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30.a Andere Wege zur
Rache - 180 AD
Ich nahm mit Maximus den
längeren Weg zum Gutshof durch den Wald. Es gab einen kürzeren und
schnelleren Weg. Aber der führte am Strand entlang, und ich hatte andere
Pläne für unsere Rückkehr zur Villa am Nachmittag, und Teil dieser Pläne war
auch der Weg am Strand entlang.
Die Straße unter den
Kiefern war schmal, gepolstert durch Tausende von Kiefernnadeln, die von
Pferdehufen und Menschenfüßen festgetreten waren und beschattet von den
hohen Bäumen, die zu beiden Seiten wuchsen. Sie dämpften die gleißende
Sommersonne zu einem milden grünlichen Licht, das zusammen mit dem Rauschen
der Zweige hoch über uns eine unheimliche Atmosphäre schuf.
Wir ritten schweigend,
denn die Straße war zu schmal, als daß zwei Pferde nebeneinander gehen
konnten. Also übernahm ich die Führung und legte ein gutes Tempo vor, wann
immer es die tiefhängenden Zweige erlaubten, denn Sidereum und Fulmen waren
begierig auf einen schnellen Lauf und hatten ungeduldig zu schnaufen und zu
stampfen begonnen, sobald man sie aus ihren Boxen geholt hatte, um sie zu
satteln.
Der Gutshof war keiner
jener schicken Anlagen, die reiche Senatoren immer mal wieder zu ihrem
eigenen Vergnügen errichten ließen, um sich dort an Hirtenspielen zu
erfreuen oder ihren seltsamen Vorstellungen republikanischer Ideale (*) zu
frönen. Er war auch keine ländliche Villa sondern ein solider,
traditioneller typisch römischer Hof.
Als ich den Hof gekauft
hatte, da war er nichts weiter als ein arg vernachlässigtes,
heruntergekommenes, mittelgroßes Landgut gewesen, aber der Boden war gut, es
gab Wasser in Fülle, und das Haupthaus und die Stallgebäude waren solide
gemauert. Ein bißchen Geld und etwas Mühe hatten sich schon nach kurzer Zeit
ausgezahlt. Und als es Athenodorus - durch einen seiner zahllosen in Italien
lebenden Freunde - gelang, einen erfahrenen Mann zu überzeugen, seinen
eigenen kleinen Hof in den Sabiner Bergen zu verlassen und mein Vorarbeiter
zu werden, war der Gutshof in null Komma nichts aufgeblüht. Der Name des
Mannes war Calistus, er war von mittlerer Größe, bärtig und ähnelte viel
mehr einem griechischen Lehrer als einem Bauern, aber ich hatte schon bald
gemerkt, wie sehr der Schein trügen konnte. Ebenso war es den Landarbeitern
ergangen, die er mit dem geschulten Blick und der Autorität jener ausgesucht
und eingestellt hatte, die von anderen nichts zu verlangen pflegen, was sie
nicht zuerst auch sich selbst abfordern. Calistus hatte eine Frau und drei
kleine Kinder mitgebracht, und das Paar vergrößerte seine Familie ständig
weiter, aber Schwangerschaften und Muttersein hatten Crispina nie davon
abgehalten, viele auf dem Hof anfallende Arbeiten persönlich zu überwachen:
so etwa die Herstellung von Eingemachtem und von Würsten, welche sie
regelmäßig zu meiner Villa schickte, und das Weben von Stoff aus
Schafswolle, der zur Herstellung von Winterkleidung für die Landarbeiter
diente.
Es war Crispina, die uns
auf den Stufen des Haupthauses begrüßte, ihr Haar war in einem ordentlichen
Knoten hochgesteckt und sie trug eine einfache aber makellos saubere Tunika
aus handgesponnenem Stoff. Ihr Jüngstes hockte auf ihrer Hüfte und ein
Mädchen, das nicht älter als drei Jahre sein konnte, klammerte sich mit
einer Hand an ihren Rock und saugte unterdessen mit höchster Konzentration
am Daumen der anderen. Das Kind hatte lockiges schwarzes Haar und blickte
mit großen Augen auf die Pferde und deren Reiter, während wir abstiegen und
die Hofhunde laut bellten, aber als wir auf die Kleine zukamen, versteckte
sie sich eilends hinter ihrer Mutter.
