Kapitel 81 - Der Angriff auf Vindobona

Maximus saß in der Mitte der Kreuzung südlich von Vindobona auf Argento, seine Hände hielten die Zügel straff, womit er dem Hengst bedeutete, sich still zu verhalten. Das Pferd gehorchte den Wünschen seines Herrn, und seine einzige Bewegung bestand in dem gelegentlichen Zucken eines Schultermuskels oder in einem Schwanzwedeln, um die lästigen Fliegen zu vertreiben, die in der milden Frühlingsluft fast über Nacht aufgetaucht waren.

Die Stille, die Pferd und Reiter umgab, war beinahe unheimlich und wurde nur durch das Pfeifen des warmen Windes in den Nadeln der Kiefern hoch über ihnen durchbrochen. Obwohl ganz ruhig, war Argento doch nicht entspannt. Er spürte die Anspannung in den Muskeln der Beine seines Herrn, ein sicheres Zeichen, daß bald etwas geschehen würde. Auch Hercules spürte es, saß aber ganz still neben dem Pferd, die Ohren gespitzt und mit zuckender Nase.

Jeder eilig Vorbeiziehende hätte geglaubt, daß der römische General allein sei, aber mehr als zweihundert berittene Männer saßen ebenso ruhig und schweigend wie ihr Kommandant ungefähr eine viertel Meile die Straße hinab hinter ihm. Rundherum in den Wäldern hockten fast zehntausend Soldaten und warteten ebenso konzentriert auf die Befehle ihres Generals.

Maximus saß still wie eine Statue, und die einzige Bewegung war das Hinundhergleiten seiner blauen Augen, während er die Straße vor sich beobachtete. Die heiße Sonne brannte auf seinen unbedeckten Kopf  herab - den Helm hatte er unter seinen linken Arm geklemmt - und Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Er fühlte, wie sich Feuchtigkeit unten an seiner Kehle sammelte und Tropfen langsam in der Mitte der Brust unter seinem Panzer herabrannen.

Ein braunes Eichhörnchen sprang aus dem Dickicht zur Rechten hervor und hielt erschreckt inne, als es plötzlich Pferd und Hund entdeckte. Hercules knurrte tief unten in seiner Kehle und das Fell auf seinem Rücken sträubte sich. "Nein, Hercules." Maximus' Stimme machte deutlich, daß er keinen Ungehorsam des Hundes dulden würde. Verwirrt saß das Eichhörnchen auf seinen Hinterpfoten und schlug seinen buschigen Schwanz hin und her, während es für einen Augenblick dem Reiter in die Augen blickte. Maximus' Mundwinkel hoben sich zu einem kaum merklichen Lächeln. Hercules blickte hinauf zu seinem Herrn und winselte unzufrieden. Plötzlich krümmte sich das winzige Tier zusammen, schaute in die Richtung, die es eingeschlagen hatte, drehte sich dann herum und eilte schnatternd zurück in das Dickicht, aus dem es gekommen war. Maximus nickte grüßend dem jungen Jonivus zu, der wie ein rothaariges Gespenst aus den Wäldern auftauchte. "Nun?" fragte er den jungen Mann.

"Ich würde sagen, sie sind noch eine Stunde entfernt, Herr, und sie marschieren direkt auf Dorf und Lager zu."

"War die Evakuierung erfolgreich?"

"Ja, Herr. Keine Seele mehr dort. Sie haben auch die meisten Tiere mitgenommen. Die Kavallerie müßte jeden Augenblick hier sein, Herr."

"Und das Lager?"

"Alles scheint bereit zu sein, Herr, genau wie Du es befohlen hast. Bogenschützen sind auf der Mauer." Jonivus' Stimme strahlte Zuversicht aus, aber Maximus wußte, daß die Germanen schlau und unberechenbar waren.

"Danke, Jonivus. Du hast wie immer großartige Arbeit geleistet. Sag Tribun Libanius, daß ich ihn sprechen muß, danach geh zurück zu den anderen." Jonivus salutierte und lief dann mit der Grazie und Schnelligkeit einer Gazelle in großen Schritten die Straße hinunter. Sein Gesicht strahlte vor Stolz über das Lob seines Generals.

Kurze Zeit später hörte Maximus das Klappern von Hufen auf der Straße hinter sich. Er zog die Zügel fester an, um Argento daran zu hindern, herumzuwirbeln und den Neuankömmlingen entgegenzublicken, so wie man es ihm für den Kampf beigebracht hatte. Libanius brachte sein Pferd neben Maximus zum Stehen. "General?"

"Libanius, wir werden uns in drei Abteilungen aufspalten. Du nimmst drei Zenturien und führst sie von Westen her hinter die Barbaren, sobald sie das Dorf erreichen. Du mußt ganz sicher gehen, daß sie keine Männer zurückhalten, die euch in den Rücken fallen und so einkeilen könnten, verstehst Du?"

"Ja, Herr."

"Weise Petavius an, ebenfalls drei Zenturien zu nehmen und von Osten her anzugreifen. Ihre Aufgabe ist es, jeden Fluchtweg in diese Richtung abzuschneiden und die Germanen von den Dorfbewohnern in den Höhlen fernzuhalten."

"Und Du, General?"

"Ich werde den Großteil der Männer direkt von Süden heranführen und die Germanen gegen die Mauern des Lagers drängen."

"Es wird ein furchtbares Schlachten werden, Herr", Libanius schüttelte traurig den Kopf. "Für niemanden Raum, sich zu bewegen. Kein Raum, Fehler zu machen. Aber es wird der ganzen Sache hoffentlich ein Ende setzen."

"Es wird schwere Verluste geben", pflichtete Maximus ihm bei. "Unser Ziel ist es, sie zu vernichten, indem wir von vier Seiten aus angreifen. Im Augenblick glauben sie noch, uns überraschen zu können, aber sie werden eines Besseren belehrt werden, sobald sie das leere Dorf entdecken. Sie werden wahrscheinlich auch glauben, daß ich  irgendwo hinter ihnen bin; ihr müßt also sehr vorsichtig sein, weil sie ihre Aufmerksamkeit nach hinten richten werden. Ich hoffe, daß es schnell vorüber sein wird. Wir werden aufbrechen, sobald meine Kavallerie hier eintrifft. Wartet auf mein Signal."

Maximus grüßte seinen Tribun indem er mit der Faust die linke Brustseite berührte. "Ehre und Stärke."

"Ehre und Stärke, Herr." Libanius galoppierte zurück die Straße hinunter und Maximus blieb wieder allein . Nachdem seine Entscheidungen getroffen waren, hatte er Zeit, die Folgen dieser Entscheidungen zu erwägen. Tausende von Männern würden in den kommenden Stunden sterben. Ebenso viele schwer verletzt werden. Er könnte zu jeder der beiden Gruppen gehören. Er erlaubte sich, kurz an seine Frau und seinen Sohn zu denken, dann verbannte er beide wieder aus seinem Kopf und richtete seine ganze Aufmerksamkeit allein auf die vor ihm liegende Schlacht.

Kurze Zeit später näherte sich seine Kavallerie auf der Straße zu seiner rechten. Maximus stieg vom Pferd und hockte sich hin. Hercules näherte sich ihm schnell, um sich streicheln zu lassen, und Maximus zauste das dichte Fell des großen Hundes. Dann ergriff er eine Handvoll Erde, verrieb sie zwischen den Handflächen und hob sie an seine Nase, bevor er sie wieder auf den Boden warf und sich seinen Männern zuwandte.

Olivia hatte sich geirrt, was die Schalldichte des Kellers betraf. Er war keineswegs schalldicht. Der Lärm der Schlacht, die vor den Mauern tobte, drang durch die Falltür und die Treppen hinab, gedämpft und unbestimmt, aber deutlich hörbar. Jonivus lenkte Marcus ab, indem er laut vor sich hin pfiff und klappernd Würfel spielte. Er versuchte, auch die Mutter des Jungen mit einzubeziehen, aber diese saß nur still auf ihrem Stuhl neben der Treppe und starrte mit ineinander verkrampften Händen vor sich hin. Ihre Lippen bewegten sich schweigend, während sie für die Sicherheit ihres Ehemannes betete.

Ein knirschendes Geräusch auf dem Fußboden über ihnen weckte das Trio aus seinem unruhigen Schlaf und veranlaßte Jonivus, seine Schutzbefohlenen in die entlegenste Ecke des Kellers zu drängen, während er drohend ein Schwert vor sich hielt, bereit, sie mit seinem Leben zu verteidigen, falls der Mann, welcher in der Türöffnung erscheinen würde, kein Römer sein sollte.

"Olivia?" Es war Persius.

"Ja, ja",  schrie sie, drängte sich an Jonivus vorbei und rannte zur Treppe. "Was geht da oben vor sich? Ist es vorbei?"

Persius antwortete nicht. Statt dessen wuchtete er die Falltür auf, und nach kurzer Zeit erschienen seine in Stiefeln steckenden Füße auf den Treppenstufen. Er kam langsam herunter und Olivia stockte der Atem, als sie sein Gesicht sah - blutverschmiert und düster.

