Kapitel 16 - Die Beförderung

Am nächsten Tag berichtete Maximus die ganze Geschichte dem General, den Tribunen, Zenturionen und Senatoren, sorgfältig darauf bedacht zu betonen, daß Petronius in dem Kampf keine Rolle gespielt habe... und das hatte er wirklich nicht, also war dies keine Lüge. Maximus wußte, daß, befragte man ihn jemals direkt über die Anwesenheit des Jungen am Flußufer, er die volle Wahrheit sagen würde. Daher war er sehr erleichtert, als dies nicht geschah. Maximus fühlte sich nie wohl, wenn er lügen mußte. General Patroclus klopfte Maximus auf die Schulter, nachdem dieser seine Geschichte beendet hatte, und sagte. "Ich bin wirklich nicht sicher, ob es klug von Dir war, letzte Nacht dort draußen zu sein, aber, wie es sich herausgestellt hat, ist es gut, daß Du es warst. Dein Mut  und Dein Können sind lobenswert, Maximus. Ich bezweifle, daß es irgendeinen anderen jungen Soldaten ohne jede Kampferfahrung gibt, der geleistet hätte, was Du getan hast."

"Danke, Herr."

"Vier Männer tot and schau Dich an ... kaum ein Kratzer." Die Würdenträger lachten anerkennend. Die Hand immer noch auf Maximus Schulter, wandte sich der General um und blickte auf die versammelten Römer. "Ich bin sicher, sie wissen alle, daß, wenn Maximus einmal den Rang eines Zenturio erreicht haben wird, den höchsten Rang, der ihm offen steht," der General blickte Maximus mit einem Lächeln an, "einen Rang, den ich ihm hiermit zuerkenne...,"Patroclus wartete, bis der Applaus sich gelegt hatte und die Farbe wieder in Maximus' erschrockenes Gesicht zurückgekehrt war, " eine weitere Beförderung für ihn dann nicht mehr möglich sein wird. Zenturio Darius hat mich vor einiger Zeit wegen dieser Angelegenheit angesprochen, und wir haben beide darin übereingestimmt, daß diesbezüglich etwas unternommen werden muß. Nun scheint mir der geeignete Zeitpunkt zu sein, da so viele Senatoren hier anwesend sind. Ich möchte sie bitten, daß einer von Ihnen sich bereit erklärt, den jungen Maximus hier zu adoptieren," ... Maximus hielt den Atem an...,"damit er in der Armee weiter aufsteigen kann bis in den höchsten Rang, den zu erreichen er in der Lage sein wird. Die Armee, meine Herren, braucht Männer wie ihn. Wenn in einigen Tagen die Kaiser hier eintreffen, dann werde ich sie bitten, die Adoption zu bestätigen und einer von Ihnen, meine Herren Senatoren, wird die große Ehre haben, Maximus seinen Adoptivsohn nennen zu dürfen." Etliche Hände flogen in die Luft und einige Senatoren begannen, sich freundschaftlich um den jungen Soldaten zu streiten. Wieder brandete Gelächter auf und Maximus errötete heftig, unsicher, was all dies zu bedeuten habe.

Er war zutiefst erleichtert, als er sich endlich setzen durfte und ihm ein Becher Wein in die Hand gedrückt wurde. Er stürzte ihn in einem Zug hinunter. Man nahm diesen weg und ersetzte ihn durch einen anderen. Auch der war bereits auf dem Weg zu Maximus Lippen, als Darius seine Hand aufhielt.

"Du hast wohl vor, Dich zu betrinken?"

Maximus blinzelte ihn nur an. Darius lachte. "Was hast Du denn gedacht, daß Patroclus tun würde? Du hast ganz allein einen feindlichen Kundschaftertrupp aufgehalten. Natürlich mußt Du belohnt werden. Weißt Du, daß es Männer gibt, die zehn Jahre und länger in der Armee sind, bevor sie jemals einen echten Kampf zu sehen bekomen, und Du nimmst es allein mit vier Männern auf." Darius warf ihm von der Seite einen Blick zu. "Oder hat Petronius Dir geholfen?"

"Petronius hat nicht mal das Schwert gehoben. Das sagte ich bereits."

Darius schaute Maximus in die Augen und der junge Mann wendete schnell den Blick ab. "Mit wem warst Du letzte Nacht dort draußen?"

Maximus schwieg.

"Was Du mir jetzt sagst, wird niemals über meine Lippen kommen, Maximus. Ich schwöre es."

"Es war Lucilla," flüsterte Maximus.

