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Kapitel 66 - Septimius Maximus bestimmte Horatius, einen erfahrenen Tribun, während Quintus' Abwesenheit die Aufgaben des Legaten zu übernehmen, und Horatius führte die Felix III Legion für den Winter nach Vindobona zurück, während Maximus sich nach Westen begab, um seine übrigen Legionen an Donau und Rhein zu inspizieren. Obwohl die Wahrscheinlichkeit für offene Kampfhandlungen während der Wintermonate gering war, waren Überfälle der germanischen Stämme sehr wahrscheinlich, und er wollte, daß die Legionen wachsam und vorbereitet sind. Eingehüllt in Wolle und Pelze und begleitet von einer Wacheinheit, suchte Maximus eine Legion nach der anderen auf, blieb ungefähr eine Woche bei einer jeden und stellte sicher, daß die Straßen entlang der beiden Flüsse passierbar gehalten wurden, um so ein schnelles Zusammenziehen von Truppen zu ermöglichen, falls dies nötig sein sollte. Alle Generäle hatten von der Belagerung gehört und waren darauf erpicht, sie zu besprechen, ebenso wie die offensichtlich falschen Gerüchte vom Tod ihres Führers. Erleichterung zeichnete sich gleichermaßen auf den Gesichtern von Wachen, Soldaten und Offizieren ab, wenn Maximus persönlich vor ihren Toren erschien. Dies lieferte Maximus den passenden Vorwand, um Strategiefragen mit den Offizieren der einzelnen Legionen zu besprechen und sicherzustellen, daß die Generäle unter seinem Kommando ihre Aufgaben weiterhin zufriedenstellend erfüllten. Maximus' zweites Vorhaben war es, die Befestigungsanlagen zu verstärken, welche die Lücke zwischen den Flüssen Rhein und Donau schlossen. Gräben waren bereits vor Jahren ausgehoben worden, aber jetzt gab Maximus Anweisungen, entlang der gesamten ungeschützten Strecke ebenfalls eine steinerne Mauer zu errichten und das Territorium ständig von den entlang der Strecke verteilten Wachtürmen aus unter Beobachtung zu halten. Der erfolgreiche Überfall eines Stammes würde diesem Stamm nicht nur einen enormen Prestigezuwachs bescheren, sondern auch beträchtliche Beute einbringen. Und er würde den Tod von vielen Soldaten und die Schwächung von Roms Rückhalt im Norden zur Folge haben. Nicht einmal die bloße Eindruck römischer Verwundbarkeit durfte geduldet werden. Maximus hoffte, daß die Stämme den Winter damit verbringen würden, sich gegenseitig zu bekämpfen, wie sie es oftmals taten. Wenn es jedoch wirklich zu einem erfolgreichen Übergriff gegen das Reich kommen sollte, mußte Maximus für einen schnellen Vergeltungsschlag gerüstet sein, indem er eine Truppenkolonne führen würde, die von überflüssigem Gepäck unbelastet sein und nur so viel Ausrüstung bei sich tragen würde, wie für die Dauer einer Strafexpedition von Nöten war. Maximus war sich der Tatsache wohl bewußt, daß Rom in vielerlei Hinsicht ein Teil jenes großen Musters war, das durch die kriegerischen Handlungen der Stämme gebildet wurde, jedoch ein Teil mit beträchtlich größerer Zerstörungskraft und Wirkung. Er hoffte auf einen ruhigen Winter. Maximus hatte noch einen weiteren Grund für seine Reise: er mußte einige erfahrene Zenturios finden, die die Sprache der germanischen Stämme beherrschten. Diese Männer könnten herangezogen werden, um an den Versammlungen der Stämme teilzunehmen, falls Marcus Aurelius dies wünschen sollte. Der Kaiser könnte versuchen, die Aussicht auf offene Feldschlachten im Frühjahr auf diese Weise zu verringern, aber Maximus wußte sehr wohl, daß Männer, die in der Vergangenheit an solchen Versammlungen teilgenommen hatten, nicht lebend zurückgekehrt waren. Sie wurden auf ihre Pferde geschnallt zurückgesandt, und ihre Köpfe fehlten. Was auch immer einige denken mochten, der Winter war für Maximus eine äußerst betriebsame Zeit. Nachdem er die meisten seiner Projekte erledigt hatte, verbrachte er einige geruhsame Tage mit General Solinus von der Germanica II Legion, die in Colonia stationiert war. Am zweiten Abend genossen sie ihren vierten Becher Wein, als sie von Solinus' Diener unterbrochen wurden. "Verzeiht, meine Herren, aber da ist ein Soldat von einer Legion aus Afrika, der General Maximus sehen möchte, wenn er Zeit hat." Maximus schaute neugierig in Solinus' glasige Augen. "Ich kenne niemand aus den afrikanischen Legionen persönlich, Du etwa?" Als Solinus den Kopf schüttelte, sagte Maximus: "Dann wollen wir mal sehen, was er möchte." Er nickte dem Diener zu. "Schick ihn herein." Der Mann verneigte sich und verließ das Zelt, wurde jedoch sofort durch einen Tribun ersetzt, dessen Gesicht von vielen unter der sengenden Sonne Afrikas verbrachten Jahren gebräunt war und in dessen Haar von der Sonne vergoldete Strähnen schimmerten. Er verneigte sich vor den beiden Generälen. "Meine Herren, ich bin Septimius Severus von der afrikanischen Legion Augusta III." Maximus erhob sich und streckte ihm die Hand entgegen. "Willkommen, Septimius, im eiskalten Norden. Ich bin Maximus, General der Felix Legionen und Kommandeur der Truppen des Nordens. Das ist General Solinus von Germanica II. Was hat Dich bewogen, die Hitze des Südens zu verlassen, um zu dieser Jahreszeit hierher zu kommen?" Septimius starrte Maximus an und rang einen Moment lang nach Worten. "Ich ... ich bin auf Urlaub im Augenblick, Herr." "Und Du hast Dir vorgenommen, ihn hier zu verbringen?" Maximus deutete dem Mann an, sich zu setzen. "Nach Deinem Akzent zu urteilen, bist Du in Afrika aufgewachsen." "Du hast ein feines Gehör, Herr. Ich bin in der Stadt Leptis Magna, in der Nähe von Karthago geboren." "Und was führt Dich so weit weg?" fragte Maximus, während der Diener dem Mann Wein einschenkte. "Ich wollte Dich kennen lernen, Herr." "Mich?" fragte Maximus, ehrlich erstaunt. "Wie hast Du überhaupt von mir erfahren?" Dein Ruf als Führer und Krieger ist weit verbreitet, Herr. Wir alle wissen, wie Du das Imperium aus Cassius' Klauen gerettet hast, und nun habe ich von einer Belagerung gehört, und wie Du dem Tode entronnen bist. Es scheint, daß Deine Legende beständig wächst, Herr." Solinus versetzte Maximus einen spielerischen Fußtritt. "Hast Du das gehört, Maximus? Du bist eine Legende!" Er war leicht betrunken und genoß es ganz offensichtlich zu beobachten, wie der Tribun um General Maximus herumscharwenzelte. Maximus jedoch fühlte sich reichlich unwohl. "Ich bin wohl kaum eine Legende, Soldat. Ich bin einfach ein Mann, der Rom so gut dient, wie er es vermag." "Das mag schon sein, Herr, aber dieses wie verstehst Du besser als jeder andere." Solinus rülpste und erhob sich unsicher. "Wenn Du erlaubst, General ... Septimius ... Ich glaube, ich gehe jetzt zu Bett." Er wurde von seinem Diener gestützt. "Morgen, General?" "Ja, wir sehen uns morgen." Maximus unterdrückte ein Lächeln. "Und nicht zu früh, wenn Du nichts dagegen hast, Solinus." "Nun, ... wenn Du morgen etwas länger schlafen möchtest, General, verstehe ich das gut. Gute Nacht, Herr." "Schlaf gut, General." Maximus unterdrückte ein Grinsen und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Gast zu. "Du bist den ganzen Weg hierher gekommen, unter diesen Umständen, nur um mich kennen zu lernen?" "Ja, Herr, ... hauptsächlich. Ich mache außerdem eine Reise durch das Reich. Ich hoffe, so viel wie nur möglich zu sehen und die spezifischen Probleme einer jeden Gegend verstehen zu lernen." "Dürfte ich bitte Deine Papiere sehen?" Ich bin sicher, die Wachen haben sie bereits sorgfältig geprüft, aber man kann niemals vorsichtig genug sein." Der Tribun zeigte bereitwillig die Dokumente vor, und Maximus studierte sie, bevor er sie mit einem Lächeln zurückgab, das seine Zufriedenheit zum Ausdruck brachte. "Wo bist Du vorher bereits gewesen, Septimius?" "Ich bin nach Hispania von Zucchabar aus übergesetzt, dann bin ich über Gallien hierher gereist. Ich habe auch Italien besucht. Ich hoffe, nach Afrika über Makedonien und den Fernen Osten zurückzukehren, und auch Ägypten und die großen Pyramiden zu sehen." "Da hast Du Dir viel vorgenommen. Du wirst mehr vom Reich gesehen haben als ich. Ich bin niemals in Afrika oder Ägypten gewesen." "Es wäre mir jederzeit eine Ehre, wenn Du meine Legion besuchen würdest, Herr." Maximus lachte. "Von Provinzler zu Provinzler, ich danke Dir." "Du bist aus Hispania, nicht wahr, Herr?" "Das bin ich." "Lebst Du immer noch dort ... wenn Du nicht hier bist natürlich?" "Das tue ich. Ich habe einen Hof in der Nähe von Emerita Augusta, und Frau und Sohn. Ich hoffe, bald für einen Besuch zurückkehren zu können und mich ganz dorthin zurückziehen und das Land bebauen zu können, wenn sich die Probleme entlang dieser Grenze erstmal beruhigt haben werden." "Glaubst Du, daß das jemals geschehen wird, Herr?" Maximus zuckte mit den Schultern. "Ich kann es nur hoffen, Septimius." "Wenn ich es wagen dürfte, mehr von Deiner Zeit in Anspruch zu nehmen, würdest Du mir über die Lage in dieser Region berichten, Herr?" Maximus