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Im Namen der Königin
Erster Teil
„He, Nick!“ ruft der untersetzte Mann ihm zu und hält eine staubige Tonscherbe, über seinen Kopf hoch. „Sie Dir das mal an! Ich habe zwar keine Ahnung, wie das Ding hierher kommt, aber eindeutig steht für mich fest, dass es aus vorchristlicher Zeit stammt!“ Nick wirft einen kurzen Blick auf das staubige Fundstück seines Kollegen und grunzt unwirsch: „Dass Du Dich da nur nicht irrst! Wahrscheinlich ist es nur Teil von zerbrochenem Geschirr, das vorbei ziehende Nomaden hier entsorgt haben. Vergiss es!“ Er nimmt kurz den abgegriffenen Leinenhut von seinem Kopf und wischt mit dem Unterarm über die verschwitzte Stirn, bevor das gute Stück auf seinen Platz zurückwandert und er erneut ein paar Notizen auf seinen Block kritzelt. Als die Spitze des Grafitstifts abbricht, flucht er verhalten und kramt in der Seitentasche seines ärmellosen Kaki-Gilets nach einem Ersatzstück. Brummend kann er ein solches finden und widmet sich erneut seiner Arbeit. Die Ausgrabungsstätte liegt schutzlos in der gnadenlosen Sonne des Orients. Er sehnt sich nach einem eiskalten Bier, einer schattigen Hängematte oder einfach nur nach einem klimatisierten, wenn auch einfachen Hotelzimmer. Doch dies war erst der Beginn einer langen Zeit in der Steinwüste von Marib. Er war zu lange weg gewesen, hatte sich an den Komfort eines geregelten Lebens an der Universität von Cambridge, wo er unterrichtet hatte, gewöhnt. Als er schon nicht mehr daran geglaubt hat, wurde ihm diese Grabungsarbeit endlich bewilligt. Doch die spärlichen Funde, seines Erachtens nach, kaum wert, erwähnt zu werden, hatten sein Entdeckungsfieber in kürzester Zeit auf den Nullpunkt herab gesenkt. Was hatte er gehofft, noch zu finden, was man nicht schon längst entdeckt und katalogisiert hatte? Seine allseits belächelte Bewunderung, die er für die Königin von Saba hegte, machte ihn langsam blind und blöd zugleich. Er musste erneut wissenschaftlich überlegen und nicht irgendwelchen Hirngespinsten und Wunschträumen hinterher jagen. Diesen Palast hatte es mit Wahrscheinlichkeit nie gegeben und manchmal fragte er sich, ob es diese mysteriöse Frau, die kurz in der Heiligen Schrift und dem Koran erwähnt wird, nicht auch nur eine Erfindung verworrener Geister wie dem seinen war. Das Gastrecht, das sie hier in diesem abgeschiedenen Teil des Jemen genossen, hatten sie den Scheichs zu verdanken, allen voran, dem Sultan von Seyun, dem Stammesfürsten dieses Gebietes. Nick wirft einen Blick auf die schwer bewaffneten Leibwächter, die der legendäre Herrscher ihnen zur Verfügung gestellt hatte. Nicht, dass ihre Arbeiten gefährlich gewesen wären, aber keine Frage, diese Großzügigkeit, ein weiterer Beweis der sprichwörtlichen Gastfreundschaft, durfte keineswegs zurückgewiesen werden. Schließlich beschäftigten sie an die fünfzig Einheimische für ihre Grabungsarbeiten, und Arbeit zu finden, war für die hier lebenden Menschen in dem kargen Wüstengebiet einfach unbezahlbar. Auch kam es immer wieder vor, dass dreiste Schatzsucher und Plünderer sich in der Gegend herum trieben. Vielleicht hatte der Sultan gerade das bedacht.
Als er sich später besagte Tonscherbe näher ansieht, erwacht erneut ein Funken Hoffnung in ihm, der sich in eine leicht aufflackernde Flamme wandelt, sobald er festgestellt hat, dass der Fund seines Kollegen gar nicht so unbedeutend zu sein scheint, wie er erst angenommen hatte. Vorchristlich war er zwar nicht, doch alt genug. Vor allem befanden sich Bruchstücke einer Inschrift auf der Unterseite und er nimmt das sandfarbene Stück genauer unter die Lupe. Es gibt nicht viele Archäologen, die diese altsüdarabische Schrift entziffern können, aber er darf sich glücklicherweise, oder dank seiner verrückten Begeisterung für die Legende und das Volk der Sabäer, das vor dreitausend Jahren hier gelebt hatte, dazu rechnen. Seine Begeisterung lässt etwas nach, als er zu dem Schluss kommt, dass dieses Fundstück allerhöchstens an die 1100 Jahre alt sein konnte, also aus der Zeit stammen musste, als eine andere legendäre Frau das Land regierte, deren Existenz jedoch längst bewiesen war. Königin Arwa verlegte ihre Residenzstadt allerdings nach Djibla, nachdem sie die Regentschaft ihres verstorbenen Mannes übernommen hatte. Es stand einem Wissenschaftler wie ihm nicht zu, sich Spekulationen hinzugeben, die Sachen mussten genau datiert und katalogisiert werden. Also setzt er die Lupe auf die Inschrift und beginnt sie zu entziffern. „...der Nabel Deines mit Blumen umkränzten Bauches...“ Ein ihm nur allzu gut bekanntes Fieber ergreift Besitz von seiner Seele. Er musste mehr darüber wissen! Es mussten noch mehr von diesen Stücken zu finden sein. Ach, verdammt! Hier war von einer Frau die Rede! Möglicherweise der Königin selbst! Selbst wenn das Fundstück sich der Epoche von Königin Arwa zuordnen ließ, so schienen sich doch an der richtigen Stelle zu graben. Die Bohrungen in achtzehn Metern Tiefe hatten diese Art von Text noch nicht zu Tage befördert. Inschriften gab es derer genug, aufschlussreiche Hinweise auf die älteste Karawanenstrasse der Welt, doch das hier schien eine Lobpreisung an eine außergewöhnliche Frau zu sein. Ein Liebesgedicht oder eine Hymne, jedenfalls etwas in der Art! Sobald der Morgen graute, würde er dort weiter graben, wo Peter das hier gefunden hatte! Liebevoll pinselt er noch ein Weilchen an dem Stück herum, bevor er es in einen Papierkarton auf Holzwolle bettet und auf sein Regal stellt. Als er unruhig in einen leichten und kurzen Schlaf gleitet, projiziert sein Unterbewusstsein Judiths Bild in seinen Kopf und seine Erinnerung. Judiths makelloser weißer Bauch, umkränzt von Jasmin ... Judiths Brüste mit den dunklen, perlengleichen Spitzen, die ihn locken, sie zu berühren ... Judiths ovales Gesicht, umrahmt von einer Flut dunkelbraunen Seidenhaars, und darunter ihre hohe Stirn, rot von ihrem Blute, das in die toten Augen tropft. Er schreit laut auf, und sucht zu erwachen, doch die grausame Erinnerung lässt ihn nicht aus ihren Fängen entkommen. Sie hält ihn eisern fest, bis er um sich schlägt, und sein kräftig gebauter, schwerer Körper mit lautem Krachen von der einfachen Liegestatt rollt und am Boden aufschlägt, wo er stöhnend und nur langsam zu sich kommt, um sich der Ungeheuerlichkeit seines Verlustes einmal mehr zu besinnen.
Bevor er sich erneut an die Grabungsarbeiten macht, lässt er sich das Brunnenwasser in reichen Mengen von Ahmed über seinen Körper gießen. So, als wolle er mehr als nur den Schweiß und Staub von sich spülen. Er hatte beschlossen, selbst die wackelige Leiter in den Bohrungsschacht hinunterzuklettern, dort wo die Arbeiter mit den gleichen einfachen Mitteln wie immer schon, Schutt und Gestein in Körbe füllten, die Andere mit einer Seilwinde ans Tageslicht beförderten. Dort wurde gesiebt und sortiert, Tag aus, Tag ein. In dem Loch ist es noch stickiger als oben auf dem Wüstenboden. Kaum Luft zum Atmen, und Staub, der sich auf die Schleimhäute legt, jede seiner Bewegungen erschwert und unangenehm an der mit Schweiß bedeckten Haut seines Gesichts klebt. Er zieht sein Halstuch über Mund und Nase und versucht nur kleinweis Luft zu schöpfen. Dann beginnt er zu graben, erkundigt sich bei den Männern, wo sie die Scherbe am Tag zuvor fanden und macht sich ans Werk. Vorsichtig, um nur ja nichts zu zerstören, lockert er das harte Gestein aus dem Boden und untersucht jede Schaufel, die er aus dem Erdreich löst. So geht es Stunden lang. Verlorene Zeit. Er kann nichts Brauchbares finden. Seine rauen Hände werden rissig und bluten an manchen Stellen. Die Scherbe, soviel wusste er bereits, war keineswegs Teil eines Tongeschirrs, sie war ein Bruchstück einer Mauerverkleidung, eines Fenstersims oder ähnliches. Genau konnte er das nicht bestimmen, solange er nicht die oder den dazu gehörigen Teil gefunden hatte. Schließlich ist er so erschöpft, dass er droht umzukippen, wenn er nicht augenblicklich dieses Loch verlässt und zurück an die Luft kehrt, um sich ein wenig zu erholen. Einmal mehr bewundert er die Arbeiter, die ihre Tage hier in der Tiefe verbrachten. Zugegeben, sie legten ein anderes Arbeitstempo an den Tag, gruben nicht, wie er, verbissen, bis jeder Muskel seiner Arme schmerzte und seine Lungen brannten. Sie hatten einen eigenen Rhythmus, der es ihnen erlaubte, die vielen Stunden im Schoss des Gesteins durchzuhalten. Er erklimmt die ersten Sprossen der Leiter, als ein überraschter Ausruf eines Arbeiters ihn zurück ruft. Irritiert davon, springt er einen guten Meter zurück auf den Boden, und seine Augen heften sich auf etwas, das wie eine zusammengefügte Steinmauer von unglaublicher Glätte und Präzision aussieht. Trotzdem er versucht ruhig Blut zu bewahren, schlägt sein Entdeckerherz einen wilden Stakkato, und sein aufgekratzter Geist lässt ihn auf die Knie sinken, um die Oberfläche des Gebildes zu betasten, das die grinsenden Arbeiter eben frei gelegt haben. Er befühlt den weißen, kühlen Stein und legt seine unrasierte Wange darauf, als könne der Stein ihm etwas ins Ohr flüstern. Die Gesichter der Männer auf der Erdoberfläche haben sich über den Rand des Tunnels geneigt und nehmen ihm das nötige Licht, um zu betrachten, was da vor ihm aus dem Schutt und Sand hervor gewachsen war. „Das ist es“, flüstert er zu sich selbst. Ehrfürchtig blicken die Männer auf ihn und die Zeugen ihrer Kultur, die sie frei gelegt haben. „Hier liegt eine Stadt vergraben! Es müssen Reste eines Palastes sein, oder eines Tempels!“ Ein unkontrollierter Triumphschrei löst sich aus seiner Brust und er ballt die Fäuste zum entfernten Himmel über ihren Köpfen. Die Leute stimmen mit ein und die rohen Wände des Schachts hallen wider von ihren Jubelrufen.
