|
Kapitel 56 - Belagerung, Teil 2 Maximus kniete sich hin, sein wollener Umhang breitete sich um ihn herum auf dem Boden aus, und er senkte die Finger seiner rechten Hand in die kalte, nasse Erde. Seine Soldaten warteten geduldig und beobachteten das seltsame Ritual, welches anzeigte, daß alles bereit war und die Schlacht unmittelbar bevorstand. Nachdenklich verrieb er die Erde zwischen den Handflächen, während Hercules vor Aufregung zitternd neben ihm saß. Er hab seine Hände an die Nase und sog den Geruch ein, für einen Augenblick schloß er die Augen, als wolle er sich den Duft eines kostbaren Parfums in sein Gedächtnis einprägen. Dann stand er auf und wischte sich seine schmutzigen Handflächen an der Hose ab. Er achtete nicht auf den Dreck, der jetzt an dem teuren, weinroten Stoff klebte. Sein Adjutant half ihm, Argento zu besteigen, und für einen Moment saß er still und überblickte die Zenturien von Männern, die sich neben ihm und am Fuße des Hügels eher in loser Ordnung sammelten als in den üblichen geschlossenen Linien. "Wir werden vorsichtig vorrücken", sagte Maximus zu seinen Offizieren. "Folgt meinen Befehlen vorschriftsmäßig." Die Offiziere nickten zustimmend. Dann hob Maximus seine Stimme, so daß alle Männer ihn hören konnten, und sie durchschnitt kristallklar die eiskalte Luft. "Ehre und Stärke!" war alles, was er sagte, aber diese Worte sprachen Bände zu den Männern, die sie hörten. Maximus war sich wohl bewußt, daß hunderte - vielleicht tausende - weiterer Männer in ihren Verstecken auf den Wällen der Festung seine Worte ebenfalls gehört hatten. Selbst wenn sie die Worte nicht verstanden, so würde der Ton, in dem sie gesprochen wurden, sie die Bedeutung derselben erfassen lassen. Während sich die Soldaten zu ihren Stellungen begaben, schaute Maximus nochmals auf die Festung. Es war augenfällig, daß sie hastig errichtet worden war, und sie war Gegenstand für Scherze unter den römischen Ingenieuren und Händlern, dennoch war sie stark wie der Ochse, dem ihre plumpe, unregelmäßige Form glich. Sie türmte sich annähernd fünfzig Fuß hoch, und schloß ein Gebiet ein, daß groß genug war, einem kleinen Dorf Raum zu bieten. Ihr einziger sichtbarer Zugang bestand aus einem niedrigen, dicken, hölzernen Tor, das beinahe unter Buschwerk verborgen und von innen sorgfältig verbarrikadiert war. Die Konstruktion war geschickt getarnt durch Bäume, die tief in den großen Felsen verwurzelt waren, welche die Außenseite ihrer Mauern umgaben. Wie ihre römischen Gegner hatten auch die Germanen innerhalb der Festung unermüdlich gearbeitet, um die Bäume mit Wasser zu tränken, bis Maximus den Befehl erteilt hatte, den Fluß, der unter den Mauern der Festung hindurchlief, zu stauen, obwohl er wußte, daß sie noch andere Wasservorräte besaßen. Das Wetter war jämmerlich geworden, während der grauen Tagesstunden ging ein ständiger Schneeregen nieder, der sich nachts in nassen Schnee verwandelte. Die römische Armee hatte die Chance verpasst, unter klarem blauem Spätherbsthimmel anzugreifen. Maximus hatte niemals zuvor eine Belagerung geleitet, und diese Erfahrung unterschied sich grundsätzlich von jener, die Linien seiner Männer in offener Schlacht gegen den Feind zu führen. Eine alternative Strategie war nun gefordert, und er stand unter keinem Druck, hastige Entscheidungen zu treffen, die er später möglichrweise bereuen würde. Das Wetter war kalt und nass. Aber seine Männer waren mit warmer Kleidung und gutem Essen versehen. Sie konnten einer durchdachten und sorgfälltig geplanten Schlacht leicht standhalten. Gleichwohl waren sie begierig darauf, daß die Dinge endlich in Bewegung gerieten. Aber das konnte buchstäblich Wochen dauern. Diese Pattsituation könnte am schnellsten beendet werden, wenn sich die Stammeskrieger ergäben. Maximus kannte seinen Gegner nur zu gut. Daher bezweifelte er, daß dies geschähe. Trotzdem er würde ihnen die Möglichkeit geben, die Sache ohne allzu großes Blutvergießen zu beenden, bevor er irgendetwas anderes unternähme. Er sprach ruhig mit Quintus. "Auf mein Kommando schießen wir die Wurfmaschinen zwei, vier und sechs ab." "Wir werden sie ausräuchern?" fragte Quintus. "Drei Wurfmaschinen werden kaum irgendwelchen Schaden anrichten. Wenn wir gleichzeitig mit allen Wurfmaschinen feuern würden, hätten wir eine bessere Chance." "Nein", antwortete Maximus. "Wir werden sie nicht ausräuchern. Wir werden horchen." Unfähig, die Bedeutung des Gesagten zu erfassen, zögerte Quintus, den Befehl weiterzugeben, bis ein Blick von Maximus ihn schließlich dazu veranlaßte. Innerhalb von Minuten wurden brennende Geschosse in die ausgewählten Wurfmaschinen geladen, die man gerade soweit nach vorn gezogen hatte, daß sie sich noch außerhalb der Reichweite der gegnerischen Pfeile befanden. Die Männer standen daneben und warteten auf den Befehl zum Feuern. Maximus nickte, und ein Bogenschütze schoß einen brennenden Pfeil über die Köpfe der Männer unter ihnen. Augenblicklich spuckten die großen Kampfmaschinen ihre feurige Ladung über die Festungswälle, wo sie hinter den massigen aufeinander getürmten Steinen verschwanden. Nach einem kurzen Moment hörte man Schreie und lautes Rufen aus dem Inneren, als die Insassen der Festung sich mühten, die Flammen zu ersticken. "Es ist genau, wie ich befürchtet habe", sagte Maximus, während er weiter auf den Krawall lauschte, der über die Mauern drang. "Es sind Frauen dort drin und vermutlich auch Kinder." "Sie wollten es nicht anders", bemerkte Quintus. "Das bezweifle ich", antwortete der General grimmig. "Maximus, Du tust genau das, was sie von Dir erwarten. Wenn diese Frauen gegen ihren Willen dort sind, dann geschieht das eben deshalb, um zu verhindern, daß wir sie ausräuchern. Du spielst ihnen direkt in die Hände." "Hast Du kein Gewissen, Quintus?" Maximus' Stimme war angespannt vor unterdrücktem Ärger. "Könntest Du die Verantwortung dafür übernehmen, Frauen und Kinder zu verbrennen?" "Das passiert eben im Krieg." "Unter meinem Kommando passiert so etwas auch im Krieg nicht." "Wenn wir diese Sache weiter in die Länge ziehen, riskieren wir, noch mehr von unseren eigenen Männern zu verlieren." Quintus war ebenfalls ärgerlich. "Unsere Männer sind gut geschützt. Das Einzige, was wir zu verlieren drohen, ist unsere Menschlichkeit." Plötzlich lächelte Maximus, und seine Stimme wurde wieder weicher. "Schau, mein Freund, Du kennst mich gut genug um zu wissen, daß ich in dieser Sache nicht nachgeben werde." Er lachte leise. "Außerdem, haben wir mit unserer Zeit irgendetwas besseres anzufangen?" Quintus ignorierte Maximus' Versuch, ihre Streitigkeit beizulegen. "Was, wenn es sich nur um einen Trick handelt, uns monatelang abzulenken, so daß weitere Stämme an anderen Stellen entlang des Flusses angreifen können?" "Weitere Legionen sind den gesamten Fluß entlang stationiert, und Du weißt das. Sie können mit solchen Situationen umgehen und wenn nicht, werden sie nach mir schicken. Und wir selbst sind vor Überraschungsangriffen gut geschützt durch die Legion, die um uns herum stationiert ist. Es besteht kein Grund zur Eile." "Aber ..." "Quintus, das ist mein letztes Wort in dieser Sache." Der Legat wandte seine Aufmerksamkeit wieder der Festung zu und den Rauchschwaden, die aus ihrem Inneren aufstiegen. Seine steife Haltung sprach Bände bezüglich seiner Unzufriedenheit mit Maximus' Entscheidung. Er war unfähig, die Ironie darin zu erkennen, daß er jetzt auf einen hastigen Angriff drängte, während er selbst Wochen gezögert hatte, in denen die Legionen unter seinem Kommando gestanden hatten. Eines verstand er jedoch. Es war unmöglich, den General von einer Vorgehensweise abzubringen, von der er überzeugt war, daß sie richtig sei. Eine plötzliche Bewegung am Fuße der dicken Mauer erregte die Aufmerksamkeit einiger Soldaten, die die schweren Waffen bedienten, und sie riefen ihrem General zu, während sie auf die Stelle wiesen, auf die sie ihn aufmerksam machen wollten. "Was ist da?" fragte Quintus. "Ich weiß nicht. Es sieht aus wie ..." Maximus hob die Hand, um seine Augen zu beschatten, obwohl keine Sonne am Himmel stand. "Es sieht aus wie ... eine Person. Eine Frau. Und sie trägt etwas. Es ist ein Kind, Quintus. Sie versucht, in die Wälder zu entkommen." Die beiden Männer starrten einander an. "Wie ist sie da 'rausgekommen?" Maximus dachte mehr laut, als daß er wirklich diese Frage stellte. "Sag den Männern, daß sie nicht schießen sollen. Laßt sie laufen." Aus der Entfernung sah die Frau wie eine sich windende Masse aus Haar und Kleidung aus, vom Rauch geschwärzt und Schmutz verschmiert. Das Kind, das sie an ihre Brust presste, war noch jung, allerhöchstens ein Jahr alt. In offensichtlicher Furcht schaute sie hinter sich, und schon bald erkannte Maximus warum. Sie wurde von einem der Stammeskrieger verfolgt, der dicht an der Mauer stand, jedoch nach ihr greifen, sie am Fußgelenk packen und mit einem Schrei zu Boden werfen konnte. Als er begann, sie zurückzuzerren, gab Maximus einem seiner besten Bogenschützen, der dicht neben ihm stand, einen schroffen Befehl: "Erschieß ihn", war alles, was er sagte. Der Bogenschütze hob seine Waffe und schoß den langen Pfeil ab. Innerhalb von Sekunden lag der Germane tödlich getroffen am Boden. Ein Jubelschrei stieg aus den Reihen der römischen Soldaten auf, und die Frau stolperte mit ihrem Kind hinweg in den Wald. "Wie kam sie da heraus?" fragte sich Maximus abermals. "Quintus, ich möchte mit unserem obersten Ingenieur, Jovinus, sprechen. Mach ihn für mich ausfindig." Maximus stieg vom Pferd, um sich etwas zu bewegen und gegen die Steifheit in seinen Knien anzugehen. Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und ging auf dem Kamm des Hügels entlang weg von seinen Beratern und in Gedanken versunken. "Du hast nach mir geschickt, Herr?" Maximus wirbelte herum, aufgeschreckt aus seinen Überlegungen. "Ja, Jovinus. Du hast gesehen, was gerade passiert ist?" "Ja, General." "Wie konnte die Frau da herauskommen? Ich dachte, daß der einzige Ausgang das hölzerne Tor sei." "Mit Sicherheit gibt es keinen anderen sichtbaren Ausgang, Herr, aber ich werde es meine Männer nochmal untersuchen lassen. Schwierig dabei ist nur, daß wenn wir zu nah herangehen, die Germanen auf uns schießen." Jovinus war ein Mann in den Vierzigern, kurz und kompakt gebaut wie ein Ringer, aber ein hochqualifizierter Ingenieur aus Rom. Als er es satt hatte, öffentliche Gebäude zu errichten, begann er sich für Kriegstechnik zu interessieren. Er blühte regelrecht auf, wenn es um schnelle Entscheidungen und Verbesserungen ging, die seinen Beruf kennzeichneten. "Es könnte irgendeine Öffnung unter der Mauer geben, die durch das Buschwerk verborgen ist. Nach dem Zustand der Frau zu urteilen, könnte sie unter den Felsen durchgekrochen sein." "Wäre es möglich, daß diese massiven Mauern keine Fundamente haben? Das die Felsen einfach auf dem Boden stehen?" "Könnte sein. Das Gebäude wurde in relativ kurzer Zeit hochgezogen, es wäre also gut möglich." "Dann wäre es möglich, die Mauern einfach niederzureißen." "Das hängt davon ab, wie dick die Mauern sind, und das können wir nicht sagen, es sei denn, wir sähen die Festung von oben . Es ist denkbar, daß sie Gräben ausgehoben und sie mit Felsgestein gefüllt, dazwischen in bestimmten Abständen aber Freiräume ausgespart und getarnt haben. Die Frau könnte durch eine solche Öffnung herausgekommen sein." "Wir müssen das wissen, Jovinus, damit ich eine genauere Vorstellung über unsere Möglichkeiten habe. Sieh zu, was Du herausfinden kannst, aber setze nicht leichtsinnig Menschenleben aufs Spiel." "Ja, Herr. Auf der Stelle." Der Ingenieur war im Begriff, sich umzudrehen, hielt aber plötzlich inne. "Nebenbei bemerkt, General, es ist wirklich gut, daß wir Dich wiederhaben, Herr." "Danke, Jovinus." "Es mag anmaßend sein, dies zu sagen, aber ich hoffe, daß Du uns nicht noch einmal verlassen wirst. Die Führung ... wie soll ich sagen ... wird schwächer, wenn Du nicht hier bist." "Ich verstehe, Jovinus." Maximus lächelte dem Ingnieur zu, und die Männer schüttelten sich gegenseitig die Hände, bevor Jovinus sich auf seine Erkundungstour begab, und Maximus zu seinem Pferd und zu seinem Aussichtspunkt auf dem Gipfel des Hügels zurückkehrte. Er konnte sehen, daß die Feuer gelöscht waren, und alles in der Festung wieder ruhig war. Quintus wandte sich an ihn. "Soll ich den Männern befehlen, die Wurfmaschinen wieder zu laden?" "Nein. Nein ... wir haben da drin genug Schaden angerichtet, und wir werden es nicht riskieren, was auch immer dort an Frauen und Kindern übrig ist zu töten." "Was werden wir also tun?" Maximus lächelte Quintus zu. "Wir werden es für diese Nacht gut sein lassen, und laß mich ein bißchen nachdenken. Es wird eh schon dunkel, und es wird kälter. Die Männer haben sich ihr Abendessen verdient." Maximus zog an den Zügeln, und Scarto reagierte, indem er mit dem Schwanz schlug und sich elegant in Bewegung setzte, wohl wissend, daß es zurück zum Lager ging, wo eine Mahlzeit auf ihn wartete, und man ihn gründlich trockenreiben würde. Cicero half Maximus, seinen Brustharnisch abzunehmen, und der General rieb sich müde die Augen. Als er sie wieder öffnete, reichte ihm sein Diener einen Becher mit warmem, gewürztem Wein und ein Päckchen. "Ein Brief aus Spanien. Der Kurier sagte, man habe ihm doppelten Lohn versprochen, wenn er ihn innerhalb von zwei Wochen abliefern würde. Er muß dringend sein." Maximus Hände begannen zu zittern, und er wandte sich der flackernden Öllampe zu, als er die Schnur aufknotete, die das Pergament zusammenhielt. Dringend? Marcus. War Marcus etwas zugestoßen? Die Umhüllung fiel zu seinen Füßen nieder, und er überflog schnell die Worte, welche aus der Hand seiner Frau stammten. Plötzlich warf er den Kopf zurück, die Augen geschlossen, während seine Hände den Brief an seine Brust drückten. Cicero streckte seine Hand aus, unsicher, was er tun solle. "Herr?" fragte er vorsichtig. "Zahle dem Mann das Doppelte von dem, was man ihm versprochen hat, Cicero. Nein ... das Dreifache." Auf Maximus' Gesicht erschien ein breites Grinsen, das alle Müdigkeit wegwischte. "Ich werde wieder Vater, Cicero. Meine Frau erwartet ein Baby." |
|
Kapitel 57 - Vorbereitungen Maximus bemerkte erst, daß er vor sich hingesummt hatte, als Quintus ihm einen reichlich befremdeten Blick zuwarf. "Ist alles in Ordnung, Maximus?" "Alles in Ordnung, Quintus", antwortete er und berührte kurz die Stelle seines Brustpanzers, die den an sein Herz gedrückten Brief bedeckte. "Endlich hat der Regen aufgehört, und vielleicht bricht die Sonne sogar durch." Maximus blickte zum Himmel. "Das würde die ganze Sache etwas aufwärmen, nicht wahr?" "Ich denke, das würde es." Quintus fuhr fort, ihn anzustarren, aber Maximus lächelte nur leicht, behielt sein Geheimnis für sich und die Augen aufmerksam auf das Feld unter ihnen geheftet. Jeder römische Soldat vermied es geflissentlich, in die Richtung einer bestimmten knorrigen Eiche westlich der Festung zu blicken, die bald schon einem geschmeidigen jungen Soldaten dazu dienen sollte, die Stärke der Mauern, die Gebäude im Innern ... und ihre Bewohner in Augenschein zu nehmen, nachdem er die ausladenden Äste hinaufgeklettert wäre. Auf ein Zeichen des Generals hin würde der junge Mann mit seinem Aufstieg beginnen, exakt in dem Moment, wenn die Wurfmaschinen begännen, die Mauern mit schweren Geschossen zu bombardieren in der Hoffnung, das Gebäude zu erschüttern und die germanischen Krieger von besagtem jungen Mann hoch oben in den trockenen Zweigen der Eiche abzulenken. Für die Männer war es beinahe ein Vergnügen - regelrechtes Übungsschießen - mit nur sehr geringer Wahrscheinlichkeit, daß einer der Soldaten verletzt würde. Die Wurfmaschinen befanden sich außerhalb der Reichweite der feindlichen Pfeile, und die Männer, die sie bedienten, wurden von schweren hölzernen Schilden geschützt. Sie waren nur während jenes kurzen Augeblickes verwundbar, den es brauchte, die Maschinen zu laden und abzufeuern. Hunderte von Bogenschützen standen bereit, jene Germanen zu erledigen, die den fatalen Fehler begehen sollten, sich auf der Mauer der Festung blicken zu lassen. Als alles fertig war, nickte Maximus einmal, und der Oberste der Bogenschützen schoß einen Pfeil ab, der unter ihnen eine wilde Geschäftigkeit in Gang setzte. Innerhalb von Sekunden ließ lautes Dröhnen die Luft erzittern, als Felsen auf Felsen trafen und den Boden bei jedem Aufschlag zum Beben brachten. Pfeile flogen in alle Richtungen, mehr, um Stärke zu demonstrieren als um wirklich zu töten. Das Bombardement dauerte, bis der junge Soldat wieder auf dem Boden zurück war und sich hinter die Wurfmaschinen in Sicherheit brachte. Maximus nickte abermals, und die Waffen verstummten augenblicklich, während die Schultern der Soldaten, die Ladung auf Ladung der schweren Steine auf die Katapulte gehievt hatten, sich vor Erschöpfung wild hoben und senkten. Die plötzliche Stille war beunruhigend. Absolut nichts bewegte sich, bis auf Splitter grauen Steines, die von den römischen Waffen losgelöst worden waren, nun abbrachen, die mit Einschüssen übersäten Mauern hinabglitten und auf dem Schutthaufen am Fuße der Festung liegenblieben. Alle eventuell dort vorhanden gewesenen Schlupflöcher waren nun gründlich versiegelt ... wenigstens auf dieser Seite der Festung. Maximus blinzelte durch den sich langsam senkenden Staub und versuchte, die Mauern einzuschätzen, während er auf den Bericht des Ingenieurs wartete. Mit Sicherheit hatten die Mauern beträchtlichen Schaden davongetragen, aber hinter dem beschädigten Gestein befanden sich weitere Steine, und das Gebäude schien so sicher zu sein wie eh und je. Es bedurfte keines Ingenieurs, um ihm klar zu machen, daß dieser Weg nicht zum Erfolg führen würde. Er inspizierte die Soldaten auf dem Feld unter ihm. Einige hatten Verwundungen davongetragen, aber niemand war getötet worden. Ungefähr ein Dutzend germanischer Krieger war dem Angriff zum Opfer gefallen, ihre zerschmetterten Körper waren nahezu begraben unter den Bergen von geborstenem Felsgestein. "Die Männer sollen sich ausruhen, während ich mich mit Jovinus berate", sagte Maximus zu Quintus. "Was werden wir als nächstes tun?" fragte der Tribun. "Das hängt davon ab, was der Kletterer gesehen hat", entgegnete Maximus, während er Scarto wendete und sich dem Ingenieur zuwandte, der in seine Richtung eilte. "Nun?" fragte Maximus. "Herr, die Mauern sind durchgehend wenigstens zehn Fuß dick und mit Pfeilern aus Felsgestein durchsetzt, die bei Bedarf weiter verstärkt werden können. Die Unterkünfte sind weitgehend ausgebrannt, weil sie hölzerne Dächer hatten, aber die Mauern stehen noch, und sie decken sie neu mit Häuten." "Wie viele Männer befinden sich in der Festung?" "Die gesamte Anlage ist voll, Herr. Unsere Soldaten konnten es nur schwer abschätzen, aber die Festung ist extrem gut bemannt." "Kinder?" "Ja, Herr. Viele und jeden Alters." "Wie sehen ihre Vorräte aus?" "Es scheint ein Lagerhaus für Getreide zu geben, ein Teil wurde durch das Feuer zerstört, aber sie haben auch Hühner, Ziegen, Schafe und Ochsen. Zweifellos haben sie die