Kapitel 61 - Der Besucher

Maximus blickte vorsichtig um die südwestliche Ecke der Festung, sorgfältig darauf bedacht, sich verborgen zu halten. Er war immer noch in ein abgerissenes braunes Fell gehüllt und hatte auch keinerlei Absicht, sich dessen zu entledigen. Daher konnte er in der Dunkelheit der Nacht leicht für einen Germanen gehalten werden.

Das Schlachtfeld lag verlassen da, und keinerlei römische Wachen standen auf ihren Posten. Die beiden unvollendeten Türme standen immer noch dort, wo er sie zuletzt gesehen hatte, aber der Hauptturm war, wie er bereits vermutet hatte, nur noch ein Haufen glimmender Trümmer. Was war hier geschehen?

Maximus humpelte unter Schmerzen die Mauer entlang indem er die Steine nutzte, um sich zu stützen. Die Wunde in seinem Bein pochte immer noch, aber die meisten Schmerzen verursachten ihm seine beiden zerschundenen Knie, und er wußte, daß er stark blutete. Als er sich den rauchenden Überresten näherte, hatte er den Eindruck, den Geruch von gebratenem Fleisch wahrzunehmen und obwohl er hungrig war, würgte es ihn. War dies der Geruch der Abendmahlzeit im Lager, der durch den kalten Wind bis hierher getragen wurde? Er dachte, daß das Abendessen bereits lange beendet sein müßte, aber er war sich nicht einmal sicher, was für ein Tag genau war, noch viel weniger welche Zeit des Tages. Er war sich über nichts mehr wirklich sicher, und das war ein ganz entschieden beunruhigendes Gefühl. Wenn sich das Lager immer noch unter römischer Kontroll befand, warum hatten die Soldaten nicht so lange weitergesucht, bis sie ihn gefunden hätten? Der Weg zurück zum Lager war schwierig, aber er hatte keine andere Möglichkeit als loszugehen. Was hätte er dafür gegeben, eben jetzt Scartos breiten Rücken unter sich zu spüren.

Der Himmel begann im Osten bereits hell zu werden, als Maximus verborgen hinter einem Baum auf dem Hügel oberhalb des Lagers stand. Alles erschien normal. Wachen standen an den Toren ... römische Wachen. Er fühlte sich etwas benommen durch Schmerz, Erschöpfung und Blutverlust, und sein Verstand war nicht so scharf wie gewöhnlich, aber er war sich sicher, daß irgendetwas im Lager verändert war. Er konnte nur nicht herausfinden, was es war.

Maximus hielt sich weiter verborgen, zusammengekauert unter dem Pelz, während die Morgenröte den östlichen Himmel erhellte, und die Soldaten im Lager ihren Tag begannen. Die Morgenwache trat ihren Dienst an, während die Nachtwache einer Mahlzeit und ihren Lagern zustrebte. Der Duft des Frühstücks stieg ihm in die Nase, aber es war nicht der gleiche Geruch, den er auf dem Schlachtfeld wahrgenommen hatte. Der Schlüssel zu diesem Geheimnis lag eben dort, und Maximus wußte, daß er auf das Schlachtfeld zurückkehren mußte, nun, da es hell genug war, um etwas sehen zu können. Sein Verstand lehnte sich beim Gedanken an weitere Bestrafung auf, aber er zwang sich dazu, wieder aufzustehen, und unter Schmerzen ging er denselben Weg wieder zurück.

Schneebedeckte Huckel lagen verstreut auf dem Feld ... die gefrorenen Leiber toter Germanen, die dort bis zum Frühling liegenbleiben würden, so lange, bis hungrige Tiere sie verschlangen. Maximus vermutete, daß einige hundert Männer unter dem Schnee begraben lagen, aber das entsprach nicht im mindesten der Zahl  germanischer Krieger, die er hatte aus dem Wald auf den Turm zustürmen sehen. Waren sie alle gefangenommen worden? Er blickte abermals auf die schwelenden Überreste des Belagerungsturmes und Angst griff wie die Ranken einer Schlingpflanze nach seinem Verstand.

Die Überreste strahlten noch immer beträchtliche Hitze aus, aber die Ränder waren bereits so weit ausgekühlt, daß er sie in Augenschein nehmen konnte, deshalb warf er den Pelz ab und trat in den Scheiterhaufen hinein. Graue Aschewolken erhoben sich rings um ihn, er würgte und hustete, dann legte er seine mit Schaffell umwickelte Hand über die Nase, bevor er weiter durch die dampfenden Trümmer stapfte.

Eine ungebetene Erinnerung flutete durch sein Gedächtnis ... er war noch ein Junge in Spanien, stocherte in den ausgebrannten Ruinen des elterlichen Hauses auf der Suche nach den Überresten seiner Eltern und seines Bruders ... und plötzlich wußte er, wonach er suchte. Bald schon fand er es: Stücke bis zur Unkenntlichkeit verkohlten Fleisches, Zähne, Partikel weißer Knochen. Die Männer im Turm waren lebendig verbrannt worden. Maximus fiel auf die Knie und würgte heftig. Er hätte nie einen solchen Befehl gegeben. Was war in seine Männer gefahren, so etwas zu tun? Wer hatte diesen Befehl gegeben?

"General?" fragte vorsichtig eine Stimme hinter ihm. "General, bist Du das?"

Maximus erkannte die Stimme einer seiner jungen Wachsoldaten, aber er konnte ihn nicht erkennen. Seine Gefühle waren weit außerhalb jeder Kontrolle ... eine Mischung aus Trauer und Wut ... und er mußte sich zusammenreißen, bevor er dem Soldat antworten konnte. Er rieb sich die Schläfen, während er den jungen Mann in vollem Galopp davon reiten sah.

Als Quintus hoch zu Pferd erschien, gefolgt von hunderten hinter ihm her laufender Soldaten, war Maximus wieder auf den Füßen und bereit, ihnen entgegenzutreten. Er hatte sich über sein Aussehen keine Gedanken gemacht, aber das Entsetzen auf Quintus' Gesicht ließ ihn schlagartig erkennen, daß er furchtbar aussehen mußte. Oder sah Maximus den entsetzten Ausdruck eines Mannes, der geglaubt hatte, daß er jetzt das Kommando habe?

"Maximus ... Maximus... ich ..." stotterte Quintus. "Wir dachten, du seiest tot."

"Wie Du siehst, bin ich es nicht", knurrte Maximus.

"Wir haben nach Dir gesucht."

"Nicht aufmerksam genug."

"Wir haben jedes Gebäude abgesucht ..."

"Der Suchtrupp spazierte in der Festung herum und rief meinen Namen ... mehr nicht. Hätten sie die Gebäude durchsucht, dann hätten sie mich auch gefunden."

"Wir haben versucht ..."

"Wer hat den Befehl für dieses Massaker gegeben?" fragte Maximus.

Alles Blut wich aus Quintus' Gesicht, und hunderte Augenpaare waren auf ihn geheftet. Er hielt Maximus' anklagendem Blick einen Moment lang stand, dann senkte er die Augen. "Ich war es", sagte er ruhig.

Maximus rang nach Worten, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen, aber er konnte nur flüstern: "Warum?"

"Ich habe nur Befehle ausgeführt."

Maximus konnte es nicht glauben. "Wessen Befehle? Ich würde so etwas niemals befehlen, und das weißt Du!"

"Ich habe den Befehl gegeben", sagte eine bekannte Stimme hinter Quintus.

Maximus Nackenhaar sträubte sich, als er seinen Blick wandern ließ und zum erstenmal den jungen Mann zu Pferd wahrnahm. "Commodus", sagte er mit flacher Stimme, die deutlich erkennen ließ, daß ihm nun alles klar war.

"Du siehst furchtbar aus, Maximus. Ich bin sicher, daß ich für alle spreche, wenn ich sage, daß ich froh bin, daß Du ..."

"Du hast befohlen, diese Männer bei lebendigem Leibe zu verbrennen." Maximus Stimme war von tötlichem Ernst.

"Ja, das tat ich", antwortete Commodus in die Enge getrieben. Aber zuerst haben wir sie gesichtet. Jeder Mann, der zum Sklaven taugt, wurde ausgesondert und befindet sich jetzt in Gefangenschaft. Wir töteten nur die verwundeten, schwachen und alten Männer."

"Du hattest kein Recht, so einen Befehl zu erteilen."

"Das hatte ich allerdings. Ich hielt Dich für tot, daher habe ich das Kommando übernommen. Ich repräsentiere meinen Vater, den Imperator."

Trotz seiner Schmerzen ging Maximus langsam und herausfordernd auf Commodus zu, der immer noch auf seinem weißen Hengst saß. "Dein Vater ist ein mitfühlender Mann. Er hätte niemals den Befehl gegeben, irgendeinen Gefangenen lebendig zu verbrennen, ganz gleich wie alt oder verletzt er auch sei."

"Ja, mein Vater ist nicht frei von Schwächen, und Mitleid ist eine davon. Wußtest du, daß er die Gladiatoren-Spiele in der großen Arena in Rom geschlossen hat? Unsere stärksten Gefangenen müssen statt dessen in die Provinzen geschickt werden." Trotz seines zur Schau getragenen Wagemutes wurde der junge Mann zunehmend unruhig, während sich der verwundete General langsam aber stetig seinem Pferd näherte. Er nickte einmal knapp mit dem Kopf, und Männer in schwarzen Umhängen und Helmen, lange Speere und Schilde tragend, bezogen vor ihm Stellung, auf diese Weise eine Barriere zwischen ihm und Maximus errichtend.

Maximus lachte bitter, ein spöttisches Lächeln in seinem blutigen und schmutzigen Gesicht. "Sind das die Männer, die nach mir gesucht haben, Quintus?" Er wandte sich an den Tribun, ohne ihn anzusehen.

"Ja", antwortete Quintus ruhig.

Maximus sprach nun wieder zu Commodus. "Nun, jetzt verstehe ich alles. Bis auf eine Sache ... "

"Und was soll das sein?"

"Was machst Du hier, tausende von Meilen entfernt von den Annehmlichkeiten Roms?"

Commodus antwortete nicht auf diese indirekte Beleidigung.

Erschöpfung und Schmerz ließen Maximus leichtsinnig werden, und er näherte sich weiter, bis er Nase an Nase mit einem der Prätorianer stand, in der Hoffnung, daß seine Verfasung den Mann zurückweichen lassen würde. Dies geschah jedoch nicht. Er blickte zu Commodus hinauf. "Du magst zwar der Sohn des Imperators sein, aber diese Armee steht unter meinem Befehl auf Anordnung des Imperators." Seine Worte trieften vor Verachtung. "Bis ich etwas Gegenteiliges direkt von Marcus Aurelius höre ... wird das auch so bleiben. Daran solltest Du besser denken ... Hoheit."

Den zornigen Blick immer noch auf Commodus gerichtet, sagte Maximus: "Quintus, gib mir Dein Pferd."

Quintus stieg schnell ab, und eine Anzahl Männer kam herbeigelaufen, um ihrem verwundeten General beim Aufsteigen behilflich zu sein. Im selben Augenblick schlossen sich seine Soldaten schützend um ihn, während Maximus sich gerade aufrichtete und langsam ins Lager zurückritt, umgeben von hunderten grinsender Legionäre, die ihre Fäuste herausfordernd erhoben und ihren General grüßten.

Commodus beobachtete wie Maximus davonritt, noch immer von seinen Prätorianern umgeben, und Quintus stand neben ihnen im Schnee.

 

 Kapitel 62 - Antworten

"Lieg still."

Maximus versuchte, sich in seinem Bett aufzusetzen.

"Du hast gehört, was ich gesagt habe. Lieg still." Der Arzt legte seine Hand auf Maximus' Brust und drückte ihn ohne große Umstände wieder zurück.

"Marcianus?"

"Natürlich."

"Was für einen Tag haben wir heute?"

"Dienstag."

"Hm ... welchen Dienstag?"

Marcianus lächelte und setzte sich mit größter Selbstverständlichkeit auf die Bettkannte seines Generals.

"Du hast zwei Tage geschlafen ... mit ein wenig Unterstützung von mir."

"Zwei Tage!" Maximus versuchte abermals verzweifelt, sich aufzusetzen, der Arzt drückte ihn zurück, beugte sich über den Verwundeten und stützte sich mit beiden Armen über das Bett, um jeden weiteren Ungehoram zu unterbinden.