Durch Athenodorus von
unserem Besuch informiert war Calistus bereits auf dem Weg zum Haus und
langte dort an, bevor wir noch Crispinas Willkommen erwidert hatten. Seine
Gegenwart allein reichte aus, um den Tumult der Hunde zum Schweigen zu
bringen. Zwei der Hunde beschlossen, daß es zu heiß sei, um sich weiter
aufzuregen, und suchten sich einen Platz im Schatten eines nahegelegenen
Baumes, während drei weitere uns folgten und dabei ihre hündische
Begeisterung lebhaft zum Ausdruck brachten, indem sie mit den Schwänzen
wedelten und ihre feuchten rosigen Zungen aus dem Maul hängen ließen.
Ob Calistus nun wußte, wer
Maximus war, oder ob er über seine Anwesenheit erstaunt war - er ließ es
sich nicht anmerken. Statt dessen schien der gewöhnlich schweigsame
Vorarbeiter mehr als glücklich über die Gelegenheit zu sein, uns auf dem
Gutshof herumzuführen.
Er verneigte sich respektvoll und führte uns dann ohne weitere Umschweife zu
den nahegelegenen Stallgebäuden, um uns dort auf seine wie immer kurz
angebundene Art die jüngsten Neuerungen vorzuführen. Es bedurfte nur einer
beiläufigen Bemerkung von Maximus, um die dunklen Augenbrauen des Mannes
verwundert in die Höhe schnellen zu lassen. Der Vorarbeiter betrachtete ihn
abschätzend, dann sah er mich und endlich wieder Maximus an und schenkte uns
ein kurzes Lächeln, das seine ungleichmäßigen gelben jedoch kräftigen Zähne
entblößte. Obwohl ich nicht viel davon verstand, machte selbst für mich
diese beiläufige Bemerkung deutlich, daß der kraftvolle Mann, der Calistus
als "General Maximus" vorgestellt worden war, kein großspuriger eben aus Rom
eingetroffener Dummkopf war sondern jemand, der wußte, was ein Bauernhof ist
und wie man ihn bewirtschaftet. Von nun an lief alles wie geschmiert, und
schon bald inspizierten wir Schweine, Kühe, Ziegen, Schafe, Ochsen,
Maultiere und Pferde, als wäre Calistus ein römischer General, der dem zu
Besuch weilenden Kommandeur stolz seine Truppen vorführt. Dann ging es zu
den Hühnern, Enten und Gänsen, und als wir damit fertig waren, führte
Calistus uns zum Räucherhaus, zu den Vorratsschuppen und Scheunen, wo
Futter, Korn und getrocknetes Gemüse gelagert wurden, während er und Maximus
angeregt über die Vorteile eines speziellen Kellers diskutierten, in welchem
sich Zwiebeln, Karotten, Knoblauch, Bohnen und anderes Gemüse bis möglichst
weit hinein in die kalte Jahreszeit frisch halten würden.
Als die Begutachtung der
Farm beendet war und wir zum Haus zurückkehrten, war es bereits später
Mittag, und die beiden Männer hatten eine lange Liste von Themen
besprochen, von der Art der Körbe, die am besten zur Lagerung von Gemüse
geeignet sind, bis zu den Vorteilen, die das Flechten der Stengel von
Knoblauch und Zwiebeln für deren Haltbarmachung hat. Zwischendurch wurde
noch darüber gesprochen, welche Menge Salz die richtige ist, um eine Lake
herzustellen, welche Oliven schneller weich und eßbar aber gleichzeitig auch
länger haltbar macht, wie man am besten frischen Käse vor Schimmel bewahren
und unweigerlich verdorbene Lebensmittel in etwas für die Schweine
Genießbares verwandeln kann.
Maximus und Calistus
hatten meine Anwesenheit ganz vergessen und unterhielten sich angeregt. Sie
stimmten in den meisten Punkten überein, waren in ein oder zwei
verschiedener Meinung und lachten hier und da herzlich. Ich lächelte über
ihre offensichtliche Begeisterung und hielt mich so unauffällig wie möglich
hinter ihnen. Obwohl der Kauf des Hofes meine Idee gewesen war und sich als
eine gute erwiesen hatte, besuchte ich ihn nur selten. Calistus machte seine
Arbeit gut, und der eigentliche Zweck des Hofes bestand darin, die Menschen,
die auf meinem Land lebten, zu versorgen und einen Teil der Dinge zu
liefern, die in meiner Küche benötigt wurden. Gewinn erwirtschafteten die
Schiffe und ihre Fracht, auf welche ich meine Energie hauptsächlich
konzentrierte. Neben dem Geschäft mit den Schiffen und der Verwaltung meines
Landgutes samt der Villa hatte ich trotz Apollinarius' Hilfe noch genug
Arbeit.