betrachtete den jungen Mann vor sich aufmerksam. Septimius Severus war vielleicht fünf oder sechs Jahre jünger als er selbst - also ungefähr fünfundzwanzig - und von ähnlicher Statur. Sie stammten ebenfalls beide aus der Provinz, aber hier endeten die Parallelen auch bereits. Septimius schien sehr ehrgeizig zu sein, während Maximus' Motivation allein in dem Wunsch gründete, seinem Kaiser zu dienen, und in dem Verlangen, zu seiner Familie zurückzukehren. Er nahm einen weiteren Schluck Wein und fragte dann: "Wie hast Du es angestellt, mich zu finden, Septimius? Ich bin eine ziemlich lange Zeit unterwegs gewesen." "Das weiß ich , Herr. Es hat mich Wochen gekostet, Deiner Spur zu folgen. Bei einigen Lagern habe ich Dich nur um Tage verfehlt; bei Gallica XVI sogar nur um Stunden." "Du bist hartnäckig." Maximus lächelte. Septimius lächelte zurück. "Das hat man mir bereits gesagt." Er rutschte ein wenig in seinem Stuhl hin und her. "Darf ich etwas Persönliches sagen, Herr?" Hatte er das nicht bereits getan? Maximus streckte seine Hand aus, um anzudeuten, daß er fortfahren solle. "Ich habe irgendwie erwartet, daß Du ein Riese wärest, Herr. Sieben Fuß groß mit Schultern so breit wie dieser Raum." Er lachte und spannte seine Arme weit aus. "Es ist beruhigend zu sehen, daß Du ein ganz normaler Mann bist. Ein sterblicher Mensch, der unsterbliche Dinge vollbringt. Das macht es für einen Mann wie mich eher möglich, Deiner Größe nachzueifern." Zu seinem großen Mißfallen fühlte Maximus, daß er errötete und lenkte die Unterhaltung weg von seiner Person. "Und ist es das, was Du möchtest, Septimius?" Die Antwort war geradeheraus. "Ja, Herr." "Nun, mir scheint, daß Du auf dem richtigen Weg bist. Du gehst die Verwirklichung Deiner Träume sehr praktisch an." Maximus starrte einen Moment in seinen Weinbecher und ließ die dunkelrote Flüssigkeit kreisen, bevor er hinzufügte: "Was möchtest Du über die politische Situation in diesem Teil des Imperiums wissen?" Aber Septimius war noch nicht fertig mit den persönlichen Fragen. "Deine Männer halten sehr viel von Dir, Herr. Sie würden mit Stolz ihr Leben für Dich geben. Wie hast Du das erreicht?" Maximus blinzelte ein paarmal, dann schaute er weg, bevor er seine Antwort zu Ende brachte. "Weißt Du, man hat mich das schon oft gefragt, und ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher, was ich darauf antworten soll, außer, daß ich mich um sie sorge. Ich sehe in ihnen den einzelnen Menschen und nicht nur eine Verlängerung ihrer Waffen." Maximus stellte seinen Becher auf einen Tisch, dann stützte er die Ellbogen auf seine Knie, faltete die Hände und legte das Kinn darauf. Er sah sehr nachdenklich aus, und Septimius betrachtete ihn aufmerksam. "Ich denke, der entscheidende Punkt ist, daß ich niemals etwas von ihnen verlangen würde, was ich nicht auch selbst zu tun bereit wäre." Er blickte seinen Gast an. "Und das wissen sie." Die beiden Männer sahen einander für einen Augenblick schweigend an, dann setzte sich Maximus wieder auf, verschränkte die Hände hinter dem Kopf, streckte die Beine aus und kreuzte sie an den Fußgelenken. "Was möchtest Du also nun über das Leben in diesem Teil der Welt wissen?" "Alles, Herr ..." Septimius senkte die Augen, als ihm plötzlich bewußt wurde, wieviel Zeit des Generals er beanspruchte. "Nun, beginnen wir mit den Stämmen, die unsere Anwesenheit in dieser Gegend so völlig ablehnen. Es ist schwierig, sie im Auge zu behalten, wirklich, weil sie ständig in Bewegung sind. Ihre Häuptlinge wechseln dauernd, je nach dem, wer momentan den größten finanziellen Einfluß oder die stärkste Persönlichkeit besitzt. Und sie organisieren ihre Allianzen ständig um. So kommt es vor, daß ein Stamm in der einen Woche allein dasteht mit lediglich ein paar hundert Mann, und in der nächsten taucht er als zehnmal so starke Macht wieder auf." "Bist Du in der Lage, all dies zu verfolgen?" "Natürlich versuchen wir es. Wenn es uns nicht gelingt, oder wir einen Fehler machen, dann ist es auf unsere eigene Gefahr. Die Gebirgsgegenden jenseits der Donau werden hauptsächlich von vier Stämmen kontrolliert: den Sarmaten, den Markomannen, den Quaden und den Jazygen. Es sind kluge, starke und entschlossene Menschen, die man auf keinen Fall unterschätzen sollte. Sie sehen in uns eine Bedrohung ihrer Lebensweise, und sie fürchten sich davor, versklavt zu werden ... mit gutem Grund. Das römische Reich hat sich nur allzu oft auf diese Weise verhalten." Maximus stand auf und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Er ging langsam hin und her und bot ganz das Bild eines Lehrers, der eine Lektion erteilte. "Es war Trajan, natürlich, der das Reich so weit nach Norden vorschob, indem er die Daker weiter östlich von hier bekriegte ... eine schon lange bestehende Zivilisation. Sie waren keineswegs die Wilden, für die die Römer sie so gerne hielten. Sie hatten eine starke Führung, ein gut organisiertes Handels- und Finanzwesen, erfahrene Handwerker und Bauleute, sogar ein eigenes Alphabet. Selbst etwas so Simples wie die eisernen Krampen, die unsere Soldaten jetzt benutzen, um auf Schnee und Eis zu laufen, stammen von ihnen." "An diese Kriege wird auf einer großen Säule in Rom erinnert." "Das habe ich auch gehört." "Willst Du damit sagen, Du hast sie niemals gesehen?" "Ich bin nie in Rom gewesen. Der Kaiser sorgt dafür, daß ich hier ständig beschäftigt bin, und wenn ich einmal etwas freie Zeit erübrigen kann, dann geht es auf direktem Weg nach Hause." "Eines Tages mußt Du sie unbedingt sehen, Herr. Sie ist großartig. Sie ist so hoch, daß Du sie von den Fenstern der umliegenden Gebäude aus betrachten mußt, um sie vollständig sehen zu können. Sie ist farbenprächtig, und die Legionäre haben sogar kleine Bronzeschwerter in ihren Händen. Die Geschichte der Schlachten entfaltet sich auf Bändern in zahllosen Windungen um die Säule herum." Er hielt inne, als er bemerkte, daß Maximus sich mit der Hüfte gegen einen Tisch lehnte und ihn, die Arme verschränkt, belustigt betrachtete. "Aber, bitte, sprich weiter, Herr." "Hmm?" "Du sprachst eben über die Daker...?" "Oh. Meiner Meinung nach machen wir es uns zu einfach, wenn wir unsere Feinde lediglich als Wilde betrachten, die dankbar sein müssen, wenn sie durch das große Römische Reich aus ihrem Elend erlöst werden." "Das klingt, als ob Du sie bewunderst, Herr?" "Ich respektiere sie. Es ist immer klug, Deine Feinde zu respektieren, Septimius." Der Tribun nickte. Er war darauf erpicht, jedes weise Wort dieses großen Mannes aufzusaugen. "Beabsichtigt Marcus Aurelius, weiter in ihr Gebiet vorzustoßen, Herr?" Septimius wußte, daß er einen Fehler gemacht hatte, als Maximus sich gerade aufrichtete, und seine blauen Augen gefährlich schmal wurden. Er senkte seine tiefe Stimme zu einem drohenden Knurren. "Das sind geheime Informationen, Septimius. Ich bin nicht befugt, die Pläne unseres Kaisers preiszugeben." "Na... natürlich nicht, ... Herr", stotterte der Tribun. Er holte tief Luft, überrascht, wie erschreckend einschüchternd dieser General sein konnte, und er war erleichtert, als Maximus wieder einen freundlicheren Ausdruck annahm. "Du mußt lernen, Deiner Neugier Grenzen zu setzen, Septimius", sagte Maximus leichthin. "Ja, Herr, ich weiß. Das war unverzeihlich von mir. Es tut mir leid." Maximus nickte zum Zeichen, daß er die Entschuldigung annahm und sagte: "Wir werden mit Sicherheit kein Territorium aufgeben, das wir bereits besetzt haben." Er ging zur Tür und deutete damit an, daß ihre Unterhaltung beendet sei, dann streckte er wiederum seine Hand aus, die Septimius dankbar ergriff. "Komm morgen früh wieder und ich werde ein Schreiben vorbereiten lassen, daß Dir freien Zugang zu jeder meiner Legionen entlang der Flüsse gewährt. Du bist als Gast willkommen und Du sollst soviel Du kannst über diesen Teil des Imperiums lernen, solange Du hier bist. Aber sei versichert, falls wir angegriffen werden sollten, dann werde ich auch Dich augenblicklich zum Dienst einteilen." "Es wäre mir eine Ehre, Herr! Danke, Herr. Danke, daß ich soviel von Deiner Zeit für mich beanspruchen durfte. Du hast mich wirklich nicht enttäuscht, Herr. Ich kann es nicht abwarten, meinen Freunden zu berichten ..." Auf ein schiefes Grinsen von Maximus und ein leichtes Kopfschütteln hin, hielt Septimius es für klüger, nichts mehr zu sagen und verließ schnell das Zelt, tief befriedigt, daß er endlich seinen Helden kennen gelernt hatte. Und er war nicht enttäuscht worden. Oh nein, er war keineswegs enttäuscht worden!" |
