Kapitel 41 - Gerücht

Und wieder war eine weitere Schlacht geschlagen ... die jüngste in einem schier endlos erscheinenden Strom von Schlachten. Maximus wickelte vorsichtig die Lederstreifen ab, die dazu bestimmt waren, seine Hände und Handgelenke zu schützen, und so konnte das Blut ungehindert über seine Knöchel rinnen und dunkelrot von der Spitze seines rechten Zeigefingers tropfen.

"Hier, Herr", sagte Cicero, als er Anstalten machte, den tiefen Schnitt im Arm seines Generals zu reinigen, "erlaube mir, mich darum zu kümmern."

Maximus war zu müde für eine Antwort.

"Ein Arzt sollte sich das mal ansehen. Ich werde einen holen."

"Die Ärzte sind mit den Soldaten beschäftigt, die weit schlimmere Verletzungen als diese hier haben, Cicero. Störe sie nicht."

Cicero nickte, aber Maximus konnte an seinen zusammengepressten Lippen erkennen, daß er nicht einverstanden war. Maximus ließ sich in seinem Sessel nieder und ließ den verwundeten Arm auf dem Tisch ruhen, ein dickes Tuch darunter, um das Blut aufzusaugen. Cicero schob die Lampe näher heran und machte ein finsteres Gesicht, als er die klaffende Wunde im Unterarm des Generals sah, die von kurz unterhalb des Ellbogens bis unmittelbar zum Handgelenk verlief. "Wie ist das passiert?" fragte er.

"Ich bin leichtsinnig gewesen."

Ciceros Blick kreuzte kurz den von Maximus, dann wandte er sich wieder seiner Aufgabe zu. "Das bezweifle ich."

Maximus seufzte. "Zwei Angreifer haben mich gleichzeitig attackiert. Einer schlug mein Schwert zur Seite und der andere ging auf mich los. Es gelang mir zwar, den schlimmsten Hieb abzuwehren, aber ich wurde trotzdem am Arm getroffen." Maximus war einen Moment still, lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen. "Wenigstens habe ich noch einen Arm," fügte er leise hinzu.

"Sind die Verwundungen unter den Soldaten schlimm?"

"Furchtbar. Die germanischen Krieger waren gut ausgerüstet und auf uns vorbereitet."

"Aber wir haben gewonnen."

"Ja ... wir haben gewonnen, aber um einen hohen Preis."

"Sind die Germanen alle tot?" fragte Cicero und fügte hinzu: "Verzeih', Herr", als Maximus leicht zusammenzuckte.

"Der Fluß ist rot von ihrem Blut. Die wenigen Überlebenden sind gefangengenommen worden und werden außerhalb des Lagers festgehalten."

"Was wird mit ihnen geschehen?"

"Sklaven. Man wird sie als Sklaven nach Rom schaffen. Arme Teufel. Es wäre besser für sie, wenn sie tot wären." Maximus winkelte den Arm an, um den Verband zu prüfen und nickte Cicero dankend zu, während er sich erhob.

"Ich bin eine Weile abgelenkt gewesen. Was ist in den letzten Tagen noch passiert, worüber ich Beschied wissen sollte?"

"Warum ruhst Du Dich jetzt nicht etwas aus, Herr?"

"Cicero ...  was bedarf meiner Aufmerksamkeit?"

Widerstrebend reichte Cicero Maximus ein Päckchen. "Dies wurde vor einigen Tagen für Dich abgegeben. Der Kurier sagte, es sei wichtig."

Maximus zog eine Augenbraue hoch und schaute seinen Diener fragend an.

Cicero zuckte mit den Schultern. "Du warst beschäftigt, Herr."

Cicero wußte, daß er entlassen war, als Maximus ihm den Rücken zuwandte und das Paket öffnete. Er sammelte seine medizinischen Instrumente zusammen und ging dann hinüber zum Schrank auf der entgegengesetzten Seite des Zeltes. Als er sich wieder umwandte, blickte er in Maximus' aschfahles Gesicht. Dieser umklammerte einen Brief und starrte vor sich hin ins Nichts. "Ist alles in Ordnung, General?" Maximus antwortete nicht.

"Herr? Herr, geht es Dir gut?" Cicero näherte sich Maximus, unsicher, was er tun sollte. "Soll ich den Arzt rufen?"

Maximus blickte seinen Diener mit glasigen Augen an und flüsterte: "Finde Quintus, schnell, und bring ihn zu mir."

Ohne ein Wort drehte sich Cicero auf dem Absatz um und verließ das Zelt. Die Bewegung seines Dieners riß Maximus aus seinem Brüten und er überflog nochmals den Brief. Nur unbestimmt nahm er die sich im Laufschritt nähernden Tritte wahr einen Augenblick, bevor Quintus, gefolgt von Cicero, durch die Öffnung des Zeltes stürmte. Maximus blickte zuerst den einen Mann an, dann den anderen und wandte sich schließlich zuerst an seinen Diener. "Cicero, pack meine gesamte Rüstung und alle meine Waffen ein zusammen mit genügend Vorräten für wenigstens zwei Wochen, dann bereite Scarto und Argento für eine Reise vor."

"Maximus, wohin willst Du?" fragte Quintus besorgt und verblüfft. "Was ist passiert?"

Maximus holte tief Luft. "Erinnerst Du Dich an General Avidius Cassius ... Kommandeur der Legionen des Ostens?"

Quintus nickte.

"Er hat sich selbst zum Kaiser erklärt."

"Was?" fragte ein sichtlich schockierter Quintus. "Marcus Aurelius ..."

"Ist am Leben, anscheinend. Er ist irgendwo im Süden ... vielleicht in Ägypten ... aber es scheint, daß Cassius ein Gerücht zu Ohren gekommen ist, wonach der Kaiser tot sei, und er hat sich selbst zu Imperator ernannt, obwohl er weit von Rom weg ist, wo sich alles in Aufruhr befindet. Cassius ist ein mächtiger Mann, Quintus, er könnte versuchen, die Kontrolle über das Imperium zu erlangen, selbst wenn er die Wahrheit über Marcus Aurelius erfährt. Möglicherweise hat er selbst das Gerücht in die Welt gesetzt - als Entschuldigung für sein eigenes Handeln. Marcus braucht Unterstützung und ich muß ihm helfen."

"Wer hat Dir den Brief geschickt?"

Maximus zögerte leicht. "Seine Tochter."

"Weiß sie, wo er ist?"

"Nein, nicht genau, aber sie weiß, daß er am Leben ist. Ich bin mir nicht sicher wieso. Der Brief nennt keine Einzelheiten, Quintus. Lucilla wünscht, daß ich die Armee stabilisiere und Marcus den moralischen und militärischen Beistand verschaffe, den er benötigt, um die Kontrolle über das Reich behalten zu können."

"Ich gehe mit Dir, Maximus. Du kannst das unmöglich allein machen."

"Nein, Quintus, Du bist mein Stellvertreter, und ich brauche Dich hier, damit Du Dich während meiner Abwesenheit um alles kümmerst. Ich übergebe Dir meine gesamte Autorität, jede Situation nach Deinem Gutdünken zu entscheiden, und ich sende entsprechende Briefe an alle Generäle unter meinem Kommando. Versuche, Zusammenstöße zu vermeiden, bis ich wieder zurück bin und stelle sicher, daß die Stämme meine Abwesenheit nicht bemerken, aber unternimm die entsprechenden Schritte, falls die Lage bedrohlich werden sollte. Ich übergebe Dir die volle Befehlsgewalt über die nördlichen Legionen, verstehst Du das? Sprich zu niemand darüber, wohin wir gehen und warum. Ich werde es ihnen mitteilen, wenn wir unterwegs sind."

"Wenn Marcus Aurelius so dringend Hilfe braucht, dann wird doch  sicherlich irgendjemand - zumindest physisch - näher sein, um ihm beizustehen? Es könnte Wochen dauern, bis Du dort ankommst..."

"Er vertraut mir, Quintus. Zu einer Zeit, in der er nicht weiß, auf wen er wirklich zählen kann, weiß er, daß er mir vertrauen kann."

Quintus nickte und legte seine Hand auf die Schulter seines Freundes. "Es tut mir so leid, daß das gerade jetzt passieren muß, Maximus. Ich weiß, daß Du eine Reise nach Hause geplant hattest, um Deine Familie zu besuchen."

Maximus schaute zu Boden und nickte.

"Wie alt ist der kleine Marcus jetzt?"

"Er ist zwei." Ein kurzes Lächeln huschte über Maximus' Gesicht. "Olivia berichtet mir, daß er schon läuft und den ganzen Tag plappert." Das Lächeln verschwand wieder. "Ich habe ihn nicht mehr gesehen, seit er ein Neugeborener war." Maximus fuhr sich mit der Hand durch das kurze Haar. "Marcus Aurelius und das Imperium sind wichtiger als alles andere."

Quintus war sich nicht sicher, ob er einen Anflug von Bitterkeit aus diesen Worten hörte.