Ochsen beim Bau der Festung eingesetzt, aber sie könnten sie im Notfall auch esssen." "Waffen?" "Überall." Maximus nickte um anzudeuten, daß er verstanden hatte, dann seufzte er und starrte auf den dichten Wald, in dem die Fundamente der drei dicken Belagerungstürme verborgen lagen. Er sprach gleichzeitig zu Jovinus und Quintus. "Zieht sie heraus und fangt mit dem Bauen an. Wir müssen über die Mauern gehen. Sie werden viele Männer verlieren ... wir jedoch auch. Es gibt keine andere Möglichkeit." Maximus blickte Jovinus abermals an und sagte: "Danke dem jungen Mann, der auf den Baum geklettert ist. Er war sehr mutig und hat gute Arbeit geleistet. Wie ist sein Name?" "Jovinus, Herr", antwortete der Ingenieur und strahlte. "Dein Sohn?" fragte Maximus, ungläubig, daß der hochgewachsene junge Soldat zu diesem gedrungenen Mann gehören sollte. "Das ist er wirklich, Herr." "Du mußt sehr stolz auf ihn sein." "Es gibt nichts besseres als Deinen Sohn in der römischen Armee an Deiner Seite zu haben. Vielleicht wirst auch Du eines Tages diese Freude haben. Weißt Du, Kinder werden sehr schnell erwachsen." Seine Worte waren in der Absicht gesprochen, Maximus aufzuheitern, aber sie hatten genau die entgegengesetzte Wirkung. Marcus? Marcus an diesem Ort - der Gefahr ausgesetzt, von einem germanischen Pfeil tödlich getroffen zu werden? Das Herz krampfte sich ihm in der Brust zusammen, und er holte tief Luft, um das Unbehagen, das ihn mit einem plötzlichen dunklen Gefühl beschlich, zu vertreiben. Er blickte zum sich aufhellenden Himmel empor und flüsterte: "Möge es den Göttern gefallen, daß Marcus den Krieg nie wird kennenlernen." "Verzeih?" fragte Quintus, während Jovinus ging, um den Bau der Belagerungstürme zu organisieren. Maximus betrachtete seinen alten Freund einen Augenblick lang. "Du hast keine Familie, Quintus." "Du weißt, daß ich keine habe." Das plötzliche Interesse an seiner Person ließ Quintus misstrauisch werden. "Wenn diese Belagerung vorbei ist, solltest Du erwägen, Dir etwas Zeit für Dich selbst zu nehmen. Kehre nach Rom zurück. Suche Dir eine junge Frau, die Deinem Stand entspricht ..." "Mein Leben ist die Armee", unterbrach ihn Quintus. "Das weiß ich, sie ist es auch für mich. Aber eine Familie ist so wichtig. Du wirst nicht ewig Soldat sein, Quintus, und ein Mann braucht in seinem Leben mehr als nur den Krieg ... mehr als nur den Umgang mit anderen Männern", lächelte Maximus. "Ich habe auch Ambitionen, Maximus, und ich glaube, daß der Platz eines Generals bei seiner Armee ist." Quintus wurde kühn. "Er sollte nicht dauernd zu seiner Familie zurücklaufen ..." "Quintus, sag kein einziges Wort mehr." Maximus' Stimme war angespannt von dem plötzlich aufsteigenden Zorn. Der Tribun seufzte frustriert. "Maximus, hast Du jemals erwogen, sie hierher zu bringen?" "Nein", gab er schroff zur Antwort. "Warum nicht? Auch andere Männer haben ihre Familien hier. Du könntest sie jederzeit sehen." Maximus blickte auf die trostlose Landschaft, die sie umgab. "Sie würden hier verkümmern und sterben ohne die Sonne und Wärme Spaniens. Hier gibt es nichts als Schmutz und Krankheit." Er blickte den Tribun an. "Weißt Du, Marcus ist zu jung um zu verstehen, was ich tue." Einen Augenblick später gab ein Lächeln Maximus' Zügen einen Anflug von Weichheit. "Als ich in Spanien war, haben wir einen Jahrmarkt besucht, und die Menschen, mit denen zusammen ich aufgewachsen bin, haben mich beinahe umgebracht, nachdem sie mich als General Maximus erkannt hatten, aber Marcus hatte nur Sorge, sein Puppenspiel zu versäumen. Ich möchte nicht, daß er bereits jetzt einem solchen Leben hier ausgesetzt wird. Er ist noch viel zu jung für die Angst, daß sein Vater im Krieg getötet werden könnte, für die Sorge um seine eigene Sicherheit oder die seiner Mutter." "Die meisten Menschen auf der Welt leben so." Maximus beobachtete seine Männer beim Ausgraben der Baumstümpfe, die so einen Weg vorzubereiten, auf dem die Belagerungstürme ins Freie gezogen werden sollten. Das Geräusch von Äxten, die auf Holz einschlugen drang hinauf aus dem Wald , wo Soldaten damit begonnen hatten, hunderte von Bäumen zu fällen, die für den Bau der Türme benötigt wurden. "Das weiß ich", erwiderte er. Aber ich kann meine eigenen Kinder vor Tod und Verderben beschützen ... und das werde ich auch tun." Auch Quintus beobachtete die Männer wie sie die Baumstümpfe beseitigten, dann begann langsam eine Erkenntnis auf seinem Gesicht zu dämmern. "Kinder?" Maximus grinste und konnte den Stolz nicht ganz aus seiner Stimme verbannen. "Ja. Im späten Frühjahr werde ich ein weiteres Kind haben." "Nun, herzlichen Glückwunsch, mein Freund", sagte Quintus und streckte seine Hand aus. Maximus ergriff sie warm. "Danke, Quintus. Und es war mir ernst damit, wenn ich sagte, daß auch Du etwas Zeit für Dich brauchst. Du brauchst nur ein Wort zu sagen, und Du sollst sie haben." Quintus nickte, dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den Soldaten zu. Er könnte niemals zu seiner Familie als einfacher Legat zurückkehren. Das war nicht gut genug. Er brauchte die Beförderung zum General, bevor er sich je wieder in Rom würde blicken lassen dürfen. Maximus verstand nicht, was es bedeutete, der Sohn eines hochgeborenen römischen Bürgers zu sein. Nur Erfolg und Stellung zählten, alles andere ... selbst eine eigene Familie ... waren dagegen absolut zweitrangig. "Wir können ebenso gut zum Lager zurückkehren und die Männer ihrer Arbeit überlassen", sagte Maximus. "Es wird Wochen dauern, bis diese Türme fertig sind. Bis dahin können wir die Sache in die fähigen Hände unserer Zenturios legen." An jenem Abend schrieb Maximus einen weiteren langen Brief an seine Frau, sagte ihr, wie sehr er sie vermißte und warnte sie, vorsichtig zu sein und nicht zu schwer zu arbeiten. Er hatte bereits an Titus geschrieben und ihn gebeten, noch mehr Bedienstete einzustellen, damit Olivia keinen Finger zu krümmen brauchte und ihre ganze Zeit Marcus und dem zu erwartenden Kind widmen könnte. Maximus gestand ihr, daß er sich nach einer Tochter sehnte, aber er versicherte ihr auch, daß ein weiterer Sohn ihn zum stolzesten Mann des gesamten Reiches machen würde. Er berichtete ihr in groben Zügen von der Belagerung der Festung, schärfte ihr jedoch auch ein, diese Information mit niemandem zu teilen - auch nicht mit Titus. Ihre Briefe an ihn waren lang und voller detaillierter Neuigkeiten über den Hof und seine Bewohner ... menschliche und andere. Aber das Kostbarste waren für Maximus die Zeichnungen, die sie von ihrem Sohn machte. Seine talentierte Frau verstand es, Ausdruck und Persönlichkeit des Kindes perfekt einzufangen, und Maximus konnte schwören, daß Marcus in den vergangenen Monaten bereits beträchtlich gewachsen war. Maximus streckte sich und rieb sich den Rauch der Öllampen aus den Augen. Hercules lag an seinen Füßen, sein Kopf ruhte auf Maximus' Fußspitze. Maximus beugte sich vor und kraulte die Ohren des Hundes, was dieser prompt mit einem ausgiebigen Gähnen beantwortete. Abende wie dieser waren so lang und dunkel und er hasste das Nichtstun. Die Männer im Lager würden jetzt Würfeln spielen oder andere Spiele, und sie würden zusammensitzen und die Ereignisse des Tages besprechen. Es schien erst kurze Zeit herzusein, daß er einer von ihnen gewesen war und seine Abende mit Darius verbracht hatte. Darius ... er hatte Ewigkeiten nicht mehr an seinen alten Freund und Mentor gedacht, aber er wußte, daß Darius alles sehen konnte, was er tat, und er hoffte, daß der Zenturio stolz auf ihn war. Viel weniger deutlich standen die Erinnerungen an seinen eigenen Vater vor seinem inneren Auge. Maximus legte die Feder nieder und schob Hercules vorsichtig von seiner Fußspitze weg, bevor er an eine auf Hochglanz polierte Metallplatte trat, die auf einer verzierten Holztruhe angebracht war. Er starrte auf sein eigenes, leicht verschwommenes Spiegelbild und sah einen Mann mit irritierend blauen Augen und dichtem, schwarzem Haar ... beides Eigenschaften, die er von seinem Vater geerbt hatte. Aber er konnte sich nicht erinnern, seinen Vater jemals so müde und blass gesehen zu haben wie jenes Gesicht, das ihm aus dem Spiegel entgegenblickte. In den Monaten seit seiner Rückkehr aus Spanien, hatte seine Haut ihre gesunde Farbe verloren, und die Sorgenfalten um seine Augen waren zurückgekehrt. Die attraktiven Gesichtszüge seiner Jugend waren ersetzt worden durch eine Charakterstärke, die auf ganz andere Weise anziehend war. Er berührte die feinen Linien auf seiner Stirn und neben seinem Mund, fühlte die Bartstoppeln dort. Sein Gesicht war immer noch erstaunlich wenig gezeichnet im Vergleich zu anderen Soldaten seines Alters und dies sicherlich nicht, weil er sich immer am Rande der Schlachtfelder gehalten hatte. Er neigte leicht den Kopf und hielt weiter Ausschau nach Merkmalen seines Vaters, aber er konnte nur wenige finden. Sein Vater war ein viel schlichterer Mann gewesen, der sich nur um das Wohlergehen seiner Familie, nicht aber um das eines ganzen Imperiums gesorgt hatte. Wäre er wohl stolz auf seinen Sohn, fragte er sich plötzlich und fiel auf die Knie, um etwas zu tun, was er seit Ewigkeiten nicht mehr getan hatte ... er erbat seines Vaters Segen und flehte ihn an, über seine Familie zu wachen, während er selbst dies nicht tun konnte. |
|
