Kapitel 8 - Die Probe

Kaum hatte Darius sich nach dem Exerzieren am Freitag Abend hingesetzt, als Maximus auch schon an seiner Seite war. Er hatte den Jungen nicht vergessen aber auf einige Augenblicke einer kurze Ruhepause gehofft. Dennoch lächelte er, als er sich wieder aufraffte, eine Wolldecke griff, und dem Jungen bedeutete, ihm zu folgen. Er führte Maximus aus dem Lager heraus und an das Ufer der breiten, dunklen Donau.

"Kannst Du schwimmen?"

"Ja, Herr!"

"Dann schwimm bis zur Hälfte hinüber und wieder zurück."

Maximus starrte auf das entfernte Ufer und versuchte auszumachen, wo er die Hälfte des Flusses ansetzen müßte.

"Schwimm einfach los", sagte Darius. "Ich werde Dir sagen, wenn Du umkehren kannst. Finde Dein eigenes Tempo. Es kommt darauf an, daß Du es schaffst, nicht wie schnell Du bist."

Maximus setzte sich und begann, seine Stiefel auszuziehen.

"Laß sie an. In der Schlacht ziehst Du Deine Stiefel auch nicht aus."

Der Junge nickte und watete knietief in das Wasser. Er schauderte als die Kälte jeden Zentimeter seines Körpers mit einer Gänsehaut überzog. Mit einem flachen Hechtsprung verschwand er unter der Oberfläche und, mit den Armen das Wasser teilend und kräftig mit dem Beinen tretend, tauchte er wieder auf.

"Langsam!" tönte der Befehl vom Ufer her und Maximus verfiel in einen kraftvollen, stetigen Rhythmus. Er hielt sein Gesicht unter Wasser außer um zu atmen und gelegentlich seine Umgebung zu sichten. Bald schon war Darius nur noch ein Punkt in der Ferne. Zwar war er noch nicht allzu müde aber es wurde ihm zunehmend kälter und das Wasser, das ihn umgab, war pechschwarz.


Besorgnis begann in Darius aufzusteigen als es immer schwieriger wurde, Maximus im schwindenden Licht auszumachen. Noch konnte er ihn hören und seine Schwimmzüge klangen stark und gleichmäßig. Darius verfluchte seine eigene Dummheit, dem Jungen eine so gefährliche Aufgabe so spät am Abend zu stellen. Es wurde zunehmend kälter und dunkler und der Zenturio beschloß, Maximus zurückzurufen, obwohl er nicht einmal die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte. Er legte die Hände um den Mund und rief den Namen den Jungen. Der gleichmäßige Rhythmus der Schwimmzüge brach nicht ab. Darius schrie wieder, diesmal lauter aber Maximus konnte ihn nicht hören. Was hatte ihn nur getrieben, Maximus so weit zu treiben? Wollte er sehen, ob der Junge es schaffen würde? Oder wollte er nur sehen, ob er es wagen würde?

Verzweifelt schwenkte Darius die Arme, um den Jungen zurückzubringen. Aber er schwamm weiter. Zu Darius gesellten sich andere Männer aus dem Lager, die durch sein verzweifeltes Rufen angezogen worden waren. Der Zenturio erklärte kurz die Lage und alle Männer riefen nun gemeinsam Maximus' Namen und winkten. Der große graue Hund des Generals begann wie verrückt zu bellen.

Und eben dieses Bellen drang endlich zu Maximus' erschöpftem Gehirn durch. Er hörte auf zu schwimmen und bewegte sich auf der Stelle, um sich zurecht zu finden. In Panik erkannte er, wie weit er vom Ufer entfernt war -- er war viel näher am jenseitigen Ufer, näher an den germanischen Stämmen, näher als bei Darius. Er legte sich auf den Rücken und ließ sich treiben bis er wieder zu Atem gekommen war. Er zwang seine müden Muskeln, ihre Arbeit wieder aufzunehmen, als er sich auf den Weg zurück zum Ufer machte. Er würde dem Bellen entgegenschwimmen.

Erleichtert, daß der Junge endlich kehrtgemacht hatte, rannten Darius und die anderen bis zu ihren Hüften ins Wasser, bereit, Maximus herauszuziehen oder, wenn nötig, ihm entgegenzuschwimmen. Hercules lief, ununterbrochen bellend, am Ufer auf und ab.

Es war reine Willenskraft, die Maximus' Körper zwang, sich weiter zu bewegen auch nachdem er bereits gefühllos geworden war. Seine Glieder funktionierten wie eine Maschine, ohne nachzudenken, während er sich weiter durch das Wasser bewegte. Als er sich dem Strand näherte, griffen Hände nach ihm. "Nein", rief Darius."Er soll es allein machen. Er hat es so weit geschafft. Laßt es ihn zu Ende bringen."

Mit schmerzenden Lungen fühlte Maximus endlich etwas Festes unter seinen Füßen und wurde undeutlich der anderen Körper gewahr, die ihn umgaben. Er stolperte das Ufer hinauf, fiel auf die Knie und augenblicklich sprang Hercules auf ihn zu und warf den erschöpften Jungen flach auf den Bauch. Maximus schaffte es, sich umzudrehen und den warmen, pelzigen Körper an seine zitternde Gestalt zu pressen. Mit offenem Mund rang er nach Atem während sein Gesicht regelrecht gebadet wurde von der langen, nassen Zunge des Hundes, der ihn ableckte.

Darius schob den Hund zur Seite und warf die trockene Decke über den Jungen bevor er ihn darin einrollte."Gut gemacht,Maximus, gut gemacht, Junge." Der Zenturio rieb Maximus' Hände während er mit einiger Besorgnis auf die blauen Lippen und klappernden Zähne des Jungen schaute. Tiefe Schuld empfindend stützte er Maximus und führte den Jungen durch die Dunkelheit zurück zum Zelt des Zenturio. Darius ignorierte die fragenden Blicke der um die Feuerstellen versammelten Soldaten und hielt die Zeltöffnung auf, um den zitternden Knaben hineinzulassen, während Hercules sich draußen hinplumpsen ließ. Darius warf  Maximus eine trockene Tunika zu und deutete auf eine dunkle Ecke des Zeltes. "Zieh Dich um. Ich bin in ein paar Minuten zurück."

Maximus zitternde Hände versagten ihren Dienst und es dauerte einige Zeit, bis er die durchnässte wollene Tunika über den Kopf gezogen hatte. Er seufzte als er in die trockene schlüpfte. Dann setzte er sich und versuchte, die nassen Lederschnüre seiner Stiefel aufzuknoten. Er hörte, daß das Zelt geöffnet wurde und schaute auf, dann wurde es dunkel: eine Decke wurde über seinen Kopf geworfen  mit der Anordnung, still zu sitzen. Darius' kräftige Hände rubbelten energisch sein Haar, dann legte Darius die Decke um Maximus' Schultern und wickelte sie fest um ihn. Er reichte dem Jungen eine kleine Flasche und befahl ihm, zu trinken während er sein Messer benutzte, um die festen, nassen Schnüre seiner Stiefel aufzuschneiden.

Maximus legte den Kopf in den Nacken und ließ die Flüssigkeit seine Kehle hinabrinnen. Sich blitzschnell wieder aufrichtend schnappte er nach Luft, während die Flüssigkeit sich in Feuer verwandelte und ihm den Atem zu nehmen drohte. Würgend und hustend rang er stoßweise nach Luft, um die Hitze in seiner Kehle abzukühlen.

Darius lachte. "Trink es nur. Es wird Dich schneller als alles andere durchwärmen."

Maximus zögerte, doch dann setzte er die Flasche erneut an, behielt die Flüsigkeit auf der Zunge und ließ sie Tropfen für Tropfen seine Kehle hinabrinnen. Sie verfehlte ihre Wirkung nicht und er fühlte sich schnell wärmer - und ein bißchen beschwippst.

Darius wickelte die Füsse des Jungen, endlich von den Stiefeln befreit, in eine andere Decke. Bald ließ das Zittern nach um endlich ganz aufzuhören, und die normale Farbe des Knaben kehrte zurück. Sein dunkles Haar hatte sich durch das Trockenrubbeln wild gelockt und seine blauen Augen waren klar.

"So", fragte Darius, "bist Du für die nächste Probe bereit?"

Mit einiger Bestürzung schaute Maximus auf. "Ja, Herr." Er fragte sich, was wohl als nächstes käme.

Der Zenturio lachte. "Ich denke kaum, daß Du noch weitere Proben zu bestehen hast, mein Junge. Du hast Deine Stärke und Ehre diese Nacht als über jeden Vorwurf erhaben bewiesen." Er streckte seine Hand aus und legte sie auf Maximus' eingehüllte Schulter. "Du hast Dich gut gehalten, Maximus, Du hast Dich wirklich sehr gut gehalten. Ab nun, geh in Dein Zelt. Ich werde veranlassen, daß Du morgen neue Stiefel bekommst. Diese hier sind ziemlich ruiniert."

"Danke, Herr", sagte Maximus ruhig, bevor er hinausging, die Decke auf dem Boden hinterherschleifend. Hercules sprang auf und trottete neben dem Jungen her. Auf dem Weg zurück zu seinem Zelt, eingehüllt in wollig-wohlige Wärme mit einer Decke aus Sternen über sich, verkostete er die Worte "Stärke und Ehre" auf seinen Lippen.

Darius stand noch eine ganze Weile und starrte gedankenverloren auf den leeren Eingang. Was dieser Jung heute Nacht geleistet hatte war außergewöhnlich. Er mußte bald mit General Patroclus sprechen.

 Kapitel 9 -Das Gespräch

"Ich sage Dir, Patroclus, dieser Junge ist außergewöhnlich. Er--"

"Du sagst mir nichts, was ich nicht schon weiß, Darius"

"Patroclus, er hat die Fähigkeit zu führen, dieses einzigartige -- echte Talent, zu führen."

"Auch das weiß ich."

"Weißt Du auch, daß er aus einer einfachen Familie aus den Bergen Spaniens stammt? Seine Familie hatte keinerlei Verbindung zur Armee. Sie waren Bauern."

Die Hand des Generals hielt plötzlich inne, mitten zwischen dem Tisch und seinem Mund, der schwere, rote Wein in seinem gläsernen Kelch war vergessen. "Waren?"

"Sie sind alle tot, Patroclus. Umgekommen bei einem Brand. Ich habe ihm erklärt, daß er zuerst in die Hilfstruppen hätte eintreten müssen und er war daüber sehr bekümmert. Er möchte hier sein, Patroclus, und diese Armee wird einen Soldaten wie ihn brauchen; einen Soldaten, der eines Tages ein Führer sein könnte."

"Das ist nicht das Problem, Darius. Wenn er so gut ist wie Du sagst, kann der Junge bleiben." Der General nahm wieder einen Schluck von seinem Wein, dann drehte er den Stiel des Kelches zwischen seinen Fingern. "Dann könnte Maximus sogar eines Tages zum Zenturio aufsteigen."

Langsam setzte Darius sein eigenes Weinglass ab; er wendete sich ein wenig zur Seite und starrte in die tanzende Flamme der Öllampe, die auf dem schweren Holztisch stand. Das flackernde Licht spielte auf den Zügen des Zenturio und hob die tiefen Narben hervor, die vom Mut in vergangenen Schlachten zeugten.

Patroclus stützte seine Ellenbogen auf den Tisch und lehnte sich hinüber zu seinem Zenturio, offensichtliche Neugier in seinem Gesicht. "Ist es nicht das, was Du hören wolltest, Darius?"

"Ja, natürlich, Herr."

Die Augenbrauen des Generals hoben sich wegen der plötzlichen Förmlichkeit im Ton und in der Anrede des Zenturio. Er griff nach dem Handgelenk des Mannes und zwang ihn, ihm in die Augen zu schauen.
"Was also?"

"Das geht nicht weit genug, Patroclus. Nicht für diesen Jungen. Er wird in Null Komma nichts zum Zenturio aufsteigen. Davon bin ich überzeugt. Dann wird er zur obersten Stufe im Rang eines Zenturio befördert werden -- und dann ist der Weg für ihn zu Ende, weil er aus einer Familie niederen Standes stammt. Es wird eine furchtbare Verschwendung seiner Fähigkeiten sein.

