Kapitel 86 - Der Altar

Maximus saß, die Stirn auf die gefalteten Hände gestützt, vor dem Altar seines Schlafzimmers, dem einzigen Wärme ausstrahlenden Platz in dem ansonsten düsteren Raum. Ein Dutzend Kerzen warf flackerndes gelbes Licht auf sein Haar, konnte aber sein tief im Schatten verborgenes Gesicht nicht erreichen. Seine Lippen bewegten sich lautlos, während er jeden Gott, jede Göttin und jeden Ahnen anflehte, seinen Sohn zu verschonen. Das Licht beschien jedoch die Hände, die sanft auf seinen Schultern ruhten und spiegelten sich in den schönen dunklen Augen der Frau, die hinter ihm stand ... der einzige Glanz in Augen, die ansonsten trübe waren von Müdigkeit und Sorge. Auch Olivia betete für ihren Sohn, aber sie sandte ebenfalls stille Gebete zu den Göttern für ihren Mann, der sich vor Sorge um ihren Jungen verzehrte. Der Raum wurde plötzlich hell, als sich die Tür öffnete; Olivia küßte Maximus auf das Haupt und wandte sich dann ab, um Quintus zu begrüßen, der in der Tür stehengeblieben war und zögerte, diese so intime Szene zu stören. Er hatte seit der Schlacht noch keine Gelegenheit gehabt, seinen General zu sprechen, da Maximus jede Minute, in der das Kind wach war, bei seinem Sohn verbrachte, und wenn er schlief, betete er vor seinem Altar. Der General weigerte sich, Nahrung zu sich zu nehmen, und seine eigene Verfassung drohte, sich zu verschlechtern, sogar als sein Sohn wieder langsam zu Kräften zu kommen schien. Selten verließ er seinen Stuhl - er schlief selbst darin - und wurde auf einer Art Plattform mit Rädern vom Atrium in sein Schlafzimmer geschoben. Jonivus hatte die Konstruktion eilig zusammengezimmert um zu verhindern, daß der Stuhl beim Transport zu sehr hin und her geschüttelt würde. Auch Cicero sah furchtbar aus. Er war so in Sorge um seinen General, daß er sich weigerte, von dessen Seite zu weichen. Er saß die ganze Zeit über bei ihm und beobachtete den betenden Mann voll Aufmerksamkeit und Sorge. Neben ihm auf dem Tisch standen Teller mit Speisen, die Maximus nicht mal angerührt hatte.

"So habe ich ihn noch nie erlebt", flüsterte Quintus Olivia zu.

"Auch ich nicht", antwortete Olivia, "und es macht mir Angst. Der einzige Mensch, mit dem er redet, ist Marcus. Ansonsten scheint er ... scheint er sich ganz in sich zurückzuziehen. Marcianus meint, es sei größtenteils eine Reaktion auf die Medikamente, die er bekommen hat. Er sagt, Opium könne im Nachhinein bei manchen Patienten eine tiefe Traurigkeit hervorrufen. Die Nebenwirkungen der Droge und Marcus' Krankheit haben ihn in eine tiefe Depression gestürzt. Er ist nicht mehr er selbst."

Quintus stimmte ihr zu. "Selbst im schlimmsten Schlachtengetümmel blieb er immer zuversichtlich und seine Männer zogen aus Maximus' Haltung Stärke für sich selbst. Ich habe ihn nie so niedergeschlagen gesehen."

"Er war auch immer meine Stärke." Olivia schaute auf das gebeugte Haupt und die zusammengesunkenen Schultern ihres Mannes. "Vielleicht verlassen wir uns alle zuviel auf ihn. Vielleicht ... sind der Verlust von so vielen Soldaten, seine eigene Verwundung und die Krankheit seines Sohnes ... im Augenblick einfach mehr als er ertragen kann. Wahrscheinlich braucht er einfach etwas Zeit."

"Manchmal vergißt man zu leicht, daß er auch nur ein Mensch ist." Olivia und Quintus wandten sich Jonivus zu, der sich leise zu ihnen gesellt hatte. "Verzeih, Herrin, aber ich konnte nicht umhin, Euer Gespräch mit anzuhören." Er betrachtete den Mann auf dem Stuhl. "Hättest Du etwas dagegen, wenn ich mit ihm spreche?"

"Du kannst es versuchen, Jonivus", antwortete Olivia, "aber ich bezweifle, daß Du mehr Erfolg haben wirst als wir. Wir haben alle versucht, mit ihm zu reden, aber er reagiert einfach nicht."

Statt das Schlafzimmer zu betreten, machte Jonivus kehrt und verließ das Haus. Kurze Zeit später kehrte er zurück und trug ein Tablett randvoll mit frischem, duftendem Brot, Käse und frühen Sommerfrüchten. Er ging direkt auf Maximus zu, der sich in der Zwischenzeit nicht einen Millimeter gerührt hatte. Mit einem Seitenblick auf Cicero zog Jonivus einen Stuhl heran und setzte sich nur wenige Zentimeter entfernt neben seinen General. Maximus' Lippen hielten  einen Augenblick in ihrer Bewegung inne, aber sobald Jonivus sich niedergelassen hatte, kehrte er zu seinen Gebeten zurück. Falls er das Brot riechen konnte, ließ er es sich doch nicht anmerken.

Jonivus legte seine Hand leicht auf die Schulter des betenden Mannes. "Maximus. Maximus. Die Götter haben gehört, was Du ihnen zu sagen hast. Es ist an der Zeit, sich wieder den Dingen der Sterblichen zuzuwenden. Hier ... ich habe Dir etwas zu essen mitgebracht. Du hast schon viele, viele Stunden nichts gegessen. Es gibt Menschen, die sich Sorgen um Dich machen."

Maximus ignorierte ihn.

Jonivus versuchte es noch einmal. "Maximus, Du weißt, daß ich verstehe, wie Du Dich fühlst. Aber Du erweist Deinem Sohn keinen Dienst, wenn Du Dir selbst Schaden zufügst. Du mußt für ihn stark sein. Dein Körper braucht Nahrung."

Jonivus hielt ihm ein Stück Käse entgegen. "Hier, bitte, nimm das und iß."

Maximus fuhr fort zu beten, als sei er allein mit seinen Göttern.

Jonivus ließ die Hand, mit der er immer noch den Käse hielt, in seinen Schoß sinken und seufzte schwer. "Maximus", versuchte er es noch einmal, "es gibt nichts, was Du noch tun kannst. Die Götter haben gehört, was Du ihnen zu sagen hast. Was kannst Du von ihnen erbitten, um das Du nicht schon gebeten hast?"

Maximus' heisere Worte kamen so unerwartet, daß jeder im Zimmer vor Überraschung aufsprang. "Ich habe sie gebeten, mich statt seiner zu nehmen."

"Was?" fragte Jonivus ungläubig.

Olivias Ringen um Atem glich mehr einem Schrei. Cicero sprang mit einem Satz auf und streckte die Hand nach Maximus aus, bevor er sie hilflos wieder sinken ließ. Sein Mund öffnete und schloß sich wieder wie bei einem Fisch, den man aus dem Wasser gezogen hatte, die Verzweiflung stand ihm deutlich ins Gesicht geschrieben.

Maximus befeuchtete seine Lippen und sprach abermals mit immer noch gesenktem Kopf. "Ich könnte es nicht ertragen, noch ein Kind zu verlieren. Ich würde lieber sterben als ein weiteres Kind zu verlieren. Ich bete zu den Göttern, mich statt dessen zu nehmen."
Jonivus betrachtete Maximus still; seine Lippen begannen, sich in eine harte, dünne Linie zu verwandeln, und seine Augen verengten sich. Plötzlich stand er auf und warf das metallene Eßgeschirr mit aller Kraft, derer er fähig war, gegen die Wand. Es fiel scheppernd zu Boden, drehte sich auf der Kante wild um die eigene Achse und schleuderte die Speisen in alle Richtungen. Maximus zuckte und warf bei dem unerwarteten Lärm instinktiv den Arm über seinen Kopf. Er taumelte seitlich von seinem Stuhl, kam wieder auf die Beine und duckte sich, wie um einen unsichtbaren Feind anzuspringen. Jonivus ergriff die Rückenlehne von Maximus' soeben freigegebenem Stuhl und schleuderte ihn durch den Raum, wo er gegen das Bett rutschte, dann gegen den "Rollstuhl" krachte und diesen in die selbe Richtung mit sich riß. Als Maximus sich unter Schmerzen wieder aufrichtete, trat Jonivus dicht an ihn heran, so daß ihre Körper sich beinahe berührten. Cicero trat an die Seite seines Generals und stand da, angespannt und unsicher, was kommen würde.

Olivia machte einen Schritt vorwärts wie um ihren verwundeten Gemahl zu schützen, aber Quintus hielt sie zurück. "Jonivus wird ihm nichts tun, Herrin. Warte und sieh zu , was geschieht!"

Jonivus und Maximus standen sich so dicht gegenüber, daß ihre Nasen sich beinahe berührten, der Größere von ihnen leicht gebückt, um sein schmerzendes Bein zu entlasten. Maximus' Atem ging schwer, aber er biß trotzig die Zähne zusammen. "Was hat das zu bedeuten?" fuhr er den Ingenieur an.

"Wie kannst du es wagen, Dir selbst den Tod zu wünschen?!" brach es aus Jonivus hervor.

"Misch Dich nicht in mein Leben ein", kam die tödliche Antwort.

"Dein Leben! Dein Leben? Du meinst das Leben, für welches mein einziger Sohn gestorben ist? Ist das das Leben, von dem Du sprichst?"

Maximus blinzelte, und sein Unterkiefer fiel herunter.

"Hast Du so eine geringe Meinung von meinem Jungen, daß Du Dein Leben einfach wegwirfst, nachdem er Seines gab, um das Deine zu retten?"

