder zur Bett begeben hat. Erst dann geht sie den Weg zurück über die Stufen und verlässt das Haus, nachdem sie vorsichtig von Außen den Schlüssel wieder umdreht. Als sie danach endlich in ihrem Wagen sitzt, - die Zeit bis sie ihn erreicht hatte, erschien ihr wie eine Ewigkeit -, atmet sie tief ein und nimmt die Trauer und Mutlosigkeit wahr, die von ihr Besitz ergreift. Sie waren sich zwar nicht so nahe gestanden, aber sie bewunderte und mochte die junge Frau sehr, und nun bestätigt zu wissen, dass es wirklich so schlecht um sie stand, machte sie traurig und hoffnungslos. Sie stellt fest, dass es bereits fast zwei Uhr nachts war und kippt ihren Sitz zurück. Sie würde die wenigen Stunden, die ihr blieben, hier schlafen und so wieder rechtzeitig im Büro erscheinen, um die Abrechnung für den Baron fertig zu stellen.
„Ich habe leider schlechte Neuigkeiten!“ sagt der Anwalt durchs Telefon. „Es sind ja eigentlich keine Neuigkeiten, nur eine Bestätigung. Es steht wirklich schlecht um Anja von Falkenberg! Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen, fürchte ich!“ Sabrina starrt müde aus dem Fenster, während sie schleppend erwidert: „Ich danke Ihnen für Ihren Anruf! Es tut mir so leid!“ „Mir auch, glauben Sie mir! Sie sollten versuchen, Frédéric Hardtberg zu erreichen!“ Das Kontrolllämpchen auf der Telefonanlage bedeutet ihr, dass ein zweiter Anrufer wartete. Sie verabschiedet sich hastig, nachdem der Jurist ihr versichert hatte, heute noch vorbei zu kommen. Sein Interesse an ihr war ihr nicht verborgen geblieben, doch sie hatte jetzt wahrlich andere Sorgen.
Sie nimmt den zweiten Anruf entgegen und stellt überrascht fest, dass es sich um Prokurist Wormer handelt, der sie so früh zu sprechen wünscht. „Ich habe mit dem Direktor geredet!“ sagt er gerade heraus. „Er war außer sich, dass er erst gestern Abend von der Tragödie erfuhr und wird heute noch im Laufe des Tages in Wien eintreffen! Ich hatte bei der Polizei eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, dass es sich um einen Notfall handle und nur so hat man für mich die Geheimnummer eruiert!“ Er gibt sie ihr durch und sie notiert sie rasch auf die Unterlage ihres Schreibtisches. Er macht eine kleine Pause, bevor er fort fährt: „Ich hoffe, ich habe das Richtige getan und ihn nicht unnötig beunruhigt! Oder besser gesagt, doch ich hoffe, es wendet sich alles zum Guten! Wie geht es der Kranken?“ „Nicht gut!“ erwidert Sabrina. „Sie haben das Richtige getan! Mir fällt ein Stein vom Herzen, jetzt wo sie Ihren Boss erreicht haben! Ich hoffe, er kann noch rechtzeitig hier sein, bevor ...“ sie lässt den Satz unvollendet und ihre Finger zittern ein wenig vor Erleichterung. Das plötzliche Erscheinen des Barons Falkenberg in der Tür, lässt sie blass werden und sie beendet rasch das Gespräch, ohne sich noch länger aufzuhalten. „Ich hole die überarbeitete Abrechnung!“ Grußlos erinnert Charly die Sekretärin, die versucht, ihre Nervosität zu verbergen und ihren Schreibblock über die notierte Nummer schiebt, an seinen Wunsch. Sie reicht ihm wortlos den besagten Akt und er zieht sich zurück, ohne ein weiteres Wort mit ihr zu verlieren. Wieder allein atmet sie tief durch und wählt die Nummer Frédéric Hardtbergs. Nach mehrmaligem Läuten meldet sich die dunkle Stimme des Mannes und Sabrina stellt sich vor. Sie versichert ihm ihr Bedauern und entschuldigt sich dafür, ihn zu belästigen. Sie habe den Prokuristen gebeten, die Nummer in Erfahrung zu bringen. Mit knappen Worten schildert sie was sie weiß oder besser gesagt, was sie nicht weiß und lässt ihn auch wissen, dass sie nachts versucht hatte, heimlich in die Gemächer der Kranken einzudringen. Stockend erzählt sie ihre Eindrücke und der Mann, der ihr zuhört, ohne sie dabei zu unterbrechen erwidert schließlich mit angenehmer, aber belegter Stimme: „Ich bin die Nacht über durchgefahren und nicht mehr sehr weit von Wien entfernt! Wormer hat mich in Rom erreicht und ich habe mich sofort auf den Weg gemacht. Ich werde gegen zehn im Schloss sein, wenn alles gut geht!“ Er holt tief Luft und fügt mit leicht zittriger Stimme hinzu: „Ich danke Ihnen für alles, Frau Zweig!“ Verlegen versichert sie ihm, dass er ihr keinen Dank schulde und bereits jetzt denkt sie ängstlich an die Reaktion des Barons, die dieser angesichts des Auftauchens von Ing. Hardtberg zeigen würde.
Ein weiterer Gedanke war ihr gekommen: Falkenberg hatte den Namen des Arztes verraten und es wahrscheinlich nicht einmal gemerkt. Er war aufgebracht gewesen, da sie sich so eingehend nach seiner Frau erkundigt hatte und der Name „Van Trauting“ kam ganz von selbst über seine Lippen. Kurz entschlossen sucht sie Weigerts Büronummer im Telefonbuch und hat diese auch schnell eruiert. Als sie seine Stimme hört, vertraut sie ihm den Namen des angeblichen Arztes an. „Sie sind ein Mann des Rechtes! Es müsste ein Leichtes für sie sein, irgendetwas über diesen Mann in Erfahrung zu bringen! Er kommt aus der Schweiz! Und welche Art von Arzt er ist, weiß ich nicht! Wahrscheinlich kennt der Baron ihn von seinem Aufenthalt in diesem Land her. Sie wissen, Dr. Weigert, die Zeit drängt!“ Sie verschweigt ihm allerdings, dass Hardtberg im Anmarsch war, ein Rest von Misstrauen hält sie davon ab. Schließlich war sie dabei gewesen, als Anja den Juristen kurz nach der Geburt ihres Sohnes hier im Büro empfangen hatte. Das abweisende Gesicht Anjas dem Mann gegenüber, war ihr keineswegs entgangen. In höchstens zwei Stunden war der Vater der Kranken hier und nichts würde ihn davon abhalten können, ans Lager seiner Tochter zu eilen. Sabrina hat den Großindustriellen einige Male gesehen und trotz seines, ihr freundlich zunickenden Gesichtes hatte sie sofort erkannt, dass dies ein Mann der Tat war, jemand, dem nichts widerstehen konnte, und niemand sollte versuchen sich mit diesem Mann anlegen und ihn zum Feind haben! Sie versucht sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. Langsam schleicht die Zeit dahin. Der Verwalter hatte heute Vormittag auswärts zu tun. Eine Besprechung mit dem zuständigen Forstaufseher, hieß es, um die Zahl der im Herbst zu schlagenden Bäume festzusetzen. Sie kann sich kaum auf ihre Aufgaben konzentrieren und lässt ihren Blick hinausschweifen. Still liegt der Rasen vor dem Schloss in der Morgensonne. Wolkenballungen im Osten lassen ein näher kommendes Gewitter erahnen. Ein paar Frühaufsteher wandern mit geschultertem Golfsack zum Gelände hinaus. Die breite Kiesauffahrt liegt verlassen vor ihr und über den angrenzenden Feldern liegt ein Hauch von Morgendunst. Sie lehnt sich gähnend zurück und unterdrückt die Müdigkeit, die ihr noch in den Gliedern sitzt. Lustlos blättert sie in den zu bearbeitenden Akten. Die innere Unruhe, die sie in sich fühlt, ist geprägt von dem angekündigten Eintreffen des Industriellen Hardtberg.
