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Spiel der Mächtigen
In etwa zwanzig Metern Abstand balgten sich die Junglöwen um den Kadaver des Gnus. Immer wieder wurden die Jüngeren vom Big Boss mit der beeindruckenden, dunklen Mähne angefaucht und vertrieben. Und doch gelang es dem einen oder anderen, der vorwitzig genug war, sich nicht einfach nur mit den mageren Resten zu begnügen, sich ein Stück aus dem gerissenen Tier zu holen. Es gelang ihm dann, mit der Beute rasch in den Schatten der Akazienbüsche zurückzuhechten und sich über den Leckerbissen herzumachen. Nur das Klicken der gespannten Auslöser der teuren Kameras war in Toms Rücken zu vernehmen. Die Touristen schienen den Atem anzuhalten, wie er selbst auch. Ausnahmsweise hatte er es hier mit Leuten zu tun, die sich an seine Anweisungen hielten. Das war nicht immer so gewesen. Er könnte Bücher füllen mit den Dummheiten der Besucher, ihren idiotischen Spitzfindigkeiten, die sie ersannen, nur um das Foto ihres Lebens zu schießen. Um ein Haar wäre er im vergangenen Jahr deswegen sogar von einem Nashorn aufgespießt worden, hätte sein treuer Freund Wayeya dem mächtigen, wütenden Tier nicht einen Betäubungsschuss in den Hals verpasst. Nicht, dass der Gigant sofort zusammen gebrochen wäre, weit gefehlt! Aber er war doch einigermaßen verdutzt gewesen, abgelenkt durch das Erscheinen des riesenhaften Massai-Kriegers, der plötzlich, in sein rotes Tuch gehüllt, rechts vor ihm aufgetaucht war. Dann begann er zu wanken, drehte sich ein paar Mal im Kreise, bevor er mit den Vorderläufen zuerst einknickte und betäubt zur Seite fiel. Tom war ohnmächtig vor Zorn gewesen und hätte den vorwitzigen Neureichen am Liebsten persönlich den Löwen zum Fraß vorgeworfen. Doch er hatte gelernt, sich soweit zu beherrschen, um sein Geschäft und seinen guten Ruf, der unweigerlich die Ursache seines Erfolges als Tourenguide war, nicht aufs Spiel zu setzen. Außerdem stand der Mann ohnehin so sehr unter Schock, dass keine Maßregelung, kein Anschreien von Nöten gewesen war, um dem Fotografen zu veranschaulichen, was passiert wäre, hätte Wayeya nicht blitzschnell gehandelt.
Mehre summende Fliegen, die auffordernd in der flimmernden Hitze des fortgeschrittenen Morgens vor Toms Augen tanzten, ließen ihn ein wenig den Kopf schütteln, gerade so, als hätte der Wind die trockenen Grashalme, hinter welchen die fünf Leute verborgen lagen, sachte bewegt. Gebannt schauten die abenteuerhungrigen Touristen dabei zu, wie sich der gesättigte Alte endlich von der Beute, die die Weibchen für ihn angeschafft hatten, weg trollte, um seinen Verdauungsschlaf im Schatten von flachkronigen Steppenbäumen zu halten. Dann wagten sich auch die Jüngsten heran, knabberten an den Resten und Knochen, bis ihre Schnauzen rot vom Blut des Fraßes waren. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sich allgemeine Ruhe in der Löwenmeute breit machte. Nur ein paar der Kleinsten sprangen und hüpften noch munter um die kläglichen Reste des Tieres herum und versuchten die Geier, die sich mehr und mehr auf dem Aas nieder ließen , zu vertreiben. Tom gab Wayeya ein Zeichen. Dieser nickte kaum merkbar und begann nach rückwärts zu robben, was die drei Touristen ihm gleich taten, wenn auch nicht mit derselben Grazie und Lautlosigkeit wie der dunkelhäutige Afrikaner. Als sie weit genug von der Löwenfamilie entfernt waren, pirschten sie geduckt zum Jeep zurück, der etwas weiter abgestellt auf sie wartete. Tom bildete, wie immer, den Rückzug. Die Sicherheit der ihm anvertrauten Leute ging ihm über alles, und kam sofort nach der Sorge um die Wildtiere Afrikas, wenn sie nicht mit dieser sogar ebenbürtig war. Seit er in diesem Reservat sein Lager aufgeschlagen hatte, und das war immerhin schon fast seit fünf Jahren, - gleich nach den Unruhen in Kenia war er weiter südlich bis hierher ins Okavango Delta gezogen -, focht er einen stummen, zähen und einseitigen Kampf gegen den internationalen Safari Club und deren Trophäenjäger dieses Planeten aus. Sein mächtigster Gegner war der Befürworter dieses Vereins, der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten, George W. Bush höchstpersönlich, und so schien der Kampf von vornherein verloren zu sein. Das allgemeine Jagdverbot, das die botswanasche Regierung vor drei Jahren erlassen hatte, wurde immer wieder geschickt umgangen. Alles was er tun konnte war, sich weiterhin gegen die Heranziehung seiner Person als Führer von Großwildjägern zu widersetzen, auch wenn ihm das schon mehrmals einen Verweis aus Botswana herauf beschworen hatte. Er fand doch immer einen Weg, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen und zu bleiben. Nicht zuletzt, da es ein paar Männer im Innenministerium und der Parkverwaltung gab, die sein Engagement für das Überleben der geschützten Fauna Afrikas über alles schätzten. Er kämpfte gegen Windmühlen an und seine Hetzreden und Kommentare, die er den manchmal interessierten Naturreportern auf den Weg mitgab fielen doch hin und wieder auf fruchtbaren Boden der westlichen Medien. Er selbst hatte bereits etliche Tiere erlegt, doch es gab triftige Gründe dafür. Entweder befand er sich in höchster Lebensgefahr, oder er erlöste ein Tier von seinem Leiden, das ausweglos erschien. Ein gutes Drittel seines Lebens hatte er in Afrika verbracht und er betrachtete diese Erde als seinen Kontinent, seine Wahlheimat. Er würde nicht freiwillig von hier verschwinden, da konnte Bush seine Truppen aus dem Irak abziehen und ihm auf den Hals hetzen! Er war geschäftsschädigend für den „International Safari Club“ und diese Genugtuung genoss er, wie der rissige Boden der Kalahari den Regen nach einer langen Dürreperiode genoss.