Die Bohrungen müssen aktiviert, der Tunnel vergrößert werden und dazu bedarf es einer weitaus größeren Menge von Arbeitern, die es mit dem Sultan auszuhandeln galt. Er bestimmte den Tarif und Lohn, die Gebetszeiten am Tag, und legte die Namensliste fest. Nick überlässt Peter die Aufsicht und macht sich in der ärgsten Mittagshitze, begleitet von einem Jeep schwer bewaffneter Wächter auf den Weg nach Sana’a, der Hauptstadt, wo des Sultans Hauptresidenz liegt. Gewiss ist, dass der Herrscher ihn mit großer Freude empfangen würde, weil er Arbeit und somit den Bewohnern des Landes einen gesicherten Lebensunterhalt brachte. Er hatte sich an den Anblick der geladenen Schnellfeuergewehre gewöhnt, die ihn auf Schritt und Tritt begleiteten. Auch wenn sie zu seinem Schutz bestimmt waren, musste er doch hin und wieder darum bitten, man möge doch so gut sein und versuchen, die Läufe auf den Boden und nicht unbekümmert auf Personen richten. Ein Grinsen war dann meist die Antwort, doch für ein kurzes Weilchen entsann man sich seiner Anfrage und kam ihr nach. Unterwegs werden sie an den Stammesgrenzen immer wieder von bewaffneten Straßenposten angehalten, Begleiter in abenteuerlichen Uniformen und mit Kalaschnikows aus dem jeweiligen Stammesgebiet steigen in die Jeeps, um sie durch das Stammesgebiet zu geleiten, und nachdem ihre Begleitung ein Schutzgeld an die Stammesmitglieder bezahlt hat, können sie ungehindert weiterfahren - bis zum nächsten Stop. Die bunten Märkte, an denen sie vorbei kommen, werden beherrscht vom emsigen Handelsbetrieb des Nachmittags. Der weiß getünchte Palast des Sultans schmiegt sich an die Basaltberge und überthront die faszinierende Stadt des Orients. Vielstöckige bunte Lehmhäuser reihen sich eng aneinander und geben kleine Gassen und Strassen frei, gerade breit genug, um einen Karren oder ein Fahrzeug durchzulassen. Steil windet sich die Palaststrasse den Hügel hinauf und eine Menge lachender Kinder läuft neben den Fahrzeugen einher, winkt und ruft ihnen Begrüßungsworte hinterher. Schwere Holztore, mit Eisengriffeln beschlagen, öffnen sich vor den Männern und sie fahren in das Innere der Festung. Das blendende Weiß der Mauern wird gedämpft von blühenden, exakt ausgerichteten Pflanzenkulturen und der Blütenpracht von Farben, die nur die Natur selbst hervor zaubern konnte, vermittelt und bestätigt die Vorstellung eines märchenhaften Orients, wie er oft in alten Legenden besungen wird und fast überall einem Bild des Elends und der Trostlosigkeit islamischer Strenge weichen musste. Und doch, Nick ist sich darüber im Klaren, dass der Palast der Königin Awra, den er hofft, gefunden zu haben, um vielfaches prächtiger gewesen sein könnte, wie diese Residenz der neueren Zeit. Die vergitterten, kleinen Fenster, hinter welchen er die vagen Bewegungen lebendigen Tun beobachtet, erinnern ihn an die streng islamische Welt, wo Frauen, tief verschleiert, aus der Welt der Freiheit gesperrt werden und Blutrache zum Alltag jeder Familie gehört. Es gibt nicht mehr viel, das ihn erschüttert oder beeindruckt, seit Judith vor seinen Augen im Gaza-Gebiet Palästinas durch einen Querschläger ums Leben kam. Wenn auch hinter dicken Mauern verborgen, lebten diese Frauen ein geruhsames, ja, genüssliches, wenn auch langweiliges Leben. Hier waren sie in Sicherheit, unterstanden dem Schutz ihres „Gebieters“ und widmeten sich ihren Kindern, ihrer Pflege und des Müßiggangs.
Er wendet den Blick vom Haremshaus mit seinen Holzgittern vor den Fenstern ab und folgt den Wächtern ins Innere des kühlen Palastes. Die Einfachheit seiner Bauweise trügt, denn hinter den Wänden des ausladenden Gebäudes herrscht klimatisierte Luft, die jeden, der aus der gleißenden Hitze der Wüste herein tritt, aufatmen lässt. So auch Nick Wilson, der diese heiligen Hallen zum zweiten Mal seit seiner Ankunft vor drei Wochen im Jemen betritt. In einer Art Vorzimmer, an dessen Wänden zierliche Stühle aufgereiht stehen, muss er sich gedulden, bis der Sultan Zeit für ihn findet. Und sie wird ihm lang, diese Wartezeit! Sein Kopf ist voll von Plänen, und die Erwartungen, die er in den heutigen Fund gesetzt hat, erfüllen sein Denken und schreien nach Handlung! Als rufe die Königin ihn selbst. Er geht wie ein gereizter Tiger in seinem Käfig auf und ab. Schließlich wird er von einem Gesandten gebeten ihm zu folgen, nicht, ohne dass man ihn zuvor nach Waffen abtastet. Eine ausladende Holztreppe führt in ein Stockwerk, das den Audienzsaal beherbergt, einen offenen, mit geschnitzten Holzsäulen ausgestatteten Raum, an dessen Wänden schwere, handgeknüpfte Teppiche in außergewöhnlichen Farben und Mustern prangen. Auch die gepolsterten Bänke sind bedeckt von diesen typisch orientalischen schweren Stoffen und Matten. Der Sultan empfängt ihn auf einem bequemen Thron aus wertvollem Silber und Nick fragt sich, ob er diesen, extra zu seiner Begrüßung bestiegen hatte. Der Herrscher erhebt sich und begrüßt den Gast auf Arabisch, was Nick in der Sprache, die er halbwegs beherrscht, erwidert. Komplimente werden ausgetauscht und Erfrischungen aufgetragen, bevor man sich höflich und ohne Hast an den Grund des Besuchs heran tastet. Nick hält seine sprichwörtliche Begeisterung zurück, so gut er kann. Es fällt ihm nicht leicht, aber die Gepflogenheiten zu akzeptieren, zu denen eben auch diese belanglose Einleitung durch allerlei ausgetauschter Höflichkeiten zählt, ist äußerst wichtig und einzuhalten. Doch der kluge Mann in dem schneeweißen Burnus ist ein Fuchs und durchschaut die Strategie der gelassenen Schilderung des Archäologen nach kürzester Zeit schon. „Ihr seid ein erfolgreicher Mann, Nick Wilson. Ihr seid gekommen, um nach den versunkenen Schätzen von Saba zu graben und ich glaube, Ihr habt gefunden, wonach Euer Herz sich sehnte!“ Nick hält dem Blick aus rabenschwarzen Augen stand und nickt langsam. „Ich kann nicht sagen, was es ist, doch will ich nicht verheimlichen, dass es das Tor zu einer sehr alten Kultur sein mag, älter als alles, was wir in den letzten fünfzig Jahren in dieser Gegend ans Tageslicht befördert haben! Und natürlich wird der Ruhm dieser Sensation, denn eine solche ist es ganz sicher, Euch zugesprochen, Effendi, wie es Eurer Großzügigkeit gebührt!“ Er macht eine angedeutete Verbeugung und nimmt einen großen Schluck des eisgekühlten Pfefferminztees, der in kleinen Silberschalen vor den Männern auf dem niedrigen Tischchen steht. „Ohne Eure Hilfe wären uns die Hände gebunden, und diese großartige Entdeckung nie gelungen. Das wissen wir über alle Maße, wie auch die Weltöffentlichkeit gebührend zu schätzen!“ Der Orientale in mittleren Jahren, mit dem altmodischen Fez auf den dunklen Locken, nickt großmütig zu den Worten. Er liebte Schmeicheleien, vor allem, wenn sie, wie gerade jetzt, der Wahrheit entsprachen. Ohne seine Einwilligung hätte kein Fremder seinen Fuß nach Marib setzen können, Weltkulturgut hin oder her. Aber er war ein weit gereister und aufgeschlossener Mann und wusste die Vorzüge, die aus dem Westen kamen, für die Zwecke seines Landes überaus gut zu nützen. „Und nun seid Ihr gekommen, Mister Nick, damit wir über den Fortgang verhandeln, denn ihr wollt noch tiefer graben und braucht dazu meine Leute! Ist es so?“ Der Angesprochene nickt und muss die Überlegenheit des Anderen hinnehmen. Er war unumschränkter Herrscher dieses Landstrichs und konnte sogar die Regierung selbst unter Druck setzen, mit seinen ihm zustehenden Mitteln, die nicht immer der Legalität entsprachen. „So ist es“, gibt er demütig zu und sein markantes, sonnengebräuntes Gesicht, aus dem die hellen, grünlichen Augen auffallend leuchten, nimmt einen sehr ernsten Ausdruck an. „Ich denke, ich bin auf den Spuren von Königin Awras Zivilisation“, erklärt er fast feierlich, weil er es auch so empfindet. „Nein, ich denke es nicht, ich bin mir sicher! Last mich es Euch erklären...“ Und so erzählt er den Moment der Entdeckung der Tonscherbe und anschließend der Spitze oder des Daches eines imposanten Bauwerkes, das er freizulegen gedenkt, wie einen spannenden Kriminalroman, weil er genau weiß, dass Orientalen für Erzählungen aller Art sehr anfällig sind. Danach lehnt er sich zurück und verschränkt seine muskulösen Oberarme vor der Brust, um die Wirkung seiner Worte abzuwarten. Auch der Sultan hatte sich zurück gelehnt und blickt, halb auf den Ruhekissen liegend, den Archäologen prüfend an. „Warum fasziniert Euch Saba so sehr, Nick?“ Nick hebt die Schultern und seine Handflächen zeigen nach oben, als er verwundert entgegnet: „Ich bin Archäologe, Effendi! Ein Entdecker, ein Spurensucher vergangener Kulturen, die ich der Welt zu Füssen legen will. Ich habe mein Leben dieser Wissenschaft verschrieben, müsst Ihr wissen. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendetwas anderes zu tun!“ Bedächtiges Nicken des Sultans begleiten seine Worte und der Mann streicht über seinen adrett gestutzten Kinnbart. „Gut. Diesen Weg gewählt zu haben, gereicht Euch zu allen Ehren, Nick Wilson. Aber warum Saba? Es muss doch einen gewissen Beweggrund geben, der Euch hierher in diese unwirtliche Steinwüste getrieben hat!