Kapitel 26 - 172 A.D.

Überdruss hatte sich in die Züge des sechsundzwanzig Jahre alten Tribunen eingegraben, der aufrecht auf seinem Hengst saß und über den Fluß auf das feindliche Lager bei Vindobona starrte. Der Krieg in Germanien zog sich nun schon fünf lange Jahre hin und ein Ende war immer noch nicht in Sicht. Die Felix-Legionen hatten viele Männer verloren. Er war so müde, daß er kaum die Schönheit des Ortes wahrnahm. Seine Männer waren müde, aber der Krieg zog sich hin ... länger und länger.

Darius lenkte sein Pferd neben Maximus und beschattete seine Augen, als auch er die Germanen beobachtete. Er sprach seinen Freund und kommandierenden Offizier an, ohne ihn anzuschauen. "Denkst Du, sie werden angreifen?"

"Sicherlich," bemerkte Maximus grimmig.

"Wie bald?"

"Bald."

"Warum machen wir dann nicht den ersten Schritt?"

Maximus seufzte tief. "Claudius wird es nicht tun."

Darius wandte sich Maximus zu, Frustration war deutlich in seiner Stimme zu hören. "Er sollte auf Dich hören, Maximus. Jeder weiß, wer wirklich die Zügel der Macht in dieser Legion in Händen hält."

"Ich habe ihn ermutigt, die Initiative zu ergreifen, aber er will es nicht hören. Er ist so dumm zu glauben, daß die Ruhe anhalten wird, und ich kann ihn nicht vom Gegenteil überzeugen."

"Wenn Du den Befehl gäbest ... die Männer würden Dir folgen. Du weißt das."

Maximus blickte seinen Freund an. "Darius, es gibt viele, die es nicht würden."

"Nenne mir einen."

"Quintus. Er ist ein Zenturio und für ihn geht der Befehl des Generals über alles außer über das Wort des Kaisers. Selbst wenn er die Dummheit der Ideen dieses Mannes voll verstünde, würde er dem Kommandeur nicht ungehorsam sein. Das ist seine Natur."

"Nun, es gibt nicht viele wie ihn."

"Es sind genug."

"Es ist schon in anderen Legionen durchgezogen worden, Maximus. Ein unfähiger Kommandeur wurde von einem Führer gestürzt, der wirklich das Vertrauen der Männer besaß."

Maximus brachte ein kurzes, mitleidiges Lächeln zustande. "Danke für Deine Unterstützung, mein Freund. Ich werde heute Nacht nochmal versuchen, General Claudius zu überzeugen, daß es Zeit zum Handeln ist. Ich weiß nicht, warum er zögert, aber ich habe nicht die Absicht, einen Soldaten von Felix VII gegen den anderen aufzubringen."

"Er ist ein Feigling, das ist es. Und er hat keine Ahnung von Kampfstrategie. Du weißt so gut wie ich, daß, wenn er einen Befehl gibt, die Männer auf Deine Bestätigung warten, bevor sie gehorchen."

"Ja, und das macht mir manchmal beträchtliche Schwierigkeiten. Claudius ist kein Feigling. Er versteht einfach nicht. Er ist mehr um seine zukünftige politische Karriere in Rom besorgt als um das Wohlergehen der Legion, obwohl beides mehr miteinander zu tun hat als er denkt."

"Wenn Claudius einen Befehl erteilte und wir das Gefühl hätten, daß Du nicht zustimmst, so würde nicht ein einziger Mann gehorchen", ließ Darius nicht locker.

"Und nochmals, Quintus würde es. Quintus gehorcht einem Befehl, selbst wenn er um die Unsinnigkeit desselben weiß, das weißt Du doch. Er wünscht sich sehnsüchtig, befördert zu werden und weiß, daß er dem Kommandeur gefallen muß. Und es gibt mehr wie ihn. Gehorchen ist einfach. Eigene Entscheidungen zu treffen nicht." Maximus rieb sich die Schläfen wie um einen Schmerz wegzumassieren.

Darius schnaubte verächtlich. "Wann werden die Kaiser zurückkehren, um zu sehen, welchen Fehler sie mit der Ernennung von Claudius zum General gemacht haben?"

"Ich weiß es nicht." Maximus seufzte und wechselte das Thema. "Es ist so schön hier. Schau auf die Berge, Darius." Maximus hob die Augen und schaute auf die entfernten schneebedeckten Gipfel, die von goldenen Sonnenstrahlen geküsst wurden, welche jedoch ihren Platz in dem kühlen, schattigen Tal nicht erwärmten. "Ja, aber sie wären noch viel schöner, wenn sich in ihnen nicht diese bösartigen Wilden verbergen würden, die nur darauf aus sind, unsere Köpfe zu entfernen."

Maximus lachte und wandte seinen Hengst herum. "Also gut, Darius, ich werde es nochmal versuchen."  Maximus betrat das Zelt des Generals unangemeldet, und wie gewöhnlich unterbrach er eine Unterhaltung über die politische Situation in Rom. Claudius blickte auf, irritiert durch das Eindringen, ebenso wie die beiden anderen Tribune. "Was gibt es, Maximus?"

"General, ich fühle mehr denn je, daß sich der Stamm auf einen Angriff vorbereitet. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie wichtig es ist, daß wir zuerst in die Offensive gehen. Wenn wir nicht ..."

"Maximus, wenn ich Deinen Rat brauche, dann werde ich Dich darum bitten."

Maximus fühlte Zorn in seinem Bauch kochen. "Wie kommt es, General, daß Du mich um Bestätigung beinahe eines jeden Befehls angehst, den Du erläßt, aber nicht auf das hören willst, was ich dazu zu sagen habe?"

Claudius wurde rot vor Zorn und sprang auf, um Maximus ins Gesicht zu sehen, während er den Wein in seinem Becher verschüttete. "Das ist nicht wahr. Ich treffe meine eigenen Entscheidungen!"

"Meine Herren ...", versuchte einer der beiden anderen Tribune einzugreifen.

Maximus ignorierte ihn. "Mach was Du denkst, General, aber wenn auch nur ein einziger Legionär sein Leben verliert, weil Du Dich zu handeln weigerst, werde ich einen ausführlichen Bericht an die Kaiser verfassen über Deine Unfähigkeit, kluge Entscheidungen zu treffen." Er starrte die beiden anderen Tribune an, Männer, die ebenfalls ihren Fuß lieber auf den glatten Marmorboden im Senat setzen würden als auf das rauhe Leinen eines Zeltes an der Front.