Im Morgengrauen verließ Maximus an der Spitze der gesamten Kavallerie von Felix III das Lager und sie ritten in schnellem Tempo Richtung Süd-Osten. Nach Lucillas Angaben sammelte Cassius seine Truppen in Moesia am Schwarzen Meer und Maximus beabsichtigte, ihn dort zu stellen in der Hoffnung, Marcus die Zeit zu verschaffen, die er benötigte, um nach Rom zurückzukehren und seine Prätorianer neu zu ordnen.

Das Wetter war günstig, und die Straßen nach Süd-Osten breit und sicher, so daß Maximus und seine Kavallerie sich nach weniger als zwei Wochen dem Lager von General Cassius näherten - die wehende Fahne der Legion Felix III und die Standarte  mit dem goldenen Adler Roms kündigten ihre Ankunft an. Trotz der Hitze trug Maximus seine volle Generalsuniform einschließlich der beiden Wolfspelze über den Schultern und dem schweren Brustpanzer mit dem Wolfskopf. Er wandte sich an die Wachen vor dem Tor und bot seine tiefste, am meisten Autorität heischende Stimme auf. "Sag General Cassius, daß Maximus, der Kommandeur der Legionen des Nordens hier ist und ihn sprechen möchte." Eine der Wachen stolperte augenblicklich davon, um seine Bitte auszuführen, während die anderen Maximus und die voll gerüstete Kavallerie hinter ihm lediglich schockiert anstarrten. Einige neugierige Soldaten versammelten sich auf der Innenseite der Lagerpalisaden, und Maximus hörte, wie sein Name wiederholt wurde.

Scarto schnaubte und scharrte wie zur Antwort.

Die Wache kam zurück und sagte zu Maximus: "Du kannst hereinkommen, General, aber Deine Männer müssen draußen bleiben."

"Meine Männer bleiben bei mir."

"Der Imperator wird das nicht erlauben, Herr."

"Der Imperator?" Maximus' Worte trieften vor Sarkasmus. "Dann sag General Cassius, er möge 'rauskommen und mich hier treffen."

"Das wird er nicht tun, General."

"Nun ... dann haben wir wohl ein Problem, nicht wahr?" antwortete Maximus, stützte einen Ellbogen auf sein Knie und lehnte sich zu der Wache hinab, während er dem Mann ins Gesicht starrte. Er senkte seine Stimme bis sie nur noch einem tiefen Knurren gleich war. "Frage Deinen General, ob er vor hat, einen Bürgerkrieg auszulösen. Meine Legionen sind den seinen zahlenmäßig weit überlegen, und sie können in wenigen Wochen hier sein."

Die Wache schluckte und verschwand abermals ohne ein Wort. Maximus richtete sich in seinem Sattel wieder auf und starrte gerade vor sich hin, die Zügel in der linken Hand, seinen bandagierten Arm locker auf das Knie gestützt. Er redete sanft auf Scarto ein, und der Hengst stand unbeweglich wie eine Statue. Köpfe tauchten über der Mauer des Lagers auf und starrten ihn an, aber er ignorierte sie.

Die Wache kam zurück. "Ihr könnt eintreten, Du und Deine Männer, General."

Maximus nickte kurz und ritt durch das Tor, dicht gefolgt von seiner Kavallerie. Ein kurzer Blick sagte ihm, daß das Lager schwer befestigt war. Cassius war auf Ärger vorbereitet ... und vielleicht erwartete er ihn sogar.

Und dieser Ärger war eben eingetroffen - auf dem Rücken eines schimmernd schwarzen Hengstes.

Kapitel 42 - Cassius

Cassius war bemüht, eine unbeteiligte Miene aufzusetzen. "Komm herein, General, sagte er und streckte seine Hand einladend in Richtung der Zeltöffnung aus.

Obwohl Maximus misstrauisch war, hatte er dennoch nicht den Eindruck, sich in einer unmittelbaren Gefahr zu befinden und trat vor Cassius durch den Eingang, nachdem er den Mann kurz abgeschätzt hatte. Sie waren ungefähr von gleicher Größe, aber Cassius war dünn, erstaunlich für einen Soldaten. Maximus schätzte sein Alter auf ungefähr fünfundvierzig, da sein feines braunes Haar bereits teilweise von grauen Strähnen durchzogen  und sein Gesicht von vielen in der Sonne verbrachten Jahren gezeichnet war. Er war glatt rasiert mit wachsamen Augen unter buschigen Brauen, die in seinem mageren Gesicht irgendwie fehl am Platz wirkten. Er hatte nicht die Zeit gehabt, sich auf Maximus' Besuch vorzubereiten und hatte hastig eine vergoldete Lederrüstung über etwas angelegt, das wie eine seidene Tunika aussah - eine seltsame Zusammenstellung, um es noch vorsichtig auszudrücken. Seine dünnen Beine waren nackt und seine Füße steckten in Sandalen.

Cassius lachte. "Offenbar kommen wir wirklich aus verschiedenen Teilen der Welt, General. Es ist verdammt heiß hier im Sommer und feucht. Viel Sonne, für die Du allerdings mit der Hitze bezahlen mußt. Es muß wohl beträchtlich kälter sein, wo ..."

Maximus schnitt ihm das Wort ab. "Ich bin nicht hier, um das Klima mit Dir zu diskutieren ... General."

"Nein, nein. Da bin ich sicher. Ich habe viel von Dir gehört, Maximus ... Ich hoffe, Du hast nichts dagegen, daß ich Dich so nenne."

"Ich würde es vorziehen, wenn Du es nicht tätest."

"Oh ... nun ...General ... möchtest Du Dich setzen?" Cassius schien irgendwie nervös zu sein, was Maximus wunderte. War es der Schock des plötzlichen Besuches oder Maximus' reichlich unverfrorenes Auftreten, das den Mann aus der Fassung brachte?

"Bevor ich das tue, General Cassius, laß mich eins ganz klar machen. Ich diene Marcus Aurelius, dem römischen Imperator."

"Marcus Aurelius ist tot, General."

"Das ist nicht wahr."

"Oh? Und hast Du ihn kürzlich gesehen?" Cassius hatte sein Selbstvertrauen wiedergefunden.

"Nein, nicht mit eigenen Augen, aber man hat mir versichert, daß er am Leben und wohl auf ist."

"Ich habe genau das Gegenteil gehört, General, und irgendjemand muß die Kontrolle übernehmen, um in diesen Zeiten das Chaos zu vermeiden. Da ich der dienstälteste Kommandeur in der Armee bin, hielt ich es für angebracht ... "

"Du hast falsch gedacht. Es ist vollkommen unangebracht."

Cassius' Selbstvertrauen wandelte sich in Ärger. "Ich dachte, daß ein Militärangehöriger wie Du selbst einen solchen Schritt verstehen würde, General. Die Führung Roms kann nicht an Marcus' Sohn, Commodus, fallen."

"Da stimme ich Dir zu, General", sagte Maximus. "Aber es gibt angemessene und unangemessene Wege, die Machtübernahme zu vollziehen, und das erste, das man tun muß, ist absolut sicher zu stellen, daß der alte Führer tot ist ... und sich nicht nur auf ein Gerücht verlassen."

"Und inzwischen hat irgend so ein Idiot in Rom die Macht an sich gerissen ..."

"Wenn das geschehen sollte, dann müßte die Armee zu diesem Zeitpunkt handeln. Nicht früher."

Cassius betrachtete Maximus von oben bis unten bewußt langsam, ein leichtes Grinsen im Gesicht.

"Du bist noch ziemlich jung, nicht wahr?" Er umkreiste Maximus und betastete den kostbaren Pelz. "Hast Du die Absicht, mich hiermit zu beeindrucken?"

Maximus antwortete nicht.

Cassius schaute ihm abermals ins Gesicht. "Ein Geschenk von Marcus Aurelius?" Die beiden Männer standen sich Auge in Auge gegenüber. "Du bist der Auserwählte, stimmt's, Maximus? Ein Spanier, weit über seine Stellung im Leben hinaus erhoben."

Maximus lächelte leicht. "Fürchtest Du mich, General?"

"Nicht im Geringsten."

Maximus näherte sich ihm so weit, daß ihre Nasen sich praktisch berührten und knurrte ihn buchstäblich an: "Das solltest Du aber."

"Ist das eine Drohung?"

"Das kannst Du verstehen wie Du willst."

"Du bist ein Narr, General, wenn Du denkst, Du könntest in mein Lager geritten kommen und mir drohen. Was denkst Du, wer Dich beschützen wird? Deine Kavallerie? Sie sind zahlenmäßig weit unterlegen. Ich würde sagen, das macht Deine Lage schwierig, sogar äußerst schwierig."

"Wenn Du mir in irgendeiner Weise Schaden zufügst, werden die nördlichen Legionen sich auf Dich stürzen und Dich und diejenigen, die Dich unterstützen, wie die Lämmer abschlachten. Bedenke das, bevor Du irgendetwas Unüberlegtes tust."

"Und wie sollen sie es erfahren, daß Du tot bist? Wer soll ihnen davon berichten, wenn auch Deine Männer alle tot sind?"