Ein sich rasch näherndes Fahrzeug alarmiert plötzlich ihre Aufmerksamkeit. Lieferwagen ist es keiner. Es handelt sich um ein Taxi, wie sie bald feststellen kann. Sollte dies bereits der Vater der Baronin sein? Gespannt wartet sie ab, wer dem Schloss einen so frühen Besuch abstattete. Sie beobachtet den Mann, der dem Wagen entsteigt. Er ist etwa in ihrem Alter, also knapp über dreißig, schätzt sie, auf den ersten Blick ein bisschen schlampig anzusehen, unrasiert und mit wirrem, blondem Haar. Seine langen Beine stecken in abgetragenen Jeans und sein dunkles Hemd trägt er halb offen, mit hochgekrempelten Ärmel. ‘Was wollte der Bursche hier, der aussah wie eine jüngere Ausgabe von Indiana Jones?’ denkt sie überrascht. Er trägt eine abgetragene, lederne Reisetasche, die er sich, nachdem er den Fahrer entlohnt hat, quer über die Schulter wirft. Dann schweift sein Blick zum Schloss, wandert die Fassade entlang und heftet sich auf Sabrinas Gestalt, die am Fenster steht, als hätte sie auf ihn gewartet. Er strebt mit langen Schritten dem Haupteingang zu. Zu den Golfern dürfte er nicht gehören, die waren meist wie aus dem Ei gepellt, selbst wenn sie ihrem Sport frönten, auf dem der Sonne ausgesetzten, riesigen Gelände unter dieser heißen Augustsonne. Umso überraschter ist sie, als er nach kurzem Klopfen, ohne eine Antwort abzuwarten, eintritt und sie aus hellen, aber müde blickenden Augen fragend ansieht. Wortlos kramt er in der Brusttasche seines Hemdes und reicht ihr ein zusammengefaltetes Papier. Sie nimmt es und erkennt die Internet Nachricht, die sie gestern früh abgewandt hatte. Er war also der geheime Nachrichtensender, der Anja aus der Fassung gebracht hatte! Verstehend nickt sie: „Ja, das habe ich geschrieben!“ Er spricht mit starkem englischem Akzent, als er sie anspricht: „Ich danke Ihnen dafür. Mein Name ist Newman. Ich bin ein Freund der Baronin! Ich komme eben aus Bangkok und habe mich beeilt, so gut ich konnte! Wo kann ich sie finden ? “ ‘Oh Gott’! Denkt Sabrina! ‘Die Sache spitzt sich zu! Und ich habe den Stein ins Rollen gebracht’! Etwas hilflos zuckt sie die Schultern. Sie entgegnet bedauernd: „Ich fürchte, sie können nicht zu ihr. Der Baron lässt niemand in ihre Nähe!“ „Das wollen wir erst einmal sehen », grollt er, und als sie sieht, wie seine hellen Augen dunkel wie die Wolken eines herannahenden Gewitters werden, beeilt sie sich hinzuzufügen: „Aber ich habe herausgefunden, wo sie sich befindet! Auch Herrn Hardtberg konnte ich endlich erreichen, er wird in Kürze eintreffen!“ „Sie haben richtig gehandelt! Wir sprechen später darüber! Ich will keine Zeit verlieren, sagen Sie mir nur, wo ich sie finden kann!“ Er lässt die grosse Reisetasche zu Boden gleiten. Sie erklärt ihm den einfachen Weg in den entgegen gesetzten Schlosstrakt und er ist schon an der Tür, als sie ihm noch schwach nach ruft: „Nehmen Sie sich in Acht, mit dem Baron ist nicht zu spaßen!“ „Mit mir auch nicht!“ Er ringt sich ein schwaches Lächeln ab und sie presst aufgeregt ihre Hände zusammen. Wie konnte sie ihm helfen? Sie beschließt ihm zu folgen. Als sie die Empfangshalle durchquert, um ihm nachzueilen, prallt sie förmlich mit Frédéric Hardtberg zusammen. Sie erkennt den hoch gewachsenen, kräftigen Mann, mit dem Wetter gegerbtem Gesicht sogleich und gibt sich spontan zu erkennen. Erschrocken bemerkt sie erst jetzt das Jagdgewehr in den Händen des entschlossenen Mannes. Verwundert sehen die wenigen Gäste, die sich in der Halle aufhalten, dem Mann nach. „Ich danke Ihnen später, Frau Zweig! Wo ist meine Tochter? Führen Sie mich zu ihr, bitte!“ Aus seiner Stimme dringt Angst und Wut. Zündstoff für eine gewaltige Explosion. Sie läuft neben ihm her und versucht Schritt zu halten. Die Miene des Mannes verspricht nichts Gutes. „Wie lange geht da schon so?“ will er wissen, während er mit langen Schritten das Schloss durchquert. „Seit etwa drei Wochen haben wir die Baronin nicht mehr gesehen!“ beeilt sich Sabrina Antwort zu leisten. „Der Schweinehund hat keine Zeit verloren!“ stößt der Mann gepresst zwischen den Zähnen hervor. “Er hat nur auf meine Abreise gewartet, um seine letzten Karten gegen Anja auszuspielen!“ „Ein Mann ist wenige Minuten vor Ihnen angekommen, er ist ebenfalls auf dem Weg zu Ihrer Tochter! Newman, glaube ich, heißt er! Ein Freund, soviel ich weiß! Er kam eben aus Bangkok, wie er mir erklärt hat!“ Sie hebt den langen Wickelrock ein wenig hoch, um längere Schritte machen zu können. Zufrieden nickt der zu allem entschlossene Mann: „Steve! Das ist ja eine Überraschung!“ Sie erreichen die letzte Treppe vor dem Korridor. Er sieht sie aus seinen hellgrünen Augen an. „Sie sollten jetzt zurückgehen Am besten, sie alarmieren die Polizei und einen Krankenwagen, aber er soll sich beeilen!“ Sie nickt dem Mann, der es gewohnt war Befehle zu erteilen zu, und bleibt am Treppen-Ende stehen. Die Türen von mehreren Zimmern stehen offen. Sie kann deutlich den Wortwechsel der Männer vernehmen. Es musste dieser Newman sein, der mit dem Arzt sprach. Doch sie will keine Zeit verlieren! Rasch dreht sie sich um und läuft die Treppe hinunter, den langen Weg zurück in das Verwaltungsbüro, von welchem sie die ihr aufgetragenen Telefonate führen würde, ohne eine Minute zu verlieren. Als sie ihr Büro erreicht, befindet sich dort der Jurist, Dr. Weigert, der auf sie gewartet hatte. Als er sie so abgehetzt und aufgelöst erblickt, steht er überrascht auf. „Ich habe einen Brief für den Baron, den sollten Sie ihm für mich geben! Ich ziehe mich von ihm zurück und lehne es ab, ihn weiterhin vor dem Gesetz zu vertreten. Das teile ich ihm hiermit in aller Form mit! Und was diesen Doktor Van Trauting betrifft...“ „Später!“ unterbricht sie ihn. „Es spielt keine große Rolle mehr! Den Brief überbringen Sie dem Baron lieber persönlich!“ Während sie hastig nach dem Telefon greift, erklärt sie ihm mit kurzen Worten, was vorgefallen war. „Hardtberg ist zu allem fähig! Ich rufe jetzt die Polizei und einen Krankenwagen! Wahrscheinlich wollen sie die Baronin von hier weg bringen!“ Mit bebenden Händen wählt sie den Notruf der Polizei und wartet auf die Verbindung. An Weigert gewandt, fährt sie fort: „Halten sie Ihren Freund auf! Hardtberg hat ein Gewehr und es ist sicher geladen! Der Mann wird Gebrauch von der Schusswaffe machen, sollte der Baron oder sonst wer sich ihm in den Weg stellen!“ Der Anwalt ist blass geworden und eilt wortlos zur Tür, während sie endlich ihre Verbindung bekommt und die Polizei bittet, sich zu beeilen. „Ein Familiendrama, braut sich zusammen!“ erklärt sie nur kurz. Man würde sich darum kümmern, dass in Kürze auch ein Rettungswagen zum Schloss käme. Sie eilt in die Halle und postiert sich vor dem Eingang. So konnte sie die Männer auf direktem Wege zum Ort des Geschehens bringen. Jede Minute war vielleicht kostbar!