"Und um welche Fähigkeiten handelt es sich nach Deiner Meinung?"

"General", kam die feste Antwort zurück.

Nun war Patroclus wirklich erstaunt. Er erhob sich und durchschritt die Breite des Zeltes hin und wieder zurück,  die Stirn nachdenklich in Falten gelegt, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. "Du vermagst zu sagen, daß ein fünfzehnjähriger Knabe die Führungsqualitäten eines Generals hat?"

Darius hielt dem Blick seines Generals stand, sagte aber nichts.

"Woher? Von einem Schwimmen in der Donau?" fragte Patroclus herausfordernd mit einem Anflug von Sarkasmus.

"Das und vieles mehr."

"Du solltest Deine Zeit nicht verschwenden, auch nur daran zu denken, weil es nie dazu kommen wird. Du weißt genau wie ich, daß er der Schicht der Senatoren entstammen müßte, um General werden zu können."

"Herr, es ist eine Tatsache, daß einige Männer, die in Rom große Macht innehatten, nicht dieser Schicht entstammten. Wie schafften sie es, politische und militärische Führer zu werden?"

Patroclus stellte sich vor eine weiße Marmorbüste des Kaisers Marcus Aurelius und sagte mit ruhiger Stimme:"Ich glaube, daß auch Marcus Aurelius etwas in Maximus gesehen hat. Er schien von dem Jungen sehr angetan zu sein." Patroclus seufzte. "Es gibt da etwas, das man tun könnte, aber ich muß zuerst die Erlaubnis des Kaisers einholen, um die Angelegenheit überhaupt weiter verfolgen zu können. Ich erwarte ihn in nicht allzu langer Zeit in dieser Gegend zurück und ich werde mit ihm über die Sache reden, wenn ich die Zeit für angemessen halte."

Darius wußte, daß er die Angelegenheit nicht weiter voran treiben dürfte. "Ich danke Dir, Patroclus."

Patroclus nickte nur, immer noch auf das Bildnis des neuen Kaisers starrend, und der Zenturio wußte, daß er entlassen war. Kurz nachdem er das Zelt verlassen hatte, hörte er den General seinen Namen rufen. Er steckte seinen Kopf zurück in das Zelt. "Herr?"

"Fang mit der Ausbildung des Jungen zum Soldaten an, aber mach es ihm nicht zu schwer. Bedenke sein Alter, Darius, und riskiere nicht wieder sein Leben."

Ein wenig nachdenklich geworden aber auch begeistert grinste Darius und summte die Melodie eines schmutzigen Liedchens vor sich hin, als er zurück auf sein Zelt zusteuerte. Er persönlich würde es in der römischen Armee niemals über den Rang eines Zenturio hinaus bringen aber er sehnte sich danach, einen bedeutend größeren Beitrag zu leisten. Also würde sein Beitrag eine gänzlich andere Gestalt haben -- die Ausbildung eines jungen Mannes der, davon war Darius überzeugt, eines Tages sein vorgesetzter Offizier sein würde.

Kapitel 10 - Die Lektion

"Uh!" ächzte Maximus,als er das hölzerne Schwert von neuem gegen den massigen Pfahl schwang. Die so erzeugte klingende Schwingung lief durch seinen Arm und hinauf bis in Schulter und Nacken. Immer und immer wieder wiederholte er die Übung, zuerst mit der Vorhand, dann mit der Rückhand, bis der Schmerz in seinem Arm beinahe unerträglich wurde, dann wechselte er die Hand und fuhr fort, bis beide Seiten seines Körpers um Gnade flehten. Erst jetzt unterbrach er, um Atem zu schöpfen. Darius hatte ihm erklärt, daß diese Übungen von den Gladiatoren übernommen worden seinen, die in der großen Arena in Rom zur Unterhaltung der Menge kämpften. Maximus konnte sich das nicht vorstellen -- eine Arena angefüllt mit 50.000 Menschen, die nach Tod lechzten -- Tod zu keinem anderen Zweck als dem Vergnügen des Volkes.

Maximus stöhnte, als er sich zurücklehnte gegen den Pfahl, den er eben noch attackiert hatte. Heute Nacht würde er hierfür wieder bezahlen müssen, aber der Schmerz ließ mit jedem Tag nach und seine Arme und Schultern wurden stärker und muskulöser. Er schloß für einen Moment die Augen und sah so nicht den Schatten, der vor ihm auftauchte, bis die plötzliche Kühle auf seinem Gesicht ihn aufmerken ließ. Erschrocken öffnete er die Augen und sprang auf die Füße, den Körper angespannt. Er fand sich von Angesicht zu Angesicht einem grimmig dreinblickenden Quintus gegenüber, der ebenfalls ein Holzschwert in seinen Händen hielt. "Quintus, Du hast mich erschreckt."

"Du solltest es nie an Wachsamkeit mangeln lassen. Wenn Du wirklich ein Soldat wärest, dann wüßtest Du das." Maximus schnaubte verächtlich. " Quintus, das ist nur Training, keine Schlacht. Natürlich würde ich das nicht im wirklichen Kampf tun."

"Du bist zu jung hierfür. Du mußt sechzehn sein -- so alt wie ich -- um mit den Übungen der Soldaten zu beginnen."

"Darius sagte, daß der General mir eine Sondererlaubnis erteilt habe, Quintus. Ich dachte, Du würdest Dich für mich freuen."

Quintus starrte auf die Muskeln auf den Armen seines Freundes, Muskeln, die noch vor einer Woche nicht dort gewesen zu sein schienen. Er hatte Maximus und Darius bereits einige Zeit zusammen beobachtet und Eifersucht nagte an ihm. Diesem Spanier wurde viel zu viel Aufmerksamkeit zuteil. "Morgen beginne ich mit einem echten Schwert zu trainieren." Maximus lächelte und versuchte, die Spannung zwischen ihnen zu lösen. "Ich fürchte, daß ich dazu noch eine ganze Weile nicht in der Lage sein werde. Du bist mir im Training weit voraus, Quintus."

"Aber das ist eh nicht von Bedeutung", sagte Qunitus. "Ich habe gehört, daß sie demnächst die Jungen aussondern werden, die nicht hierher gehören, und sie zu den Hilfstruppen schicken ; so werden Du und Lucius bald nicht mehr hier sein."

Quintus´ spöttische Bemerkung hatte die erhoffte Wirkung und er beoabachtete mit Genugtuung, wie das Blut aus dem Gesicht des Jüngeren wich. Mit einem letzten selbstgefälligen Blick auf Maximus drehte sich Quintus auf dem Absatz um und marschierte davon. Fassungslos lehnte Maximus gegen den Pfosten, das hölzerne Schwert baumelte schlaff in seiner Hand.

"Und den nennst Du einen Freund?"

Maximus wirbelte herum und entdeckte Darius im Schatten einer riesigen Eiche.

"Komm her, Maximus, setz Dich einen Augenblick in den Schatten. Wir müssen reden."

Nachdem die beiden es sich bequem gemacht hatten -- Darius auf einem Baumstumpf und Maximus auf dem moosbedeckten Boden zu seinen Füßen --, fuhr Darius fort:"Du wirst nirgendwohin gehen, Maximus. Der General beabsichtigt Dir zu erlauben, in der Legion zu bleiben."

Ein tiefes bebendes Seufzen entrang sich dem Jungen. "Danke, Herr." Einen Augenblick war er still, dann fragte er:"Und Lucius?"

"Lucius wird zu den Hilfstruppen gehen."

Maximus erhob sich auf die Knie, bereit, gegen das Schicksal seines Freundes zu protestieren, aber Darius brachte ihn mit erhobener Hand zum Schweigen. "Er ist weder groß noch stark genug, um Legionär zu sein, Maximus. Sicher kannst Du das sehen. Aber er wird bei den Hilfstruppen eine gute Verwendung finden. Er wird dort gebraucht. Wir haben gestern die Nachricht erhalten, daß die Parther Roms östliche Grenzen überschritten haben. Sie haben Syrien überrannt. Kaiser Lucius Verus ist auf dem Weg dorthin mit vier Legionen, um Verstärkung in diese Gegend zu bringen, und zweifellos wird es dort Krieg geben. General Avidius Cassius wird unter seinem Befehl stehen. Cassius selbst ist der Befehlshaber aller Legionen des Ostens und hat auch die Kontrolle über die Hilfstruppen. Er hat alle Unterstützung angefordert, die wir ihm zukommen lassen können. Daher werden alle jungen Soldaten, die sich nicht wirklich zum Legionär eignen, morgen nach Osten abmarschieren. Du wirst hierbleiben und Dein Training fortsetzen."

Mit einer zärtlichen Geste, so ganz untypisch für Darius, streckte er seine Hand aus und strich dem jungen Soldaten über das Haar während er wehmütig lächelte. "Laß sie nie sehen, daß Du weinst, Maximus. Dein Innerstes mag sich vor Schmerz verzehren, aber laß sie nie sehen, daß Du weinst."

"Er ist mein bester Freund", sagte Maximus mit leiser Stimme. Seine Kehle schmerzte wegen der Tränen, die er zurückhielt.

"Ich weiß, daß er das ist, aber in der Armee sind Freundschaften eine seltsame Sache. So viel ich mich, zum Beispiel, auch um Dich sorge, eines Tages werde ich Dich vielleicht in die Schlacht schicken müssen genau wissend, daß Du mit großer Wahrscheinlichkeit getötet werden wirst. Aber ich würde es tun. Vielleicht wirst auch Du dies eines Tages mit Männern machen, die Dir am Herzen liegen. Das ist mit das Schwierigste an dem, was es bedeutet, ein Führer zu sein, Maximus. Du darfst weder Deine Ängste noch Deinen Schmerz zeigen. Du mußt stark sein für die Männer unter Deinem Kommando. Sie fürchten sich und sind darauf angewiesen, daß die emotionale Stärke ihrer Führer auch sie stark macht. Wenn diese Führer Furcht zeigen, dann sind die Männer verloren. Verstehst Du mich?"

Maximus nickte langsam.

"Es gibt noch viel zu lernen über das, was es bedeutet, ein Führer zu sein, und das bedeutet viel mehr als nur der beste Kämpfer zu sein. Und der Grund, mein junger Freund, warum ich so viel Zeit mit Dir verbringe, ist, daß ich spüre, daß Du um diese Dinge instinktiv weißt. Einer muß Dir all dies nur bewußt machen."

Darius grinste. "Und derjenige bin ich."

"Hast Du es eingerichtet, daß ich in der Legion Felix bleiben darf?"

Darius zuckte mit den Schultern, als ob dies gar nichts wäre. "Hm...ja."

"Ich schulde Dir viel."

"Du schuldest mir nichts anderes als das Bestmögliche aus Dir zu machen. Ich setze große Hoffnungen in Dich. Enttäusche mich nicht."

Maximus schüttelte feierlich den Kopf und lehnte sich zurück an den knochigen Stamm der hohen Eiche. Er fühlte sich wohl in der beruhigenden Gegenwart des älteren Mannes.

Kapitel 11 - 166 AD

Die Zeit verging schnell in Germanien. Die drohende Anwesenheit der Legionen hatte die Stämme auf ihrer Seite des Flusses zurückgehalten, aber ständige Wachsamkeit und Training bestimmten die nächsten vier Jahre, da irgendwann der Krieg unvermeidlich erschien. Einige germanische Stämme waren gar nach Süden gezogen und bedrohten Italien, zumal die dortigen Legionen ausgedünnt waren wegen des Bedarfs an Männern im Osten.

Mit dem Jahr 166 hatte sich Maximus zu einem attraktiven jungen Mann von zwanzig Jahren entwickelt mit außergewöhnlichen Fähigkeiten auf allen Gebieten der Kriegskunst. Er übertraf alle Männer seiner Altersgruppe in Allem. Obwohl er nie eine richtige Schlacht gesehen hatte, hatte er doch an vielen Übungsgefechten teilgenommen, und seine Fähigkeit im Umgang mit Waffen nahm Darius den Atem. Quintus nahm den zweiten Platz nur kurz hinter Maximus ein, und die beiden Männer waren scharfe Rivalen in jedem Bereich des Lebens.

