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Ein Mann Gottes. War es möglich in diesem Land einer zu sein, im Sinne des Wortes, wie es gemeint war? War es möglich, hinzunehmen, was Gott den Menschen auferlegte, ohne sich dagegen zu wehren? Ohne dabei zu töten? Sein Leben zu verteidigen? Durfte man das, um den Preis eines Anderen Todes? Er hatte damit aufgehört, vor langer Zeit schon, sich diese Grundfragen des christlichen Glaubens zu stellen. Es gab Wichtigeres zu tun, als vor sich hin zu philosophieren. Es ging ums Überleben. Tagtäglich und immer wieder. Dazu gehörten die einfachsten Sachen der Welt, wie Nahrung beschaffen und ein Dach über den Kopf zu haben. Einfach, aber eben lebensnotwendig. Lang hatte es ihn nicht gehalten, den Ordenshüter zu spielen. Als das Recht in der Stadt halbwegs wieder hergestellt war und er vergeblich darauf gewartet hatte, dass Ellen zurückkam, übergab er den Stern der Gerechtigkeit seinem Hilfssheriff und machte sich aus dem Staub. Ohne Aufsehen, ohne große Worte. Die Blicke der Einwohner folgten ihm, bis er mit seinem Pferd am staubigen Horizont mit dem Braun des Sandes und dem grau weißen Himmel eins wurde. Er hatte sich gegen Süden gewandt, bis er dieses halb ausgebrannte Fort gefunden hatte. Ein paar Heimatlose, Vertriebene lungerten dort herum und versuchten dem kargen Boden ein wenig Mais und Grünzeug abzugewinnen und Hühner zu halten. Er wollte nur nächtigen, und war dann doch geblieben. Täglich nahm er sich vor, im nächsten Morgengrauen weiter zu ziehen. Ruhelosigkeit war sein Gefährte geworden, Einsamkeit, seine Geliebte. Verfolgt von seiner unbarmherzigen Vergangenheit als Outlaw in Herods Bande, suchte er nach dessen Tod immer noch seinen Seelenfrieden und er fand ihn, selten genug, im Gebet und seinem Glauben, in dem er ein wenig Zuflucht fand. Ein Mann ohne Ziel, auf der Suche nach Hoffnung und ein paar ruhigen Nächten, die er durchschlafen konnte.
Die einfachen Leute, die Unterschlupf in dem verrotteten Gemäuer gefunden hatten, waren durchwegs mexikanische Bauern, vertrieben von ihrem kargen Boden, den sie Heimat nannten. An Kampf wollte und konnte keiner denken, sie besaßen weder Waffen, noch die Hoffnung, gegen die Grundbesitzer ihres Landes auch nur das Geringste ausrichten zu können. Die Regierung interessierte ihr Schicksal wenig. Die meisten der Höheren Beamten und Befehlshaber der Armee machten gemeinsame Sache und waren ständige Gäste auf den riesigen Haziendas der Großgrundbesitzer Mexikos. Intrigen und Korruption war ihr Brot. Der Bürgerkrieg gegen den diktatorischen Präsidenten Diaz nahm immer größere Ausmaße an und man war rascher in politische Verschwörungen verwickelt, als einem lieb war. Auch ungewollt, auch vollkommen unschuldig. Gewehrkugeln saßen locker und ebenso die Ausrufung von Todesurteilen.
Cort lehnt mit dem Rücken zur Wand und kaut an einem Grashalm, während er den Kindern beim Spiel zusieht. Ein paar Jungs spielen Verfolgungsjagd. Es gibt die Guten und die Bösen. Siegen würden die Guten. Im Spiel war das immer so. Nur im Leben sah es umgekehrt aus. Die Guten waren schwach, die Bösen stark. Wann dieses Blatt sich wenden sollte, war nicht abzusehen, wahrscheinlich niemals! Die Kinder verwenden Holzprügel als Gewehre, lärmen und toben durch den Sand des Innenhofes. Im Schatten der Mauer backen Frauen in einem notdürftig zusammengebauten Steinofen Maisfladen. Der verlockende Duft des frisch Gebackenen steigt in seine Nase und er blinzelt gegen die Sonne, um die ungefähre Tageszeit feststellen zu können. Es geht auf Mittag zu. Seit er hier ist, besitzt er wenigstens ein sauberes, wenn auch zerschlissenes Hemd. Eifrig sind die Frauen darum bemüht, ihm ein Gottes würdiges Aussehen zu bereiten. Aber er hatte es abgelehnt, sich auch von ihnen rasieren zu lassen. Diese Art von Gefälligkeit erwies er sich lieber selbst. Dass jemand vor seiner Nase, auch in den besten Absichten, mit einer scharfen Klinge herumfuchtelte, konnte und wollte er nicht riskieren. Misstrauen war besser als Vertrauen. Zumindest jedoch Lebensverlängernd. Die Macht der Gewohnheit. Er streicht sein hellbraunes Haar, das ihm bis in den Nacken reicht, hinter die Ohren zurück und stößt sich von der Wand ab, um sich zu den Männern zu gesellen, die dabei sind, eine Befestigungsmauer mit zusammengetragenen Steinen auszubessern. Wortlos packt er mit an und beachtet die wohlwollenden, dankbaren Blicke der Bauern nicht. Er weiß auch so, dass sie ihn schätzen. Nicht nur seiner Predigten wegen, die er jeden Morgen für sie hält und in denen die Rede von Hoffnung ist, und Gerechtigkeit für alle, sondern auch, weil er in ihrer Mitte geblieben war, ohne viele Worte darüber zu verlieren. Ein Mann wie er, Prediger oder auch nicht, konnte nur von Nutzen für eine Gemeinschaft wie die ihre sein. Er trug eine Waffe, und die Art, wie er sie trug, ließ darauf schließen, dass er auch verstand, damit umzugehen. Die Hochachtung die ihm jeder einzelne der Gruppe entgegenbrachte, war natürlich übertrieben und behagte ihm keineswegs, aber einfachen Menschen wie ihnen war sie eben angeboren. Die meisten von ihnen konnten weder lesen noch schreiben, und das hätte ihnen auch kaum viel genützt. Die Leute lebten in ständiger Angst vor herumziehenden Strolchen, die allein oder in kleinen Banden das Land durchpflügten und nahmen, was sie erbeuten konnten. Deserteure, Banditen, Abenteurer auf der Suche nach Gold. Außer den spärlichen Essensvorräten hatten sie wohl kaum wertvolle oder auch nur dienliche Dinge, bis auf ihre Frauen, die in der Einöde dieses Landstrichs für jeden Mann eine willkommene Abwechslung waren. Vergewaltigungen gehörten hier zum Dasein der Menschen, wie das Amen zum Gebet. Ihre Männer konnten sie davor nicht schützen, wenn sie ihr Leben nicht verlieren wollten. Kein vernünftig denkender Mensch hielt sich in dieser Sand- und Steinwüste freiwillig auf. Es gab auch keine Durchzugsstrasse, weitab lag der Pfad der Postkutschen und damit auch das Gesetz. Es war schon fast Niemandsland, nicht mehr in den Staaten und auch nicht mexikanisch. Seit die vereinigten Staaten diese Länder abtreten mussten, wusste keiner so recht, wo die Grenzen nun wirklich lagen. Deshalb war es auch gefährlicher und wilder als jede andere Gegend dieses rauen Landes.