“ Nick seufzt und versucht die überzeugenden und richtigen Worte, die den Sultan zufrieden stellen könnten, zu finden. „Das Königreich von Saba, das bereits vor dreitausend Jahre existiert hatte, ist wohl, nach Ägypten, das interessanteste Beispiel einer versunkenen Hochkultur, wie man sie danach nur mehr selten im Laufe unserer Geschichte antreffen konnte.“ Er macht eine kleine Pause und fixiert den Araber, der sein Kinn abwartend auf den Arm gestützt hatte und den Ausführungen seines Gastes mit Interesse lauscht. „Ob Makeda, oder Bilkis, wie Dein Volk sie nennt, die Königin von Saba, laut der Bibel und auch des Korans wirklich existiert hat und König Salomon selbst aufgesucht hat, um seine Weisheit zu prüfen, ist und bleibt viel umstritten. Ich selbst glaube daran, denn meine bisherigen Recherchen gaben aufschlussreiche Hinweise, die auf ein solches Handeln ihrerseits hindeuten.“ Er verschweigt, dass Judith selbst, seine geliebte Judith, ihn auf die Spur gebracht hatte und bei seinen Nachforschungen assistierte, weil sie, ebenso wie er ,von der Legende, die sich um die Königin von Saba rankte, überzeugt war. „Doch, wenn wir die Spuren ihres alten Reiches entdecken wollen, müssen wir graben, tief graben und suchen, vielleicht noch Jahrzehnte lang, um ihr auf die Spur zu kommen. Ein erster Schritt in diese Richtung ist getan worden – nicht ohne Eure wertvolle Hilfe, Effendi. Wenn es sich bei dem neuesten Fund um die Stadt, in der Awra regiert hatte, handelt, so wird sich in dem darunter befindlichen Erdreich eine noch viel ältere Kultur verbergen, denn, wie Ihr sicher wisst, bauten Völker immer wieder auf den Resten frühere Zivilisationen ihre Reiche und Städte auf. Den besten Beweis liefert uns immer noch Ägypten, aber auch der Iran oder Syrien.“ „Das ist alles höchst interessant, Nick, aber es beantwortet nicht ganz meine Frage. Ihr verzeiht, aber ich bin ein äußerst neugieriger Mann und ich schäme mich meiner Untugend, die ich nicht zu beherrschen weiß.“ Ein leutseliges Gesicht begleitet seine Worte, und Nick muss die Neugier des Herrschers zufrieden stellen, wenn er nicht dessen Missgunst herauf beschwören will, was in seiner Lage sehr dumm wäre. „Nun“, beginnt er etwas leiser, als fürchte er unliebsame Zuhörer. „Ich liebte eine Frau über alles, Effendi. Eine Frau, die, wie ich, auf den Spuren der Geschichte wandelte und vor knapp zwei Jahren einem gewaltsamen Tod erlag.“ Seine Gesichtmuskeln bleiben regungslos, seine Beherrschung ist perfekt, trotzdem er es hasste mit Fremden über Judith und die Gefühle, die ihn mit ihr verbanden, sprechen zu müssen. Das interessierte Aufblitzen in des Sultans Augen war ihm nicht entgangen, als er fort fährt: „Wir hatten gemeinsam an den Forschungen nach der Sabäerin gearbeitet! Viele Jahre lang! Es ist meine Pflicht und mein großes Bedürfnis, ihrem Andenken meine weiteren Forschungsarbeiten zu widmen, Effendi. Könnt Ihr das verstehen?“ Er zweifelt daran, der Sultan hatte einen Harem voll Gespielinnen, und er und seine Glaubensbrüder besaßen sicher wenig Bezug zu dem Begriff „Liebe“, wie er in der westlichen Welt zu verstehen war. Zu seiner Überraschung jedoch, umspielt ein nachdenkliches Lächeln die Lippen des Sultans, als er seine Worte, wie folgt, bestätigt: „Ich kann Euch sehr gut verstehen, Mister Nick! Was wären wir Männer ohne den Liebreiz der Frauen? Ohne ihre Zärtlichkeit und ihre weisen Ratschläge? Ich fühle mit Euch, die große Traurigkeit, die Euer Sein erfüllt! Ihr könnt mir glauben, ich schätze Euch für das Vertrauen, das ihr bewiesen habt, indem Ihr Euer intimstes Geheimnis an mich weiter gegeben habt! Es gereicht Euch zu allen Ehren und bleibt für immer in meinem Herzen verschlossen!“ Theatralisch legt er seine Rechte auf seine breite Brust und Nick verkneift sich ein Lächeln. Ach, diese Orientalen! Sie liebten Szenen wie diese und einem kühlen Europäer wie ihm, fällt es gar nicht so leicht, sich diesen gefühlvollen Ausbrüchen anzupassen. Für gewöhnlich war er kein Mann großer Worte, eher der Taten, wenn auch nicht unbedingt immer großer! Aber er tat was er konnte, und seit dem Tod Judiths, hatte er jedes menschlich, tiefe Gefühl, jede sinnliche Regung in sich ad acta gelegt. Sein Augenmerk konzentrierte sich immer mehr auf die Wissenschaft, und der schönen und angeblich so klugen Bilkis hinterher zu jagen, war sein magerer Ersatz für Judiths verlorene Liebe. Er verband damit sein inniges Andenken an die Frau seines Lebens. Ihre Wege hatten sich gekreuzt, für kurze Zeit nur, und dann trug der Wind des Hasses, der unablässig wie ein Gifthauch über dem Nahen Osten brütet, ihre Liebe samt ihrem kostbaren Leben davon. Ihr Tod hatte etwas in ihm ersterben lassen, das nichts mehr lebendig machen konnte und nur der schwache Trost seiner Arbeit machte es ihm möglich, sich nicht dem Suff zu ergeben und als unbedeutender, leidenschaftsloser Lehrer an irgend einer Universität den trockenen Stoff der Geschichte leidenschaftslos herunter zu leiern, und die Schüler damit einzuschläfern oder zu belustigen.
Vertrauensvoll hatte sich der Sultan ein wenig nach vor geneigt. „Euer Vertrauen verlangt nach Belohnung, mein Freund! Ich will Euch meine Tochter vorstellen, meine erstgeborenes und allerliebstes Kind! Sie ist erst vor wenigen Tagen aus Paris zurückgekommen, wo sie studiert hat! Politikwissenschaft und Kunst! Ein sehr gebildetes Mädchen, auf das ich alle meine Hoffnungen setze! Ihre geplante Verbindung mit dem jordanischen Thronfolger wird für uns alle, ja, die gesamte arabische Welt, von großer Wichtigkeit und Bedeutung sein, müsst Ihr wissen! Sie wird den zukünftigen Herrscher mit ihrer Weisheit und ihrem Liebreiz in seinem wichtigen Amtsgeschäft unterstützen.“ Seufzend lehnt sich der Herrscher zurück und ein melancholischer Gesichtsausdruck legt sich auf seine Züge. „Ich weiß nur zu gut“, fährt er sinnend fort, „dass die Zeiten sich ändern und wir uns anpassen müssen, wenn unsere Kultur nicht untergehen soll! Die fanatischen Auswüchse der Extremisten des Islams sind keineswegs das, was Gott gewollt hat. Wenn wir nicht umdenken und mit aller Macht den Fanatismus unserer Glaubensbrüder bekämpfen, vereint mit der Welt des Westens, dann wird nur mehr Gewalt und Hass diese Welt beherrschen und unsere Kinder keine Zukunft haben, wie wir sie herbei sehnen. Ich habe viele Frauen, mein Freund! Und noch mehr Kinder, Enkelkinder! Ich liebe sie alle und will sie nicht unglücklich sehen. Doch Yasmina ist mein Stern, mein Engel, den Gott mir geschickt hat. Sie wird die Zukunft unser aller bestimmen. Schon der alte König von Jordanien ist ein aufgeschlossener Mann der Gegenwart. Sein Sohn hat in Amerika studiert und sie sind seit langem einander versprochen. Ich bitte Euch, mein Freund, dieses Geheimnis niemandem, wirklich niemandem preis zu geben. Wir werden die gute Botschaft in wenigen Wochen verkünden. In dieser Zeit will ich von der Anwesenheit meines Kindes profitieren.“ Er lächelt gönnerhaft. „Es mag Euch ja ungewöhnlich erscheinen, dass ich, als Muslim, alle meine Hoffnung auf eine Frau setze, nicht wahr?“ Nick zeigt keine Reaktion, um den Sultan nicht zu brüskieren. „Nun“, fährt der ältere fort, „aber ich glaube eben auch an diese sagenhaften Königinnen wie Bilkis oder Awra! Und das Blut der Sabäer, die ihre Königinnen verehrten, fließt auch heute durch meine Adern. Also wäre diese Frage, die Ihr Euch stellen mögt, ganz einfach beantwortet! Aus allen diesen angeführten Gründen heraus, habe ich es so gewünscht, dass dieses Kind der Hoffnung einen Grossteil seiner Jugend im aufgeschlossenen Westen verbringt. Sie ist so frei, wie sie selbst es sein will. Bis auf wenige, elementare Gesetze unseres Glaubens, kann sie sich nach Belieben frei bewegen und kleiden, ganz nach ihrem Gutdünken. Ihr Herz zeigt ihr den Weg und die Grenzen.“ Obwohl Nick es fraglich findet, ob sabäisches Blut überhaupt noch in irgend jemands Adern floss – ebenso wie altägyptisches in den Ägyptern von heute - , scheint ihm diese fantastische Erklärung plausibel genug, um zustimmend zu nicken. „Ich bin selten einem weiseren Mann begegnet als Euch, Effendi“, sind seine ehrfurchtsvollen Worte. Und sie ist nicht gespielt, diese Hochachtung vor dem Mann, zu dem er sich ungewöhnlich stark hingezogen fühlt. Der Sultan musste immerhin damit rechnen, mit seiner frauenfreundlichen Gesinnung in der arabischen Welt nicht nur Sympathien hervor zu rufen, sondern auch Verachtung oder gar abgrundtiefen Hass. Es scheint ihn nicht zu kümmern und die Liebe, die Anbetung für seine Tochter dürfte echt sein. Entrückt und in eine andere Welt versetzt, wird Nick durch den Anruf, den der Sultan mit einem Mobiltelefon tätigt, das er aus den Falten seines Burnus hervor zaubert, in die Realität des 21. Jahrhunderts zurück geholt. Dass es Männer vom Schlage des Sultans von Seyun gab, erleichterte zwar nicht Judiths Tod, doch wird er von einem Funken Hoffnung auf Frieden und das Bemühen, ihn zu fördern, gesühnt. Ein eigenartiger Gedanke in einer eigenartigen Stimmung in dieser eigenartigen Welt, wo jahrhundertealte Tradition mit dem frischen Wind der aufkeimenden Besinnung verschmilzt. Als sich die Goldverzierten Flügeltüren öffnen und eine modern gekleidete, junge Frau