Darius seufzte. "Ich habe befürchtet, daß Du das sagst. Was habt Ihr beide da draußen gemacht... nein, sag es mir lieber nicht! Ich will es gar nicht wissen." Darius seufzte wieder. "Sie ist eine Schönheit, Maximus, und es ist sehr leicht, sich in sie zu verlieben, das kann ich mir vorstellen. Aber sie ist nicht für Dich, Junge. Nicht mal, nachdem Du adoptiert worden bist..."

"War das Deine Idee?"

"Ja."

"Warum hast Du mir nichts davon gesagt?"

"Weil ich nicht sicher war, ob es funktionieren würde. Und es mag immer noch nicht ..."

"Was bedeutet das?"

"Es bedeutet, daß Du den Namen einer Familie aus der Senatoren Klasse annehmen wirst."

"Ich möchte meinen eigenen Namen behalten."

"Nun, ich denke, darüber könnte man reden... und Du wirst alle Rechte und Privilegien dieser Klasse haben. Es bedeutet, daß Du eines Tages General werden könntest, Maximus. Du wirst nicht bei dieser Familie leben oder etwas der gleichen, aber sie dürfen mit Dir angeben." Darius lächelte. "Es ist wirklich nur ein Stück Papier, unterzeichnet vom Kaiser, und ... schwupps ... bist Du ein hochgeborener Herr." Darius machte eine Pause und räusperte sich. "So stolz ich darauf bin, Dich im Rang eines Zenturio zu sehen, ich kann Dir gar nicht sagen, wie sehr ich Dich in meiner Zenturie vermissen werde."

Maximus lächelte und drückte die Hand seines Freundes. "So schnell wirst Du mich nicht los- werden. Ich werde ständig ankommen und Unmengen von Fragen haben. Außerdem, wo finde ich einen anderen Mann, der so leicht beim Würfeln zu schlagen ist?"

Darius räusperte sich wieder. "Trink aus, Junge. Heute ist eine gute Nacht, um sich zu betrinken!"

Kapitel 17 - Der Kater

Maximus war am Ertrinken. Wasser schwappte über seinen Kopf und, ganz gleich wie sehr er versuchte, an die Oberfläche zu gelangen, Wellen drangen in seinen Mund ein und Hände griffen nach seinen Füßen, um ihn nach unten zu ziehen. Er konnte hören wie Lucilla in der Ferne seinen Namen rief. Hustend und spuckend griff Maximus nach irgendetwas, um sich festzuhalten, und er tauchte auf mit einer Hand voll von Pelz. Uch?

Seine Augenlieder öffneten sich kurz, aber nur, um sich sofort wieder zu schließen, als er eine riesige, rosa Zunge direkt auf sich zukommen sah. Mit einem Ruck drehte er den Kopf weg, stöhnte aber qualvoll auf, als Glasscherben durch sein Gehirn schossen.

Lucilla lachte. "Das geschieht Dir recht, Liebster. Wieviel Wein hast Du nur getrunken? Seit einer Stunde habe ich ohne Erfolg versucht, Dich aufzuwecken, da blieb mir nichts übrig, als Hercules um Hilfe zu bitten. Wir sind beide sehr in Sorge um Dich."

"Ich sterbe", stöhnte Maximus.

"Nein, das tust Du  nicht. Oh, Du fühlst Dich vielleicht so, aber ich versichere Dir, daß Du nicht stirbst, ebenso wenig wie Dein Freund dort, obwohl es ganz danach klingt."

Zum erstenmal wurde sich Maximus des furchtbaren Gewichtes bewußt, das er quer über seinen Beinen spürte, und eines ziemlich lauten Schnarchens ebenfalls aus der Richtung seiner Beine. "Darius?" fragte er, wagte jedoch nicht, seinen Kopf zu heben.

"Ein großer Mann mit Narben im Gesicht?"

"Ja, das ist er."

"Sieht aus,als hätte er noch mehr als Du getrunken." Lucilla überblickte den Raum und bemerkte noch einige andere Soldaten so wie etliche Senatoren in der gleichen Verfassung. "Hier muß wohl eine Feier stattgefunden haben." Ihre Hand strich sein zerzaustes Haar glatt und sie küsste ihn auf die Stirn. "Du siehst fürchterlich aus."

"Ich kann kaum schlimmer aussehen als ich mich fühle."