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Kapitel 67 - Frühling A.D. 175 Als Maximus sich Vindobona näherte, zwei Monate, nachdem er die Legion Felix III verlassen hatte, war er zufrieden, daß er alles, was er sich vorgenommen, auch erreicht hatte. Er wußte, daß die Legionen unter seinem Kommando gut auf Überfälle der Barbarenstämme vorbereitet waren, dennoch hatte er angeordnet, daß die Soldaten auch weiterhin Lager, Wachtürme, Wälle und andere Befestigungsanlagen entlang der Flüsse Rhein und Donau ausbessern und instand halten sollten. Zu seiner guten Stimmung trugen auch der strenge Erdgeruch in der Luft und die kleinen, noch fest geschlossenen, purpurroten Knospen bei, welche die Zweige über seinem Kopf schmückten. Der Himmel, der durch sie hindurch schien, war nun öfter blau als grau, und mildes, goldenes Sonnenlicht zeichnete spitzengleiche Muster auf die Gesichter der Soldaten. Flecken gelber und blauer Wildblumen auf zarten Stengeln stießen durch die trockenen, braunen Blätter, welche die Ränder entlang der Straße bedeckten. Die Schneereste im Schatten der Bäume schmolzen täglich mehr, bildeten sowohl stille Wasserlachen, als auch kleine Rinnsale, die an den Straßenrändern entlang flossen, während der Nachtstunden gefroren und in der Morgensonne wieder schmolzen. Eichhörnchen schimpften hoch oben in den Zweigen der großen Eichen über die kleine Einheit von Soldaten, und Maximus entdeckte ein Reh und Kitze in den Wäldern. Er ließ den Trupp anhalten, um sie zu beobachten, bis sie weghuschten, und kümmerte sich nicht darum, daß sein Verhalten einige Belustigung unter den Wachsoldaten hervorrief. Maximus liebte den Frühling. Es war die Jahreszeit des Gebärens: Lämmer, Ziegen, Kälber, Fohlen und sein eigenes Baby. Er lächelte, als er an seine Frau dachte, die der Geburt ihres zweiten Kindes entgegensah, und er hoffte, daß ihr die Zeit nicht zu beschwerlich würde. Er erinnerte sich gut an die Ankunft seines ersten Sohnes und wünschte sich verzweifelt, daß er dort sein, das Kind offiziell als sein eigenes anerkennen und ihm einen Namen geben könnte, aber diese Ehre würde seinem Schwiegervater zufallen, den Maximus gebeten hatte, diese Handlung an seiner Stelle vorzunehmen. Er wußte nicht, wann er das kostbare Bündel in seine eigenen Arme nehmen könnte. Maximus wartete sehnlichst darauf, die Korrespondenz mit seiner Frau wieder aufnehmen zu können. Bevor er zu seiner Reise entlang der Flüsse aufgebrochen war, hatte er ihr einen Brief gesandt, in dem er ihr mitteilte, daß er keine Post von ihr empfangen könnte, bis er wieder zurückgekehrt sei. Er selbst hatte ihr jedoch jede Woche geschrieben, welche Legion auch immer er gerade besuchte. Er konnte es nicht erwarten, ein paar freie Stunden zu genießen, um die letzten Neuigkeiten aus Spanien zu erfahren, und er hoffte, daß wenigstens ein Dutzend Päckchen mit Briefen auf ihn warteten. Als er sich dem Tor des Lagers näherte, war er erfreut festzustellen, daß dasselbe um eine weitere Etage aufgestockt und somit auf eine Höhe von vier Stockwerken hochgezogen worden war, mit zwei mächtigen Wachtürmen zu beiden Seiten. Das Tor bildete einen beeindruckenden Zugang zum Lager, das nun eher einer Festung glich. Während er das Tor passierte, nahm er die verschiedenen Verteidigungsanlagen zur Kenntnis: sowohl verborgene Gräben, die "Lilien" genannt wurden und mit scharfen Lanzen bestückt waren, als auch tiefe Gräben in der Form eines "V", die scharfe Spitzen verbargen, welche in einem bestimmten Winkel ausgerichtet waren, so daß sie jeden Mann und jedes Pferd, die versuchen sollten, den Graben zu überspringen, aufschlitzen würden. Die hohen Mauern waren aus massivem Stein errichtet mit Wachtürmen an jeder Ecke. Er war zuversichtlich, daß das Lager jetzt sicher war. Die Wachen auf den Tortürmen grüßten ihren General mit lauten Zurufen, und er antwortete mit einem fröhlichen Winken und grinste ihnen zu. Es war gut, wieder zurück zu sein. Als Maximus innerhalb des Lagers vom Pferd stieg, sammelte sich eine Gruppe von Zenturios und Tribunen um ihn und bot ihm ein herzliches Willkommen. Während er noch dabei war, die ihm entgegen gestreckten Hände zu schütteln, wurde er plötzlich von hinten beinahe umgeworfen. Von einem Soldaten aufgefangen, wandte er sich um und sah sich mit der Attacke eines haarigen Maules und einer nassen Zunge konfrontiert. "Herc...", setzte er an, aber dieselbe Zunge fuhr ihm in den geöffneten Mund, und Maximus verzog das Gesicht. Spuckend und prustend ergriff er den Hund im Genick, zog ihn zurück und klemmte ihn sich zwischen die Beine.. "Pfui!" er spuckte und wischte sich unter dem schallenden Gelächter der umstehenden Soldaten mit dem Handrücken über den Mund. "Bei Pollux! Du scheinst wahrhaftig wieder ganz gesund zu sein! Schau nur, wie fett Du geworden bist!" Maximus kniete sich hin und untersuchte seinen Hund, der fortfuhr, ihn abzulecken und mit den Pfoten zu kratzen. "Ich kann nicht mal mehr Deine Rippen fühlen. Du brauchst dringend mehr Auslauf, Hercules." Maximus richtete sich wieder auf und mit gespieltem Drohen senkte er Augenbrauen und Stimme. "Ich hoffe, daß nicht auch der Rest von Euch so fett geworden ist, während ich weg war und schwer gearbeitet habe!" "Nein, General", wagte einer der Zenturios zu sagen. "wir haben auch sehr hart gearbeitet." "Das sehe ich. Das Tor sieht sehr sicher und beeindruckend aus. Gut gemacht!" Die Soldaten tauschten Blicke aus und grinsten. "Müde, General?" fragte einer. "Nicht so schlimm, Fabius, aber ich hätte nichts dagegen einzuwenden, mich etwas frisch zu machen. Ich werde mit den Offizieren anschließend sprechen." Maximus machte sich auf den Weg zu seinem Zelt, Hercules und ein Häufchen Soldaten folgten ihm auf den Versen. Er wandte sich um und schaute sie an, die Hände in die Hüften gestemmt. "Gibt es noch etwas, das ich wissen sollte?" "Ähm, nein Herr. Ich denke nicht, Herr", sagte ein Zenturio ohne eine Miene zu verziehen, der einzige in der Gruppe, der in der Lage zu sein schien, seine Erheiterung unter Kontrolle zu halten. Was war nur los, fragte sich Maximus? Als er um die Ecke bog, und das Prätorium in Sichtweite kam, blieb er wie angewurzelt stehen und starrte. Er blickte kurz um sich, um sicher zu sein, daß er auch an der richtigen Stelle des Lagers war, dann schaute er zu dem Platz, an der sein Zelt gestanden hatte. Es war nicht mehr da. An seiner Stelle stand ein stabiles Gebäude aus grauem Stein mit einem Giebeldach aus Schiefer. Jonivus lehnte im Eingang, ein breites Grinsen im Gesicht. "Willkommen zu Hause, General!" Der Ingenieur verbeugte sich so tief es sein Bauch zuließ und streckte den Arm aus um anzudeuten, daß Maximus ihm vorausgehen sollte. "Was hat das alles zu bedeuten, Jonivus?" "Es ist ein Haus, Herr. Es waren noch einige Steine übrig, nachdem wir das Tor umgebaut hatten, und wir waren gerade so in der rechten Stimmung zum Bauen, also haben wir beschlossen, weiterzumachen." Maximus stand im Eingang und starrte hinein. "Ein Haus?" sagte er, offensichtlich verwundert. "Dein Haus, General. Komm 'rein, komm 'rein!" Jonivus zerrte aufgeregt an seinem Arm. "Es ist schlicht, aber sehr komfortabel, wie Du sehen wirst." Der Ingenieur schob Maximus in das schattige Atrium, und die Soldaten drängten sich um die Tür hinter ihnen, begierig, die Reaktion des Generals auf ihre Arbeit zu beobachten. Er blieb in der Tür stehen und war einfach sprachlos. Hercules saß neben ihm und sein langer Schwanz wedelte über den Boden. Jonivus war keineswegs entmutigt durch das Schweigen seines Generals. "Es besitzt alle Eigenschaften eines guten römischen Hauses, Herr, einschließlich eines Innenhofes - der, wie Du siehst, nur etwas kleiner als gewöhnlich ist. Warum schaust Du ihn nicht mal an?" Maximus betrat das sonnige Plätzchen, hockte sich hin und betrachtete die Blumen, die dort mit Sorgfalt gepflanzt worden waren - es waren die gleichen Wildblumen, die er an den Straßenrändern bewundert hatte. Eine wunderschön verzierte Steinbank und ein ebensolcher Tisch waren so aufgestellt worden, daß sie vom Sonnenlicht beschienen wurden, und sie spiegelten sich in dem kleinen Becken, welches bestimmt war, das Regenwasser aufzufangen. Maximus nahm eine Blüte in die Hand und gewann so Zeit, seiner Gefühle Herr zu werden, bevor er Jonivus anblickte. Als er aufstand, waren seine Augen zwar trocken, aber seine unsichere Stimme verriet seine Rührung. "Hast Du all dies gemacht?" "Ich habe es entworfen, Herr, aber die Männer dort drüben - sie haben es gebaut." Er deutete auf den Eingang, wo die Soldaten so dicht gedrängt standen, daß kein Licht mehr hindurch fiel. Sie alle versuchten zu sehen und zu hören, wie ihr General reagieren würde. Maximus schluckte angestrengt, bevor er sich an sie wandte und gerührt sagte: "Ich bin überwältigt. Absolut überwältigt." Jonivus gab den Soldaten ein "Daumen rauf" - Zeichen, und sie lachten, klopften sich gegenseitig auf die Schultern und gratulierten einander. Maximus wollte zu den Legionären hinübergehen, aber Jonivus ergriff ihn abermals beim Arm. "Wir sind noch nicht fertig, Herr. Faß einmal den Boden im Atrium an!" "Den Boden?" "Ja. Faß