Kapitel 91 - Träume

"Psst, General. Wach auf!"

Maximus öffnete schlagartig die Augen und blickte direkt in Ciceros Gesicht, das verborgen im Schatten lag. "Was ist los? Stimmt was nicht?"

"Irgend jemand ist im Zelt des Kaisers. Komm' mit mir."

Maximus warf sich einen Mantel um und tapste barfuß hinter Cicero her. Ohne ein Wort schlug Cicero die Leinwand vor der Öffnung von Marcus Aurelius' Zelt zurück und wies auf gedämpftes Kerzenlicht in einer entfernten Ecke. Das flackernde Licht warf seltsame, huschende Schatten auf die zahlreichen Marmorbüsten, die das Zelt bevölkerten, und ließen einige beinahe lebendig erscheinen. Die Kerze befand sich in der Hand von Septimius Severus, der sich langsam hin und her bewegte und ehrfürchtig die persönlichen Gegenstände des Kaisers berührte. Seine Hand glitt von Oberfläche zu Oberfläche ... von Marmor über Seide zu Holz.

"Versucht er, etwas zu stehlen?" flüsterte Cicero.

"Ich weiß nicht", antwortete Maximus mit gleichfalls gedämpfter Stimme. "Ich kann mir nicht vorstellen, daß er so dumm wäre. Wir wollen warten und sehen, was er macht. Ich möchte den Mann nicht fälschlich anklagen, selbst wenn er sich an einem Ort befindet, wo er nichts zu suchen hat."

Septimius blieb stehen und starrte auf den goldenen Adler, der sich über dem verzierten Sitz des Kaisers befand. Er verneigte sich vor dem leeren Platz; dann wandte er sich ganz langsam um und setzte sich auf den Thron.

Cicero stockte der Atem. Maximus machte ein finsteres Gesicht, hielt seinen Diener jedoch zurück, indem er seine Hand auf dessen Arm legte und seinen Finger auf die Lippen. Der General bewegte sich  langsam vorwärts, um eine bessere Sicht auf das zu haben, was der Mann tat. Septimius saß einige Augenblicke mit geschlossenen Augen da, dann streckte er langsam die Hand aus, als ob er seine Untertanen grüße. Er nickte mit dem Kopf, als würde er jemandem zuhören, und machte weitere Handbewegungen, wie um seinen Standpunkt zu verdeutlichen. Er lächelte und täuschte ein Lachen vor, anschließend entließ er den vermeintlichen Untertan mit einer Handbewegung.

Maximus trat leise vor und war nicht mehr als eine halbe Zeltlänge von dem Mann entfernt, allerdings verborgen in den dunklen Schatten des schwachen Kerzenlichtes. Er beobachtete noch einige Augenblicke länger, wie Septimius sich gebärdete als sei er der Kaiser und räusperte sich dann deutlich vernehmbar. Septimius sprang buchstäblich aus dem Thronsessel und drehte sich in der Luft, um die unbekannte Person im Schatten anzuschauen. In seiner Panik ließ er die Kerze auf den Teppich vor dem Thron fallen, und Maximus bückte sich eilig, als dieselbe zu schwelen begann. Blitzschnell reagierend ergriff er die Kerze, machte eine Rolle vorwärts und war auch schon wieder auf den Füßen - die immer noch brennende Kerze in der Hand. Cicero war in Versuchung zu applaudieren. Septimius dagegen war leichenblaß und sein Atem kam stoßweise.

"Es tut mir leid, wenn ich Dich erschreckt habe, Septimius, aber mein Diener hat Licht im Zelt des Kaisers gesehen, und ich mußte dem nachgehen. Das verstehst Du sicher." Maximus hielt dem Prätor die Kerze direkt unter die Nase, was diesem ein gespenstisches Aussehen verlieh. "Der Kaiser mag es nicht, wenn jemand auf seinem Thron sitzt."

"Ich sage Dir was. Wie wäre es, wenn ich Dich von einer Wache zu Deinem Zelt zurückbegleiten lasse, und Du versuchst, noch etwas Ruhe zu finden. Wir können über das hier morgen sprechen." Bei diesen Worten erschien Cicero mit einer Laterne in der Hand und einem Wachsoldaten unmittelbar hinter ihm. Septimius wirkte zutiefst gedemütigt, als er, gefolgt von dem bewaffneten Mann, aus dem Zelt floh.

Maximus blickte auf einmal zu seinen Füßen hinab und trat angeekelt einen Schritt zurück. "Er hat auf den Teppich gepinkelt!" Plötzlich brach er in schallendes Gelächter aus, in das auch Cicero schnell mit einstimmte. Die beiden Männer schlugen sich gegenseitig auf die Schulter und bogen sich vor Lachen, bevor sie sich endlich in zwei Stühle fallen ließen, um ihre Fassung wiederzuerlangen. Maximus wischte sich mit dem Handrücken die Tränen aus den Augen. "Ich glaube, so etwas hat er zum letztenmal gemacht. Los, Cicero, laß uns wieder ins Bett gehen."

"Ich werde den Teppich morgen früh lüften", sagte Cicero. "Wir wollen doch nicht, daß der Imperator in ein Zelt zurückkommt, das wie eine Latrine stinkt."

Als er Maximus zum Ausgang folgte, sah er, daß die Schultern des Generals zu zittern begannen. "Vielleicht mußte er sich lediglich einmal erleichtern und hat einfach den falschen Thron erwischt!" kicherte Maximus; beide brachen abermals in Gelächter aus und konnten sich auch nicht beruhigen, nachdem sie schon lange das Zelt des Generals betreten hatten.

Septimius erschien am nächsten Morgen nicht zum Frühstück, sondern suchte Maximus später am Tage auf, als der General in seinem Zelt mit Quintus Angelegenheiten der Legion besprach. Sein Legat hatte ihn bereits über das laute Gelächter befragt, daß er meinte, mitten in der Nacht gehört zu haben, und Maximus hatte ihm die Situation erklärt.

"Ich ... ich muß mich für mein Verhalten letzte Nacht entschuldigen, General", sagte der Prätor mit leiser aber keineswegs zerknirschter Stimme. Ich hatte einen Traum, der mich zu dem veranlaßte, was ich getan habe. "Hast Du Träume, General?"

"Manchmal", sagte Maximus gelassen. Er wollte nicht unfreundlich erscheinen, aber er war auch nicht bereit, bei dem Mann den Eindruck zu erwecken, daß ihm bereits verziehen sei.

"Ich träume. Oft. Ich glaube daran, daß Träume Vorahnungen sind, die auf die Zukunft weisen können."

Maximus erinnerte sich an seine Unterhaltung mit Marcus Aurelius und betrachtete Septimius neugierig. "Glaubst Du auch an Astrologie?"

"Ganz fest. Bisher scheint sich mein Leben exakt nach einem vorbestimmten Plan entwickelt zu haben, und trotzdem bin ich ziemlich ungeduldig, die nächste Stufe zu erreichen."

"Was haben Träume mit Deinem Vorgehen in der vergangenen Nacht zu tun?"

"Alles, wirklich. Nicht lange, nachdem ich eingeschlafen war, träumte ich, daß der Kaiser mich rief, zu ihm zu kommen."

"Und als Du bei dem dunklen Zelt anlangtest .... Ist Dir nicht der Gedanke gekommen, daß es nur ein Traum gewesen sein könnte, nichts mehr?"

"Maximus, Du verstehst nicht. Du kannst Träume nicht wörtlich nehmen, und sie sind alles andere als eindeutig. Mein Traum bedeutete, daß der Kaiser genau in jenem Augenblick an mich dachte, und ich mußte mich irgendwohin begeben, wo ich ihm nahe wäre, um ihm zu ermöglichen, seine Gedanken an mich besser zu ordnen. 
Ich befand mich nur in einem halbwachen Zustand, als Du mich so abrupt wecktest. Ich hatte meine Handlungen nicht wirklich unter Kontrolle."

Maximus durchschaute eine Ausrede, wenn ihm eine aufgetischt wurde. Er warf einen Blick auf Quintus, der den Prätor interessiert anstarrte.

"Ich war so erschrocken", fuhr Septimius fort, "daß ich eine ganze Weile brauchte, um wieder einschlafen zu können ... weshalb ich heute morgen auch so lange geschlafen habe. Aber als ich endlich einschlief, hatte ich einen weiteren Traum." Septimius' Ausdruck änderte sich, und er betrachtete Maximus mit neugierigem Argwohn. "Ich träumte von Dir."

"Wirklich?" Maximus war sich nicht sicher, wie lange er dieses Spiel noch mitspielen sollte.

"Möchtest Du ihn hören?"

Maximus zuckte mit den Schultern, und Quintus nickte begierig, während er kein Auge von dem Mann ließ.

"Ich träumte, daß Dein Umhang aus Wolfspelz lebendig wurde und Dich verschlang. Du kämpftest, und es gelang dir, den Wolf mit Deinem Schwert tödlich zu verwunden, aber auch Du verlorst den Kampf und fielst tot zur Erde, blutend, und der Wolf hatte seine Zähne in Deine Seite gegraben. Dennoch erhobst Du Deinen Arm, und Dein Schwert flog durch die Luft als hätte es Flügel. Es fiel aus den Wolken und landete in der Hand Deines jüngeren Sohnes, während Dein Ältester in Todesschmerz aufschrie."

Maximus betrachtete Septimius mit einem belustigten Ausdruck, obwohl er die Worte des Prätors reichlich beunruhigend fand. "Ich habe nur einen Sohn, Septimius", sagte er ruhig.

Der Prätor blickte ihm durchdringend in die Augen. Und auch Quintus starrte seinen General mit offenem Mund an.

Maximus schaute von einem Mann zum anderen. "Wenn Du mich nun entschuldigen würdest! Quintus und ich haben noch viel zu tun."

Septimius nickte und verließ das Zelt, aber nicht, ohne Maximus mit einem langen, nachdenklichen Blick zu mustern.

Quintus stieß den angehaltenen Atem aus. "Das war unheimlich. Was meinst Du, was das alles zu bedeuten hat?"

Maximus starrte auf den leeren Ausgang. "Er ist ein ehrgeiziger Mann, Quintus, und ich weiß nur zu gut, wie gefährlich ein ehrgeiziger Mann sein kann." Er blickte seinen Legaten an, der wiederum ihn fragend anschaute. "Laß uns weiterarbeiten."

 

Kapitel 92 - Der Außenposten

Maximus machte Anstalten, sich wieder den Zahlenreihen zuzuwenden, aber Quintus war ganz offensichtlich nicht in der Stimmung, sich darauf zu konzentrieren. Er betrachtete Maximus unentwegt von der Seite, während er vorgab, die Statistiken zu prüfen.