Tränen des Schmerzes und der Wut glitzerten in Jonivus' Augen.

Maximus schüttelte den Kopf. "Nein ... nein, Jonivus, natürlich nicht ..."

"Dann beweise mir das Gegenteil. Du schuldest es mir zu leben, Maximus, was auch immer mit Deinem Jungen geschehen wird. Ich bin der lebende Beweis, daß ein Mann weiterleben kann, nachdem sein Sohn gestorben ist. Auch ich wollte sterben, aber ich habe Gründe, weiter zu leben, und Du bist einer davon. Sei nicht so ... selbstsüchtig."

Maximus taumelte rückwärts, als ob man ihm einen Schlag versetzt hätte, sein Gesicht spiegelte seine Betroffenheit wider. "Selbstsüchtig?"

Jonivus schwieg. Er warf einfach den Kopf zurück und betrachtete seinen General voller Verachtung.

Maximus schaute an ihm vorbei zu seiner Frau, die dastand, die Hände auf den Mund gepreßt und mit weit aufgerissenen Augen. Quintus stand still wie eine Statue neben ihr, sein Gesicht beherrscht und ernst. Die Augen des Generals kehrten langsam zu dem Ingenieur zurück, der ihn  noch immer herausfordernd anstarrte. Maximus schüttelte den Kopf wie um Klarheit in seine Gedanken zu bringen, und schaute hinüber zu dem Altar, dann zu Cicero, bevor er seinen Blick wieder Jonivus zuwandte. Er drehte sich um, und ging schwer hinkend zu seinem Bett.

Jonivus trat hinter den Altar, griff nach den Fensterläden und warf sie auf, um die späte Nachmittagssonne hereinzulassen. Goldene Strahlen fielen schräg auf Olivias Gemälde ihres stolzes Gemahls auf seinem tänzelnden schwarzen Hengst ... Roms bestem General, in strahlender Rüstung und Pelzen.

Maximus hielt unvermittelt inne und starrte auf sein eigenes leuchtendes Abbild.

"Erkennst Du diesen Mann, Maximus?" flüsterte Jonivus grimmig in sein Ohr. "Das ist der Mann, für den mein Sohn sein Leben gegeben hat. Das ist der Mann, für den jeder römische Soldat sterben würde. Du bist kein gewöhnlicher Mann, mein Freund. Du wurdest von den Göttern auserwählt, weil Du wirklich etwas Besonderes bist. Du gehörst Deiner Familie, Maximus, aber Du bist auch ein Diener Roms. Es ist dir nicht erlaubt, Dein Leben für einen von ihnen zu geben, ohne die Folgen für den anderen zu bedenken. Die Götter werden eine solche Bitte nicht erhören, und Du hast nicht das Recht, sie zu äußern."

Maximus starrte schweigend auf sein Ebenbild, bis die einfallenden Sonnenstrahlen langsam verblaßten. Und während dessen schien es, als ob der Geist des Mannes auf dem Gemälde sein sterbliches Gegenüber durchdrang. Maximus richtete sich langsam auf und hob den Kopf. "Es ... es tut mir leid, Jonivus. Du hast recht. Ich schulde es Deinem Sohn - den Söhnen vieler Männer - zu leben, was auch immer mit meinem eigenen geschehen wird. Ich ... ich dachte, niemand sonst auf der Welt würde so leiden wie ich." Maximus wandte sich langsam um. Er schaute seine in Tränen aufgelöste Frau an und blickte dann über ihren Kopf hinweg in das Atrium. "Selbst in diesem Lager gibt es Kinder, die ebenso leiden wie mein Sohn; andere Väter, die ebenso fühlen wie ich; andere Mütter, die ... " Maximus schloß die Augen. "Es tut mir leid. Ich bin nicht der Mann gewesen, der ich hätte sein müssen ... der zu sein man von mir erwartet."

"Es sieht Dir nicht ähnlich aufzugeben, Herr", sagte Jonivus sanft. "Du bist ein Kämpfer. Es ist seltsam ... wie Du Dich verhalten hast."

Maximus nickte, dann öffnete er die Augen. "In letzter Zeit bin ich nicht ich selbst gewesen." Er ergriff den Unterarm seines Ingenieurs.

Cicero hatte die Schultern so hoch gezogen, daß sie beinahe seine Ohren berührten, und er zwang sich, sich wieder zu entspannen. Er fühlte das Bedürfnis, wieder zur Normalität zurückzukehren; daher ging er durch das Zimmer und zündete die Lampen an, während Olivia ihren Mann umarmte.

"Tut Dein Bein weh?" fragte sie, als sie merkte, daß Maximus sein ganzes Gewicht auf das linke Bein stützte und den rechten Fuß nur benutzte, um das Gleichgewicht zu halten.

"Ja", gab er zu, "aber keine Schmerzmittel mehr."

"Ich hol Dir Deinen Stuhl." Olivia war im Begriff, sich abzuwenden, aber Maximus hielt sie fest und schloß sie in seine Arme. "Nein, Liebling. Den werde ich nicht brauchen. Ich laufe. Ich werde einen Stock brauchen, aber ich will laufen. Ich will, daß mein Sohn - und meine Männer - sehen, daß ich wieder auf den Beinen bin."

Jonivus grinste Maximus an. "Ich werde Dir einen Stock besorgen, Herr. Und wenn ich keinen finde, der passend ist ... dann werde ich selbst einen machen, der eines Generals würdig ist!" Als er den Raum verließ, kam er dicht an Quintus und Marcianus vorbei; letzterer hatte das Zimmer gerade noch rechtzeitig betreten, um Maximus' Verwandlung mit anzusehen.

Der Arzt strich sich das lange, graue Haar aus dem Gesicht, und ein vorsichtiges Lächeln begann seine müden Züge aufzuhellen.

"Du bist gerade wieder rechtzeitig auf den Beinen, Maximus. Marcus ist wach und fragt nach Dir ... "

Olivia zog den Arm ihres Mannes über ihre schmale Schulter, bereit, ihn zu stützen, so daß er in das Atrium herüberhumpeln konnte.

Marcianus kreuzte die Arme vor der Brust und lächelte dem Paar zu. " ... und er hat kein Fieber mehr."

Mit einem Freudenschrei schlüpfte Olivia unter dem Arm ihres Mannes durch, rannte ins Atrium, während Maximus drohte, das Gleichgewicht zu verlieren. Er hätte sich nicht halten können, wären Quintus und Cicero ihm nicht zu Hilfe geeilt. Beide packten Maximus je unter einem Arm und seufzten erleichtert, als ihr General wieder sicher auf seinen Füßen stand.

"Nun, Maximus, es sieht aus, als habe Deine Frau ganz klare Prioritäten", bemerkte Quintus.

Maximus blieb plötzlich stehen und fragte ernst. "Bin ich wirklich so furchtbar gewesen? Habe ich sie so sehr vernachlässigt?"

Cicero nickte nachdrücklich. "Das hast Du. Es ist alles sehr schwer für sie gewesen. Du fängst besser schon mal an, darüber nachzudenken, wie Du das bei ihr wieder gutmachen kannst."

Die drei nahmen ihren Marsch zum Atrium wieder auf. "Und was schlägst Du vor, Cicero?" fragte Maximus.

"Mmm ... Ferien in Rom."

"Rom?" wiederholte Maximus skeptisch.

"Wie wäre es mit einem Schmuckstück?" schlug Quintus vor. "Um diese Jahreszeit kannst Du Gold und Edelsteine auf den Märkten in Vindobona bekommen."

"Das ist keine schlechte Idee", sagte Maximus nachdenklich, während er weiterhumpelte. "Aber wißt Ihr, was sie sicher am liebsten hätte?"

"Was?" fragten Quintus und Cicero wie aus einem Mund.

"Nach Hause zu gehen, nach Spanien."

"Nur wenn Du einige Zeit mit ihr zusammen dort verbringst, Herr", fügte Cicero hinzu.

"Nun, das müßte sich einrichten lassen", meinte Maximus. "Ich bin sicher, daß sich das einrichten läßt."

 Kapitel 87 - Spanien

Die herbstliche Sonne und die grünen Hügel Spaniens hießen Maximus und seine Familie mit ihrer warmen Umarmung willkommen. Endlich ... endlich waren sie zu Hause. Er fühlte, daß  seine Stimmung sich hob, als er in der Ferne sein Haus erspähte, wie es dalag: auf einem hohen Hügel thronend, umgeben von Feldern, deren Getreide reif zur Ernte war, und von Bäumen, schwer von Früchten. Er trieb Argento zu einem munteren Trab an und ließ den Wagen mit seiner Frau und seinem schlafenden Sohn hinter sich.

Die Reise nach Spanien hatte sich um Monate verzögert, bis Maximus ganz genesen  und auch Marcus wieder vollständig zu Kräften gekommen war. Zur Abwechslung waren die Sommermonate in Germanien nach der furchtbaren Schlacht von Vindobona relativ ruhig gewesen, und so hatte Maximus die Zeit und nötige Sicherheit, mit seiner Familie Ausflüge in das Dorf und die Umgebung zu machen - immer bewacht von einem Trupp bewaffneter Soldaten. Marcus hatte sich mit einigen Kindern aus dem Dorf angefreundet, und sie spielten jeden Tag zusammen, entweder im Dorf oder im Lager. Maximus hatte sein verwundetes Bein so lange trainiert, bis es seine alte Stärke wiedererlangte, und Olivia hatte die langsam verblassende Narbe jede Nacht mit lindernden Salben eingerieben, was unweigerlich in ausgiebigen Runden von leidenschaftlichem Liebesspiel endete.