Als wir zum Haus
zurückkamen, erwartete uns Crispina auf der Veranda mit einer
Wasserschüssel, damit wir uns die Hände waschen konnten, und Erfrischungen,
um unseren Durst zu löschen. Nachdem Maximus und Calistus sich voneinander
verabschiedet hatten und der Vorarbeiter mit den Hunden im Gefolge zu seinen
Pflichten zurückgekehrt war, schlug sie vor, daß wir uns dort hinsetzten und
etwas essen könnten.
"Danke, Crispina", sagte
ich und gab ihr meinen leeren Becher zurück. "Aber ich würde es vorziehen,
wenn Du uns etwas zum Mitnehmen einpackst, denn ich möchte dem General noch
einen weiteren Ort zeigen. Bitte, pack auch etwas Wein und eine Decke dazu."
Die Frau schickte sich
schnell und ohne lange darüber zu debattieren an, meinen Wunsch zu erfüllen.
Es wäre schön, wenn Nicia nur auch so aufmerksam und entgegenkommend wäre!
Am frühen Morgen, als ich
mich, bevor wir zu den Ställen gingen, kurz mit ihr besprochen hatte, war
meine Zofe so enttäuscht gewesen über meine Weigerung , ein ausgiebiges Mal
auf dem Gutshof vorbereiten zu lassen.
"Hier handelt es sich
nicht um ein elegantes Bankett", erklärte ich ihr, als sie, um Luft zu
holen, kurz mit ihrer Tirade innehalten mußte. "Hier geht es um schlichtes,
bäuerliches Landleben ... "
"Genau das ist das
Problem", feuerte Nicia zurück. "Alles auf dem Hof ist so bäuerlich!"
Es gelang ihr, dem Wort
einen besonderen Nachdruck zu verleihen, der an etwas wie den Gestank von
Simacus' Mistkarren denken ließ. "Ich könnte schon mal vorausgehen und alles
... "
Ich mußte mir auf die
Zunge beißen, um mir eine der beliebten römischen Bemerkungen über
griechischen Snobismus zu verkneifen. Also wartete ich, bis sie das
nächstemal Luft holen mußte, und gab ihr dann Anweisungen für unsere für den
Abend geplante Rückkehr zur Villa. Nicia hatte große Augen gemacht, in
welche unverhohlenes Interesse dann ein Leuchten gezaubert hatte. Ich wußte,
daß genau das die Lösung sein würde.
Bevor sie sich noch
erholen konnte, eilte ich davon und überließ es meiner Zofe das zu tun, was
sie eh am liebsten tat: Komplotte zum Besten ihrer Herrin schmieden.
Crispina versorgte uns mit
einer sauber gewaschenen Pferdedecke, einer kleinen tönernen Amphore mit
selbstgekeltertem Wein und zwei in saubere Tücher gewickelten Bündeln. Ich
dankte ihr, nahm Sidereum am Zaum, führte ihn auf den unbefestigten Weg
hinter dem Haus und hin zu den Bäumen, die nicht weit entfernt aufragten.
Maximus folgte mir
schweigend, aber es bedurfte keiner Worte um zu wissen, welche Freude der
Besuch des Stalles und des Gutshofes für ihn gewesen war. Der Komfort und
Luxus meiner Villa hatten ihn zuerst mit einer Art ehrfürchtigem Staunen
erfüllt, und obwohl er beides bald als meine natürliche Umgebung akzeptiert
hatte und sogar bis zu einem gewissen Punkt zu genießen schien, so war es
doch offensichtlich, daß er sich im Stall und auf dem Hof mehr zu Hause
fühlte.
