Kapitel 51 - Kennenlernen

Maximus kniete sich hin und legte seine verschränkten Arme auf den Rand des niedrigen Bettchens seines Sohnes, während er in das engelgleiche, schlafende Gesicht des Kindes blickte. Olivia saß im Schneidersitz neben ihrem Mann auf dem Boden. Ihre Augen ruhten auf Maximus' Gesicht, der mit einem Finger vorsichtig Marcus' weiche Wange streichelte. Das Kind, ganz in seinem Schlaf versunken, zuckte nicht einmal, und Maximus' zufriedenes und erleichtertes Seufzen zauberte ein Lächeln auf die weichen Lippen seiner Frau.

Olivia ließ ihre flache Hand langsam den Rücken ihres Mannes hinaufwandern und dann über seine Schultern gleiten, um sich mit seinem kräftigen Körper wieder vertraut zu machen. Sie erhob sich auf ihre Knie, schlang ihre Arme um seinen Hals und flüsterte ihm ins Ohr: "Er ist so tapfer wie sein Vater, und alles möchte er kennenlernen."

Olivia ließ ihr Kinn auf Maximus' Schulter ruhen und küsste ihn auf den Hals unmittelbar unter seinem Ohr. "Ich bin sicher, er hätte nicht so auf Dich reagiert wie er es tat, wenn ich nicht so geschrien hätte, als ich Dich sah. Er fürchtete sich, weil er dachte, daß auch ich Angst hätte. Wenn er sieht, wie sehr ich Dich liebe, dann wird sich auch sein Verhalten ändern, Du wirst schon sehen." Sie küsste ihn auf die Wange. "Komm zu Bett, Maximus", lockte sie ihn.

"Mach Dich nur schon fertig. Ich komme gleich."  Seine Augen konnten sich nicht vom Gesicht seines Sohnes lösen.

Olivia küsste Maximus nochmals und schlich dann auf Zehenspitzen in ihr angrenzendes Schlafgemach, wo sie zuerst nach ihrem gewöhnlichen Nachtgewand griff, dieses aber verwarf und statt dessen ein luxuriöses Hemd von cremefarbener Seide, mit Gold eingefaßt wählte.

Sie ließ es über ihren Kopf gleiten und betrachtete ihre Erscheinung kritisch in dem großen Spiegel, der in einer Ecke des Zimmers stand. Hatte sie sich in den Jahren, seitdem Maximus sie zuletzt gesehen hatte, sehr verändert? Ihre Figur war immer noch schlank an den richtigen Stellen und dort rund, wo es angebracht war. Ihr schwarzes Haar glänzte immer noch, wenn seine schimmernden Wellen über ihre Schultern und den Rücken hinabfielen bis zu ihrer Taille. Sie schüttelte den Kopf und die dichte Masse ihres Haares tanzte um ihre Schultern, dann streckte sie ihrem eigenen Spiegelbild die Zunge 'raus und versuchte, die in ihrem Magen unruhig flatternden Nerven zu beruhigen. Es war so lange her, seit sie sich zum letztenmal gesehen hatten, daß es ihr beinahe wie ihre erste gemeinsame Nacht vorkam, und Olivia wünschte sich so sehr, daß alles perfekt sein sollte. Sie tupfte Parfüm zwischen ihre Brüste und an ihren Hals, ließ ihre Finger nochmals durch die Locken gleiten und kletterte in ihr Bett. Sie lag auf der linken Seite, dort, wo sie immer lag, selbst wenn Maximus nicht daheim war, denn sein Platz war immer für ihn reserviert.

Olivia erwachte plötzlich und setzte sich verwirrt auf. Das Bett neben ihr war leer, die Bettlaken unbenutzt. Wie lange hatte sie geschlafen? Sie schwang ihre Beine über den Rand der Matratze und schlich barfuß in das Zimmer ihres Sohnes. Plötzlich blieb sie stehen und lauschte mit geneigtem Kopf, als die tiefe, volle Stimme ihres Mannes an ihr Ohr drang. Sie konnte seine Worte nicht verstehen, aber sie wußte, daß er zu seinem schlafenden Sohn sprach. Ihre Lippen verzogen sich zu einem leichten Lächeln und sie kehrte in ihr Bett zurück. Maximus würde zu ihr kommen, sobald er fertig wäre.

Als sie das nächstemal erwachte, lag sie unter den linken Arm ihres Mannes gekuschelt, ihre Wange auf seiner Brust, und sie hörte seinen ruhigen Herzschlag unter ihrem Ohr. Olivia hob  ihren Kopf leicht an und sah, daß Maximus in tiefem Schlaf lag, vollkommen entspannt, eine Hand über dem Kopf, die Finger eingerollt wie die eines Kindes. Wie war es nur möglich, daß ein Mann von solcher Kraft und Männlichkeit, ein Mann, der eine solche Verantwortung trug, ein Mann des Krieges, daß ein solcher Mann so süß, so jungenhaft und so ... verletzlich aussehen konnte?

"Mama?" rief ein feines Stimmchen aus dem Nebenzimmer.

Olivia befreite sich aus dem Griff ihres erschöpften Mannes und tappte zum Ausgang. Sie warf einen Blick zurück, um sicher zu sein, daß Maximus nicht gestört wurde. Nachdem sie die Tür langsam geöffnet hatte, entließ sie Marcus' Kinderfrau mit einem Nicken des Kopfes, schloß das Kind in ihre Arme und drückte es fest an sich. Marcus kicherte, als Olivia ihn beim Wechseln seiner Kleidung kitzelte. Dann kehrte sie in ihr Schlafgemach zurück, während sie beruhigende Worte flüsterte, und setzte sich auf die Bettkannte, Marcus in ihren Armen haltend. Das Kind betrachtete den schlafenden Mann mit einem ängstlichen Blick. Noch nie zuvor hatte irgendjemand außer ihm selbst im Bett seiner Mama gelegen, und er war sich nicht sicher, ob er das mochte. Olivia ließ ihn in ihren Armen sanft auf und ab hüpfen und erklärte ihm flüsternd, daß dieser Mann der "Papa" sei. Dann legte sie sich neben Maximus hin, den Oberkörper gegen die Kissen gestützt, und setzte Marcus in ihren Schoß. Ihr Ehemann rührte sich nicht.

Das Kind steckte vier Finger in seinen Mund und starrte einige Zeit wie gebannt auf diesen Mann. Dann streckte es vorsichtig einen Fuß aus und berührte mit einer seiner kleinen Zehen den muskulösen Arm. Maximus rührte sich nicht, aber das Kind zog schnell seinen Fuß zurück, als ob es sich am Arm des Mannes verbrannt hätte. Olivia lächelte Marcus an und flüsterte ihm ermutigend zu. Langsam streckte er abermals seinen kleinen Fuß aus, zögerte dann aber und schaute nach seiner Mutter, die ihm zunickte und lächelte. Diesmal wackelte er mit den Zehen, als er abermals den muskelbepackten Arm berührte, zog den Fuß aber schnell zurück, als Maximus den rechten Arm bewegte, um sich dort, wo sein Sohn ihn gekitzelt hatte, zu kratzen. Marcus' Augen weiteten sich und er betrachtete das Muskelspiel, bevor Maximus wieder ruhig dalag. Das Kind kicherte, schlug dann seine beiden kleinen Hände vor den Mund, um sein Lachen zu unterdrücken, als es sah, daß auch Olivia darum kämpfen mußte, das ihre zu beherrschen.

Marcus kitzelte wieder den Arm seines Vaters und beobachtete voller Freude, daß er die gleiche Reaktion hervorlockte. Aber Olivia wußte, daß sich das Spiel verändert hatte, als sie sah, daß ihr Mann kurz die Augen öffnete, sie dann aber sofort wieder schloß, nachdem er die Situation eingeschätzt hatte und nun den Schlaf nur vortäuschte. Seine Atemzüge blieben tief und ruhig, sein Gesicht war weiter entspannt, seine rechte Hand ruhte nun auf dem linken Unterarm und er war bereit für die nächste Aktion seines Sohnes. Lange mußte er nicht warten. Maximus fühlte, daß die kleinen Zehen abermals seine Haut zärtlich berührten und zur Antwort wackelte er mit den Fingern. Er vernahm einen tiefen Atemzug, dann ein Kichern und schließlich fühlte er die weiche Berührung abermals. Doch diesmal ließ das Kind seinen Fuß auf dem Arm des Vaters ruhen und Maximus liebkoste ihn zärtlich, obwohl er fest damit rechnete, daß Marcus sich plötzlich zurückziehen würde. Er tat es nicht.

Maximus wartete geduldig, die Augen geschlossen, was der Junge als nächstes tun würde. Schon bald spürte er zwei kleine Füße an seinem Arm und er unterdrückte ein Lächeln, als er seine Finger schnell über die Füßchen wandern ließ und Marcus einen lauten, aufgeregten Schrei ausstieß. Maximus konnte sein eigenes Glück nicht länger verbergen und lachte laut, während er sich auf die Seite rollte, um seine Frau und seinen Sohn anzuschauen. Marcus lächelte scheu zurück, und Olivia seufzte erleichtert, als sie beobachtete, wie die beiden wichtigsten Menschen in ihrem Leben einen Moment des Vertrauens und des Glückes teilten.