Aber nun waren sie wieder daheim. Vom Inneren des Wagens aus konnte Olivia nicht sehen, was ihr Mann tat, und sie merkte erst, daß er nicht mehr bei ihnen war, als der Wagen vor ihrem Haus anhielt. Diener strömten herbei und Arbeiter kamen von den Feldern gelaufen, um die Familie zu begrüßen; Olivia wurde von einer tränenreichen Umarmung zur nächsten gereicht. Marcus wurde in die Luft geworfen, begleitet von Bemerkungen, wie sehr er doch gewachsen sei.

Olivias Augen suchten nach ihrem Mann, während sie ihre Freunde warm begrüßte; ihre Freude, wieder zu Hause zu sein, wurde jedoch durch das Gefühl gedämpft, daß irgend etwas nicht in Ordnung war. Wo war Maximus? Jeder fragte nach ihm, und sie antwortete mit einem Achselzucken, bis Cicero zurück auf die Straße, zum Tor und der großen Pappel hinab zeigte, an deren Fuß eine einsame Gestalt kniete.

Es war schon beinahe dunkel, als Maximus die Stufen zu seinem Haus hinaufstieg. Eine frisch gebadete Olivia begrüßte ihn auf dem kleinen Weg.

"Ich mußte mit ihr reden", flüsterte er.

"Ich verstehe, mein Liebling", sagte Olivia, und sie hakten einander unter, während sie die Stufen zu ihrem Heim gemeinsam hinaufstiegen.

"Ohhh ... bin ich müde", sagte Maximus, streckte die Arme über dem Kopf und gähnte. "Es ist nur gut, daß ich nicht immer hier lebe, Cicero, sonst würde ich fett und faul werden wie ein Schwein."

"Das bezweifle ich, Herr", antwortete Cicero mit einem Lächeln. Und wirklich, Maximus sah wundervoll fit und entspannt aus; sein Haar und Bart waren länger - wie gewöhnlich, wenn er zu Hause war; sein Gesicht war gebräunt und sein Körper muskulös von der täglichen Arbeit auf den Feldern. Wenn er eine schlichte Tunika und Sandalen trug, konnte man ihn glatt für einen der Bauern des Ortes halten ... aber jeder wußte es besser. Wenn jemand sich an das gute Leben zu gewöhnen begann, dann war das Cicero, den Maximus von seinen Pflichten entbunden hatte und wie ein Mitglied der Familie behandelte.

Wenn er nicht mit irgendwelchen Verbesserungen auf seinem Hof beschäftigt war oder mit seinem Sohn spielte, besuchte Maximus die örtlichen Märkte, verkaufte seine Erzeugnisse und kaufte Vorräte ein. Die Bürger von Emerita Augusta gewöhnten sich langsam an den berühmten Mann in ihrer Mitte und hörten auf, ihn unverhohlen anzustarren, als sei er ein Gott in Menschengestalt.

Als die Tage kürzer und die Nächte kühler wurden, verbrachte die Familie friedliche Abende vor dem Feuer und besprach die Ereignisse des Tages. Oft besuchten sie Olivias Familie zu ausgelassenen Abenden mit Unterhaltung und Spiel. Marcus spielte mit seinen zahlreichen Cousins, und Persius gab ausgeschmückte Geschichten über seine Abenteuer in Germanien zum besten, was ihm mehr als einmal ein Stirnrunzeln von Maximus einbrachte. Olivias Brüder und Vater hatten ihr schließlich vergeben, daß sie sich auf die gefährliche Reise gemacht hatte, um ihren Mann zu sehen, aber sie machten auch ganz deutlich, daß dies nicht noch mal geschehen dürfe. Maximus versicherte ihnen, daß es nicht wieder vorkäme; seine Frau hatte genug von den Härten des Lebens in Germanien gesehen, daß es für den Rest ihres Lebens ausreichte.

Der Winter nahte und die Luft wurde immer kälter. Die Nächte waren nun lang, und Maximus und Olivia verbrachten viele Stunden unter der Bettdecke; sie redeten, lachten und liebten sich. Keiner von ihnen berührte das Thema, das sie beide so sehr fürchteten - Maximus’ bevorstehende Abreise nach Germanien und seine lange Abwesenheit von den Menschen, die er am meisten auf der Welt liebte. Marcus Aurelius hatte ihm erlaubt, bis Anfang Januar bei seiner Familie zu bleiben, und der Dezember neigte sich seinem Ende zu.

Eines Morgens erwachte Maximus und fand seine Frau am Feuer sitzend vor, wie sie in die Flammen starrte. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen. „Olivia?“

Sie wandte sich um und blickte ihn an. „Maximus ... wer ist Julia?“

Seine Augen senkten sich auf den zerknitterten und zerrissenen Brief in ihrer Hand, dann schaute er sie wieder an. Er setzte sich im Bett auf und die Decke fiel herab bis zu seiner Taille, entblößte Brust und Arme, die unbekleidet waren.

„Woher hast Du den?“, fragte er sanft.

„Ein Soldat in Germanien fand ihn. Er hatte sich in einem Zelt verfangen, das der Soldat ausbreitete, um die Leinwand zu trocknen. Er brachte ihn mir, damit ich ihn Dir gebe. Also ... hiermit gebe ich ihn Dir.“

Maximus versuchte, die Atmosphäre etwas aufzuheitern. „Warum hast Du dazu so lange gebraucht?“ fragte er lächelnd. Aber seinem Bemühen war kein Erfolg beschieden. Olivia blieb ernst und wandte sich wieder dem Feuer zu. Er seufzte. „Sie ist die junge Sklavin, die mir vor Jahren half, Cassius zu töten. Ich hatte Dir von ihr erzählt ... erinnerst Du Dich?“ Maximus blickte Olivia fest an.

„Schreibt sie Dir häufig?“

“Nein, das ist der einzige Brief. Ich hatte keine Ahnung, was aus ihr geworden ist, bis ich dies hier bekam.“ Maximus verschränkte die Arme vor der Brust. „Hast Du ihn gelesen?“

„Nein.“

„Vielleicht solltest Du das aber. Lies ihn. Ich habe nichts dagegen. Und mit Sicherheit wird es Dich beruhigen, denn es gibt nichts zu verbergen.“ Olivia rührte sich nicht. „Lies ihn!“ drängte er.

Nach einem langen Moment des Zögerns entfaltete sie den Papyrus, hielt ihn gegen das Licht des Feuers und las. Nachdem sie zu Ende gelesen hatte, ließ sie den Brief in ihren Schoß sinken und blickte ihren Gemahl an. „Es ist ein Liebesbrief.“

Maximus öffnete vor Erstaunen den Mund. „Ein Liebesbrief? Das ist er nicht!“ protestierte er. „Es ist lediglich ein Brief aus Dankbarkeit, nichts mehr. Sie wollte mir einfach mitteilen, daß sie sich ein glückliches Leben aufgebaut hat ... ein glückliches Leben als verheiratete Frau.“

„Es ist ein Liebesbrief“, insistierte Olivia weiter. „Ihre Gefühle sind ganz klar, wenn du zwischen den Zeilen liest.“

Maximus warf verzweifelt die Hände über den Kopf.

„War sie schön?“

„Ja, aber nicht mehr als Du.“

“Hast Du mit ihr geschlafen?” fragte Olivia mit unsicherer Stimme.

„Nein! Olivia, ich habe Dir die Treue geschworen, solange wir beide leben werden, und ich halte dieses Gelübde. Beschuldige mich bitte nicht der Untreue, wenn ich nicht untreu gewesen bin ... ich habe nie mit einer anderen Frau geschlafen, seit wir verheiratet sind.“ Maximus erhob sich vom Bett, nackt wie er war, und nahm sie in seine Arme. „Warum benimmst Du Dich so? Hmm?“

Olivia schluckte die Tränen herunter und klammerte sich an ihn, während er ihr Haar streichelte. „Ich weiß nicht. Ich ... ich habe nur so große Angst, Dich zu verlieren, und mir ist klar geworden, daß das sehr wohl möglich ist ... und das kann auf viele Arten geschehen. Wir werden so lange getrennt sein.“

„Es ist für uns beide schwer. Ich weiß das. Aber wenigstens weißt du jetzt, daß Germanien nicht irgend ein romantischer Außenposten ist, wo ich meine Tage und Nächte in den Armen schöner Frauen verbringe. Du weißt jetzt, wie mein Leben wirklich aussieht.“

„Ich werde Angst haben, daß Du am Fieber stirbst.“

Maximus kicherte vor sich hin. „Nein ... denk nicht an solche Sachen. Stell mich Dir lieber vor, wie ich nie enden wollende Manöver befehlige, den Bau von Straßen überwache, mit Spähern, Spionen und Kurieren in Verbindung stehe und Kampftaktiken für Schlachten entwickle, die niemals stattfinden werden. Mein Leben ist alles andere als aufregend - meistens. Du hast es gesehen. Ehrlich gesagt verbringe ich den größten Teil meiner Freizeit damit, Briefe an Dich und Berichte an Marcus Aurelius zu schreiben. Ich weiß nicht, was Julia veranlaßt hat, mir diesen Brief zu schreiben.“

“Wirst Du ihn beantworten?” Olivias Stimme klang gedämpft, weil sie ihr Gesicht am Hals ihres Mannes vergraben hatte.

„Nein.“ Er nahm ihr den Brief aus der Hand und warf ihn ins Feuer; dort rollte er sich zusammen und qualmte, bevor er zu Asche verbrannte. Dann schloß Maximus seine Frau in die Arme und trug sie zurück zum Bett, wo sie den Rest des Morgens in ungestörter Wonne verbrachten.

Drei Tage später, am 3.Januar des Jahres 177, saß Maximus wieder auf Argento und überblickte schweigend seine Ländereien. Er versuchte, sich jeden Busch, jede Blume und jeden Fels ins Gedächtnis einzuprägen und so eine Erinnerung zu schaffen, die ihn am Leben erhalten würde während der kommenden Monate ... oder Jahre.