Kapitel 58 - Angriff Um die Mitte des Dezembers waren die Belagerungstürme fast fertig gestellt. Einer von ihnen hatte bereits eine schwindelerregende Höhe von mehr als fünfundzwanzig Fuß erreicht. Dennoch konzentrierten sich die Bauleute darauf, ihn weiter dem Himmel entgegenzutreiben, um die Entschlossenheit der Germanen zu brechen, die Nordmauer ihrer Festung noch höher zu bauen. Man hätte dieses Wettrennen beinahe komisch nennen können, wenn es dem Sieger nicht im Falle des Wiederaufflammens der Kämpfe einen enormen Vorteil eingebracht hätte. Enttäuscht über die Verzögerung hatte Maximus den Soldaten befohlen, die neueren und viel weniger stabilen Teile der Steinmauer mit den Wurfmaschinen zu attackieren. Ihre Versuche waren jedoch von wenig Erfolg gekrönt. Sie schleuderten die von der Mauer abgefallenen Felsen zurück in die Festung und zermalmten jeden, der dumm genug war, im Weg zu stehen. Es war inzwischen sehr kalt geworden und Schnee bedeckte die Erde. Die Soldaten stampften mit den Füßen, schlugen die Hände gegen den Körper, um den Blutkreislauf anzuregen und hockten sich um die Feuer, wenn sie in ihre Stellungen entlassen wurden. Maximus hielt die jeweiligen Schichten kurz und erhöhte die Rationen der Männer, um ihre Kräfte zu stärken, ihr Durchhaltevermögen und ihren Kampfgeist. Jeden Tag saß er oben auf dem Hügel auf einem seiner Hengste, bis auch er dieses taube Gefühl in seine Zehen und Finger kriechen spürte. Sein Atem gefror um seinen Mund, so daß sein schwarzer Bart mit einer weißen Frostschicht überzogen war, was ihm einige gutmütige Spitznamen eintrug. Oft trug er jetzt seinen Helm, um den Kopf warmzuhalten, und auch seine Pelze hatte er umgelegt. Wenn selbst er und seine Männer froren, so war es beinahe unvorstellbar, wie es erst für die in der Festung Eingeschlossenen sein mußte, besonders für die Kinder. Wenn die Bauarbeiten für den Tag beendet waren und der Mond voll und hell am Himmel stand, stapfte Maximus durch den Schnee zurück zu seinem Platz auf dem Hügel um zu lauschen. Alles war still bis auf das Heulen des kalten Windes um die hölzernen Streben der Türme, die wie große Ungetüme im Mondlicht standen. Die Soldaten, die Wache standen, um sie vor jenen Barbaren zu schützen, die möglicherweise die Absicht haben sollten, sie in Brand zu setzen, grüßten ihn, und er erwiderte den Gruß, dann lauschte er wieder und wartete. Und schon bald hörte er es ... die vertrauten Laute von Kindern, die in der Nacht weinten vor Hunger oder Kälte, oder vor Angst. Er wußte, daß auch die Soldaten das Weinen hören konnten, und er hoffte, daß es sie an ihre eigenen Kinder erinnerte, so wie ihn, und daß es sie daran erinnerte, daß sie ihren Kampf gegen die Väter führten, nicht gegen ihre Babys. Maximus machte sich auf den Weg zurück ins Lager, der Schnee knirschte unter seinen Füßen, während er seinen eigenen Spuren zurück folgte, sein langer blauer Schatten tanzte vor ihm her und das Mondlicht glitzerte auf den Schneeflocken, die wie verloren vom Himmel fielen. Er hielt plötzlich inne, der Umhang schwang um seine Schultern, und er blickte hinauf zu den abertausenden Sternen über ihm. Die klirrend kalte Nacht war ebenso furchterregend wie schön. Sie besaß die Macht, jeden zu töten, der ihr ohne Schutz ausgeliefert war. Aber die Schrecknisse der Natur waren nichts im Vergleich zu dem Furchtbaren, das Menschen morgen anderen Menschen zufügen würden - und allem und jedem, was ihnen in den Weg käme. Als die Morgensonne die fernen Hügel erklomm und die frostige Landschaft in rosiges und goldenes Licht tauchte, waren die Soldaten auf ihren Plätzen, Schilde und Schwerter in den Händen. Jeder Barbar, der es wagen sollte, über die Mauer zu blicken, mußte vor Furcht erbebt sein beim Anblick dessen, was dort an diesem Morgen Gestalt angenommen hatte. Der große Hauptturm stand bereit, an seinen Platz gezogen zu werden von Gruppen schwer gepanzerter Pferde, die ungeduldig im Schnee stampften. Nach Erreichen seiner endgültigen Position würde man eine Zugbrücke herablassen und es so bewaffneten Soldaten ermöglichen, die Mauern der Festung zu überwinden, während sie von anderen Soldaten auf dem Turm geschützt wurden, die unter schweren hölzernen Schilden verborgen waren, welche die terrassenförmige Spitze der Konstruktion umgaben. Auf drei Seiten von festen Wänden umgeben, barg der Turm in seinem Inneren Treppen und Rampen, so daß die Soldaten schnell hinaufgelangen und ihren Kameraden auf die Mauer folgen konnten. Hinter dem Turm stand eine Abteilung bewaffneter Männer für den hastigen Aufstieg bereit. Hunderte von Soldaten waren ebenfalls bereit, durch die langen, abgedeckten, schuppenartigen Gänge zu laufen, die direkt zum Fuße der Mauer führten. Von dort würden sie mit Pfeilen auf jene germanischen Krieger schießen, die versuchen sollten, die aus dem Turm hervorstürmenden Römer zu töten. Hinter all diesem standen die mächtigen Wurfmaschinen, bereit, Geschosse in die Festung zu schleudern, und vor den Wurfmaschinen waren große, im Boden verankerte Armbrüste aufgestellt, mit denen man lange Pfeile in kurzer Folge und mit erstaunlicher Genauigkeit abschießen konnte. Ganz in der Nähe standen zwei weitere Türme bereit, die, wenn nötig, innerhalb von wenigen Tagen fertig gestellt werden konnten, und hunderte von Männern, die auf einen Befehl ihres Generals hin in die Schlacht eingreifen würden. Maximus ritt auf Scarto und er befand sich am Fuße des Hügels unmittelbar vor den Wurfmaschinen, ein Trompeter hielt sich dicht neben ihm, bereit, Maximus' Befehle an die Zenturios weiterzugeben, die sich bei ihren Männern aufhielten. Er wünschte sich sehnsüchtig, oben auf der Spitze des Turmes zu sein und als erster über die Zugbrücke zu stürmen. Aber dies wäre Wahnsinn, und das wußte er. Er brauchte die nötige Distanz, um den Überblick über die gesamte Schlacht zu haben und so schnell über die richtige Taktik entscheiden zu können. Die Standarte mit dem goldenen römischen Adler flatterte hinter Maximus im kalten Wind und ihr Anblick erfüllte die Soldaten mit Stärke und Entschlossenheit. Ansonsten herrschte eine unheimliche Stille. Alle Männer, ob Römer oder Germanen, warteten auf das Signal des Trompeters. Maximus überblickte das Szenario vor ihm und befand, daß alles bereit sei. Er nickte dem Trompeter zu, und einige kurze Töne zerschnitten die eiskalte Luft. Langsam setzte sich der riesige Turm in Bewegung und rumpelte auf seinen massigen hölzernen Rädern über den schneebedeckten Boden, während die bewaffneten Männer direkt hinter ihm vorrückten. Maximus fühlte sich seltsam entspannt nun, da die Schlacht unmittelbar bevorstand. Es war das Warten, das er - wie alle Soldaten - hasste. Die großen hölzernen Räder ächzten und die Pferde spannten jeden Muskel, während sie das riesige Vehikel Zentimeter um Zentimeter seinem Ziel entgegenzogen. Pfeile regneten auf die Pferde herab und ebenso auf die Männer, die sie führten, aber sie prallten an den schweren metallenen Rüstungen ab, ohne Schaden anrichten zu können. Römische Bogenschützen antworteten mit beträchtlich größerem Erfolg, tote germanische Krieger fielen rückwärts von der Mauer und waren nicht mehr zu sehen. Als der Turm endlich seine endgültige Position erreicht hatte, übermittelten weitere Trompetensignale den Befehl, die Zugbrücke herabzulassen, was mit einem ohrenbetäubenden Knall geschah. Ohne zu zögern stürzten hunderte mit Schild und Schwert bewaffnete Römer im Laufschritt aus dem Turm, wildes Kriegsgeschrei drang aus ihren Kehlen. Die Soldaten am Boden kletterten eilig Rampen und Stufen hinauf, bereit, ihren Kameraden auf die Mauern zu folgen. Das vertraute Geräusch von Stahl, der auf Stahl trifft erfüllte die Luft, während die Germanen verzweifelt versuchten, ihre Festung gegen die Eindringlinge zu verteidigen. Pfeile trafen ihr Ziel mit tödlicher Genauigkeit, gruben sich in Schilde und durchbohrten weiches Körpergewebe. Qualvolle Schreie endeten abrupt in platschenden Geräuschen, wenn Männer von beiden Seiten der Mauer herabfielen, in den Tod stürzten und auf den Felsen unten aufschlugen. Abgeschlagene Köpfe rollten und sprangen die felsigen Mauern herab. Sie hinterließen blutige Spuren, während kopflose Körper über die Seiten der Mauer kippten. Maximus wußte, daß der Blutzoll auf beiden Seiten hoch sein würde, und er war entschlossen, die Schlacht so schnell wie möglich zu beenden. Er erteilte einen weiteren Befehl, und abermals erklang das Trompetensignal. Diesmal sandten die riesigen Wurfmaschinen ihre wütenden, wirbelnden, riesigen Geschosse in einem beständigen und unnachgiebigen Strom gegen die Festung. Maximus erspähte zwei Trupps germanischer Krieger, die auf der Mauer von der Rückseite her entlanghasteten, und er gab einen kurzen Befehl. Innerhalb von Minuten rissen die Armbrüste sie in Stücke, so daß Blut, Fleisch und Knochen auf jene in der Festung unter ihnen herabregneten. Endlich traf der nichtendenwollende Strom römischer Legionäre, die über die Zugbrücke stürmten, auf immer weniger Widerstand, bis dieser schließlich ganz erlahmte. Die Männer auf dem Turm warfen ihre Waffen in die Luft und brachen in lautes Siegesgeschrei aus. "Gib den Befehl, wachsam zu sein", rief Maximus seinem Trompeter zu und das Trompetensignal trug seine Order zu den verwirrten Männern auf dem Turm. Es fiel ihnen jedoch nicht ein, an ihrem General zu zweifeln, und so hielten sie ihre Waffen weiter bereit, obwohl es bereits den Anschein eines Sieges hatte. Maximus konnte nicht sehen, was sie sahen, überlegten sie. Er konnte nicht die toten Leiber sehen, die zu dritt und viert übereinander lagen, nicht das Fehlen jeglicher Bewegung innerhalb der Festung. Quintus kam im Galopp herbeigeritten. "Was ist los, Maximus? Die Männer auf der Mauer zeigen einen Sieg an." "Es ist zu früh. Ich