"Weißt du, Maximus, im Laufe der Jahre habe ich etliche Pfeile aus Dir herausgefischt, aber diesmal bist Du in einem fürchterlichen Zustand. Möchtest du, daß ich alle Deine Verletzungen aufzähle?"

"Nein."

"Lass' uns mit Deinem Kopf anfangen."

"Nein", sagte Maximus störrisch und drehte sein Gesicht zur Wand.

"Du hast diverse Schnitte und Prellungen, weil Du mit dem Kopf an den Felsen dieses verfluchten Tunnels gestoßen bist."

Maximus schaute seinen langjährigen Freund kurz an: "Woher weißt Du das?"

"Du hast es mir gesagt."

"Wann?"

"Kurz bevor du ohnmächtig wurdest und von Quintus' Pferd fielst. Erinnerst Du Dich nicht daran?"

Maximus schüttelte den Kopf. "Marcianus, in der Festung ist eine Familie mit einem schwer verletzten Jungen ..."

"Ich weiß. Du hast mich gebeten, in die Festung zu gehen, und das habe ich getan ... durch diesen verfluchten Tunnel."

"Was hat ...?"

Der Arzt erhob die Hand, um Maximus zu unterbrechen. "Eine Minute. Im Moment sprechen wir über dich. Wo waren wir? Ah ja ... Dein Kopf. Zum Glück ist er fast so hart wie dieser Felsen." Er lächelte kurz und schob das lange graue Haar hinter seine Ohren, bevor er fortfuhr. "Ich habe die Pfeile entfernt, und sie haben nicht allzuviel Schaden angerichtet. Du hattest Glück, daß es so kalt ist, weil sich die Wunden so nicht entzünden konnten. Du hast leichtes Fieber, aber die Wunden von den Pfeilen sollten gut heilen. Deine Hände, Füße und Ohren haben leichte Erfrierungen, aber auch die sollten bald heilen. Ich vermute, daß einige Rippen gebrochen sind, als du vom Pferd gefallen bist. Niemand hat Dich bisher jemals einfach so vom Pferd fallen sehen, daher hat auch niemand schnell genug reagiert, um Dich aufzufangen, und Du bist ziemlich hart auf dem Boden aufgeschlagen. Genau genommen hast Du am ganzen Körper blaue Flecke und Prellungen."

"Was geschah in der ... ?"

"Ich bin noch nicht fertig." Der Arzt schaute den neben ihm liegenden Mann voller Sympathie an. "Maximus, es sind Deine Knie. Ich weiß nicht, was du mit ihnen gemacht hast, aber an einigen Stellen hast Du das Fleisch regelrecht bis auf die Knochen abgeschürft. Ich habe kleine Steine, Wolle und Asche entfernt, aber es wird eine Weile dauern, bis sie heilen. Du darfst Deine Knie für mindestens eine Woche nicht beugen, weil die sich neu bildende Haut wieder reißen würde."

"Das kann nicht Dein Ernst sein."

"Das ist mein voller Ernst. Versuch, Deine Beine zu bewegen."

Maximus tat dies, aber ohne Erfolg. Sie schienen flach ausgestreckt und festgebunden zu sein. "Was hast Du mit mir gemacht?"

"Schienen. Ich habe Dir Schienen angelegt, und die wirst Du solange tragen, wie ich es für richtig halte, General oder nicht."

"Marcianus, wenn ich nicht in der Lage bin, meine Pflichten wahrzunehmen, dann kann ich eben so gut nicht General sein. In Maximus' Stimme war ein Anflug von Verzweiflung.

"Mmmm ... du spielst auf unseren unerwarteten Besucher an. Nun, ich würde mir um ihn nicht allzu viele Gedanken machen. Ich bezweifle, daß er bei diesem Klima lange bleiben wird."

"Er kann eine Menge Schaden anrichten, selbst wenn er nur kurze Zeit hier ist."

"Keinen bleibenden Schaden. Die Soldaten sind Dir treu ergeben und würden ihm niemals gehorchen, solange du am Leben bist."

"Keinen bleibenden Schaden? Sag das den Frauen und Kindern der Männer, die verbrannt sind."

Maximus dachte an Helga und fragte sich, ob auch die Asche ihres Manes sich mit jener des verbrannten Turmes mischte.

Marcianus seufzte. Ja, das war sehr ... unglücklich. Commodus überzeugte die Soldaten, daß Du tot seiest, daß die Barbaren Deinen Körper in kleine Stücke gehackt und an die Wölfe verfüttert hätten. Er sagte, deshalb habe man Deinen Leichnam nicht finden können." Marcianus richtete die Decke, die Maximus' Beine bedeckte. "Ich habe die Männer niemals so außer sich gesehen und das ganze Lager war in tiefe Klage getaucht. Plötzlich lächelte der Arzt. "Der arme Junge, der Dich auf dem Schlachtfeld ausmachte, war überzeugt, er habe Deinen Geist gesehen."

"Hast Du geglaubt, daß ich tot sei?"

"Ich ...  ich habe zu Gott um Deine sichere Rückkehr gebetet."

Maximus lächelte und sagte leichthin: Zu welchem Gott?"

"Dem einzigen Gott, den es nach meiner Überzeugung gibt. Mein Gott ist ein barmherziger Gott, Maximus,und er hat meine Gebete erhört. Er weiß, wie sehr Rom Dich braucht."

Maximus war erstaunt und suchte nach Worten. "Du bist ein Anhänger dieser religiösen Sekte? Dieser Sekte, die ..."

"Ja."

Maximus blickte kurz zum Eingang , dann wieder zu seinem Freund. "Weiß irgend jemand außer mir davon?"

"Nein. Du bist der einzige, dem ich mich anvertraut habe."

"Nun, um Deines Gottes ... und um Deiner selbst willen ... behalte es für Dich. Du mußt wissen, daß Christen im ganzen Reich verfolgt und abgeschlachtet werden."

"Dessen bin ich mir bewußt."

Maximus starrte besorgt auf den Mann, den er kannte, seit er ein Junge war. "Ich weiß nicht, was ich sagen soll."

"Du brauchst nichts zu sagen. Maximus, das Leben, das Du führst, ist das eines vorbildlichen Christen, ob Du Dir das vorstellen kannst oder nicht."

"Ein christlicher General an der Spitze der römischen Armee?" Maximus lachte. "Ich denke nicht."

"Nein, natürlich nicht. Das wäre unmöglich. Aber daß Du der bist, der Du bist, macht es für mich einfacher, der zu sein, der ich bin. Verstehst Du?"

Maximus ergriff die Hand seines Freundes. "Ja", sagte er. "Ich verstehe. Danke."

Ein Schatten fiel durch den offenen Eingang von Maximus' Zelt, und er wechselte schnell das Thema. "Wo ist Cicero?" fragte er.

"Ich habe ihn weggeschickt. Der arme Bursche war krank vor Sorge um Dich und hat sich seit Deiner Rückkehr ununterbrochen um Dich gekümmert."

"Marcianus ... ich weiß, daß Du es vermeidest, mir zu sagen, was ich über die Familie in der Festung wissen möchte, und Du machst mich ziemlich nervös."

Der Arzt seufzte. "Ich habe den Tunnel genau da gefunden, wo Du ihn mir beschrieben hast und bin mit zwei anderen Ärzten und einigen Wachsoldaten in die Festung gegangen. Wir hatten Medikamente, Essen und Kleidung bei uns, wie Du es angeordnet hattest. Es dauerte eine Weile, aber wir haben das Haus, in dem Du gefangen gehalten wurdest, gefunden."

"Und?"

"Es war niemand da."

"Was?"

"Wir haben die ganze Festung nach ihnen abgesucht. Sie waren nicht mehr da."

Maximus verarbeitete diese Nachricht, dann sagte er leise. "Ich denke, sie hat mir trotz allem nicht getraut."

"Ich bezweifle, daß es irgendetwas mit Vertrauen zu tun hatte. Es war vermutlich ihr Mutterinstinkt. Sie sah die Möglichkeit zu entkommen, und sie ergriff sie."

"Aber sie konnte zuvor zusammen mit den anderen fliehen, und sie tat es nicht. Sie blieb wegen des Jungen zurück. Marcianus, er war in schlechter Verfassung. Ich kann nicht glauben, daß sie es riskierte, sich mit ihm auf den Weg zu machen."

Der ältere Mann zuckte nur mit den Schultern und beugte sich vor, um den großen Hund zu streicheln, der neben dem Bett seines Herrn lag, so daß der General sein Gesicht nicht sehen konnte. Er hatte den Jungen sehr wohl gefunden. Beerdigt in einem flachen Grab im Boden der Hütte, liebevoll in Felle gehüllt. Er hatte den Stumpf des Beines ausgewickelt, und es war ganz offensichtlich, was das Kind getötet hatte. Selbst wenn er Tage zuvor gekommen wäre, hätte er den Jungen nicht retten können. Maximus brauchte dies nicht zu wissen.

"Er war im gleichen Alter wie mein eigener Sohn."

Marcianus erhob sich und streckte sich sehr auffällig. "Maximus, eine Menge Leute möchte Dich sehen, aber ich werde die meisten nicht vorlassen, bis Du wieder zu Kräften gekommen bist. Du hast dieses Lager so organisiert, daß es perfekt funktioniert, aber, wenn du es möchtest, kannst Du jeden Befehl durch Quintus übermitteln ..."

"Nein, nicht Quintus."

"Quintus ist ein guter Mann, Maximus. Er ist Dein Stellvertreter."

"Das weiß ich, Marcianus, aber ich bin besorgt wegen seiner ... Freundschaft ... mit Commodus und wegen einiger Entscheidungen, die er in der letzten Zeit getroffen hat."

Nun warf der Arzt einen Blick nach der Tür, bevor er sich wieder neben Maximus setzte und seinen Mund dicht neben das Ohr des Generals hielt. "Freundschaft mag ein zu großes Wort sein, aber Quintus scheint mir ganz besessen von den Prätorianern und offen gesagt, habe ich niemals etwas wie diese zu Gesicht bekommen. Sie sind ein furchterregender Haufen junger, arroganter Schläger, die Commodus anscheinend wegen ihres fehlenden Gewissens und ihres übermächtigen Ehrgeizes ausgewählt hat."

"Mmmm ... es ist ihm gelungen, Männer zu finden, die ihm auf's Haar gleichen", sagte Maximus nachdenklich.

"Marcianus, trotz seiner Jugend und der guten Gesundheit seines Vaters werde ich das Gefühl nicht los, daß Commodus sich auf seine künftige Rolle als Kaiser vorbereitet und er sammelt potentielle Unterstützer. Er hält nach Männern Ausschau, die ihm bedingungslos gehorchen ganz gleich wie abscheulich seine Befehle sind, als Gegenleistung für ... was? Ansehen ...? Reichtum ... ? Macht ...?

"Nun, dann kommst Du wohl nicht in Frage", antwortete Marcianus und beide Männer lächelten.

"Er mochte mich nicht, seit Lucil ...", Maximus hielt abrupt inne.

"Lucilla?" beendete Marcianus das Wort.

"Wir waren gute Freunde und Commodus nahm das übel."

"Ja, ich weiß."

"Das weißt Du nicht", sagte Maximus hartnäckig.

Marcianus lachte. "Mein lieber junger General, die gesamte Armee weiß, daß die Tochter des Kaisers Dich mehr als nur ein bißchen gern hatte. Nichts bleibt in der Armee lange ein Geheimnis. Zu viele Augen und zu viele Ohren. Wo wir gerade von Augen sprechen, Deine sehen reichlich schwer aus. Ich laß Dich jetzt etwas ruhen. Wenn Du etwas gegen die Schmerzen oder zum Schlafen brauchst, dann schick Cicero zu mir. Ich werde nicht weit weg sein. Wie alle Soldaten habe ich ein persönliches Interesse daran, Dich so schnell wie möglich wieder gesund zu sehen, und das bedeutet, Dich für mindestens eine Woche nicht auf den Beinen zu sehen."

"Marcianus ... noch etwas. Wann kam Commodus hier an?"

"Kurz bevor die Schlacht begann, glaube ich, aber einige Soldaten sagen, daß er außer Sichtweite blieb, bis sie vorüber war, so daß er nicht riskieren mußte, seine Uniform zu beschmutzen. Als sich die Nachricht verbreitete, daß Du in der Festung verschwunden seiest, kam er angeritten wie ein Held, um die Kontrolle über eine führerlose Armee zu übernehmen. Ich muß Dir sagen, daß viele von Deinen Männern versuchten, in die Festung zu schleichen, um auf eigene Faust nach Dir zu suchen, nachdem Commodus Deinen Tod verkündet hatte, aber die Prätorianer bewachten sie zu sorgfältig."