***** Sie hält das Bild, das sich ihr bietet, für einen Teil ihrer Visionen. Die Tür, die sich öffnet, das erschrockene Gesicht des stummen Polenmädchens, das sich schnell in eine Ecke verdrückt und somit ihrem Blickfeld entschwindet. Dahinter taucht das vertraute, Sorgenumwölkte Gesicht Steves auf, der wieder einmal mit seinen blonden Bartstoppeln und unfrisiertem Haarschopf durch die Gegend lief. Wäre sie nicht so schwach, dann hätte sie gerne gelächelt. Mit seinem Gesicht vor ihrem geistigen Auge für immer einschlafen - es wäre zumindest ein Trost! Sie vernimmt laute Stimmen und sie hallen in ihrem Kopf nach. „Sie machen Sie sofort zum Abtransport fertig!“ Newman versucht sich zu beherrschen und den Mann am Lager der geliebten Frau nicht gleich mit seinen bloßen Händen zu erwürgen. Er hat den Arzt, der vor Nervosität zittert, beim Kragen gepackt und zischt ihm ins Gesicht: „Ich mache Sie persönlich dafür verantwortlich, dass sie den Transport überlebt! Also passen Sie auf, was Sie tun!“ Schlotternd macht sich der Arzt an den beiden Särumflaschen zu schaffen. „Machen Sie ja keinen Fehler!“ warnt Steve den hantierenden Mann, dessen Angstschweiß von der Stirn über die Schläfen läuft. Er klemmt einen der beiden Schläuche der Infusion ab und sagt mit zitternder Stimme: „Ich lasse nur die Glukosezufuhr angeschlossen, das hält sie bei Kräften!“ Seine Stimme nimmt einen flehentlichen Ton an. „Ich habe nicht anders gekonnt! Ich war ihm ausgeliefert! Er wusste zuviel über mich! Sie müssen mir glauben!“ Die beschwörenden Worte des angsterfüllten Mannes prallen an Steve ab, wie an einer Glaswand. Er hat nur Augen für diese Frau, die nur mehr ein Schatten ihrer selbst ist und er beugt sich zu ihr herab und küsst ihre farblosen, spröden Lippen, ganz zart, als setze sich ein Schmetterling darauf. „Das können Sie alles der Polizei erzählen!“ schnauzt er den mehr und mehr zusammenbrechenden Mann an. Anja spürt die stachelige Wange an der ihren. Welch ein Traum! War das das Ende? „Sie wird wieder rasch gesund! Ich verspreche es Ihnen!“ wispert der sich herausredende Arzt. „Ich habe mich gegen den Baron widersetzt! Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte man die junge Frau schon längst begraben! Ich habe es hinausgezögert, Sie müssen mir das vor Gericht zugute halten! Versprechen Sie es!“ „Alles was ich Ihnen verspreche, das ist, dass ihr Leben nichts mehr wert ist, wenn ihr etwas passiert! Und ich halte meine Versprechen!“ Die scharrende Stimme des Briten lässt keinen Widerspruch zu. ‚Wenn es einen Gott gibt, dann meint er es gut mit mir!’ denkt Anja, als sie auch noch die Gestalt ihres Vaters in der Tür zu sehen vermeint. Wie ein Racheengel blickt er den Arzt an, der angesichts des Gewehres, das auf ihn gerichtet ist kalkweiß im Gesicht bis an die Wand zurück weicht. „Ich war nur das Werkzeug des Barons! Bitte! Sie müssen mir das glauben!“ Der Mann beginnt wahrhaftig zu schluchzen, er ist mit den Nerven am Ende. Doch Hardtberg hat sich bereits umgewandt und seine harten Hände umfassen besorgt die seiner Tochter. Er hat Angst, sie zu umarmen, sie wirkt so zerbrechlich, fast durchsichtig! Dieser Anblick und seine Wut treiben ihm Tränen in die Augen. „Dieser Hundesohn! Ich bringe ihn um! Steve! Dich schickt der Himmel! Die Sekretärin hat bereits Polizei und Rettung verständigt. Sie müssen jeden Moment eintreffen!“ Steve nickt betreten, angesichts der Pein, die er im Gesicht des Mannes, den er achtet und dem er sehr zugetan ist, lesen kann. Frédéric ringt um Fassung und dreht sich zu dem Arzt um, der schlotternd an der Wand lehnt. „Wo ist dieser verdammte Teufel?“ knurrt er und hilflos zuckt der Angesprochene die Schultern. „Ich habe ihn heute noch nicht gesehen! Das ist die Wahrheit!“ „Ich hol‘ ihn mir! Bleibe bei ihr und lass Falkenberg nicht in ihre Nähe! Er soll sie nie wieder sehen, geschweige berühren! Ich werde abrechnen mit diesem Scheusal!“ Steve kann nur nicken, Frédéric ist schon wieder an der Tür. Die Vision entschwindet. Ihr Vater verlässt den Raum, aber Steve steht immer noch hier, neben ihr, beugt sich zu ihr, flüstert ihr aufmunternde Worte zu, versenkt seinen Blick in den ihren. Vielleicht war es nicht Steve! Vielleicht war es ein Engel, der sie empfangen sollte, ihr den Weg weisen.... Eines jener Lichtwesen, von denen man manchmal gehört hatte! Sie schließt die Augen und wird ruhig. Ja, so wird es sein! Letztendlich war alles so einfach, so einfach.... „Verdammt!“ keucht Newman. „Was ist mit ihr? Ist sie ohnmächtig?“ Der Arzt beeilt sich ihren Puls zu fühlen. „Nein“, versichert er schnell und hastig. „Sie ist einfach eingeschlafen! Ich habe die Zufuhr des lähmenden Serums abgeklemmt. Nichts davon kann mehr in ihre Adern gelangen. Was sie jetzt braucht, ist einzig und allein Ruhe! Bitte beruhigen Sie sich doch!“ Steve atmet auf. Wie sollte er sich beruhigen, hilflos hier neben dieser Frau, die er liebte und die er zu verlieren drohte. Und diesmal endgültig!