Natürlich schmerzte es ein
wenig, denn ich hatte mit ihm teilen wollen, was mein war, ihm geben wollen,
was ihm vorenthalten worden war und was er so sehr verdient hätte nach einem
entbehrungsreichen Leben an der Front und der Brutalität der vergangenen
Monate. Und doch war da ein eigenartiger Trost in seiner offensichtlichen
Begeisterung, während er mit dem Vorarbeiter über Ernten und neugeborene
Tiere sprach. Sein Leben lang war er hin und hergerissen gewesen zwischen
dem Leben als Bauer und dem als Soldat, zwischen Leben schenken und den Tod
bringen. Er hatte sowohl seinen Hof als auch die Armee zutiefst geliebt und
sich beiden auf seine ganz eigene Weise verschrieben ... Am Ende war ihm
alles genommen worden, aber wenigstens die Erde hatte ihn nicht verraten -
wie ihn der Sohn seines Imperators und sein Legat verraten hatten.
Wir hörten das gurgelnde
Geräusch des Flusses, bevor wir die Lichtung erreichten, die seinem
kristallklaren Verlauf folgte. Es war ein schmales Flüßchen, an manchen
Stellen so schmal, daß die Kinder zum Vergnügen von einer Seite auf die
andere sprangen. Außerdem war das Gewässer flach, das Flußbett bedeckt mit
glatten flachen Steinen und die Ufer mit saftigen grünen Kräutern. Blaue und
gelbe Glockenblumen bereicherten das Ganze durch ihre Farbtupfer und durch
einen Hauch von Duft, während kleine silberne Fische verstohlen
umherschossen. Fulmen und Sidereum, die das frische kühle Wasser witterten,
schnaubten und warfen die Köpfe hin und her, als wir wieder in den Schatten
der Bäume ritten.
"Das ist er also", sagte
Maximus mit einem belustigten Lächeln. "Der Fluß, zu dem die Kinder Deiner
Diener zum Fischen kommen ... "
"Ja, das ist er. Und falls
Du Deine Meinung ändern solltest und es auch einmal versuchen willst, dann
habe ich für alle Fälle eine Schnur und Haken in meiner Satteltasche ... "
Maximus hob fragend eine
Augenbraue.
"Du angelst?" fragte er.
Ich kicherte.
"Da seien die Götter vor!
Ich bin eine Stadtkind, aber auf dem Land auszureiten hat mich gelehrt,
immer Schnur, Haken und einige andere Dinge in meiner Satteltasche bei mir
zu haben - für alle Fälle ... " Ich nickte in Richtung der Pferde. "Wir
sollten sie besser absatteln, damit sie bequemer trinken und grasen können,
während wir essen .... "
Schließlich war es
Maximus, der sich sowohl um Fulmen als auch um Sidereum kümmerte, während
ich die Decke ausbreitete und die in Tücher gewickelten Bündel öffnete. In
den vergangenen Tagen schien sich eine von uns beiden stillschweigend
akzeptierte Routine herausgebildet zu haben, sei es, daß wir uns in meinem
Wohnzimmer aufhielten, auf meiner privaten Terrasse, dem Deck der Poseidon
oder - wie jetzt - im Schutz der Bäume an einem Fluß. Einmal geöffnet,
enthüllten die Bündel eine reiche Auswahl an schwarzen und grünen Oliven,
Käse, frisch gebackenes Brot, in Scheiben geschnittene Schweinewürste, die
mit Nüssen und Gewürzen versehen und dann perfekt geräuchert worden waren.
Auf dem Gutshof gab es kein Gebäck aus Honig, Rosinen und Pinienkernen, aber
Crispina hatte uns etwas libum (**) eingepackt, das ein akzeptabler Ersatz
zu sein versprach.
"Fisch oder kein Fisch,
auf alle Fälle macht dieser Fluß Dein Land sehr viel wertvoller. Und das
Land ist übrigens sehr gut, wenn man bedenkt, wie nahe es am Meer liegt",
sagte Maximus, als er sich neben mich auf die Decke setzte und das Brot
nahm, das ich ihm anbot.
"Und das ist nicht einmal
der einzige Fluß auf diesem Besitz", bemerkte ich und reichte ihm die kleine
Amphore. "Ich fürchte, Crispina hat vergessen, uns Becher einzupacken, also
werden wir wohl aus der Flasche trinken müssen ... "
Maximus nickte und führte
die Amphore an seine Lippen, dann legte er den Kopf in den Nacken und nahm
einen großen Schluck. Die kräftigen Muskeln an seinem sonnengebräunten Hals
boten mir ein prächtiges Schauspiel, während er trank.
Bei diesem Anblick leckte
ich mir instinktiv die Lippen.
