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1.Wie
und warum ich begann, dieses Tagebuch zu schreiben
Es
war Apollinarius - der gute, alte Apollinarius - der mich ermutigte, dieses
Tagebuch zu schreiben. Es geschah in einer Frühlingsnacht vor noch nicht all
zu langer Zeit, als er in meinen Armen weinte wie ein Kind und ich wünschte,
meine Tränen mit den seinen vereinen zu können. Aber ich habe keine Tränen
mehr. Ich vergoß die letzten in einer Nacht, die schon ein Menschenleben
zurückzuliegen scheint, in Moesia am Schwarzen Meer um einen stattlichen
römischen General.
Es
war eine regnerische Nacht, und ich erwachte durch das wilde Hämmern gegen
die Tür meiner Wohnung. Ich war allein, denn Nicia, die Frau, welche mir im
Haushalt half, kehrte jeden Abend zu ihrem Mann zurück ... und in die
Wohnung des Mannes, den ich heute meinen "Ehemann" nenne. Ich war allein,
wie ich es an den Abenden vorzog, wenn die Sonne hinter dem Horizont versank
und Schatten die Stadt einhüllten. An solchen Abenden saß ich in meinem
Schlafzimmer mit meiner Lampe, meinen Büchern und meinen Erinnerungen an
einen Mann mit blauen Augen.
Ich
nahm die Lampe und ging zur Tür. Als ich sie öffnete, stand mir mein immer
so eleganter Lehrer gegenüber - mit Schmutz und Blut befleckt, sein feines
Gewand zerrissen, das Haar zerzaust, die Augen rot und verschwollen. Als ich
zutiefst erstaunt auf der Türschwelle verharrte, blickte Apollinarius mich
an und sagte unter herzzerreißendem Schluchzen: "Julia, o Julia! Hippolitus
ist tot!"
Es
traf mich wie ein Schlag, vom Tode seines jungen, attraktiven Geliebten zu
hören; aber noch bevor ich ihn fragen konnte, was geschehen war, fiel er mir
in die Arme und weinte wie ein Kind. Als er endlich sprechen konnte,
berichtete mir Apollinarius, daß der Junge - er war erst achtzehn - unter
die Hufe der Pferde einer Gruppe Betrunkener geraten war, die aus einer
Taverne kamen. Die städtischen Gesetze erlaubten es, zu später Stunde Pferde
nicht nur am Zügel zu führen, sondern sie auch zu reiten.
Apollinarius und ich verbrachten was von der Nacht noch übrig war gemeinsam
auf einem Ruhebett in meinem Vorzimmer, tranken Gewürzwein und redeten. Oder
besser: er redete und ich hörte ihm zu. Von Zeit zu Zeit, wenn sein Schmerz
ihn überwältigte, nahm ich ihn in die Arme als wäre er das Kind, nach dem
ich mich so sehne, das ich jedoch niemals haben werde.
Armer, lieber Apollinarius! Hippolitus' Tod war also ein weiteres Glied, das
uns verband: beide waren wir als Sklaven geboren, beide schon in zartem
Alter zu einem unnatürlichen Leben ohne Liebe gezwungen worden, beide
verdankten wir unsere Freiheit großzügigen und mitfühlenden Männern, beide
waren wir verlassen worden, um allein ein neues Leben zu beginnen, beide
teilten wir eine tiefe Liebe zu Büchern, Geschichte und Schönheit .... beide
waren wir so einsam, und nun teilten wir beide auch noch den Verlust derer,
die wir liebten, er an den Tod, ich an die Ehre und an eine andere Frau.
Im
Morgengrauen ließ der Regen nach, und zu diesem Zeitpunkt waren wir beide
erschöpft und mehr als nur ein wenig betrunken. Kurz bevor er einschlief,
schaute Apollinarius mich mit seinen schönen, nun so traurigen,
haselnußbraunen Augen an und sagte: "Ich weiß vieles über Deine
Vergangenheit, Julia. Vieles außer Einem: Was tat er, um Dich so traurig zu
machen?" Ich wollte widersprechen, die Wahrheit leugnen, die er hinter den
Mauern entdeckt hatte, welche ich seit meiner Rückkehr nach Rom um mich
herum aufgerichtet hatte. Aber Apollinarius brachte mich mit einer Bewegung
seiner Hand zum Schweigen. "Nein, Julia", sagte er. "Du solltest nicht
einmal versuchen, es zu leugnen. Ich habe vom ersten Augenblick an, als wir
uns begegneten, gesehen, welchen Schmerz du seinetwegen leidest. Und nein,
du mußt es mir nicht erzählen. Aber Du mußt einen Weg finden, Dein Herz zu
öffnen, oder Du wirst Dir selbst mehr Schmerz zufügen, als er es tat."
