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Illusion in Blau Teil 1
Sie hatte einige Mühe, den altmodischen, schweren Schlüssel in der verwitterten Tür umzudrehen. In den geschnitzten Ecken und Kanten hatte sich Sand angesammelt und wie es schien, seit vielen Jahren schon. Ihre Tante war die sprichwörtliche Eigenbrötlerin gewesen, die niemanden um sich herum geduldet hatte, außer ihren Katzen. Zwei davon umschmeicheln nun miauend ihre Beine, ganz, als hätten sie schon sehnsüchtig auf sie gewartet. „Schon gut“, beruhigt sie die putzigen Tiere, die alles andere als schlecht genährt aussehen. Ihre dicken Bäuche schleifen geradezu am Boden und sie muss ein wenig grinsen, denn so fette Katzen hatte sie wahrhaftig noch nie gesehen, außer vielleicht in gezeichneten Karikaturen. Der Notar hatte ihr erklärt, sie müsse mit mehreren solcher Tieren rechnen, wenn sie die Erbschaft annehmen wollte, und sich auch dann weiterhin um sie kümmern. Das war sozusagen die Bedingung ihres Erbanspruches gewesen. Sie zuckt unwillkürlich die Schultern. Mit Katzen hatte sie noch nie Schwierigkeiten gehabt, warum also nicht? Trotzdem fällt ihr verwunderter Blick auf die vielen, halb geleerten Futterschüsselchen, die an der Hausmauer aufgereiht stehen. Ein paar Fliegen umsummen die Reste. Wahrscheinlich hatte der Rechtspfleger jemanden hergeschickt, der die Katzen alle paar Tage mal mit Nahrung versorgte.
Endlich gibt die schwere Eingangstür nach und schwingt fast von selbst auf. Die beiden Tiere waren inzwischen erschrocken durch die Katzenluke ins Haus gehuscht. Die abgestandene Luft des Inneren und der penetrante Geruch von Katzenpisse nehmen ihr den Atem. Sie tastet sich ins Dämmerlicht der verdunkelten Räume und sucht nach einem Lichtschalter, denn sie zum Glück auch gleich finden kann. Als elektrisches Licht aufflammt, erleidet sie einen mittelmäßigen Schock. Schätzungsweise zehn Paar Katzenaugen starren ihr entgegen und warnendes Pfauchen mischt sich mit neugierigen, fragenden Miau-Lauten. Dann kommt Leben in den Haufen der kratzbürstigen Schmeicheltiere. Sie springen von Kästen, Kommoden, Sofas und Küchentisch und bewegen sich lautlos auf sie zu, ohne dabei aufzuhören, sie mit unergründlichem Blick zu fixieren. „Hi, Kids“, begrüßt sie die Meute. Einige von den Tieren streichen um ihre Beine herum, darunter auch die beiden, die sie schon vor der Tür erwartet hatten. Andere haben sich abwartend und manierlich auf die Hinterbeine gesetzt und blicken sie fragend an. Sie lässt ihren amüsierten Blick über die versammelte Runde schweifen. Allesamt sind ausgesprochen gut genährt, besitzen seidiges, glänzendes Fell und scheinen sich bester Gesundheit zu erfreuen. Eines der Tiere hat sich auf die Hinterbeine gestellt und stützt sich mit den Vorderpfoten auf ihre, in Jeans steckende Beine. Der fragende Blick wird von einem melodiösem „Miau?“ begleitet. Unwillkürlich fährt ihre Hand über den weichen, schwarzen Kopf und sie antwortet: „Na, meine Süße?“ Die Katze legt schnurrend ihren Kopf in ihre Hand und schließt genüsslich die Augen. Auch andere haben zu schnurren begonnen und auch die zurückhaltendsten unter ihnen sind ein Stück näher gerückt. „Nun“, beginnt sie ihre Ansprache, und versucht dabei, jede Katze im Einzelnen anzusehen, „da bin ich! Ich denke, wir werden schon miteinander auskommen!“ Ihr Blick schweift kritisch durch den großen Wohnraum und die angrenzende Küche. „Aber wir werden wohl einiges an unser beider Lebensgewohnheiten ändern müssen“, fährt sie fort. „Im Leben geht nichts ohne Kompromisse, müsst ihr wissen!“ Wer konnte davon mehr überzeugt sein, als sie? Sie nimmt das leise Miauen als Zustimmung und macht sich erneut auf den Weg nach draußen, umringt von der Schar ihrer „Adoptivkinder“, um die wichtigsten Sachen aus dem Fond ihres alten Jeeps zu holen. Nach und nach schleppt sie Proviant, persönliche Sachen und Plastikbeutel mit Wäsche ins Haus. Ihre Habseligkeiten hatten alle Platz in dem, nicht eben riesigen Wagen gefunden, und sind auch bald ins Haus geschafft. Anschließend öffnet sie weit alle Fenster und Flügel und lässt die Strahlen der Nachmittagssonne ins Innere. Der Wind, der durch die Zweige der Bäume streift, rauscht leise in den hohen Kronen. Die Sonnenstrahlen, die sich durch das Gezweig stehlen, werfen lebendige, helle Muster auf Hausrat und Wände. Trotz der alten Möbel und Nippsachen, die sich bergeweise darauf anhäufen, wirkt alles im Großen und Ganzen sauber und wohlgeordnet. Sie ist über die Geschicklichkeit der Katzen verwundert, die mit delikaten Schritten über die zerbrechlichen Ziersachen hinwegsteigen und hat den Haufen Schmusetiere auch schon ins Herz geschlossen. Schließlich waren es Tante Dorothys ‚Kinder’! Erst jetzt bemerkt sie ihre Müdigkeit und lässt sich auf einen weichen, geblümten Lehnstuhl fallen. Fast zehn Stunden Autofahrt in gleißender Hitze fordern ihren Tribut. Sogleich findet sich eine Katze auf ihrem Schoss ein und macht es sich schnurrend bequem. Eine andere zieht die Lehne des Stuhls vor. Ein schnurrendes Konzert beginnt und wiegt sie sanft in den Schlaf, ohne, dass sie dagegen ankämpfen kann. Ihr Kopf sinkt auf ihre linke Schulter und ihr halblanges, glattes Haar fällt über ihr Gesicht wie ein Schutzvorhang. William ist vergessen, sein Verrat tritt ins Dunkle und ihre Enttäuschung wird vorübergehend von erlösenden Träumen und beruhigendem Katzengeschnurre gelindert.
***** Der schrille Laut eines Kookaburras weckt sie spontan und sie braucht mehrere Minuten, um sich in der Realität zu Recht zu finden. Draußen ist es inzwischen beinahe stockfinster geworden. Vorsichtig schiebt sie die auf ihr ruhende gefleckte Katze zur Seite und erntet dafür ein klägliches Protest-Miauen. „Tut mir leid“, meint sie fast entschuldigend und steht auf, um ihre steif gewordenen Glieder durchzustrecken. „Aber ihr müsst mir schon auch etwas Platz zum Wohnen lassen!“ Sie stakst zum Lichtschalter und nachdem sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, schließt sie die Fensterläden, bevor noch mehr Mücken vom Licht angezogen werden können. Mit diesen Quälgeistern würde sie dann die ganze Nacht zu kämpfen haben. Die Spitzengardinen werden noch vorgeschoben und ein wenig vom leichten Abendwind gebauscht. Trotzdem ist es noch sehr heiß und stickig. Dieser Hochsommer hatte es bereits in der Stadt in sich, doch in den klimatisierten Büroräumen hat sie es nicht wirklich als so schlimm empfunden. Auch nicht in dem schicken Appartement, das sie, zeitweise, mit William – Stich in der Herzgegend – geteilt hatte. „Zum Teufel mit dem Mistkerl“, zischt sie und setzt einen lautlosen Fluch hinzu, der etwas mit dem Vertrocknen seines besten Stückes und Ausschlag am Hintern, den sie ihm wünscht, zu tun hat. Sie macht eine Runde durchs Haus, denn dazu hatte sie noch keine Zeit gefunden. Vorerst entsorgt sie die drei übel riechenden Katzenklos neben der Eingangstür und bringt sie ins Freie. Jede ihrer Bewegungen wird von halb geschlossenen, scheinbar uninteressierten Katzenaugen beobachtet. „Ihr habt eine Katzenluke, könnt kommen und gehen, wann immer ihr wollt“, beginnt sie ihre Maßregelung. „Also damit ist Schluss, Katzenklos im Haus sind echt überflüssig und machen mir das Leben sauer. In Zukunft wird draußen gekackt! Kapiert?“ Als hätten sie alle genau verstanden, worum es ging, tun die Katzen nun besonders belanglos, rollen sich ein und täuschen tiefen Schlaf vor. Sie muss leise lachen. Diese Geschöpfe waren wirklich die Raffiniertesten des Faunareiches und verdienten ganz besonders viel Achtung und Aufmerksamkeit. Dass sie bis jetzt nicht selbst ihr Leben mit einer Katze geteilt hatte, war Williams Katzenallergie zuzuschreiben gewesen. William war eigentlich auf alles allergisch. Hunde, ältere Leute und Kinder. Wie hatte sie es nur so lange an seiner Seite ausgehalten? Und warum schmerzte der Bruch sie immer noch? Sie schiebt diese unfreiwilligen Gedanken beiseite und bleibt vor dem gerahmten Foto einer alten Frau stehen. Ein breitkrempiger Sonnenhut verdeckt die Hälfte ihres Gesichtes. Ein paar unwillige, graue Locken stehlen sich auf die Wangen und ihr Gesichtsausdruck ist nicht wirklich zu deuten. Sie sitzt in einem Sonnenstuhl, auf dem Schoss ruhen zwei ihrer Katzen. Sie hat diese Großtante nie kennen gelernt, weiß nur, dass es die Schwester ihre Großvaters väterlicherseits gewesen war. Eine Frau, die die Einsamkeit liebte. Eine Frau, die nach dem Tod ihres Mannes, der während des 2. Weltkrieges von den Japanern über der Küste von Neuseeland abgeschossen worden war, niemanden mehr um sich geduldet hatte, außer ihren Katzen. Die keine Besuche wollte und keine Gesellschaft. Christie wusste nichts über sie. Selbst ihr Vater hatte kaum Erinnerungen an sie gehabt. Kinderlos, einsam, verbittert. Christie seufzt und wünscht, sie möge sich täuschen. Vielleicht war sie wieder ein wenig glücklicher geworden durch ihre Katzen. Das hofft sie jedenfalls. Als sie von der Erbschaft erfuhr, wollte sie den kleinen Besitz erst verkaufen. Dann kam die Sache mit William und sie beschloss, der Stadt den Rücken zu kehren, ihrem komfortablen, modernen Leben zu entsagen, auszusteigen, nachzudenken, mit sich ins Reine kommen. Die vage Idee wurde zum fixen Entschluss und nun war sie hier. Sie war nicht sicher, ob sie sich zu Recht finden würde, in dieser „Wildnis“. Sie war ein Stadtmensch, durch und durch. Sie liebte gepflegte Restaurant, ausgiebige Shoppings in klimatisierten Einkaufszentren und hatte zu jener Sparte Leute gehört, die ohne Telefon schier unglücklich waren und sich eines lebenswichtigen Teiles amputiert fühlten. Nun, das alles war Vergangenheit. Ihr Handy hatte sie vor den Augen Williams in den Pool geschmissen, nachdrücklich. Es hatte ihn amüsiert. Ihre teure Garderobe, seine Geschenke, waren zum Fenster hinaus geflogen und die Kreditkarten, die er ihr gesponsert hatte, warf sie ihm wütend ins Gesicht. Genüsslich erinnert sie sich an die rote Schramme an seiner Nase, die sie ihm damit verpasst hatte.