"Es gibt noch zwei weitere
Wasserläufe", erklärte ich und nahm die Amphore wieder zurück. "Einer ist
nicht weit von hier. Er ist größer und führt sehr viel mehr Wasser. Er
leistet gute Dienste, um die Felder zu bewässern und das Vieh zu tränken.
Der andere durchfließt das Land hinter der Villa."
"Wohin fließen sie? fragte
Maximus und kaute dabei genüßlich auf seinem Stück Käse.
"Nun, alle Wasserläufe
hier in der Gegend fließen zum Tiber ... " sagte ich, und erinnerte mich
daran, daß er niemals zuvor in Rom gewesen war und daher wenig über die
Umgebung wußte. "Der Tiber ist ganz nahe (***). Im Hafen von Ostia mündet er
ins Meer ... "
"Ich weiß ... "
Maximus' Augen
überschatteten sich für einen Moment, hellten aber nach einem kurzen
Blinzeln wieder auf. Ich biß mir auf die Zunge.
Natürlich wußte er das.
Proximo mußte seine
Gladiatoren auf dem Seeweg nach Rom gebracht haben, um rechtzeitig zu den
Spielen anzukommen.
Um mein Unbehagen über
diese gedankenlose Bemerkung zu verbergen, kaute ich an einer Wurtscheibe,
gab es aber nach ein oder zwei Bissen auf, denn der Geschmack verursachte
mir Übelkeit. Unwillkürlich erinnerte ich mich an Apollinarius' Bemerkung,
daß Reue nie gut für die Verdauung sei.
Ich spielte mit der
Scheibe und legte sie dann beiseite.
"Keinen Appetit mehr?"
fragte Maximus und kaute dabei emsig weiter.
"Nein, es ist nur ein
bißchen zu stark gepfeffert ... " antwortete ich.
Das stimmte nicht.
Crispina konnte Würste perfekt würzen.
Maximus lächelte und ließ
eine weitere Scheibe in seinem Mund verschwinden.
Ich leckte mir die Lippen.
Ihn dabei zu beobachten,
wie er seine Mahlzeit verschlang, hatte wirklich etwas sehr Erregendes.
"Stadtmädchen", neckte er
mich. "Man muß den Magen eines Jungen vom Lande haben, um eine gute
Landwurst richtig schätzen zu können .... "
Ich mußte lachen. Wie er
so dasaß auf der ausgeblichenen Decke, Wein direkt aus dem Tonkrug trank und
seine ländliche Mahlzeit aus Käse, Oliven, Wurst und Brot gründlich genoß -
dicht neben einem gurgelnden Fluß und Pferden, die frisches Gras fraßen und
dabei leise schnaubten -, sah Maximus nicht nur jünger und frischer aus
sondern auch zutiefst zufrieden und ganz mit sich im reinen.
Nachdem er noch einen
weiteren Schluck genommen hatte, stellte er die Amphore auf dem Boden ab,
neigte den Kopf zur Seite und blickte mich ernst an.
"Genau das bin ich,
Julia", sagte er. "Ein schlichter Bauer und ein noch schlichterer Soldat ...
"
Er klang ein bißchen
schüchtern, so schüchtern wie an jenem ersten Abend, als er mit mir in
meinem luxuriösen Apartment zu Abend gegessen hatte.
"Und deshalb liebe ich
Dich ... " flüsterte ich.
Maximus lächelte mich ein
wenig verlegen an.
"Nun, das ist einer
von vielen Gründen, warum ich Dich liebe .... " fuhr ich fort. "Die
Tatsache, daß Du zärtlich bist, fürsorglich, tapfer und zutiefst loyal jenen
gegenüber, die ... Dir etwas bedeuten - auch das zählt", sagte ich und
beeilte mich, meinen Schnitzer zu verbergen. "Und natürlich ist es auch
nicht unwichtig, daß Du so gut aussiehst wie Du nun mal aussiehst ... "
Sein Lächeln nahm einen
noch verlegeneren Ausdruck an. Wie ich mich unwohl fühlte, wenn man über die
Zuneigung meiner Dienerschaft zu mir sprach, so hatte jede Erwähnung seines
ganz offensichtlich guten Aussehens auf ihn dieselbe Wirkung.
Maximus wandte seine
grünblauen Augen ab, spielte einen Augenblick lang mit dem Gras und senkte
dann seine Finger in die dunkle Erde. Er nahm eine Handvoll feuchter
Klumpen, zerkrümelte sie langsam zwischen seinen schwieligen Fingern und
ließ sie wieder fallen.