"Commodus muß gewußt haben, daß ich noch am Leben war. Seine Männer haben meine Leiche nicht gefunden."

Marcianus rieb nachdenklich seinen grauen Bart. "Wer weiß schon, was in dem Kopf dieses Jungen vor sich geht."

"Er ist nicht dumm, Marcianus. Er wünschte meinen Tod."

"Das mag sein, aber er scheint Dich ständig zu unterschätzen, nicht wahr?" lächelte der Arzt.

Maximus erwiderte das Lächeln. "Ich habe das Gespräch mit Dir genossen."

"Ich ebenfalls. Ich ebenfalls. Schlaf gut, Maximus." Der Arzt blies auf seinem Weg zum Ausgang einige Kerzen aus und verdunkelte so den Raum, damit der Verletzte schlafen konnte. Aber Maximus wußte, daß der Schlaf noch eine Weile würde auf sich warten lassen, denn eine tiefe Traurigkeit ergriff ihn. Marcianus hatte nicht viel über Helga gesagt, aber er wußte, daß sie nie versucht hätte, sich mit ihrem schwer verletzten Jungen auf den Weg zu machen. Wenn sie weg war, dann mußte der Junge gestorben sein. Sein Freund hatte ihm nur den Schmerz darüber ersparen wollen.

Endlich senkte sich der Schlaf auf Maximus, und die Sorgenfalten auf seiner Stirn glätteten sich, als seine Gedanken von der kleinen Familie in der Festung zu seiner eigenen zurückkehrten, die er sicher in Spanien wußte.

 Kapitel 63 - Commodus' Besuch

Während der nächsten Tage befolgte Maximus Marcianus' Anweisungen und versuchte, sich auszuruhen, mußte aber feststellen, daß er mit jedem Tag ungeduldiger wurde. Er war ein Mann, der an körperliche Aktivität gewöhnt war, und die Untätigkeit ging ihm zunehmend auf die Nerven, trotz des ununterbrochenen Stromes von Besuchern, die versuchten, ihn abzulenken. Alle Zenturios schauten vorbei, um ihm zu sagen, wie froh sie waren, daß er in Sicherheit sei, und daß er sich ausruhen müsse, bis er wieder völlig hergestellt sei. An den Abenden ließ jeweils ein tapferer Zenturio die Demütigung über sich ergehen, von Maximus, den Rücken von diversen Kissen gestützt,  beim Schachspiel hingeschlachtet zu werden, denn dieser lenkte seine gesamte kreative Energie und seinen strategischen Instinkt auf das Spiel. Jeder Offizier besuchte ihn außer Quintus, der entweder zu beschämt war, um vorbeizuschauen oder zu sehr damit beschäftigt, den Sohn des Kaisers zu unterhalten.

Marcianus kam mindestens zweimal am Tag, um seinen Lieblingspatienten zu untersuchen. Am Donnerstag erklärte er Maximus für einigermaßen wieder hergestellt, bis auf seine Knie, die noch eine Weile brauchen würden, um völlig zu heilen. Er nahm die Schienen von den Beinen des Generals ab und rieb Salbe auf die heilenden Knie, dann bog er die Beine vorsichtig, um die Haut  allmählich zu dehnen.

"Wenn wir das weiter so machen, sollten Deine Knie heilen, ohne irgendwelche Narben zu hinterlassen", sagte Marcianus zu Maximus.

"Als ob ich mir um Narben Sorgen machen würde!" spottete sein Patient, eine Augenbraue hochgezogen, während er zu seinem Arzt hinschielte.

"Nun, Du magst Dir ja um Deine hübschen Beine keine Gedanken machen, aber Deine Frau wird das sicher anders sehen."

Maximus lachte kurz auf, wurde aber sofort wieder ernst. "Was macht er jetzt?"

Beide wußten, auf wen Maximus anspielte. "Er stolziert im Lager herum, als sei er der Imperator persönlich, immer dicht gefolgt von seinen schwarzen Hunden. Er hält an, um mit Soldaten zu sprechen, die sein Interesse erregen ... zweifellos, um sie für sich zu rekrutieren ... aber keiner von denen scheint wirklich interessiert zu sein. Sie sind dem Mann gegenüber ziemlich misstrauisch und geben ihm die Schuld, daß sie Dich beinahe verloren hätten. Du hast nichts zu befürchten."

"Und Quintus?"

"Er trottet hinter den Prätorianern her, aber Commodus ignoriert ihn meist. Anders als Du ist der ehrgeizige Quintus leicht zu kontrollieren, aber seit Deiner Rückkehr von den Toten ist er für Commodus nicht mehr besonders nützlich."

"Es ist schwer zu verstehen, wie der Sohn von Marcus Aurelius so anders sein kann als sein Vater."

"Ja, nun ... "

"Nun, was?"

"Ich bin sicher, daß Du die Gerüchte gehört hast."

"Ja, ich habe sie gehört, aber ich glaube sie nicht."

"Einige Leute denken, daß eben das der wirkliche Grund ist, warum der Kaiser letztendlich die Gladiatoren-Spiele in Rom geschlossen hat ... so kann seine Frau nicht länger ... mit ihren Favoriten verkehren. Commodus sieht sich selbst gern ein bißchen in der Rolle eines Gladiators, nicht wahr. Jeden Morgen, egal wie kalt es ist, entblößen er und vier seiner Prätorianer ihren Oberkörper und üben sich im Schwertkampf. Überflüssig anzumerken, daß er eine Menge Aufmerksamkeit auf sich zieht, was er offensichtlich liebt.

"Ist er gut?"

"Es scheint so. Ich nehme an, es gibt für einen zukünftigen Kaiser in Wartestellung nicht viel anderes zu tun."

Maximus lachte süffisant. "Ja, mit Sicherheit ist es in Rom äußert langweilig." Er wurde wieder nachdenklich. "Ich frage mich, warum Marcus ihn zu dieser Jahreszeit hierher gesandt hat?"

"Commodus mag mit dem Schwert umzugehen verstehen, aber er ist weit davon entfernt, tapfer zu sein, Maximus. Ich vermute, der Kaiser hoffte, daß Commodus eine echte Schlacht mit ansehen und so verstehen würde, was wirkliches Leiden bedeutet, und daß er mit dem Leben an den entferntesten Enden des Reiches vertraut würde."

"Du denkst ernsthaft, Marcus Aurelius könnte hoffen, daß Commodus fähig sei, Mitleid zu entwickeln? Er schnaubte verächtlich. "Ist es ein Zeichen von Mitleid, Männer bei lebendigem Leibe zu verbrennen? Einen Hund zu erdolchen ... " Seine Stimme versagte, als seine Gedanken in eine schmerzvolle Zeit vor vielen Jahren zurückkehrten.

"Mmmm, es scheint eine vergebliche Hoffnung zu sein, nicht wahr?" Marcianus legte das linke Bein des Generals zurück auf das Bett und zog die Decke darüber. Auf Maximus' fragenden Blick antwortete er: "Ich glaube nicht, daß Du die Schienen noch länger brauchst, wenn Du versprichst, es langsam angehen zu lassen. Du kannst ein bißchen herumlaufen, aber geh langsam, und setzt Dich nicht hin, ohne Deine Beine auszustrecken."

Maximus nickte zustimmend. "Danke, Marcianus. Nun kannst Du Dich um die Männer kümmern, die Deine Dienste wirklich benötigen."

"Die Soldaten werden von den anderen Ärzten gut versorgt."

"In welcher Verfassung befinden sich die Gefangenen?"

"In guter, wirklich, weil Commodus jeden getötet hat, der es nicht war ..."

In diesem Moment platzte Cicero in den Raum, nach Luft ringend und ganz aufgeregt. "Herr, Commodus ist dabei, die Gefangenen zu töten."

Maximus war wie der Blitz aus dem Bett, griff nach seinen Stiefeln und rannte zum Ausgang, erst auf einem dann auf dem anderen Fuß hüpfend, während er sie anzog. Marcianus griff nach seiner kurzen Tunika in der Hoffnung, ihn zu bremsen, aber Maximus schüttelte ihn ab.

"Maximus!" rief er, als der General bereits durch die Tür verschwand. "Du hast doch nicht mal Hosen an!" Er ergriff den schweren Umhang des Generals und rannte hinter Maximus her, Cicero direkt auf seinen Versen.

Eine große, aber seltsam schweigsame Menschenansammlung hatte sich im Schnee vor dem Lagergefängnis versammelt, und Maximus schob und drängte sich durch, bis er vor der Menge stand. Auf dem freien Platz sah er zwei Gefangene tot auf dem Boden liegen, der eine war enthauptet worden und dem anderen fehlte ein Arm, der neben dem Leichnam im rotgefärbten Schnee lag. Ein dritter Germane, der noch am Leben aber schwer verwundet und mit nichts als einem kräftigen Stock bewaffnet war, stand eingekreist von Commodus und drei seiner Männer, die ihre Schwerter schwangen. Sie kicherten vor sich hin, während sie den Mann mit den wilden Augen schubsten und stießen und versuchten, ihn zum Angriff zu reizen.

"Was geht hier vor?" verlangte Maximus zu wissen, seine tiefe Stimme spiegelte seine ganze Autorität wieder, als er sich der Gruppe näherte.

"Oh, Maximus, gut Dich zu sehen", grüßte Commodus ihn fröhlich. "Du kommst gerade richtig, um mitanzusehen, wie Gefangene, die zu fliehen versuchen, bestraft werden." Er hieb brutal auf den germanischen Krieger ein und fügte ihm eine tiefe Wunde am Arm zu, bevor er wieder zurücksprang und beinahe hysterisch kicherte. "Ich habe mich geirrt. Man kann aus ihnen keine guten Gladiatoren machen, Maximus. Sie haben nicht den geringsten Mut."

"Ich denke, der Mann kann seine Situation sehr gut einschätzen und ist sich bewußt, daß jede Bewegung, die er macht, seinen Tod nur beschleunigt. Hast Du sie bei ihrem Fluchtversuch ertappt?"

"Nicht persönlich, aber es wurde mir berichtet von ... Quintus. Er hat es mir gesagt, weil Du seit Tagen Dein Bett nicht verlassen hattest."

"Nun, jetzt bin ich nicht in meinem Bett, wie Du sehen kannst, und die Gefangenen sind meine Angelegenheit, Hoheit."

Maximus rief drei seiner Wachen, die dicht bei ihm standen und befahl ihnen, den blutenden Mann zurück in seine Zelle zu bringen. Bevor sie auch nur einen Schritt machen konnten, stürzte sich Commodus nach vorn und stieß sein Schwert in den Leib des Mannes, dann zog er es langsam heraus und beobachtete, wie er zusammenbrach.

Commodus wandte sich Maximus mit größter Befriedigung zu. "So, nun brauchst Du Dich nicht mehr mit ihm abzugeben, General."

Hercules neben ihm gab ein tiefes Knurren von sich, und Maximus sah, wie Commodus' Blick zu dem großen Hund hinüber zuckte. Maximus griff nach dem Maul des Hundes, um ihn zur Ruhe zu bringen, während Marcianus von hinten den Umhang um seine Schultern legte. Maximus brachte ein angespanntes Lächeln zustande. "Wir hatten noch keine Gelegenheit, uns zu unterhalten, seit Du angekommen bist, Hoheit, und ich bin nicht passend gekleidet, um mich länger draußen aufzuhalten. Warum begleitest Du mich nicht auf eine Erfrischung in mein Zelt?"

"Das wäre sehr angenehm, mein Freund. Ich werde kommen, sobald ich mich umgezogen habe. Wie Du siehst, sind meine Sachen blutig."

Maximus streckte die Hand aus, um anzudeuten, daß Commodus vorangehen solle und beugte leicht den Kopf, als der junge Mann vorüberging. Mit immer noch gesenktem Kopf blickte er zu Quintus auf, der verzweifelt verneinend den Kopf schüttelte. Maximus nickte kurz, dann befahl er den Soldaten sich zu zerstreuen, bevor er selbst zurück zu seinem Zelt ging, mit Hercules an seiner Seite und Cicero unmittelbar hinter ihm. Auch er würde sich umziehen. Er beabsichtigte, voll und ganz wie ein General auszusehen, nicht wie ein Invalide, wenn Commodus zu Besuch käme.