***** Frédéric sieht sie Sekretärin auf der Treppe vor dem Haupteingang stehen und warten. Er kann die Blaulichter der herannahenden Einsatzfahrzeuge ausnehmen, die sich mit raschem Tempo nähern. „Haben Sie den Baron gesehen?“ erkundigt er sich kurz und Sabrina schüttelt verneinend den Kopf. „Schicken Sie die Polizei in die Privaträume des Hauses. Sie sollen die Kinder in Sicherheit bringen und sie vor allem nicht ängstigen! Und führen sie die Leute von der Rettungsmannschaft zu meiner Tochter! Gibt es einen kürzeren Weg dorthin?“ Sie bejaht und verspricht, dem Rettungswagen zuzusteigen und die Leute zu der kleinen Hinterpforte direkt unterhalb der Zimmerflucht zu bringen. So konnten sie sich rasch um die Kranke kümmern ohne wertvolle Zeit zu verlieren. „Ich werde in den Stallungen nachsehen!“ erklärt der wütende Mann und stürmt mit großen Schritten zum Hinterausgang des Saales. Er brauchte die Hilfe der Polizei nicht und würde von Mann zu Mann mit dem Baron abrechnen! Dr. Weigert nähert sich, er zuckt hilflos die Schultern: „Ich kann ihn nirgends finden! Die Kinder sind allein in der Wohnung mit dem Kindermädchen! Aber sein Wagen steht ja hier! Was ich bezüglich dieses Arztes noch sagen wollte war, dass ihm diese Entzugsklinik in der Schweiz gehört. Es gab einige Aufsehen erregende Vorfälle vor ein paar Jahren. Man bezichtigte ihn des Betruges und der Dokumentenfälschung. Angeblich eignete er sich mit gefälschten Testamenten das Vermögen mancher seiner Patienten an, die dem sicheren Tode geweiht waren. Er soll seine Klinik damit vor dem Konkurs gerettet haben. Aber man konnte ihm letztendlich nichts nachweisen und hat die Anschuldigungen fallen lassen!“ Sabrina nickt. Das Puzzle nahm Form an. Schließlich fügten sich die Teile verständlicherweise zu einem Ganzen zusammen. Er erblickt den eben ankommenden Polizeiwagen und den sich knapp dahinter einbremsenden Rettungswagen und seufzt resigniert: „Oh Gott! Jetzt wird es ernst! Ich hab’s gewusst!“ Sabrina hat keine Zeit ihn zu fragen, was er eigentlich gewusst hatte und läuft den Leuten entgegen. Sie erklärt den Beamten, wo der Privattrakt zu finden war und ruft über die Schulter dem Juristen zu: „Dr. Weigert, bitte zeigen Sie der Polizei den Weg! Passen Sie auf die Kinder auf!“ Bereitwillig nickt der Anwalt und Sabrina selbst steigt dem Rettungswagen zu, der die lange Front des Gebäudes entlang fährt, darum bemüht, der Kranken so rasch wie möglich Hilfe leisten zu können. Neugierig und etwas beunruhigt sehen die Menschen, die sich vor dem Schloss, auf der Sonnenterrasse oder im Park aufhalten, den mit Blaulicht dahinrasenden Rettungswagen. Genau vor der kleinen Hinterpforte bremst sich das Fahrzeug ein und Sabrina eilt den drei Männern voraus, die Steintreppe hoch und lässt sie in das Zimmer eintreten, dessen Flügeltüren nun weit geöffnet sind. Niemand kümmert sich um die zusammengekauerte, verschreckte Frauensperson in der rückwärtigen Ecke des Raumes, die nicht versteht, was hier vor sich geht. Sie verhält sich so unauffällig wie möglich, denn dass es hier eine ernste Sache zu sein schien, hatte sie spätestens beim Eintreffen des bewaffneten Mannes erkannt. Vielleicht würde man sie nicht weiter beachten, sie wusste ohnehin rein gar nichts und hatte sich um diese kranke Frau gekümmert, wie man es ihr aufgetragen hatte. Sie wollte hier bleiben, in diesem Land und nicht nach Polen abgeschoben werden, weiter nichts! Irgendwie würde sie eines Tages auch zu einer Aufenthaltsgenehmigung kommen, dazu war sie fest entschlossen. Einer der Rettungsmänner hat sich über die schwache Frau gebeugt und kontrolliert Puls und Herztöne. Man injiziert ihr ein Kreislaufstärkendes Mittel, während Van Trauting bereitwillig in hastigen Worten und mit nervösen Gesten, die Substanz der ihr von ihm seit fast drei Wochen verabreichte Droge erklärt, ihre Zusammenstellung, die Dosierung, die er ihr verabreicht hatte und in welchen Zeitabschnitten sie erfolgte. Es war ein gut ausgeklügelter Plan gewesen. Und vielleicht stimmte es sogar, dass er es nicht über sich gebracht hatte, die Baronin schon Tage früher sterben zu lassen. Doch in den nächsten Tagen, ja vielleicht Stunden, hätte Falkenberg ihn schließlich gezwungen, ihr die endgültige Dosis zu verabreichen. Er wollte die Sache erledigt wissen, vor der Rückkehr Hardtbergs. Sein Zögern und ein Rest von Verantwortungsgefühl vis à vis seines einstmals geleisteten Eides hatten den Arzt psychisch belastet und Anja das Leben gerettet. Er selbst war nun verloren, das war ihm klar! Falkenberg hatte handfeste Beweise gegen ihn. Man würde die alte Geschichte wieder aufrollen, die Kopien der Originaltestamente beim Baron finden, und er war seine Klinik, seinen Titel los. Aber das schlimmste war die Tatsache, dass er an einem Mordkomplott beteiligt gewesen war, das konnte er nicht leugnen. Kein Richter der Welt würde seine Ausreden gelten lassen. Er ist noch tiefer in den Sumpf des Verbrechens gezogen worden durch seine Mittäterschaft, als er es schon war. Er war am Ende und würde im Gefängnis landen! Er war ein Verbrecher! Ein gedungener Mörder! Geistesabwesend beobachtet er die Männer, wie sie die junge Frau auf die Trage schnallen, die Infusionen vorsichtig nebenher tragend und den Raum mit ihr verlassen, stets darauf bedacht, sie auch während des kurzen Weges zum wartenden Krankenwagen nicht zu sehr zu erschüttern. Ihr Anblick rührt den Rest von Menschlichkeit in seiner Brust und er weint nun wirkliche Tränen der Reue und des Mitleids. Es ist als erwache er aus einem Traum und könne nicht fassen, dass er dabei war, aus welchen Motiven auch immer, dieses junge Leben zu ruinieren, beenden zu wollen mit diesen, seinen Händen, mit welchen er zeit seines Lebens nur helfen wollte, heilen und nicht schaden! Selbst als er mit der Fälschung der Testamente seiner Patienten begann, war sein Bestreben zu helfen! Die Klinik musste saniert werden zum Wohle der Kranken, die Unkosten waren erdrückend! Dass ihm dabei jedes Mittel recht war, schien ihm jetzt unbegreiflich, und er blickt zu dem blonden Mann empor, der ihn abschätzend und kalt betrachtet und ihm befiehlt, sich nicht von der Stelle zu rühren, bis man ihn holen würde. Schon hatte er sich umgedreht und eilt mit großen Schritten der Rettungsmannschaft nach. Vom Fenster aus beobachtet Van Trauting wie man die Bahre in den Wagen schiebt und die Männer samt dem Briten dazu steigen. Kaum sind die Türen geschlossen und das Blaulicht von neuem aktiviert, braust der Ambulanzwagen zum Hauptweg des großen Gebäudes, der von den überraschten Hotelgästen gesäumt ist. Vor dem Haupteingang hält er kurz an, Steve öffnet die Tür und ruft Sabrina Zweig, die von mehreren fragenden Leuten umringt ist, kurz zu, dass er Anja ins Neue Allgemeine Krankenhaus begleite und sie solle dem Boss Bescheid geben. Sie nickt und winkt. Ihr Gesicht ist angespannt und hektische, rote Flecken zieren die helle Haut der Rothaarigen, die sich dem Ansturm und der Neugier der Leute kaum erwehren kann. Dankbar sieht sie die Polizeibeamten näher kommen, darunter Dr. Weigert. „Die Polizei konnte den Baron nicht finden!“ lässt er verlauten. Sein Gesicht ist fahl und die Schuld, die sein langjähriger Freund auf sich genommen hat, nimmt ihn mehr mit, als die Tatsache, dass dieser nun dafür zahlen wird müssen. „Die Kinder sind in Sicherheit und unter der Obhut der Kinderschwester. Ein Beamter ist bei ihnen geblieben!“ fügt er hinzu und während die Gäste nun auch ihn umringen und sprachlos die Polizeibeamten anstarren, Vermutungen anstellen und begierig auf Erklärungen warten, begeben sich die Justizbeamten nach draußen, um mit dem Polizeiwagen das Schloss zu umrunden und den Baron aufzuspüren, der anscheinend wie vom Erdboden verschluckt ist.