Sie war zu benommen, um sich bewegen zu können und starrte ihn nur entgeistert an. "Bist Du verletzt?" fragte sie, und ihre Beine begannen zu zittern.

"Nein, es geht mir gut."

"Du bist mit Blut bedeckt."

"Es ist nicht mein Blut. Ich habe geholfen, die Verwundeten ins Lazarett zu bringen."

Jonivus drängte sich vor. "Olivia, sieh nach Deinem Sohn", befahl er ihr, als sie sich immer noch nicht rührte und nur weiter ihren Bruder anstarrte. Sie reagierte nicht. "Persius, was geht da vor? Haben wir gesiegt?"

"Wir konnten das Lager halten, wenn Du das einen Sieg nennst. Keiner der Dorfbewohner wurde getötet."

"Maximus?" fragte Olivia mit ängstlicher Stimme. "Was ist mit Maximus?"

"Mama?" Marcus kauerte in einer Ecke, allein und ängstlich.

"Was ist mit Maximus, Persius?" Ihre Angst wuchs ins Unermeßliche, als Persius stumm blieb.

"Mama!" Olivia machte eine schnelle Bewegung und nahm ihren Sohn in die Arme. Sie sprach leise auf ihn ein, versuchte ihn zu trösten und wußte doch, daß ihre Worte wirkungslos bleiben würden. Dann ging sie wieder zu ihrem Bruder, der Jonivus anschaute.

"Persius, was ist mit Maximus!" Ihre Stimme überschlug sich vor Angst.

"Er ist verwundet ... schwer verwundet. Sie behandeln ihn auf dem Schlachtfeld." Er blickte wieder hin zu Jonivus. "Dein Sohn hat es nicht geschafft. Es tut mir leid. Er starb bei der Verteidigung seines Generals."

Jonivus zuckte zusammen, als ob man ihm einen Schlag versetzt hätte. Olivia sank auf den nächstbesten Stuhl und brach in unkontrolliertes Schluchzen aus. Als Reaktion auf den Schmerz seiner Mutter, fing auch Marcus zu weinen an.

Persius ließ den Kopf hängen. "Ich habe niemals etwas so Furchtbares gesehen ... mir nie etwas so Grausames vorstellen können. Jonivus klopfte Persius auf die Schulter ... noch so jung, dachte er. Genau wie sein eigener Junge. "Geht es Maximus schlecht?"

"Ja", flüsterte Persius. "Eine Wunde am Oberschenkel ... ein Pfeil. Es blutet stark, und die Ärzte sind beunruhigt."

Jonivus nickte. "Ich kümmere mich um Marcus", sagte er, als er den zitternden Jungen der schluchzenden Mutter aus den Armen nahm. "Hilf Deiner Schwester, sich wieder unter Kontrolle zu bekommen, und dann bring sie zu ihrem Mann."

Jonivus nahm Marcus auf den Arm und das kleine Bein des Jungen ruhte auf dem rundlichen Bauch des Mannes. "Wo ist denn das Kätzchen geblieben, Marcus? Hmm? Komm und hilf mir, das kleine Kätzchen zu suchen." Marcus klammerte sich fest an Jonivus' Hals. "Wo ist Papa?" fragte er, voller Angst, daß der Kummer seiner Mutter etwas mit seinem Vater zu tun haben könnte. "Wo ist Papa?"

"Du wirst Deinen Papa bald wiedersehen, Kind. Nun laß uns aber nach dem Kätzchen schauen ..." Jonivus verschwand in einem dunklen Winkel des Kellers, drückte den kleinen Jungen an sich und wünschte sich, die Zeit zurückdrehen zu können.

Persius hockte sich neben seine Schwester, die an ihren Augen tupfte und gegen einen Schluckauf kämpfte, während sie sich bemühte, ihr Weinen unter Kontrolle zu bekommen. "Ich bin nicht sicher, ob Du wirklich da raus gehen solltest, Olivia."

"Ich muß zu Maximus."

"Du wirst ihm in seinem Zustand keinen Gefallen damit tun. Du kennst ihn. Er wird sich mehr Sorgen um Dich, als um sich selbst machen."

"Das ist wahr." Olivia brachte ein Lächeln zustande. "Gib mir ein paar Minuten und ich bin wieder in Ordnung."

Sie putzte sich die Nase und schniefte. "Armer Jonivus."

"Ja, aber es sind noch Tausende anderer Väter, die heute ihre Söhne verloren haben. Überall liegen die Leiber der Toten herum ... Römer und Germanen. Es ist heiß ... und die Fliegen kommen bereits. Es ist kein Anblick für Dich, Olivia."

"Ich muß zu Maximus, und wenn ich es denn sehen muß ..."

"Warte, bis sie ihn hierher bringen."

"Nein." Sie stand auf, viel stärker nun und sehr entschlossen.

Persius erhob sich ebenfalls und zog ein Tuch aus seiner Tunika, das von der Hitze seines Körpers ein wenig feucht war.

"Hier ... halte Dir das über Nase und Mund. Die Leichen fangen bereits an zu verwesen, und ich habe mich auf dem Weg hierher schon zweimal übergeben."

Olivia lächelte ihren Bruder schuldbewußt an. "Danke, Persius, daß Du hier bei mir bist."

Er nickte nur. "Das Atrium ist bereits voll mit Verwundeten, und die Ärzte operieren. Du mußt Deinen Blick abwenden."

"Blut macht mir nichts aus."

"Es ist nicht nur das Blut. Außerdem sind viele der Männer nackt."

Olivia schnaufte. "Persius, ich bin mit vier Brüdern aufgewachsen, ich habe einen Ehemann und einen Sohn. Was könnte irgend ein Mann haben, das ich noch nicht gesehen habe? Nun bring mich zu Maximus!"

Persius lächelte, als er die Stufen hinauf voranging.

"Männer", murmelte sie vor sich hin. "Sie scheinen alle zu glauben, daß sie etwas ganz Besonderes in ihrer Hose haben!"

Persius lachte leise vor sich hin - zum erstenmal seit drei Tagen. Mit seiner Schwester würde schon alles klargehen.

 

 Kapitel 82 - Ein Pfeil mit Widerhaken

Maximus lag unter den Bäumen des Wäldchens, welches das Dorf vom Lager trennte, auf dem Bauch; entweder war er bereits so hingefallen, oder das medizinische Personal, welches sich um ihn kümmerte, hatte ihn umgedreht. Marcianus war damit beschäftigt, das rechte Bein des Generals ruhigzustellen - dort wo ein Pfeil in einem seltsamen Winkel aus Maximus' Oberschenkel hervorragte - so daß man ihn auf die Trage legen konnte, die neben ihm auf dem Boden lag. Man hatte ihm eine Aderpresse kurz unterhalb der Lende angelegt, um die Blutung zu stoppen, aber dennoch färbte sich sein entblößtes Bein rot von Blut. Eisenrostpuder, dazu bestimmt, eine Infektion zu verhindern, erzeugte eine alarmierend rotbraune Farbe dort, wo er sich mit dem Blut vermischte. Sein unverletztes Bein hatte man in einer unbequemen Stellung zur Seite geschoben und am Knie angewinkelt. Seine Augen waren geschlossen, die Hände zu Fäusten geballt, und er atmete stoßartig mit geöffnetem Mund.

Hercules lag neben ihm, hechelte, und beobachtete mißtrauisch, was man mit seinem Herrn machte. Jedesmal, wenn Maximus stöhnte, knurrte der große Hund warnend in Richtung der Männer, die den General quälten, und mußte von seinem Herrn zur Ordnung gerufen werden. Gelegentlich trottete er an Maximus heran, beschnüffelte ihn und leckte ihm tröstend das Gesicht. Olivia sank neben ihrem Gemahl auf den blutgetränkten Boden, überwältigt von dem Anblick dieses starken Mannes, der nun so schwach und hilflos war.

"Herrin ... gut", sagte Marcianus, als Maximus seine Augen öffnete. "Du bist gerade richtig gekommen, um mir zu helfen, diesem starrköpfigen Soldaten etwas Verstand einzutrichtern."

Maximus tastete nach ihrer Hand, und sie nahm die seine fest zwischen ihre beiden eigenen Hände. "Du solltest nicht hier sein", sagte er; seine Stimme klang so ungewohnt schwach.

"Wie hätte ich nicht kommen können", flüsterte sie ihm ins Ohr.

"Herrin", erklärte Marcianus, während er arbeitete, "Dein Gemahl ist von einem Pfeil mitten durch seinen Oberschenkel getroffen worden, wie Du sehen kannst, aber die Position und Lage des Pfeils sind äußerst besorgniserregend. Wie Du ebenfalls sehen kannst, ist die Einschußstelle hinten, aber der Pfeil ist nicht vorn wieder ausgetreten sondern in einem seitlichen Winkel auf der Innenseite seines Beines.