Elena, die junge Mexikanerin, die darauf bestand, dass sie seine Hemden, seine Wäsche waschen durfte, - er hatte deswegen einen lautstarken Wortwechsel mit ihrer Mutter mit anhören können, die sie eine läufige Hündin nannte, was ihm mehr als unangenehm war - , wirft ihm verstohlene Blicke zu. Er kann sie spüren, und wünscht, sie würde es unterlassen, ihn auf diese Art anzusehen. Die anderen Frauen machten sich bereits lustig über sie, außer ihrer Mutter. Sie war vaterlos, ihr Erzeuger fiel einer Miliz zum Opfer, die ihn mit einem gesuchten Desperado verwechselte. Als der Irrtum sich aufklärte, war es zu spät gewesen und der arme Mann lag erschossen und mit verbundenen Augen am Fuße einer Mauer. Ein hartes Land, voll von Ungerechtigkeiten und Willkür. Er spuckt in den Sand. Was trieb er eigentlich noch da? Was hält ihn hier? Er sollte sich besser nach Norden wenden. Aber hier war es genauso gut wie anderswo. Er glaubt nicht, dass er noch dazu fähig ist, sich unter Menschen wohl zu fühlen, Menschen, nicht diese armen Tiere, die hier ihr Dasein fristeten. Er selbst war ein Tier. Wie sie. Seine Seele, ein verschütteter Berg voll toter Hoffnungen und dem schwachen, unauslöschlichen Erwarten einer besseren Welt, in einem besseren Leben. Und gab es sie wirklich, die Hölle, anderswo als hier, noch grausamer, noch hoffnungsloser, dann war er auf Grund seiner Taten im irdischen Dasein ohnehin vorgemerkt, und zwar ganz oben auf Luzifers Liste! Mord, Totschlag, Betrug. Hatte er etwas ausgelassen? Hurerei, Ehebruch. Sicher waren da noch ein paar kleinere Delikte, über die Gott, der Allmächtige nicht hinweg sehen konnte, ja durfte! Und er hatte kein bisschen Mitleid mit sich selbst. Es verlangte ihn nach Sühne für die, denen er übel mitgespielt hatte, in seiner langjährigen Laufbahn als Gesetzloser, gemeinsam an Herods Seite, den Ellen schließlich doch mit List ins Jenseits befördert hatte. Zugegeben, mit seiner Hilfe, aber dieser Hass rechtfertigte auch diese Tat keineswegs. In seinem Kopf leiert er die Verse und Psalmen des Neuen Testaments herunter, die von Vergebung handeln. So lenkt er sich ab, nicht an Elena zu denken, die aufreizend, unweit der arbeitenden Männer vorbei marschiert, unter ihrem verdammt anmutigen nackten Arm den Korb mit dem gemahlenen Maismehl. ‚Der Teufel soll sie holen’ zuckt es durch seinen Kopf und gleich darauf, ‚Herr, vergib’ mir, aber ich bin auch nur ein Mann. Vergib’ mir und lass nicht zu, dass dieses Teufelsweib mir weiterhin den Kopf verdreht und meine Lenden in Brand setzt!’ Er arbeitet in einem Tempo weiter, das den Schweiß von seiner Stirn tropfen lässt und der dabei aufwirbelnde Staub verklebt seine Augen und seine Nase. Er spuckt abermals in den Sand, diesmal angewidert von seiner eigenen Schwäche, seiner Hilflosigkeit. Eine der Frauen ruft der Gruppe zu, dass es Zeit wäre, sich zu waschen, denn es gäbe gleich Essen. Müde schleppen sich die Angesprochenen nach und nach zum Brunnen, in der Mitte des Innenhofes. Quietschend holt die Seilwinde den Holzzuber, gefüllt mit erfrischendem Nass, aus der Tiefe der steinigen Erde. Auch ein Grund, dass sie hier geblieben waren, diese armen, verdammten Seelen, dieser intakte Brunnen mit dem Leben, das er spendete.
Als sie um den grob gezimmerten Tisch sitzen, in einem Raum, in dem einmal die Stallungen untergebracht waren, wie er vermutete, hat er Mühe, ihren schmachtenden Blicken auszuweichen. Sie gibt nicht auf, diese kleine Hexe. In ihren Beichten sprach sie immer wieder von ihren unzüchtigen Gedanken und er wusste worauf sie anspielte. Er gab ihr Bußgebete auf, die sie brav herunterleierte und er hegte immer mehr den Verdacht, dass diese Art von Spielchen ihren Eifer ihm nachzustellen, denn genau das war es, was sie tat, noch mehr herausforderte. Konnte Elena, ein Kind fast, schon so verdorben sein? Oder was stellte sie sich vor, was er ihr zu geben hatte! Anfangs legte er ihr Verhalten als Schwärmerei aus, als Bewunderung, weswegen auch immer. Doch sein Instinkt hatte ihn eines anderen belehrt und auch ihr eindeutiges Verhalten, das schon an sexuelle Anmache erinnerte. Niemandem konnten ihre geheimen Wünsche, die ihn angingen, verborgen bleiben. Als er sich das eine Mal mit Ellen vergessen hatte, waren die Umstände ganz andere wie diese gewesen. Sie war eine reife, erfahrene Frau und ihr Schicksal, dem Tod ins Auge blicken zu müssen, hat eine ungewollte und dann verzehrende Leidenschaft zwischen ihnen herauf beschworen, der er, trotz größter Anstrengungen, schließlich nicht stand halten konnte. Sie hatten sich geliebt wie wilde Tiere und er hatte es genossen. Ihre Beweggründe waren ebenso animalisch wie auch die seinen gewesen. Verzweiflung, Todesangst und Hass auf den gemeinsamen Gegner, Herod, den größten Mörder und Despoten landweit, der sich zum Großgrundbesitzer gemausert hatte und die Kleinstadt diktierte und tyrannisierte, hatte sie einander in die Arme getrieben. Dass er danach mehr für sie empfand als sie für ihn, war eine Gegebenheit, die er nicht mehr weiter leugnete. Sein Warten auf ihre Rückkehr bewies ihm diese schmerzvolle Tatsache nur umso mehr.
„Hast Du keine Angst vor ewiger Verdammnis?“ fragte er sie nach der Andacht, die er, wie jeden Morgen für die rund zwanzig Seelen, die sie waren, gehalten hatte. „Nein Padre“, flüsterte sie und umschlang mit den Armen seine Knie, die in staubigen Hosen steckten. „Lass das Elena!“ herrscht er sie an. Sie hatten in der ausgebrannten Kapelle eine Art Beichtstuhl fabriziert, zwei Stühle in einer Nische, dazwischen als Trennwand eine Zellentür, deren kleines Fenster mit ein paar Eisenstäben vergittert war. Sie baten darum, bei ihm beichten zu dürfen. Als ob sie Sünden hätten... Er wollte ihnen klarmachen, dass er nicht das Recht dazu hatte sie anzuhören und ihre Vergehen zu vergeben, weil er kein „Padre“, wie sie ihn nannten, war, doch sie ließen sich nicht davon abbringen. Da seine Absichten die besten waren, sah er schließlich nichts Verwerfliches, ihnen diesen Gefallen zu erweisen. Wenn es ihnen Trost bringen konnte und sie am richtigen Weg hielt, warum nicht? Elena hatte sich vor diese Trennwand geworfen und umklammerte ihn noch immer, er versuchte sie abzuschütteln. „Ich gehe für Dich durch die Hölle, wenn es sein muss Padre. Bitte weise mich nicht länger zurück, ich ertrage es nicht!“ „Was erwartest Du von mir? Du versündigst Dich, Kind!“ seufzte er und kämpfte gegen das Verlangen an, durch ihr gewelltes, schwarzes Haar zu streichen, um sie zu trösten. Sie unterlag einer Versuchung des Bösen, die ihn selbst heimzusuchen drohte. Wie sollte er ihr helfen? Das Beste wäre, sich einfach wieder auf den Weg zu machen, damit sie ihn vergaß und aus ihren erregten Sinnen verbannen konnte. „Warum willst Du Dich wegwerfen, Kind? An einen Herumtreiber wie mich, oder überhaupt an einen Mann, der Deiner nicht würdig ist?“ Sie hebt ihr tränennasses Gesicht zu ihm empor und sie erinnert ihn an Maria Magdalena. Hatte Jesus ähnlich empfunden wie er in diesem Augenblick? Natürlich nicht! Jesus war stark und ohne Fehler. Jesus war Gottes Sohn. Ein Beispiel, ein Vorbild, der Erlöser der Menschen und vor allem, der Sünder wie sie und er es sind. Der ehrfürchtige Gedanke an den Messias lässt ihn wieder zur Vernunft kommen und gibt ihm die notwendige Stärke sich von ihr los zu machen, ohne sie dabei zu brüskieren. Er zieht sie vom kalten Steinboden hoch und senkt seine grünblauen Augen in die ihren, die ihn mit der Schwärze der süßen Versuchung anflehen. „Du weißt nicht, was Du redest“, beschwört er sie entschlossen. „Es ist der Engel der Finsternis selbst, der Dich verführen will. Du kannst nur durch Deine Gebete erhört werden, damit er Dich verschont! Bete zu Jesus und zur Jungfrau Maria, damit sie Dir vergeben und Dir helfen, von Deinen unwürdigen Gelüsten Abstand zu nehmen. Dein Seelenheil hängt davon ab! Und jetzt geh’ und bete, bis Dir andere Gedanken kommen!“ Betroffen lässt sie ihren Blick sinken, ebenso wie ihre Schultern in der weißen Bluse mit den bauschigen Ärmeln. „Also ist Liebe unwürdig und Sehnsucht Sünde, Padre...“ schließt sie aus seinen Worten mit tonloser Stimme. „Gott selbst ist Liebe, hast Du gepredigt! Wie kann dann das, was ich für Dich empfinde Sünde sein?“ „Weil es nicht Liebe ist, Elena“, antwortet er geduldig, froh, wieder die Oberhand über sie gewonnen zu haben. „Liebe ist Verzicht und größer als alle anderen Gefühle, die uns zu leichtsinnigen, nicht überdachten Handlungen hinreißen! Du kannst doch lesen Elena, hier, nimm meine Bibel und lese das Evangelium.