Aber etwas hatte Quintus Maximus voraus -- seine Geburt aus einer römischen Familie der Senatorenklasse und dies bedeutete, daß er eines Tages schneller in eine Kommandostelle aufrücken könnte als Maximus. Im Augenblick jedoch hatte wiederum Maximus einen Vorteil, der weit schwerer wog als Quintus' Geburtsrecht -- die tiefe Freundschft mit einem Zenturio, der viele Geheimnisse mit ihm teilte, vertrauliche Informationen, die nicht dazu bestimmt waren, über die Tore des Prätoriums hinauszudringen.

Eines Nachts, Maximus und Darius saßen im Zelt des älteren Mannes und verbrachten den Abend entspannt bei Würfelspiel und Wein, verkündete der Zenturio die neueste Information . " Wir haben Nachricht erhalten, daß der Krieg im Osten vorbei ist, Maximus, und daß die Legionen nach Rom zurückgekehrt sind."

"Das sind gute Neuigkeiten." Maximus dachte - wie so oft - an Lucius und fragte sich, wie es seinem Freund ergangen sein mochte.

"Es sind nicht in jeder Beziehung gute Nachrichten. Nein, eigentlich gar keine guten Nachrichten."

Ein Stirnrunzeln zeigte sich auf Maximus' Gesicht; eine Falte erschien zwischen seinen Augen und die äußeren Enden seiner Augenbrauen zogen sich nach unten. Seine ernsten blauen Augen verlangten nach einer Antwort. "Was willst Du damit sagen?"

Darius betrachtete den jüngeren Mann aufmerksam. Maximus Anziehungskraft war augenfällig, selbst im schwachen Schein der Öllampe, die die glänzenden Strähnen in den dicken schwarz-braunen Wellen betonte, die Maximus beständig mit einer Handbewegung aus der Stirn warf oder mit den Fingern zurückkämmte. Mehr als nur eine junge Frau aus den nahegelegenen Dörfern fand diesen Soldaten anziehend, und er hätte keinerlei Schwierigkeiten gehabt, die Zeit mit nur allzu willigen Frauen zu verbringen, wenn er nur gewollt hätte.Wenn sie in den Krieg zögen, dachte Darius, muß das Haar ab. Langes Haar ist gefährlich, und außerdem schwierig, sauber zu halten. Sauberkeit jedoch steht in der Armee an erster Stelle. Er seufzte über die dunklen Bartstoppeln, die Kinn und Hals des jungen Mannes bedeckten. Er schien sich nicht wirklich einen Bart wachsen lassen zu wollen aber er hatte offenbar ebenso eine Abneigung dagegen, sich zu rasieren - so erschien er immer etwas ungepflegt -- und gerade das, dachte Darius bei sich, schienen die Damen so an ihm zu mögen. Heute Abend trug Maximus eine Lederrüstung, die seine breiten Schultern und muskulösen Arme noch betonte.

Alles in allem eine faszinierende Erscheinung.

"Warum rasierst Du Dich nicht?"

"Was? Wovon redest Du? Ich dachte wir besprächen den Stand des Krieges im Osten?"

Darius schüttelte den Kopf und streckte die Hand aus, um an einer Locke zu zupfen, die in Maximus' Stirn fiel. "Sei dankbar, mein Freund, daß wir in Germanien sind, weit weg von Rom."

Maximus begann, misstrauisch zu werden. "Warum?"

"Weil die aus dem Osten heimkehrenden Soldaten die Pest mit nach Rom gebracht haben. Menschen sterben zu Tausenden. Die Pest, das ist ein schrecklicher Tod. Sie frißt Dich auf von innen und außen.  Das einzig Gute an dieser Pest ist, das sie einen schnellen Tod bringt. Die Armeen im Osten sind völlig dezimiert und selbst in die edelsten Häuser Roms hat sie sich eingeschlichen.

"Und die Kaiser?"

"Es scheint, daß sie bisher verschont blieben, aber es ist nicht bekannt, ob auch ihre Familien das Glück hatten."

Die Vision eines lieblichen jungen Gesichts mit grünen Augen, umrahmt von weichen braunen Locken, tauchte ungebeten vor Maximus' innerem Auge auf. Lucilla. Jahrelang hatte er nicht an sie gedacht. Er fragte sich, wie sie nun wohl aussehen würde mit ... wieviel Jahren? Achtzehn? Vielleicht war sie bereits verheiratet und hatte Kinder. Viele römische Mädchen heirateten bereits mit fünfzehn. Leise sprach er ein kurzes Gebet für ihre Sicherheit.

"Es scheint, daß die Menschen aus der Stadt fliehen. Nur die Reichen, natürlich."

"Wohin gehen sie?"

"Einige von ihnen in die Hügel der Umgebung. Viele fürchten jedoch, daß die Pest sich auch dort ausbreiten wird und gehen viel weiter fort. Offenbar vermuten sie, daß die kühle Luft im Norden sie vor der Seuche schürzen wird, so kommen sie hierher." Darius warf den Würfel und schaute dann auf zu Maximus. "Es gibt Gerüchte, daß Marcus Aurelius und Lucius Verus auf dem Weg hierher sind, um mit ihren Familien unter unserem Schutz zu bleiben, bis die Stadt wieder sicher ist."

"Hierher?"

"Hm, ja. Du bist dran."

"Aber was, wenn wir in den Krieg ziehen?"

"Der Krieg wird auf der anderen Seite des Flusses ausgetragen werden. Für die Familien wird es hier absolut sicher sein, wenn auch etwas unbequem. Du bist dran, Maximus."

"Denkst Du --"

"Ich weiß nicht."

"Du weißt doch gar nicht, was ich fragen wollte."

"Ob Lucilla auch kommen wird? Ich weiß es nicht." Darius grinste. "Würdest Du bitte würfeln?"

Maximus tat es, aber seine Gedanken waren eindeutig anderswo.

"Sie ist für Dich vollkommen unerreichbar, Maximus", sagte Darius und machte seinen Wurf.

"Das ist mir klar."

Darius langte über den Tisch und gab dem jungen Soldaten einen leichten Klaps hinter die Ohren.

Maximus sah ihn finster an. "Habe ich nun Deine volle Aufmerksamkeit? Ich weiß, daß Du fast jede junge Frau haben kannst, die Du nur möchtest, aber diese eine ist nicht für Dich. Hörst Du mich?"

"Ich höre Dich." Doch Maximus' finstere Miene verwandelte sich in ein breites Grinsen und schließlich lachte er unumwunden.

Darius schüttelte nur den Kopf. "Würfle!"

 

Kapitel 12 - Das Wiedersehen

Eine seltsame Prozession schob sich mühsam vorwärts durch die dichten, dunklen Wälder im Norden Europas. Acht schwer gepanzerte Wagen, gezogen von dazu passenden Pferden, transportierten die engsten Mitglieder der kaiserlichen Familien von Marcus Aurelius und Lucius Verus sowie eine Anzahl römischer Senatoren und deren Familien. Die kaiserliche Prätorianergarde umgab den Zug von allen Zeiten, bereit, jede Art von Angriff abzuwehren. Aber die Reise von Rom war lang, ereignislos und langweilig, besonders für Lucilla, die gefangen war zwischen dem ununterbrochenen Jammern und Quängeln ihres jüngeren Bruders und dem ebenfalls ununterbrochenen Jammern und Nörgeln ihrer Mutter.

Die vergangenen vier Jahre waren für die Familie schwierig gewesen, da die Kinder, nach der Spanienreise,  ihren Vater Marcus Aurelius nur wenig zu Gesicht bekommen hatten. Er war mit Staatsangelegenheiten beschäftigt und wenn er schon einmal Zeit mit ihnen hätte verbringen können, zog er es vor, sich mit der stoischen Philosophie zu beschäftigen und seine eigenen Gedanken hierzu niederzuschreiben. Dieser Mangel an Aufmersamkeit war insbesondere für Commodus schwierig, der seinen Vater zutiefst bewunderte und nach seiner Anerkennung hungerte. Aber der Junge schien mit seinem kindischen Verhalten den Kaiser nur zu verärgern.

Ihre Mutter Annia Galeria Faustina sah ihren Ehemann ebenfalls nur selten und entwickelte daher ihre eigenen Interessen. Sie liebte die Spiele in der großen Arena und war besonders von einigen bestimmten Gladiatoren sehr angetan, denen sie beträchtliche Aufmerksamkeit zuteil werden ließ - sehr zum Unbehagen Lucillas und zum Ärger von deren Vater. Viele Male schon hatte er gedroht, die Spiele zu schließen, aber Annia hatte es immer wieder geschafft, ihren Gemahl davon zu überzeugen, daß ihre Interessen allein dem Zwecke der Entspannung dienten. Auch für Commodus waren die Spiele aufregend, und Mutter und Sohn verbrachten oftmals ganze Tage, dieses Szenario des Todes in vollen Zügen zu genießen.

Lucilla hatte sie aus Neugierde einmal begleitet, doch was sie dort sah, hatte sie angeekelt und sie weigerte sich, trotz der Bitten ihres Bruders, nochmals dorthin zurückzukehren . Er drohte, daß, wenn er erst einmal Kaiser sei, er seine Schwester zwingen werde, die Spiele zu besuchen und mit ihm in der kaiserlichen Loge zu sitzen. Doch wie gewöhnlich ignorierte Lucilla ihn .

Die junge Frau seufzte. Es war unmöglich zu lesen, da die Wagen ständig auf der ausgefahrenen Straße hin und her schaukelten, auch war das Licht im Innern unzureichend. Um sich die Zeit zu vertreiben, ließ sie ihre Gedanken zurückschweifen und erinnerte sich an das letztemal, als ihr Vater die Kinder auf eine solche Reise mitgenommen hatte. Bereits jene Reise war ihr endlos erschienen aber jene war nichts gewesen im Vergleich zu dieser. Sie wünschte sich, daß der Weg sie auch diesmal nach Spanien führte, denn nur zu gut erinnerte sie sich an den attraktiven jungen Mann mit dem großen grauen Hund, der dort stationiert war, und sie konnte sich wirklich Schlimmeres vorstellen, als einige Zeit mit ihm zu verbringen. Maximus, das war sein Name gewesen. Ein großer Name für jemanden, der so jung war.

Ein plötzlicher Ruck warf Lucilla zurück in die Kissen und Commodus zu Boden. Sie unterdrückte ein Lachen, als der Junge sich aufrappelte und unter Fluchen drohte, den Fahrer des Wagens zu töten, sobald das verdammte Ding zum Stehen käme. Er fuchtelte mit einem kleinen Schwert herum und hieb brutal in die Luft. Erschrocken wandte sich Lucilla ihrer Mutter zu, die trotz der unruhigen Fahrt vor sich hin döste. "Mutter, mach, daß er aufhört. Er wird sich noch selbst oder jemand anderen mit diesem Ding verletzen."

Annia öffnete ein Auge und schaute auf ihren Sohn. Ein Lächeln erschien auf ihren immer noch schönen Zügen und sie zog Commodus an ihren üppigen Busen, ihn mit Küssen bedeckend. "Du bist mein kleiner gut aussehender Gladiator, nicht wahr, Commodus? Mamas tapferer kleiner Gladiator."

Lucilla beobachtete die Szene still für einen Augenblick, dann wandte sie sich ab und vergrub ihr Gesicht in den Kissen. Sie war sich nicht sicher, wie lange sie das noch würde ertragen können.

Drei Tage später hielten die Wagen endlich in Sichtweite eines riesigen, gut befestigten Armeelagers an. Erleichtert stieg sie aus und sog gierig die kühle, frische Luft ein, bevor man ihr auf den Rücken ihrer wunderschönen weißen Stute Venus half. Lucilla ordnete den blauen Umhang um ihren Körper und rückte den dicken Pelz um ihren Hals zurecht. Während Commodus ebenfalls ein Pferd bestieg, wählte Annia stattdessen eine geschlossene Sänfte. Sie zog die Vorhänge um sich zu und versuchte so, die wilde Landschaft auszuschließen, die sie so sehr erschreckte. In der Stadt geboren und aufgewachsen, übertraf dies alles, was sie je erlebt hatte.