"Ein Mann sollte seinen
Boden niemals verlassen, Julia", sagte er mit ein wenig belegter Stimme.
"Das Land zu bearbeiten sorgt dafür, daß Du Dir selbst treu bleibst. Daß Du
Dich an Deine Pflicht erinnerst ... und es gibt Dir die Kraft, sie zu tun
... "
Es folgte ein Moment des
Schweigens, dann fügte er hinzu, als spräche er zu sich selbst: "Diese
Männer in Rom sollten ihr Gezänk und ihre Ränke lassen und zu ihrem Boden
zurückkehren .... Dort ist es, wo Wahrheit und Stärke zu finden sind. Nicht
im Krieg. Nicht in Eroberungszügen. Nicht im Blutvergießen ... "
"Ein Mann muß tun, was
er tun muß."
Es folgte ein langes
Schweigen.
Die Pferde dösten im
kühlen Schatten der Bäume.
Die Vögel schienen seltsam
still.
Selbst der Wind schien wie
erstorben und hatte der Stille Platz gemacht, die auf ihre eigene Weise
ohrenbetäubend war.
Dann warf Maximus die
letzten Erdklumpen brüsk beiseite und wandte sich mir zu.
Und dann sah ich es
kommen.
Exakt den Moment, in dem
er seine Entscheidung traf.
Zuerst nahm sein Blick
jenen entfernten, verträumten Ausdruck an, der - wie ich bereits gelernt
hatte - bedeutete, daß er verloren war in seinen tiefsten und intimsten
Gedanken. Dann, nachdem seine Entscheidung bereits gefallen war, blinzelte
er wie ein Mann, der eben erwacht war, und jene sprühenden, juwelengleichen
Augen wurden dunkel und hart wie die Edelsteine, denen sie glichen.
Mit fasziniertem Entsetzen
sah ich, wie er die Schultern anspannte, sein Mund jeden weichen Zug verlor
und sein Kinn noch deutlicher hervortrat als gewöhnlich. Wie ein Vogel
gebannt vom hypnotischen Blick des Todes, der sich ihm in Gestalt einer
Schlange nähert, sah ich, wie Maximus sich anschickte, Frieden und Glück
gleichermaßen zu zerstören.
"Ein Mann muß tun, was
er tun muß."
"Julia, wir müssen reden
... "
"Nein ... "
Maximus' Stimme war tief
und fest aber trotzdem nicht ohne eine gewisse Milde.
Meine indessen klang ganz
erstickt.
"Julia, Du weißt, daß wir
es tun müssen."
"Nein ... "
"Wir erreichen nichts,
wenn wir die Wahrheit leugnen ... "
"NEIN!"
Die Angst und Qual, die
sich meiner plötzlich rauhen Kehle entrangen, ließen ihn erschrocken
blinzeln.
Ebenso erschrocken erhoben
sich die Vögel in den nahegelegenen Bäumen in einem Wirbel aus Federn und
empörten Zwitschern in die Luft.
Maximus' Seufzer war kaum
vernehmbar, nur sein Mund öffnete sich ein klein wenig.
Ich hätte ihn gar nicht
wahrgenommen, hätte ich nicht sein Gesicht so intensiv betrachtet, daß es
schon schmerzte.
"Julia, wenn ich ... nicht
mehr da bin ... Ich möchte, daß Du Italien verläßt."
"Maximus ... "
Er brachte mich mit einer
Handbewegung zum Schweigen, dann packte er mich an den Oberarmen, und seine
schwieligen Hände fühlten sich rauh an auf meiner Haut. Unbewußt spürte ich
auf meinem plötzlich kalt gewordenen Fleisch seine Wärme, die ihn nie zu
verlassen schien.
Ich zitterte.
"Julia, ich möchte, daß Du
weggehst ... " fuhr er fort. "Geh weg. Verschwende keinen Augenblick. Geh an
Bord von einem Deiner Schiffe und fahr weg. Reise zu Deiner Villa in Melita
oder besser noch weiter weg."
"Maximus ... "
Er schüttelte mich sanft,
der Schein in seinen grünblauen Augen verwandelte sich von der gewöhnlich
dort brennenden Flamme zu durchdringendem Stahl. Er war vollkommen ruhig und
beherrscht, ein General bereit für die Schlacht.
