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16a. Das Blatt wendet
sich 180 A.D. - Teil 1
Ich träumte von ihr. Das geschah nicht oft. Ich gehöre nicht zu den
Menschen, die leicht und häufig träumen. Statt dessen bin ich jemand, dessen
Träume von intensiven Gefühlen hervorgerufen werden, wie damals, als ich die
keltischen Sklaven gesehen hatte. Aber dann und wann - manchmal, wenn ich
traurig war, aber auch nur einfach so - kam sie im Schlaf zu mir.
Meine kleine Tochter.
In meinem Traum war sie kein Baby mehr, sondern ein lebhaftes Kleinkind von
zwei oder drei Jahren. Sie hatte lockiges schwarzes Haar, strahlend
blau-grüne Augen und ein glockenhelles Lachen. Beide waren wir barfuß,
schmutzig, müde und glücklich. Wir hatten auf einem Feld gespielt, ihre
Tunika war schmuddelig und sie hatte Schmutz auch auf ihrer kleinen Nase.
Ich war nicht sauberer als sie, aber das Herz war mir leicht und ich konnte
mein eigenes Lachen hören. Und als ich sie hochhob und an meine Brust
drückte, da schlang sie ihre kleinen Arme um meinen Hals und blickte mich
mit jenem unbedingten Vertrauen an, zu dem nur Kinder fähig sind. Und ich
fühlte, wie mir das Herz weit wurde, denn es war Maximus, der mich durch die
Augen meiner Tochter ansah. Sie lächelte, und ihr Lächeln war das seine -
entwaffnend, strahlend, voller Jugend und Unschuld und Leben - und wie er
hatte sie einen feingeschwungenen Mund und ein Grübchen am Kinn. Ich küßte
ihre Nasenspitze, und meine Tochter kicherte so wie immer, wenn ich sie dort
küßte, dann strampelte und wand sie sich, bis ich sie wieder zurück auf den
Boden setzte. Sobald ihre kleinen, schmuddeligen Füße das Gras berührten,
rannte sie hinunter zum Fluß und ich hinter ihr her, während die Sonne warm
auf die Weizenfelder hinter uns schien. Ich konnte das Rauschen der Halme
hören, die in der leichten Brise hin und her wogten, als flüsterten die
Geister, die in einem jeden Halm wohnten, miteinander, und einen Moment lang
war es mir, als hörte ich sie meinen Namen flüstern ...
Wir spielten oft am Fluß, spritzten und kicherten, als seinen wir beide
Kinder und nicht Mutter und Tochter. Wenn wir zu müde waren, um weiter zu
spielen, dann setzte ich mich auf einen großen, flachen Stein, nahm sie in
meine Arme und blieb dort sitzen, wiegte sie, erzählte ihr Geschichten über
Pferde und Katzen und einen gutaussehenden General, der einen prächtigen
Brustpanzer und zwei silbrige Wolfsfelle über seinen breiten Schultern trug.
Und wenn sie müde wurde, dann setzte ich sie mir rittlings auf die Hüfte und
trug sie zum Haus zurück, zu der ländlichen Villa zwischen den Hügeln.
Aber an jenem Tag blieb sie plötzlich wie angewurzelt stehen, als sie an den
Fluß kam, und ich eilte ihr nach um zu sehen, was meine Tochter so
erschreckt hatte, denn sie war weder scheu noch schreckhaft.
Im Fluß war ein anderes Kind.
Ein Junge.
Er war drei oder vier Jahre älter als meine Tochter, ein hübscher, kräftiger
Junge mit langen Beinen und dichtem, welligem, hellbraunem Haar. Er hatte
seine Sandalen ausgezogen und stand bis zu den Knien im Wasser, er schien
über unser Erscheinen ebenso erstaunt zu sein wie wir über seine
Anwesenheit. Ich hatte ihn nie zuvor gesehen, aber da war etwas seltsam
Vertrautes an ihm, obwohl ich sein Gesicht nicht deutlich erkennen konnte,
weil er in der späten Nachmittagssonne stand. Plötzlich fuhr er sich mit
einer unbewußten Geste durch das Haar und schob sich eine unbotmäßige Locke
aus der Stirn. Einen Moment lang schien die Locke zu gehorchen, kurz darauf
nahm sie jedoch entschlossen ihren ursprünglichen Platz wieder ein, wand
sich und hüpfte als habe sie ein Eigenleben. Dann machte der Junge eine
leichte Bewegung, und ich konnte sein Gesicht erkennen.
Es war das Gesicht meiner Tochter.
Seine Haut war gebräunt statt milchweiß und sein Gesicht hatte das Weiche
der frühen Kindheit verloren, seine Züge waren bereits stärker ausgeprägt
als die meiner Tochter, denn da war kein Babyspeck mehr in ihnen.
Und trotzdem war es ihr Gesicht.
Es war Maximus' Gesicht.
Ein breites, ausdrucksstarkes, gutmütiges Gesicht mit einer langen,
vornehmen Nase, einem schön geformten Mund und einem energischen Kinn mit
Grübchen. Es waren jedoch seine Augen, die meine Aufmerksamkeit auf sich
zogen, denn sie waren nicht blau-grün wie die meiner Tochter und ihres
Vaters, sondern von einem höchst faszinierenden Grün-Ton, wie in altes Gold
gefaßte feurige Smaragde.
Mein erster Gedanke war, daß Maximus sich geirrt haben mußte.
Daß Marcus nicht tot war.
Dann wußte ich - so wie man es nur im Traum weiß - daß der Junge nicht
Marcus war. Denn in meiner Vorstellung war Marcus immer wie seine Mutter
gewesen, nur ein gesichtsloser Schatten, aber dieser Junge war aus Fleisch
und Blut. Nein, er war nicht Marcus, denn Marcus war tot, und dieser Junge
war voll vibrierenden Lebens. Er hatte das gleiche Feuer in sich wie meine
Tochter. Er schien, wie sie, zu brennen, zwei lebhafte und wilde, schöne
Kinder, die mich an zwei ebenso lebhafte und wilde, schöne Löwenjunge
erinnerten.
Ein großer schwarzer Hund kam aus dem Wald geschossen und lief zum Fluß, die
Ohren angelegt und den Schwanz steil aufgerichtet rannte er direkt auf den
Jungen zu, sein dickes, glänzendes Fell ließ keinen Zweifel daran, daß einer
seiner Vorfahren ein Wolf gewesen sein mußte. Der Hund sprang in den Fluß
und schwamm zu dem Jungen, wachsam und bereit, ihn zu verteidigen, aber
gleichzeitig neugierig - wer waren die Frau und das Mädchen, die Hand in
Hand am Ufer standen, den Jungen ebenso aufmerksam betrachteten wie er uns?
Alle drei erkannten wir uns als das, was wir waren, die noch verbliebene
Familie desselben, großartigen Mannes.
Plötzlich vernahm ich hinter mir das Geräusch von Hufen.
Der Junge hob den Kopf, und sein Gesicht hellte sich auf beim Anblick des
Reiters, der sich dem Fluß näherte.
Er lächelte, und sein Lächeln war jungenhaft und freundlich, eine
jugendliche, sorglose Miniaturausgabe von Maximus' strahlendem Lächeln.
Das Geräusch der Hufe kam näher.
Meine Tochter zog mich an der Hand, kicherte und hüpfte, wie sie es immer
tat, wenn sie glücklich und aufgeregt war, und der Junge rannte an mir
vorbei auf den Reiter zu, spritzend und lachend, während der große schwarze
Hund wie verrückt bellte und dem Jungen folgte ...
Aber ich blieb wie angewurzelt stehen, unfähig, mich zu bewegen oder mich
auch nur umzudrehen.
Der Hauch eines Duftes wehte mir entgegen. Er war stärker als der staubige
Geruch des sonnendurchglühten Weizens. Es war ein nur zu vertauter Duft, die
einzigartig maskuline Mischung aus Leder und Schweiß, Erde und Mann. Ein
Duft, den ich bereits früher eingeatmet hatte - hier auf diesem selben Feld,
in einem Militärzelt in Moesia und in der dunklen Wärme meines eigenen
Schlafzimmers.