Lucilla warf den Kopf zurück und schüttelte ihre wunderschönen Locken, bis sie ihr den Rücken hinabfielen. Sie blickte hoch zu den riesigen Ästen über ihrem Kopf, zwischen denen kleine Stücke eines tiefblauen Himmels hervorschauten, und lachte vor Freude. Große Vögel protestierten ärgelich gegen die Störung und schwangen sich von Ast zu Ast. Selbst die kühle Luft des späten Frühjahrs konnte die Begeisterung über ihre Befreiung aus dem gefängnisgleichen Wagen nicht dämpfen. Umgeben von Prätorianer-Offizieren steuerte sie auf den riesigen goldenen Adler über dem Haupttor des Lagers zu. Trompeten verkündeten die Ankunft der kaiserlichen Familien und der ihnen folgenden Senatoren. Unmittelbar hinter dem Tor sah Lucilla Reihe um Reihe von Soldaten in voller Rüstung und Habtachtstellung. Sie nickte ihnen im Vorübergehen zu und erwiderte so den Gruß ihrer geneigten Köpfe.

Die Prätorianergarde führte sie zu dem General, der als solcher deutlich an den Silberfuchspelzen über seinen Schultern und seiner verschwenderischen Rüstung zu erkennen war. Ihr Herz machte einen Sprung. Sie kannte diesen General. Dies war derselbe General, der die Legion in Spanien befehligte. War dies etwa dieselbe Legion, hier in Germanien?  Schnell überflogen ihre Augen die Männer in der Begleitung des Generals -- Patroclus, das war sein Name. Sie war sich nicht einmal sicher, wie Maximus nun aussehen würde, oder ob er überhaupt noch zu dieser Legion gehörte, aber ... Sie schnappte nach Luft, als sie den großen grauen Hund kurz hinter dem General erblickte. Das Tier erschien viel älter mit weißen Haaren um die Schnauze und ein wenig zusätzlichem Gewicht, aber es war ohne Zweifel Hercules.

Dann konzentrierte sie sich auf den Mann neben dem Hund. Er stand in steifer Habtachtstellung und hatte den Kopf geneigt aber etwas an ihm erschien ihr höchst vertraut. Ihr Herz begann zu schlagen. Sein kurzgeschnittenes Haar war anders als die langen üppigen Wellen, an die sie sich erinnerte, aber es war Maximus, dessen war sie sich sicher.

Sie achtete kaum auf die Hände, die sich ihr entgegenstreckten, um ihr beim Absteigen von ihrem Pferd zu helfen, noch auf General Patroclus' formelle Begrüßung. Sie murmelte die angemessene Erwiderung und wendete ihre Aufmerksamkeit dann wieder dem Hund zu.

"Hercules! Ich erinnere mich an dich!" Sie klopfte auf ihren Schenkel. "Komm her, Junge. Komm her."

Die braunen Augen des Hundes wanderten in einem fragenden Blick zu dem Soldaten neben ihm. Hercules regte sich nicht, bis der Mann zustimmend nickte, dann erhob er sich mühsam und schlenderte zu Lucilla,  die Zunge bereit, sie abzulecken. Lucilla lachte, als sie die Begrüßung des Hundes entgegennahm, dann richtete sie sich auf und wendete sich direkt an den Soldaten. "Er ist viel freundlicher als ich ihn in Erinnerung habe, Maximus. Du hast Wunder an ihm gewirkt."

Lucilla genoß den überraschten Ausdruck in den Augen des jungen Soldaten, der schnell durch ein Blinzeln ersetzt wurde. Er neigte abermals mit großem Ernst den Kopf, doch auf seinen Lippen zeigte sich ein Lächeln. "Gnädiges Fräulein."

Der General war beschäftigt, seine anderen Gäste zu begrüßen, so ging Lucilla direkt auf den Soldaten zu und hielt nur wenige Schritte vor ihm. "Maximus."

Er hob den Kopf. Sein Ausdruck war jetzt sehr ernst, mit Ausnahme seiner Augen, die seine Belustigung ein wenig erkennen ließen. "Gnädiges Fräulein, zu Ihren Diensten."

Der tiefe, betörende Klang seiner Stimme ließ einen Schauer über Lucillas Rücken laufen. Sie wollte, daß er weitersprach. "Was macht Hercules zu schaffen?"

"Er hat Arthritis in seinen Hüften, und feuchtes Wetter verursacht ihm Schmerzen." Er langte hinunter, um die Ohren des Hundes zu kraulen. "Ich nehme an, daß Deine Reise nicht allzu beschwerlich war", sagte Maximus höflich.

"Nein." Ihre Stimme war kaum mehr vernehmbar, als sie ihn aufmerksam betrachtete. Sie war ziemlich hochgewachsen für eine Frau aber er war ebenfalls groß und sie schauten einander beinahe direkt in die Augen. Er hatte die stolze, aufrechte Haltung eines Soldaten und seine Schultern wirkten sehr breit unter der stahlgrauen Rüstung. Sein kurzgeschnittenes Haar war überaus kleidsam, entschied sie, weil es seinen kräftigen Hals entblößte und es paßte gut zu dem sorgfältig kurzgeschnittenen Bart, der seinen Kiefer vollständig bedeckte und das Grübchen in der Mitte seines Kinns, an das sie sich so gut erinnerte, verbarg. Sein Gesicht war von der Sonne tief gebräunt und seine Augen hatten immer noch diesen etwas traurigen Ausdruck, der sie schon vor Jahren angezogen hatte. Lucilla entschied, daß die Jahre Maximus gut getan hatten ... wirklich sehr gut.

Maximus war bei ihr zu der gleichen Überzeugung gekommen. Als sie auf ihn zukam, hatte er sie prüfend angeschaut. Ihre Größe überraschte ihn -- sie war größer als viele der Soldaten, aber natürlich war sie nicht so stämmig, wie man an ihrem langen, schlanken Hals erkennen konnte, der beinahe zu zart erschien, um das Gewicht ihres Kopfes zu tragen. Ihre dicken Locken fielen frei herab, nur von zwei goldenen Bändern gehalten, die sie aus ihrem Gesicht zurückhielten. Ihre Haut hatte einen reinen, milchigen Taint und es verlangte ihn, ihre Wange mit seinen Fingern zu streicheln. Ihre Lippen waren von rosiger Farbe und ihre grünen Augen betrachteten ihn mit großem Ernst. Er seufzte tief, ohne darauf zu achten, wie sie dies wohl deuten würde, und er war sehr erleichtert, als sie erst lächelte und dann zu lachen begann. Er erwiderte ihr Lächeln ohne Zögern.

"Vielleicht ist dieses Exil doch gar nicht so schlecht, Maximus", sagte sie mit so leiser Stimme, daß nur er sie hören konnte. "Nein, wirklich gar nicht so schlecht." Ihre langen Finger schlangen sich um seinen Arm unmittelbar unter der schweren Rüstung und sie kämpfte gegen den Drang an, die kräftigen Muskeln, die sie dort spürte, zu drücken, als sie sich umwendete, um ihn ihrer Mutter vozustellen, die unglücklicher aussah als sie sie je gesehen hatte.

"Mutter, dies ist ein Mann, den ich vor Jahren in Spanien kennengelernt habe, als Commodus und ich mit Vater dort zu Besuch waren.. Sein Name ist Maximus", sie sah ihn fragend an.

"Maximus Decimus Meridius, Kaiserin", vervollständigte Maximus und neigte wiederum den Kopf. Obwohl Lucillas Schönheit zweifellos von ihrer Mutter stammte, hatten die Jahre der älteren Frau nicht gut getan und sie war ziemlich gewichtig -- eine Tatsache, die auch ihre teure Kleidung nicht verbergen konnte. Lucilla fuhr fort, Maximus vorzustellen. "Commodus, Du erinnerst Dich an Maximus?"

"Nein", sagte der Junge grob, als er Maximus' grüßende Verneigung spöttisch abtat.

 Unverfroren flüsterte Maximus Lucilla zu:"Wie ich sehe, hat er sich nicht verändert."

Lucilla starrte den Soldaten verwundert an, dann warf sie ihren Kopf zurück und lachte.

Nachdem sie sich beruhigt hatte, näherte sie sich dicht dem Ohr ihrer Begleitung und sagte leise: "Laß meine Mutter lieber nicht hören, daß Du soche Sachen sagst. Sie hält ihn für absolut makellos. Sie würde Dich dafür auspeitschen lassen oder noch Schlimmeres."

Sie zwinkerte ihm zu und Maximus konnte erkennen, daß sie nicht vorhatte, ihre Mutter über diese Indiskretion in Kenntnis zu setzen. "Wo werde ich wohnen, Maximus?"

"Im Prätorium, gnädiges Fräulein. Dort ist es sehr sicher und Du hast Seine eigenen Gemächer. Ich werde Dich hin begleiten, wenn Du es wünscht."

"Sicher vor was?" Lucilla hatte ihre Hand immer noch auf Maximus' Arm, als er sie an den übrigen Soldaten vorbeiführte.

"Nun... vor allem."

"Vor den germanischen Stämmen?"

"Ja."

"Vor wilden Tieren?"

"Natürlich."

Sie sah ihn von der Seite an. "Vor... gutaussehenden Soldaten?"

Seine große Hand bedeckte ihre. "Wenn Du dies wüschst."

"Ich bin nicht so sicher, ob ich das wünsche. Ich bin absolut nicht sicher."

Als sie an Darius vorbeischlenderten, streckte Maximus die Hand aus und legte einen Finger unter Darius' Kinn, um dessen vor Staunen offenstehenden Mund zu schließen. Der verwunderte Zenturio schaute dem Paar nach, das seinen Weg fortsetzte, dicht gefolgt von vier Prätorianerwachen. Er fragte sich, ob diese Wachen wohl mehr Schwierigkeiten von einem von Roms eigenen Soldaten zu erwarten hätten als von allen germanischen Stämmen Europas.

Auch die Augen eines Jungen verfolgten aufmerksam, wie Maximus und Lucilla sich entfernten. O ja, er erinnerte sich an Maximus. Er erinnerte sich gut an ihn.

Kapitel 13 - Erste Liebe

Es vergingen zwei Tage, bevor Maximus Lucilla wiedersah, und auch dann konnte er nur einen kurzen Blick erhaschen. Sie verließ, ebenso wie die anderen Verwandten der Kaiser und die Senatoren, das Prätorium praktisch nicht und der General und sein Stab sorgten für die Unterhaltung der Gäste.

Maximus nutzte jede nur erdenkliche Ausrede, um sich in der Nähe ihrer Gemächer aufzuhalten, und seine Augen suchten das Gelände nach der schönen Frau mit den fließenden braunen Locken ab. Der eine kurze Blick, den er erhascht hatte, ließ sein Herz erzittern. Er begann sich zu fragen, ob seine Einbildung ihm ihre Schönheit wohl übertrieben darstellte aber dieser kurze Blick überzeugte ihn vom Gegenteil. Er sehnte sich danach, mit ihr zu sprechen, fand aber keine plausible Ausrede, um das Prätorium betreten zu können, obwohl er stundenlang hin und her überlegte.

Darius war keine Hilfe. Er schien Freude daran zu finden, Maximus mit unwichtigen Botengängen in alle erdenklichen Ecken des Lagers zu schicken. Jeder Soldat hätte sie erledigen können, aber Darius bestand auf Maximus. Dieser fragte sich, ob Lucilla nicht ihrer Gefangenschaft innerhalb des abgegrenzten Lagerbereiches ebenso überdrüssig sei wie er selbst es müde war, aus diesem Bezirk verbannt zu sein.

Sie war es überdrüssig. Obwohl alle Anstrengungen unternommen worden waren, ihre Unterkunft komfortabel zu gestalten, war sie verhältnismäßig eng. Jedesmal, wenn sie zwischen den Zelten entlang ging, um die anderen zu besuchen oder eine Mahlzeit einzunehmen, spähte sie kurz über die Einzäunung und hielt Ausschau nach Maximus. Er war niemals da. Konnte er sie so schnell vergessen haben? Was stellte er an mit seiner Zeit? Oh, sie konnte wohl das Exerzieren hören und die lauten Befehle, mit denen sich  die Soldaten auf den Kampf vorbereiteten, aber was war mit der übrigen Zeit? Was mit den Abenden? Sie sehnte sich danach, mit ihm am Feuer zu sitzen, einfach zu reden und seiner wunderbar vollen Stimme zu lauschen.