ihn an!" Maximus kniete sich hin und breitete die Hände über den Mosaikfußboden aus. "Er ist warm!" rief er, während er zu Jonivus aufblickte. "Er ist beheizt, Herr. Alle großen Zimmer sind es - von unterhalb des Fußbodens. Sieh, hier unter Deinem Schlafzimmer ist ein Ofen, Herr, und Hohlräume unter dem Boden verteilen die Wärme im ganzen Haus. Du wirst nie mehr frieren müssen, Herr. Es ist zu schade, daß wir es nicht im vergangenen Herbst geschafft haben, so hättest Du es schon den ganzen Winter über genießen können. Du wirst keine Kohlebecken mehr brauchen, um Dein Bett anzuwärmen, Herr. Komm mit und ich zeige Dir, wie es funktioniert." "Du bleibst hier!" befahl Maximus, als Hercules Anstalten machte, ihnen die steilen Stufen hinab zu folgen. Jonivus strahlte buchstäblich, als er sein Können vorführte. Die Böden werden von Steinpfeilern gestützt .... siehst Du, Herr?" fragte Jonivus und hielt eine Fackel hoch, damit Maximus besser sehen konnte. "Hier ist der Ofen, der mit Holz beheizt wird. In dieser Gegend gibt es reichlich Brennholz, Herr. Die Böden werden sich langsam erwärmen, aber dann werden sie die Wärme lange halten." Er sah die Schweißperlen, die sich auf Maximus' Stirn bildeten. "Verzeih, Herr, ich weiß, daß es hier unten sehr heiß ist, aber wir bleiben nicht lange. Du siehst, daß die Wärme und der Qualm des Feuers unter dem Boden entlang ziehen, dann durch gemauerte Rauchabzüge in den Wänden streichen und endlich unter dem Dachvorsprung entweichen. Es wird als hypokaustisches System oder schlicht "Fußbodenheizung" bezeichnet, und nur die besten Häuser besitzen eine derartige Heizung. Wir werden für Dich am späten Nachmittag einheizen, Herr, damit das Haus während der Nacht warm ist, und es am Morgen auskühlen lassen, damit Du während des Tages nicht geröstet wirst. So funktioniert es , Herr." Die Hitze unterhalb des Fußbodens war erdrückend, und Maximus folgte dem Ingenieur schnell wieder die Treppe hinauf, während er sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn wischte. "Ich werde Dir jetzt Dein Schlafzimmer zeigen, Herr. Es gibt eines für Dich und ein zweites für einen Gast, wie zum Beispiel den Kaiser, und auch Cicero hat ein eigenes kleines, damit er in Deiner Nähe ist." Sie gingen zurück in den Hof und in einen offenen, von Säulen getragenen Gang, bevor sie eine schwere Holztür öffneten und das Schlafzimmer betraten. Jonivus schloß die Tür hinter ihnen, um zu demonstrieren, daß Licht durch mit Eisengittern versehene Fenster hoch oben an den Wänden in das Zimmer fiel. Während der Nacht konnten Fensterläden geschlossen werden, um die Wärme im Raum zu halten, oder man konnte sie im Sommer offen lassen, um das Zimmer besser zu lüften. Maximus blickte sich um. Der Raum war sehr viel größer als sein ehemaliges Zelt, man hatte sein Bett, seine Couch, Truhen, Tische, Stühle, Schränke und Teppiche hergebracht und sorgfältig so aufgestellt, wie sie in seinem Zelt gestanden hatten. Das alles zweifellos, dank Cicero, der sich im Augenblick an der Wäsche im großen Schrank zu schaffen machte und den Besuchern den Rücken zuwandte. "Cicero, wußtest Du, daß ich ein Haus haben würde?" "Schön, daß Du wieder da bist, Herr. Nein, ich wußte es nicht. Nicht bis sie kamen, um das Zelt niederzureißen. Ich hatte reichlich wenig Zeit, um Deine Sachen zusammenzupacken und hinauszuschaffen." Er warf Jonivus einen verächtlichen Blick zu, welchen dieser jedoch ignorierte. "Es tut mir leid wegen der Unannehmlichkeiten für Dich, Cicero", sagte Maximus, "aber es sieht so aus, als ob Du auch von der Annehmlichkeit des warmen Bodens profitieren wirst." "Ja, diese Seite der Medaille mag ja ganz nett sein, aber denke nicht, daß Hercules weiter neben Deinem Bett schlafen wird. Wir haben das Zimmer hier letzte Nacht ausprobiert, und ich habe ihn in Dein Schlafzimmer gesteckt, damit er sich daran gewöhnt. Mitten in der Nacht hörte ich ihn jaulen und an der Tür scharren. Ich ließ ihn raus und er lief schnurstracks in den Hof, sprang in das Becken und soff es beinahe leer. Den Rest der Nacht verbrachte er dort draußen." Maximus warf einen Blick auf den Hund und stellte fest, daß er hechelte, und so ließ er das große Tier wieder hinaus. Maximus schaute seinen Ingenieur an und zuckte nur die Achseln. "Er ist solchen Luxus nicht gewohnt, Jonivus." Er trat unruhig von einem Bein auf das andere. "Ganz ehrlich, ich fühle mich auch etwas unbehaglich bei dem Gedanken, daß meine Männer in ihren Zelten frieren , während ich es hier schön warm habe. Ein bißchen schuldig, wenn Du verstehst." "Herr, Du bist kein gewöhnlicher Soldat, und Du solltest auch nicht wie einer behandelt werden. Sei versichert, die Offiziere und Soldaten haben darüber beraten, ob wir dieses Haus errichten sollten oder nicht, und die Antwort war ein überwältigendes 'Ja'. Die Männer, die es gebaut haben, gaben ihre freie Zeit dafür ... und ebenfalls derjenige, der es ausgeschmückt hat." Maximus' Augen folgten Jonivus' ausgestrecktem Finger hin zu dem Fresko eines prächtigen goldenen Adlers mit weit ausgebreiteten Schwingen, das sich über der Tür seines Schlafzimmers befand. "Ein junger Mann namens Polybius hat es gemacht", erklärte Jonivus. "Er hat alle Farben selbst hergestellt und ist mächtig stolz darauf. Er hat den Adler gemalt, während die Wände noch feucht waren, so daß das Bild lange Zeit überdauern wird. Er wird den Putz auf den übrigen Wänden für Dich bemalen, wenn du entschieden haben wirst, was Du darauf abgebildet haben möchtest, Herr." Aber Jonivus war mit seinen Überraschungen immer noch nicht zum Ende gekommen. Er öffnete eine weitere Tür, die aus dem Schlafzimmer hinausführte und verkündete stolz: "Und dies hier ist Dein eigenes Bad. Ebenfalls gemütlich und warm." "Ich weiß nicht, wie ich Dir danken soll, Jonivus." "Der Ausdruck auf Deinem Gesicht, als Du das Haus zum erstenmal gesehen hast, war mir Dank genug, Herr. Ich hoffe, daß Du etwas friedliche und geruhsame Zeit hier in diesem "Haus-weg-von-zu-Hause" verbringen kannst." Maximus machte einen kleinen Rundgang durch das Zimmer und wandte sich mit einem Schimmer in den Augen dann wieder Jonivus und Cicero zu. "Warum machen wir nicht mehr, als nur die Böden dieses Gebäudes zu erwärmen? Jonivus, geh und weise die Köche an, ein Festmahl zuzubereiten; wir wollen feiern. Alle Männer sind eingeladen - ich hoffe nur, daß sie nicht alle gleichzeitig erscheinen. Ich weiß nicht, wie ich ihnen sonst danken soll." Jonivus war begeistert. "Das ist eine großartige Idee, Herr. Die Männer, die es gebaut haben, werden begeistert sein, es den anderen vorführen zu können." "Sieh zu, daß Du mir jeden dieser Männer vorstellst, damit ich mich persönlich bei ihnen bedanken kann." "Natürlich, Herr", rief Jonivus, während er sich in Hochstimmung auf den Weg zur Küche des Lagers machte. Maximus rief ihm nach." Und sag den Köchen, daß sie mit dem Wein nicht knausern sollen!" Dann setzte er sich auf sein Bett und pfiff nach Hercules. Augenblicke später steckte der große Hund seinen Kopf durch den Türrahmen, schien jedoch zu zögern, den Raum zu betreten. "Hercules, komm her!" Maximus zeigte zu einer Stelle zwischen seinen Füßen. Der Hund klemmte den Schwanz zwischen seine Beine und kam angetrottet. Maximus lächelte und kraulte das Tier hinter den Ohren, während er in anklagendem Ton zu Cicero sagte: "Du läßt ihn fett werden." "Was! Ich?!" stotterte der Diener. "Ich möchte, daß Du weißt, Herr, daß der Hund ganz von allein fett geworden ist." Maximus hob fragend die Augenbrauen und wartete auf eine Erklärung. "Sein Bein ist schon seit Wochen wieder verheilt, und dennoch läuft er Tag für Tag von einem Zelt zum anderen und bettelt um Zuwendung und Eßbares. Ich habe ihn eines Tages beobachtet, und weißt du, was er tat? Er lief ganz normal, bis er zum Eingang des Zeltes kam, dann fing er an zu hinken und zu winseln. Als die Soldaten rauskamen, bemutterten sie das arme verletzte Hündchen und gaben ihm zu fressen. Er machte dasselbe bei jedem Zelt. Als ich sie aufforderte, den Hund nicht zu füttern, sagten sie nur, daß ich gemein sei!" Maximus lachte und griff Hercules unter das Kinn, aber der Hund vermied es, ihm in die Augen zu blicken. "Von jetzt an werden Deine Rationen gekürzt, Hercules, und die Zelte der Soldaten sind für Dich tabu." Er zauste das Fell des Hundes und entließ ihn dann wieder in kühlere Gefilde. "Hast Du meine Post, Cicero?" "Ja, Herr. Es ist nicht viel diesmal." Cicero übergab Maximus zwei Briefe. "Ich habe Olivia geschrieben, daß ich nicht hier sein würde," - Maximus runzelte die Stirn, während er einen Brief aus Spanien betrachtete, der nicht die Handschrift seiner Frau trug - "um meine Post in Empfang zu nehmen." Cicero wandte sich um und ging zur Tür. "Während Du hier beschäftigt bist, gehe ich nur schnell und ..." Aber Maximus hörte Ciceros letzte