Die Hufe kamen hinter meinem Rücken zum Stehen ...
Ich öffnete schlagartig die Augen und setzte mich auf, atmete schwer, das
Herz klopfte wie wild in meiner Brust, Maximus' Duft erfüllte meine Nase und
die Hufe seines Pferdes galoppierten durch meinen Kopf ...
Aber es waren keine Hufe.
Jemand klopfte an meine Schlafzimmertür - und das schon seit geraumer Zeit.
Zerzaust, blinzelnd und desorientiert sah ich mich um. Wie spät war es? Noch
früh am Morgen, aber später, als ich gewöhnlich erwachte. Ich hatte
verschlafen.
Wer immer an meine Tür geklopft hatte, er tat es wieder.
"Intra!" (*) rief ich, bevor ich mir bewußt wurde, unter welchen Umständen
ich in der vergangenen Nacht zu Bett gegangen war.
Die Tür öffnete sich, und meine Dienerin trat ein, rosige Wangen und
ordentlich hochgestecktes graues Haar, ihre Kleidung duftete wie immer nach
Sonne, Stärke und Eisenkraut.
"Guten Tag, Herrin. Und was für ein schöner Tag das heute ist!"
Sollte Nicia erstaunt gewesen sein, mich nackt und allein in meinem Bett
vorzufinden, so ließ sie sich nichts anmerken. Statt dessen blieb die
kleine, gedrungene Frau an der Tür stehen, auf dem Arm trug sie einen Stapel
frischer Wäsche und meine ägyptischen Sandalen baumelten an ihrer Hand. Sie
schenkte mir ihr wunderbarstes Lächeln, während sie weitersprach:
"Du hast keine Anweisungen hinterlassen, wann ich Dich wecken sollte,
Herrin, aber Herr Apollinarius sagte mir, Du müßtest einige Papiere für ihn
unterschreiben, bevor er zum Hafen ginge. Außerdem ist Dein Frühstück
fertig." Während sie sprach, vermied Nicia es tunlichst, tiefer als bis zu
meinem Brustansatz zu schauen. "Willst Du Dein Bad hier nehmen, oder soll
ich Dich zum Badehaus begleiten?"
"H-Hier ... Hier ist in Ordnung, Nicia ... " sagte ich und fummelte an den
Bettüchern - nicht um meine Blöße zu bedecken, sondern um Maximus'
Sklaventunika vor den Augen der Griechin zu verbergen, denn ich war mir
bewußt, daß nur sehr wenig ihrem Blick entging.
"Wie Du wünschst, Herrin. Es wird augenblicklich für Dich bereit sein."
Bevor Nicia im Bad verschwand, legte sie meine Kleider auf eine Couch und
stellte die Sandalen daneben, dabei entdeckte sie mein Nachthemd, das ich in
der vergangenen Nacht hatte unbeachtet auf dem Boden liegen lassen, und hob
es auf. Ohne ein Wort zu sagen legte sie es auf einen Stuhl und sagte: "Herr
Apollinarius bat mich, Dir auch mitzuteilen, daß Dein Gast bereits auf ist
und auf Dich wartet."
Sie wandte mir den Rücken zu, und ihr Ton war so sachlich, als sei die
Tatsache, daß Roms Stargladiator die Wohnräume und den Frühstückstisch -
wenn nicht sogar das Bett - ihrer Herrin teilte, die natürlichste Sache der
Welt.
Tiefe Röte stieg mir in die Wangen.
Nicia marschierte zum Bad, ohne sich umzublicken.
Sobald sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, sprang ich aus dem Bett,
schnappte Maximus' Tunika, faltete sie eilig zusammen und legte sie in die
Truhe am Fußende meines Bettes, versteckte sie unter einem Stapel säuberlich
geplätteter Nachthemden und Kleidungsstücke. Nachdem ich das erledigt hatte,
griff ich das Gewand, welches als oberstes auf dem Stapel lag - ein schönes
Stück aus dunkelgrüner Seide verziert mit goldener Stickerei - befestigte
das Band, welches das Gewand zusammenhielt, und eilte durch den Bogengang,
der zur Terrasse führte.
Stimmengemurmel, männliches Stimmengemurmel, ließ mich plötzlich innehalten.
Ich konnte deutlich Athenodorus' kräftige Stimme ausmachen. Vor zwanzig
Jahren war er Vorarbeiter auf einer Schiffswerft gewesen, und noch heute
sprach er , als müsse er sich über den Lärm von nie verebbendem Hämmern und
Sägen verständlich machen.
" ... ist das Beste, was ich finden konnte ... "
Die Stimme meines Verwalters wurde vom Wind weggetragen, und das Klappern
von Geschirr ließ mich nichts mehr verstehen.
Sie befanden sich am entgegengesetzten Ende der Terrasse, dort wo diese von
einem Sonnensegel geschützt wurde und die Kübel mit Büschen und kleinen
Bäumen standen, also zu weit weg, als daß ich sie hätte beobachten können,
ohne ins Freie treten zu müssen. Und ich konnte nicht hinausgehen, bevor ich
nicht angezogen war. Den Vorsteher meines Haushaltes durch offen getragenes
Haar zu schockieren war eine Sache, aber in seiner Gegenwart barfuß und nur
mit einem seidenen Gewand spärlich bekleidet zu erscheinen, das war eine
ganz andere.
Ich spitzte die Ohren, um zu hören, was vor sich ging.
" ... Herr (Domine) ... darum kümmern ... "
Ich runzelte die Stirn. Herr?
Niemand hatte dieses Wort seit Marius Servilius' Tod in meinem Hause
gebraucht. Meinen ehemaligen Lehrer sprach man als "Herr (Lord) Apollinarius"
an, eine ehrerbietige Anrede für einen Mann, der kein Diener aber auch nicht
Mitglied der Familie war.
Domine .... Herr.
Mir kam plötzlich ein Verdacht. Sprach Athenodorus Maximus so an?
Ich war im Begriff, hinter den Vorhängen hervorzutreten - auch auf das
Risiko hin, entdeckt zu werden, als ich Nicias Stimme hinter mir hörte.
"Dein Bad ist fertig, Herrin."
Ich fuhr erschrocken zusammen, faßte mich jedoch schnell wieder und wandte
mich um.
"Danke, Nicia", sagte ich und schoß mit der Zielstrebigkeit eines römischen
Rammbockes in Richtung Badezimmer . Es gelang mir, diesen Zufluchtsort zu
erreichen, bevor meine überraschte Dienerin noch ein Wort sagen konnte. Als
sie dann endlich die obligatorische Frage "Herrin, soll ich ..."
hervorbrachte, da sagte ich "NEIN!" und schlug ihr die Tür vor der Nase zu.
Marius Servilius war nicht der Erbauer der Villa gewesen, aber das Gebäude
verdankte ihm seine heitere Pracht und seinen überwältigenden Komfort. Die
Bäder in den Räumen des Hausherrn und der -herrin in der zweiten Etage
spiegelten römische Baukunst in perfekter Weise wider. Sie waren geräumig,
luftig, lichtdurchflutet und luxuriös, jedes verfügte über eine Toilette,
ein Waschbecken und einen Badezuber.