Lucilla lachte abermals und streichelte sein Haar. "Da wäre ich nicht so sicher." Dann wurde sie sehr ernst. "Ich gratuliere Dir, Maximus. Die Neuigkeiten von Deinem Heldenmut und Deiner Beförderung haben sich überall im Lager verbreitet. Commodus stirbt vor Begierde, mit Dir über den Kampf der vergangenen Nacht sprechen zu können. Ich, äh, habe ihm versprochen, daß wir heute alle gemeinsam einen Ausritt machen."

Maximus stöhnte nur.

"Möglicherweise später. Ich habe auch gehört, daß Du von einem der Senatoren adoptiert werden sollst und daß es da bereits etliche Freiwillige geben soll. Maximus, ist Dir klar, daß sich Dir damit eine ganze Welt von Möglichkeiten eröffnet? Du könntest ein politischer Führer werden, ebenso ein militärischer. Kein Weg wäre Dir mehr versperrt."

Maximus' blutunterlaufene Augen suchten die ihren. "Keiner?"

Nach einem Augenblick des Zögerns entgegnete Lucilla: "Keiner."

"Nun, heute Morgen sieht er nicht gerade wie ein Held aus, nicht wahr?"

Lucilla hielt den Atem an und erhob sich schnell. Commodus. Wie viel hatte er mitgehört?

Der Knabe schlenderte zu dem liegenden Mann hinüber und schaute mit einem leicht höhnischen Grinsen auf ihn herab. "Ich denke, daß es für einen Soldaten üblich ist, sich vor dem künftigen römischen Kaiser zu erheben."

"Vergib mir, Hoheit, aber wenn ich das tue, dann - fürchte ich - wird sich der gesamte Inhalt meines Magens über den künftigen römischen Kaiser ergießen."

Commodus lachte, sehr zu Lucillas Erleichterung. "Ich mag Dich, Maximus. Halte Dich für einen Ausritt nach dem Mittagsmahl bereit. Lucilla hat es versprochen."

"Ja, Hoheit."

Commodus warf noch einen Blick auf seine Schwester und stieß den Hund mit dem Knie grob zur Seite, bevor er weg stolzierte.

Hercules knurrte.

"Kleiner Mistkerl," bemerkte Maximus.

"Er ist sehr einsam. Meine Mutter liebt ihn abgöttisch, aber ihr Interesse an ihm ist  nicht gesund. Er sehnt sich nach Aufmerksamkeit und Bestätigung von meinem Vater, aber der scheint keine Zeit für Commodus zu haben. Ich bin die einzige, die er hat. Wirklich."

"Du mußt Dein eigenes Leben leben."

Lucilla hockte sich wieder neben ihn. "Mein Leben ist bestimmt durch meine Stellung als Tochter eines Kaisers. Alles, was ich tue, wird davon beherrscht. Wenn Commodus eines Tages Kaiser sein wird, dann muß ich alles nur mögliche tun, um sicher zu stellen, daß er ein guter Herrscher wird. Er braucht ein Vorbild, Maximus, und Du wärst dafür ideal. Er muß einen Mann um sich haben, der tapfer und stark ist, aber gleichzeitig freundlich und mitfühlend. Einen Mann mit Prinzipien. Commodus scheint sich nicht bewußt zu sein, daß ein Mann all dies in sich vereinen kann."

"Du tust mir zu viel Ehre an."

"Nein, das tu ich nicht. Du bist all dies und noch viel mehr. Du bist wundervoll." Lucilla kicherte. "Aber nun mußt Du noch etwas schlafen und ich werde unseren Nachmittagsausritt vorbereiten. Diesmal wird uns eine Abteilung Prätorianer begleiten und Du wirst Dich nicht darum sorgen müssen, einen Angriff abzuwehren."

"Wir werden wieder nach draußen gehen?"

"Natürlich. Hier drinnen gibt es nichts zu sehen als Zelte, Reihe um Reihe."

Maximus stöhnte wieder und Hercules leckte ihm mitleidig die Hand. "Er ist ein treuer Freund, nicht wahr?" bemerkte Lucilla, als Maximus den Hund mit einer Hand hinter den Ohren kraulte. Die andere lag auf seinem revoltierenden Magen.

"Der beste."

Lucilla lächelte. "Ruh Dich noch etwas aus. Wir sehen uns später, Zenturio."