Einer von ihnen ergriff das Wort. "Maximus mag recht haben, Claudius. Warum verdoppeln wir nicht die Wachen und lassen einige Zenturios an den Grenzen des Lagers patrouillieren - nur um sicher zu gehen?"

"Kein Mann sollte nachts außerhalb der Befestigungen sein", erklärte Maximus.

"Das ist allein meine Entscheidung, Maximus, und nicht Deine!" Claudius kochte. "Und ich finde, daß es sehr angebracht wäre. Ich erwarte von Dir, daß Du unverzüglich diesen Befehl erteilst!"

"Erteile ihn selbst", knurrte Maximus und stürmte aus dem Zelt.

Kapitel 27 - Verlust

Wie ist er hierher zurückgekommen, fragte er sich? Es war Frühling, die korallenfarbige Kletterrose umrahmte die Tür, ihre Zweige waren übersät mit samtigen vollen Blüten und ihr süßer Duft erfüllte die Luft. Die große Pappel neben dem Eingangstor wiegte sich in der sanften Briese, ihre anmutige Gestalt zeichnete sich ab vor den flauschigen weißen Wolken, die über den tiefblauen Himmel segelten.

Es war ein vollkommener Tag. Er sah vollkommen aus und er duftete vollkommen.

Maximus schaute auf seine Hände. Es waren junge Hände, ohne die Narben der vielen Jahre des Kampfes. Er bemerkte die abgekauten Fingernägel. Immer versuchte seine Mutter  ihn zu überreden, nicht mehr an den Nägeln zu kauen. Auch sein Körper war jugendlich und schlank ... der Körper eines Knaben. Er trug seine braune Lieblingstunika und seine Füße waren nackt und staubig im üppig grünen Gras.

Er hörte seinen Bruder in der Küche kichern und die sanfte Stimme seiner Mutter, die mit ihm gemeinsam lachte. Er schaute sich voll Verwunderung um. Die Obstbäume waren beladen mit vollkommenen, makellosen Früchten. Vögel flatterten in den Zweigen umher, ihr Gesang mischte sich in Harmonie. Maximus war überwältigt von der absoluten Vollkommenheit alles dessen, was er sah.

Seine Augen wurden zum Küchenfenster gezogen. Dort stand sein Vater und winkte ihm zu, ein Lächeln in seinem schönen Gesicht. Maximus versuchte sich zu bewegen, aber er konnte es nicht. Sein Vater winkte ihm abermals zu. Maximus schaute hinab auf seine Füße, die nun bis zu den Knöcheln in zähem schwarzem Matsch vergraben waren. Woher war dieser Matsch gekommen? Er schaute zurück zu seinem Vater und wollte ihn zu Hilfe rufen, als das Fenster plötzlich in einem brennenden Feuerball explodierte, der schnell auf das Dach sprang und um alle Seiten des Hauses raste als sei er lebendig. Maximus schrie, aber kein Laut kam aus seinem weitgeöffneten Mund.

Er starrte auf das Küchenfenster. Sein Vater stand noch immer dort und winkte ihm zu, ein Lächeln im Gesicht, aber sein Körper wurde von orangeroten Flammen verzehrt. Maximus streckte verzweifelt die Hand nach seinem Vater aus. Plötzlich schmolz das Gesicht des Vaters als sei es aus Wachs, das Lächeln erschlaffte, das Fleisch tropfte herab und die Augen verwandelten sich in schwarze Asche. Das Haus war von den Flammen vollständig verzehrt aber die Gestalt stand immer noch in dem Fenster, eine Horrorgestalt nun, nicht mehr sein Vater, aber noch immer erkennbar. Noch immer vertraut. Aber ... anders. Es war Darius. Darius stand nun am Fenster, das Entsetzen in sein Gesicht geschrieben, den Mund in einem stummen Schrei geöffnet, streckte er seine Hände Maximus entgegen ... flehend ... um Hilfe bittend. Lautlos schrie Maximus seinen Namen. Er langte nach seinem Freund, aber seine Beine wollten sich nicht bewegen ... und Darius schmolz zusammen mit dem Haus.

Die Hände des Jungen fielen herab. Er war nutzlos. Er war machtlos. Er konnte nicht helfen. Er konnte niemand retten. Niemand.

Maximus saß kerzengerade im Bett, seine weit geöffneten Augen starrten in die Dunkelheit. Da war kein Feuer, kein Haus, kein Vater. Er war allein in seinem Bett in seinem Zelt in Germanien. Maximus schauderte beim Gedanken an die Lebendigkeit seines Traumes.

Darius. Darius war dort gewesen. Warum war Darius in Spanien gewesen?

Plötzlich sprang Maximus aus dem Bett und zog hastig Tunika und Stiefel an. Er rannte durch das Lager, glitt aus und fiel auf die Knie im vom Tau feuchten Gras, das im Mondlicht schimmerte. "Darius!" schrie er, als er in Sichtweite des Zeltes war. "Darius!"

"Maximus! Was ist los? Stimmt was nicht?" Quintus packte ihn bei den Schultern und wirbelte ihn herum.

"Wo ist Darius?" Maximus machte sich los und stürzte in das Zelt, nur um einen Moment später allein wieder heraus zu kommen. "Wo ist Darius!?" fragte er verzweifelt.

"Wahrscheinlich ist er auf Patrouille außerhalb des ..."

Maximus wartete sein letztes Wort nicht ab ... er wandte sich um und rannte zum Tor, Quintus auf seinen Fersen. Sie drängten an den Wachen vorbei und rannten den hohen Erdwall entlang, Maximus durchdrungen von seinem Vorhaben und Quintus in Sorge um den Geisteszustand seines Freundes. Aber Maximus' große Angst ließ ihn schneller laufen und er umrundete die nächste Ecke weit vor dem Zenturio.

Quintus würde den entsetzlichen Schrei der Qual niemals vergessen solange er lebte.

Er fand Maximus auf den Knien vor, das Gesicht in den Händen vergraben, den Saum seiner Tunika in Blut getränkt. Darius starrte auf den Mond mit Augen, die nichts mehr sahen, die Kehle von einem Ohr zum anderen durchtrennt.

Maximus konnte sich nicht mehr an die Tage nach Darius' Tod erinnern. Man sagte ihm, daß sein Schreien die gesamte Legion bei ihm versammelt hatte; daß er gelassen einen brutalen Angriff auf das germanische Lager organisiert und angeführt habe, den keiner der Bewohner überlebt hatte; daß er eigenhändig mehr als hundert Gegner hingeschlachtet habe. Aber vielleicht war das nur Teil der Legende von Maximus, dem Krieger, die in dieser Nacht geboren und immer mehr ausgeschmückt wurde, während sie sich wie ein Lauffeuer von Legion zu Legion entlang der nördlichen Grenzen des Reiches verbreitete.