Frustriert lag sie auf ihrem Bett und schloss die Augen, während eine leichte Briese die hauchdünnen Vorhänge blähte. Sie hatte einfach nichts anderes zu tun als auf die Myriaden von Geräuschen zu lauschen, die ein Lager voller Männer aussendet, und sie wünschte sich, an der Seite eines ganz bestimmten Soldaten zu sein. Bald schon wurde ihr Gehirn müde und sie schwebte irgendwo zwischen Wachen und Schlafen.

Endlich war Maximus mit seiner Geduld am Ende. Er näherte sich dem Eingang des Prätoriums und wurde sofort von zwei schwerbewaffneten Prätorianerwachen angehalten. Seine Stimme erhebend erklärte er, daß er nur nach dem Hund, Hercules, schaue, da das Tier an einen Abendspaziergang mehrmals in der Woche gewöhnt sei.

Lucillas Augen öffneten sich schlagartig und sie hob ihren Kopf vom Kissen, während sie sich wunderte, welches Geräusch sie aus ihrem Schlummer aufgeweckt haben mochte. Sie lauschte aufmerksam. Da war die Stimme wieder. Sie schwang ihre Beine über die Bettkante und ihre Füße suchten nach den Schuhen. Ihren Umhang mit einer Hand zusammenhaltend, rannte sie zur Öffnung ihres Zeltes hinaus in den Hof und blieb stehen, während sie ihren Kopf von einer Seite zur anderen drehte, als sie Maximus' Stimme vernahm. Ein leises Pfeifen und das Wort "Hercules" zogen ihre Augen zum Eingang des Lagers, wo Maximus  hockte und dem Hund das schwere Halsband umlegte.

"Maximus", rief sie ihn.

Er richtete sich auf, dann beugte er das Haupt. "Guten Abend, gnädiges Fräulein. Ich wollte Hercules eben auf einen kleinen Gang durch das Lager mitnehmen. Hättest Du Lust, uns zu begleiten?"

Eine der Wachen setzte zu einer Antwort an:"Die Dame möchte nicht ..."

"Wie kannst Du es wagen, für mich zu sprechen!" Lucilla war wütend und ließ ihre ganze Wut an der Wache aus. "Vergiß nicht Deinen Platz, Prätorianer. Du dienst mir und nicht umgekehrt!"

Die Wache errötete und murmelte eine Entschuldigung, bevor der Mann sich tief verneigte.

Nachdem ihr Zornesausbruch sich gelegt hatte, wandte sich Lucilla wieder Maximus zu."Ich würde Dir und Hercules sehr gern Gesellschaft leisten, Maximus. Werden wir innerhalb des Lagers bleiben?"

"Natürlich, gnädiges Fräulein."

Lucilla wandte sich zurück an die Wache."Dann werden wir euch nicht brauchen. Maximus wird mir den nötigen Schutz bieten. Ist das klar?"

Beide Wachen nickten mit zusammengepressten Lippen und starrten wütend auf den jungen Soldaten mit dem Hund. Einer wagte zu sprechen. "Er ist nicht einmal bewaffnet, gnädiges Fräulein."

"Maximus", sprach Lucilla ihn direkt an. "Warum holst Du nicht Dein Schwert, während ich mir passendes Schuhwerk besorge. Ich werde Dich hier in fünf Minuten wiedertreffen."

Er verneigte sich zustimmend und wandte sich ab, bevor das breite Grinsen auf seinen Zügen bemerkt wurde. Es wäre nicht ratsam, die wütenden Wachen den Ausdruck in seinem Gesicht sehen zu lassen. Er trabte zu seinem Zelt, schnallte seinen Dolch um und steckte sein Schwert in die ebenfalls umgeschnallte Scheide.

"Maximus", hörte er eine Stimme vom Eingang.

Der junge Soldat machte sich nicht mal die Mühe, sich umzudrehen. "Ja, Darius?"

"Sei vorsichtig."

"Ich werde vorsichtig sein. Schau, wie schwer bewaffnet ich bin, nur um Lucilla durch das Lager zu begleiten."

Darius seufzte. "Das habe ich nicht gemeint."

Aber Maximus hatte keine Zeit, weiter auf die Einwände seines Freundes zu hören. Er drückte sich an ihm vorbei durch den Zeltausgang und, fröhlich vor sich hin pfeifend, eilte er davon.

Minuten später lagen die kaiserlichen Gemächer hinter ihm und er reichte der schönsten Frau auf dieser Welt seinen Arm. Lucilla ergriff ihn, und sie wanderten, den alten Hund an ihrer Seite, langsam durch das Lager.Er sah die neidischen Blicke der anderen Soldaten und hob sein Kinn ein wenig höher, als sie Reihe für Reihe an den Zelten vorbeischritten.

"Alles ist so gut organisiert", bemerkte Lucilla.                  

"Das muß so sein. Eine Armee muß, wenn nötig,  innerhalb von Minuten zum Kampf bereit sein, oder das Lager abzubrechen und zu marschieren. Alles ist an seinem Platz und jeder kennt seine Aufgabe."

Lucilla betrachtete Maximus' kraftvolles Profil. "Und was ist Deine Aufgabe? Was hast Du gemacht, seit ich Dich zum letztenmal in Spanien gesehen habe?"

"Viele Dinge, gnädiges Fräu..."

"Maximus, wenn wir allein sind, nenn mich bitte Lucilla."

"Lucilla." Er mochte diesen Klang auf seiner Zunge. "Meine erste Aufgabe von einiger Bedeutung war die eines Standartenträgers, als ich achtzehn war - das frühest mögliche Alter."

Auf Lucillas fragenden Blick, erklärte Maximus: "Ein Standartenträger trägt die Standarte in die Schlacht. Diese Aufgabe ist wichtiger als es den Anschein hat, denn der Standartenträger führt die Legion in den Krieg und Männer sind gestorben bei dem Versuch, die Legionsstandarte zu retten, wenn sie im Kampf verloren ging. Sie ist ein bedeutendes Symbol Roms."

"Ich verstehe. Wie lange warst Du Standartenträger?"

"Nicht lange. Meine nächsten Beförderungen erfolgten sehr schnell. Vom Feldwebel (optio), über den Paroleoffizier (tesserarius) zu dem Posten, den ich jetzt inne habe, dem des Oberfeldwebels oder cornicularius. Ich diene unter Darius. Mein nächster Schritt wird ein großer sein - zum Hauptmann (centurio) und ich bin als nächster an der Reihe, zusammen mit meinem Freund Quintus. Innerhalb dieses Ranges gibt es noch einige Aufstiegsmöglichkeiten, aber damit sind meine Möglichkeiten zu Ende ."

"Warum?" fragte Lucilla mit aufrichtigem Interesse.

"Weil Du in eine der obersten Schichten der römischen Gesellschaft hineingeboren sein mußt, um ein Tribun oder General zu werden."

"Hast Du je an einer Schlacht teilgenommen?"

"Bisher noch nicht, aber ich nehme an, daß es bald dazu kommen wird. Wann wird Dein Vater erwartet?"

"In einer Woche oder so, glaube ich. Er macht mehrere Zwischenstopps, um die Legionen entlang des Weges zu inspizieren, während die Familien direkt hierher gekommen sind."

"Wir trainieren laufend, um bei seiner Ankunft einen Schaukampf für ihn abzuhalten. General Patroclus ist sehr darauf bedacht, ihn zu beeindrucken."

"Wirst Du an diesem Kampf teilnehmen?"

"Natürlich."

"Lucillas Griff auf seinem Arm wurde fester. "Ist das gefährlich?"

"Es ist möglich, dabei verletzt zu werden. Die Sache kann sehr ernst werden, auch wenn es sich bei dem "Feind" nur um Soldaten aus Deiner eigenen Legion handelt."

"Was wirst Du tun?"

"Darius möchte, daß Quintus und ich gegeneinander kämpfen. Wir sind ziemlich gleich stark, so daß es ein fairer Kampf wird."

"Es ist also nicht wirklich wichtig, wer gewinnt, nicht wahr?" fragte Lucilla voller Hoffnung.

"Das ist sehr wichtig. Es ist eine Frage der Ehre ... der Ehre der Soldaten und des Zenturio, der sie anführt." Er spürte Lucillas Ungehagen und wechselte das Thema. "Erzähl mir, was Du gemacht hast, seit ich Dich in Spanien gesehen habe."

Lucilla seufzte. "Nicht viel."

Maximus blieb stehen und schaute sie an. "Nicht viel?"

"Ich nehme an, Du denkst, daß mein Leben aufregend und schillernd sei?" Als ihr Begleiter nickte, lachte sie scharf. "Genau das Gegenteil. Ich werde mehr abgeschirmt und beschützt als die meisten anderen Frauen meines Alters. Ich langweile mich zu Tode. Hierher zu kommen, ist mein erstes Abenteuer, seit meiner Reise nach Spanien."

"Sicherlich lernst Du viele neue Leute kennen?"

"Politiker, alt genug, um mein Vater zu sein..." Maximus spürte einen Anflug von Bitterkeit in ihrer Stimme. "... und ihre langweiligen Familien. Die wirklich interessanten Leute findet man in den Straßen Roms aber mir ist es nicht erlaubt, mich unter sie zu mischen. Vielleicht mag ich Dich deshalb so sehr." Ihre Stimme war nun beinahe schüchtern. "Du bist so wirklich. Du hast eine wirkliche Familie gehabt. Du hast wirkliche Freunde, die Dich mögen, weil Du der bist, der Du bist und nicht was Du bist. In vieler Hinsicht, weißt Du mehr vom Laben als ich, Maximus."

Ein Wimmern hinter ihnen ließ sie beide innehalten und und gleichzeitig umdrehen, Sie schauten auf den Hund herab, der sich augenblicklich auf seine Hinterbeine niederließ. Maximus hockte sich hin und streichelte ihn zärtlich. "Ich habe gar nicht gemerkt, daß wir so weit gegangen sind. Es wird zu viel für ihn." Er schaute zu Lucilla auf. "Macht es Dir etwas aus, wenn wir uns einen Moment hinsetzen?"

"Nicht im Mindesten. Wo?"

Maximus richtete sich auf und zeigte auf eine Zeltreihe zu seiner Rechten. "An dem freien Platz zwischen den Schantzpfählen dort sind einige Baumstümpfe."

"Ich folge Dir."

Maximus ging zwischen zwei Zelten hindurch und Lucilla folgte ihm dicht, aber wieder ließ ein verzweifeltes Bellen sie innehalten. Hercules wollte eindeutig nicht mehr weitergehen aber er wollte ebenfalls nicht von seinen Begleitern zurückgelassen werden. Lucilla lachte, als Maximus dem Hund befahl, still zu sein - ohne Erfolg. Das Bellen hörte erst auf, als sie wiederum vor dem Tier standen.

"Störrisches Vieh", knurrte der Soldat.

"Offensichtlich tut ihm etwas weh, Maximus. Warum trägst Du ihn nicht?" Lucilla machte nur Spaß, aber Maximus stellte den Hund auf die Füße, beugte unverzüglich ein Knie, steckte seinen Kopf unter den Bauch des Tieres und hob den verwunderten Hercules auf seine breiten Schultern, während er die Beine des Hundes mit beiden Händen vor der Brust festhielt.

Begeistert klatschte Lucilla Beifall, ebenso wie die Männer, die sich in Sichtweite des attraktiven jungen Paares aufhielten.

Maximus neigte das Haupt in gespielter Ernsthaftigkeit, dann ging er auf den weiten freien Platz in der Mitte des Lagers zu. Hercules sah aus wie ein dicker Pelzumhang mit wedelndem Schwanz. Er setzte den Hund neben einem Baumstumpf nieder und bot Lucilla den Sitzplatz an, bevor er sich selbst zu ihren Füßen ins Gras fallen ließ. "Wenigstens wird er nicht die Schafe jagen", sagte Maximus indem er auf die Tiere zeigte, die das Gras kurzfraßen.