kann nicht glauben, daß eine Schlacht zur Verteidigung einer Festung so schnell zu Ende sein soll." "Die meisten Germanen sind tot, und die übrigen haben sich ergeben." Quintus zeigte auf eine Reihe im Schnee kniender germanischer Krieger, deren Hände hinter dem Nacken verschränkt waren. "Irgendetwas stimmt nicht", beharrte Maximus. "Wir dürfen nicht unvorsichtig werden. Gib der Infantrie den Befehl, sich bereitzuhalten." Nur das Stöhnen und Seufzen der Verwundeten war zu hören. "Bleib bei der Infantrie", sagte er zu Quintus und trieb Scarto vorwärts. Er bewegte sich ganz bewußt in Reichweite der feindlichen Pfeile aus der Festung. Er gab ein treffliches Ziel ab, und das wußte er, aber seine ungeschützte Anwesenheit würde jeden noch verbliebenen Barbaren zum Angriff herausfordern. Die Soldaten auf dem Turm richteten ihre Waffen in alle Richtungen, ängstlich darauf bedacht, ihren General vor jedem Germanen zu schützen, der versuchen sollte, als Held zu sterben. Maximus ritt langsam, seine Augen und Ohren achteten auf jede Veränderung der Situation. Er bemerkte, daß einige Männer auf der Mauer ihre Waffen niederlegten und brüllte ihnen zu, ihre Stellung zu halten. Auch nach etlichen Minuten blieb alles ruhig, und Maximus fragte sich, ob er nicht doch etwas übervorsichtig sei. Er erreichte den Turm und stieg die Treppe hinauf, drei Stufen mit einmal nehmend trotz seiner schweren Rüstung, seine Stiefel dröhnten über das Holz, und er war außer Atem, als er endlich oben anlangte. Abermals ermahnte er die Männer zur Wachsamkeit. Am Boden konnte er Quintus sehen, der mit der Infantrie weiter in Position stand, wie er es angeordnet hatte. Ein Zenturio näherte sich Maximus, während dieser auf die furchtbare Verwüstung innerhalb der Festung blickte. Körper türmten sich über Körper, Germanen wie Römer, und Blut färbte den Schnee leuchtend rot. "Es sieht aus, als ob wir es geschafft haben, General", sagte der Zenturio. "Wo ist der Rest von ihnen?" wollte Maximus wissen. "Welcher Rest, Herr?" "Das können unmöglich alle sein. Da unten liegen Massen toter Männer, aber das können nicht alle sein. Der Kundschafter sagte uns, daß es hier nur so von Germanen wimmelte. Wo sind sie?" Während der Zenturio noch um eine Antwort rang, ging Maximus auf der Mauer entlang bis zur südwestlichen Ecke, der Zenturio und eine Anzahl Bogenschützen unmittelbar hinter ihm. Er blickte abermals auf die bewaffnete Infantrie auf dem Boden, bevor er seinen Blick über den Wald wandern ließ. Die Sonne stand jetzt im Zenit und tauchte den Boden in dunkle, blaue Schatten dort, wo das Licht nicht durch die schneebedeckten Äste dringen konnte. Alles war still. Er wollte sich gerade umwenden, als ein Schwarm von Vögeln, ärgerlich krächzend, plötzlich aufflog. Maximus wandte sich zurück und seine Augen wanderten abermals über die Bäume, just in dem Augenblick, als ein Pfeil aus der Tiefe des Waldes abgefeuert dicht an seinem rechten Ohr vorbeizischte und sich tief in die Brust des hinter ihm stehenden Mannes bohrte. Der Wald explodierte in plötzlicher Bewegung, als wenigstens tausend Barbaren, versteckt unter schneebedeckten Häuten, hervorstürmten, Bogen, Schwerter und Speere schwingend. Maximus brüllte den Befehl zu schießen, und die Männer auf der Mauer ließen Pfeile auf die Barbaren herabregnen. Sie brachten viele bereits zu Fall, bevor sie noch ganz den Schatten der Bäume verließen, aber die meisten rannten unter trotzigem Gebrüll direkt auf das Fundament des Turmes zu. Ein erschrockener Quintus sammelte die Infanterie zum Angriff, aber zuvor gelang es bereits hunderten germanischer Krieger, den Turm zu erreichen. "Die Zugbrücke!" schrie Maximus. "Setzt sie in Brand! Sie dürfen auf keinen Fall wieder die Kontrolle über die Festung erlangen!" Während sich Männer anschickten, seinen Befehl auszuführen, ergriff Maximus den Bogen und den mit Pfeilen gefüllten Köcher eines gefallenen Soldaten. Er nahm sich kaum die Zeit zu zielen und schoß Pfeil auf Pfeil auf die Germanen, die an der Außenseite des Turmes emporkletterten, während andere die Treppen benutzten, und er stellte mit Befriedigung fest, daß seine Pfeile ihr Ziel öfter trafen als daß sie es verfehlten. Aber die Zugbrücke brannte nicht, da das zu ihrem Bau verwendete Holz noch frisch und außerdem vom Schnee durchnässt war. "Tötet sie, wenn sie rüberkommen", schrie er, dann brüllte er zu Quintus herunter: "Sie dürfen nicht die Kontrolle über den Turm gewinnen"! Die Germanen waren gut auf den Kampf mit der Infanterie vorbereitet, aber was sie wirklich wollten, das war der Turm und die Festungsmauer ... und General Maximus. Dutzende von Kriegern sammelten sich jetzt oben auf dem Turm und bereiteten sich auf den Angriff vor. Zu ihnen stieß ein ununterbrochener Strom von Männern, die von Kopf bis Fuß in schwere Felle gekleidet waren. Kein Wunder, daß sie die ganze Nacht unter dem Schnee ausgehalten haben, dachte Maximus. Als Waffen trugen sie Pfeil und Bogen sowie grobe Schilde und Schwerter bei sich. Obwohl zahlenmäßig weit unterlegen, waren die Römer auf der Mauer viel besser ausgerüstet und ausgebildet. Maximus sammelte seine Männer oben auf der Mauer. "Haltet sie hier auf, bis die Schlacht am Boden gewonnen ist. Bis dahin könnten hunderte weiterer Männer innerhalb des Turmes sein, und wir müssen zusehen, daß sie dort in der Falle sitzen. Wir müssen sie hinhalten, bis der Kampf am Boden gewonnen ist und wir sie von oben und unten gleichzeitig angreifen können. Versteht ihr? Bleibt hinter Euren Schilden. Wir können es uns nicht erlauben, auch nur einen Mann zu verlieren." Die Soldaten nickten und Maximus blickte über die Mauer hinab auf die toten Körper, die auf dem blutgetränkten Boden verstreut lagen ...die Zahl jener, die in Felle gehüllt waren, überstieg bei weitem die jener, die eine Rüstung trugen. "Es wird nicht lange dauern", sagte er voraus. Jedesmal wenn einer der Germanen versuchte, den Fuß auf die Zugbrücke zu setzen, wurde er von einem Pfeilhagel empfangen. "Verbraucht nicht mehr als unbedingt nötig. Sie dürfen uns nicht ausgehen", warnte Maximus und zuckte zusammen, als Pfeile in seinem Schild einschlugen. Wieder erregte eine Bewegung seine Aufmerksamkeit ... diesmal auf der Innenseite der Mauer. Ein tötlich getroffener Soldat zog einen zitternden Arm zurück und schoß einen Pfeil direkt auf ihn ab. Maximus drehte sich blitzschnell um und schoß zurück, er brachte den Mann mit einem sauberen Schuß durch die Kehle zu Fall. Aber Maximus' Bewegung hatte ihn auf der Vorderseite jeglichen Schutzes entblößt und die Germanen auf dem Turm wagten kaum an ihr Glück zu glauben, den römischen Anführer so verwundbar zu finden. Sie feuerten fünf Pfeile in kurzer Folge ab. Einer prallte an Maximus' Brustharnisch ab, zwei bohrten sich in seinen Schild, ohne Schaden anzurichten, aber die beiden anderen fanden ihr Ziel. Maximus fiel rückwärts von der Mauer in die Festung hinein, Pfeile ragten aus seinem Körper, sein Blut spritzte in hohem Bogen in die Luft und traf die von Panik erfüllten Soldaten, die mit Entsetzen sahen, wie ihr Führer zu Boden fiel. |
|
Kapitel 59 - In der Festung Maximus mühte sich, die Augen zu öffnen, und die Sonnenstrahlen, die durch seine halbgeschlossenen Lider drangen, lösten einen Schmerz aus, der seinen ganzen Körper erzittern ließ und ihm den Atem nahm. Er lag still und kämpfte die Panik zurück, die ihn zu übermannen drohte. Wie schwer war er verletzt? Waren irgendwelche Knochen gebrochen? Wohin hatten die Pfeile ihn getroffen? Langsam bemühte er sich um eine Bestandsaufnahme seiner Verletzungen, indem er mit geschlossenen Augen vorsichtig einen Körperteil nach dem anderen bewegte und sich ganz auf diese Aufgabe konzentrierte. Schmerz schoß durch sein linkes Bein. War es gebrochen oder durchbohrt ... oder beides? Ebenso verhielt es sich mit seinem rechten Arm. Sein Rücken und Nacken waren wund und sein Kopf schmerzte unbarmherzig. Aber er war sich ziemlich sicher, daß er an diesen Stellen nur Abschürfungen davongetragen hatte. Langsam registrierte sein Gehirn gedämpften Kampflärm, dann von weit weg Stimmen, die verzweifelt riefen: "General! General? General, lebst Du noch , Herr?" Maximus stöhnte, aber er wußte, daß dieses Geräusch nicht bis an die Ohren der besorgten Männer auf der Mauer hoch über ihm dringen würde. "Wir kommen 'runter, um Dich zu holen, Herr!" Maximus biss die Zähne zusammen und stützte sich mit größter Willensanstrengung auf seinen linken Ellenbogen. "Nein." Seine Stimme war nicht mehr als ein Krächzen. Er holte tief Luft und versuchte es nochmal. "Nein!" rief er, Schmerz schoß durch seinen Kopf. "Nein! Bleibt auf Eurem Posten. Verteidigt die Mauer." "Aber ..." "Das ist ein Befehl! Laßt die Germanen nicht die Kontrolle über die Mauer erlangen!" "Ja, Herr!" rief der Zenturio, und die Besorgnis war deutlich auf seinem Gesicht zu lesen, als er sich abwandte. Maximus Kinn fiel auf seine Brust, die Augen waren geschlossen, als ob er versuchte, so auch die Qual auszuschließen. Als er sich endlich zwang, sie wieder zu öffnen, fand er die Ursache dafür, daß er noch am Leben war. Sein Sturz war durch Körper gedämpft worden ... er lag auf einem Haufen von fünf oder sechs toten Leibern. Römische Körper und germanische Körper. Körper, deren schreiende Gesichter in einer Maske des Todes erstarrt waren. Maximus schauderte und drehte sich auf die Seite, er stöhnte, als er versehentlich den Pfeil noch tiefer in sein Bein trieb. Er rollte von dem Haufen herab und landete auf seinen Füßen im Schnee, bevor seine Beine nachgaben, und