Kapitel 18 - Commodus

Zwei Stunden nach Mittag verließen Maximus, Commodus und Lucilla das Lager durch das Haupttor zu Pferde, gefolgt von zehn schwer bewaffneten Prätorianerwachen. Normalerweise hätte Maximus diese Störung zurückgewiesen, aber nach dem Abenteuer,  das er vor zwei Nächten erlebt hatte und beim Zustand seines Kopfes und Magens, war er dankbar dafür. Wie gewöhnlich trug er sein Schwert an der Hüfte, aber er beabsichtigte nicht, es auch zu gebrauchen.

Hercules versuchte, ihnen durch das Tor zu folgen, aber Maximus befahl ihm, zurückzubleiben, denn er wußte nur zu gut, daß der Hund nicht würde Schritt halten können. Und diesmal fühlte sich Maximus nicht in der Lage, das Tier zu tragen. Erstaunlich genug tat er, wie ihm befohlen war, und äußerte seinen Protest lediglich durch ein kurzes Bellen und Winseln.

Lucilla lenkte ihr Pferd hinter ihren Bruder und Maximus, um so den beiden Männern Gelegenheit zu geben, einander kennenzulernen. Sie wußte, daß Maximus nicht viel von Commodus hielt, aber es lag ihr viel daran, daß die beiden Freunde würden. Die Dinge wären so viel einfacher mit Commodus auf ihrer Seite, wenn es erstmal um Maximus' Rolle in ihrem zukünftigen Leben ginge.

"Du magst diesen Hund, nicht wahr?" stellte Commodus fest.

"Ich war in Deinem Alter, als ich in die Legion eintrat, Hoheit, und ich hatte wenig Freunde. Hercules hat mir in vielerlei Hinsicht geholfen, aber was am wichtigsten ist: er ist immer da, wenn ich jemanden zum Reden brauche oder einfach nur, um gemeinsam still dazusitzen. Früher machten wir lange gemeinsame Spaziergänge oder gingen schwimmen, aber nun ist er dafür zu alt."

"Du sprichst von dem Hund als ob er ein Mensch sei."

"Für mich ist er das, Hoheit,. Hast Du nie einen Hund gehabt?"

Commodus schnaubte verächtlich. "Ein Hund im kaiserlichen Palast? Das hätte man nie erlaubt."

"Das ist schade. Eine wunderbare Art, ein Kind Mitgefühl zu lehren, ist, ihm ein Tier zu schenken, für das es verantwortlich ist."

Commodus versteifte sich. "Willst Du damit sagen, daß es mir an Mitgefühl mangelt, Maximus?"

"Nein, Herr, keineswegs. So habe ich es nicht gemeint." Maximus war einen Augenblick still. "Haben vielleicht einige Deiner Freunde einen Hund?"

"Welche Freunde?"

"Du hast doch sicherlich Freunde... die Söhne der Senatoren vielleicht."

"Nein."

"Vergib mir, Hoheit, aber wie machst Du es, Dich zu unterhalten?"

"Ich habe Unterricht in Geschichte, Lesen und Schreiben. Ich studiere Politik."

"Ich meine, wenn Du nur Spaß haben willst. Was tust Du einfach zum Vergnügen?"

"Ich besuche mit meiner Muter die Spiele."

"Die Spiele in der Arena?"

"Ja. Hast Du jemals Gladiatoren kämpfen sehen, Maximus?"

"Nein Hoheit. Ich bin nie in Rom gewesen."

"Ich denke, daß Spiele im gesamten Reich stattfinden. Beinahe jede Stadt hat ihre Arena aber die größte befindet sich natürlich in Rom."

Maximus war froh, Commodus über etwas reden zu lassen, das ihn interessierte. "Wer sind diese Gladiatoren?"

"Zum größten Teil Sklaven. Kriegsgefangene. Doch manchmal gehen sogar Adlige in die Arena, um ihre Kraft zu erproben und ihren Mut, und auch ich habe vor, dies eines Tages zu tun. Es gibt sogar Kämpfe gegen wilde Tiere wie Löwen und Tiger."

"Das klingt ziemlich gefährlich."

"Gefährlich?" fragte Commodus ungläubig. "Es ist tötlich. Die Kämpfe gehen auf Leben und Tod."

"Menschen werden zum Vergnügen getötet?"

"Warum bis Du so erstaunt? Du hast in der letzten Nacht vier Männer getötet."

"Das war nicht zum Vergnügen, Hoheit..."

"Was macht das für einen Unterschied? Töten ist töten. Es ist aufregend, egal wer oder was stirbt."

"Der Kaiserin gefallen diese Spiele?"

Commodus lachte."Ihr gefällt noch mehr als nur die Spiele, Maximus."

"Was meinst Du damit?"