"Wird hier dieser Kampf stattfinden?"

"Ja, genau hier."

"Meinem Bruder wird das gefallen. Er liebt alles, was auf Wunden und Tod hinausläuft. Irgendwie ist das aufregend für ihn. Sicherlich wird er selbst daran teilnehmen wollen. Weißt Du, er gefällt sich in der Vorstellung, selbst ein Kämpfer zu sein."

"Er ist dafür ziemlich jung."

"Ja, aber er sieht das dauernd. Meine Mutter nimmt ihn mit zu den Gladiatorenspielen und sie verbringen den ganzen Tag damit, sich am Sterben anderer Menschen zu ergötzen. Meine Mutter..."

"Ja?"

Lucilla schüttelte den Kopf. "Nichts." Sie schaute über die Palisaden des Lagers in die oberen Zweige der hohen Bäume. "Was ist außerhalb des Lagers?"

"In diese Richtung die Donau. Sie ist sehr breit und sehr tief ... und sehr kalt."

"Ich würde sie so gern sehen."

"Ich bezweifle, daß man mir erlaubt, Dich mit hinauszunehmen. Der Feind befindet sich genau auf der anderen Seite des Flusses. Manchmal kannst Du in der Nacht hören, wie sie einander zurufen."

"Maximus, ich möchte wirklich so gern dort nach draußen."

"Vielleicht, wenn uns eine Abteilung Prätorianer begleitet."

"Nein. Nur Du und ich."

"Das ist unmöglich, Lucilla."

"Wäre ich bei Dir nicht sicher?"

Maximus zögerte. "Sicherlich. Aber wir würden niemals durch das Tor kommen, also denk besser gar nicht daran."

Lucilla war einen Augenblick still, dann sagte sie leise:"Ich bin so groß wie Du, Maximus. Nicht so breitschultrig, aber ich bin groß. Wenn ich mein Haar unter einen Helm stecke, könnte ich..."

"Daran darfst Du nicht einmal denken."

"Warum nicht? Oh Maximus, ich sehne mich nach etwas Aufregendem in meinem Leben. Du hast keine Vorstellung davon, wie übel es ist, die Tochter eines Kaisers zu sein."

"Wenn man uns erwischt, werde ich unehrenhaft aus der Armee entlassen ... nachdem man mir die Haut vom Körper gezogen hat."

"Man wird uns nicht erwischen."

Maximus schwieg, während er auf die entfernten Bäume starrte und gedankenverloren das dicke Fell des Hundes kraulte. Lucilla nahm sein Schweigen bereits für ein erstes Zeichen von Nachgeben und begann, ihn zu locken. "Ich würde nicht Deine Karriere oder Deine Sicherheit riskieren, Maximus. Das weißt Du. Aber ich bin sicher, daß man uns nicht erwischen wird. Wir brauchen ja nicht lange draußen zu bleiben."

Maximus' Gesicht blieb entschlossen.

Vorsichtig streckte Lucilla ihre Hand aus, bis ihre Fingerspitze über das Haar in seinem Nacken strich. Ihre leichte Berührung schoß wie ein Blitzstrahl durch Maximus Körper und traf ihn bis ins Mark, lähmte alle seine Glieder. Ihre Finger fuhren hinauf in sein Haar und suchten sich dann ihren Weg seinen Nacken hinab, das unbekannte Fleisch erkundend. Unbewußt neigte er ihr leicht den Kopf entgegen; ihre Liebkosung willkommen heißend, schloß er die Augen. Nochmals strichen ihre Finger durch sein Haare, berührten dann die sensible Haut hinter dem Ohr und ließen ihn leicht erzittern.

Lucilla war erstaunt über seine Reaktion auf ihre sanfte Berührung. Ihr gefiel der Gedanke, daß dieser starke, tapfere Soldat durch ein zärtliches Streicheln ein wenig zu erweichen war. Ungeachtet möglicher Beobachter, setzte Lucilla ihre Erkundung von Maximus' Nacken fort. Mit Daumen und Fingern massierte sie leicht die harten Muskeln auf der Linie vom Haaransatz zu seinen Schultern, bis sie nicht weiter unter die schwere Rüstung langen konnte. Sie lehnte sich vor und brachte ihren Mund dicht an sein Ohr. Sie stellte fest, daß seine Augen geschlossen waren und flüsterte: "Warum trägst Du diese Rüstung?"

Maximus' tiefe Stimme klang leicht schläfrig. "Offensichtlich, um mich vor Dir zu schützen." Sie lächelte, bevor sie schnell die empfindliche Haut unter seinem Ohr küßte und sich wieder aufsetzte, ihre Hand immer noch  auf seinem Nacken. Sie liebte es, seine Haut zu spüren ... wie weiche Seide über hartem Stein. Nie zuvor hatte sie einen Mann so berührt und sie war nicht bereit, jetzt aufzuhören. Und dies war genau der Mann, den sie berühren wollte.

Maximus seufzte tief und schüttelte leicht den Kopf, um seine Schläfrigkeit abzuschütteln, aber er wußte, daß er die Diskussion verloren hatte. Lucillas Daumen wirkte weiter ihren Zauber hinter seinem Ohr. Er war oft mit einheimischen Frauen zusammengewesen aber nie hatte er etwas ähnliches verspürt. Diese Vereinigungen waren kurz und schnell, ohne mehr Berührungen als unbedingt nötig. Solche Zärtlichkeit hatte er nicht mehr erlebt, seit er ein Kind war und seine Mutter ihn so berührte. Er hatte es vermißt. Er hatte gar keine Vorstellung gehabt, wie sehr er es vermißte.

Immer noch auf dem Boden sitzend drehte er sich um und schaute ihr ins Gesicht, ihren Blick mit dem seinen gefangenhaltend. Ihre Hand ruhte nun vorn an seinem Hals und sie spürte den Puls seines schlagenden Herzens unter ihrer Handfläche. Ihre Finger erkundeten seinen rauhen Bart und bewegten sich dann entlang der Linie seines Kiefers, um das längere und weichere Haar dort zu betasten. Lange Zeit sprach keiner von ihnen, bis Maximus das Schweigen brach. "Die einzige Möglichkeit, dies zu bewerkstelligen, wäre, daß ich gemeinsam mit einem Freund das Prätorium beträte. Dieser Freund würde Dir seine Rüstung geben und Du würdest mit mir hinausgehen, verkleidet als er." Lucilla grinste. "Ich mag Deine Art zu denken, Soldat." Ihre Fingerspitzen wanderten zu seinen Lippen. "Das Problem ist nur, einen Freund zu finden, der dumm genug ist, sich in diesen lächerlichen Plan verwickeln zu lassen." Maximus' leichter Ton täuschte über die schroffen Worte hinweg und endlich nahm er ihre Hand in die seine und küsste zärtlich ihre Fingerspitzen, eine nach der anderen.


"Ich bin sicher, Du wirst keine Schwierigkeiten haben." Lucillas Stimme war atemlos.

Maximus schüttelte abermals den Kopf und zweifelte an seinem Verstand. Er legte ihre Hand in ihren Schoß zurück.

"Also gut. Morgen Nacht nach Einbruch der Dunkelheit. Halte Dich bereit."

"Danke, Maximus. Ich kann es kaum erwarten."

Mit dem großen Hund wiederum auf seinen Schultern, machten sich Maximus und Lucilla auf den Rückweg zur Unterkunft des Generals, wo er sich am Eingang von ihr verabschiedete. Bevor sie sich abwandte, besiegelten sie ihren Plan mit einem Lächeln und Augenzwinkern.

 

 Kapitel 14 - Außerhalb der Mauern

Lucilla war am Rand der Verzweiflung. Die Dunkelheit brach bereits herein und Commodus lümmelte immer noch auf ihrem Bett herum. Er war schon Stunden hier, zuerst hatte Lucilla Mitgefühl mit ihm, denn sie wußte, daß er sich ebenso langweilte wie sie. Sie hatte ihn mit Geschichten über die großen römischen Eroberungen unterhalten und mit ihm über den bevorstehenden Schaukampf gesprochen, der nach der Ankunft ihres Vaters stattfinden sollte. Aber jetzt sollte er nur endlich gehen.

"Commodus, mein Liebling, ich bin sehr müde und würde mich gern zur Ruhe begeben."

Er rutschte auf die eine Seite des Bettes und klopfte auf den Platz neben ihm. "Du kannst Dich hier hinlegen, Lucilla." Obwohl er erst vierzehn war, verursachte Lucilla sein Bestreben, ihr körperlich nahe zu sein, entschieden Unbehagen. Sie zwang sich zu einem Lächeln. "Bruder, es ist Zeit, daß Du zurück in Dein Zimmer gehst, damit ich mich zurückziehen kann."

Commodus fingerte an ihrem weichen Gewand herum, daß sie achtlos auf das Bett neben ihn geworfen hatte. "Dann gib mir einen Gute-Nacht-Kuss, Schwester, und versprich mir, daß Du am Morgen etwas Zeit für mich haben wirst." Sein Ton wechselte zu einer Anklage mit einem verletzten Unterton. "Gestern hast Du den ganzen Nachmittag mit Maximus verbracht und mich hier allein gelassen."

"Ich weiß, mein Liebling, aber für morgen werde ich es einrichten, daß Maximus mit uns beiden Zeit verbringen wird. Würde Dir das gefallen?"

"Können wir Reiten gehen?"

"Ich weiß nicht. Ich werde ihn fragen müssen."

Augenblicklich wurde Commodus argwöhnisch. "Und wann wirst Du ihn sehen, um ihn zu fragen?"

"Ich schicke ihm eine Nachricht, mein Liebling. Nun aber bitte...ich möchte zu Bett gehen."

Commodus rührte sich immer noch nicht von der Stelle aber wandte sein Gesicht der Schwester zu. "Ich mag nachts nicht allein sein."

"Ich weiß, aber Du bist von Menschen umgeben, die Dich lieben, Commodus. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten."

Endlich schwang der Knabe seine Beine vom Bett und Lucilla hielt den Atem an. "Gib mir einen Gute-Nacht-Kuss", forderte er. Er näherte sich seiner Schwester, die gute 10 Zentimeter größer war als er. Wie gewöhlich legte sie ihre Hände an seine Wangen und berührte mit ihren Lippen kurz seinen Scheitel.

"Geh nun."

Widerstrebend näherte sich Commodus der Tür und Lucilla hielt den Atem an. Er drehte sich um und sagte:"Vergiß nicht, was Du für morgen versprochen hast."

"Das werde ich nicht, Commodus. Gute Nacht, Bruder."

Er war weg. Lucilla hielt immer noch den Atem an, bis dieser plötzlich in einem Stoß aus ihr hervorbrach. Nun brauchte sie nur noch zu warten, bis Maximus mit seinem Freund auftauchte. Sie zweifelte nicht daran, weil er ihr sein Wort gegeben hatte. Sie konnte es kaum erwarten, ihn wiederzusehen. Maximus Rolle in diesem Abenteuer war nicht ganz so einfach. Er hatte einen jungen Soldaten gefunden, der groß und schlank war, und er hatte ihn überzeugt, an dieser Charade teilzunehmen. Er war entschlossen, alle Schuld auf sich zu nehmen, falls ihr Täuschungsmanöver entdeckt werden sollte. Maximus war sich nicht so ganz sicher, ob Petronius sich der möglichen Gefahr, in die sie ihr Vorhaben bringen würde, voll bewußt war, oder ob er es vielmehr als einen Spaß betrachtete. Der Junge vergötterte Maximus und hätte alles für ihn getan.

Beide Männer waren in ihre braunen wollenen Tuniken und eng anliegenden Hosen gekleidet mit der stählernen Rüstung darüber. Maximus trug seinen Helm in der Hand während Petronius den seinen auf dem Kopf hatte. Der Helm bedeckte sein Kinn und die Wangen, sein Gesicht beinahe vollständig verbergend. "Petronius, hör auf zu grinsen", befahl Maximus, und der junge Soldat bemühte sich augenblicklich, wieder eine ernste Miene aufzusetzen. Beide Männer waren unbewaffnet, aber Maximus hatte zwei Schwerter direkt am Hintereingang des Lagers versteckt. Wie gewöhnlich trug er einen Dolch verborgen in seinem Stiefel.

