Kapitel 76 - Intimität

Die Sterne funkelten hell durch die einzelnen Bretter der Fensterläden des Schlafzimmers - unbemerkt von dem Paar auf dem Bett. Olivia und Maximus gaben sich zum drittenmal in dieser Nacht ihrer Leidenschaft hin und vollendeten, was ihre tastenden Hände und Zungen begonnen hatten. Diesmal ritt sie auf ihm, ihre Beine zu seinen beiden Seiten, ihre Hüften beschrieben, geleitet von seinen Händen, eine sinnliche Kreisbewegung,  ihre langen Locken strichen über seine Brust, die sich immer schneller hob und senkte, während sich seine Leidenschaft ihrem Höhepunkt näherte. Seine Handflächen glitten an ihren Seiten empor und er griff nach ihren vollen Brüsten; seine Daumen strichen über ihre rosigen Brustwarzen, die hart waren vor Begierde. Die langen Monate der Enthaltsamkeit ließen beiden ihre Vereinigung nur um so köstlicher erscheinen, einen Akt rar und kostbar wie einen glitzernden Edelstein, den man nur selten findet, der jedoch die Suche wert ist.

Seine Hände krallten sich in ihr Haar; er zog ihre Lippen zu seinen herab und prte ihren Busen gegen seine Brust, während ihre Zungen sich umeinander schlangen. Er drehte sie herum, und zum zweitenmal in dieser Nacht rollten sie über die Kante des schmalen Bettes und landeten auf dem gewebten Teppich vor demselben - Maximus dämpfte den Aufprall mit seiner Schulter und Hüfte. "Verdammtes Bett", knurrte er, während er Olivia unter sich plazierte und sein Gewicht auf Ellbogen und Knie stützte.

Sie schlang ihre langen Beine um seine Taille und keuchte: "Eindeutig nicht für Liebesspiele konstruiert. Ich finde das sehr beruhigend."

Maximus bemühte sich, ihren Liebesakt zu verlängern, indem er sich langsamer bewegte, aber sie waren beide über den Punkt hinaus, an welchem dies noch möglich gewesen wäre. "Du hast nichts zu befürchten. Meine Männer halten mich eh für verrückt, weil ich nicht nehme, was man mir bietet."

"Mein attraktiver Ehemann verdreht den Damen den Kopf?"

"Es ist die Uniform", stöhnte Maximus und spürte, wie Olivias Körper sich um den seinen krampfte.

Ihr Lachen steigerte sich zu einem wilden Schrei und sie biß sich in seiner Schulter fest; so gelang es ihr zwar, weitere Schreie zu unterdrücken, aber gleichzeitig durchbrach sie endgültig den Damm seiner Selbstkontrolle. Sie packte seinen Po, um ihn tiefer in ihren Körper zu pressen. Er stöhnte, seine Hüften zuckten unkontrolliert, dann gaben seine Arme nach und er brach über ihr zusammen; er hatte kaum noch so viel Kraft, sie nicht mit seinem Gewicht zu erdrücken. Olivia hielt ihn umfangen und streichelte sein feuchtes Haar und seinen verschwitzten Nacken, bis sein Atem wieder ruhiger wurde, dann rollte sie unter ihm hervor und er fiel erschöpft auf den warmen Boden; seine Wange ruhte auf dem Teppich und seine Augen waren geschlossen.

Trotz ihrer Erschöpfung setzte sie sich auf und lehnte sich gegen das Bett. Sie bewunderte seinen nackten Körper mit dem Herzen einer Frau und dem Blick einer Künstlerin. Er war schön. Sie ließ ihre Augen über die Erhebungen und Vertiefungen seines Rückens schweifen, der sich in regelmäßigem Rhythmus hob und senkte, ließ sie über jeden einzelnen seiner wie gemeißelten Muskeln wandern - von den breiten Schultern bis hinab zu seiner schmalen Taille. Sie liebte die Stelle, an der sein Rückgrat zwischen den festen Rundungen des Pos verschwand, die tiefen Grübchen zu beiden Seiten seines unteren Rückens. Sie hielt ihr Haar mit einer Hand fest, neigte sich nach vorn und küßte sacht eben diese Vertiefungen. Ihr Mann regte sich nicht. Dann betrachtete sie seine Glieder ... die geraden, langen Beine, so perfekt wie jene, welche die Marmorstatuen griechischer Athleten zierten. Sie küßte seine Kniekehlen. Seine Arme waren ebenso makellos wie seine Beine, muskulös und beinahe erschreckend kräftig von zahllosen Jahren des Hantierens mit Schwert und Schild. Sie küßte die Male ihrer Zähne, die sie auf seiner Schulter hinterlassen hatte.

Olivia faßte hinter sich und zog eine Decke vom Bett; sie breitete diese über sich und Maximus und kuschelte sich eng an ihren Mann, während sie mit den Fingern nachlässig Muster auf seinen Rücken zeichnete. Er wandte den Kopf, um sie anzublicken, und sie lächelte in seine schlaftrunkenen Augen. "Schläfst Du nicht?"

"Fast. Aber ich dachte mir, ich sollte besser wach bleiben, um festzustellen, wohin Du mich als nächstes küssen würdest."

Olivia lachte. "Ich liebe Dich."

"Ich liebe Dich auch."

Olivia betete seine tiefe, wohlklingende Stimme an. "Bedauerst Du es, daß ich hier bin?" neckte sie ihn.

Maximus ließ sich mit der Antwort Zeit. "Bisher nicht", sagte er.

Olivia war von seiner Antwort überrascht. "Was soll das heißen 'bisher nicht'? Willst Du damit sagen, daß Du meiner überdrüssig werden könntest?"

"Niemals. Nein, was ich damit sagen wollte ist, daß die germanischen Stämme ihre Angriffe auf römisches Gebiet ausweiten. Sie sind noch relativ selten, aber es beginnt sich ein Muster abzuzeichnen, und sie ziehen eindeutig nach Osten."

"Hierher."

"Ja. Es ist sehr gut möglich, daß Vindobona in den kommenden Monaten oder Wochen angegriffen wird."

Olivia zuckte mit den Schultern. "Wir sind hier sicher."

"Niemand ist sicher." Maximus legte sich auf den Rücken und nahm sie in den Arm. "Ich habe furchtbare Dinge gesehen, Olivia. Ich habe furchtbare Dinge getan ... im Namen des Kaisers und für die Herrlichkeit Roms. Es ist nicht, daß ich glaubte, was ich getan habe wäre falsch, oder daß der Kaiser nicht das Recht hätte, es von mir zu verlangen. Aber so viele unschuldige Menschen müssen sterben. Ich glaube, es ist wichtig, daß wir die Gebiete, die wir bereits besitzen, auch halten, aber Marcus Aurelius will mehr. Er möchte, sobald wir die Grenze hier gesichert haben, weiter nach Norden vordringen. Er hat ein Auge auf die reichen Erz- und Edelsteinminen dort geworfen. Wie viele Leben ist all das wert? Ist es wert, daß eine römische Familie den Vater, den Ehemann oder den Bruder verliert? Ist es wert, daß eine germanische Frau ihren unschuldigen, jungen Sohn begraben muß, wegen der Verletzung, die er während einer Belagerung erlitten hat?"

Olivia stützte sich auf einen Ellbogen und schaute zu ihrem Mann herab. "O Maximus, ich wünschte, ich könnte die Last auf Deinen Schultern leichter machen. Ich hatte niemals die Absicht, diese Bürde durch meine Anwesenheit hier noch zu vergrößern."

"Indem Du hier bist machst Du diese Bürde gleichzeitig leichter und schwerer."

"Nun, dann ... gleicht es sich aus."

Maximus lächelte, wurde aber schnell wieder ernst. "Ich kann nicht mehr lange bleiben. Ich vermute, daß die Germanen die Gegend um Castra Regina als nächstes angreifen werden und ich muß dort hin. Orte, an denen Militärlager und Dörfer dicht beieinander liegen, sind besonders verwundbar."

"Ich verstehe." Sie legte sich wieder hin, ihren Kopf auf seiner Schulter.

"Tust Du das? Verstehst Du wirklich, wieviel schwerer es für Dich sein wird zu wissen, daß ich in der Schlacht bin ... daß, wenn ich Dich verlasse, ich in den Krieg ziehe? Als Du weit weg in Spanien warst, konntest Du Dich der Illusion hingeben, mich in Sicherheit zu wähnen. Nun weißt Du es besser."

Olivia antwortete nicht.

"Weißt Du, warum der Fußboden so warm ist?" fragte Maximus.

Der plötzliche Themenwechsel verwirrte Olivia. "Ja. Deinem Chefingenieur, Jonivus,  war es ein Vergnügen, mir die ganze Anlage vorzuführen. Er ist ein ziemlich kluger Kopf."

"Das ist er. Was er aber nicht weiß, ist, daß er unbeabsichtigt das einzig wirklich sichere Versteck im ganzen Lager konstruiert hat. Ich werde das Feuer auslöschen lassen ... wenn wir also wieder mal auf den Fußboden fallen, dann wird es kalt sein." Maximus lächelte kurz. "Ich werde in den Räumen unter dem Fußboden lang haltbare Nahrung einlagern lassen, ebenso Wasser und Decken. Bei den ersten Anzeichen von Unruhen möchte ich, daß Du mit Marcus nach unten gehst und dort bleibst, bis entweder ich oder einer meiner Männer Euch wieder herauslassen. Ich werde Quintus entsprechende Anweisungen geben, und ich möchte, daß Du sie, ohne Fragen zu stellen, befolgst. Dein Leben und das von Marcus können möglicherweise davon abhängen."

"Was ist mit Persius?"

"Das kann ich noch nicht sagen. Vielleicht sollte er bei Dir bleiben, vielleicht benötige ich ihn aber auch für anderes. Ich habe es noch nicht entschieden."

"Er ist kein Soldat. Er hat keinerlei Übung."

"Das weiß ich, aber er kann gut mit Pferden umgehen und diese Fähigkeit könnte von Nutzen sein." Maximus küßte seine Frau auf den Scheitel. "Wenn Dir oder Marcus etwas zustoßen sollte, dann wäre auch mein Leben zu Ende. Ich wußte nicht, wie schwer es ist, ein Kind zu verlieren, bis es wirklich geschah. Ich würde den Verlust eines weiteren Kindes nicht überleben und mit Sicherheit nicht den Verlust meiner geliebten Frau."

Olivia hob den Kopf und schaute ihrem Mann in die Augen. "Denkst Du immer noch an Maxima?"

"Sie ist meinem Herzen niemals fern."

"Auch dem meinen nicht. Es sagt sich so leicht, daß wir noch mehr Kinder haben werden, aber wir werden sie niemals ersetzen können."

"Nein, sie ist für uns auf ewig verloren."

Olivia liebkoste sein Gesicht, strich mit den Fingern über seine Braue und die Wange hinab bis zu seinem Bart, den sie zärtlich streichelte. "Die meisten Männer würden sich keine Gedanken darüber machen, weißt Du ... über den Verlust einer Tochter. Besonders einer, die sie nie gesehen haben."

"Ich bin nicht wie die meisten Männer."

"Nein .. nein, das bist Du mit Sicherheit nicht." Olivia kuschelte ihren Kopf wieder an seine Schulter. Minuten später flüsterte sie: "Ich bin die glücklichste Frau auf der Welt."

Er antwortete nicht, und Olivia stellte fest, daß seine Atemzüge tiefer wurden und einen regelmäßigen, langsamen Rhythmus angenommen hatten. Er war endlich eingeschlafen.