 

"Nun, ich will damit nur sagen, sie hat ihre Lieblingsgladiatoren und die machen sie sehr glücklich, wenn Vater nicht da ist."

Maximus war schockiert. Er drehte sich leicht im Sattel um und schaute nach Lucilla. Diese jedoch wandte sich augenblicklich ab und schien plötzlich großes Interesse an den Frühlingsblumen am Wegrand zu entwickeln.

Commodus fuhr fort: "Die mutigsten Gladiatoren werden vom Volk geliebt. Ja, geradezu abgöttisch verehrt."

"Das schiene mir allerdings eine sehr oberflächliche Liebe zu sein."

"Liebe ist Liebe, ganz gleich, wie Du sie bekommst."

Maximus war über den Zynismus dieses Jungen erstaunt und er konnte nun Lucillas Sorge um ihn vollkommen verstehen. Aber war er ein passendes Vorbild für diesen jungen Mann? Es schien, daß er sich Commodus' Respekt allein durch die Tatsache erworben hatte, Menschen getötet zu haben. Seine Befürchtungen wurden durch die folgende Bemerkung des Knaben bestätigt.

"Ich wünschte, ich wäre dabeigewesen, um mitanzusehen, wie Du diese Germanen abgeschlachtet hast, Maximus. Ah, Du kannst Dich glücklich schätzen, einen Mann getötet zu haben."

"Es hat mir kein Vergnügen bereitet, Hoheit."

Commodus lachte. "Dann muß ich Dir wohl noch beibringen, daß auch Töten ein Vergnügen sein kann, Maximus ... daß das Leben aus einem lebendigen Körper herauszupressen ...nun, daß es einfach großen Spaß macht."

Der Zug ritt eine Weile schweigend dahin, weil Maximus nichts mehr einfiel, das er dem Knaben hätte sagen können. Lucilla machte gelegentliche Bemerkungen über die Schönheit der Landschaft, aber Maximus verspürte nicht einmal Lust, auf diese einzugehen. Die Haltung des Jungen ihm gegenüber beunruhigte ihn zutiefst. Eines Tages würde Commodus Kaiser sein.

"Du magst meine Schwester, nicht wahr?"

Die Frage brachte Maximus unsanft in die Wirklichkeit zurück. "Ja, Hoheit, das tue ich", sagte er vorsichtig.

"Und sie mag Dich. Das kann ich sagen."

"Ja, ich denke, daß sie das tut."

"Lucilla liebt mich, Maximus, und ich glaube nicht, daß es möglich ist, zwei Männer gleichzeitig zu lieben."

"Aber gewiß ist die Liebe einer Frau zu ihrem Bruder eine andere..."

"Du hast gehört, was ich gesagt habe", erwiderte Commodus scharf. "Versuche nicht, mir etwas wegzunehmen, das ich liebe."

Die Drohung war unmißverständlich. "Natürlich nicht, Hoheit."

Den Rest des Weges ritten sie in Schweigen, und ein Frösteln, das nicht vom Wetter herrührte, ließ Maximus sehr aufrecht im Sattel sitzen.

Kapitel 19 - Rache

Lucilla lag auf ihrem Bett, die Knie hochgezogen bis unter die Brust. Den ganzen Morgen über hatte Commodus ihr wegen Maximus in den Ohren gelegen, bis sie das Gefühl hatte, sie könnte nur noch schreien. Seine Worte und sein Ton waren voller Anklage und als sie schließlich ihre Liebe zu dem Soldaten eingestand, hörte Commodus ihren Beteuerungen, daß sie sie beide gleichzeitig lieben könne, nicht einmal zu.

Als er endlich aus dem Raum stürmte, entließ sie ihre Hofdame, rollte sich zusammen und weinte. Sie sehnte sich danach, daß Maximus sie in seine starken Arme nähme und sie tröstete. Aber am vergangenen Abend hatte er sie gemieden und auch am Morgen war er nicht gekommen, obwohl seine neue Stellung als Zenturio ihm freien Zugang zum Prätorium gewährte. Sie verstand, daß seine neuen Aufgaben ihn voll beanspruchten, aber wußte er nicht, wie sehr sie ihn brauchte?

Ein heißes Bad brachte ihr nur wenig Erleichterung und sie kehrte noch immer aufgeregt zu ihrem Bett zurück. Sie wies die Abendmahlzeit zurück und lag einfach da, starrte auf die durchscheinenden Seidenvorhänge ihres Bettes. Jede noch so leichte Bewegung des Stoffes schien seine Gegenwart anzukündigen. Schließlich sandte sie Maximus eine Botschaft und forderte ihn auf, unverzüglich zu ihr zu kommen. Kurze Zeit später stand er im Eingang.