Im Laufe der nächsten Woche wuchs allmählich dieses Vertrauen, bis Maximus und Marcus einander so nahe waren, als ob der Vater bereits schon immer ein Teil des Lebens seines Sohnes gewesen wäre. Zusammen erkundeten sie jeden Winkel des Hofes, das Kind auf den Schultern seines Papas reitend, während Maximus fröhlich vor sich hin pfiff. Sie wanderten durch die Felder, ihre Hände streiften durch die reifen Ähren, während sie deren Duft und Beschaffenheit untersuchten. Sie inspizierten die Oliven, die in der heißen Sonne reiften. Sie beobachteten die Arbeiter, die mit blutrot gefärbten Beinen und Füßen die duftenden purpurfarbenen Trauben zu Brei zertraten, um sie für die Weinherstellung vorzubereiten. Während der frühen Morgenstunden, solange noch kleine Nebelschwaden in den Niederungen hingen, senkten sie eine Leine in den Teich, saßen geduldig im Schilf und warteten, bis ein Fisch anbiß.

Als sie einmal Früchte auflasen, die in einem Vorratsschuppen zum Trocknen ausgelegt waren, drang ein zartes Miauen an ihre Ohren , und sie fanden vier kleine Kätzchen, die sich unter einem Wagen zusammengekuschelt hatten, während ihre wachsame Mutter ganz in der Nähe war. Maximus zeigte Marcus wie er die empfindlichen Tierchen halten mußte und, Seite an Seite sitzend, beobachteten sie wie sie spielten, von ihrer Mutter gesäugt wurden und anschließend auf einem Haufen zusammen einschliefen.

Aber Marcus' Lieblingsbeschäftigung war es, auf Scarto auszureiten, geborgen in der Wiege, die Oberschenkel und Arme seines Vaters für ihn bildeten. Oftmals schlief das Kind in dieser Haltung fest ein, während sein Kopf an der starken Brust des Vaters ruhte.

Olivia beobachtete sie aus der Ferne, - ängstlich darauf bedacht, ihnen Zeit zu geben, die sie allein miteinander verbrachten - und es war ein Anblick, der sie mit tiefem Frieden erfüllte. Genau hier gehörte Maximus hin. Die Spannung wich zusehends aus seinen Schultern, und die Sorgenfalten auf seiner Stirn verschwanden. Sein Haar wuchs und wurde länger und voller. Wenn er auf dem Rücken seines großen Hengstes saß, wegen des hellen Sonnenlichtes mit den Augen blinzelte und sein Land überblickte, dann wehte es der Wind aus seiner Stirn. Jeden Abend betrat er das Haus mit schmutzigen Händen und Kleidern und einem Ausdruck totaler Zufriedenheit in seinem Gesicht.

Und dennoch lauerte eine beständige, nagende Furcht  in Olivias Unterbewußtsein, und so sehr sie es auch versuchte, sie konnte dieses Gefühl nicht verbannen. Maximus hatte ihr beiläufig von dem Zwischenfall mit Cassius berichtet, es jedoch so dargestellt, als ob es sich um eine Banalität gehandelt habe. Aber Olivia hatte gespürt, in welcher Gefahr Maximus sich befunden hatte, und sie wußte, daß Marcus Aurelius und Rom unmöglich auf ihren Gemahl verzichten konnten. Der Besuch bei seiner Familie war eben nur ein Besuch, nichts von Dauer. Jeden Morgen ertappte Olivia sich, wie sie die Straße nach Anzeichen absuchte, die ihr das Kommen der Prätorianer verrieten. Und die Prätorianer würden bald über den Hügel kommen - in einer Staubwolke und mit Befehlen des Kaisers für Maximus, nach Germanien zurückzukehren, oder man würde ihn in irgendeinen anderen Teil des Reiches beordern, wo er gebraucht wurde. Marcus Aurelius würde Maximus eine längere Abwesenheit niemals erlauben. Auch sie und ihr Sohn brauchten ihn, aber wenn es um das Schicksal ihres Mannes ging, dann war der Einfluß des Kaisers um vieles mächtiger.

Olivia war entschlossen, Maximus' Aufenthalt für ihn so glücklich wie nur möglich zu gestalten ganz gleich, wie lange dieser Aufenthalt dauern würde. Sie überwachte die Zubereitung ansprechender Mahlzeiten und lud oftmals ihre Familie zu gemeinsamen ausgelassenen Abendessen ein, die bis spät in die Nacht dauerten. Maximus beschwerte sich, daß er fett zu werden drohte, und Olivia neckte ihn, daß genau dies ihre Absicht sei: ihn so zu mästen, daß er für Marcus Aurelius als Soldat von keinem Nutzen mehr sei, und sie ihn bei sich auf dem Hof behalten dürfte. In Wahrheit war er jedoch gesünder denn je. Er arbeitete Seite an Seite mit den Landarbeitern, grub, pflanzte, erntete, reinigte die Felder von Unkraut, reparierte Zäune und Wagen. Das Land schien ihn zu beleben. Er legte sich spät zur Ruhe und stand früh wieder auf. Trotzdem fand er viel Zeit für lange Stunden, in denen er und sein nur zu williges Weib sich der Liebe hingaben. Er lächelte oft, lachte viel, und an den Abenden saß er entspannt unter den Pappeln mit einem Becher gewürzten Weines in der Hand und dem Duft von Jasmin in der Nase.

"Ich möchte niemals wieder zurückgehen", gestand er ihr eines nachts. "Ich möchte einfach hier bleiben, zusammen mir Dir und Marcus, und noch einen ganzen Haufen Kinder haben. Ich möchte den Schmutz unter meinen Nägeln spüren und sehen, wie Dinge wachsen, nicht sterben."

Olivia antwortete nicht. Sie wußte, daß Maximus von etwas Unmöglichem träumte. Das einzige, das vielleicht Wirklichkeit werden konnte, war das Wachsen ihrer kleinen Familie. Olivia betete, daß, bevor Maximus gehen mußte, sie wieder schwanger wäre.

 

Kapitel 52 - Ciceros Besuch

Cicero presste mit der Faust in sein Kreuz und stöhnte. Während er sich nach hinten streckte, hörte er das Knacken seiner Knochen, als er sie in ihre korrekte Position zurückzwang. Das alte Schlachtross, das er ritt, war seinen Reitkünsten angemessen mit seinem langsamen, schwerfälligen Gang. Aber seine Tritte waren ungleichmäßig und Cicero war nach fünf Wochen auf der Straße beinahe am Ende seines Durchhaltevermögens angelangt. Er mußte sich immer wieder daran erinnern, daß die Reise seine Idee gewesen war, und daß er sich die Schmerzen, unter denen er jetzt litt, selbst zugefügt hatte.

Er rutschte abermals unbehaglich hin und her, und abermals fragte er sich, wo der verdammte Hund abgeblieben sein mochte. "Hund", spottete Cicero. So mag Maximus ihn vielleicht nennen, aber in Wahrheit war dieses Tier vielmehr Wolf als Hund. Er beschattete seine Augen mit der Hand und blickte über die Felder zur Linken, aber er konnte nirgends einen grauen Schwanz entdecken, der fröhlich über das lange Gras wedelte. Nun, wo immer er sein mochte, er würde sich schon früher oder später bemerkbar machen. So sehr er sich auch über das Tier ärgerte, so mußte Cicero doch zugeben, daß Hercules gute Gesellschaft für die Nacht war, daß er sicheren Schutz bot und ihn ständig mit einem Vorrat an Kaninchen versorgte.

Trotz der trüben Gedanken, zu denen ihn seine tierischen Reisegefährten bewogen, hatte sich Ciceros Stimmung an diesem Morgen beträchtlich aufgeheitert, als er feststellte, daß seine Reise bald zu Ende sein würde. Ein altes hölzernes Wegzeichen, aufgespießt auf einen Pfahl, hatte ihn davon in Kenntnis gesetzt, daß er die spanische Grenze überquert hatte. Bald würde er dort sein, wo er hingehörte - bei General Maximus.

Plötzlich stürmte Hercules unter den Leib des Pferdes und zwischen dessen Beinen hindurch, dann drehte er sich auf der Straße um, und schaute Pferd und Reiter an. Sein ganzer Körper schwang hin und her, während er mit seinem langen Schwanz wedelte, etwas Kleines, Pelziges zwischen seine beachtlichen Kiefer geklemmt. Cicero riss an den Zügeln, und das überraschte Pferd blieb so ruckartig stehen, daß Ciceros Zähne aufeinanderschlugen, und es ihn fast seine Zunge gekostet hätte. Hercules ließ seine Beute auf die Straße fallen in Erwartung der nun fälligen Lobesworte. Als Cicero sah, daß es wieder nur ein Kaninchen war, seufzte er. Seit drei Wochen hatten sie jeden Abend Kaninchen gegessen, aber wenigstens waren ihre Mägen nicht leer geblieben. "Gut, Hercules, guter Junge", sagte er halbherzig, während er abstieg und den reglosen, blutigen Kadaver mit Daumen und Zeigefinger aufhob und ihn weit ab von seinem Körper hielt.