herein tritt, fährt Nick der heiße Strom der Überraschung durch alle Glieder, und er unterdrückt nur mühsam einen Ausruf der Klage und Freude zugleich. Ihm ist, als spielte ihm sein Schicksal einen bösen und höhnischen und doch zugleich großzügig verzauberten Streich: Erst als die junge Frau festen Schrittes und mit erhobenem Kopf auf die beiden Männer zutritt, wird ihm klar, dass es sich nicht um Judith handelt, die gekommen ist, um ihre Gesellschaft zu teilen. Diese zarte, junge Frau mit den mädchenhaften Zügen ist kleiner als Judith und ihre Haut weitaus dunkler. Das Haar, das in gewellten Kaskaden über ihre Schultern und ihren Rücken fällt, wird von einem schlichten Goldreif aus der hohen Stirn gehalten. Zwei mandelförmig geschnittene, große Augen, schwarz wie der Basaltberg im Osten der Stadt, blicken unter dichten, geschwungenen Wimpern aufmerksam auf den Besucher. Das Mädchen, gekleidet in einem weißen, weich fließenden Hosenanzug, der ihre schmale Taille und das wohlgeformte Becken umso mehr betont, neigt ihren Kopf, greift nach der Hand ihres Vaters und haucht einen angedeuteten Kuss auf seine Finger. Gerührt und voller Liebe steht der Sultan auf und schließt sie in die Arme, um ihre Wangen zu küssen. Dieses harmonische Bild von Vaterliebe berührt Nick mehr, als ihm lieb ist. Unter dem Einfluss dieser kleinen und doch so einnehmenden Persönlichkeit, hat er sich erhoben und verbeugt sich kurz, als sich ihm diese Erscheinung vollkommener Schönheit und Anmut zuwendet. Ihre Nase ist wohlgeformt und nicht eben klein, wie die von Judith. Sie zeigt von Charaktergröße, ebenso wie der kluge und stolze Ausdruck ihrer, mit Kohle umrahmten Augen. Die Andeutung eines Lächelns legt sich um ihren vollen, dunklen Mund, der mit Henna dunkel gefärbt ist. Trotz ihrer modernen Aufmachung, der hochhackigen Sandalen und des Pariser Modells, das sie trägt, ist sie für Nick die Symbolisierung des Orients aus Tausendundeiner Nacht! Er kämpft gegen die faszinierte Betroffenheit an und erwidert ihren Blick mit höflicher Freundlichkeit. „Meine Tochter: Yasmina Amira Al-Shama, was soviel bedeutet, wie „die geschenkte Prinzessin“. Licht meines Daseins!“ Der Stolz der aus des Sultans Stimme spricht, beeindruckt Nick mehr als seine Worte. „Mister Nick Wilson aus Großbritannien, meine Liebe“, stellt der Sultan nun seine Wenigkeit diesem bezaubernden Geschöpf vor. „Er ist ein angesehener Archäologe, ein guter Freund, der unsere Verehrung für Königin Bilkis und die Sabäer, unsere Vorfahren teilt und nach den Zeugnissen ihrer Kultur sucht! Natürlich mit meiner vollen Unterstützung!“ Diese Worte sind Balsam für Nicks Seele. Nicht, weil er seinem Ego damit schmeichelt, sondern weil es gute Zukunftsaussichten für die kommenden Arbeiten bedeutete. Der Sultan würde Wort halten und fraß ihm aus der Hand. Warum, konnte er nicht genau definieren, aber er es hatte zweifellos mit seiner archäologischen Begeisterung, wenn nicht sogar mit seinem eigenen traurigen Schicksal, von dem er ihm erzählte, zu tun. Orientalische Melancholie, was auch immer! Das Mädchen, das mit melodiöser, fester Stimme versichert, dass es ihre eine Ehre sei, ihn in ihrer Heimat begrüßen zu dürfen, wirkt alles andere als melancholisch auf ihn. Sie bleibt nicht lange, entschuldigt sich damit, noch reichlich Korrespondenz erledigen zu müssen und verschwindet mit dem leisen Klappern ihrer Absätze auf den glasierten Bodenkacheln. Nick lauscht dem Geräusch ihrer Schritte nach, und beglückwünscht den Sultan zu seiner Tochter. Er versichert, noch nie liebreizenderes Wesen getroffen zu haben als sie. Und es ist nicht einmal gelogen! Nur schwer entzieht er sich dem Bild ihres ovalen, vollkommenen Antlitzes, und als der Sultan mit ihm über seine Wünsche verhandelt, ihm ausreichend Arbeiter und Schutz verspricht, hat er, trotz seiner sachlichen Denkensweise, etwas Mühe, sich voll auf diese wichtigen Details zu konzentrieren, die seinen Besuch hier rechtfertigten.
Seit einiger Zeit schon hat sich die Nacht über das Land und die Stadt Sana’a gesenkt. Nick akzeptiert die Einladung des Sultans, diese Nacht im Palast zu verbringen. Eine Fahrt von hundert Kilometern durch nachtschwarze Steinwüste, ist nicht eben das, was er sich wünscht oder riskieren will. Gleich im Morgengrauen gedenkt er aufzubrechen, und das opulente Dinner im Kreise des Herrschers und seiner Ratgeber ist ein Genuss orientalischer Gastfreundlichkeit, die Nick gerne in Anspruch nimmt. Das Gastzimmer, das man ihm zuweist, erweist sich als großer Raum, ausgestattet mit allen Annehmlichkeiten des modernen Komforts, wie auch orientalischer, überladener Bequemlichkeit, wie einem überaus großem, und für Nicks Geschmack viel zu weichem Bett, über dem ein Baldachin aus fester, dunkler Seide, gleich einem großen Segel thront. Als er, unterstützt von einem der Bediensteten, ein ausreichendes Dampfbad genossen hat, eine Kostbarkeit in dieser Wüste, der er nur ungern ein Ende setzt, lässt er seinen festen, sehnigen Körper von den geübten Händen des Masseurs durchkneten und genießt das wohlige Gefühl warmer, öliger Essenzen auf seiner Haut. Vollkommene Entspannung beherrscht jeden seiner Muskeln, seinen regen Geist und er sieht ruhevollen Nachtstunden entgegen, in der liebevollen Illusion von Judiths Gegenwart, deren Züge die Ähnlichkeit einer gewissen arabischen Prinzessin aufweisen. Der Singsang des Muezzins, der zum Gebet in früher Morgenstunde ruft, holt ihn zurück in das Jetzt und Hier. Als seine Sinne wach sind und er sich in dieser märchenhaften und doch so realen Welt wieder findet, beherrscht nur der eine Gedanke seinen Geist: Zurück zu fahren nach Marib, und weiter nach dem Monument zu graben, das er Awras Epoche zuschreibt. Als hätte man vor der Tür nur darauf gelauert, Zeichen seines Erwachsens zu hören, wird ihm ein reichliches Frühstück serviert, das hauptsächlich aus frischen Früchten wie Datteln und Orangen besteht, starken Kaffee und frisch gebackenem Fladenbrot. Trotz des reichlichen Mahles am vergangenen Abend, stürzt er sich mit Heißhunger auf die Köstlichkeiten, die er nur selten genießen kann. Etwa nach dem Motto: Ein gesunder Geist braucht einen vollen Magen. Frei nach Nick Wilson.
Die Zeit drängt, die paar Sachen, die er bei sich hatte, sind rasch zusammen gesucht und er verlässt sein Zimmer, um beim Sultan vorzusprechen und sich für die Gastfreundschaft zu bedanken. Die Überraschung, die ihm beim Verlassen seiner Unterkunft erwartet, verschlägt ihm erst einmal die Sprache. Zwei bewaffnete, wenn auch grinsende Männer verweigern ihm den Zutritt in den Audienzsaal und geben ihm unmissverständlich zu verstehen, dass er auf sein Zimmer zurückkehren müsse, um zu warten. Er ist zu erstaunt und zu diplomatisch, um lange zu verhandeln oder sich der nachdrücklichen Bitte zu widersetzen. Er wirft sich auf sein Bett, verschränkt die Arme unter dem Kopf und wartet, wartet, wartet. Seine Beherrschung wandelt sich in Ungeduld, und diese schließlich in leichten Ärger, der anzusteigen droht, wenn man ihn noch lange hier festhielt. Also versucht er erneut zu entkommen, doch die Männer haben sich vor seiner Tür aufgepflanzt und schütteln bedauernd lächelnd die Köpfe mit den weißen Turbanen. Wann er denn damit rechnen könnte, den Sultan zu sprechen, will er wissen, doch ein allgemeines, wiederholtes Schulterzucken ist die einzige, nicht zufrieden stellende Antwort, die er erhält. Er kann das Vorgehen, des ihm freundlich gesinnten Mannes nicht verstehen. Schließlich lag es doch auch in seinem Interesse, dass die Grabungsarbeiten in Marib rasch voran gingen. Es ist fast Mittag, als man ihn bittet, dem Herrscher beim Essen Gesellschaft zu leisten. Umso erstaunter ist er, als man ihn in die Privatgemächer des Sultans führt und ihn dieser dort, halb auf einer der niedrigen Polsterbänke liegend, erwartet. Seine Tochter leistet ihm Gesellschaft und ihr helles Lachen hatte Nick schon vor dem Eintreten irritiert. Er versucht, seine Beherrschung zu bewahren, und sich die Verärgerung nicht ansehen zu lassen, deren Opfer er ist. Die junge Frau hatte sich heute ganz den Traditionen ihres Landes angepasst. Sie trägt eine gelbe Djelaba mit dazu passenden Pantoffeln, Silberschmuck in den Ohren, im Haar und um den Hals. Ein breiter, violetter Gürtel, mit Silberblumen bestickt, umspannt ihre schmale Taille. Der dünne Schleier, der ihr Gesicht bedecken sollte, ist locker über ihr Haar gestreift, deren Flut von Silberspangen leicht zusammen gehalten wird. Täuschte er sich, oder kann er einen Anflug von Spott in den dunklen Seen ihrer Augen erkennen? Er ringt sich ein Lächeln ab, nickt zur Begrüßung erst ihr, dann dem Sultan zu, der ihn mit einer einladenden Deutung seiner Rechten zum Sitzen auffordert. Er lässt sich den beiden Gastgebern gegenüber auf einem Sitzkissen nieder und überkreuzt seine kräftigen Beine. Abwartend und ruhig ruht sein fragender Blick auf dem Gastgeber, der ihm tatsächlich ein bedauerndes Lächeln schenkt. „Betrachtet Euch weiterhin als mein Gast, mein Freund Nick Wilson! Nehmt uns diese Verzögerung nicht übel, aber wenn Ihr den Grund dafür kennt, dann wird Euer gut kaschierter Zorn rasch verblassen, wie die Wolken am frühen Morgen eines seltenen Regentages.