War das Wetter kalt, dann wurden die Böden dank eines hypocaustischen (*)
Systems beheizt, und durch ein geheimnisvolles technisches Wunder sprudelte
warmes Wasser aus den Bleirohren, die hinter dem grimmigen Kopf eines
vergoldeten, brüllenden Löwen verborgen waren. Es war weder so warm noch so
reichlich vorhanden wie das Wasser, das im Bad der ersten Etage zur
Verfügung stand, aber mehr als ausreichend für eine angemessene persönliche
Hygiene, wenn wir nicht das gesamte Haus für eine gründliche
Reinigungsprozedur durchqueren wollten. Ich wußte den Luxus fließenden
warmen Wassers in der zweiten Etage, einen Luxus, der äußerst selten, dazu
schwierig zu bewerkstelligen und alles andere als billig war, kaum recht zu
schätzen. Während der Bankette meines Gemahls hatte ich zwar diesbezüglich
neidische Kommentare zur Genüge vernommen, aber mein Interesse an
technischen Details war doch irgendwie begrenzt. Die Badezimmer waren der
Stolz und die Freude von Nicassius, dem Aufseher der Villa, einem
sperlingsgleichen Mann mit einer Leidenschaft für alles, was mit Baukunst
und Mechanik zu tun hatte, und die Männer gewöhnlich dem Sammeln von
Skulpturen oder dem Anhäufen von Geld vorbehalten. Wenn es jemanden gab, der
meinen Gemahl für Stunden in eine Unterhaltung verwickeln konnte, in der es
weder um das Geschäft noch um Schiffe ging, dann war das Nicassius. Marius
Servilius verstand so viel von Schiffen wie einige Männer von Pferden, zog
sie Häusern vor und nicht selten sogar Menschen. Aber er verstand genauso
gut andere Männer mit einer Leidenschaft ... und augenscheinlich auch Frauen
mit einer solchen, denn er hatte mich geheiratet, die eine allgemein
bekannte Leidenschaft für Bücher hatte und eine geheime für einen Mann,
welche vor ihm zu verbergen ich bei letzterer nicht im Stande gewesen war.
Ich ließ mein seidenes Gewand zu Boden gleiten, tauchte in das warme, nach
Lotus duftende Wasser ein und sprach wie jedesmal, wenn ich die
Annehmlichkeiten der Villa genoß, Nicassius stumm meinen Dank aus. Wenn
seine Trickkiste, die sich als unerschöpflich erwies, solange es um Rohre,
Springbrunnen und die Heizung ging, nur auch ein Mittel enthalten würde, das
mir bei der Bewältigung der gerade jetzt anstehenden Aufgabe helfen könnte
... General Maximus Decimus Meridius' militärische Abwehr zu durchbrechen
mußte bereits eine gewaltige Aufgabe sein. Seine persönliche Abwehr zu
überwinden und dabei sowohl einen Wettlauf gegen die Zeit als auch gegen
seine eigene Todessehnsucht austragen zu müssen, schien einfach unmöglich zu
sein. Während ich mich abschrubbte, kam mir plötzlich der Gedanke, daß,
sollte mir die Technik schon nicht helfen können, vielleicht Landwirtschaft
und Pferde diesen Zweck erfüllen würden.
Kurze Zeit später verließ ich das Bad, frisch gewaschen, eilig abgetrocknet
und mehr als begierig, mich auf die Suche nach Maximus zu begeben. Nicia
erwartete mich mit einem Aufgebot von Kämmen und Bürsten, die bereits auf
meinem Toilettentisch zurechtgelegt waren, und ihr tadelnder Blick sagte
mir, daß, nachdem ich gegen die übliche Herrin-und-Dienerin-Etikette
verstoßen und mich geweigert hatte, mir beim Baden helfen zu lassen, ich bei
ihr nicht gerade in Gnaden stand.
Ich zögerte zuerst, aber da ich mit meinem taillenlangen, zerzausten Haar
ihrer Hilfe dringend bedurfte, setzte ich mich, und Nicia begann, meine
Lochen zu entwirren, dann zu kämmen und endlich zu bürsten. Eine unruhige
Nacht und der Dampf des Bades hatten meine Mähne in ein einziges
Durcheinander verwandelt, und Nicia arbeitete mit verbissener Konzentration
und der akribischen Präzision eines Juweliers. Ich mußte mich gewaltsam
zurückhalten, um nicht ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden zu klopfen.
"Ist Dir die Tunika, die ich für Dich ausgesucht habe, recht, Herrin?"
Der Spiegel vor mir verriet Nicia meinen verdutzen Blick und sagte ihr, daß
ich nicht die leiseste Ahnung hatte, wovon sie überhaupt sprach.
"Sie liegt auf der Couch, Herrin", erklärte sie; ich drehte mich um und
betrachtete das Kleidungsstück. Ich konnte nicht umhin, die Stirn zu
runzeln. Besagte Tunika war aus einem der außergewöhnlichsten Stoffe
gefertigt, den ich je gesehen hatte: reine Seide verwebt mit feinster
ägyptischer Baumwolle und in einem dunklen blau-grünen Ton gefärbt ähnlich
der Farbe einer Pfauenfeder. Er war leicht und weich, und ich konnte mich
nicht erinnern, je etwas gesehen oder besessen zu haben, was sich ähnlich
angefühlt hätte. Ich hatte den Stoff vor drei Jahren während einer meiner
Einkaufstouren auf dem Trajans-Markt gesehen und ihn aus einem Impuls heraus
gekauft einfach, weil er außergewöhnlich war, aber vor allem, weil mich
seine edelsteingleiche Farbe an Maximus' Augen erinnert hatte. Meine
Schneiderin pflegte ein finsteres Gesicht zu machen, wenn ich
Kleidungsstücke bestellte, die aus Baumwolle oder Leinen gefertigt waren.
Sie sagte, daß, ganz gleich wie edel und teuer diese sein mochten, Seide der
für mich passendste Stoff sei. Sie war außer sich gewesen, als sie meines
kostbaren Schatzes ansichtig geworden war, und hatte entrüstet protestiert,
als ich forderte, den Stoff zu einer ganz schlichten Tunika zu verarbeiten
und mich hartnäckig weigerte, etwas Kunstvolleres daraus machen zu lassen.
Das Ergebnis war ein ungewöhnlich elegantes Kleidungsstück gewesen, das sich
wirbelnd und fließend um meinen Körper bewegte und dann wieder den perfekten
Faltenwurf einnahm, den man nur an einer Statue findet. Ich hatte meinen
Schuhmacher ein Stück weichen Leders in dem gleichen Ton einfärben und
daraus ein Paar passender Sandalen herstellen lassen.
Aber ich hatte sie, weder die Tunika noch die Sandalen, je getragen, hatte
behauptet, daß sie für die Zeit der Trauer um meinen Gemahl nicht angemessen
seien; der wirkliche Grund war jedoch derselbe, aus welchem ich den Stoff
gekauft hatte: jedesmal wenn ich sie anschaute war es mir, als würde ich in
Maximus' Augen blicken.
Ich hatte Nicia bereits lange genug um mich gehabt um zu wissen, daß sie
niemals etwas einfach nur so tat. Dafür war sie zu sehr Griechin. Ich warf
ihr im Spiegel einen strengen Blick zu, doch sie fuhr mit undurchdringlicher
Miene seelenruhig fort, mein Haar zu bürsten.
"Sie ist mir recht", sagte ich, konnte jedoch nicht mehr länger an mich
halten und begann, unter dem Frisiertisch mit dem Fuß auf den Boden zu
klopfen. Nicia ignorierte geflissentlich meine Ungeduld. Ich ignorierte
Nicia ebenso geflissentlich.
Als sie jedoch ein emailliertes Kästchen öffnete und ihm einige
elfenbeinerne und goldene Haarnadeln und Kämme entnahm, gebot ich ihr
Einhalt.
"Nein", fuhr ich sie an. "Laß mein Haar offen." Nicia hob fragend eine
Augenbraue. "Und sag mir nicht, daß das unziemlich sei!"
"Mit allem nötigen Respekt, Herrin - ich wollte lediglich bemerken, daß, so
bequem und in Deinem Falle auch schön es sein mag, offenes Haar weder
geziemend noch praktisch ist für den Strand ... "
Meine Augen wurden schmal wie Rubias, wenn sie wittert, daß etwas faul ist.
Nicia verzog keine Miene.
"Den Strand?" fragte ich. "Ich habe nicht vor, zum Strand zu gehen."