Maximus zuckte leicht, die Lust, die sein Körper signalisierte, drang endlich auch bis zu seinem Gehirn vor, aber dennoch nicht weit genug, um ihn gänzlich aufzuwecken. Sein Kopf rollte nach links, dann nach rechts, die Augen waren immer noch geschlossen. Er bewegte den Arm, um nach seiner Frau zu fassen; aber der Arm fiel auf seine Brust und griff nur in die Luft. Er glitt wieder in tieferen Schlummer zurück, rührte sich dann jedoch wieder und stöhnte leicht. Sein Gehirn war nicht wach genug, um die Signale zu deuten, die seine Sinne übermittelten. Endlich zuckten seine Augenlider und seine Beine veränderten ihre Position, aber irgend etwas verhinderte, daß sie sich weiter bewegten. Ein Stöhnen entschlüpfte ihm, und plötzlich war er sich der warmen Hände, der Lippen und der feuchten Zunge voll bewußt, mit denen Olivia seinen Unterkörper erkundete und liebkoste. Er war so erschöpft von der langen Reise und den drei bereits absolvierten Runden ihres Liebesspiels, daß er keine Energie mehr besaß, um anders als auf einer rein instinktiven Ebene zu reagieren. Seine Hand fiel bei dem Versuch, nach seiner Frau zu greifen, zurück an seine Seite. Seine Lippen öffneten sich in dem Bemühen, mehr Luft in seine Lungen zu saugen, während sein Atem schneller wurde und jeder Atemzug  sich zu einem Seufzer purer Lust wandelte. Seine Zehen krümmten sich, und seine Beine zuckten ruhelos, seine Schenkel brannten. Seine Seufzer wurden zu heiserem Stöhnen, während er die Pobacken unbewußt anspannte und die Hüften vom Boden hob.

Er fühlte, wie sich eine Hand unter seinen Rücken schob, seine Leidenschaft zu unterstützen, ihn aber gleichzeitig unnachgiebig in dieser Position gefangen hielt. Er wollte nach ihr greifen, aber seine Arme weigerten sich zu gehorchen und landeten statt dessen an seiner Seite und über seinem Kopf, wo seine Finger sich in den Teppich verkrallten und ihn in feste Knäuel preßten. Er warf den Kopf zurück, und die Sehnen seines Nackens spannten sich zum Zerreißen. Sein Körper gehörte nicht länger ihm; er befand sich vollständig unter der Kontrolle der Frau, die seine Lenden bearbeitete, und sie trieb ihn barmherzig jener Erlösung entgegen, die sein Körper und sein Geist so sehr herbeisehnten. Er hatte den Seufzer der Befriedigung so lange zurückgehalten, daß er nun mehr einem Schmerzensschrei glich.

Maximus sank völlig erschöpft zu Boden, sein Atem ging stoßweise und seine Glieder zitterten. Er war an einem Punkt jenseits aller Erschöpfung. Wenn die Germanen Vindobona jetzt angreifen würden, fänden sie den General schwach und hilflos wie ein Baby vor. Ganz schutzlos. Allmählich kamen seine Sinne wieder zur Ruhe und sein Herzschlag verlangsamte sich; seine umherschweifenden Gedanken lösten sich in Dunkelheit auf und er glitt in einen tiefen, traumlosen Schlaf, der beinahe einer Bewußtlosigkeit glich.

Olivia streichelte sein Gesicht, bis sie sicher war, daß er schlief, und breitete die Decke wieder über ihn. Sie küßte zärtlich seine leicht geöffneten Lippen und flüsterte: "Es ist nicht die Uniform, mein Liebling. Glaub mir ... es ist nicht die Uniform", dann legte sie sich hin und folgte ihm in den Schlaf.

 Kapitel 77 - Die Tour

Maximus kniff die Augenlider fest zusammen und hob die Hand, um das unwillkommen helle Licht abzublocken. Wer leuchtete ihm da mit einer Laterne in die Augen? Er rollte seinen Kopf zur Seite und schielte vorsichtig mit einem Auge, bereit, Cicero gehörig anzufahren für die Frechheit, ihn so früh zu stören. Das Schlafzimmer war von hellen Sonnenstrahlen durchflutet, die durch die Fensterläden drangen, und sie trafen das auf dem Boden liegende Paar in einem Winkel, der Maximus mit Schrecken erkennen ließ, daß es bereits weit nach Mittag sein mußte.

"So ein Mist!" knurrte er, hob seine schlafende Frau vom Boden auf und legte sie vorsichtig auf das Bett. Sie rührte sich kaum. Er hatte das Treffen mit Quintus und seinen Offizieren verschlafen, und auch sein Versprechen an Marcus wegen der Uniform und des Ausritts hatte er nicht gehalten. Er kramte in seinem Schrank auf der Suche nach einer sauberen Tunika, kleidete sich hastig an und fuhr sich mit der Hand durch das Haar, um es leidlich zu richten. Er war noch dabei, den zweiten Stiefel zuzuschnüren, als er auf der anderen Seite der Tür seinen Sohn und Persius miteinander reden hörte.

"Aber wo ist er denn?"

"Er schläft noch, Marcus. Er nimmt Dich mit zu einem Ausritt, wenn er aufgewacht ist."

"Und wann wird das sein?"

"Bald."

"Das hast Du schon beim letztenmal gesagt. Ich möchte ihm zeigen ..." Maximus öffnete die Tür und überraschte die beiden. Etwas verlegen strich er seine Tunika glatt und ignorierte das vielsagende Grinsen seines Schwagers. Cicero stand an der Tür seines Schlafzimmers und lächelte ebenfalls. Maximus stand normalerweise im Morgengrauen auf ... es war ihm entsetzlich peinlich.

Persius landete den ersten Hieb. "Maximus, Du siehst etwas nachlässig aus heute morg ..., oh Verzeihung, ... heute nachmittag."

"Papa, schau, was ich bekommen habe. Schau, was ich bekommen habe!" Maximus ignorierte Persius und hockte sich hin, um das "outfit" seines Sohnes in Augenschein zu nehmen. Es war eine eilig zusammengestellte aber recht respektable Nachbildung seiner eigenen Generalsuniform. Der Brustpanzer bestand aus einer dünnen Holzplatte, die so bemalt war, daß sie Maximus' eigenem Harnisch glich, und die mit Bändern befestigt wurde. Er bemerkte, daß der Stoff des Umhangs von einem seiner eigenen zerrissenen Umhänge stammte, den er kürzlich weggeworfen,  aber Cicero offensichtlich aufbewahrt hatte. Der Schuster hatte eilig ein Paar Stiefel für Marcus zusammengeflickt, und ein kleines hölzernes Schwert baumelte an einem Strick um seine Taille. Über seine Schultern hingen Streifen eines undefinierbaren Fells von irgendeinem unglücklichen Tier, an denen Hercules schnüffelte und schnupperte, ebenso verwundert über dessen Herkunft wie Maximus es war.

"Wo hast Du das her?" fragte Maximus, beeindruckt von der Geschwindigkeit, mit der das Kostüm zusammengestellt worden war.

"Cicero!" rief Marcus. "Und Onkel Persius hat auch geholfen."

"Nun, wir mußten etwas tun, um den Jungen zu beschäftigen. Schließlich hat er während der letzten ...", Persius tat so, als müsse er genau nachzählen, "... sieben Stunden darauf gewartet, daß sein Papa endlich aufwacht."

"Du trägst Deine Uniform nicht!" rief Marcus, und die Enttäuschung war deutlich in seiner Stimme zu hören, während er die schlichte braune Tunika seines Vaters betrachtete.

"Ich werde sie gleich anlegen. Dein Papa war heute morgen etwas müde und hat verschlafen ..."

"Das ist eine Untertreibung", kicherte Persius.

Maximus warf dem jungen Mann seinen beeindruckendsten Generalsblick zu. Dieser war jedoch keineswegs geneigt, sich einschüchtern zu lassen, nun, da er offensichtlich eine Schwachstelle bei seinem scheinbar so unfehlbaren Schwager entdeckt hatte. "Marcus, ich weiß, daß ich Dir versprochen habe, Dich mit auf einen Ausritt zu nehmen, und das werden wir auch sehr bald machen. Ich muß aber zuvor noch mit einigen meiner Männer sprechen. Das muß ich vorher noch machen", wiederholte er in der Hoffnung, daß der Junge ihn verstehen würde. Marcus machte ein langes Gesicht. Maximus blickte hilfesuchend zu Persius, aber der junge Mann schüttelte nur leicht den Kopf wie um zu sagen: "Da mußt du nun selbst durch, General."

"Also gut ... hier, Du kannst auf meinen Schultern reiten, während ich nach Quintus Ausschau halte."

"Ist Quintus der Mann mit den Narben zwischen den Augen?" fragte Persius unschuldig.

"Ja. Warum?"

"Der ist schon lange weg."

"Was?!"

"Er war vor fünf Stunden hier, aber Cicero hat ihm nicht erlaubt, Dich zu stören. Er kam noch ungefähr viermal zurück, bevor er wohl entschied, daß er Besseres zu tun habe. Er sagte, daß er Dich heute abend treffen würde ... falls Du dann noch wach sein solltest."

Maximus rieb sich verzweifelt den Bart. "Marcus, bleib bei Onkel Persius, während ich meine Uniform anziehe. Mama schläft noch, und ich möchte sie nicht aufwecken. Bleib hier draußen, in Ordnung? Ich werde nicht lange weg sein." Maximus schaute Persius an. "Kümmere Dich noch ein paar Minuten um ihn." Und als Persius keine Anstalten machte zu kooperieren, setzte er hinzu :"Das ist ein Befehl."

Persius verneigte sich respektlos und nahm den Jungen bei der Hand. "Los, Marcus. Dein Papa wird uns bei den Ställen treffen. Wir wollen Scarto schon mal satteln."

Maximus schaute ihnen nach und wandte sich dann an Cicero, der an seine Tür gelehnt dastand.

"Danke, Cicero, daß Du das mit Marcus' Uniform organisiert  ... und mich hast schlafen lassen, obwohl ich das Gefühl habe, daß ich für diesen kleinen Luxus werde teuer bezahlen müssen."

"Gut, daß Du endlich wieder aufgewacht und in die Gänge gekommen bist, General. Wir haben uns schon gefragt, ob wir reinkommen und Dich retten sollten, Herr."

 "Du siehst heute etwas müde aus, General. Jede Menge Verpflichtungen gehabt heute nacht?"

Maximus bemühte sich, die gutmütigen Neckereien seiner Männer zu überhören, während er Scarto durch das Lager führte; Marcus hockte stolz vor ihm und sah aus wie die Miniaturausgabe seines Vaters. Dieser hatte gehofft, die Tatsache, daß er förmlich in seine Generalsuniform gekleidet war, würde die Soldaten etwas abschrecken , aber diese Hoffnung löste sich schnell in Luft auf. Maximus erschien oftmals in allem, was er tat, so absolut vollkommen, daß es für die meisten Männer äußerst willkommen und tröstlich zu sehen war, daß auch ihr General schlichten menschlichen Bedürfnissen und Wünschen unterlag - genau wie sie selbst - und sie beabsichtigten, die Situation voll auszukosten, weil sie möglicherweise nie wieder Gelegenheit dazu haben würden.

Der General beschrieb seinem Sohn jede Einzelheit des Lagers in einfachen Worten und antwortete auf alle Fragen des Jungen, während er zu jeder witzigen Bemerkung, jeder verborgenen Anspielung oder  jedem breiten Grinsen seiner Männer resigniert lächelte und nickte. Maximus machte schon bald in der Ferne Quintus aus und trieb Scarto zu einem leichten Trab an, um den Kameraden einzuholen. 

"Nun, General Maximus", sagte Quintus, "und General Marcus." Quintus salutierte vor dem kleinen Jungen, und Marcus kicherte, als sein Vater ihm zeigte, wie er den Gruß zu erwidern hatte. "Es ist erfreulich, Dich anzutreffen, während es noch Tag ist."

"Jetzt fang Du nicht auch noch an!"

"Oh, machen Dir die Männer das Leben schwer heute nachmittag?" fragte Quintus mit deutlicher Betonung auf dem letzten Wort.

"Während der vergangenen Stunde mußte ich wieder und wieder die gleichen verbalen Mißhandlungen erdulden. Und jeder scheint das Gefühl zu haben, er sei der erste, der so etwas Geistreiches von sich gibt."

"Nun ...", Quintus trat nahe an Maximus' Knie heran, und während Marcus für einen Moment abgelenkt war, sagte er hinter vorgehaltener Hand: "Die Männer sind der Ansicht, daß Du zu selten eine Frau im Bett hast und daß die letzte Nacht lange überfällig war."

Maximus warf ihm von seinem Hochsitz auf dem großen Hengst aus einen zornigen Blick zu. "Danke, daß Du nochmal klargestellt hast, was eh schon jeder weiß."