Er sprang als Letzter aus dem hohen Steppengras in den Jeep und ließ den Motor an. Das Fahrzeug arbeitete sich langsam, schließlich schneller durch die Savanne, sobald er sicher war, dass das dumpfe Motorengeräusch die Ruhe der Löwen nicht mehr weiter stören konnte. Sie würden noch vor Mittag zurück im Camp sein und somit der ärgsten Hitze während der nächsten Stunden aus dem Weg gehen. Wayeya saß kerzengerade neben ihm. Er hatte sein Repetiergewehr, mit dem er sich erst seit kurzer Zeit angefreundet hatte, zwischen die Beine geklemmt und blickte gerade aus, dem Horizont entgegen, der ein Flimmern von Braun- und Grüntönen war. Sein Freund, der ihm mehr als einmal das Leben gerettet hatte, war kein großer Redner. Er sprach so gut wie nie, obwohl Tom seine Sprache halbwegs verstand. Blicke, Gesten genügten zwischen ihnen, um sich zu verständigen. Eine eigene Sprache, die sie sich während ihrer jahrelangen Pirschzüge durch die afrikanische Steppe angewöhnt hatten. Im Camp genossen sie die würzigen Speisen des indischen Kochs. Es war keine Seltenheit, Inder in dieser Gegend anzutreffen. Es waren Auswanderer, die sich dem Leben hier mit Leichtigkeit und Eifer angepasst hatten. Die meisten arbeiteten für den Tourismus. Nicht wenige sorgten für das leibliche Wohl der Afrika Reisenden. Es war Toms Pflicht, die Mahlzeiten mit den Gästen einzunehmen, während Wayeya sich immer abseits hielt. Es geschah aus keinerlei Schüchternheit heraus, sondern vielmehr aus Stolz. Auch wenn Wayeya seit langem seinen Stamm verlassen hatte, um das Nomadenleben seines Freundes zu teilen, der sagenhafte Stolz seiner Rasse umgab ihn wie ein Mantel afrikanischen Mysteriums.
„Morgen früh geht es weiter nach Norden“, erklärte Tom der Runde, die darauf wartete zu erfahren, welches die nächsten Ziele ihrer Expedition waren, „dort, wo es weniger trocken ist. Wir werden das Glück haben, Nilpferde zu beobachten, vielleicht auch ein paar Krokodile. Ein Meer von Elefanten. Das Wasser des Okavangos verdunstet um diese Jahreszeit so rasch, dass sich das Wild auf engerem Raum zusammendrängen muss, um genug davon abzubekommen. Trotzdem sind wir hier in Botswana mit Wasser privilegiert. Im Gegensatz zu anderen Landstrichen und Ländern, ist es eine wahre Oase! Das ist unser Vorteil.“ Er warf trotzdem einen sehnsüchtigen Blick in den weißblauen Himmel und wünschte die Regenzeit herbei. Wenn die Wassermassen vom Plateau Angolas herunterstürzten, um den Okavango zu nähren, würde auch das Leben der Wildtiere einen neuen Aufschwung erleben – und die Regierung gab eine Anzahl von Abschüssen auf Elefanten, Büffel und Raubkatzen frei. Er stellte sich schon innerlich auf einen neuen Kampf mit den Behörden ein. Manchmal war er müde von alledem. Müde und ausgelaugt. Bereit, alles hinzuschmeißen, das Camp zu verkaufen und sich zurück nach Australien abzusetzen. Doch allein der Gedanke an seinen Vater, ließ ihn diese Überlegung rasch vergessen. Bloß nie wieder ein Wort von dem Alten anhören zu müssen! Doch Australien war groß, er konnte sich auch dort etwas aufbauen, fernab seiner Familie. Ein Busch im Camp war das große Rennen zu der Zeit. Doch Afrika hatte ihn verhext und er würde ausharren, bis man ihn mit Gewalt vertrieb, oder er blieb, von Wilderern verscharrt, im Sand der Kalahari liegen. Er wäre nicht der Erste, nicht der Letzte, dem dies widerfuhr. Nicht, dass ihn dieser Gedanke erschreckte, nein, vielmehr erboste es ihn, dass durch sein Verschwinden das Tor für Wilderer und Monetenschwere Jäger ganz aufgestoßen wurde. Es war seine Herausforderung, eine nie enden wollende Aufgabe, die er sich ganz allein auferlegt hatte. Sein Einfluss war gering, aber störend, unangenehm, eine kleine Hemmschwelle für viele, die sich nicht mit ihm anlegen wollten, oder den Schutzorganisationen, mit denen er zusammenarbeitete. Jene, die auf ihren Namen zu achten hatten, ihr gutes Renommee, ihren scheinheiligen Status von humanen Erdenbürgern! „Vor allem die, die darauf brennen, riesige Vögelschwärme zu beobachten, afrikanische Prachtfinken, Kronenkraniche, Flamingos und Reiher sind nur wenige der Spezies, die das Herz jedes Ornithologen höher schlagen lassen. Also packen Sie genug Filmmaterial ein, meine Herren!“ Sein Blick wanderte zu dem deutschen Naturforscher, von dem er wusste, dass er ein besonderer Vogelliebhaber war. Sie besprachen die Einzelheiten der nächsten Tage und Exkursionen und danach zog jeder sich zurück, um die Hitze in seiner Unterkunft so angenehm wie möglich zu überdauern. Hier gab es weder Klimaanlage, noch elektrischen Strom. Die Drinks waren meist lauwarm, weil das Eis, das er täglich aus Maun kommen ließ, im Nu schmolz. Tom hatte keine Luxuslodge auf die Beine gestellt, im Gegenteil. Es war ein einfaches Camp, das die Gäste mit dem Nötigsten versorgte und sie daran erinnerte, dass sie sich in der Wildnis befanden. An einem Ort, wo der Mensch nur zweitrangig hinter der Natur und ihren Gefahren stand. Für ihn reichte es zum Leben, und auch dafür, noch einiges zurückzulegen für später, wenn er nicht mehr so aktiv mitmachen konnte wie heute. Immerhin galt Moremi als eines der schönsten Reservate des Kontinents. Für wie lange? Tom wagte nicht daran zu denken! Die luxuriösen Lodges störten mehr und mehr das natürliche Wohlbefinden der Wildtiere. Langsam glich der Park einer Art afrikanischem Disneyland, wenn es in dem Tempo mit der Bautätigkeit weiter ging!
Nicht, dass er ein absoluter Feind von Komfort und Bequemlichkeit gewesen wäre, nein, denn auch Tom zog es manchmal für ein paar Tage in eine dieser Ruheoasen der Reichen. Meist dann, wenn neue Verträge ausgehandelt wurden, die angesichts der Einfachheit seines Lagers, den er zu bieten hatte, nicht immer zustande kamen. Doch ertrug das Getue der „Auserwählten“ – Safaricamps der Luxusklasse in Botswana waren die teuersten Afrikas -, nie länger als ein paar Tage, bevor er aufatmend die Zivilisation verließ und sich zurück in sein Camp begab.