"Oh."
Apollinarius und Nicia stammten beide aus Griechenland, aber sie teilten
noch eine Reihe anderer Gemeinsamkeiten. Zum Beispiel ihre Fähigkeit,
ausgesprochen einsilbig zu sein und dabei Bände zu sprechen.
Ich weigerte mich, den Köder zu schlucken.
Nicia bürstete weiter mein Haar, lenkte jedoch nicht ein.
Auch ich wich keinen Millimeter zurück ... letztendlich jedoch erfolglos.
"Warum der Strand?" fragte ich kurz angebunden.
"Es ist so ein schöner, sonniger Tag ... "
"Und jedesmal wenn ich in die Sonne gehe, beschwerst Du Dich, wie
gedankenlos ich sei und wie viele Sommersprossen ich bekommen werde."
Nicia spitzte die Lippen. Genau wie Apollinarius konnte sie äußerst
dickköpfig sein. Aber wenigstens auf diesem Gebiet waren wir uns ebenbürtig.
Ich streckte das Kinn entschlossen vor und ohne mit der Wimper zu zucken
fixierte ich sie im Spiegel.
"Du solltest zum Strand gehen", bemerkte sie vielsagend.
"Warum?"
Nicia schien langsam die Fassung zu verlieren.
"Weil Dein ... der ... "
Meine Augenbrauen hoben sich ganz wie von selbst. Nicia war nie zögerlich.
Als habe sie meine Gedanken gelesen, traf sie bezüglich ihrer Wortwahl eine
Entscheidung.
"Weil ER Fragen nach dem STRAND stellt."
"WAS?"
Nicia war nicht die einzige, welche die Kunst der einsilbigen und trotzdem
vielsagenden Unterhaltung verstand.
Die Griechin schenkte mir ein strahlendes Lächeln. Ich zwang mich, ruhig zu
bleiben, auch wenn der Rhythmus meines klopfenden Fußes sich steigerte und
mein Herz wie wild hämmerte.
"Woher weißt Du das?"
"Nun, als wir hier her kamen, um alles für das Frühstück vorzubereiten, da
fanden wir IHN auf der Terrasse wie er hinaus auf das Meer schaute.
Athenodorus fragte IHN, ob ER etwas wollte oder brauchte, während ER mit dem
Frühstück auf Dich wartete. Aber ER sagte nein und daß ER auf Dich warten
würde. Und dann begann ER, Fragen über das MEER und den STRAND zu stellen
... "
Erstaunt öffnete ich den Mund.
Maximus war auf der Terrasse gewesen. Er war dort gewesen, als Athenodorus
und Nicia meine Räume betreten hatten, um unser Frühstück zu bereiten. Er
hatte sie nach dem Meer und dem Strand gefragt ...
Als ich mein verblüfftes Gesicht im Spiegel sah, schloß ich den Mund und
versuchte vergeblich, meine Stimme wiederzufinden. Und wieder errötete ich.
Heftigst.
"Ihr solltet zum Strand gehen", schlug Nicia helfend vor.
Ich kaute auf meiner Unterlippe. "Ich hatte vorgehabt, zur Farm
hinauszureiten", sagte ich, ehe ich mir dessen bewußt wurde. Was tat ich
da? Solange Nicia meine persönliche Dienerin war, hatte ich sie immer
auf Abstand gehalten so wie jeden anderen außer Apollinarius. Ich hatte ihre
Versuche, mich zu bemuttern, erfolgreich abgewehrt und sie von weiteren
abgehalten. Wir hatten eine gut funktionierende Beziehung aufgebaut, die auf
gegenseitigem Respekt beruhte und die gerade deshalb gut funktionierte, weil
sich keiner in die persönlichen Angelegenheiten des anderen einmischte. Und
nun besprach ich mit ihr, wo ich mit Maximus den Tag zu verbringen
gedachte. Ich mußte verrückt geworden sein...
Bei meinen Worten rollte Nicia mit den Augen.
Ich kaute noch heftiger auf meiner Unterlippe.
"Du denkst also, ich sollte zum Strand gehen?" fragte ich lahm.
Meine Dienerin grinste über das ganze Gesicht und zeigte mir damit, wie dumm
es war, das Wissen einer Frau in Frage zu stellen, die sechs Söhne bis zum
heiratsfähigen Alter großgezogen hatte und mehr als dreißig Jahre lang
erfolgreich mit ihrem Ehemann fertig geworden war.
Sie hatte möglicherweise recht.
Sie hatte sogar bestimmt recht.
"Also gut", sagte ich. "Aber ich will nicht, daß Du mir das Haar
hochsteckst!"
Das breite Grinsen im Spiegel wurde zu einem glückseligen Lächeln.
"Überlaß nur alles mir, Herrin", sagte sie fröhlich. "Geh nur und
unterschreibe Deine Papiere und genieße das herrliche Frühstück, das
Athenodorus für Euch vorbereitet hat! Ich kümmere mich um alles!"
Während sie sprach, tätschelte Nicia mir die Schulter und fuhr dann fort,
mein Haar zu bürsten.
Zum zweitenmal innerhalb weniger Minuten wurden meine Augen weit vor
Staunen.
Sie war bereits mehr als fünf Jahre lang meine persönliche Dienerin, und
ihre Pflichten brachten es mit sich, daß sie mich viele Male am Tag
berührte, wenn sie mir das Haar bürstete oder beim Baden und Ankleiden
behilflich war. Aber ihre Berührung war immer die einer Bediensteten gewesen
- ohne eine Spur von Vertrautheit.
Meine Schulter zu tätscheln war eine Geste voller Wärme, Fürsorglichkeit und
weiblicher Verschworenheit.
Das war seltsam überraschend gewesen.
Ein wenig beunruhigend.
Und unerwartet willkommen.
(*) Intra (Lateinisch): "Herein".
(**) Hypocaustus (Lateinisch): "Von unten erwärmt". Ein System von in die
Wände und den Boden eingesenkten Röhren, das mit einem Ofen in Verbindung
stand. Mittels dieses Systems konnten die Räume in öffentlichen Bädern und
reichen Privathäusern durch zirkulierende warme Luft beheizt werden.
Dasselbe System von Röhren erlaubte es auch, giftige Abgase durch Öffnungen
in den Außenwänden und im Dach abzuleiten. Diese Art des Heizens war extrem
teuer und kam selbst im kaiserlichen Palast nur in wenigen Räumen zur
Anwendung. In den übrigen Zimmern benutzte man Kohlebecken. |
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16b. Das Blatt wendet
sich 180 A.D. - Teil 2
Als ich endlich auf die Terrasse hinaustrat, tat
ich dies mit einer gewissen Anspannung. Nicias Bemerkungen über Maximus'
Verhalten waren meinem inneren Frieden nicht eben zuträglich gewesen.
Schließlich hatte ich bereits beobachtet, daß er nur äußerst widerwillig im
Zentrum des Interesses meines Haushaltes stand.
Das erste, was ich sah, war Athenodorus, der sich am Frühstückstisch zu
schaffen machte.
Dann fiel mein Blick auf besagten Frühstückstisch.
Er drohte unter der Last der Speisen zusammenzubrechen, die ausgereicht
hätten, einen römischen General mit seiner gesamten Truppe nach einem
Gewaltmarsch in voller Ausrüstung satt zu machen. Die Früchte und das
gekochte Getreide, die ich gewöhnlich zu mir nahm, hatten einer riesigen
Auswahl an Brot, kaltem Fleisch, Käse, Obsttörtchen, Butter, Eingemachtem,
Honig, Sahne und Milch weichen müssen. Und mitten in diesem Aufgebot stand
eine Vase aus buntem Glas mit zwei roten Rosen.
Zwei blutrote Rosen.
Zwei blutrote, ineinander verschlungene Rosen.
Ich drehte mich auf dem Absatz um, aber bevor ich meinem Verwalter noch
einen bösen Blick zuwerfen konnte, hatte mich auch schon Apollinarius
entdeckt.