Quintus grinste. "Findet unsere Besprechung heute noch statt?"

"Ja, ich habe wichtige Informationen. Ruf die Offiziere direkt nach dem Abendessen im Prätorium zusammen, machst Du das?"

"Wir werden da sein."

"Das Lager sieht großartig aus, Quintus. Die Männer sind gut in Form und bei guter Stimmung. Du hast großartige Arbeit geleistet."

"Danke", antwortete der Legat, offensichtlich erfreut über diese Bemerkung.

Maximus wendete Scarto und machte sich auf den Weg zum Tor des Lagers.

"Maximus?" rief Quintus ihm nach.

Er brachte den Hengst zum Stehen und blickte über seine Schulter. "Ja?"

"Sie machen das nur, weil sie Dich gern haben. Wenn dem nicht so wäre, würden sie Dich einfach ignorieren. Nimm es als Kompliment."

Maximus überlegte einen Moment, dann lächelte er und nickte leicht. "Danke, Quintus." Er trieb Scarto wieder an und begann, einem kleinen Jungen, der wie gebannt an den Lippen seines Vaters hing, die Wichtigkeit des Tores und der Wachen zu erklären. Maximus seufzte und bereitete sich auf eine weitere verbale Attacke vor, als die Männer, die das Tor bewachten, seiner ansichtig wurden und sich auf ihren Gesichtern ein breites Grinsen zeigte.

Maximus grüßte die Tribune und Zenturios, indem er die Hand hochhielt und so Schweigen gebot, als er den Raum betrat. "Meine Herren, ich habe heute mehr Spott als in meinem ganzen bisherigen Leben erduldet. Wenn Sie also auch noch ihren Beitrag leisten wollen, dann tun Sie es bitte jetzt, damit wir dann zum geschäftlichen Teil übergehen können. Er starrte einen nach dem anderen an und konnte deutlich sehen, wie das Grinsen aus ihren Gesichtern verschwand.

"Gut", sagte Maximus, setzte sich hin und war bereit, mit der Unterredung zu beginnen. "Nun, die Häufigkeit der Angriffe auf römische Lager und Dörfer nimmt ständig zu, ebenso die Stärke dieser Angriffe. Bis jetzt haben wir noch keine Schlacht verloren, aber wir haben viele Männer verloren, auch Offiziere, und diese scheinen das Hauptangriffsziel darzustellen. Die Germanen hoffen, die Armee zu schwächen, indem sie sie ihrer Führer berauben." Ein Murmeln erhob sich im Raum, und Maximus wartete, bis es wieder abebbte. "Ich habe in den Angriffen ein bestimmtes Muster festgestellt. Sie scheinen Lager zu übergehen, die isoliert liegen, dagegen jedoch solche anzugreifen, die mit einem Dorf verbunden sind, so wie wir hier. Sie greifen die Dörfer nachts an, und wenn die Soldaten aus dem Lager strömen, um römische Bürger zu schützen, dann schieben sich die Germanen zwischen die Soldaten und ihr Lager. Es ist ihnen gelungen, eine Anzahl römischer Uniformen und Waffen zu stehlen. Auch ziehen die Stämme kontinuierlich nach Osten und ich vermute, daß Castra Regina ihr nächstes Ziel sein wird. Ich werde mich übermorgen dorthin begeben."

"Wirst Du einige Zenturien mit Dir nehmen, Maximus?"

"Nein. Es ist nicht so, daß ich die Unterstützung nicht brauche, aber ich kann es nicht riskieren, dieses Lager zu schwächen. Ich vermute, daß Vindobona sozusagen ihr Hauptgewinn sein wird. Es ist das größte Lager und mit dem wohlhabendsten Dorf verbunden. Während ich abwesend bin, möchte ich, daß die Wachen auf den Mauern verdoppelt werden, und daß eine Einheit entlang des Flusses patrouilliert. Das Problem besteht darin, daß der Fluß lang ist und  sie ihn an jeder beliebigen Stelle überqueren können. Jeder Mann muß sich zu jeder Zeit in höchster Alarmbereitschaft befinden. Der Angriff kann in einigen Wochen erfolgen; er kann auch noch monatelang auf sich warten lassen."

Maximus schaute Quintus an. Ich möchte, daß die Heizungsanlage in meinem Haus nicht mehr befeuert wird, und daß in den Räumen unter dem Boden Vorräte gelagert werden, die es meiner Frau und meinem Sohn ermöglichen, sagen wir, an die zwei Wochen dort unten auszuharren. Beim ersten Anzeichen irgendwelcher Probleme haben sie sich dorthin zu begeben, und sie dürfen nicht eher heraufkommen, als bis alles wieder absolut sicher ist."

Quintus nickte. "Wir werden uns gut um sie kümmern, Maximus. Du brauchst Dir, was das angeht, keine Sorgen zu machen."

"Ich lasse Cicero hier, um diese Angelegenheit zu überwachen",sagte Maximus zu Quintus, dann wandte er sich wieder der Gruppe zu. "Dieses Lager ist für den Kampf so bereit wie nur irgend möglich. Wir sind gut in Form; das verdanke ich Euch allen, und das ist für mich sehr beruhigend. Castra Regina ist nur ein und einen halben Tag von hier entfernt, und daher werde ich täglich durch Kuriere mit Euch in Verbindung bleiben. Gibt es noch irgendwelche Fragen?"

Die Männer schüttelten die Köpfe, dann meldete sich eine Stimme zu Wort. "Eins noch, Herr."

"Collatinus?" wandte sich Maximus an einen der Zenturios.

"Es ist eher ein Vorschlag, Herr. Vielleicht sollten Du und Deine Frau von jetzt an lieber getrennt schlafen, so daß Du wach genug bist, die Legion anzuführen, wenn der Angriff kommt."

Die steinernen Mauern hallten wider vom Gelächter der Männer.

"Du konntest es einfach nicht lassen, nicht wahr?" sagte Maximus und stimmte in das Gelächter mit ein.

Stunden später war Maximus im Begriff, sich zu seiner Frau in ihr gemeinsames Schlafzimmer zu begeben. Aber plötzlich hielt er inne, um eine Mitteilung zu lesen, die an seine Tür geheftet war. In Persius' breiter Klaue stand dort zu lesen: NICHT VOR NACHMITTAG STÖREN: DAS IST EIN BEFEHL VON GENERAL MAXIMUS.

Maximus seufzte tief, riß den Zettel von der Tür und zerknüllte ihn in seiner Faust.

"Cicero!" brüllte er.

Cicero streckte den Kopf zur Tür seiner Kammer heraus. "Kann ich etwas für Dich tun, General?"

"Ja. Du kannst mich morgen bei Sonnenaufgang aus dem Bett zerren, egal wie müde ich bin und wie sehr ich mich sträuben mag. Ist das klar?"

"Absolut klar, Herr." Cicero konnte sich ein letztes Grinsen nicht verkneifen. "Ich wünsche Dir eine gute Nacht, Maximus."

 Kapitel 78 - Briefe aus Rom

Maximus war bereits acht Tage weg, und Olivia konnte ihren Alltag immer noch nicht in einer normalen Routine organisieren. In einem Militärlager, in dem ihr Dasein fast völlig auf das Prätorium eingegrenzt war, sollte sich dies als schwierig erweisen. Sie spielte mit Marcus, aber er bevorzugte die Gesellschaft seines Onkels Persius, der sich im Lager viel freier bewegen konnte als Olivia. Ruhelos begann sie eine Tätigkeit, nur um sie bald wieder aufzugeben und sich einer anderen zuzuwenden, ohne wirklich etwas zu vollenden. Als Cicero kam, um Maximus' Kleidung für eventuelle Ausbesserungen zu inspizieren, beanspruchte sie diese Aufgabe für sich, dankbar für jede Tätigkeit, die es ihr ermöglichte, still dazusitzen und an ihren Mann zu denken. Sie betastete die Wolle seiner Tuniken und Umhänge sowie das Leinen seiner Unterwäsche. Es tröstete sie, etwas berühren zu können, was auch er berührt hatte.

Am nächsten Tag war das Licht hell genug, und sie nahm alle Energie und Motivation zusammen, um an den noch unvollendeten Wandgemälden weiterzuarbeiten und sie fertigzustellen, bevor Maximus zurückkam. Sie mischte ihre Farben und fügte sich selbst und Marcus sorgfältig in die Darstellung ihres Hofes ein - so wie ihr Mann es sich gewünscht hatte:  unter der großen Pappel stehend. Dann konzentrierte sie sich auf das große Wandgemälde von General Maximus. Sie betrachtete es mit enormem Stolz - nicht so sehr Stolz auf ihre Arbeit als vielmehr Stolz auf ihren Ehemann. Sie wollte, daß es in alle Ewigkeit bestehen blieb, so daß künftige Generationen von Soldaten es anblicken und den großen Mann hinter der Uniform erkennen würden.

Eines Nachts, nachdem sie fast den ganzen Tag über gemalt hatte, brachte sie Marcus zu Bett und bat Cicero, auf ihn achtzugeben, während sie das Haus verließ und im Prätorium herumschlenderte. Der Tag war ungewöhnlich warm für die Jahreszeit gewesen und die Luft in ihrem Schlafzimmer drückend. Sie schob sich das Haar aus dem Nacken und suchte Erfrischung in der kühlen Abendluft. Während sie die Finger durch ihr Haar gleiten ließ, betrachtete sie den Neumond und fragte sich, ob wohl auch ihr Mann zu diesem Mond aufblickte. Die Luft war angenehm kühl, daher setzte sich Olivia  auf die Stufen des Steinhauses, streckte die Beine aus und gähnte. Ohne Maximus war das Lager ein einsamer Ort. Das Prätorium bildete nur einen verhältnismäßig kleinen Teil des gesamten Lagers - es umfaßte das Haus des Generals sowie die Zelte der hohen Offiziere - und Olivia langweilte sich schon bald. Sie war daran gewöhnt, auf großen Bauernhöfen zu leben, in völliger Freiheit hinzugehen, wo immer sie wollte, und die Beschränkungen ermüdeten sie. Sie sehnte sich nach jemandem, mit dem sie reden konnte.

Die Frauen, die das Lager bevölkerten, waren kaum der rechte Umgang für die Ehefrau des Generals, und die Offiziere neigten dazu, sie mit distanziertem Respekt zu behandeln. Die Männer sprachen sie mit "Herrin" an und nickten höflich, wann immer sie vorbeiging, aber niemand blieb stehen, um sich mit ihr zu unterhalten. Selbst Maximus' engster Freund, Quintus, hielt Abstand von ihr. Sie hatte ein paarmal versucht, ihn in eine Unterhaltung zu verwickeln, war jedoch kläglich gescheitert. Er zog es vor, für sich zu bleiben und schien schüchtern zu sein und in ihrer Gegenwart unsicher.
 

Der Eingang zu seinem Zelt lag direkt gegenüber von Maximus' Haus. Während sie auf den Stufen saß und hinüberschaute, konnte sie den Schein einer Lampe hinter dem Zelttuch sehen.

Quintus. Er war Maximus' bester Freund, aber Olivia wußte fast nichts über ihn.

Während sie die Erinnerungen durchging, die sie an Unterhaltungen mit ihrem Mann hatte, konnte sie sich ins Gedächtnis zurückrufen, daß er kürzlich geheiratet, und daß er den vergangenen Winter in Rom verbracht hatte. Aber darüber hinaus wußte sie fast nichts.

Jemand kreuzte den Schein der Lampe, und das Licht warf einen langen Schatten auf die Wand des Zeltes. Olivia fragte sich gedankenverloren, ob Quintus in seinem Zelt war, oder ob nur ein Diener den Raum in Ordnung brachte. Sie brauchte darüber nicht lange nachzudenken. Der Legat schlug die Zeltbahn vor dem Eingang zurück und fummelte an seiner Kleidung. Olivia blickte angestrengt durch die Dunkelheit, konnte aber nicht sehen, was er machte, bis sie das eindeutige Geräusch vernahm, welches verriet, daß er auf den Schotter urinierte. Dabei schwankte er leicht und bespritzte auch die Seite seines Zeltes mit Urin.

Er murmelte einen Fluch vor sich hin.