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Zehntes Kapitel – ...holt, was man ihm versprach |
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Frédéric rafft sich auf und greift blitzschnell nach seiner Waffe. Er erkennt die Stute seiner Tochter in einer der Boxen, und in wenigen Sekunden hat er das Pferd losgebunden und sich auf den sattellosen Rücken geschwungen. Er war seit jeher mit den heißblütigen Arabern der Wüste vertraut gewesen und beherrschte diese Reitkunst ebenso perfekt wie auch die traditionelle. Viele Stunden hatte er so auf dem Rücken der Rassepferde verbracht, während er und Smaïn sich so manches Rennen quer durch die endlose Wüste Ägyptens geliefert haben! Seine sehnigen Beine lenken die Stute quer über den verlassenen Reitplatz zum Waldrand hin, wo er eben Falkenberg, tief geduckt auf seinem Hengst, im Dickicht der Zweige untertauchen sehen kann. Er würde ihm nicht entkommen! Zulange schon hatte er auf diesen Augenblick gewartet! Zuviel Wut hat sich in dem Mann aufgestaut! Er gibt der Stute die Fersen und sie hetzt hinter Falkenberg her, während unter den Hufen des Pferdes kleine Staubwolken empor wirbeln. Diesmal konnte der Baron seinen Hals nicht mehr aus der Schlinge ziehen! Das kühle Dunkel der hohen Bäume nimmt ihn auf und dämpft den Klang der pochenden Hufe. Er holt auf! Der Hengst mochte zweifellos ein Champion sein, aber er war für die Zucht bestimmt und machte seit langem keine aktiven Rennen mehr mit! Seine leichtfüßige, schlanke Stute hingegen, flog über den Nadelübersäten Waldboden unter dem anspornenden Schenkeldruck des erfahrenen Reiters nur so dahin, als berührten ihre Hufe kaum die Erde. Das Waldstück beginnt sich zu lichten, dahinter die Felder, die das Anwesen vom Dorf trennen!
Schon ist der Baron dem Dickicht entschwunden und reitet querfeldein über die abgemähten und teilweise schon umgepflügten Felder. Die braune Erde stobt unter den Läufen seines Hengstes hoch in die Luft, und Frédéric gewinnt Meter um Meter. Der Abstand zwischen den beiden Pferden verkürzt sich zusehends! „Bleib stehen, du elender Bastard!“ schreit der wütende Mann dem Jüngeren hinterher! „Willst du bis ans Ende der Welt flüchten?“ Der Baron wendet kurz den Kopf und spornt sein Pferd von neuem mit brutalen Fersenhieben seiner harten Reitstiefel an. Schon ist das Dorf in Sicht und der Bahnübergang, der es von den Feldern trennt. Während seine immer noch muskulösen Schenkel das Pferd umklammern, nimmt der Verfolger den flüchtenden Mann ins Ziel seines Gewehres. Er würde ihm zu gerne eine Kugel in den Rücken jagen, doch er zielt über den Kopf des Mannes hinaus und drückt ab. Die Detonation des Schusses hallt laut wider und erschreckt den übersensiblen Hengst zu Tode! Kurz vor den Geleisen der Lokalbahn scheut er und beginnt sich aufzubäumen. Der Baron hat Mühe, sich im Sattel zu halten. Unkontrollierbar tänzelt der Hengst auf den Hinterhufen um sich selbst herum. „Verdammtes Biest!“ schreit Charly voll Zorn und traktiert die Seiten des Tieres mit aller Kraft. Immer wieder tritt er das Pferd in die empfindlichen Flanken. Gequält wiehert das verstörte Tier auf und schlägt mit den Hinterbeinen aus, streckt sie weit von sich, hoch in die Luft. Seine Vorderbeine knicken ein und der Baron kann sich trotz seiner Reitkunst auf dem völlig durchdrehenden, gewaltigen Hengst nicht mehr im Sattel halten. Er stürzt kopfüber vom Pferd und landet mit dem Rücken direkt auf der ersten Schiene der Gleise. Die Zügel entgleiten nach einem letzten Ruck des Pferdes seiner Hand, und mit einem Wehschrei versucht er sich aufzuraffen. Das Pferd war ebenfalls gestürzt, doch schon rappelt es seinen gewaltigen Körper wieder hoch und macht kehrt, rast zurück, nimmt den Weg zum Schloss, um in der Geborgenheit des ihm vertrauten Stalles zur Ruhe zu kommen. Nur mehr sein Hufgetrampel ist dumpf aus der Ferne zu vernehmen. Die Stute ist ebenfalls unruhig geworden und beginnt zu scheuen, doch Frédéric kann sie bändigen und hält das Pferd mit einem Ruck an. Er springt von dessen Rücken und eilt zu dem Verletzten, der etwa fünf Pferdelängen von ihm entfernt auf dem Gleis liegt, seltsam verrenkt und unfähig sich zu rühren. „Hilf mir!“ ruft er panisch, während seine Augen den sich mit rasendem Tempo nähernden Zug erblicken. Auch Frédéric hat den herannahenden Eilzug wahrgenommen. „Runter vom Gleis!“ schreit er dem Verletzten zu. Er hat ihn fast erreicht, und streckt schon seine Arme nach dem entsetzten Mann aus, als der Zug über dessen Gestalt dahinrast, und das ohrenbetäubende Quietschen der angezogenen Bremsen ihn fast taub werden lässt. Der Luftdruck lässt ihn zurücktaumeln und zu Boden fallen. Er bedeckt seine Augen und will sich den Anblick, des in Stücke gerissenen Körpers seines Schwiegersohnes ersparen. Eine Ewigkeit dauert dieses Geräusch der Zugbremsen an, das wie das Johlen einer Horde von Dämonen klingt. Als der Zug endlich zum Stehen kommt, ist auch der letzte Waggon des Güterzuges über die Reste der Gestalt dahingerast und die entsetzten Männer, allen voran der Zugführer, springen aus der Lokomotive um zur Unfallstelle zurückzueilen. Der eine oder andere muss sich übergeben, Frédéric sitzt am Boden, das Gesicht von beiden Händen bedeckt. Das Blaulicht der herankommenden Polizeiautos und deren laute Einsatzsirenen lassen die Stute nun ebenfalls fluchtartig zurücklaufen. Sie würde ihren Weg in den Stall schon finden... Benommen erhebt sich der schwer atmende Mann. Sein Herz rast und er blickt entsetzt auf die blutige Masse, die sich zwischen den Gleisen verteilt hat. Seinen Tod hatte er nicht gewollt! Einen anständigen Prozess und die ihm zustehende Strafe, ja! Er wollte ihn nur nicht entkommen lassen, und dem Alptraum ein Ende bereiten. Der Baron hätte Mittel und Wege gefunden, sich ins Ausland abzusetzen, und wer weiß, vielleicht hätte der Spuk eines Tages wieder von vorne begonnen! Allem Anschein nach aber, hätte er sein Leben im Rollstuhl und in einer Gefängniszelle viele Jahre hindurch fristen müssen. Ein Blick hatte genügt, um Frédéric zu bestätigen, dass Charly von Falkenberg sich bei dem Sturz die Wirbelsäule gebrochen hatte. Wenn er es genau überlegte, dann war dieser rasche, plötzliche Tod die beste Lösung für den Mann, der seine Freiheit über alles liebte, und hätte dieser die Wahl gehabt,, er selbst hätte nicht gezögert den Tod zu wählen, da war er sicher! Er fühlt sich nicht schuldig für das was hier passiert ist, aber er fühlt sich auch nicht als Sieger. Traurigkeit über die Erkenntnis, wozu ein Mensch fähig war, um sich ein Leben in Luxus zu erkaufen, und Sorge um Anja, mischen sich in seinem Kopf und er lehnt sich weit in den Sitz des Polizeiwagens zurück, in den man ihn gebeten hat, einzusteigen. Er presst seine Hand auf die linke Seite seines Brustkorbes und versucht so, seinem rasenden Herzen Einhalt zu gebieten. Zum ersten Mal in seinem Leben wird ihm wirklich bewusst, dass er nicht mehr der Allerjüngste ist. Verdammt, wo waren all die Jahre bloß hingekommen! Er würde danach trachten, seine Kraft mit beiden Händen festzuhalten, sich an sein Leben zu klammern mit der Härte und Ausdauer eines Mannes, der vor keinem Hindernis je zurückgeschreckt hat! Er wünschte seine Enkelkinder heran wachsen zu sehen und seine Anja mit einem glücklichen Lächeln an der Seite eines Mannes, der sie verdiente! Langsam kehrt Ruhe in seinen Körper ein, seinen Geist, und er vernimmt das Stimmengewirr des Menschenauflaufes, der sich inzwischen um die Unfallstelle gebildet hatte. Der Blick auf das, was von dem ehrgeizigen, skrupellosen Baron übrig geblieben war, wird von der Menge verdeckt und er legt keinen Wert darauf, nochmals des entsetzlichen Anblicks gewahr zu werden.