"Julia! Da bist Du ja!"
Mein ehemaliger Lehrer lehnte an der Marmorbrüstung, den Arm voller
Papyrusrollen, und schien bemüht, den neben ihm stehenden Maximus in eine
Unterhaltung zu verwickeln. Nach dessen angespannter Haltung und
zusammengepreßtem Mund zu urteilen, hatten Apollinarius' Bemühungen
eindeutig keinen Erfolg gezeitigt. Bei Apollinarius' Worten drehte sich
Maximus um, und sein Gesicht hellte sich auf. Bevor er noch seine
Gesichtszüge unter Kontrolle bringen konnte, sah ich darin Entzücken und
offene Bewunderung aber auch Erleichterung. Er stieß sich augenblicklich von
der Brüstung ab und machte zwei oder drei Schritte auf mich zu, dann blieb
er zögernd stehen. Es war deutlich zu sehen, daß er dies nicht nur getan
hatte, um mir näher zu sein, sondern auch um zu Apollinarius auf Distanz zu
gehen.
Ich seufzte. Ganz gleich wie sehr ich fürchtete zu erfahren, was in der
Nacht, als man Maximus in mein Haus gebracht hatte, zwischen den beiden
vorgefallen war, oder wie abgeneigt ich war, die Wahrheit herauszufinden -
es war ganz klar, daß ich etwas unternehmen mußte. Und zwar bald. Unter all
dem, was in meinem Plan, Maximus zu retten, falsch gelaufen war, war dies
der heikelste Punkt.
"Und schau Dich nur an!" fuhr Apollinarius fort. "Du siehst in dieser Farbe
einfach atemberaubend aus, Liebes!" Maximus hob fragend eine Braue, als er
hörte, wie Apollinarius mich "Liebes" nannte. Ich wollte eine Erklärung
abgeben, konnte jedoch kein Wort mehr hervorbringen, als ich Maximus erst
einmal richtig anschaute. Statt der sandfarbenen Tunika hatte er heute jene
aus leichter weißer Wolle gewählt, die ihm wie angegossen paßte. Die Farbe
ließ ihn absurd jung erscheinen und beinahe noch attraktiver als er es
bereits war. Der Stoff lag leicht auf den kräftigen Muskeln seines
Brustkorbes, hob sie mehr hervor als sie zu verbergen, was gewöhnlich die
Aufgabe von Kleidung ist. Ich wußte, daß ich in meiner grünblauen Tunika
umwerfend aussah. Aber wenn man jemand auf der Terrasse als 'atemberaubend'
bezeichnen konnte, dann war es Maximus.
Er mußte die offene Bewunderung auf meinem Gesicht gelesen haben, denn
Maximus blinzelte verlegen, und die Sonnenbräune seiner Haut konnte das
leichte Erröten nicht verbergen.
Apollinarius strahlte.
"Komm! Komm, Liebes! Unterschreibe diese Papiere, dann kann ich zum Hafen
gehen, und Du und der General, Ihr könnt Euer Frühstück genießen!" sagte er
und bedeutete Maximus und mir, uns an den Frühstückstisch zu setzen, den man
unter dem Sonnenschutz gedeckt hatte.
Mein Blick huschte von Apollinarius zum Tisch und dann zu Maximus.
"Guten Morgen!" begrüßte ich ihn, und meine Stimme klang selbst in meinen
eigenen Ohren heiser. Er entspannte sich sichtlich und schenkte mir ein
zaghaftes Lächeln.
"Guten Morgen", flüsterte er und führte mich zum Tisch.
Wir setzten uns auf die beiden bereitgestellten Stühle, während Apollinarius
sich einen Hocker heranzog und mir die Briefe reichte, die ich
unterschreiben sollte. Während dessen umkreiste Athenodorus uns geschäftig
und gab dabei Geräusche von sich, die mich stark an die einer brütenden
Glucke erinnerten. Zum zweitenmal innerhalb weniger Minuten warf ich ihm
einen bösen Blick zu, aber er schaute gar nicht in meine Richtung. Statt
dessen goß er etwas in Maximus' Becher. Dieser betrachtete die Flüssigkeit
mißtrauisch.
"Honigwasser mit Zitronensaft, Herr", warf mein Verwalter hilfreich ein.
Maximus murmelte etwas, was ich nicht verstehen konnte, aber nach
Apollinarius' strahlendem Lächeln zu urteilen, mußte es ein Kompliment
gewesen sein.
Ich vergrub meine Nase in den Dokumenten, bereit, mich meiner Aufgabe zu
entledigen und Apollinarius so schnell wie möglich auf den Weg zu schicken.
Danach würde ich mich um Athenodorus kümmern ...
"Gibt es etwas, daß ich wissen sollte?" fragte ich Apollinarius, während ich
die Briefe kurz überflog, bevor ich sie unterschrieb.
"Nichts Besonderes. Die "Najade" hat sicher im Hafen angelegt und wird,
während wir noch sprechen, entladen. Der "Spartaner" wird trotz der
verspäteten Lieferung der Ladung pünktlich nach Kreta absegeln können."
Apollinarius wandte sich an Maximus: "Wir haben den Höhepunkt der
Segelsaison, General", erklärte er. "Eine ziemlich geschäftige Zeit. Aber
Julias Unternehmen ist trotz seiner Größe wohl geordnet und wird gut
geführt. Es muß schon etwas wirklich Außergewöhnliches passieren, um uns in
echte Schwierigkeiten zu bringen ... "
Maximus nickte unverbindlich. Ich beeilte mich noch mehr, um mit dem
Durchsehen und Unterschreiben der Papiere fertig zu werden. Apollinarius
fuhr fröhlich fort:
"Aemilius Trebutius Flaccus sendet Grüße und läßt fragen, ob Du wohl seinen
Neffen Calpurnius Flaccus auf der "Delphin" mitreisen lassen würdest.
Entschlossen Maximus in die nicht wirklich existierende Unterhaltung mit
einzubeziehen, wandte sich mein ehemaliger Lehrer abermals an ihn: "Auf
Julias Schiffen reisen gewöhnlich keine Passagiere, weil sie in erster Linie
dem Transport von Gütern dienen. Aber Aemilius Trebutius Flaccus ist einer
ihrer Bankiers", erklärte er. "Die "Delphin" segelt nach Alexandria, und der
junge Calpurnius Flaccus ist ängstlich darauf bedacht, rechtzeitig zur
Hochzeit seines Bruders dort anzukommen ... "
Diesmal bestand Maximus' Antwort lediglich in einer Art grunzendem Geräusch.
"Sag Aemilius Trebutius Flaccus, daß sein Neffe auf der "Delphin" willkommen
ist, vorausgesetzt er kann für sich selbst sorgen und steht der Besatzung
nicht im Weg", sagte ich, ohne meinen Blick von dem Brief zu heben, den ich
gerade in Augenschein nahm. "Und sag ihm auch, er solle sicherstellen, daß
Calpurnius Flaccus nicht auf die Idee kommt, mir persönlich zu danken ... "
Meine Stimme entbehrte nicht einer gewissen Schärfe und ich fühlte mehr, als
daß ich es sah, wie Maximus wachsam wurde. Ich zählte Calpurnius Flaccus
unter die Zahl meiner ungebetenen Freier. Sein älterer Bruder, Caecilius
Flaccus, war zu jener Zeit bereits verheiratet gewesen, aber das hatte ihn
nicht davon abgehalten, mit seinem Bruder um meine Hand zu konkurrieren: er
hatte angeboten, sich von seiner zweiten Frau scheiden zu lassen, sollte ich
ihn erhören. Nach meiner in blumiger Sprache erteilten Ablehnung hatten ihn
seine Spielschulden ins Exil nach Alexandria getrieben. Nun stand seine
dritte Hochzeit bevor, und ich wollte gar nicht daran denken, was wohl mit
seiner zweiten Frau geschehen war. Insgeheim bemitleidete ich das
unglückliche reiche Mädchen, welchem nicht nur ein sondern zwei der
nutzlosen Neffen des Bankiers aufgehalst wurden: ihre Mitgift würde für die
Spielschulden von beiden herhalten müssen, denn trotz des äußeren Anscheins
und nicht zu übersehender Schwächen fehlte es den Flaccus Brüdern nicht an
brüderlichem Zusammenhalt.