Kurze Zeit später schlief Apollinarius in meinen Armen ein, und ich folgte
ihm in das Vergessen. Als wir erwachten, war uns die Erinnerung an die
vergangene Nacht mehr als nur ein wenig peinlich. Um nicht darüber reden zu
müssen, stürzten wir uns in die Vorbereitungen für Hippolitus' Begräbnis.
Für Apollinarius war es die erste Nacht seines Lebens gewesen - und, so weit
ich weiß, auch die einzige - in welcher er zusammen mit einer Frau schlief.
Für mich war es die zweite, in der ich in den Armen eines Mannes schlief,
mit dem ich nicht auch meinen Körper teilte. Apollinarius hatte auf diese
Weise keine Verwendung für mich, aber während jener Nacht in Moesia hatte
der andere Mann mich so begehrt wie ich ihn. Dennoch hatte er sich
geweigert, das wenige, das ich ihm zu bieten hatte, anzunehmen, und er
verließ mich ohne den Trost der Erinnerung an seinen Körper.
So
kehrte ich also kurz nach Hippolitus' Begräbnis in meine Wohnung zurück und
begann zu schreiben. Im Anfang war es ein unbeholfenes, schmerzvolles
Bemühen. Meine Feder schien in die eine Richtung zu gleiten, während mein
Geist in eine andere wanderte. Ich fühlte so viel Scham bei dem Bemühen, in
Worte zu fassen, was ich wirklich sagen wollte und so dringend sagen mußte!
Statt also zu Papier zu bringen, was ich wirklich in meinem Herzen fühlte,
schweifte ich immer wieder zu Gedichten von Ovid und Catull ab, schrieb
meine Meinung zu dieser oder jener griechischen Tragödie nieder.
Einige Monate später erhielt ich einen höchst unerwarteten Besuch: einer
meiner Nachbarn, Marius Servilius Tibullus, suchte mich in meiner Wohnung
auf und machte mir einen Antrag. Er war ein reicher Schiffsbauer und
verbrachte die meiste Zeit auf seinen Werften und in den verschiedenen Häfen
des Imperiums, unterhielt jedoch eine Wohnung in demselben Gebäude, in dem
auch ich lebte, denn er kehrte alle paar Monate nach Rom zurück, um sich um
seine Geschäfte zu kümmern. Mein Hausmädchen und ihr Mann waren auch als
Verwalter seiner Wohnung tätig, welche direkt unter der meinen im ersten
Stockwerk lag. Aus diesem Grunde hatte ich Nicia einstellen können, ohne daß
sie bei mir wohnen mußte.
Ich
sah den Mann zum erstenmal, als er, nach anderthalb Jahren des Reisens von
einer Werft zur anderen, nach Rom zurückkehrte, und wir einander im Eingang
unseres Hauses begegneten. Ich war zusammen mit Nicia auf dem Weg zum Markt,
und er betrat gerade seine Wohnung. Er grüßte mich höflich und wechselte ein
paar Worte mit Nicia, aber er ließ mich nicht einen Moment aus den Augen.
Kurze Zeit später berichtete mir mein Hausmädchen, daß Marius Servilius
Tibullus eine Menge Fragen über mich gestellt habe. Auch sagte sie, daß der
Mann bereits seit vielen Jahren Witwer sei, keine Kinder oder sonstige
Familie habe, und daß er, obwohl seine
römische Stadtwohnung schlicht wirke, sehr wohlhabend sei und es vorziehe,
auf seinem Landgut an der See zu leben. Ich tat Nicias Worte ebenso wie
Marius Servilius Tibullus' Interesse an mir kurzerhand ab, obwohl ich ihn
gelegentlich traf und einige Male auf meiner Tafel eine Amphore exzellenten
Caecuber Weines(*1) vorfand, ein teures Geschenk, angemessener für einen
Geschäftspartner als für eine Frau, aber dennoch nicht so unpassend, daß ich
es hätte zurücksenden müssen.