Olivia und Marcus standen im Eingang, ihr Abschied war lang und schmerzvoll gewesen. Olivia drückte ihren Sohn fest an ihre Seite und preßte die andere Hand unter dem Umhang auf ihren Bauch. Sie biß die Zähne zusammen, damit ihr Kinn nicht zitterte. Der kleine Junge versuchte, tapfer zu sein, aber stumme Tränen rollten über sein Gesicht. Er hob die kleine Faust und preßte sie auf sein Herz. Auch Maximus' Augen schwammen in Tränen, als er den Gruß erwiderte. Dann riß er Argento herum und galoppierte die Straße hinunter, bevor er schwach würde und abstieg, um für immer zu bleiben.

 

 Kapitel 88 - Möglichkeiten

"Es ist mir eine Ehre, Dich wiederzusehen, Cäsar", sagte Maximus, während er in Habachtstellung im Eingang des prunkvollen kaiserlichen Zeltes stand, welches gegenwärtig in Bonna, Germania Prima, aufgeschlagen war.

"Oh, Maximus ... komm her, komm her", antwortete Marcus, während er seinen bevorzugten General in die Arme schloß und liebevoll über seinen Rücken strich. Das zerfurchte Gesicht des Kaisers glättete sich deutlich, als er den jüngeren Mann bei den Schultern faßte und einen Schritt zurück trat, um ihn besser betrachten zu können. "Du siehst gut aus, Maximus. Ist Dein Bein wieder ganz geheilt?"

"Ja, Hoheit. Ich bin wieder völlig hergestellt. Die Zeit, die ich in Spanien verbrachte, hat ihren Teil dazu beigetragen. Nochmals Dank, daß Du mir den Urlaub gewährt hast."

"Nun, es könnte Dein letzter für eine ganze Weile gewesen sein, fürchte ich." Marcus wandte sich ab, und Maximus bemerkte, das er die Schultern hängen ließ und wie zerbrechlich er wirkte ... oder war es lediglich Müdigkeit, die ihn so verwundbar erscheinen ließ? "Setz Dich, Maximus," Marcus wies auf einen bequemen Stuhl, "und leg Deine Rüstung ab. Die wirst Du hier nicht brauchen. Hast Du schon gegessen?"

"Schon eine ganze Weile nicht mehr, Hoheit," sagte Maximus ehrlich und sein Magen knurrte, als er Umhang, Pelze und Harnisch ablegte und diese neben seinem Stuhl auf dem Boden deponierte. Er widerstand dem Verlangen, sich zu strecken und an der Brust zu kratzen.

Ein Diener trat aus dem Schatten hervor. Er trug ein Tablett mit zwei großen Bechern gefüllt mit schäumendem Gerstensaft. "Magst Du Bier, Maximus? Ich muß zugeben,  ich habe so viel Zeit in Germanien verbracht, daß ich eine Vorliebe dafür entwickelt habe."

Maximus lächelte. "Das habe ich auch. Es ist eine nette Abwechslung zum Wein, aber sicher nur etwas für den Kenner ... ein bißchen bitter. In Spanien gibt es nichts Vergleichbares." Er nahm einen Becher von dem Tablett und erhob ihn in einer ehrerbietigen Geste gegen den Kaiser. "Auf den Frieden im Reich, Hoheit."

Marcus erhob seinen Becher ebenfalls und kippte den Inhalt in einem Zug herunter. Er war leicht außer Atem, als er ihn wieder absetzte. Maximus versuchte, nicht darauf zu reagieren, konnte aber ein leichtes Zucken der Lippen nicht verhindern. Er merkte nicht, daß der belustigte Ausdruck um seinen Mund sich über sein ganzes Gesicht ausbreitete, bis Marcus fragend eine Braue hob und mit einem Grinsen sagte: "Ahhh, ich genieße es, meine Zeit mit Dir zu verbringen, Maximus. Ich kann mich entspannen und muß nicht auf alles achten, was ich sage und tue."

"Ich fühle mich sehr geehrt, daß Du so empfindest, Hoheit. Auch ich genieße Deine Gesellschaft. Wir sehen uns zu selten."

"Da hast Du recht. Noch etwas Bier?"

"Gern, Hoheit." Ihre Becher wurden augenblicklich nachgefüllt, aber diesmal genossen beide Männer das Gebräu mehr, als daß sie es herunterschütteten. "Du bist in Rom gewesen, Cäsar?"

"Ja. Ich mußte mich dort um Vieles kümmern. Keine angenehmen Dinge, fürchte ich. Ich mußte, wieder einmal, die Steuern erhöhen, um wenigstens teilweise die Kosten für die Kriege decken zu können, die wir an allen Fronten führen." Er machte eine Pause und fuhr dann vorsichtig fort: "Die Mauren sind in Südspanien eingefallen, Maximus. Wußtest Du das?"

"Was? Nein, Hoheit", sagte Maximus und setzte sich alarmiert auf. "Wie viele Legionen stehen in Spanien, Hoheit? Es sind nicht viele, nicht wahr?"

"Beruhige Dich, Maximus. Wir werden die Invasion unter Kontrolle bringen. Es ist wirklich nur eine Legion permanent in Spanien stationiert, aber ich habe drei weitere von Italien und Gallien dorthin verlegt. Es sind nicht viele Eindringlinge und die Invasion wird schnell niedergeschlagen sein. Sie befinden sich nicht mal in der Nähe Deines Zuhauses."

Maximus fuhr sich mit der Hand über den Nacken, dann hob er den Becher und leerte ihn. Er wurde augenblicklich nachgefüllt."

Als sich sein General wieder etwas entspannt hatte, fuhr Marcus fort: "Ich habe mehr getan, als nur die Steuern zu erhöhen, um Geld aufzutreiben; ich habe viele meiner persönlichen Besitztümer versteigern lassen. Ich hatte das Gefühl, daß dies das mindeste sei, was ich tun könnte, wenn ich schon von jedem anderen erwarte, mehr zu geben. Juwelen. Ich habe meinen Töchtern nur erlaubt, ihre Lieblingsstücke zu behalten und habe das Übrige verkauft. Es gibt im Palast jetzt Räume, die keinerlei Möbel mehr enthalten."

"Das tut mir leid, Hoheit."

"Ah ... wir alle müssen für das Imperium Opfer bringen, Maximus. Als Bürger Roms sind wir dazu verpflichtet. Ständig muß ich mehr und mehr Männer für die Legionen rekrutieren; sie müssen eingekleidet, ausgerüstet und ernährt werden. Kannst Du Dir vorstellen, daß ich mir bereits Sorgen mache, mir könnten eines Tages die Männer ausgehen? Ich habe sogar einige Gladiatoren in das Militär aufgenommen. Viele dieser armen Seelen waren vor nicht allzu langer Zeit selbst Soldaten gewesen, und nun kämpfen sie für die andere Seite."

"Darf ich eine Frage stellen, Hoheit?"

"Natürlich."

"In Anbetracht dessen, was Du mir eben gesagt hast, hoffst Du immer noch, Land jenseits der Donau zu annektieren?"

"Das ist eine gute Frage, und ich habe keine Antwort darauf parat. Die Wahrheit ist, daß jene Länder Reichtümer in Hülle und Fülle besitzen, die dazu beitragen könnten, Roms Kassen zu füllen, aber die Kosten, sie zu erwerben, wären hoch."

"Sowohl an Menschenleben als auch an Material, Hoheit."

Marcus nickte. "Ja, das ist mir klar. Ich finde es ebenso schwer wie Du zu sehen, wie Römer sterben. Aber Leben muß geopfert werden, um das Imperium stark zu erhalten." Er blickte Maximus direkt an. "Wie ich bereits sagte, wir alle müssen Opfer bringen." Der Kaiser leerte seinen Becher mit Bier und nahm einen weiteren, während Maximus andeutete, daß er genug habe. "Du kannst es glauben oder nicht, aber mein jüngster Besuch in Rom war der erste seit sieben Jahren. Ich fühle mich beinahe wie ein Fremder in Rom, Maximus. So viel hat sich in den Jahren, in denen ich Kaiser bin, verändert, und ich bin nicht da gewesen, um es mit eigenen Augen zu sehen, daher überrascht es mich. Weißt Du, was in Rom der letzte Schrei ist?"

Es war eine rhetorische Frage. Aber Maximus reagierte trotzdem mit einem Kopfschütteln.

"Astrologie. Horoskope."

"Horoskope?"

"Ja, ... in den Sternen zu lesen und daran zu glauben, daß sie die Geschicke der Menschen beeinflussen. Menschen aus der ganzen Stadt lassen sich ihr Horoskop erstellen, und sie ändern tatsächlich ihr Leben, je nach dem, was sie zu Hören bekommen."

Marcus beobachtete Maximus unter seinen buschigen weißen Brauen hervor. "Wenn Du in Rom lebtest, würdest Du das auch tun?"

"Mir mein Horoskop erstellen lassen? Nein, Hoheit, ich denke nicht. Ich neige eher dazu zu glauben, daß eines Mannes eigene Taten sein Schicksal bestimmen und nicht die Sterne. Sicherlich gibt es immer einige unvorhergesehene Ereignisse in jedermanns Leben, aber ich denke, die Art und Weise, wie wir auf diese reagieren, bestimmt unsere Zukunft." Maximus rutschte auf seinem Stuhl hin und her. "Ich gebe zu, daß ich manchmal die Zeichendeuter befrage - besonders vor einer Schlacht - aber ich glaube, daß diese Zeichen mögliche Hinweise auf das sein können, was die Zukunft bringen wird, jedoch kein Fenster zum Schicksal." Er lächelte breit. "Diese Zeichen sind sicher eher pure Einbildung, hervorgerufen durch die Nervenanspannung, als von den Göttern gesandte Botschaften."