Bläuliche Rauchringe stiegen gleichmäßig in die Luft über der Bambusterrasse des Luxuscamps. Die gespitzten Lippen des dunkelhaarigen Mannes, die den Zigarettenrauch gegen den dunkel werdenden Himmel über der Xenaga Lodge bliesen, begannen erneut zu sprechen. „Ich will mit dem Mann reden. Gegen die Magie der kleinen Scheinchen ist auch der größte Idealist nicht gefeit. Ich werde ihn davon überzeugen, dass er mein Angebot, uns zu führen, nicht abschlagen kann. Das können Sie getrost mir überlassen.“ Sein Begleiter hatte die Stirn gerunzelt. „Es gibt andere gute Führer, Sam! Tom O’Fairway ist ein Einzelgänger. Einer, der offen gegen die Großwildjagd in Botswana kämpft. Man munkelt, dass er möglicherweise schon ein paar Wilderer auf dem Gewissen hat. Notwehr zwar, aber immerhin! Auf Menschen schießen ist nicht das Gleiche wie auf Tiere, egal aus welchem Grund auch immer! Wir sollten ihm aus dem Weg gehen.“ Samuel J. Louisval schüttelte bedächtig den Kopf und sah durchdringend sein Gegenüber an. „Ich denke, er hat keine Wahl, sich mir zu widersetzen, Col! Ich habe andere Kerle klein gekriegt, damals, ihn Kabul! Dieser verwilderte Buschmann wird sich auch mir fügen müssen, wenn er seine Lizenz hier nicht verlieren will, klar?“ „Klar, Captain!“ erwidert mechanisch Louisvals Begleiter. „Ich werde jemanden raus schicken zu seinem Camp, der ihn holen soll.“ „Tun Sie das, Mann! Lassen Sie mich nicht warten, Sie wissen, wie sehr ich das hasse!“ Ein zweideutiger Blick ging in die Richtung der gut aussehenden Frau, die der Runde beigewohnt und während der Unterhaltung in einem Reisemagazin geblättert hatte. „Jill! Wir haben noch einiges zu besprechen! Bezüglich des Wahlkampfes, wie Du weißt!“ Die Angesprochene hob ihren Blick und setzte ein einstudiertes Lächeln auf. „Natürlich, Sam! Das haben wir!“ Sie erhob sich fast gleichzeitig mit dem wuchtigen Mann und folgte ihm hinterher, die Stufen hinunter, von der aus die gepflegten Wege zu den einzelnen Zeltunterkünften führten. Col blickte ihnen nach und schüttelte den Kopf. Er würde nie begreifen, warum die adrette, nicht unintelligente Jill Harder, die Soziologie und Politwissenschaft studiert hatte, diesem Mann, der außer seiner politischen Ambitionen und Jagdgelüste nichts anderes im Kopfe hatte, fast hörig war. Er zuckte die Schultern. Bei ihm war es verständlich. Louisval hatte recht: jeder war käuflich und der einflussreiche Politiker zahlte gut. Seine Verbindungen zu den Machthabern der Vereinigten Staaten waren mehr als gut, sie waren ausgezeichnet und Sam Louisvals politische Zukunft war so gut wie vorgezeichnet. Col wollte teilhaben an dieser Zukunft die viel versprechend vor ihnen allen lag, wahrscheinlich auch vor Jill Harder, die möglicherweise ihre Hoffnung darauf gesetzt hatte, in ein paar Jahren als First Lady ins Weiße Haus einzuziehen. Doch bis dahin lag noch ein weiter, dorniger Weg, der für sie, nicht zuletzt, durch Louisvals harte Hände und natürlich auch sein Bett führte.
***** Trotz der frühen Morgenstunden war es bereits ziemlich warm und dunstig. Der Fahrer, den Col Philipps an diesem Tag engagiert hatte, führte ihn bereits seit über einer Stunde durch die Gegend. Dem Handlanger Louisvals dauerte die Fahrt zu lange, er verabscheute Afrika und diese Weiten. Er war ein Grosstadtmensch und hätte sein Boss nicht darauf bestanden, dass er mitkam, säße er jetzt in seinem komfortablen Büro im Pentagon. Er war sich dessen sicher: Louisval hatte ihn nicht mitgenommen, weil er unabkömmlich für ihn war, sondern einzig und allein, weil er ihn, Col Philipps verarschen wollte in diesem Niggerland. Auch wenn sie inoffiziell die gleiche Gesinnung teilten, was die schwarze Bevölkerung Amerikas betraf, so war es genau das Gegenteil, das sie als Geschütz in ihrem Wahlkampf auffuhren: Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit für alle Rassen. Louisval hatte geschickt auf die drei Grundelemente der französischen Revolution zurückgegriffen und sie für seine eigenen Zwecke genutzt. Oder war es Jills Idee gewesen? Der aus New Orleans stammende Louisval rühmte sich, ein direkter Nachfahre Lafargettes, des französischen Eroberers zu sein, aber das nahm ihm nicht einmal die Putzfrau ab, frohlockte Philipps. Er hätte sich gewünscht, ein wenig mehr Loyalität ihm gegenüber zu empfinden, aber seine eigenen Ziele waren ihm ebenso wichtig, wie die seines Kandidaten. So benutzte jeder jeden und fuhr gut dabei. „Wie weit ist es denn noch?“ richtete er seine Frage an den Fahrer des Jeeps. „Halber Weg, Massa!“ war die Antwort und Philipps fluchte verhalten. Die Hauptstrasse hatten sie seit längerer Zeit schon verlassen. Es hatte keinen Sinn, O’Fairway in die Lodge zu beordern, das hatten ihm alle, die ihn kannten lachend garantiert. Er würde nicht kommen. Vor allem, wenn es um Jagd ging. Man hatte Philipps auch gewarnt, er solle sich zurück zu halten und darauf gefasst sein, grob angeschnauzt zu werden und unverrichteter Dinge wieder abfahren zu müssen. Doch der unterzeichnete Blanko Scheck in der Tasche würde auch den bockigen Australier davon überzeugen, dass Louisval keine Absage hinnahm.