Obwohl ich mir seines Interesses an mir bewußt war, kam sein Antrag gänzlich
unerwartet. Ich hatte mich mir nie als verheiratete Frau vorstellen können
und wies sein Angebot zurück. Aber er blieb hartnäckig und überredete mich
endlich, seine Frau zu werden. Obwohl meine Hochzeit eine private, schlichte
Zeremonie war, hielt sie mich doch vom Schreiben ab, und erst Monate später,
als wir uns auf dem Landgut an der See eingerichtet hatten und ich gelernt
hatte, es meiner neuen Stellung im Leben angemessen zu verwalten, begann ich
wieder zu schreiben. Aber es erwies sich immer noch als dasselbe
unbeholfene, dürftige und hohle Unterfangen ...
Und
dann geschah es.
An
jenem Abend hatten wir einige von Marius Servilius' Geschäftsfreunden und
deren Frauen zu Gast. Das Speisezimmer schwirrte vor Lachen und angeregter
Unterhaltung und dann, ganz plötzlich, hörte ich seinen Namen. Seit unserer
Hochzeit lud mein Gemahl gern und häufig Freunde und Partner ein, mit uns zu
speisen, denn der Empfang von Gästen ist etwas,
was ein Mann allein weder angemessen organisieren noch genießen kann,
pflegte er zu sagen. Zu anderer Zeit hätte mich der Gedanke, seinen
Haushalt und Besitz zu verwalten, ebenso erschreckt wie die Vorstellung, für
die Planung seiner Bankette verantwortlich zu sein. Aber Apollinarius hatte
mich gut unterrichtet, und obwohl mein vergangenes Leben so verschieden von
dem war, welches ich heute führe, erwiesen sich einige der Fähigkeiten, die
ich in jenen furchtbaren Tagen erworben hatte, doch nicht nur als nicht
anstößig, sondern sogar als
nützlich. Und vor allem bin ich nicht mehr die alte Julia, das ängstliche,
verwirrte Mädchen, daß zitternd in den Armen eines römischen Generals
weinte, sondern eine Frau, die es geschafft hat, beides, Sklaverei und
Freiheit, zu überleben und es ebenso geschafft hat, sowohl Prostitution
als auch Liebe ... und Zurückweisung zu ertragen. Es war diese neue
Julia, die eingewilligt hatte, einen Mann zu heiraten, den sie kaum kannte,
die allein und mit festem Schritt in ihre Ehe getreten war, die weder beim
Anblick dieses riesigen, luxuriösen Anwesens, noch angesichts des Aufwandes,
den die Leitung des Haushaltes erforderte, mit der Wimper gezuckt hatte.
Statt dessen hatte sie diese Leitung sicher und tüchtig in die Hand genommen
- zur Freude ihres stolzen Gemahls. Und seit jenem Abend wurde diese Julia -
welche so mühelos das Kommando übernommen hatte - zu der geachteten Herrin,
der schönen, unnahbaren, makellosen Herrin von Marius Servilius Tibullus'
Besitz.
Wie
lange war es her, seit wir beim ersten Licht des Morgens Abschied genommen
hatten? Wie lange war es her, seit ich seine letzten Worte vernommen, seit
ich seine schöne, tiefe Stimme das letztemal gehört hatte?
Zwei Jahre. Zwei Jahre, seit ich von ihm wegritt, es nicht wagte, mich noch
einmal umzuschauen, weil ich fürchtete, nicht weiterreiten zu können, falls
ich es doch tat, weil ich fürchtete, das bißchen Kontrolle, welches ich noch
über meine Gefühle hatte, auch zu verlieren, mich zu seinen Füßen zu werfen
und ihn zu bitten, mich nicht gehen zu lassen, mich bei sich zu behalten,
mir zu gestatten, einfach in seiner Nähe zu bleiben, seine Güte und Stärke
zu trinken, nach einem Leben der Knechtschaft, des Mißbrauchs und der
Einsamkeit .... . Ich fürchtete mich, zurückzuschauen und zu erkennen, daß
er mich einfach weggeschickt hatte und nicht einmal dastand, um zu sehen,
wie ich wegritt aus Moesia und aus seinem Leben...