Die Küche ist wohlgeordnet und pedantisch sauber. Altmodische, aber sehr zweckmäßige Küchenutensilien hängen an einem Bord, jedoch von Mixer oder elektrischem Toaster war keine Spur zu sehen. Sie seufzt. Die Umstellung würde einige Schwierigkeiten mit sich bringen, aber genau das hatte sie ja gewollt. Ein neues Leben, eine andere Welt. Vor allem jedoch suchte sie Frieden und Ruhe. Keine alten Kontakte, aus, basta, fini! Während sie dem Zirpen der Grillen draußen lauscht, ist sie davon überzeugt, gerade das in überreichem Ausmaße hier zu finden. Von Katzengeschnurre und Miau-Tönen erst einmal abgesehen. Seufzend blickt sie in die Runde. Einige Krallentiere scheinen auf nächtlichen Raubzug ausgeschwirrt zu sein und nur die faulsten von ihnen haben es sich auf Sofa, Stühlen und den Möbelstücken gemütlich gemacht. Als sie die Tür zum Schlafzimmer öffnet, entkommt ihr ein Laut der Überraschung und zwar der angenehmen Sorte. Das kleine Zimmer ist ein Traum von zartgelb und altrosa, wo Gardinen, Bettüberwurf, selbst die Pastell getönten Blümchentapeten harmonisch zusammen passen und die weiß patinierten, fast filigranen Möbelstücke ihr ein Bild englischen Landhauszaubers vermitteln. Geschmack musste sie gehabt haben, diese Tante Dorothy. Während ihre Finger über die Rundungen des Betthauptes streichen, tut es ihr ein wenig leid, nicht mehr von der Verwandten erfahren, ja, sie nie persönlich kennen gelernt zu haben. Möglicherweise hätte sie sogar abgelehnt, Christie zu empfangen, so schrullig, wie sie angeblich gewesen war. Nun bemerkt sie erst, dass sie in der Linken immer noch das gerahmte Bild der Erbtante hält. Sie sieht es erneut an und meint dann kopfschüttelnd und leise: „Tja, Tantchen, jetzt ist es wohl zu spät für ein Bedauern jeglicher Art!“ Sie stellt den Bilderrahmen auf die Kommode unter dem Fenster, nachdem sie den Staub von der Oberfläche weggeblasen hat. Matratze und Bettzeug fühlen sich gut an. Für Schlafkomfort scheint gesorgt zu sein. Nach der kurzen Ruhepause ist sie wieder putzmunter, und macht sich noch an das Auspacken ihrer Sachen. Ihre Jeans und T-Shirts, luftigen Sommerkleider und Jacken leisten bald den geblümten, gestärkten Kleidern und der exakt geschlichteten Damenwäsche im Schlafzimmerkasten Gesellschaft. Nach und nach würde sie die unzähligen Laden der Kommoden in Augenschein nehmen und sie freut sich bereits jetzt auf die Suche nach verborgenen, geheimnisvollen und sehr persönlichen Schätzen, die sie zu entdecken hofft. Es ist weit nach Mitternacht, bis sie zufrieden unter die weiche Decke schlüpft, und sie fühlt sich wohlig umhüllt vom zarten Gewebe des Lakens. Sie schläft so rasch und tief ein, dass nicht einmal das leise Anschlagen der Katzenlukentür, die oft genug nach Innen und dann wieder nach Außen gedrückt wird, ihre wohlverdiente Nachtruhe stören kann.
*****
Erst als ihr eine raue Zunge über die Nase reibt und ihre Wangen von steifen Barthaaren gekitzelt werden, blinzelt sie und schließt gleich darauf wieder die Augen. Sonnenstrahlen stehlen sich durch die schräg stehenden Latten der Fensterflügel und sie kann ihre Beine kaum bewegen. Sie versucht es mit aller Kraft, so müde kann sie heute doch wirklich nicht mehr sein. Protestmiauen begleitet die Flucht der beiden Riesenkatzen, als sie vom Bett springen und beleidigt davon stelzen. „Ich muss die Schlafzimmertür in Zukunft schließen“, murmelt sie verschlafen und mit ein paar ‚Sch’-Lauten treibt sie auch das letzte Felltier aus dem Zimmer. Als sie auf ihre Armbanduhr sieht, kann sie es nicht glauben! So fest und gut, und vor allem, so lange, hatte sie seit ihrer Kindheit nicht mehr geschlafen. Es ist fast elf! Na und wenn schon! Sie versäumte ja nichts. Ihre Pläne zu verwirklichen, würde nicht so schwer sein. Irgendwo konnte sie sicher Hilfe dafür anfordern, vielleicht in dem kleinen Ort, der etwa sechs Kilometer östlich von hier lag. Bestellung und Lieferung wollte sie per Internet machen. Ganz hat sie sich ja doch nicht von der Welt der Technik lösen können und ihr liebevoller Blick schweift zu ihrem drahtlosen Laptop, der in der Mitte der Kommode thront. Ohne dieses Ding konnte man schließlich heutzutage nicht mehr leben. Selbst hier nicht, am Rande des Regenwalds. Dies war keine Annahme sondern pure Gewissheit für sich und fast bereut sie schon, ihr Handy so leichtfertig in Williams Pool versenkt zu haben. Doch diese Geste sollte nachdrücklich bezeugen, dass sie für ihn nicht mehr erreichbar sein würde, niemals! Ein wenig weiblicher Stolz wollte ihr einreden, dass William längst bereut hat, sie so behandelt zu haben. Ihr Verstand stellte dem ein klares ‚Nein’ gegenüber und sie schließt kurz die Augen, nimmt sich vor, den Namen des verlogenen Schuften Williams für immer aus ihrem Gedächtnis zu bannen und zischt entschlossen, aber um nichts weniger wütend: „Soll er doch zurück gehen zu Frau und Kind. Für mich ist er gestorben, ob so oder so!“ Am schlimmsten trafen sie seine höhnischen Worte, die er ihr hinterher rief: „Ich wette, in spätestens einer Woche bist Du wieder so weit, dass Du bei mir angekrochen kommst! Gib’s zu, Sweetheart, Du kannst nicht leben ohne mich! Warum dagegen ankämpfen?“ Genau da flog das Handy in den Pool. Er hat nur dazu gelacht und sie hat sich gefühlt wie ein ausgepresster Schwamm, den man achtlos in die Ecke der Duschkabine geschleudert hatte. Seine Schwüre von baldiger Scheidung und ungetrübtem Neuanfang mit ihr an seiner Seite, und zwar nur mit ihr, waren ebenso verblasst wie Seifenblasen. Wie gut der Kerl doch lügen konnte, um sie an seiner Seite festzuhalten, sie bei sich zu haben, wann und wo ihm danach war. Und sie dumme Gans war darauf hereingefallen, wie all diese anderen ewigen Geliebten, zu denen sie sich eigentlich nie gezählt hatte. Drei Jahre ihres Lebens hatte sie an ihn verloren, an unsinnige Hoffnungen und Träume. Sie hatte mehr mit ihm geteilt als nur das Bett. Sie war seine Assistentin gewesen, wenn er rund um die Uhr von Besprechung zu Besprechung jagte, sie war da, wenn er mutlos wurde, weil ein Vertrag zu platzen schien, auf den er gesetzt hatte und sie stand ihm in dieser konkurrenzharten Welt des Werbegeschäfts zur Seite. Immer frisch, adrett und gut gelaunt. „Was täte ich ohne Dich, Christie“, gestand er ihr immer wieder und sie war so stolz darauf gewesen, ihn unterstützen zu können. „Du bist meine bessere Hälfte!“ Dann kamen meistens die Beteuerungen, Versprechungen, um die sie ihn nie gebeten hatte. Immer wieder versicherte er ihr, er habe mit seiner Frau seit fast zwei Jahren nicht mehr geschlafen und schon davor war es eigentlich nur eine Pflichtübung gewesen, denn schließlich besaß sie den Hauptanteil der Firmenaktien. Aber bald sei er soweit, diese zurück kaufen zu können, dann würde er ihr reinen Wein einschenken und die Scheidung einreichen. Sie forderte nichts, aber sie glaubte ihm. Bis zu dem Tag, als sie Williams Frau zufällig in dem Shopping Center sah. Die attraktive Frau führte einen kleinen Jungen an der Hand und im Übrigen war sie hochschwanger. Von William, wie der auch gleich zugab. „Ich habe reiflich überlegt und es ist besser, ich führe diese Ehe weiter. Es muss sich zwischen uns dadurch nichts ändern, Christie. Wir sind doch gut damit gefahren bis jetzt.“ Sie war verletzt, erniedrigt durch seine Lügen, diese ewigen Lügen, eine glaubhafter als die andere. Im Grunde tat ihr die Frau leid, die nun sein zweites Kind austrug. Und sie selbst sollte dankbar sein, dass es soweit kam. Er hätte auch sie betrogen, immer wieder und vielleicht hatte er das ohnehin schon getan. Aber sie nahm sich ja so wichtig, nahm ihre Tätigkeit in der Firma so wichtig und die Enttäuschung über ihren einfältigen Irrtum schmerzte sie mehr als die Trennung, die sie beschlossen hatte und auch durchzog. Verärgert über sich selbst stößt sie die Fensterläden ganz auf und sieht verwundert den Katzen zu, die um die Futterschüsselchen gruppiert hocken und dabei sind, sich den Bauch voll zu schlagen. Jemand musste gekommen sein, sie zu füttern. Und sie hat das nicht einmal bemerkt, so tief hatte sie geschlafen. „Die Luft hier muss mir gut tun“, murmelt sie und begibt sich in das winzige, angrenzende Bad, um zu duschen. Später, sie hat beim Frühstück auf gerösteten Toast verzichtet und sich mit kleinen, etwas ausgedörrten und mitgebrachten Brötchen begnügt, hat sie es geschafft, die Katzenkompanie wenigstens aus Küche und Schlafzimmer zu verbannen. Vielleicht fuhr sie später dann in den Ort, um sich mit mehr Vorräten einzudecken. Der Eiskasten schien ja zu funktionieren. Er war randvoll mit Katzendosen, die konnte sie auch im Regal unter der Spüle unterbringen, sie mussten nicht unbedingt eisgekühlt sein.... Doch erst wollte sie das Grundstück abgehen und sich davon überzeugen, dass es für ihre Pläne auch geeignet war. Sie findet einen alten Strohhut im untersten Fach des Schlafzimmerkastens und als sie ihn genauer betrachtet, kommt sie zu der Überzeugung dass es derselbe Hut wie auf dem Foto ihrer Tante war. Entschlossen stülpt sie ihn über ihr aufgestecktes Haar und macht sich, mit Jeans und einem ärmellosen T-Shirt bekleidet, mit dem Grundstücksplan in Händen auf den Weg. Als sie am Spiegel im kleinen Korridor vorbeigeht, grinst sie belustigt. Williams würde der Schlag treffen, sie so zu sehen. Sie grummelt etwas vor sich hin, verärgert, schon wieder an dieses abgeschlossene Kapitel ihres Lebens gedacht zu haben und stapft aus der Tür. Zwei der Katzen begleiten sie ein Stück des Weges, überlegen es sich jedoch schon bald und bleiben einfach sitzen, während eine davon beginnt, sich ausgiebig zu putzen. Sie muss darauf achten, nicht die Orientierung zu verlieren. Die Sonne steht geradewegs über ihr, mittags