Ein Grinsen zeigte sich auf Maximus' Gesicht. "Sie werden es wissen, General. Sie werden es wissen." Maximus warf seinen Kopf in den Nacken und blickte auf Cassius herab, die Hände in die Hüften gestemmt, seine kräftigen Beine gespreizt. "Wenn Du es auch nur in Erwägung ziehen solltest, Deine Legionen nach Rom zu führen, um die Macht in der Stadt zu übernehmen, dann würde ich mir das noch einmal gut überlegen. Meine Legionen werden Dich aufhalten, und meine Männer sind den Deinen an Zahl weit überlegen."

Cassius lachte plötzlich auf. "Du scheinst großes Vertrauen in die Treue Deiner Männer zu setzen, General. Nach meiner Erfahrung neigen Soldaten dazu, ihre Treue blitzartig auf die Seite der Macht zu übertragen. Sie wollen lediglich bezahlt werden und es ist ihnen gleichgültig, welcher Kaiser sie bezahlt."

"Ich glaube, da unterschätzt  Du die Integrität der Männer in der römischen Armee gewaltig, General."

Wut wallte in Cassius' Gesicht auf. "Wie kannst Du es wagen, mich über die Armee zu belehren, Spanier! Ich bin in Rom geboren und aufgewachsen ... ein echter römischer Bürger.

Ich diente Rom bereits bevor Du geboren warst!" Er kämpfte hart, wieder die Kontrolle über sich zu erlangen. "Oh, ich habe von Deinen Methoden gehört, sich Treue zu erkaufen, Spanier. Alle diese ... Verbesserungen ... die Du in Deinen Lagern eingeführt hast. Nun, Spanier, laß mich Dir sagen, daß Deine Männer sich von Dir ohne Zögern abwenden werden, wenn ihnen nur jemand ein besseres Angebot macht. Es gibt nur einen Weg, Treue in der Armee sicherzustellen."

"Würde es Dir etwas ausmachen, mich darüber aufzuklären, General?"

"Furcht! Furcht!" schrie Cassius, das Gesicht verzerrt und hässlich. "Strafe!"

"Und wer vollzieht diese Bestrafung, Cassius?" Maximus stieß den Namen wie einen Fluch hervor.

"Meine Helfer, natürlich!" Cassius schien momentan verwirrt zu sein.

"Und wie sicherst Du Dir die Hilfe Deiner Helfer, Cassius?"

Cassius blieb stumm.

"Du kaufst sie natürlich mit Geld oder Macht." Maximus' Lächeln spiegelte sich nicht in seinen Augen wieder. "Ein fehlerhaftes System, um auf Nummer Sicher zu gehen, Cassius. Denn ... um Deine eigenen Worte zu gebrauchen ... es bedarf nur eines besseren Angebotes und sie sind weg. Meine Männer unterstützen mich, weil ich gerecht bin und mich um sie sorge. Ich führe durch mein Beispiel und ich bin Rom und seinem Kaiser, Marcus Aurelius, treu - nicht irgendeinem machthungrigen General. Meine Männer empfinden genau so. Du könntest ihnen allen Reichtum und alle Macht Roms bieten, und Du würdest sie nicht in Versuchung bringen."

"Wie edel. Wirklich, wirklich edel." Cassius saß in einem kunstvoll geschnitzten Sessel und legte die Füße auf den Tisch, um so einen sorglosen Eindruck zu vermitteln. "Und was ist mit Dir, Spanier? Du hast Ehrgeiz, ansonsten wäre ein Mann von so niederer Herkunft wie Du niemals an der Stelle, wo Du heute bist. Kannst Du mir in die Augen blicken und ernsthaft behaupten, daß Du nie an eine Zukunft als politischer Führer gedacht hast, wenn sich die Möglichkeit ergeben sollte?" Cassius grinste. "Du bist nur ärgelich, weil ich Dich durchschaut habe."

"Mein einziger Ehrgeiz besteht darin, Cassius, nach Spanien zurückzukehren zu meiner Frau, meinem Sohn und meinem Hof. Aber zuvor werde ich all meine Fähigkeiten einsetzen, um Rom nach besten Kräften zu dienen."

Cassius goss sich ein Glas Wein ein, ohne jedoch auch Maximus eines anzubieten, der immer noch stand. "Wie bescheiden Du bist, Spanier." Cassius kippte den Wein hinunter und goss sich nach. "Lieben Dich Deine Männer deshalb so sehr? Wegen Deiner Bescheidenheit?"

"Liebe? Respekt wäre zutreffender, Cassius, und es ist gegenseitiger Respekt. Ich erkenne an, daß sie genau die gleichen Sehnsüchte und Ängste haben wie ich selbst. Ich bin einer von ihnen. Marcus Aurelius weiß, wer ich bin ... was ich bin. Er war scharfsinnig genug, Dinge in mir zu sehen, die mir selbst nicht bewußt waren."

"Aha ... und was hat der ehemalige Imperator in Dir gesehen, Spanier?"

"Alle jene Eigenschaften, die er in einem Mann am meisten bewundert. Ehrlichkeit, Ausdauer, Geduld, Gerechtigkeit, Treue, er hat in mir keinen Ehrgeiz gesehen, Cassius, weil es ihn nicht gibt." Maximus lehnte sich mit der Hüfte gegen den Tisch, dicht an Cassius' Füßen, und verschränkte die Arme vor der Brust. "Aber Ehrgeiz ist alles, was ich in Dir sehe. Nicht mehr. Marcus Aurelius hätte Dich niemals zu seinem Nachfolger erwählt, Cassius." Maximus streckte die Arme aus, stützte sich nach vorn auf den Tisch und schaute Cassius direkt in die Augen. "Ich habe keinerlei Interesse daran, einmal selbst ein politischer Führer zu sein, General, aber mir liegt alles daran zu verhindern, daß ein Mann wie Du - der nicht eine einzige jener Qualitäten besitzt, die der Kaiser so bewundert - jemals die Macht übernimmt. Da könnte ich genauso Commodus als neuen Kaiser anerkennen."

Cassius' Gesicht war weiß vor Zorn, seine Lippen zusammengepresst in einer schmalen geraden Linie. "Ich könnte Dich hier auf der Stelle töten lassen."

"Das könntest Du, aber das wirst Du nicht. Dazu bist Du zu klug." Maximus richtete sich auf und lachte. "Sag mir, Cassius, welche Treue hältst Du für am stärksten? Treue, die auf gegenseitigem Respekt und Bewunderung oder jene, die auf versprochenen Reichtümern beruht?" Seine Stimme bekam einen tötlichen Ernst. "Ich warne Dich, General. Du solltest mich niemals unterschätzen."

Maximus streckte sich und gähnte. "Nun, General, ich bin ziemlich müde und wäre Dir dankbar, wenn Du mir mein Quartier zeigen lassen würdest. Ich wünsche, daß man sich auch um meine Männer und Pferde kümmert. Und ... ," Maximus deutete mit dem Kopf auf einen Vorhang ... , "Deine Wachen können jetzt ruhig 'rauskommen. Du bist sicher ... wenigstens im Augenblick."

Kapitel 43 - Claudius

"Pssst ... General?"

Maximus drehte sich auf seinem Feldbett um und fragte sich, was für ein Lärm ihn wohl aufgeweckt habe. Er setzte sich auf, starrte in die Finsternis und lauschte angestrengt.

Die geflüsterten, dringlichen Worte drangen abermals an sein Ohr. "General Maximus. Wach auf, Herr."

Maximus schaute in Richtung der schwarzen Wand seines Zeltes, dann blickte er zur Öffnung des Zeltes, wo er die Silhouetten der vier bewaffneten Wachen im Mondlicht ausmachen konnte. Er glitt von seinem Lager, kroch über den Boden, setzte sich dann im Schneidersitz neben die Rückwand und wartete wieder auf die Stimme.

"Pssst. General, bitte ..."

"Ich bin hier", flüsterte Maximus zurück. "Wer bist Du?"

"Oh." Die flüsternde Stimme schien erleichtert. "Ich bin Claudius Silvanus, Herr. Ich habe acht Jahre in Felix VI gedient und ich kenne Dich."

"Und?"

"Herr, ist Marcus Aurelius wirklich tot?"

"Nein ... er lebt", antwortete Maximus vorsichtig. War dieser Mann geschickt worden, um ihn in eine Falle zu locken?

"Bist Du hier, um Cassius aufzuhalten, Herr?"

Maximus blieb stumm.

"Herr?"

"Woher weiß ich, daß ich Dir trauen kann? Woher weiß ich, daß Du der bist, der Du zu sein behauptest?"

"Ich habe erwartet, Herr, daß Du skeptisch sein würdest, daher habe ich einen Beweis mitgebracht. Ich wurde mit einer Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet in der Schlacht gegen die Germanen bei Castra Regina. Ich schiebe sie unter der Zeltwand durch."

Maximus spürte das Zerren an der Leinwand und tastete im Dunkeln, bis er das runde, kühle Stück Metall greifen konnte. Er mußte es nicht erst sehen. Seine Finger spürten den vertrauten Linien nach, und er wußte, daß es echt war. Er flüsterte: "Gratuliere, Claudius. Womit hast Du die hier verdient?"