“ ‚Da bin ich aber gespannt’, frotzelt Nick in Gedanken, während er abermals einen kurzen Blick auf Yasmina wirft, die an einer frischen Dattel zu knabbern begonnen hat. Ihre anmutigen Bewegungen lindern fast augenblicklich seine Ungeduld und Neugier. Sie wirkt auf ihn wie Opium und er kann sich ihrer Ausstrahlung nicht entziehen. Ihr Blick streift ihn, kreuzt den seinen und eine fast augenblickliche Tönung färbt ihre bereits dunklen Wangen. Sie überspielt ihre Regung mit einem freundlichen Lächeln, was zwei entzückende Grübchen auf ihre Wangen zaubert. Gewaltsam wendet sich Nick abermals seinem Gönner zu und räuspert sich leise, um seine Ungeduld kund zu tun. Der Sultan reicht ihm ein reich verziertes Glas kalten Tees. Nicks Finger krampfen sich um den zarten Stiel und er nippt automatisch daran, bevor er es auf das Tischchen zurück stellt. Es wäre unhöflich gewesen, einfach drauf los zu fragen oder gar seinem Ärger Luft zu machen. Glücklicherweise wird er nicht länger auf die Folter gespannt. „Ich gebe zu, ich dränge Euch meine Gastfreundschaft auf, denn viel lieber wäret ihr heute früh zurückgeeilt an den Platz Eurer Arbeit und das ist verständlich.“ Sultan von Seyun seufzt ergeben und spricht weiter, während seine Hand die seiner Tochter tätschelt. „In Anbetracht der zwingenden Umstände, sollte es auf einen Tag mehr oder weniger aber nicht ankommen, mein lieber Freund! Meine Mittel, Druck auf die Regierung auszuüben, sind beschränkt, und ich muss nehmen, was sich mir bietet! In diesem Fall, hat der Himmel Euch geschickt und ich benütze dieses Werkzeug nach seinem Gutdünken und zum Wohle meines Volkes, das Euch ja auch am Herzen liegt, wie ich weiß.“ ‚Schlauer Fuchs’, denkt Nick grimmig. Er hat den Alten längst durchschaut. „Und was gedenkt Ihr mit meiner Gefangennahme zu erzwingen, Effendi?“ Er betont das Wort ‚Gefangennahme’ ganz besonders, um zu zeigen, dass er sehr wohl wusste, wie des Herrschers Erklärung gemeint war. Yasmina lächelt honigsüß und räkelt ihren schlanken Körper, indem sie ihre halb liegende Stellung auf die andere Seite verlagert. Ihre graziösen Bewegungen erinnern Nick an die einer jungen Raubkatze, die es sich im Geäst einer Baumkrone bequem macht. „Ein hässliches Wort“, erinnert der Sultan besonnen, „aber nicht ganz unrichtig. Zumindest soll es für die unfähige Regierung unseres Landes so aussehen, als sei dies eine Gefangennahme. Ihr und ich, wir wissen es besser. Es ist ein, - sagen wir, -erzwungener längerer Freundschaftsbesuch ist, nicht wahr?“ Was bleibt dem Archäologen anderes übrig, als grimmig zu nicken. „Womit was bezweckt wird, Effendi?“ wiederholt er gepresst. Ein nachsichtiges Lächeln ist die halbe Antwort, bevor der Angesprochene seine Worte an Yasmina richtet: „Mein liebes Kind. Ich überlasse es Deiner fraulichen Diplomatie, unserem Gast mit wenigen Worten zu erklären, wie wichtig seine Unterstützung bei unserem Vorhaben ist.“ Yasmina trinkt besonnen von ihrem Tee, bevor sie sich zurücklehnt und ihre klangvolle Stimme sich in englischer Sprache an Nick richtet. Dabei blicken ihre Augen ihn so unschuldsvoll an, dass sein Pulsschlag sich um einiges erhöht. „Seit langem schon ist es ein beschlossenes und von der Regierung abgesegnetes Projekt gewesen, in unserer Hauptstadt ein Kinderspital zu errichten, das uns ermöglicht, auch die ärmsten von Ihnen Medizingerecht zu behandeln. Die Kindersterblichkeit in diesem Land ist immer noch weitaus größer als in den Ländern, die beispielsweise Erdölförderer sind“. Die plötzliche Traurigkeit ihres Blickes rührt ihn und er schallt sich selbst einen Narren. „Die Mittel für diesen Bau wurden hauptsächlich von der UNICEF selbst bereitgestellt. Doch man hat bis jetzt verabsäumt, es für dieses ganz spezifische und für uns lebensnotwendige Projekt zu verwenden. Deshalb hat der Sultan von Seyun, dem das Schicksal seiner Landsleute mehr als alles andere am Herzen liegt, beschlossen, einen gewissen Druck auf die hohen, wenn auch gewissenlosen Herrn, die dieses Land befehligen, auszuüben.“ Sie macht eine kleine Pause, als müsse sie sich sammeln und ihr Vater nickt dazu wohlwollend, während seine Finger geschickt ein gebratenes Täubchen zerteilen, dessen zartes Fleisch er genüsslich auf der Zunge zergehen lässt. „Es ist Ihnen, Mister Wilson, sicher nicht fremd, dass unser Land diese Art von Druckmittel bereits in der Vergangenheit angewendet hat. Nicht nur, um die Regierung zum Handeln zu zwingen, da diese unter keinen Umständen einen diplomatischen Skandal heraufbeschwören möchte, sondern auch, damit die Sache erst gar nicht über unsere Grenzen hinaus dringt und publik wird! Man kann sich vorstellen, wie sehr Nachrichten von der Geiselnahme ausländischer Touristen, oder wie in Ihrem Fall, Wissenschaftler, den stark ansteigenden Tourismus unseres armen Landes beeinflussen könnten. Wer wagte sich in diesem Fall noch in die Wüste des Jemens oder des gesamten Orients? Keiner oder nur sehr wenige!“ Sie lässt das Gesagte ausklingen, beobachtet dessen Wirkung, und sein ausdrucksloses Gesicht spornt sie an, weiter zu sprechen und mehr Überzeugungskraft in ihre Worte zu legen. „Im Namen unsere Landes und vor allem, der Kinder, bitten wir Sie, Sir, uns zu unterstützen, indem Sie Verständnis für diese prekäre Sache zeigen.“ Sie senkt, fast demutsvoll ihren Blick und was bleibt dem, für diese humane Aktion „Auserkorenen“ schon übrig, als der Bitte nachzugeben, ja, sie gut zu heißen. „Ich stehe voll zu Ihrer Verfügung, Prinzessin Yasmina“, - er lässt ihren Namen auf seiner Zunge zergehen, als könne er ihn schmecken -, „und ich hoffe, dass sich in dieser leidlichen Angelegenheit bald eine positive Lösung für alle ergibt.“ Leise übersetzt Yasmina ihrem Vater die Worte, ja, schmückt sie sogar noch mit blumenreicheren Ausdrücken aus, die Nick schmunzeln lassen. ‚Diese Frau ist nicht nur schön und klug’, überlegt er, ‚sondern sie ist noch dazu mit einer außerordentlich diplomatischen Fähigkeit ausgestattet! Eine würdige zukünftige Königin!’ Der Sultan nickt zufrieden, wie schon zuvor. „Dann wollen wir auf eine rasche Antwort unserer Widersacher hoffen, und uns dieses Mahl munden lassen.“ Die Angelegenheit war somit bereinigt und Nick kann nichts anderes tun, als gut Miene zum bösen Spiel zu machen. Er muss sich jedoch selbst eingestehen, dass die Anwesenheit der schönen Frau, seine Ungeduld um einiges bezähmt hat. Hätte er des Sultans Blick genauer untersucht, so wäre er sich möglicherweise dessen bewusst geworden, dass ihr Erscheinen bei Tisch keinesfalls zufällig oder aus reiner Gastfreundschaft heraus geschah.
Während der Sultan sich Stunden später damit entschuldigt, dass er seinem Nachmittagsschlaf frönen muss, bleibt Yasmina bei Nick sitzen, der die qualvollen Stunden, allein auf seinem Zimmer, bereits im Voraus fürchtet. Ein Mann wie er, immer in Betätigung, an Strapazen und Aktion gewöhnt, konnte nicht lange irgendwo herum hocken und auf unbestimmte Ereignisse warten. Die kluge Prinzessin scheint dafür Verständnis zu haben, und es entsteht ein angeregtes Gespräch über die Arbeit des Archäologenteams, seine bisherigen Erfolge und Nicks ganz besondere Erwartungen, die er auf dieses Projekt in Marib setzt. Schon nach wenigen Minuten muss der Wissenschaftler erkennen, dass Yasmina alles andere als ein verwöhntes Vögelchen ist, das es liebte, sich in der Rolle einer Scheichtochter zu sehen, und mit der Aussicht, einst Gemahlin eines Herrschers zu werden, prahlt. Hätte sie ihren Liebreiz heute nicht mit der orientalischen Aufmachung ihrer Kleidung unterstrichen, könnte man sie für eine gebildete, studierte Erfolgsfrau, wenn auch von exotischer Schönheit halten. Während diese und ähnliche Überlegungen durch seinen Geist huschen, hat Yasmina das Gespräch geschickt auf Bilkis, und ihre Legende gelenkt. „Ich zweifle an der wahren Existenz dieser Frau“, gesteht sie herablassend, während sie Nick mit einer Deutung ihrer beringten Hand dazu auffordert, ihr zu folgen. Sie wandeln langsam Seite an Seite durch einen langen bogenförmigen Korridor, der an einen blühenden Garten in der Abgeschiedenheit der Palastmauern grenzt. Das leise Plätschern von verborgenen Springbrunnen begleitet ihre gedämpften Schritte und wenn es, was zweifelsohne der Fall ist, auch hier Wächter gibt, dann bleiben diese, verborgen in Nischen oder im Schatten der Reihen von gepflanzten Dattelpalmenalleen. Sie bemerkt seinen verwunderten und faszinierten Blick, und das Leuchten seiner Augen in diesem ungewöhnlichen Blaugrün, berührt sie sehr. „Nun“, wechselt sie das Thema, weil ihr klar wird, dass der Mann ihr kaum zugehört hatte als er sich des Anblicks eines zur Realität gewordenen Märchens bewusst wurde. „Ich sehe, Mister Nick, Sie haben nicht damit gerechnet, dass es so etwas in dieser Wüste geben kann, habe ich Recht?