"Du hast nach mir geschickt?" Seine Haltung und sein Ton waren äußerst förmlich.

"Maximus, komm her ... bitte." Lucilla streckte ihm die Hand entgegen und lockte ihn hinter die Vorhänge an die Seite ihres Bettes. Er blieb stehen, ganz offensichtlich fühlte er sich unwohl in dieser intimen Umgebung, in der doch so viele andere Personen ganz nahe waren. Er schaute immer noch auf den Eingang und Lucilla wußte warum. "Du siehst heute Nacht sehr gut aus. Ich mag es, wenn Du die Lederrüstung trägst. Sie ist so viel ... freundlicher ... als die aus Stahl. Liebster, bitte setz Dich."

"Das ist nicht der richtige Ort, Lucilla."

"Dies sind meine privaten Gemächer ..."

"Und jederzeit könnte Dein Bruder hier einfallen."

"Fürchtest Du meinen Bruder, Maximus?" fragte Lucilla ungläubig.

"Dein Bruder hat die Macht, mir das Leben schwer zu machen, oder noch schlimmeres. Ich möchte mir Deinen Bruder nicht zum Feind machen."

"Ich liebe Dich."

Maximus starrte lange Zeit auf den Eingang, dann sagte er ruhig: "Ich liebe Dich auch."

Ein Schluchzen rang sich aus Lucillas Kehle und sie erhob sich auf ihre Knie, schlang ihre Arme um seine Taille und presste ihr Gesicht an seine Brust. "Dann können wir uns gemeinsam etwas einfallen lassen, Maximus. Wir werden einen Weg finden, zusammen zu bleiben."

"Ich möchte bei Dir sein als Dein Ehemann."

"Dann, dann wirst Du das sein, Liebster. Du wirst es sein. Aber verlaß mich bitte nicht."

Maximus betrachtete ihr schönes, Tränen überströmtes Gesicht, dann setzte er sich auf ihre Bettkante und nahm sie in seine Arme. Er küßte ihre Augen, dann ihren Mund, als sie in seinem Schoß lag und seinen Körper eng umschlungen hielt, ihn so fest haltend wie sie nur konnte.

Ein plötzlicher kühler Luftzug bewegte die leichten Bettvorhänge, aber keiner der beiden Liebenden bemerkte es, so sehr waren sie miteinander beschäftigt.

Lucillas Hände über Maximus' Rücken, hinab zu seinen Hüften und sie presste sich an ihn. Er hob sie empor als sei sie aus zerbrechlichem Glas und legte sie auf ihrem Rücken auf das Bett, dann bedeckte er ihren Körper mit dem seinen. Ihre langen Beine umschlangen augenblicklich seine Hüften. Maximus war verloren und er wußte es. Er schob seine Hände unter sie und seine Hüften barg er tief in den ihren. Sie stöhnte vor purer Lust. Seine Hände tasteten unter ihr Gewand, während er ihren Mund mit seinen Lippen verschlang.

"Leg Deinen Brustharnisch ab, Liebster", gelang es Lucilla unter leisen Lachen hervorzubringen. "Er bringt mich um."

Maximus erhob sich im Bett auf die Knie, entledigte sich schnell des schweren Leders und schleuderte die Rüstung schwungvoll in eine Ecke, wo sie mit einem Plumps zu Boden viel. Lucilla lag auf ihrem Rücken, während Maximus - auf seine Hände gestützt - über ihr kniete und in die unter halb geschlossenen Lidern verborgenen grünen Augen hinabstarrte. "Bist Du sicher?"

Kaum hatten die Worte seinen Mund verlassen, als von jenseits des Eingangs ein schmerzerfülltes Jaulen und Winseln an sein Ohr drang. Hercules? Maximus sprang aus dem Bett und achtete nicht auf Lucillas flehentliche Bitten, das Geräusch einfach zu ignorieren. Er rannte aus dem Zelt und kopfüber stolperte er über eine am Boden liegende Gestalt. Niederknieend schaute Maximus mit blankem Entsetzen  auf den blutigen, bewegungslos daliegenden Körper des Hundes. Er kroch zu dem Tier hin und nahm dessen großen Kopf in seine Hände. "Hercules?" und das Wort glich mehr einem erstickten Stöhnen. Rotes Blut tropfte von seinen Händen aus einer tiefen Wunde am Hals des Hundes und seine leblosen braunen Augen starrten hinauf zu Maximus. Er wollte einfach nicht glauben, was er doch mit Sicherheit wußte. Maximus fühlte nach dem Herzschlag des Hundes und fand nur weitere Wunden ... tiefe Stichwunden. Jede einzelne hätte ausgereicht, den Hund zu töten. In seinem Schmerz vergrub er das Gesicht im Fell des Tieres und versuchte, sein Weinen zu unterdrücken. Er hob nicht mal den Kopf, als er Lucillas Schritte hörte und ihren unterdrückten Schrei.