"Geht es Deinem Vater gut?" fragte Maximus, während Cicero ihnen warmen Gewürzwein einschenkte. Er war in seine weinrote Tunika und Hose gekleidet und trug einen ledernen Brustpanzer.

"Ich nehme es an. Er wird alt, weißt Du. Er verbringt seine Tage mehr mit der Nase in Manuskripten und in seinen Aufzeichnungen kritzelnd als daß er sich um die Führung des Reiches kümmert."

Maximus unterdrückte seine Verärgerung und blieb still. Er hatte entschieden, Commodus eher reden zu lassen, als ihm zu widersprechen.

"Er hat zugelassen, daß der Senat beträchtliche Macht bei sich konzentriert. Einige dieser Senatoren - Grachus zum Beispiel - haben weit mehr Einfluß als sie haben sollten. Das Reich sollte vom Imperator gelenkt werden. Er sollte die absolute Macht ausüben. Das wird nötig sein, um Rom wieder zu dem Glanz zu erheben, der es einst ausgezeichnet hat."

"Es ist gut zu sehen, daß Du selbst die entlegensten Grenzen des Reiches besuchst", sagte Maximus. "Wenn Du einmal Kaiser wirst, dann mußt Du alle römischen Untertanen kennen und verstehen." Er nahm einen Schluck von seinem Wein und streckte die Beine aus, seine schmerzenden Knie erinnerten ihn an Marcianus' Anweisungen. "Hat Dich Dein Vater geschickt?"

"Es war allein meine Idee."

Maximus wußte, daß er log.

"Ich bewundere Dich, Hoheit. Es ist schwierig und gefährlich, in diesem Teil der Welt im Winter zu reisen."

"Das ist es, nicht wahr? Germanien ist ein brutales Land. Mir ist jetzt klar, warum hier niemand außer Barbaren und Soldaten lebt. Mir ist absolut unverständlich, warum Vater sich mit so einem Ort überhaupt abgibt."

"Ich glaube, er ist mehr daran interessiert, Frieden zu schließen durch Verträge als Krieg zu führen, aber es ist schwierig, die Germanen davon zu überzeugen. Sie betrachten unsere Anwesenheit als Bedrohung ihrer Lebensart."

"Lebensart?" schnaubte Commodus. "Sie sehen wie Tiere aus, sie riechen wie Tiere und sie leben wie Tiere. Was für eine Art Leben ist das?"

Maximus dachte an Helga. "Es mag da mehr Parallelen zwischen uns und ihnen geben, als Du glaubst."

Maximus fand es schwierig, mit diesem jungen Mann, der so wenig von der Welt wußte, zu argumentieren.

"Nun, mir gleichen sie in nichts, das versichere ich Dir." Commodus musterte Maximus. "Du bist schon zu lange hier, mein Freund, wenn Du das glaubst. Sehnst Du Dich nicht, nach Hause zu gehen?"

"Jede Minute jedes Tages, Hoheit."

"Warum tust Du es dann nicht?"

Maximus antwortete ohne zu zögern. "Ich diene Rom, und Dein Vater braucht mich hier."

"Man weiß Deine Treue zu schätzen, Maximus. Ich bin sicher, daß ist Dir bekannt." Commodus schwieg eine Minute, dann fügte er mit einem Anflug von Misstrauen hinzu. "Oder gilt Deine Treue mehr meinem Vater als Rom, Maximus?"

Maximus zögerte kurz, bevor er antwortete. "Dein Vater ist der einzige Kaiser, den ich in meinem Leben gekannt habe, außer Lucius Verus, und für mich ist er Rom."

"Rom hat viele Kaiser gehabt, Maximus. Willst Du damit sagen, daß Du niemand anderem dienen würdest?"

"Natürlich nicht, Hoheit. Der Kaiser repräsentiert Rom, und ich diene Rom."

"Gut gesagt, mein Freund", lachte Commodus. "Rom braucht Männer wie Dich. Starke Führungspersönlichkeiten, die ihren Kaiser unterstützen." Er setzte langsam hinzu: "Es erstaunt mich, wie treu ergeben Deine Männer Dir sind. Was glaubst Du, woran das liegt? Fürchten Sie Dich?"

"Nein, Hoheit, sie fürchten mich nicht."

"Wirklich? Dann mußt Du mir Dein Geheimnis verraten, Maximus. Ich habe festgestellt, daß Furcht eine großartige Methode ist, um jemanden zur Treue zu bewegen."

Maximus dachte an Commodus' Prätorianer. "Meine Männer respektieren mich, Hoheit."

"Natürlich tun sie das. Du bist ein General."

"Ein General zu sein bedeutet nicht automatisch, daß Du auch Respekt genießt. Gehorsam vielleicht, aber keinen Respekt."

Commodus lehnte sich herausfordernd zu Maximus vor, die Unterarme auf die Knie gestützt. "Dann verrate mir Dein Geheimnis", zischte er.

"Ich habe kein Geheimnis. Ich kümmere mich einfach um die Männer unter meinem Kommando. Ich sehe in ihnen den Mann und nicht nur den Krieger. Ich erkenne an, daß sie Bedürfnisse haben, und ich versuche, diesen Bedürfnissen entgegenzukommen, so einfach ist das."

Commodus lachte, als er sich wieder aufrichtete. "So ... lieben sie Dich also?"

Liebe? Maximus fragte sich, ob sie ihn liebten. "Liebe mag ein zu großes Wort sein, Hoheit."

"Liebe bedeutet alles, Maximus. Jeder Mensch braucht Liebe. Wenn ich Kaiser bin, werde ich dafür sorgen, daß das Volk mich liebt, anders als mein Vater, der zu beschäftigt ist, irgendjemand zu lieben."

"Dein Vater liebt Dich, Hoheit."

"Und woher weißt Du das, Maximus?"

"Du bist sein Sohn."

Commodus sah ihn mit hartem Blick an. "Mein Vater mag Dich sehr. Er spricht die ganze Zeit von Dir."

Maximus fühlte, daß sich das Gespräch auf gefährliches Gebiet zubewegte.

Commodus erhob sich und begann, im Zelt herumzulaufen, während er an Statuen und anderen Ziergegenständen fingerte. Er ergriff die Figürchen, die Olivia für Maximus geschnitzt hatte, und dieser krallte sich an die Armlehnen seines Stuhles, um nicht aufzuspringen und sie aus seinen Händen zu reißen. "Lucilla liebt mich."

"Ja, Hoheit."

"Ich bin der einzige Mann, den sie je geliebt hat, weißt Du das, Maximus?"

Er antwortete nicht.

"Sie liebte ihren Gemahl nicht. Sie wurde gezwungen, ihn zu heiraten." Commodus starrte seinen Gastgeber an. "Ich weiß, Du dachtest, daß sie Dich liebte, aber das tat sie nicht. Sie liebt nur mich. Sie sagte, daß sie mit Dir beinahe den größten Fehler ihres Lebens gemacht hätte, aber sie hatte noch rechtzeitig erkannt, daß Du nur ein einfacher Soldat bist und Dein Platz im Leben weit unter dem ihren ist. Sie sagt, daß es sie jetzt schüttelt, wenn sie nur an Dich denkt. Sie findet Dich grob und ungehobelt."

Maximus konnte seine Augen nicht von den Figürchen in Commodus' Hand lassen. Seine Erinnerung jedoch beschwor einen leicht betrunkenen Marcus Aurelius in seinem Zelt am Schwarzen Meer herauf, der zu ihm sagte: "Lucilla, nun, Lucilla ist niemals über Dich hinweg gekommen, weißt du."

"Sie hat einen Sohn, wußtest Du das?" wollte Commodus wissen.

Maximus' Aufmerksamkeit schnappte wieder zu dem gestörten jungen Mann zurück. "Ja".

"Er ist von königlichem Blut, so wie ich."

Commodus hielt die geschnitzte Figur des Jungen hoch, um sie im flackernden Licht der Öllampe zu betrachten. "Eines Tages werde ich auch einen Sohn haben", sagte er beinahe abwesend. "Königliches Blut muß königliches Blut zeugen. Es gibt keinen anderen Weg." Commodus lächelte und warf die Figuren achtlos auf einen Tisch, wo sie hart aufschlugen und dann auf den Boden rollten. Er lachte, als er sich Maximus zuwandte, der, weiß im Gesicht, auf den Boden starrte. "So ... wo ist Dein scheußlicher Hund abgeblieben? Hattest Du nicht einen ganz ähnlichen wie diesen hier?"

"Es war General Patroclus' Hund und, ja, es war ein ähnlicher."

"Du liebtest diesen Hund, nicht wahr, Maximus? Wie war noch sein Name?" fragte sich Commodus, einen Finger an die Schläfe gelegt, als ob er angestrengt nachdächte.

"Hercules."

"Ja ... Hercules."

"Und wie heißt Dein neuer Hund?"

Maximus antwortete nicht.

"Maximus?"

"Hercules."

"Ahhhh, wie rührend. So sentimental." Commodus lehnte sich gegen den Tisch, verschränkte die Arme und lächelte zu Maximus hinunter. Um seine Augen spielten tiefe Schatten, was seinem Gesicht den Ausdruck einer böse grinsenden Maske verlieh.

Maximus streckte das Kinn vor. "Ich habe gehört, daß Du bald abzureisen gedenkst, Hoheit."

Commodus Augenbrauen hoben sich ruckartig. "Wirklich? Wer hat Dir das gesagt?"

"Es liegt bereits Schnee, aber er wird in den nächsten Wochen nur noch tiefer werden. Irgendwann wird es unmöglich werden, auf den Straßen zu reisen - selbst zu Pferd. Wenn Du also nicht vor hast, bis zum Frühjahr zu bleiben, solltest Du eine baldige Abreise in Erwägung ziehen."

"Es klingt fast, als ob du mich nicht hier haben wolltest, Maximus."

"Ich bin nur auf Deine Sicherheit bedacht, Hoheit." Maximus brachte es fertig, wohlwollend zu klingen.

"Natürlich. Nun, ich hatte in der Tat vor, übermorgen nach Rom aufzubrechen. Ich habe wirklich genug von diesem scheußlichen Wetter. Und meine Mutter fühlt sich nicht gut. Wußtest Du das?"

"Es tut mir leid, das zu hören, Hoheit. Ich hoffe, es ist nichts Ernstes. Aber das ist noch ein Grund mehr, nach Rom zurückzukehren, nicht wahr." Maximus erhob sich, um anzudeuten, daß ihre Unterhaltung beendet sei. "Ich werde die Köche Proviant für Dich und Deine Männer vorbereiten lassen."

Commodus nickte kurz. "Schlaf gut, mein Freund", sagte er und wandte sich zum Gehen. Irgendetwas knirschte hart unter seinem Stiefel, als er sich zum Ausgang begab.

Eine Sekunde nachdem er verschwunden war, fiel Maximus auf die Knie, den Schmerz ignorierend, und ergriff die beiden geschnitzten Figürchen, während ihm das Herz bis zum Halse schlug. Seine Finger berührten das eine, dann das zweite, und er saß auf dem Boden, den Rücken gegen das Bett gelehnt, während er sie untersuchte. Die Figur des Jungen war unversehrt, aber Gesicht und Brust waren beschmutzt mit dem Dreck von Commodus' Stiefelsohle. Maximus rieb mit dem Daumen darüber, und es gelang ihm, den Schmutz weitgehen wegzuwischen, dennoch hatte die Schnitzarbeit bleibenden Schaden davongetragen. Maximus wandte seine Aufmerksamkeit der Figur von Olivia zu, die die ganze Wucht der Misshandlung abbekommen hatte. Ihr Rock wies einen schmalen Riss auf, und unten war ein Stückchen herausgebrochen. Er drückte sie beide an sein Herz und verfluchte Commodus im Stillen, während er sich fragte, wie er jemals im Stande sein sollte, diesem Mann zu dienen, falls das Undenkbare eintreten und Marcus Aurelius sterben sollte.

 Kapitel 64 - Ehre

Zwei Tage später stand Maximus am Tor des Lagers und beobachtete, wie Commodus und seine Prätorianer sich auf die Abreise vorbereiteten. Ganz in der Nähe stand eine Reihe germanischer Gefangener, an Hand- und Fußgelenken zusammengefesselt mit schweren Eisenketten, in denen der Schnee hängen blieb und die in ihre Haut schnitten. Maximus hatte eingewandt, daß die Gefangenen Commodus' nur behindern und die Reise in wärmere Gefilde verzögern würden, aber Commodus bestand darauf, daß die Stärksten der Gefangenen ihn nach Rom begleiten müßten.