Endlich gab Maximus es auf und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. "Was geht in Dir vor, Quintus?"

Der Legat war nur zu bereit, auf das Angebot zu einer Unterhaltung einzugehen. "Dieser Traum, Maximus. Er ist ziemlich beunruhigend."

"Ganz offensichtlich ist er es für einige Leute", antwortete Maximus sarkastisch.

Quintus fühlte sich angegriffen. "Nun, er scheint Dich nicht zu beunruhigen, sollte es jedoch."

"Warum? Was weiß Septimius über mich? Er wußte bis gestern nicht mal, daß ich einen Sohn habe, dann träumte er, ich habe gleich zwei." Maximus seufzte. "Ich habe ihn dabei überrascht, wie er etwas tat, was er nicht hätte tun dürfen, und er versucht schlicht und einfach, mich nervös zu machen, um aus der Sache herauszukommen. Aber so leicht kommt er mir nicht davon."

Quintus ließ nicht locker. "Du könntest einen weiteren Sohn in der Zukunft haben. Wer behauptet, daß die Ereignisse in seinem Traum schon so bald eintreffen werden ..."

"Quintus", unterbrach ihn Maximus, "Septimius ist auf Urlaub und er hat eine Mission. Er ist ein kleiner Mann mit einem großen Ziel und einem noch größeren Ego. Es gibt vermutlich Hunderte wie ihn im ganzen Imperium. Selbst wenn es ihm gelingen sollte, Marcus Aurelius noch einzuholen, so denke ich nicht, daß der Kaiser ihn lange um sich dulden wird. Unser Imperator ist ein sehr guter Menschenkenner."

"Aber ...", setzte Quintus erneut an, hielt jedoch inne, als Cicero den Raum betrat.

"Verzeih', General. Dies ist eben vom Kaiser hier angekommen und es ist dringend." Cicero übergab das Dokument an Maximus, nickte Quintus zu und zog sich wieder zurück.

Maximus begutachtete das Siegel, um die Echtheit festzustellen, dann begann er das Schreiben zu lesen. Ein Lächeln breitete sich langsam auf seinem Gesicht aus und er schnaubte verächtlich. "Hör Dir das an, Quintus. Der Kaiser hat Commodus zurück nach Rom geschickt. Sieht aus, als ob sogar sein eigener Vater es nicht mehr ausgehalten hat, ihn um sich zu haben." Quintus lächelte höflich. Als Maximus weiterlas, wechselte der Ausdruck in seinem Gesicht von Befriedigung, die nicht eines Hauches Schadenfreude entbehrte, zu großer Besorgnis. "Cicero!" rief Maximus.

"Herr?"

"Ich werde in wenigen Tagen abreisen und eine oder zwei Wochen weg sein. Würdest Du bitte meine Sachen vorbereiten?""

"Darf ich fragen, wohin Du gehst?"

"In germanisches Gebiet." Maximus schaute den erstaunten Quintus an. "Wieder einmal, mein Freund, lege ich die Legion in Deine fähigen Hände."

Januar, A.D. 178

Maximus ritt Scarto und wurde begleitet von über hundert Mann der bewaffneten Kavallerie, die Pelze und den Umhang hatte er in seiner Tasche verstaut. Er zog es vor, seinen Rang nicht so offen zur Schau zu stellen, während sie die unsichere entmilitarisierte Zone durchquerten, die zwischen den römischen Basislagern entlang der Flüsse Donau und Rhein auf der einen und den Siedlungen germanischer Stämme tief im Gebiet der Barbaren auf der anderen Seite lag.

Maximus besuchte diese römischen Außenposten nur selten, da Marcus Aurelius deren Verwaltung den rangniedrigeren Generälen überlassen und es Maximus so ermöglicht hatte, sich auf die Militärstrategie für die gesamte nördliche Grenze zu konzentrieren. Die Außenposten waren mit Hilfstruppen und sich turnusmäßig abwechselnden Kohorten besetzt. Ihr Zweck bestand darin, römische Präsenz in den jeweiligen Gebieten zu garantieren und angriffslustige örtliche Stämme in Schach zu halten, indem man ständig mit ihnen verhandelte ... und, sollte dies fehlschlagen, sie zur Unterwerfung zwang, indem man sie schikanierte: ihr Vieh plünderte, die Dörfer nieder brannte und Geiseln nahm. Diese Taktik wurde allerdings selten angewandt, da Germanen und Römer sich zu tolerieren lernten und sich sogar vermischten, untereinander heirateten und miteinander Handel trieben. Um diese Zeit des Jahres gab es gewöhnlich wenig Ärger, da jedermann einfach nur damit beschäftigt war, den grausamen nordischen Winter zu überleben.

Aber etwas war fürchterlich schief gelaufen. Ein römischer General war verschwunden, und die Römer hatten sich revanchiert, indem sie die Tochter eines lokalen Anführers gefangengenommen hatten. Germanische Edelfrauen standen bei ihrem Volk in hohem Ansehen; daher befand sich der Stamm der Chatti in heller Aufregung und behauptete, nichts über den General zu wissen. Die Sache wurde noch schwieriger, da die Frau angab, von einigen römischen Soldaten vergewaltigt worden zu sein, die dies ihrerseits wiederum abstritten. Die Situation war explosiv, und Marcus Aurelius war der Meinung, daß Maximus sich persönlich um die Angelegenheit kümmern solle, um ein weiteres Eskalieren der Feindseligkeiten zu verhindern, die sich wie ein Lauffeuer im gesamten germanischen Gebiet ausbreiten könnten. Maximus hoffte, daß er nicht bereits zu spät käme.

Er saß aufrecht im Sattel, sein Atem gefror in der Luft, und er war dankbar für den klaren Himmel, und daß es nicht schneite. Er war eingepackt in mehrere dicke Tuniken, wollene Hosen und einen Umhang, der ihn von den Schultern bis zu den Knien einhüllte. Er hatte sich Lederstreifen um die Finger gewickelt, um sie vor dem Frost zu schützen, und seine Füße in den Stiefeln steckten in dicker Wolle. Auf dem Kopf trug er einen schlichten Helm, um sich vor der Kälte zu schützen. Kurz bevor sie den Außenposten erreichten, würde er seine eindrucksvolle Generalsuniform anlegen, um so von Anfang an die gebührende Autorität auszustrahlen.

Nachdem sie eine Nacht im Freien gelagert hatten, eingerollt in diverse Decken und so dicht am Feuer, wie sie es nur eben wagen konnten, erspähten die Männer am Ende des zweiten Tages in der Ferne den steinernen Turm des Außenpostens. Sie hielten für eine kurze Rast an, während Maximus seinen reich verzierten Brustpanzer und den Umhang mit den Wolfspelzen anlegte, dann hoben sie die Standarte mit dem goldenen römischen Adler in die Höhe und näherten sich dem Außenposten, die Hände am Knauf ihrer Schwerter und bereit, wenn nötig augenblicklich nach ihren Bogen zu greifen.

Der Außenposten war ziemlich klein und primitiv im Vergleich zu den römischen Festungen, in denen die Männer solchen Luxus wie öffentliche Bäder genossen, aber er war auch nicht viel schlimmer als die Basislager, in denen Soldaten den Großteil ihrer Zeit verbrachten. Es gab alles, was nötig war, jedoch keinerlei Luxus. Es handelte sich um einen schlichten militärischen Außenposten und um nichts anderes, obwohl dieser sehr viel komfortabler war als das ursprüngliche an dieser Stelle aus Torf und Holz errichtete Fort.

Statt auf Unruhe unter der germanischen Bevölkerung zu treffen, schien alles ruhig zu sein - bis ein Stein, der aus dem dichten Buschwerk neben der Straße geschleudert wurde, Scartos Kopf unmittelbar unter dem Ohr traf. Das Pferd wieherte in Panik und richtete sich fast senkrecht auf, wobei es seinen Reiter, der sich verzweifelt an die Mähne klammerte, beinahe abwarf. Scartos Vorderbeine krachten zurück auf den Boden; er schüttelte wild den Kopf und bespritzte Maximus mit Blut. Während Ross und Reiter zitternd dastanden, stürmten zwei Soldaten in das Buschwerk und kehrten nach kurzer Zeit mit dem Schuldigen zwischen sich zurück. Es war ein Junge, nicht älter als zwölf Jahre; er fluchte und trat nach den Soldaten und ihren Pferden.

Als Maximus abstieg und näher kam, krümmte sich der dünne Körper des Jungen zusammen, und er spuckte dem General mitten ins Gesicht; der Speichel traf Maximus' rechte Wange und lief dann in seinen Bart herab. Wutentbrannt löste einer der beiden Soldaten, die den Knaben festhielten, seinen Griff und schlug dem Jungen brutal ins Gesicht, der darauf Hals über Kopf auf der gefrorenen Straße landete.

"Das reicht!" sagte Maximus, griff den Jungen hinten an der Kleidung und stellte ihn wieder auf seine Füße. "Es ist nur ein Kind." Eine neugierige Menge hatte sich versammelt und viele der Anwesenden betrachteten zornig den General, der das ängstliche Kind mit der aufgeplatzten Lippe festhielt. Mühelos hob Maximus den jungen Rebell mit einem Arm hoch und händigte ihn einem anderen Soldaten aus, der ihn, mit dem Bauch nach unten, quer über seinen Sattel legte. "Steck ihn für ein paar Stunden in das Gefängnis, um ihn abzukühlen."

Unter dem Hohngelächter der Menge kehrte Maximus zu Scarto zurück und rieb ihm die samtene Nase, während er die klaffende, blutige Wunde begutachtete. Sie war tief und mußte augenblicklich versorgt werden. Bisher war die Sache nicht gut gelaufen. Überhaupt nicht gut.

"Erzähl' mir, was geschehen ist." Maximus saß in dem kühlen Hauptraum des Außenpostens zusammen mit dem dienstältesten Zenturio und einem Schreiber, der angewiesen war, jedes Wort, das gewechselt wurde, aufzuzeichnen.

"Ich habe General Pollienus zum letztenmal vor dreiundzwanzig Tagen gesehen - Ende Dezember. Ich traf ihn am Morgen, und er brach nach dem Mittagessen auf, um den Außenposten zu inspizieren. Niemand hat ihn seitdem je wieder gesehen."

"Worüber habt ihr an jenem Morgen gesprochen?"

"Nichts Außergewöhnliches. Nur die üblichen Dinge wie Ausrüstungsgegenstände, die benötigt wurden, und persönliche Probleme."

"Sind jetzt noch dieselben Soldaten hier wie damals?"

"Ja. Wir haben sichergestellt, daß niemand diesen Ort verlassen hat."