er auf die Knie fiel. Er bewegte sich nicht, atmete tief, um die Übelkeit in seiner Kehle und das Brennen in den Gliedern niederzukämpfen. Mit getrübtem Blick nahm er seine Umgebung in Augenschein. Seine Armee hatte offenbar ganze Arbeit geleistet. Überall lagen die Leichen von Menschen und Tieren, die meisten furchtbar verstümmelt. Nichts rührte sich. Der Mann, der versucht hatte, ihn zu töten, mußte der letzte Überlebende gewesen sein. Maximus stolperte auf die Füße und nahm den Pfeil, der in seinem linken Oberschenkel steckte, in beide Hände. Er bog das Holz, bis es wenige Zentimeter oberhalb der Haut abbrach. Er riss einen Stoffetzen von einem in der Nähe liegenden Leichnam und wickelte ihn fest oberhalb der Wunde um sein Bein, um die heftige Blutung zu stoppen. Mit einer Hand konnte er den Pfeil in seinem Unterarm nicht abbrechen und er erwog kurz, ihn herauszuziehen, wußte jedoch, daß dies den Schaden nur vergrößern würde, befestigte mit Hilfe seiner Zähne auch auf dieser Wunde ein Stück Stoff und beließ den Pfeil dort, wo er aus seinem Fleisch herausragte. Maximus betrachtete die massige Steinmauer. Sie war so dick, daß sie die Geräusche des jenseits von ihr tobenden Kampfes fast vollständig verschluckte und innerhalb der Festung eine beinahe unheimliche Stille herrschte. Ein römisches Gesicht blickte von hochoben auf der Mauer zu ihm herunter, und er hob zur Antwort den linken Arm, um dem Soldaten zu versichern, daß er wirklich noch am Leben sei. "General, wir werfen ein Seil zu Dir herunter!" "Nein! Wir können keinen einzigen Mann entbehren. Ihr müßt die Mauer bewachen! Die Germanen dürfen die Kontrolle über diese Festung nicht zurückerobern!" Maximus brachte für den Mann hoch über seinem Kopf ein Lächeln zustande. "Außerdem könnte ich eh nicht hinaufklettern. Ich werde einen anderen Weg hinaus finden." Der Mann nickte zum Zeichen, daß er verstanden hatte und verschwand wieder. Maximus suchte die Leichen nach einer Waffe ab und fand ein blutbedecktes römisches Schwert. Das vertraute Gewicht in der Hand war tröstlich, obwohl in der Festung nichts mehr am Leben zu sein schien. Aber die Anlage war groß, und es gab viele zerstörte Gebäude, in denen sich der Feind versteckt halten konnte. Er mußte hier herauskommen. Er dachte an die Frau mit dem Baby und humpelte zur Ostmauer, wo sie hinausgeschlüpft war. Er ließ seine Hand über die Steine der Mauer gleiten, während er ihr Fundament untersuchte. Aber es führte zu nichts. Der Schnee türmte sich hoch am Fuße der Mauer und verbarg jeden eventuell vorhandenen Durchgang. Ein Schauer lief über seinen Körper trotz der feuchten Wärme, die sich über sein Bein und seinen Arm auszubreiten begann. Wolken verbargen jetzt die Sonne, und es hatte zu schneien angefangen. Maximus hinkte zum Nordende der Festung wobei er immer wieder über irgendwelche verborgenen Hindernisse stolperte. Über tausend germanische Krieger waren während der vergangenen Nacht völlig unbemerkt von den römischen Wachen aus dieser Anlage gekrochen. Es mußte also eine Anzahl von Öffnungen auf der Rückseite der Mauer geben, wo diese unmittelbar an den dichten Wald grenzte. Maximus humpelte unter Schmerzen im abnehmenden Licht immer wieder die ganze Länge der Mauer entlang, aber er konnte keine irgendwie erkennbare Öffnung ausmachen. Ganz offensichtlich waren die Durchgänge wieder getarnt worden von Männern, die in der Festung verblieben waren und die vermutlich schwere Steine vor die Öffnungen gewälzt hatten. Alle diese Männer schienen nun tot zu sein, aber was war mit den Frauen und Kindern geschehen? Wo waren sie? Waren sie geflohen? Maximus schaute zurück zur Südmauer und richtete sich abrupt auf, als er eine feine Rauchsäule von außerhalb der Mauer wahrnahm. Er zog die Luft ein und roch Feuer. Was brannte da? War die Schlacht vorbei? Er blickte wieder auf die Rauchsäule, stellte jedoch fest, daß das, was er roch, nicht das schreckliche Feuer der Wut und Zerstörung war, sondern ein gastliches Feuer, welches Wärme und Leben spendet. Dieses beruhigende Aroma und die hereinbrechende Dunkelheit, seine klappernden Zähne und schmerzenden Glieder erinnerten ihn daran, daß, falls er nicht bald ein schützendes Dach fände, er die Nacht vermutlich nicht überleben würde. Er folgte immer seiner Nase eine kleine Straße entlang, die von halbzerstörten Gebäuden auf beiden Seiten gesäumt war, bis er zu einem kleinen, noch intakten Haus kam, einem der wenigen noch verbliebenen innerhalb der Festung. Er humpelte zum Eingang und lauschte mit zusammengebissenen Zähnen, um ihr Klappern zu unterdrücken, während seine tauben Finger das Schwert umklammerten. Gelbliches Licht kroch unter der Tür hervor, und er drückte sein Auge an einen Spalt im Holz. Zwei Frauen hockten um das Feuer. Eine rührte in einem Topf, der etwas enthielt, das wie Eintopf duftete. Maximus veränderte seine Stellung ein wenig. Rechts von den beiden Frauen schliefen in der Nähe des Feuers zwei Kinder, dicht unter Fellen aneinandergeschmiegt. Waren sie die einzigen Menschen, die sich noch in der Festung befanden, und wenn ja, warum waren sie immer noch hier? Maximus sehnte sich danach, durch die Tür zu platzen und darum zu bitten, ihr Essen und die Wärme mit ihnen teilen zu dürfen. Aber statt dessen stolperte er rückwärts in den immer tieferwerdenden Schnee. Er trug eine römische Rüstung, umklammerte eine römische Waffe und aus seiner Wunde quoll römisches Blut. Er würde sie zu Tode erschrecken. Der Schnee fiel nun immer dichter, schmolz auf seinem ungeschützten Nacken und tropfte unter seinen Brustpanzer, wo er die wollene Tunika und sein Unterzeug durchnässte. Er fror. Er hielt die Hände vor seinen Mund und hauchte in sie hinein, versuchte, sie auf diese Weise zu wärmen. Er mußte sich einen eigenen Unterschlupf suchen, aber er mußte auch in der Nähe dieses warmen goldenen Lichtes und des wohltuenden Duftes bleiben. Die Behausung zur Linken war dunkel und schien nur leicht beschädigt zu sein, also zwängte er sein Schwert zwischen Tür und Rahmen und drückte sie langsam auf. Er erstarrte, als die hölzernen Scharniere jämmerlich quietschten und blickte schnell zu dem anderen Haus hinüber. Hatten sie es gehört? Maximus wartete einige Minuten, dann zog er abermals an der Tür und öffnete sie gerade so weit, daß er sich durch den Spalt hineinzwängen konnte. Innen war alles pechschwarz und ebenso eisig wie draußen. Er würde die Nacht hier niemals überleben. Als er wieder vor die Tür trat, wurde sein Blick angezogen von einem orangefarbenen Schein oberhalb der südlichen Festungsmauer. Irgendetwas sehr Großes brannte dort, und das konnte nur der Turm sein. Da Maximus noch bemüht war, die Bedeutung dieser neuen Information zu erfassen, bemerkte er weder das gelbe Licht, das sich über den unteren Teil seiner Beine ergoss, noch den Schatten, der hinter ihm über den Schnee kroch. Es war mehr sein Instinkt als irgendetwas anderes, der ihn veranlasste, sich umzuwenden just in dem Moment, als der schwere Stein auf seinen Schädel niedersauste und alles um ihn herum in Finsternis versank. Als er langsam wieder zu Bewußtsein kam, spürte er als erstes den quälenden Schmerz in seinem Kopf, danach den bereits vertrauten Schmerz in Arm und Bein. Dann nahm er die Wärme auf seinem Körper wahr und das Flüstern, das irgendwo ganz aus der Nähe kam. Er drehte seinen Kopf zur Seite und stöhnte elendig, als er seine Augenlider langsam öffnete. Endlich konnte er sein Gegenüber deutlich erfassen, und er blickte direkt in die neugierigen Augen eines wunderschönen blauäugigen, blonden Kindes. Ein Mädchen. Er öffnete den Mund um zu sprechen, aber statt dessen stöhnte er wiederum nur. Das Kind wurde aus seinem Blickfeld gescheucht und sein süßes Gesicht durch ein anderes, sehr ärgerliches und viel älteres ersetzt. Die Großmutter des Mädchens? Das Gesicht der alten Hexe war von tiefen Furchen durchzogen, ihr Haar grau und strähnig. Die Frau beschimpfte ihn in wütendem Ton mit Worten, die er nicht verstand. Als er versuchte, sich auf ihr Gesicht zu konzentrieren, schob sich von hinten eine Hand unter seinen Kopf, hob diesen hoch, und eine primitive Tasse wurde an seine Lippen gedrückt. Sein Kriegerinstinkt warnte ihn, niemandem zu trauen, und er weigerte sich hartnäckig, den Mund zu öffnen. Die Hand ließ seinen Kopf los und er fiel mit einem Plumps zurück auf den Boden. Diesmal sah er buchstäblich Sterne und schnappte nach Luft, um die aufsteigende Übelkeit niederzuringen. Eine Hand schlug ihn auf die Wange, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen, und diesmal sah er eine Frau, die die Mutter des Mädchens sein mußte. Sie konnte nicht viel älter als achtzehn sein und hatte dasselbe helle Haar und dieselben blauen Augen. Sie führte die Tasse an ihren eigenen Mund und nahm einen Schluck, dann hielt sie dieselbe so, daß er sie sehen konnte und hob fragend die Augenbrauen. Er nickte und sie trat abermals hinter ihn, um seinen Kopf zu stützen, während er trank. Als sie diesmal ihre Hand wegzog, fiel sein Kopf auf ein aus Fellen gefertigtes Kissen. "Danke", brachte er heiser hervor, und das kleine Mädchen kicherte. Maximus gelang es, ihr ein Lächeln zu schenken, dann schaute er an dem Mädchen vorbei zu dem anderen Kind, das immer noch unter den Fellen lag, fast unsichtbar unter der zotteligen Decke. Maximus war sich nicht sicher über sein Geschlecht, aber die kurzen krausen Locken ließen auf einen Jungen schließen. Das Kind rührte sich, wimmerte und fing an zu weinen. Seine Mutter ging schnell hinüber, um den Jungen zu trösten, sie