Maximus bezweifelte ernsthaft, daß auch nur einer der Germanen lange genug leben würde, um die Stadt zu sehen.

Neben Maximus stand Quintus still, den Kopf leicht geneigt und die Finger ineinander verkrampft. Er und Maximus hatten immer noch nicht privat miteinander gesprochen, und Maximus war entschlossen, dies nachzuholen, sobald der Mann, der einen Keil zwischen sie getrieben, ihre Freundschaft auf die Probe gestellt und Quintus' Treue zu seinem General in Frage gestellt hatte, aufgebrochen war.

Commodus' Pferd tänzelte und schnaubte, zwei kleine Dampfwolken stiegen aus seinen Nüstern in der kalten Morgenluft auf, aber der Sohn des Kaisers kontrollierte sein Reittier mit Leichtigkeit, übermäßiges Selbstvertrauen deutlich sichtbar in seiner aufrechten Haltung und dem erhobenen Kinn. "Nun, Maximus, es sieht aus, als ob wir wieder einmal Abschied nehmen müssen." Seine dunklen Augen überblickten langsam das Lager. "Ich kann trotzdem nicht sagen, daß ich ungern hier weggehe." Sein Blick kehrte zu Maximus zurück. "Ich bewundere einen Mann wie Dich, General, so zufrieden mit primitiven Lebensbedingungen, Mangel an Kultur und Zivilisation. Wenn die Zeit kommt, dann werden meine Generäle einfache Männer sein müssen, wie Du, so daß man sie leicht zufriedenstellen kann."

Maximus hatte nicht vor, sich provozieren zu lassen. "Ich wünsche Dir eine sichere Reise, Hoheit"; war alles, was er sagte. Nahm er wahr, wie das selbstgefällige Lächeln des jungen Mannes für einen Augenblick verschwand?

Commodus gab seinem Hengst die Sporen, und die lange Prozession ritt durch das Tor, vorbei an Soldaten mit gesenkten Köpfen. Sein Pferd hatte eben das Tor passiert, als Commodus sich im Sattel umdrehte und zurückrief: "Grüße Deine Familie von mir, Maximus, wenn Du sie das nächstemal siehst. Du bist ein glücklicher Mann ... umgeben von Dingen, die Du liebst ..."

Maximus begann, sich unwohl zu fühlen.

" ... Deinen Soldaten, Deinen Freunden, Deinen Pferden ... Deinem Hund." Commodus grinste hinterhältig und wandte sich ab; er spornte seinen Hengst zu einem leichten Trab an - sein Lachen hallte in den höchsten Zweigen der schneebedeckten Bäume wider.

Maximus zwang sich, ruhig zu bleiben, bis auch der letzte Mann des Gefolges das Lager verlassen hatte, und die schweren hölzernen Tore geschlossen waren, dann steckte er seine Finger in den Mund und gab eine langen, scharfen Pfiff von sich. Er wartete ruhig auf die übliche Antwort, seine Soldaten beobachteten ihn mit fragendem Blick. Hercules erschien nicht. Maximus holte tief Luft und pfiff abermals. Kein Bellen antwortete ihm, kein Hund kam ihm mit wedelndem Schwanz und gespitzten Ohren entgegen gesprungen.

Der neben ihm stehende Tribun beobachtete die angespannten Gesichtszüge seines Generals mit Besorgnis, unsicher, warum die Abwesenheit des Hundes ihm solches Unbehagen verursachte. "Möchtest Du, daß wir nach ihm suchen, Herr? Sicherlich ist er nur draußen und jagt Kaninchen", setzte er beruhigend hinzu.

Maximus nickte nur, die Augen geschlossen stand er da wie betäubt.

Der Tribun rief den Männern Befehle zu und sie rannten in alle Richtungen, bereit, jede Ecke des Lagers abzusuchen. "Wenn wir ihn nicht finden können, dann werden wir außerhalb der Mauern suchen. Warum gehst Du nicht und frühstückst etwas, und wir werden ihn bald zu Dir bringen."

Quintus wußte sehr gut, warum Maximus so bestürzt war, aber er konnte nicht glauben, daß Commodus so etwas noch einmal machen würde. "Wann hast Du ihn zuletzt gesehen, Maximus?" fragte er, und brachte den General dazu, ihm seine Aufmerksamkeit zuzuwenden.

"Er war wie gewöhnlich neben meinem Bett, als ich aufwachte. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen", antwortete Maximus mit leiser angespannter Stimme.

"Das ist noch nicht lange her. Vermutlich kann er Dich nur nicht hören. Ich helfe Dir, das Prätorium abzusuchen." Quintus' Augen und Stimme waren versöhnlich. Maximus nickte und sie eilten zu seinem Quartier, hinter ihnen hallte das ganze Lager vom Namen des Hundes wider, während hunderte von Soldaten nach dem Tier suchten.

Bei Sonnenuntergang hatte man den Hund immer noch nicht gefunden, und Maximus' Sorge wandelte sich in Verzweiflung. Er saß auf seinem Bett, den Kopf in den Händen vergraben. Quintus betrat das Zelt und räusperte sich, um sich bemerkbar zu machen. "Maximus, wir haben Hercules nicht gefunden , und es ist zu dunkel, um heute noch länger zu suchen. Wir suchen im Morgengrauen weiter, ich verspreche es Dir."

"Ist der Wald abgesucht worden?"

Drei Kohorten sind den ganzen Tag draußen gewesen. Sie haben ihn nicht gefunden."

Maximus schaute zu Quintus hoch und lächelte wenig überzeugend. "Du mußt mich für verrückt halten, wegen eines Hundes so verzweifelt zu sein."

"Nein, keineswegs." Er trat an das Bett neben Maximus und fragte: "Darf ich?" Der General nickte, und er setzte sich hin. "Ich weiß, was Du denkst, was mit dem Hund geschehen ist, Maximus, aber ich bin sicher, daß Du Dich irrst. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, daß Commodus so etwas Abscheuliches tut, nun, da er ein erwachsener Mann ist."

Maximus lachte bitter und schüttelte den Kopf. "Quintus, Quintus ... Du kennst ihn nicht wie ich ihn kenne. Du kannst dem Mann nicht trauen. Schau Dir an, was er in der kurzen Zeit, die er hier war, gemacht hat ... das Täuschungsmanöver, das ungerechtfertigte Töten, der Anschlag auf mein Leben ... warum siehst Du das nicht?"

"Maximus, er ist nur übereifrig, das ist alles. Er versucht, sich selbst zu beweisen."

"Sich selbst zu beweisen? Wem was beweisen?"

Quintus zuckte die Achseln und studierte seine Hände. "Sein Können und seinen Mut beweisen, nehme ich an. Seine Fähigkeit beweisen, das Kommando zu führen und Befehle zu erteilen, denen man gehorcht. Beweisen, daß er ein guter Kaiser sein wird."

"Und wem, Quintus? Den Soldaten? Seinem Vater?"

"Jedem, nehme ich an. Vielleicht am meisten sich selbst."

"Nun, ich habe nicht den Eindruck, daß die Soldaten sonderlich beeindruckt waren, und was er tat, wird seinen Vater eher abstoßen." Maximus warf einen Seitenblick auf seinen Legaten. "Du bist der einzige, der beeindruckt zu sein scheint, Quintus." Es herrschte eine langes Schweigen bevor er fragte: "Warum?"

Der Legat seufzte. "Eines Tages wird er Kaiser sein, Maximus. Ich halte es für klug, eine gute Beziehung mit dem künftigen Herrscher zu unterhalten, das ist alles."

"Vielleicht wird er auch nicht Kaiser, Quintus."

"Natürlich wird er das. Er ist der Sohn des Kaisers."

"Marcus Aurelius kann jeden Mann ernennen, der ihm beliebt. Es muß nicht sein Sohn sein, und Commodus weiß das. Ich denke, daß er Angst hat und seine Furcht treibt ihn zu irrationalen Taten." Maximus seufzte schwer.

"Könntest Du so einem Mann wirklich dienen?"

"Könntest Du es nicht?"

Maximus lächelte matt. "Ich habe Dich zuerst gefragt."

"Ich werde Rom dienen, genau wie Du, Maximus", sagte Quintus ernst. "Und wenn Commodus Kaiser wird ... ja, ich werde ihm dienen. Es ist das Recht seiner Geburt."

"Selbst wenn Du weißt, daß seine Entscheidungen von einem kranken Hirn bestimmt sind?"

"Er ist eben jung ... "

"Nun, wann erwartest Du, daß er sich ändern wird, Quintus? Er ist jetzt ein Mann, aber er ist nicht anders als er als Junge war. Seine Persönlichkeit wird sich nicht ändern."

"Sie könnte es." Und Quintus fügte leise hinzu: "Deine hat es mit Sicherheit."

Maximus richtete sich auf, schien betroffen zu sein. "Das hat sie nicht", protestierte er.

"Und doch hat sie es. Früher warst Du ein Draufgänger, ungestüm." Quintus fasste sich kurz an die Stirn und lächelte. "Du konntest ziemlich wütend werden ... und ich habe immer noch die Narben, um es zu beweisen."

"Willst Du damit sagen, ich sei wie Commodus gewesen?" Maximus' Verwunderung wies einen Anflug von Verunsicherung auf.

"Nein, das sage ich nicht. Ich sage nur, daß Menschen sich ändern können."

Maximus verzog schmollend die Lippen und verschränkte die Finger ineinander. "Und wie bin ich jetzt?"

"Viel ruhiger ... Du beobachtest Dich selbst mehr." Quintus stieß mit der eigenen gegen die Schulter seines Generals und lächelte bei dem Versuch, den folgenden Worten etwas von ihrer Schärfe zu nehmen. "Irgendwie unnahbarer."

Unnahbar. Maximus senkte betroffen die Augen zur Erde und vor Erstaunen klappte sein Unterkiefer herunter.

"Einige Dinge haben sich allerdings nicht geändert. Du bist noch genauso störrisch wie immer, tapfer ..."

"Unnahbar", wieder Maximus. Die Bemerkung saß.

"Maximus, während der letzten Jahre bist Du viel für Dich allein gewesen. Du verbringst Deine Abende allein. Früher warst Du anders. Du bist jetzt so in Deiner eigenen Welt gefangen. Früher wußte ich immer genau, wie Du Dich fühltest, ob Du wegen etwas unglücklich warst oder zufrieden. Jetzt kann ich es kaum mehr spüren, es sei denn, Du bist total ärgerlich und dann ist es nur zu offensichtlich."

"Ich trage eine schwere Bürde, Quintus. Ich bin den ganzen Tag mit den Männern zusammen, aber an den Abenden, wenn sie zusammensitzen, muß ich Berichte schreiben, mit den Generälen der anderen Legionen und mit Marcus Aurelius korrespondieren, Entscheidungen treffen, Kosten überdenken, die Vorräte im Auge behalten ... und ich brauche Zeit, um an meine Familie zu denken ... bei ihnen zu sein."

"Ich weiß, daß Du eine schwere Bürde trägst, Maximus, und ich wünschte, Du würdest mir mehr erlauben, sie Dir tragen zu helfen."

"Ich habe Dich gebeten, mir zu helfen ... mich zu vertreten." beide Männer schwiegen eine lange Zeit und starrten in die rauchenden Flammen, die das Zelt mit mattem orangefarbenem Licht erfüllten. "Als ich das tat, haben mich Deine Entscheidungen ... etwas erstaunt ... und mir Sorge bereitet."

"Maximus, Du hast mir die Vollmacht verliehen, während Deiner Abwesenheit zu handeln, aber ich war ehrlich gesagt nicht sicher, ob Du mit Deiner Entscheidung, mir zu vertrauen, glücklich warst. Ich hatte das Gefühl, daß, wenn ich eine wichtige Entscheidung träfe und es nicht die wäre, die auch Du getroffen hättest, Du mich als unfähig oder schlimmer verurteilen würdest."

Maximus schaute Quintus an. "Hast Du deshalb die Festung nicht angegriffen, während ich in Spanien war?"

Quintus' Antwort war ein Schulterzucken.

"Es tut mir leid, mein Freund. Ich wußte nicht, daß ich Dir ein Gefühl vermittelte, das im Gegensatz zu dem stand, was ich sagte. Ich habe Dir vertraut. Sonst hätte ich Dich nicht ernannt."