“ Er bezeichnete ihr die Seite und den Vers. „Die Worte des Herrn werden Deine Seele erquicken und Dir Einsicht schenken, glaube mir! Denk an die Jungfrau, unsere Gottesmutter, und Du wirst geläutert werden.“ Elena hatte erneut ihre Augen in die seinen geheftet und ihr Atem wird allmählich ruhiger. Nein, sie war nicht verdorben, nur irregeleitet. Er dankte dem Herrn für ihre Einsicht. „Elena“, sagt er schließlich leise, „ich bin auch nur ein Sünder, ein elender Mensch, der vor Gott im Staube kriecht wie ein Wurm und um Vergebung für seine Sünden fleht! Du darfst meine Reue und Aufrichtigkeit zu sühnen, nicht kompromittieren! Versprich mir das!“ Sie nickt und dreht sich langsam um, bevor sie rasch aus dem Raum flieht, nicht bevor sie ihr Knie vor dem angesengten einfachen Holzkreuz in der Mitte der Wand gebeugt hatte. Als sie gegangen ist, sinkt er vor dem behelfsmäßigen Altar nieder und stützt seinen Kopf auf seine verschlungenen Hände um für die eigene Kraft zu danken und für Elenas Einsicht. Doch wie lange würde diese anhalten? Wie lange konnte er alle unzüchtigen Gedanken an sie von sich weisen? Sie machte es ihm nicht gerade leicht. Vertieft in sein Gebet, nimmt er dennoch die aufgeregten Stimmen seiner „Schäfchen“ draußen war. Er hört das Klappern von Sandalen auf dem Steinboden und wartet, bis ihm einer der Männer auf die Schultern klopft. Es ist Pedro, der älteste unter ihnen. „Verzeihung, Padre“, murmelt er aufgeregt an seinem Ohr. Cort schlägt das Kreuzzeichen und erhebt sich. Er überragt den Mann um mehr als einen Kopf und blickt milde in die wässrigen Augen seines Gegenübers. „Pedro ! Was ist los? Was ist das für ein Aufruhr? » „Ein Junge, Padre! Ein Junge, angeschossen und übel zugerichtet! Er hat sich auf einem Maultier bis zur Festung geschleppt und ist ohnmächtig zusammengebrochen, als wir zu ihm eilen konnten.“ Ein Junge? Wahrscheinlich ein Verfolgter, den sie durch die Wüste gejagt haben. Oder einer, der seinen Weg verloren hatte. Er tritt in die grelle Sonne und blinzelt. Sie haben den Jungen in den Schatten gebracht und auf einen Tisch gelegt. Eine Frau versucht ihm Wasser einzuflössen. Krampfartig schluckt das Bündel Mensch und hustet dabei, trotzdem begierig, noch mehr von dem Lebensspendenden Nass zu trinken. Sie machen Platz für ihren Prediger und Cort beugt sich über den Verletzten. „Er hat eine Kugel in der Schulter! Wahrscheinlich nicht lebensgefährlich, aber er muss mächtige Schmerzen haben“, stellt er sachlich fest. Ehrfürchtig nicken die Umstehenden. „Ich bin kein Arzt, aber ich werde trotzdem versuchen, das verd... „ Er hält ein, bevor der Fluch über seine Lippen kommt, „das Ding zu entfernen, bevor seine Wunde sich entzünden kann. Eine Infektion kann dieses halbe Kind hier nicht überleben, soviel steht fest. Es ist geschwächt und am Ende seiner Kräfte!“ Er rollt kurz entschlossen seine Ärmel hoch. „Elena“, ruft er bestimmt. Es würde der Kleinen gut tun, sich nützlich zu erweisen. Und sie sollte sehen, dass es anderes Leid gab als nur das ihre. „Bring mir Wasser von der Kochstelle, heißes Wasser und reine Wäsche.“ Der Junge war dabei abermals das Bewusstsein zu verlieren. Er war Mexikaner, hatte dunkles Haar und schwarze Augen wie Elena. ‚Es könnte ihr Bruder sein’, denkt Cort. ‚Er ist kaum jünger als sie!’ „Soldatos“, flüstert der junge Mann. Seine Lippen sind aufgeplatzt und er blutet aus mehreren Schürfwunden im Gesicht. Dann fällt er in eine erlösende Ohnmacht. Cort muss sich beeilen. Er hat das hier nicht zum ersten Mal gemacht. Als er noch mit der Bande unterwegs gewesen war, kam es oft genug vor, dass sich die Männer selbst verarzten mussten, oder man einem Kumpan dabei half, sich die Kugeln aus dem Leib zu schneiden. Es war nicht immer gut ausgegangen. Klar! Aber es war immer einen Versuch wert! Hier war die Gefahr einzig und allein die eines Wundbrandes, der nur tödlich enden konnte, ohne geeignete Medizin. Die Frauen hatten bereits einen Quinin-Sud aufgesetzt, um das Fieber in den Griff zu bekommen. Elena war mit heißem Wasser zurückgekommen und Streifen sauberen Tuchs, das sie aus einem Kleidungsstück gerissen hatte. Ein Mann bringt eine kleine Flasche Mescalin. Es war für Notfälle dieser Art gedacht. Cort wäscht seine Hände und legt sein Messer, sowie die Rasierklinge ins heisse Wasser. Danach begann er das Hemd des Burschen weiter aufzureißen als es schon war, und legte seinen Oberkörper frei. ‚Gebt ihm ein Schlückchen, und ein Stück Holz zwischen die Zähne’, schafft er Elena an. ‚Er darf seine Zunge nicht verschlucken’. Sie tut, wie man ihr geheißen hat und einer der Männer hält den Jungen fest, sollte er durch den Schmerz aus seiner Ohnmacht spontan erwachen. ‚Ich glaube, sie sitzt nicht tief’, erklärt Cort und es klingt, als wolle er sich selbst mit seiner Vermutung Mut machen. Ein glatter Schnitt und dann ein kurzes Anheben mit der Spitze des Messers, um die Kugel aus dem Fleisch zu befördern. Der Junge schlägt die Augen auf, schnappt nach Luft und seine Zähne knirschen auf dem Holz, das ihm das Mädchen zwischen die Zähne geschoben hat. ‚Es ist vorbei, Junge’, murmelt Cort und fährt sich mit dem Arm über die verschwitzte Stirn. ‚Wir legen Dir einen Verband an und dann kannst Du Dich ausruhen!’. Sie nehmen dem Burschen das Holz aus dem Mund und sein Stöhnen berührt die umstehenden Frauen tief, die sich beeilen, seine Wunde mit einem Quinin-Kataplasma zu bedecken und ihm einen Verband aus den Stoffbahnen anzulegen. Der Junge droht erneut weg zu kippen, versucht jedoch wach zu bleiben und tapfer durch zu halten. Er ist nicht groß von Gestalt, aber drahtig und muskulös. Sein spärlicher, dunkler Bartwuchs und seine unbehaarte Brust zeugen davon, dass er noch ein paar Jahre bis zum Mannesalter hin hatte. Elena bemüht sich gewissenhaft, die Bandagen anzulegen. Sie hat ihre Zungenspitze zwischen die Lippen geschoben, so sehr ist sie auf ihre Arbeit konzentriert. ‚Das Mädchen würde eine hervorragende Krankenschwester abgeben’, denkt Cort, während er seine Utensilien erneut abwäscht, ebenso, wie seine blutigen Finger. „Wir werden ihn vorsichtig ins Innere transportieren“, bestimmt er, und die Männer nicken dazu. In einer der Zellen haben die Frauen ein Lager errichtet, auf das der Kranke gebettet wird. Sie werden versuchen, ihm kleinweise das abgekochte Wasser der Cinchona Rinde einzuflössen und abwechselnd bei ihm wachen. Diese Prozeduren sind nichts Neues für sie. Eigentlich haben sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Cort drückt die Hand des Burschen und macht ihm Mut. „Du hast Dich wacker gehalten Kleiner. Wenn Du ruhig liegen bleibt, ist es in ein paar Tagen überstanden!“ Mühsam flüstert der Junge erneut: „Soldatos!“ Cort nickt. „Ich kann mir denken, dass sie hinter Dir her sind! Was immer Du auch getan haben magst, hier bist Du in Sicherheit!“ Corts beruhigende Art zu sprechen, scheint seine Wirkung nicht zu verfehlen, denn der Junge scheint in einen tiefen Schlaf zu fallen. Nun galt es, das Fieber nicht ansteigen zu lassen und die kommende Nacht würde die ausschlaggebende für seine Rettung sein. Als sich Cort in einem Zuber wäscht, tritt Elena an seine Seite. Ihre Augen sind bewundernd auf Corts Hände gerichtet. „Padre! Ich wusste, dass Du ein außergewöhnlicher Mann bist, aber Du bist mehr! Du bist ein Engel! Du rettest Leben!“ Er schüttelt den Kopf, dass die Wasserperlen aus seinem halblangen Haar auf ihre Gestalt spritzen. „Unsinn“, bestimmt er rasch. „Das ist nichts anderes, als wenn man daran geht, ein Schwein zu schlachten, oder ein Kaninchen auszuweiden. Fleisch ist Fleisch und Blut ist Blut!“ Sie schüttelt heftig den Kopf. „Du weißt, dass dies nicht stimmt! Du bist zu bescheiden. Was täten wir ohne Dich in unserer Mitte?“ Er spürt erneut Unbehagen aufsteigen, er wollte nicht von diesem kleinen Mexikanermädchen angehimmelt werden und so entgegnet er schroffer als er es eigentlich vor gehabt hatte: „Ihr habt vor meinem Eintreffen genauso gut gelebt. Wo ich auftauche herrscht meist in kürzester Zeit Chaos und Tod! Unterlass Deine Sprüche Elena, sie sind Deiner nicht würdig, und kümmere Dich um Deine Arbeit.“ Er dreht sich abrupt um und geht davon. Eigentlich hatte er ihr noch seine Hochachtung für ihre Ruhe ausdrücken wollen, ihre Unterstützung bei dieser improvisierten Notoperation. Doch er hielt es für undiplomatisch, sie mit Schmeicheleien zu überhäufen. Das Leben würde ihr nichts schenken, besser sie begriff das jetzt und gleich!