Einigermaßen verwirrt durch die Reaktion des Mannes, ließ Hercules sich auf seinen Hinterbeinen nieder und winselte, den Kopf schiefgelegt. "Oh, ist schon gut", sagte Cicero, während er den großen Kopf des Hundes tätschelte. "Ich weiß das wirklich zu schätzen. Ohne Dich wäre ich sicherlich schon verhungert. Du bist ein guter Hund."

Nun war Hercules glücklich, legte sich in den Staub der Straße nieder und erwartete, daß sein Kamerad das Geschenk abhäutete. "Nicht jetzt, Hund. Wir haben heute noch einen langen Weg vor uns, und dann müssen wir ein sicheres Plätzchen für die Nacht finden. Na los, Junge. Nur noch ein paar Tage, und wir werden ihn wiedersehen."

Hundegebell zog Olivia vor die Haupttür des Hauses ... tiefes, aufgeregtes Bellen, das irgendwie vertraut klang. Sie spähte die Straße hinunter, während sie ihre feuchten Hände an der Schürze abwischte, die ihre Tunika schützte, und sie sah einen großen grauen Hund, der mit angelegten Ohren und ausgestrecktem Schwanz in voller Geschwindigkeit die Straße entlanggelaufen kam. Das war Hercules, da gab es keinen Zweifel. Schnell ging sie auf die Wiese und ließ sich auf ein Knie nieder, eben noch rechtzeitig, um den Hund festzuhalten, der auf sie zusprang und sie rückwärts ins Gras warf. Das große Tier stand mit gespreizten Beinen über Olivia und badete ihr Gesicht in klebrigen Küssen. Sie lachte, dann verzog sie das Gesicht, während sie darum kämpfte, die Kontrolle über den Hund zu erlangen. Sie packte ihn beim Genick und brauchte ihre ganze Kraft, um ihn von ihrem Körper hinunterzubefördern. Endlich kam sie wieder auf die Füße und blickte die immer noch leere Straße hinunter. Die Zeit, die sie so gefürchtet hatte, war gekommen. Schon bald würden Soldaten über dem Kamm des Hügels auftauchen, um Maximus von hier wegzuholen. Sie richtete sich gerade auf, wischte die Grashalme von ihrem Rock und schluckte die Schluchzer hinunter, die aus ihrer Kehle hervorzubrechen drohten. Sie war bereit, die Prätorianer in einer Haltung zu empfangen, wie sie der Frau eines Generals zukam.

Einige Minuten später kündigte die verräterische Staubwolke das Kommen der Besucher an. Aber es war mehr ein Staubwölkchen als jene dicken, braunen Wolken, die die Prätorianer gewöhnlich aufwirbelten, und Olivia stellte bald fest, daß sie nur einen einzelnen Reiter ausmachen konnte.

Dieser Reiter näherte sich, ungeschickt auf dem Rücken des dahintrottenden Pferdes auf und ab hüpfend, und kam kurz vor Olivia zum Stehen. Sie hörte ihn stöhnen, als er abstieg, und sah, daß er zu stolpern drohte.

Instinktiv tat sie einen Schritt vorwärts und bot ihre helfende Hand an, aber er winkte ab, und sein dichtes, dunkelbraunes Haar verbarg für einen Moment seine Augen. Er warf das Haar zurück und sagte: "Ich suche das Haus von General Maximus. Bin ich hier richtig?"

Olivia war für einen Augenblick verunsichert durch die tiefen Narben, die das ansprechende Gesicht des Mannes durchzogen, aber sie fasste sich schnell und sagte: "Du bist richtig hier, Herr. Ich bin General Maximus' Frau."

Der Besucher lächelte. "Der General hat bezüglich Deiner Schönheit nicht übertrieben, Herrin."

"Wer bist Du, Herr?

"Verzeih' mir, Herrin. Ich bin Cicero, der Diener des Generals. Ich bin aus Germanien gekommen, um bei ihm zu sein."

Olivia spähte abermals die Straße hinab. "Sind mit Dir zusammen noch andere gekommen?"

"Niemand Menschliches, Herrin. Nur dieses alte Pferd und ein graues Tier, das der General als Hund bezeichnet. Vor einiger Zeit ist er weggelaufen und hat mich verlassen."

"Hercules ist hier." Olivia blickte sich um und stellte fest, daß das Tier weg war. "Ich nehme an, daß er auf der Suche nach Maximus ist." Sie zögerte, dann fragte sie tapfer: "Hast Du Befehle für die Rückkehr meines Mannes gebracht?"

"Nein, Herrin, ..."

Olivia seufzte erleichtert und ließ ihre Schultern sinken.

"Ich diene General Maximus, und ich sollte dort sein, wo er ist. Aus diesem Grund bin ich gekommen, obwohl ich auch Briefe von Legat Quintus bringe, der während der Abwesenheit des Generals als Führer fungiert."

Ein strahlendes Lächeln erhellte Olivias Gesicht. "Dann sei herzlich willkommen, Cicero. Verzeih meine schlechten Manieren und komm herein. Die Diener werden sich um Dein Pferd kümmern. Du mußt sehr müde und hungrig sein."

"Ja, Herrin, ich gebe zu, daß ich beides bin", sagte Cicero, während er hinter ihr die Stufen hinaufstieg und in den angenehmen Schatten des großen steinernen Hauses trat. Olivia zeigte ihm, wo er sich den Staub von Gesicht und Händen waschen konnte, dann führte sie ihn in das Triclinium und bot ihm mit Honig gesüßten Wein an, bevor sie ihn verließ, um den Köchen mitzuteilen, daß sie zum Abend einen Gast hätten.

Cicero hatte nur wenige Minuten im Speisezimmer gesessen, als er Fußtritte hörte, die schnell näher kamen, gefolgt vom Geräusch von Hundepfoten, die um einen sicheren Halt auf dem glatten Mosaikboden kämpften. Sekunden später blickte Maximus durch den Eingang des Speisezimmers, während er vorüberrannte, dann hörte Cicero das Schliddern von Sandalen, als der General rutschend zum Stehen kam. Dem Hund erging es viel schlechter; seine Krallen versuchten vergeblich, auf den Steinfliesen Halt zu finden, als er plötzlich die Richtung ändern wollte, und Cicero zuckte zusammen, als er das große Tier gegen eine Wand prallen hörte.

Maximus platzte durch den Eingang, die Augen weit vor Erstaunen. "Cicero!" rief er aus. "Cicero ... was machst Du hier? Sind noch andere da? Wo sind die anderen?"

Cicero stand auf, um seinen General ordnungsgemäß zu grüßen. "Es sind keine anderen hier, Herr, und ich bin da, um Dir zu dienen. Es ist sinnlos für mich, in Germanien zu bleiben, wenn Du in Spanien bist. Außerdem", er zuckte mit den Achseln, "brauche ich ein bißchen Urlaub von Felix III."

Maximus grinste, dann ergriff er Ciceros Hand zur Begrüßung und umarmte ihn kurz. "Du siehst furchtbar aus", lachte er. "Scheint eine anstrengende Reise gewesen zu sein, nicht wahr?"

"Ich weiß nicht, Herr, wie Du das machst ... durch das gesamte Imperium auf einem Pferd zu reiten. Mein Rücken wird sich möglicherweise nie wieder erholen, ganz zu schweigen von meinem verlängerten Rücken."

"Ein heißes Bad später wird Wunder wirken", sagte Olivia, als sie in den Raum trat, gefolgt von Dienern, die Platten mit Speisen und Getränken trugen.

"Du hast meine Frau bereits kennengelernt?" fragte Maximus und blickte Olivia zärtlich an.

Cicero nickte. "Das habe ich in der Tat, Herr, und Deine Beschreibung von ihr ist nur allzu treffend."

"Und mein Sohn ... hast Du meinen Sohn gesehen?" Als Cicero den Kopf schüttelte, lief Maximus zur Tür, wurde jedoch von Oivia aufgehalten, die den Ausgang mit ihrem Körper blockierte.

"Maximus, Marcus schläft. Wenn Du ihn jetzt aufweckst, dann wird er die ganze Nacht unleidlich sein. Cicero kann ihn kennenlernen, wenn er aufwacht, und wir haben so eine Chance, in Ruhe zu Abend zu essen."

"Natürlich. Du hast recht." Maximus schaute Cicero ein wenig verlegen an. "Ich vergesse immer wieder, wie jung er noch ist, und ich möchte ihn am liebsten immer um mich haben."