Tom hatte die Gruppe ins Camp zurückgeführt. Die drei Tage, die sie im fruchtbareren Delta des Okavango, „des Flusses, der nie das Meer sieht“, weil er vorher in der Wüste Kalahari verdampft verbracht hatten, haben die Ansprüche jedes einzelnen Safariteilnehmers erfüllt, wenn nicht sogar übertroffen. Es war der Tag ihrer Abreise. Er selbst wollte sie nachmittags nach Maun zum Flughafen bringen. Der indische Koch hatte ein raffiniertes Essen auf den Tisch gezaubert, zu dem auch Riesenomelettes aus Straußeneiern gehörten. Die Würze derer war pikant und scharf und verlangte nach einer größeren Menge Bier, dem die Reisenden gerne zusprachen. Sie hatten noch ein paar Stunden Ruhe vor sich, bevor sie ihre Zelte hier abbrechen wollten. Tom saß über seiner Abrechnung. Er kalkulierte die eigenen Ausgaben und Spesen, und den Reingewinn der letzten Wochen, als der Wagen des Amerikaners in sein Lager fuhr. An der Aufschrift des Jeeps erkannte Tom die Lodge, aus der er kam. Er kannte den Fahrer und begrüßte ihn im Dialekt der Bugakwe, einer ethnischen Gruppe des Deltas. Der Mann, der aus dem Wagen kletterte, hatte alles das an sich, was ihm selbst fehlte. Ein einstudiertes, gewinnendes Lächeln, einen tadellos sitzenden Leinenanzug, wahrscheinlich maßgeschneidert, einen 1A Haarschnitt und eine schlaksige, fast schmächtige Figur. Selbst der Händedruck war so unterschiedlich zu seinem eigenen, wie die Sonne zur Nacht. Tom ergriff die ihm dargebotene Rechte nur zögernd, er wollte im Vorhinein immer wissen, mit wem er es zu tun hatte, und obwohl der Fremde sich vorgestellte, sagte ihm das noch nicht viel über Grund und Anlass seines Besuches aus. „Haben Sie vielleicht ein paar Minuten Zeit für mich, Mister O’Fairway?“ „Es wird eine kurze Unterredung werden, fürchte ich“, brummte Tom und der Blick den er unter dem Rand des Huts diesem Philipps zuwarf, war gespannt, aber auch vorsichtig. „Ich muss später noch nach Maun!“ Er deutete auf einen der Klappstühle, die um den großen Tisch, der zum Essen, wie auch zum Pläne zeichnen und jedem anderen Zweck seiner Besucher diente, und Col Philipps fächelte sich vergeblich Kühlung mit der Werbebrochure Louisvals zu. „Es dauert nicht lange, ich komme gleich zur Sache!“ Er lehnte das angebotene Bier ab und bat um Mineralwasser. „Kennen Sie diesen Mann?“ Das polierte Zahnpastalächeln Samuel Louisvals strahlte Tom auf Hochglanzpapier entgegen. „Sollte ich?“ meinte er belustigt und seine hellgrünen Augen verweilten keine zwei Sekunden auf dem gebräunten Gesicht des abgebildeten Mannes und seinem gewellten, glattem, und sicher auch geöltem Haar. Er mochte dieses Gesicht nicht und hatte auch keinen Grund es zu mögen. „Samuel Louisval! Einer der viel versprechendsten Politiker unsere Landes und sicher in den nächsten Jahren auch Präsidentschaftskandidat!“ Tom berichtigte: „Ihres Landes, Mister! Ich bin kein Amerikaner!“ Col winkte ab. „Ich weiß, und das tut auch nichts zur Sache. Es genügt ihr Ruf, ihre Erfahrung als Guide und ihr Fachwissen, das sie sich auf diesem Kontinent und insbesondere in diesem Land angeeignet haben. Deshalb bin ich hier. Im Namen von Mister Louisval. In meiner Tasche befindet sich ein Scheck, auf den Sie nur mehr die gewünschte Summe zu malen haben. Er ist auf ihren Namen ausgestellt. Ein einfaches ‚ja’ und er wechselt den Besitzer.“ Dass er dafür mehr tun müsste, als diesen Senator, oder was immer er auch war, ein paar Tage lang durch die Savanne zu schleppen, damit er die Elefanten beim Trinken beobachten konnte, oder den Paarungsakt der Löwen auf Zelluloid bannte, war ihm sofort klar. „Raus mit der Sprache“, witzelte er, doch sein ansprechend geschwungener Mund blieb hart dabei. „Wen soll ich umlegen? Den Präsidenten von Botswana?“ Col Philipps lachte lustlos auf. „Sie besitzen Humor, Tom! Nein! Ganz so schlimm wird es sicher nicht! Sie sollen den Senator nur ein paar Tage lang durchs Delta führen. Er will sich die Gegend hier ansehen.“ „Und?“, fragte Toms lauernde Stimme. Er war dabei, sich eine Zigarette zu rollen und leckte das feine Papier, um die Selbstgestopfte zusammenzukleben, bevor er sie genießen wollte. „Nun. Sie werden verstehen, dass es sich um eine ganz bestimmte Safari dabei handeln wird. Wie sie sicher bereits erfahren haben, hat die Regierung fünfzig Elefanten zum Abschuss freigegeben. Einer davon ist für Mister Louisval. Es sind einfach zu viele. Sie zertrampeln die Felder der Bevölkerung und würden die nächste Dürreperiode kaum überstehen, weil sie sich gegenseitig das spärliche Futter weg fressen!“ „Sparen Sie sich ihre Lügen, Philipps“, grollte O’Fairway, nicht laut, aber unmissverständlich ablehnend. „Stecken Sie sich den Scheck hin wo ich denke und sagen Sie ihrem feinen Senator, er soll seine Mordgelüste anderswo abbauen, sicher werde ich ihm dabei nicht helfen!“ Philipps war nicht so leicht zu beleidigen und schon gar nicht zu entmutigen. „Die Elefanten werden auch ohne Sie abgeschossen, das ist ein staatlicher Beschluss, Mister O’Fairway. Ich verstehe Ihre Einwände, ihre Position als Wildhüter, aber es ist auch zum Wohl der restlichen Tiere, die...“ „Halten Sie ihren Mund, Mann“, Tom hatte seinen schleppenden Aussie-Akzent angewandt, um die Rede des Mannes zu stoppen. „Kommen Sie mir nicht mit dem blöden Gerede. Von dem Beschluss habe ich eher erfahren, als die meisten anderen Mitglieder des internationalen Safari Clubs, dem ihr feiner Präsident vorsteht. Ich kenne den politischen Druck, der auf dieses Land ausgeübt wird. Ich kenne jede Klausel, jeden Vorwand, jeden Brief, der von den führenden Leuten aus Übersee kommt und auch jeden der Anwärter, der darauf wartet, auf eines der Tiere zu schießen. Es ist eine besondere Art von perverser Befriedigung und Sie wissen das. Durch ein Zielfernrohr eines Gewehres zu blicken, mit dessen Preis man ein ganzes afrikanisches Dorf monatelang ernähren könnte, und den Abzugshahn zu betätigen, damit vor den Augen des heldenhaften Schützen ein gigantisches Tier, das uns in Intelligenz und Gefühlvermögen um nichts nachsteht, tot zusammenbrechen zu sehen, ist wahrhaftig eine geile Sache. Im Vorjahr waren die Löwen dran, diesmal sind es die Elefanten. Ich frage mich, wann werden es die Eingeborenen sein?“ Seine Worte trieften vor Verachtung. Er grinst böse. „Wird ihr Senator sich vor seinen Wählern mit diesem mutigen Akt rühmen? Oder wird er ihn eher verschweigen? Schließlich gibt es auch so etwas wie Tierschutz in Ihrem Lande, Mister Philipps. Der Safari Club gehört offiziell dazu. Ich sagte: offiziell! Oder irre ich mich da?“ „Sie wollen nicht verstehen, Mister O’Fairway. So kommen wir auf keinen grünen Zweig. Die Elefanten sind schon so gut wie tot und Sie haben die Möglichkeit, auch wenn es gegen ihre Prinzipien ist, am Kuchen mitzunaschen, ihr Camp zu verdoppeln, es zu modernisieren oder auszubauen. Ich sehe da nichts Verwerfliches. Man verlangt ja nicht, dass sie den Abzug drücken. Wenn nicht Sie es tun, das tut’s ein anderer.“ „Dann soll ein anderer den Judas spielen. Ich sage ‚Nein’!“ Tom paffte den Rauch des brennenden Tabaks in die Luft und machte Anstalten, sich zu erheben. Die Unterhaltung war gelaufen, er hatte dem nichts mehr hinzuzufügen. „Mister O’Fairway!“, hielt Philipps ihn zurück. „Ich hatte so gehofft, Ihnen das hier zu ersparen. Aber, da es nicht anders geht...“ Tom nahm den Umschlag aus der Hand des anderen. Man wollte ihn also wieder Einmal erpressen. Aufenthaltsgenehmigung? Lizenz? Was war es diesmal? Seine hellen Augen funkelten wie kalte Glasmurmeln, als er betont und mit einem gefrorenen Grinsen den Umschlag samt Inhalt vor der Nase des Boten zerriss. „Das können Sie wieder mitnehmen, Mann! Louisval, oder wie der Kerl auch heißen mag, wird sich schon etwas anderes einfallen lassen müssen, um mich umzustimmen. Und ich bin fast gespannt, was es sein wird!“ Philipps hatte sich erhoben: „Es gibt auch für Sie gewisse Spielregeln, O’Fairway! Ich glaube, dass Sie noch viel dazu lernen müssen, wenn sie auf dem Spielfeld der Liga mitkämpfen wollen. Man sieht sich!“ Er tippte auf seinen Hut und stieg gelassen in seinen Wagen, neben dem der Fahrer auf ihn gewartet hatte. In eine Staubwolke gehüllt, verschwindet das Fahrzeug aus dem Camp.