"Du hast persönliche Probleme erwähnt. Worum handelte es sich dabei?"

"Auch hier, nichts Außergewöhnliches. Lediglich die üblichen persönlichen Auseinandersetzungen und Besitzstreitigkeiten. Überhaupt nichts Ernstes."

"Wie wurden diese Probleme gelöst?"

Der Mann rutschte unbequem hin und her. Die Feder des Schreibers kratzte über den Papyrus. "Ich bin nicht sicher, was Du meinst."

"Waren alle Parteien mit dem Ergebnis zufrieden?"

"Ja. Ich nehme an, es gab einige böse Gefühle, aber nichts ..."

"Außergewöhnliches", beendete Maximus den Satz für ihn.

Der Zenturio versteifte sich. "Ja."

"Es tut mir leid, Oranius. Es ist nur, daß ich bisher nicht mal weiß, ob wir es mit einem Unfall, einer Desertion, oder einem Mord zu tun haben, das wir hier untersuchen."

"Es ist Mord, General."

"Und woher weißt Du das?"

"Was sollte es sonst sein? Die Barbaren verachten uns. Sie haben eine Möglichkeit gesehen, unseren Anführer zu vernichten, und sie haben sie genutzt."

"Gibt es irgend welche Zeugen?"

"Nein."

"Dann handelt es sich bei Deiner Theorie lediglich um eine Vermutung."

"Eine Vermutung, die auf Erfahrung beruht ..., Herr."

"Ich fürchte, daß ich mehr als das brauche, um irgend jemand des Mordes anzuklagen. Als Anfang brauche ich erst mal eine Leiche."

"Wir haben gesucht, Herr, aber wir konnten ihn nicht finden. Er ist vermutlich in Stücke geschnitten und verbrannt worden."

Maximus rieb sich das bärtige Kinn. "Warum habt Ihr diese Chatti-Edelfrau gekidnappt?"

"Wir halten sie fest, bis der Schuldige sich meldet."

"Sie behauptet, vergewaltigt worden zu sein."

"Vergewaltigt!" Oranius spuckte aus. "Niemand hat sie vergewaltigt ... aber es wäre ihr nur recht geschehen, wenn es jemand getan hätte. Sie ist ein Miststück!"

Maximus versteifte sich. "Vergewaltigung ist eine der verabscheuungswürdigsten Handlungen, die ein Mann begehen kann, und es gibt niemals eine Entschuldigung dafür."

"Es ist niemals geschehen."

"Ist die Frau von einem Arzt untersucht worden?"

"Nein."

"Warum nicht?"

"Welchen Zweck sollte das haben?"

"Sie sollte nach Anzeichen von Gewaltanwendung untersucht worden sein, blauen Flecken ..."

"Sicherlich hat man sie nicht gerade sanft angepackt, als man sie einfing. Das beweist nichts."

Maximus betrachtete das ärgerliche Gesicht ihm gegenüber. "In Ordnung, Oranius, wir werden wie folgt verfahren. Ich werde jeden Soldaten einzeln verhören, ich möchte nicht erleben, daß sie mir alle die gleiche Geschichte in den gleichen Worten erzählen ... wenn Du verstehst, was ich meine. Ich werde ebenfalls mit der Chatti Frau sprechen, um Ihre Version der Geschichte zu hören. Ich möchte zwei Dolmetscher bei mir haben, wenn ich das tue ... einen römischen und einen von ihrem eigenen Stamm."

"Das wird nicht nötig sein. Das Mist..., die Frau spricht Latein."

"Nun, das macht die Sache schon etwas leichter. Triff bitte die Vorbereitungen. Ich werde morgen als erstes mit der Befragung der Soldaten beginnen. Du kannst gehen." Oranius starrte Maximus finster an, bevor er den Raum verließ, und schlug die Tür hinter sich zu. Maximus schaute den jungen Soldaten an, der als Schreiber fungierte. "Nun, ganz offensichtlich wird er sehr kooperativ sein. Die Untersuchung sollte ein Kinderspiel werden."

Der junge Mann lächelte verständnisvoll.

"Du bist auch entlassen, Soldat. Aber ich brauche Dich morgen wieder."

"Danke, General." Tarius sammelte seine Schriftstücke ein. "Wenn ich das sagen darf, Herr, wir haben hier draußen nie einen offiziellen Vertreter von Deinem Format gesehen ... so könnten diejenigen, die bereits hier sind, den Eindruck haben, daß ihnen ihre Autorität streitig gemacht wird."

"Genau das ist auch der Fall."

Tarius schaute in Maximus' ernstes Gesicht und bemerkte dann, wie sich zögerlich ein Lächeln über die kraftvollen Züge des Generals breitete, welches dessen strengen Ausdruck augenblicklich milderte.

Tarius lachte. "Ja, das scheint mir auch so zu sein. Eine gute Nacht, General."

Maximus stützte seine Ellbogen auf den Tisch vor sich und fuhr sich mit den Fingern durch das kurzgeschnittene Haar. Er seufzte tief, plötzlich von Erschöpfung überwältigt.  Er schloß die Augen. Einen Moment später sackte sein Kopf nach vorn und er riß ihn ruckartig wieder hoch in dem Bemühen, wach zu bleiben. Er hörte Gelächter vom Eingang her und richtete seinen getrübten Blick auf die Gestalt, die dort stand.

"Verzeih mir, Herr", grinste Tarius, "aber hat Dir irgend jemand gezeigt, wo Du schlafen kannst?"

Maximus legte das Kinn in eine Handfläche, um seinen Kopf abzustützen, lächelte schuldbewußt und schüttelte den Kopf.

"Ich nehme an, Du könntest auf dem Tisch schlafen, Herr, aber ich denke, ich könnte einen bequemeren Platz für Dich finden. Der Außenposten ist ziemlich überfüllt, aber ich bin sicher, wir werden ein Plätzchen finden, wo Du ein wenig Privatsphäre hast. Ich nehme an, das Zimmer des Generals steht zur Verfügung", sagte Tarius ohne eine Spur von Ironie.

Maximus folgte dem jungen Soldaten durch den Ausgang; er war dankbar, in diesem einsamen Außenposten wenigstens ein freundliches Gesicht gefunden zu haben.

Das Zimmer des Generals war etwas eleganter, als Maximus es erwartet hatte. Es war nicht groß, aber feudal eingerichtet und ausgestattet. "Ist irgend etwas hier verändert worden?" fragte Maximus Tarius.

"Ich weiß nicht, Herr. Ist schon möglich."

Maximus schaute sich im Zimmer um und entdeckte ein Paar Frauenschuhe auf dem Boden neben dem Bett. "War der General verheiratet?"

"Ja."

"Und seine Frau war hier bei ihm?"

"Nein, sie ist in Rom, glaube ich."

Maximus hob die Schuhe vom Boden auf. "Wem gehören die hier dann bitte ...?"

"Seiner Geliebten."

"Und wo ist die?"

"Sie ist ebenfalls verschwunden."

"Wann?"

"Zur selben Zeit wie der General."

"Ich verstehe. Ich nehme an, es erübrigt sich zu erwähnen, daß Oranius hier nur eine Kleinigkeit vergessen hat."

"Eine ganz unbedeutende, Herr", stimmte Tarius ihm zu.

Maximus stemmte die Hände in die Hüften und schaute sich im Zimmer um. Es gab noch eine Menge zu tun, bevor er heute nacht endlich zu Bett gehen konnte. "Danke, Tarius. Wir sehen uns morgen früh."

 

Kapitel 93 - Ein alter Freund

Am Vormittag hatte Maximus die Hälfte der Soldaten des Außenpostens befragt; am Nachmittag war er beinahe ganz damit fertig ... und es hatte ihn kein Stück weitergebracht. Einige der Soldaten nahmen eine abweisende Haltung ein, so wie Oranius es getan hatte, andere behaupteten, nichts zu wissen, und viele waren so eingeschüchtert durch die Anwesenheit so eines bedeutenden militärischen Führers, daß sie kaum zu sprechen wagten. Maximus machte sich Aufzeichnungen, während die Männer sprachen, aber er zog es vor, ihre Augen und Haltung zu beobachten. Er verließ sich auf den allzeit gegenwärtigen Tarius, um detaillierte Aufzeichnungen zu erstellen.

"Der nächste", sagte Maximus mit gesenktem Kopf, während er einige Worte niederschrieb. Ein weiterer Soldat nahm auf dem Stuhl gegenüber seinem Schreibtisch Platz. Der General schaute kurz auf und wandte sich dann wieder seinen Notizen zu. "Name?"

"Du erkennst mich nicht, Maximus, nicht wahr?"

Erstaunt hob Maximus abermals den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen, während er den Mann vor sich betrachtete. Kannte er ihn?

Der Soldat lächelte verständnisvoll und imitierte die quengelnde Stimme eines Kindes: "Habe ich Euch jemals erzählt, daß ich nach einem Kaiser benannt wurde?"

Maximus blieb vor Überraschung der Mund offen stehen. "Lucius? Lucius?" wiederholte er.

Lucius grinste.

Maximus sprang von seinem Stuhl auf, rannte wie der Blitz um den Schreibtisch herum und schloß seinen Freund aus Kindertagen in die Arme. "Du brichst mir das Rückgrat!" stöhnte Lucius mit dem Rest von Atem, den er noch aufbringen konnte, und Maximus entließ ihn augenblicklich aus dem Schraubstock seiner Umarmung, hielt Lucius jedoch weiter bei den Schultern, während er ihn genauer betrachtete.

"Du ... Du siehst so verändert aus", lachte Maximus, als er das sich deutlich lichtende Haar des Mannes und seine rundliche Mitte bemerkte.

"Und Du ebenfalls. Was ich auf dem Kopf eingebüßt habe, das hast Du Dir im Gesicht zugelegt." Lucius zog vorsichtig an Maximus' Bart. Diese Verkleidung hast Du auch noch nicht getragen, als ich dich das letztemal sah. Und auch Deine Stimme ist ein ganz klein wenig tiefer geworden. Aber diese Augen, an die erinnere ich mich irgendwie."

"Komm und setz dich." Maximus zog den Stuhl des Soldaten auf seine Seite des Schreibtisches und bedeutete Lucius, sich zu setzen. Während er dies tat, fiel Maximus' Blick auf eine Gruppe von Männern, die sich am Eingang versammelt hatten und lange Hälse machten, um zu sehen, was vor sich ging. Maximus schickte sie mit einer ungeduldigen Handbewegung weg.

"Was starren die denn da?" brummte er vor sich hin.