Er würde mit Carla die nächste Zeit bis zu Anjas Genesung, denn eine andere Alternative kommt ihm gar nicht in den Sinn, ins Schloss ziehen und sich, gemeinsam mit diesem Kindermädchen um die Kinder kümmern. Der kleine David war erst zwei Monate alt und brauchte eine intensive Betreuung. Leyla würde bald verstehen. Irgendwann einmal, würde sie Fragen stellen, wenn Gerüchte sie erreichten die Medien diese Tragödie ausschlachteten, daran zweifelt er keine Minute. Aber würde Leyla je begreifen, dass ihr geliebter Stiefvater, dieser Blender, den Tod ihrer Mutter inszenieren wollte, um an ihr Geld heran zu kommen? Konnte ein unschuldiges Kind, konnte irgendjemand der bei Verstand war, begreifen, was in dem Mann vorgegangen war, als er seinen Plan fasste, sich seiner unbequem gewordenen Frau zu entledigen, ohne dabei jedoch auf deren Reichtum verzichten zu müssen? Würde dieser wahnwitzige Abkömmling des alten, angesehenen Geschlechts der Falkenberg-Heroldsteins sie auch noch im Tode mit seinem Schatten verfolgen? Er, Frédéric Hardtberg, würde dafür sorgen, dass seine Familie diesen dunklen Dämonen der Vergangenheit entfliehen konnte, so rasch wie möglich und für immer! Sie würden sich dieses Schlosses entledigen und damit auch dem Fluch entkommen, der darüber lastete. Frohsinn hatten diese alten Gemäuer den darin lebenden Familien nie gebracht! Sollte es doch komplett ein nobles Clubhotel werden und nur mehr der Name an das, mit dem letzten Baron ausgestorbene Geschlecht der Falkenbergs erinnern. Mit der Zeit würden sich abenteuerliche Geschichten um die Geschehnisse ranken, ein Mythos würde entstehen und würde den Besuchern die Gänsehaut über den Rücken jagen, schaurig schön, so, wie sie es liebten. Doch Anja und ihre Familie würden ihm für immer den Rücken zukehren, und versuchen, alle Erinnerungen daran zu verdrängen, dessen war er sich sicher!
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Sie konnte ihre Hände wieder fühlen, die Finger bewegen, ihre Glieder gehorchten ihr wieder! Verstört öffnet sie die Augen. Helligkeit umgibt sie. Das Fenster ist weit geöffnet und nur der endlose, blaue Himmel ist von ihrem Krankenbett aus zu sehen. Vereinzelt fliegende Schwalben kann sie ausnehmen in dieser endlosen Weite. Die akrobatischen Flugkünste der Vögel fesseln ihren Blick. „Sie ist wach!“ hört sie jemanden sagen und versucht den Kopf etwas zu wenden. Die vertrauten Plastikschläuche der Infusion kommen in ihr Blickfeld. Es hat sich also nichts verändert und sie lebte noch! Der Raum um sie herum jedoch hatte sich gewandelt! Umsonst späht sie nach den grinsenden, dicklichen Engelsgesichtern über ihrem Bett. Die strahlend weiße Decke des Raumes blendet sie im ersten Moment, die schweren Vorhänge vor den Fenstern sind verschwunden und Sonnenlicht flutet in einer solchen Fülle ins Zimmer, dass es ihre Augen schmerzt und sie tränen lässt. Ein Gesicht taucht vor ihr auf. Die vertrauten Züge ihres Vaters sind unverkennbar. Der sorgenvolle Ausdruck macht einem erleichterten Lächeln Platz. Schon immer, seit sie denken kann, empfand sie sein Lächeln wie den Sonnenaufgang hinter den Bergen Thebens. Sie spürt seine Lippen auf ihrer Stirn, nimmt den Duft seines herben Rasierwassers wahr, und plötzlich durchzuckt sie die Erkenntnis, dass er nicht mehr Teil einer Vision war! Er war hier! Er hatte sie gefunden! Sie war in sicheren Händen! Sie war gerettet! „Papa!“ flüstert sie und wundert sich selbst, dass ihre Zunge nicht wie ein dicker, toter Wurm in ihrer Mundhöhle liegt. „Es ist alles gut!“ Die leise, raue Stimme des Mannes klingt für sie wie Musik. Nach und nach nimmt sie ihre Umgebung wahr, spürt den dunklen Lockenkopf ihrer kleinen Tochter, der sich an ihre Wange presst und die zarten, hellen Babyhände ihres Sohnes auf ihrem Mund, der sie mit seinen blauen Augen anstrahlt. Carla! Steve! Nein, das musste eine Täuschung sein, Steve gehörte zur Welt ihrer Visionen! Sie fühlt erneut die Müdigkeit, die sie überkommt, aber diesmal ist es ein wohliges Gefühl, alle Angst ist von ihr gewichen. „Das genügt fürs Erste!“ hört sie eine fremde Frauenstimme freundlich aber bestimmt sagen. „Bitte lassen Sie sie jetzt zur Ruhe kommen! Es wird ganz schnell besser gehen mit ihr. Sie wird sich rasch erholen!“ Bleibt hier! Will sie rufen. Bleibt alle hier! Aber die erlösende Schwerelosigkeit trägt sie in einen erholsamen Schlaf hinüber, der ihren Körper regeneriert und ihren Geist besänftigt.
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Als Anja erneut erwacht, ist sie allein. Es ist Nacht und sie greift nach dem Lampenschalter, der seitlich von ihr hinter dem Bett an der Wand baumelt. Die kleine Röhrenlampe flammt auf und taucht den Raum in sanftes Licht. Auf dem Tischchen daneben verbreitet ein riesiger Strauss roter Rosen seinen zarten Duft. Sie betrachtet die samtigen Blütenblätter und eine Pflegerin, eine zierliche, lächelnde Asiatin im rosa Kittel, streckt den Kopf zur Tür herein. „Sind Sie wach?“ fragt sie unnötigerweise. „Augenblick! Jemand will Sie sehen! Ich kann ihn einfach nicht loswerden!“ Ihr Kopf verschwindet wieder und wenig später betritt Steve den Raum und zieht die Tür leise hinter sich ins Schloss. Er sieht aus, als hätte er geschlafen. Anja weiß, dass sie keine Vision vor sich hat. Sie war in die Welt der Realität zurückgekehrt! Die schlanke Hand die sich an ihre Wange lehnt, das geliebte Gesicht, das sich dem ihren nähert ist echt, warm, und lebendig! Er war gekommen! Und sie würde alles in ihrer Macht Stehende tun, um ihn nicht mehr fort gehen zu lassen! Oder er musste sie mit sich nehmen! Bis ans Ende der Welt, wenn es sein musste! Er stand hier, neben ihr und er würde nicht zulassen, dass man sie weiter quälte! „Schlaf weiter“, flüstert er. „Ich halte Wache vor deiner Tür! Ich wache über dich, sei beruhigt! Ich hätte nie weggehen dürfen!“ Sie spürt den Selbstvorwurf aus seiner Stimme heraus und schüttelt leicht den Kopf. „Nein“, erwidert sie leise und ist froh, ihre Stimme wieder gefunden zu haben. „Es war einzig meine Schuld! Verzeih‘ mir!“ Er birgt seinen Kopf an ihrer Brust und sie streichelt mit dem freien Arm seinen Kopf, sein unbändiges Haar und er bleibt ihr so nahe und hält mit festem Griff ihre Hand, bis sie wieder eingeschlafen ist und er seinen Wachposten vor der Tür aufs neue bezieht.