 

Kapitel 28 - Zu Hause

Maximus saß auf der eingefallenen Mauer aus rosa Stein ... einem der wenigen verbliebenen Überreste dessen, was einmal sein Zuhause gewesen war. Sein Haar war während der langen Heimreise gewachsen, ebenso sein Bart, und nun hob der sanfte Wind die dichten Wellen auf seiner Stirn und erlaubte der wärmenden Sonne, sein ihr zugewandtes Gesicht zu küssen und seine erschöpften Züge zu bräunen.

Während der Reise hatte er kaum geschlafen und noch jetzt wachte er jede Nacht mehrmals auf, schreckliche Träume störten seinen Schlaf. Würde er das, was passiert war, je überwinden können? Würde der schreckliche Schmerz über Darius' Tod je nachlassen? Er hatte Claudius um Urlaub gebeten, um seinen Freund betrauern und seinen ermüdeten Geist erfrischen zu können, aber der verschreckte General hatte seine Bitte abgeschlagen - so sehr fürchtete er, den Rat dieses Tribun zu verlieren ... eines Mannes, der nun offen die Ergebenheit der gesamten Legion besaß. Am Ende reiste Maximus einfach ab, nachdem er Claudius gesagt hatte, wo er hinging und warum. Er erklärte Quintus, was er tat, und dieser versprach, den Soldaten zu versichern, daß Maximus bestimmt zurückkehren würde. Auch sandte er einen langen Brief an Marcus Aurelius und legte dar, warum er ein derartig drastisches Vorgehen gewählt hatte. Er wußte, daß Marcus ihn verstehen würde.

Aber der Trost, auf den er bei seinem ersten Besuch in der Heimat gehofft hatte, wollte sich nicht einstellen. Statt dessen fühlte er sich wie betäubt und es schien ihm unmöglich, eine Verbindung zu seiner Vergangenheit herzustellen. Dieser Haufen Steine war nur ein Haufen Steine, nicht die Überreste seines Elternhauses, und die Hügel der Umgebung wirkten mehr fremd denn vertraut, ebenso die Stadt Emerita Augusta, kaum sichtbar in dem entfernten Tal.

Maximus hatte das Gefühl, nicht hierher zu gehören;  er hatte das Gefühl, nirgendwo hinzugehören.

Er stand da und blickte auf die überwucherten Hänge. Er nahm an, daß dieser Besitz nun ihm als dem einzigen überlebenden Sohn gehörte und offensichtlich hatte niemand anderes in der Zwischenzeit einen Anspruch darauf erhoben. Das Land war von Unterholz überwuchert, die Bäume von Weinreben durchzogen. Es war nicht mehr viel übrig von dem ordentlichen Hof, den er als Knabe gekannt hatte.

Die Hände in die Hüften gestemmt wanderte er um die umgestürzte Mauer herum zur Südseite und seine Augen wurden sofort zu einer herrlichen Gruppe rosaroter Blüten hingezogen - die Kletterrose, die in seinem Traum so bedeutsam gewesen war. Irgendwie hatte sie das Feuer überlebt und sich zu solcher Lebenskraft erneuert, wie er sie nicht mehr im Gedächtnis hatte. Ob diese Art der Erneuerung auch an ihm geschehen konnte, nach allem, was er durchlebt hatte?

Er nahm vorsichtig eine der Blüten in seine Hand und sog ihren Duft ein. Etwas machte "klick" in seinem Gehirn - eine Erinnerung. Sein Zimmer hatte über der Vordertür des Hauses gelegen und er erinnerte sich an den Duft der Rosen in der Nacht. Allmählich kam es ihm wieder zu Bewußtsein. Er fiel auf seine Hände und Knie und kroch an der Mauer entlang. Seine Mutter hatte Minze am Haus entlang gepflanzt. Hatte auch sie das Feuer überlebt? Als er sie fand, waren seine Hände wund, aber er rieb die dunkelgrünen Blätter zwischen Daumen und Zeigefinger und hob sie an seine Nase.Ja, dies war der frische Duft, den er immer mit seiner Mutter verbunden hatte. Minze. Die Erinnerung kam zurück.

Aber wo war sein Vater? Maximus stand da und blickte sich um. Welche Gerüche verband er mit seinem Vater? Er wanderte durch das, was einmal der Gemüsegarten seines Zuhauses gewesen war, wo sein Vater das meiste dessen gezogen, das ihren Tisch bereichert hatte. Maximus bückte sich, nahm eine Handvoll Erde und zerrieb sie zwischen seinen Handflächen, bevor er sie an die Nase hob. Ja, das war er, der spezifische, durchdringende Geruch, der von seinem Vater nach einem auf den Feldern verbrachten Tag ausging. Tränen stiegen ihm in die Augen und Maximus blinzelte, um sie zurückzudrängen. Allmählich fühlte er wieder die Verbundenheit mit seiner Vergangenheit, mit seiner Familie ... dem Land.

Mühelos schwang er sich über die Mauer und betrat das, was einmal das Innnere seines Vaterhauses gewesen war. Es war ihm soviel größer erschienen, als er noch ein Kind war. Er wußte, daß er hier nichts mehr finden würde außer vielleicht einigen Stücken des Steinfußbodens, denn er hatte diesen Ort sofort nach dem Verlust seiner Familie durchkämmt und jedes noch so kleine Erinnerungsstück an sich genommen. Als er sich umwandte, um wieder zu gehen, sprang ihm etwas Weißes ins Auge. Er hockte sich hin und hob einen langen, gebogenen Zahn auf, der offenbar schon lang hier gelegen und von der Sonne ausgeblichen  war. Plötzlich machte sein Herz einen Sprung und er faßte in sein Hemd und griff nach dem Wolfszahn, der immer noch an einem Lederband um seinen Hals hing. Sie bildeten ein Paar. Sein Bruder hatte zwei besessen, und Maximus hatte nur einen nach dem Feuer gefunden. Jahre von Sonne und Regen hatten ihm auch den anderen geschenkt. Maximus saß zwischen den Trümmen und drehte den Zahn zwischen seinen Fingern um und um, dann ließ er den Kopf auf die Brust sinken und presste die Augen zusammen. Lange Zeit zuckten seine Schultern unter dem Schluchzen, das nun ungehindert seiner Brust entquoll.