"Ich habe General Avitus das Leben gerettet, indem ich einen Schwertstreich auffing, der für ihn bestimmt war. Nach meiner Heilung hat mir die Kälte sehr zu schaffen gemacht - meine Knochen haben fürchterlich geschmerzt - und so bin ich hierher versetzt worden. Es ist hier nicht das gleiche. Ich hasse es. General Cassius behandelt seine Männer nicht so wie Du. Für ihn sind wir nur Teil der Ausrüstung. Er sorgt nicht für uns wie Du es getan hast, Herr."

Maximus schaute wieder zum Eingang. Die Wachen hatten sich nicht gerührt. "Du bist von mittlerer Größe und Statur, mit hellem Haar und einer Narbe auf der linken Wange. Stimmts?"

Claudius schnappte nach Luft. "Du erinnerst Dich an mich, General? Du bist mir nur einmal begegnet und das auch nur kurz."

"Schhhh, Claudius, leise. Ich habe einen Sinn für Einzelheiten. Manchmal ist es ein Vorteil, manchmal nicht. Warum setzt Du Dein Leben aufs Spiel, um mit mir zu sprechen, Soldat?"

"Ich bin hier, um Dir meine Dienste anzubieten, Herr. Ich konnte es einfach nicht glauben, als ich Dich heute ins Lager reiten sah, und ich wußte, die Götter hatten Dich geschickt, um uns zu retten. Ich tue alles, was ich kann, um Dir zu helfen."

"Euch zu retten? Vor was zu retten?"

"Cassius. Das Leben ist hier nie gut gewesen, Herr. Nicht wie es mit Dir war. Aber seit er sich zum Imperator ernannt hat, ist es noch viel, viel schlimmer geworden."

"Was meinst Du damit?"

"Weder die Legion noch die Armee interessieren ihn mehr. Alles was er tut ist, Männer zu suchen, die ihn unterstützen und jene zu töten, die sich ihm in den Weg stellen.  Wenn Du hier bist, Herr, um ihn aufzuhalten, dann ist Dein Leben in großer Gefahr. Dutzende von Soldaten sind einfach verschwunden und vor drei Wochen kreuzigte er zwei unserer besten Centurios, weil sie es wagten, ihm offen zu widersprechen. Er ließ ihre Körper auf den Keuzen, bis sie in der Sonne verrotteten, als Warnung für die Übrigen von uns. Die meisten von uns hier unterstützen Marcus Aurelius, wenn er noch am Leben sein sollte, aber wir hatten viel zu viel  Angst, bevor Du ankamst."

"Wieviele gibt es hier noch wie Dich?"

"Viele, Herr. Sie wissen bereits alles über Dich, weil ich ihnen erzählt habe, wieviel besser mein Leben war, als ich noch unter Dir im Norden diente. Wir unterstützen Dich, General Maximus, was immer Du zu tun entscheidest."

"Gibt es irgendwelche höheren Offiziere, die so fühlen wie Du? Irgendwer aus seinem inneren Kreis? Irgendwer, dem er meint vertrauen zu können? Wie Du ja siehst, wird jede meiner Bewegungen beobachtet."

"Ich weiß von einem ... vielleicht."

"Ich muß mit ihm sprechen, ohne Verdacht zu erregen. Glaubst du, daß Du mir dabei helfen kannst?"

"Ich kann es versuchen, General."

"Claudius, hör mir zu. Wenn man Dich erwischt, bedeutet das den Tod für Dich, für mich und für alle meine Männer. Verstehst du das?"

"Ja, Herr. Vollkommen."

"Dann hör mir aufmerksam zu. Morgen werde ich mit Cassius und seinen Offizieren zu Abend speisen. Jener Mann wird höchstwahrscheinlich dort sein, und er muß mir ein Zeichen geben, wenn er bereit ist, mir zu helfen, Cassius' Pläne zu vereiteln."

"Was für ein Zeichen, Herr?"

Maximus dachte einen Augenblick nach. "Sage ihm, er soll den Mittelfinger seiner rechten Hand über den Zeigefinger kreuzen, aber nicht zu offensichtlich. Ich werde es sehen. Claudius, wende Dich an keinen Mann, dem Du nicht vollständig vertraust. Das darf nicht zu Cassius zurückgelangen."

"Ich verstehe, Herr."

"Erstatte mir wieder Bericht heuteabend, nachdem es dunkel geworden ist. Und Claudius ..."

"Herr?"

"Danke."

"Es ist mir eine Ehre, Herr. Glaube mir. Es tut mir leid, daß ich Deinen Schlaf unterbrochen habe."

Maximus lächelte in die Dunkelheit und tappte zurück zu seinem Lager. Er hatte sich eben rechtzeitig wieder ausgestreckt, bevor eine der Wachen ihren Kopf in das Zelt steckte, um nach dem leisen knarrenden Geräusch zu schauen. Zufrieden, daß alles in Ordnung war, kehrte die Wache auf ihren Posten außerhalb des Zeltes zurück. Maximus holte tief Luft und verschränkte die Arme hinter dem Kopf, während er seinen nächsten Schritt plante.

        Kapitel 44 - Julia

Der Geruch von Speisen und der Klang von Musik und Gelächter wehten bereits zu Maximus und seinen Bewachern herüber noch bevor sie das Prätorium betreten hatten. Er hatte die Einladung zum Abendessen in der Hoffnung angenommen, dort einen ersten Kontakt zu einem Mann aus Cassius' innerem Kreis herstellen zu können, der ihn bei seiner Mission unterstützen würde, Cassius' verräterische Absichten zu vereiteln. Als Maximus den Vorhang im Eingang zu Cassius' Zelt beiseite schob, hielt er so plötzlich inne, daß die vier abgelenkten Männer hinter ihm übereinander stolperten und Flüche über gequetschte Fersen und Zehen vor sich hin murmelten. Verärgert wandte Maximus sich an sie. "Ich habe immer noch nicht herausfinden können, wer es nun eigentlich ist, den ihr beschützt, aber ich versichere Euch, daß mir in dieser Nacht von Cassius keinerlei Gefahr droht und auch ihm nicht von mir. Bleibt also draußen!"

Maximus trat ein und ließ den schweren Vorhang hinter sich fallen. Augenblicklich wurde er verschlungen von einem Gewirr von Geräuschen und einer Mischung von Gerüchen, wie er sie noch nie so in einem Lager der Armee erlebt hatte. Alle seine Sinne waren plötzlich alarmiert. Zuerst nahm er die Düfte war. Die dicke, feuchte Luft war angefüllt mit dem Geruch gewürzter Speisen und schweren Weines sowie dem berauschenden Duft von Jasmin und Rosenwasser. Durch den Dunstschleier zu seiner Linken sah er mit Speisen und Getränken beladene Tische. Dahinter, vom übrigen Raum abgetrennt durch einen undurchsichtigen Vorhang, spielten Musikanten auf Holzinstrumenten und boten süße Hintergrundmusik dar für die lebhafte Unterhaltung, die von Lachen, Rülpsern und spitzen Schreien unterbrochen wurde. Hinter einem durchscheinenden Vorhang zu seiner Rechten konnte Maximus unbestimmte menschliche Gestalten ausmachen, die ganz offensichtlich nicht alle männlich waren. Er machte einen Schritt vorwärts und schob den hauchdünnen Vorhang beiseite, der für Augenblicke hin und her wehte, bevor er wieder hinter ihm seinen Platz einnahm. Er hielt nochmals inne, damit sein Verstand aufnehmen konnte, was seine Augen sahen. Das war es also, dachte er. Das war es,  womit Cassius sich Loyalität erkaufte.

Überall sah er Männer und Frauen in verschiedenen Stadien von Unbekleidetsein und beschäftigt mit sexuellen Handlungen aller Art - völlig hemmungslos und unbesorgt um irgendwelche Privatsphäre. Körper wanden sich auf weichen Pelzen und behaglichen Kissen sowie auf Sofas, die keine Rückenlehnen hatten, um so das intime Beisammensein zu erleichtern. Er beobachtete, wie eine Frau auf ihre Knie fiel und fortfuhr, einen Tribun zu befriedigen, während dieser sich weiter mit einem Mann unterhielt, der ausgestreckt auf dem nächsten Ruhebett lag und Speisen aß, die ihm Stück für Stück von einer vollständig nackten Frau in den Mund gesteckt wurden. Zwischen einzelnen Bissen und Gesprächsfetzen  tauschte das Paar feuchte, fettige Küsse aus. Einige Männer ignorierten die fleischlichen Aktivitäten und zogen es vor, die Speisen zu kosten oder sich nur einfach mit ihren Offizierskameraden zu unterhalten. Diener mit Speisen und Getränken bewegten sich frei zwischen den Gästen, offenbar blind und taub für die sexuellen Handlungen um sie herum.

Maximus schätzte, daß sich ungefähr fünfzehn Männer in dem Raum aufhielten und mindestens zwanzig Frauen. Und was für Frauen. Sie waren umwerfend ... jede von ihnen ... ganz offensichtlich keine Huren aus den umliegenden Dörfern. Alle waren hochgewachsen und schlank, jedoch üppig und mit langem, seidigem Haar, das in Wellen über ihre Rücken bis zu den Hüften hinabfiel.