Unglücklicherweise ist der Pfeil wegen der kräftigen Muskeln im Bein des Generals nicht einfach durchgeschlagen. In diesem Falle können Muskeln auch einmal nicht von Vorteil sein. Es handelt sich um einen unserer eigenen Pfeile, so wissen wir zumindest, womit wir es zu tun haben."

Olivia war schockiert. "Seine eigenen Männer haben auf ihn geschossen?" Olivia hatte das Haar ihres Mannes gestreichelt, aber nun erstarrte ihre Hand mitten in der Bewegung.

Maximus brachte ein verkrampftes Lächeln zustande. "Nein, nicht absichtlich. Mein Bein kreuzte zufällig die Flugbahn eines Pfeils, der für ein anderes Opfer bestimmt war."

Marcianus ignorierte Maximus' Versuch, die Atmosphäre zu entspannen und fuhr fort: "Er ist nicht vergiftet, soviel wissen wir, und das Blut hat einen netten, gesunden Rot-Ton. Es fließt gleichmäßig, daher wissen wir, daß der Pfeil nicht die Arterie des Oberschenkels getroffen hat - aber er hat sie nur sehr knapp verfehlt. Auch hat er nur sehr knapp Nerven verfehlt, die, wenn sie durchtrennt worden wären, sein Bein auf Dauer verkrüppelt hätten. So kann man sagen, daß er alles in allem noch mal Glück gehabt hat. Aber ... es handelt sich um einen unserer tödlichsten Pfeile ... er ist mit einem starken Widerhaken versehen ... daher kann ich ihn nicht herausziehen, ohne Muskeln, Sehnen und Fleisch zu zerstören ... und wahrscheinlich auch Arterie und Nerven. Um weniger Schaden anzurichten, muß ich den Pfeil direkt durch das Bein hindurch schieben und auf der anderen Seite wieder hinaus, durch Teile seines Fleisches, die augenblicklich noch unverletzt sind ... Herrin, ist alles in Ordnung?"

Olivia faßte sich zitternd an die Stirn. Sie hatte das sichere Gefühl, daß sie jeden Moment in Ohnmacht fallen würde.

"Olivia?" Maximus versuchte, sich vom Boden aufzurichten, aber Marcianus drückte ihn wieder zurück und preßte dabei unbeabsichtigt das Gesicht seines Generals in den Schmutz, so ungeduldig war er, mit seiner Arbeit vorwärtszukommen.

"Tief durchatmen, Herrin", sagte der Arzt. "Es tut mir leid. Ich hätte nicht so offen zu Dir sprechen sollen."

Maximus spuckte Erde und Blätter wieder aus. "Wo ist Marcus?" wollte er wissen.

Das tiefe Durchatmen wirkte, und Olivias Kopf und Magen hatten sich wieder beruhigt. "Er ist bei Jonivus", antwortete sie.

Olivia konnte nicht sagen, ob Maximus plötzlich zusammenzuckte, weil der Arzt sein verwundetes Bein zurechtrückte, oder weil sie den Namen des Chefingenieurs des Lagers erwähnt hatte. Maximus drehte den Kopf, und Olivia folgte seinem Blick hin zur Rückseite einer Kiefer. Dort konnte sie einen mit Blut verschmiertem, gewelltem rotem Haar bedeckten Hinterkopf erkennen. Der Körper des jungen Mannes lag ausgestreckt zwischen zarten gelben und blauen Blumen. Sie streichelte den Nacken ihres Mannes in dem Bemühen, ihn zu beruhigen. "Er weiß es, Maximus", flüsterte sie. "Er hat es so gut aufgenommen, wie man es nur erwarten kann."

"Tretet zurück, Herrin. Wir werden ihn jetzt auf die Trage legen." Olivia streichelte ihren Mann ein letztesmal, dann tat sie, wie Marcianus ihr geheißen hatte. Die Helfer traten augenblicklich näher heran: zwei von ihnen zusammen mit Persius an Maximus' Schultern, zwei, die sein gesundes Bein unterstützten, und ein anderer - gemeinsam mit Marcianus und einem weiteren Arzt - die das geschiente Bein hochhoben. "Ich zähle bis drei. Eins ... zwei ... drei - und hoch!"

Maximus verbarg sein Gesicht in den Händen, um den Schmerzensschrei zu dämpfen, den er nicht unterdrücken konnte, als sein Körper angehoben wurde.

Marcianus zeigte sich gänzlich mitleidlos. "Geschieht Dir recht. Du wolltest ja das Mittel nicht nehmen, das ich Dir angeboten habe, damit Du einschlafen könntest."

Olivia war entsetzt. "Maximus ... nimm dieses Mittel."

"Nein ... ich kann nicht. Ich muß bei Bewußtsein bleiben. Ich muß noch wichtige Entscheidungen treffen. Ich darf nicht bewußtlos werden."

Olivia war verblüfft. "Nun, Du wirst bewußtlos sein, wenn Marcianus die Operation durchführt." Sie blickte den Arzt an, und er erwiderte ihren Blick - eine Augenbraue hochgezogen und mit einem schmollenden Zug um die Lippen.

"Ich sagte Dir bereits, daß ich Deine Hilfe brauchen würde. Dieser starrköpfige Mann hier zieht es vor, sich ohne Narkose operieren zu lassen, und ich kann es ihm nicht ausreden."

Panik stieg in Olivias Kehle auf. "Betäube ihn trotzdem", wies sie Marcianus an.

"Das würde er nicht wagen", brummte Maximus vor sich hin, seine Worte mündeten in einen Aufschrei, als die Trage aufgehoben wurde.

Hercules knurrte.

"Er hat recht, Herrin. Er ist mein General, und ich muß seinen Befehlen Folge leisten. Wenn er darauf besteht, stur zu sein und dumm und idiotisch und ... schwachsinnig, dann kann ich daran auch nichts ändern."

Olivia ergriff Maximus' Hand und ging neben der Trage her, während sie sich einen Weg bahnten durch all diese Körper, die erstarrt waren in den Zerrgestalten des Todes. Sie nahm kaum etwas davon wahr. Ihre Gedanken waren allein mit der Zwangslage ihres Mannes beschäftigt. "Quintus kann den Befehl übernehmen, solange Du bewußtlos bist", schlug sie vor.

"Er ist verletzt und wird eben jetzt auch operiert ... sein linker Arm wurde bis auf den Knochen aufgeschlitzt."

"Es muß irgend jemand anderen geben. Du hast viele Offiziere."

"Nein, Olivia. Bitte laß uns nicht mehr darüber reden."

"Das kann nicht Dein Ernst sein."

"Es ist mein Ernst, und ich bin nicht in der Stimmung, darüber zu diskutieren."

Olivia blickte finster drein und schaute Marcianus an. "Wie hast Du ihn genannt? Stur ...?"

" ... und dumm und idiotisch und schwachsinnig, glaube ich, Herrin."

"Ich kann dieser Aufzählung noch einiges hinzufügen", mischte sich Persius ein. "Wie ist es mit schwierig, eigensinnig, uneinsichtig ..."

" ... und blöd", bemerkte einer der Helfer, der schnell wegschaute, als Maximus ihn böse anstarrte.

"Ihr nehmt Euch ziemliche Freiheiten mit einem Mann heraus, wenn er hilflos ist", knurrte der General.

"Hilflos", spottete Marcianus.

Olivia wußte nicht, ob sie ihren Mann nun in die Arme nehmen oder ihm eins auf den Hintern geben sollte, der so verführerisch in ihrer Reichweite war. Natürlich hatte sie schon Spuren dieser Seite seiner Persönlichkeit in Spanien gesehen, aber sie hatte sich niemals vorstellen können, daß er derart widerspenstig sein könnte.

Maximus stöhnte, jedesmal wenn die Männer, die ihn trugen, auf dem blutgetränkten Boden ausrutschten und schlitterten, während sie über tote und sterbende Soldaten stiegen oder um sie herum manövrierten. Statt sich auszuruhen, beobachtete Maximus die furchtbaren Auswirkungen der Schlacht mit geübtem Auge. Olivia schaute sich um und fühlte sich irgendwie benommen; sie war sich nicht sicher, ob das, was sie sah, wirklich real war.

Frauen aus dem Dorf schrien und rauften sich die Haare, während sie unter den Toten nach ihren Lieben suchten. Kinder sammelten sich am Rande des Waldes, Verwirrung und Entsetzen auf ihren schmutzigen und tränennassen Gesichtern. Ärzte und Sanitäter gingen von Mann zu Mann, untersuchten die Verletzungen und bestimmten, wer zuerst behandelt werden müsse. Jede Aktivität erstarb augenblicklich, wenn sie sahen, daß ihr General auf einer Trage an ihnen vorbei transportiert wurde, ein sicheres Zeichen dafür, daß seine Verwundung sehr ernst sein mußte. Sie salutierten, und Maximus hob die Hand in einer Gebärde, die, wie er hoffte, Zuversicht vermittelte.