Er war zu Hause.

Kapitel 29 - Olivia

Den Rücken der Sonne ausgesetzt und vor Anstrengung schwitzend, zog Maximus an einem widerspenstigen Brombeerstrauch. So viel er konnte, riß er mit den Wurzeln heraus und warf es auf einen stetig anwachsenden Haufen von Abfall. Das Lederband mit den beiden Zähnen hing um seinen Hals.

Sich aufrichtend drückte er mit einer Handfläche gegen sein Kreuz und bog sich nach hinten, während er auf das Knacken in seiner Wirbelsäule lauschte. Dann verschränkte er die Hände und streckte sie zum Himmel, um sich etwas Erleichterung von der Steifheit in seinen Gliedern zu verschaffen. Die Hände in die Hüften gestämmt drehte er den Oberkörper nach links und rechts und wieder nach links.

Er erstarrte.

Große schwarze Augen blickten ihn an, verborgen hinter der riesigen Pappel, die majestätisch neben dem Eingangstor stand. Als er langsam seine Hände sinken ließ, verschwanden diese Augen und er vernahm das leise Geräusch von Tritten, die über Erde liefen. "Halt!" rief Maximus, aber alles, was er sehen konnte, war eine Masse langen schwarzen welligen Haares, das wild hin und her schwang, als das Mädchen den Feldweg entlang rannte und in den Wäldern verschwand.

Wie lange mochte sie dort gestanden haben, fragte er sich? Und wer war sie? Maximus versuchte, sich seine Nachbarn ins Gedächtnis zurückzurufen, aber er hatte nur wenig Erinnerung an sie. Außerdem, auch wenn er ihr Gesicht nicht hatte sehen können, so konnte er doch sagen, daß das Mädchen, welches ihn beobachtet hatte, sehr jung gewesen sein muß, als er das letztemal hier gewesen war. Eine Weile stand er still und starrte in Richtung der Wälder, aber sie kam nicht zurück. Es machte ihn ziemlich nervös, als ihm bewußt wurde, daß er beobachtet worden war, während er sich völlig allein gewähnt hatte. Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar, dann wandte er sich wieder seiner Aufgabe zu, das Land um das Haus herum von Unkraut zu befreien.

In dieser Nacht schlief Maximus unter den Sternen und genoß den ersten traumlosen Schlaf seit vielen Monaten.

Am nächsten Morgen stand er bei Sonnenaufgang auf und marschierte hinunter zum Fluß um zu baden. Als er begann, seine Kniehosen zu öffnen, zögerte er und schaute umher. Könnte sie wohl da sein? Maximus kicherte bei dem Gedanken, zog seine Hose herunter und stieß sie mit dem Fuß zur Seite, bevor er in das Wasser tauchte, nach Atem ringend als er die Kälte auf seiner warmen Haut spürte. Er rieb sich das frische Wasser ins Gesicht und in sein Haar, bevor er an das Ufer zurücktrat und das Wasser abschüttelte gleich einem Hund. Während er seine Hose wieder anlegte, spähte er verstohlen um sich. Er war allein.

Er kehrte zurück an seine Arbeit - erfrischt aber hungrig. In den vergangenen Tagen hatte er kaum etwas anderes gegessen als wildwachsende Planzen, die er fand. Da er an die reichhaltigen Rationen der Soldaten gewöhnt war, war dies eine harte Diät und seine Hose saß bereits lockerer. Er müßte seine Anstrengungen verdoppeln, das Land zu roden, um bald etwas anbauen zu können, aber es würde einige Zeit dauern, bevor die Ernte zum Verzehr bereit wäre. Bis dahin müßte er wohl nach Emerita Augusta gehen, um etwas Essbares zu kaufen.

Er kehrte zu der zerfallenen Mauer zurück und begann, seine Stiefel anzuziehen. Aber sie waren zu schwer für dieses Klima und er müßte auch ein Paar Sandalen kaufen. So zog er sie wieder aus und warf sie zur Seite. Ein Abstecher in die Stadt wäre ganz in Ordnung. Als er aufstand, wurden seine Augen zu der großen Pappel hingezogen - aber da waren keine schwarzen Augen, die zurückschauten.

Dennoch war sie dort gewesen, und sie war ihm sehr nahe gekommen. An der gegenüberliegenden Mauer lag ein mit einer Schnur umwickeltes Päckchen und daneben stand eine Flasche Wein. Er roch das Brot, bevor er es sehen konnte, und seine Hände zerrten an dem Stoff, der es einhüllte. Käse. Da war auch Käse ... und Oliven und Obst. Mit Heißhunger riß er ein Stück von dem Brotlaib ab und stopfte ihn in seinen Mund; kauend blickte er um sich. Er hob die Flasche an den Mund mit einem stummen Dank an das scheue Mädchen mit dem fließenden schwarzen Haar. Von nun an erwartete ihn jeden Morgen ein Päckchen, wenn er vom Fluß zurückkehrte.

Innerhalb einer Woche hatte Maximus eine sichere, wenn auch vorläufige Holzkonstruktion als Behausung errichtet. Mit dem Wetter hatte er Glück gehabt, aber er wußte, daß der Regen bald kommen würde und er mußte darauf vorbereitet sein. So lange er ein Dach über dem Kopf hatte und die zuverlässige Nahrungsquelle  nicht versiegte, konnte er sich auf seine Hauptaufgabe konzentrieren - das rosa Steinhaus wieder aufzubauen.

Bisher hatte er seinem Hengst ein faules Leben zugestanden und dieser brauchte lediglich das üppige Gras, das zwischen den Mauern wuchs, in sich hineinzumampfen. Aber nun war es an der Zeit, Argos wieder an die Arbeit zu gewöhnen. Maximus sattelte das Pferd und ließ es die Beine strecken, in dem er den überwucherten Feldweg entlang trabte. Am Ende des Weges sah er sie. Sie ging die Straße in einiger Entfenung entlang, einen Korb in der Hand. Als sie ihn sah, blieb sie stehen, unsicher, was sie tun sollte. Maximus wollte sie nicht verschrecken und zügelte Argos - sehr zum Missfallen des Tieres, das enttäuscht schnaubte. Maximus klopfte seinen Hals ohne einen Blick von dem Mädchen zu lassen.