streichelte seine Locken und flüsterte ihm zärtlich zu. Als sich das Weinen zu einem lauten Schreien steigerte, nahm sie ihn auf, legte ihn in ihren Schoß und wiegte ihn sanft hin und her. Sie richtete die Decke des Kindes und Maximus mußte tief durchatmen, als er kurz einen Blick auf die Beine des Jungen werfen konnte. Ein Bein war nicht mehr als ein Stumpf, fest in blutige Lumpen gewickelt. Die ältere Frau richtete ihren ganzen Zorn auf Maximus, sie hob ihre Hand, wie um ihn zu schlagen. Seine Hände zuckten in einer instinktiven Bewegung, um sich zu schützen, aber sie kamen nicht weit. Er war bis jetzt zu benommen und abgelenkt gewesen, um zu bemerken, daß man ihn gefesselt hatte. Seine Handgelenke waren mit Stoffstreifen zusammengebunden und an einem Strick befestigt, der fest um seine Taille geschnürt war. Er versuchte, sein unverletztes Bein zu bewegen, nur um festzustellen, daß auch seine Fußgelenke zusammengebunden waren. Er würde ganz eindeutig nirgendwohin gehen. Die junge Mutter flüsterte der alten Frau einige scharfe Worte zu, diese senkte ihre Faust, wandte sich ab und ließ ihre Wut an der Feuerstelle aus, indem sie zornig mit einem Stock darin herumstocherte. Wußten sie, wer er war, fragte er sich? Wußten sie, daß er verantwortlich war für die Zerstörung ihrer Häuser, den Tod ihrer Männer ... die furchtbare Verletzung des Jungen? Er war nicht wie jeder andere einfache Soldat gekleidet, und das mußten sie bemerkt haben. Warum hatten sie ihn nicht getötet, als sie die Gelegenheit dazu hatten. Beabsichtigten sie, Lösegeld für ihn zu fordern? Maximus mußte über seine eigenen abwegigen Gedanken lächeln. Was könnten sie mit römischem Gold anfangen? Der Junge. Waren sie seinetwegen nicht zusammen mit den anderen geflohen? Weil das Kind zu schwer verletzt war, um transportiert werden zu können? Seine eigenen Verletzungen schienen ihm nun beinahe unbedeutend, und mit großer Mühe hob er den Kopf, um an seinem Körper herabzuschauen. Er konnte keinen Pfeil mehr in seinem Arm stecken sehen, statt dessen zog ein Geruch nach Kiefernharz in seine Nase. Seine Wunden waren verbunden. Die junge Frau sagte einige Sätze wie um auf seinen fragenden Blick zu antworten, aber er konnte nur zurückstarren. Sie rollte mit den Augen und schüttelte leicht den Kopf als wollte sie sagen: "Dummer Mann", bevor sie den Jungen vorsichtig auf sein Lager aus Fellen zurücklegte und ihn wieder zudeckte. Sie sagte einige Worte zu der älteren Frau, die ihren Platz an der Seite des Kindes einnahm, dann ging sie zu dem Kessel über dem Feuer und schöpfte eine Kelle voll dampfenden Eintopfs in eine Schüssel. Maximus' Magen antwortete mit einem Knurren und sie lächelte leicht. Abermals stützte sie seinen Kopf und löffelte das dampfende Fleisch in seinen Mund, bis die Schüssel leer war. Maximus war sich nicht sicher, was für eine Sorte Tier das Fleisch für diese Mahlzeit geliefert hatte, aber das Essen war zufriedenstellend und es machte satt. Sie deckte ihn mit Fellen zu, dann fuhr sie fort Ordnung zu machen und wusch die Schüsseln in Wasser aus geschmolzenem Schnee. Sie gähnte während sie arbeitete, und Maximus betrachtete sie aufmerksam. Er versuchte sich vorzustellen, wie sie ihre Familie unter diesen furchtbaren Lebensbedingungen ernähren konnte. Lag ihr Mann tot im Schnee draußen vor der Festung? Lagen dort auch ihre Brüder und vielleicht ihr Vater? "Danke", flüsterte Maximus, und sie wandte den Kopf, um ihn anzublicken. In ihren Augen war kein Hass, keine Furcht ... nur Resignation. Er war ein Mensch, der Hilfe brauchte, und sie konnte diese Hilfe geben. Es schien alles so einfach zu sein. |
|
Kapitel 60 - Der Tunnel "General Maximus!" rief eine Stimme aus der Ferne. "General?" Diesmal eine andere Stimme. "General Maximus, wo bist Du, Herr?" "General!" Maximus erwachte schlagartig und setzte sich mühsam auf, noch bevor er ganz zu sich gekommen war. Als er Luft holte um zu antworten, wurde ihm eine Hand auf Mund und Nase gepresst. Eine weitere kam dazu und er versuchte verzweifelt, unter diesen Händen zu atmen. Der ihn zu ersticken drohende Druck auf seinem Gesicht hielt an, bis die Stimmen schwächer wurden und endlich ganz verschwanden. Als sich die Hände plötzlich zurückzogen, rang er nach Luft für seine brennenden Lungen und betrachtete seine "Kerkermeisterin" mit noch größerem Respekt. Ganz sicher hätte sie ihn eher erstickt als zuzulassen, daß er den Aufenthaltsort ihrer Kinder verriete. Die Frau mit dem hellen Haar betrachtete ihn abschätzend im schwachen Licht des frühen Morgens, das durch die Schlitze in der hölzernen Tür drang. Sie wußte jetzt, daß er kein einfacher römischer Soldat war. Suchtrupps wurden nicht ausgesandt, um nach einfachen Soldaten Ausschau zu halten. "Maximus", sagte sie. Er nickte. "General", fügte sie hinzu. Maximus zögerte, nickte dann jedoch abermals. Wußte sie, was dieses Wort bedeutete? Die Frau betrachtete ihn aufmerksam. Sie schien sich des Gegensatzes voll bewußt: einerseits trug er die Kleidung eines Kriegers, hatte die Wunden eines Kriegers, andererseits war da diese Sanftheit in seinem Blick, wenn er ihre Kinder anschaute. Aber sie machte keine Anstalten, ihn freizulassen. Maximus konnte nicht verstehen, warum seine Männer nicht wie er das Herdfeuer gerochen hatten, dann wurde ihm langsam bewußt, daß ein Geruch nach Rauch die kleine Hütte erfüllte, und daß dieser von außen her kam. "Maximus General". Die Frau hielt sein Schwert in ihren Händen und starrte ihm direkt in die Augen. Die Drohung war eindeutich. Wenn er nur eine falsche Bewegung machte, würde sie ihn töten ... und er bezweifelte nicht, daß sie dies ohne Zögern täte. Er nickte und deutete an, daß er verstanden hatte, dann hob er seine Hände so hoch er konnte und zeigte ihr seine gefesselten Handgelenke, während er sie mit fragenden Augen anschaute. Sie überlegte einen Moment, dann beugte sie sich vor und zerschnitt den Strick, der seine Hände an seinen Körper fesselte, ließ sie jedoch weiterhin zusammengebunden. Dankbar für diese kleine freundliche Geste setzte sich Maximus auf und rieb sich mit den Knöcheln den Schlaf aus den Augen. Bis auf das leise Knacken der Glut war die Hütte still. Maximus blickte auf die schlafenden Kinder und dann zurück zu ihrer Mutter. Er zeigte auf sich selbst, dann auf ihren Sohn. Ihre Augen verengten sich argwöhnisch, deshalb wiederholte er die Handlung, zeigte aber diesmal zuerst auf den Jungen ... dann hob er einen Finger. Plötzlich nickte sie und deutete so an, sie habe verstanden, daß er einen Sohn hat. Sie zeigte auf ihre Tochter und hob fragend die Augenbrauen. Maximus schüttelte bedauernd den Kopf, und die Frau lächelte abermals. Die Tatsache, daß sie beide Eltern waren, schuf etwas Verbindendes zwischen ihren sonst so zutiefst unterschiedlichen Leben. Maximus deutete auf seine Füße, dann auf die Tür und gab ihr so zu verstehen, daß er nach draußen mußte. Sie schwang das Schwert vor seinen Augen, um ihn daran zu erinnern, wer hier das Kommando hatte, und er nickte. Obwohl ihr klar sein mußte, wie gefährlich das war, was sie tat, schnitt sie mit der scharfen Klinge des Schwertes die Stricke durch, die seine Fußgelenke banden, und trat dann einen Schritt zurück. Er erhob sich mühsam auf die Knie und stöhnte, weil sein verwundetes Bein über Nacht steif geworden war. Endlich gelang es ihm, auf die Füße zu kommen, und er stand auf. Er dachte daran, egal wie groß seine Schmerzen auch seien, daß er froh sein müsse, noch beide Beine zu haben. Die Frau beugte sich nieder, um das verfilzte braune Fell aufzuheben, das ihn während seines Schlafes gewärmt hatte, und sie legte es ihm um die Schultern. Er zog den Pelz eng um seinen Hals, dankbarer für dieses zottige Fell als für die eleganten silbernen Wolfspelze, die er oftmals trug. Die junge Mutter schlang ein ähnliches Fell um ihren dünnen Körper und nach einem letzten Blick auf ihre schlafenden Kinder, öffnete sie die Tür und deutete Maximus an, vor ihr hinauszugehen. Die Luft draußen war erfüllt von Rauch. Er hatte alles mit einer grauen Rußschicht überzogen und verdunkelte die Morgensonne. Maximus starrte auf die Südwand und die Rauchwolke, die noch immer dort schwebte. Alles war still. Kein Kampflärm drang an sein Ohr. Was war geschehen? Warum war die Mauer verlassen? Wer hatte die Kontrolle über das Territorium jenseits der Mauer? Versuchten diese Soldaten wirklich, ihren verwundeten General zu finden, oder wurden sie gezwungen, nach ihm zu suchen - Pfeile auf ihren Rücken gerichtet? Um das herauszufinden, mußte Maximus so schnell und so leise wie möglich aus der Festung hinausgelangen. Nachdem er sich erleichtert hatte, lenkte Maximus die Aufmerksamkeit der jungen Frau, die auf den Rauch mit wahrscheinlich ähnlichen Gedanken wie er selbst blickte, wieder auf sich. Er deutete auf sich selbst, dann auf die nördliche Mauer. Ihre Augen folgten seinem Finger, dann kehrten sie zurück, um ihm in die Augen zu blicken. Maximus sprach seine Gedanken laut aus, obwohl er sich voll bewußt war, daß sie ihn nicht verstehen konnte. "Ich muß hier 'raus und zu meiner Armee zurückkehren. Ich weiß nicht, was passiert ist, und ich muß es herausfinden." Sie starrte ihn an. Verzweifelt hielt er ihr seine gefesselten Hände entgegen. "Ich verspreche, daß ich Ärzte schicken werde, die sich um Deinen Sohn kümmern werden, und ich werde auch Essen und Kleidung schicken ... und Pferde, die Dich hinbringen werden, wohin immer Du willst." Er zeigte auf die Fundamente der Mauer, dann auf sich selbst. "Bitte, zeige mir, wo die Durchgänge