War er betrunken? Olivias plötzliches Lachen erschreckte Quintus so sehr, daß sein Strahl abriß und er sich umwandte, um sie etwas dümmlich anzuschauen; seine Tunika bauschte sich immer noch um die Hüften und sein Mund stand offen. Ja ... er war betrunken, stellte sie fest. "Keine Sorge, Quintus!" rief sie. "Ich bin mit vier Brüdern aufgewachsen. Nichts, was auch immer ein Mann tut, könnte mich erschrecken." Sie lachte wieder.

Sein benommenes Gehirn brauchte einige Augenblicke, um zu verarbeiten, was sie eben gesagt hatte, und das gab ihr die Zeit, um zu ihm hinüberzuschlendern. Er brachte hastig seine Kleidung in Ordnung und, haltsuchend nach der Wand seines Zeltes fassend, verneigte er sich vor ihr. "Ich bitte tausendmal um Verzeihung, Herrin", sagte er unsicher. "Ich vergaß, daß Du hier bist."

"Ja", antwortete Olivia, "es scheint, die meisten haben vergessen, daß ich hier bin." Sie legte den Kopf in den Nacken, blickte hinauf zu den Sternen und seufzte. "Quintus, ich langweile mich, und es ist so eine schöne Nacht. Bitte komm ein bißchen heraus und unterhalte Dich mit mir. Wir können uns auf die Stufen des Hauses setzen."

"Es tut mir leid, Herrin ...", er griff hinter sich nach dem Zeltpfosten, bekam aber nur Luft zu fassen und stolperte leicht, " ... aber ich muß --"

Olivia scheute sich nicht, zu einer kleinen Erpressung zu greifen. "Quintus, ich bin überrascht, Dich so ... unsicher anzutreffen. Ich dachte, das Lager sei in höchster Alarmbereitschaft, und Du würdest die Verantwortung tragen." Sie ließ die versteckte Drohung, daß sie Maximus informieren würde, unausgesprochen, warf ihm jedoch einen vielsagenden Blick zu.

Quintus hielt diesem Blick kurz stand und schätzte seine Möglichkeiten ab. Eine Wolke schien sich über seine Züge zu senken.

"Maximus würde so etwas niemals tun, nicht wahr?" Er sprach zu sich selbst, und in seiner Stimme schwang mehr als nur ein Hauch von Sarkasmus mit.

Olivia war von seinen Tonfall überrascht. "Quintus? Ist etwas nicht in Ordnung? Ärgerst Du Dich wegen irgend etwas über Maximus?" Keine Antwort. "Quintus?"

Sie seufzte wegen seiner Sturheit und beschloß dann, etwas anderes zu versuchen. "Komm und erzähl mir über Dein Leben. Es erscheint mir so seltsam, daß Du Maximus so gut kennst, aber  wir praktisch Fremde sind. Er spricht oft von Dir, weißt Du." Sie lächelte. "Gutes!" setzte sie eilig hinzu, als Quintus' düstere Miene sich weiter verfinsterte. "Er hat mir erzählt, daß Du den letzten Winter in Rom verbracht und geheiratet hast. Komm, erzähl mir von Deiner Frau. Wie heißt sie?"

Quintus entspannte sich keineswegs; im Gegenteil, seine Stimmung schien immer düsterer zu werden. "Ihr Name war Antonia", sagte er tonlos.

"War?" Olivia neigte den Kopf und runzelte die Stirn.

Quintus bohrte seine Stiefelspitze in den Schotter, in den losen Steinen bildete sich ein flacher Graben, dann wandte er sich um und verschwand in seinem Zelt. Olivia gab einen ärgerlichen Laut von sich und war im Begriff zu gehen, als Quintus wieder in der Türöffnung erschien. Er hielt einen Brief in der einen Hand und einen Weinkrug in der anderen. Er warf seinen Kopf nach hinten und ließ mehr Flüssigkeit in seine Kehle rinnen.

"Quintus, was ist geschehen?" Olivia machte einen weiteren Schritt in seine Richtung, den Blick auf den Brief geheftet. "Hast Du schlechte Nachrichten erhalten?"

"Meine Frau ist tot, Herrin. Sie starb schon vor Monaten. Ich habe es erst heute erfahren."

Olivia schluckte krampfhaft und machte einen vorsichtigen Schritt nach vorn, um nach ihm zu greifen, aber Quintus zog sich in das Zelt zurück. Unerschrocken folgte sie ihm. Sie machte sich keine Gedanken darüber, daß ihr Verhalten mißverstanden werden könnte. Mitten im Eingang blieb sie stehen.

Alles im Zelt war von unten nach oben gekehrt. Schubladen lagen über den Boden verstreut, ebenso Quintus' Kleidung, und ein Stapel Briefe türmte sich auf dem niedrigen Feldbett - die zerbrochenen Wachssiegel wie Blutflecke auf dem weißen Laken.

Olivia nahm die Szenerie in sich auf, dann wandte sie sich dem Mann zu, unsicher, was sie tun oder sagen sollte.

"Quintus, es tut mir so leid",  setzte sie unbehaglich an, denn sie war sich schmerzvoll bewußt, wie unpassend ihre Worte sein mußten. "Es muß furchtbar für Dich sein, Deine Frau zu verlieren ... "

Quintus zuckte mit den Achseln und nahm einen weiteren Schluck Wein, sein Gesicht blieb undurchdringlich.

Olivia war von seiner Reaktion verwirrt. Hatte er einen Schock? War er so betrunken, daß er nichts mehr empfand? Sie schob einige der Briefe zur Seite und versuchte, Quintus zu bewegen, sich auf der Kannte der Bettstatt niederzulassen. "Erzähl mir davon ..."

Quintus starrte, während er sprach, auf die Briefe. "Wir haben geheiratet. Sie wurde schwanger. Ich kehrte hierher zurück. Sie bekam das Kind. Sie starb." Ein irres Lächeln lag für einen Augenblick auf seinen Zügen, dann war es wieder verschwunden. "Mehr gibt es nicht zu sagen."

"Starb sie ... starb Antonia ... während der Geburt?"

Quintus nickte, ließ seine Finger über den Rand des Weinkrugs gleiten, während er weiter vor sich hinstarrte.

"Sie mußten sie schneiden."

"Um das Baby zu retten?"

"Eine Tochter."

Olivia blickte auf ihre Hände, "Es tut mir so leid, Quintus. Es muß furchtbar sein, jemanden zu verlieren, der Dir nur so kurze Zeit gehört hat."

"Du brauchst mich nicht zu bemitleiden, Herrin. Ich tue es auch nicht. Ich sah meine Frau zum erstenmal vor dem Altar." Seine Stimme wurde weich. "Ich kannte sie nicht einmal." Quintus blickte Olivia direkt an, während er mit Nachdruck weitersprach. "So geschieht es gewöhnlich, weißt Du. Die Menschen heiraten nicht aus Liebe ... außer Maximus, natürlich."

Und da war sie wieder, die Bitterkeit.

Olivia beobachtete ihn aufmerksam, während er den Inhalt des ersten Kruges leerte, dann unter seinem Bett nach einem weiteren kramte und den Korken mit den Zähnen herauszog.

"Aber Du hast ein Kind ..."

"Eine Tochter." Sein Kiefer verkrampfte sich. "Maximus hat einen Sohn, natürlich."

Olivia zog die Luft krampfhaft ein, Erinnerungen an Maxima schossen ihr durch den Kopf. Ihre vollkommenen, kleinen Finger ... die sanfte Rundung ihres Kinns ... das hellste, glockenklarste Lachen, das Olivia nur je in ihrem Herzen vernommen hatte. Die Enttäuschung des Mannes über das Geschlecht seines Kindes war wie eine Ohrfeige für sie. Wie konnte er so etwas sagen? Er wußte, daß Maximus eine Tochter verloren hatte ... daß er immer noch um sie trauerte. Wie konnte er es wagen, so etwas Gefühlloses zu sagen? "Deine Tochter ist am Leben, Quintus." Sie sagte es finster, während sie sich erhob.

"Herrin, setz Dich."

"Nein. Ich glaube nicht, daß ich mich weiter mit Dir unterhalten möchte."

 "Bitte ..."

Olivia ging weiter und versuchte, ihre eigenen Tränen zurückzuhalten, während sie die Zeltbahn vor dem Eingang zurückschob.

"Herrin ...", hörte sie seine Stimme hinter sich, als sie in die Nacht hinaustrat. Sie versuchte, nicht auf diese Stimme zu hören, während sie auf die Stufen des Hauses zueilte. "Ich habe sie getötet", flüsterte er heiser.

Endlich wandte sich Olivia um und war überrascht, als sie Quintus in der Zeltöffnung stehen und sie beobachten sah. Sein Gesicht wirkte angespannt,  gehetzt, so als ob der reichliche Alkoholkonsum seine Gefühle nicht länger im Zaum halten konnte. Er war einsam, durchfuhr es Olivia blitzartig. Verängstigt. Fühlte sich schuldig.

Seine Worte schmerzten noch immer, aber Olivia versuchte, ihren Ärger zu unterdrücken, und widerstrebend ging sie zum Zelt zurück. Sie fand einen Stuhl neben der Tür und nahm steif darauf Platz, während die Worte aus ihm hervorzusprudeln begannen.

"Sie war siebzehn", sagte Quintus und drehte den Brief in seiner Hand hin und her, "und schön. Eines Tages wird mich Clara ... das ist der Name des Babys, natürlich ...", sagte er und suchte dabei Olivias Augen. "Eines Tages wird mich Clara nach ihr fragen, und dann ist das alles, was ich über sie weiß. Siebzehn ... und sie verblutete auf einem Bett, um mein Kind zur Welt zu bringen." Quintus setzte an, den Weinkrug abermals hochzuheben, aber er hielt inne, bevor er seine Lippen erreichte, setzte ihn geräuschvoll auf den Boden und langte statt dessen nach einem anderen Brief, der mit den übrigen auf seinem Bett verstreut lag. Olivia betrachtete sie zum erstenmal, und schloß aus der nahezu identischen Beschriftung, daß sie von derselben Person stammten.

"Ich habe sie nicht geliebt." Die Worte waren vorwurfsvoll. "Ich hätte sie lieben sollen, nehme ich an. Ich ... ich weiß es nicht, Olivia. Maximus ...", trotz der Dunkelheit spiegelten seine Züge diesmal Verwirrung wider, "Maximus macht alles mit solcher Leichtigkeit ... Stärke ... Ehre ... Liebe ..."

"Du hast Unrecht", sagte Olivia leise und dachte wieder an Maxima. "Auch er leidet."

"Liebe. Ich glaube, ich weiß nicht einmal, was das überhaupt bedeutet ... Vertrauen? Worin unterscheidet sich das von dem, was ich hier mit meinen Männern teile? Kameradschaft? Ich fühle mich nie zu Hause. Sex?" Er lachte bitter. "Den kann ich von den Huren bekommen." Er schaute abermals auf die Briefrollen. "Sie sagte, daß sie mich liebte ..."

Olivia erkannte plötzlich, daß all die Briefe von Antonia stammten. Nur einige wenige Siegel waren erbrochen.

"Ich habe sie nie gelesen." Quintus schien dem Weg ihrer Gedanken zu folgen. "Ich habe sie nie gelesen - bis heute nacht. Ich war ... beschäftigt." Er atmete tief durch und blickte Olivia in die Augen. Zum erstenmal hatte sie den Eindruck, Tränen hinter seinem stählernen Blick zu erkennen.

"Warum?" Die Frage klang bedauernd aber gleichzeitig auch ärgerlich.

"Warum?" fragte Olivia wie ein Echo.

"Warum sollte irgend jemand mich lieben können? Ich habe sie nicht darum gebeten." Eine Träne lief seine Wange herab. Er wischte sie schnell weg, versuchte, die Gebärde hinter dem Schlagen nach einem imaginären Insekt zu verstecken. "Ich wollte es nicht. Warum konnte es nicht einfach ... normal bleiben?"