Während er auf die schwarzen Mauern seiner Unterkunft starrt, überschlagen sich seine Gedanken. Wenn der Junge verfolgt wurde, von wem auch immer, so war jemand auf seiner Spur. Die Verfolger würden ihn bald eingeholt haben. Das konnte Gefahr für sie alle bedeuten. Natürlich ist er nicht gewillt, den Burschen heraus zu geben, auch nicht unter dem Druck von Gewalt. Aber er hat Angst um die Menschen, die Frauen vor allem. Er konnte nur hoffen, dass es sich bei den Verfolgern um eine legale Militäreinheit handelte, mit dessen Anführer sich vernünftig sprechen ließ. Und natürlich würde er lügen, was das Zeug hergab. Um ein Leben zu retten, - er konnte sich nicht vorstellen, welch furchtbares Verbrechen ein solches Kerlchen begangen haben sollte, -waren alle Mittel recht. Es wird eine schlaflose Nacht für Cort, in der er jede mögliche List in Erwägung zieht, um die Verfolger von der Spur des Gesuchten abzubringen. Nach Mitternacht übernimmt er schließlich die Wache an seiner Seite und lauscht mit einem Ohr den unruhigen Atemzügen des jungen Mexikaners, während sich sein anderes Ohr auf etwaige verdächtige Geräusche draußen konzentriert. Wenn die Verfolger von seiner Verletzung wussten, dann würden sie sich kaum mit ihrer Verfolgung überanstrengen, denn das Vögelchen befand sich so gut wie in ihrem Netz. Es war logisch, dass das Bürschchen sich irgendwo hin geflüchtet haben musste, und seinem Wissen nach, gab es keine andere Zufluchtsstätte als eben diese hier.
Am nächsten Morgen ist das Fieber etwas gesunken. Cort versucht ein paar Einzelheiten zu erfahren, um auf den Besuch der Truppe besser vorbereitet zu sein. Er erfährt den Namen des Jungen, Doroteo. Er war knappe sechzehn Jahre alt. Sein Vergehen war leider viel schwerwiegender als Cort angenommen hatte. Mit stockenden Worten erzählt Doroteo ihm von dem Streit zwischen dem Farmer, für den er und seine Schwester gearbeitet hatten, in der Gegend von San Juan. Der Farmer hatte seiner Schwester nachgestellt, immer wieder, und schließlich war es zum Eklat gekommen, als Doroteo den einflussreichen Mann dabei erwischt hatte, wie er versuchte, seine Schwester in der Scheune brutal zu vergewaltigen. Doroteo hatte rot gesehen und den Mann mit einer Heugabel erstochen. Im Affekt, ohne über die Folgen nachzudenken. Danach waren beide geflohen. Sie wollten in den Bergen Unterschlupf finden, doch man hatte ihnen Soldaten hinterher geschickt, um sie zu fangen und zu richten. Der Junge schaffte es gerade noch, seine etwas jüngere Schwester bei entfernten Verwandten in einem Dorf unterwegs unterzubringen, bevor er sich allein weiter auf den Weg machte und seine Flucht fortsetzte. Sie hatten ihn rascher eingeholt, als er erwartet hatte und nahmen ihn rasch gefangen. Nach etlichen Misshandlungen sollte er nach Ciudad Juarez geschafft und dem Gericht überantwortet werden. Irgendwie, und mit Hilfe eines mitleidigen Mannes aus der Truppe war ihm die Flucht gelungen, bei der er jedoch angeschossen wurde. Das Gelächter, so sagt Doroteo, klänge ihm noch heute in den Ohren. Sie würden ihn jagen wie ein Kaninchen, hätten sie hinterher geschrieen. Dass er diese lange Strecke bis hierher überhaupt geschafft hatte, ohne dass sie ihn vorher erneut schnappten, sei nur ihrer Selbstsicherheit und der Gewissheit, die sie hegten, ihn ohnehin bald einzufangen, zuzuschreiben. Doch lange würde es nicht dauern und sie hätten seine Spur gefunden. „Ihr solltet mich von hier wegbringen, Señor“, schließt der Junge mit gepresster Stimme seine Erzählung. „Ihr seid alle in Gefahr und macht euch sich strafbar, einen Mörder wie mir Unterschlupf zu gewähren!“ Cort schüttelt bedächtig den Kopf, bevor er mit zuversichtlicher Stimme antwortet: „Das kann ich nicht! Du würdest keine Stunde im Sattel überleben, mein Junge. Außerdem hätten uns die Männer bald eingeholt, es wäre also vergebliche Mühe. Du solltest Deine Kräfte jetzt sparen und ich überlege mir, wie wir alle heil aus der Sache rauskommen!“ Die Tatsache, dass der Junge getötet hatte, störte ihn keineswegs. Er hatte seine Schwester verteidigt, also war es Notwehr. Gott würde sein Einsehen mit ihm haben. „So müsst ihr mich ausliefern“, krächzt der Verletzte. „Sie sollen mich vor Gericht stellen und ich werde mich zu verteidigen wissen.“ „Du weißt“, antwortet Cort geduldig, „dass sie Dich vorher töten werden. Außerdem, wenn sie Dich in diesem Zustand mitschleifen, krepierst Du so oder so. Erwarte nur keine menschliche Behandlung oder gar Verständnis. Machen wir uns beide nichts vor, Doroteo, wenn sie Dich in die Finger kriegen, bist Du ein toter Mann!“ „Aber Ihr auch Señor“, kontert der Junge, dessen Fieberglanz in den Augen wieder zunimmt. „Ihr auch, und ich will nicht zwei Männer, oder noch mehr auf dem Gewissen haben!“ „Das bleibt erst abzuwarten! Und jetzt schlaf Dich gesund!“ lautet die Antwort des gut gebauten Mannes mit den hellen, einfühlsamen Augen. Sein gebräuntes Gesicht neigt sich über das des Kranken. „Gott schütze Dich, Doroteo! Er wird uns beistehen, glaube mir!“ Wenn er diese trostreichen Worte nur selbst auch glauben könnte. Oft genug stellte er sich die Frage, ob die Blicke Gottes sich nicht längst von diesem Land abgewandt hatten...
Die Soldaten lassen sich Zeit. Möglicherweise haben sie bereits ihre Festung umstellt. Oder sie warten einfach ab und ziehen es vor, sie aus der Ferne zu beobachten, bevor der Angriff kam. Als es Abend wird, ist Cort vor Sorge und Anstrengung, einen vernünftigen Plan auszuhecken, vollkommen erschöpft. Doch er ist sicher, die Nacht würde ihnen Frieden schenken, und Ruhe. Es war nicht die Angewohnheit der Truppen, nachts anzugreifen und dabei unnötige Risiken einzugehen. Sie konnten ja nicht wissen, dass hier nur ein elender Haufen unbewaffneter Gringos darauf harrte, dass man sie verschonte. Sie schaffen Doroteo in ein Kellergewölbe, dessen Zugang mit alten Steinen und Mauerresten getarnt wird. Zweimal täglich würde eine der Frauen sich durch einen unterirdischen Zugang zwängen, durch den ein Mann wohl kaum gelangen konnte und der auch nicht weiter auffiel, da er nur einen schmalen Spalt frei gab. So konnte man den kranken Burschen pflegen und mit dem Nötigsten versorgen. Wenn die Miliz erst einmal weiter gezogen war, - so ferne man die Männer davon überzeugen konnte, dass sich ihr gesuchter Mann nicht hier unter ihnen befand, - wollte man Doroteo wieder herauf holen. Cort ist sicher, dass der kommende Tag der alles entscheidende sein würde.
Als er erschöpft und nackt auf sein Lager sinkt, wird ihm klar, dass er sich nicht allein darauf befindet. Die zarte, weiche Frauengestalt, die sich unter dem zerschlissenen Laken an seine Seite schmiegt, ist ihm keineswegs unbekannt. Er kennt ihren Geruch und erkennt sie instinktiv, auch wenn sie sich nicht zu erkennen gibt. Er will sich mit einem Satz aus dieser misslichen Lage befreien, stößt sie von sich und zischt ungehalten und wütend: „Du gehst zu weit, Elena! Verschwinde von hier, bevor jemand auf Dein Verschwinden aufmerksam wird!“ Ihre leise Flüsterstimme dringt durch die Dunkelheit an sein Ohr, während ihre feingliedrigen Hände liebevoll seine Schultern umfassen: „Mutter schläft wie ein Bär. Niemand wird davon erfahren, Padre! Ich habe Angst. Ich will bei Dir bleiben! Nur diese Nacht! Morgen sind wir vielleicht alle tot, wegen dieses Jungen!“
Er spürt, dass sie
die Wahrheit spricht, natürlich hatte sie Angst, hatten sie das nicht alle? Sie haucht ein zartes Ja in die Dunkelheit und er überlegt, was er mit ihr tun sollte. Möglicherweise standen ihnen schlimme Dinge bevor, ihm vor allem, denn die Soldaten würden sofort erkennen, dass er der war, auf den die anderen hörten, also würden sie sich an ihn halten, ihn vielleicht foltern oder misshandeln, um aus ihm die Wahrheit über den Verbleib des Geflohenen heraus zu pressen. Seine Überlegung ist sachlich und von keiner übermäßig großen Furcht gezeichnet. Er war hart. Hatte vieles an Grobheiten ertragen und sie auch selbst ausgeteilt. Er würde das ebenfalls überstehen, oder aber dabei draufgehen. Man würde ihm nicht lange nachweinen. Die Menschen, denen er sich angeschlossen hatte, besaßen ihre eigenen Sorgen und ihr Überlebenskampf war zu grausam, um viel und lange Mitleid mit einem Fremden wie ihm zu empfinden.