Endlich hob er den Kopf, Tränen strömten über sein Gesicht. "Dein Bruder", presste er mit gefährlich leiser Stimme hervor.

Lucillas Gesicht war kreidebleich und die Hand flog zu ihrem Mund. "Nein, das würde er nicht ...", wollte sie widersprechen.

"Dein Bruder!" schrie Maximus in seinem Zorn. Inzwischen hatte sich eine Gruppe um sie gesammelt, viele brachten ihr Entsetzen über die Tat zum Ausdruck. "Aus dem Weg", knurrte Maximus, als er den leblosen Körper auf seine Arme nahm und zum Ausgang ging, eine Spur frischen, roten Blutes tropfte von seinen Händen auf den Boden hinter ihm.

Lucilla konnte ihm nur nachstarren, wie angewurzelt vor Schreck, Trauer und Schmerz. Würde ihr Bruder wirklich so etwas furchtbares tun? Wie weit würde er gehen, um ihre Liebe zu zerstören? Und war Maximus in Gefahr, ein ebensolches Ende zu finden?

Kapitel 20 - Lügen

Am nächsten Tag weigerte sich Maximus, Lucillas Aufforderung, in das Prätorium zu kommen, zu folgen. Sie sehnte sich danach, mit ihm sprechen ...bei ihm sein ... zu können. Also nahm sie seinen Brustharnisch, verließ das Prätorium und befahl den Prätorianerwachen, ihr nicht zu folgen. Sie taten, wie ihnen geheißen, aber Lucilla sah ihr verhaltenes Grinsen, als sie bemerkten, was sie bei sich trug. Unerschrocken lief sie zwischen den Zeltreihen entlang, obwohl sie nicht wußte, wo sie Maximus überhaupt suchen sollte. Sie achtete nicht auf die Blicke der anderen und hielt den ersten Mann, den sie kannte - Darius - an, um ihn um Hilfe zu bitten.

"Bitte, gnädiges Fräulein, gib mir den Harnisch." Lucilla drückte diesen jedoch fest an sich. "Bitte, es würde einen besseren Eindruck machen, wenn ich ihn trüge, mein Fräulein." Widerstrebend gab sie den Harnisch her. "Danke, mein Fräulein. Ich werde Dich zu ihm bringen. Er müßte eben fertig sein, seine Männer auf Herz und Nieren zu prüfen und wird wahrscheinlich zurück in seinem Zelt sein. Bitte folge mir."

Lucilla hatte heute besonderen Wert auf ihre äußere Erscheinung gelegt, aber sie achtete nur wenig auf die bewundernden Blicke, die sie auf sich zog, während sie Darius durch die Reihen makellos weißer Zelte folgte.

"Hier, gnädiges Fräulein. Dies ist seine Unterkunft. Warte hier und ich werde ihn zu Dir bringen."

"Nein, ich gehe selber hinein", sagte Lucilla und nahm Darius den Harnisch wieder ab. "Danke, Soldat."

"Wie Du wünscht, mein Fräulein." Darius war dabei, sich abzuwenden. "Mein Fräulein, er ist immer noch sehr verletzt. Er wird es nicht zeigen, aber es ist so."

"Danke, Darius. Ich verstehe."

Lucilla schlug die Öffnung des Zeltes zurück und betrat das dunkle Innere. Sie rief seinen Namen noch bevor sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Sie wußte, daß er da war ... sie konnte es fühlen ... aber er antwortete nicht. "Ich bringe Deine Rüstung zurück. Ich dachte, Du brauchst sie vielleicht."

"Leg sie einfach auf den Boden."

Sie konnte ihn immer noch nicht sehen. "Maximus, ich bin erschüttert über das, was passiert ist."

Keine Antwort.

"Maximus, ich liebe Dich. Ich möchte mit Dir zusammen sein. Ich muß mit Dir zusammen sein."