Soldaten arbeiteten in Gruppen, um von den Tausenden toter Germanen alles einzusammeln, was noch irgendwie brauchbar war, bevor die toten Leiber auf Karren verladen wurden. Sie benutzten blutdurchtränkte Stoffsäcke, um Körperteile, Gliedmaßen und Köpfe einzusammeln, und warfen auch diese Säcke auf die Karren. Einmal voll, fuhren sie ab, entledigten sich ihrer grausigen Fracht und kehrten dann wieder zurück, um erneut beladen zu werden. Um die getöteten römischen Soldaten würde man sich später kümmern, nachdem alle identifiziert waren. Olivia würgte es, als dieser Anblick und der Gestank in ihr Bewußtsein drangen, und sie suchte nach dem Stoffetzen, den ihr Bruder ihr gegeben hatte.

"Wartet. Halt. Halt!" befahl Maximus und vergaß für einen Moment seinen eigenen Schmerz, als sie an den Soldaten vorbeikamen, die mit den toten Germanen hantierten. "Wohin bringt Ihr diese Leiber?"

"Zum Fluß, Herr. Der Wind weht von Süden, also kann die Asche ebenso gut zu denen hinübergeweht werden statt zurück zu uns, wenn wir sie verbrennen."

"Sind schon irgendwelche Leichen dort unten?"

"Ja, Herr. Wir haben sie schon den ganzen Morgen über dorthin gebracht." Marcianus stöhnte, als er diese Neuigkeit hörte.

"Nun, bringt sie da wieder weg!" befahl Maximus. "Bringt sie statt dessen nach Osten in die Nähe der Höhlen."

"Herr? Wir werden Stunden brauchen, um sie so weit zu transportieren." Der Soldat war verwirrt. Was für einen Unterschied machte es schon, wo die Leichen verbrannt würden?

Ein Schmerzanfall raubte Maximus den Atem, und Marcianus setzte seine Anweisung fort, denn er verstand die Besorgnis seines Generals nur zu gut. "Die Leichen werden bei dieser Hitze schnell verwesen. Blut und Verunreinigungen könnten in den Fluß und dann in unsere Brunnen gelangen. Wir würden alle krank werden. Tu, was Dein General Dir sagt und stell' seine Anweisungen nicht in Frage!" Die Befehle wurden schnell von Mann zu Mann weitergegeben, und die Soldaten machten sich daran, das Problem zu beseitigen.

Maximus' blasses Gesicht war vor Schmerz so verzerrt, daß der Arzt nicht sicher war, ob der General seine Worte gehört hatte. "Bewegt Euch", befahl er seinen Gehilfen. "Dieser Mann muß augenblicklich operiert werden."

 

 Kapitel 83 - Operation

"Maximus", sagte Marcianus zu seinem Patienten, der auf dem Rücken in seinem eigenen Bett lag, während seine Frau neben ihm saß. "Ich werde das so deutlich sagen wie es nur möglich ist." Er verschränkte die Arme vor der Brust und betrachtete seinen Patienten, dessen verwundetes Bein am Kniegelenk angewinkelt war und auf einem mit Kissen gepolsterten Fußschemel ruhte. "Dieser Pfeil befindet sich in einer äußerst gefährlichen Position. Wenn Du Dich nur den Bruchteil eines Zentimeters bewegst, während ich ihn herausziehe, wird die Arterie verletzt werden. Wenn es dazu kommt, wirst Du sterben. So einfach ist das. Es gibt keinen Arzt im ganzen Reich, der verhindern könnte, daß Du verblutest. Wenn wir Glück haben, und die Arterie unverletzt bleibt, könnten Nerven beschädigt werden, und Du wirst ein Krüppel bleiben."

Maximus hielt seinen Blick gesenkt und vermied es, dem Arzt - oder seiner Frau in die Augen zu blicken.

"Der Schmerz wird so furchtbar sein, daß Du unmöglich wirst stillhalten können, selbst wenn wir Dich festbinden, und zehn Männer dich festhalten."

Olivia schloß die Augen und rieb mit ihren Fingerspitzen über die Lider, dann massierte sie ihre Schläfen und seufzte unglücklich.

"Maximus", fuhr Marcianus fort, "wenn Du nur etwas Achtung für mich empfindest, dann wirst Du nicht von mir verlangen, Dich bei vollem Bewußtsein zu operieren. Ich könnte nicht mit dem Gedanken leben, die Schuld an Deinem Tod zu tragen."

Maximus blieb stumm, aber sein Blick wanderte langsam über sein Bein, das mit einer Schicht aus Brotteig bedeckt war, um vorübergehend zu verhindern, daß sich eine Infektion entwickeln könnte. Sein Schmerz war erträglich dank großzügig dosierter Medikamente.

"Ich weiß, daß Du das Gefühl hast, bei Bewußtsein bleiben zu müssen, und Du hast ja auch in der Tat das Problem der Beseitigung der Leichen erkannt ... hoffentlich noch rechtzeitig ....aber Du bist nicht unbesiegbar, Maximus. Du hast nicht mal annähernd eine Vorstellung, wie dieser Schmerz sein wird.

"Ist Quintus wach?" fragte der General.

"Er wird es bald sein."

"Laß mich mit meiner Frau allein."

Marcianus zögerte. "Ich werde den Tisch vorbereiten. Wir müssen das hier bald machen." Maximus nickte, dann verließ der Arzt das Zimmer und schloß die Tür hinter sich.

Olivia starrte auf das Wandgemälde, das ihren Ehemann darstellte, so stark und unbesiegbar auf seinem schwarzen Hengst.

Maximus griff nach ihrer Hand und widerstrebend überließ Olivia sie ihm. Sie war sich ihrer Gefühle in diesem Augenblick nicht sicher. Zornig? Verärgert? Vielleicht war sie auch nur enttäuscht. "Wahrscheinlich wirst Du sowieso ohnmächtig werden", sagte sie bitter, "nachdem nicht wieder gutzumachender Schaden angerichtet wurde."

"Ich möchte, daß Du und Marcus, daß Ihr beide in ein Zelt außerhalb des Prätoriums zieht. Infektionen und Krankheiten werden sich früher oder später auszubreiten beginnen. Es gibt praktisch keine Möglichkeit, dies zu verhindern, wenn so viele Männer verwundet und so viele Körper zusammen sind. Es ist nicht sicher für Euch, hier im Haus zu bleiben."

"Wie Du wünscht."

Maximus hob ihre Hand an seine Lippen und küßte sie. "Olivia, ich treffe die Entscheidungen, die ich treffen muß, nicht die ich treffen möchte."

"Oh, Maximus ... ich habe solche Angst, Dich zu verlieren." Sie streichelte sein stoppeliges Gesicht mit der Rückseite ihrer Finger. "Du hast einen Sohn. Bitte, denk' an ihn."

Maximus nickte. "Das tue ich. Das tue ich. Sobald Quintus wach ist, darf Marcianus mich betäuben und operieren."

Olivia warf sich beinahe in seine Arme, bevor sie bemerkte, daß, täte sie dies, sie weitere Verletzungen an seinem Bein verursachen würde. Statt dessen küßte sie zärtlich seine Lippen. "Dein schöner Oberschenkel wird eine scheußliche Narbe bekommen. Ich werde sie jede Nacht küssen müssen."

Maximus lächelte. "Ich freue mich schon darauf, aber so schlimm wird es nicht sein. Marcianus Hände wirken Wunder." Olivia küßte ihn abermals. "Geh und sag Marcianus, daß ich bereit bin, sobald Quintus ... und bring Marcus von hier weg. Ich möchte nicht, daß er irgend etwas davon mitbekommt."

"Jonivus hat ihn bereits in sein Zelt mitgenommen."

"Du gehst auch dort hin."

"Ich möchte in Deiner Nähe bleiben."

"Bitte ... bleib bei unserem Sohn. Ich möchte nicht, daß Du mit ansiehst, was man mit mir machen wird."

Olivia nickte. "Natürlich. Natürlich." Sie verzog das Gesicht, und Tränen stiegen ihr in die Augen.

"Schluß damit", schalt Maximus sie zärtlich. "Laß Marcus Dich nicht in diesem Zustand sehen. Alles wird gut werden. Während der nächsten Tage, denke ich, wird Jonivus Dich bestimmt mehr brauchen als ich. Ich werde arg mitgenommen sein, und fast das gesamte medizinische Personal des Lagers wird sich um mich herum zuschaffen machen." Er ließ ihre Hand los und deutete damit an, daß sie gehen müsse. "Ich liebe Dich", flüsterte er.

"Ich liebe Dich auch." Olivia lief schnell aus dem Zimmer und wagte nicht zurückzublicken.

Das Lazarett des Lagers war gut organisiert und wurde effizient betrieben ... genau so wie alle anderen Bereiche der Armee. Der Raum war in verschiedene Abteilungen unterteilt, in denen jeweils Verletzungen der gleichen Art behandelt werden konnten ... hier wurden gebrochene Knochen gerichtet, dort Operationen durchgeführt, und wieder in einem anderen Bereich befanden sich die Patienten, die auf dem Wege der Besserung waren. Die Ärzte waren in Allgemeinmedizin geschult, hatten aber alle noch ihr Spezialgebiet, und gut ausgebildete Helfer standen ihnen zur Seite.