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Ein neuer Tag bricht an! Er bringt frischen Mut und Kraft. Sie fühlt sich fast wie neugeboren! Leyla sitzt zu Füssen ihrer Mutter auf dem hohen Krankenbett. Ihr Blick ist noch ein klein wenig ängstlich auf Anja gerichtet. Die instinktive Besorgnis des Mädchens war noch nicht vollkommen aus der Welt geschafft. Sie beobachtet sie unablässig aus ihren dunklen Augen, wo ihr Stiefvater doch von der unheilbaren Krankheit gesprochen hatte und sie at, stark zu sein. „Mama wird bald beim lieben Gott im Himmel sein!“ hatte er zu ihr gesagt und dabei ruhig in ihre schwarzen, angstvollen Augen geblickt. Leise hatte sie gefragt: „So wie Papa?“ „Ja“, erwiderte er mit einem selbstgefälligen Lächeln! „Ja! So wie dein Vater! Sie werden alle beide von da oben auf dich herabblicken und sich darüber freuen, dass ich dein Papa bin! Für immer!“ Die Kälte seiner Augen hatte ihr Angst eingejagt. Sie spürte, dass eine Welt von grenzenloser Einsamkeit auf sie wartete. Erst Papa und jetzt Mama! Sie ließen sie allein zurück und das brachte sie zum Weinen. Doch Charly hatte sich geirrt! Ihre Mutter würde gesund werden, sie war es schon fast! Sie musste nur gut auf sie aufpassen, damit sie nicht wieder spurlos verschwinden konnte!
Man hat Anja aufgesetzt, nachdem sie frühmorgens die ersten positiven Gehversuche mit dem Therapeuten gemacht hatte. Schwach war sie zwar, aber ihr Körper war frei von Krankheit und diese Schwäche rührte von der künstlichen Ernährung her und auch von der langen Zeit, die sie ans Bett gefesselt war. Sie durfte wieder normal essen, kleinweis zwar, aber der Anblick von frischem Obst und gegarten Speisen regte ihren Appetit an und weckte in ihr den Heißhunger nach dem Leben dort draußen, das sie in kürzester Zeit wieder aufnehmen würde können, wie man ihr versichert hatte. Ihr abgemagerter Körper würde seine Rundungen wiedererlangen und sie würde ihren Kindern die Mutter sein, die sie kannten, lebensfroh und strahlend. Sie würde die Geliebte des Mannes sein, der sie gerettet hatte und ein von allen Schatten befreites Glück an seiner Seite genießen. Ihr Vater würde die Tochter wieder finden, die er vor seiner Abreise verlassen hatte, kraftvoll und zuversichtlich, vertrauend auf ihn und seine Umsicht. Er hatte ihr vorhin, unter vier Augen das dramatische Ende Charlys erzählt, nachdem sie ängstlich nach ihm gefragt hatte. Sie war sehr blass geworden, und die Vorstellung, dass der Lebenssprühende, selbstsichere Mann, der erst ihr Geliebter, dann ihr Peiniger war, nicht mehr von dieser Welt war, fiel ihr schwer. Sie wünschte, sie wäre ihm nie begegnet! Alles was sie hoffen konnte war, das seine Schatten sie nicht länger verfolgten und sie mit der Zeit vergessen würde können. Carla hatte ihr den zappelnden, kräftigen David in den Arm gelegt und sie kann sich nicht satt sehen an dem kleinen, verschmitzten Gesicht, den winzigen Füssen und kleinen, kräftigen Fingern, die nach ihrem Haar grabschen und mit seinen Zehen spielen. „Hast du es ihm gesagt?“ fragt Anja schließlich leise an Carla gewandt. Carla schüttelt denn Kopf: „Das ist nicht meine Aufgabe!“ lächelt sie. „Ich habe geschwiegen wie ein Grab!“ Anjas Blick ruht auf Steve, der am Fenster steht und fragend auf sie nieder blickt. Anja hält den kleinen David mit gestreckten Armen hoch. „Nimm ihn!“ sagt sie mit bebender Stimme. „Hast du nicht gemerkt, dass es dein Sohn ist?“ fügt sie leiser hinzu. Der Blick des Briten weitet sich und seine graublauen Augen wandern von ihr zu dem Kleinen, der ungeduldig zu protestieren beginnt. Er nimmt das Kind auf den Arm und die Verblüffung auf seinem Gesicht macht der Erkenntnis Platz, als er die Züge des Jungen betrachtet, seine Augen, die den seinen so ähnlich sind, die Grübchen zu beiden Seiten des kleinen Mundes, den blonden Haarschopf.... Er hält das Kind hoch in die Luft und lacht ihm ins Gesicht, was den Kleinen offensichtlich amüsiert, denn er stößt lautstarke Entzückungsschreie aus. „Ich hätte dich nie verlassen dürfen!“ wiederholt er, wie schon zuvor während der letzten Nacht. „Ich war ein Idiot! Ich hätte kämpfen müssen um dich! Dein Vater hatte Recht! Und was habe ich getan? Ich bin gekränkt davon gelaufen! Wie kann ich es je gut machen?“ Seine hellen Augen sind um eine Spur dunkler geworden und Freude und Bestürzung zugleich sind auf seinem Gesicht zu lesen. „Du bist gekommen“, erwidert sie. „Das allein zählt! Ohne dich und meinem Vater wäre ich gestorben!“ Fassungslos hat Frédéric die kleine Szene miterlebt. Mit gespieltem Tadel wendet er sich an seine Frau, die still und zufrieden vor sich hinlächelt. „Und du hast davon gewusst?“ „Von Anfang an!“ bestätigt sie und ihr Blick kreuzt den ihrer Stieftochter, die sich von Steve in die Arme schließen lässt, den kleinen David zwischen sich. „Komm Leyla!“ fordert sie das Mädchen auf und greift nach dem strampelnden Baby. „Kommt! Wir sind jetzt hier überflüssig! Machen wir eine Runde durch den herrlichen Garten!“ Als Leyla sich an der Tür nochmals umdreht, um auf ihre Mutter zu blicken sieht sie die beiden verliebten Menschen in stummer, inniger Umarmung. Ihre Lippen finden sich zu diesem ersten leidenschaftlichen Kuss nach fast einem Jahr des Wartens und der Sehnsucht nach dem anderen. Altklug lächelt das Kind vor sich hin, mit dem weiblichen Instinkt einer zukünftig heranwachsenden Frau. Frédéric jedoch fühlt, wie der auf ihm lastende Schatten von ihm weicht, der ihn bedrückt hat seit Charlys Tod. Dieses Kind hatte seinen Vater nicht verloren! Es würde ihn, seinen Großvater nicht eines Tages danach fragen, wie sein Vater zu Tode gekommen war! Es war nicht der Sohn eines möglicherweise wahnsinnigen Abenteurers und Mörders! Dieses Kind hatte eben seinen Vater kennen gelernt! Es würde geliebt und beschützt heranwachsen, im Schatten seiner sich liebenden Eltern und mit der Hilfe seiner kleinen, dunkelhäutigen Schwester. Sein kleiner Enkelsohn würde nicht den Namen des Barons tragen, niemals!