"Hast Du irgendwo im Osten
Freunde?"
"Ich habe eine Freundin in
Alexandria ... " sagte ich ohne zu zögern, seine befehlsgewohnte Stimme und
seine Haltung forderten sofortigen fraglosen Gehorsam.
"Gut, besuche sie und
bleibe dort, bis ... "
Endlich gelang es mir,
wenigstens teilweise meinen Kopf wieder klar zu bekommen, und ich setzte
mich zur Wehr.
Natürlich hatte ich keine
Chance gegen ihn.
"Maximus, wovon sprichst
Du?"
Erst als das Echo meines
Schreis die gurgelnden Geräusche des nahen Flüßchens übertönte, wurde mir
bewußt, daß ich schrie.
Maximus' Finger gruben
sich schmerzhaft in mein Fleisch, während sich das Schweigen zwischen uns
lang und länger dehnte. Unsere Augen bohrten sich ineinander, meine
herausfordernd und gleichzeitig flehentlich, in seinen war nichts zu sehen
als jener glitzernde Stahl, der mein Herz und meine Seele zu durchbohren
drohte.
"Ein Mann muß tun, was er tun muß."
Aber ich weigerte mich,
klein beizugeben.
Es erschien mir wie eine
Ewigkeit, bis Maximus tief durchatmete und endlich den Griff um meinen Arm
lockerte, ohne denselben jedoch loszulassen.
"Wenn ich zurück nach Rom
gehe", sagte er leise, "können die Dinge sehr unerfreulich werden. Wie auch
immer, es wird nicht einfach sein, und mit großer Wahrscheinlichkeit wird es
auch gefährlich werden. Sehr gefährlich. Ich möchte Dich in Sicherheit
wissen. Ich möchte, daß Du Italien verläßt."
"Maximus, bitte!"
Etwas wie Gewitterblitzen
leuchtete in der Tiefe seiner faszinierend grünblauen Augen auf. Seine Hände
schlossen sich wieder um meine Arme, und er schüttelte mich, bis meine Zähne
aufeinanderschlugen.
"Hör mir zu!" brach der
Zorn wie Donnergrollen aus ihm heraus, die Flammen in seinen Augen züngelten
gefährlich und ersetzten die stählerne Entschlossenheit in der Tiefe dieser
Augen durch brennende Wut.
Wieder folgte ein langes
Schweigen, dann seufzte Maximus und lockerte den Griff um meine Arme, seine
Daumen streichelten meine Haut in einer Geste, die halb Entschuldigung und
halb Trost war.
"Du weißt, was passieren
wird, wenn Proximo mich zurück nach Rom bringt ... Ich werde zurück ins
Kolosseum gehen, zurück gehen, um zu kämpfen, und ich werde Commodus töten
... es sei denn, er läßt mich zuvor töten ... "
Er hielt inne, und als ich
nichts zu sagen hatte, fuhr er fort.
"Aber wenn es mir gelingt,
lange genug zu überleben, dann werde ich sein Leben beenden ... und ich
werde meine Rache haben."
Der kaum versteckte Haß in
seiner Stimme machte es mir unmöglich, ein unkontrolliertes Zittern zu
unterdrücken.
Geistesabwesend rieb
Maximus meine Oberarme, als wolle er einen Kälteschauer vertreiben.
"Auch Commodus weiß das.
Er weiß, daß, sollte ich die Gelegenheit haben, ich ihn angreifen werde ...
und er weiß auch, daß er in diesem Falle verloren wäre ... "
Das Schweigen, das sich
wieder zwischen uns ausbreitete, war nicht jenes süße freundschaftliche
Schweigen, daß mir so lieb geworden war. Es war ganz anders als das
Schweigen, das wir geteilt hatten, als ich in seinen Armen gelegen hatte.
Statt dessen war es ein bedeutungsschweres Schweigen, das von drohender
Gefahr zeugte, wie das Schweigen vor einem schweren Sturm.
Selbst der Wald und der
Fluß schienen verstummt zu sein und furchtsam darauf zu warten, daß der
Gewittersturm losbrach.
Und ein Sturm näherte
sich.
Trotz Blitz und Donner,
trotz des heulenden Windes, der krachenden Wellen und des niederströmenden
Regens haben solche Stürme etwas seltsam Tröstliches an sich, denn mit ihrer
Wut bringen sie auch das Versprechen einer Neugeburt - bei Natur und Mensch.