Worte nicht mehr, weil er den Brief seines Schwagers Titus überflog. Während er las, sank er langsam auf sein Bett, seine Beine wurden weich wie Butter, und seine Hände zitterten so sehr, daß er kaum mehr die Worte entziffern konnte. Ungefähr eine Stunde später klopfte Cicero an die Tür zu Maximus' Schlafzimmer. Da er keine Antwort vernahm, drückte er sie mit der Schulter auf, die Arme voller Wäsche, die für die Schränke bestimmt waren. Nachdem er einige Kerzen angezündet hatte, summte er während der Arbeit vor sich hin und ordnete Maximus' Kleidung auf verschiedene Stapel - je nach Verwendungszweck. Als er fertig war, drehte er sich um; er erschrak fürchterlich und griff mit der Hand an sein Herz. Maximus saß immer noch an derselben Stelle, wo Cicero ihn zuletzt gesehen hatte. Er hatte sein Gesicht in den Händen vergraben und wiegte sich langsam vor und zurück. "Maximus?" fragte Cicero vorsichtig. Er hatte Angst, ihn zu erschrecken. Maximus fuhr fort, sich hin und her zu wiegen. Der Boden zu seinen Füßen war übersät mit zerknülltem Papyrus. "Maximus ... bist Du krank?" Maximus nickte zuerst, schüttelte dann jedoch den Kopf, das Gesicht immer noch in den Händen verborgen. Cicero stürzte zur Tür. "Ich hole einen Arzt!" "Nein ... NEIN!" flehte Maximus, was Cicero veranlaßte, sich umzudrehen und langsam auf ihn zuzugehen. Er hielt den Atem an, als Maximus endlich das Gesicht erhob: seine feuchten Wangen und die roten, geschwollenen Augen waren ein deutliches Zeichen dafür, daß er geweint hatte. Maximus rang zitternd nach Atem, dann flüsterte er: "Mein Baby ist tot. Cicero, meine Tochter ist tot." |
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Kapitel 68 - Trauer Marcianus saß auf einem mit Leder überzogenen Stuhl und beobachtete Maximus, der auf und ab lief; er versuchte ihn zu trösten, so weit dies möglich war. "Warum, Marcianus? Warum ist das geschehen? Warum durfte sie nicht leben?" "Maximus, der Brief sagte, daß Deine Tochter viele Wochen vor ihrer Zeit auf die Welt kam..." "Aber Titus meinte, daß sie vollkommen aussah; daß sie keinerlei Makel hatte." "Äußerlich vielleicht, aber möglicherweise waren ihre kleinen Lungen noch nicht voll entwickelt, oder ihr Herz. Sein Brief sagte, daß sie einige Stunden gelebt hat, aber sie war nicht stark genug, außerhalb des Mutterschoßes aus eigener Kraft zu leben." "Aber warum ist sie zu früh geboren?" Maximus schlug in einer Mischung aus Trauer, Frustration und Wut mit der Faust auf den geschnitzten Eichentisch. "Ich weiß es nicht. Es geschieht oft, fürchte ich. Ich weiß, daß dies im Moment kein Trost für Dich ist, aber es geschieht oft. Maximus, Ihr beide, Du und Olivia, müßt einsehen, daß niemand daran schuld war. Es passiert einfach." Maximus ergriff ein Papyrusblatt und warf es seinem Freund entgegen, aber Marcianus wandte den Blick nicht von dem schmerzerfüllten Gesicht seines Generals. "Der zweite Brief ist von Olivia. Sie schrieb ihn wenige Tage nach dem Tod unserer Tochter. Sie gibt sich die Schuld, Marcianus. Sie spürt, daß sie durch irgend etwas die vorzeitige Geburt noch beschleunigt hat. Sie sagt, daß sie das Gefühl hat, mir gegenüber versagt zu haben. Schau ... schau die Spuren ihrer Tränen auf dem Brief." "Dann mußt Du Ihr sofort schreiben und Ihr versichern, daß dies nicht wahr ist." "Natürlich ist es nicht wahr", stöhnte Maximus, "aber trotzdem gibt sie sich die Schuld. Und mein Sohn kann einfach nicht verstehen, was mit seiner kleinen Schwester geschehen ist." "Das ist für jeden schwer zu begreifen, wieviel mehr für ein Kind. Ich weiß, daß dies nicht hilft, Maximus, aber auch ich habe zwei Kinder verloren, zwei Jungen. Wenn es geschieht, scheint es, als ob die Welt stehen bleiben müßte, aber sie tut es nicht. Die Sonne geht immer wieder auf. Du lebst weiter." Maximus blieb stehen und starrte seinen Freund an. "Es tut mir so leid, Marcianus. Woran sind sie gestorben?" "Der erste wurde tot geboren, und mit dem zweiten verhielt es sich ähnlich wie mit Deinem Kind, aber er lebte einige Monate." "Warst Du dort, als es geschah?" "Ja, beide Male. Ich bin Arzt und konnte sie trotzdem nicht retten. Du hättest Deine Tochter auch nicht retten können. Quäle dich nicht selbst." "Mein Schwiegervater hatte nicht mal die Zeit, Maxima offiziell zu meiner Tochter zu erklären, es ging alles so schnell. Ich hätte wenigstens das tun können, wäre ich dort gewesen. Sie starb, ohne als meine Tochter anerkannt worden zu sein." "Das ist nur eine Formalität, Maximus." Marcianus kannte Maximus, seit dieser ein Junge war, und er fühlte den Tod der Tochter des Freundes in seinem eigenen Herzen. "Maxima. Wer gab ihr diesen Namen?" "Es war Olivia. Sie wollte nicht, daß unser Baby ohne einen Namen sterben sollte. Sie ist an einem meiner Lieblingsplätze auf unserem Hof beerdigt. Unter einem Baum ... einer großen Pappel direkt hinter dem Haupttor meines Hofes." "Maximus, wenn ein noch ganz kleines Kind stirbt, dann hat das gewöhnlich einen Grund. Wenn sie am Leben geblieben wäre, hätte sie vielleicht leiden müssen, und das hättest Du sicher nicht gewollt." Marcianus stand auf und packte Maximus bei den Schultern, um ihn zu zwingen, einen Augenblick stehen zu bleiben. "Schau, warum gehst Du nicht zu Olivia? Ihr braucht Euch beide jetzt so sehr." "Ich kann nicht, Marcianus." "Warum nicht?" "Der Kaiser hat verboten, daß irgend jemand Urlaub nimmt." "Er wird für Dich eine Ausnahme machen." "Für mich sind schon zu viele Ausnahmen gemacht worden. Kennst Du irgend jemanden hier, der ein eigenes Haus besitzt? Nein. Nein, ich werde nicht gehen." "Ich könnte Dir einen Urlaub aus medizinischen Gründen verordnen." "Nein, Marcianus." Maximus machte sich aus dem Griff des Freundes frei. "Ich ..., ich weiß Deine Anteilnahme zu schätzen, aber ich werde damit schon klarkommen und Olivia auch. Ich kann jetzt keinen Urlaub nehmen. Vielleicht im Herbst, wenn sich die Dinge wieder etwas beruhigt haben." Maximus blickte auf die geschlossene Schlafzimmertür und seufzte schwer. "Wissen die Männer Bescheid?" "Ja. Als die Feier abgesagt wurde, fragten sie sich natürlich, warum, und wir hielten es für das Beste, es ihnen zu sagen. Sie wissen nicht alle Einzelheiten. Maximus, laß mich Dir aus eigener Erfahrung einen Rat geben. Nimm Dir die Zeit zum Trauern, und versuche nicht, mit Gewalt zu schnell über den Tod Deines Kindes hinwegkommen zu wollen." Maximus nickte. "Sie werden es nicht verstehen, nicht wahr?" "Wer?" "Meine Männer. Sie werden nicht verstehen, warum ich so erschüttert bin über den Tod eines Mädchens." "Vielleicht nicht. Wenige Männer wissen den Wert eines weiblichen Kindes zu schätzen." "Verstehst Du es?" "Ja, das tue ich. Nichts kann sie ersetzen, Maximus, aber Du bist jung und wirst noch mehr Kinder haben ... gesunde Söhne und Töchter; und sie werden Dir Dutzende Enkelkinder schenken; und Du wirst als steinalter Mann sterben - umgeben von Generationen Deiner Lieben." Ein kurzes Lächeln huschte über Maximus' Gesicht, verschwand jedoch schnell wieder, und wurde durch eine von Hoffnung gemilderte Traurigkeit ersetzt. "Denkst Du wirklich?" "Natürlich. Ich werde nun gehen und Dir die Zeit geben, die Du brauchst, um allein zu sein. Ich werde auch jedem anderen sagen, Dich in Ruhe zu lassen, bis Du selbst entscheidest, wieder ihre Gemeinschaft zu suchen. Aber ich warne Dich, wenn ich Dich in ein paar Tagen nicht sehe, dann komme ich und hole Dich. Du kannst trauern, ohne dich zu isolieren, wozu Du eine Neigung zu haben scheinst." Maximus' Augen weiteten sich für einen Augenblick, dann machte er ein finsteres Gesicht. "Du bist schon der zweite, der mir das sagt." "Es stimmt." "Ich weiß. Du bist eben so ein Mensch, aber manchmal denkst Du zu viel." Marcianus lächelte warm, und als er zur Tür ging, wurden seine Augen von dem goldenen Adler oberhalb des Türrahmens angezogen. Beschütze Deinen General heute nacht, sagte er leise zu dem Symbol römischer Größe und Macht und blickte sich dann nochmals zu Maximus um. "Möchtest Du, daß ich Hercules hereinlasse?" Maximus beugte sich vor und berührte den Boden. "Es hat keinen Sinn. Er ist warm, und so wird er nicht bleiben." "Du weißt, wo Du mich findest, wenn Du etwas brauchst. Gute Nacht, Maximus." "Danke, Marcianus." Maximus stand lange Zeit still, bevor er endlich zu seinem Schreibtisch ging und Tinte und Papyrus zurechtlegte. Wie konnte seine Welt nach dem Verlust eines Kindes, das er nicht mal zu Gesicht bekommen hatte, nur so leer sein? Und wie sollte er nur die Worte finden, um seiner Frau seinen Schmerz auszudrücken und ihr gleichzeitig Trost zu spenden? Krallen kratzten außen an der Tür. Maximus öffnete sie und fand Hercules, der dort saß und mit leuchtenden, braunen Augen zu ihm aufblickte. "Möchtest Du reinkommen? Ich warne Dich, es ist warm hier drinnen." Hercules betrat den Raum mit stiller Würde, seine Krallen machten auf dem Steinboden ein leises Geräusch, das verstummte, als er auf den bunt gewebten Teppich neben Maximus' Schreibtisch trat. Als Maximus sich setzte um zu schreiben, legte der große Hund den Kopf auf das Knie seines Herrn. Er rührte keinen Muskel während all der Stunden, die es Maximus kostete, die schwersten Worte, die er je schreiben mußte, zu Papier zu bringen. |