"Es ist schwer, Deinen Erwartungen gerecht zu werden, weißt Du das?"

Maximus fuhr sich mit den Händen durch das kurze Haar, dann legte er sie wieder auf seine Knie. "Unsere Herangehensweise und unsere Lösungsversuche für was auch immer für ein Problem scheinen oft geradezu gegensätzlich zu sein."

"Ja, aber heißt das, daß ich unrecht habe, weil ich etwas anders machen würde als Du?

Manchmal gibst Du mir dieses Gefühl. Und die Soldaten lassen es mich auch spüren ... sie zögern jedesmal, einen Befehl auszuführen, bis sie sicher sind, daß er auch wirklich von Dir kommt." Quintus erhob sich und lief im Zelt auf und ab, bevor er sich umwandte und Maximus anblickte. "Ich bin so gut wie jeder andere Kommandant in der Armee, Maximus. Es ist nur mein Pech, daß ich ständig dem direkten Vergleich mit Dir standhalten muß." Quintus starrte zur Decke des Zeltes hinauf. "Es ist immer so gewesen." Er schaute zurück zu Maximus, der den Teppich unter seinen Füßen studierte. "Und nun sind wir bezüglich Commodus und seiner Beweggründe verschiedener Meinung, und es ist wieder so, daß Du Dich im Recht fühlst, und daß ich unrecht habe."

"Aber ich kenne ihn so viel besser als Du, Quintus. Es ist nicht so, daß ich unbedingt recht habe ... ich habe nur eine viel breitere Basis an Erfahrung, auf die ich meine Meinung gründen kann, in diesem Fall."

"Ich glaube, daß Du diesmal einen großen Fehler machst ... einen Fehler bezüglich der Art und Weise, wie Du mit Commodus umgehst. Du bist verpflichtet, dem Imperator treu zu sein, ganz gleich wer dieser Mann ist. Das ist Deine Bestimmung als General der römischen Armee."

Maximus blieb still.

Quintus beobachtete ihn aufmerksam. "Willst Du wirklich behaupten, daß Du Commodus nicht dienen wirst, wenn er Kaiser wird?"

"Ich hoffe, daß er nicht Kaiser wird."

"Und wenn doch?"

"Es ist meine Aufgabe, Rom zu dienen, wie Du es sagtest, und das so gut ich es vermag."

Quintus drängte auf eine Antwort. "Commodus wird Rom sein."

Maximus erhob sich mit einer blitzschnellen Bewegung, trat ganz dicht an seinen Legaten heran und blickte ihm direkt in die Augen. "Quintus, verstehst Du nicht, welche Macht wir besitzen? Wir erteilen Befehle und tausende ... zehntausende ... Männer gehorchen. Was, wenn diese Befehle auf einer falschen Logik beruhen oder aber einfach ungerecht sind. Werden wir sie trotzdem erteilen?"

"Ja. Es ist nicht unsere Sache, das zu beurteilen."

Maximus schüttelte nur den Kopf.

"Du hast meine Frage noch nicht beantwortet", insistierte Quintus weiter. "Wirst Du Commodus dienen, wenn er Kaiser wird?"

"Wenn wir diese Befehlsebene erreicht haben, Quintus, dann müssen wir die Einsicht und Überlegung die wir in so vielen Jahren durch Erfahrung erlangt haben, nutzen, um Entscheidungen zu beurteilen ... selbst die des Kaisers. Es genügt nicht, nur seine Befehle zu befolgen. Es ist unsere Aufgabe, ihm zu helfen, seine Entscheidungen zu treffen, Berater des Kaisers zu sein."

"Ein Kaiser hat die absolute Macht. Es interessiert ihn nicht, was seine Generäle denken."

Maximus blickte auf die weiße Marmorbüste des Kaisers, die auf einem Sockel in der Ecke stand.

"Marcus Aurelius schon. Er schätzt meine Meinung und die seiner anderen Generäle."

"Maximus, Du lädst Dir viel zu viel Verantwortung auf Deine Schultern. Wenn die Feinde uns herausfordern, dann töten wir sie. Wenn die Herrlichkeit Roms bedroht ist, dann handeln wir entsprechend. Es ist so einfach. Es ist nicht Deine Sache, Entscheidungen zu treffen, so kannst Du nachts mit ruhigem Gewissen schlafen."

"Quintus, kannst Du den Befehl erteilen, hunderte Männer lebendig zu verbrennen und nachts mit ruhigem Gewissen schlafen?"

"Ja, denn es war nicht meine Entscheidung."

"Nun, das ist der große Unterschied zwischen Dir und mir, mein Freund, denn ich könnte es nicht."

Quintus wurde langsam ärgerlich. "Ist das etwas anderes, Maximus, als schwer bewaffnete Legionen zu senden, die gegen irgendwelche Stämme kämpfen, die nichts als primitive Waffen und fast kein Kampftraining haben?"

"Jene Männer waren in dem Turm gefangen. Sie hatten überhaupt keine Chance, sich irgendwie zu verteidigen."

"Ist das so viel anders als Legionen in feindliches Gebiet zu schicken und tausende Menschen hinzuschlachten, nur damit Rom seine Grenzen noch etwas weiter vorschieben kann? Und jene, die nicht getötet werden, zu versklaven?"

"Wir sind hier, um Roms Grenzen zu verteidigen, Quintus, und Frieden mit den Stämmen zu schließen, nicht um neues Gebiet zu erobern."

"Nun, vielleicht tun wir das jetzt, aber Jahrhunderte lang war Rom der Angreifer ... darauf aus, mehr Land und mehr Sklaven zu erbeuten. Du machst Dir etwas vor, wenn Du darüber anders denkst, Maximus." Quintus streckte zögernd eine Hand Maximus entgegen, als wolle er ihn körperlich durch diese Geste überzeugen, und in seiner Stimme war etwas Flehendes:" Commodus hätte mich einfach vernichtet, wenn ich den Befehl nicht gegeben hätte, und er hätte sich durch die Liste der Offiziere gearbeitet, bis er jemand willigen gefunden hätte."

"Wärst Du bereit, Dein Leben zu retten, Quintus, aber Deine Ehre zu verlieren?"

"Ich habe ehrenhaft gehandelt, Maximus. Mir wurde ein Befehl von einem Vorgesetzten erteilt, und ich habe ihm gehorcht. In der Armee ist das Ehre." Quintus verschränkte die Arme vor der Brust, lehnte sich gegen einen stabilen Tisch und studierte seine Füße. "Wir beide haben einen sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Hintergrund, Maximus, und ich denke, daß Deine persönliche Vorstellung von Ehre von der meinen grundsätzlich verschieden ist. Nicht besser, nur anders. Deine Eltern waren Bauern. Dein Aufstieg in der Armee zu einer Stellung mit solch enormer Machtfülle war nicht vorhersehbar und, da bin ich sicher, eine Quelle des Stolzes für Deine Eltern. Quintus erinnerte sich plötzlich daran, daß Maximus' Eltern tot waren. "Oder wäre es zumindest gewesen", stotterte er. Er holte tief Luft. "Bei mir ist das ganz anders. Auch jetzt bekomme ich immer noch Briefe von meinem Vater, in denen er fragt, warum ich immer noch nicht General bin, während Du, ein Junge aus den Provinzen, dies bist."

"Du und Deine Familie, Ihr solltet beide sehr stolz sein auf das, was Du erreicht hast."

"Sollten es sein."

"Warum denkst Du nicht ernsthaft über mein Angebot nach, Urlaub zu nehmen, Quintus?" Der starke Schneefall hat noch nicht eingesetzt, und Du kannst immer noch sicher über die Alpen kommen. Kehr nach Hause zurück, Quintus. Zeig Deiner Familie, was für ein tüchtiger Mann Du bist. Du bist nicht mehr zu Hause gewesen seit ... wie vielen Jahren? Zehn?"

"Mindestens."

"Das ist viel zu lange." Maximus lächelte. "Du denkst, ich sei unnahbar, aber Cicero hat einen ganz anderen Mann kennengelernt, Quintus, als er mich in Spanien besuchte. Mein Sinn für Humor war zurückgekehrt." Maximus lächelte und schüttelte den Kopf, dann zeigte er zur Tür. "Es ist dieser Ort. Die beständige Gefahr eines Angriffs. Die Kälte. Die Dunkelheit. Wenn ich nicht alle paar Jahre nach Hause zurückkehrte, wäre ich  mehr als nur unnahbar ... ich würde ... verrückt werden. Ich vermisse meine Familie, und die Kameradschaft der Männer hier im Lager ist dafür kein Ersatz. Quintus ... Ich würde fast alles dafür geben, einen Bruder zu haben. Vermisst Du Deine nicht?"

Quintus starrte nur zur Tür.

"Ich sage Dir was ... laß uns einen Handel machen. Ich verspreche, weniger "unnahbar" zu sein und mich Dir mehr anzuvertrauen ... wie ich das früher tat ... wenn Du mir versprichst, mindestens drei Monate Urlaub zu nehmen. Dann wirst Du rechtzeitig zur Frühjahrsoffensive zurück sein. Alles was Du verpassen wirst, ist jede Menge Langeweile und Exerzieren und das Reparieren der Ausrüstung ... eben die üblichen Dinge für die Winterzeit."

"Und was ist mit Dir? Ich dachte, Du wolltest zur Geburt Deines nächsten Kindes nach Spanien zurückkehren. Wir können nicht beide gleichzeitig abwesend sein."

"Mein Kind wird nicht vor dem Frühjahr zur Welt kommen, und Marcus Aurelius hat bereits verlauten lassen, daß jeder Urlaub gestrichen ist, sobald das Wetter milder wird. Ich denke, er erwartet einen ziemlich ereignisreichen Sommer. Augenscheinlich bilden die barbarischen Stämme eine Allianz, und Marcus denkt, daß sie eine Reihe taktisch wichtiger Angriffe planen. Ich werde also nirgendwohin gehen."

"Was hält Deine Frau davon?"

"Ich habe es ihr noch nicht gesagt. Sie wird darüber nicht glücklich sein, aber sie wird es verstehen."

"Wie geht es Deiner Frau?"

"Es geht ihr den Umständen entsprechend gut. Sie sagte mir, daß ihr Unwohlsein vorüber ist, und daß ihr Bauch zu wachsen beginnt."

"Und Dein Sohn?"

"Es geht ihm gut, und er wächst sehr schnell." Maximus ging zu seinem verzierten Schreibtisch. Er kramte eine Weile, bevor er einige in Leinen gehüllte Rollen hervorzog. Während er eine davon vorsichtig entrollte, grinste er Quintus an. "Meine Frau ist eine sehr talentierte Schnitzerin und Malerin, Quintus, und sie sendet mir Bilder von meinem Sohn und meinem Hof." Er ergriff die beiden Enden einer Rolle und hielt sie in das flackernde Licht direkt vor Quintus' Augen. "Sieh. Das ist mein Sohn. Ich habe es gerade in der vergangenen Woche erhalten."

Quintus studierte die mit Holzkohle gefertigte Zeichnung. Sie zeigte einen kleinen Jungen mit dunklen Augen und einem verschmitzten Lächeln neben einem großen Hund, der ganz ähnlich wie Hercules aussah. Der Junge trug eine schlichte Tunika und Sandalen, aber die Details der Zeichnung waren bemerkenswert. Olivia hatte seinen Gesichtsausdruck eingefangen, jede Falte seiner Tunika, das lose Band der einen Sandale und sogar seine abgeschürften Knie.

Maximus freute sich über Quintus' Reaktion. Er rollte das Pergament sorgfältig zusammen und öffnete ein anderes. "Und das ist mein Hof, von der Straße aus gesehen. Es ist ein einfacher Hof, aber er erfüllt alle unsere Bedürfnisse." Während Maximus auch dieses Bild behutsam zusammenrollte, fügte er hinzu: "Olivia hat es sich in den Kopf gesetzt, auf die Wände im Schlafzimmer meines Sohnes ein Fresko zu malen. Es wird einen gewissen General auf seinem schwarzen Hengst zeigen. Ich sagte ihr, sie solle warten, bis ich nach Hause käme, so daß ich ihr Modell stehen könnte. Und als Antwort sandte sie mir dies." Maximus öffnete die letzte Rolle und Quintus hielt erstaunt den Atem an.

"Es ist Dir wie aus dem Gesicht geschnitten."