Sie spürt, dass er zögert, verstrickt in seinen Überlegungen, zu müde, um lange Reden zu schwingen oder sie aus seiner Nähe zu jagen. Ihre beruhigende warme Nähe tut ihm gut. Es ist Trost, den er sucht, nicht brennende Lust. Er lässt sich zurücksinken auf die hölzerne Pritsche, die mit getrocknetem Wüstengras gepolstert ist. Er lauscht ihrem erleichterten Seufzen und lässt zu, dass sie sein Gesicht, seinen Hals mit ihren kleinen, feuchten Küssen bedeckt, bis er spürt, dass sich das Aufkeimen von Begehren in ihm zu regen beginnt. Er will nicht mehr dagegen ankämpfen. Ihre geschickten Hände entfachen seine Sinne, bis er es auch nicht mehr kann. Und dann begehrt er sie, wie ein Verdurstender einen Schluck Wasser. Er knirscht mit den Zähnen, immer noch hin und her gerissen von Gewissensbissen, Zorn auf sich selbst und seine Unzulänglichkeit, wie auch dem Bedürfnis, in den Arm genommen zu werden und das Fleisch einer Frau vielleicht zum letzten Mal in seinem Dasein zu kosten. „Wir werden beide verdammt sein, Elena“, flüstert er verzweifelt, doch sie erstickt seine Bedenken mit einem süßen Kuss und ihre kleine Zunge zwängt sich geschickt zwischen seine Lippen, während sie über ihn gleitet wie ein kleiner Salamander, der sich in der Wüstensonne auf einem sonnigen Stein zu wärmen sucht. Sie hatte immer jung und unverdorben auf ihn gewirkt, doch nun muss er feststellen, dass sie ein voll erblühtes Weib ist, das instinktiv seiner Leidenschaft freien Lauf lässt, ganz ohne Vorbehalt und Bedenken. „Ich bin so froh, dass ich bei Dir sein kann, Liebster!“ Sie unterlässt es, ihn erneut Padre zu nennen und er verspürt Erleichterung darüber. „Elena“, flüstert er erstickt, bevor er sich mit ihr im Arm herumwälzt und auf ihr zu liegen kommt. „Noch ist es nicht zu spät“, raunt er und wundert sich, wie leicht ihm diese Lüge über die Lippen kommt. Er vergräbt sein Gesicht in ihrem duftenden, langen Haar, das sie einhüllt wie ein fein gesponnener Mantel. Seine Hände finden die festen, kleinen Rundungen ihrer Brüste und ihr Stöhnen zeugt von der Erwartung, das zu finden, was sie schon lange von ihm gewollt hatte. Als er ihre Liebkosungen zu erwidern beginnt, rasen seine letzten Gedanken noch einmal verzweifelt zu Jesus. Doch er war nicht wie er. Er war kein zu Mensch gewordener Gott. Er war nur ein Sünder, ein elender Sterblicher, der gemordet hatte. Die Hölle war ihm gewiss. Was sollte dieses menschliche Spiel der Begierde jetzt noch daran ändern? Morgen waren sie vielleicht alle tot. Er zumindest ganz gewiss, er machte sich nichts vor. Seine Sinne stehen in Flammen und er genießt es. Seit Ellens Verführung war viel Zeit verstrichen. Mehr, als ein Mann ertragen konnte. Seine Begierde wächst ins Unermessliche, sodass er befürchtet, sie damit zu erschrecken. Doch der Glanz ihrer schwarzen Augen und das Beben ihres geöffneten, roten Mundes, der ihn lockt und anfleht, sie zur Frau zu machen, zerstreuen seine Bedenken. Er durchbohrt ihre Unschuld mit einem heftigen Stoss seines Beckens und spürt kaum, wie sie ihre Nägel in seine Schultern bohrt, als er ihren jungfräulichen Körper in Besitz nimmt. Ihren Schrei hat er mit seinem Kuss erstickt, und er atmet schwer, wartet, bis ihre momentane Verkrampfung sich in willige Hingabe wandelt. Als sie ihre zittrigen Finger liebevoll über seinen Rücken streichen lässt, beginnt er sich vorsichtig in ihr zu bewegen, denn ihr kindlicher Körper hält ihn davor zurück, sich unbeherrscht an ihr zu befriedigen. Sie hatte sich so lange nach ihm gesehnt und er hatte sie zurück gewiesen, ja von sich gestoßen, wie eine kleine Schlampe, die sie keinesfalls war. Mädchen ihres Alters waren in diesem Land bereits verheiratet oder erwarteten Kinder. Die Gefühle, die sie mit der Zeit für ihn entwickelte, waren die natürlichen Instinkte einer gereiften Frau, die ihr Mädchendasein bereits weit hinter sich gelassen hatte. Er brauchte sich nicht zu schämen, und sie auch nicht. Er wiegt sie in seinen Armen, beherrscht sein ungezügeltes Verlangen nach Befriedigung, bis sie diese erstmals durch ihn findet. Sie windet sich lustvoll keuchend unter seinem starken Körper, gleich einer jungen Natter im Sonnenlicht, und da erst gibt er seinen eigenen Bedürfnissen freien Lauf und lässt sich von den Wogen der genussvollen Erleichterung nach der langen Zeit seines enthaltsamen Daseins davontragen. Als sie ineinander verschlungen zur Ruhe kommen, und sich ihre Sinne allmählich beruhigen, flüstert sie ängstlich: „Werden wir sterben?“ „Ich weiß es nicht“, murmelt er wahrheitsgetreu. Es hatte wenig Sinn, ihr etwas vorzumachen. „Ich werde alles daran setzen, dass Euch Frauen nichts passiert! Wir werden euch verstecken und ihr wartet ab, was geschieht. Wenn die Soldaten nichts finden, was sie als Druckmittel benützen können, ziehen sie vielleicht weiter!“ Das war eine glatte Lüge, aber er musste das sagen. Er war es ihr schuldig, nach diesem wonnenreichen Augenblick, den sie ihm geschenkt hatte. Fest stand, dass er sich von den Leuten lösen würde, sobald die Luft rein war und er überlebte, was mehr als zweifelhaft ist. Die Verantwortung einer Frau an seiner Seite, konnte und wollte er nicht tragen. Sie würde sich bald einen Mann finden, der sie liebte und der ihr mehr zu bieten hatte wie ein Desperado seiner Art. Und sie würde ihn glücklich machen, mit ihrer leidenschaftlichen Hingabe, soviel stand fest. „Ich will nicht sterben“, vernimmt er ihre kleine Stimme an seiner Seite. Er küsst ihren Scheitel und er fühlt sich hilflos angesichts ihrer Furcht, die er nicht völlig zerstreuen kann. „Das wirst Du nicht, Elena! Ich sorge dafür!“ „Du solltest den Jungen heraus geben! Dann haben wir Ruhe und niemandem geschieht etwas!“ Er erschrickt über ihre Worte. „Das würdest Du mir zutrauen?“ Seine Frage ist wie eine schmerzvolle Feststellung. Sie versucht ihn zu überzeugen. „Besser ein Leben zu opfern, als unser aller, meinst Du nicht, dass Gott das auch so sieht?“ „Ich erinnere Dich daran, dass Jesus sich freiwillig geopfert hat für unsere Seelen!“ „Ja“, gibt sie zögernd zu, „das weiß ich, aber ich bin sicher, dass Doroteo das auch so sieht und damit einverstanden ist!“ „Du hast Recht, Elena. Er wollte es so, doch ich werde es nicht zulassen. Doroteo hat ein viel versprechendes Leben vor sich. Wenn er es wünscht, kann er sich immer noch dem Gericht stellen, aber mit dem Haufen mordlüsterner Gringos lasse ich ihn nicht ziehen. Sie würden ihren Spaß daran haben, ihn langsam zu töten.