Marcus lachte. "Nun ... ich sehe die Dinge genau wie Du. Ein Mann bestimmt sein eigenes Schicksal. Weißt Du, was sie in Rom noch machen?"

Abermals schüttelte Maximus höflich den Kopf.

"Sie pilgern scharenweise nach Griechenland, um die Priesterin, die Sybille, zu befragen." Marcus wedelte in einer wegwerfenden Gebärde mit der Hand. "Oh ja, das geht schon seit Generationen so, ich weiß, aber nun ist es modern, dies zu tun. Selbst Senatoren konsultieren sie, weil sie glauben, die Sybille könne ihnen die Geheimnisse der Götter offenbaren, wenn sie in einen ihrer Trancezustände fällt. Sogar in Angelegenheiten des Staates fragen sie diese um Rat ... wer zum Beispiel der nächste Kaiser werden wird ... und es ist alles in Büchern niedergelegt. Stell Dir vor! Es sind weder die Sterne noch die Götter, die über den nächsten Kaiser entscheiden werden, sondern Ich bin es!"

"Natürlich, Hoheit." Maximus nickte, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen.

"Ah ... hier kommt unser Essen. Es ist bequem hier. Warum bleiben wir nicht, wo wir gerade sind?" Marcus lächelte Maximus abermals zu, dann wies er die Diener an, die Speisen auf kleinen Tischen in bequemer Reichweite abzustellen.

"So", fuhr Marcus fort, während er ein Brot zerteilte, "Du stimmst also zu, daß ich derjenige bin, der den nächsten Kaiser bestimmen wird?"

"Es ist Dein Recht und Deine Pflicht, Hoheit."

"Genau so ist es. Und es ist etwas, worüber ich in letzter Zeit ausgiebig nachgedacht habe." Marcus nahm einen Schluck Wein. "Ich bin ein alter Mann, Maximus."

Marcus sah in diesem Augenblick wirklich sehr alt aus. Der General senkte die Augen zu Boden und fand es plötzlich schwierig zu schlucken. Er verschluckte sich beinahe an seinem Brot und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Becher, um es herunterzuspülen. Marcus beobachtete ihn aufmerksam, dann setzte er sich wieder auf sein Ruhebett.

"Wie ich bereits sagte, Maximus, bin ich vor einigen Monaten nach Jahren der Abwesenheit nach Rom zurückgekehrt. Ein Grund dafür war, daß ich mich um Familienangelegenheiten kümmern mußte, die ich lange Zeit vernachlässigt hatte, und die ich nicht mehr aufschieben konnte." Er nahm wieder einen Schluck Wein. "Eine Sache hat mich Cassius' Versuch, den Thron zu stehlen, gelehrt: wenn kein Nachfolger ernannt ist, wird das Reich nach meinem Tod in Chaos versinken, da eventuell in Frage kommende Nachfolger bereits um meine Stellung streiten, bevor meine Knochen kalt sind. Ich habe es Dir zu verdanken, daß dies nicht schon vor einigen Jahren geschehen ist."

Maximus kaute, während er an den verräterischen General und an seinen eigenen Anteil an dessen Tod dachte und an die Wahrscheinlichkeit, daß es Dutzende anderer ebenso ehrgeiziger und skrupelloser Männer gab.

"Das Reich kann in Bürgerkrieg gestürzt werden, wenn Thronkandidaten ihre Gefolgschaft in einzelnen Gruppen sammeln und Generäle ihre Armeen nach Rom führen, um selbst die Macht zu ergreifen. Scheußlich! Ich kann es nicht ertragen, auch nur daran zu denken." Nachdem sein spärlicher Appetit gesättigt war, lehnte der Kaiser sich wieder zurück und betrachtete mit halbgeschlossenen Lidern seinen General, der gedankenverloren auf sein Essen starrte. "Es gab eine Panik in Rom, als sich das Gerücht von meinem Tod verbreitete. Der Senat spaltete sich augenblicklich in verschiedene Fraktionen, und jede unterstützte ihren eignen Mann." Marcus seufzte tief und strich sich mit der Hand über das Gesicht. Maximus blickte ihn kurz an und senkte dann wieder den Blick. "Ich kann nicht zulassen, daß dies wieder geschieht. Die einzige Möglichkeit, es zu verhindern, besteht darin, noch zu meinen Lebzeiten einen Nachfolger zu ernennen. Zu diesem Zweck habe ich für meine Töchter Ehen arrangiert, als ich in Rom war."

Wie Marcus es vorausgesehen hatte, schenkte Maximus ihm nun seine volle Aufmerksamkeit, und der junge Mann blickte erschrocken auf. Ein ungutes Gefühl beschlich Maximus, und ein leichter Schauder überfiel ihn. Er senkte wieder den Blick, als er bemerkte, das seine Reaktion Marcus nicht verborgen geblieben war. Er fragte sich, wohin diese Unterhaltung noch führen sollte.

Der Kaiser fuhr fort: "Eine Tochter ist bereits mit Claudius Severus verheiratet. Meine beiden jüngsten Töchter habe ich mit ebenso unfähigen und kraftlosen Männern verlobt, mit Burrus, der aus der Familie von General Antistius Adventus stammt, und mit Sura Mamertinus. Diese Männer werden dem künftigen Kaiser keine Schwierigkeiten bereiten." Marcus verstummte, und im Raum herrschte vollkommene Stille bis auf den kalten Wind, der um das Zeltdach pfiff und es leicht hin und her bewegte. Maximus wußte, daß Marcus von ihm erwartete, er würde ihn nach Lucilla fragen; aber er tat es nicht.

Marcus sprach weiter. "Was Lucilla betrifft - nun, ihre Ehe ist von besonderer Wichtigkeit. Ich muß mich entscheiden, ob ich sie mit einem eben so bedeutungslosen Mann vermähle und sie so für immer von einer einflußreichen Position fern halte, oder ob ich ihren Gemahl mit Sorgfalt auswähle, in der Absicht, sie wieder zur Kaiserin und ihren Ehemann nach meinem Tod zum Kaiser zu machen." Marcus setzte seinen Kelch auf den Tisch und erhob sich langsam, seine Hand ins Kreuz gepreßt, wie um den Schmerz dort zu unterdrücken. Sein Gewand schleifte über den Boden, als er hinter Maximus' Stuhl trat. Der General starrte auf die gegenüberliegende Wand; er hatte das Gefühl, als ob plötzlich ein schweres Gewicht auf seinen Schultern lastete.

Als Marcus endlich wieder sprach, war seine Stimme nicht viel mehr als ein Flüstern, aber so nah an Maximus' Ohr, daß sich seine Nackenhaare sträubten. "Lucilla hat natürlich ihre eigene Vorstellung in dieser Angelegenheit, und sie ist bereit, alles zu tun, was getan werden muß, um zu verhindern, daß ihr Bruder Kaiser wird. Sie hat eine Heirat vorgeschlagen, die ihr gefallen, dem Wohle des Reiches dienen ... und auch für mich eine Freude sein würde. Aber wenn der in Frage kommende Mann mit dem Vorschlag nicht einverstanden ist, dann habe ich nur eine andere Möglichkeit. Würdest Du gerne hören, welche, Maximus?"

Ohne eine Antwort abzuwarten, ließ Marcus die Rückenlehne von Maximus' Stuhl los und trat wieder in dessen Gesichtsfeld. "Die einzige Alternative wäre, daß mein Sohn, Commodus, zum Erben ernannt wird, und daß ich Lucilla mit dem unbedeutenden Syrer Claudius Pompejanus vermähle."

Maximus machte einen unsicheren Atemzug. "Commodus ist sehr jung, Hoheit."

"Ja, das ist er, Maximus, und daß ist nur einer von vielen Gründen, warum dies nicht die beste Wahl wäre. Er ist mein Sohn, aber ich bin nicht blind. Sollte dies das Reich jedoch vor einem Bürgerkrieg bewahren, dann würde ich ihn zu meinem Nachfolger ernennen. Ich könnte damit beginnen, ihn zum Mitregenten einzusetzen, wie Lucius Verus es war, wenn ich dann sterbe, wird er einfach als alleiniger Kaiser sein Amt fortführen. Es wird somit keinen wirklichen Wechsel geben."

Maximus Gedanken überschlugen sich. Commodus? Kaiser? "Äh ... er wäre der erste Kaiser, der während der Regierungszeit seines Vaters geboren wurde, Hoheit", sagte Maximus, weil ihm nichts anderes einfiel.

Marcus lächelte. "Du weißt mit Geschichte Bescheid. Ja, Commodus wäre der siebzehnte römische Kaiser. Das wäre sicherlich der einfachste Weg, die Nachfolge zu regeln. Stimmst Du mir da zu ... Maximus?"

"Es wäre der einfachste, Hoheit."

"Und auch die beste Möglichkeit, Maximus?"

"Es ist Deine Entscheidung, Cäsar."

"Ich frage Dich nach Deiner Meinung."

Maximus setzte an zu sprechen, hielt jedoch inne und suchte nach den passenden Worten. "Vielleicht gibt es eine dritte Möglichkeit ... Du könntest einen der Senatoren zu Deinem Nachfolger ernennen, Hoheit. Vielleicht einen von ihnen adoptieren ... das ist nichts Ungewöhnliches ... Du selbst bist adoptiert worden."

"Und welchen Senator würdest Du vorschlagen?"

Maximus zuckte mit den Schultern. "Ich kenne sie nicht, Hoheit."