    "Setz Dich hierher, Cicero", sagte Olivia, als sie ihren Gast zu einem Ruhebett am Ende des Raumes geleitete. Maximus schob den widerstrebenden Hercules aus dem Triclinium und befahl ihm, sich nicht von der Stelle zu rühren, dann gesellte er sich zu Olivia auf das Ruhebett, von dem aus er die Tür im Blick hatte. Die Unterhaltung verstummte kurz, als Diener die ersten Gänge auftrugen, wurde dann jedoch angeregt fortgesetzt, während man an Salat und Shrimps kaute. Hercules warf sich unmittelbar vor dem Eingang auf den Boden, die Schnauze auf den Vorderfüssen, und zwang so die vorsichtigen Diener, über ihn hinweg zu steigen.

    "Bist Du Soldat, Cicero?" fragte Olivia, die die tiefen Narben in seinem Gesicht immer noch nicht übersehen konnte.

"Ich war es, Herrin, bei der Infantrie." Cicero zögerte und blickte Maximus an, der ihm aufmunternd zunickte. "Ich wurde in Germanien vor fünf Jahren von einem Barbarenstamm gefangen genommen und ... verwundet."

"Er wurde gefoltert", sagte Maximus schlicht und tätschelte Olivias Hand, als diese sichtlich erblasste.

"Als ich von römischen Soldaten gerettet wurde, war ich beinahe tot, und es dauerte Monate, bevor sicher war, daß ich überhaupt weiterleben würde." Cicero nahm einen tiefen Schluck Wein. "Nachdem ich mich erholt hatte, stellte ich fest, daß ich dieses Ereignis immer wieder durchlebte, sobald ich mich darauf vorbereitete, in die Schlacht zu ziehen, und ich konnte es einfach nicht. Ich habe es so sehr versucht ... Ich wußte, daß ich früh entlassen werden und meine Pension riskieren würde. Ich habe keine Familie ... die Armee ist mein ganzes Leben gewesen. " Cicero schaute wieder zu Maximus hin. "Ich wurde beauftragt, Maximus zu dienen, als er zum General ernannt wurde, und seitdem habe ich ihm immer mit Stolz gedient."

"Das Leben wäre für mich jetzt ziemlich schwierig ohne Dich, Cicero." Maximus' folgende Worte waren an seine Frau gerichtet. "Er ist ein äußerst diskreter Mann, der keinerlei militärische Geheimnisse, die er zufällig mit anhört, weitererzählt. Ich vertraue ihm vollkommen. Er scheint sogar zu wissen, was ich möchte, noch bevor ich selber es weiß."

Er schaute nun wieder zu Cicero. "Ich hätte Dich überall  mit hingenommen, Cicero, wenn ich gewußt hätte, daß Du ein erfahrener Reiter bist."

Cicero schnaufte verächtlich, als er den gewissen Schimmer in Maximus' Augen sah. "Ich glaube, ich würde eher zu Fuß nach Germanien zurückgehen als zu reiten. Nein Herr. Ich würde Dich nur aufhalten. Ich bin kein Reiter wie Du es bist."

"Du hättest Argento reiten sollen. Er hätte Dich in der Hälfte der Zeit hergebracht, die dieser Ackergaul gebraucht hat."

"Ich würde diesen Dämon nicht anrühren. Wenn ich jemals versuchen sollte, ihn zu reiten, dann würde er mich bestimmt einen Felsen hinabstürzen. Wo hast Du überhaupt solche Pferde aufgetrieben?"

Olivia und Maximus lachten. "Sie waren ein Geschenk meiner schönen Frau hier.Ihr Vater züchtet die Besten Streitrosse im ganzen Imperium."

Cicero errötete. "Verzeih mir, Herrin. Ich bin sicher, es sind wundervolle Tiere ...nicht wie dieser Wolf, den Du da hast, Maximus." Cicero deutete auf den riesigen Hund, welcher ihn demonstrativ ignorierte. "Wenn es ein wirklich hinterhältiges Tier gibt, dann ...", Cicero zögerte, als er Olivia abermals Grinsen sah. Maximus verbarg sein Lächeln hinter seinem Weinbecher.

Cicero schaute Maximus an: "Er auch?" fragte er zögernd.

Maximus nickte und lehnte sich zu ihrem Gast hinüber, eine seiner dunklen Augenbrauen hochgezogen. "Ein weiteres Geschenk meiner liebreizenden Frau", erklärte er in einem lauten Flüstern.

"Nun ... also ... Du hast was Tiere angeht sicherlich einen hervorragenden Geschmack, Herrin. Du weiß sicherlich, welche Tiere ... zu Deinem Mann passen. Sie sind klug ... und kraftvoll, und tapfer ... genau wie er, und ... "

Olivia brach in Gelächter aus. "Du hast meine Gefühle nicht verletzt, Cicero, und Maximus solltest Du einfach ignorieren. Er zieht Dich nur auf. Er ist seit einiger Zeit ein fürchterlicher Scherzbold geworden." Sie seufzte mit gespielter Frustration.

Cicero betrachtete Maximus aufmerksam. "Du siehst verändert aus, Herr. Viel entspannter. Jünger, beinahe." Maximus schaute seinen Diener fragend an. Cicero fuhr fort: "Vielleicht liegt es an Deinem Haar. Ich wußte gar nicht, daß Du so lockiges Haar hast."

Maximus fuhr sich mit der Hand durch seine dichten, glänzenden Locken und lächelte. "Hier ist es viel einfacher als an der Front, sich sauber zu halten, und daher spricht nichts dagegen, sie ein wenig länger zu tragen."

"Und ich mag es so", setzte Olivia hinzu.

Cicero bemerkte den warmen Blick, den sie ihrem Mann zuwarf, und auch Maximus' zärtliche Erwiderung desselben. Sie berührten einander oft, stellte Cicero fest: ein Streicheln über die Wange; ein Drücken der Hand; eine Hand auf einem Arm oder auf den Rücken gelegt. Ihre Beziehung war ganz offensichtlich eine liebevolle.

Cicero fühlte sich wie ein Eindringling und wechselte schnell das Thema. "Hercules war mir während meiner Reise eine große Hilfe. Ich war etwas ängstlich, allein reisen zu müssen, aber kein Räuber ließ sich blicken, weil er bei mir war. Und er ließ mich nur allein, um nach Kaninchen zu jagen. Kaninchen. Immerzu Kaninchen! Ich habe gut gegessen, aber ich kann keine Kaninchen mehr sehen."

Maximus schaute ihn erschrocken an. "Oh, nun, denn ... Ich sollte den Koch lieber bitten, etwas anderes zum Abendessen zu servieren. Sie haben den ganzen Tag gearbeitet, um ein ganz besonderes Kaninchen-Gericht vorzubereiten."

"Maximus ...", zischte Olivia ihm warnend entgegen.

Ihr Mann fuhr jedoch, offenbar unbeeindruckt von Ciceros Unbehagen, fort. "Ich bin sicher, daß es kein Problem für sie sein wird. Sie können irgendetwas anderes zusammenstellen ..."

"Nein, nein, Kaninchen ist schon in Ordnung. Ich bin sicher, daß es von Deinen Köchen zubereitet ganz anders schmecken wird."

"Jetzt reicht es aber, Maximus!" sagte Olivia und schlug ihm leicht auf den Arm. "Cicero, es gibt Rehbraten zum Abend. Maximus zieht Dich nur auf. Ignoriere ihn einfach."

"Oh." Cicero war mehr als verwundert über die Veränderung, die mit seinem General vor sich gegangen war. Maximus war immer so ernst gewesen in Germanien ... beinahe grimmig. Cicero hatte ihn nie in heiterer Stimmung gesehen und die Verwandlung war erstaunlich. Sah er deshalb um Jahre jünger aus? Für eine Weile war die schwere Last, Entscheidungen treffen zu müssen, von seinen Schultern genommen worden. Für eine Weile mußte er keine Männer in den sicheren Tod schicken. Er mußte keine Strategien für den Krieg ausarbeiten, und das machte einen anderen Mann aus ihm ... einen, den zu entdecken Cicero Freude bereitete. Er lehnte sich vor und hielt den Weinbecher grüßend seinem General entgegen. "Auf Dich, Herr."

Die Geste verwirrte Maximus. "Auf mich? Was meinst Du damit?"

"Ich meine nichts Besonderes. Darf ich meinen General nicht ehren, wenn mir danach zumute ist?"

Auch Olivia nahm ihren Becher und erhob ihn zum Gruß. "Auf Maximus", sagte sie lächelnd.

Maximus blickte zwischen ihnen hin und her. Er hatte keine Ahnung, was die beiden damit zum Ausdruck bringen wollten. Endlich zuckte er die Achseln und erhob ebenfalls seinen Becher, dann neigte er dankend leicht das Haupt. "Ich habe keine Ahnung, warum Ihr beide das tut, aber ich denke, ich sollte dankbar dafür sein." Dann grinste er schelmisch, legte den Kopf in den Nacken und leerte sein Glas in einem einzigen langen Zug.