"Sie fürchten dich und sie können es nicht fassen, daß ich Dich gerade am Bart gezupft habe", grinste Lucius. "Ich habe ihnen erzählt, daß ich Dich kenne, seit wir als Jungen zusammen in die Armee eintraten, und sie haben mir nicht geglaubt. Sie sind hier um zu sehen, wie ich mich zum Narren mache. Danke, daß Du das nicht zugelassen hast."

"Tarius", wandte sich Maximus an den Schreiber, "laß mich und meinen Freund ein wenig allein. Ich werde mit den verbliebenen Soldaten später sprechen."

"Ich glaube, das waren alle. Er ist der letzte", sagte der junge Mann, während er seine Notizen zusammenpackte, den Raum verließ und die Tür fest hinter sich zuzog.

"Oh ... gut", seufzte Maximus. Er zerrte an seinen Pelzen und dem Umhang und ließ alles auf den Boden fallen.

"Es fing an, mich zu ermüden ... und zu langweilen." Er lächelte Lucius an. "Wir haben uns viel zu erzählen und, bitte, nenn' mich 'Maximus'. Es tut so gut, dich wiederzusehen. Wie lange bist Du schon hier?"

"Zwölf Jahre."

"Was!"

"Jawohl. Davor war ich in einem Außenposten im Osten. Das ist alles. Ende der Geschichte."

"Es ist grausam, so lange hier zu leben. Ich dachte, die Männer würden öfter ausgewechselt."

"In der regulären Armee ist das der Fall. Aber ich gehöre zu den Hilfstruppen, erinnerst Du Dich? Immer nur zweite Wahl." In seinen Worten lag keine Bitterkeit, und Lucius lachte, als er den besorgten Ausdruck auf dem Gesicht seines Freundes sah. "So schlimm ist es nicht, Maximus. Wenn Du so lange an einem Ort bist, dann schlägst Du dort Wurzeln. Ich habe eine Familie hier."

"Eine germanische Frau?" folgerte Maximus.

"Ja. Wir haben vier Kinder. Drei Mädchen und einen Jungen ... und du?"

"Ich habe eine Frau in Spanien und einen Sohn. Marcus."

"Aber ... Du bist doch in Germanien stationiert?"

Maximus nickte traurig. "Wir sehen uns nicht oft. Manchmal vergehen Jahre zwischen den Besuchen."

"Es tut mir leid, das zu hören. In mancher Hinsicht ist mein Leben sogar besser als Deines", bemerkte Lucius.

"Da magst Du recht haben."

"Was ist denn aus diesem elenden Quintus geworden?"

Maximus kicherte vor sich hin. "Er ist mein Legat."

"Du meinst, Du bist sein Chef?"

Der General grinste immer noch.

"Ahhh ... das ist wirklich Gerechtigkeit. Aber wie kam es dazu? Du bist doch von bescheidener Herkunft."

"Ja, aber der Kaiser hat dafür gesorgt, daß ich von einer Senatorenfamilie adoptiert wurde, so konnte ich das werden, was ich jetzt bin."

"Und Du kannst noch mehr werden."

"Kein Interesse", sagte Maximus und lenkte die Unterhaltung von sich weg. "Was machst Du hier?"

"Ich habe herausgefunden, daß ich eine Begabung für Sprachen habe. Ich bin der Chefübersetzer, weil ich viele der germanischen Dialekte beherrsche. Ich bin kein Kämpfer. Dafür bin ich nicht groß oder stark genug. Und meine Frau ist damit mehr als zufrieden."

"Hast Du auch für General Pollienus übersetzt?"

"Ja,"

"Also ... hast Du den Mann ziemlich gut gekannt."

"So gut wie jeder andere auch. Er war nicht eben freundlich ... blieb immer für sich."

Maximus setzte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete den Freund. "Du bist mir von den Göttern geschickt worden, Lucius."

"Ich würde Dir gern auf jede erdenkliche Weise helfen, Maximus, aber ich fürchte, ich weiß nicht mehr, als jeder andere auch."

"Glaubst Du, daß er ermordet worden ist?"

Lucius zuckte mit den Achseln. "Ich weiß es nicht sicher."

"Was glaubst Du?"

"Nein, ich denke nicht, daß er ermordet worden ist." Lucius warf einen schnellen Blick auf die geschlossene Tür. "Maximus, ein römischer Außenposten ist eine kleine römische Gemeinschaft am Rande eines riesigen Meeres von Menschen, die es gerne sähen, wenn wir verschwinden würden. Wir sind isoliert. Der Rest der Armee schenkt uns keine sonderliche Beachtung, bis etwas passiert. Somit ... kann das hier ein wunderbarer Platz für einen gierigen Mann sein, um seinen Ehrgeiz zu nähren. Er ist nur zu geeignet für Korruption." Maximus nickte verständnisvoll und ermutigte ihn fortzufahren. Lucius lehnte sich nach vorn, die Unterarme auf seine Knie gestützt, und senkte die Stimme, während er Maximus ernst ansah. "Ich hatte schon andere Aufgaben hier. Für einige Zeit habe ich in den Vorratslagern gearbeitet. Der Buchhalter kam zu mir und stellte einige Fragen. Er fand Unregelmäßigkeiten heraus. Als er den General darauf aufmerksam machte, wurde er auf einen anderen Posten versetzt, und ich wurde von dieser Aufgabe abgezogen."

Maximus nahm die gleiche Haltung wie sein Freund ein, so daß ihre Gesichter dicht beieinander waren. "Was für Unregelmäßigkeiten?" fragte er ruhig.

"Ausrüstungsgegenstände, die nicht mit den Bestellungen übereinstimmten. Abrechnungen, die nicht aufgingen."

"Irgend jemand hat Ausrüstungsgegenstände gestohlen?"

"Es hat den Anschein."

"Warum? Um sie zu verkaufen?"

"Wahrscheinlich. Bei den Germanen gibt es einen großen Bedarf für römische Güter. Sie bezahlen gut."

"Wie bezahlen sie dafür? Ihre Währung hat für uns keinen Wert."

"Frauen ... und Kinder. Jungen und Mädchen."

"Was!" Maximus ließ den Kopf in seine Hände sinken und sprach zum Boden. "Ein Sklavenhandel. General Pollienus hat sich die Taschen gefüllt und ist dann verschwunden?"

"Das ist sehr wahrscheinlich."

"Und die Behauptung, er sei verschwunden, ist möglicherweise nur eine Scharade. Wenn das der Fall ist, dann könnte auch Oranius darin verwickelt sein ... und vermutlich noch andere." Maximus lehnte sich in seinem Stuhl zurück, schloß die Augen und schüttelte den Kopf. "Warum sollte ein Stamm seine eigenen Frauen und Kinder verkaufen?" fragte er.

"Das tun sie nicht. Sie fangen sie von anderen Stämmen," erklärte Lucius.

"Und so schüren sie die Uneinigkeit unter den Stämmen."

Lucius nickte. "Sie bekämpfen sich die ganze Zeit, bis es einen gemeinsamen Feind gibt; es ist erstaunlich, wie schnell sie sich verbünden können."

"Pollienus' Geliebte ... war sie wirklich eine Sklavin?" hakte Maximus nach.

"Ja."

"Er verschwindet also praktischerweise mit einem Haufen Geld aus dem Verkauf von Sklaven, und keiner verfolgt ihn, weil man annimmt, er sei ermordet worden. Dann macht man die Chatti für sein Verschwinden verantwortlich, um alles zu vertuschen, und die Tochter des Stammeshäuptlings wird gefangengenommen, um für Rom ein Spektakel zu veranstalten."

"Ganz schön gerissen, nicht?" stimmte Lucius zu.

"Ich weiß, daß Du nicht viel von dem weißt, was außerhalb dieses Außenpostens vor sich geht, Lucius, aber die gesamte Nordgrenze raucht wie ein Vulkan, und es bedarf nicht viel mehr als eines solchen Vorfalls, und alles wird in die Luft fliegen." Maximus schüttelte traurig den Kopf. "Die Auswirkungen dieser Vorgänge könnten äußerst schwerwiegend sein."

"Ich bezweifle, daß General Pollienus sich darüber Gedanken macht. Vermutlich befindet er sich inzwischen in irgend einem sicheren Winkel des Imperiums. Britannien zweifellos. Ich wette, daß auch Oranius vorhatte zu verschwinden. Dann bist du aufgekreuzt und hast alles zunichte gemacht."

"Das ist so meine Gewohnheit." Maximus lächelte kurz und wurde dann wieder ernst.

"Es gibt Anzeichen für Unruhe unter den Stämmen unmittelbar außerhalb des Außenpostens. Was würde geschehen, wenn wir die Chatti-Frau einfach laufen ließen, um ihre Leute zu beruhigen?"

"Sie behauptet, vergewaltigt worden zu sein. Vergiß das nicht."

"Hast Du eine Ahnung, ob das wahr ist?"

"Ich weiß es nicht. Ganz ehrlich, Maximus, kaum ein Mann hier würde einen Pfifferling darum geben, ob sie vergewaltigt wurde oder nicht. Sie sehen in ihr nichts weiter als eine Barbarin."

"Du bist mit einer Germanin verheiratet. Haben andere Männer das auch getan?"

"Wenige. Die Kohorten werden in der Regel jedes Jahr ausgewechselt. Diese Soldaten haben kein Interesse an den einheimischen Frauen, es sei denn, um ihre Lust zu befriedigen. Es sind nur Männer aus den Hilfstruppen, so wie ich, die geheiratet haben."

"Der Stamm wird also Reparation für die Vergewaltigung fordern. Was könnte das sein?"

"Den Tod des Mannes oder der Männer, die es getan haben."

"Und wenn wir nicht wissen, wer es war?"

"Dann werden sie verlangen, einige Soldaten auszuwählen, und sie werden sie zu Tode foltern."

"Unschuldige, vielleicht."

"Das könnte sein." Lucius lehnte sich vor und tätschelte Maximus' Knie. "Da hast Du wirklich ein Problem, mein Freund."

Maximus rieb sich die Augen, wie um einen Kopfschmerz zu vertreiben. "Ich habe mehr Erfahrung darin, Waffen zu handhaben als mit Diplomatie umzugehen."

"Ich bin sicher, daß Du in beidem gut bist." In Lucius' Antwort lag aufrichtige Bewunderung.

"Vor vielen Jahren ... wir waren noch Jungen ... wer mochte damals vermutet haben, daß wir einmal da landen würden, wo wir jetzt sind."

"Daß Du General, Kommandeur aller Legionen des Nordens, geworden bist, das erstaunt mich nicht im mindesten. Schon damals wußte ich, daß Du etwas Besonderes bist."

Maximus sah überrascht aus. "Ich habe es nicht gesehen. Andere, ja, aber ich nicht."