"Nun, ich kenne sie, und da ist nicht einer, den ich als Kaiser sehen wollte. Oh, damit will ich nicht sagen, daß es im Senat keine fähigen Männer gäbe, aber Kaiser zu sein, erfordert einen Mann mit besonderen Qualitäten. Kein Senator ist so qualifiziert wie meine Tochter Lucilla, aber sie ist nun mal eine Frau. Nun stell Dir vor, daß Lucilla einen Mann von gleicher Stärke, Intelligenz, Integrität und Furchtlosigkeit an ihrer Seite hat ... was für eine Partnerschaft würde das sein! Ein Kaiser und eine Kaiserin, die dieser Titel wirklich würdig wären". Marcus legte seine Finger zu einem Zelt zusammen, während er Maximus beobachtete, der es vermied, seinem Blick zu begegnen. "Also, was denkst Du, Maximus?"

"Ich ... ich denke, daß ... es Deine Entscheidung ist, Hoheit."

"Ich weiß, daß es meine Entscheidung ist, Maximus", sagte Marcus mit einem Anflug von Ungeduld. "Ich möchte Deine Meinung hören."

War das sein Ernst? Maximus rieb nervös mit der Handfläche der einen über die Knöchel seiner anderen Hand. "Ganz ehrlich gesagt, glaube ich nicht, daß Commodus die beste Wahl für einen Kaiser wäre."

Marcus nickte zustimmend. "Dann meinst Du also, ich sollte Lucilla mit dem Mann verheiraten, den ich gern als meinen Nachfolger sähe."

Maximus fühlte, wie die Falle zuschnappte und betete um irgend eine Ablenkung. Konnte nicht ein Blitzschlag das Zelt treffen, oder irgend etwas anderes passieren? "Das nehme ich an, Hoheit, und ich bin sicher, daß es viele geeignete Kandidaten gibt ..."

"Die gibt es in der Tat nicht", unterbrach ihn Marcus. "Lucilla und ich haben die Angelegenheit besprochen, und wir sind uns über den Mann einig."

Maximus schwieg, die Augen auf den Boden geheftet.

"Dieser Mann ist ein geborener Führer und er hat dies immer und immer wieder bewiesen." Marcus neigte sich vor und zwang Maximus, ihn anzuschauen; er gestattete ihm nicht, seinem Blick länger auszuweichen. "Ich kenne diesen Mann gut. Ich weiß, daß er das Imperium liebt. Er wird das tun, was für Rom gut ist. Er ist der einzige Mann, der verhindern kann, daß mein Sohn Kaiser wird." Marcus lehnte sich zurück, seine Augen hielten immer noch die seines Generals gefangen.

Das Essen, das er eben zu sich genommen hatte, lag wie kaltes Blei in seinem Magen, und Maximus Hände hielten die Armlehnen seines Stuhls krampfhaft umfangen. "Dieser Mann ... was macht er?"

"Er ist in der Armee ... ihr bedeutendster Führer."

"Er würde die Politik des Imperiums nicht verstehen, Hoheit", sagte Maximus mit einem Anflug von Verzweiflung in seiner Stimme.

"Er würde meine Tochter haben, um ihn anzuleiten. Charakterstärke ist bedeutend wichtiger als die Kenntnis der Politik. Letztere kann man lernen. Mit ersterer wird man geboren."

Maximus' Herz hämmerte und er fühlte sich ausgelaugt, als ob er eine lange Strecke mit einer schweren Last gelaufen wäre. "Ist dieser Mann frei, Deine Tochter zu heiraten?" Seine Stimme klang schwach, selbst in seinen eigenen Ohren.

"Das kann ohne große Umstände arrangiert werden. Für seine jetzige Familie würde gesorgt werden."

Nicht einmal für das Imperium könnte er seine Frau und seinen Sohn aufgeben. Er konnte es nicht und er wollte es nicht. Maximus blickte Marcus direkt in die Augen, hob das Kinn und sagte nichts, sein Körper war kalt und steif wie aus Stein. Wenn Maximus nicht zustimmte, Lucilla zu heiraten und Marcus Aurelius' Erbe zu werden, wäre er dann allein dafür verantwortlich, wenn Commodus Kaiser würde? Das war Erpressung - schlicht und ergreifend. Möglicherweise hatte Marcus nur das Beste für Rom im Sinn, aber Maximus fühlte sich persönlich verraten. Er konnte nur beten, daß Marcus lediglich vorfühlte und es ihm noch nicht ernst war.

Eine lange Zeit verstrich, bevor Marcus endlich seufzte und sagte: "Es ist spät, Maximus, und ich bin müde. Ich bin sicher, Du auch nach Deiner Reise. Warum ziehen wir uns nicht beide zurück und denken in Ruhe über die Sache nach. Wir können bald noch mal darüber sprechen. Entscheidungen müssen nicht jetzt gleich gefällt werden." Er erhob sich, und Maximus stand steif vor ihm. Marcus bedauerte es zutiefst, diesem jungen Mann solchen Kummer zu bereiten, aber er wußte tief in seinem Inneren, daß es das Richtige war. "Übrigens habe ich Commodus mit hierher gebracht. Ich dachte, es würde ihm gut tun, eine Weile an der Front zu verbringen und zu sehen, womit ein Kaiser wirklich seine Tage verbringt."

Marcus sah traurig zu, wie Maximus seine Sachen zusammensuchte und das Zelt ohne ein Wort verließ.

Kapitel 89 - Maximus' neuer Rekrut

Maximus lief vor seinen Männern auf und ab und versuchte, seine Wut zu unterdrücken. Er hatte Commodus angewiesen, sich um 12 Uhr mittags bei der Legion einzufinden, aber der Junge hatte sich um mindestens zwei Stunden verspätet. Die Männer hatten es über, in Reih und Glied zu stehen, daher hatte Maximus Befehl gegeben, bequem zu stehen. Sie hockten in völliger Stille auf dem Boden und beobachteten, wie die Füße ihres Generals im Gras eine deutliche Spur hinterließen, während er auf und ab lief, und Hercules ihm wie ein Schatten dicht auf den Fersen blieb.

Maximus verfluchte Marcus Aurelius stumm. Dieser behauptete, er habe seinen Sohn nach Germanien gebracht, um ihm zu zeigen, was die Pflichten eines Kaisers seien, und statt dessen war der Junge ihm zugeteilt worden. In einem Versuch, seinen General zu besänftigen, hatte der Kaiser einige Legionen verlegt, um sich mit Maximus und seiner Legion Felix III in Bonna zu vereinigen. Aber das genügte nicht. Maximus war über den Kaiser verärgert, dessen Sohn brachte ihn schier zur Verzweiflung, und er war außer sich, daß er gezwungen war, die Gesellschaft des Jungen zu ertragen, während Marcus alles daran setzte, seinen General davon zu überzeugen, daß Commodus nicht zum Führer des Imperiums geeignet sei. Es war überhaupt nicht nötig, daß dieser unausstehliche Bengel Maximus ständig vor den Füßen herumlief.

Endlich erschienen Commodus und die zu seinem persönlichen Schutz abgestellten Prätorianer hoch zu Ross; gemächlich kamen sie über den nahegelegenen Hügel getrottet. Die Soldaten rappelten sich auf, um den Sohn des Imperators, trotz ihrer kaum verborgenen Abneigung gegen den jungen Mann, gebührend zu begrüßen; sie neigten die Köpfe, als er sich näherte. Maximus' Verneigung war so kurz, daß sie kaum als solche erkennbar war, und seine Lippen waren über halb entblößten Zähnen angespannt. "Wir waren bereits vor zwei Stunden zum Aufbruch bereit, Hoheit."

"Vor zwei Stunden? Die Zeit scheint nur so verflogen zu sein, Maximus. Ich habe mit meinen Männern Schwertübungen gemacht, wie ich es immer um diese Zeit des Tages zu tun pflege." Commodus blickte hochmütig von seinem Hengst herab. "Aber jetzt bin ich da, und wir wollen doch nicht noch mehr Zeit vergeuden, nicht wahr? Was ist heute zu unserer Unterhaltung vorgesehen? Werden wir so wie vor zwei Wochen eine Brücke bauen? Straßen in Stand setzen, wie wir es davor getan haben? Hmm? Was ist heute für Spaß angesagt, General?" fragte er sarkastisch in gedehntem Tonfall.

Maximus schäumte, und die Männer der Legion Felix III blickten sich erwartungsvoll an. Niemand würde es wagen, ihren General derartig zu provozieren und käme damit ungestraft davon, nicht mal dieser kaiserliche Bengel. Alarmiert durch den Ausdruck auf Maximus' Gesicht trat Quintus nahe an seinen Freund heran und gab ihm durch Handzeichen zu verstehen, daß er seine Zunge im Zaum halten solle. Sie blieben unbeachtet.

Maximus spreizte die Beine und nahm eine herausfordernde Haltung ein; er stemmte die Arme in die Hüften, legte den Kopf leicht schräg und schaute wütend zu Commodus auf, der in eine seiner besten Uniformen gekleidet war, trotz der Drecksarbeit, die der Legion bevorstand und in bezeichnendem Kontrast zu Maximus' einfacher wollener Tunika, seinen bloßen Beinen und Sandalen. Commodus' Prätorianer waren gleichfalls elegant ausstaffiert in mit Gold verbrämtem schwarzem Leder, Wolle und Seide. "Wenn Du und Deine Männer die Aufgabe als zu anspruchsvoll empfinden, Hoheit, dann könnten wir vielleicht etwas Passenderes arrangieren." Sein Zorn machte ihn leichtsinnig. "Vielleicht könntest Du ... in der Wäscherei arbeiten. Die Waschtröge würden es den hübschen Bürschchen hinter Dir erlauben, ihr Spiegelbild zu bewundern, während sie schrubben, und Du würdest den Tag mit Sicherheit sauberer beenden als Du ihn begonnen hast."

Quintus schreckte zusammen, als wohlgefälliges Gelächter sich in den Reihen der angetretenen Männer ausbreitete, während Maximus' Bemerkung leise für jene Soldaten wiederholt wurde, die zu weit entfernt waren, um sie gehört zu haben, was dazu führte, daß das hämische Lachen sich wellenartig fortpflanzte und immer weiter von seiner Quelle her ausbreitete. Quintus warf ihnen einen bösen Blick zu und das Gelächter erstarb allmählich.