"Außerdem", sagte Maximus zu Cicero, während er sich ganz untypisch den Mund mit dem Handrücken abwischte, "ich habe hier mehr als genug Leute, die sich um mich kümmern. Betrachte Dich als auf Urlaub, mein Freund."

 

 Kapitel 53 - Das Gespräch im Garten

Maximus saß da und starrte in seinen Weinbecher, den er zwischen den Fingern gedankenverloren hin und her drehte. Der volle Mond spiegelte sich auf der Oberfläche der dunkelroten Flüssigkeit. Neben ihm saß Cicero und studierte seinen General aufmerksam. Er hatte in den wenigen Tagen hier auf dem Hof mehr über diesen Mann erfahren als in all den gemeinsamen Jahren in der Armee. Er hatte keine Ahnung vom Inhalt der Briefe, die er aus Germanien mitgebracht hatte, aber offensichtlich war Maximus darüber beunruhigt.

Maximus seufzte schwer und hob die Augen, um Cicero anzublicken. "Die Stämme bauen eine Befestigungsanlage bei Colonia?"

"Ja, Herr. Das habe ich gehört."

"Warum lassen wir das zu? Wenn diese Befestigung  auch nur wenige Meilen vom Fluß entfernt liegt, dann würde sie den Germanen einen starken Stützpunkt zur Verfügung stellen, von dem aus sie ihre Angriffe durchführen könnten."

"Ja, Herr."

"Dann frage ich Dich nochmals ... warum lassen wir das zu? Ich habe Quintus mit der Vollmacht ausgestattet zurückgelassen, gegen einen solchen Akt der Aggression vorzugehen."

Cicero rutschte auf seinem Platz hin und her und blickte in Richtung des dunklen Atriums. "Darf ich offen sprechen, Herr?"

"Natürlich."

"Quintus kann keine Entscheidungen treffen. Er kann gut Befehle ausführen, die von einem Vorgesetzten erteilt werden, von Dir oder dem Imperator zum Beispiel ... aber wenn er auf sich selbst gestellt ist, Situationen einschätzen und Entscheidungen treffen muß, dann kann er das nicht. Die größte Entscheidung, die er überhaupt getroffen hat, war, die Legionen nach Colonia zu verlegen, um Stärke zu demonstrieren, aber seit dem ist nichts mehr geschehen."

"Was hat er denn in der Zeit seit meiner Abreise getan?"

"Noch mehr Straßen bauen und andere in Stand setzen lassen. Die Befestigungsanlagen verstärken lassen ... das ist alles. Er hat versucht zu ignorieren, was jenseits des Flusses geschieht. Ehrlich gesagt, Herr, ich denke, daß ihm Deine Abwesenheit gut getan hat. Sie hat ihm deutlich gemacht, daß er nicht die Führungspersönlichkeit ist, die er zu sein sich einbildet."

"Nun ...", begann Maximus, hielt jedoch inne, als Olivia mit dem schlafenden Marcus auf dem Arm den Garten betrat.

"Er ist aufgewacht und hat nach seinem Papa verlangt", sagte sie. Kleine Ärmchen langten nach viel längeren Armen, und Maximus setzte sich seinen Sohn auf den Schoß. Olivia pflückte einige Blüten von den Rosen neben dem Platz ihres Mannes, dann zog sie sich unauffällig wieder in das Atrium zurück. Der Duft der Blumen erfüllte die Nachtluft.

"Marcus, das ist Cicero, mein Freund." Das Kind war ganz offensichtlich noch sehr schläfrig, und es warf kaum einen Blick auf Cicero, bevor es sich an die Brust des Vaters kuschelte, den Daumen in den Mund gesteckt und die Augenlider zugefallen. Maximus küsste das schwarze Haar des Kindes und strich es ihm aus der Stirn, bevor er Cicero zulächelte. "Der Grund, warum ich lebe", sagte er. "Marcus und Olivia."

"Ich sehe es, Herr. Und ich beneide Dich."

"Meine Zeit mit ihnen ist so kurz."

"Du bist ein ganz anderer Mensch, wenn Du mit ihnen zusammen bist."

"Ein besserer Mensch."

"Nein, nicht besser. Nur anders."

"Es ist unnatürlich, weißt Du, die besten Jahre Deines Lebens damit zuzubringen, Krieg zu führen, so weit weg von den Menschen, die Du liebst. Jeden Tag fragst Du Dich, ob Du es erleben wirst, Deinen Sohn aufwachsen zu sehen. Das Leben eines Soldaten ist widernatürlich."

"Es könnte schlimmer sein."

"Das könnte es wohl."

"Du könntest ein Sklave sein und Dein Leben würde gänzlich von der Laune eines anderen abhängen." Maximus lächelte. "Du hast wirklich recht. Ich bemitleide mich selbst, obwohl ich nicht wirklich einen Grund dazu habe. Ich bin wirklich ein glücklicher Mann, so eine wundervolle Familie zu haben. Ich habe keine finanziellen Sorgen." Er grinste Cicero an. "Ich kann Befehle erteilen, denen andere zu gehorchen haben."

"Viele Männer finden es viel einfacher zu gehorchen. So haben sie keine Verantwortung zu tragen."

"Spielst Du damit wieder auf Quintus an?"

"Das tue ich. Ich hasse es, Dir das sagen zu müssen, während Du in diesem wundervollen Garten sitzt und Dein Kind auf dem Schoß hältst, aber Deine Männer wünschen sich Dich zurück. Selbst wenn Quintus eine Entscheidung treffen könnte, bin ich nicht sicher, ob die Männer ihm gehorchen würden. Sie trauen seinem Urteil nicht. Dir dagegen vertrauen sie vollkommen."

"Soldaten müssen ihrem Kommandanten gehorchen."

"Ich brauch Dir nicht zu sagen, daß es die verschiedensten Wege gibt, dies zu vermeiden, ohne offenen Ungehorsam zu üben."

"Und das wäre? Nein, sag es lieber nicht ..."

"Sie könnten zum einen die Ausrüstung sabotieren, so daß sie im Kriegsfall nicht einsatzbereit wäre," unterbrach ihn Cicero, der entschlossen war zu sagen, was er zu sagen hatte. "Bei den  großen Waffen könnten sich plötzlich Probleme mit der Bedienung einstellen. Das Lager könnte von einer plötzlichen geheimnisvollen Krankheit heimgesucht werden ..."

"Meine Männer würden so etwas niemals tun."

"Nicht, wenn sie unter Deinem Befehl stehen. Aber unter Quintus' ... da bin ich mir nicht so sicher."

Maximus vergrub die Nase im Haar seines schlafenden Sohnes und er fühlte das Herz des kleinen Kindes an seinem eigenen schlagen. Er wußte, daß das, was Cicero sagte, richtig war, aber er hatte es vermieden, darüber nachzudenken, um die gemeinsam mit seiner Familie verbrachte Zeit ohne Schuldgefühle genießen zu können.

"Es gibt noch jemanden, den Du ebenso sehr wie Deine Frau und Dein Kind liebst", sagte Cicero.

Maximus hob fragend die Augen.

"Marcus Aurelius und alles, für das er steht. Du liebst ihn und Du liebst Rom ... leidenschaftlich."

Maximus nickte und seufzte. "Dir entgeht nichts, Cicero. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung, daß Du mich so gut kennst. Sag mir ehrlich, hat man Dich von Germanien hierher gesandt, um zu versuchen, mich zur Rückkehr zu überreden?"

"Nein, Maximus", sagte Cicero in entspannt familiärem Ton. "Ich kam hierher, weil Du der einzige Mann bist, dem ich dienen möchte. Ich vergeude meine Zeit in Germanien, wenn Du nicht dort bist."

"Danke für Deine Treue, Cicero."

"Sie ist nicht etwas, das ich jemandem leichtfertig gebe."

Maximus strich mit der Spitze seiner Sandale über ein Grasbüschel. "Ich muß zugeben, wenn ich hier bin, habe ich manchmal das Gefühl, jede Berührung mit dem Rest der Welt verloren zu haben. Wenn ich in Spanien bin, ist es einfach, sich vorzustellen, daß Germanien nicht einmal existiert, und eigentlich auch Rom nicht. Irgendwie ist das beunruhigend."

"Du bist daran gewöhnt, aus erster Hand zu wissen, was im Reich vor sich geht, ein Mann zu sein, der Entscheidungen trifft, die das Schicksal von Millionen Menschen beeinflussen. So sehr Du auch diesen Ort liebst, es würde Dir niemals genügen."

"Ich weiß nicht ..."

"Ich weiß es", sagte Cicero mit Überzeugung. "Du bist zu jung, um Dich dauerhaft für ein Leben hier zurückzuziehen."

"Ich möchte meinen Jungen aufwachsen sehen. Ich möchte mehr Kinder ... Enkelkinder."