"Ein guter Mann sieht nur selten die eigene Größe."

"Seit wann bist Du so ein Philosoph?"

"Das lehren einen Mann die langen, kalten germanischen Abende. Entweder das, oder sie treiben einen in den Wahnsinn."

"Es tut mir leid, daß die Armee Deine Fähigkeiten nicht erkannt hat." Maximus lächelte plötzlich, deutete auf den Wolf auf seinem Brustpanzer und hob die Augenbrauen. "Ich könnte das nachholen, weißt Du", flüsterte er verschwörerisch.

Lucius lachte. "Danke, Maximus, aber ich gehöre jetzt hier her. Ich habe meine Familie, und das ist genug."

Maximus nickte, und sein Blick wanderte in die Ferne. "Das ist für jeden Mann genug."

Kapitel 94 - Die Geisel

Maximus öffnete die schwere hölzerne Tür, duckte sich dann jedoch schnell, als er sah, daß etwas auf seinen Kopf zugesaust kam. Der Teller krachte gegen die Wand und überschüttete den General mit Glassplittern, während zwei Wachen quer durch das Zimmer rannten, die Frau bei den Handgelenken packten und ihre Arme gegen die steinerne Wand preßten. Sie kreischte die Wachen in einer Sprache an, die Maximus nicht verstand, dann wandte sie ihren Blick ihm zu, als er sich langsam wieder aufrichtete, das Glas aus seinem Pelz schüttelte und sich ihr näherte. Er ging nicht näher als auf zwei Armeslängen an sie heran, und trotzdem gelang es ihr, ihn anzuspucken, ihr Speichel traf ihn an der rechten Wange. Lucius und Tarius verschlug ihre Frechheit den Atem, aber Maximus seufzte nur und rieb sich das Gesicht an seiner pelzigen Schulter. "Ich glaube, ich habe bereits Deinen Bruder kennengelernt", murmelte er vor sich hin, dann befahl er den Wachen, sie an einem Stuhl festzubinden.

Er wandte der kreischenden Frau seinen Rücken zu, griff sich einen der einfachen Holzstühle und plazierte diesen genau so weit entfernt, daß sie ihn nicht treten konnte. Er drehte ihr die Rückseite des Stuhles zu, legte die Unterarme bequem auf die Rückenlehne und postierte seine in Stiefeln steckenden Füße auf je einer Seite des Sitzmöbels. "Ich weiß, daß Du Latein sprichst, Herrin, und wir sollten der Einfachheit halber diese Sprache benutzen."

Sie hob die Augenbrauen und tat, als verstände sie ihn nicht. Die Chatti-Frau war von mittlerer Größe und schlank. Sie hatte strähniges, stumpfes, braunes Haar und ein schmutziges Gesicht. Ihre Kleidung war aus einfacher brauner Wolle und arg verschmutzt, ihre dreckigen Füße nackt. Ein strenger, säuerlicher Geruch ging von ihr aus, der sich unangenehm in Maximus' Nase bemerkbar machte. Es gab nichts sonderlich Bemerkenswertes an ihr, bis auf die funkelnden, blauen Augen, die Bände sprachen und eindeutig zu erkennen gaben, was sie am liebsten mit dem römischen General anstellen würde. Sie verfluchte ihn in ihrer eigenen Sprache und in Latein, dann spuckte sie wieder in seine Richtung, verfehlte diesmal jedoch knapp das Ziel.

Maximus blieb äußerlich ungerührt. "Mein Name ist General Maximus Decimus Meridius. Ich bin Kommandeur der nördlichen Legionen der römischen Armee. Ich bin wegen General Pollienus' Verschwinden und wegen Deiner Entführung hier. Ich untersuche beides und ebenso Deine Behauptung, von römischen Soldaten vergewaltigt worden zu sein.

Sie starrte ihn wütend an.

"Und Dein Name ist ...?"

"Das geht Dich einen Scheißdreck an."

Maximus blinzelte zweimal und richtete sich unbewußt auf. Das sollte eine Edelfrau der Chatti sein? "In Ordnung. Dann werde ich Dich einfach weiter "Herrin" nennen."

Sie grinste ihn spöttisch an.

Er zwang sich, seine Schultern zu entspannen. "Ich möchte, daß Du mir berichtest, was mit Dir geschehen ist."

"Ich habe meine Geschichte schon erzählt", sagte sie mit einer vor Bitterkeit schrillen Stimme.

"Mir nicht, und ich würde sie lieber von Dir persönlich, als von den Soldaten hören."

"Warum, General ... wird es Dich erregen?"

"Nicht im mindesten, das versichere ich Dir", antwortete Maximus ohne Zögern, aber er entschloß sich zu einem weiteren Versuch. "Hast Du Hunger?"

"Das kann Dir doch egal sein", bemerkte sie scharf, während sie den Kopf zurückwarf, um ein paar unbotmäßige Strähnen aus ihren Augen zu schleudern.

Maximus zuckte leicht mit den Schultern und wandte sich an die Männer hinter ihm. "Wachen, es ist kalt hier drin. Macht Feuer. Lucius, sieh nach, ob Du etwas Sauberes für sie zum Anziehen findest, und Tarius, bring etwas Essen und Wein." Die Männer verließen leise den Raum, um die Wünsche des Generals zu erfüllen.

"Du möchtest mich wohl für Dich allein haben, General?"

"Nicht besonders."

"Warum, stimmt was nicht mit Dir?"

"Nein, aber ich finde dürre, dreckige und vulgäre Frauen nicht sehr anziehend."

Für einen Augenblick war sie sprachlos, setzte dann aber zu einem weiteren Angriff an.

"Zweifellos sind Eure Huren in die feinsten Stoffe gehüllt und baden jeden Tag in Parfüm."

Er hatte nicht vor, den Köder zu schlucken. "Ich frage Dich nochmals ... was ist mit Dir geschehen?"

"Wonach sieht es denn aus, was mit mir geschehen ist, Du dämlicher Römer." Sie drehte ihre Arme hin und her, aber die Fesseln hielten, und sie trat frustriert gegen die Stuhlbeine.

Maximus versuchte festzustellen, wie alt sie wohl wäre. Sechzehn? Siebzehn? Trotz ihrer draufgängerischen Art war sie nicht mehr als ein verdrecktes, verängstigtes Mädchen. "Wer hat Dich hier her gebracht?" fragte er sanft.

Sie schwieg verbissen.

Lucius kam mit dem Essen zurück. "Stell es bitte dort drüben hin." Maximus wies auf einen Tisch in der Nähe der Frau. Sie sollte es nicht erreichen, aber trotzdem riechen können.

Sie schaute Lucius böse an und betrachtete dann Maximus mit hochgezogenen Augenbrauen. "Ist er Dein Sklave?" fragte sie sarkastisch.

"Nein, er ist mein Freund."

"Du hast Freunde, General? Es ist erstaunlich, was man mit einer prächtigen Uniform alles kaufen kann, nicht wahr?"

Maximus nahm ihre 'witzige' Bemerkung mit einem Kopfnicken zur Kenntnis. "Würdest Du gern etwas trinken?"

Ihre Augen schossen pfeilschnell in Richtung des Tisches und kehrten dann wieder zu seinem Gesicht zurück. Sie schwieg weiter und versuchte, ihn mit ihrem Blick niederzuringen.

"Sprich mit mir, dann kannst Du essen und trinken."

Sie schluckte unfreiwillig, sagte jedoch nichts.

Maximus' Geduld neigte sich langsam ihrem Ende zu. "Verzeih' mir, Herrin", sagte er, erhob sich und stand breitbeinig über dem Stuhl, "aber Du kannst es die Wachen wissen lassen, wenn Du bereit bist zu reden. Bis dahin habe ich mit meiner Zeit Besseres zu tun." Er schwang sein Bein über die Sitzfläche des Stuhles und ging zur Tür. Sie beobachtete ihn mißtrauisch und schien nicht glauben zu wollen, daß er wirklich wegging.

Er ging.

Nachdem er den Raum verlassen und die Tür geschlossen hatte, gab Maximus Lucius ein Zeichen und sprach mit ihm im Flüsterton, obwohl sie ihn auch sonst nicht hätte hören können. "Lucius, diese Frau stinkt. Wann hat sie das letztemal gebadet und die Kleider gewechselt?"

"Das ist Wochen her. Sie war um keinen Preis bereit, ihre Kleidung abzulegen."

"Nun, wenn sie wirklich vergewaltigt wurde, dann ist das nur zu verständlich. Aber ich kann nicht da sitzen und mit ihr sprechen, bevor sie weniger intensiv 'duftet'."

Lucius nickte und sagte nachdenklich: "Vielleicht könnte meine Frau etwas erreichen."

Eine Stunde später stand ein Zuber mit warmem Wasser auf dem Boden des Schlafzimmers; daneben lagen Seife und ein Stapel weicher Handtücher sowie einfache, aber saubere Kleidung. Lucius' hübsche, rundliche Frau Erika lächelte der Geisel aufmunternd zu, während sie sich die Ärmel hochkrempelte, bereit, in Aktion zu treten. Lucius behielt das Ganze von einem Stuhl in einer Ecke des Zimmers aus im Auge, und zwei Wachen standen direkt hinter der geschlossenen Tür.

"Was glaubst Du, was Du da machst?" fragte die gefesselte Frau herausfordernd in ihrer eigenen Sprache. Sie erkannte Lucius' Frau wieder.

"Ich bereite mich vor, Dir beim Baden zu helfen, Herrin. Der General findet, daß Du stinkst."

Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen, und sie knurrte wütend vor sich hin. "Wie kannst Du es wagen, Dich auf seine Seite zu stellen. Du bist eine von uns!"

"Ich finde auch, daß Du stinkst. Wo ist Dein Stolz, Herrin? Du präsentierst Dich als Schlampe und nicht als die Dame, die Du bist."

"Und Du bist mit einem Römer verheiratet!" Sie zuckte mit dem Kopf in Lucius' Richtung. "Du bist eine Verräterin an Deinem Volk!"

"Keine Verräterin, Herrin. Nur eine glückliche Ehefrau und Mutter, die weiß, worauf es im Leben ankommt. Und nun wollen wir Dich baden ... in Ordnung?"

Die Bemerkungen über ihren Geruch hatten offensichtlich einen Nerv getroffen. Die Geisel schaute mißmutig zu Lucius hinüber. "Sag ihm, er soll 'rausgehen", wies sie dessen Frau an.

"Ich lasse meine Frau nicht mit Dir allein, Herrin. Ich habe kein Verlangen danach zuzugucken, das versichere ich Dir", antwortete Lucius mit Nachdruck.