Mein Gemahl und sein Geschäftspartner sprachen über Politik und über den
Krieg; beides war von großer Bedeutung für sie und ihr Geschäft, da Marius
Servilius ein reicher Reeder war, zu dessen Reichtum auch beitrug, daß er
jedes Jahr Waren an die Armee verkaufte und sie transportierte. Sie sprachen
über den nie enden wollenden Krieg an der nördlichen Grenze, als Marius
Servilius' Gesprächspartner erwähnte, daß die germanischen Stämme sehr viel
klüger und tapferer sein müßten, als man landläufig annahm, wenn es einem
Mann wie dem römischen General, der für diese abgelegene Grenze des
Imperiums die Verantwortung trug, nicht gelungen war, diese Stämme
vollständig zu unterwerfen. Dieser General, sagte er, sei der bevorzugte
Armeekommandant des Kaisers, seine Tapferkeit und seine soldatischen
Fähigkeiten seien ebenso berühmt wie die unverbrüchliche Treue, die seine
Männer ihm entgegenbrächten. Sie setzten ihr Gespräch fort und nippten von
ihrem Wein, während die Diener uns aufwarteten und ich mich weiter mit ihren
Frauen unterhielt, die über Kinder und Schwangerschaften plauderten, über
die wunderbaren Seidenstoffe, die auf einem der Schiffe meines Gemahls
soeben eingetroffen waren. Aber meine Gedanken waren nicht bei der
Unterhaltung, sondern wanderten zurück nach
Moesia, zum Schwarzen Meer.
Ich
sah ihn so deutlich vor mir, als ob er das Speisezimmer betreten hätte
- mit seinem leichten, selbstsicheren Gang,
so, wie er in mein Leben getreten war ... und es auch wieder verlassen
hatte. Ich sah ihn, wie ich ihn zuletzt gesehen hatte, in seiner prächtigen
Generalsuniform, die eindrucksvollen blauen Augen mit einem intensiven Blick
auf mich gerichtet; seine schöne, tiefe Stimme sprach beruhigend auf mich
ein, wie in jener Nacht, als ich in seinen Armen eingeschlafen war. Während
die Frauen um mich herum schwatzten, bemühte ich mich zu verstehen, worüber
Marius Servilius und sein Freund sprachen. Aber es gelang mir nur, hier und
da ein Wort aufzuschnappen, während ich mich zwang, weiter die aufmerksame
Gastgeberin zu spielen und die perfekte Dame, die ich jetzt bin, eine Frau,
von der niemand annehmen würde, daß sie einmal eine Sklavin und Hure gewesen
war. Und obwohl ich nur sehr wenig von ihrer Unterhaltung verstehen konnte,
erhielt ich doch die Information, welche mich zu dem Undenkbaren trieb.
Marius Servilius' Partner erwähnte, daß jener mächtige römische General sein
Hauptquartier im Feldlager seiner Legion in Germanien aufgeschlagen habe, an
einem Ort namens Vindobona.
Ich
erinnere mich nicht mehr, wie die Abendgesellschaft endete oder wie ich in
jener Nacht in meine eleganten Zimmer zurückgelangte, jene Zimmer, in die
ich mich so oft es mir möglich ist, zurückziehe, um in Gesellschaft meiner
Katzen die Stille und Abgeschiedenheit zu genießen, zu lesen und zu
schreiben. Ich erinnere mich nur, wie der
besorgte Blick meines Gemahls, als ich ihm gute Nacht wünschte, mich darauf
aufmerksam werden ließ, daß ich offenbar einen verwirrten Eindruck machte;
und daran, daß ich Stunde um Stunde keinen Schlaf fand, und meine Gedanken
immer wieder zu dem Mann zurückkehrten, der mein Leben eine kurze Zeit lang
geteilt und für immer verändert hatte, daß sich mir jedes Wort eingeprägt
hatte, das wir gewechselt hatten, jeder Blick, die wenigen verstohlenen
Küsse und Zärtlichkeiten, das Feuer, das zwischen uns knisterte, so oft
unsere Körper sich berührten.
Weißt Du, was geschieht, wenn Du es wagst, einen Gott zu lieben? Es ist
strahlend, ist schön, ist mit nichts zu vergleichen, was Du jemals zuvor
erlebt hast ... und es brennt - die Flammen verwandeln Dich zu Asche, es
gibt keinen Wind, stark genug, um diese Flammen zu teilen und Dich zu
befreien. Es ist eine Art der Versklavung, die so verschieden ist von jener,
die gewöhnliche Männer und Frauen erleben, wie sie Sklaven an ihre Herren
bindet. Das war es, was mit mir geschah, als ich es wagte, einen Mann zu
lieben, der gleichzeitig ein Gott war. Einen Mann, zu gut, um ein
gewöhnlicher Sterblicher zu sein. Ein Gott, zu menschlich für eine hohle
Gottheit.