Der Apotheker und seine Gehilfen bereiteten Medikamente zu, die sie in Gefäßen aufbewahrten, welche sich wiederum in Schränken befanden, abgeschirmt von Licht und Hitze. Getrocknete Blätter, Rinden und Wurzeln hingen an der Wand und warteten darauf, bei Bedarf einer Medizin frisch hinzugefügt zu werden. Teer zur Behandlung von Stümpfen brodelte in einem Topf. Skalpelle, Nadeln, Pinzetten, Sägen, Tupfer, Fäden zum Vernähen von Wunden gefertigt aus getrockneten Tierdärmen, Stäbe zum Brennen und Ätzen, Bohrer und Zangen lagen sauber und geordnet da und warteten auf ihren Einsatz. Statuen des griechischen Gottes Aesculap sowie der Göttinnen Panacea und Hygieia wachten sorgsam über alle Aktivitäten.

Maximus lag auf einem Tisch im Atrium in der Nähe des Hofes, wo die Lichtverhältnisse am besten waren, und Lampen erhellten die im Schatten liegenden Winkel des Raumes. Schalen, Tücher, Bandagen, Tupfer und medizinische Instrumente lagen auf einem Tisch bereit, zusammen mit Medikamenten, um eine Infektion zu vermeiden und Fieber vorzubeugen. Der General war - bis auf ein Laken, das seine Lenden bedeckte - nackt, und sein rechtes Bein war auch weiterhin hoch gelagert. Er war von vier Ärzten und sechs Gehilfen umgeben. Auch der Apotheker hielt sich in der Nähe auf.

"Was wirst Du mir geben?" verlangte Maximus zu wissen, als Marcianus ihm einen Becher mit heißer Milch reichte, die eine unappetitlich grünliche Farbe hatte.

"Du mußt wohl wirklich alles hinterfragen?"

"Was gibst Du mir da?" beharrte Maximus.

"Opium. Und zwar diesmal eine sehr starke Dosis. Es ist eine Droge, die wir aus dem Osten kaufen; sie ist sehr teuer aber auch extrem wirksam. Nachdem Du das getrunken hast, wird es Dir ganz egal sein, was ich mit Dir mache." Marcianus' Worte klangen so leicht hingesagt, aber sein Herz war schwer. Er hatte in seinem ganzen Leben niemals eine so wichtige Operation durchgeführt. Dies war der bevorzugte General des Kaisers, ganz zu schweigen davon, daß es sich um einen Mann handelte, der auch ihm persönlich sehr am Herzen lag. Sein leichtes Geplauder mit Maximus half beiden Männern in ihrer Nervosität. "Ich warte nur noch so lange, bis Du bewußtlos bist, um Dich in eine ziemlich ... wenig würdige Position zu manövrieren. Du wirst splitternackt sein, die Beine weit gespreizt und das rechte angehoben." Marcianus unterdrückte ein Grinsen. "Ich muß äußerst vorsichtig ans Werk gehen, oder ich könnte Dich glattweg kastrieren, während ich an der Arbeit bin." Die Ärzte kicherten.

"Deine Versuche, mich zu beruhigen, sind ein totaler Reinfall. Gib mir das Opium, bevor ich es mir anders überlege und es vorziehe, mit einem Pfeil im Bein durchs Leben zu gehen." Maximus kostete die Flüssigkeit und verzog das Gesicht, da sie bitter war, aber dann kippte er den gesamten Inhalt des Bechers in einigen Zügen hinunter. Er legte sich zurück, schloß die Augen und gab sein Leben in die Hände der fähigen Ärzte des Lagers. Er hörte, daß Marcianus mit ihm sprach, aber es klang wie von ganz weit her, und sein Körper begann, sich zu entspannen. "Wie fühlst Du Dich?" fragte Marcianus nach einigen Augenblicken.

"Wunderbar", murmelte Maximus mit undeutlicher Stimme. Langsam fiel sein Kopf zur Seite.

"Süße Träume, Maximus. Du wirst in Deinem eigenen Bett wieder aufwachen, bevor Du es überhaupt mitbekommst."

 

 Kapitel 84 - Genesung

Maximus stöhnte leise und wandte seinen Kopf zur Seite, was einen Anfall von Schwindel in seinem Hirn auslöste. Er versuchte, sich von den Decken zu befreien, um seinen überhitzten Körper abzukühlen, aber sie wurden wieder ordentlich über seinen unruhigen Armen zurechtgerückt. Menschen sprachen, aber er konnte  ihre Worte nicht verstehen. Er dämmerte ein ...

Er stöhnte abermals und versuchte, zu sprechen; seine eigenen Ohren unterschieden nichts als ein unartikuliertes Durcheinander von Lauten. Hände berührten sein Gesicht, seine Hände, seine Arme. Er leckte sich die trockenen Lippen und versuchte es noch einmal. "Durstig ..." Sofort wurde ein Glas mit einer Flüssigkeit an seine Lippen geführt. Sie schmeckte ein wenig bitter, aber er war zu durstig, um sich darüber Gedanken zu machen. Und wieder dämmerte er ein...

Warmes Sonnenlicht küßte sein Ohr und er wandte seinen Kopf, um die lebenspendende Wärme ganz auf seinem Gesicht spüren zu können. "Tut gut", murmelte er.

"Maximus? Maximus? Kannst Du mit mir reden? Bist Du wach?" flüsterte Olivia drängend.

Er fühlte kühle Lippen auf seiner Stirn und weiches Haar strich über seine Wangen. Er hob die Hand und fing einige der seidigen Strähnen, aber sein Arm begann zu zittern und fiel zurück auf das Bett. "Schwach ..." hörte Maximus jemanden sagen. Er versuchte, seine Augen zu öffnen, aber es erschien ihm, als ob sie fest zugeklebt wären. Seinen übrigen Sinnen gelang es endlich, zusammenhängende Botschaften an sein Hirn zu senden und ihm zu enthüllen, wo er sich befand. Er war im Bett ... in seinem Bett ... und seine Frau saß neben ihm.

"Olivia", flüsterte er.

"Ich bin hier, Liebling." Sie drückte seine Hand und preßte ihre Wange gegen seine Stirn. "Er fühlt sich heiß an."

Zu wem sprach sie?

Er spürte eine Hand auf seinem Gesicht; sie war zu groß, um seiner Frau zu gehören. "Ein bißchen warm. Kein Grund, sich Sorgen zu machen."

"Marcianus?" fragte er heiser.

"Ja, ich bin hier. Die Operation ist gut verlaufen, und Du befindest Dich auf dem Weg der Besserung."

Maximus brachte ein schwaches Lächeln zustande. "Danke."

Marcianus kicherte vor sich hin. "Nichts zu danken." Er trat ganz nah an Maximus' Ohr heran. "Dir fehlt zwar jetzt ein Pfeil, aber vielleicht bist Du froh zu hören, daß sonst noch alles vorhanden ist."

"Wie spät ist es?"

"Vergiß die Zeit. Du mußt schlafen und wieder gesund werden. Anordnung des Arztes."

Maximus kämpfte darum, endlich die Augen zu öffnen. Ein weißer Blitz zuckte durch sein Hirn, und er stöhnte, während er seinen Kopf mit beiden Händen umklammerte. Man schob sie beiseite, und augenblicklich wurde ein angenehm kühles, feuchtes Tuch über seine Stirn und Augen gebreitet. Olivia preßte es sanft gegen seine Schläfen.

"Keine Angst, Herrin", sagte Marcianus. "Er leidet lediglich an den Entzugserscheinungen des Narkotikums, und ich mußte ihm wirklich eine beträchtliche Dosis verabreichen."

Maximus zog das Tuch weg und öffnete ganz langsam die Augen, vorsichtig die Helligkeit prüfend. Das liebliche, besorgte Gesicht seiner Frau nahm allmählich vor ihm Gestalt an. Er hob ihre Hand an seine Lippen und küßte sie, dann ließ er seine Wange an ihren Fingern ruhen.

Olivia streichelte mit ihrer anderen Hand sein Haar. "Schön, daß Du wieder zurück bist", flüsterte sie.

"Wo bin ich gewesen?"

Olivia lachte. "Oh, an Orten, die nur du kennst. Du hast während der vergangenen Tage seltsame Dinge vor Dich hin gemurmelt." Marcianus schüttelte warnend den Kopf ... zu spät.

"Vergangenen Tagen? Wie lange bin ich bewußtlos gewesen? Was für einen Tag haben wir heute?"

"Wirst Du Dich wohl entspannen", sagte der Arzt. "Das Lager ist immer noch sicher, das Reich ist noch fest in römischer Hand, und Marcus Aurelius ist immer noch Kaiser. Alles ist, wie es sein soll. Ruh dich einfach aus."

"Ich will mit Quintus sprechen."

"Später."

"Jetzt." Er versuchte, sich aufzusetzen, und Marcianus beeilte sich, ihn wieder zurück auf sein Bett zu drücken.

"Maximus, wenn Du Dich nicht beruhigst, werde ich Dich wieder betäuben müssen."