Tom war nicht wirklich überrascht, als man bereits wenige Tage nach diesem Zwischenfall in sein Lager kam und ihn höflich, aber bestimmt bat, seine Aufenthaltsgenehmigung in der Präfektur von Maun abzugeben. Eine Verlängerung seiner Arbeitslizenz sei zurzeit aus administrativen Gründen nicht möglich. Der Jeep fuhr mit den uniformierten Männern wieder ab. Einen davon kannte er gut. Diesem war seine Verlegenheit und sein Bedauern anzumerken. Doch er war nur ein kleiner Angestellter, der sich glücklich schätzen konnte, als Ordnungshüter durch die Gegend zu fahren. Der hochoffizielle Beschluss befand sich also in Toms Händen. Er kochte vor Wut und dem Gefühl der Hilflosigkeit regelrecht über. Nichts desto weniger beschloss er, gleich am nächsten Morgen bei dem zuständigen Beamten vorzusprechen, jedoch nicht, ohne vorher seine Kumpel vom Wildschutzprogramm aufgesucht zu haben. Doch er rannte gegen Mauern. Ein bedauerndes Schulterzucken war alles was er erntete und den gut gemeinten Rat, sich so ruhig wie möglich zu verhalten, damit man nicht noch andere Delikte gegen ihn aufführen konnte. Wer suchte, wurde auch fündig! Wer wusste das besser als er? Die einzige Möglichkeit, seinen Frieden zu haben, war, dass er Louisvals Auftrag annahm, so wurde ihm geraten. Der hätte genug Einfluss, auch auf die landesweite Administration, um den Beschluss aufheben zu lassen. Schließlich gehörte er dem International Safari Club an. Es wäre der beste Zeitpunkt gewesen, seine Zelte abzubrechen und das Land, den Kontinent zu wechseln. Aber für Tom hieß das, feige den Schwanz einzuziehen und Louisval den Sieg einstecken zu lassen. Natürlich würden sie die Elefanten abknallen, das Todesurteil war längst gesprochen! Aber er müsste das nicht wirklich mehr miterleben und konnte immer noch versuchen, anderswo nicht mehr daran zu denken! Also begann Tom O’Fairway, seine Fühler auszustrecken und Erkundigungen über Louisval einzuholen. Er wollte einen Schwachpunkt entdecken, etwas, das er benützen konnte, um ihm damit einen Gegenschlag zu verpassen. Außer seiner Jagdleidenschaft konnte er nichts finden. Zumindest nichts, was offiziell bekannt war. Und das reichte nicht aus, Louisval von seinem Vorhaben, ihn ausweisen zu lassen, abzubringen. Diese Jill Harder, seine Assistentin, schien überall mit dabei zu sein. Über diese Frau, über die nicht allzu viel bekannt war, außer, dass sie seine ständige Begleiterin war, konnte er vielleicht eher an seinen Widersacher herankommen. Frauen waren für Tierschutz bekanntlich zugänglicher als Männer. Ob sie Louisval auch nach Afrika begleitet hatte? Philipps war ein Volltrottel, der dem Senator unterwürfig zu Füssen lag. Wahrscheinlich tat diese Frau es auch, wenn auch aus anderen Gründen. Aber dennoch, Frauen hatten ihre eigene Art, erfolgreich zu sein und dazu gehörte nicht unbedingt Unterwürfigkeit. Starke Männer liebten starke Frauen, das war bekannt. Wenn Louisval sie an seiner Seite hielt, als Assistentin, vielleicht auch als Freundin, dann nicht nur weil sie gut aussah und vielleicht im Bett etwas hergab, sondern auch, weil er möglicherweise ihren Rat suchte oder brauchte.
Es war nicht allzu schwer, sein Vorhaben in die Tat umzusetzen. Am darauf folgenden Tag würde seine Aufenthaltsgenehmigung ablaufen und er sollte sich nicht länger in der Öffentlichkeit zeigen. Louisval würde kontrollieren lassen, ob er das Land auch wirklich verlassen hatte, also blieb ihm keine Zeit, denn schließlich ging es um seine Existenz. Da er die meisten der Leute, die in der Xenaga Lodge arbeiteten kannte, verursachte es keinerlei Aufsehen, als er den mondänen Ferienclub betrat und sich in der freien, offenen Lobby herumdrückte, ohne weiter aufzufallen. Wetaya befand sich in der Nähe, er würde ihm den Rücken decken. Tom war fest entschlossen, notfalls als Bittsteller bei einer Frau aufzutreten, die er nicht kannte. Die vielleicht ein ausgekochtes Biest war und Louisval an Kaltblütigkeit um nichts nachstand. Und wenn schon! Besser, als diesem Politiker in den Arsch zu kriechen und klein beizugeben. Eine Gruppe von Männern, die an der Bar lehnte und sich lachend miteinander unterhielt fesselte seine Aufmerksamkeit. Wenn ihn nicht alles täuschte, befand sich dieser Senator mitten unter ihnen. Er hätte ihn jetzt überall erkannt und seine beeindruckende Gestalt war nicht zu übersehen. Er war groß, größer als er selbst und sein pechschwarzes Haar stach glänzend geölt aus der Menge hervor. Jemand sprach einen Toast aus, und die Männer erhoben ihre Gläser und prosteten ihm zu. Wahrscheinlich andere Jäger, die sich hier zusammengerottet hatten. Aber er konnte diese Frau nirgends entdecken. Anhand von Magazinen, in denen er geblättert hatte, um sich über Louisval zu informieren, wusste er nur, dass sie eine mittelgroße, schlanke Frau um die Dreißig, mit kastanienbraunem, halblangem Haar, das sie meistens aufgesteckt trug, sein musste. Als er noch hin und her überlegte, wo er ihr am Besten auflauern konnte, erblickte er eine weibliche Person, auf die diese Beschreibung passte, und die anscheinend vom Schwimmen im Pool zurückkehrte. Sie hatte einen bunten Pareo um ihren Körper geschlungen und ihr nasses Haar war zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Um die Schulter trug sie ein weißes Frotiertuch. Sie gesellte sich entspannt zu den Männern und es war offensichtlich, dass ihr Anblick bei den Männern Entzücken hervor rief, das sie jedoch soweit beherrschten, um den Senator nicht zu provozieren. Dieser zog die Frau an seine Seite und hielt ihr einen Drink unter die Nase, den sie dankend annahm. Nun wurde ihr zugeprostet und Tom drückte sich noch tiefer in den Schatten der rückwärtigen Lobby. Wenn er Glück hatte, dann zog sie sich allein zurück, und er konnte ihr folgen. Seine Zeit war bemessen und er riskierte Kopf und Kragen, zumindest aber einen Aufsehen erregenden Rausschmiss aus diesem Etablissement.