also, was auch ihre teure Rolex bestätigt. Eukalyptusbäume mit weit herab hängenden Zweigen umstehen das Haus. Sie waren alt, denn ihre Rinde schälte sich und hing teilweise von den Ästen bis zum Boden herab. Sie wendet sich erst nach Westen, dort scheint das Grundstück sich Hügel abwärts dahin zu ziehen und an eine schmale Bananenplantage zu grenzen, die allerdings nicht mehr zum Besitz zählte. „Meinem Besitz“, murmelt sie selbstzufrieden und schiebt ein paar eng aneinander stehende Zweige zur Seite um hindurch schlüpfen zu können. Es scheint hier keine Wege zu geben. Wozu auch? Die holprig, steinige Zufahrtsstrasse führte fast bis ans Haus und kam in weitem Bogen vom Süden her. Mehr Pfad als Strasse, hatte sogar ihr robuster Jeep alle Mühe gehabt, sich seinen Weg hierher zu bahnen. Sie wusste wenigstens, wie man vom Ort aus herfand. Es war sicherlich eine quälerische Knochenzentrifuge, die man damit auf sich nahm, aber es war ein sicherer Weg und man konnte sich nicht verfahren. Es ist nicht verwunderlich, dass die alte Frau, keinerlei Pfade oder Wege durch diesen dichten Busch hat schlagen lassen. Sie lebte in ihrer Welt, ihrer „Katzenburg“ und hat sich alles was sie für sich und ihre Lieblinge zum Leben brauchte, ins Haus liefern lassen. Sie würde sicher mehr darüber erfahren, wenn sie sich erst einmal im Ort umgehört hatte. Im Übrigen hatte die Besitzerin die Natur schalten und walten lassen und nach und nach war das Land wild verwuchert. Das schon fast tropische Klima half dabei, aus dem Besitz beinahe ein Stück Regenwald zu machen. Christie hofft, dass der gesamte Besitz nicht nur aus diesem Pflanzendschungel bestand, wie hier im südlichen Abschnitt. Sie stößt nach einer guten Dreiviertel Stunde Marsch fast mit der Nase an die Bananenplantage. Na toll, wie sollte sie jetzt ihren Weg zurück finden? Sie fixiert den Plan und verjagt energisch ein paar Mücken, die ihr verschwitztes Gesicht umschwirren. Aufatmend beschließt sie, der Begrenzung der Plantage zu folgen. So würde sie zur Nordgrenze kommen, auch wenn es ein Gewaltmarsch zu werden scheint. Doch eben dort schlängelt sich allem Anschein nach ein Bächlein quer in die Nähe des Hauses. Es dann zu finden, konnte nicht allzu schwer sein. Ihr blieb ja auch keine Wahl, wenn sie nicht unnütz im Kreise umher irren wollte. Sie wandert die rötliche Erdrinne entlang und achtet darauf, sich nicht in dem Hohlweg zu verknöchern. Ihr T-Shirt klebt bereits an ihrem Körper und sie ist froh, den Sonnenhut auf zu haben, der ihr Gesicht und Hals einigermaßen vor unliebsamen Verbrennungen schützt. Ganz so toll war ihre Idee von der Auskundschaft „ihres“ Besitzes wohl doch nicht gewesen. Sie hätte früher aufstehen sollen, als es noch kühler gewesen war. Sie merkt, wie ihre gute Laune nach und nach zu schwinden droht. Das Schwirren der Mücken, die sich anscheinend abgesprochen haben, allesamt auf sie los zu gehen, nimmt zu. Hätte sie nur ihr Handy behalten. Irgendjemanden hätte sie schon erreicht, der sie hier raus lotsen konnte. Na ja, sie musste ja auch ihren Stolz beweisen, indem sie sich unter Williams belustigten Blicken des nützlichen Dings entledigt hat! Aber hatte sie denn ahnen können, dass sie in eine so missliche Lage geraten könnte? Sie will sich nicht unterkriegen lassen und holt beim Voranschreiten weit aus. Selbst ist die Frau! Dann beginnt sie zu rechnen. Dieser Weg bis zur Nordbegrenzung musste etwa fünf Kilometer lang sein. Eine Kleinigkeit für jemanden, der mindestens zweimal pro Woche joggen ging. Sie beginnt zu laufen, doch ihre Sportschuhe rutschen immer wieder in der vom Regen ausgeschwemmten Erdrinne weg. Dies war nicht der Botanische Garten von Sydney, mit seinen gepflegten, geraden Wegen! Das war Wildnis pur, wird ihr immer mehr klar. Doch sie kämpft sich verbissen weiter, bis sie nur mehr ihren hechelnden Atem hört und das dumpfe Schlagen ihres eigenen Herzens. Wie eine Laufmaschine bewegt sie sich vorwärts, schaltet Zeit und Denken aus, konzentriert auf das eine Ziel, die Nordgrenze, den Heimweg. Als sie endlich – sie weiß nicht, wie lange sie schon lief – das leise Rauschen von Wasser vernimmt, atmet sie erleichtert auf und ihre Knie beginnen zu zittern. Erst jetzt wird ihr bewusst, unter welcher nervlichen Anspannung sie gelitten hatte. Sie musste umdenken. Was sollte ihr schon hier passieren? Es war einsam, weitläufig und die Stadt mit ihrem Trubel fehlte ihr, das war klar, aber auch nicht weiter verwunderlich. Es war allein die Umstellung sich hier Nase an Nase mit der ungebändigten Natur zu treffen, ja, es war lachhaft, sich darüber Sorgen zu machen. Es war ihr Land, ihr Besitz und ihre Zukunft. Sie würde das alles hier roden lassen und bebauen, wie sie es sich hunderte Male bereits ausgedacht hatte. Natürlich könnte sie sich eine gute Weile noch dem süßen Nichtstun hingeben. Doch ihr Lebensrhythmus war immer der einer aktiven Frau gewesen, wenn auch in vollkommen gänzlichen Widersatz zu dem, was sie nun vorhatte. Organisieren, planen und dann dem Ziel näher rücken, wie hoch es auch gesteckt sein mochte, sie war Expertin darin, es zu erreichen, um jeden Preis. Wahrscheinlich hatte auch deshalb William alles daran gesetzt, sie an seiner Seite zu behalten, immer wieder für sich einzunehmen. Sie war nicht unbedingt eine verlorene, romantische Seele, aber doch in gewissem Maß empfänglich für Aufmerksamkeiten und Zärtlichkeit. Der Mistkerl hatte das sehr gut erkannt! Das vermeintliche Bächlein entpuppt sich als kleiner, ziemlich munter sprudelnder Fluss, der sich seinen Weg durch diese Wildnis sucht. Auch hier scheint die Umgebung äußert unwegsam zu sein. Sie kniet am Ufer nieder und erfrischt ihr erhitztes Gesicht, ihre Arme. Mit der hohlen hand schöpft sie das köstliche Nass in ihre ausgetrocknete Kehle. Die Sonne blinzelt nur vage durch das dichte Blätterdach und sie kann nur mühevoll ihren ungefähren Stand ausmachen. Sie dreht und wendet die Karte in ihren Händen, versucht sich darauf zurecht zu finden. ‚Hmm, wenn dieses Gewässer also in diese Richtung hier fließt, was mit Sicherheit der Süden, woher ich komme, ist, dann muss ich dem Lauf des Wassers folgen, um in die Nähe meines Hauses zu gelangen’, überlegt sie. Was ihr Sorgen macht, sind die zahllosen Windungen des Flüsschens, wie soll sie da erahnen, bei welcher Biegung sie dann nach Westen querfeldein marschieren muss, um baldmöglichst den Heimweg zu finden? ‚Es hilft nichts’, redet sie sich zu. ‚Du musst einfach losziehen, bevor Du hier Wurzeln schlägst’. Ein paar große Ameisen krabbeln an ihren Beinen hoch und sie wischt sie ein bisschen hysterisch von ihren Jeans. Wahrscheinlich gab es hier jede Menge Spinnen, vielleicht sogar Schlangen. Ihr Rücken überzieht sich plötzlich mit Gänsehaut, und sie schüttelt energisch den Kopf um diesen nicht ganz zu verlieren. Sie beginnt zu pfeifen, falsch, aber laut. Irgend so ein Wanderlied aus ihrer Schulzeit. Den Text hat sie längst vergessen, nur die Melodie hat sie behalten. Es bestand auch noch die Hoffnung, dass eines ihrer Katzentiere sie hörte, sobald sie sich dem heimatlichen Hafen näherte und ihr vielleicht entgegen kam. Daran klammert sie nun alle ihre Hoffnungen und der Gedanke verleiht ihr wieder Mut. Sie klettert über Geröll, duckt sich unter Schlingpflanzen durch und folgt so dem Lauf des Gewässers. In ihrer Aufregung hat sie kein Auge für die Pracht dieser Gegend, kein Ohr für den Gesang der Vögel, und nimmt nicht einmal den Duft von Laub und Blüten wahr, die sich nahe dem Wasser in vollster Pracht entfaltet haben. Ihr Organisationstalent hatte diesmal versagt, aber wie! Sie wollte sich das nächste Mal mit einem Ortskundigen auf den Weg machen, denn schließlich war das zwar ihr Land, aber es war ihr noch vollkommen unbekannt. Die Leute hier kannten sicher jeden Stein, jeden Baum, daran hätte sie schon früher denken können! Sie ist über sich selbst verärgert und entschuldigt ihren Leichtsinn gleichzeitig mit den emotionalen Stürmen, in die sie geraten war. „Das kriegen wir schon hin, Christie“, sagt sie laut, versucht, überzeugend zu klingen. „Wir werden es allen zeigen, Mädchen! Vor allem diesem....“ Sie lässt den Satz unvollendet, erschrickt über das plötzliche Auffliegen einer Schar Nymphensittiche, die protestierend und schimpfend durch die Zweige entschwinden und dem dunstigen Himmel entgegen streben. Tante Dorothy hat dieses Teil ihres Landes sicher nie betreten, das stand für sie fest! Warum sie eigentlich so viel Land aufgekauft hatte? Ein kleines Gärtchen hätte ihren Anforderungen doch völlig Genüge getan! Wahrscheinlich herrschten hier andere Dimensionsvorstellungen als in der Stadt, wo jeder Quadratmeter sündhaft teuer gehandelt wurde. Etwas mehr Informationen darüber, worauf sie sich hier einlassen wollte, wäre wohl angebracht gewesen. Doch da war die Flucht aus der Stadt, die Flucht vor der Vergangenheit und dann diese Schnapsidee, dieses Land zu Ackerland machen zu lassen und Lavendel anzubauen. Es scheint ihr plötzlich vollkommen verrückt und undurchführbar. Das hier zu roden, würde mehr kosten, als Haus und Grund zusammen wert waren! Und die Natur würde immer wieder ihr Recht zurückerobern, alles aufs Neue zuwuchern. Lavendel brauchte Sonne, trockenen Boden, Luft.... Warum nur hatte sie angenommen, dieses Land wäre wohl genau das Richtige für dieses Vorhaben? Ein paar hundert Kilometer weiter südlich vielleicht, da wäre es möglich gewesen, aber hier? An dieser feuchtheißen Grenze zu Queensland konnte man im besten Fall Bananen anbauen und dafür hatte sie zu wenig Land, um davon leben zu können. Abgesehen von der Konkurrenz! Sie hätte die Bedenken des Notars in Betracht ziehen sollen, als sie ihn enthusiastisch in ihre Pläne einweihte. Konnte