"Und wie willst Du das anstellen, wenn ich das Zeug einfach nicht schlucke?" Maximus hob herausfordernd die Augenbrauen, obwohl es ihm ganz offensichtlich an der notwendigen Kraft mangelte.

"Ich denke, daß zehn starke Legionäre ausreichen sollten, damit Du Dich benimmst, und ich es Dir eintrichtern kann. In genau diesem Augenblick treffe ich die Entscheidungen bezüglich Deiner Gesundheit, und Quintus ist damit beschäftigt, sich nach der Schlacht um das Lager zu kümmern. Du brauchst nichts anderes zu tun, als wieder gesund zu werden."

Maximus prüfte vorsichtig sein rechtes Bein, und ein Schmerz, der ihm beinahe den Magen umdrehte, schoß blitzartig durch seine rechte Seite vom Knöchel bis in die Achselhöhle. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse, und sein Körper versteifte sich vor Schmerz.

"Maximus? Marcianus!" schrie Olivia.

"Mehr Opium!" wies Marcianus seinen Gehilfen grimmig an.

Einen Tag später - drei Tage nach der Operation - wachte Maximus wieder auf. Diesmal zog er es vor, auf die Signale, die sein Körper aussandte, zu achten, und blieb ruhig und gelassen.

"Dein Gesicht ist schon ziemlich zugewachsen", neckte ihn seine Frau. "Nachher wird ein Pfleger kommen und Dich ein bißchen herrichten."

"Wie lange sitzt Du schon an meinem Bett?"

"Seit sie Dich nach der Operation hergebracht haben."

Maximus zog ihre Finger an seine Lippen und küßte sie. "Wo ist Marcus?"

"Er ist bei Persius und Jonivus. Jonivus scheint ihn gerade jetzt besonders zu brauchen. Marcus genießt seine Zeit hier, aber er vermißt Dich und fragt andauernd nach Dir."

"Er wird noch etwas länger warten müssen, bis er mich sehen darf. Ich möchte nicht, daß er in die Nähe dieser Krankenstation kommt."

"Ich weiß. Er wird warten. Inzwischen spielt er Ball und guckt sich bei den Soldaten alle möglichen Unarten ab ... Wörter, die ich bei Dir nie gehört habe ... außer, wenn Du Schmerzen hast und bewußtlos bist, natürlich." Olivia verzog das Gesicht zu einem schelmischen Lächeln.

"Habe ich arg geflucht?"

"Unglaublich." Olivia schüttelte den Kopf, um ihrer Behauptung mehr Nachdruck zu verleihen. "Der arme Marcianus mußte einen ganzen Schwall von Schimpfwörtern über sich ergehen lassen. Und Du hast Befehle an Soldaten erteilt, die nur Du allein sehen konntest. Ich glaube, Du hast im Schlaf eine ganze Schlacht geschlagen. Auch mußt Du gedacht haben, daß ich immer noch in Spanien sei, denn Du schienst sehr besorgt zu sein wegen eines Briefes, den Du noch an eine Frau schreiben müßtest."

"Ein Brief?" fragte er irritiert und erbleichte, als ihm die Bedeutung des Gesagten klar wurde, dann wechselte er schnell das Thema. "Wie lange, denkt Marcianus, daß ich noch im Bett bleiben muß?"

"Noch ein paar Tage, dann kannst Du mit einer Krücke ein bißchen herumhumpeln, aber Du brauchst noch viel Ruhe. Es wird noch eine ganze Weile dauern, bis Du wieder auf einem Pferd wirst sitzen können." Olivia lächelte und warf einen Blick auf das Gemälde an der Wand. "Deine Hengste werden Dich vermissen. Und Hercules natürlich auch. Er versteht nicht, warum man ihn aus dem Haus verbannt hat, und jault wie ein Hundebaby." Ihr Gesichtsausdruck wurde sehr ernst. "Du bist niemals zuvor so schwer verwundet worden, nicht wahr?"

Maximus schüttelte den Kopf. "Nein, nicht so."

"Maximus ... versprich mir, daß Du Marcus nicht erlauben wirst, Dir in die Armee zu folgen. Nachdem, was ich hier gesehen habe, könnte ich den Gedanken nicht ertragen, daß ein weiterer Mann, den ich liebe, ein so gefahrvolles Leben führt. Du hast genug für das Imperium gegeben, mit Sicherheit, und man kann von Dir nicht erwarten, daß Du auch noch Deinen Sohn hingibst."

"Er wird nicht Soldat werden, das verspreche ich Dir. Aber, weißt Du, das Leben eines Soldaten ist zum größten Teil äußerst eintönig ... nichts als harte Arbeit und Pflichten." Maximus blickte auf, als die Tür sich knarrend öffnete, und ein narbiges Gesicht umrahmt von dichtem, dunklem Haar hereinspähte. "Cicero! Komm herein. Komm herein." Die Anstrengung, den Kopf leicht anzuheben, ließ den Schmerz von neuem durch sein Hirn schießen.

Cicero strahlte, als er das Zimmer betrat. "Die Männer wollten, daß ich persönlich nachschaue, ob es Dir gut geht, Herr. Sie vertrauen den Worten der Ärzte nicht."

"Du kannst ihnen sagen, daß es mir, wie Du siehst, gut geht."

Maximus' Gesicht war blaß und abgespannt und Cicero betrachtete ihn mißtrauisch, dann nahm er voller Abscheu das medizinische Chaos im Zimmer in Augenschein. "Ich werde hier etwas aufräumen, Herr. Ich weiß, wie sehr Du Ordnung um Dich herum schätzt."

"Das muß nicht jetzt gleich sein, Cicero", murmelte Maximus, während sein Diener sich bereits die Ärmel hochkrempelte.

"Aber ich tue es gern, Herr, wenn Du nichts dagegen hast. So kann ich mich ein bißchen nützlich machen. Es gibt mir das Gefühl, daß ich Dir irgendwie helfen kann. Aber ich werde es natürlich nicht tun, wenn es Dir unangenehm ist."

"Du könntest nichts tun, wodurch es mir noch schlechter ginge als es das eh schon tut, das versichere ich Dir."

Olivia legte wieder ein kühles Tuch auf die Stirn ihres Mannes. "Ich laß die beiden Herren jetzt allein und werde mal nachsehen, was unser Sohn macht. Ich habe ihn seit dem frühen Morgen nicht mehr gesehen." Olivia küßte Maximus, lächelte Cicero zu, und verließ das Zimmer; sie fühlte sich unbeschwerter, als sie es seit Wochen gewesen war.

Maximus beobachtete Cicero durch halbgeschlossene Augenlider - wie er den Raum so geschickt reinigte und wieder in Ordnung brachte ... Decken faltete und übereinander stapelte, Tischplatten abwischte, Möbelstücke an ihren angestammten Platz zurückschob. Maximus war es zufrieden, ihn einfach arbeiten zu lassen, und er fühlte sich wohl - umgeben von den vertrauten Geräuschen, die mit Ciceros Anwesenheit einhergingen. Er hatte Dutzende von Fragen, wie es im Lager aussah, aber er schien einfach nicht die Energie aufbringen zu können, mehr als eine davon zu stellen. "Cicero, wie geht es Quintus?"

"Oh, er trägt den Arm in einer Schlinge, denn er ist noch ziemlich wund, aber er wird schon wieder in Ordnung kommen. Er ruht die meiste Zeit in seinem Zelt, aber er hat alles im Griff, Herr. Möchtest Du mit ihm sprechen?"

"Morgen."

Cicero nickte und fuhr mit seiner Arbeit fort, richtete Stapel von Papieren und Karten, ordnete ungeöffnete Briefe, die darauf warteten, daß Maximus sich ihnen widmete. Da er Maximus jedoch den Rücken zugewandt hatte, sah er nicht, wie sich der Ausdruck auf dem Gesicht des Generals plötzlich änderte.

"Cicero, hast Du eine Ahnung, was mit einem Brief aus Rom passiert ist - einem persönlichen Brief - den ich bekam, während ich in Castra Regina war? Er ist sicherlich irgendwo bei meinen anderen Sachen."

"Ich habe ihn nicht gesehen, als ich packte, Herr."

"Bist Du sicher?"

"Ja, ganz sicher. Alle Deine Briefe sind hier beisammen und da ist nichts dergleichen."

Maximus war verwirrt und blickte finster vor sich hin. Er rutschte aus seiner halb sitzenden Position wieder tiefer in sein Bett und zuckte vor Schmerz zusammen, der durch die Bewegung ausgelöst wurde.

"Ich laß Dich jetzt allein, Herr. Wenn Du etwas brauchst, dann rufe einfach, und ich werde es schon hören. Ich schlafe direkt vor Deiner Tür."

Maximus nickte; seine Augen waren bereits geschlossen. Julia ...? Wie war noch ihr Nachname jetzt? Die sich überschlagenden Ereignisse der letzten Wochen hatten dieses entscheidende Detail aus seinem Gedächtnis getilgt. Vielleicht würde er sich wieder erinnern, wenn er schlief.