Endlich trat Maximus aus dem Schatten in das Licht der Lampe. "Dein Bruder wird es nie erlauben. Er wird vor nichts Halt machen, um mich zu zerstören oder alles, was ich liebe, um uns auseinander zu bringen."

"Ich habe darüber nachgedacht. Maximus, er muß nie davon erfahren." Lucilla fuhr eilig fort:"Du kannst der Prätorianergarde beitreten und mit mir nach Rom zurückkehren. Sie sind die Elitetruppe des gesamten Reiches und sie haben große politische wie auch militärische Macht." Sie ergriff seine Unterarme und flehte:"Vielleicht können wir nicht als Mann und Frau zusammen leben, aber wir können zusammen sein, mein Liebster."

Maximus wurde totenstill. "Du willst, daß ich Dein Liebhaber werde?" stieß er voll Verachtung hervor.

"Ja, das ginge, Maximus. Viele hochgeborene römische Frauen haben Geliebte, ebenso wie ihre Männer. Wir würden häufig zusammen sein und Du müßtest Dein Leben nicht im Krieg auf's Spiel setzen. Du wärst in Sicherheit. Wir wären zusammen. Ich ... ich müßte überhaupt nicht heiraten. Ich bin sicher, ich könnte meinen Vater überzeugen, mich nicht zu verheiraten. Wir könnten immer zusammen sein ..."

"Nein, Lucilla."

"Oh Maximus, warum nicht?"

"Weil dies nicht das Leben ist, das ich führen will."

"Was willst Du denn?"

"Ich möchte, daß die Frau, die ich liebe, an meiner Seite steht und ich möchte diese Liebe frei bekennen dürfen. Ich möchte keine Liebe, die ich aus Angst vor Repressalien verstecken muß."

"Genügt es nicht, daß ich Dir meine Liebe erkläre?"

"Nein."

"Maximus ..."

"Lucilla, ich ... ich liebe Dich nicht. Ich glaubte, Dich zu lieben, aber es ist nicht so. Ich war durch Deine Schönheit geblendet ..."

"Lucilla hielt deutlich vernehmbar den Atem an und wich zurück als ob er sie geschlagen hätte. "Du lügst!"

"Nein ..."

"Laß mich Dein Gesicht sehen." Sie griff nach seinem Kinn. "Schau mich an, Maximus! Sieh mir in die Augen und sag mir, daß Du mich nicht liebst."

Maximus zögerte nur einen Moment, bevor er mit Überzeugung sagte: "Ich liebe Dich nicht."

Er war von Lucillas Reaktion entsetzt. Sie lachte und nahm sein Gesicht zärtlich in beide Hände.

"Ihr Soldaten. Man lehrt euch, so ehrlich zu sein, nicht wahr?" Ihre Züge wurden hart und ihr Griff fester. "Du lügst, Maximus." In ihrer Verzweiflung schüttelte sie ihn, bis er sich aus ihrem Griff befreien konnte und sich abwandte.

"Ich bin sehr müde, Lucilla. Ich habe gehört, daß Dein Vater morgen hier eintreffen wird, und der Schaukampf wird einen Tag später stattfinden. Bis dahin habe ich mit meinen Männern noch viel Arbeit vor mir, da ich sie noch nicht gut genug kenne und sie noch nicht an meinen Stil gewöhnt sind."

"Du entläßt mich?"

Maximus gab keine Antwort.

Lucilla schäumte vor Wut. "Was denkst Du, wer ich bin, Soldat ... eines von Deinen kleinen Dorfflittchen!?"

Tränen schossen ihr in die Augen und ein Schluchzen stieg in ihrer Brust auf. Sie würde ihm niemals mehr die Genugtuung geben, sie weinen zu sehen. Sie wirbelte herum und versetzte seinem Lederharnisch einen festen Tritt, bevor sie aus dem Zelt flog.

Eine Weile stand Maximus wie erstarrt. Endlich hob er langsam die Hand und massierte die verspannten Muskeln seines Nackens, dann schloß er die Augen. Bis auf diesen nagenden Schmerz war sein Körper wie betäubt.

Darius steckte seinen Kopf in die Zeltöffnung. "Alles in Ordnung?"

Maximus knurrte nur.

"Schon gut, schon gut", sagte Darius, als er sich aus dem Eingang zurückzog und resignierend die Hände hob. Er entschied ... und das war eine kluge Entscheidung ..., daß dies nicht der rechte Zeitpunkt sei um zu bemerken 'Das habe ich Dir immer gesagt'.


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