"Dann dreh Deinen Stuhl um - zur Wand hin!"

Lucius seufzte und tat, worum man ihn bat. Kurze Zeit später hörte er das Wasser im Zuber platschen.

Lucius fand Maximus auf der Spitze des steinernen Turmes in der eisigen Luft stehend. Der General starrte auf die riesigen Signalfeuer, die überall verstreut in der dunklen Landschaft um den Außenposten sichtbar waren. Stimmen von Chatti-Kriegern drangen an sein Ohr. Ohne seine Augen von den Feuern zu lassen, sagte Maximus: "Schau dir das an, Lucius. Jetzt ist es lediglich eine Zurschaustellung von Macht, aber wenn ihre Zahl weiter zunimmt, dann sind wir in ernsten Schwierigkeiten. Niemand würde diesen Ort lebend verlassen. Ich werde heute nacht im Schutze der Dunkelheit einen Soldaten zurück nach Bonna schicken, um weitere drei Kohorten herzuführen." Er brachte ein grimmiges Lächeln zuwege. "Fast so, als wäre man auf einer kleinen Insel von hungrigen Haien eingekreist."

Mit ungezwungener Vertrautheit legte Lucius seinem Freund die Hand beruhigend auf die Schulter, aber er konnte die Aufregung nicht aus seiner Stimme verbannen. "Maximus, schau Dir das an." Eine elegante, goldene Halskette, besetzt mit kleinen, funkelnden Edelsteinen baumelte an seinen Fingerspitzen. Meine Frau fand sie verborgen in den Kleidern unserer Chatti-Geisel, zusammen mit anderen ähnlichen Kostbarkeiten. Deshalb wollte sie also ihre Kleidung nicht ablegen." Lucius schwang die Kette auf seine Handfläche, damit Maximus sie im Licht der Lampe in Augenschein nehmen konnte. "Sie ist römisch und vermutlich sehr kostbar. Sie kann dies nirgendwo hier erworben haben, es sei denn, jemand hat sie ihr gegeben." Lucius blickte Maximus stolz an. "Sie ist bereit zu reden."

Der Raum strahlte jetzt eine ganz andere Atmosphäre aus, als zu dem Zeitpunkt, da Maximus ihn verlassen hatte. Man hatte die Fenster geöffnet, um frische Luft hereinzulassen, die inzwischen von einem knisternden Feuer erwärmt worden war, das einen munter tanzenden Lichtschein auf die steinernen Wände warf. Die Teller auf dem Tisch waren leer bis auf einige Krümel. Die Chatti-Geisel saß sittsam auf ihrem Stuhl, die Hände im Schoß gefaltet. Ihr frisch gewaschenes Haar war noch feucht, aber schimmerte wie dunkles Gold im Licht des Feuers. Ihre Haut war makellos und vor Erregung leicht gerötet. Ihre Augen strahlten in einem hellen, leuchtenden Blau. Sie war eine eindrucksvolle Erscheinung.

Maximus lächelte und nickte Erika dankbar zu. Sie errötete tief, als sie sein Lächeln erwiderte, dann hob sie die feuchten Tücher auf und verließ das Zimmer.

"Herrin", sagte Maximus während er sich setzte und entspannt den einen Fuß über das andere Knie legte, wobei er das erhobene Knie mit seiner Hand umfaßte. "Ich bin sicher, daß Du Dich besser fühlst. Wirst Du mir nun Deinen Namen verraten?"

Sie betrachtete ihn mürrisch unter ihren heruntergezogenen Augenbrauen hervor, aber endlich murmelte sie doch eine Antwort.

Maximus lehnte sich vor und neigte den Kopf in einer fragenden Geste. "Entschuldigung?"

"Freyda!" fuhr sie ihn an, und ihre Stimmung schien sich nicht sonderlich gebessert zu haben.

Er setzte sich abrupt wieder auf. "Ich danke Dir, Freyda."

"Gern geschehen ... Maximus."

Er neigte kurz den Kopf, um ihr damit anzudeuten, daß sie ihn auf diese Weise anreden dürfe, dann zog er die Halskette unter seinem Umhang hervor und ließ sie vor ihrem Gesicht hin und her baumeln. "Von wem hast Du das bekommen, Herrin?"

Sie wandte ihren Blick ab und weigerte sich zu antworten.

Maximus wartete lange Zeit in Schweigen, bis sie unter seinem prüfenden Blick unruhig zu werden begann.

"Herrin, weißt Du, was mit einem Sklaven im römischen Reich geschehen kann?" Sie wandte ihr Gesicht von ihm ab und schloß die Augen. "Hunger, Schläge, Folter, Vergewaltigung, Verstümmelung und sogar ein gewaltsamer Tod," gab er selbst die Antwort auf seine Frage. "Ist es dieses Schmuckstück wert, auch nur ein Kind einem so grausamen Schicksal auszuliefern?" Er beobachtete ihr Profil. Er sah, daß sie schluckte, und daß ihre Unterlippe leicht zitterte. Sie preßte ihre Lippen trotzig zusammen.

Maximus sprach mit ruhiger Stimme: "Ich kannte einst eine Frau, die als Sklavin geboren war. Eine feine, tapfere, intelligente und schöne Frau, die sich jedem Mann hingeben mußte, den ihr Herr für sie bestimmte ... sogar schon als Kind. Trotz ihrer vielen persönlichen Vorzüge zog sie es doch vor, sich selbst zu töten, statt ein solches Leben der Demütigung und des Schmerzes zu führen." Maximus lehnte sich wieder vor zu Freyda und zwang sie, ihn anzublicken. "Was ist das für ein Gefühl zu wissen, daß Du mitgeholfen hast, viele Frauen und Kinder einem solchen Schicksal auszuliefern? Alles für ein paar Schmuckstücke wie dieses."

Freyda sprang von ihrem Sitz auf und wirbelte herum, um Maximus entgegenzutreten. Die überraschten Wachen eilten herbei, um sie zurückzuhalten, aber Maximus winkte sie zurück und blieb sitzen ... äußerlich ganz ruhig.

"Du verstehst es nicht! Du verstehst es nicht!" schrie sie. "Es war nicht die Halskette. Er sagte, daß er mich liebe! Er sagte, er werde mich mit nach Rom nehmen ... daß wir in einer Villa am Meer leben würden." Ein Beben schüttelte ihren schlanken Körper und sie umklammerte ihren Oberkörper, als hätte sie starke Schmerzen.

"Wer ist 'er'? General Pollienus?"
"Ja! Ja!" Sie weinte nun richtig. "Er hat mich angelogen."

"Pollienus hatte eine Frau und eine Geliebte. Warum dachtest Du, daß er sie für Dich verlassen würde?"

"Ich wußte nicht, daß er verheiratet war", klagte sie. "Die Geliebte war nur ein Alibi. Er hat mit mir geschlafen!"

"Wo? Hier? Innerhalb des Außenpostens?"

"Manchmal ... aber meistens nicht", schniefte sie.

"Wo?", beharrte Maximus.

"Wir haben uns häufig in einer Hütte im Wald hier in der Nähe getroffen."

Maximus schaute Lucius an, der den Kopf schüttelte und mit den Achseln zuckte. Sie würden die Hütte suchen müssen. Der General fuhr fort: "Er täuschte jeden, Freyda, nicht nur dich." Sie stand nun dicht an der Wand und preßte ihre Stirn gegen den kühlen Stein. Maximus stand auf und ging ruhig zu ihr hinüber; er sprach die ganze Zeit zu ihr, damit sie keinen Schreck bekam. "Ganz offensichtlich hat er Dich benutzt so wie er viele andere benutzt hat." Maximus stützte seine Hand gegen die Steinwand über ihrem Kopf. "Freyda", sagte er leise, "hat er Dich vergewaltigt?"

Sie schüttelte den Kopf, ihr Körper bebte.

"Hat irgend ein römischer Soldat Dich vergewaltigt?"

Sie schüttelte abermals den Kopf und rieb ihn gegen den rauhen Stein.

"Warum hast Du diese Geschichte erzählt?"

"Er sagte mir, daß ich es tun solle."

"War die Entführung auch nur vorgetäuscht?"

"J...ja."

"Es gab also keine Entführung", stellte Maximus klar.

Und wieder schüttelte sie den Kopf und Tränen liefen über ihr Gesicht.

"Wer hat dich dann hier her gebracht?"

"Oranius."

Maximus Verdacht hatte sich damit bestätigt. Und trotzdem verwirrte die junge Frau, die sich gegen die Mauer drückte als wollte sie diese zwingen, sie zu verschlucken, ihn noch immer. "Du hast General Pollienus geholfen zu verschwinden. Nach den Versprechungen, die er Dir gemacht hat, fandest Du es nicht seltsam, daß er Dich nicht mitgenommen hat?"

"Er sagte, er würde mich holen lassen", flüsterte sie.

Trotz der schlimmen Dinge, die sie getan hatte, mußte Maximus an sich halten, um diese junge Frau nicht einfach in den Arm zu nehmen und sie zu trösten. "Welche Rolle hast Du bei der Entführung der Frauen und Kinder gespielt, die dann in die Sklaverei verkauft wurden?"

"Er ... er wollte, daß ich mit ihnen spreche ..., damit sie mir vertrauten."

"Er hat dich als Köder benutzt ... Dich, die Tochter des Häuptlings der Chatti. Du hast sie in die Gefangenschaft gelockt."

Ein rauhes Schluchzen entrang sich ihrer Kehle.

"Noch eine Frage. War Oranius Teil dieses Sklavenhandels?"

Sie nickte und sprach zur Wand gewendet: "Er bekam einen Teil des Geldes. Auch er hat vor zu verschwinden, sobald er damit keinen Verdacht mehr auf sich lenken wird. Ich habe gehört, wie sie darüber gesprochen haben."

Maximus war mit ihren Antworten zufrieden; er wollte eben seine Hand von der Wand nehmen und sich abwenden, als sie nach seinem Arm griff und ihn zurückhielt. Und wieder machten die Wachen Anstalten, auf sie zuzustürmen. "Bleibt wo Ihr seid", befahl Maximus und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Freyda zu. "Was gibt es noch?"

"Was hast Du mit mir vor?"

Er schaute hinab in ihre blauen Augen. Sie schwammen in Tränen, und Furcht spiegelte sich in ihnen wider. "Ich werde Dich zu Deinem Vater zurückschicken, damit Du ihm die Wahrheit erzählst und so - hoffentlich - einen sehr gefährlichen Krieg verhindern wirst."

"Er wird mich töten, weil ich seine Ehre befleckt habe."

"Freyda, hör mir aufmerksam zu." Alle Wärme, die bisher in Maximus' Stimme mitgeschwungen hatte, war jetzt verschwunden.