"Es ist nur normal, glücklich sein zu wollen." Olivias Stimme war sehr sanft. Sie dachte an die Briefe, die sie so häufig an Maximus geschickt hatte ... die Zeichnungen. Wie furchtbar, sich vorzustellen, daß er sie nie gelesen haben könnte. Sie begann, Mitleid mit dem armen toten Mädchen zu empfinden, das sie nie gekannt hatte. "Besonders wenn Du so jung bist, Quintus." Quintus' Gesicht war von Schuld gezeichnet. Seine Augen flehten Olivia um Beistand an. Sie fragte sich - und es war eine müßige Frage - , ob die beiden je eine Chance zum Glücklichsein gehabt hatten. Wie glücklich sie und Maximus doch waren. Glücklich zu sein war etwas so Seltenes und Flüchtiges.


"Sie muß Dich gemocht haben", sagte Olivia nach einer langen Pause. Sein Gesicht entspannte sich leicht. "Und Sie ... Sie mißfiel ... Dir nicht."

"Ich mochte es, mit ihr zu schlafen", sagte Quintus ausdruckslos. "Deshalb ist sie jetzt tot."

"Das hätte jedem passieren können, Quintus. Es wäre jedem passiert. Wenn Du es nicht gewesen wärst ...

"Aber ich bin es gewesen", sagte er leise. "Ich bin es gewesen ..." Er starrte wieder vor sich hin, seine Augen so glasig wie der Weinkrug, der vor ihm auf dem Boden stand.

Olivia hatte endlich das Gefühl, daß ihre Unterhaltung beendet war. Wahrscheinlich würde sich Quintus am Morgen nicht mal daran erinnern, und möglicherweise wäre es so auch am besten. Sich leise bewegend steckte Olivia den Korken wieder in den Weinkrug und löschte die kleine Lampe aus. "Du mußt schlafen, Quintus", sagte sie sanft. Sie legte ihre Hand auf seine Schulter und drückte ihn mit sanfter Gewalt zurück auf sein Bett.

Er gehorchte. Mit einem Seufzer der Erleichterung begab sich Olivia zum Ausgang des Zeltes.

"Siebzehn." Sein Flüstern klang unheimlich in der Dunkelheit. "Tot."

 

 Kapitel 79 - Erinnerungen

Maximus drehte den Brief in seinen Händen um und um und fragte sich, wer ihn geschrieben haben mochte. Er hatte ihn von Rom aus über Vindobona erreicht, und Maximus hatte ihn unter dem üblichen Stapel von militärischen Botschaften und den täglichen Sendungen von Olivia beinahe übersehen. Es war früher Abend, und Cicero werkelte im Zelt herum, zündete die Lampen an und versuchte, die spartanischen Wohnräume für den General so wohnlich wie möglich zu gestalten. Daran gewöhnt, Maximus jeden Wunsch von den Augen abzulesen, schob er die Lampe über den Tisch, um den Brief besser zu erhellen, während Maximus sich setzte und die Neugier deutlich auf seinem Gesicht zu lesen war. Ohne aufzublicken streckte der General seine Hand aus, und Cicero reichte ihm augenblicklich einen Becher mit gewürztem Wein.

"Alles in Ordnung, Herr?"

Maximus blickte Cicero überrascht an. "Ja. Warum?"

"Du schaust diesen Brief so finster an."

Das Gesicht des Generals hellte sich auf und er lächelte. "Ich habe gar nicht gemerkt, daß ich so finster dreinblicke. Ich kann mir nur nicht vorstellen, wer mir in Rom einen persönlichen Brief schreiben sollte. Das Siegel ist mir unbekannt."

"Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden", sagte Cicero und blickte demonstrativ auf den Papyrus. "Kann ich Dir noch irgend etwas bringen, Herr?"

"Nein, Cicero, danke." Maximus war wieder ganz mit dem Brief beschäftigt. "Ich lese meine Post und esse später zu Abend." Cicero verließ leise das Zelt, während Maximus seinen Daumennagel unter das Wachs schob, das Siegel erbrach und sich in seinem Stuhl zurücklehnte, nachdem er in ungewöhnlich nachlässiger Haltung einen Fuß samt Stiefel auf den Tisch gelegt hatte. Er gähnte herzhaft und fuhr sich mit einer Hand durch das kurzgeschnittene Haar wie er es gewöhnlich tat, wenn er müde war. Das andauernde Warten auf den Kampf forderte seinen Tribut von Maximus' Nerven, und er begann, sich zu fragen, ob er mit seiner Vermutung richtig lag, daß Castra Regina das nächste Ziel für den Zorn der Germanen sein würde.

Maximus suchte nach einer Ablenkung und entrollte daher zuerst den Papyrus, hielt ihn schräg, damit das Licht besser darauf fiel, und seine Mundwinkel hoben sich in einem kleinen, angedeuteten Lächeln, während er las.

 

Julia Servilia an General Maximus Decimus Meridius, Kommandant der Truppen des Nordens, viele Grüße!

Zuallererst bete ich für Deine Gesundheit und Sicherheit. Mögen die Götter Dich vor Gefahr beschützen und Dir Stärke schenken, um Deine vielen Pflichten erfüllen zu können.

Ich kam in Rom nach einer langen und ereignislosen Reise an, die Legion des Imperators war mehr als ausreichend, um uns vor den Gefahren der Straße zu beschützen. Kurz nachdem wir Dich verlassen hatten, wurde das Wetter schlecht und verursachte uns einige Aufhaltung. Aber ich erreichte die Stadt bei guter Gesundheit und ebenso die anderen Frauen.

Nach zweijähriger Abwesenheit fand ich Rom anders vor, als ich mich seiner erinnerte, noch lebendiger und bunter. Die finanzielle Unterstützung des Kaisers war mehr als großzügig - die Götter mögen ihn segnen und ihm ein langes Leben schenken - und ich richtete mich in einem Apartment in einer ruhigen Gegend ein. Die anderen Frauen zogen es vor, näher am Forum zu verbleiben, aber es war mein dringender Wunsch, an einem zurück gezogeneren Ort zu leben. Deshalb trennten sich unsere Wege, und obwohl zum erstenmal in meinem Leben auf mich selbst gestellt zu sein am Anfang ungewohnt war, beschwere ich mich nicht darüber, allein zu sein. Die Götter seien meine Zeugen, daß ich der Einsamkeit dringend bedurfte. Das erste Jahr meines Lebens als Freigelassene verlief ohne besondere Ereignisse und ich war damit mehr als zufrieden.

Während dieses ersten Jahres verbrachte ich die meiste Zeit allein in meinem Apartment und ging nur selten aus, um auf dem Markt meines Viertels einzukaufen, was ich brauchte, und um die Bäder aufzusuchen. Ich habe niemals die Theater oder die Spiele besucht und es vorgezogen, meinen Geist mit Lernen, schönen Dingen und dem Lesen von Büchern zu beschäftigen, die zu lesen ich mir immer gewünscht hatte, aber nie in der Lage war, da ich, wie Du weißt, General Maximus, in anderen Dingen ausgebildet wurde und meine Bildung unvollkommen war. Ich weigerte mich, einen griechischen Sklaven als Lehrer zu kaufen, da ich nicht fähig war, anderen das anzutun, was ich selbst erlitten hatte, seit ich geboren war, und was ich noch immer erleiden würde, wenn die Götter mir nicht ihre Barmherzigkeit erwiesen und sich unsere Wege hätten kreuzen lassen.

Statt dessen stellte ich einen erfahrenen Freigelassenen, Apollinarius, an, um mich zu unterrichten, und nachdem mein Geist gesundet war, engagierte ich ein Hausmädchen, um für mich und das Apartment zu sorgen. Sie war es, die einen weiteren Wechsel in meinem Leben herbeiführte. Sie und ihr Ehemann betreuten das Apartment eines meiner Nachbarn, eines reichen Reeders, der die meiste Zeit auf seinen Werften und in den Häfen des Reiches verbrachte. Dieser Mann, sein Name war Marius Servilius Tibullus, kam kurze Zeit später nach Rom zurück, und ich traf ihn zufällig, als ich mit Nicia, meinem Hausmädchen, zum Markt ging. Er blieb drei Monate in der Stadt und begann schon bald, um mich zu werben. Bevor er zu seinen Werften zurückkehrte, die er wegen seines langen Aufenthaltes in Rom vernachlässigt hatte, machte er mir einen Antrag. Ich hatte niemals an mich als an eine verheiratete Frau gedacht, General Maximus, aber einst, als ich sehr unglücklich war, hattest Du mir gesagt, daß ich eines Tages jemand ganz Besonderen finden würde. Zu jenem Zeitpunkt hatte ich Dir keinen Glauben schenken wollen, aber Du hast Dich als der Klügere von uns beiden erwiesen.

Ich wollte Marius Servilius Tibullus gegenüber aufrichtig sein; daher sagte ich ihm, daß ich als Sklavin geboren war und erst vor kurzem dank der Güte eines großen römischen Generals und des Kaisers selbst - die Götter mögen Euch beide segnen - die Freiheit erlangt habe. Marius Servilius Tibullus akzeptierte mich trotzdem und kurze Zeit später wurde ich seine Frau, zog mit ihm und wurde auch die Herrin seines Gutes. Als Hochzeitsgeschenk gewährte mir mein Gemahl den Wunsch, in unserem Haushalt keine Sklaven zu halten und ließ jene, die er besaß frei, so daß Sklaven nur noch auf seinen Werften arbeiteten.

Dank Apollinarius' Unterricht war ich in der Lage, meine neuen Pflichten zu erfüllen und meinem Gemahl eine würdige Ehefrau zu sein. Obwohl ich die meiste Zeit damit verbringe, das Gut und den Haushalt meines Gemahls zu verwalten, finde ich dennoch ein wenig Zeit, um zu lesen, zu schreiben und all die schönen Dinge zu genießen, die Apollinarius mich so geduldig gelehrt hat. Vielleicht werde ich zukünftig auch einige Reisen unternehmen, obwohl die Erinnerung an meine letzte Reise keine angenehme ist.

Mein Leben unterscheidet sich nun grundlegend von dem, das ich führte, als unsere Wege sich kreuzten, General Maximus, ein Leben, von dem nur zu träumen ich nie gewagt hätte und welches ich niemals führen könnte, wäre ich Dir nicht begegnet. Ich verdanke Dir meine Freiheit und mein Leben; mögen die Götter es Dir vergelten so wie ich niemals dazu werde in der Lage sein, ganz gleich, wie lange ich leben werde. Ich gedenke Deiner täglich in meinen Gebeten und bitte die Götter, Dir Deine Gesundheit zu erhalten und Dir ein langes, glückliches Leben zu schenken.

Auszuhändigen in Vindobona an General Maximus Decimus Meridius, Kommandant der Truppen des Nordens. Auszuhändigen im Lager der Legion Felix III.

 

Maximus las den Brief ein zweitesmal und ließ dann die Hände in seinen Schoß sinken, während eine seltsame Mischung von Gefühlen über sein beschattetes Gesicht huschte. Er strich sich gedankenverloren mit der Hand über den Bart, während er aus seinen Erinnerungen Julias Bild heraufbeschwor. Er konnte sie so deutlich sehen, als würde sie leibhaftig vor ihm stehen. Groß, schlank mit üppigen Rundungen, ein langer, dichter Schleier aus rot-goldenem Haar, weiße Haut und strahlend blaue Augen. Sie war einfach umwerfend gewesen.

Maximus hatte durch einen Agenten in Rom Nachforschungen über Julia anstellen lassen; sechs Monate nach ihrer Freilassung aus der Sklaverei. Er war um sie besorgt, nachdem sie zum erstenmal in ihrem Leben auf sich selbst gestellt war, und er war auch neugierig gewesen, welchen Verlauf ihr Leben genommen haben mochte. Er hatte inständig gehofft, daß sie nicht gezwungen  gewesen war, ihren Körper zu verkaufen, und er war entschlossen, ihr jegliche weitere finanzielle und moralische Unterstützung zukommen zu lassen, die sie benötigte, um sie vor einem solchen Leben zu bewahren. Aber sie war einfach verschwunden ... der Agent war nicht in der Lage gewesen, sie ausfindig zu machen ... und dieser Brief erklärte warum.