"Das kannst Du alles haben. Wenn es im gesamten Reich einen Mann gibt, der all das haben kann, dann bist Du das. Ich habe kein Recht, Dir zu sagen, wie Du Dein Leben leben sollst, Herr, aber wenn Du mir erlaubst, etwas zu sagen ... Du bist der geborene Soldat, der geborene Führer, aber ich sehe, daß Du auch Deine Familie brauchst. Warum solltest Du nicht alles haben können?"

"Wenn ich hier bin, dann vermisse ich meine Soldaten und die Armee. Ich sehne mich nach den Gesprächen mit Marcus Aurelius. Wenn ich bei der Armee bin, vermisse ich meine Familie. Vielleicht ist es mein Schicksal, niemals mit meinem Leben zufrieden zu sein." Maximus lachte. "Ist das nicht wirklich eine traurige Vorstellung!" Marcus bewegte sich leicht in Maximus' Schoß, bevor er sich wieder beruhigte, und wie auf ein Stichwort hin erschien Olivia, um das Kind zurück in sein Bett zu bringen. Maximus gab ihn nur widerstrebend her, und Cicero beobachtete den vertrauten Blick, den Mann und Frau wechselten.

Er stand auf und streckte sich , als ob er nach den Sternen über seinem Kopf greifen würde. "Wenn Du nichts dagegen hast, Herr, dann werde ich wohl jetzt hinein gehen. Ich bin immer noch reichlich müde von der Reise."

"Natürlich, Cicero. Gute Nacht."

Er stand auf, um ins Haus zu gehen.

"Cicero."

"Ja, Herr."

"Ich habe unser Gespräch sehr genossen. Ich danke Dir, daß Du die beschwerliche Reise nach Spanien auf Dich genommen hast."

Cicero nickte und wandte sich zum Gehen, wobei er beinahe über Hercules fiel, der lang ausgestreckt direkt hinter seinem Stuhl lag. Der Hund hob seinen Kopf und schaute den Mann verächtlich an, bevor er sich wieder niederlegte, um weiterzuschlafen. "Da ist noch eine Sache, Herr, die ich einfach nicht verstehe."

Maximus hob fragend die Brauen, obwohl er genau wußte, was kommen würde. "Dieses Tier. Warum kannst Du nicht ein nettes kleines Hündchen wie jeder andere auch haben?"

"Er passt zu meiner Persönlichkeit", sagte Maximus lachend und erhob sich, um ebenfalls zu Bett zu gehen.

 

 Kapitel 54 - Der Jahrmarkt

Sie hörten und rochen den Jahrmarkt bereits, bevor sie ihn sehen konnten. Marcus' Aufregung wuchs mit jeder Biegung der hügeligen, sich windenden Straße, die von der Farm nach Emerita Augusta führte, und als der Wagen endlich am Rande des Jahrmarktes anhielt, zitterte er beinahe vor Anspannung. Der Tag war warm und sonnig, und Maximus trug Sandalen, die um seine Waden geschnürt waren, und eine bequeme, knielange, leinene Tunika. Er sprang vom Wagen herunter und war danach auch Olivia beim Absteigen behilflich, während er Cicero sich selbst überließ. Maximus setzte sich Marcus auf die Schultern und hielt ihn an den Knöcheln, während Marcus sich mit den Fingern in Papas Haar festkrallte und sich nun ganz sicher fühlte. Olivia schob ihre Hand durch den angewinkelten Arm ihres Mannes und sie strebten der geschäftigen Hauptstraße des Städtchens zu, die für diesen Tag zum Jahrmarkt umfunktioniert worden war.

Die Bevölkerung von Emerita Augusta hatte sich mehr als verdreifacht, da sich die Bewohner der umliegenden Gehöfte zu den Festivitäten einfanden. Jongleure, Feuerschlucker und Stelzenläufer schlängelten sich durch die dichtgedrängte Menge, mit Honig versetzter Wein und süßes Gebäck erfüllten die Luft mit ihrem durchdringenden Duft. Einheimische Händler hielten bunte Bänder, Glaswaren und Holzspielzeug an kleinen Ständen feil und warben um die Münzen der Anwesenden. Schauspieler in farbenfrohen Kostümen führten kurze Stücke und Parodien auf kleinen, improvisierten Bühnen auf, um das Publikum zu erfreuen. Strauße, Löwen, Hyänen und Tiger lungerten in Käfigen herum, gelangweilt und träge in der heißen Sonne, die neugierigen Blicke der Vorübergehenden nicht einmal wahrnehmend.

Marcus Augen waren groß wie Teller, denn alles schien um seine Aufmerksamkeit zu buhlen. Er kreischte vor Freude über einen Jongleur, der sechs Bälle gleichzeitig in der Luft bewegte, und sein kleiner Mund blieb offen stehen, als ein Feuerschlucker Flammen in seine Richtung ausstieß. Olivia lachte und tätschelte seinen Rücken, was ihm zusätzlich ein Gefühl der Sicherheit vermittelte, dann ließ sie ihre Hand den Rücken ihres Mannes hinabgleiten, während das Paar ein Lächeln austauschte. Maximus kaufte Süßigkeiten und Getränke für sie alle, die sie vertilgten, während sie sich durch die drängelnde Menge bewegten, jedesmal anhaltend, wenn irgendetwas Marcus' Aufmerksamkeit erregte.

Cicero beobachtete den Umgang der kleinen Familie miteinander von seiner Position leicht hinter ihnen aus, und er verspürte eine Woge des Mitleids für Maximus, der jederzeit von den Seinen weggerissen werden konnte. Bevor er nach Spanien gekommen war, hatte er nicht verstanden, daß Maximus so völlig in seiner Familie aufging.

Von seinem günstigen Aussichtspunkt konnte Cicero beobachten, wie die Leute den attraktiven Mann mit dem Kind auf seinen geraden, breiten Schultern anstarrten. Dorfbewohner und Bauern gleichermaßen zeigten in einer Geste des Wiedererkennens auf Maximus und flüsterten einander zu, überrascht und begeistert zugleich, ihn mitten unter sich zu finden. Er hatte eine Postion erlangt, die nur wenige Spanier zu erreichen vermögen, und sie waren fasziniert von diesem großen Mann. Maximus nahm es nicht zur Kenntnis, aber Cicero blickte sie böse an und trat näher an seinen General heran, entschlossen, keine neugierigen Gaffer diesen Tag erderben zu lassen. Zu Ciceros großem Ärger, begann eine kleine neugierige Gruppe hinter ihnen herzulaufen, die Augen fest auf Maximus geheftet. Endlich hielten einige beherztere Bürger den General an, um ihn zu grüßen und einige anerkennende Bemerkungen an ihn zu richten. Einige von ihnen hatten Maximus gekannt, als sie noch Kinder waren, und er war aufrichtig erfreut, seine alten Freunde wiederzusehen. Er nahm sich für jeden Zeit, lächelnd, Hände schüttelnd und Erinnerungen austauschend. Olivia strahlte vor Stolz, aber Marcus schwang seine kleinen Beine voller Ungeduld gegen Papas Brust.

Und es dauerte nicht lange, bis sich eine Menge um sie sammelte, Maximus mit Fragen nach dem Kaiser löcherte, Informationen über den Krieg in Germanien verlangte und ihn auch nach seinen jüngsten Abenteuern im Osten befragte. Maximus wich den Fragen geschickt und mit Humor aus, da er keinerlei Lust verspürte, Staatsangelegenheiten mit irgendwelchen Zivilisten zu diskutieren.

Marcus rutschte unruhig hin und her und war kurz davor, sich ernsthaft zu beschweren, als Olivia ihn zu sich nahm und ihn auf ihrer Hüfte plazierte. Sie flüsterte ihrem Mann einige Worte zu und verschwand dann in Richtung der in der Nähe aufgebauten Puppenbühne, die sich unter einem kleinen gestreiften Zelt eingerichtet hatte. Noch im Gehen schaute sie zurück, um sicher zu sein, daß Cicero bei Maximus blieb. Olivia stand hinter den Kindern, die auf dem Boden saßen, aber ihre Augen hingen an der Menge, die ihren Mann umgab und immer größer und lauter wurde. Frauen und Kinder wurden beiseite gestoßen durch rücksichtslose junge Männer, die unbedingt näher an den berühmten Krieger herankommen wollten. Olivias Atem stockte, als sie ein kleines Kind stolpern sah und vor Entsetzen aufschreien hörte, bevor seine Mutter es vor den trampelnden Füßen in Sicherheit bringen konnte. Schon bald waren Maximus und Cicero ihrem Blick vollständig entzogen und gefangen in dem schnell anwachsenden Gedrängel der Leute.