"Wenn ich Dein Leben opfern muß, um Tausende anderer zu retten ..., dann werde ich das tun." Maximus löste ihre Finger gewaltsam von seinem Arm und verließ den Raum, ohne sich umzublicken. Als er an den Wachen vorbeikam, sagte er:" Nehmt Oranius fest."

Später an diesem Abend traten Wachen die Tür der Hütte im Wald ein und leuchteten mit einer Laterne in das Innere. Maximus drückte sich an ihnen vorbei und trat auf den gefrorenen Lehmboden der armseligen Behausung, die lediglich aus einem einzigen Raum bestand. Die primitive Einrichtung bildeten ein Tisch, zwei Stühle und ein Bett. Hingestreckt auf dem Bett lag der nackte, gefrorene Körper einer jungen blonden Frau; ihre Augen starrten weit aufgerissen ins Leere und an ihrem Hals waren deutlich schwarze Würgemale zu erkennen. Pollienus' Geliebte.

Blasses Morgenlicht erhellte den östlichen Himmel, als Maximus sich zusammen mit Freydas Vater auf der Lichtung vor dem großen schwarzen Tor des Außenpostens niederließ. Vier Stühle hatte man auf den gefrorenen Boden gestellt; sie bildeten ein schlichtes Quadrat. Maximus saß mit dem Rücken zum Außenposten; er bewegte ununterbrochen die Zehen, um in den feuchten Stiefeln, das Blut in seinen Füßen zirkulieren zu lassen. Der einladende Duft von den Kochstellen stieg ihm in die Nase und ließ seinen leeren Magen knurren. Hinter Maximus standen acht bewaffnete Wachsoldaten, und hinter jenen die Kavallerie in voller Rüstung; ihre Pferde schnaubten und scharrten mit den Hufen auf dem gefrorenen Boden. Der Häuptling war gleich gut geschützt von stämmigen, langhaarigen Männern in zotteligen Fellen mit Schwertern in ihren Händen. Freyda saß auf Maximus' linker Seite und Lucius auf seiner rechten. "Erzähle Deinem Vater alles", wies Maximus sie an.

In ihren Augen war ungeheuchelte Furcht zu lesen, als sie sich an den großen Krieger wandte und sprach, während Lucius für Maximus übersetzte. Das Gesicht des Häuptlings blieb regungslos, aber Freyda zitterte vor Angst und Kälte.

"Sag ihm noch mal, daß Du nicht vergewaltigt wurdest, und daß Du freiwillig in Deine sogenannte 'Entführung' eingewilligt hast."

Freyda wandte sich mit einem flehenden Blick an Maximus. "Ich habe es ihm gesagt."

"Sag es ihm noch mal. Es darf keinerlei Mißverständnisse geben."

Mit stockenden Worten wiederholte sie diesen Punkt.

"Lucius, bitte den Häuptling, jede Eskalation ihres Protestes zu verhindern."

Während Lucius sprach, blickte der germanische Führer Maximus direkt in die Augen. Als Lucius die Antwort des Häuptlings vernahm, schnappte er nach Luft. "Maximus, er sagt, daß es zu spät sei. Tausende und Abertausende von Kriegern aus Dutzenden Stämmen sind schon auf dem Weg und könnten bereits am Ende dieses Tages hier sein. Selbst wenn er ihnen die Wahrheit sagen würde, hat er das Gefühl, daß sie nicht in der Stimmung sind zuzuhören. Er sagt, daß er sie nicht aufhalten könne. Sie kommen, weil sie Krieg erwarten."

Maximus erhob sich augenblicklich, und auch der Häuptling sprang auf. Der Mann war mindestens einen halben Kopf größer als Maximus. "Lucius, sag Ihm, daß unser Treffen beendet ist und daß er seine Krieger zurückziehen soll, um uns Zeit zu geben, den Außenposten zu evakuieren. Soviel gebietet die Ehre."

Lucius übersetzte die Worte seines Generals, und der Häuptling schüttelte bedächtig den Kopf, während er in seiner Muttersprache antwortete. Lucius machte einen unsicheren Atemzug. "Er sagt, daß er das nicht tun könne. Er sagt, daß die anderen Häuptlinge ihn töten würden, wenn sie erführen, daß er den Anführer der römischen Krieger in seiner Gewalt gehabt und ihn dann hätte laufen lassen."

Maximus wandte sich nun direkt an den großen Germanen. "Solltest Du versuchen, mich gefangenzunehmen, dann wird der geballte Zorn des Römischen Reiches über Dein Volk hereinbrechen."

Die beiden Führer starrten einander an. Der eine groß, breitschultrig und langhaarig, der andere kleiner, aber gleichfalls kräftig und in hoheitsvoller Gewandung wie sie Roms bestem Kriegsherrn zukam. Die Männer hinter ihnen beobachteten einander mißtrauisch. "Lucius", sagte Maximus und wandte sich an seinen Übersetzer, ohne ein Auge von dem Häuptling zu  lassen. "Sag meiner Kavallerie, sie sollen mit der Evakuierung der Hilfstruppen und ihrer Familien beginnen. Es ist keine Zeit mehr, irgendwelche Habseligkeiten zusammenzupacken. Sie müssen sich direkt nach Süden begeben und dürfen auf keinen Fall anhalten, nicht mal, um zu schlafen. Die Soldaten des Außenpostens werden sie begleiten. Danach sag dem Führer der Chatti, daß ich bleiben werde, so lange er alle, bis auf mich selbst und meine Männer, in Frieden ziehen läßt."

"Maximus", sagte Lucius mit einem Anflug von Verzweiflung. "Dann wirst Du nur noch die Kavallerie zu Deinem Schutz haben. Morgen schon könnten Zehntausende germanischer Krieger hier sein. So gut Deine Soldaten auch sein mögen, sie hätten keine Chance."

Maximus nickte einmal kurz um anzudeuten, daß er Lucius' Bitte vernommen hatte, sagte jedoch: "Sieh zu, daß Du Deine Frau und Deine Kinder hier 'raus bekommst ... und geh mit ihnen."

Lucius Stimme zitterte. "Hat schon mal irgend wer Dir direkt den Gehorsam verweigert, Herr?"

Lucius' plötzliche Förmlichkeit ließ Maximus mißtrauisch werden. "Nein."

"Dann laß mich nicht der Erste sein. Ich werde meine Familie auf den Weg in die Sicherheit bringen, aber ich möchte bei Dir bleiben. Du brauchst einen Übersetzer."

Maximus' Augen drückten seine Dankbarkeit aus. "Geh und sieh zu, daß Deine Familie sich bereit macht, ... aber zuvor sag dem Häuptling, daß meine Männer und ich reingehen werden, um zu essen und uns aufzuwärmen."

Lucius übersetzte die Antwort des germanischen Kriegers. "Er verlangt einen Vertrauensbeweis, daß Du nicht zusammen mit den anderen verschwinden wirst."

"Gut ... er soll ihn haben." Maximus rief eine der Wachen herbei und erteilte Befehle, die den Soldaten davoneilen ließen.

Niemand rührte sich oder sprach ein Wort, bis die Wache mit drei anderen Soldaten ... und einem angsterfüllten, sich sträubenden Oranius zurückkam.

"Das kannst Du nicht machen", schrie er Maximus zu, als man ihn an die Germanen auslieferte. "Du kannst mich nicht ohne ein Verfahren verurteilen! Sie werden mich töten! Es gibt Gesetze! Römische Gesetze!"

"Oranius, in einer Situation wie dieser bin ich das Gesetz," knurrte Maximus, dann verneigte er sich kurz vor seinem Gegenüber und machte sich auf den Weg zurück zu dem steinernen Gebäude. Seine Soldaten folgten, sobald die Germanen sich zu zerstreuen begannen. Maximus wandte sich jedoch noch einmal um und stellte fest, daß der Blick des Häuptlings immer noch auf ihn geheftet war. "Deine Tochter ist von dem römischen General hintergangen worden. Er hat viele zum Narren gehalten." Freyda schaute Maximus dankbar an, und er setzte seinen Weg in die relative Sicherheit des Außenpostens fort.

Kapitel 95 - Allein

Maximus und Lucius standen allein auf der Spitze des steinernen Turmes und beobachteten den ununterbrochenen Strom von Römern, die den Außenposten verließen. Männer, Frauen und Kinder, zu Fuß, zu Pferd und auf hölzernen Wagen stapften sie weg von dem einzigen Zuhause, das viele von ihnen jemals gekannt hatten. Die meisten blickten entschlossen geradeaus, aber einige wandten sich um und warfen einen letzten Blick auf das roh gemauerte Gebäude. Wenn sie den Rhein erreichten, würde ihre Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit besser sein, als das Leben, das sie in der Wildnis des Barbarenlandes geführt hatten; aber viele Gefahren drohten ihnen auf ihrem Weg durch die dicht bewaldete entmilitarisierte Zone. Zu diesen Gefahren mußten auch abgefallene germanische Krieger gezählt werden, die keinem der Stämme Gefolgschaft geschworen hatten. Aber die Zahl der langsam Dahinziehenden ging in die Hunderte und umfaßte auch die Kohorten der Soldaten des Außenpostens, die froh waren abzuziehen, so wie viele von Maximus' eigener Kavallerie - alle schwer bewaffnet und gut ausgebildet an den Waffen, die sie trugen.

Maximus blieb auf dem Turm als ein Beispiel von Stärke und Mut für jene in der abziehenden Karawane, aber auch, um den Führern der Chatti deutlich zu zeigen, daß er zurückblieb wie er es versprochen hatte. Sein Verbleiben in dem Außenposten garantierte den sicheren Abzug der römischen Bürger, die sich nun in ein sichereres Land aufmachten.

Maximus' Umhang wehte leicht im kalten Wind, aber ansonsten erschien er wie aus Marmor gemeißelt. Lucius warf verstohlene Blicke auf den gedankenverloren dastehenden Mann, aber er konnte nicht erkennen, was in dessen Kopf vor sich ging. Machte er Pläne für seine eigene Flucht? War er besorgt um seine Sicherheit? Sollte dies der Fall sein, so gab es keinen äußeren Anhaltspunkt für diese Furcht, denn Maximus Hände ruhten entspannt auf der steinernen Brüstung des Turmes. Obwohl sie ihre militärische Laufbahn vor vielen, vielen Jahren gemeinsam begonnen hatten, waren ihrer beider Leben doch in zutiefst unterschiedlichen Bahnen verlaufen. Wenn Lucius das starke und entschlossene Gesicht des Generals beobachtete, dann fragte er sich, mit welchem Recht er neben diesem bemerkenswerten Mann stand als sei er ihm ebenbürtig. Nun, da er den gereiften Maximus kennengelernt hatte, verstand er nur zu gut, warum dieser zu einem Führer der römischen Armee erwählt worden war, und Lucius fühlte sich von Maximus' bloßer Gegenwart schier überwältigt.