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Das ausführliche Geständnis Van Trautings hatte ausgereicht, um den genauen Vorgang der Geschehnisse rekonstruieren zu können. Die Polizei war während ihrer Ermittlungsarbeiten und mit Hilfe des ehemaligen Anwaltes des Barons, Dr. Weigert, auf die kompromittierenden Kopien mehrerer Testamente gestoßen, was die Angaben des korrupten Mediziners bestätigte. Die Spurenfahndung stellte als Beweismittel mehrere Flaschen der Nervenlähmenden Substanz sicher, und die Vernehmungen des Personals und auch der Dorfbevölkerung ließen von Baron Karl-Robert von Falkenberg ein Bild entstehen, das nicht zu seinen Gunsten ausfiel. Doch was machte das heute schon für ihn aus? Seine sterblichen Überreste wurden in der Familienkapelle beigesetzt und die kurze Zeremonie lockte viele Schaulustige nach Falkenberg. Frédéric hat mit Hilfe Dr. Weigerts die nötigen Schritte eingeleitet und der Beisetzung beigewohnt. Jetzt, wo Anja außer Gefahr war, spürte er in seinem Herzen weder Wut noch Hass. Der Baron hatte sich selbst zerstört und er und Steve hatten letztendlich verhindern können, dass er Anja während seines Höllentanzes mit in die Unterwelt entführte. Möge er in Frieden ruhen! Mittlerweile erinnerte man sich auch wieder an den geheimnisvollen Todessturz einer gewissen Christine Weihmut, vor etwa zwei Jahren. Die Akte wurde erneut aufgerollt und die Beziehung, die der Baron zu dem jungen Mädchen hatte, detailliert überprüft. Es gab weitere Vernehmungen und man würde auch die Baronin dazu befragen, sobald sie vernehmungsfähig war. Ihre Gesundheit wurde zunehmend stabiler und ihre Jugend und Kraft waren nicht unbeteiligt am raschen Fortschritt ihrer Genesung. Die Tragödie von Falkenberg hat für Aufsehen gesorgt und die Befragungen der Presseleute ließen niemanden außer Acht. Sabrina Zweig machte es ein wenig verlegen, dass sie manchmal als die wahre Retterin der jungen Frau dargestellt wurde. Sie fand dies bei weitem übertrieben! Laut Presse, war es ihrer Eigeninitiative, ihren weiblichen Instinkten, die sie dazu veranlasst hatten, den Vater der jungen Frau und Steve Newman ausfindig zu machen, zu verdanken, dass nicht jede Hilfe für die in Lebensgefahr schwebende, junge Baronin zu spät kam. Anja würde den Titel ablegen. Sie hatte sich nie wohl gefühlt bei dieser Anrede. Frédéric zeigte sich auf seine Art und Weise erkenntlich. Er bot Sabrina seine Freundschaft an und einen hoch bezahlten Job in seiner Chefetage, den sie auch annahm. Frauen mit soviel Gespür und Umsicht mussten gefördert werden und konnten der Firma nur Vorteile bringen! Das grauenhafte Ende seines Freundes machte Dr. Weigert lange zu schaffen und er ringt heute noch mit den Selbstvorwürfen, einen Teil der Schuld zu tragen. Er hatte die Machtbesessenheit und Sucht nach Reichtum und Freiheit seines Freundes bei weitem unterschätzt. In letzter Sekunde entdeckte er den Wahnsinn, der dem Manne innewohnte und zog sich erst von ihm zurück, als es fast schon zu spät war.
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Epilog Während er sein Kind auf dem Arm über den Steg an Bord des gewaltigen Dampfers trägt, verweilt sein Blick zärtlich auf der vor ihm her schreitenden, weiblichen Gestalt, die vorsichtig das kleine dunkle Mädchen an der Hand führt. Ihr dunkles, volles Haar leuchtet wie die reifen Früchte der Kastanien im Abendlicht eines Oktobertages und ihre wohlgeformten Schultern sind durch das weiße, fein gesponnene Baumwolltuch, das sie darum geschlungen hat, geschützt. Die Erinnerung an ihren weichen, biegsamen Körper, der unter einem langen, locker geschnittenen Sommerkleid verborgen ist, zaubert ihm ein Lächeln auf die schmalen Lippen, und er unterdrückt den Impuls sie jetzt, sofort anzufassen und zu spüren. Der blonde Junge, den er trägt, klammert sich schutzsuchend an seiner Schulter fest und registriert mit großen Augen das emsige Treiben am Kai, und lauscht den Zurufen der Nubier, die zur Schiffsmannschaft gehören. Seine ihn vor der ägyptischen Wintersonne schützenden Kappe rutscht noch ein Stück weiter in den Nacken. Er greift nach dem Schlapphut seines Vaters, der ihm anscheinend besser gefällt, doch dieser wehrt lachend ab. Während die gewaltigen Taue, mit welchen das Schiff mit dem Ufer verknüpft war, losgemacht werden und das dumpfe Stampfen der Schiffsmotoren die bevorstehende Abfahrt des Bootes ankündigt, stehen sie eng beisammen am unteren Deck der „Nefertari“ und blicken zurück aufs Ufer, das langsam zurückweicht, während das Schiff die Fahrt aufnimmt. Vor ihnen liegen sechs Tage Abenteuer und Entdeckung. Sie würden bis zum Tempel von Abu Simbel navigieren, auf den Weiten des riesigen Sees, den sie zuvor noch nie befahren hatten. Sie würden das über dreitausend Jahre alte Monument, dessen Rettung König Ramses der Zweite zum Teil ihrem Vater zu verdanken hatte, besuchen, und in den riesigen, heiligen Hallen wandeln und zu sich selbst finden. Sie würden die Schatten der Vergangenheit für immer abstreifen und den Göttern für die Fügung und ihr Schicksal danken. Sie würden sich umarmen auf diesem gewaltigen Schiff, das den Namen der „Grossen Königlichen Gemahlin“ des größten aller Pharaonen trug und sie würden einander festhalten in dem Bewusstsein, dass sie füreinander bestimmt waren, bis in alle Ewigkeit. Sie würden Pläne schmieden und ihre Zukunft besprechen und egal, wohin es sie auch verschlagen sollte, sie würden zusammenbleiben, jetzt und all die kommenden Jahre, die die Götter ihnen zugedacht hatten. Hier an der Wiege der Menschheit und Mutter der Zivilisation, der immerwährenden Weisheit und des Versprechens vom ewigen Leben, wollten sie ihre Liebe besiegeln, in Gegenwart ihrer Kinder und unter den Strahlen der ewigen Sonne Ägyptens. In dem Land der Ewigkeit und Zukunft, in dem Mythos und Realität so eng miteinander verknüpft sind wie Sonne und Mond am Firmament über der Wüste, wenn Osiris täglich und seit Millionen von Jahren in seiner Barke den Himmel überquert. Hier würde Anja Hardtberg ihre dunklen Erinnerungen über Bord werfen und der nilpferdköpfige Flussgott Hapi würde sich ein Festmahl aus dem geflochtenen Kranz von Enttäuschung, Tränen, Wut und Einsamkeit machen und ihn verschlingen, samt den Schatten und Zweifeln, den Selbstvorwürfen und den Ängsten, die er nach sich zieht. Doch noch lange Zeit später, wenn sie gemeinsam mit ihrem Geliebten und den Kindern fremde Wälder durchstreifte, auf dem Pferderücken über Wüsten und Felder galoppierte, über die Weiten von Flüssen und Meere blickte, sollte sie der plötzliche Ruf eines Käuzchens bis in ihr Innerstes erschrecken und einen eisigen Schauer über ihren Rücken jagen. Nur der Blick aus den hellen, aufmerksamen Augen des Mannes an ihrer Seite würde den ziehenden Schmerz in ihrer Seele ersterben lassen und in ihr die lockende Verheißung von Frieden und Hoffnung auf Glück erwecken.
Sie hebt die Hand zum Abschied. Die beiden Menschen am Ufer werden kleiner. Sie winken zurück. Trotz der Entfernung sieht sie deutlich sein Gesicht vor sich. Sein magisches Lächeln, den liebevollen Blick aus undefinierbar grünen Augen, die der Welt zu trotzen vermochten. Und wenn sie sich dessen recht besann, dann war die Ähnlichkeit zwischen den zahllosen Statuen und Wandreliefs die über das Land verstreut zu bewundern waren, vom großen König Ramses, Inkarnation des lebendigen Gottes, der Ägypten an die siebzig Jahre lang erfolgreich regierte, den Zügen dieses eines Mannes, der ihr Vater war und ihr Held, unglaublich ähnlich.... ENDE
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Anmerkung
Die Personen der Handlung sind frei erfunden, Madame Christiane Desroches-Noblecourt, eine angesehene Ägyptologin und Conservatrice der Ägyptischen Sammlung des Louvres in Paris, später Generalinspektor aller nationalen Museen Frankreichs, hat mich mit ihren wundervollen Sachbüchern zu dieser Geschichte inspiriert. Ihre Werke haben mir als überreiche Quelle gedient. Sie war einer der ersten Wissenschaftler, die sich mit Leib und Seele für das Abu-Simbel Projekt, und in der Folge, der Errettung der nubischen Tempel eingesetzt hat. So sei ihr diese Geschichte gewidmet.
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