Sie schaute ihn an, dann schaute sie sich um, offensichtlich schätzte sie ihre Möglichkeiten ab. Maximus sah, daß sie allein und daß ihr nicht bewußt war, wie weit sie bereits gegangen war, um sein Essen zu bringen. Er lächelte sie an, aber sie erwiderte den Gruß nicht. Selbst auf die Entfenung hin konnte er sehen, daß ihre Augen ängstlich geweitet waren - und er machte ihr deswegen keinen Vorwurf. Er wußte nur zu gut, was einige Soldaten mit schutzlosen Frauen machten, und es war klug von ihr, besorgt zu sein. Aber Maximus wollte nicht, daß sie Angst vor ihm hatte.

Er ließ die Zügel etwas lockerer und führte das Pferd langsam in ihre Richtung. Als sie Anstalten machte, sich abzuwenden, hielt er das Pferd wieder an. "Hallo", sagte er und hob seine Stimme gerade genug, um gehört zu werden aber nicht zu schreien. Er wußte aus Erfahrung, daß seine tiefe Stimme andere Menschen sehr wohl erschrecken konnte. Er lächelte wieder. Sie biß sich auf die Unterlippe.

Plötzlich wurde ihm der mögliche Grund für ihre Besorgnis bewußt ... er war beinahe nackt. Seine Brust war unbedeckt und von der Sonne gebräunt, ebenso seine Beine unterhalb der knielangen Hosen und selbst seine Füße. Auch Argos war nackt ... sein Sattel war in ihrem Unterschlupf zurückgeblieben. Er beschloß, nicht näher zu gehen.

"Du hast Essen für mich gebracht."

Sie nickte.

"Ich bin Dir dankbar. Es war das einzige, das mich in den vergangenen Tagen davor bewahrt hat, völlig dahinzuschwinden."

Sie musterte ihn ziemlich unverfroren von oben bis unten, dachte er, und ihre wundervollen Augen ließen erkennen, daß sie keineswegs davon überzeugt war, daß er dahinschwand.

Maximus lachte. Vielleicht hatte er sie völlig falsch eingeschätzt.

"Ist das für mich?" Er zeigte auf den Korb.

"Ja", sagte sie mit einer Stimme, die ihn an weiches Samt erinnerte.

"Soll ich näherkommen und es abholen oder willst Du es mir bringen?"

"Ich lass' es auf der Straße stehen."

"Ich tue Dir nichts. Du brauchst keine Angst vor mir zu haben."

Sie schaute ihn an wie einen Einfaltspinsel. "Ich habe keine Angst vor Dir. Es ist Dein Pferd, das ich nicht mag."

"Oh ja, ich weiß, er ist ziemlich groß." Maximus stieg ab, und Argos bewegte sich augenblicklich auf die Seite des Feldweges zu, um mit seinen gelben Zähnen lange Grasbüschel auszureißen. Maximus ging ihr langsam entgegen und sprach während dessen sanft mit ihr. "Du mußt meine Nachbarin sein. Wo wohnst Du?"

"Jenseits des großen Hügels dort hinten." Sie deutete mit ihrem Kopf  auf einen Hügel, der wenigstens einen Zwei-Stunden-Marsch entfernt sein mußte. "Maximus."

Verwundert riß er die Augen auf. "Du kennst meinen Namen?"

"Natürlich. Du hast oft mit meinem Bruder gespielt, als Du noch ein Junge warst. Jeder hat sich gefragt, was wohl mit Dir geschehen ist."

"Wer ist Dein Bruder?"

"Ich habe vier Brüder, eigentlich, aber der, den Du wahrscheinlich kennst, ist Titus."

"Titus ... ja, ich erinnere mich an ihn. Wie ist Dein Name?"

"Olivia."

"Das ist ein schöner Name. Er paßt zu Dir."

Sie warf ihre lange schwarze Mähne zurück über ihre Schulter und legte den Kopf schief. "Danke."

Maximus konnte nun deutlich das Funkeln in ihren leuchtend schwarzen Augen sehen und auch den leichten Schwung ihrer vollen Lippen. Er ging weiter auf sie zu, bis er nur noch um Armeslänge von ihr entfernt war, dann blieb er stehen und starrte sie an. Sie war schön. "Warum warst Du so freundlich, mir zu essen zu bringen?"

"Weil Du ohne wohl sehr hungrig gewesen wärest." Sie lachte ...  ein voller Klang, der eine Gänsehaut über Maximus' Rücken laufen ließ. Um diese Jahreszeit hat meine Familie reichlich Vorräte und wir können nicht zusehen, wie unser Nachbar hungert."

"Ich danke Dir und Deinem ... Gemahl."

"Du kannst lieber meinem Vater danken. Ich bin nicht verheiratet."

Er starrte sie nur an.

"Ich weiß, was Du denkst."

"Das denke ich nicht."

"Du denkst, daß ich schon ziemlich alt bin, um noch keinen Ehemann zu haben. Daß da irgendwas mit mir nicht stimmen muß", und ihrer Stimme war eine leichte Abwehrhaltung zu entnehmen.

"Glaube mir, das habe ich nicht gedacht."

"Ich habe viele Angebote gehabt ..."

"Dessen bin ich sicher ..."

"Aber mein Vater ist wohlhabend und verständnisvoll genug, um mich nicht zu zwingen, irgendjemand zu heiraten. Du bist Soldat, also bist Du auch nicht verheiratet."

"Woher weißt Du, daß ich Soldat bin?" Maximus kam sich wie ein Idiot vor noch im selben Augenblick als die Worte über seine Lippen kamen.

Er nickte nur, als sie die Gründe hersagte.

"Die Tätowierung auf Deinem Arm zum einen, und das Pferd. Wer besitzt so ein Pferd außer er ist Soldat? Die Stiefel, die ich Dich habe tragen sehen, und die Tunika. Die Rüstung, die Du in der kleinen Felsenhöhle am Fluß hast verschwinden lassen, ... "

"Es war eine dumme Frage."

Sie zog die Augenbrauen hoch, um anzudeuten, daß sie ihm zustimmte. "Und die Waffen natürlich ... diese unangenehm aussehenden Schwerter und der Schild."

Maximus lächelte. "Würdest Du mit zurückkommen und dies mit mir teilen?" Maximus zeigte auf den Korb.

"Nein."

"Oh." Unbewußt trat er einen Schritt zurück, sein Lächeln war verschwunden.

"Nein, das ist nur für Dich. Aber ich möchte Dich einladen, heute Abend mit meiner Familie gemeinsam zu essen.."

"Danke. Das würde ich sehr gerne machen", sagte er ernst und verbeugte sich leicht.