Maximus' Augen blickten kurz auf das Gelände des Außenpostens hinab, wo seine verbliebene Kavallerie sich offenbar ziellos hin und her bewegte, durch das offene Haupttor kam und ging, die Evakuierten ein Stück begleitete und dann wieder zurückkehrte ... einige zu Pferd, andere wieder zu Fuß. Es schien, daß sie sich ganz willkürlich bewegten, aber Lucius wußte es besser. Er war überzeugt, daß das, was dort vor sich ging, sorgfältig von dem unbeugsamen Mann an seiner Seite geplant worden war, und daß jeder Augenblick seinen ganz bestimmten Sinn hatte.

Die germanischen Krieger waren es zufrieden, beiseite zu stehen und die Evakuierten zu verhöhnen in dem Bewußtsein, daß der Preis, den sie so sehr begehrten, noch immer fest in ihrem Griff war, auch wenn er wie ein unbesiegbarer Gott dort oben auf der Spitze des Außenpostenturmes stand. Sie wußten, daß die römische Armee ohne ihren legendären Führer machtlos war und den nördlichen Teil des Imperiums gerade lange genug verwundbar zurückließ, um den tödlichen Streich zu empfangen. Die Krieger hoben ihre Äxte, Schwerter und Speere in einer drohenden Gebärde, während sie johlten, brüllten und die abziehenden römischen Bürger verhöhnten. Ihre Erscheinung allein war beunruhigend genug: ihre enorme Größe, ihr seltsam geknotetes Haar, die langen Bärte und grobe Kleidung.

"Wird es Krieg geben, Maximus?“ Lucius war sich nicht bewußt gewesen, daß er die Worte laut ausgesprochen hatte, bis der General seine Frage beantwortete.

"Wir befinden uns bereits im Krieg, Lucius, aber ich werde es nicht zulassen, daß unschuldige Zivilisten die ersten Opfer sind, auch nicht die Soldaten dieses Außenpostens, die wie Lämmer abgeschlachtet würden."

Lucius wußte, daß dies nur eines bedeuten konnte. "Du bist bereit, Dich selbst statt dessen als erstes Opfer anzubieten?"

Maximus antwortete nicht.

"Maximus, hast Du auch nur eine Vorstellung davon, was sie mit Dir machen werden? Ich habe es gesehen, Maximus. Ich habe Soldaten gesehen, die von den germanischen Stämmen gefoltert und ermordet worden sind. Sie litten unvorstellbare Qualen, bevor man ihnen die Gnade eines erlösenden Todes gewährte."

Maximus blaue Augen folgten dem Ende der Karawane, bis es in dem dichten, dunklen Wald verschwand. Erst jetzt seufzte er und schloß die Augen. "Sie werden mich niemals lebend bekommen, Lucius. Ich werde im Kampf fallen."

"Maximus ..."

Der General bewegte sich zum erstenmal seit Stunden und wandte sich endlich ab, um seinem Freund ins Gesicht blicken zu können, die Stimme, trotz der Entfernung zum Feind, zu einem Flüstern gesenkt. "Auf ihrem Weg von Bonna werden die Kohorten den Weg der Flüchtlinge kreuzen; sie werden ihren Marsch hierher fortsetzen, jedoch nicht, ohne Verstärkung angefordert zu haben. In wenigen Tagen wird vor diesen Mauern eine regelrechte Schlacht toben. Lucius, Du verstehst nicht, was sich hier abgespielt hat, also werde ich es Dir erklären. Wir sind allein. Meine Kavallerie ist weg. Es sind nur noch Du und ich ... und einige Pferde."

"Allein?" Verwirrt schüttelte Lucius den Kopf und versuchte zu erfassen, was das eben Gesagte zu bedeuten habe.

"Ja. Ich wollte meine Kavallerie eben so wenig opfern, wie ich die Soldaten der Kohorte dieses Außenpostens in Gefahr zu bringen bereit war."

"Wie ... wie sind sie ...?"

"Die Kavallerie? Während der Evakuierung ließ ich sie immer wie scheinbar willkürlich den Außenposten verlassen und wieder zurückkehren. In Wirklichkeit jedoch haben sie die meisten Pferde im Wald versteckt und sind auf immer denselben wieder zurückgekehrt. Dann sind sie über die südliche Mauer gesprungen, während sich die Germanen am Haupttor amüsiert haben. Hoffentlich denken die germanischen Krieger immer noch, daß die Kavallerie hier drin ist, und daß der Außenposten schwer bewacht wird. Das wird sie davon abhalten, hereinzukommen und uns zu holen, bis ihre Zahl so weit angewachsen ist, daß sie sich stark genug fühlen, selbst Roms beste Soldaten überwältigen zu können. Das sollte uns ein paar Tage Zeit erkaufen. Ich habe einige meiner Soldaten angewiesen, uns ihre Uniformen hier zu lassen, damit wir sie tragen können, falls wir sie brauchen."

Lucius war sprachlos. "Also ... also ist niemand mehr hier, um uns zu beschützen?

Maximus wurde langsam etwas ungeduldig. "Nein ... ich habe Dir bereits erklärt, warum."

Lucius stieß seine Worte zornig hervor: "Maximus, Du bist jetzt die Geisel!"

"Mäßige Deine Stimme", warnte ihn der General.

"Und was ist mit mir?" fuhr Lucius fort. "Du riskierst auch mein Leben!"

Die dunkler werdenden Schatten des Nachmittags verbargen den Schmerz, der Maximus' Gesicht plötzlich durchzuckte. "Ich hätte Dich auch wegschicken sollen. Es tut mir leid. Das war äußerst egoistisch von mir." Er senkte die Augen, und zum erstenmal schlich sich ein Zögern - ein Anflug von Verwundbarkeit - in Maximus' Stimme ein. "Ich glaube, ich wollte einfach nicht ganz allein sein", flüsterte er, unfähig, seinem Kameraden in die Augen zu blicken. "Lucius, es ist immer noch Zeit für Dich, diesen Ort unbehelligt zu verlassen. Du kannst Deine Familie noch einholen."

"Nun, vielleicht werde ich genau das tun!" drohte Lucius, rührte sich aber nicht von der Stelle.

"Dann geh. Ich bleibe noch eine Weile hier stehen. Die germanischen Krieger werden sich mit der Bewachung des Außenpostens nicht all zu viel Mühe machen, solange sie mich sehen können und wissen, daß ich nicht zu entkommen versuche. Nimm eine der Uniformen und klettere über die Südmauer, bevor die Germanen Gelegenheit haben, sich neu zu organisieren", drängte Maximus ihn. Lucius rührte sich immer noch nicht, also drehte Maximus dem Mann einfach den Rücken zu und beendete so jede weitere Unherhaltung.

Lucius verstand dies als Aufforderung, den Turm zu verlassen, und seine Frustration hallte aus dem wütenden Trampeln eines jeden seiner Schritte wider, als er die Treppe hinabstieg. Maximus fühlte jeden Schritt wie einen Schlag in seine Magengrube, bis sie ganz in der Ferne verschwanden und Maximus nur noch das Pfeifen des eisigen Windes vernahm. Seine Augen suchten noch einmal nach der Kolonne der nach Süden ziehenden Römer aber sie waren schon lange aus seinem Blickfeld entschwunden. Er griff in seinen Brustharnisch, suchte nach dem Band des kleinen Lederbeutels, den er immer bei sich trug, und nahm die beiden kleinen geschnitzten Figürchen heraus. Er drehte sie immer und immer wieder in seiner Hand herum, dann hob er beide an seine Lippen und küßte sie. Danach umschloß er sie mit seinen gefalteten Händen, stützte die Ellbogen auf die Brüstung der Mauer, legte die Stirn auf die Knöchel seiner Hand und schloß die Augen.

Stunden später und so durchgefroren, daß er sich kaum noch bewegen konnte, machte Maximus sich auf den Weg zum Quartier des Generals. Er war überrascht zu sehen, daß immer noch Glut in der Feuerstelle glimmte und beugte sich vor, um seine Hände zu wärmen, zu müde, um an diesem Abend noch weiter zu denken.

Maximus wirbelte herum und duckte sich - alles in einer einzigen fließenden Bewegung; sein Schwert hielt er so schnell in der Hand, als ginge es nicht mit rechten Dingen zu.

Lucius ließ sich lässig auf sein Bett fallen, den Kopf auf die verschränkten Arme gestützt. Maximus wartete, bis sein Herz zu klopfen aufhörte, steckte das Schwert zurück in die Scheide und wandte sich wieder dem Feuer zu; er tat, als ob er sich diesmal die Füße wärmte. "Ich dachte, Du wärest gegangen."

"Ich hätte ein Chatti-Krieger sein können, der sich in diesem Raum versteckt hielt. Dann wärst Du jetzt tot."

"Darauf würde ich nicht wetten."

Lucius schwang seine Beine vom Bett und ging auf Maximus zu. "Welcher Mann würde seinen Freund verlassen, wenn dieser in Schwierigkeiten ist?"

Maximus starrte auf die Feuerstelle.

"Wenn du allerdings Quintus wärest, dann wäre ich schon längst weg."

Ein leises Lächeln erhellte Maximus' Gesicht. "So schlecht ist er gar nicht."

"Mmm, wir werden sehen." Lucius faßte Maximus bei der Schulter. "Nun, Kommandant aller Legionen des Nordens, wie sieht Dein Plan aus?"

"Etwas zu schlafen." Maximus wandte sich um, damit er Lucius anschauen und sich den Rücken wärmen konnte.

"Du nimmst die Sache ziemlich gelassen", wunderte sich Lucius.

"Nicht wirklich, aber ich bin schon öfter in ähnlich schwierigen Situationen gewesen. Bisher ist es mir immer gelungen, am Leben zu bleiben. Das Klügste, was wir im Moment tun können, ist, uns auszuruhen, damit unser Verstand und unser Körper morgen wieder mit voller Leistung arbeiten."

"Wo hast Du vor zu schlafen? Das Bett habe ich bereits."

"Ich schlafe auf dem Boden."

"Maximus", lachte Lucius, "ich hab doch bloß Spaß gemacht. Natürlich gehört das Bett Dir."

"Lucius, glaube mir, ich kann überall schlafen. Es ist schon in Ordnung."

"Aber ..."

"Geh nur einfach ins Bett, in Ordnung?" Maximus nahm seinen Worten durch ein Lächeln die Schärfe.

 

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