sie denn annehmen, dass eine allein stehende, alte Frau sich in einer derartigen Wildnis wohl fühlen konnte? Ein Häuschen auf dem Lande, darunter verstand sie eigentlich etwas anderes, zumindest, was die Umgebung davon anbelangte. Umso überraschter ist sie, als der Wald sich zu lichten beginnt und der Fluss fröhlich seinen Weg zwischen den Hügeln sucht, die mit exakt ausgerichteten Weinstöcken übersät sind. Man hatte ihr nichts davon gesagt, dass Dorothy einen Weinanbau unterhielt! Irgendjemand musste sich wohl darum kümmern! Und hier hat es auch jemand geschafft, das Land dem Urwald abzuringen und es nach seinem Gutdünken zu bändigen, zu bebauen. ‚Ich muss den Notar kontaktieren’, schießt es ihr durch den Kopf und sie wagt sich weiter vor, atmet die freie Luft ringsum ein und folgt in einigem Abstand dem Flusslauf. Zwischen den einzelnen Reihen der Weinstöcke waren Obstbäume gepflanzt worden. Allem Anschein nach Aprikosen, vielleicht Pfirsiche. Doch die Erntezeit war anscheinend vorbei, nur die saftigen heranreifenden Trauben an den Weinreben versprachen eine gute Lese. Sie verstand nicht viel vom Weinanbau, jedoch ein wenig von gutem Wein. Sie macht Halt und greift sich ein paar Trauben. Sie schmecken noch nicht sehr süß, besitzen aber ein blumiges, gefälliges Aroma. Sie spürt erst jetzt, wie durstig sie ist und zerrt an der Rebe, um sich noch mehr an den saftigen Früchten zu laben. Einfach ohne Wasser los zu marschieren, wieder so eine fabelhafte Idee mit Spätfolgen! „Ich hoffe, es schmeckt Dir, Mädchen!“ vernimmt sie plötzlich eine dunkle Stimme in ihrem Rücken. Erschrocken dreht sie sich um und findet sich vor den hohen Beinen eines Pferdes wieder, das auf sie nieder schnaubt und sie einen ungeschickten Schritt nach rückwärts machen lässt, so dass sie fast gefallen wäre, hätte sie sich nicht zwischen zwei Weinstöcken noch halten können. „Ich wäre Dir sehr verbunden, wenn Du es unterlassen könntest, an meinen Weinstöcken zu zerren oder sie zu zertrampeln, klar?“ Der Mann, zu dem diese Stimme gehörte, war eindeutig nicht sehr angetan von ihr, ja, er schien sogar äußerst ungehalten zu sein. Sie blinzelt und blickt hoch, doch sie kann nur die Umrisse des Reiters erkennen. Er hat die Sonne im Rücken, ist nicht ausnehmbar. „Hast Du Deine Zunge verschluckt?“ knurrt er mehr, als er spricht. Sie schluckt, die Trauben waren ihr tatsächlich beinahe im Hals stecken geblieben und sie ringt nach Fassung. „Wer sind Sie, Mister?“ geht sie zum Gegenangriff los, nachdem sie diese halbwegs wieder erlangt hat. „Was machen Sie auf meinem Land? Arbeiten Sie etwa für Dorothy Parker?“ Ja, wahrscheinlich war das der Typ, der sich um diesen Weinberg hier für ihr Tantchen gekümmert hatte. Vielleicht wollte er ja auch für sie weiter arbeiten! Das wäre ein Glücksfall und sie könnte seine Unhöflichkeit entschuldigen! Der Mann kichert, aber es klingt nicht belustigt. Sein Gesicht ist von einer breiten Hutkrempe verdeckt und seine Schultern sind so ziemlich die breitesten, die sie jemals bei einem Mann gesehen hatte. Wie ein Scherenschnitt wirkt das Bild auf sie. Ein Reiter und sein Pferd, umrahmt von den Strahlen der Nachmittagssonne. Ihre harmonischen Überlegungen werden zunichte gemacht, als er sie anfährt: „Junge Lady“, seine Stimme klingt etwas hochfahrend, „nicht ich bin auf Deinem Land, aber Du bist der Eindringling auf dem meinen! Also würde ich vorschlagen, Du machst, dass Du hier weg kommst. Ich halte nichts von Besuchern Deiner Art!“ Sie schnappt nach Luft. Wie redete der Kerl eigentlich mit ihr!? „Meiner Art?“ entgegnet sie gereizt. Sie kann nicht sehen, dass er spöttisch grinst. „Du gehörst doch sicher zu dem Haufen von Herumtreibern die ich vor zwei Tagen erst vertrieben habe! Habt ihr euch etwa jetzt auf Dorothys Land breit gemacht? Ich sollte euch anzeigen, Leute! Und ich warne Dich! Wenn ihr vorhabt, etwa ins Haus der alten Dame einzubrechen, bekommt ihr es persönlich mit mir zu tun! Ist das klar?“ Er hielt sie also für eine Herumtreiberin. Na toll! Wie kommt der Kerl auf so etwas? Als sie an sich herunter sieht, kann sie es ihm allerdings kaum verdenken. Sie ist verdreckt, verschwitzt, ausgepumpt. Sie will gar nicht daran denken, wie ihr Gesicht aussah! Wahrscheinlich würde nicht einmal ihre Mutter sie so erkennen! Sie grinst und gibt dem Reiz nach, das Spiel mit zu spielen. „Schon gut, Mister“, entgegnet sie mit gespielter Zerknirschung. „Ich sag’s weiter! Hab mich nur ein bisschen verlaufen! Wegen ein paar Weinbeeren brauchen Sie auch nicht soviel Wind machen! Sind übrigens noch ziemlich sauer! Hab’s nur den Vögeln abgeluchst! Wir werden noch heute Abend weiterziehen! Ist das so recht?“ „Schon besser“, gibt er besänftigt zu und sein Pferd tänzelt ungeduldig, sodass sie noch weiter zurück weicht. Nun bemerkt er die Karte in ihrer Hand, bevor sie sie auf dem Rücken verstecken kann. „Bist Du etwa auf Schatzsuche?“ spöttelt er und sie lächelt kläglich. „So ähnlich, aber ich hab mich wohl total verlaufen! Fürchte, die anderen werden ohne mich losziehen!“ Er scheint zu nicken, ein wenig wohlwollend und besser gelaunt. Dann streckt er die Rechte, die in einem rauledernen Handschuh steckt, gegen Osten. „Besser, Du beeilst Dich! Bist gar nicht so weit weg, wenn Du zum Haus der alten Dorothy willst. Ich nehme an, ihr trefft euch in der Gegend. Also Du gehst an die hundert Schritte den Fluss entlang und schlägst Dich ab dem riesigen Gummibaum, den Du nicht verfehlen kannst, nach rechts. Das Haus liegt nicht weit davon entfernt!“ „Danke Mister“, antwortet sie lässig und verlagert ihr Gewicht auf das andere Bein. Sie ist so müde, dass sie das Zittern ihrer Knie kaum verbergen kann. „Darf ich noch fragen, wer Sie sind?“ „Ich bin der, dem das alles hier gehört“, er macht eine ausholende Armbewegung auf das Land ringsum, „und der nicht duldet, dass man ihn auf seinem Grund und Boden belästigt, klar?“ „Glasklar!“ entgegnet sie brav. Er hielt sich also für den Allmächtigen... „Aber diese Dorothy....“ „Ihr gehört ein kleines Stück Land, inmitten dem Ganzen hier, und sie steht unter meinem Schutz! Ist das auch klar?“ „Aber ja doch“, meint sie besänftigend. Der Kerl wusste anscheinend nichts vom Ableben der alten Dame. Hatte er sie überhaupt jemals getroffen? „Ich bin ja auch schon weg, nur keine Aufregung Mister! Also, dann....!“ Sie hebt die Hand zum Gruß, doch er erwidert ihn nicht, macht hochmütig kehrt und trabt ein Stück, bevor er sein Pferd angaloppiert und so lautlos verschwindet, wie er aufgekreuzt war. Sie blickt auf den breiten, gerade Rücken des Reiters, dessen Gestalt nach und nach kleiner wird, und grinst. Das war eine Oscarreife Komödie, die sie da gespielt hatte. Sie tut, wie man ihr geraten hat und hat auch keine Mühe, dieses Mal ihren Weg zu finden. Der Wald erscheint ihr nicht mehr so bedrohlich und sie nimmt diesmal die eine oder andere Blume und die bunten Schmetterlinge die im Sonnenlicht von Blatt zu Blatt gaukeln, bewundernd und entzückt wahr. Der alte Gummibaum ist wirklich nicht zu übersehen und schließlich hat sie auch das letzte Stück Weges hinter sich gebracht und wird von fragendem, fast anklagendem Miauen schon von weitem begrüßt. „Faules Pack“, schimpft sie erleichtert und meint es alles andere als böse. „Hättet mir ruhig schon längst entgegen laufen können! Werde euch allesamt durch eine Hundemeute ersetzen, die scheint mir angebrachter zu sein, als ihr unnützen Fresser! Wehe euch, ich finde eine Maus oder anderes Getier im Haus, dann ist es vorbei mit unserer jungen Freundschaft, klar?“ Wie eine Kinderschar folgen die Tiere Christie ins Haus, die erleichtert aufs Sofa fällt, ein wenig Atem schöpft und dann aus den verschwitzten Kleidungsstücken steigt, um unter die Dusche zu kriechen. Sie hätte gerne mehr über den Mann erfahren, der ausgab, dass ihm das alles hier gehörte. Es musste ein Haufen Land sein, wenn er das ihre als „klein“ bezeichnete. Ein Weinbauer also? Sie hätte gerne sein Gesicht gesehen. Nun, vielleicht würde sie ihren Nachbarn auch einmal anders kennen lernen, statt als griesgrämigen, selbstherrlichen Despoten. Das war ja gar nicht zu vermeiden! Christie ist ausgehungert, müde, aber auch niedergeschlagen. Das, was sie von der Beschaffenheit des Landes, seiner Bodenstruktur und der wuchernden Wildnis gesehen hatte, kann ihr nicht viel Mut machen. Es scheint unmöglich zu sein, hier das anzupflanzen, was ihr vorschwebte. Wie kam sie auch ausgerechnet auf Lavendel? Viel Geld war damit ja kaum zu machen, aber allein der Gedanke an die duftenden, kleinen, blauen Blüten verschaffte ihr eine Art Trost, ein nostalgischer Gedanke an längst vergangene Romantik steckte in dem Wörtchen dieser Blume, Zufriedenheit und heile Welt. War es das, was sie suchte? Dinge, die sie kaum kannte? Sie suchte eine Art Ersatz für die verlorenen Werte ihres bisherigen Lebens. Waren es bisher Erfolg, Power, moderne Regsamkeit gewesen, wünschte sie jetzt nur noch Frieden, Ruhe und Klarheit über ihren Sinn des Lebens, und wie der zu erlangen war. Ein bisschen Vergessen, ein bisschen Hoffnung. Nur worauf, das wusste sie eben noch nicht und sie wollte abwarten, auf Intuition warten, Ideen und Wünsche, die sie wieder erfüllten. Wie leicht hätte sie ihr angenehmes Leben in der Stadt weiterführen können. Sie hätte sich zur stärksten Konkurrentin Williams aufschwingen können, aber sie hat es vorgezogen zu flüchten. Weg, weg, weg, waren ihr Gedanke gewesen und nun saß sie inmitten einer Horde Katzen und spielte Tante Dorothys Leben weiter. Sie füttert die ewig hungrigen Katzen und brät für sich Schinken und Ei. Heute würde sie es kaum mehr schaffen bis in den Ort zu fahren, aber für den kommenden Morgen war es bereits beschlossene Sache.