 

 Kapitel 85 - Fieber

Mitten in der Nacht wurde Maximus durch Stimmen aus dem Atrium vor der Tür seines Schlafzimmers geweckt. Die schwere Holztür dämpfte und verzerrte jedes Geräusch, konnte aber nicht den Anflug von Panik in diesen Geräuschen verbergen. Er glaubte, eine Frau sprechen und dann ein Kind weinen zu hören. Konnten das Olivia und Marcus sein? Die mondlose Nacht hüllte den Raum in Dunkelheit, und Maximus fühlte sich so hilflos, wie er in der Dunkelheit dalag, unfähig sich zu bewegen bis auf ein Hin-und-Her-Rutschen in seinem Bett, um sich etwas Erleichterung zu verschaffen.

"Cicero!" rief er. "Cicero!" Er konnte keine antwortende Stimme oder irgendeine Reaktion von der Tür her vernehmen. Wo war dieser Mann bloß? "Cicero!" rief er abermals. Irgend jemand mußte doch seine Stimme hören, die eine ganze Legion von Soldaten kommandieren konnte. Frustriert über das Ausbleiben jeglicher Reaktion lag er da, kochte vor Wut und versuchte herauszubekommen, was im Atrium vor sich ging. Hatte es einen Unfall gegeben? War Feuer ausgebrochen? Maximus schnüffelte, konnte aber keinen Hinweis erkennen, der diese Theorie bestätigt hätte.

Sein Alarmzustand stieg ins Unermeßliche, als er das Herumrennen von Menschen hörte und das kratzende Geräusch von Möbeln, die über den Fliesenboden geschoben wurden. "Cicero!" Er wartete einen Augenblick, dann brüllte er: "Irgend jemand!" Er bekam immer noch keine Antwort. Er probierte sein Bein aus, indem er es vorsichtig anwinkelte, und der nun schon so vertraute Schmerz schoß durch seinen Oberschenkel, und pochte auch in Hüfte und Knie. Trotz seiner Schmerzen beschloß Maximus, daß, falls nicht bald irgend jemand käme, er aus dem Bett steigen und die Sache persönlich untersuchen würde.

Der Schrei eines Kindes zerriß die Nachtluft, scharf und erschreckend. Maximus' Herz drohte stehenzubleiben ... er wußte nur von einem einzigen Kind im Lager. Er warf die Decke zurück und streckte sich, um mit den Zehen des linken Fußes den gewebten Teppich neben dem Bett zu ertasten. Er preßte die Handflächen auf das Bett, stützte sich auf seine Hände und verzog das Gesicht, während er langsam sein Gewicht auf das gesunde Bein verlagerte, und dann vorsichtig die Hüften vom Bett hob. "Ahhh!" schrie er auf, als der schneidende Schmerz ihn wie ein Messer durchfuhr. Er hielt die Position, obwohl seine Arme zitterten, und bewegte sich langsam weiter, bis sein verwundetes Bein direkt auf der Bettkante lag. Maximus verlagerte nun sein ganzes Gewicht auf sein Gesäß und benutzte beide Hände, um das bandagierte Bein über die Bettkante zu heben; der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen und Schweiß perlte auf seiner Stirn. Er verlagerte sein gesamtes Gewicht auf sein linkes Bein, stand auf und ließ das verwundete Bein einfach schlaff baumeln, während seine linke Hand haltsuchend nach dem Nachttisch langte. Was nun? Gehen konnte er nicht.

Maximus zerrte den kleinen Tisch vor sich hin und stützte sich mit seinen Händen darauf, dann machte er mit dem linken Bein einen Schritt vorwärts. Anschließend zog er vorsichtig und unter Schmerzen das andere nach. Er wiederholte diesen Bewegungsablauf wieder und wieder. Als er endlich die Tür erreichte, ließ der stechende Schmerz alles sich in seinem Kopf drehen. Maximus griff nach dem Türknopf, doch plötzlich durchfuhr ihn der Gedanke, daß die Tür sich nach innen öffnete und er sich selbst im Wege stand. Wie hatte er nur so dumm sein können? Aus reiner, wuterfüllter Frustration und Angst schrie er, um endlich Aufmerksamkeit zu erlangen. "Cicero! Marcianus! Wer auch immer!" Er knallte den Tisch mit aller Kraft gegen die Tür.

"General?" fragte eine durch das dicke Holz gedämpfte Stimme.

"Cicero? Das wird auch Zeit! Was geht da draußen vor sich? Ist mit Marcus alles in Ordnung?"

Cicero drückte gegen die Tür und warf Maximus dabei beinahe um. "General, Du bist aufgestanden?" fragte Cicero ungläubig.

Diese Bemerkung ließ plötzlich jeden aufmerksam werden und im gesamten Atrium flogen die Köpfe herum.

"Maximus, was denkst Du, was Du da machst? wollte Marcianus wissen, der aufgesprungen war und nun neben Cicero stand.

"Marcianus, ich hörte ein Kind schreien. Was geht da draußen vor sich? Hat Marcus sich verletzt?"

"Er ist nicht verletzt, Maximus, aber er ist krank. Er hat Fieber ... und das Fieber ist sehr hoch. Wir versuchen, Krämpfe zu vermeiden. Wenn Du uns helfen willst, dann geh in Dein Bett zurück und ich kümmere mich um Deinen Sohn", sagte Marcianus scharf, und seine letzten Worte waren kaum mehr vernehmbar, weil er sich bereits wieder auf den Weg zu Marcus gemacht hatte.

"Cicero, hilf mir", bat Maximus, und seine Glieder zitterten vor Erschöpfung und Furcht. Er konnte seinen Sohn weinen hören. "Wenn ich versuche, mich zu bewegen, dann falle ich. Ich muß zu Marcus."

"Was kann ich tun? Kannst Du etwas zur Seite treten, damit ich die Tür öffnen kann?"

"Papa!" schrie Marcus, seine kleine Stimme war schrill vor Schmerz und Panik.

Maximus begehrte gegen seine Hilflosigkeit auf. Er konnte Schlachten leiten, Belagerungen durchführen, jeden Mann mit Waffen schlagen, und nun konnte er nicht mal aus seinem eigenen Schlafzimmer heraus. Er nahm alle Kraft zusammen und warf den Tisch zur Seite, wo er gegen die Wand prallte, mit Getöse auf dem Fliesenboden landete und zerbrach. Dann versuchte er, auf dem linken Fuß neben die Tür zu hüpfen, aber er konnte sich nicht auf dem Bein halten und fiel zu Boden. Dort lag er neben dem Tisch und fühlte sich ebenso gebrochen und nutzlos.

Er rollte zur Seite, um die Tür frei zu machen; Erschöpfung und Schmerz ließen ihn in einen halb bewußtlosen Zustand fallen.

Aufgeschreckt durch den Lärm und die plötzliche Stille danach, betrat Cicero vorsichtig den Raum. "Herr?" fragte er, und als er ein paar Schritte vorwärts machte, berührten seine Zehen den Körper auf dem Boden. Er fiel neben Maximus auf die Knie. "Herr?" rief er entsetzt, schüttelte den auf dem Bauch liegenden Mann und rief in das Atrium um Hilfe.

Maximus stöhnte und blinzelte mit den Augen, versuchte, sich auf das im Schatten liegende Gesicht seines Dieners zu konzentrieren. Eine gnädige Benommenheit hielt den General umfangen, während er auf gebrochene Knochen untersucht und dann durch vier Gehilfen hochgehoben und auf eine Trage gelegt wurde. Er war jedoch wach genug, um sie davon abzuhalten, ihn wieder zu seinem Bett zu tragen und befahl, ihn zu seinem Sohn zu bringen.

Olivia schaute nur kurz zu ihm hin, als Maximus neben ihr auf dem Boden abgesetzt wurde. Sie hockte neben einem Zuber voll kalten Quellwassers und badete ihren Sohn, während sie versuchte, ihn lächelnd und mit ermutigenden Worten zu beruhigen. Das Kind zitterte, seine Zähne schlugen aufeinander, während es versuchte, mit seinen kleinen Händen seinen nackten Körper vor dem Schock des eiskalten Wassers zu schützen. Als die Flüssigkeit sich langsam zu erwärmen begann, goß man mehr kaltes Wasser in den Zuber, und das Kind fuhr fort, zu zittern und zu weinen. Marcianus leitete die Behandlung und kontrollierte ununterbrochen mit geübter Hand die Temperatur des Jungen..

"Marcus ... Marcus", rief Maximus zärtlich, während er nach dem Rand der Wanne griff und sich in eine sitzende Position hochzog; er gestand sich nicht einmal den Luxus zu, sein Gesicht dabei auch nur andeutungsweise zu einer Grimasse zu verziehen.

"Papa!" rief Marcus und griff nach der großen Hand des Vaters. Maximus nahm die kleine Hand seines Sohnes in seine beiden eigenen Hände.

"Ist er krank?" fragte Maximus seine erschöpfte Frau; sein eigener von Schmerz heimgesuchter Verstand war nicht fähig eine weniger offensichtliche Frage zu stellen.