“ Er spricht aus Erfahrung, kennt diese Truppen von bunt zusammen gewürfelten Milizsoldaten, die zum Grossteil aus ehemaligen Desperados bestanden. Sie antwortet nicht und er schläft ein, zu erschöpft, um ihr die Nächstenliebe weiter zu predigen und nahe zu legen. Als er erwacht, beginnt es zu dämmern und er ist allein. Sie muss aus seiner Nähe geflüchtet sein, bevor die ersten Leute wach wurden. Das war gut so. Er wollte keine Probleme herauf beschwören, wo kein Platz dafür war. Cort erfrischt sich am Brunnen und nimmt dankbar die frischen Fladen an, die ihm samt einer scharfen, roten Brühe gereicht werden. ‚Henkersmahlzeit’, denkt er zynisch, doch kein bisschen Furcht kann sich in seinem Geist einnisten. Wenn der Allmächtige beschlossen hatte, dass dies seine Lebensaufgabe war, diesen Doroteo zu retten, dann war er bereit. Was immer ihn das auch kostete. Er sieht sich um, versucht Elena zu entdecken, doch sie ist nirgends zu sehen. Hat sie Angst, dass man ihr ansah, was sie diese Nacht getan hatte? Oder gebot Furcht ihr, sich zu verstecken, noch vor den anderen? Er hat keine Zeit, jetzt darüber nachzudenken. Eine der Frauen teilt ihm mit, dass es dem Jungen sichtlich besser gehe. Er habe kaum mehr Fieber. Noch bevor der Tag herauf zieht, müssen die Frauen und Kinder versteckt werden. Dies scheint ihm wichtig zu sein. Die Soldaten sollen annehmen, dass sie nur ein Haufen unglückseliger Vertriebener seien, die vorübergehend zwischen den trostlosen Mauern Unterschlupf gefunden haben. Dazu kommt es jedoch nicht mehr. Denn fast lautlos war die Militäreinheit bis zur Mauer vorgedrungen und durch alle Öffnungen und nicht mehr vorhandenen Tore strömen die uniformierten Männer, hoch zu Ross, in den Innenhof der ehemaligen Grenzfestung. Entsetzen steht in den Gesichtern der Frauen geschrieben, die sich stumm zusammendrängen. Ihre Männer sind darum bemüht, so gelassen wie möglich zu wirken. Doch ihre Augen, aus denen nackte Furcht springt, können nicht über ihre Todesangst hinweg täuschen. Sie alle hatten die Grausamkeiten ähnlicher Männer bereits am eigenen Leib erfahren. Die automatische Handbewegung zu seinem Colt, unterlässt Cort angesichts der ausweglosen Lage. Nur nichts Unüberlegtes tun! Er strafft die Schultern und tritt einen Schritt vor. Der oberste Befehlshaber der Truppe, ein drahtiger Mann mit schwarzem, aufgedrehtem Schnurrbart lässt sein Pferd in die Mitte des Hofes tänzeln. „Wir wollen kein Blut vergießen und niemand soll zu Schaden kommen“, erhebt er seine Stimme, die ein wenig zu schrill ist, um wirklich Angst einflössend zu wirken. Der milde Unterton soll nur täuschen. In den eiskalten Augen des Mannes kann er die Genugtuung eines sicheren Sieges erkennen. „Ihr alle wisst, warum wir hier sind! Ihr habt einen verdammten Mörder versteckt. Eure Christenliebe, einem Verletzten beizustehen, soll euch angerechnet werden. Gebt ihn heraus und wir ziehen weiter, ohne euch deshalb zur Rechenschaft zu ziehen!“ Keiner der Vertriebenen wagt sich zu rühren, ihre Blicke sind gespannt auf Cort gerichtet, was ihn als ihren Anführer vor den anderen ausweist. Sie warten seine Entscheidung ab. Ein Mann Gottes weiß, was zu tun ist! „Kommandant!“ grüsst er den Befehlshaber höflich, deutet ein Kopfnicken an. „Wovon sprecht Ihr? Wie könnten wir in diesem Rattenloch einen Verletzten verstecken? Wir haben selbst nicht genug zu essen!“ Der Angesprochene grinst hämisch und sein stechender Blick misst erst Cort eine Weile, dann die Gruppe seiner Landsleute, für die er kein Fünkchen Zugehörigkeitsgefühl aufbringen kann. Mitleid ist ein Wort, das nicht in sein Vokabular passt. „Ahhhh“, gibt er lang gezogen zur Antwort und lässt seine Augen abermals arrogant zu Corts aufrechter Gestalt zurück schweifen. „Nun denn! Wenn es so ist, dann überlasse ich die beiden geschwätzigen und verlogenen Frauenzimmer meinen Männern. Sie werden ihren Spaß mit ihnen haben, auch wenn die Alte nicht mehr das hergeben wird, was die Junge verspricht!“ Elena und ihre Mutter werden mit am Rücken gefesselten Armen zwischen die Beine der Pferde gestoßen, direkt vor Corts Füße, wo sie auf dem steinigen Sandboden unsanft aufschlagen. Aus den Reihen der Frauen ertönt ein spitzer Schreckensschrei, ein Kind beginnt daraufhin laut zu weinen. Cort blickt in die furchtsamen Augen Elenas, der Frau, die er vergangene Nacht in den Armen gehalten hatte, um sich an ihrer Leidenschaft zu erfreuen. Ihr ebenmäßiges Gesicht ist mit Staub bedeckt und ihre vollen Lippen zucken verräterisch. Sie ist versucht los zu weinen, doch beherrscht sich mühsam, und unter dem fassungslosen Blick Corts senkt sie die Augen und flüstert fast unhörbar: „Ich habe es für Dich getan, Padre! Nur für Dich! Sie haben versprochen, uns nichts anzutun, wenn wir den Jungen heraus geben. Und sie haben ihm einen fairen Prozess versprochen! Bitte, Padre! Tu’ es für uns alle!“ Cort schluckt schwer. Er hätte es wissen müssen. Elena hatte Angst gehabt und dieses mächtige Gefühl, stärker als alles andere, hat sie Dinge tun lassen, die vollkommen unnötig gewesen waren, weil aussichtslos. Niemals würden die Soldaten weiterziehen, ohne sich an dem Haufen elender Menschen zu rächen. Für sie waren sie alle nur ein nichtsnutziges Pack. Wie konnte das Mädchen nur so dumm gewesen sein? Elenas Mutter wimmert leise und ihre Augen sind flehend auf Cort gerichtet. „Bitte Padre!“ beschwört sie ihn mit heiserer Stimme. „Es ist mir gleich, was mit mir passiert, aber Elena ist so jung, lass nicht zu, dass sie ihr etwas antun!“ Cort kämpft mit sich selbst. Er kann Elena nicht hassen, die selbst eine Beute ihrer Angst und Hoffnung geworden ist. Er blickt die zusammen gedrängten Menschen stumm an, sieht von einem zum anderen. Keiner von ihnen pflichtet den beiden Frauen bei. Sie sehen ängstlich auf die Truppe, doch niemand gibt ein Wort von sich. Die Mütter haben die Kleinsten schützend auf den Arm genommen, während sich die Größeren hinter ihren Röcken verstecken. Cort ringt mit sich selbst. Er glaubt keine Sekunde daran, dass der Kommandant Wort halten würde. Und die lüsternen Blicke seiner Männer versprechen alles andere als ein friedliches Abziehen. „Es tut mir leid“, antwortet er mit fester Stimme, ohne Elena weiter zu beachten. „Es stimmt, dieser Junge war in unserer Mitte! Doch er zog bereits im heraufziehenden Morgengrauen auf seinem Maulesel weiter. Seine Verletzung war ein Streifschuss, ein Kratzer, nichts weiter. Wir haben ihm zu essen und zu trinken gegeben und er hat sich bei uns ausgeruht. Und dann ist er weiter gezogen, nach Norden!“ Die Augen des Kommandanten werden zu schmalen Schlitzen. Er scheint die Geduld zu verlieren. „Durchsucht jeden Winkel dieser Schlangengrube“, befiehlt er schneidend den Männern. „Und diesen Gringo hier“, dabei deutet er mit seinem spitzen Kinn auf Cort, der dem Blick des Gegners ruhig stand hält, „den kettet an den Pfosten dort und die beiden Weiber dazu. Wir kümmern uns später um sie. Erst tun wir unsere Pflicht! Los, Männer!“ Cort wird brutal gepackt und entwaffnet. Er wehrt sich nicht, als man ihn zu dem Pfosten zerrt, der zum Anbinden der Pferde diente. Auch die Frauen werden daran befestigt und die übrigen Menschen drängen sich an die steinigen Mauern, um von den Pferden nicht nieder getrampelt zu werden. Sie hatten nicht genügend Zeit gehabt, seinen Plan durchzuführen. Die Konsequenzen würden fatal sein, für sie alle.