***** Die Ansammlung der wenigen Häuser bietet wenige Einkaufsmöglichkeiten. Man rät ihr, einmal pro Woche die rund dreißig Kilometer bis an die Küste zu fahren und sich dort im nächsten Städtchen mit Vorräten einzudecken. Außer frischem Obst und Gemüse, Fleisch, Milch und Käse gab es kaum etwas in dem kleinen Laden, der die Produkte der näheren Farmen weiter verkaufte, zu erstehen. Doch das sollte vorerst einmal für sie reichen. Gesunde, einfache Kost. Vorbei mit den rasch hinunter geschlungenen Sandwichs, die sie sich ins Büro liefern ließ. Sie greift zu einer Flasche goldfarbenen Weißweins. „Ist der aus der Gegend hier?“, erkundigt sie sich bei der jungen Frau, die sie bedient. Diese nickt zustimmend. „Ja, natürlich“, sie lächelt amüsiert über die Naivität der neuen Anrainerin. „Sollten Sie probieren, ist von ihrem Nachbarn, glaub’ ich!“ Sie deutet auf weitere, verschiedene Sorten. „Die hier auch, und die hier! Diese Sorte geht am Besten. Die Farmer lassen sich ihren Bedarf direkt vom Weingut en gros liefern. Er wird auch exportiert. Ein großer Abnehmer ist Japan, wie ich hörte!“ Neugierig dreht Christie die Flasche und liest die Etikette: ‚Chardonnay 99 – Carters Sun Valley’. „Ist das der Name des Besitzers“, fragt sie die Verkäuferin. „Carter“? Ihre Frage wird nickend beantwortet. „Ja, Patrick Carter. Die Leute nennen ihn hier Pat. Beschäftigt einen Haufen Leute aus der Gegend. Ein mächtiger Mann, mit dem man sich besser nicht anlegt.“ „Hmm, und wie ist er so, dieser Carter?“ „Schwer zu sagen“, entgegnet die Frau und ihre Augen lächeln dabei. „Wir bekommen ihn kaum zu Gesicht. Ist eher unzugänglich seit dem Verschwinden seiner Frau. Lebt allein mit seiner kleinen Tochter. Man sagt, er sei von morgens bis abends draußen in seinen Weinbergen, und manchmal verschwindet er für ein paar Tage mit seinem Sportflugzeug irgendwo hin, um zu verhandeln, oder Verträge abzuschließen. Mehr weiß keiner.“ „Er ist Witwer?“ nimmt Christie an. „Oh nein“, entgegnet die Frau rasch. „Sie ist nicht gestorben, sie ist einfach zurückgegangen nach Amerika, sagt man. Einfach verschwunden! Sie stammte aus New York und hat es hier nicht ausgehalten. Man sagt, sie hätte ihren Mann vor die Wahl gestellt. Dieses „furchtbare“ Land, wie sie es bezeichnete, oder sie. Carter entschied sich für seine Heimat. Die kleine Sarah war ja noch ein Baby. Er hätte ihr das Kind nie überlassen und das wusste sie. Sie wollte nur weg und stieg darauf ein, dass die Kleine bei ihm aufwachsen sollte. Eines Tages war sie verschwunden, und niemand wusste genaueres über ihre spontane Abreise. Sie war weg, als hätte es sie nie gegeben!“ „Tragische Sache“, aus Christies Stimme klingt aufrichtiges Bedauern. „Er hat sie wohl sehr geliebt.“ „Kann man wohl sagen“, pflichtet die blonde Frau ihr bei. „Sie hat viel gelacht und war ziemlich intelligent. Ich glaube, der Mann kommt sein Leben lang nicht über diesen Verlust hinweg. Dabei gäbe es viele Frauen hier, die ihn nur zu gerne trösten würden! Aber er lässt keine mehr an sich heran, ist ein regelrechter Frauenfeind geworden!“ Ihr verklärter Blick bestätigt, dass sie ebenfalls zu dieser Gruppe freiwilliger Trostspenderinnen gehörte und Christie verbeißt sich ein Grinsen. „Das Leben geht doch weiter“, sinniert sie und blickt der Zuwanderin in die Augen. „Und Sarah braucht eine Mutter. Die Kleine ist bald fünf. Sie wird zwar von allen verhätschelt, aber das ist nicht genug für ein kleines Mädchen.“ „Sicher nicht“, pflichtet Christie ihr bei. „Nun vielleicht überlegt er es sich noch eines Tages und denkt an die Zukunft. Leider kann man die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Das wird auch er irgendwann einsehen“. ‚Wer wüsste das besser wie ich’, denkt sie bitter spöttisch und die Frau nickt dazu und packt die beiden Weinflaschen, die Christie ihr reicht, in die Plastiktüte. Als sie schon fast aus der Tür ist, wendet sie sich noch kurz um und fragt beiläufig: „Ach ja, wissen Sie etwa, wer die Katzen meiner Tante bisher gefüttert hat?“ Die Verkäuferin stutzt kurz und meint dann: „Ich glaube, Carter schickt da jemanden vorbei. Ich habe kürzlich gehört, wie ein paar Frauen sich im Laden den Kopf darüber zerbrachen, was wohl aus den Lieblingen der alten Dame werden würde und da kam Pat zufällig zur Tür herein, mit Sarah an der Hand und hat die Damen unterbrochen, klärte sie darüber auf, dass er dies bereits übernommen hätte. Soviel ich weiß, hat er zwei Katzen, die sich die Kleine ausgesucht hatte, auch mitgenommen. Denen geht es bestimmt nicht schlecht. Wollen Sie die Viecher etwa loswerden, Miss?“ Christie wehrt ab: „Natürlich nicht. Hat mich nur interessiert, sind ja alle ziemlich wohl genährt und sie sind auch allerliebst. Wir verstehen uns prima miteinander!“ Sie nickt noch einmal zum Gruß und verlässt den Laden. Pat Carter hieß das arrogante Scheusal also! Doch das Wissen um seinen tragischen Verlust stimmt sie milder. ‚Eine große Liebe, die so enden musste’, seufzt sie still vor sich hin. „Schön, aber traurig!“ sagt sie laut und steuert ihrem Wagen zu. Vollbeladen holpert sie damit zurück in die Wildnis, die sie nun ihr eigen nennen darf. Das Haus liegt in der hellen Vormittagssonne vor ihr und sie ist, wie bereits am ersten Tag, verwundert darüber, in welch gutem Zustand es sich befindet. Das Dach scheint neu gemacht worden zu sein und die Holzfassaden, teilweise von lila blühenden Kletterpflanzen bedeckt, sind weder verwittert, noch von der Feuchtigkeit dieses Breitengrades angegriffen. Also hatte man sie mit Schutzmitteln und Lasur behandelt. Eines steht fest: Dorothy Parker war trotz ihres hohen Alters nicht senil gewesen, als ihr Herz versagt hat. Noch bevor sie umständlich nach ihrem Schlüssel kramen kann, da sie einen großen, gefüllten Pappkarton vor sich herschleppen muss, fährt der Schreck ihr in die Glieder, als eine herrische Stimme in ihrem Rücken sie anherrscht: „Verdammt! Hab ich Dir nicht geraten, Du sollst abhauen und nicht versuchen, in das Haus hier einzudringen?“ Der Karton rutscht aus ihren Händen, Obst und Gemüse rollen über ihre Füße und der Adrenalinstoss ihres Schreckens macht sie momentan stumm, bevor sie erst wütend werden kann. „Wo sind die anderen Deiner Rumtreiberbande?“ fährt er sie an und baut sich vor ihr auf. Er hat seine Hände lässig unter den Gürtel geschoben und funkelt sie wild entschlossen an. Der erlittene Schock legt sich nach und nach und Christie findet ihre Sprache wieder. Gleichzeitig steigt Wut in ihr hoch. Welches Recht hatte der Kerl eigentlich, sich hier so aufzuspielen? Sie holt tief Luft, bevor sie ihn anfährt: „Heute sind sie auf meinem Grund und Boden, Mister! Und ich mag es ebenso wenig wie Sie, dass man mich belästigt! Also besser, sie verschwinden wieder, klar? Müssen Sie sich eigentlich immer anschleichen, um die Leute zu erschrecken? Sind Sie etwa pervers? Macht Ihnen das Spaß, oder was?“ Er schaut sekundenlang verdutzt, scheint sich nicht sicher zu sein, dass es sich bei ihr um die gleiche Person handelte, die er erst gestern aus seinen Weinbergen vertrieben hat, doch dann grinst er frech. „Ich habe mich nicht getäuscht. Hab sie an ihrem“, er räuspert sich -, „Hinterteil erkannt.“ Sie zwängt sich an ihm vorbei, stößt an seinen Arm und kann den Geruch von Leder, Tabak und Männerschweiß wahrnehmen. Keine unangenehme Mischung. Die ungewohnte Nähe zu diesem Unbekannten lässt sie etwas unsicher werden, doch sie fasst sich rasch, dreht den Schlüssel im Schloss um und er sieht ihr dabei verwundert, dann verstehend zu. Während sie über ihre ausgeleerten Einkäufe steigt und ins kühle Haus tritt, bückt er sich und beginnt den Karton aufzufüllen. „Ich sollte mich vielleicht doch entschuldigen“, beginnt er mit dunkler Stimme, „aber ich tu es nicht, weil Sie mich an der Nase herum geführt haben und in dem Glauben ließen, sie seien eines der Hippie-Mädchen, die hier manchmal herumstreunen. Also sollten wir es dabei belassen!“ Sie dreht sich langsam um. War ihr schon jemals ein so ungehobelter Klotz begegnet? Sie kann sich nicht daran erinnern. Er dachte doch wirklich, er könne die Sache mit einem Wisch aus der Welt schaffen, nur weil er es so bestimmte! Er grinst ein wenig schief und reicht ihr den Karton. Seine Augen sind hell und blitzen in der Farbe des Wassers ihres kleinen Flusses draußen. Sein Kinn unrasiert und sein Lächeln passt plötzlich so gar nicht zu der ungehobelten Art, die er sie hat spüren lassen. Aber sie hält seinem prüfenden Blick stand und reckt ihre Nase höher, um ihn fixieren zu können. Ihre Augen sprühen Funken, als sie ihn anfährt: „Ich brauche ihre Entschuldigung nicht, Mister. Stecken Sie sich die an ihren speckigen Hut oder sonst wo hin! Ich habe zu tun, also stehlen Sie nicht meine Zeit! Sie erlauben?“ Ohne seine Antwort abzuwarten, eilt sie zurück zum Jeep und hievt die restlichen Tüten von der Ladefläche. Er war ihr gefolgt, anscheinend zu verdutzt über ihre aufbrausende Reaktion, und schnappt sich die Tüten, ohne auf ihre Proteste zu achten. „Geben Sie schon her, Lady“, knurrt er und sie trippelt hinter ihm her zum Haus zurück. „Haben Sie die Bude hier gekauft?“ ‚Männliche Neugier ist nicht leicht zu zügeln’, denkt sie, aber sie will nicht unhöflich erscheinen, also antwortet so barsch wie es ihr nur möglich ist: „Ich habe diese Bude, wie sie mein Haus bezeichnen, geerbt. Dorothy Parker war meine Tante! Sonst noch Fragen?“ Er stellt die Tüten auf den Küchentisch und schnappt sich eine Katze, die neugierig an den Einkaufstaschen geschnuppert hatte. Während er zusieht, wie sie ihre Lebensmittel verstaut, krault er, an ihren Küchenkasten gelehnt, das schnurrende Tier unter dem Kinn. „Nun“, meint er gedehnt und schiebt den Hut weiter in den Nacken, „wollen Sie hier etwa leben? Oder denken Sie daran zu verkaufen?“ Sie holt tief Luft und blickt ihn sein markantes Gesicht, das sie ansprechender findet, als sie sich eingestehen möchte: „Ich würde vorschlagen, Sie sagen mir erst einmal, wer Sie eigentlich sind. Momentan und abwechslungsweise sind nämlich Sie für mich ein unwillkommener Herumtreiber der ungehobeltsten Art, ‚Mister mit den raschen Vorurteilen’!“ Er scheint sich über ihre ungezügelten Kommentare zu amüsieren, denn sein Jungengrinsen erhellt ein weiteres Mal das sonst ernste Gesicht. Er nimmt sogar seinen Hut vom Kopf und als er die beiden Flaschen, die sie eben in den Kühlschrank stellen will, wahrnimmt, vertieft sich sein Lächeln und er zaubert ein paar Stirnfalten unter seinen dunkeln Blondschopf. Sein Haar ist zerzaust und leicht gewellt, reicht ihm bis in den Nacken. „Das bin ich“, erklärt er ein wenig unbeholfen aber nicht ohne einen gewissen Stolz, und deutet mit dem Hut auf die Weinflaschen. „Pat Carter“. Sie schenkt ihm ein ironisches, jedoch zuckersüßes Lächeln, blinzelt ein paar Mal mit den Wimpern und entgegnet zufrieden: „Ich weiß, Mister Carter! Ich wollte Sie nur an ihre guten Manieren erinnern! Ich bin übrigens Christie Haywood, und um Ihre Frage von vorhin zu beantworten: Ja, ich will hier wohnen, und - nein, ich werde nicht verkaufen!“ Er nickt und ist dabei seinen Abgang zu machen, indem er sich der Tür zuwendet. Schließlich zögert er und wendet sich noch einmal zu ihr herum: „Pat, wenn es Ihnen recht ist, nicht Mister Carter! Hat wohl keinen guten Anfang genommen mit unserer Nachbarschaft. Hoffe, Sie nehmen mir das nicht allzu übel, Miss Haywood! Aber ich hatte Bedenken, dass irgendwelches Gesindel Dorothys Haus plündern wollte! Nichts für ungut! Die alte Dame war mir ziemlich ans Herz gewachsen, müssen Sie wissen. Also dann! Hoffe, Sie kommen zurecht! Und lassen Sie sich meinen Wein gut schmecken. Bye!“ Er blinzelt ins Sonnenlicht und streicht sein Haar zurück, bevor er den Hut darüber stülpt. Ihre Augen folgen der kraftvollen Gestalt, die sein Pferd hinter dem Haus los bindet, sich schwungvoll in den Sattel schwingt und lautlos zwischen Bäumen und Gebüschen verschwindet. Sie blickt in den Spiegel. Ihre Wangen sind ungewöhnlich stark gerötet, wahrscheinlich war ihr Blutdruck auf 200! Diese Tatsache führt sie auf ihre Empörung über die zügellose Frechheit des Mannes zurück. Doch durch seine unkomplizierte, versteckte Entschuldigung, hatte sie ihm diese längst verziehen. Und schließlich war er ein Freund ihrer Tante gewesen, obwohl er, wie man ihr weismachen wollte, keinerlei Gesellschaft duldete.....