Sie lächelte und übergab ihm den Korb, dann drehte sie sich um und machte sich wieder auf den Weg die Straße hinab. Er starrte auf ihre hohe, schlanke Gestalt und ihre sanft schwingenden Hüften. "Oh, und Maximus ...", rief sie über ihre Schulter.

"Ja?"

"Zieh Dir bitte heute Abend etwas an, willst Du das?"

Er lachte und sie ebenfalls. Er stand still da und schaute ihr nach, bis sie seinem Blick hinter  einem Hügel entschwand.

Kapitel 30 - Abendessen

Maximus durchwühlte sein Gepäck, riss alles an Kleidung heraus, was er bei sich hatte, und verstreute es um sich herum auf dem Boden. Was für ein armseliger Haufen, stellte er fest. Nichts als Militärkleidung: weinrote Wolltuniken mit eigenen Hosen und breiten Ledergürteln, kurze Reithosen, ein Brustharnisch aus Metall, ein dekorativer Lederharnisch, Stiefel ... alles kaum passend für ein Abendessen mit seinen Nachbarn, die doch alle Zivilisten waren. Er zog eine Tunika und Hosen an, gürtete die Tunika auf eine mittlere, für einen Soldaten angemessene Länge. Zu heiß. Er zog die Hose wider aus. Nun wirkte die Kleidung viel zu schlicht. Er schaute auf den verzierten Lederharnisch mit den goldgeränderten Verschlüssen an Hüften und Schultern. Er wußte, daß er darin gut aussah ... plötzlich brach Maximus in Lachen aus. Niemals in seinem ganzen Leben hatte er auch nur einen Gedanken daran verschwendet was er anziehen sollte. Es war immer so einfach gewesen ... nur saubere Wäsche, darüber eine Tunika, wenn es kalt war, eine lange Hose, bei Nässe einen Umhang, den Brustpanzer aus Metall, wenn es in die Schlacht ging und sonst den Lederharnisch. Endlich entschied er sich für die kurze Tunika mit dem Lederharnisch und Stiefel, so daß seine Arme und Beine unbedeckt blieben. Das mußte ausreichen.

Sein Haar mußte ein einziges Durcheinander sein. Wochenlang hatte er es nur gewaschen und war sich dann kurz mit den Fingern durch das Haar gestrichen. Wenn er sich mit der Hand über das Gesicht strich, konnte er fühlen daß er nun einen regelrechten Vollbart hatte im Gegensatz zu dem ordentlich zurecht gestutzten, den er sonst trug. Er suchte kurz nach etwas, das seine Züge widerspiegeln würde, gab es aber schnell auf und trottete zum Fluß hinab. Und sein welliges Spiegelbild bestätigte seine schlimmsten Befürchtungen. Er schien ganz aus Haar zu bestehen. Kein Wunder, daß Olivia anfangs so misstrauisch gewesen war ... er begann wirklich, einem germanischen Wilden zu ähneln! Er mußte in Emerita Augusta unbedingt einen Friseur finden, aber jetzt war dafür keine Zeit mehr. Er tauchte die Hände ins kühle Wasser und fuhr dann durch seine üppigen Locken in der Hoffnung, sie wenigstens ein wenig bändigen zu können.

Kurze Zeit später lenkte Maximus seinen Hengst an das Ende des Feldweges, dann die staubige Straße entlang, wo er Olivia getroffen hatte, und endlich den entfernten Hügeln entgegen. Nach einem gut einstündigen Ritt fand er schließlich ein breites hölzernes Tor mit großen eisernen Angeln, welches sich in einer hohen Steinmauer befand, die den Blick auf alles, was  dahinter lag, versperrte. Maximus lenkte Argos zurück auf die Straße, wendete ihn, spornte ihn dann zum Gallop an und setzte in einem eleganten Sprung über das Tor. Der Weg vor ihm schlängelte sich um einen anderen Hügel und verschwand. Offenbar hatte Olivia täglich einen sehr weitenWeg zurück gelegt, um ihm sein Essen zu bringen. Er galoppierte ein Stück, dann ließ er sein Pferd in eine langsamere Gangart fallen, als er sich einer Gegend näherte, die mit dicken Bäumen bewachsen war. Ein rotes Ziegeldach überragte nur wenig die Blätter. Er stieg ab und band sein Pferd an einen Ast in einiger Entfernung vom Haus, um Olivia nicht wieder zu erschrecken.Maximus war über die Größe des Anwesens erstaunt ... so verschieden von seinem eigenen kleinen Häuschen. Drei Stockwerke hoch, war es wirklich beeindruckend, schmucklos von außen, glich es einer Festung. Die Kahlheit des Gebäudes wurde durch Kletterrosen gemildert und durch blühende Sträucher, die in große Kübel gepflanzt waren. Was auch immer ihr Vater zu seinem Lebensunterhalt tat, er tat es mit Erfolg. Es gab noch viele andere Gebäude, die wie Wohnhäuser ausssahen, in einiger Entfernung, sie alle waren aus dem gleichen rosa Stein errichtet wie sein Haus.

Maximus schnupperte während er ging. Pferde. Der vertraute Geruch von Pferden lag in der Luft. Er riß seine Augen vom Haus los und schaute sich um. Auf beiden Seiten des Weges wanden sich steinerne Einfriedungen bis zu den entfernten Hügeln und wunderbare Pferde jeglicher Couleur weideten auf der grünen Ebene. Die Pferde waren groß und kraftvoll, gerade wie sein eigener Hengst.  Er verließ die Straße und trat an eine der Mauern heran; er legte die verschränkten Arme auf den kühlen Stein und bewunderte die majestätische Schönheit dieser Tiere ... jedes so gut wie jene, welche er in der Kavallerie gesehen hatte. Maximus streckte die Hand aus und schnalzte mit der Zunge in der Hoffnung, einen besonders schönen schwarzen Hengst herbeilocken zu können. Das Pferd betrachtete ihn kühl und warf den Kopf hoch, seine lange Mähne wehte in der sanften Briese.

"Komm her, Argento", rief die samtige Stimme hinter Maximus' Rücken. Olivia näherte sich der Einzäunung mit etwas Heu in ihrer ausgestreckten flachen Hand und das Pferd kam zu ihr herüber getrabt und nahm das Heu vorsichtig mit seinen weichen Lippen. Sie lächelte und streichelte die samtige Nase.

Maximus drehte sich um und schaute sie an, eine Frage deutlich ins Gesicht geschrieben. "Du hast also gelogen, als Du mir sagtest, Du würdest Dich vor Pferden fürchten?"