"Hast Du vor, noch in die Stadt zu gehen, nachdem Du im Hafen fertig bist?"
fragte ich, während ich Apollinarius einen weiteren unterschriebenen Brief
zurückgab.
"Ich wollte noch meinen Buchhändler aufsuchen. Brauchst Du mich noch für
etwas?"
"Ja. Auf meinem Schreibtisch findest Du einen Brief. Er ist bereits
unterschrieben und gesiegelt. Sei bitte so gut, und gib ihn im Tempel der
Isis ab." Mein regelmäßiger Briefwechsel mit Merith war die einzige
persönliche Korrespondenz, die ich unterhielt, und die geheimnisvollen
Verbindungen des Tempels der ägyptischen Göttin hatten sich immer wieder als
weitaus effizienter erwiesen, als der offizielle Postdienst und meine
eigenen Schiffe zusammen.
"Noch irgend etwas?" fragte ich und überflog dabei den letzten Brief.
"Hast Du eine Entscheidung wegen Bauli getroffen?"
Bevor ich noch antworten konnte, wandte sich Apollinarius an Maximus.
"Julia hat eine weitere Villa in Bauli", erklärte er. "Sie ist weder so
schön noch so groß wie diese hier, aber rustikaler und ländlicher. Sie
gehörte ihrem Gemahl, aber sie fährt nie dorthin. Nun hat sich jemand
gefunden, der daran interessiert ist, die Villa zu mieten ... "
"Sie ist nicht zu vermieten", sagte ich scharf.
"Du solltest Deine Entscheidung noch einmal überdenken." Apollinarius ließ
nicht locker. "Du hältst Dich niemals dort auf. In all den Jahren bist Du
nur einmal und nur für zwei Wochen in Bauli gewesen."
Apollinarius hatte recht. So schön wie es war reizte mich Bauli einfach
nicht, und ich empfand die Stille dieser zweiten Villa und ihrer Umgebung
irgendwie als beunruhigend.
"Büße ich Geld ein, wenn ich sie behalte?" fragte ich. "Nachdem ich den
Bericht gelesen habe, scheint mir dies nicht der Fall zu sein ... "
"Mm ... nein. Eigentlich nicht. Die Villa trägt sich selbst und sie wirft
sogar genug ab, um auch noch die nötigen Reparaturen zu bezahlen ... "
"Den Eindruck habe ich auch."
"Aber das Haus Jahr für Jahr leer stehen zu lassen erscheint mir nicht sehr
sinnvoll. Warum willst Du es nicht vermieten?"
"Weil es mir gehört und ich nie etwas vermiete, das mir gehört."
Das war der Punkt. Ich hatte eine ausgesprochene Abneigung dagegen, etwas zu
vermieten, das in meinem Besitz war, anderen zu erlauben, etwas zu benutzen,
das mir gehörte, auch wenn ich es selbst nicht benutzte. Es erinnerte mich
zu sehr an Prostitution.
"Wenn Du die Villa also nicht vermieten willst, dann verkaufe sie."
Apollinarius nickte, und bevor ich es noch verhindern konnte, wandte er sich
erneut Maximus zu. "Julia hat noch eine dritte Villa. Sie befindet sich auf
der Insel Melita (***). Weder sie noch ich haben sie je gesehen. Sie erhielt
sie als Bezahlung von einem Kunden, der vom Pech verfolgt wurde ... "
Apollinarius' beschönigende Ausdrucksweise ließ mich leicht irritiert die
Brauen heben. Mein Kunde war wirklich vom Pech verfolgt gewesen. Aber sein
Pech hatte einen Namen gehabt und einen Kranz aus goldenen Lorbeerblättern
auf seinem Haupt: Commodus.
Wie viele andere seines Standes hatte Senator Capito sein Geschäft von einem
tüchtigen Freigelassenen führen lassen, der meine Flotte genutzt hatte, um
erwirtschaftete Güter, hauptsächlich gutes Olivenöl von seinem Landgut in
Baetica und Wein aus seinen Weinbergen in Gallien, zu transportieren.
Gemessen an den üblichen Standards, die man bei Senatoren anzulegen hatte,
war er ein anständiger Mann gewesen. Aber er hatte den Fehler begangen,
nicht zu bemerken, daß sich das Blatt mit der Ankunft des neuen Kaisers
gewendet hatte. Er hatte im Senat eine Rede gehalten, in der er Commodus'
Entscheidung verurteilte, die Eroberungen seines Vaters in Germanien -
welche in Wahrheit Maximus' Eroberungen waren - aufzugeben. Der junge Kaiser
hatte seine Entscheidung mit dem Argument verteidigt, daß zu viel Geld für
militärische Operationen an der Nordgrenze ausgegeben und nur sehr wenig
erreicht worden sei. Aber der Senator hatte dieses Argument nicht gelten
lassen und seinerseits angeführt, es würde zu viel Geld für die Spiele
ausgegeben und damit noch beträchtlich weniger erreicht. Eine Woche später
waren seine Haussklaven an einer geheimnisvollen Krankheit gestorben, die
auch die jüngere verwitwete Schwester des Senators dahingerafft hatte. Kurz
danach war sein römisches Warenlager bis auf die Grundmauern abgebrannt und
auch sein Landhaus ereilte dieses Schicksal. Weniger als einen Monat nach
seiner Rede hatten schwarzgekleidete Prätorianer mitten in der Nacht an die
Türen seines römischen Stadthauses gehämmert, um ihn wegen Verrats zu
verhaften. Aber der Senator war nicht da gewesen, ebensowenig sein
Freigelassener und seine Gemahlin.
Aemilius Trebutius Flaccus war unangemeldet in meiner Villa erschienen,
etwas höchst Ungewöhnliches, da der Bankier Rom nur verließ, um die Sommer
in seiner Villa in Neapel zu verbringen. Wir hatten die üblichen
Höflichkeiten ausgetauscht und dann hatte er mir schweigend ein Dokument
übergeben, das in den Falten seiner Toga verborgen gewesen war. Es war die
Urkunde, mit welcher Senator Capitos Villa in Melita mir übereignet wurde.
Sie war auf zwei Monate vor seiner berüchtigten Rede im Senat vordatiert,
und Aemilius Trebutius Flaccus war einer der Zeugen, die unterzeichnet
hatten. Als ich von dem Schriftstück aufblickte, zuckte der Bankier mit den
Schultern und schlug dann vor, daß er gern meine Gärten besichtigen würde,
die, wie er gehört hätte, die "schönsten in ganz Ostia" seien.
Wir waren eine Zeit lang schweigend nebeneinander her gegangen, hatten hier
und da angehalten, um eine Statue oder die Farbe einer Rose zu bewundern.
Dann wandte sich Aemilius Trebutius Flaccus mir zu. "Ich kenne Senator
Capito seit vielen Jahren, Herrin. Ein anständiger Mann, aber leider weiß
der neue Kaiser dies nicht zu schätzen", sagte er mit ernster Stimme, die
der üblichen Boshaftigkeit gänzlich entbehrte. "Er entschied, sein Heil in
der Flucht aus Rom zu suchen, bevor sie kommen würden, um ihn zu verhaften,
aber bevor er ging, wollte er die Schulden, die er noch bei Dir hatte,
begleichen. Wir mußten einige Details ... etwas verändern, um zu verhindern,
daß der Kaiser die Übereignung eventuell anfechten und den Besitz
konfiszieren könnte. Capito bat mich, Dir zu sagen, daß es ihm leid täte,
Dich mit der alten Villa zu belasten, aber sie sei sein einziger Besitz, der
weit genug entfernt von Rom läge, um es etwas schwieriger zu machen, ihn
einfach an sich zu reißen.