***** Die darauf folgenden Tage verbringt sie damit, erneut ihr Terrain abzugehen, diesmal jedoch besser ausgerüstet, mit Wasser und Kompass versorgt, den sie sich in der Küstenstadt besorgt hat, ebenso nützliche Dinge, wie Fernglas und Gummistiefel. Nur zu einem Telefon kann sie sich nicht entschließen. Sie will von ihren Vorsätzen nicht abweichen, obwohl sie zugeben muss, dass es dumm war, sich die Möglichkeit zu verwehren, Kontakt zur Außenwelt zu haben! Als sie einen ungefähren Überblick ihres Grundstückes besitzt, zeichnet sie ihren eigenen Plan, vermerkt darauf markante Orientierungspunkte, wie besondere Bäume oder Bodenbeschaffenheiten, und ist dem Ergebnis ziemlich zufrieden. Es bedrückt sie dennoch die vage Aussichtslosigkeit, dass auf diesem Boden Lavendel, den sie sich in den Kopf gesetzt hat, so ausgiebig und gut gedeihen würde, wie sie gehofft hatte. Es war gute Erde, fett und rot. Doch Lavendelwurzeln brauchten Halt, Stein und Sand. ‚Ich werde wohl umdenken müssen’, sinniert sie. Aber sie versteht von Nutzanbau reichlich wenig, um nicht zu sagen, rein gar nichts. Irgendwann war sie auf ein Buch über Lavendel gestoßen und hatte sich in diese Pflanze verliebt. Sogar ihre Garderobe zeigte von der Liebe zu dieser Pflanze. Das lilablau der duftenden Blüten schlug sich in Kleidern und Blusen wieder, und es passte zu ihrem dunklen Haar, ihren blauen Augen. Es war eine Farbe der Geruhsamkeit für sie, beruhigend, entspannend wie auch der Duft selbst. Sie wollte hochwertiges Öl aus den Blumen herstellen lassen, für therapeutische Zwecke, Aromastoffe für diverse Behandlungen für Körper und Psyche. Ein Pharmakonzern, den sie kontaktiert hatte, war äußerst interessiert daran. In der Regel wurde der Rohstoff aus Übersee importiert. Hier sah man eine Gelegenheit, billiger an Lavendel heran zu kommen und außerdem war dies eine Pflanze en Vogue, wie andere Phyto-Bio-Produkte auch. ‚Wein und Lavendel’, lächelt sie in sich hinein. Warum eigentlich nicht? Als nächstes musste sie Arbeiter engagieren, die ihr dabei halfen, einen Grossteil ihres Terrains zu roden, wohlweislich die am südlichsten gelegenen Abschnitte. Sie spielt mit den Tasten ihres Notebooks und fast wie von selbst gibt sie die Suche nach Pat Carters Sun Valley ein. Als sich die bunte Seite vor ihren Augen öffnet, ist sie nicht sonderlich erstaunt, dass sich ihr das Bild eines großen Anwesens präsentiert, doch entzückt über die anscheinend reizende Lage, wie dieses ockerfarbene Bauwerk inmitten der Weinhügel eingebettet liegt, umrahmt von tropischen Bäumen, wie Bananenstauden und Palmen. Abgesehen von den Bananenbäumen könnte dies eine Landschaft in Südfrankreich sein oder der italienischen Toskana. Wenn sie gehofft hat, ein Bild seines Besitzers zu entdecken, so hat sie sich getäuscht. Trotz der farblich geschmackvollen Gestaltung ist es eine nüchterne Homepage, die von Weinsorten erzählt, preise und Lieferbedingungen. Der Reiz des Auges wird angeregt von diversen Weinflaschen, ihren Etiketten und nicht dem Lächeln des Mannes, der ihn produziert. Sie hätte den Mann nicht einfach so wirsch verjagen sollen, ist ihre Überlegung. Ein Gespräch auf freundschaftlicher Basis wäre ihr sicher hilfreich gewesen, auch was ihre Pläne anbelangte... Sie überlegt ein paar Minuten, betrachtet die Preisliste, ohne sie wirklich zu erfassen und schließlich entscheidet sie sich spontan, das Weingut einfach anzuschreiben. Warum nicht? Es konnte nicht mehr passieren, als dass ihre Mail unbeantwortet blieb, da sie ja nichts kaufen oder bestellen wollte, sondern einfach Kontakt mit dem Boss des ganzen aufwendigen Unternehmens. Wie den richtigen Ton treffen? Sie redet sich ein, dass es unablässig für sie war, den Rat eines „Fachmanns“ hinzu zu ziehen. Er kannte die Wetterverhältnisse dieser Gegend, den Boden selbst und wusste sicher auch, woher sie zuverlässige Leute nehmen konnten für die Schwerarbeiten der Bodenbereitung und dann des Anbaus. Natürlich wollte sie selbst mit Hand anlegen, aber sie musste diese Dinge erst von der Picke an lernen. Das Land war groß, sie war an keinerlei Schwerarbeit gewöhnt (ihre Hände wiesen schon jetzt Knöchelabschürfungen und abgebrochene Nägel auf) und ihre Idee war durch und durch verrückt, ebenso, wie der Entschluss, hier, weitab von Sydneys pulsierendem Leben, seiner Emsigkeit und dem Umgang mit modernen, jungen und aufgeschlossenen Menschen leben zu wollen. Warum dachte sie an diesen bärbeißigen Cowboy, der um jede Traube geizte? Aber sie findet auch dafür eine Entschuldigung. Entzugserscheinungen, sagt sie sich. Vom Stadtleben, von William und dem ganzen Shit, der ihr Leben ausgemacht hatte. Sie verbeißt ein paar aufsteigende Tränen des Selbstmitleids und drückt ihren Rücken durch. „Für Mr. Patrick Carter persönlich“, setzt sie als Überschrift, und darunter „Chardonnay Jahrgang 99 hat es wirklich in sich. Ich werde diese Sorte weiterempfehlen“. So wirkte das Ganze erst einmal geschäftlich nüchtern. Und was dann? Verdammt, sie hatte nicht einmal ein Telefon, aber sie konnte ihm ja ihre Mailadresse überlassen, vielleicht tat er sich die Mühe an, ihr zu antworten, obwohl sie eher vermutete, dass er selbst reichlich wenig mit Computern am Hut hatte. Er schien ein Mann der Tat zu sein, keiner, der sich auch nur fünf Minuten irgendwelchem Schreibkram widmete. Anderseits konnte sein Büro, seine Public Relation Abteilung ihre Mail nicht einfach unter den Tisch fallen lassen, vor allem, wo von Wein, und somit einem eventuellen Geschäft die Rede war. Er musste darüber informiert werden. Sie presst die Lippen zusammen und tippt entschlossen weiter: „Ich hoffe, alle Missverständnisse sind endgültig aus dem Weg geräumt und ich bitte“, sie überlegt, löscht das letzte Wort und schreibt dann weiter: ...“ersuche Sie, mich zwecks Infos zu kontaktieren. Christie Haywood.“ Sie hält die Luft an, als sie die Sendetaste drückt. Nun konnte es nicht mehr ungeschehen gemacht werden, irgendwo würde ihre Nachricht landen, irgendwo in irgendeiner Mailbox dieses Unternehmens, dessen Ausmaß sie sich nur ungenau vorstellen konnte...
***** Sie hat die nächsten Tage ihre Nase andauernd in ihrer Mailbox. Doch es kommt nichts. Kein Zeichen, kein Wort. Funkstille. Was hat sie sich auch eingebildet? Der Mann hatte anderes zu tun, als Kontakt mit unhöflichen Nachbarinnen zu pflegen. Fast bereut sie, diesen ersten Schritt in Richtung neutrales Terrain gemacht zu haben. Sie sollte die Sache so rasch wie möglich vergessen, zu ihrem besten, und sich alleine an die Arbeit machen. Im Ort wusste man sicher, wer sich gutes Geld mit Schwerarbeit verdienen wollte. Nach einer guten Woche ist sie es leid die immerwährend leere Mailbox anzustarren und macht sich auf den Weg nach Miranda, wie der Ort sich nennt. Die junge Frau im Laden scheint sich zu freuen, sie wieder zu sehen und bald weiß Christie auch, an wen sie sich wenden kann, wenn sie Arbeiter sucht. Sie beschließt, bei ihrem nächsten Einkauf in der Stadt ein Telefon zu besorgen. Es war eigentlich lebenswichtig, ein solches Ding zu besitzen, das so oft geschmäht oder belächelt wird. Es bedeutete für sie nicht mehr unbedingte Erreichbarkeit, oder die Krönung einer Laune, nein, es war ein wichtiges Utensil für ihre Zukunft, ihre Organisation, möglicherweise auch für ihr Leben, wenn ihr da draußen, so ganz allein auf sich gestellt, etwas passieren sollte. Bei ihrer vorläufigen Ungeschicklichkeit, was das Landleben anbelangt, bedeutet dieser Faktor einen ganz wichtigen, der ihren Entschluss nachhaltig bekräftigt. Am siebten Tag findet sie vor ihrer Schwelle einen Karton mit zwölf Flaschen Chardonnay 99 vor. Es wird ihr nicht bewusst, dass ihr Herz höher schlägt und sie schiebt die Katze, die obenauf sitzt, zur Seite, was ihr mit einem protestierenden Fauchen gedankt wird. Hastig liest sie die beigefügte, gedruckte Nachricht: „Freundliche Grüsse von Mr. Carter, der sich seiner Geschäftsreise wegen nicht persönlich melden kann. Bitte nehmen Sie als Entschuldigung dieses kleine Präsent an. Für etwaige Bestellungen oder Informationen stehen wir gerne zu Ihrer Verfügung. Ihr Kundenservice - Carters Sun Valley.“ „Oh“, entfährt es ihr. Erleichterung und Enttäuschung erfassen Christie gleichzeitig. Erleichterung darüber, dass er sie anscheinend nicht ganz aus seinem Gedächtnis verbannt hat, und Enttäuschung darüber, dass er seiner Reise wegen nicht selbst geantwortet hatte. Sicher hat er den Kundendienst damit beauftragt, sich bei der unliebsamen neuen Nachbarin einzuschmeicheln, schließlich konnte man keine negative Nachrede brauchen in diesem Geschäft. Es tut weh so zu denken und sie weiß, dass es ungerecht und sicher auch falsch ist. Aber sie will so ihre allzu intensiven Gedanken an Carter niederhalten. Sie will nicht an diesen Mann denken, der sich ihr immer wieder aufdrängt. Bloß das nicht. Er wollte seine Ruhe, genauso wie sie die ihre. An diesem Abend leert sie eine ganze Flasche des Weines, den sie eingekühlt hat und führt anschließend tiefsinnige Gespräche mit den Katzen, die sich inzwischen an sie gewöhnt und als Ersatzversorger – ganz nach eigennützigem, unabhängigem Katzencharakter - akzeptiert haben. Nach zwei Wochen kennt sie sich recht gut auf dem unwegsamen Gelände aus. Es macht ihr keine Angst mehr, quer durch den Wald zu marschieren, sie findet ihren Weg mühelos und hat sich mit dem Jeep sogar eine Schneise gefahren, durch die sie gut bis an den Rand der Weinberge ihres Nachbarn durchkommen kann. Sie entdeckt, dass es so etwas wie vage Reifenspuren bereits gab, die darauf hindeuten, dass sie nicht die Erste war, die sich durch das unwegsame Gelände motorisiert gewagt hatte. Anscheinend waren öfter mal robuste Autos hier durchgekommen. Vielleicht sogar Leute vom Weinberg, die auf Geheiß Carters nach ihrer Tante sehen sollten. Hätte ihr Stolz es ihr nicht verboten, dann wäre sie gerne einmal einfach über die Hauptstrasse zu dem Weingut gefahren, aus reiner Neugier, einfach so. Ja, es juckt sie nur allzu sehr, ihrem Wunsch einfach nachzugeben. Sie könnte doch so tun, als sei sie eine Kundin. ‚Ach zum Teufel’, denkt sie leicht erbost und zornig über ihre Unentschlossenheit. ‚Warum soll ich mich ausgeben für etwas, das ich nicht bin. Ich fahre einfach mal vorbei und frage nach Carter. Es wird Zeit, dass ich Entscheidungen bezüglich der Landbebauung treffe! Was liegt näher, jemanden, der aus dieser Gegend stammt, um Rat zu bitten? Und sollte er von seiner Reise noch nicht zurück sein, dann zum Teufel mit ihm und seinem Wein!’ Dieser Mann wollte oder konnte sich einfach keine Zeit dafür nehmen, Smalltalk mit ihr zu führen. Wahrscheinlich hielt er sie für eine verkorkste, verdrehte Stadtsuse, die glaubte, Landleben sei schick und würde zur Erlangung von Lebensweisheit führen. So eine Art Suche Erkenntnis und inneren Zens. ...Und damit hätte er vollkommen recht! In diese und ähnliche Überlegungen verstrickt, wird sie unvorsichtig und merkt nicht, wie ihr Fuß sich zwischen zwei Baumwurzeln verfängt. Plötzlich, auf so unliebsame festgehalten, stolpert sie und strauchelt. Ein heftiger, jäher Schmerz durchfährt ihren Fuß, ihr Bein bis zum Knie, und sie liegt auch schon auf der Nase, inmitten von feuchtem Laub und roter Erde. „Verd...“, sie kann von Glück sagen, wenn sie sich nichts gebrochen hatte und atmet erleichtert auf, als sie vorsichtig versucht aufzutreten. Alles scheint ganz zu sein, aber ihr Knöchel tut höllisch weh und sie ist froh, nicht allzu weit vom Haus entfernt zu sein. Mühevoll humpelt sie zurück, macht ein paar Pausen dazwischen und ringt nach Atem. Es würde nicht mehr lange dauern, dann machte der Tag der Nacht Platz. Durch die Zweige kann sie die rötlich verfärbte Abendsonne ausmachen. Das Kreischen ein paar Papageien fährt ihr durch Mark und Bein und ungewollt kullern ein paar Tränen über die Erdverschmierten Wangen. Christie schnieft und wischt sie ungehalten weg. Viel Glück hat sie bisher und seit ihrem Einzug in diese Einöde nicht gehabt! Plötzlich drückt das Gewicht der Einsamkeit sie nieder und sie beginnt zu heulen, wie sie es seit ihrer Kindheit nicht mehr getan hat. Es tat ihr gut und das Bedauern über ihr bisher verpfuschtes Leben droht sie immer mehr zu übermannen. Andere Frauen ihres Alters hatten Familie oder zumindest eine befriedigende Beziehung! Besaßen einen Hund, ein Haus, einen liebevollen Partner! Was hatte sie an sich, dass man sie bisher nur benutzt hatte, ausgenützt, kalt gestellt? Man von ihren beruflichen Fähigkeiten profitierte und sie belog? Strahlte sie Dummheit aus? Naivität? Oder verrann sie sich ganz einfach in Dinge die nur nach außen hin Werte besaßen. Belog sie sich selbst? War sie auf dem Holzweg? Eines jedoch wurde immer eindeutiger: ihr Entschluss, hierher zu flüchten, den Kopf voll von Spinnereien und schier undurchführbaren Plänen war kindisch und dumm gewesen. Sie sollte schleunigst dazu sehen, dieses Haus zu verkaufen und zurück in die Stadt zu gehen. Es musste ja nicht unbedingt Sydney sein.... Warum nicht Melbourne, oder besser noch weiter weg von diesem A.... William, nach Perth? Sie konnte ein Immobilienbüro aufmachen, sich ins Tourismusgeschäft stürzen, oder auch auf dem alten Pfad der Werbung wandern, wo sie Erfahrung genug in den letzten Jahren gesammelt hatte. Die Tränen versiegen, das Pochen ihres Knöchels lässt nach und sie hinkt nur mehr ganz leicht, als sie endlich ihr Heim erreicht, das nicht mehr lange das ihre sein würde.
Sie stutzt. Auf der Rückseite des Hauses parkt ein Geländewagen der wuchtigsten Klasse, schwarzer Lack, glänzender Chrom. Ein wenig unruhig wird sie. Was wollte ein Fremder zu dieser Stunde hier draußen. Wer wollte da zu ihr? Die vage Furcht, William hätte sie vielleicht doch aufgespürt und wollte sie zurückhaben in seinem Bett, in seiner Firma, verdirbt ihr die Laune, die gerade noch dabei gewesen war, sich zu bessern. Sie streicht ihr Haar zurück und versucht, das Laub, das sich bei ihren Sturz darin verfangen hat, zu entfernen, was kläglich misslingt. An der Hausecke prallt sie förmlich mit Carter zusammen. Ihr Herz tut einen unkontrollierbaren Satz und beginnt heftiger zu pochen, als ihr lieb ist. Er blickt sie erst verdutzt an, dann beginnt er amüsiert zu grinsen. „Kleinen Ausflug gemacht?“ fragt er amüsiert, doch als er sieht, wie sie mühsam an ihm vorbei humpelt, wird er ernst und packt entschlossen ihren Arm, um sie stützend zur Haustür zu begleiten. Er verscheucht sanft die Katzen, die den Eingang belagern, und hilft ihr über die Schwelle ins kühlere Innere, wo sie sich aufatmend auf einen Küchenstuhl fallen lässt. Erst jetzt hat sie sich ein wenig unter Kontrolle, zumindest soweit, um das Wort an ihn richten zu können. „Ich bin gestolpert“, erklärt sie naiv, so, als hätte er das nicht selbst bemerkt. Er nickt, lächelt mit den hellen Augen, in denen sich ein wenig Mitleid spiegelt. Seine wuchtige Gestalt scheint die kleine Küche auszufüllen. Er zieht einen Stuhl heran und setzt sich, bevor er ihr Bein hochhebt, und sie protestieren kann, und bettet es auf seine Knie. „Dann wollen wir einmal sehen, wie schlimm das ganze aussieht“, bestimmt er und hilft ihr aus dem ledernen Sportschuh. „Sie sollten Schuhe für ihre Spaziergänge durch die Wildnis wählen, die über den Knöchel hinaus reichen“, mahnt er sie und sie nickt wie ein zu Recht gewiesenes Kind. Seine großen Hände streifen ihre Socke ab und krempeln die Jeans um, die sie trägt. Die Berührung seiner Finger auf ihrer nackten Haut, verursacht Christie ein angenehmes, aber auch beunruhigendes Prickeln. Konnten sich solche abgearbeiteten, harten Hände überhaupt derart sanft anfühlen? „Ein wenig geschwollen, aber es scheint nichts Ernsthaftes passiert sein“, holt seine tiefe, leicht vibrierende Stimme sie in die Gegenwart zurück. Sie nickt abermals, sucht nach Worten, findet sie nicht. Er tastet vorsichtig ihren Knöchel ab und scheint mit dem Resultat zufrieden zu sein. „Ein warmes Fußbad und die Welt sieht wieder fröhlicher aus“, versucht er zu scherzen und aus dem Lächeln wird erneut ein amüsiertes Grinsen, das breit über sein männliches Gesicht huscht. „Besser noch, ein Vollbad, würde ich raten!“ Er deutet mit dem Kinn zum Spiegel, und als sie seiner Bewegung folgt und sich darin erblickt, versteht sie seinen Humor. Sie sieht aus, als käme sie aus einer Höhlenexpedition zurück! Mit Erde bekleckst sind ihre Wagen, und ihr Haar sieht aus, als hätte sie damit den Waldboden gefegt. „Tut mir leid“, murmelt sie ein wenig beschämt. „Ich habe nicht mit ihrem Besuch gerechnet, Mr. Carter!“ „Pat“, verbessert er sie und sie nickt. „Gut, dann bin ich für Sie Christie, ist das ok?“ Er nickt ebenfalls und sie überlegt fieberhaft, was er von ihr halten konnte. Doch er übernimmt den Lauf der Konversation, während er sich nach einem Eimer umsieht, den er mit lauwarmem Wasser füllt. „Wo finde ich Salz?“ will er geschäftig wissen und sie deutet auf das Küchenbord. Er setzt dem Wasser etwas Salz hinzu, stellt den Eimer vor sie hin und stellt das verletzte Bein in die angenehm lindernde Flüssigkeit. Sie atmet auf. Da stand doch wahrhaftig ein wildfremder Mann in ihrer Küche und verarztete ihr Bein! Es schien ziemlich unreal zu sein, was hier passierte! „Ich danke für den Wein“, beeilt sie sich hastig zu sagen und wendet ihre verirrten Blicke von den kräftigen Oberschenkeln des Kerls rasch dem Eimer zu. „Doch das war zuviel des Guten“, bemerkt sie noch und sein prüfender Blick fängt den ihren, unruhigen, ein: „Nichts kann zuviel des Guten sein, Christie! Ich bin eigentlich gekommen, um mich zu entschuldigen. Ich war etliche Tage unterwegs in Japan, alte Kunden besuchen. Aber jetzt bin ich hier und neugierig zu erfahren, welche „Infos“ sie gerne von mir hätten!“ Abermals dieses unwiderstehliche Jungengrinsen, doch er wird gleich darauf wieder ernst. „Macht man Ihnen Schwierigkeiten?“ „Nein, nein“, wehrt sie rasch ab. „Keine Spur! Die Leute im Ort sind ziemlich nett. Es geht darum, dass Sie dieses, Ihr Land sicher in- und auswendig kennen, alles über Bodenbeschaffenheit, Wetterverhältnisse das Jahr über und all den Kram wissen. Darüber wollte ich ein wenig aufgeklärt werden...“, sie stockt ein wenig, bevor sie „Pat“, hinzufügt. Was war los mit ihr? Sie war keine, die auf den Mund gefallen war, konnte sie sich in ihrem Job auch gar nicht leisten! Sie sollte sich fassen und mit dem Mann vernünftig reden. Über ihre Pläne, ihre Bedenken. Sie strafft sich und sieht zu, wie er aus dem Eisschrank eine angebrochene Flasche Wein nimmt, zwei Gläser – er scheint genau zu wissen, wo die sich befinden – und reicht ihr ein gefülltes Glas. „Nun“, meint er mit einem Augenzwinkern, „dann wollen wir erst einmal auf ihren Einzug hier anstoßen! Die Gelegenheit scheint mir günstig, wenn auch verspätet zu sein.“ Der kühle Wein besänftigt ihren Aufruhr. Er stellt sein Glas ab, verschränkt die Hände ineinander und sieht sie abschätzend, erwartungsvoll an. „Was haben Sie vor, Christie? Wieso interessiert sie all der Landwirtschaftskram wie Boden und Wetter?“ Sie zuckt die Schultern, hat vergessen, dass sie noch vor einer guten halben Stunde alles hinschmeißen wollte und spitzt die Lippen. „Nun“, beginnt sie so sachlich wie möglich, „ich will tatsächlich etwas pflanzen.“ Sie holt tief Luft und blickt ihm geradewegs in die grünlich schimmernden Augen, die von dichten Wimpern überschattet werden. „Lavendel“, sagt sie und wartet auf seine Reaktion. „Lavendel?“ wiederholt er gedehnt, und fährt mit gespreizten Fingern durch sein gewelltes Haar. „Ist das etwa das Zeug, das meine Großmutter in ihren Kästen verteilt hat?