Die volle Härte eines Gewehrkolbens trifft seinen Nacken und er geht benommen in die Knie. Hühner flattern aufgeschreckt durch die Gegend, das Poltern von Gegenständen wird begleitet vom Gelächter der Soldaten. Frauen kreischen in panischer Angst, und Elena weint leise an seiner Seite. Ihre Mutter jammert leise vor sich hin und betet inbrünstig zur Jungfrau Maria. Corts Schädel brummt, doch er schafft es, nicht das Bewusstsein zu verlieren. Hätte nur einer der Bauern sich seinem Entschluss, Doroteo zu schützen, widersetzt, so wollte er sich dieser Entscheidung fügen. Schließlich konnte er nicht über das Leben der Anderen bestimmen. Das stand ihm nicht zu, niemandem zu! Doch trotz ihrer Todesangst waren sie stumm geblieben, allesamt, und so hatte er sich nichts vorzuwerfen. Er blinzelt in Elenas Tränennasses Gesicht. Sie würden ihre Drohungen natürlich wahr machen und mit dem Mädchen und seiner Mutter beginnen. Vielleicht wollten sie ihn zwingen dabei zuzuschauen, wie sie sich der Reihe nach an ihr vergingen. Er opferte sie auf dem Altar seiner Nächstenliebe. Doch er hatte es nicht gewollt, seine schlimmsten Befürchtungen waren eingetreten und nun war er hilflos und musste mit ansehen, wie sie die Menschen, die ihm vertraut hatten, quälten. Wenn nicht einer von ihnen das Versteck Preis gab, dann konnten sie den kranken Jungen nicht finden. Es war zwecklos, sich nun anders zu entscheiden, denn auf Nachsicht der Männer, die vorgaben, im Namen des Gesetzes zu handeln, konnte niemand hoffen. „Elena...“ murmelt Cort eindringlich. „Du darfst ihnen nicht verraten, wo Doroteo ist. Es ändert nichts an unserer Lage!“ Elenas verzweifelter Blick gibt keinen Aufschluss darüber, was sie denkt. Nackte Angst beherrscht ihren Geist und sie wünscht sich bereits tot. Sie hatte gedacht, das Richtige zu tun, als sie ihre Mutter weckte und sie bat, mit zu kommen. Die beiden Frauen brauchten nicht lange nach den Soldaten zu suchen, als sie erst einmal die Festung verlassen hatten. Fast augenblicklich wurden sie abgefangen und zum Befehlshaber gebracht. Der schien erfreut von ihrem Vorschlag, das Dorf unbehelligt zu lassen, wenn sie ihm den Flüchtenden auslieferten und gab sich fast charmant. Als der Morgen zu grauen begann, änderte er seine Taktik und bemächtigte sich ihrer als Geiseln. Und nun waren sie wieder alle vereint und warteten auf das Schlimmste, das man einer Frau antun konnte. „Padre“, flüstert sie leise und ergeben. „Erteile mir die Absolution! Ich will nicht beschmutzt vor unseren Schöpfer treten!“ „Lass das Elena“, murmelt er leise. „Du wirst nicht sterben. Das sind Soldaten, die sind im Namen des Gesetzes unterwegs und werden euch nichts tun! Ich werde ihnen anbieten, mich an Stelle des Jungen zu verhaften und alle Schuld auf mich nehmen.“ Er belog sie schon wieder. Aber er wusste sich nicht anders zu helfen. Gerne hätte er sie in den Arm genommen und getröstet, doch er war, einmal mehr, nur ein machtloser Gefangener. Es kommt ihm wie eine Ewigkeit vor, bis der Offizier endlich wieder auftaucht und sich höhnisch grinsend vor ihm aufbaut. „Wo habt ihr den Mörder vergraben, um ihn vor uns zu schützen, Gringo?“ schnauzt er Cort an. „Du stiehlst unsere Zeit! Wir werden Deine Zunge lösen, indem wir einem nach dem anderen von euch das Lebenslicht ausblasen! Ich weiß nicht, wer Du bist, Gringo, und warum diese Elenden hier auf Dich hören, aber sie machen einen großen Fehler. Sie stellen sich gegen das Gesetz und verdienen bestraft zu werden. Der Kerl, den wir suchen, hat einen Mann kaltblütig getötet! Einen ehrenhaften Bürger und Familienvater, der diesem Satansbraten Arbeit und Brot gab! Du hast kein Recht, ihn vor seiner Strafe zu bewahren! Er gehört gerichtet und gehenkt!“ „Gott ist sein Richter! Er allein!“ gibt Cort spröde zurück und erntet dafür einen Tritt in den Magen, unter dem er sich schmerzvoll zusammen krümmt. „Ein Prediger also! Was sonst? Hätte ich mir denken können!“ Sein kalter Blick fällt auf Elena. „Es tut mir leid, mein Täubchen, ich hätte Dir das gerne erspart, aber der Padre hat sich bereits entschieden. Er liebt es, den Märtyrer zu spielen, und Dich hat er auch dazu auserkoren, auch wenn es nicht Dein Wunsch war! Und das alles für eine dreckige, mordende, kleine Ratte!“ Er spuckt verächtlich in den Sand und Cort grinst den Mann, der einen guten Kopf kleiner als er selbst ist, verächtlich an. „Ihr haltet Euch für besser, weil ihr wehrlose Leute quält? Auch für Euch kommt der Zahltag! Vielleicht früher als Ihr es erwartet!“ Diese unbequeme Rede trägt ihm diesmal einen Fausthieb ein, von einem der Soldaten, den der Offizier herbei gewunken hatte. Colts Kopf wird zur Seite geschleudert, und sein Kiefer schmerzt, als hätte man ihn mit einem Hammer bearbeitet. Während er gegen den Schmerz ankämpft, und die Benommenheit in seinem Kopf, sieht er aus den Augenwinkeln, wie sie Elena los machen und mit sich zerren. Ihre ängstlichen Rufe lösen bei ihrer Mutter ein furchtbares Jammergeschrei aus. Er will dem sich wehrenden Mädchen ermutigende Worte nachrufen, doch seine Zunge gehorcht ihm nicht. Er spuckt Blut in den Sand und kommt ächzend auf die Knie, um zu sehen, was mit Elena geschieht und sie mit ihr vorhaben. Sie wird ins Innere des Gemäuers gestoßen und er ist nahe daran, Doroteo zu opfern. Nicht für sich oder die anderen, sondern für sie. Seine Vernunft gibt ihm ein, dass sich dadurch nichts an Elenas Lage ändern würde. Der Anführer dieser ehrenwerten Militärtruppe selbst, würde sich ein Vergnügen daraus machen, Elena zu entehren, bevor er sie seinen Männern überließ. Es war zu spät, sie jetzt noch retten zu wollen. Zu spät für sie und ihn, zu spät für sie alle und sicher würden sie auch Doroteo finden und wenn nicht, würde der in seinem Versteck elend zugrunde gehen, wenn keiner von ihnen mehr am Leben war. Für den Oberbefehlshaber waren sie ein Haufen von aufständischen, gesetzeswidrigen Rebellen, und damit würde er sich vor seinen Vorgesetzten auch rechtfertigen. Sicher fand er Gehör, wenn nicht Zustimmung, dessen ist Cort sicher. Er beginnt zu beten, konzentriert sich darauf, für die armen Seelen seiner Schäfchen zu bitten und hofft inbrünstig, nicht Elenas Schreie ertragen zu müssen. Doch der allgemeine Tumult ist so laut, dass er ihre Stimme nicht hört. Er blinzelt gegen die Sonne, die langsam zum Zenith aufsteigt und der plötzliche Anblick eines Sombreros erscheint ihm wie ein Zeichen des Himmels. Er blinzelt abermals, um den Staub in seinen Augen weg zu zwinkern und klarer sehen zu können. Man gibt ihm Zeichen, sich ruhig zu verhalten. Ein zweiter, breitkrempiger Hut auf den Mauern der Festung, ein dritter. Die Unglaublichkeit seiner Wahrnehmung versetzt seinem Gehirn einen gehörigen Adrenalinstoss. Er zerrt an seinen Fesseln, doch das leise Klirren in seinem Rücken erinnert ihn an die Eisenkette, mit der man ihn außer Gefecht gesetzt hatte. Dunkle Gesichter scheinen plötzlich überall wie aus dem Stein zu wachsen. Finstere Blicke, dunkle Bärte und eine Vielzahl von schwer bewaffneten Männern stürmt in die Festung, geht auf die überraschten Soldaten los, bevor die richtig begreifen, dass sie ihrerseits angegriffen werden. Alarmrufe verhallen zu spät, es entsteht ein zäher Kampf im Hofe des Gemäuers und im Inneren der Festung. Cabaleros auf drahtigen Pferden stürmen massenweise durch die Maueröffnungen und setzen über die niedrigen Steinwälle hinweg. Ihr wütendes Kampfgeschrei mischt sich mit den aufgeregten Rufen der Soldaten, und der wilde Haufen bunten Kampfgewühls zeugt von der Entschlossenheit der Rebellen, den solche müssen es sein, die sich gegen die Soldaten gestellt haben und sie grimmig nieder machen. Säbel blitzen und ohrenbetäubendes Knallen von Gewehrschüssen erfüllt die Luft mit Rauch, der sich mit dem Sand, den die Kämpfenden aufwirbeln, mischt. Cort zerrt mit aller Kraft an seinen eisernen Fesseln. Irgendjemand macht sich daran zu schaffen. Die Wucht des Schlages beim Durchtrennen der Kette lähmt vorübergehend seine Hände. Er springt auf, schüttelt sie erleichtert und blickt dankbar in das dunkle Gesicht eines Mannes, der grinsend seine starken, weißen Zähne dabei entblößt. „Viva la Revoluzione!