Im Zentrum dieses Haufens machte Cicero von seinen Ellbogen Gebrauch, um einen Teil der Menge zur Seite zu schieben und einen schmalen Spalt für den Rückzug zu öffnen, der sich aber sofort wieder schloß. Da die Menschen am Rande drängelten, um dichter an Maximus heranzukommen, wurden jene auf der Innenseite immer enger an ihn herangedrückt. Als Maximus sah, wie ein weiteres verängstigtes Kind zu Boden fiel, holte er tief Luft und bellte in seiner besten militärischen Kommandostimme: "Jetzt reicht es! Tretet zur Seite und lasst mich durch!" Die Autorität dieser Worte hatte den gewünschten Effekt, und jene an der Außenseite des Gedränges machten ein wenig Platz, um den anderen die Möglichkeit zu geben, etwas zur Seite zu rücken, so daß Maximus aus der Tiefe der Menge auftauchen konnte. Er marschierte mit langen, entschlossenen Schritten hinüber zu seiner Frau, die Arme absichtlich hin und her schwingend, den Kopf leicht gesenkt und die Augen geradeaus gerichtet. Er schaute erzürnt drein, aber selbst aus der Entfernung konnte Olivia ein Zwinkern in diesen Augen sehen. Plötzlich wirbelte Maximus herum und blickte die inzwischen fügsame Menge an. "Vielen Dank, meine Damen und Herren. Ich bin heute mit meiner Frau und mit meinem Sohn hier und ich würde es vorziehen, den noch verbleibenden Tag mit ihnen in Ruhe zu verbringen. Ich hoffe auf Euer Verständnis." Er verbeugte sich leicht vor der Menge, nahm Olivia Marcus wieder ab und setzte ihn zurück auf seine Schultern, dann wandte er sich den Puppen und seinen Rücken den vielen Bewunderern zu. Unter vereinzeltem Applaus begann die Menge, sich langsam zu zerstreuen. Die Künstler bemühten sich, die Aufmerksamkeit des Publikums zurückzuerobern und die Rufe der Händler erfüllten wieder die Luft.

Maximus schaute seine Frau von der Seite an: "Also, woher wußten sie von Cassius und den Ereignissen im Osten?"

"Ich weiß nicht. Ich habe niemals mit irgendeinem von ihnen darüber gesprochen, was Du tust."

"Zu niemandem?"

"Natürlich nicht!" sagte Olivia, sichtlich irritiert, daß er an ihr zweifelte. "Keiner außerhalb der Familie weiß davon." Sie schloß die Augen. "Oh nein, Titus. Mein Bruder, er weiß es. Du hast es ihm selbst während des Abendessens in der letzten Woche erzählt, und ich glaube, ich selbst habe auch etwas davon erwähnt. Ich hatte keine Ahnung, daß er irgendjemand davon erzählen würde, Maximus." Niedergeschlagen sagte sie: "Es tut mir so leid."

"Es ist ja nichts weiter geschehen. Aber trotzdem ist es besser, wenn Marcus Aurelius selbst entscheidet, was er sein Volk wissen lassen will."

"Ja, ich verstehe. Ich werde mit Titus darüber sprechen."

"Das brauchst Du nicht. Ich werde es erwähnen, wenn ..." Maximus zuckte plötzlich zusammen, als Marcus an seinem Haar zog und vor Freude aufjauchzte.

"Schau, Papa, schau! Die Puppen tanzen. Schau!"

"Maximus lachte über die Freude seines Sohnes. "Ich sehe es, Marcus", sagte er und wirbelte seinen Sohn selbst in einem improvisierten Tanz herum. Plötzlich veränderte sich der Ausdruck auf seinem Gesicht. Er hielt unvermittelt inne und starrte auf ein Gefährt, das ihnen schwerfällig auf der Hauptstraße entgegenkam und die Passanten auseinander trieb. Marcus kicherte weiter fröhlich und verdrehte seinen kleinen Körper, um das Puppenspiel besser sehen zu können. Er bemerkte die Veränderung im Verhalten seines Vaters nicht.

"Was ist das, Herr?" fragte Cicero, während seine Augen denen seines Herren hin zu dem Wagen folgten.

"Gefangene."

Sie schauten, wie der Wagen nur ungefähr hundert Fuß von ihnen entfernt zum Stehen kam. Das ganze Gefährt bestand aus einem schweren hölzernen Käfig. Schmutzige, schwielige Hände hingen apathisch durch die Gitterstäbe, ein Spiegelbild der Hoffnungslosigkeit der eingeschlossenen Männer.

"Warum bringt man Gefangene auf einen Jahrmarkt?" fragte Cicero.

"In dieser Stadt gibt es eine große Arena, so wie in den meisten römischen Städten", sagte Maximus in eisigem Ton. "Ich vermute mal, daß diese Männer Sklaven sind. Man hat sie hergebracht, damit sie den Mob unterhalten, indem sie eines grausamen Todes sterben, während ihre Besitzer den Profit einstreichen."

"Gladiatoren? Hier?" fragte Olivia und ein Schauer lief ihr über den Rücken.

"Es gibt sie im ganzen Imperium, überall wo die Massen zusammenlaufen, um sich unterhalten zu lassen." Maximus wandte sich an seine Frau. "Nimm Marcus, bitte! Ich möchte nicht, daß er das hier sieht."

Nun nicht mehr von seinem Sohn belastet trat der General, gefolgt von seinem Diener, näher an den Wagen heran. Die schwere Eisentür quietschte jämmerlich, als eine bewaffnete Wache sie aufriss, und an Hand- und Fußgelenken zusammengekettete Männer aus dem Inneren des Wagens auftauchten. Sie stolperten, als ihre Füße den Boden berührten und alle waren schmutzig und in Lumpen gehüllt. Lange, verfilzte Haare und Bärte bedeckten ihre Gesichter beinahe vollständig, konnten aber nicht die Angst und den Abscheu in ihren Augen verbergen. Und wieder lief eine Menge zusammen, diesmal, um die Sklaven zu verhöhnen, und einige Jugendliche warfen sogar Steine nach ihnen. Nur ein einziger Gefangener stand aufrecht da und starrte seine Peiniger herausfordernd an. Er zuckte nicht mal, wenn ihn die scharfen Steine trafen. Er stand ganz still, nur seine Augen bewegten sich, als er den Mob überblickte.

Maximus fluchte leise vor sich hin, einen grimmigen Ausdruck im Gesicht.

"Was ist los?" fragte Cicero besorgt.

"Ich kenne diesen Mann. Er war der Führer eines der Stämme, die wir bei Vindobona besiegten, und er wurde dort gefangen genommen." Maximus blickte seinen Gefährten kurz an, bevor er seine Aufmerksamkeit wieder dem Germanen zuwandte. "Er ist ein sehr tapferer Mann, Cicero, und er kämpfte ehrenvoll." Maximus fluchte abermals. "Er verdient dies hier nicht. Er verdient es nicht, zum Vergnügen anderer zu sterben. Es wäre menschenwürdiger gewesen, wenn wir ihn auf dem Schlachtfeld getötet hätten."

"Kannst Du dem kein Ende machen?" fragte Cicero.

"Nein", meinte Maximus bitter. "Das ist alles absolut legal. Der Mann ist ein Sklave, und sein Besitzer kann mit ihm machen, was er will. Hör Dir die Menge an. Sie können es kaum erwarten, Blut fließen zu sehen. Für sie ist der Tod nur Unterhaltung. Sie sehen nicht, was Soldaten sehen." Trotz der Wärme des Tages schauderte es Maximus. "Komm, Cicero. Laß uns von diesem Ort des Todes verschwinden."

Er wandte sich wieder dem Puppenspiel zu, und ein leichtes Lächeln erhellte seine ernsten Züge, als er Marcus rufen hörte: "Papa, Papa, komm schnell. Schau!"

Olivia lächelte ihrem Mann grüßend zu, und Maximus erwiderte ihr Lächeln, hielt jedoch abrupt inne, als er sah, wie das Glück und jegliche Farbe plötzlich aus ihrem Gesicht wichen und ihre Augen wie gebannt auf etwas hinter seiner Schulter starrten. Sein Kampfinstinkt brach sich Bahn, und Maximus griff an seine Seite nach dem Schwert, aber seine Hand bekam nichts anderes als Stoff zu fassen, als er halb gebückt herumwirbelte, um jeden möglichen Angreifer zu stellen, mit einem drohenden Knurren auf den Lippen. Er hatte allen Ernstes erwartet, sich dem germanischen Krieger gegenüber zu sehen, der irgendwie seinen Bewachern entkommen und nun auf Rache aus war. Statt dessen blickten seine Augen direkt auf eine schmucke schwarze, goldverzierte Lederrüstung, eine Rüstung von genau der Art, wie sie von den Prätorianern des Kaisers getragen wurde. Langsam richtete er sich auf, holte tief Luft und zwang seine Schultern zurück in einer Zurschaustellung von Gleichgültigkeit, die er nicht empfand.

"General Maximus, wir haben nach Dir gesucht, Herr. Wir haben einen dringenden Brief des Kaisers."