“ Ihr Ton klingt ein wenig nachsichtig und sie hat den Schleier ein wenig vor ihr Gesicht gezogen, um sich so vor den summenden Insekten, die gierig von Blütenkelch zu Blütenkelch taumeln, zu schützen. Er hat seine Hände in den Seitentaschen seiner zerknitterten Leinenhosen vergraben und nickt, während er aufmerksam jedes Detail, dieses liebevoll gestalteten Garten Edens in sich aufnimmt. „Ehrlich gesagt“, gesteht er überwältigt, „ich habe im Traum nicht daran gedacht, dass es so etwas in unserer Zeit überhaupt noch geben kann! Ich meine, ein Park, wie er in uralten Legenden beschrieben wird. Mir ist, als habe man das hier“, er deutet in die Runde, „extra für eine Ausstellung von „1001 Nacht“ geschaffen, irgendwo, in einer der Grosstädte dieser Welt.“ Sie nickt verständnisvoll. „Nun, ich kann Sie verstehen, Sir.“ Er wehrt rasch mit beiden Händen ab und bleibt stehen um sie anzusehen, doch sie geht weiter und bittet ihn bedeutungsvoll: „Es gibt viele verborgene Augen, die uns beobachten. Wir wollen niemanden brüskieren, oder gar beleidigen, Sir. Bitte gehen sie weiter und sehen Sie mich nicht direkt in der Öffentlichkeit an!“ Ihre Worte bestätigen seine Vermutungen, dass sie alles andere als allein waren, und er schreitet gelassen weiter, während er murmelt: „Natürlich, Prinzessin, entschuldigen Sie meine Unachtsamkeit. Ich kenne die Sitten Ihres Glaubens ganz genau, es war ein „Oublie“, weiter nichts!“ Sie nickt kaum merklich unter ihrem Schleier und er setzt hinzu: „Ich wollte Sie nur bitten, mich einfach mit Nick anzusprechen, wenn wir allein sind, denn ich bin bei Gott keiner, dem es gebührt mit ‚Sir’ angesprochen zu werden, und es irritiert mich, ja, macht mich Ihnen gegenüber, die Sie eine äußerst hochgestellte Persönlichkeit sind, ziemlich verlegen!“ Er kann ihr Lächeln unter dem feinen Gewebe erahnen. „Mein Vater schätzt sie sehr, Nick“, spricht sie leise weiter. „Ich gebe zu, dass ich ihn verstehe. Wie Sie, hat auch er ein Faible für alte Geschichten. Er ist nicht weltfremd, besitzt aber eine ungewöhnlich romantische Seele für einen Mann seines Standes. Er hat mir von Ihrer Vorliebe, die Sie für Bilkis und ihr Sabäer-Reich hegen, erzählt. Er scheint wahrhaftig zu hoffen, dass Sie etwas entdecken, das seine Fantasie noch reicher nährte als bisher.“ Er wirft ihr einen verstohlenen Seitenblick zu. Jetzt, wo er weiß, dass jede ihrer Bewegungen beobachtet wird, fühlt er sich etwas unwohl und befangen, allein mit ihr. Er hätte sie gerne zurück in einen Raum geführt, um zu plaudern, aber wahrscheinlich verstieß auch das gegen jede Anstandsregel, und der Sultan war diesbezüglich bereits mehr als großzügig gewesen, als er ihm seine Tochter so lange überließ. „Selbst der äthiopische König Haile Selassi betrachtete sich offiziell als direkter Nachfahre der Makeda, wie Bilkis in Äthiopien genannt wird. Aber für Sie ist es nur ein Märchen, Yasmina“, stellt er lakonisch fest, und sie nickt dazu. „Ja, natürlich! Welcher aufgeschlossene Mensch will schon an diese haarsträubende Geschichte glauben, die zwischen der Königin von Saba, und dem jüdischen König Salomon passiert sein soll?“ ‚Aha’, denkt er bitter, ‚da sind wir also beim Thema dieses ewigen Juden- und Araberzwistes angelangt, der auch Judith das Leben gekostet hat!’ Er hatte zwar angenommen, sie stehe über diesen Dingen, sei aufgeschlossener den Konflikten dieser beiden Zivilisationen gegenüber, aber.... Seine Züge verhärten sich, was sie nicht sehen kann, weil ihr Blick auf den Kiesweg, den sie beschreiten, gerichtet ist. „In der jüdischen Geschichte wird sie oft mit Lilith, der Zauberin assoziiert. Sie soll den König verhext haben.“ „Ich bitte Sie, Nick!“ fährt sie rascher, leidenschaftlicher fort. „Eine intelligente Frau, die die sagenhafte Weisheit eines Mannes prüfen will, nun gut und schön. Dafür gibt es sicher Mittel und Wege. Dass sie als Mann verkleidet bei ihm eintrifft, das mag auch noch durchgehen. Doch, dass sie, nachdem er ihre List durchschaut hat, sich samt ihrer Reisebegleiterin ihm einfach hingibt, und er sie beide schwängert, ihr weiser König Salomon“, er kann den Spott aus ihrer Stimme heraus hören, „nun, das kann nur die Erfindung von jüdischen Märchenerzählern sein, was sonst?“ Sie hatte sich in einen erhitzten Eifer geredet. „Eine sabäische Königin und ein jüdischer Frauenschänder!“ Sie lacht hochmütig auf. „Pah, dass ich nicht lache! Glauben Sie wirklich, dass eine so stolze und kluge Sabäerin, die Bilkis angeblich war, sich in dieser Art und Weise von einem Judenkönig überrumpeln lässt? Das kann doch kein wissenschaftliches Argument sein, auf das diese sündteuren Forschungsarbeiten aufgebaut sind, Nick Wilson! Geben Sie das doch zu! Das ist eine anrüchige, infame Geschichte, die aus einem Ihrer billigen, pornographischen Filme stammen könnte!“ Nun muss er diplomatisch vorgehen, denn sie hat ihre Beherrschung verloren und ihr Gemüt steht in loderndem Zorn. Noch nie erschien sie ihm schöner wie in diesem Augenblick ihrer Empörung. Doch nichts liegt ihm ferner, als sie zu verärgern oder gar zu beleidigen. Außerdem war das ein heikles Thema zwischen einem christlich getauften Fremden und einer islamischen Königin, die sie bald sein würde. Man konnte mit ihr nicht einfach über Sex diskutieren, und schließlich lief es darauf hinaus, was sonst? Er räuspert sich und wählt behutsam seine Antwort: „Ich glaube, dass diese Legende für die Wissenschaft oder den Verlauf der Geschichte keinerlei Wichtigkeit hat. Was ich beweisen will, das ist einzig und allein die Existenz dieser Königin. Was und wie sie gelebt hatte, ist für uns zweitrangig. Um jedes Herrschergeschlecht ranken sich Legenden und Geschichten. Teilweise wahr, teilweise nur Erfindungen, die im Laufe der Zeit anwachsen und sich vermehren. Es ist wirklich nicht wichtig, ob Bilkis auf der Weihrauchstrasse bis zu König Salomon reiste, obwohl ich selbst es für äußerst wahrscheinlich halte. Vor dreitausend Jahren schon war diese Karawanenstrasse von größter Bedeutung, und unermüdlich wurde sie...“ Er kann nicht weiter ausführen, was Tatsache ist, denn sie macht eine wegwerfende, verachtende Handbewegung und schneidet ihm das Wort ab, indem sie erhitzt ausruft: „Logischer wäre gewesen, dass sie den König zu sich ruft und ihm nicht hinterher läuft, wie eine läufige Hündin, Ihre Bilkis. Denn wenn es so war, dann war sie keine Sabäerin und ihr Sohn ein jüdischer Bastard, den das Volk nie akzeptiert hätte!“ Er ärgert sich über ihre ungerechtfertigte Wut und als er ihr antwortet, klingt auch seine Stimme unwillig: „Es liegt mir fern, Ihnen zu widersprechen, Prinzessin, aber zu dieser Zeit gab es diesen Hass noch nicht, wie er heute den Nahen Osten beherrscht! König Salomon war ein von allen Völkern anerkannter und respektierter Herrscher und Bilkis gehörte dem Sonnenkult an. Dieser schreckliche Bruderzwist, der die Völker heute auffrisst, kam erst viel später, doch das brauche ich einer gebildeten Frau wie Ihnen kaum zu sagen, nicht wahr?“ Nun war auch sein Temperament mit ihm durchgegangen und sein Spott ist unverhohlen. Sie macht auf dem Absatz kehrt und verschwindet zwischen den Bogengängen, während er ihr nachsieht und mit sich selbst kämpft. „Arrogantes Biest“, murmelt er zwischen den Zähnen und ballt seine Hände zu Fäusten. Es ist ihm gleich, wie viele Zeugen diesen Emotionswandel mit angesehen haben. Wahrscheinlich hatte man ihr bereits von Kindesbeinen an eingeimpft, dass das jüdische Volk den Untergang der arabischen Glaubenswelt herbei wünschte. Sie war nur das Opfer ihrer Zivilisation, ihrer Lehrer und ihrer Umwelt. Er wandert allein durch die Alleen und genießt es, nicht in seinem Zimmer eingesperrt zu sein. „Und so etwas hat in Paris studiert“, führt er weiter Selbstgespräche. „Möglicherweise stand sie sogar in Verbindung mit irgendwelchen Terroristen, dieses glutäugige Miststück!“ Er spürte, wie er sich in seine Wut verrannte, doch so war er eben nun einmal! Nichts ist ihm verhasster wie blinde, störrische Vorurteile. Immerhin hatten sie Judith das Leben gekostet. ‚Ich habe sie geschont’, denkt er stumm weiter, ‚das war ein Fehler. Sie hat sich mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg gehalten, diese Circe, also warum habe ich es getan? Warum hab ich ihr nicht klar ins Gesicht gesagt, dass die Sabäerkönigin vielleicht ganz einfach Lust auf guten Sex verspürt hatte? Das Natürlichste der Welt, das man so gerne verschwieg, vor allem in dieser Welt, wo die Frauen weg gesperrt wurden und dennoch nur Lustobjekte ihrer Ehemänner waren!’ Er besinnt sich. Wenn er seine Gedanken weiter spann, dann schlitterte auch er in eine Welt der ungerechten Vorurteile. Dafür war in seinem Geist kein Platz und in seiner Seele kein Verständnis, obwohl gerade er durch Judiths Tod, mehr Grund als jeder andere gehabt hätte, diese Völkergruppen zu verurteilen. Er fährt sich ungeduldig mit beiden Händen durch sein brünettes Haar, das in der Sonne einen intensiven Goldschimmer annimmt, und beschließt sein Zimmer aufzusuchen. Vielleicht konnte er ja schlafen, bis man ihn frei ließ! Er kann nicht wissen, dass ihm hinter gemauerten Gitterfenstern viele sehnsüchtige oder zumindest neugierige Frauenblicke folgen. Hätte er es gewusst, so ließe es ihn kalt. Nur die schwarzen Augen einer bestimmten Person, aus dem Privattrakt der Prinzessin, die seinen Rücken nachdenklich zu durchbohren suchen, hätten zumindest seinen Unwillen herauf beschworen, oder auch nicht...