Durch einen Hintereingang verließ er die Halle und wartete in einiger Entfernung, dort, wo die bepflanzten Wege zu den Luxuszelten der Gäste führten. Er brauchte nicht lange zu warten. Sie rauschte kurze Zeit später an ihm vorbei, gefolgt von einem Bediensteten, der ein Tablett mit ihrem halb geleerten Drink hinter ihr her trug. Es war ihm ein Leichtes, sich in das Zelt zu stehlen, als der Afrikaner es verlassen hatte und die Frau allein ließ. Das Zelt hatte die Größe eines bequemen Bungalows und verfügte über jeden westlichen Komfort. Um das afrikanische Flair zu bewahren, hatte man sich zu dieser Unterbringungsart der Gäste entschlossen. Sie stand einem Luxusappartement um nichts nach. Ein großer Deckenventilator war an einem Balken befestigt und surrte leise. Jill Harder erblickte den Mann durch den Spiegel ihres Schrankes, den sie nach dem geeigneten Kleidungsstück durchsuchte. Sie erschrak keinesfalls, dachte wahrscheinlich, der breitschultrige Kerl habe sich einfach verlaufen oder verirrt, und sie wandte sich mit einem abwartenden, wenn auch frostigen Lächeln zu ihm um. „Haben Sie sich verlaufen, Mister?“ „Miss Harder? Ich wollte sie eine Minute sprechen“, begann Tom und sein prüfender Blick umfasste die Gestalt der hübschen Frau mit einem abschätzendem, aber nicht unhöflichen Blick. Sie zog eine Augenbraue fragend hoch und neigte abwartend den Kopf. Er registrierte ihre hohe Stirn, die leicht schräg stehenden dunklen Augen und die vollendet weichen Schultern, deren Fortsatz unter dem fließenden Tuch, das sie um sich drapiert hatte, verborgen lag. Sie war barfuss und wirkte nun kleiner als vorhin in der Halle. Kleiner wie er und um vieles kleiner als dieser Louisval. Warum er sich plötzlich vorstellte, wie sie mit ihm auf diesem ausladenden Bett unter dem Moskitonetz lag, war ihm rätselhaft, aber er tat es und der Gedanke behagte ihm keineswegs. „Nun?“ betonte sie ein wenig ungehalten. „Darf ich fragen, wer Sie sind? Ein Reporter?“ Er setzte sein unwiderstehliches Grinsen auf, das ihr nicht entging, und sie registrierte die Grübchen in seinen Mundwinkeln. Wie jugendlich und weich es sein männliches Gesicht plötzlich machte! Er hatte seinen Hut abgenommen und verlagerte sein Gewicht auf ein Bein. Sein halblanges Haar zeugte von einem dunklem Blond und ringelte sich an den Spitzen ein wenig ein. Ihr entging keineswegs seine massive Gestalt, der ansprechende Gesamteindruck von Muskeln und getönter Haut unter den staubigen Safari Klamotten, hellen, durchdringend blickenden Augen und einem bogenförmigen sinnlichen Mund, der nun zu sprechen begann: „Mein Name ist Tom O’Fairway. Ich befinde mich in einer misslichen Lage und komme hiermit gleich zum Wesentlichen.“ Sie unterbrach ihn und schien plötzlich sehr interessiert zu sein: „O’Fairway? Sind Sie etwa dieser Führer, der den Senator während des Jagdausflugs führen sollte und der sich weigert, das zu tun?“ Er nickte ergeben, aber nicht besiegt, und versuchte soviel Charme in seine Stimme zu legen, wie das einem Mann der Wildnis eben möglich war. „Genau darum geht es. Ich glaube, dass Sie großen Einfluss auf Mister Louisval haben und mir vielleicht helfen könnten. Er hat dies hier veranlasst!“ Er reichte ihr den Beschluss seiner Ausweiseverfügung und sie trat näher, während ihr prüfender Blick an seinem Gesicht hing. Sie überflog das amtliche Dokument und gab es ihm zurück. In ihrem Gesicht regte sich kein Muskel. „Was soll das Mister O’Fairway? Das ist ein ganz offizieller Amtsbeschluss. Auch Mister Louisval, der kaum etwas mit dieser Sache zu haben kann, könnte dagegen nichts unternehmen. Sie haben sich also umsonst her bemüht! Wenden Sie sich eventuell an ihre Botschaft! Guten Tag!“ Sie drehte sich auf der Ferse um und ließ ihn einfach stehen. Seine schneidende Stimme hielt sie zurück, sich ins Bad zu begeben. „Miss Harder! Sie sind meine einzige Chance! Und Sie wissen sehr genau, was es mit dieser Sache auf sich hat. Mister Louisval mag ein guter Politiker sein, aber ob diese zweifelhaften Methoden seiner Gewaltausübung auch bei seinen Wählern Anklang fänden, bezweifle ich. Ich kann nichts tun, gegen das geplante Abschlachten dieser Elefanten, aber ich will nicht dabei mitmachen. Und zur Strafe will man mir den Existenzhahn abdrehen und mich wie einen Verbrecher ausweisen! Ist das etwa die Art von Demokratie, die der feine Herr vertritt? Versetzen Sie sich doch bitte in meine Lage! Ich will einfach nur nichts mit dieser ekeligen Angelegenheit zu tun haben! Das können Sie doch sicher verstehen, oder?“ Sie zuckte die Schultern. „Warum sollte ich? Ich kenne dieses Land und seine Gesetze keineswegs. Alles was ich weiß, ist, dass es mit dieser Jagd seine Richtigkeit hat. Die Arterhaltung sollten Sie anderen überlassen, die mehr davon verstehen als Sie, O’Fairway! Der Convention von Washington etwa. Ich glaube, Sie sehen Gespenster und sollten den Senator mit ihren Verdächtigungen verschonen. Und jetzt darf ich Sie bitten, endlich dieses Zimmer zu verlassen, bevor ich dafür Hilfe anfordern muss. Wir haben uns nichts mehr zu sagen.