"Das ist es, nicht wahr. Meine Frau wollte mir beweisen, daß sie sich noch genau daran erinnert wie ich aussehe. Sie macht Zeichnungen von mir für Marcus, weil er mich nicht erkannte, als ich das letztemal heimkam"

"Ich beneide Dich."

"Du solltest mich nicht beneiden, Quintus, tu etwas in dieser Sache. Kehr nach Hause zurück und such Dir eine Ehefrau."

Quintus betrachtete seinen langjährigen Freund mit Wärme im Herzen. "Ich bin froh, daß Du es geschafft hast, aus der Festung 'rauszukommen. Es hat mich fast umgebracht, daran zu denken, daß Du auf eine solche Weise den Tod gefunden haben könntest, auch wenn es anders ausgesehen haben mag." Er klopfte Maximus voll Sympathie auf die Schulter. "Was machen Deine Knie?"

"Schon wieder so gut wie heil. Trotzdem möchte ich im Moment lieber noch nicht den Boden schrubben müssen", grinste Maximus.

"Wirst Du nach Vindobona zurückkehren?"

"Ja ... bald. Bevor der wirklich starke Schneefall einsetzt. Ich möchte nicht, daß die Männer den Rest des Winters an einem solchen Ort verbringen müssen. Du kannst auch dorthin kommen, wenn Du aus Rom zurück sein wirst."

Quintus beobachtete seinen Kameraden, während dieser die Zeichnungen sorgfältig wieder einwickelte und in seinen Schreibtisch legte. Maximus war mehr Bruder für ihn als seine leiblichen Brüder es waren, trotz ihrer so unterschiedlichen Herkunft. Sie hatten schon so vieles gemeinsam durchgestanden. "Wir werden Hercules finden, Maximus. Der Hund ist doch eigentlich mehr ein Wolf, und es braucht schon etwas, um ihn zu töten ... genau wie seinen Herren."

 

Kapitel 65 - Die Rettung

Maximus drehte sich auf den Rücken, die Augen noch geschlossen und schlaftrunken. Seine Hand fiel über die Bettkante, um nach dem dichten warmen Fell des Hundes zu fassen, der dort lag, und ihm seine morgendlichen Streicheleinheiten zu geben. Als seine Finger statt dessen nur den leeren Teppich berührten, setzte er sich ruckartig auf und war sich plötzlich der Ereignisse des gestrigen Tages wieder voll bewußt. Die Kerzen, die das Zelt erleuchteten, waren tief heruntergebrannt, und kein Lichtstrahl drang durch den schweren Vorhang, der vor dem Eingang seines Zeltes hing.

Maximus fröstelte in der Kühle des Morgens, er kleidete sich schnell an und zog Unterzeug und zwei wollene Tuniken unter seinen Brustpanzer, dann legte er die Hosen an. Zum Schluß warf er sich den schweren Umhang über die Schultern, bevor er sich hinhockte, um seine Stiefel zuzuschnüren. Endlich umwickelte er noch seine Finger mit Lederstreifen, in der Hoffnung, sie so vor dem Frost zu schützen.

Ein verschlafener Cicero erschien im Eingang. "Ich dachte, ich hörte, daß Du schon auf bist. Ist alles in Ordnung?"

"Weißt Du, wie spät es ist?"

"Ungefähr eine Stunde vor Sonnenaufgang, denke ich."

"Geh wieder ins Bett zurück, Cicero, und halte Dich warm."

"Gehst Du 'raus?"

"Ja."

"Laß mich Dir erst etwas zum Frühstück holen."

"Geh zurück ins Bett; ich werde essen, wenn ich zurück bin."

"Darf ich fragen, wo hin Du gehst, Herr?"

"Zur Festung", sagte Maximus, griff sein Schwert und trat hinaus in die bitterkalte Nachtluft. Der volle Mond wies ihm den Weg zum Stall, und er öffnete langsam die schwere Holztür in der Hoffnung, das Quietschen derselben so weit als möglich zu vermeiden. Nachdem er dieses hunderte Male getan hatte, brauchte er kein Licht, um den Weg zu den Boxen seiner Hengste sicher zu finden oder um eine Decke und einen Sattel über den Rücken des aufgeschreckten Scarto zu werfen. "Es tut mir leid, daß ich Deinen Schlaf unterbrechen muß", flüsterte er dem Pferd zu , während er den Sattelgurt festzog, "aber heute brauche ich Deine Hilfe."

"He, was machst Du da!" rief ein Stallbursche, der aus seinem Quartier auf dem Heuboden auftauchte und dessen Fackel einen riesigen, bedrohlichen Schatten von Mann und Pferd an die Wand warf. "Oh ... Entschuldigung, General. Ich wußte nicht, daß Du es bist", stotterte der Junge, nachdem es ihm gelungen war, seine Furcht einigermaßen zu meistern.

"Es ist gut, Dich so früh auf Deinem Posten zu sehen, Atticus. Bereite eine extra Ration für Scarto vor, denn er wird sie brauchen, wenn wir zurückkommen." Der Junge nickte nur und sprang aus dem Weg, als Maximus sich auf Scarto schwang und in Windes Eile den Stall verließ. Er hatte kaum die Tür hinter sich, als er Scarto auch bereits zum Galopp antrieb, und die erschreckten Wachen mühten sich, schnell das Tor zu öffnen, als das schnaubende Tier auf sie zuhielt. Die Schwerter schlaff in ihren Händen hängend, konnten sie nur verwundert dem dunklen Pferd nachstarren, das ihren bewaffneten General in die Dunkelheit des frühen Morgens trug.

Als er sich bereits auf dem Weg zur Festung befand, verlangsamte Maximus Scartos Tempo, denn er wollte nicht die Sicherheit eines Tieres gefährden, um ein anderes zu retten. Früher an diesem Morgen, während jenes Dämmerzustandes zwischen Schlafen und Wachen, hatte Maximus' Geist sich auf das Problem konzentriert, daß ihm die ganze Nacht über den Schlaf geraubt hatte. Der Hund war nicht im Lager oder in den Wäldern. Er war in der Festung. Commodus' perverser Sinn für Humor würde dies für sehr witzig halten ... der Hund ist dort gefangen und stirbt, wo eigentlich sein Herr hätte umkommen sollen.

Als die beeindruckende steinerne Mauer endlich vor Maximus aufragte, begann sich der Himmel bereits zu röten, und er konnte die Bäume gegen den Himmel erkennen und Schneebänke von Felsen unterscheiden. Als er die nördliche Mauer der Festung erreichte, konnte er bereits genügend Einzelheiten unterscheiden, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Maximus war erleichtert, daß der Tunnel immer noch frei von Schnee war, und als er sich hinhockte, konnte er Licht am anderen Ende des Durchgangs erkennen. Vorsichtig ließ er sich auf die Knie nieder, die augenblicklich protestierten, also legte er sich auf den Bauch und zog es vor, eher durch den Tunnel zu kriechen, als Marcianus' Zorn zu riskieren. Er konzentrierte sich auf das Licht vor sich und schnell hatte er den Tunnel passiert und war wieder auf den Füßen. Er ließ seine Augen über die schon vertrauten zerstörten Gebäude gleiten, dann richtete er seine Schritte instinktiv zu dem einzigen Ort innerhalb der Mauern, der ihm ein wenig Annehmlichkeit geboten hatte. "Hercules?" rief er im Gehen. "Hercules, wo bist Du, alter Junge?" Er hielt alle paar Schritte an, um zu lauschen, konnte aber kein Bellen vernehmen, das

Die Tür zu Helgas Hütte stand offen und Schnee war hineingeweht, der kleine, sich kräuselnde Verwehungen genau dort bildete, wo er gelegen hatte. Die Hütte war verlassen bis auf den Schnee, ein Häufchen Holzkohle, das vom Herdfeuer übrig geblieben war ...  und ein kleiner Hügel frisch aufgeworfener Erde. Maximus kniete sich hin und strich mit der Hand zärtlich darüber. "Es tut mir so leid", flüsterte er.

"Maximus? Maximus!"

Maximus trat zur Tür der Hütte und schaute zum Tunnel hinüber. "Hier, Quintus!"

Der Legat kam den Weg entlanggelaufen und mühte sich, im Schnee nicht auszurutschen. "Was machst Du hier drin?"

"Woher wußtest Du, daß ich hier bin?"

"Die Wachen haben mich geweckt, weil sie besorgt waren, daß Du so ganz allein in die Nacht hinausgeritten bist. Mir fiel kein anderer Ort ein, wo Du hingeritten sein könntest."

"Hercules ist irgendwo hier drin."

"Woher weißt Du das?"

"Instinkt."

"Und hast Du schon versucht, ihn zu rufen?"

"Natürlich", antwortete Maximus mit einem Anflug von Ungeduld.

"Er hat Dir nicht geantwortet", sagte Quintus, der ganz offensichtlich bezweifelte, daß der Hund in der Festung sei.

"Er würde, wenn er könnte."

"Nun, lass uns die Festung aufteilen ..."

"Nein. Ich werde die gesamte Anlage selbst absuchen. Nur so werde ich zufrieden sein, Quintus."

Er versuchte, seinen Worten die Schärfe zu nehmen indem er hinzufügte: "Ich wäre jedoch sehr froh, wenn Du mir helfen würdest."

Quintus rümpfte die Nase. "Ich hoffe, daß dieses riesige, abscheuliche, stinkende Vieh das alles wert ist, mein Freund."

"Er stinkt nicht", protestierte Maximus.

Quintus warf die Arme in gespielter Bestürzung in die Luft. "Erinnerst Du Dich nicht daran, wie er einmal dieses Stinktier fing und es zurück ins Lager schleppte?"

Maximus zuckte mit den Schultern: "Das war lediglich ein voübergendes Versagen seines Urteilsvermögens."

Quintus lächelte. "Los, Maximus, sehen wir zu, daß wir ihn finden, damit wir ins Lager zurück und frühstücken können."

Es war schon weit nach Mittag, und ihre Mägen knurrten vor Hunger, bevor sie für eine Rast anhielten. Sie wischten den Schnee von einer niedrigen Steinmauer und setzten sich darauf.

"Es ist nicht mehr viel übrig, wo wir suchen können", stellte Quintus fest, während sein Blick über die Ruinen schweifte.

"Wenn wir ihn nicht finden, dann fangen wir wieder von vorn an." Maximus' tiefe Stimme war bereits etwas heiser, denn er hatte immer und immer wieder den Namen des Hundes gerufen.

"Ist Dir jemals der Gedanke gekomen, daß Commodus den Hund mit sich genommen haben könnte?"

"Nein. So viel Umstände würde er sich nicht machen. Hercules ist irgendwo hier, tot oder lebendig, und ich bin fest entschlossen, ihn so oder so zu finden."

In der Ferne war eine Stimme zu hören. "General! General, wo bist Du, Herr?"

"Cicero, hier sind wir!" Maximus sprang auf die niedrige Mauer und winkte seinem Diener, der in Stoff gewickelte Bündel bei sich trug. "Ich hoffe, das ist etwas zu essen, Cicero!"

"Das ist es in der Tat, Herr", antwortete er, während er auf die beiden hungrigen Männer zuging. "Kein Glück?"

"Bisher nicht. Was hast Du uns mitgebracht?"

"Äh ...", Cicero schälte die Tücher auseinander und lugte in die Bündel, als ob er versuchte, sich an den Inhalt derselben zu erinnern.

"Hühnchen und Rehbraten, Brot, Käse und Wein, der noch warm war, als ich losging. Und ich habe Kaninchenfleisch für den Hund, wenn ihr ihn gefunden habt. Zufällig weiß ich, daß das seine Lieblingsspeise ist."

"Guter Mann", sagte Maximus warm und mit aufrichtiger Dankbarkeit für Ciceros Umsicht. Er aß schnell, darauf bedacht, seine Tätigkeit wieder aufzunehmen.

Mit ihrem Essen vollauf  beschäftigt, dauerte es eine Minute, bis Quintus und Cicero feststellten, daß Maximus nicht mehr bei ihnen war.

"Wo ...?" setzte Quintus an, doch Cicero ergriff ihn am Ärmel und deutete mit dem Finger auf etwas. Maximus ging langsam auf eine niedrige, geschwungene Mauer zu, das Essen in seiner Hand war vergessen. Als er erkannte, um was es sich bei dem Bauwerk handelte, ließ er den Rehbraten in den Schnee fallen und benutzte seine Arme, um den Schnee von der Oberfläche eines schweren hölzernen Deckels zu fegen, der einen Brunnen abdeckte.