“ „Schon möglich“, versucht sie ruhig zu bleiben. „Doch heute kennt und schätzt man die Werte dieser Heilpflanze ganz besonders. Verwendete man sie früher nur, um Ungeziefer oder Motten aus Kästen fern zu halten, so wird heute Öl aus dieser Pflanzen für therapeutische, oft chronische Leiden gewonnen und es steht ganz hoch im Kurs. Ich habe da bereits einen Pharmakonzern kontaktiert, der...“ Er unterbricht sie rasch: „Aber Mädchen! Wie soll das hier wachsen? In diesem Urwald? Ich denke da an Bilder von weiten, sonnigen Ebenen und nicht diese fette rote Erde, die viel zu schwer ist, um irgendetwas anderes als Grünzeug aufkommen zu lassen! Haben Sie das überhaupt schon überlegt?“ Er hielt sie also für verrückt. Aber war sie das denn nicht? Sie sucht nach einem Argument. „Aber Sie haben doch auch Wein gepflanzt, und mit ziemlichen Erfolg, wie man weiß!“ Er winkt ab, schlägt ein Bein über das Knie des anderen und erklärt ruhig, aber eindringlich: „Der Boden ist nicht wirklich von der Beschaffenheit des ihren. Wäre es so, dann stünde auch hier Wein. Sie befinden sich praktisch in einer Flussmulde. Auch wenn der Wasserweg sich nicht ganz nahe an ihrem Haus befindet, ist er doch nicht weit entfernt, und wenn es mal so richtig regnet, das werden sie noch zu spüren bekommen, dann sind weite Flächen ihres Grundstücks ziemlich lange überschwemmt, und aus ihrem Lavendel würden Wasserpflanzen werden, Mädchen!“ „Bitte nennen Sie mich nicht so“, entgegnet sie ein wenig betroffen. Sie kam sich so naiv und dumm vor, wenn er sie als „Mädchen“ betitelte. Sie wurde bald dreißig, also was sollte das? Er winkte belustigt, aber einlenkend ab. „Schon gut, Christie. War nicht so gemeint. Aber verstehen Sie, was ich Ihnen damit sagen will? Sie vergeuden nur Zeit, Kraft und Geld, wenn sie von ihrem Vorhaben nicht absehen! Glauben Sie mir!“ Ähnliches hatte sie ja befürchtet, aber ihr Kampfgeist verbot es ihr aufzugeben. „Ich kann es doch wenigstens versuchen, ich habe so sehr alle meine Pläne auf dieses Unternehmen gesetzt! Wollen Sie etwa mein Land dazukaufen, dass Sie mir so abraten?“ Sie sah, dass sie ihm leid tat. Das waren Augen die nicht lügen konnte. Zumindest vermutet sie das. Aber sein Mitleid wollte sie nicht, alles, nur nicht das! „Sie wollten meinen Rat, ich habe Ihnen gesagt was ich denke und was unwiderruflich passieren wird, wenn sie an ihren Ideen fest halten. Sie hätten sich vorher genau erkundigen sollen über die Witterungszustände hier. Allein, das alles zu roden, scheint ein Ding der Unmöglichkeit zu sein! Ich will Ihr Land nicht. Was soll ich damit anfangen?“ Ihm war ihre Hoffnungslosigkeit, der schwindende Mut nicht entgangen. „Ich kenne den Grund nicht, warum sie sich unbedingt an dieses Stück Land klammern, und es geht mich auch nichts an, aber Sie sollten sich das alles nochmals gründlich überlegen.“ Er macht Anstalten, zu gehen. Sie fühlt das aufkeimende Bedauern darüber. Er spürt, dass sie unentschlossen ist, ratlos, und legt beide Hände auf ihre zusammen gesunkenen Schultern. „Christie“, seine Stimme ist leise, eindringlich und sanft. „Bitte glauben Sie mir. Sicher war es eine hervorragende Idee, als sie den Entschluss fassten, aber sie kannten dieses Land noch nicht! Jetzt, wo sie es kennen“, sein Blick schweift bedeutsam zu ihrem ruhig gestellten Bein, „müssen Sie auf mich hören. Ich habe nichts davon, Ihnen abzuraten. Ich spreche aus Erfahrung und glauben Sie mir, ich habe nicht nur einmal den Kampf gegen diese Natur verloren! Es ist ein ständiges Kraftmessen!“ Natürlich glaubt sie ihm und deshalb schwimmen ihre Augen ein wenig in Tränen, als sie aufblickt. Er musste sie für eine verdammte Heulsuse halten. Sie hasste sich selbst dafür, als sie mit zitternder Stimme antwortete: „Ich danke Ihnen, Pat, für den gut gemeinten Rat. Aber...“ sie unterbricht sich selbst. Was sollte sie ihm denn erklären? Dass sie auf der Flucht vor sich selbst war? Dass sie nicht wusste, wie es weitergehen sollte? Dass sie wollte, dass er blieb? Einfach noch ein Weilchen hier blieb und ihr Gesellschaft leistete? „Schon gut“, setzt sie gefasster hinzu. „Vielleicht verkaufe ich das alles hier und gehe zurück in die Stadt.“ Ihre Mutlosigkeit scheint ihn zu berühren. Er setzt sich erneut und nimmt ihre Hände in die seinen, während er sie bedauernd ansieht. „Wenn ich etwas für Sie tun kann, dann sagen Sie es. Wenn Sie Hilfe brauchen, rufen Sie mich an.“ „Danke“, entgegnet Sie. „Ich habe kein Telefon!“ Er glaubt sich verhört zu haben. „Wie bitte? Sie haben kein Telefon hier draußen?“ Sie schüttelt verneinend den Kopf. „Ich hab’s .... verloren“, lügt sie. „Das ist ziemlich leichtsinnig“, tadelt er sie kopfschüttelnd. „Und wenn Sie sich schlimmer verletzt hätten? Und wenn ich nicht vorbei gekommen wäre? Und wenn Sie sich wieder verlaufen? Wenn Sie Hilfe brauchen, oder Sie jemand belästigt? Was wollen Sie dann tun? Wollen Sie warten, bis sie von den roten Waldameisen bei lebendigem Leib aufgefressen werden, nur weil sie nicht mehr weg laufen können?“ Er scheint ehrlich erzürnt zu sein. An all das hatte sie nie gedacht. Ein Häuschen auf dem Lande, was sollte da schon passieren? „Hatte denn Tante Dorothy ein Telefon?“ will sie wissen. „Ich habe täglich jemanden hergeschickt, der nach ihr sah“, erklärt er. „Wenn es meine Zeit zugelassen hat, dann kam ich selbst vorbei!“ Seine Augen fixieren die der Katze, die es sich auf seinem Schoss bequem gemacht hat. „Außerdem hat sie keine ausgedehnten Spaziergänge quer durch die Wildnis, wie Sie gemacht. Ich mochte Ihre Tante! Kannte sie, seit ich ein Knirps war.“ Er räuspert sich. Ihn sich als Knirps vorzustellen, rührt sie an. Sicher war er blond, pausbäckig und besaß damals schon das gleiche Lächeln, das er auch heute zur Schau stellte. „Tat mir leid, als ich gehört habe, dass sie gestorben ist. Wir haben sie würdig begraben. Auf dem kleinen Friedhof von Miranda. „Ich weiß“, entgegnet sie schnell, „ich war dort!“ Er blickt in ihr Gesicht. „Sie sehen ihr ein bisschen ähnlich“, bemerkt er sinnend. „Die Augen und auch die Kinnpartie“. „Ah“, entgegnet sie interessiert. „Und wie war sie so? Ich meine, war sie wirklich so verschroben, wie man sagt?“ Sie kann den Ausdruck seiner Augen nicht wirklich deuten. „Sie bevorzugte die Einsamkeit“, sagt er leise und heftet seinen Blick in den ihren. „Sie lebte mit ihren Erinnerungen und mied die Gesellschaft von heiteren Menschen. Aber sie war ganz sicher nicht verrückt. Ein wenig eigenartig, vielleicht. Wie ich weiß, hat sie den Tod ihres Mannes nie verwunden. Manchmal hat sie mit ihm gesprochen, als sei er an ihrer Seite. Ich habe das zufällig einmal selbst mitbekommen! Es hat mich ziemlich berührt.“ Sie denkt daran, was ihr die Frau im Laden über Pat Carter erzählt hat. Lebte auch er mit seinen Erinnerungen? Aber er war ein Mann. Konnten Männer denn überhaupt allein und nur mit den Gedanken an eine verlorene Liebe leben? Sie hat da so ihre Zweifel. Dazu kommt, dass er eine Tochter hatte, die ihn brauchte und unablässig in die Gegenwart rief, sollte er an die Vergangenheit festhalten wollen. Sie schweigt. Ein heikles Thema, dass sie keinesfalls anrühren will. Die Last seiner Einsamkeit und Enttäuschung ist plötzlich spürbar, bedrückt sie und sie ist fast erleichtert, als er eine wegwerfende Handbewegung macht und entschlossen aufsteht. „Nun, jetzt ist das alles vorbei. Denken Sie darüber nach, worüber wir gesprochen haben, Christie. Ich lass morgen ein Telefon vorbei bringen“. Sie will aufbegehren, doch er lässt sie nicht zu Wort kommen. „Ich bestehe darauf. Ihre Tante würde mir nie verzeihen, wenn ich sie so mutterseelenallein und hilflos im Stich ließe.“ Nun schenkt sie ihm doch ein dankbares Lächeln, es fällt ein wenig schief aus. Sie ist nicht daran gewöhnt, dass man ihr den Weg ebnete. Das war bisher eher ihre Aufgabe für andere gewesen. Sie starrt auf seinen breiten Rücken, die Muskeln seines Nacken, die sich deutlich unter dem hellblauen Hemd abzeichnen. Da wendet er sich noch einmal an der Tür zu ihr um. Sie fühlt sich ertappt, wird rot, doch er scheint es nicht zu bemerken. „Übrigens“, beginnt er schleppend, „haben Sie schon morgen Abend etwas vor?“ Gute Frage. Sie fasst sich und grinst. „Außer dem Stelldichein mit dieser Katzenmeute – nicht wirklich“. Er nickt zufrieden. „Gut, dann könnten wir eventuell gemeinsam zu Abend essen, was meinen Sie?“ Er wartet ihre Antwort nicht ab, für ihn ist es bereits beschlossene Sache. „Ich hole Sie dann gegen acht Uhr ab! Mögen Sie Kinder?“ Sie zuckt die Schultern. Viele waren ihr bis jetzt nicht über den Weg gelaufen. Er brummt: „Wenn Sie Katzen mögen, Kinder sind nicht viel anders, ein wenig lebhafter vielleicht! Ich werde Sie meiner Tochter Maggie vorstellen. Lassen Sie sich nicht von ihr einschüchtern, sie kann ziemlich dreist werden! Passen Sie auf sich auf, Christie!“ Fast abrupt wendet er sich ab und verschwindet aus dem Haus. Ein paar Augenblicke später hört sie den Motor seines Wagens, sieht die Lichter seiner Scheinwerfer und dann verstummt jedes Geräusch, als er sich entfernt hat. Sie sitzt im Dunklen und schließt die Augen. Hat sie erst über die junge Frau im Laden gelächelt, als diese begann, von Carter zu schwärmen, so seufzt sie jetzt Gott ergeben und versteht sie nur zu gut. Sie kannte den Mann nicht, aber er strahlte etwas aus, das ihr bisher fremd gewesen war. Das war kein eitler Geck, der seinen Körper regelmäßig ins Fitnessstudio schleppte, um ihn halbwegs ansehnlich zu machen, auch keiner, der regelmäßig zur Maniküre ging, oder in teuren Herrenboutiquen Stammkunde war. Das hatte er nicht nötig. Er war so ziemlich das männlichste und natürlichste Exemplar der Gattung Mann, das auf diesem Teil der Erde frei herum lief. |