"Schau, schau, Papa!" Hinter ihm kreischte Marcus vor Lachen, und Maximus zwang sich zu einem angespannten Lächeln - um seinetwillen, um des kleinen Jungen willen, den er für Jahre nicht mehr wiedersehen würde.

 Kapitel 55 - Belagerung

Maximus saß auf Scartos Rücken, entspannt trotz der Unmenge von Pfeilen, die in dem halb- gefrorenen Boden keine zwanzig Fuß entfernt steckten wie die Borsten eines Stachelschweins. Seine Augen suchten unablässig die Gegend ab, hell wach für jede Veränderung der Situation. Er fröstelte leicht, als der kalte Wind das tote Gras unter den Hufen seines Pferdes zu spielerischen braunen Spiralen aufpeitschte und dann unter seinen wollenen Umhang fuhr. "Schnee", dachte er. Es kann jederzeit schneien und sie waren noch nicht genügend vorbereitet. Es würde keine Ruhe für die Männer geben.

Maximus befand sich auf der Kuppe eines Hügels und überschaute ein kürzlich abgeforstetes Stück des germanischen Waldes. Am Nordende der Lichtung türmte sich eine beeindruckende Steinkonstruktion auf ... eine Festung, die verborgen in den nebligen Wäldern von den Germanen errichtet worden war, während Maximus zuerst im Osten und dann in Spanien gewesen war. Monatelang hatte die Festung beständig an Höhe gewonnen, Stein um Stein, unbemerkt von der römischen Armee am anderen Ufer des Rheins, die sich ganz auf das Reparieren von Straßen und die Verstärkung ihrer eigenen Befestigungsanlagen konzentriert hatte.

Panik brach aus, als eine römische Patrouille zufällig über die gut versteckte Festung stolperte, und Quintus reagierte, indem er schnell eine Anzahl von Legionen nach Colonia verlegte. Dort warteten sie nun, während Quintus zu entscheiden suchte, wie er die Situation angehen sollte. Wochen später rang er immer noch um eine Entscheidung, während die Legionen Manöver abhielten und offen ihren Wunsch aussprachen, ihr General möge zurückkommen. Maximus wüßte, was zu tun sei, dessen waren sie sich sicher.

General Maximus kam endlich in Colonia an, als die Nächte bereits lang und kalt wurden. Seine Ankunft wurde nicht offiziell angekündigt, aber die Kunde verbreitete sich schnell von einem Lager zum anderen, und in dieser Nacht schliefen die Soldaten ruhig in dem Bewußtsein, daß alles nun so sein würde wie es sollte. Früh am nächsten Morgen setzte Maximus über den Fluß und nahm die Festung aus dem Schutz des Waldes heraus in Augenschein. Bei seiner Rückkehr in das Lager gab er sofort entschlossene Befehle, und die erfreuten Soldaten setzten diese augenblicklich in die Tat um. Innerhalb einer Woche spannte sich eine robuste hölzerne Brücke über den Rhein, und die Legionen hatten die Wälder südlich der Festung gerodet, so daß nur ein zerklüftetes, mit Baumstümpfen bedecktes Gelände übrigblieb.

So schnell wie die Bäume gefällt wurden, so schnell entfernte man Äste und Rinde und schnitt sie auf eine Länge, die passend war, um daraus riesige Katapulte, Wurfmaschienen und im Boden verankerte Armbrüste zu konstruieren. Die Männer arbeiteten unter hastig aus dem gefällten Holz errichteten Schutzwänden, um sie von feindlichen Pfeilen abzuschirmen und von Speeren, die aus der Festung von oben auf sie herabgeschleudert wurden. In den Wäldern, umgeben von dichtem Grün und verborgen vor den Augen der germanischen Stämme, wurde mit dem Bau von drei großen Belagerungstürmen begonnen. Man würde sie auf großen hölzernen Rädern auf die Lichtung transportieren, gezogen von Gruppen von Pferden. Dort würde man ihren Bau so lange fortsetzen, bis ihre Höhe die der Festung erreicht hätte. Man würde einen Durchgang von Baumstümpfen frei machen, kurz bevor man die Türme aus ihrem Versteck zog. Die römischen Soldaten waren erfreut, nach Monaten des Friedens sich endlich auf den Krieg vorzubereiten. Diese durchtrainierten Männer blühten auf unter den gegebenen Umständen. Sie lachten und scherzten sogar, während ihre Muskeln unter dem Druck unablässiger Bautätigkeit schmerzten. Wann immer sie zu ermüden drohten, blickten sie hinauf auf den Hügel zu der immer gegenwärtigen Gestalt auf dem schwarzen Hengst, die unbeweglich und aufrecht wie eine Statue dort saß, und sie fanden darin neue Kraft und Energie. Maximus wachte über sie. Maximus erteilte Befehle. Alles würde gut werden.

Scarto trat von einem Hinterbein auf das andere, ungeduldig in seiner Untätigkeit, und Maximus beruhigte seinen Hengst mit wenigen Worten. Nur zu gut konnte er sein Pferd verstehen, denn auch sein eigener Körper begann zu ermüden, nachdem er Tag um Tag still da- gesessen, beobachtet und Befehle erteilt hatte. Es wäre für alle besser, wenn die Zeit zum Kampf endlich käme.

Plötzlich rissen die Zügel an Maximus' Hand, als ein verschreckter Scarto auf entsetzte Schreie von unterhalb des Hügels reagierte. Ein brennender Pfeil aus der Festung hatte das Dach eines der Schutzschilde getroffen, und es war in Flammen aufgegangen. Soldaten schrien, als ihre Kleidung Feuer fing, und sie stolperten ins Freie, wo ihre Kameraden sie schnell auf dem Boden hin und her wälzten, um die Flammen zu ersticken. Maximus brüllte noch eine Warnung, als auch schon ein Hagel von Pfeilen von der Mauer der Festung abgeschossen wurde und die Soldaten traf, die nun nicht mehr unter dem hölzernen Schutzdach verborgen waren. Zwei von ihnen fielen augenblicklich tot zu Boden, und die anderen rannten los, um Deckung zu suchen, und zerrten die Verwundeten, deren Glieder mit Pfeilen gespickt waren, hinter sich her.

Maximus sprach zu Quintus mit zusammengebissenen Zähnen. "Erinnere die Männer daran, diese Schutzdächer mit Wasser zu tränken. Sie dürfen auf gar keinen Fall austrocknen." Quintus nickte und gab Maximus' Befehl an seine Untergebenen weiter, welche ihn ihrerseits in den Reihen der Soldaten verbreiteten. Quintus blickte Maximus an, aber dieser war in Gedanken verloren und hatte offensichtlich nichts mehr zu sagen. Die Beziehung zwischen den beiden langjährigen Freunden war seit Maximus' Rückkehr angespannt. Es hatte keiner Worte bedurft um deutlich zu machen, daß der General von der Leistung seines Legaten enttäuscht war. Aber Maximus' Gedanken waren nicht mehr bei den seinem Kommando unterstellten Soldaten. Die Schreie hatten ihn einige Monate zurück nach Spanien versetzt, als das Weinen eines kleinen Jungen sein Herz durchbohrt und sich in seine Seele gebrannt hatte.

Marcus hatte gespürt, daß etwas nicht stimmte. Seine Mutter weinte, die Arbeiter waren betrübt. Etwas Schlimmes geschah ... das wußte er. Und trotzdem war es an jenem Morgen ein Schock für ihn, als seine Mutter ihn weckte, um Lebewohl zu sagen. Er schlang seine kleinen Arme um Papas Nacken und schluchzte trotz der tröstenden Worte und Zärtlichkeiten, dann schrie er in panischer Angst, als man seine verschlungenen Finger mit Gewalt auseinander zwang und sich sein Papa von ihm abwandte.

Die Schreie seines Sohnes hallten während der gesamten Reise zurück nach Germanien in seinen Ohren wieder, und sie verfolgten ihn noch immer. Plötzlich hervorquellende Tränen trübten Maximus Blick, er schaute zum Himmel empor und blinzelte schnell, um wieder klar sehen zu können.

Er holte tief Luft und richtete sich gerade auf, dann konzentrierte er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Tätigkeit seiner Männer, nachdem er Quintus einen kurzen Blick zugeworfen hatte. Als Maximus Quintus die Leitung der Legionen überlassen hatte, war dies in gewisser Weise ein Test gewesen, um die Führungsqualitäten des Legaten zu ermitteln ... aber er hatte kläglich versagt. Quintus wünschte sich verzweifelt, zum General einer der Legionen befördert zu werden, aber Maximus konnte Marcus Aurelius dies nicht mit gutem Gewissen empfehlen. Quintus war innerhalb der römischen Armee so weit aufgestiegen, wie es für ihn irgendmöglich war, und wenn er Maximus das nächstemal über den Stand seiner Karriere befragen würde, dann müßte er ihm dies sagen.

Es war dies kein Tag, den Maximus herbeisehnte.

zurück zur Übersicht                                                                                           nächste Kapitel