Trotz der überwältigenden Ablenkung war Maximus entschlossen, seine Mission für den heutigen Abend durchzuführen ... einen Offizier mit gekreuzten Fingern zu finden. Er begab sich in Richtung der aufgetischten Speisen, die relative Sicherheit boten, denn er konnte dort verweilen, ohne Verdacht zu erregen, während er mit seinem Blick den Raum absuchte. Drei große Tische ächzten unter dem Gewicht der Platten mit Fleisch, Gemüse, Früchten, Käse, Brot und Fisch ... ein Festmahl wie er es seit seinem Hochzeitstag nicht mehr gesehen hatte. Dutzende von Weinflaschen waren geöffnet und konsumiert worden und Dutzende weiterer warteten darauf, an die Reihe zu kommen.  Ein Diener bot ihm ein Tablett dar, als er sich dem Tisch näherte, und Maximus dankte ihm mit einem Lächeln. Dann machte er sich ein Gewerbe daraus, das Angebot in Ruhe zu begutachten, sorgfältig einige ansprechende Speisen auszuwählen und jeden Mann in der Umgebung mit einem Kopfnicken zu grüßen, während er die Augen senkte, um verstohlen einen Blick auf seine Hände zu werfen. Er umkreiste jeden Tisch mindestens zweimal und bemerkte, daß er bereits zu lange verweilt hatte, als die Speisen von seinem überladenen Teller zu rutschen drohten.

"Hungrig, General?" Es war Cassius.

Maximus blickte so schnell auf, daß der Teller in seiner Hand sich neigte, und Fleisch und Gemüse auf den Boden purzelten, um in einem matschigen Haufen auf den Zehen seiner in Stiefeln steckenden Füße zu landen. Die schöne blonde Frau, die an Cassius Arm hing, trat schnell vor und ergriff den Rand seines Tellers, bis Maximus sein Gleichgewicht wieder erlangt hatte. Er nickte ihr dankend zu, und sie entblößte all ihre perfekten weißen Zähne in einem umwerfenden Lächeln, bevor sie an ihren Ausgangsort zurückkehrte.

"General", Maximus' Ton war leicht sarkastisch, "Du hast mir nicht gesagt, daß ich besser eine Begleitung mitgebracht hätte."

Cassius lachte. "Oh, das ist hier nicht nötig. Ich sorge für meine Freunde. Ich sorge mich um alle ihre Bedürfnisse", sagte Cassius, während er Wein in einen verzierten Kelch goss und diesen Maximus in seine freie Hand drückte.

"Das sehe ich." Maximus schaute abermals auf die Paare, wurde aber sofort abgelenkt durch zwei Frauen, die sich ihm mit schwingenden Hüften näherten, ihre langen Beine vollständig entblößt zwischen den Falten ihrer durchsichtigen Tuniken, die Brüste gegen den Stoff gepresst, um einen tiefen Einblick in ihren Busen und auf ihre rotgefärbten Brustwarzen zu bieten. Jede von ihnen ergriff einen seiner Arme, so daß der Wein sich über seine Hand ergoss und die Truthahnkeule zu Boden fiel.

"Ohhh ... General"! kreischte die eine, als sie in seinen Bizeps kniff. "Du bist wirklich das bestaussehendste Etwas, das mir seit langem unter die Augen gekommen ist!" Sie senkte ihren Kopf und blickte zu ihm auf , wobei sie mit ihren langen Wimpern klapperte. "Aber Du trägst viel zu viel Kleidung." Ihre Hände griffen nach den Schnallen an der Seite seines ledernen Brustpanzers.

Maximus' Gesicht wurde augenblicklich von einer Hand an seiner Wange zur anderen Seite gezogen und eine rauchige Stimme sagte: "Hungrig, General ... auf irgendetwas?" Er blickte hinab in dunkel umrandete grüne Augen.

"Danke, meine Damen, aber ich kann recht gut für mich selbst sorgen." Er drehte seine breiten Schultern und verschüttete noch mehr Wein und Speisen bei dem Versuch, sich aus ihrem Griff zu befreien.

"Nicht interessiert an den Frauen, General?" Mit einer Bewegung seines Kopfes schickte Cassius die enttäuschten Weiblichkeiten weg. "Das überrascht mich sehr."

"Im Moment bin ich nur hungrig auf Essen", antwortete Maximus und hoffte, daß es überzeugend klang. "Trotzdem ... tolle Frauen. Sind es Einheimische?"

"Oh je, nein. Sie sind Sklavinnen. Die schönsten im ganzen Imperium, jede von mir persönlich ausgewählt oder gezüchtet."

"Gezüchtet?" Maximus war bemüht, sich den Schock nicht anmerken zu lassen.

"Ja. Es ist in der Tat eine Wissenschaft für sich ... ähnlich wie die Zucht von Pferden. Wenn ich Du wäre, General, würde ich die Gelegenheit nutzen. Sie sind darauf trainiert, Männern Vergnügen zu verschaffen, und sie machen alles, was Du willst ... alles." Cassius trat zurück und gab Maximus einen Schlag auf die Schulter, wodurch sich der bereits auf dem Boden vorhandene matschige Haufen weiter vergrößerte, und er seiner Begleiterin ein Kichern entlockte.

"Iss auf, General, und stürz Dich dann in die Party. Such Dir jede aus, die Du nur möchtest, auch wenn sie mit einem anderen Mann zusammen ist. Du bist heute der Ehrengast hier!" Während dessen zwang er die Frau neben sich, den Mund zu öffnen und rammte seine Zunge tief in ihre Kehle. Maximus sah, wie sich die Muskeln an ihrem Hals verkrampften, und sie kurz würgte, bevor sie sich wieder unter Kontrolle hatte und auf gleiche Weise reagierte. Cassius' Hände glitten über ihren Hintern und drückten ihr helles Fleisch, während er sie gegen seine Hüften presste.

Als Cassius die Frau aus seiner Umarmung entließ, war Maximus bereits zurück am Tisch und reichte seinen Teller einem Diener ... der Appetit war ihm gänzlich vergangen. Mit gesenktem Kopf schaute er Cassius unter den Augenbrauen hervor an und stellte mit Befriedigung fest, wie das Gesicht des Mannes vor Ärger zuckte, daß sein Gast nicht bis zum Ende der Vorstellung geblieben war.

Maximus nahm einen Schluck Wein und überdachte, was er eben gelernt hatte. Cassius kaufte und züchtete diese Schönheiten für ein Leben sexueller Knechtschaft. Irgendwo in Rom hatte er vermutlich einen geheimen Vorrat kleiner Mädchen, die bereits darauf trainiert wurden, die Plätze dieser Frauen einzunehmen, wenn sie zu alt , schwanger oder krank würden. Maximus fröstelte vor Ekel trotz der Hitze. Er starrte gerade vor sich hin, blickte ins Unbestimmte und versuchte, die sich windenden Körper am Rande seines Blickfeldes auszublenden. Erfüllt von Ekel und Abscheu drückte er einem Diener seinen Weinkelch in die Hand und machte sich auf den Weg zur Tür. Er wollte gehen.

Er hatte fast den durchsichtigen Vorhang am Eingang erreicht, als eine weibliche Stimme ihn von hinten rief. "General? Genießt Du die Party nicht?"

Maximus wandte sich um und fand sich einem üppigen Rotschopf gegenüber,  den er zuvor in den Armen eines grauhaarigen Tribuns gesehen hatte. "Nein", sagte er schlicht und machte Anstalten sich abzuwenden.

Sie griff nach seinem Arm und zog ihn mit überraschender Kraft zurück, dann presste sie ihre Brüste gegen seinen Brustpanzer, während ihre Hand seinen Nacken liebkoste und ihre Lippen sein Ohr streiften. "Ich habe Nachrichten für Dich, Herr." Sie zog sich zurück und lächelte mit ihren korallenrot gefärbten Lippen und den unter dichten Wimpern verborgenen strahlend blauen Augen in sein überraschtes Gesicht. Sie hatte makellose, milchweiße Haut und ihr rot-goldenes Haar fiel in üppigen Wellen bis zu ihren Hüften hinab. Sie trug eine weiße, mit Goldfäden durchwirkte Tunika, die im Lampenlicht glitzerte. Diese enthüllte die Spitzen ihrer vollen Brüste und ein goldener geflochtener Gürtel umschloss sie eng an der Taille. Der weiche Stoff schmiegte sich um ihre Hüften und öffnete sich vorn, um den Blick auf ihre langen, wohlgeformten Beine freizugeben. Maximus konnte nur noch starren.

Die Frau war nur wenige Zentimeter kleiner als Maximus und sie hielt seinem Blick mühelos stand. Ihre Stimme war leicht heiser, als sie flüsterte: "Komm und setz Dich hin, General. Ich habe bemerkt, daß Du keinerlei Speise zu Dir genommen hast." Sie lächelte. "Später können wir intimer werden."

Er weigerte sich, ihr zu folgen. "Wie ist Dein Name?"

"Julia."

"Julia", wiederholte Maximus, ohne zu wissen warum.