Als
der Morgen kam, entließ ich meine Dienerinnen und blieb in meinen Zimmern;
ich teilte meinem Gemahl mit, daß ich mich nicht wohl fühle. Da ich seit
unserer Hochzeit niemals krank gewesen war, beunruhigte diese Nachricht
Marius Servilius und er wollte nach seinem Arzt schicken, aber ich ließ ihn
wissen, daß es sich lediglich um ein unbedeutendes weibliches Unwohlsein
handele und er stellte keine weiteren Fragen. Ich verbrachte die nächsten
Stunden auf dem Ruhebett, das sich auf der offenen Terrasse vor meinen
Zimmern befindet, nahm nicht den großartigen Anblick der Stadt und des
Meeres wahr, ignorierte den Unfug, den meine Katzen veranstalteten, während
sie zwischen den großen Topfpflanzen spielten. Mein Geist war allein auf ihn
gerichtet. In den zwei Jahren, die seit unserem Abschied vergangen waren,
hatte ich geglaubt, es gelernt zu haben, ohne ihn zu leben, obwohl ich nie
aufgehört hatte, an ihn zu denken. Aber plötzlich überwältigte mich das
Bedürfnis, ihn wiederzusehen, ihm nahe zu sein, mit ihm zu sprechen, in
seine Augen zu blicken und zu erfahren, was er wohl zu dieser neuen Julia
sagen würde, die weder Sklavin noch Hure und auch kein verwirrtes,
ängstliches Mädchen mehr ist, sondern eine erwachsene, stolze,
selbstsichere Frau, reich, frei und gebildet ... die passende Frau für einen
Mann in seiner Position.
Die
Sonne versank bereits hinter dem Horizont, als ich die Terrasse verließ und
in meine Räume zurückkehrte. Ich setzte mich an den Schreibtisch, nahm einen
Bogen Papyrus und eine Feder und begann einen Brief zu schreiben, den ersten
persönlichen Brief, den ich je geschrieben hatte, denn außer Apollinarius
hatte ich niemanden, an den ich hätte schreiben können, und mein lieber
ehemaliger Lehrer verbringt die meiste Zeit an meiner Seite, da sein Hunger
nach Reisen schon vor Jahren gestillt wurde.
Ich schrieb mit sicherer Hand und in förmlichem Stil, angemessen der
Korrespondenz zwischen einer verheirateten Frau und einem Mann, der nicht
ihr Ehemann ist. Ich gab einen kurzen Bericht über das, was sich in den
vergangenen zwei Jahren in meinem Leben zugetragen hatte, indirekt erinnerte
ich ihn an bestimmte Dinge, die nur wir, und zwar wir allein, teilten. Auch
informierte ich ihn über meine Heirat, die so angenehmen Lebensumstände,
derer ich mich jetzt erfreue und dankte ihm, da er es gewesen war, der all
dies ermöglicht hatte.
Nachdem ich geendet hatte, rollte ich den Brief zusammen und versiegelte ihn
mit dem Siegel, das mein Gemahl mir an unserem Hochzeitstag gegeben hatte,
um es für Angelegenheiten des Haushaltes und unseres Besitzes zu verwenden.
Ich verwahre es in einer kleinen Kassette auf meinem Schreibtisch , wo ich
es immer zur Hand habe - anders als jenes Siegel, welches sicher verborgen
ist, und von dessen Existenz nicht einmal Apollinarius weiß. Ich legte den
Brief in eine Truhe, welche ich immer verschlossen halte, dann begab ich
mich zu dem Versteck, dem verborgenen Hohlraum, in dem ich das andere Siegel
kurz nach meiner Ankunft in diesem Hause deponiert hatte. Ich hatte es lange
Zeit nicht mehr angeschaut, aber jetzt mußte ich es wieder sehen. Es
verlangte mich danach, dieses Siegel zu betrachten, ebenso wie es mich
danach verlangte, jenen Mann mit den blauen Augen wiederzusehen, der mich
für alle Zeiten verändert hatte. Ich kniete auf dem von einem Teppich
bedeckten Boden neben meinem Himmelbett und hielt das kleine Bündel abwägend
in der Hand, bevor ich den aus purpurfarbenem Samt - jenem verbotenen
kaiserlichen Purpur - gefertigten Beutel öffnete und den schweren goldenen
Ring herausnahm, der einst die Hand des mächtigsten Mannes der Welt geziert
hatte. Der Ring, welcher mir Zugang zu allem gewähren sollte, was immer ich
wollen oder brauchen könnte und wann immer
ich es wollen oder brauchen sollte ...