“ Sie sah richtig böse drein und sie funkelten sich gegenseitig an, als würden sie einen Machtkampf mit ihren Blicken ausfechten wollen. Schließlich ging sein Temperament mit ihm durch, er machte einen Schritt auf sie zu, packte sie an den Schultern und spuckte ihr förmlich seine Verachtung ins Gesicht: „Die Convention von Washington! Meinen Sie etwa diesen Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Arterhaltung von Wildtieren weltweit zu übernehmen? Derselbe Verein, der vor ein paar Jahren das Verbot des Elfenbeinhandels wieder aufgehoben hat, bis nur mehr knapp ein Drittel der grauen Riesen übrig geblieben war? Wussten Sie das?“ Er hatte sie unsanft geschüttelt und sie versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien. „Wenn Sie nicht auf der Stelle verschwinden, rufe ich um Hilfe und bezichtige sie versuchter Vergewaltigung, Mister!“ zischte sie wütend. Was bildete sich dieser Kerl eigentlich ein? Als wäre das alles ihre Schuld! „Berechnende Schlampe!“ schleuderte er ihr ins Gesicht und seine Worte trafen sie wie harte Schläge! „Ihr passt gut zusammen und werdet es noch weit miteinander bringen!“ Schon hatte er sie los gelassen und kehrt gemacht. Sie taumelte, war erschrocken durch diese Hasswelle, die er auf sie losgelassen hatte und fand keine Worte, dem etwas entgegen zu halten. Als sie sich fasste, war er längst verschwunden und sie fühlte immer noch seinen kalten Blick auf ihrem Gesicht. Sie fröstelte trotz der Hitze und flüchtete ins Bad. Selbst wenn der Mann in allem Recht hatte, was konnte sie schon tun? Wofür hielt er sie eigentlich? Glaubte er allen Ernstes, Samuel Louisval ließe sich von ihr beeinflussen? Hielt er sie für seine persönliche Beraterin? Auch wenn sie ihn unterstützte, begleitete, sie war ja doch, was er ihr ins Gesicht geschleudert hatte – seine Schlampe! Samuel Louisval brauchte niemanden, der ihm sagte, was er zu tun hatte. Seine Entscheidungen traf er selbst. Alles, was sie tun konnte, was sie gut zu heißen oder auch nicht, und das war auch schon die Grenze ihrer Macht über ihn. Jill Harder täuschte an diesem Abend grässliche Kopfschmerzen vor und begab sich früh zu Bett, wo sie keinen Schlaf fand. Louisval und seine Freunde hatten sich damit abgefunden, am nächsten Morgen mit einem anderen Führer los zu ziehen. Sie würde hier bleiben, und nicht, wie ursprünglich geplant, mit der Gruppe los ziehen. Es sei wichtig, erklärte sie, die Wahlkampfstrategie vorzubereiten. Louisval störte das keineswegs. Eine Frau bei dieser Safari dabei zu haben, würde ihn vielleicht nur ablenken und seine Zielsicherheit beeinträchtigen. Er hatte genug Zeit, sich nach seiner Rückkehr mit ihr zu vergnügen. Frauen liebten Männer, die das Zeug dazu hatten zu töten. Auch wenn sie es nicht zugaben. Eine gewisse männliche Brutalität, natürlich alles in gewissem Maße, reizte sie und davon war er felsenfest überzeugt. Er lag falsch mit seiner Annahme, doch das konnte er nicht wissen. Sich am Anblick sterbender Tiere zu erfreuen, gehörte nicht unbedingt zu ihren Lieblingsbeschäftigungen.
Zwei Tage später hielt sie es nicht länger an diesem Ort der afrikanischen Landschaftsharmonie aus. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um Jäger und nachts konnte sie beinahe das Wehklagen der verletzten Tiere hören. Sie musste mit O’Fairway Kontakt aufnehmen, mit ihm reden, auch wenn sie nicht wusste, worüber. Sein Hass schmerzte fast sosehr wie seine Verachtung. Ein Mann, der alles aufgab, um sich nicht mitschuldig zu machen am Erschießen der Tiere, die von Rechts wegen von der Regierung dafür frei gegeben wurden, war ungewöhnlich. Dreißigtausend Dollar, um einmal den Abzug betätigen zu dürfen. Dreißigtausend Dollar, um als Elefantenjäger zu gelten. Warum hatte sie sich nicht davor den Kopf darüber zerbrochen? Die Aussicht nach Afrika zu reisen war sogar sehr verlockend gewesen. Mit dem Namen des Kontinents war immer noch ein Mysterium für sie verknüpft gewesen, der Schwarze Kontinent, Afrika! Dahinter, so musste sie plötzlich feststellen, verbargen sich auch nur Geschäftemacher, schmutzige Abmachungen und der Tod in jeder seiner unbarmherzigen Erscheinungsform. Die Wohlstandsländer, die mit der Armut der Dritten Welt dealten. Und sie mitten drin! Jill Harder gestand sich nur schwer ein, dass sie trotz ihrer Intelligenz und ihres angeeigneten Wissens nicht weiter dachte, als man ihr gestattet hatte zu denken. Ihr ununterbrochener Einsatz ihrem Land zu dienen und ihre Ideen zu verwirklichen, weil sie fest daran geglaubt hatte, ließ sie auf das Wesentliche vergessen: sich selbst eine Meinung zu bilden und gewissen Sachen auf den Grund zu gehen. Dass sie mit Samuel Louisval zusammen war, beruhte auf der Bewunderung, die sie für ihn gehegt hatte. Er war ihr Mäzen gewesen, hatte ihr Studium unterstützt und sie auf das Podest neben sich gestellt. Sie war seine Assistentin gewesen, seine Geliebte und seine Bewunderin. Ein Mann der Tat, ein Mann, der wusste was er wollte und was das Volk von ihm erwartete. Seine Ziele waren die ihren, seine Bestrebungen gingen mit ihren eigenen konform. Je mehr sie darüber nachdachte, umso mehr brach ihre heile Welt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Und schließlich fühlte sie sich nur mehr wie eine benutzte Schachfigur, ein hübsches Aushängeschild für politische Zwecke, eine Hülle, ein Körper, und, ....ja, eine Schlampe!