"Ja", sagte Julia und drückte sich wieder fest an ihn. Sie hielt sein Gesicht mit einer Hand fest, während sie sein Ohr leckte, an seinem Ohrläppchen knabberte und flüsterte: "General Maximus, bitte kooperiere. Dies ist für uns beide gefährlich. Ich habe Nachrichten von Tribun Marcellus."

Maximus schlang seinen Arm um ihre Taille, legte seine rechte Hand auf ihre Hüfte und drückte sie fest an sich. Er liebkoste ihren Hals und fragte: "Welcher von ihnen ist es?"

"Groß, dünn, graues Haar und Bart, an dem mittleren Tisch mit den Speisen."

Maximus schielte hinüber zu dem Tisch durch die goldenen Strähnen ihres duftenden Haares hindurch. Der Mann, auf den diese Beschreibung zutraf, rieb mit dem Mittelfinger seiner rechten Hand über den Zeigefinger wie um sich zu kratzen, dann wandte er sich ab. Das genügte.

"In Ordnung, Julia, ich höre, was Du zu sagen hast."

Sie ließ ihre Lippen über seinen Hals gleiten, dann über seine bärtige Wange und gab ihm einen flüchtigen Kuss, bevor sie erst an seiner Unterlippe knabberte und dann  ihre Zunge über dieselbe gleiten ließ. "Wir dürfen nicht den Anschein erwecken, daß wir uns in einer Unterhaltung befinden, General, oder wir werden uns beide an ein Kreuz genagelt wiederfinden",  hauchte sie in sein Ohr. Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn weg von der Tür, aber Maximus wirbelte sie zurück in seine Arme und küsste sie leidenschaftlich, während er flüsterte: "Wie ist der Name des Mannes, der die Verbindung zu Marcellus hergestellt hat?"

Julias Stimme klang leicht außer Atem. "Claudius."

Maximus ließ seine Finger durch ihr Haar gleiten, küßte ihre Stirn und dann ihre Augen, ihre Wangen und Lippen. "Übernimm die Führung, Julia. Ich verspüre plötzlich wieder Hunger." Seine großen Hände umrahmten ihr Gesicht, während er sie anlächelte und ein blaues Augenpaar das andere traf. Ihre Hände ergriffen seine kräftigen Unterarme. Julia war zu fasziniert, um sich zu bewegen. Marcellus hatte ihr nicht gesagt, daß General Maximus so sein würde. Er war viel jünger und sehr viel attraktiver, als sie es erwartet hatte. Ihre Befürchtungen bezüglich ihrer Rolle in dieser Verschwörung wurden beträchtlich weniger. Sie fühlte sich sicher bei diesem Mann. Sie erwiderte sein Lächeln mit einem zutiefst aufrichtigen ihrerseits.

Hand in Hand näherten sie sich den Tischen. "Es ist nicht mehr viel übrig, General, aber ich weiß, was gut ist und was nicht. Hast Du etwas dagegen, wenn ich Dir einen Teller zurecht mache?"

"Keineswegs. Danke." Maximus trat einen Schritt zurück und stieß mit Marcellus zusammen. "Entschuldige, ich sollte darauf achten, wo ich hinlaufe."

"Das macht nichts, General." Marcellus streckte seine Hand aus, und Maximus ergriff sie. "Ich bin Marcellus, der ranghöchste Tribun von Imperator Cassius."

"Und ein sehr ergebener, wie ich sehe. Zufällig glaube ich, daß Marcus Aurelius noch am Leben  und wohlauf ist, und daß er immer noch der wahre Herrscher Roms ist." Maximus sah, daß Cassius ihre Unterhaltung interessiert vom anderen Ende des Raumes beobachtete. Er war sich auch durchaus bewußt, daß ein anderer Offizier sich ganz in ihrer Nähe herumdrückte unter dem Vorwand, die Speisen in Augenschein zu nehmen.

"Nun, ich hoffe, daß wir Dich überzeugen können, Deine Meinung zu ändern, General. Ein Mann mit Deinen schon legendären Fähigkeiten könnte sehr nützlich sein für einen Kaiser, der Dich wirklich zu schätzen weiß." Marcellus musterte ihn von oben bis unten. "Vielleicht sogar als General der Prätorianer in Rom .. wie würde Dir das gefallen? Nie mehr Armeelager in elenden Außenposten."

"Ich diene Rom auf die Weise, die meinem Kaiser am geeignetsten erscheint, Tribun Marcellus, und das werde ich immer tun."

"Nun, ich sehe schon, daß ich Dich heute nacht nicht dazu werde bewegen können, meine Sicht der Dinge zu teilen, General. Ah ... Julia kümmert sich um Dich wie ich sehe. Du hast einen guten Geschmack, General. Ich sah, daß Du jene anderen Frauen verschmäht ... und gewartet hast, bis die beste zur Verfügung stand." Marcellus lachte. "Ich wünsche Dir einen wunderschönen Abend, Herr. Oh ... übrigens ... wenn Du ein bißchen Privatsphäre vorziehen solltest, dann gibt es an der Rückseite abgetrennte Räume mit Ruhelagern und Kissen ... sehr gemütlich." Maximus folgte Marcellus' Blick, und er sah eine Anzahl kleiner Gemächer, die vom übrigen Raum durch schwere Vorhänge abgetrennt waren.

"Nicht sehr sicher, was Geräusche betrifft, Du verstehst schon, aber einige Männer ziehen es vor, keine Show für die anderen von uns abzuziehen." Marcelleus lachte, und Maximus nickte verständnisvoll.

"Hier, General, ich habe eine kleine Auswahl von allem, was gut ist, für Dich. Der persönliche Koch des Kaisers ist hervorragend", sagte Julia.

"Laß es Dir schmecken, General." Marcellus verneigte sich leicht, als Julia abermals Maximus' Hand ergriff und ihn auf eine Seite des Hauptraumes führte, wo sie ein freies Ruhelager erspäht hatte. Sie setzte den Teller auf einem kleinen Tisch neben einer leicht qualmenden Öllampe ab, schüttelte einige Kissen auf und stapelte so viele aufeinander, daß Maximus sich dagegen lehnen konnte. Er wollte sich eben niederlassen, als sie ihn festhielt.

"General, dieses Leder sieht so heiß und steif aus. Warum erlaubst Du nicht, daß ich Dir da heraushelfe." Er hob gehorsam die Arme und sie machte sich geschickt an den Schnallen zuschaffen. Und bald schon stand der Brustharnisch auf dem Boden neben dem Tisch. "Das ist besser." Julia trat einen Schritt zurück, um ihn zu bewundern. Maximus trug nun nur noch eine schlichte weinrote Tunika aus leichter Wolle, die kaum seine breiten Schultern verbarg und bis zur Mitte seiner Oberschenkel reichte. Um die Taille wurde sie mit einem breiten Ledergürtel zusammengehalten. Seine muskulösen Beine waren nackt bis auf die geschnürten Stiefel, die seine Waden umschlossen. "Es ist sehr heiß hier drinnen, General. Wären Sandalen nicht viel bequemer? Ich könnte ein Paar ... "

"Ich bin an Stiefel gewöhnt. Es ist in Ordnung so."

"Was immer Du wünschst." Julia war sich völlig im Klaren, daß viele Frauen im Raum sie neidisch beobachteten, selbst während sie andere Männer bedienten. Sie würde ihnen auf keinen Fall erlauben, diesen hier in ihre Finger zu bekommen und sie positionierte sich selbst so, daß sie den anderen den Blick versperrte, nachdem Maximus sich einmal gesetzt hatte.

Maximus kam sich reichlich lächerlich vor, als er sich auf dem Ruhelager ausstreckte und von einer Frau füttern ließ, aber er war entschlossen, ihre Sicherheit nicht zu gefährden, nur weil er nicht kooperierte. Er spielte mit ihrem Haar, während sie kleine Bissen von den Speisen auswählte und sie zu seinem Mund führte. Er küsste ihre Finger, bevor sie sie wieder zurückzog. Er ließ seine Hände über die seidige Haut ihrer Arme wandern - ein Zittern durchlief ihren Körper, und sie lächelte ihm zu.

Maximus schluckte den Bissen hinunter, den er gerade im Mund hatte, dann fragte er: "Wo kommst Du her, Julia?"

Sie hielt mitten auf dem Weg zwischen dem Teller und seinem Mund inne. "Ich bin in Rom geboren."

"Du bist eine Sklavin?"

Sie nickte.

"Wie kam es dazu?"

"Ich bin als Sklavin geboren, Herr. Ich weiß nicht, wer meine Eltern sind." Sie lehnte sich vor und küßte ihn - ein langer und sehnsüchtiger Kuss. Bevor sie sich wieder aufsetzte, flüsterte sie: "Du stellst zu viele Fragen."

Er gab nicht nach. "Wie alt bist Du?"

"Ich weiß es nicht genau. Ungefähr siebzehn, denke ich."

Maximus trank seinen Wein, während er sie betrachtete. Sie war ganz einfach die schönste Frau, die er jemals gesehen hatte oder die er sich vorstellen konnte. Es wurde ihm übel bei dem Gedanken, daß sie Cassius' Spielzeug war oder das eines jeden beliebigen Offiziers, der sie haben wollte. Er seufzte schwer bei dem Gedanken an all die Dinge, die sie vermutlich in ihrem jungen Leben bereits zu tun gezwungen gewesen war.