Julias Schönheit wurde nur von ihrer scharfen Intelligenz und ihrem Mut übertroffen, und Maximus fragte sich, welcher Mann sie zur Ehe hatte verleiten können. Es war keine arrangierte Ehe gewesen, somit war sie die Verbindung freiwillig eingegangen. Julia teilte in dem Brief über ihren Ehemann nichts weiter mit, als daß er reich sei ... so mag das vielleicht der Grund für ihre Ehe gewesen sein.

Sicherlich war er ebenfalls jung und sehr ansehnlich ....

Maximus warf den Brief zur Seite und beschäftigte sich mit seiner übrigen Post, während er die unwillkommenen Gefühle zu unterdrücken versuchte, die an seinem Magen nagten. Obwohl er Julia in dem Bewußtsein nach Rom geschickt hatte, sie niemals wiederzusehen, hatte er doch im Geheimen gehofft, daß es eines Tages geschehen werde. Dies schien nun, da sie beide verheiratet waren, jedoch unwahrscheinlich.

Beunruhigt stand er auf und drehte dem Schreibtisch den Rücken zu. Nachdem er einige Minuten seine übrige Post geordnet und wieder umgeordnet aber nicht gelesen hatte, warf er sie zurück auf den Tisch und nahm abermals Julias Brief zur Hand. Warum hatte sie ihn geschickt? Der Brief war förmlich korrekt und höflich, er wurde mit seinem Titel und Rang angeredet, und dennoch war da auch ein Anflug von Vertrautheit, denn sie erinnerte ihn mehr als einmal an ihre kurze gemeinsame Zeit am Schwarzen Meer, während derer sie Intrige ... und Intimität geteilt hatten.

"General? Genießt Du die Party nicht?"

Maximus wandte sich um und fand sich einem üppigen Rotschopf gegenüber,  den er zuvor in den Armen eines grauhaarigen Tribuns gesehen hatte. "Nein", sagte er schlicht und machte Anstalten sich abzuwenden.

Sie griff nach seinem Arm und zog ihn mit überraschender Kraft zurück, dann preßte sie ihre Brüste gegen seinen Brustpanzer, während ihre Hand seinen Nacken liebkoste und ihre Lippen sein Ohr streiften. "Ich habe Nachrichten für Dich, Herr." Sie zog sich zurück und lächelte mit ihren korallenrot gefärbten Lippen und den unter dichten Wimpern verborgenen strahlend blauen Augen in sein überraschtes Gesicht. Sie hatte makellose, milchweiße Haut und ihr rot-goldenes Haar fiel in üppigen Wellen bis zu ihren Hüften hinab. Sie trug eine weiße, mit Goldfäden durchwirkte Tunika, die im Lampenlicht glitzerte. Diese enthüllte die Spitzen ihrer vollen Brüste und ein goldener geflochtener Gürtel umschloß sie eng an der Taille. Der weiche Stoff schmiegte sich um ihre Hüften und öffnete sich vorn, um den Blick auf ihre langen, wohlgeformten Beine freizugeben. Maximus konnte nur noch starren.

Die Frau war nur wenige Zentimeter kleiner als Maximus und sie hielt seinem Blick mühelos stand. Ihre Stimme war leicht heiser, als sie flüsterte: "Komm und setz Dich hin, General. Ich habe bemerkt, daß Du keinerlei Speise zu Dir genommen hast." Sie lächelte. "Später können wir intimer werden."

Er weigerte sich, ihr zu folgen. "Wie ist Dein Name?"

"Julia."

"Julia", wiederholte Maximus, ohne zu wissen warum.

Sie erwähnt in dem Brief keine Kinder. Hatte sie ein Kind? Maximus hielt den Papyrus an seine Nase und roch daran. Was hatte ihn nur bewogen, das zu tun?

"General, dieses Leder sieht so heiß und steif aus. Warum erlaubst Du nicht, daß ich Dir da heraushelfe." Er hob gehorsam die Arme und sie machte sich geschickt an den Schnallen zu schaffen. Und bald schon stand der Brustharnisch auf dem Boden neben dem Tisch. "Das ist besser." Julia trat einen Schritt zurück, um ihn zu bewundern. Maximus trug nun nur noch eine schlichte weinrote Tunika aus leichter Wolle, die kaum seine breiten Schultern verbarg und bis zur Mitte seiner Oberschenkel reichte. Um die Taille wurde sie mit einem breiten Ledergürtel zusammengehalten. Seine muskulösen Beine waren nackt bis auf die geschnürten Stiefel, die seine Waden umschlossen. "Es ist sehr heiß hier drinnen, General. Wären Sandalen nicht viel bequemer? Ich könnte ein Paar ... "

"Ich bin an Stiefel gewöhnt. Es ist in Ordnung so."

"Was immer Du wünschst." Julia war sich völlig im Klaren, daß viele Frauen im Raum sie neidisch beobachteten, selbst während sie andere Männer bedienten. Sie würde ihnen auf keinen Fall erlauben, diesen hier in ihre Finger zu bekommen und sie positionierte sich selbst so, daß sie den anderen den Blick versperrte, nachdem Maximus sich einmal gesetzt hatte.

Maximus kam sich reichlich lächerlich vor, als er sich auf dem Ruhelager ausstreckte und von einer Frau füttern ließ, aber er war entschlossen, ihre Sicherheit nicht zu gefährden, nur weil er nicht kooperierte. Er spielte mit ihrem Haar, während sie kleine Bissen von den Speisen auswählte und sie zu seinem Mund führte. Er küßte ihre Finger, bevor sie sie wieder zurückzog. Er ließ seine Hände über die seidige Haut ihrer Arme wandern - ein Zittern durchlief ihren Körper, und sie lächelte ihm zu.

Maximus schluckte den Bissen hinunter, den er gerade im Mund hatte, dann fragte er: "Wo kommst Du her, Julia?"

Sie hielt mitten auf dem Weg zwischen dem Teller und seinem Mund inne. "Ich bin in Rom geboren."

"Du bist eine Sklavin?"

Sie nickte.

"Wie kam es dazu?"

"Ich bin als Sklavin geboren, Herr. Ich weiß nicht, wer meine Eltern sind." Sie lehnte sich vor und küßte ihn - ein langer und sehnsüchtiger Kuß. Bevor sie sich wieder aufsetzte, flüsterte sie: "Du stellst zu viele Fragen."

Er gab nicht nach. "Wie alt bist Du?"

"Ich weiß es nicht genau. Ungefähr siebzehn, denke ich."

Maximus trank seinen Wein, während er sie betrachtete. Sie war ganz einfach die schönste Frau, die er jemals gesehen hatte oder die er sich vorstellen konnte. Es wurde ihm übel bei dem Gedanken, daß sie Cassius' Spielzeug war oder das eines jeden beliebigen Offiziers, der sie haben wollte. Er seufzte schwer bei dem Gedanken an all die Dinge, die sie vermutlich in ihrem jungen Leben bereits zu tun gezwungen gewesen war.

Julia war besorgt. "Ich mache Dich nicht glücklich." Sie ließ ihre Hand seinen Schenkel hinaufgleiten und unter seine Tunika, bevor er ihr Handgelenk ergriff und sie stoppte. "Bitte, General, sie werden merken, daß etwas nicht stimmt", flüsterte sie eindringlich. "Ich bin gewöhnlich so gut darin, Männer zu befriedigen."

Er lockerte seinen Griff um ihr Handgelenk, ließ sie aber nicht los. "Ich bin verheiratet", sagte er ruhig.

"Das sind die Hälfte der Männer hier. Cassius ist verheiratet." Ihre Augen flehten ihn an.

Er seufzte abermals. "Komm her", sagte er indem er ihren Körper auf den seinen zog, ihre Beine zu beiden Seiten seiner Hüften, ihre Brüste gegen seine Brust gepreßt. Mit einer Hand streichelte er ihren Rücken, dann ihren Po, und mit der anderen drehte er ihr Gesicht gegen seinen Hals. Er flüsterte in ihr Ohr. "Julia, ich möchte dein Leben nicht in Gefahr bringen. Aber verstehe mich bitte, ich habe meiner Frau das Versprechen gegeben, ihr treu zu bleiben, und ich werde dieses Versprechen halten, ganz gleich wie schwer es ist und ganz gleich wie sehr ich Dich begehre. Nun küß mich, und dann werden wir zu einem der Gemächer am Ende des Raumes gehen, wo eine Unterhaltung nicht so riskant ist." Er drehte sein Gesicht zur Seite und nahm ihren Mund mit einem Kuß gefangen, der ihre Sinne taumeln ließ, während seine Zunge ihren geöffneten Mund erkundete. Als er den Kuß beenden wollte, ließ sie es nicht zu und schloß ihren Mund über den seinen. Sie wußte, daß er erregt war, aber auch sie selbst war es - und das erschreckte sie. Endlich zog sie ihre Zunge aus seinem Mund zurück und küßte zärtlich seine geschlossenen Augen, während er sich bemühte, seinen Atem wieder unter Kontrolle zu bringen.
"Maximus", flüsterte sie.

Seine Augen öffneten sich schlagartig. "Nenn mich nicht so", knurrte er.

Sie liebte seine tiefe Stimme. "Warum nicht?"

"Es ist zu ... zu ... vertraut. Nenn mich 'General'."

"Maximus, ich liege auf Dir. Beinahe nichts trennt unsere Körper, und Du denkst, daß es zu vertraut sei, Dich bei Deinem Namen zu nennen?" Sie lachte und küßte ihn abermals.

Ihm fiel keine Antwort auf diese Bemerkung ein, und sie nutzte sein Schweigen aus, um sich an seine Brust zu kuscheln, mit Genugtuung hörend, daß sein Herz ebenso stark schlug wie das ihre. Er schlang seine starken Arme um sie und hielt sie fest.

"Maximus", seufzte sie gegen seine Brust. "Dieser Name paßt zu Dir. So stark." Sie lag einige Momente still, bevor sie sich aufstützte und ihm ins Gesicht blickte, während ihre Finger sein dichtes Haar zerzausten. "Aber so zärtlich." Ihr Ton war beinahe ungläubig. "Männer sind nicht oft zärtlich zu mir, Maximus. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals zuvor in den Armen gehalten worden zu sein."

Zu Julias Verblüffung  knurrte Maximus: "Du bist eines von dem, für das ich Cassius werde teuer zahlen lassen." Mit diesen Worten rollte Maximus Julia auf die Seite und fing sie auf, bevor sie von dem Ruhelager fiel, einen Arm unter ihren Knien und den anderen unter ihren Armen. Er hob sie hoch als ob sie Luft wäre und drückte sie gegen seine Brust, während er auf einen kleinen, mit Vorhängen abgetrennten Raum zuging, über alles, was ihm im Wege stand, hinüberstieg oder es einfach zur Seite stieß.

Maximus starrte vor sich hin auf die Zeltwand aus Leinen, die Erinnerungen an Julia überfluteten seinen Geist. Er konnte sie beinahe in seinen Armen spüren, sie hören, sie riechen ...

"Schhh ..." Maximus hatte eine leichte Bewegung des Vorhanges wahrgenommen, und ein winziger Lichtstrahl bewegte sich über den Boden. Wer immer in jenem anderen Raum war, wurde langsam neugierig oder ungeduldig. Das Licht verschwand. "Julia, wir müssen irgend- welche Geräusche machen. Irgendwelche ... leidenschaftlichen Geräusche."

Trotz ihrer gefährlichen Lage konnte Julia nicht umhin, ihn ein wenig zu necken. "Dann mußt Du wohl doch Liebe mit mir machen, Maximus."

"Nein. Ich habe Dir gesagt ..."

"Ja, ja. Ich necke Dich doch nur ein bißchen. Keine Sorge, ich kann mich gut verstellen. Das ist etwas, was ich sehr häufig tue, glaube mir."

Julia ließ ihren Kopf an seiner Schulter ruhen, schloß ihre Augen und erlaubte ihren Atemzügen, tiefer zu werden.

"Kannst Du mir zuhören, während Du das tust?"

Sie nickte und untermalte ihre Atemstöße mit einigem Stöhnen.

Maximus fuhr fort: "Sage Marcellus, daß ich ursprünglich beabsichtigte, Cassius so lange hinzuhalten, bis Marcus Aurelius hier ankommen würde, aber ich habe keine Ahnung, wann das sein wird, und so ist der Plan, Cassius zu töten, der im Moment einzig sinnvolle."