Olivia konzentrierte ihren Blick weiter auf Argento. "Nein ... ich habe nur Spaß gemacht." Sie warf Maximus einen Seitenblick zu und grinste. "Meine Familie züchtet sie für die Legionen. Dieser hier ist für einen bedeutenden General bestimmt, ebenso wie sein Bruder Scarto. Es sind die besten, die wir je gezüchtet haben."

Maximus strich über den muskulösen Hals des Pferdes und nickte zustimmend.

"Er ist viel besser als Deine alte Mähre", fügte Olivia in leichtem Ton hinzu.

Maximus lachte. "Laß dies meine alte Mähre besser nicht hören. Ich muß zugeben, daß Argos langsam in die Jahre kommt, aber er hat mir gut gedient ... meistens."

Nun wandte sich Olivia um und schaute Maximus an. Unverhohlen betrachtete sie seine Erscheinung:"Eine gute Wahl, Soldat."

"Es ist nicht so, als ob ich eine große Wahl hätte."

"Nun, es kleidet Dich. Komm zum Haus. Titus ist erpicht, Dich wiederzusehen und auch die übrige Familie möchte Dich kennenlernen."

"Und wer ist Deine übrige Familie?"

"Titus' Frau Augusta und ihre drei Kinder; mein zweitältester Bruder Eusebius und seine Frau Flora. Sie haben zwei Kinder und ein drittes ist unterwegs. Und mein lästiger kleiner Bruder Persius, er ist sechzehn. Mein Vater heißt Marcus. Mein anderer Bruder ist mit seiner Familie weggezogen."

Während sie auf das Haus zugingen, verschränkte Olivia ihre Hände auf dem Rücken und ging etwas langsamer, um ein wenig hinter ihm zurück zu bleiben. Maximus hatte bereits vermutet, daß diese Frau sich einem Mann auf solcheWeise nicht unterordnen wollte ... sie wollte viel eher seinen ... besser in Augenschein nehmen. Er blieb plötzlich stehen, griff nach ihrem Ellbogen und zog sie an seine Seite.

Olivias Lachen war tief und kehlig. "Weißt Du, wenn Du oben auf der höchsten Stelle der Mauer Eures Hauses stehst, dann hast Du einen wunderbaren Blick hinunter zum Fluß."

Maximus errötete und wandte sich ab, um wieder die Pferde zu bewundern.

Olivia senkte ihre Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. "Du hast nichts, was ich nicht schon zuvor gesehen hätte. Ich habe vier Brüder ... erinnerst Du Dich?" Ihre Augen wanderten abwärts zu seiner Taille und tiefer.

"Obwohl ich zugeben muß ... "

"Was gibt es denn heute zum Abendessen?" Es war die einzige Frage, die Maximus einfiel, um das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

Olivia umfaßte mit ihrer Hand seinen Bizeps. "Ahhh ... Hühnchen und Lamm, denke ich."

"Du bist nicht sicher?"

Olivia fuhr fort:"Ich achte nicht sehr auf diese Dinge. Ich fürchte, ich bin etwas verwöhnt, aber wir haben Sklaven, die kochen und sauber machen. Ich helfe bei der Pferdezucht und führe die Bücher."

"Oh. Du kannst lesen und schreiben?"

"Mein Vater lehrte es mich."

Sie langten am Haus an und Olivia ging vor Maximus her durch die Vordertür. Von außen mochte das Haus den Eindruck einer Festung machen, aber von innen war es luxuriös. Maximus stand in dem großen Atrium auf dem kunstvollen Bodenmosaik, welches Pferde darstellte ... laufende Pferde, herumtollende, springende ... Der Raum wurde durch eine Öffnung in der Decke erhellt, welche es auch dem Regen erlaubte, sich in einer flachen Vertiefung in der Mitte des Bodens zu sammeln. Vom Atrium gingen viele Räume mit geschnitzten Türen ab und auf der Rückseite öffnete es sich zu einem regelmäßig angelegten Hof mit Springbrunnen, Bänken und zwischen den blühenden Büschen eingestreuten Marmorstatuen.

"Als meine Mutter noch lebte, reiste mein Vater sehr häufig nach Rom. Er sah die Villen dort und schwor sich, selbst einmal eine solche zu besitzen, sobald er es sich würde leisten können. Meine Brüder leben mit ihren Familien in anderen Häusern auf dem Grundstück, aber heute Abend sind sie hier ... "

"Maximus! Maximus, wir dachten, Du wärest tot, mein Freund. Schau Dich an. Du bist ein Soldat! " Titus fasste Maximus bei den Armen, einen Ausdruck reiner Freude im Gesicht. "Du bist ein wenig haariger, seit ich Dich das letztemal sah, aber ich weiß, daß Du es bist."

"Titus, welche Freude, Dich wieder zu sehen. Auch Du hast Dich etwas verändert, mein Freund." Maximus stupste spielerisch auf Titus' recht ansehnlichen Bauch.

"Ah ja, ... die Gefahren des guten Lebens. Komm, lerne den Rest der Familie kennen." Titus stellte ihm die übrige Familie vor, dann zog er ihn weiter hinein in das Atrium in die Nähe des Hofes, wo sie sich in kunstvoll geschnitzten Holzstühlen mit Ledersitzen niederließen. Ein Kelch mit Wein wurde ihm in die Hand gedrückt und in kürzester Zeit verloren sich die beiden Männer in Erinnerungen an ihre Knabenjahre. Seine Brüder lauschten aufmerksam, besonders der sechzehnjährige Persius. Olivia lächelte, als ihre beiden Schwägerinnen wohlgefällige Blicke in Maximus' Richtung warfen.

"Titus, ich erinnere mich nicht, daß Du in einem solchen Hause lebtest, als wir Kinder waren."

"Wir hatten ein kleines Haus ganz ähnlich wie jenes, in dem Du gelebt hast, Maximus. Nun dient es als Teil eines Stalles." Titus lachte vor sich hin. "Der Krieg im Norden und Osten mag hart sein für Männer wie Dich, aber er füllt die Taschen von Männern wie uns. Wir züchten die besten Kavalleriepferde im ganzen Reich. Die Kaiser reiten unsere Hengste und jedes Jahr verschiffen wir Dutzende nach Rom für die Prätorianer. Vielleicht reitest auch Du einen."

Maximus lachte:"Das glaube ich kaum."

"Nun, das solltest Du aber."