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Kapitel 69 - Quintus' Rückkehr Maximus hatte Argento auf den Hügel direkt oberhalb des Lagers geführt und starrte nun auf den Wald am anderen Ufer der Donau. Nachdem er mehrmals an den Zügeln gezerrt hatte, gelang es dem Hengst endlich, den Kopf zu senken und an den Wurzeln der saftigen jungen Grastriebe zu kauen. Gelbe Schmetterlinge flatterten um die Nüstern des Pferdes, und Argento schnaubte wiederholt, um sie zu vertreiben, während er gelegentlich die Mähne hin und her warf, um die stechenden Frühjahrsfliegen zu verscheuchen, die um seine Ohren summten. Eine große Hummel brummte träge auf Maximus zu. Er beobachtete, wie sie sich näherte, fasziniert von dem anmutigen Flug dieses unbeholfenen Insekts, bis sie so dicht war, daß seine Augen bei dem Versuch schielten, sie weiter im Blick zu behalten, und er sich ducken mußte, um ihr aus dem Weg zu gehen. Die Hummel ließ sich dann auf eine grell gelbe Blüte sinken, die über Hercules' Kopf schwankte, welcher flach im Gras lag. Die Kiefer des Hundes schnappten nach der Hummel, verfehlten das Insekt jedoch glücklicherweise, und es taumelte davon, während Hercules wieder seine ursprüngliche Position einnahm. Seine Brauen zuckten, als er erst kürzlich gegrabene Löcher entdeckte, und er wartete geduldig, um sich auf jedes junge Kaninchen zu stürzen, das so unvorsichtig sein sollte, seinen Kopf blicken zu lassen. Maximus wedelte abwesend mit der Hand vor seinem Gesicht, um die Moskitos und schwarzen Fliegen zu vertreiben, welche auf der Suche nach leichterer Beute, als das Pferd sie bot, waren. Er schlug sich auf den Hals, als eines der Insekten die weiche Haut hinter seinem Ohr ausfindig gemacht hatte. Maximus kratzte an der angezapften Stelle und ließ dann die Hand über seinen, von der Sonne erwärmten Nacken gleiten, bereit, die Unannehmlichkeiten des Frühjahrs gemeinsam mit dessen Freuden zu akzeptieren. Der Mann auf dem Pferd schien vollkommen entspannt, ja sogar schläfrig zu sein, aber seine Augen und sein Geist waren auf den dichten Wald am gegenüberliegenden Ufer des Flusses konzentriert, wo das nun volle Laubwerk es nicht mehr ermöglichte, irgendwelche Bewegungen zwischen den Bäumen auszumachen. Bis jetzt schien alles ruhig zu sein, aber seine Kundschafter hatten ihm berichtet, daß die beiden größten Stämme, die Markomannen und die Quaden, intensiv miteinander verhandelten und möglicherweise eine Allianz bilden würden. Das waren keine guten Nachrichten. "Ich dachte mir, daß ich Dich hier finde." Die Stimme war Maximus vertraut. Er wandte sich im Sattel um, damit er dem Mann, dem diese vertraute Stimme gehörte, ins Gesicht blicken konnte. "Du hast unter der warmen Sonne geschlafen, nicht wahr? Die Barbaren wären begeistert, Dich so anzutreffen. Nur gut, daß Deine Wachen ein Auge auf Dich haben", grinste Quintus und lenkte sein Pferd neben das seines Generals. Maximus ergriff die Hand seines Legaten. "Quintus, es ist wunderbar, daß Du wieder zurück bist. Wie geht es Dir, mein Freund?" "Es geht gut, und ich bin auch froh, wieder hier zu sein." Er blickte über den Fluß. "Beruhigend zu sehen, daß alles friedlich ist." "Das wird nicht mehr lange so sein, fürchte ich. Komm, wir wollen uns da drüben in den Schatten setzen. Ich möchte alles über Deine Reise hören." Maximus stieg vom Pferd und ging zu einer Gruppe großer Felsen, die an der Seite des Hügels neben einem Wäldchen junger Eichen hervorragten. "Du siehst gut aus." "Es geht mir auch gut", antwortete Quintus, während er sich zwischen den Butterblumen niederließ, den Rücken gegen einen der Felsbrocken gelehnt. Er pflückte einen Grashalm und kaute an seinem saftigen Ende. Maximus saß neben ihm auf einem flachen Felsen, ein Knie angezogen und den Unterarm darauf gestützt, während Hercules weiter sein Glück bei den Kaninchenlöchern versuchte. "Gibt es irgendwelche Neuigkeiten aus Rom?" drängte Maximus, als Quintus immer noch schwieg. "Nichts von politischem Interesse. Calpurnius Piso und Salvius Julianus sind kurz vor meiner Abreise zu Konsulen gewählt worden. Die große Neuigkeit ist, daß die Kaiserin vor einem Monat starb." "Annia Galeria Faustina ist tot? Commodus erwähnte, daß sie krank sei." Maximus war der Kaiserin nur einmal begegnet, aber sie war die Frau seines Imperators, und er haßte den Gedanken, daß Marcus Aurelius über ihren Tod verzweifelt sein könnte. "Ist der Imperator dort?" "Die gesamte Familie war anwesend, als ich abreiste, und in Rom herrschte Staatstrauer." "Hast Du sie gesehen?" "Nein, aber mein Vater sagte mir, daß Commodus äußerst mitgenommen sei, und daß Lucilla ihn und ihren Vater tröste." "Ich vermute mal, das bedeutet, daß wir Marcus für eine Weile hier nicht zu sehen bekommen werden. Wir wollen hoffen, daß die Germanen sich benehmen!" Maximus' Stimmung wechselte mit einer Schnelligkeit, die Quintus nur zu vertraut war, und sein General brachte das Gespräch wieder auf persönliche Dinge. "Was ist mit Dir?" lächelte Maximus. "Wie war Deine Reise?" "Gut." Maximus hob fragend eine Augenbraue. "Verheiratet ...?" wagte er sich weiter vor. "Wie befohlen." "Was?!" brach Maximus hervor und lachte laut, was Hercules veranlaßte, seine Jagd kurzfristig zu unterbrechen und seine ganze Aufmerksamkeit auf die Stimme seines Herrn zu konzentrieren. "Quintus, Du bist wahrhaftig ein pflichtbewußter Soldat!" Er stieß mit seinem Ellbogen dem Kameraden in die Schulter. "Wie heißt sie?" "Antonia." "Antonia", wiederholte Maximus. "Wo hast Du sie kennengelernt?" "Auf unserer Hochzeit." Quintus zuckte die Achseln. "Du bist ein Familienmensch. Also ... sag schon, was war es diesmal? Noch ein Sohn?" Maximus wandte sein Gesicht ab und starrte auf die purpurroten Bergspitzen in der Ferne. "Eine Tochter." Überrascht von Maximus' ernstem Ausdruck fragte Quintus: "Bist Du darüber enttäuscht?" "Sie starb kurz nach der Geburt." Nicht gewohnt, seine Gefühle zu zeigen, rang Quintus nach Worten, um sein Mitgefühl auszudrücken. "Es tut mir leid", war alles, was er zustande brachte. Maximus nickte. Sie saßen eine Weile schweigend da, und Quintus fühlte sich sichtlich unwohl. "Ich habe gehört, daß so etwas oft vorkommt ... Babies sterben. Du ... Du hast sie doch nicht einmal wirklich gesehen ... " "Ich habe sie gesehen, Quintus, in meinem Inneren. Sie sah genau wie ihre Mutter aus. Wunderschön - mit schwarzen Locken und heller Haut. Sie hatte ein süßes Lächeln, und eine Stimme wie eine kleine Glocke." "Du solltest Dich nicht länger damit aufhalten, Maximus. Es sollte offenbar nicht sein." "Weißt Du, Quintus, viele Leute haben das in letzter Zeit zu mir gesagt, und ich habe lange darüber nachgedacht, aber was ich nicht verstehe, ist dies: wenn es mir nicht bestimmt war, eine Tochter zu haben, warum ist sie dann überhaupt empfangen worden?" "Vielleicht war es Dir bestimmt, eine Tochter zu verlieren." "Und wozu sollte das gut sein?" fragte Maximus herausfordernd. "Vielleicht macht es Dich einfach noch stärker. Vielleicht weißt Du das Leben jetzt noch mehr zu schätzen. Maximus ...", Quintus Stimme hatte einen Anflug von Verzweiflung, "Du stellst zu viele Fragen." Schweigen. Quintus betrachtete Maximus' angespanntes Gesicht und suchte nach einer Möglichkeit, die Atmosphäre etwas zu entspannen. "Ich habe Dein neues Haus gesehen. Fängst wohl an, etwas zu verweichlichen in der Mitte Deiner Jahre? Beheizte Böden, ein Innenbad ... bald wirst Du schon so rundlich sein wie Jonivus, Du wirst einfach verdorben." Maximus Lippen zuckten. "Neidisch?" "Verdammt neidisch!" "Nun, in kalten, stürmischen Nächten kannst Du mir bei einer Partie Schach Gesellschaft leisten ... bevor Du Dich in Dein dunkles, kaltes Zelt zurückziehst und die ganze Nacht zitterst." "Zu freundlich von Dir." "Ich muß zugeben, daß ich mich nie in einem Lager so sicher gefühlt habe. Selbst wenn die Barbaren durch das Tor gelangen sollten, müßten sie sich schon sehr anstrengen, bis zu mir vorzudringen, wo ich doch so gemütlich in meiner eigenen kleinen Festung sitze." Dies bot Quintus die ersehnte Möglichkeit, das Gespräch wieder auf das Geschäftliche zu lenken. "Willst Du damit sagen, daß Du bald Ärger von den Stämmen erwartest?" Maximus nickte. "Es ist zu ruhig. Es hat auf beiden Seiten des Flusses nicht mal das Anzeichen von Ärger gegeben, und Du weißt, wie ungewöhnlich das für diese Zeit des Jahres ist. Unsere Späher befürchten, daß die Hauptstämme eine Allianz bilden, und das könnte große Probleme für uns bringen, wenn sie endlich herausfinden, wie sie eine solche Allianz handhaben sollen." "Dann müssen wir dafür sorgen, daß die Männer gut vorbereitet sind. Tägliches Training." Quintus war erleichtert, daß sich das Gespräch nicht länger um Persönliches drehte. Sie waren Soldaten. Soldaten hielten sich nicht lange bei persönlichen Dingen auf. "Ja. Die Selbstzufriedenheit ist ebenfalls unser Feind." "Möchtest Du, daß ich mich darum kümmere?" Maximus nickte abermals. "Nun, da Du wieder hier bist, kann ich die Straße entlang des Flusses bereisen und die Kastelle und Lager in Augenschein nehmen, um sicherzustellen, daß alle Legionen so gut vorbereitet sind wie unsere." Quintus war erfreut, daß ihm nochmals das Kommando über die Legion anvertraut werden sollte. Diesmal würde er keinen Fehler machen. Die beiden Männer erhoben sich und bestiegen ihre Pferde. Sie besprachen weiter ihre Pläne, während sie langsam zum Lager zurückritten, und Hercules voraus lief. Der Hund stürmte davon, um die Frustration über einen erfolglos mit Kaninchenjagd verbrachten Tag abzuschütteln. |