Julia war besorgt. "Ich mache Dich nicht glücklich." Sie ließ ihre Hand seinen Schenkel hinaufgleiten und unter seine Tunika, bevor er ihr Handgelenk ergriff und sie stoppte. "Bitte, General, sie werden merken, daß etwas nicht stimmt", flüsterte sie eindringlich. "Ich bin gewöhnlich so gut darin, Männer zu befriedigen."

Er lockerte seinen Griff um ihr Handgelenk, ließ sie aber nicht los. "Ich bin verheiratet", sagte er ruhig.

"Das sind die Hälfte der Männer hier. Cassius ist verheiratet." Ihre Augen flehten ihn an.

Er seufzte abermals. "Komm her", sagte er indem er ihren Körper auf den seinen zog, ihre Beine zu beiden Seiten seiner Hüften, ihre Brüste gegen seine Brust gepresst. Mit einer Hand streichelte er ihren Rücken, dann ihren Po, und mit der anderen drehte er ihr Gesicht gegen seinen Hals. Er flüsterte in ihr Ohr. "Julia, ich möchte dein Leben nicht in Gefahr bringen. Aber verstehe mich bitte, ich habe meiner Frau das Versprechen gegeben, ihr treu zu bleiben, und ich werde dieses Versprechen halten, ganz gleich wie schwer es ist und ganz gleich wie sehr ich Dich begehre. Nun küss mich, und dann werden wir zu einem der Gemächer am Ende des Raumes gehen, wo eine Unterhaltung nicht so riskant ist." Er drehte sein Gesicht zur Seite und nahm ihren Mund mit einem Kuss gefangen, der ihre Sinne taumeln ließ, während seine Zunge ihren geöffneten Mund erkundete. Als er den Kuss beenden wollte, ließ sie es nicht zu und schloss ihren Mund über den seinen. Sie wußte, daß er erregt war, aber auch sie selbst war es - und das erschreckte sie. Endlich zog sie ihre Zunge aus seinem Mund zurück und küßte zärtlich seine geschlossenen Augen, während er sich bemühte, seinen Atem wieder unter Kontrolle zu bringen.
"Maximus", flüsterte sie.

Seine Augen öffneten sich schlagartig. "Nenn mich nicht so", knurrte er.

Sie liebte seine tiefe Stimme. "Warum nicht?"

"Es ist zu ... zu ... vertraut. Nenn mich 'General'."

"Maximus, ich liege auf Dir. Beinahe nichts trennt unsere Körper, und Du denkst, daß es zu vertraut sei, Dich bei Deinem Namen zu nennen?" Sie lachte und küsste ihn abermals.

Ihm fiel keine Antwort auf diese Bemerkung ein, und sie nutzte sein Schweigen aus, um sich an seine Brust zu kuscheln, mit Genugtuung hörend, daß sein Herz ebenso stark schlug wie das ihre. Er schlang seine starken Arme um sie und hielt sie fest.

"Maximus", seufzte sie gegen seine Brust. "Dieser Name passt zu Dir. So stark." Sie lag einige Momente still, bevor sie sich aufstützte und ihm ins Gesicht blickte, während ihre Finger sein dichtes Haar zerzausten. "Aber so zärtlich." Ihr Ton war beinahe ungläubig. "Männer sind nicht oft zärtlich zu mir, Maximus. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals zuvor in den Armen gehalten worden zu sein."

Zu Julias Verblüffung  knurrte Maximus: "Du bist eines von dem, für das ich Cassius werde teuer zahlen lassen." Mit diesen Worten rollte Maximus Julia auf die Seite und fing sie auf, bevor sie von dem Ruhelager fiel, einen Arm unter ihren Knien und den anderen unter ihren Armen. Er hob sie hoch als ob sie Luft wäre und drückte sie gegen seine Brust, während er auf einen kleinen, mit Vorhängen abgetrennten Raum zuging, über alles, was ihm im Wege stand, hinüberstieg oder es einfach zur Seite stieß.

Kapitel 45 - Der Plan

In dem abgeteilten Raum stellte Maximus Julia wieder auf ihre Füße und dunkelte das kleine Gemach beträchtlich ab indem er den Vorhang hinter sich zuzog. Eine einsame Lampe brannte auf dem Tisch, aber ihr schwaches Licht erreichte nicht mal die hinteren Ecken dieses Raumes. Maximus wartete einen Augenblick, damit seine Augen sich an das Dämmerlicht gewöhnen konnten, dann inspizierte er das Gelände, das auf allen vier Seiten von dunklen, schweren Vorhängen umschlossen war. Maximus befühlte den Stoff und stellte fest, daß die einzelnen Bahnen  zusammengeheftet waren und so erfolgreich neugierige Augen aussperrten, aber es war alles andere als sicher vor ebensolchen Ohren, wie Marcellus ihn bereits gewarnt hatte.

Auf zwei Seiten dieses Raumes befanden sich weitere kleine Gemächer und die Vorhänge reichten nicht bis unmittelbar unter die Decke des Zeltes.

Er bedeutete Julia zu schweigen, indem er einen Finger auf seine Lippen legte, und blieb regungslos stehen, lauschte, seinen Kopf leicht zur Seite geneigt. Nach einigen Augenblicken entspannte Maximus sich zusehends und griff nach Julias Hand, um sie an sich zu ziehen, so daß ihre Brüste leicht seine Brust streiften. "Ganz leise nun, erzähl mir, was Du weißt."

Julia fühlte sich plötzlich seltsam schüchtern und stand ungeschickt da mit hängenden Armen - sie fürchtete sich, ihn zu berühren.

Maximus forderte sie abermals auf. "Julia, berichte mir, was Marcellus Dir gesagt hat."

"Er sendet Dir eine Warnung, daß Cassius ... " Plötzlich drückte Maximus ihren Kopf an seine Schulter und erstickte so ihre Worte, während sie hilfesuchend nach seinem Arm griff.

"Sei ganz still", flüsterte er in ihr Ohr.

"Maximus ..."

Ihr Herz raste, und sie fragte sich, was er wohl gehört hatte, dann hörte sie es auch ... das Geräusch eines Vorhanges, der zugezogen wurde, in dem Raum rechts von dem ihren. Schon bald war wieder alles still mit Ausnahme des Geräusches, das ihr klopfendes Herz verursachte, und ihrer schnellen, flachen Atemstöße gegen seinen Hals.

Maximus starrte angestrengt auf den Vorhang, der die beiden Räume teilte, und suchte nach irgendeinem Anzeichen von Bewegung. Der trennende Vorhang blieb unbewegt. Aber irgendjemand war da. Irgendjemand war in dem Gemach neben ihrem und lauschte still ihrer Unterhaltung oder auf Geräusche, die verrieten, daß sie miteinander Liebe machten.

Maximus atmete langsam aus und flüsterte ihr abermals zu:  "Schnell. Sag mir, was Du von Marcellus weißt."

"Maximus, Du bist in großer Gefahr. Cassius plant, Dich töten zu lassen und es wie einen Unfall aussehen zu lassen. Er denkt, daß Du viel zu viel Macht besitzt, und daß die Armee Dich gegen ihn unterstützen würde ... daß dies selbst seine eigenen Männer täten."

"Wann?"

"Ich weiß es nicht. Bald."

"Sprich weiter."

"Marcellus glaubt, daß die einzige Möglichkeit, Cassius aufzuhalten, darin besteht, ihn zu töten. Er ist bereit, es zu tun, wenn Du ihn schützen und ihm Immunität zubilligen wirst."

"Wie hat er vor, ihn zu töten?"

"Cassius hegt keinen Verdacht, daß Marcellus gegen ihn sein könnte. Er erlaubt Marcellus, ihm nahe zu kommen ..."

"Schhh ..." Maximus hatte eine leichte Bewegung des Vorhanges wahrgenommen, und ein winziger Lichtstrahl bewegte sich über den Boden. Wer immer in jenem anderen Raum war, wurde langsam neugierig oder ungeduldig. Das Licht verschwand. "Julia, wir müssen irgend- welche Geräusche machen. Irgendwelche ... leidenschaftlichen Geräusche."

Trotz ihrer gefährlichen Lage konnte Julia nicht umhin, ihn ein wenig zu necken. "Dann mußt Du wohl doch Liebe mit mir machen, Maximus."

"Nein. Ich habe Dir gesagt ..."

"Ja, ja. Ich necke Dich doch nur ein bißchen. Keine Sorge, ich kann mich gut verstellen. Das ist etwas, was ich sehr häufig tue, glaube mir."

Julia ließ ihren Kopf an seiner Schulter ruhen, schloß ihre Augen und erlaubte ihren Atemzügen, tiefer zu werden.

"Kannst Du mir zuhören, während Du das tust?"

Sie nickte und untermalte ihre Atemstösse mit einigem Stöhnen.