Die Unterhaltung wurde durch den Ruf zu Tisch unterbrochen. Das Eßzimmer bestand aus einem anderen dekorativen Mosaikboden und Wänden, die mit Szenen der Landschaft in der Umgebung bemalt waren. In der Mitte des Raumes stand ein großer quadratischer Tisch und lange Ruhesofas waren auf drei Seiten aufgestellt. Maximus wußte nicht, was er tun sollte, und er war dankbar, als er merkte, daß Olivia seinen Arm nahm, um ihn zum nächstgelegenen Ruhebett zu geleiten. Sie setzte sich auf ein Ende und bedeutete Maximus, sich neben sie zu setzen. Das Familienoberhaupt, Marcus, saß an seiner anderen Seite. Die übrigen Familienmitglieder verteilten sich auf die anderen Ruhebetten, einige lehnten sich gänzlich entspannt zurück .Maximus blieb aufrecht sitzen wie er es aus der Armee gewohnt war. Dankbar sah er, daß auch Olivia neben ihm das gleiche tat. Nachdem alle saßen, übernahm Marcus die Unterhaltung, während das reichhaltige Mahl aufgetragen wurde, dessen Hauptgang aus gebratenem Huhn und Lamm, aus einer Vielzahl gekochten Gemüses, Oliven, eingelegtem Gemüse, Brot und Käse bestand. Flasche um Flasche von Wein wurde eingeschenkt. "Persius, gib Maximus das Brot. Maximus, welchen Rank bekleidest Du?" fragte Marcus.

"Tribun, Herr. Ich bin Berater des Generals der VII.Legion Felix."

"Ich weiß recht gut über die Armee Bescheid obwohl ich ganz offenbar nie selbst Soldat gewesen bin. Wie kann es also sein, daß ein Spanier Tribun ist?"

"Marcus Aurelius sorgte für meine Adoption durch eine Senatorenfamilie, so daß ich über den Rang eines Zenturio hinaus befördert werden konnte, dann ..."

"Der Kaiser?"

"Ja."

"Du kennst Marcus Aurelius?"

"Ja, Herr. ich habe ihn viele Male getroffen."

Marcus nickte gedankenverloren und mit zusammengekniffenen Augen betrachtete er Maximus. "Er muß viel von Dir halten."

"Das beruht auf Gegenseitigkeit, glaube mir. Er ist der großartigste Mann, dem ich je begegnet bin."

"Hier, Maximus, nimm noch etwas Lamm. Noch etwas von dem eingelegten Gemüse?" bot Titus ihm an.

"Nein, Titus. Es ist genug für mich. Danke. Ich bin nicht daran gewöhnt, derartige Speisen zu mir zu nehmen."

"Sie geben Euch in der Armee nicht gut zu essen?" fragte Flora.

"Sie ernähren uns sehr gut, aber die Nahrung ist einfach. Dieses Mahl übertrifft alles, was ich seit langer Zeit gesehen habe, und ich danke Euch, daß Ihr mich heute Abend hierher eingeladen habt."

Persius meldete sich zu Wort:"Olivia hat die ganze Woche nur von Dir gesprochen. Sie konnte es kaum abwarten, daß Du ...uff!" Titus stieß ihm mit dem Ellbogen direkt in den Magen.

Maximus konnte nicht widerstehen und warf einen Blick auf Olivia, die ihren Bruder ärgerlich anstarrte. Sie war nicht bereit, sich einschüchtern zu lassen und wandte ihren Kopf, um Maximus in die Augen zu blicken.

Marcus übernahm wieder die Kontrolle über die Unterhaltung. "Wo bist Du stationiert gewesen, Maximus?"

"In Germanien." Er wandte sich wieder dem Patriarchen der Familie zu. "Ich habe dort viele Jahre gedient."

"Offensichtlich bist Du noch weit davon entfernt, Dich aus dem Dienst zurückzuziehen ..."

"Ja, ich muß zurück. Ich habe nur für kurze Zeit Urlaub." Es war ein Anflug von echtem Bedauern in seiner Stimme. "Ich hoffe, daß ich mein Heim bald wieder aufbauen kann und ich richte einen Teil des Bodens her. Eines Tages möchte ich hier her zurückkommen und ..."

Persius gefiel die Wendung des Gespräches nicht, und er fuhr dazwischen:"Hast Du viele Männer getötet, Maximus?"

Maximus schaute den Jungen an und zögerte lange. Das Geräusch der Bestecke auf den Tellern verstummte plötzlich und jederman wartete auf seine Antwort. Bevor er antwortete, schaute er wieder auf Olivia, die in besorgt ansah. Dann sagte er langsam:"Ja. Ich habe getötet, wenn ich es mußte."

"Papa, Maximus bewundert Scarto." Olivia konnte die plötzliche Veränderung in Maximus' Stimmung spüren und lenkte die Unterhaltung schnell in eine andere Richtung.

Marcus fühlte sich sehr geschmeichelt, daß ein so bedeutender Angehöriger des Militärs seine Pferde bewunderte. "Du magst ihn?"

"Ja, Herr. Er ist wohl das beste Pferd, das ich je gesehen habe."

"Selbst Marcus Aurelius reitet einen meiner Hengste."

Das Gespräch über Pferde wurde fortgesetzt, als Sklaven Schüsseln voller Früchte und süßen Gebäcks auf den Tisch stellten, und Maximus' Weinglas wurde abermals nachgefüllt. Ungefähr eine Stunde später erklärte Marcus das Mahl für beendet. "Olivia,warum zeigst Du Maximus nicht unser Anwesen? Es ist bereits dunkel aber es ist ein heiterer Abend."

"Ich gehe mit!" sagte Persius.

"Das geht schon in Ordnung, Sohn. Ich bin sicher, daß Olivia das allein schafft." Marcus warf seinem jüngsten Sohn einen bedeutungsvollen Blick zu.

Persius war nicht begeistert. "Ich wette, sie wird Maximus nicht mal den Aufzuchtstall zeigen", sagte er voller Empörung.

"Ich wette, daß sie das tut", flüsterte Flora Augusta zu und die beiden Frauen kicherten.

Maximus hielt Olivia die Vordertür auf und sie ging mit einem strahlenden Lächeln an ihm vorbei. Er hob seine Hand, ließ sie durch ihre langen Locken gleiten und beobachtete, wie diese anmutig herabfielen, um auf ihrem sanft geschwungenen Rücken zu ruhen. Der Duft eines lieblichen Rosen-Parfums stieg ihm in die Nase und plötzlich verlangte es ihn, sein Gesicht in diesen schwarzen Locken zu vergraben.

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