Julia nickte und produzierte tief in ihrer Kehle ein heiseres Stöhnen.

Maximus' eigener Atem begann schneller zu werden, und Julia lächelte zufrieden, als sie es fühlte.

"Oh , General", murmelte sie, "oh, mach das noch einmal." Sie bewegte ihre Hüften gegen seine, und er griff nach ihrem Po, um ihn ruhig zu halten, zog seine Hände aber plötzlich zurück, als ob er Feuer berührt hätte. Julia küßte sanft die struppigen Barthaare an seinem Hals, bevor ihre Atemzüge wieder an Geschwindigkeit und Intensität zunahmen. Sie war sich wohl bewußt, daß ihre Leidenschaft alles andere als nur vorgetäuscht war. Während sie sich an Maximus lehnte war es nur zu einfach sich vorzustellen, daß er sie mit seinen starken Armen hochhob und sie auf seine Hüften setzte, während er ..."

"Julia, sage Marcellus, er soll mit seinem Plan fortfahren, und daß ich ihm die Unterstützung geben werde, die er braucht. Um dies tun zu können, muß ich ganz in der Nähe sein, wenn er die Tat ausführt. Es ist sehr wichtig, daß er es tut ... einer von Cassius eigenen Männern ... um den anderen zu zeigen ... Julia? Julia? Hast Du mir zugehört?" flüsterte Maximus eindringlich.

"Ja ... " Ihre Sprache klang träumerisch und ihre Hüften preßten sich wiederum gegen seine, aber Maximus wußte, daß ihr Handeln nun jenseits aller bewußten Kontrolle war. Sie war hoch erregt, und er befürchtete, daß sie jede Konzentration verlöre. Er schüttelte sie leicht.

"Julia, hör mir zu. Ich werde schwer bewacht. Es wird schwierig für mich, meine Wachen abzuschütteln, aber möglicherweise kann ich  mit Claudius' Hilfe nachts hinausschlüpfen." Maximus warf abermals einen Blick auf den Vorhang und sah, wie er sich bewegte, vor und zurück in schnellem Rhythmus als ob sich jemand dagegen lehnte und schwer atmete. Julias Vorstellung erregte nicht nur sie selbst ... und ihn.

Maximus atmete ein paarmal tief durch, kämpfte mit sich selbst, um die Kontrolle über seine Gefühle zu behalten, nahm Julia dann mit einer schnellen Bewegung in die Arme und legte sie auf das Ruhebett, dessen hölzerne Füße unter Protest leicht knarrten. Maximus stand neben der Couch und sah Julia an, während er auf einem Bein balancierte und sein anderes Knie vorsichtig hoch zwischen ihre gespreizten Schenkel schob. Sie langte nach ihm, um ihn an sich zu ziehen, aber er schüttelte den Kopf und ergriff ihre Hände, um sie wegzuschieben. Nur ein kleinwenig Druck war nötig, und sie wölbte ihren Rücken, während ein Zittern ihren Körper durchlief, und sie seinen Namen schrie. Augenblicke später war ein tiefes Stöhnen von der anderen Seite des Vorhanges zu vernehmen. Maximus biß frustriert die Zähne zusammen - als einziger des Trios blieb er unbefriedigt.

Er konnte sich nicht daran erinnern, eine Frau jemals so begehrt zu haben wie Julia in jener Nacht ... nicht seine Frau ... nicht Lucilla. Sein Verlangen nach Julia war wie ein körperlicher Schmerz gewesen. Aber er hatte sie benutzt, so wie jeder andere Mann, wenn auch auf andere Art und aus einem anderen Grund. Maximus betrachtete den Brief, den er mit der Hand umklammert hielt. Sollte er antworten? Was hoffte sie von ihm zu hören? Was sollte er ihr sagen? Was wollte er ihr wirklich sagen?

Julia seufzte schwer, und Maximus konnte die Tränen in ihren Augen glitzern sehen. Die Worte kamen nur zögernd über ihre Lippen. "Was Du für mich getan hast ... war es nur, weil Du es tun mußtest?"

Maximus antwortete nicht, weil er die Antwort wirklich nicht wußte. "Julia, eines Tages wirst Du jemand finden. Jemand ganz Besonderes", sagte er.

"Maximus, ich bin eine Sklavin." Ihre Worte klangen beinahe erstickt, da zurückgehaltene Tränen ihr die Kehle zuschnürten.

"Wenn Cassius tot ist, dann wirst Du frei sein. Du hast es verdient und auch die anderen Frauen."

"Aber Dich gibt es nur einmal. Und Du bist bereits vergeben."

Maximus setzte sich an den Tisch und zog ein neues Papyrusblatt hervor, dann tauchte er die Feder in die Tinte. Er begann zu schreiben:
General Maximus Decimus Meridius, Kommandant der Truppen des Nordens, an Julia Servilia, Grüße auch an Dich.
Nachdem er die Anrede geschrieben hatte, wußte Maximus nicht, was er als nächstes sagen sollte. Wieder starrte er auf die Wand des Zeltes und seine Gedanken kehrten zurück an das Schwarze Meer.

Julia blickte von ihrem Platz auf dem Pferd, das sie nach Rom tragen würde, hinab zu Maximus.

"Werde ich Dich jemals wiedersehen?" fragte sie.

"Nein", kam die schlichte Antwort, aber Maximus' Stimme war sanft und freundlich.

Sie lächelte ihn an. "Das dachte ich mir."

Er erwiderte ihr Lächeln. "Du wirst damit beschäftigt sein, Dich in Deinem neuen Leben einzurichten." Er berührte ihren Fuß. "Bist Du sicher, daß Du nicht doch lieber in dem Wagen reisen möchtest?"

Sie schüttelte den Kopf - ihre rotgoldenen Locken waren von genau dergleichen Farbe wie die frühe Morgensonne. "Nein, ich fühle mich dort zu eingesperrt, und ich habe genug davon, eingesperrt zu sein."

Maximus nickte verständnisvoll.

Julia zögerte kurz und sagte dann: "Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen. Ich werde niemandem sagen, daß ich den großen römischen General persönlich kenne."

Ein Stirnrunzeln wurde deutlich bei ihm sichtbar. "Warum sollte ich mir deshalb Sorgen machen?"

Julia starrte auf einen Punkt außerhalb des Lagers. "Ich möchte Dich nicht beschämen."

"Julia." Maximus schüttelte ihren Fuß. "Julia, schau mich an."

Widerstrebend tat sie dies und er sah Tränen in ihren Augen schimmern.

"Ich bin stolz darauf, eine Frau von solchem Charakter, solcher Stärke und Intelligenz zu kennen. Was Cassius Dir angetan hat, dafür konntest Du nichts. Wenn Du Dich ihm widersetzt hättest, hätte er Dich getötet. Das weißt Du."

Sie nickte und tat einen unsicheren Atemzug, dann blickte sie abermals in die Ferne. "Ich wünsche Dir ein sehr langes und glückliches Leben, Maximus."

"General?"

"General Maximus?"

"General!"

Erschreckt blickte Maximus sich um und sah Cicero vor sich stehen. "Was?" fragte er geistesabwesend, und seine Gedanken kehrten nur unwillig in die Gegenwart zurück.

"Herr, ein Kundschafter hat eben gemeldet, daß die Barbaren den Fluß fünf Meilen ostwärts überschritten haben und nun auf dem Weg hierher sind!"

Maximus ließ die Feder fallen und verspritzte Tinte auf das Holz des Tisches und auf Julias Brief. Schnell stand er auf, stieß mit dem Knie gegen den Tisch und warf das Tintenfaß um, so eilig hatte er es, seine Uniform anzulegen. Die schwarze Flüssigkeit durchtränkte seinen unvollendeten Brief und verbarg die wenigen niedergeschriebenen Wörter. Augenblicke später riß er, das Schwert in der Hand, die Zeltöffnung auf und ermöglichte es einem Schwall kühler Abendluft, durch den kleinen Raum zu wirbeln. Jener hob eine Ecke von Julias Brief hoch, fuhr darunter und wehte ihn vom Tisch. Der Brief segelte träge in eine dunkle Ecke, bevor er sich endgültig unter einer Falte des Zelttuches niederließ, fast vollständig im tiefen Schatten verborgen.

 

 Kapitel 80 - Der Keller

"Herr! Herr!" rief der Bote, als er in das Prätorium gerannt kam, auf dem lockeren Schotter ausglitt und eine Hand auf den Boden stützte, um den Halt nicht ganz zu verlieren. Dicht auf den Versen folgten ihm vier grimmig dreinblickende Legionäre. Der Aufruhr rief sowohl Quintus und drei Tribune auf den Plan, die sich gerade zum Mittagessen niedergelassen hatten, als auch Olivia und Persius, die zu ihren Eingangstüren liefen; Olivias Herz schlug bis zum Hals und sie trug ihr Kind auf der Hüfte. Das konnten nur Neuigkeiten von Maximus sein - oder über Maximus.

"Ist Papa zurück?" fragte ein verschlafener Marcus, der aus seinem Mittagsschlaf gerissen worden war. Olivia strich ihm das feuchte Haar aus der Stirn. "Noch nicht, Liebling, sei still ...wir müssen zuhören."

Ohne jegliche Formalitäten griff der Bote nach Quintus' Arm und erzwang sich so die volle Aufmerksamkeit des Legaten, dann stieß er seine Neuigkeiten hervor. "Herr, ich bringe Befehle direkt von General Maximus. Der Angriff auf Castra Regina war viel kleiner als erwartet. Der General denkt, es sei nur ein Ablenkungsmanöver gewesen, und daß nicht weniger als sechstausend Germanen sich auf dem Marsch hierher befänden. Er sagt, daß sie bereits auf dieser Seite des Flusses seien. Er wünscht, daß das Dorf sofort evakuiert werde, und daß man die Leute zu den Höhlen östlich von hier bringe. Er sagt auch, dies solle von der Kavallerie erledigt werden, denn er will, daß die Kavallerie und alle Pferde das Lager verlassen. Sie sollen sich mit ihm an den Kreuzwegen südlich des Dorfes treffen. Auch befiehlt er, daß alle Zelte abgebrochen, zusammengerollt und unter Steinhaufen verborgen werden, damit die Barbaren nicht über die Mauern schießen und sie in Brand stecken könnten. Er befiehlt, daß alles, was aus Holz besteht, mit Wasser durchtränkt werde. Weiter befiehlt er, daß die gesamte Einrichtung des Lazaretts in sein Haus gebracht werde." Der Mann rang nach Atem, ließ Quintus' Arm jedoch nicht los. "Der General befiehlt, alle anderen Soldaten auf der Mauer zu postieren, da die Barbaren um jeden Preis am Eindringen in das Lager gehindert werden müßten. Er schickt eine Abordnung von zwei Legionen; sie sind bereits auf dem Weg und werden sich Vindobona von Süden her nähern. Er hofft, die Barbaren zwischen uns und ihm in eine Falle zu locken." Der Bote blickte hinüber zu einer bleichen Olivia. "Weiter ordnet er an, daß seine Frau und sein Sohn augenblicklich in das Versteck gebracht werden, Herr." Erschöpft ließ der Mann endlich Quintus' Arm los und trat einen Schritt zurück, während er seine Schultern hängen ließ.

Quintus nickte den anderen Tribunen, die Maximus' Anweisungen ebenso wie er selbst gehört hatten, zu, und sie stoben davon, um die Befehle an die Zenturios weiterzugeben, die ihre Männer für den bevorstehenden Kampf vorbereiten würden. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit Olivia zu. "Herrin ...", begann er, wurde jedoch sofort von Maximus' Frau unterbrochen.

"Du hast jetzt viel im Kopf, Quintus. Ich versichere Dir, daß Marcus und ich augenblicklich das tun werden, was Maximus angeordnet hat. Du mußt Dich um die Leute aus dem Dorf kümmern." Ohne seine Antwort abzuwarten, eilte sie an Persius vorbei zu ihrem Schlafzimmer und versuchte, einen jammernden Marcus zu beruhigen, der den Inhalt der Worte des Boten nicht verstanden hatte, aber mit Sicherheit die gespannte Atmosphäre spürte. Sie setzte ihren Sohn auf das Bett und sprach beruhigend auf ihn ein, während sie sich im Zimmer zu schaffen machte. "Erinnerst Du Dich an das Versteck, das Papa uns gezeigt hat, Marcus?"