Unter seinem Arm hatte Maximus einen Lederbeutel, welcher Einzelheiten bezüglich der Bereitschaft seiner Zenturie für den Schaukampf enthielt. Darius hatte ihn gebeten, diese für den General abzugeben. Die Zeit hierfür war nun ebenso gut wie jede andere.

Kurz nach Sonnenuntergang näherten sich die beiden Soldaten dem Eingang des Prätoriums. Petronius hielt seinen Kopf leicht geneigt, wie es Maximus ihm befohlen hatte, und sein Gefährte übernahm es, zu reden. Wie erwartet wurden sie angehalten, aber nachdem Maximus seinen Auftrag erklärt hate, ließ man sie passieren. Maximus steuerte auf das Zelt des Generals zu. Petronius folgte Maximus Führung und hastete hinweg, um Lucilla zu finden.

Maximus wollte heute Nacht nicht aufgehalten werden, indem er mit dem General persönlich  sprach. Daher übergab er die Tasche mit den Briefstücken einer Ordonnanz und steuerte dann auf Lucillas Gemächer zu. Er ließ sich Zeit und grüßte die Soldaten, die er auf dem Wege traf.

Nach erstaunlich kurzer Zeit war sein Kamerad wieder bei ihm und sie gingen Seite an Seite weiter. Einen Augenblick blieb Maximus wie erstarrt stehen, als der Duft von süßem Parfüm in seine Nase stieg und er betete, daß die Prätorianer-Wachen ihn nicht bemerkten. Er streckte seine Hand aus und bedeutete Lucilla, stehenzubleiben, während er abwartete, bis am Tor größere Geschäftigkeit herrschte. Dann bedeutete er Lucilla, sich schnell einer Gruppe von Männern anzuschließen, die das Lager verließen. Die beiden mischten sich unter die Gruppe und verließen unerkannt das Prätorium. Erst jetzt wagte es Maximus, ihr einen vorsichtigen Blick zuzuwerfen. Seine Lippen zuckten leicht, als er sah, wie gut Petronius' Rüstung ihr paßte und er erspähte ihre weiche, milchige Haut unter dem Helm. Ihr Haar war vollständig verborgen und wenn jemand nicht gerade sehr genau hinschaute, würde er nicht bemerken, daß sie etwas anderes war als ein sehr junger männlicher Soldat.

Maximus sagte leise:"Folge mir und sag kein Wort." Er ging auf das rückwärtige Tor des Lagers zu, Lucilla dicht hinter ihm, so dicht, daß er schwören könnte, ihre Wärme durch die Rüstung hindurch zu spüren. Maximus grüßte die Wachen am Tor und wurde ungefragt durchgelassen - so wie er es vermutet hatte. Einmal draußen angelangt, ergreift  Maximus beide Schwerter mit einer geschickten Bewegung und folgt der ausgetretenen Straße hinab zum Fluß.

Maximus ging etwas langsamer, als ihm bewußt wurde, daß Lucilla nicht an das fürchterliche Gewicht des Stahls auf ihren Schultern gewöhnt war, und er spürte, wie ihre Hand leicht die seine berührte. "Guten Abend, mein Fräulein", flüsterte er.

"Guten Abend, mein Herr", antwortete Lucilla, ein Lächeln in der Stimme. "Das ging ja wie geschmiert."

"Ja, aber wieder hineinzukommen, wird nicht so einfach sein."

"Nun, darüber kannst Du Dir Gedanken machen, wenn es so weit ist. Maximus, darf ich jetzt diesen schrecklichen Helm abnehmen?"

"Noch nicht. Nicht bis man uns unmöglich mehr von den Wällen des Lagers aus sehen kann und ich sicher sein kann, daß niemand weiter draußen ist heute Nacht." Er ging weiter die Straße hinab, die nun etwas enger wurde. Zu beiden Seiten wuchs das Schilf schulterhoch und das Unterholz schimmerte feucht im hellen Mondlicht. Plötzlich ergriff Maximus Lucillas Hand und zog sie nach links in einen schmalen Weg, den sie vorher nicht mal bemerkt hatte. Hier konnte nur einer hinter dem anderen gehen und der Weg war vollständig verborgen hinter hohem Schilf und Gras, das nach ihren Rüstungen und Beinen zu greifen schien.

Maximus hörte sie hinter sich heftig atmen, aber er hielt nicht an, bis sie eine kleine Lichtung erreichten , und Lucilla starrte unwillkürlich auf eine weite Wasserfläche, die den vollen weißen Mond auf ihrer gekräuselten Oberfläche wiederspiegelte.

Die Schönheit dieses Anblicks verschlug ihr den Atem. Maximus nahm ihr den Helm ab und warf ihn auf den Boden, dann nahm er ihren Kopf in beide Hände und grub seine Finger in ihr Haar, bis die Locken über ihren Rücken hinabfielen. Ohne ihren Kopf freizugeben, zog er ihr Gesicht an sich und berührte zärtlich ihre Lippen mit den seinen. "Ich weiß nicht warum", flüsterte er, "aber in dieser Soldatenrüstung bist Du noch bemerkenswert schöner als Du es sonst schon bist."

Dieses Kompliment belohnte sie mit einem Lächeln und lehnte sich an ihn, aber Metall stieß auf Metall und sie hätte sich ebenso gegen einen Pfahl lehnen können. Maximus lachte leise und sagte: "Folge mir."

In wenigen Schritten erreichten sie ein schmales Uferstück, das von hohen Bäumen umgeben war, deren Zweige bis weit über das Wasser hingen. Am Fuße eines der Stämme lagen große, runde Steine. Während Lucilla auf den Fluss hinausstarrte, öffnete Maximus schnell ihren Brustpanzer und nahm ihn ab, dann legte er auch seinen eigenen ab und stellte beide vorsichtig neben den Steinen auf den Boden. Sie fiel in seine Arme und drückte ihren Busen an seine Brust. Mit einem seiner starken Arme umfasste er ihre Taille, der andere glitt über ihren Rücken. Seine Hand hielt ihren Kopf, während er ihre Lippen mit seinen eigenen für einen süßen Kuss öffnete. Er küßte sie wieder und wieder, bis Maximus spürte, wie sie zitterte. Er drückte ihr Gesicht an seine Schulter und hielt sie eng umschlungen. "Was ist, Liebling?"

"Ich bin noch niemals geküßt worden", kam die halb erstickte Antwort. "Kein Mann hat das bisher gewagt."

"Habe ich meine Grenzen überschritten?"

Lucilla hob den Kopf und schaute in seine im Schatten liegenden Augen. "Nein." Sie lächelte."Ich hoffte, daß Du das tun würdest. Ich war nur nicht darauf vorbereitet, wie wundervoll es sein würde." Sie streichelte seine Wange zärtlich mit der Außenseite ihrer Finger. "Ich wünschte, die Welt würde stehenbleiben, eben jetzt, und wir könnten für immer an diesem Ort bleiben. Nur Du und ich." Sie lehnte sich gegen ihn und öffnete die Lippen, ihn zu einem weiteren Kuss einladend. Maximus jedoch nahm ihre Hand und führte sie zu einem flachen Stein unter einer riesigen Eiche. Dort setzt er sich hin, den Rücken gegen den Stamm des Baumes gelehnt, die angewinkelten Knie weit auseinander. Sie setzte sich bereitwillig zwischen seine Beine und kuschelte ihren Rücken an seine breite Brust, während ihr Kopf an seiner Schulter ruhte. Maximus Arme umfassten ihren Oberkörper gerade unterhalb ihrer Brust und sie schlang ihre Arme um seine.

Sie schwiegen eine Weile und lauschten den Geräuschen der Nacht: dem Schwappen der Wellen, dem Schreien eines Käuzchens in der Ferne, dem Ächzen des Windes in den Zweigen hoch über ihnen.

Lucilla wandte ihm ihr Gesicht zu. "Du nanntest mich 'Liebling'."

"Ja."

"Warum?"

Maximus zuckte mit den Achseln . "Weil Du das bist."

"Nur sehr wenige Menschen würden mich je so nennen. Einige Leute halten mich für reizbar und manipulierend."

"Nun, die Art, wie Du gestern mit den Prätorianerwachen umgesprungen bist, hat mir eine Kostprobe davon gegeben, aber ich muß zugeben,daß es mir gefallen hat. Mit Sicherheit hast Du sie an ihren Platz verwiesen. Aber zu mir bist Du immer nur lieb gewesen."

"Ich fühle mich so ganz anders, wenn ich mit Dir zusammen bin. Maximus, ich bin so einsam, außer mit Dir. Du wirst immer für mich da sein, nicht wahr?"

"Ja."

"Versprichst Du es?"

"Ja, ich verspreche es." Maximus küßte ihre Nasenspitze, dann hob er mit einem Finger ihr Kinn zu einem weiteren Kuss. Sie überraschte ihn, indem sie ihren Körper drehte, bis eine ihrer Brüste sich an ihn drückte, und sie öffnete ihren Mund ohne Zögern. Diesmal neckte Maximus ihre Zungenspitze mit seiner und war erfreut, als er hörte, daß sie tief Luft holte aber sich ihm nicht entzog. Er vertiefte seinen Kuß bis ihre Zungen sich umeinanderschlungen und zärtlich saugte er ihre in seinen Mund. Lucilla reagierte augenblicklich und es wurde ein Kuß voll wilder Leidenschaft.

Als er begann, sich zurückzuziehen, ergriff Lucilla sein Gesicht mit beiden Händen und forderte, daß der Kuß andauern solle. Während seine Zunge ihren Mund erkundete, glitt seine Hand ihren Rücken hinauf und wanderte um ihre Seite herum, bis sie eine ihrer Brüste umfaßte. Lucilla seufzte und Maximus rutschte unruhig auf dem Stein hin und her. Sein Verstand schickte Warnsignale aus, daß dies zu weit ginge, aber sein Körper weigerte sich, sie zu beachten. Ohne den Kuß zu brechen, zerrte Lucillas Hand verzweifelte am unteren Rand seiner Tunika, dann tauchte sie darunter hindurch, bis ihre Finger die weiche Haut seines Rückens fanden. Er schauderte, als ihre Nägel über sein Fleisch kratzten. Er riss seinen Mund von ihr los, um nach Atem zu ringen. Ihre Lippen wanderten seinen Hals hinab, während seine Hand ihre Brust verließ und ihrereseits nach dem Saum ihrer Tunika tastete.

Plötzlich erstarrte Maximus. Nur kurz hatten seine Augenlider geflattert, das aber hatte ausgereicht, um die Warnung an sein Soldatenhirn zu senden. "Lucilla, hör auf! Hör auf!" flüsterte er scharf. "Wir haben Besucher."

Erschrocken wandte sie sich in seinen Armen um und folgte seinem Blick über den Fluß. Auf dem Wasser erkannte sie etwas Dunkles, das sich mit großer Geschwindigkeit näherte. "Was ist das?"

"Ein Floß." Maximus war bereits damit beschäftigt, seine Kleidung zu richten, aber seine Augen wichen nicht von den dunklen Umrissen auf dem Fluß. "Vier, vielleicht fünf Männer - Angehörige von einem der germanischen Stämme jenseits des Flusses. Sie haben vor, zu spionieren, nehme ich an. Für einen Überfall sind es zu wenige, aber möglicherweise sind sie nur die Vorhut. Sie können uns unter diesem Baum nicht sehen und sie erwarten uns hier nicht, aber wenn sie es tun, dann sind wir in Schwierigkeiten. Lucilla, ich habe nicht genügend Zeit, Dich ins Lager zurückzubringen." Maximus stieß einen wilden Fluch aus, weil er so dumm gewesen war, sie hier her zu bringen. "Leg schnell Deine Rüstung an, hock Dich hinter diesen Felsen und bleib da. Gib keinen Laut von Dir, was auch geschieht. Hast Du mich verstanden? Egal was geschieht."

"Gehst Du Hilfe holen?"