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Kapitel 70 - Colonia Anfang September kannte Maximus die 2500 Meilen lange Strecke entlang des Flusses so gut, daß er überzeugt war, sie im Schlaf entlangreiten zu können ... er war sich nicht sicher, ob er dies nicht sogar manchmal tat. Er hatte lange aufgehört, die Schönheit der majestätischen Landschaft wahrzunehmen und starrte nur vor sich hin, während er ritt, seinen Geist umherschweifen ließ und es seiner Wachabteilung überließ, den richtigen Weg zu wählen. Dies war die einzige Zeit, die ihm zur Verfügung stand, um mit seinen Gedanken allein zu sein, und er genoß diese privaten Momente, während derer er nicht über militärische Strategie sprechen oder Entscheidungen treffen mußte, die über das Leben von Tausenden Männern bestimmten. Der Frühling war in einen schwülheißen Sommer übergegangen, doch Maximus hatte es kaum zur Kenntnis genommen. Dem Sommer war ein trockener Herbst gefolgt, ohne daß der General dem mehr Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Nachdem die letzten drei Monate im Frieden vergangen waren, und das zu einer Zeit des Jahres, die gewöhnlich als äußerst brisant galt, wurde es immer schwieriger sicherzustellen, daß die Soldaten sich ganz auf ihre Aufgabe konzentrierten, obwohl sie keinerlei direkte Gefahr erkennen konnten. Viele glaubten, daß die Zeit, die täglich für den Drill aufgewandt wurde, besser genutzt werden könnte, aber Maximus argumentierte, daß die lange Periode des Friedens lediglich dazu diente, noch gefährlichere Angriffe als gewöhnlich auszubrüten. Mehr als nur ein paar Männer mußten von ihren Generälen wegen Gehorsamsverweigerung bestraft werden, aber glücklicherweise keiner aus der Legion Felix III, weil Quintus gute Arbeit leistete und die Soldaten zu beschäftigen wußte. Maximus hatte während dieser Zeit wenig von seinem Heimatlager zu Gesicht bekommen - Vindobona war lediglich zu einem Ruhepunkt auf seinem Weg geworden. Maximus konnte den Rauch aus den Kochstellen des nahe beim Lager gelegenen Dorfes riechen und er drehte und wandte den Kopf, um die Verspannungen in Hals und Schultern zu mildern. Er sehnte sich nach seinem eigenen Bett und seinen persönlichen Dingen. Die kleinen Schnitzfigürchen hatte er natürlich immer bei sich, aber er führte nichts von den übrigen Familienandenken mit sich, aus Angst, sie könnten verloren gehen oder beschädigt werden. Olivias Briefe und Zeichnungen hatte er sorgfältig in seiner Truhe verstaut, und er hoffte, daß neue Briefe auf ihn warteten. Als er mit seiner Wachabteilung das Lager passierte, hob er die Hand, um das freundliche Grüßen der Dorfbewohner zu erwidern. Ihre gesamte Existenz hing von dem Militärlager ab, und General Maximus sorgte dafür, daß sie für ihre Waren und Produkte einen angemessenen Preis erhielten. Die Dorfhuren schürzten ihre Röcke ein wenig höher, als er vorüber ritt, sie streckten die Brüste vor, so daß sich ihre Brustwarzen deutlich unter dem dünnen Stoff ihrer Kleidung abzeichneten ... aber Maximus ignorierte sie wie gewöhnlich. Diese Frauen hatten Wetten abgeschlossen, welche von ihnen den General als erste bekäme, aber bisher war noch keine erfolgreich gewesen. Statt dessen mußten sie sich mit den gewöhnlichen Soldaten zufrieden geben, und sie riefen die Männer von Maximus' Wachabteilung mit Namen, während diese vorbei ritten - was die so Bloßgestellten in Gegenwart ihres Generals mehr als nur ein wenig beschämte. Maximus spürte, wie die Spannung von ihm abfiel, sobald sich die Tore des Lagers hinter ihm schlossen, er vom Pferd stieg und Scartos Zügel einem Stallburschen übergab. Er erwiderte die Grüße seiner Männer, verschwendete aber keine Zeit auf den Austausch von Höflichkeiten und begab sich direkt zu seinem Haus. Sein Fuß hatte nicht einmal die unterste Stufe berührt, als er innehielt, weil seine Aufmerksamkeit wieder auf das Eingangstor gezogen wurde, dessen schweres Seufzen verkündete, daß es abermals geöffnet wurde. Er wandte sich um und beschattete seine Augen, um den ziemlich mitgenommen aussehenden Reiter besser sehen zu können, der in fieberhafter Eile ins Lager geritten kam, während sein mit Schaum bedecktes Pferd keuchend nach Luft rang. Der Mann glitt von dem erschöpften Tier und ergriff den nächstbesten Soldaten bei den Schultern, ihn beinahe schüttelnd in dem Bemühen, seine Botschaft auszurichten. Maximus sah, wie die Augen des Soldaten weit wurden. Er blieb auf den Stufen seines Hauses stehen und wartete auf den Mann, der auf ihn zugerannt kam. "Herr!" "Was ist los, Soldat?" "Dieser Mann ... er kommt aus Colonia. Er sagt, das Lager sei überfallen worden, und fast alle seien tot." Maximus war mißtrauisch. "Er ist ein Soldat von Germanica II?" "Das behauptet er zumindest, General. Er verlangt, Dich zu sprechen." "Laß mir einen Augenblick Zeit, und dann schick ihn hierher zu mir. Sorge dafür, daß er gut bewacht wird. Wir wissen nicht wirklich, wer er ist." "Ja, Herr." Aber Maximus hatte nicht mal die Chance, sein Atrium zu betreten, als auch schon eine verzweifelte Stimme vom Tor her nach ihm rief: "General! General! Komm schnell! Colonia. Colonia ist überfallen worden!" Die Stimme des Boten überschlug sich vor Aufregung. "Sie sind tot ... sie sind alle tot." Er machte einen Schritt auf Maximus zu, wurde aber von den Wachen zurückgehalten. "Wo ist Quintus?" fragte Maximus einen Soldaten. "Er ist mit einer Patrouille außerhalb des Lagers unterwegs, Herr." "Mach ihn ausfindig und sage ihm, daß ich ihn brauche." "Ja, Herr." Maximus war im Begriff, sich umzuwenden. "Herr?" setzte der Soldat hinzu. "Was gibt es noch?" "Bitte sei vorsichtig, Herr. Es könnte eine Falle sein." Er senkte augenblicklich beschämt die Augen, weil er diesem mächtigen Mann ungefragt einen Rat erteilt hatte. "Danke, Claudius, ich werde vorsichtig sein." Maximus entließ ihn mit einem Lächeln und betrat dann das schattige Atrium, wo sein Lächeln verschwand, als er sich müde die Augen rieb. "Wie ist Dein Name, Soldat?" "Paulus, General." "Paulus, bist Du Soldat der Legion Germanica II, die in Colonia stationiert ist?" Der junge Mann nickte, hob die rotumränderten Augen und begegnete General Maximus' beruhigendem Blick. "Ich war es, Herr. Es ist nur noch wenig davon übrig. Hingeschlachtet. Alle hingeschlachtet." Er sah die zwei Wachen, die zu beiden Seiten seines Stuhles in Habacht-Stellung standen, und sein Kinn zitterte vor unterdrückter Anspannung. "Wann hat der Überfall stattgefunden?" "Vor gut zwei Wochen, Herr. Während der Nacht." "Wer hat Colonia überfallen?" "Die Markomannen, Herr. Es waren Tausende von Ihnen - mehr, als unsere gesamte Legion zählte - und sie haben in der Nacht angegriffen, während wir schliefen. Sie haben unbewaffnete Männer hingeschlachtet ..." Der Satz ging in einem erstickten Schluchzen unter. Maximus nickte Cicero zu, der dem verzweifelten Mann kühlen, mit Wasser verdünnten Wein reichte, welchen dieser in einem langen Schluck hinunterkippte. Maximus erhob sich und ging auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. "Was ist mit Eurem General geschehen?" "Er ist tot. General Solinus ist tot. Ich weiß, daß Du mir wahrscheinlich nicht glaubst, Herr, Ich mache Dir deswegen keinen Vorwurf. Aber ich habe Dich in Colonia vor nicht mehr als einem Monat gesehen. Du hattest angeordnet, die Nordmauer höher zu ziehen und extra Patrouillen außerhalb des Lagers einzusetzen. Du bliebst drei Tage, denke ich. Und das Mal davor hat Dich dort dieser Soldat aus Afrika besucht. Erinnerst Du Dich?!" Maximus seufzte und rieb sich den Nacken, um den Kopfschmerz, der sich dort zu bilden drohte, unter Kontrolle zu halten. "Viele Legionen sind näher an Colonia stationiert als diese. Hast Du sie auf Deinem Weg