“ ruft er und drückt Cort eine Pistole in die Hand. „Dich schickt der Himmel“, entfährt es dem Befreiten. Während man Elenas Mutter los macht, stürzt er sich in die Mitte der kämpfenden Männer. Die überraschten Soldaten hatten nicht viel Zeit zur Gegenwehr gefunden und es wird ein kurzer Kampf. Die meisten ergeben sich, um dem Gemetzel und einem sicheren Tod zu entgehen. Die Rebellen lassen sie am Bauch, im Sand aufgereiht nebeneinander liegen, nachdem sie ihnen Waffen und die olivenfarbenen Uniformjacken abgenommen haben. Cort jagt ins Innere, macht sich auf die Suche nach Elena. Er kann sie nicht finden, verletzt zwei Militaristen, die sich ihm in den Weg gestellt haben. Er klettert in das Kellergewölbe, dort, wo der Zugang zu Doroteos Versteck liegt. Staub rieselt von den Mauern, nimmt ihm die Sicht. Er hustet, tastet sich vorwärts. Hastige Schritte hinter seinem Rücken verraten ihm, dass die Mexikaner den Hof leergefegt haben und nun auch das Innere des Unterschlupfs von der Miliz säuberten. Er hofft, nicht zu spät zu kommen. Er ruft Elenas Namen und vernimmt ihr Kreischen, als er den Durchschlupf des Gewölbes, wo er den Jungen versteckt hatte, von Steinen frei geräumt, vorfindet. Er zwängt sich hindurch und erkennt im Rauch einer Ölfackel Doroteo, der von einem der Soldaten in die Höhe gezerrt wurde, damit er mit ansehen sollte, wie der Kommandant sich an dem Mädchen verging, bevor er ihn mit einem Säbelhieb selbst richten wollte. Er lebte also und scheint nicht weiter verletzt zu sein. Man hatte Elena die Kleider vom Leib gerissen und auf den feuchten Erdboden mit gefesselten Händen auf allen Vieren niedergedrückt, wo der wütende Mann sie eben mit herunter gelassenen Hosen besteigen wollte. Der Aufschrei seines Soldaten, den Cort mit einem gezielten, blitzschnellen Fausthieb zur Seite schleudert, lässt ihn irritiert herum fahren. Seine Augen blitzen vor Mordlust. Doroteo war stöhnend zurück gesunken. Sein blasses Gesicht ist vor Anstrengung verzerrt und sein ungläubiger Blick wandert von Cort zu dem Befehlshaber, der sich aufgerichtet hat und mit einer Hand seine weißen Beinkleider hochzuziehen versucht, während die andere den Knauf seines Säbels umklammert, dessen Spitze er an die nackte Brust des Mädchens gesetzt hat. „Komm einen Schritt näher Gringo, und Du hast sie auf dem Gewissen!“ Cort hat seine Pistole auf des Mannes Kopf gerichtet und spannt langsam den Hahn. „Dann ist sie wenigstens nicht umsonst gestorben“, bemerkt er tonlos und entschlossen. „Doch in die Hölle, die bereits auf Dich wartet, Gringo, wird sie Dich nicht begleiten, Du elender Frauenschänder.“ Noch bevor er ausgesprochen hat, hallt die Detonation seines Schusses an den Steinwänden wider. Der Mann sinkt auf Elena nieder, die hysterisch versucht, sich vom Gewicht ihres sterbenden Peinigers zu befreien. Cort hilft ihr, sich aufzuraffen, und als er sie an sich zieht, wird ihm bewusst, dass sie nackt ist. Er nimmt das Laken von Doroteos Bettstatt und hüllt sie darin ein. „Es ist vorbei“, beruhigt er ihr Schluchzen und befreit sie von ihren Fesseln. Die Rebellen waren zu ihnen vorgedrungen und halfen dem Jungen auf die Beine. Mit ihrer Hilfe verlässt er sein rettendes Verlies. „Sie haben gesagt, Du seiest tot“, schluchzt Elena und klammert sich erneut an seinen Hals. „So leicht räumt man mich nicht aus dem Weg“, grinst er. „Das hat schon mancher versucht, und sich die Zähne an mir ausgebissen.“ Die Bauern feiern ihre Befreier wie Helden, die sie auch waren. Die überlebenden Gefangenen werden großzügig verschont und ohne Pferde und Stiefel in die Wüste geschickt. Es hatte nur zwei Tote gegeben. Sie finden ihr Grab samt ihrem Anführer im Kellergewölbe, das man danach für immer verschließt. Auch ihre schmucken Uniformen hat man zurück behalten. Sie konnten den Aufständischen noch von Nutzen sein. Madero, der Anführer dieser Gruppe von aufständischen Bauern, die sich ihm im Kampf gegen die diktatorische Regierung angeschlossen hatten, hatte Wind bekommen von dem Drama, das dem Jungen Doroteo Arango und seiner Schwester widerfahren war. Die Bauern und die Männer, die für ihre Rechte kämpften, hielten zusammen wie Pech und Schwefel, und Nachrichten dieser Art wurden rasch weitergegeben. Sie breiteten sich aus wie ein Lauffeuer, bis in die entferntesten Winkel des Gebirges. Sie würden gemeinsam in die Berge ziehen, wo ihre unzugänglichen Verstecke lagen und ihre Familien lebten. Keine Truppe hatte sich jemals in die Gegend gewagt, um es mit dem anwachsenden Haufen der rebellischen Leute Maderos aufzunehmen. Dort konnten die Bauern an eine bessere Zukunft denken und von der endgültigen Befreiung ihres Landes träumen. Doroteo wollte an ihrer Seite kämpfen, sobald er sich von seinen Verletzungen vollkommen erholt hatte. Sie wollen Cort dazu überreden, mitzukommen und an ihrem Kampf teil zu haben. Doch er hat andere Pläne. „Ich lege Dir die Fürsorge Doroteos ans Herz, Elena! So kannst Du Deine Irrtümer an ihm wieder gut machen und Deine Seele Frieden finden. Du hast eine Aufgabe vor Dir, der Du gewachsen sein musst!“ Seine hellen Augen leuchten in dem schmutzigen Gesicht, wie zwei blitzende Seen in der Wüste. Ihre dunklen Augen hängen traurig an seinen Lippen. „Geh mit uns“, wagt sie einen letzten Versuch, seinen Entschluss zu beeinflussen. „Wir gehören zusammen!“ Doch er schüttelt den Kopf, wie schon zuvor, und antwortet mit überzeugender Stimme: „Du weißt, dass das nicht stimmt, Elena. Unsere Wege trennen sich hier und jetzt. Ich werde mich ein Leben lang gerne an Dich erinnern. Geh mit den Deinen und versuche das Beste aus Deinem Leben zu machen, denn Du bist stark und klug. Es wird Dir nicht schwer fallen, jemanden zu finden, auf den zu zählen kannst, und der Dich schützt und Dir die Liebe entgegen bringst, die Du verdienst!“ Sie versucht ein klägliches Lächeln und nickt. „Ich wünsche Dir viel Glück, Padre!“ Sie hat ihre dunklen Arme um seinen Hals geschlungen und küsst seine Wange, die immer noch von den Misshandlungen schmerzt und sich bläulich verfärbt hat. “Und ich werde immer an Dich denken“, flüstert sie so leise, dass nur er es hören kann. Sie kann sich nur schwer aus seinem Blick befreien, die ihr Spiegelbild wiedergeben. Ein zärtliches Lächeln umspielt seine sanft geschwungenen Lippen und er nickt. Als er die Gurte seines Sattels festzurrt, ist sein Geist bereits auf dem Ritt nach Kalifornien. Man behauptete, es wäre ein Land der Zukunft. Er würde sich umsehen und wenn ihm gefiel was er sah, vielleicht eine Weile bleiben. Er blickt zum Himmel empor und grinst. Cort wagt erneut daran zu glauben, dass er möglicherweise doch noch etwas gut hatte, dort oben. Er würde auch weiterhin das Wort des Herrn predigen, denn, bis jetzt, war er gut damit gefahren.
Ende
Anmerkung: Doroteo Arango, besser bekannt unter dem Pseudonym Pancho Villa, wurde 1878 bei San Juan del Rio Grande geboren. Die Fakten um seine Verfolgung auf Grund der Ermordung seines Dienstgebers, aus angeführten Gründen, entsprechen der Wahrheit. Doroteo flüchtete daraufhin in die Berge, wo er sich lange Zeit versteckt hielt. Während der darauf folgenden fünfzehn Jahre galt sein Hass den mächtigen Grundbesitzern Mexikos, die sein Volk betrogen und ausbeuteten. Sein Mut und seine Großzügigkeit den armen Bauern des Landes gegenüber, machten aus ihm einen Nationalhelden, der bis heute verehrt wird. Alle Versuche, ihn gefangen zu nehmen, schlugen fehl. 1911 wurde er nach dem Kampf um Rellano, den er verlor, verhaftet, konnte sich aber wenig später befreien. Er fand Zuflucht in El Paso (USA), kehrte alsdann nach Mexiko zurück, wo er eine Rebellenarmee von fünfzig Tausend Männern um sich scharrte und der Regierung und ihren Anhängern einen erbitterten Kampf lieferte, der zu seiner Lebensaufgabe wurde. Seine enormen strategischen Qualitäten lieferten ihm Sieg auf Sieg. Als er sich zur Ruhe setzte, wurde ihm von Präsident de La Huerta 1920 eine Ranch zugesprochen, wo er sich nur mehr der Landwirtschaft widmete. Dieser Frieden war von kurzer Dauer, seine politischen Feinde ließen ihn 1923 ermorden. In den Herzen der Mexikaner lebt er weiter und ist ein Mythos geworden.
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