sind." Sie griff nach seinen Händen und schob die Spitze des Schwertes unter die Fesseln, dann schnitt sie sie mit einer schnellen Bewegung durch. Sie drehte das Schwert um und hielt es Maximus entgegen, den Griff nach vorn, ihr Blick noch immer fest auf den seinen gerichtet. Er nickte und akzeptierte dieses klare Zeichen ihres Vertrauens. Sie säufzte schwer, dann gab sie ihm ein Zeichen, ihr zu folgen. Sie führte ihn durch knietiefe Schneeverwehungen zur Nordmauer und ging ohne zu zögern auf einen Punkt am westlichen Ende zu. Dort hielt sie inne, zeigte auf den schweren, nassen Schnee, der dort bis zu den Hüften hoch aufgehäuft lag, und machte eine grabende Bewegung mit ihren Händen. "Ja, ich verstehe. Danke." Noch ein langer Blick und sie wandte sich zum Gehen. "Warte!" Sie blieb stehen und drehte sich um, die Frage war in ihrem Gesicht zu lesen. Maximus deutete auf sich selbst. "Maximus", sagte er. Dann zeigte er auf sie und breitete seine Hände in einer fragenden Geste aus. "Helga", antwortete sie, und ihre Stimme war süß und melodisch. "Helga." Sie nickte und wandte sich abermals zum Gehen. "Ich danke dir, Helga." Sie gab nicht zu erkennen, ob sie seine letzten Worte gehört hatte, und verschwand hinter einem zerstörten Gebäude auf ihrem Weg zurück zu ihren Kindern. Maximus wollte nicht noch mehr Zeit vergeuden. Er brach eine Latte aus der hölzernen Tür eben jenes Gebäudes, und begann, mit dieser groben Schaufel zu graben, den Schmerz in Arm und Bein ignorierend. Er arbeitete ununterbrochen und fing an, unter seinem Brustharnisch zu schwitzen, während seine Hände und Füße vor Kälte schmerzten. Er fluchte unflätig. Auf Germanien, auf den Schnee, auf das Brett, das Splitter in seine Hände trieb, er verfluchte die Steine, er spuckte jedes üble Schimpfwort aus, das ihm in den Sinn kam ... und als Soldat kannte er eine Menge. Nach einigen Stunden des Grabens und Fluchens hatte er eine ungefähr 8 Fuß lange Schneise am Fuß der Mauer entlang freigelegt. Er warf das Brett zur Seite, ließ sich auf seine Knie fallen und rutschte dicht an die Mauer heran, um sie besser in Augenschein nehmen zu können indem er ihre Oberfläche mit den Händen abtastete. Sie schien ziemlich undurchlässig zu sein. Maximus hockte sich auf seine Füße. Hatte Helga einen Fehler gemacht ... oder ihn absichtlich irregeführt? "Maximus." Erschrocken fuhr er herum und griff nach seinem Schwert, daß halb unter einem Schneehaufen verborgen lag. Helga lächelte sanft und hielt ihm eine Schüssel mit dampfendem Essen entgegen. Er ignorierte sie und fragte flehentlich:" Helga, wo ist die Öffnung?" wobei er auf die Mauer deutete. Sie zeigte auf einen abgerundeten Fels, der Maximus bis an die Hüfte reichte. Maximus schüttelte den Kopf. "Das kann nicht stimmen. Dieser Brocken ist zu ..." Sie warf ihm ihren "dummer Mann"-Blick zu und murmelte einige Worte vor sich hin, als sie die Schüssel in den Schnee stellte. Dann sprang sie zu ihm hinunter und klopfte auf den Felsbrocken, bevor sie Maximus demonstrierte, daß er gegen den Fels drücken müsse. Obwohl er äußerst skeptisch war, legte er seine Schulter gegen den Stein und warf sich mit seinem ganzen Gewicht dagegen, mühsam darum kämpfend, auf dem gefrorenen Boden einen Halt für seine Füße zu finden. Er fühlte, wie sich der Fels bewegte, dann ins Rollen kam und schließlich zu seinem großen Erstaunen nach hinten fiel. Er war auf der anderen Seite flach - nur eine Art Halbkugel - und er gab eine Öffnung frei, die eben groß genug war, daß ein Mann hindurch kriechen konnte. Verwundert hockte er sich hin und schaute in die Aushöhlung hinein, die jedoch nur wenige Fuß weit von den Strahlen der Sonne erhellt wurde. Auch auf der anderen Seite grüßte ihn keinerlei Tageslicht, und Maximus mußte feststellen, daß auch die Außenseite der Mauer völlig zugeschneit war. Er mußte sich also durchgraben ... aber diesmal flach auf dem Bauch liegend, in einem engen, dunklen Tunnel, umgeben von Tonnen von Felsgestein und seine einzigen Grabwerkzeuge würden das Schwert und seine bloßen Hände sein. Er ließ sich auf den Boden neben die Öffnung fallen, den Rücken gegen die Mauer gelehnt und den Kopf in den Händen. Er hatte immer noch die abgebrochenen Pfeile in Arm und Bein, welche erbarmungslos schmerzten, während er in seinen Füßen bereits jedes Gefühl verloren hatte. Eine Hand berührte zart sein Haar, und er schaute zu Helga auf, völlige Mutlosigkeit in sein Gesicht geschrieben. "Du bist hier drin genauso gefangen, nicht wahr?" sagte er beinahe zärtlich zu ihr. "Du mußtest bleiben wegen der Verletzung Deines Sohnes, und nun kommst Du auch nicht hier heraus." Maximus schaute die Mauer hinauf, die sich vor ihm auftürmte. Er sah keine Möglichkeit, hinüber zu gelangen, ohne daß jemand von oben her zu Hilfe kam. Er mußte unten hindurch. Helga drückte ihm die Schüssel in die Hand und sagte ein Wort, das wohl in etwa "iß" bedeuten mußte, bevor sie schnell davonlief. Als er gerade dabei war, das Fleisch vom Boden der Schüssel zu kratzen, kehrte sie zurück mit einem Eimer voll Glut in der einen und einem Bündel mit Stöcken in der anderen Hand. Sie ordnete diese schnell um Maximus Füße, bevor sie dieselben geschickt zu einem leuchtenden Feuer entflammte. Maximus streckte die Beine aus, bis seine Stiefel fast die Flammen berührten, bückte sich nach vorn und streckte auch die Arme aus, so daß seine weißen Finger die Hitze spüren konnten. Er saß einige Zeit ganz still, fühlte sich leicht schläfrig, während sein Körper sich entspannte und langsam erwärmte. Helga fingerte in ihren schweren wollenen Röcken herum und zog lange Streifen aus Schafsfell heraus. Sie ergriff vorsichtig seine rechte Hand, denn sie wußte, daß immer noch ein Pfeil in seinem Arm steckte, dann wickelte sie die Haut mit der Wolle nach innen um die Hand. Ebenso verfuhr sie mit seiner anderen Hand, bevor sie seine Stiefel auszog, auch diese mit Schafsfell umwickelte und ihm half, das Schuhwerk wieder anzulegen. Maximus nickte dankbar und lächelte. Helga wies mit Nachdruck auf die dunkle Öffnung im Stein und Maximus lachte. "Du bist ein strenger Aufseher." Aber seine gute Laune erstarb schnell, als er an die Aufgabe dachte, die vor ihm lag. Während er grub, mußte er den Schnee hinter sich werfen, und es bestand die ständige Gefahr, daß er in dem dunklen Tunnel begraben wurde mit Schnee vor und hinter sich. Es schauderte ihn. "Helga", sagte er. "Du mußt den Schnee, den ich hinter mich werfe, hinaustragen. Verstehst Du? Du mußt ihn aus dem Durchgang hinaustransportieren und draußen aufhäufen." Sie schüttelte verdutzt den Kopf. "In Ordnung, ich werde es Dir zeigen." Maximus kroch in den Tunnel, er zuckte zusammen, als die scharfen Steine in seine Knie schnitten. Er war gerade mal ein Drittel des Weges im Inneren des Tunnels, als das Licht bereits völlig verdunkelt war. Der Tunnel war bezüglich Breite und Höhe äußerst ungleichmäßig, und mehr als einmal stieß er sich den Kopf an dem harten Fels, während er sich vorwärts tastete. Zeitweise war er gezwungen, auf dem Bauch zu kriechen, und er mußte die Panik niederkämpfen, die ihn zu überwältigen drohte. Er stellte fest, daß er das Ende erreicht hatte, als er mit dem Gesicht in nassem Schnee landete. Spuckend kroch er einige Fuß zurück und versuchte, sich zu orientieren. Er tastete nach dem Schwert, das an seiner Hüfte befestigt war, und hieb es mit beiden Händen in den Schnee. Er konnte nicht wirklich sagen, wieviel Schnee er auf diese Weise loslöste und hielt erst inne, als er spürte, wie sich der Schnee um seine Knie häufte. Er schob ihn hinter sich, dann trat er mit den Füßen danach, während er begann, rückwärts zu kriechen, den Schnee weiter hinter sich tretend. Als er einen Lichtschimmer hinter sich wahrnahm, rief er Helgas Namen. "Maximus?" Und wieder verschwand das Licht, als sie am Eingang in den Tunnel hineinkroch. Er rief wieder nach ihr, dann trat er so fest er konnte gegen den Schnee und hoffte, daß wenigstens etwas davon bis zu ihr gelangte. Er hörte, wie sie schaufelte, und es wurde wieder etwas heller, als sie den Tunnel verließ. Er trat auch den Rest des Schnees hinter sich, und sie wiederholte ihre Handlung. Sie verstand, aber bei diesem Tempo konnte die Arbeit Stunden dauern ... oder sogar Tage ... es hing davon ab, wie hoch der Schnee an der Außenseite der Mauer lag. Maximus schaltete seinen Geist auf "Kampf" um, blockte allen Schmerz und alle Furcht aus und nahm seine ganze Kraft und Ausdauer zusammen. Er kroch, grub, schob, trat, kroch, grub, schob und trat, wagte nicht zu unterbrechen, weil er fürchtete, sein Körper könnte unfähig sein, von neuem zu beginnen. Er wiederholte den Vorgang wieder und wieder und wieder. Er hatte keine Vorstellung, wie lange er bereits gearbeitet hatte. Es könnten Minuten , Stunden oder auch Tage gewesen sein. Sein Gehirn hatte jedes Zeitgefühl in diesem engen, grabähnlichen Tunnel verloren. Es dauerte einige Minuten, bis sein Verstand registrierte, daß er endlich an der Luft grub, und es wurde ihm erst bewußt, daß er auf der anderen Seite angelangt war, als der kalte, frische Wind sein brennendes Gesicht berührte ... aber war er wirklich durch? Wo war das Licht? Wo die Sonne? Er warf das Schwert zur Seite und grub mit bloßen Händen, bis die Öffnung groß genug war, um seinen Körper hindurchzuzwängen. Er brach auf dem Bauch liegend im Schnee zusammen, rollte sich dann auf den Rücken und starrte durch die kahlen Zweige der großen Bäume hinauf in den nächtlichen Sternenhimmel - Tränen von Schmerz und Erleichterung trübten seinen Blick. |