Commodus besaß, trotz seiner sauren Miene, immerhin den Anstand zu erröten, als er auf die Soldaten blickte und sich bewußt wurde, daß er die Ursache ihrer Erheiterung war. "Du hast Deine Männer nicht unter Kontrolle, General?"

"Maximus, halt Deine Zunge im Zaum", murmelte Quintus vor sich hin, besorgt, daß sein General eine weitere bissige Bemerkung bereuen könnte.

"Du hast keine Vorstellung von dem Ausmaß ihrer Selbstkontrolle, Hoheit." Die Männer der Legion Felix III strahlten vor Begeisterung über die Unterstützung, die ihnen von ihrem General zuteil wurde. "Dein Vater hat Dich meinem Befehl unterstellt. Er wollte, daß Du eine Kostprobe davon bekommst, was es bedeutet, Soldat zu sein. Es scheint ganz so, daß Du statt an der ganzen Mahlzeit wirklich nur an einer Kostprobe interessiert bist ... aber Du wirst an den Aufgaben dieses Tages teilnehmen."

"Du wagst es, so mit mir zu reden?" zischte Commodus.

"Wenn es Dir nicht paßt, mach das mit Deinem Vater aus." Maximus drehte sich auf dem Absatz um und marschierte los; er warf sich buchstäblich auf den erstaunten Argento, der sich vor Überraschung auf die Hinterbeine erhob. Hercules brachte sich vor den Hufen des Pferdes in Sicherheit, schaute zu Commodus hinüber und knurrte. "Still, Hercules", befahl Maximus, riß Argento herum und trabte los.

Kurze Zeit später stand Maximus bis zu den Oberschenkeln im kalten April-Wasser der Donau, seine Füße versanken im Morast, während er die Erweiterung eines Flußarmes überwachte, um mehr frisches Wasser in das Lager zu leiten. Die Männer ächzten, während sie Schlamm schaufelten und ihn mühsam auf das Ufer des Flusses schippten. Wenn der Fluß weit genug sein würde, mußten sie die neuen Uferböschungen mit Steinen befestigen um zu verhindern, daß der Morast wieder in den Fluß zurückrutschte. Commodus hatte seine Stiefel ausgezogen und stand bis zu den Knöcheln im Wasser, sein Gesicht spiegelte nur zu deutlich wider, wie unbehaglich er sich fühlte. Er hob den Saum seines Mantels hoch, weigerte sich, ihn abzulegen, wollte ihn jedoch auch nicht ruinieren. Mit der anderen Hand verscheuchte er die lästigen Frühlingsfliegen, die von der Vergoldung auf seinem Brustpanzer geradezu angezogen wurden. Er beobachtete die arbeitenden Soldaten und gab sich den Anschein der Wertschätzung für ihre Tätigkeit. Gelegentlich machte er Maximus gegenüber einen Kommentar über den Fortschritt der Arbeiten, den der General schlichtweg ignorierte. Als ein Teil des Ufers herunterzubrechen drohte, griff Maximus selbst zur Schaufel und arbeitete gemeinsam mit seinen Männern - sehr zu Commodus' Mißfallen.

Hercules hatte eine Weile im Wasser herumgetollt, aber nun lag er am Ufer, die Schnauze auf den Pfoten, und seine Augenbrauen zuckten hin und her, während er seinen Herrn bei der Arbeit beobachtete. Jedesmal, wenn Commodus sprach, stieg aus dem Leib des großen Hundes ein tiefes Grollen auf, das durch Schwanzwedeln ersetzt wurde, sobald er Maximus' Stimme hörte.

Am Ende des Tages trotteten die Männer müde und dreckig hinter ihrem von Schmutz starrenden General ins Lager zurück. Der Fluß war erweitert und befestigt worden. Sie hatten ihre Aufgabe erfüllt und waren zufrieden mit dem, was sie erreicht hatten.

Ein makelloser Commodus ritt neben Maximus her, der geradeaus vor sich hin starrte. "Ich halte es für unziemlich, Maximus, daß ein Mann in Deiner Position wie ein gewöhnlicher Soldat schuftet. Sieh Dich nur an ... Du bist schmutzig ... keiner würde Deinen Rang erkennen. Ich denke, Du wirst die Kontrolle über Deine Männer verlieren, wenn Du Dich wie einer von ihnen benimmst."

"Meine Männer, wissen, wer ihr General ist, Hoheit. Die Autorität eines Mannes hat nichts mit seiner Kleidung zu tun", antwortete Maximus und blickte abermals auf Commodus' elegante Aufmachung. Sein Ton war milde, denn er war zu müde, um sich mit dem jüngeren Mann in ein Wortgefecht einzulassen. "Die Aufgabe, die morgen auf Dich wartet, wird Dir gefallen. Wir werden den Sumpf dort drüben mit Steinen auffüllen, die wir aus den Höhlen oben in den Bergen schlagen. Wird nicht so schlimm werden. Um diese Jahreszeit sind die Schlangen im Sumpf noch relativ klein." Commodus blieb vor Schreck der Mund offen stehen, und Maximus trieb Argento zu einem leichten Trab an; ein Lächeln spielte um seine Mundwinkel.

"Heute im Matsch gespielt, Herr?"

"Mir ist heute abend nicht zum Scherzen zumute, Cicero", sagte Maximus müde, während er sich hinsetzte und an seinen schmutzverkrusteten Sandalen zerrte.

"Entschuldige, Herr. Ich richte Dir auf der Stelle ein Bad."

"Mach es heiß. Ich bin total durchgefroren."

"Natürlich. Trink das inzwischen. Es wird Dich von innen aufwärmen." Cicero reichte Maximus einen Becher unverdünnten Weines. "Laß Dich nicht von ihm unterkriegen, Herr."

Maximus schaute seinen Freund an. "Ist das wirklich so deutlich zu sehen?"

"Und ob. Es ist das Gesprächsthema im Lager, die Art, wie Du dem Prinzen die Stirn bietest, aber wir wissen alle, wie schwer das für Dich ist", sagte Cicero. Nach einem Moment des Zögerns fügte er hinzu: "Dürfte ich Dir einen Rat geben, Maximus ... als Freund?"

Der General lächelte. "Wenn ich "Nein" sagte, würde Dich das abhalten?"

"Nein."

"Also ... sag', was Du denkst."

"Sei vorsichtig mit Commodus, Herr. Er hat Dir bereits eine Menge Schmerz bereitet, und er ist jetzt noch nicht einmal in einer Position, in der er wirkliche Macht besitzt. Aber eines Tages könnte er das sein. Sei ... einfach vorsichtig, Herr."

"Ich habe verstanden, was Du sagen willst, Cicero. Quintus hat mich auch schon gewarnt." Maximus schloß die Augen in dem Versuch, die Welt auszusperren.

Einige Stunden später saß Maximus an seinem Schreibtisch und stützte die Ellbogen auf die glänzende Tischplatte; er massierte seine Schläfen mit den Fingerspitzen. Keiner im Lager verstand, was er wirklich durchmachte. Die Soldaten sahen den äußeren Konflikt, aber sie hatten keine Vorstellung von dem, was er innerlich litt. Der Druck und die Einsamkeit waren nahezu unerträglich. Er sehnte sich danach, sein Herz seiner Frau auszuschütten und ihren sanften, tröstenden Worten zu lauschen, während sie seinen Kopf an ihre weiche Brust drückte. Maximus zog die Lampe näher heran und nahm ein frisches Papyrusblatt von einer Rolle. Er tauchte seine Feder in die Tinte und schrieb: Meine liebste Olivia, ich hoffe, daß Ihr, Du und unser Sohn, wohl auf seid, wenn dieser Brief Euch erreicht ....

 

Kapitel 90 - Der Besucher

Im Juni beschloß der Kaiser, die Lager und Festungen entlang der nördlichen Grenze zu besichtigen, und er entschied sich auch, seinen Sohn mitzunehmen, nachdem Maximus ihm sehr dazu geraten hatte. Es hatte einige kleinere Scharmützel mit germanischen Stämmen gegeben, welche die Legionen jedoch schnell in den Griff bekamen, aber es gab immer noch Gerüchte über einen bevorstehenden Krieg, und Marcus Aurelius wollte persönlich nach dem Rechten sehen und auch die Moral der Soldaten durch seine persönliche Gegenwart stärken.

Obwohl er und Maximus in den vergangenen Monaten oft miteinander gespeist hatten, wurde das Thema der Nachfolge nicht mehr angerührt, sehr zu Maximus' Erleichterung, und allmählich entspannte er sich wieder. Während der Abwesenheit des Kaisers wandte Maximus seine Aufmerksamkeit der Aufgabe zu, sicherzustellen, daß im Falle eines Krieges die Nachrichtenverbindungen mit dem Rest des Imperiums aufrechterhalten blieben, indem er diverse Ruten zu Lande und zu Wasser einrichten ließ. Er sandte versuchsweise Kuriere in alle Teile des Reiches und maß die Zeit, die es brauchte, bis er Antwort erhielt. Er experimentierte damit, Ruten zu blockieren und so die Fähigkeit der Kuriere zu testen, Verbindung mit anderen Wegstrecken aufzunehmen. Was er sah, sagte ihm zu.

Obwohl er mit Testbotschaften überschüttet wurde, gelang es ihm immer noch, die regelmäßigen Briefe seiner Frau aufzustöbern und zuerst zu lesen, ungeduldig, Neuigkeiten über seinen Sohn und sein Zuhause zu erfahren. Olivia fügte ihren Briefen auch weiterhin jene so kostbaren Zeichnungen bei, die ihm das schnelle Größerwerden seines Sohnes dokumentierten.