Aber der Sturm, der uns
bevorstand, sollte nur Zerstörung und Schmerz und Tod bringen. Ein Sturm, in
dem der Schall der Trompeten und das Dröhnen der Trommeln, welche die
Wiedereröffnung der Spiele anzeigten, den Donner ersetzten, und in dem die
Blitze des Himmels ersetzt wurden durch das Aufblitzen von Stahl, der auf
Stahl trifft ...
"Er bildet sich ein, ein
Krieger und Schwertkämpfer zu sein, aber er spielt nur Soldaten mit seinen
Prätorianern ... Er ist mir nicht gewachsen ... "
Maximus' Worte holten mich
zurück aus meinen dunklen Ahnungen.
Die brennende Wut in der
Tiefe seiner Augen war wieder dem beständigen Feuer der Entschlossenheit
gewichen.
Und das war noch sehr viel
beunruhigender.
"Commodus weiß, daß er,
sollte ich lange genug am Leben bleiben, verloren ist ... Also wird er jede
Chance, die sich ihm bietet, ergreifen, um mich zu töten."
Der saure Geschmack von
Asche breitet sich plötzlich in meinem Mund aus.
O ja, ein Sturm zog auf,
und nach diesem Sturm würde es keine Neugeburt mehr geben ...
"Ein Mann muß tun, was
er tun muß."
(*) Das Ideal schlichten
Landlebens wird auf die Zeit der römischen Republik zurückgeführt und wurde
von vielen Dichtern besungen - so auch von Virgil. Als das Imperium an Größe
und Macht zunahm, nahm auch der Ehrgeiz jener Männer zu, die es regierten,
und die heldenhaften, selbstlosen Soldaten ohne politische Ambitionen der
früheren Zeiten wurden ersetzt durch korrupte, machtbesessene Männer, die
intrigierten, verrieten und mordeten, um ihre Ziele zu erreichen. Am Ende
der Regierungszeit Markus Aurelius' war es offensichtlich, daß das Imperium
den Höhepunkt seiner Macht erreicht und der Niedergang begonnen hatte.
Folglich verbreitete sich in der römischen Gesellschaft eine intensive und
melancholische Sehnsucht nach jenen selbstlosen, tapferen Männern und den
Tugenden der alten, schlichteren Zeiten. Markus Aurelius selbst - der
gleichzeitig der bedeutendste Philosoph seiner Zeit war - feierte dieses
Ideal in seinen außergewöhnlichen 'Meditationen', einer Reihe privater
Schriften in griechischer Sprache, die nach seinem Tod veröffentlicht
wurden. In vielerlei Hinsicht verkörpert Maximus die Tugenden jener Männer
der Republik, tapferer "Bauern-Soldaten", die zu den Waffen griffen, um ihr
Land zu verteidigen, und zu ihren Ernten heimkehrten, sobald der Krieg
vorüber war.
(**) Libum: Ein römisches
Gebäck. Es wurde aus Mehl, Eiern, Ricotta und Honig hergestellt.
(***) Während der letzten
achtzehn Jahrhunderte hat sich die italienische Küstenlandschaft sehr
verändert. Die noch vorhandenen atemberaubenden Ruinen von Ostia befinden
sich nicht mehr wie ursprünglich unmittelbar am Meer sondern einige
Kilometer landeinwärts. Grund dafür sind Erdrutsche und Erdbeben, die den
Küstenstreifen verbreitert und weiter ins Meer hinausgeschoben haben. Die
Porta Marina öffnet sich nicht mehr wie ehemals zur Küste hin sondern zu
einer modernen Autobahn. Die Überreste der Häfen von Claudius und Trajan
wurden in den 60er Jahren des 20.Jahrhunderts entdeckt, als Teams, die am
Bau des Flughafens Leonardo DaVinci - in der Gegend, welche heute als
Fiumicino bekannt ist - arbeiteten, zufällig vier im Schlamm vergrabene
römische Handelsschiffe entdeckten. Auch ist der heutige Verlauf des Tiber
ein anderer, und der Deich verläuft weiter entfernt von den Ruinen der Stadt
als früher.
"Fiumicino" heißt im
Italienischen "Kleiner Fluß" und beruht vermutlich auf dem Vorhandensein
eines Flusses in dem Gebiet, wo man sich Julias Villa vorstellen muß. |