„Es ging ihm gut, als er zu Bett ging. Ich wachte in der Nacht auf und hörte, wie er nach Atem rang. Als ich seine Stirn fühlte, brannte er vor Fieber, deshalb weckte ich Marcianus und drängte ihn, herzukommen." Sie fuhr fort, zärtlich auf ihren Sohn einzureden und fuhr mit einem nassen Tuch über sein Gesicht, während sie mit ihrem Mann redete.

"Warum hat er Fieber? Was für eine Krankheit könnte er haben? Ist noch jemand krank?"

Olivia konnte die Fragen ihres Mannes nicht beantworten, deshalb konzentrierte sie sich auf ihren Sohn und sagte schlicht: "Ich weiß es nicht."

Marcianus kehrte zurück mit einem Gebräu in einem Trinkglas. "Es reicht jetzt", sagte er zu seinem Gehilfen. "Heb ihn heraus und leg ihn auf den Tisch. Sorg dafür, daß das Bad kalt bleibt, wir könnten ihn jederzeit wieder hineinlegen müssen. Olivia, halte ihn fest, wir müssen ihm diesen Weidenrindenextrakt verabreichen, und der ist ziemlich bitter. Ich habe hier etwas Zucker, um ihm die Sache zu versüßen."

Olivia setzte sich auf den Tisch und hielt ihren nassen Sohn in den Armen. Sie sang leise vor sich hin und versuchte, Marcus zu beruhigen, aber als sie das Glas an seine Lippen hielt, wandte er sich ab, preßte entschlossen die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf.

"Cicero, hilf mir auf einen Stuhl. Ich kann ihn von hier unten nicht mal sehen." Schon  bald saß Maximus neben seinem Sohn, und ermunterte ihn, die mit Milch vermischte Medizin zu trinken. Er hatte nicht mehr Erfolg als seine Frau. "Marcus, wenn ich etwas trinke, wirst Du dann auch trinken?" Maximus nahm seiner Frau das Glas ab und trank einen herzhaften Schluck. Er war jedoch völlig unvorbereitet darauf, wie scheußlich die Flüssigkeit schmeckte und konnte ein Schaudern nicht unterdrücken. "Nun, ...", sagte Maximus und zwang sich zu einem Lächeln. "Das schmeckt wirklich scheußlich, aber es ist gut für mich, und so werde ich es trotzdem trinken. Marcus, ich nehme einen Schluck, und dann nimmst Du einen, in Ordnung?"

Das Kind zögerte immer noch, schien aber bereit, etwas zu probieren, was auch sein Papa trank. Aber nach einem kleinen Schluck weigerte es sich hartnäckig, mehr zu trinken.

"Marcus, das kalte Wasser ist nicht gerade lustig, nicht wahr?" kam Olivia zu Hilfe. "Wenn Du diese Medizin trinkst, dann wird Dein Fieber vielleicht sinken, und Du mußt nicht wieder zurück in das Wasser. Wenn Du es schnell trinkst, dann wirst Du es nicht mal schmecken. Schau! Papa wird auch noch mehr trinken."

Eine halbe Stunde später, nach einer Kombination aus Locken, Zureden und Bestechung, hatte das Kind die ganze Flüssigkeit zu sich genommen und schlummerte im Arm seiner Mutter ein. Marcianus nahm ihr den Jungen ab und legte Marcus auf den Tisch. Er deckte ihn nicht zu und seine Gehilfen rieben Gerstenalkohol in seinen Körper ein, um das Fieber herauszuziehen. In wenigen Stunden würden sie die ganze Prozedur wiederholen müssen.

Seine besorgten Eltern berieten sich mit Marcianus, und er versicherte ihnen, daß - bis auf Wundfieber - niemand anderes im Lager Fieber habe. "Woher kommt es dann?" verlangte Maximus zu wissen.

"Wasser, nehme ich an."

"Du hast eben gesagt, daß niemand weiter krank sei. Wie kann das sein, wenn sein Fieber durch verschmutztes Wasser verursacht sein sollte?“, fragte Maximus. Er blickte auf den Badezuber. "Wenn es von Wasser herrührt, warum baden wir ihn dann darin?"

"Es gehört nicht viel dazu, ein Kind krank zu machen, und ich glaube nicht, daß es mit unseren Brunnen zu tun hat." Marcianus schob müde eine graue Haarsträhne beiseite, die sich aus dem Band in seinem Nacken gelöst hatte. "Hat er in der Nähe des Flusses gespielt?"

Olivia schaute Maximus an, dann wieder den Arzt. "Ich weiß nicht. Er ist die letzten fünf Tage in der Obhut meines Bruders und von Jonivus gewesen."

"Er sollte nicht außerhalb des Lagers gewesen sein", fügte Maximus hinzu, und ein Gefühl von Furcht überkam ihn.

"Ich werde mit ihnen sprechen", sagte Olivia und eilte davon, um die beiden verzweifelten Männer zu befragen, die unmittelbar im Eingang des Hauses standen.

Nachdem seine Frau gegangen war, berührte Maximus  Marcianus an der Hand und zog den Arzt zu sich hinunter.

"Wie ernst ist es?" fragte er leise.

"Sehr ernst. Wir müssen sein Fieber herunter bekommen und es auch unten halten. Ein lang anhaltendes Fieber ist bei einem Kind besonders gefährlich, weil es das Gehirn schädigen kann ... oder Schlimmeres." Marcianus betrachtete seinen General mit tiefem Mitgefühl. Er hing in seinem Stuhl und litt offenbar an Körper und Seele. Sein Gesicht wirkte blaß und äußerst erschöpft; große rote Flecke hatten sich auf seinen Verbänden gebildet, ein sicheres Zeichen, daß sich einige der Stiche bei seinem Bemühen, zu seinem Sohn zu gelangen, geöffnet hatten.   Er war jedoch außer Gefahr und würde am Ende auch wieder genesen, also zog es Marcianus vor, für diesmal die blutigen Binden zu übersehen und sich um den Jungen zu kümmern. Und so stand er wieder auf.

Olivia kam zurück und hatte Persius im Schlepptau. Jonivus trottete hinter ihnen her. Bevor Olivia auch nur ein Wort sagen konnte, platzte Persius schon heraus: "Marcus war es langweilig, und so dachte ich, daß er gerne mit anderen Kindern in seinem Alter spielen würde. Ich ... ich habe ihn mit zum Fluß hinunter genommen, weil die Dorfkinder dort spielen. Er wurde von einem Dutzend bewaffneter Soldaten bewacht. Ich habe die Gefahr nicht erkannt, Maximus. Ich wußte nicht, daß das Wasser verseucht war. Es sah klar aus und hat auch nicht schlecht gerochen." Als er mit seinem Bericht fertig war, zitterte Persius und war den Tränen nah.

Maximus sagte nichts, während er auf seinen schlafenden Sohn starrte.

Marcianus fügte eine weitere Erklärung hinzu. "Der Schnee auf den Bergen ist bereits zum größten Teil geschmolzen, deshalb führt der Fluß nicht so viel Wasser wie zuvor und fließt auch nicht so schnell. An den Biegungen haben sich Tümpel mit stehendem Wasser gebildet, und, weil es so warm ist, wird die Verseuchung von jeder nur möglichen Körperflüssigkeit genährt, die in das Wasser gelangen konnte. Es ist bisher noch nicht so schlimm, daß Du es sehen oder riechen könntest, Maximus."

Marcianus hatte das Gefühl, daß er den jungen Mann und den Ingenieur des Lagers verteidigen müßte. Er wußte, wie gefährlich Maximus sein konnte, wenn er bis an die Grenze seines Verstandes getrieben wurde, und im gegenwärtigen Zustand fehlte nicht mehr viel dazu.

"Wir müssen die Dorfkinder von diesem Bereich fernhalten. Sind von ihnen welche krank?" fragte Maximus und seine Stimme entbehrte auf seltsame Weise jeder Emotion.

Ein Arzt, der das Gespräch verborgen im Schatten verfolgt hatte, trat hervor.

"Ja, ... drei. Ein weiteres ist vor wenigen Stunden gestorben."
Maximus hörte, wie seine Frau darum kämpfte, ihre Gefühle niederzuhalten, aber er wandte seine Augen nicht von seinem Sohn und sagte ruhig: " Schick beim ersten Morgenlicht Soldaten, daß sie die Tümpel ausspülen und jeden für einige Tage vom Fluß fern halten. Beobachte das Brunnenwasser aufmerksam." Er blickte Marcianus an. "Laß die kranken Dorfkinder hierher bringen. Sie sollen dieselbe medizinische Versorgung bekommen wie mein eigener Sohn."

Während Maximus sprach, hatte sich Jonivus leise hinter seinen verletzten General begeben und legte ihm nun die Hand auf die Schulter. Maximus ergriff sie mit seiner eigenen zitternden Hand und drückte sie fest; der eine Mann hatte seinen Sohn vor kurzem verloren und der andere drohte den seinen zu verlieren.

zurück zur Übersicht                                                                                           nächste Kapitel