hierher alarmiert?" "Ja, Herr. Sie schicken Männer nach Colonia, aber General Nonius befahl mir, weiterzureiten, bis ich Dich fände." "Du hast das Richtige getan, Paulus. Ich werde am Morgen mit einem Teil meiner Reiterei nach Colonia aufbrechen. Ich kann dieses Lager nicht schutzlos zurücklassen." Maximus fuhr sich mit den Händen durch sein kurzes Haar. "Ich hoffe nur, daß ich auf dem Weg nicht noch weitere überfallene Lager vorfinde." "Maximus? Gibt es Ärger?" fragte Quintus vom Eingang her. Maximus betrachtete seinen Legaten mit müden Augen. "Es hat begonnen, Quintus." Der ekelerregende Geruch verbrannten Fleisches überfiel Maximus' Nase, noch bevor er das Lager sehen konnte. Ein Wachsoldat hinter ihm würgte, aber der General hustete, schluckte angestrengt und ritt weiter. Er galoppierte um die Biegung, die zum Lager führte und brachte Argento zu einem plötzlichen Halt, gänzlich unvorbereitet auf das Maß der Verwüstung, welches sich ihm durch die fehlenden Tore hindurch darbot. Innerhalb der niedergebrannten Mauern war von einem Lager kaum mehr etwas übrig - nicht viel mehr als ein Haufen ausgebrannter Trümmer. Soldaten, die das Lager vor ihm erreicht hatten, trugen Tücher über Nase und Mund gebunden, während sie die Überreste der Soldaten von Germanica II einäscherten und weiße Asche um ihre Köpfe wirbelte. Als sie Maximus' ansichtig wurden, nickten sie und setzten dann ihre grauenvolle Arbeit fort. Der Legat von XV Primigenia kam auf ihn zu. "Es ist furchtbar, was hier geschehen ist, General. Mindestens dreitausend Tote innerhalb des Lagers und ungefähr weitere tausend in den Wäldern - sie wurden niedergemacht, als sie zu entkommen versuchten. Sie wurden aufgeschlitzt, die Köpfe gespalten ... furchtbar." "Gibt es irgendwelche Überlebenden?" fragte Maximus, während er die Verwüstung von seinem Pferd aus überblickte. "Einige wenige, Herr, aber die meisten weigern sich zu reden." "Warum?" "Sie schämen sich zu sehr, denke ich. Sie schämen sich, daß sie nicht mit den anderen gestorben sind." "Ich werde mit meinen Männern unser Lager auf dem Hügel aufschlagen, der gegen den Wind zu diesem Ort liegt. Schicke mir gegen Abend einen Überlebenden, der bereit ist zu reden. Ich möchte mich etwas umschauen." Maximus unmittelbare Sorge war es herauszufinden, warum die Germanen in der Lage gewesen waren, das Lager so völlig zu überraschen, daß sie beinahe alle Bewohner töten konnten. Das durfte niemals wieder geschehen. Er stocherte im Boden um die Fundamente der niedergebrannten Steinmauern herum, wirbelte Schmutz und weiße Asche auf, fand jedoch auch die Überreste von Seilen, die zusammengeknotet waren, um eine Art Strickleitern zu bilden. Auf diese Weise könnten die Männer auf die Mauern gelangt sein. Weitere Untersuchungen förderten stabile Holzbretter zu Tage, die offenbar über die Gräben mit den angespitzten Pfählen, welche die Außenseite der Mauern umgaben, gelegt worden waren. Aber dies alles zu bewerkstelligen, hätte ein beträchtliches Maß an Planung und Tätigkeit erfordert, und die Wachen sollten leicht genügend Zeit gehabt haben, um die Soldaten über die Eindringlinge zu informieren. Offenbar waren die Wachen vorher zum Schweigen gebracht worden. Aber wie? Zu dieser Zeit hätten ungefähr dreißig Mann Wachdienst haben sollen. Er mußte mit den Überlebenden sprechen. Maximus lächelte und bot dem zitternden Mann einen Sitzplatz an, bevor er sich selbst ihm gegenüber niederließ. "Wie ist Dein Name, Soldat?" "Licinius, Herr", sagte der Mann mit bebender Stimme, während er sich unbehaglich in seinem Sitz zusammenkrümmte, die Arme um die eigene Taille geschlungen. "Und wo kommst Du her, Licinius?" "Aus Spanien, Herr, wie Du." Licinius hob zum erstenmal die Augen, als ob er auf Verständnis von einem anderen Abkömmling der Provinz hoffte. "Wirklich? Woher in Spanien?" "Bilbilis, Herr." "Ah ... ich bin viele Male dort durchgekommen. Es ist ein schöner Ort." Licinius wimmerte und nickte. "Licinius, ich bin sicher, daß Du gern nach Hause gehen möchtest ... und mit Sicherheit verdienst Du einen langen Urlaub nach dem, was Du durchgemacht hast." "Ich verdiene es nicht ..." "Du hast nichts falsch gemacht, Licinius", unterbrach ihn Maximus. "Du hattest das Glück zu überleben." Tränen rannen das Gesicht des Mannes herab und er stieß Worte hervor, die Maximus kaum verstehen konnte. "Ich habe mich versteckt." Maximus seufzte. "Nun, unter anderen Umständen wäre dies nicht ratsam gewesen, aber in diesem Fall sieht es anders aus. Mir ist klar, daß die Soldaten in einen Hinterhalt gelockt wurden und zahlenmäßig weit unterlegen waren." "Ja, Herr." "Ich muß herausfinden, wie dies geschehen konnte, um sicherzustellen, daß nicht auch andere Lager ebenso verwundbar sind. Und dafür brauche ich Deine Hilfe. Verstehst Du?" Der Soldat nickte. "Kannst du mir sagen, was passiert ist - woran Du Dich erinnerst - so detailliert wie möglich?" "Ich wachte mitten in der Nacht auf ... es war pechschwarz draußen ... und plötzlich fingen die Wachen an zu rufen. Wir rannten in unserem Nachtzeug hinaus ... ich und Hunderte andere ... und wir sahen, daß das Zelt des Generals in Flammen stand. Die Wachen schrieen und zeigten auf das Zelt. Wir rannten los, um Wasser zu holen, und taten, was wir konnten. Es war so ein Durcheinander ..." "Hast Du den General gesehen?" "Nein, Herr. Er kam niemals mehr hinaus. Die Flammen griffen schnell um sich, weil es windig war, und alle Männer rannten aus ihren Zelten." "Offenbar ohne ihre Waffen." "Ja, Herr. Waffen wären nicht sonderlich geeignet gewesen, um das Feuer zu bekämpfen." Maximus nickte zustimmend. "Weißt du, ob die Wachen auf ihren Posten blieben, während das Feuer wütete?" "Ich denke, einige schon, Herr, aber ich sah, daß einige auch kamen, um uns zu helfen ... es war das Zelt des Generals, Herr ... wir mußten versuchen, ihn zu retten." "Ich verstehe, Licinius. Ich versuche nicht, jemandem die Schuld zu geben; ich möchte nur verstehen, was in jener Nacht passiert ist. Kann man also mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß die Germanen über die Mauern kamen, während die Soldaten versuchten, das Feuer zu ersticken?" "Ja, Herr. Von allen Mauern. Sie kamen aus allen Richtungen, brüllten und schrieen. Sie hatten fürchterliche Waffen, und sie mähten unsere Männer links und rechts nur so nieder. Wir hatten keine Chance." "Kannst Du die Krieger beschreiben ... wie waren sie gekleidet? Was für Waffen hatten sie?" "Sie hatten sehr lange Haare, Herr. Einige hatten es oben auf dem Kopf zusammengebunden, so daß es wie ein Schwanz herunterhing, aber meistens hing es einfach nur um ihre Gesichter herum. Die Führer trugen teilweise Helme - große spitze Dinger. Sie trugen Tuniken mit langen Ärmeln, denke ich. Einige trugen auch Umhänge - ziemlich grobe Teile." "Und ihre Waffen?" "Hölzerne Schilde - einige groß und ziemlich oval, andere eher rechteckig - gewölbt wie eine Schüssel. Sie hatten Äxte und einige auch Schwerter. Außerdem Speere und Bogen." "Trugen irgendwelche von ihnen auch Rüstungen?" "Nein, ich glaube nicht. Zumindest habe ich keine gesehen." Maximus ließ diese Informationen sinken. "Was haben sie gestohlen?" "Alles, Herr. Waffen, Kleidung, Rüstungen, Pferde, Wagen, Tiere, Nahrung ... alles. Sie wandten unsere eigenen Waffen gegen uns. Ich sah, daß sie unsere Soldaten in Zelte trieben, diese dann anzündeten und die Männer lebendig verbrannten. Andere hieben sie in Stücke und schlitzten sie auf. Es war furchtbar ... " Licinius brach zusammen und schluchzte. Maximus erhob sich und legte ihm die Hand auf die Schulter. "Du hast mir gesagt, was ich wissen muß, Licinius. So bald Du dazu in der Lage bist, werden wir Dich nach Hause schicken. Geh jetzt und ruhe Dich etwas aus. Du bleibst hier im Lager zusammen mit meinen Männern." Licinius verließ das Zelt, immer noch schniefend, und wischte sich die Nase mit seinem Ärmel. So bald er gegangen war, betrat Cicero das Zelt mit einem Päckchen in der Hand. "Ein Bote hat dies soeben gebracht, Herr. Es trägt das Siegel des Kaisers." Der Diener trat in den Schatten zurück, Maximus erbrach das Siegel und las die Botschaft, während er sich abwesend über das bärtige Kinn strich. "Cicero." "Ja, Herr?" antwortete der Diener des Generals und trat wieder in das flackernde Licht zurück. "Der Imperator hält sich bei der Legion XXI Rapax zwischen den beiden Flüssen auf und wünscht einen Bericht über das Massaker. Ich werde sofort am Morgen zurückreiten. Du kannst aber hier bleiben." Cicero ging, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen, und Maximus stand einige Zeit da, den Brief in der Hand, und starrte auf die Wand des Zeltes. Statt der gebleichten Leinwand erstand vor seinem inneren Auge die reizvolle Vision grüner Augen und dunkelbrauner Locken. Lucilla begleitete ihren Vater. Lucilla war in Germanien. |