"Dafür ist nicht genügend Zeit. Bis ich mit Verstärkung zurückkäme, könnten die Germanen sonstwo in den Wäldern verschwunden sein und wir würden sie niemals finden. ich muß sie im Auge behalten. Nun tu, was ich Dir gesagt habe und gib keinen Laut von Dir." Maximus schob sie grob von sich weg, hob ihr die Rüstung über den Kopf und zog sie fest, dann drückte er ihr den Helm auf, ohne darauf zu achten, daß die Locken immer noch über ihren Rücken fielen.

Als sie hinter dem Felsen verschwand, hatte Maximus seine eigene Rüstung angelegt, bis auf den Helm, und in der rechten Hand hielt er drohend zwei Schwerter.

Es hatte den Anschein, als ob er in dieser Nacht, in der er auf etwas ganz anderes gehofft hatte, nun endlich den wirklichen Kampf kennenlernen sollte.

 

Kapitel 15 - Der Angriff

Beide Schwerter mit einer Hand umklammernd schwang sich Maximus auf den untersten Ast der Eiche und zog sich hinauf in die Zweige, die bereits junge Blätter hervortrieben. Dann kletterte er schnell höher, bis er eine gute Sicht auf Strand und Wasser unter sich hatte. Noch bevor er entscheiden konnte, was zu tun sei, mußte er auch schon feststellen, mit wem er es zu tun hatte.

Als das Floß näherglitt, konnte er vier Männer zählen, jeder mit einem Schwert bewaffnet aber ohne Schilde. Es schien, daß sie nur leicht bewaffnet waren, um sich leise und schnell durch den Wald bewegen  - und die Wälle des Lagers erklettern zu können. Die Männer waren groß, so kam es Maximus vor. Mindestens von seiner Größe und zwei weit größer. Er wußte, daß er diese Gruppe nur mit einem Überraschungsangriff, der zwei von ihnen augenblicklich tötete, würde überwältigen können.

Als sie sich schnell näherten, versuchte Maximus zu erkennen, welcher Mann der Führer der kleinen Gruppe sein mochte, denn diesen wollte er sich zuerst vornehmen. Zwei Männer ruderten, einer saß still während ein vierter stand und in Richtung der anderen gestikulierte. Das war sein Mann.

Maximus wählte einen kräftigen Ast und schob sich vor, bis er fast an dessen Ende angelangt war, den Körper flach auf das Holz unter sich gepresst, beide Arme frei. Er balancierte ein Schwert in seiner rechten Hand und wartete, bis das Floß in Reichweite war.

Das Geräusch eines durch die Luft fliegenden Schwertes kam zu spät, um die Stammesangehörigen aufmerken zu lassen. Sie hoben ihre Köpfe gerade rechtzeitig, um sehen zu können, wie das funkelnde Metall sich überschlagend brutal in das Herz des stehenden Mannes eindrang. Den Mund in einem stummen Schrei geöffnet, taumelte er platschend vom Floß ins Wasser. Die anderen sprangen auf die Füße und zogen ihre Waffen, aber sie konnten ihren Widersacher nicht sehen. Maximus hörte ihen heftigen Streit, wahrscheinlich versuchten sie zu entscheiden, ob sie an Land gehen und den unsichtbaren Feind stellen oder besser über den Fluß zurückkehren sollten. Zu ihrem Unglück trafen sie die falsche Entscheidung.

Verzweifelt ruderten sie jetzt auf das Ufer zu und sprangen in das noch hüfthohe Wasser. Sie zogen das Floß hinter sich her und schoben es die Uferböschung hinauf, dann standen sie Rücken an Rücken, tropfend, mit gezogenen Schwertern, und spähten nach Maximus mit Augen, Ohren und Nasen. Fast mußte Maximus lächeln. Er bezweifelte, daß sie ihn riechen konnten, aber ganz sicher konnte er sie riechen. In aller Ruhe suchte sich Maximus sein nächstes Opfer aus. Er war nicht der Größte aber er stand gerade richtig für das, was der Soldat Roms als nächstes vorhatte. Leise zog Maximus den Dolch aus seinem Stiefel und schleuderte ihn mit aller Kraft nach unten. Der Mann, der als nächster zu ihm stand, fiel wie ein Stein zu Boden - der Dolch hatte seinen Nacken durchbohrt.

Seine ihm noch verbliebene Waffe in der Hand haltend sprang Maximus hinab auf den Boden, überschlug sich und kam in gebückter Haltung wieder auf die Füße, ein wütendes Knurren entrang sich seiner Kehle. Die beiden noch verbliebenen Männer wirbelten herum und starrten ihm ins Gesicht, der eine grinste hämisch, als er bemerkte, daß der römische Soldat allein war. Diesen griff Maximus zuerst an. Er schwang sein Schwert hoch und ließ es auf den Nacken des Mannes niedersausen. In einer schnellen Bewegung wehrte dieser den Schlag ab und Metall traf auf Metall. Maximus bewegte sich mit blitzartiger Geschwindigkeit, um sein Schwert freizubekommen. Diesmal führte er seinen Hieb aufwärts, aber auch dieser wurde abgewehrt. Während er mit dem einen Mann kämpfte, behielt er den anderen, der versuchte, hinter seinen Rücken zu gelangen, damit sie ihn von beiden Seiten angreifen könnten, aufmerksam im Auge. Maximus schwang das schwere Schwert und bewegte sich ständig hin und her, um beide Männer beobachten zu können. Beide waren gut ausgebildet und Maximus wußte, daß er einen Vorteil nur dann erlangen könnte, wenn einer von ihnen einen Fehler beging.

Für Maximus war es schwierig, im Sand festen Stand zu finden, da er Körper und Schwert von einer Richtung in die andere herumwirbelte, um beide Männer abzuwehren. Nun war er in der Defensive und die beiden anderen schienen im Vorteil. Weiter knurrend und seine Wut hinausbrüllend, hoffte er, seine Gegener zu zermürben, aber sie hielten stand. Um Kraft zu sparen, hielt er sein Schwert einmal mit der einen, dann wieder mit der anderen Hand. Er erkannte, daß sie versuchten, ihn gegen das Wasser hin abzudrängen, wo die Wellen seine Bewegungen behindern würden. Verzweifelt warf er seinen Körper in einer flachen Krümmung auf den einen Mann und hieb brutal auf ihn ein. Mit Genugtuung hörte er den Schrei des Germanen und sah, wie dieser sein Schwert fallen ließ und in offensichtlichem Schmerz seine Wade umklammerte.

Auf dem Bauch liegend packte Maximus das Schwert des verwundeten Mannes und rollte zur Seite, unmittelbar bevor der noch aufrecht stehende Germane sein Schwert an eben der Stelle in den Sand rammte, an der Maximus noch vor wenigen Sekunden gelegen hatte.Augenblicklich war er wieder auf den Beinen und schwang, nun in beiden Händen je ein Schwert haltend, diese drohend hin und her. Zum erstenmal konnte er Unsicherheit auf dem Gesicht des anderen Mannes erkennen. Maximus ging zum Angriff über und trieb den Mann rückwärts ins Wasser. Als der Mann, jetzt von Angst erfüllt, stolperte, kam Maximus über ihn und grub eines der Schwerter in seinen Nacken. Er zog die Klinge, ein gurgelndes Geräusch verursachend, wieder heraus, als der Germane auf seine Knie sank. Seine toten Augen starrten weit offen ins Leere. Mit dem Gesicht nach vorn fiel er in das schwarze Wasser des Flusses.

"Maximus! Hinter Dir!"

Er wirbelte gerade rechtzeitig herum, um zu sehen, wie der verwundete Germane sich mit einem gräßlichen Schrei auf ihn stürzte. Maximus fiel rückwärts ins Wasser mitten auf den toten Mann, eines der Schwerter entfiel seiner Hand und sank schnell zu Boden. Eine Faust prallte gegen seinen Kiefer und ließ Sterne vor seinen Augen tanzen, aber er hielt das zweite Schwert fest umklammert und schlug mit dem Griff hart gegen das Kinn des anderen Mannes. Der Germane stolperte augenblicklich zurück und gab Maximus die Sekunden, die er brauchte, um wieder auf die Beine zu kommen. Aber er stand kaum, als der andere auch schon wieder angriff. Diesmal landeten beide Männer im Wasser und tauchten prustend wieder auf. Zwar hielt Maximus immer noch sein Schwert umklammert, aber im Wasser schien dies eher von Nachteil zu sein, und er ließ es fallen. Statt dessen machte die Nase seines Gegners Bekanntschaft mit Maximus' Faust, einmal, zweimal. Er hörte das knirschende Geräusch, als der Knochen brach und Blut sie beide bespritzte.

Maximus trat nach dem blutenden Mann und warf ihn um, dann sprang er auf dessen Rücken und drückte ihn mit dem Gesicht ins Wasser. Mit einer Hand auf dem Nacken des Mannes nutzte Maximus sein volles Gewicht, um den anderen unter Wasser zu halten, bis dieser aufhörte, um sich zu schlagen und keine Luftblasen mehr aufstiegen.

Erschöpft und benommen stand er im hüfttiefen Wasser und starrte auf die Oberfläche. Hinter sich hörte er Lucilla seinen Namen rufen und endlich drehte er sich um und watete langsam zurück zum Ufer. Augenblicklich umklammerte sie ihn und ließ ihre Hände über alle Teile seines Körpers wandern, die sie nur irgend berühren konnte, um nach möglichen Verwundungen zu suchen.

"Ich bin in Ordnung. Ich bin nicht nicht verletzt."

Bei diesen beruhigenden Worten fing Lucilla zu weinen an und Maximus drückte sie vorsichtig an seinen nassen Körper, die kalte Rüstung zwischen ihnen. Er erkannte, daß es für sie offensichtlich ebenso schwer gewesen war, mit anzusehen, was am Ufer vor sich ging, wie für ihn, unmittelbar daran teilzunehmen. Aber ... in dieser Nacht hatte er getötet. Er hatte Männer getötet.

Er hatte Menschen getötet.

Während der Ausbildung fragt sich ein junger Soldat manchmal, ob er dies einem anderen Menschen wirklich antun könnte, aber Maximus hatte diese Hürde genommen. Er wußte jetzt, daß er, wenn nötig, andere Männer töten könnte. Lucilla weinte jetzt still vor sich hin. "Ich habe niemals etwas so Schreckliches gesehen - oder so Wundervolles. Maximus, Du warst erstaunlich."

"Nun, im Moment ist mir nur kalt und ich bin müde. Ich muß Dich ins Lager zurückbringen und dann den Zwischenfall melden. Gut, daß der Wind diese Nacht von Süden weht, sonst hätte das halbe Lager den Kampf gehört und wäre inzwischen hier."

Lucilla benutzte ihren Ärmel, um zärtlich das Blut aus seinem Gesicht zu wischen, und bevor sie seinen Arm nahm und den Weg zurück ging, küsste sie seine Lippen.

"Einen Moment. Steck Dein Haar unter den Helm. Denk d'ran, Du bist jetzt wieder Petronius!"

Maximus lachte. "Der Arme. Er wird sich fragen, wo in aller Welt wir geblieben sind."

Als Lucilla sich mit ihrem Haar beschäftigte, sagte Maximus: "Wenn ich den Wachen am Tor sage, was passiert ist, wird es ein großes Durcheinander geben. Wenn es so weit ist, geh durch das Tor hinein und tausche so schnell wie möglich mit Petronius die Plätze. Erklär ihm kurz, was geschehen ist und sag ihm, daß er für weitere Anweisungen sofort zu mir kommen solle. Bis dahin soll er den Mund halten. Ist das klar?"

"Vollkommen klar, Herr." Gehorsam verbeugte Lucilla sich leicht.

"Sei nicht sarkastisch," murmelte Maximus, während er eine widerspenstige Locke unter den Helm schob. Er küsste sie schnell, dann zog er sie den Weg entlang hinter sich her. Am Tor geschah alles exakt, wie Maximus es vorhergesagt hatte und Lucilla nahm den kürzesten Weg zu ihrem Zelt, ihr Herz schlug vor Aufregung und Liebe zu dem jungen Soldaten, der ihr Herz so vollkommen erobert hatte.

 

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