Beim Abendessen ist Yasmina nicht zugegen und er lässt einen Schwall von bedauernden Erklärungen seitens des Sultans über sich ergehen. Die Regierung stellte sich taub, man sei gezwungen, ihn noch eine weitere Nacht hier zu behalten. Er bittet darum, dass man sein Team verständigen möge, was längst geschehen ist, wie man ihm versichert. Danach findet er sich wieder in den Mauern seines „goldenen Verlieses“ und er beginnt ein paar Aufzeichnungen auf einen Block, den er in einer Lade des Schreibtisches findet, zu kritzeln. „...der Nabel Deines mit Blumen umkränzten Bauches...“ Darunter vermerkt er, ob ihre Hoheit, die Prinzessin vielleicht wüsste, um welchen antiken Text es sich hierbei handeln könnte. Sie war gebildet, hatte studiert und sich sicher mit der Geschichte ihres Landes sehr intensiv beschäftigt. Außerdem war sie eine Frau und hatte ihre, wenn auch verhüllten, schwachen Stellen. Wäre doch gelacht, wenn er einfach ihren kindischen Hochmut hinnehmen müsste! Er bittet einen der Männer, die lautlos ihre Plätze vor seiner Tür bezogen hatten, diese Nachricht der Prinzessin zu überbringen. Der Mann zögert, misst ihn misstrauisch, doch Nick erklärt ihm in seiner Muttersprache, er könne den Inhalt dieser Post ruhig lesen, wissentlich, dass der Mann kaum lesen gelernt hatte. Der tut aber so, als wäre das Gegenteil der Fall, nickt großmütig und trollt sich davon.
Die Schöne lässt ihn warten. Er steht am Fenster und atmet die frische Nachtluft ein. Die Wüstennächte brachten Abkühlung, welch Genuss nach der Hitze des Tages! Endlich, eine gute Stunde später klopft es an der Tür und er öffnet sie, hofft auf Nachricht. Doch stattdessen verbeugt sich ein verschleiertes Mädchen demutsvoll und bittet ihn, ihr und dem Wächter zu folgen. Prinzessin Yasmina erwarte ihn. Damit hatte er in keiner Weise gerechnet. Eher damit, dass sie seine Nachricht nicht würdigte. Stattdessen lud sie ihn zu sich ein! Der saure Blick des Bewaffneten gibt Aufschluss darüber, was er davon hält. ‚Auch gut’, denkt er. ‚Dann wollen wir diesem kleinen Wüstenfuchs einen Besuch abstatten! Besser als allein in die Nacht zu starren und die Minuten bis zum Morgen zu zählen!’ Sie durchqueren Hallen und schlurfen unzählige Gänge entlang. Weibliches Kichern hinter verschlossenen Türen, gedämpfte Männerstimmen hier und dort, braune, schlanke Katzen, die durch die Dunkelheit auf Mäusejagd huschen. Ihre Gemächer scheinen auf der anderen Seite des Palastes zu liegen. Eine Flügeltür, besetzt mit Halbedelsteinen, wie Karneolen und Lapis Lazuli versperrt ihren Weg. Ein zaghaftes Klopfen und ihre feste Stimme, mit der Bitte, einzutreten. Auch hier ein Wächter an der Tür, jedoch, um unliebsame Besucher abzuschrecken, nicht, wie es bei ihm der Fall war, eine Flucht zu verhindern. Das Mädchen tritt mit ihm in den pompösen Raum, der mit purpurnem Samt ausgeschlagen ist, und zieht sich in den Schatten des Raumes zurück. „Ihre Sklavin?“, fragt er spöttisch, da er nicht anders kann. Ihre Gestalt ist von einem weiten, weißen Burnus verhüllt, ihr Gesicht unverschleiert. „Meine Freundin“, antwortet sie spontan und zeigt auf einen niedrigen Schemel, der zu ihren Füssen steht. Sie hat diese typische, halb liegende Position der Entspannung angenommen. Das Chintzbezogene Liegebett lässt ihre Gestalt wie hin gemalt erscheinen. Der Anblick erinnert ihn an ein Gemälde. ‚La Grande Odalisque’, von Ingres. Nur dass die Frauengestalt darauf nackt war und auf ihrem weißen Burnus lag. Er unterdrückt ein bewunderndes Lächeln und lenkt seine Gedanken in eine andere Richtung, denn, sich Yasmina nackt vorzustellen, war mehr als nur ungehobelter Frevel! Es ist Hochverrat! Sollte er sich wirklich unterwürfig auf den Schemel, der für seinen kräftigen Körper eindeutig zu zierlich ist platzieren, damit sie ihn von oben herab fixieren konnte? Doch es reizt ihn, bei ihrem Spiel mit zu machen. Was immer sie damit auch bezwecken wollte, sie sollte ihren Spaß haben. Behände hockt er sich darauf, streckt seine Beine weit von sich und stützt sich mit den starken Oberarmen am Teppichbelegten Fußboden ab. Er musste einen herrlichen Anblick abgeben! Er zieht das unbequeme Ding unter seinem Hintern weg, rückt es zur Seite und sitzt auf dem Teppichboden weitaus bequemer, wo er die Beine überkreuzen kann. Er stützt sein Kinn auf den aufgestützten Arm und sieht sie fragend an. „Ist das nicht eine verfängliche Situation, Prinzessin?“ fragt er sie herausfordernd. „Ein fremder Mann, ein Ungläubiger, nachts, mit einer islamischen Tochter der Wüste, noch dazu allein?“ Sie sieht ihn ungerührt an und spöttelt ihrerseits: „Das sind wir keineswegs, Mister Nick!“ Die Betonung lag auf ‚Mister’. „Man beobachtet uns, und meine gute Freundin Bassira ist ja auch noch hier“. „Ach ja“, spöttelt er ein wenig. „Ich vergaß, der Sultan selbst hielt mir einen Vortrag über die Ihnen zugestandene Freiheit. Wie fühlt man sich als freier Vogel inmitten all dieser gefangenen Frauen?“ Sie hält seine Nachricht in ihrer bereiften Hand und ein aufgeschlagenes, altes Buch ruht auf ihrem Schoss. Ein undurchdringlicher Blick trifft ihn und sie antwortet nicht auf seine Frage. Er hätte zu gerne gewusst, was sie jetzt von ihm dachte. „Ich habe Ihnen bei Ihrer Arbeit geholfen und für Sie nachgeforscht“, witzelt sie nun ihrerseits, mit betont unschuldigem Augenaufschlag. „Und zwar im Bezug auf ihr Tonfragment“. Er blickt sie gespannt und ebenso verblüfft an. „Das hier ist Teil eines Textes einer Art Liebesgedicht“, erklärt sie geheimnisvoll. „Sozusagen alte, arabische Volksdichtung“. Sie macht eine kleine Pause und liest ihm dann aus dem Buch vor, während er ihr, mehr als nur erstaunt, lauscht: „Oh, du Jasminblüte und deine erdhafte Harmonie, deine Hüfte kreisen und es vibrieren deine Schultern und deine Hände erinnern an die Flügel von Vögeln. Tanze und drehe dich, von einem Stern zum anderen, von meinen Augäpfeln bis hin zur Sonne. Der Nabel deines mit Blumen umkränzten Bauches ist das Zentrum des Universums.“ * Nick hat Mühe, seine Verzückung nicht zu zeigen. Sie hatte soviel Gefühl in ihre Stimme gelegt, als empfände sie haargenau das, was sie da gelesen hatte, nicht nur deswegen, weil die Besungene ihren Namen trug. Und doch nickt er gelassen. „Das klingt hübsch“ sagt er einfach, und meinte eigentlich, - ‚ich habe selten etwas Blumenreicheres gehört, das besser zur Beschreibung eines leidenschaftlichen Liebesaktes passt, wie dieser Text!’ Sie zieht eine Augenbraue hoch und wiederholt erstaunt: „Hübsch? Ich würde sagen, das ist die Versinnbildlichung von tiefer Verehrung für eine geliebte Frau!“ Wie leicht ihr die, für eine Muslimin anrüchigen Worte über die Lippen kamen! Sie sprach mit ihm über Liebe und Verehrung, als würden sie übers Wetter reden... Wobei er eher der Meinung war, dass es sich mehr um lustvolle Hingabe als Verehrung handelte, die da besungen wurde... „Nun“, versucht er gelassen zu entgegnen, „gibt es auch ein Datum für diesen Text?“ „Ein ungefähres“, meint sie freundlich. „Hier steht, ‚Auszug eines Liebesgedichtes aus der nachmohammedanischen Zeit’, was natürlich ein weiterläufiger Begriff ist“, setzt sie hinzu. Er überlegt und murmelt: „Allerdings. Aber nicht älter als 600 bis 700 Jahre nach unserer Zeitrechnung.“ „Genau“, gibt sie zu. „Für Bilkis wurde es nicht geschrieben, aber vielleicht für Awra, deren Existenz ich niemals bezweifelt habe!“ „Eben“, antwortet er lakonisch, „genau dieser Zeit ordne ich diese Strophe zu.“ „So sind wir uns ja einig“, schließt sie zufrieden und schließt das Buch. Er erwidert den Blick aus den dunklen Augen, dessen Lider ein wenig flattern, als scheint ihr gar nicht zu behagen, dass er ihr nicht mehr widerspricht. So schenkt er ihr ein besonders reizendes Lächeln, das sie nur als Zustimmung und Hochachtung auslegen kann. Doch eben gerade das scheint sie zu verwirren, denn unwillkürlich greift sie zum Ausschnitt ihres Kleides und hebt einen Teil davon hoch, um ihn vor die untere Partie ihres Gesichts zu halten, so, als wolle sie es vor ihm verbergen, aus welchen Gründen auch immer. „Haben Sie während ihres Studiums in Europa ebenfalls ihren Kopf oder ihr Gesicht vor ihren Mitmenschen und Freunden verborgen?“ will er interessiert wissen. Fast augenblicklich lässt sie ihre Hand samt der Stoffbahn in den Schoss zurücksinken. „Nein“, erwidert sie kurz angebunden. „Aber das hier ist eine andere Welt...“ „Ja, natürlich“, gibt er zu. „Es hat mich nur interessiert, wo Sie Ihre Grenzen gezogen haben. Erlauben Sie dennoch, dass ich mir die Frage stelle, ob Ihnen das aufgeschlossene, freie Leben des Westens jetzt sehr fehlt? Hier, wo eben alles anders und fremdartig ist?“ Sie lächelt maliziös. „Nein, ganz gewiss nicht. Fremd mag es für Sie vielleicht sein. Hier ist jedoch mein Zuhause! Ich bin ein ziemlich freier Mensch, freier als alle anderen Frauen dieses Landes, und meine Stellung ermöglicht es mir, jederzeit, wenn ich Lust dazu verspüre, mich in den Westen zu begeben und das, was Sie unter einem freien Leben verstehen, eine Weile zu genießen. Wenn wir Frauen unsere Reize verbergen und die Gesellschaft von fremden Männern meiden, dann ist das zu unserem eigenen Schutze, und keineswegs, wie man uns gerne glauben macht, weil man uns keine Freiheit zugestehen will. Hier denkt man anders. Was bezwecken Sie mit Ihren Fragen Nick? In welche Enge wollen Sie mich treiben? Reden Sie doch gerade heraus. Ich werde ganz sicher keinen der Wächter rufen, der Sie dann einen Kopf kleiner macht! Diese Zeiten haben wir endgültig hinter uns gelassen.