Der schwergewichtige Bankier blieb einen Augenblick stehen und schaute in
Richtung der Bäume. Dann fuhr er fort: "Unter anderen Umständen würde ich
Dir raten, die Villa zu verkaufen, Herrin. Aber in Anbetracht der
gegenwärtigen Situation wäre es möglicherweise ratsam, einen Besitz
außerhalb Italiens zu behalten ... "
Ich fröstelte trotz der warmen Frühlingssonne. Da war etwas
Unheilverkündendes in Aemilius Trebutius Flaccus' Stimme.
"Du meinst ... es könnte ... Probleme geben?"
"Herrin, Du bist eine kluge Frau, daher will ich ganz offen sein", sagte er,
und ich hatte das bestimmte Gefühl, das in seiner Stimme ein Zug von
Erleichterung mitschwang. Als sei der Bankier dankbar für die Möglichkeit,
etwas mit jemand zu teilen, das bereits seit geraumer Zeit an ihm genagt
hatte. "Ich habe den letzten Kaiser sehr geschätzt. Jeder Geschäftsmann
schätzt einen Herrscher, der seinem Land Stabilität beschert. Aber ich
fürchte, das ist vorbei. Marcus Aurelius war ein großer Herrscher, doch er
war gezwungen, viele Kriege zu führen, und Kriege kosten das Reich eine
Menge Geld. Die staatlichen Finanzen sind erschöpft. O, sie sind bereits
seit Jahren erschöpft. Aber Marcus Aurelius war geschickt und wußte den
Staat über Wasser zu halten. Ich fürchte, sein Sohn ist nicht so geschickt.
Und was noch schlimmer ist, er interessiert sich nicht mal ... "
Aemilius Trebutius Flaccus machte eine Pause. Nachdem ich sechs Jahre
regelmäßig mit ihm zu tun gehabt und auch auf gesellschaftlicher Ebene mit
ihm verkehrt hatte, war ich an seine Sprechweise gewöhnt und auch an die
bedeutungsschweren Pausen, die er einzulegen pflegte, um seinen Enthüllungen
Gewicht zu verleihen. Aber diesmal war es anders. Er brauchte der Wirkung
seiner Worte nichts hinzuzufügen, denn er sprach über Dinge, die ernst genug
waren.
"Er ist nur daran interessiert, den Pöbel zu unterhalten ... und sich
selbst. Ich muß zugeben, daß Marcus Aurelius mich mit der Wahl seines Erben
enttäuscht hat. Commodus ist sein einziger noch lebender Sohn, aber ... "
der Bankier machte eine hilflose Gebärde und suchte nach Worten, dann
seufzte er und fuhr fort: "Rom braucht einen nüchternen, starken,
moralischen Mann, der mit dem Militär und dem Senat umzugehen weiß und in
der Lage ist, das Auseinanderfallen des Reiches zu verhindern. Wir brauchen
einen neuen Vespasian. Einen neuen Trajan. Aber man hat uns ein
leichtsinniges Bürschchen aufgehalst, das glaubt, Kaiser zu sein bestehe nur
darin, feine Kleider zu tragen und den Spielen vorzusitzen ... "
"Wie ich höre, soll seine Schwester eine vernünftige Frau sein und einigen
Einfluß auf ihn haben ... " äußerte ich vorsichtig, da ich mir nicht sicher
war, worauf Aemilius Trebutius Flaccus hinaus wollte und welche Rolle er
beim Verschwinden von Senator Capito und der Tatsache spielte, daß ich mich
plötzlich im Besitz einer Villa auf der weit entfernten Insel Melita befand.
Als ich den Namen der kaiserlichen Schwester erwähnte, hellte sich das
düstere Gesicht des Bankiers ein wenig auf. "Ich hatte die Ehre, die Dame
Lucilla kennenzulernen, und sie ist nicht nur vernünftig sondern die
geborene Politikerin. Wäre sie ein Mann, dann würde sie einen
außergewöhnlichen Kaiser abgeben", sagte er. "Aber sie kam als Frau auf die
Welt, also ... Außerdem hat die Dame Lucilla einige dringlichere ...
persönliche Probleme, die möglicherweise Vorrang haben vor ihren Bemühungen,
ihren Bruder in Angelegenheiten der römischen Politik anzuleiten ... "
Ich zog irritiert die Augenbrauen zusammen. Aemilius Trebutius Flaccus
seufzte und senkte seine Stimme noch ein wenig mehr.
"Herrin, findest Du es nicht seltsam, daß der junge Kaiser weder verheiratet
ist, noch Pläne für eine Hochzeit zu haben scheint? Oder daß er, da er nun
das Haupt der Familie ist, keinerlei Schritte unternommen hat, sich der
Gefolgschaft einer mächtigen Senatorenfamilie zu versichern indem er seine
verwitwete Schwester entsprechend verheiratet?" flüsterte er eindringlich,
und in seinen Worten war nicht die Spur seiner üblichen Klatschsucht zu
finden. "Für einen Herrscher in einer so unsicheren Situation wie Commodus
es ist stellt die Dame Lucilla - schön, mit großem eigenen Vermögen und, wie
sie bereits unter Beweis gestellt hat, auch fruchtbar - einen unschätzbaren
Wert dar. Aber er weigert sich, dieses Potential für sich zu nutzen ... "
Ich fröstelte abermals, wenn ich daran dachte, was die Worte des Bankiers
beinhalteten. Ich hatte von den Gerüchten gehört - natürlich. Sie sind wie
die Pest: Du kannst ihnen nicht entrinnen indem Du Dich einfach in Dein Haus
einschließt. Ich hatte von den Gerüchten gehört und auch von dem Skandal,
den der Einzug des Imperators in Rom verursacht hatte: seine ältere
Schwester hatte unbekümmert neben ihm auf dem Triumphwagen gestanden und
ebenso an seiner Seite, als er die Ehrenbezeigungen anläßlich seiner
Thronbesteigung entgegennahm, während sie doch ihren Vater hätte betrauern
sollen. Aber Gerüchte hatten Commodus bereits umgeben, seit er in der Wiege
gelegen hatte. Oder - genauer gesagt - hatten die Gerüchte begonnen, als er
in seiner Wiege lag, denn es wurde immer wieder behauptet, daß nicht Marcus
Aurelius der Vater dieses Kindes sei, sondern einer der Gladiatoren, mit
denen sich die Kaiserin regelmäßig in den Zellen des Kolosseums zu vergnügen
pflegte. Als er älter wurde, hatte es Gerede über seinen mürrischen
Charakter gegeben, seinen beschränkten Verstand, seine erbarmungslose
Grausamkeit und den unverhohlenen Abscheu seines Vaters all dem gegenüber.
Dann war er plötzlich aus Germanien als Kaiser zurückgekehrt und stolzierte
als Eroberer daher - nur um die römischen Eroberungen aufzugeben ...
"Wenn der Staatsschatz leer ist", fragte ich und wählte dabei vorsichtig
jedes meiner Worte, "wie finanziert der Kaiser dann seine Spiele?"
Aemilius Trebutius Flaccus lächelte müde. "Wie ich bereits sagte, Herrin, Du
bist eine kluge Frau. Gewöhnlich würde man die Steuern erhöhen, aber unser
junger Commodus ist zu sehr darauf bedacht, dem Pöbel zu gefallen, als daß
er es in Erwägung zöge, eine so unpopuläre Maßnahme zu ergreifen. Also hat
er ein wachsames Auge auf den Senat, und jede noch so geringe Kritik wird
als Hochverrat ausgelegt und das Vermögen des in Ungnade gefallenen Senators
oder Ritters wird konfisziert. Wie Du bereits festgestellt haben dürftest,
kann der neue Kaiser mit Kritik nicht eben gut umgehen ... "
Ein Gärtner kam an uns vorbei, seine Werkzeuge lagen ordentlich auf dem
geschnittenen Gras, welches den Karren füllte, der von einem Esel gezogen
wurde. Der Mann lüftete seinen Strohhut und verneigte sich respektvoll vor
uns, bevor er seines Weges zog. Der Bankier wartete, bis er nicht mehr zu
sehen war, bevor er weitersprach.