Er nickte zögerlich, die Finger in den Mund gesteckt, während er beobachtete, wie seine Mutter ihre Kleidung zusammensuchte. Persius betrat das Zimmer mit Decken in den Armen.

"Es sind schon jede Menge unten", sagte sie leicht gereizt zu ihrem Bruder.

"Du kannst immer noch ein paar gebrauchen. Ich habe auch Marcus' Spielzeug."

"Du must Deine eigenen Sachen zusammensuchen, Persius."

Er schaute seiner Schwester direkt ins Gesicht und streckte das Kinn herausfordernd vor. "Ich werde nicht mit Dir gehen."

"Persius ..."

"Nein, Olivia. Ich kann hier oben nützlicher sein. Ich werde Dich oft besuchen, um nachzuschauen, daß Du alles hast, was Du brauchst."

"Persius, Du bist nicht zum Kämpfen ausgebildet."

"Nein, aber ich kann helfen, die Einrichtung des Lazaretts hier ins Haus zu schaffen, wie Maximus es befohlen hat. Ich kann mich nützlich machen." Olivia spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Sie hatte Persius mit auf diese Odyssee geschleppt und nun war er in Gefahr, verletzt zu werden ... oder Schlimmeres. Aber von dem Ausdruck in seinem Gesicht konnte sie ablesen, daß er nicht bereit war, klein beizugeben. Widerstrebend nickte Olivia zum Zeichen ihrer Zustimmung.

Marcus zog seine glitschigen Finger aus dem Mund. "Ich möchte bei Onkel Persius bleiben", stellte er mit Nachdruck fest, die Andeutung eines Weinens in der Stimme.

Olivia hockte sich vor ihren Sohn und konnte die Panik in seinen großen, dunklen Augen deutlich sehen. Sie faßte ihn nicht an aus Angst, er könnte das Zittern in ihren Armen spüren. "Marcus, Papa möchte, daß wir in das Versteck gehen, und genau das müssen wir tun. Wir werden dort sehr sicher sein und ..."

"Sicher vor was?" fragte er, und die Feuchtigkeit, die in seinen großen Augen und seinen Mundwinkeln schimmerte, begann herabzutropfen.

Olivia rang nach Worten, um die Dringlichkeit der Situation zu erklären, ohne das Kind noch mehr zu beunruhigen - sie konnte bereits hören, wie Männer die medizinische Ausrüstung in das Atrium ihres Hauses trugen - aber genau in diesem Augenblick erschien Jonivus in der Türöffnung.

"Aber, aber", sagte er mit einem schallenden Lachen. Er stand da, die Hände in die Hüften gestemmt, und betrachtete Marcus mit zur Seite geneigtem Kopf und einem Zwinkern in den Augen. "Habe ich Dir jemals mein Geheimversteck gezeigt, Junge?"

Marcus nickte ernst; er war momentan nicht in der Stimmung für die fröhliche Laune des Ingenieurs.

"Nein, nicht jenes Versteck. Mein anderes Versteck. Oh, es ist auch dort unten, Marcus, aber es ist ein Ort, den nur ich kenne." Er betrat das Zimmer und ging auf den Jungen zu. "Manchmal lassen die Götter dort unten für mich ziemlich interessante Sachen liegen ... würdest Du es gerne sehen?"

"Was für Sachen?" Offenbar war das Interesse des Jungen geweckt worden, und Olivia berührte in einer Geste der Dankbarkeit Jonivus' Schulter, bevor sie wieder an ihre Arbeit zurückging.

Jonivus hockte sich vor den Sohn seines Generals. "Alle möglichen Sachen. Einmal fand ich einen glitzernden Steinbrocken!"

Marcus blickte entschieden unbeeindruckt drein.

"Ein anderes Mal fand ich ein fantastisches Schwert, das die Götter ganz allein für mich dort hatten liegen lassen."

"Ein Schwert? So wie das von Papa?" Das schien schon interessanter zu sein.

Jonivus nickte. "Aber weißt Du, was das Beste war?"

"Was?"

"Ein Kätzchen. Ein kleines grau-weißes Kätzchen ... nur für mich."

"Ein Kätzchen? Marcus' Gesicht hellte sich auf, als er über diese neue Entwicklung der Dinge nachdachte.

"Ja, und weißt Du was? Gerade gestern nacht habe ich die Götter um ein weiteres Kätzchen gebeten ... für Dich ... aber ich habe noch keine Zeit gehabt, um nachzusehen. Würdest Du mir dabei helfen?"

Marcus lächelte und nickte, während er sich mit flehendem Blick an seine Mutter um Erlaubnis wandte.

Olivia lächelte erleichtert. "Geh mit Jonivus, Marcus, ich werde bald nachkommen."

Jonivus nahm den Jungen auf den Arm, und mit einem Augenzwinkern zu Olivia verschwand er in Ciceros Schlafzimmer, wo unter dem Bett die Falltür verborgen war.

Die schwere, hölzerne Falltür schloß sich mit einem dumpfen Geräusch, und Olivia war von Finsternis eingehüllt. Sie stand auf der mittleren Stufe der steilen Treppe und schreckte zusammen, als Persius mit einem knirschenden Geräusch Ciceros Bett wieder an seinen Platz zurückschob. Sie fühlte sich, als ob man sie eben lebendig begraben hätte. Würde Vindobona den Angriff überstehen? Hatte sie ihren Mann zum letztenmal gesehen? Sie setzte sich auf die Stufe und rieb sich müde die Augen. Eine solche Wendung der Dinge hatte sie nicht vermutet, als sie den Plan ausbrütete, ihren Mann in Germanien zu besuchen. Sie hatte immer gedacht, daß sie bereits um die Gefahren seines Lebens hier wußte, aber sie wußte gar nichts. Überhaupt nichts. An so etwas hatte sie nicht mal im Traum gedacht.

"Herrin?" fragte Jonivus sanft von der untersten Stufe aus.

Olivia öffnete ihre Augen und stellte fest, daß sie deutlich sehen konnte, nun, da sie sich an das Halbdunkel gewöhnt hatte. Sich schwach und dumm fühlend trocknete sie sich die Augen und stand auf.

"Es ist ganz in Ordnung, Angst zu haben, Herrin. Jeder hat das. Selbst der hartgesottenste Soldat fühlt, wie sich vor einer Schlacht sein Magen aus Angst zusammenkrampft.

"Auch Maximus?" flüsterte sie.

"Oh ja, er unterdrückt es nur, damit die Männer in seiner Tapferkeit Kraft finden." Jonivus streckte die Hand aus und half Olivia die restliche Stufen hinunter. "Komm und setz Dich. Ich habe einige Zeit darauf verwendet, diesen Raum für die Frau meines Generals vorzubereiten, und ich denke, daß Du Dich wohlfühlen wirst."

"Danke, Jonivus."

"Maximus hat mich gebeten, bei Dir zu bleiben."

"Ich bin sicher, Du wärst viel lieber bei den Soldaten."

"Nein, Herrin. Wenn ich nur irgend etwas tun kann, um Maximus wenigstens eine Sorge abzunehmen, dann ist das die wichtigste Aufgabe überhaupt in einer Zeit wie dieser." Jonivus lächelte, während er Olivia etwas mit Honig versetzten Wein einschenkte. "Ich werde Dein Gastgeber und Dein Beschützer sein, solange Dein Mann dazu nicht in der Lage ist."

Sie saßen eine Weile still da und beobachteten Marcus, der mit dem miauenden grau-weißen Katzenbaby kuschelte. Ein kleines Feuer knisterte im Ofen, wärmte den Raum und tauchte ihn in ein sanftes Licht. Die Stille war unheimlich ... die Böden so dick, daß kein Geräusch von oben hindurchdrang.

"Jonivus ... werde ich Maximus jemals lebend wiedersehen?"

"Das ist schwer zu sagen, Herrin."

"Er hat Dich gebeten, für seine Familie zu sorgen, für den Fall, daß ... " Olivia konnte den Satz nicht vollenden.

"Ja, Herrin." Jonivus blickte sich im Keller um. "Das ist nicht gerade ein Ort, nach dem man sich sehnt, aber es ist warm und sicher hier. Wir haben ausreichend Nahrung und Wasser. Dein Gemahl hat für Eure Sicherheit gesorgt. Unglücklicherweise kann er nicht für seine eigene sorgen. Es ist wichtig, daß Du das weißt. Er ist ein Krieger."

"Das weiß ich."

"Und dennoch hast Du nicht damit gerechnet, daß so etwas geschehen könnte, als Du den Entschluß faßtest, Maximus hier zu besuchen."

Sie schüttelte kläglich den Kopf.

"Natürlich nicht. Keine Mutter würde je ihren Sohn bewußt einem solchen Risiko aussetzen", sagte Jonivus freundlich. Ich denke, manchmal glauben Männer wie Dein jüngerer Bruder, daß Maximus ein abenteuerliches und spannendes Leben führt. Es ist jedoch alles andere als das. Er hat eine der schwierigsten Aufgaben im ganzen Reich, aber Marcus Aurelius hat eine kluge Entscheidung getroffen, als er ihn in diese Stellung erhoben hat. Unglücklicherweise erlaubt ihm dies nur sehr wenig Freiraum, um sich einmal zu entspannen, und absolut keinen, um irgendwelche Fehler in seinem Urteil zu begehen."

"Willst Du damit sagen, daß ich nicht hätte kommen sollen? Das ich ihn ablenke?"

"Nein, Herrin, keineswegs. Deine Anwesenheit hat seine Stimmung ganz enorm gehoben. Es ist nur, daß Du nun mit eigenen Augen sehen wirst, warum es Maximus oftmals viele Jahre unmöglich ist, zu seiner Familie nach Spanien zu kommen."

Olivia atmete tief durch. "Maximus wird alles gut überstehen. Es wir ihm nichts geschehen", sagte sie mit wenig überzeugender Entschlossenheit.

Jonivus wog seine nächsten Worte sorgfältig ab. "Herrin, weißt Du, warum Generäle weinrote Kleidung tragen?"

"Es ist ... es ist die Farbe der Führung in der Armee."

"Richtig, aber sie wurde es, weil man auf dieser Farbe das Blut des Generals nicht sehen kann und so seine Männer nicht demoralisiert werden. Ein General kann zu Tode bluten, ohne daß man es an seiner Kleidung ablesen kann."

"Jonivus ... soll mir das helfen, mich besser zu fühlen ... was Du mir da über das Bluten meines Mannes erzählst?"

"Herrin, ich denke, es ist wichtig, daß Du verstehst, mit was Dein Gemahl und seine Männer in Kürze konfrontiert sein werden." Jonivus betrachtete das schöne Gesicht der Frau seines Generals. "Weißt Du, daß Maximus die Angewohnheit hat, vor jeder Schlacht Erde zwischen seinen Handflächen zu verreiben und daran zu riechen?"

"Macht er das immer noch? Ich sah es ihn auf seinem Hof tun, als er, viele Jahre nachdem er Soldat geworden war, wieder heimkam.

"Weißt Du, warum er das macht?"

"Er ist ein Bauer ... "

"Ja, aber es steckt noch mehr dahinter. Ich habe ihn einmal danach gefragt, und es schien ihm beinahe etwas peinlich zu sein, aber nach einigen Bechern Wein gelang es mir, ihm eine Antwort zu entlocken. Er muß die Erde fühlen und riechen können, die eines Tages sein Blut trinken und seinen toten Körper aufnehmen wird. Er tut das vor jeder Schlacht. Er ist sich seiner eigenen Sterblichkeit sehr wohl bewußt."

"Olivia war zu verblüfft, um den Tränen freien Lauf zu lassen, die ihr die Kehle zuschnürten. "Dein  ... Dein eigener Sohn ... er ist auch dort draußen."

"Ja, ... er ist Soldat."

"Dann mußt Du verstehen, wie ich mich fühle."

"Das tue ich, und wir können gemeinsam für die Sicherheit unserer Lieben beten. Wir können gemeinsam für ihre Sicherheit beten."

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