“ Er grinst sie unverschämt an. So gefiel sie ihm schon besser, auch wenn er ihre Meinung über die angeblich erwünschte Unfreiheit der islamischen Frauen nicht teilte. Aber es war nicht seine Aufgabe, des Propheten Lehre zu reformieren... „Ich werde mich hüten, Sie in irgendeine Enge zu treiben, Prinzessin. Ich will weder Ihre Gebräuche, noch Ihren Glauben herabwürdigen. Für mich ist es eine unerwartete Erfahrung mit einer zukünftigen Königin so anregende Gespräche führen zu dürfen. Ich bin ein Auserwählter, und dankbar dafür. Ihre Hoheit versüßt meine Gefangenschaft außerordentlich, das gebe ich zu.“ Sie sucht in seinen blitzenden Augen nach Spott, doch er strahlt sie so aufrichtig an, was ihr ein dankbares Lächeln entlockt. Sie ist geschmeichelt und er merkt gar nicht, wie sein früherer Charme, dem so manche Frau verfallen war, erneut, nach dem gewaltsamen Tod Judiths, aufkeimt und seine Wirkung nicht verfehlt. „Ich muss dankbar sein für ihr Verständnis“, erklärt sie höflich und darum bemüht, nicht allzu viel Gefühl in ihre Worte zu legen. „Ich denke, morgen ist es mit diesem unfreiwilligen Aufenthalt hier vorbei und Sie können weiter nach ihrer Bilkis graben, diesem Flittchen der Antike!“ ‚Aha’, denkt er belustigt. ‚Sie kann es nicht lassen und versucht mich heraus zu fordern.’ Mittlerweile ist er davon überzeugt, dass sie ganz einfach Gefallen an ihren Wortplänkeleien findet, weil sie sich möglicherweise langweilt. Immerhin wurde sie aus einem pulsierenden, aktiven Leben heraus gerissen und hatte nun nichts andere mehr zu tun, als sich ihrer Schönheit zu widmen und auf die Rolle einer königlichen Gemahlin vorzubereiten, was ja auch nicht viel mehr bedeutete. Nun, er wollte ihr die erwartete Antwort nicht schuldig bleiben. „Ich will ganz ehrlich sein, Yasmina. Erstens denke ich, vielleicht hat Bilkis den König aufgesucht, damit sie von ihm ein Kind aus königlichem Blute empfängt. Schließlich war diese Königin weit entfernt von politischen oder rassistischen Vorurteilen. Mit dem Samen des sagenhaft weisen Mannes beglückt zu werden, könnte doch ein Grund für ihre Reise gewesen sein. Mir erscheint das ziemlich plausibel.“ Sie sieht ihn aus großen, erstaunten Augen an, und er fährt rasch weiter, bevor sie einen erneuten Wutanfall bekommen könnte. „Zweitens: Ich verabscheue alles, was mit religiösem Fanatismus zu tun hat“, beginnt er mit ernstem, offenem Gesicht, in das sie von ihrer Chaiselongue hinunter blickt, mit einer gewissen Nonchalance. „Der Nahost-Konflikt hat einen Teil, den schönsten und wichtigsten Teil meines Lebens unwiderrufbar zerstört.“ Seine Stimme ist ruhig, aber eindringlich und er kann ihr Erstaunen fühlen. „Nichts wird sich für die Menschen dieser betroffenen Völker ändern, wenn niemand den Anfang machen will. Was immer auch die Gründe sind: Falscher Stolz, abgrundtiefer Hass, Verachtung und andere ethnische Gründe, es bringt nur Leid und schürt das Feuer, das droht, die halbe Welt zu verschlingen. Ich bin bei Gott kein Moralist, kein praktizierender Christ, wenn auch getauft, und schon gar kein Idealist. Warum muss Gott so viele Namen tragen? Ich finde nur, unser Leben auf Erden ist viel zu kurz, um es niedrigen Instinkten auszuliefern, wie Hass oder Gewalt. Sollten wir nicht jede Minute davon mit dem ausfüllen, was unsere Lebensfreude bestimmt? Jeder für sich, jeder nach seinem Gutdünken und frei von quälender Rachsucht und einseitiger, fanatischer Religion, welcher Art auch immer? Wie kann ein Krieg, der zerstört und tötet, denn „heilig“ sein, wie viele vorgeben? Ein liebender Gott, der genüsslich im Blute seiner Kinder badet? Erscheint Ihnen, Hoheit, das den möglich und glaubhaft? Das Verderben, das uns allen droht, kann abgewendet werden, wenn man ein wenig Einsicht aufkommen lässt, und zwar auf jeder der beteiligten Seiten. Warum haben wir aus der Geschichte noch immer nichts gelernt? Unzählige Beispiele führen uns doch vor Augen, wohin dieser unheilvolle Weg unwillkürlich führen muss!“ Er betrachtet den Ausdruck ihres Gesichtes. Sie sagt lange nichts, dann sieht er, dass ihre Augen voller Tränen sind. „Noch nie hat jemand so mit mir gesprochen“, flüstert ihre leise, zittrige Stimme. „Niemand hat es je gewagt. Doch ich erkenne soviel Wahrheit in diesen Worten, eigene Bedürfnisse nach Linderung, ja, Antworten auf die Fragen, die mein Herz seit langem schon zerfraßen. Und ich weiß, was Sie meinen und welche Botschaft sie mir zu vermitteln suchen, Nick Wilson. Es stimmt, ich werde bald mehr Einfluss haben als jede andere Frau im arabischen Raum. Ich werde ihn zu nutzen wissen. Ich will nie vergessen, was Sie mir zu sagen suchten, und mein Leben an der Seite des Königs danach positiv ausrichten. Das Sterben von unschuldigen Frauen und Kindern muss doch endlich ein Ende haben. Soviel Hass, soviel Wut! Ich fühle, dass Sie mir gesandt wurden, um meinen Blick zu klären, meinen Geist zu belehren, über gewisse Dinge, die ich einfach nicht selbst erkennen konnte.“ Er findet keine Worte oder eine stumme Erklärung für ihren leidenschaftlichen Sinneswandel. Seine Überzeugungskraft war ihm selbst fremd gewesen. Er hatte sie vollkommen verkannt! Die Tochter des Stammesfürsten hatte nur nachgeplappert, was ihr seit frühester Kindheit vorgesagt worden ist. Wahrscheinlich wurde diesen Kindern dieser blinde Hass bereits mit der Muttermilch eingeflösst. Doch ihre angeborene Intelligenz, die durch ein Studium auf neutralem Glaubensboden intensiviert und gefördert wurde, löste nicht nur den, von ihrer Religion vorgeschriebenen Schleier um ihren Leib, sondern auch jenen, den man ihr von Geburt an vor ihre schönen Augen gebunden hatte. Und er war der Auslöser dazu gewesen. Er bleibt stumm, betroffen bis ins Innerste seiner Seele, weil er sich der Wichtigkeit dieses Gesprächs bewusst ist, und das Ausmaß der möglichen positiven Konsequenzen, die daraus resultierten, nicht wirklich abschätzen kann, sie jedoch ahnt. Sie hat ihm ihre Rechte entgegengestreckt, und er küsst zart ihren Handrücken, der sich auf seiner Gesichthöhe befindet. Berauscht atmet er den Duft ihres Kleides ein, ihres Parfums, das ihn verwirrt und erregt zugleich und muss an sich halten, um sein Gesicht nicht in die Falten ihres Kleides zu schmiegen. Er war so müde und ausgelaugt. Seine gepeinigte Seele, die einem dreitausend Jahre alten Phantom hinterher jagte, sehnte sich danach, erneut die zärtlichen Hände einer Frau auf seinem Gesicht zu spüren und die Vergangenheit von sich zu schütteln. Yasmina bedeutete nicht nur Hoffnung für zukünftige Generationen arabischer Völker, sondern sie war in gewisser Weise auch sein ganz persönlicher Engel geworden. Welch sonderbarer Gedanke... „Ihr Name war Judith“, flüstert er plötzlich unter dem Zwang, in ihre Augen zu blicken und dort Trost zu finden. Er gewahrt den schmerzlichen Ausdruck um ihre Lippen, das Zucken ihrer zarten Nasenflügel und eine ihrer Tränen rollt auf seine Wange. Er benetzt seine Fingerspitze damit und betrachtet sie versonnen. „Sie war alles was ich hatte“, fährt er mit erstickter Stimme fort. Und als sie sein Gesicht in ihre Hände nimmt und tröstend ihre Daumen über seine Wangen streichen, flüstert er benommen weiter: „...und Deine Hände erinnern an die Flügel von Vögeln“. Im gleichen Moment, wo seine bebenden Lippen ihre Handflächen berühren, verbrennt ihn die glühend schmerzhafte Gewissheit, dass sie nie die Seine werden konnte, wie ein vom Himmel stürzender Feuerball. Minuten später, die ihm das Gefühl seelischer Entrücktheit vermitteln, reißt er sich gewaltsam aus seinem Tranceartigem Zustand und verabschiedet sich mit knappen, dankenden Worten. Sie reicht ihm stumm das Buch, und er nimmt es an sich, während das Mädchen aus der hintersten Ecke des Gemachs auftaucht, und ihn zur Tür geleitet. „Behalten Sie es als Dank und Erinnerung an diesen Abend!“ ruft sie ihm leise hinterher und er nickt, ohne sich dabei umzudrehen. Er hätte ihr soviel zu sagen und sie darf keines seiner Worte hören, keinen seiner sehnsüchtigen Atemzüge vernehmen und ihn nie mehr wieder sehen. Allein, vertieft er sich in die arabische Zauberwelt der Dichtung, auf Frieden hoffend und Linderung des neuen Schmerzes, der einen Teil des alten zu übernehmen droht. Doch alles, was er findet, ist brennende Sehnsucht, als er verwundert und entzückt zugleich auf einen Vers des Hohenlieds König Salomons selbst stößt: „Wie schön bist Du, wie anmutreich, O Liebste, spendend Lust. Dein Wuchs ist schlanker Palme gleich, der Traube Deine Brust. Ich will die Palme ersteigen, und greifen nach den Zweigen. Es sollen Deine Brüste Trauben mir sein, Dein Odem duftende Äpfelein. – Dein Haupt wie Karmel über Dir, daran die Locken voller Zier Wie Purpurnetze hangen, in denen Du einen König gefangen!“ – ** Er liest das leidenschaftliche Geständnis des Königs, berauscht von dessen Worten, zu Ende. Er spürt, wie die Sehnsucht nach ihr ihn zu übermannen droht und stöhnt vor verhaltener Erregung. Allein mit seiner aussichtslosen Begierde nach dem schönsten Weib, dem er jemals gegenüber trat, gibt er der Versuchung nach, selbst Hand an sich zu legen, um sein entfachtes Feuer, seine entflammte Leidenschaft, die er für eine unerreichbare Frau, eine zukünftige Königin empfindet, auf primitive Art ein wenig zu dämpfen. ***** * Auszug einer Dichtung zu Ehren einer Bauchtänzerin, unbekannter arabischer Verfasser. ** Auszug des Hohenlieds König Salomons, 900 v. Chr. |