Anfang August bekam er plötzlich keine Briefe mehr von ihr. Zuerst glaubte er, daß irgend ein Fehler in der Nachrichtenübermittlung aufgetreten sei, und Maximus schickte einen Brief an die Legion in Emerita Augusta. Innerhalb von drei Wochen erhielt er die prompte Antwort. In Panik sandte Maximus nun einen weiteren Brief mit Eilkurier an die Legion in Spanien mit der Bitte, nach seiner Familie in den Hügeln oberhalb der Stadt zu sehen. Aber Olivias nächster Brief erreichte ihn Anfang September, noch vor einer Antwort der Legion. Es war nur eine kurze Nachricht, ganz anders als ihr übliches munteres, vor Neuigkeiten überquellendes Geplapper, und Maximus war nicht wohl dabei. Er teilte ihr seine Besorgnis in seinem nächsten Brief mit und fragte sie, ob ihr irgend etwas fehle oder sie beunruhige. Ihre Antwort Ende September war unverbindlich. Im Oktober dann schien alles wieder beim Alten zu sein, und er konnte endlich die Sorge um seine Familie in den Hintergrund seines Denkens schieben, was ihm erlaubte, sich  wieder ganz auf die Unruhen in Germanien zu konzentrieren.

Während der nächsten Monate gelang es Maximus, zahlreiche Versuche von Chatti-Kriegern, die Donau zu überqueren und römische Lager und Dörfer zu zerstören, vorauszusehen und abzuwehren. Hunderte germanischer Krieger starben und eben so viele wurden gefangengenommen, während nur wenige Römer ihr Leben verloren. Somit konnten im Norden lebende Römer ihr Leben relativ frei von Furcht über mögliche feindliche Einfälle führen und die Moral der römischen Truppen war hoch.

Eines schönen, klaren Dezembertages, als Maximus von seiner Patrouille entlang des Flusses zurückkam, war er erstaunt, einen Besucher vorzufinden, der auf ihn wartete. Zuerst erkannte Maximus den kleinen, dunkelhaarigen, bärtigen Mann in der wallenden Toga nicht, aber dann erhellte ein breites Grinsen sein Gesicht. "Septimius Severus! Was verdanke ich die Ehre Deines Besuches?"

Septimius erhob sich, um den General zu begrüßen und schüttelte ihm begeistert die Hand. "Maximus, es ist wirklich eine Freude, Dich wiederzusehen. Die römischen Gerichtshöfe haben für die üblichen zwei Monate geschlossen, und ich habe beschlossen, ein wenig auf Reisen zu gehen."

"Gerichtshöfe?"

"Ja, ... ich bin jetzt Prätor in Rom."

"Nun, ich gratuliere", sagte Maximus, während er dem Mann bedeutete, sich zu setzen, und er für sich selbst einen Stuhl heranzog.

"Danke. Die Position ist ein Sprungbrett für meine weitere Karriere."

Maximus runzelte verwundert die Stirn. "Es ist eine sehr bedeutende Position, würde ich denken."

"Oh, ich wollte damit nicht die Wichtigkeit der römischen Justiz herabsetzen, aber mit Sicherheit handelt es sich nicht um eine Machtstellung. Dennoch bin ich sehr beschäftigt."

Maximus nickte, als Cicero ihnen Erfrischungen reichte. "Zweifellos ist Deine Unterbringung dort ein wenig komfortabler als meine hier."

Septimius lächelte. "Ich lebe nicht in einem Zelt, aber ich würde meine luxuriöse Wohnung in Rom gern gegen Deine Position hier eintauschen. Du bist ein Mann, der über das Schicksal des römischen Imperiums entscheidet. Ich dagegen nicht."

"Ich tue nur meine Pflicht."

"Sei nicht so bescheiden, General. Es ist allgemein bekannt, daß der Kaiser große Stücke auf Dich hält. Das ... im Verein mit der unzweifelhaften Treue der Armee ... macht Dich in der Tat zu einem sehr mächtigen Mann."

Maximus betrachtete ihn nachdenklich. "Septimius, wenn der Kaiser mich eines schönen Tages aus meiner Pflicht entläßt, beabsichtige ich, zu meiner Frau und meinem Sohn nach Spanien zurückzukehren."

Der Prätor war in der Tat überrascht. "Maximus, Du willst mir doch nicht allen Ernstes sagen, daß Du nie an eine Zukunft in Rom gedacht hast ...  mindestens als Senator. Du würdest in Rom wie ein Held einziehen und das Volk würde Dich verehren."

"Ich ziehe es vor zu sehen, wie mein Sohn frei und stark aufwächst. Bist Du verheiratet, Septimius?"

"Ja. Meine Frau heißt Paccia Marciana. Ich habe erst relativ spät geheiratet."

"Hast Du Kinder?"

"Noch nicht. Ich beneide Dich um Deinen Sohn."

"Kinder zu haben, ist das Schönste auf der Welt. Weit wichtiger für mich als jede mögliche Position in Rom."

"Deine Familie würde natürlich mit Dir nach Rom kommen."

Maximus legte ein Fußgelenk über sein Knie und beobachtete sein Gegenüber. "Hast Du nicht das Gefühl, daß Du Afrika vermißt?"

"Natürlich. Aber meine Familie ist nun verstreut. Einer der Gründe, warum ich diese Reise machen wollte, ist, daß ich meinen Bruder Geta besuchen will. Er ist der neue Legat von Italica I in Norditalien unter dem Kommando von Pertinax. Ich beneide ihn. Ich hoffe auf die Beförderung zu einem Legionskommando in Syrien. Wie auch immer, nachdem ich so weit gereist war, beschloß ich, nun auch die Situation in Germanien persönlich in Augenschein zu nehmen. Wo ist der Kaiser?"

"Irgendwo an der östlichen Donau. In Vindobona, denke ich. Er hat seinen Sohn bei sich und sollte bald zurückkehren."

"Commodus."

"Ja. Commodus."

"Und was denkst Du von ihm, General?"

Maximus schaute Septimius mit einigem Mißtrauen an. "Es steht mir nicht zu, eine Meinung über den Sohn des Kaisers zu äußern."

"Es steht niemand zu, aber trotzdem tun wir es doch alle, nicht wahr?"

Maximus schwieg weiter, ein kaum zu deutendes Lächeln auf seinem Gesicht.

Septimius lachte. "Schon gut. Ich will Dich nicht weiter drängen."

"Wie lang willst Du hier bei unserer Legion Felix III bleiben, Septimius?"

"Ein paar Tage, wenn es keine Umstände macht."

"Keineswegs." Maximus gab Cicero ein Zeichen und sagte zu ihm: "Richte das Zelt neben dem des Kaisers her." Cicero nickte und verschwand, um Maximus Bitte auszuführen.

"Ich habe mich kurz umgeschaut, bevor Du kamst. Ich sehe, daß das Gefängnis voll ist", kommentierte der Prätor.

"Wir machten während des letzten Gefechtes viele Gefangene. Ihr Angriff war sehr schlecht organisiert - beinahe aus dem Stehgreif - und sie haben einen hohen Preis gezahlt."

"Nun, ich kann Dir sagen, wie froh ich bin, daß Roms Arenen bald neuen Nachschub an Gladiatoren haben werden. Ich bin dafür verantwortlich, die Spiele in Rom zu organisieren, und, ich sage Dir, das ist gar nicht mehr so einfach. Sehr teuer ... und es herrscht ein fürchterlicher Mangel an Kämpfern."

"Magst Du die Spiele?"

"Natürlich. Sie sind eine angenehme Abwechslung. Und Du, General?"

"Ich habe nie welche gesehen."

Septimius lachte. "Du bist ein ungewöhnlicher Mann. Warum nicht? Gibt es in Spanien keine Arenen?"

"Ja, aber meine Eltern haben sie nie besucht, als ich noch eine Junge war, und nachdem ich Soldat wurde, hat mich der Gedanke, daß ein Mann zur Unterhaltung anderer stirbt, abgestoßen. Der Tod ist kein Spaß."

"Das hängt davon ab, auf welcher Seite des Schwertes Du Dich befindest, nehme ich an." Septimius lachte vor sich hin.

Maximus fühlte, wie Abneigung gegen diesen Mann in ihm aufstieg. Er unterdrückte ein augenfälliges Gähnen und rieb sich die Stirn, bevor er mit Nachdruck sagte: "Nein, ... das tut es nicht."

Cicero verstand den Wink. "Verzeihung, General, aber das Zelt für den Gast ist bereit."

Septimius hob erstaunt die Augenbrauen. "So schnell?"

"Cicero ist sehr tüchtig", erklärte Maximus, während er sich erhob und seinem Gast bedeutete, ihm zu folgen.

Als Maximus sich anschickte, dem Mann vor dem Eingang seines Zeltes Gute Nacht zu sagen, ergriff dieser seinen Unterarm. Er neigte sich vor und sagte mit verschwörerischem Flüstern: "General, ich könnte heute nacht die Gesellschaft einer Frau gebrauchen. Es war eine lange Reise, wenn Du verstehst, was ich meine." Er zwinkerte Maximus zu, um der Kumpelhaftigkeit mit diesem so männlichen General Ausdruck zu verleihen.

"Es gibt keine Frauen im Lager, Septimius."

"Irgendwo in der Nähe?"

"Eigentlich ... nein."

Septimius war entgeistert. "Sklavinnen? Es muß doch irgend welche Sklavinnen geben. Wen habt Ihr denn da im Gefängnis?"

"Nur Krieger. Ihre Frauen nehmen wir nicht gefangen."

Septimius starrte Maximus an und schüttelte ungläubig den Kopf. "Du bist ein ungewöhnlicher Mann, General."

"Das will ich nicht hoffen, Septimius. Ich wünsche Dir eine gute Nacht. Ich sehe Dich morgen zum Frühstück."

 

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