"Helft mir, das hier wegzukriegen", befahl er, und seine beiden Gefährten waren schnell an seiner Seite, auch ihr Essen plötzlich vergessend. "Zusammen", kommandierte Maximus, und schon kippte der Deckel über den Rand der Mauer, landete auf seiner Kante und rollte ein kurzes Stück, bevor er in den Schnee fiel. Maximus blickte in den Schacht. "Hercules?" fragte er vorsichtig, seine Stimme zu einem hohlen Echo verzerrt. Ein Winseln antwortete ihm, das in ein Jaulen überging.

"Hercules!" rief Maximus. Er drehte sich zu Quintus und Cicero um, Erleichterung und Sorge waren ihm ins Gesicht geschrieben. "Wir haben ihn gefunden, aber irgendetwas stimmt nicht, sonst würde er bellen."

"Wie tief ist es?" fragte Cicero.

"Kann ich nicht sagen. Es ist zu dunkel, um irgendetwas zu sehen", antwortete Maximus. "Halt durch, Hercules. Wir holen Dich raus, alter Junge."

Quintus und Cicero blickten einander an. Wie sollten sie das anstellen?

"Seile. Wir brauchen Seile", sagte Maximus. "Ich werde hinunterklettern." Die beiden Männer starrten ihren General nur an. "Besorgt ein paar Seile!" brüllte Maximus und beide rannten los. Als sie mit Seilen in den Händen zurückkamen, lehnte sich Maximus so weit über die Mauer des Brunnens, daß Cicero den Rand seines Brustpanzers ergriff, aus Sorge, Maximus könnte kopfüber hinunterstürzen .

Maximus' Gesicht war gerötet. "Die Wände des Brunnenschachtes scheinen aus purem Eis zu bestehen. Ich nehme an, der Boden ebenfalls. Ich kann nicht bis auf den Grund sehen, aber ich vermute, daß er vielleicht an die fünfundzwanzig Fuß tief ist, und er ist ziemlich eng, wie Ihr sehen könnt." Maximus blickte in den Brunnen hinab, dann zurück zu seinen Freunden. "Ihr müßt mich langsam runterlassen und ich werde versuchen, mich an den Wänden abzustützen ..."

"Was? Du gehst da nicht runter", sagte Quintus hartnäckig.

"Doch, das tue ich."

"Das tust Du nicht."

"Tue ich doch," antwortete Maximus, und er war sich voll bewußt, daß sie sich wie ein Paar zankende Kinder anhörten.

"Meine Herren, meine Herren",  mischte Cicero sich ein. "Ich stehe hier zusammen mit dem wichtigsten Führer der gesamten römischen Armee und mit seinem Stellvertreter. Ich bin nur ein Diener. Nun, sagt selbst, wer von uns da runtersteigen sollte."

"Das könnte ich niemals von Dir verlangen, Cicero. Er ist mein Hund."

"Du verlangst es nicht. Ich biete es an. Außerdem, seit unserer gemeinsamen Reise nach Spanien, ist mir dieses Tier ziemlich ans Herz gewachsen."

"Lass es ihn versuchen, Maximus. Ich habe keine Lust, Marcus Aurelius zu erklären, daß sein Lieblingsgeneral sich den Schädel aufgeschlagen hat, als er bei dem Versuch, einen Hund zu retten, in einen Brunnen fiel."

"Er ist mein Hund", beharrte Maximus trotzig.

"Maximus." Quintus räusperte sich. "Ich widersetze mich Deinem Befehl, Dir in diesen Brunnen hinabzuhelfen, weil er nicht auf gesunder Überlegung, sondern lediglich auf einer Emotion beruht." In Quintus' Stimme schwang ein Anflug von Befriedigung mit. "Ein General, den ich sehr bewundere, sagte mir einst, daß ich Befehle hinterfragen solle ..."

Maximus hob seine Hände zum Zeichen, daß er nachgab und ließ Quintus damit verstummen. "Also los, Cicero."

"Halloooo dort drüben!" Drei Tribune standen oben auf der Ostmauer und winkten ihnen zu. "Habt Ihr ihn gefunden General?"

"Ja, er ist auf dem Grund dieses Brunnens!" brüllte Maximus zurück.

"Lebt er noch?"

"Ja, aber ich bin sicher, daß er verletzt ist!"

"Rühr Dich nicht von der Stelle, General! Wir sind gleich da, um zu helfen!" Sie rannten die Mauer entlang zur Südseite und verschwanden dann.

Maximus sprach weiter mit beruhigender Stimme auf Hercules ein, während sie darauf warteten, daß Hilfe eintraf. Hercules konnte nur mit einem Wimmern antworten.

Innerhalb einer halben Stunde hatten sich zu den drei Männern in der Festung mindestens ein Dutzend weitere gesellt, alle hatten Seile und Holzstangen bei sich, einer sogar eine Schlinge aus Leinwand.

Ein Klopfen auf die Schulter ließ Maximus sich umdrehen, und er blickte in Jonivus' Gesicht. "Tritt zur Seite, General. Ich bin hier der Ingenieur und wir werden Dein Hundchen in null Komma nichts oben haben. Du erinnerst Dich doch sicher an meinen Sohn, nicht wahr? Der Junge, der auf den Baum geklettert ist?"

"Natürlich erinnere ich mich." Maximus lächelte und schüttelte die Hand des großen, dünnen jungen Mannes.

"Er ist gerade der Richtige, um in den Brunnen hinunterzuklettern, nicht so ein kräftiger Mann wie Du, Herr. Du setzt Dich dort drüben hin, wenn Du nichts dagegen hast, und läßt uns unsere Arbeit machen." Jonivus versetzte Maximus einen leichten Schubs, um ihn aus dem Weg zu befördern, und veranlasste damit dutzende Augenbrauen, sich fragend nach oben zu bewegen. Maximus wußte jedoch, wann es Zeit zum Kämpfen aber auch wann es besser ist nachzugeben und er zog sich zurück, um sich wieder auf die Mauer zu setzen.

Im Handumdrehen hatte Jonivus den Brunnen vermessen und einen Plan ausgearbeitet. Seine Männer errichteten schnell ein Gestell über dem Brunneneingang, um daran eine kräftige Schlinge zu befestigen und den jungen Mann in den Schacht hinabzulassen. Jonivus junior würde den Hund in die Schlinge legen, und eine Gruppe kräftiger Soldaten sollte ihn nach oben ziehen, danach würde man auch den Jungen wieder hinaufbefördern.

Maximus saß auf dem nahegelegenen Mäuerchen und kaute an einem Fingernagel, während er die Tätigkeit am Brunnen beobachtete - ebenso wie hunderte Soldaten, die inzwischen die Mauern säumten. Sie alle wußten, daß, wenn sie selbst einmal in Schwierigkeiten sein sollten, ihr General keine Mühe scheuen würde, um auch sie zu retten. So war er eben.

Maximus erhob sich, als der Junge langsam im Brunnenschacht verschwand, und er fragte sich, wie er es zulassen konnte, daß dieser junge Mensch sein Leben riskierte, um einen Hund zu retten. Er machte einige Schritte in Richtung des Brunnens, wurde jedoch von einer vertrauten Stimme aufgehalten.

"Erkennst du nicht, was hier vor sich geht, Maximus?" fragte Marcianus, der schon eine Weile hinter ihm gestanden hatte, ohne daß Maximus es bemerkt hätte.

Maximus war verwirrt. "Was meinst Du?"

Marcianus trat an seinen Freund heran und sagte mit leiser Stimme. "Die gesamte Legion fühlt sich fürchterlich schuldig, weil sie Commodus keinen Widerstand geleistet und Dich aus der Festung gerettet hat, daher erlaube ihnen, statt dessen wenigstens Deinen Hund zu retten, in Ordnung?" Er deutete auf die Mauern. "Schau dort hinauf."

Als Maximus dies tat, sah er, daß jeder Zentimeter auf den Mauern um die Festung von Soldaten besetzt war. "Setz Dich wieder hin, und erlaube den Männern, wenigstens dies für Dich zu tun. Es ist ihre Art, sich zu entschuldigen."

Als Maximus sich wieder zu seinem Platz auf dem Mäuerchen begab, sagte Marcianus laut genug, daß man es noch in reichlicher Entfernung hören konnte: "Ich halte meine medizinische Ausrüstung bereit, um Hercules zu helfen, wenn er heraufgebracht wird ... und wenn Du nicht aufhörst, General, an Deinem Fingernagel zu kauen, muß ich Dir möglicherweise den Daumen amputieren."

Die Spannung war gebrochen, die in der Nähe stehenden Soldaten lachten, und sichtlich beschämt, steckte Maximus seine Hand zwischen die Knie, die Augen fest auf den Brunnen und die Männer geheftet, die dort arbeiteten.

Plötzlich ließ ein markerschütternder Schrei aus der Tiefe des Brunnens Maximus auf die Füße springen, jedoch nur, um augenblicklich von Quintus wieder runtergezogen zu werden, der nach den Schlaufen am Rückenteil seines Brustpanzers gegriffen hatte. "Maximus, bleib sitzen, bis man Hercules heraufbringt. Bitte. Es gibt nichts, was Du tun kannst."

"Ich könnte mit ihm sprechen." Und wieder war Maximus auf den Beinen und lief auf die Quelle zu, Entschlossenheit in jedem seiner Schritte. Keiner wagte es diesmal , ihn aufzuhalten. Er bahnte sich seinen Weg hin zu Jonivus, gerade rechtzeitig, um mit anzusehen, wie die Schlinge samt ihrer pelzigen Last aus der Dunkelheit auftauchte.

Dutzende Männer hielten plötzlich wie ein einziger den Atem an.

Der Hund war kaum noch bei Bewußtsein, aber trotzdem spitzte er die Ohren beim Klang von Maximus beruhigend auf ihn einredender Stimme. Er fing an sich heftig in der Schlinge zu winden, aber seine Vorder- und Hinterläufe waren fest zusammengebunden mit einem dünnen Strick, der durch sein Fell hindurch bis tief in die Haut schnitt. Ein ebensolcher Strick grub sich auch in sein Maul, und hielt die Kiefer fest zusammengepresst. Blutiger Schaum quoll zwischen den Lefzen hervor.

Maximus kämpfte gegen die Wut in seinem Herzen an, während er Hercules leise aufmunternde Worte zuraunte. Er merkte nicht einmal, daß Marcianus vorsichtig den Strick durchtrennte, der um das Maul des Hundes gebunden war, bis seine Hände von einer langen warmen Zunge regelrecht gebadet wurden. Maximus beruhigte das Tier, während Marcianus auch die Stricke um seine Pfoten durchschnitt und diese schnell verband. Von Hunger und Durst geschwächt, schien Hercules es zufrieden zu sein, einfach in der Schlinge liegen zu bleiben und Maximus an seiner Seite zu wissen.

"Nun?" fragte Maximus Marcianus.

"Ich muß ihn mir noch genauer anschauen, aber er könnte ein gebrochenes Bein und vielleicht einige gebrochene Rippen haben. Da sein Maul zusammengebunden war, konnte er auch keinerlei Wasser zu sich nehmen und ist daher dehydriert."

Nicht in der Lage, etwas Genaues zu sehen, rief ein Soldat von der Mauer herab:" Ist der Hund jetzt in Sicherheit, Herr?"

Maximus antwortete mit einer Handbewegung, und ein gewaltiges Freudengeschrei hallte von allen Wänden und Mauern innerhalb der Festung wider. Die Freude verebbte jedoch schnell, als sich die Nachricht vom Zustand des Tieres auf den Mauern verbreitete, und der Name "Commodus" tropfte wie Gift von hunderten Zungen. Soldaten auf der Südmauer hatten einen groben Aufzug gezimmert, um den Hund hinaufziehen zu können, und Maximus lenkte seine Schritte in ihre Richtung. Quintus trottete neben seinem General her, aber Maximus zischte ihm zu: "Was denkst Du nun über den Sohn des Imperators, Quintus?" Der Legat blieb einige Schritte zurück, erschrocken über Maximus' Zorn und sein eigenes mangelndes Urteilsvermögen bezüglich Commodus' Motiven. Vielleicht war es nun an der Zeit, Urlaub zu nehmen, dachte Quintus. Vielleicht könnte es ihm helfen, alles etwas nüchterner und sachlicher zu sehen, wenn er einige Zeit weg von der Legion verbrächte. Er würde noch heute Nacht anfangen zu packen.

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