Maximus fuhr fort: "Sage Marcellus, daß ich ursprünglich beabsichtigte, Cassius so lange hinzuhalten, bis Marcus Aurelius hier ankommen würde, aber ich habe keine Ahnung, wann das sein wird, und so ist der Plan, Cassius zu töten, der im Moment einzig sinnvolle."

Julia nickte und produzierte tief in ihrer Kehle ein heiseres Stöhnen.

Maximus' eigener Atem begann schneller zu werden, und Julia lächelte zufrieden, als sie es fühlte.

"Oh , General", murmelte sie, "oh, mach das noch einmal." Sie bewegte ihre Hüften gegen seine, und er griff nach ihrem Po, um ihn ruhig zu halten, zog seine Hände aber plötzlich zurück, als ob er Feuer berührt hätte. Julia küsste sanft die struppigen Barthaare an seinem Hals, bevor ihre Atemzüge wieder an Geschwindigkeit und Intensität zunahmen. Sie war sich wohl bewußt, daß ihre Leidenschaft alles andere als nur vorgetäuscht war. Während sie sich an Maximus lehnte war es nur zu einfach sich vorzustellen, daß er sie mit seinen starken Armen hochhob und sie auf seine Hüften setzte, während er ..."

"Julia, sage Marcellus, er soll mit seinem Plan fortfahren, und daß ich ihm die Unterstützung geben werde, die er braucht. Um dies tun zu können, muß ich ganz in der Nähe sein, wenn er die Tat ausführt. Es ist sehr wichtig, daß er es tut ... einer von Cassius eigenen Männern ... um den anderen zu zeigen ... Julia? Julia? Hast Du mir zugehört?" flüsterte Maximus eindringlich.

"Ja ... " Ihre Sprache klang träumerisch und ihre Hüften pressten sich wiederum gegen seine, aber Maximus wußte, daß ihr Handeln nun jenseits aller bewußten Kontrolle war. Sie war hoch erregt, und er befürchtete, daß sie jede Konzentration verlöre. Er schüttelte sie leicht.

"Julia, hör mir zu. Ich werde schwer bewacht. Es wird schwierig für mich, meine Wachen abzuschütteln, aber möglicherweise kann ich  mit Claudius' Hilfe nachts hinausschlüpfen." Maximus warf abermals einen Blick auf den Vorhang und sah, wie er sich bewegte, vor und zurück in schnellem Rhythmus als ob sich jemand dagegen lehnte und schwer atmete. Julias Vorstellung erregte nicht nur sie selbst ... und ihn.

Maximus atmete ein paarmal tief durch, kämpfte mit sich selbst, um die Kontrolle über seine Gefühle zu behalten, nahm Julia dann mit einer schnellen Bewegung in die Arme und legte sie auf das Ruhebett, dessen hölzerne Füße unter Protest leicht knarrten. Maximus stand neben der Couch und sah Julia an, während er auf einem Bein balancierte und sein anderes Knie vorsichtig hoch zwischen ihre gespreizten Schenkel schob. Sie langte nach ihm, um ihn an sich zu ziehen, aber er schüttelte den Kopf und ergriff ihre Hände, um sie wegzuschieben. Nur ein kleinwenig Druck war nötig, und sie wölbte ihren Rücken, während ein Zittern ihren Körper durchlief, und sie seinen Namen schrie. Augenblicke später war ein tiefes Stöhnen von der anderen Seite des Vorhanges zu vernehmen. Maximus biss frustriert die Zähne zusammen - als einziger des Trios blieb er unbefriedigt.

Er seufzte ein wenig, als er sein Knie von der Couch zurückzog und leise zu dem mit einem Vorhang verhängten Eingang des Raumes ging, den Vorhang teilte und hinausspähte gerade rechtzeitig, um einen glatzköpfigen Tribun wegeilen zu sehen, der zweifellos Cassius jedes Detail berichten würde, das er eben gehört hatte. Maximus hoffte ernstlich, daß seine Aufzählung nichts anderes als Seufzer und Stöhnen enthielte. Er schaute in den kleinen Raum, der auf der anderen Seite an den ihren angrenzte, und sah, daß auch dieser leer war. Er ließ den Vorhang fallen und wandte sich wieder Julia zu, als er leise Worte vernahm.

"Du bist ein seltsamer Mann."

Maximus verschränkte die Arme und erlaubte seinem Körper, ein wenig in sich zusammenzusinken. Er war plötzlich so müde. "Wirklich? Wieso glaubst Du das?" fragte er mit gedämfter Stimme.

Julia rollte sich auf ihre Seite und richtete ihre Kleidung, um ihre Beine bedecken zu können, bevor sie erklärte: "Du bist der einzige Mann, den ich je getroffen habe, dem es nicht nur um sein eigenes Vergnügen geht." Sie grinste schelmisch. "Du wirst dafür zahlen müssen, weißt Du das?"

Er rieb mit der Hand über seine Augen, dann über seinen Nacken. "Ich weiß. Ich hoffe nur, daß ich morgen nicht auf ein Pferd steigen muß."

Julia kicherte, dann wurde ihre Stimme sehr ernst. "Ich beneide Deine Frau. Sie ist eine sehr glückliche Frau."

Maximus lächelte. "Das möchte ich gern glauben."

"Ich hoffe, daß sie es wert ist."

"Das ist sie. Ich habe ihr versprochen ... ", seine Worte verstummten.

"Hast Du Kinder?"

"Einen zweijährigen Sohn. Sein Name ist Marcus."

"Nach dem Kaiser?"

"Ja."

Julia erhob sich von der Couch und näherte sich ihm, blieb jedoch stehen, bevor sie in seiner Reichweite war. "Du mußt sehr viel vom Kaiser halten?"

"Das tue ich. Er ist für mich wie ein Vater. Ich verlor meinen Vater, als ich noch sehr jung war."

Julia seufzte schwer, und Maximus konnte die Tränen in ihren Augen glitzern sehen. Die Worte kamen nur zögernd über ihre Lippen. "Was Du für mich getan hast ... war es nur, weil Du es tun mußtest?"

Maximus antwortete nicht, weil er die Antwort wirklich nicht wußte. "Julia, eines Tages wirst Du jemand finden. Jemand ganz Besonderes", sagte er.

"Maximus, ich bin eine Sklavin." Ihre Worte klangen beinahe erstickt, da zurückgehaltene Tränen ihr die Kehle zuschnürten.

"Wenn Cassius tot ist, dann wirst Du frei sein. Du hast es verdient und auch die anderen Frauen."

"Aber Dich gibt es nur einmal. Und Du bist bereits vergeben."

"Julia, ich habe meine Frau zwei Jahre lang nicht gesehen. Wenn man mit einem Mann in meiner Position verheiratet ist, dann bedeutet das, daß man enorm viel zurückstecken muß. Olivia bringt unglaubliche Opfer ..."

"Olivia."

Maximus starrte auf die junge Schönheit vor ihm und brachte das Gespräch ängstlich wieder zurück zum eigentlichen Thema. "Julia ... erinnerst Du Dich daran, was Du Marcellus von mir sagen sollst?"

"Ja."

"Was?"

"Daß Du ihn unterstützen wirst und daß Du anwesend sein mußt, wenn ... es getan wird ... aber daß Du schwer bewacht wirst. Ich nehme an, daß Du von ihm erwartest, daß er Dir mitteilt, wann, wo und wie es geschehen soll."

"Ja. Und es muß bald  sein."

"Soll er eine Nachricht durch Claudius schicken?"

"Das wäre der sicherste Weg."

"Maximus, bitte sei vorsichtig. Dein Leben ist in großer Gefahr. Denke daran", flehte Julia und sie streckte ihre Hände für einen Augenblick nach ihm aus, bevor sie sie wieder sinken ließ.

Er nickte. "Ich muß gehen. Du warst großartig, Julia. Marcellus hat gut daran getan, Dich auszusuchen."

Ängstlich darauf bedacht, Ihre schwierige Unterhaltung zu beenden, zog er mit einem Schwung den Vorhang zur Seite und ließ ihn hinter sich wieder fallen, während er zurück in den Hauptraum trat. Er stellte fest, daß viele der Offiziere bereits gegangen waren, und die wenigen, die noch übrig waren, lagen ausgestreckt auf den Ruhelagern, entweder bewußtlos oder schlafend. Ihr Schnarchen mischte sich in das unterdrückte Weinen, das aus dem Raum drang, den er soeben verlassen hatte. Er hatte seine Aufgabe für diese Nacht erfolgreich beendet, aber er fühlte sich gänzlich unwohl ... innerlich leer.

Er fand seinen Brustharnisch, wo er ihn abgestellt hatte und legte ihn wieder an, während er zu den Tischen mit den Speisen zurückkehrte und ein Stück Brot ergriff als Begründung dafür, daß er ein scharfes Messer unter seinen Brustharnisch gleiten ließ, während er dem Ausgang zustrebte. Er trat vor Cassius' Zelt und sog gierig die kühle, frische Luft ein, bevor er augenblicklich wieder von seinen vier Wachen flankiert war. Er ignorierte sie bewußt und ging auf sein Zelt zu, aber ein Schauer lief  ihm über den Nacken. Würden diese Männer seine Mörder sein?

zurück zur Übersicht                                                                                           nächste Kapitel