"Aber das reicht nicht. Nicht im Entferntesten. Ebenso wenig die
Wertminderung des römischen Geldes. Also hat er angefangen, die staatlichen
Getreidevorräte zu verkaufen ... "
Mir stockte der Atem. Die staatlichen Getreidevorräte dienten dazu, die
Armen in schwierigen Zeiten zu ernähren. Mehr als hundert Jahre waren
vergangen und immer noch versetzten römische Eltern ihre Kinder mit
Erzählungen über den wahnsinnigen Kaiser Caligula in Angst und Schrecken,
der die öffentlichen Getreidespeicher hatte verschließen und das Volk
verhungern lassen, nur weil dessen mangelnder Enthusiasmus über die von ihm
geplanten Spiele ihn verärgert hatte.
Und nun verkaufte Commodus die staatlichen Getreidevorräte, um damit für
seine eigenen Spiele zu bezahlen.
"Ich hoffe, die verdammten Idioten genießen ihre Spiele, denn sie werden
dafür bezahlen - mit ihrem Leben und dem ihrer Kinder", stieß Aemilius
Trebutius Flaccus wütend hervor, und ich zuckte bei diesem ungewohnten
Gefühlsausbruch erschrocken zusammen. Der Bankier beruhigte sich wieder und
fügte hinzu: "Daher, Herrin, würde ich Dir empfehlen, die Villa zu behalten.
Tu so als ob Du sie gekauft hättest und schicke einen Vertrauten,
Apollinarius zum Beispiel oder auch jemand anderen, um das Haus und die
Verwalter zu begutachten. Vielleicht solltest Du Dich auch selbst hinbegeben
... Es ist schön in Melita. Die Rosen werden Dir gefallen. Die Villa ist alt
aber gepflegt und komfortabel. Nach einer angemessenen Frist, falls Du
beschließen solltest, sie nicht behalten zu wollen, würde ich mich geehrt
fühlen, sie Dir abzukaufen. Ich werde Dir den Höchstpreis bieten. Das ist
das Geringste, was ich für Capito tun kann. Er war ein guter Mann ..."
"War?"
Der Bankier lächelte bedauernd. "Kaiser mögen unfähig sein, Herrin, doch mit
den Kommandanten der Prätorianer sieht das ganz anders aus. Und Commodus hat
sich einen besonders tüchtigen Mann geangelt - den ehemaligen Stellvertreter
des Kommandanten der besten römischen Armee. Capitos Chancen stehen nicht
gut ... "
Apollinarius' diskretes Hüsteln weckte mich aus meinen Träumereien. Mein
ehemaliger Lehrer blickte mich mit seinen haselnußfarbenen Augen belustigt
an. Ich runzelte die Stirn.
"Was ist?"
"Ich sagte, daß ich mich jetzt auf den Weg zum Hafen mache, Julia."
"O ja. Geh nur." Ich entließ ihn mit einer Handbewegung, und er schenkte mir
ein süffisantes Lächeln, stand auf und verbeugte sich leicht. "Julia.
General", sagte er, dann drehte er sich auf dem Absatz um und marschierte
durch den Bogengang. Er wäre beinahe mit Nicia zusammengestoßen, die just in
diesem Moment die Terrasse betrat. Sie trug einen kleinen mit einer
Serviette abgedeckten Korb. Meine Dienerin vollführte eine für eine Frau
ihres Alters und Körperumfangs beachtlich flinke Pirouette. So gelang es
ihr, den Korb zu retten und denselben auf den Tisch zu stellen, nachdem sie
und mein ehemaliger Lehrer eine Flut von Entschuldigungen und Höflichkeiten
in heimatlichem Griechisch ausgetauscht hatten. Sie hatten sich immer gut
verstanden und mehr als einmal gemeinsam etwas ausgeheckt. Irgend etwas
sagte mir, daß dies auch jetzt der Fall war.
"Der Koch schickt Dir dies hier", sagte Nicia, während sie Schüsseln und
Teller auf dem überquellenden Tisch hin und her schob, um für die jüngste
Ergänzung des bereits überdimensionierten Frühstücks Platz zu schaffen.
Etwas in dem Korb duftete köstlich. Nicia nahm die Serviette weg, und zum
Vorschein kam ein gutes Dutzend frisch gebackener Plätzchen. Ich runzelte
schon wieder die Stirn. Auch wenn ich nicht eben verrückt nach Süßem war,
wußte ich doch, daß diese Plätzchen sehr gut schmeckten. Sie wurden aus
Pinienkernen, Rosinen und Honig gemacht, und mein Koch fertigte sie nur für
besondere Gelegenheiten wie die Saturnalien (***), wenn ich jedem Kind in
der Villa einen Korb wie den vor mir stehenden geben ließ.
Ich seufzte tief, versuchte vergeblich, mich zu entspannen und trommelte
dann mit den Fingern auf mein Knie. Ein dumpfer Kopfschmerz kündigte sich in
meinem Hinterkopf an. Ich weigerte mich, ihn zur Kenntnis zu nehmen. Nicia
bemerkte meinen kaum verborgenen Ärger, schob ihren Mann diskret vom Tisch
weg und nickte mir - glücklicherweise ebenfalls aus sicherer Entfernung -
bedeutungsvoll zu.
Die Kopfschmerzen wurden stärker und machten es mir unmöglich, sie weiter zu
ignorieren.
Ich schloß die Augen, preßte mit Daumen und Zeigefinger gegen den
Nasenrücken und zählte innerlich auf Griechisch von Zehn rückwärts.
Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich, daß Phönion wie aus dem Nichts
aufgetaucht war und nun auf dem Stuhl saß, den Apollinarius vor kurzem
geräumt hatte. Er schaute mit sehnsüchtigen goldenen Augen auf den Tisch.
"Wage nicht, auch nur daran zu denken", warnte ich ihn, und die Barthaare
des Abessiniers bewegten sich mit einer Geringschätzung, die keinen Zweifel
daran ließ, was er von Spielverderbern wie mir hielt.
Nachdem ich die Katze für den Augenblick unter Kontrolle hatte, wandte ich
mich Maximus zu, der mich mit zusammengezogenen Augenbrauen ansah.
"Was?" fragte ich ein wenig schärfer als beabsichtigt.
"Wenn Du in meiner Legion gewesen wärest, hätte ich Dir die Versorgung der
gesamten Truppe anvertraut, Julia", sagte er, seine Stimme eine Mischung aus
Belustigung und offener Bewunderung.
Ich sah ihn entgeistert an, suchte vergeblich nach einer passenden Antwort
und brach dann in Gelächter aus.
Ich konnte die Erleichterung in meinem eigenen Lachen hören, aber auch einen
Anflug von Hysterie.
Maximus schenkte mir ein Lächeln, das dem des Kindes mit den grünen Augen
aus meinem Traum glich, dann nahm er ein Plätzchen und biß hinein. In seinem
Gesicht leuchtete ein überraschtes Entzücken auf, und sein Grinsen wurde
breiter.
Einen kurzen, flüchtigen Moment lang sah er nicht älter als der Junge im
Fluß aus.
Ich nahm ebenfalls ein Plätzchen und begann genüßlich zu kauen.
(***) Melita: Die Insel Malta.
(****) Saturnalien: römisches Fest zu Ehren des Gottes Saturn. Es begann am
17.Dezember und dauerte eine Woche, in welcher sich die Römer mit ihren
Verwandten trafen, um gut zu essen, zu feiern und Geschenke auszutauschen,
wie wir es heute zu Weihnachten und Neujahr tun. |