***** Sie beschloss, sich den Weg zu O’Fairways Camp erklären zu lassen und mit einem Wagen hinaus zu fahren, um ihm zu sagen, dass er sich in ihr getäuscht hatte. Sie kam sich vor wie jemand, der Jahre lang im Koma gelegen hatte und nun allmählich zu sich kam und mit der Realität noch nicht völlig zu Recht kam. Und je mehr sie grübelte, umso mehr fielen ihr Dinge ein, Unterredungen, Diskussionen, Vorschläge, mit denen sie zu Beginn nicht ganz einverstanden gewesen war. Bis Louisval ihr seine Begründungen darlegte. Der Mann hatte eine überwältigende Überzeugungskraft. Sein Charisma, das blitzartig auf seine Anhänger übersprang, bewies es ständig!
Sie bezahlte ihre Hotelrechnung selbst und checkte aus. Der Wagen, der sie zum Flughafen bringen sollte, musste anhalten, weil sich ihm, ein gut zwei Meter großer Eingeborener in den Weg stellte. Ein Massai. Waren die nicht in Kenia zu hause? Sie hatte keine Zeit darüber nachzudenken. Unweit des einsamen Jägers stand ein Jeep im Gestrüpp der Savanne verborgen. Dorthin wollte er sie bringen, bedeutete er ihr. Sie wusste, worum es ging. Sie war bereit. Sie gab dem Fahrer ihres Wagens Anweisungen, auf sie zu warten, bevor sie dem halbnackten Afrikaner durch das mannshohe Gras folgte. Und dann stand sie ihm gegenüber, dem Mann, den sie die letzten Tage erfolglos gesucht hat. Er lehnte am Kühler seines staubigen Fahrzeuges und sah ihr mit finsterem Gesicht und vor der Brust verschränkten Armen entgegen. „Nun“, begann er unwirsch, „Sie wollten mit mir reden! Was haben Sie mir zu sagen, Miss Harder! Und machen Sie es kurz, sonst verpassen Sie noch ihren Flug!“ Er wusste, dass Sie dabei war, das Land zu verlassen. Sie wunderte sich kein bisschen darüber und blinzelte trotz der modischen dunklen Brille, da er mit dem Rücken zur Sonne stand. Sie suchte nach den passenden Worten und plötzlich wusste sie nicht, was sie ihm eigentlich sagen wollte. Das war ihr noch nie passiert, dass ihr einfach der Faden ausging... „Ich“, begann sie unsicher und fand schließlich ihre Selbstsicherheit wieder, stemmte beide Arme in die Hüften und reckte ihr Kinn in die Höhe: „Ich wollte Ihnen nur sagen, dass sie sich getäuscht haben in mir! Ich bin weder berechnend, noch eine Schlampe! Wenn Sie diesen Eindruck von mir gehabt haben, dann tut es mir leid. Ich war nur etwas mit Blindheit geschlagen! Haben Sie noch nie Fehler gemacht, Mister O’Fairway?“ Er schien sich über ihren Zorn und die Heftigkeit ihrer Worte zu amüsieren. Sein Blick wurde milder und die Andeutung eines Lächelns spielte um seinen Mund. Sie bemerkte das Grübchen auf seinem unrasierten Kinn und hätte es gerne berührt. Doch dies war weder der Ort, noch die Zeit, sich derartigen Spielchen hinzugeben. „Vielleicht habe ich mich ja geirrt“, gab er zu. „Wenn es so ist, dann würde mich das freuen, Jill Harder. Vor allem für Sie! Sie wollen ohne den großen „Jäger“ – er sprach diese Bezeichnung mit vor Hohn triefender Stimme aus – „zurückfliegen?“ „Ich verlasse ihn“, sagte sie schlicht und hielt seinem prüfenden Blick stand, was ihr nicht leicht fiel. Er nickte. „Sie haben Ihr Camp aufgelöst?“ fiel ihr ein und er nickte abermals. „Ich versuche anderswo mein Glück. Aber erst muss ich das hier zu Ende bringen.“ Er unterstrich seine Worte mit einer vagen Kopfdeutung in die Weite der Savanne. Sie hatte plötzlich Mitleid mit ihm und seinem aussichtslosen Kampf gegen die Mühlen der Macht. „Sie können das nicht verhindern, Tom!“ beschwor sie ihn und eine unbestimmte Sorge um ihn ließ ihre Stimme eindringlicher werden. „Auch wenn sie diesen einzigen Elefanten vor dem Gewehrlauf des Senators retten, er wird einem anderen Jäger zum Opfer fallen, und das wissen Sie. Sie sollten keinen aussichtslosen Kampf führen, den Sie nie gewinnen können!“ „Und das sagt eine politisch engagierte Frau wie Sie?“ „Das ist nicht dasselbe...“ doch sie wusste kein einziges Argument anzuführen, das ihre Worte unterstrich. „Sie haben Beziehungen, Miss Harder! Sie könnten vielleicht mit ein paar Anrufen und unter dem Vorwand für Mister Louisval zu agieren, die Abschussfrist aufschieben lassen, was meinen Sie?“ Sie sah ihn aus großen und ungläubigen Augen an. „Ich soll seinen Namen benutzen? Ich mache mich strafbar!“ „Hat er nicht Sie auch für seine Zwecke benutzt?“ In seinen Augen konnte sie lesen, dass er an ganz bestimmte Dinge dachte. „Und sagen Sie mir jetzt bloß nicht, dass es Liebe war!“ Sie atmete tief ein. Der Mann übte eine magische Anziehungskraft auf sie aus. Was er von ihr verlangte war illegal, aber reizvoll. Louisval einen Dämpfer zu verpassen, hatte sie schon immer ins Auge gefasst und nun bot er ihr die Gelegenheit dazu. „Ich kann es versuchen, obwohl ich nicht weiß, was das auf lange Sicht bringen soll!“ „Das überlassen Sie mir, Jill Harder!“ Er streckte ihr die Hand hin. „Partner?“ Sie nickte und ergriff die große, feste Rechte des Mannes und hoffte, er würde ihre gepflegte, kleine Hand in der seinen nicht zerdrücken. Sein Zugriff war zartfühlender als sie befürchtet hatte. Er schien sie nicht mehr loslassen zu wollen. „Gut“, sagte er mit weicher Stimme, die sie noch nie von ihm vernommen hatte. „Dann sollten Sie jetzt den Fahrer weg schicken und sich ganz mir anvertrauen! Wollen Sie das Risiko eingehen?“ Sein eindringlicher Blick machte sie benommen und sie fragte sich, ob sie verrückt war, sich auf so etwas einzulassen. Ja, wahrscheinlich war sie verrückt. Aber spielte das jetzt noch eine Rolle? Sie schickte ihren Fahrer mit dem Gepäck zum Flughafen, wo er es deponieren sollte, schnappte sich ein paar notwendige Kleinigkeiten und kletterte auf den staubigen Beifahrersitz des Australiers. Der Massai war auf die Ladefläche gesprungen und der Wagen begann sich seinen Weg durch ein unwegsames Gelände zu bahnen, um unauffällig in die Stadt zu gelangen, wo Tom ihr seine Instruktionen geben würde. |