Aber alle Macht des mächtigen römischen Herrschers hatte nicht ausgereicht,
mir das Eine zu geben, was ich wirklich wollte: die Liebe eines Mannes, der
in die Ehre und seine eigene Frau verliebt war.
Ich
steckte den Ring wieder in seinen Samtbeutel, legte ihn zurück in sein
Versteck und ging zu Bett.
Um
den Brief nach Vindobona schicken zu können, mußte ich warten, bis ich in
die Stadt zurückkehren konnte, und das sollte erst nach zwei Wochen möglich
sein. Eines Nachmittags, kurz nachdem ich wieder die Stadtwohnung meines
Gemahls in Rom bezogen hatte, ließ ich mich in meiner Sänfte zu Aemilius
Trebutius Flaccus tragen, jenem Bankier, der dafür verantwortlich gewesen
war, mir behilflich zu sein, als ich mich in Rom, bei meiner Rückkehr in
diese Stadt als Freigelassene, niederließ. Wie immer empfing mich der Mann
mit großer Ehrerbietung, da mein erster Besuch keinen Zweifel an meiner
Bedeutung gelassen hatte: ein achtzehnjähriges rothaariges Mädchen, das vor
seiner Tür in Begleitung von sechs Prätorianern und einem Quästor erschien
und einen mit dem persönlichen Siegel des Kaisers Marcus Aurelius
gesiegelten Brief bei sich trug.
Der
Bankier schickte nach Wein und Honigkuchen und wir tauschten einige Minuten
lang Höflichkeiten aus, bevor ich den Brief aus den Falten meiner Palla (*2)
zog. Falls er über die Natur des Dienstes, den ich von ihm forderte,
erstaunt gewesen sein sollte, so ließ er es sich nicht anmerken. Er
versicherte mir nicht nur, daß der Brief augenblicklich auf den Weg
geschickt würde, sondern fügte noch hinzu, daß dies mit größtmöglicher
Diskretion erfolgen sollte, und wenn die Antwort einträfe, würde ich ebenso
diskret davon in Kenntnis gesetzt werden. Er weigerte sich sogar, eine
Bezahlung anzunehmen und sagte, daß es ihm eine Ehre sei, einer großen Dame
wie mir behilflich sein zu können. Ich dankte ihm und kehrte kurze Zeit
später nach Hause zurück.
Nach meiner Heimkehr begann der schlimmste Teil der Angelegenheit. Ich hatte
alles getan, was möglich war, hatte den Brief geschrieben und ihn zu jener
fernen Grenze abgeschickt, an welcher der General stationiert war, und nun
konnte ich nichts anderes mehr tun als warten. Warten auf seine Antwort,
warten auf die Nachricht von Aemilius Trebutius Flaccus, warten auf den
Augenblick, noch Monate entfernt, wenn ich sein militärisches Siegel
erbrechen und seine Worte lesen sollte. Warten - und in der Zwischenzeit
mich erinnern und träumen und weiterleben
Tag für Tag, meine Pflichten erfüllen, Seiten mit meinen Gedanken über
Poesie und Drama füllen und die Werke von Geschichtsschreibern und
Philosophen lesen, während ich geistesabwesend meine Katzen streichele.
Monate sind vergangen, seit ich meinen Brief nach Vindobona abgeschickt habe
und noch immer ist das Warten nicht vorüber. Monate sind vergangen, seit ich
es getan habe und Warten ist noch immer das einzige, was mir zu tun übrig
bleibt. Warten und weitermachen, eine Seite nach der anderen mit dürrem
Inhalt füllen und mich jedesmal aufs neue wappnen, wenn sich jemand an der
Haustür meldet, mich wappnen wider aller Hoffnung, daß er es sein könnte,
daß er zu mir gekommen ist, daß er um meinetwillen gekommen ist.
Sommer und Herbst gingen vorbei. Die Saturnalien kamen und gingen, und der
Winter hielt seinen Einzug mit kalten Winden und noch kälterem Regen. Wir
blieben in der Stadt, die Häfen waren bis zum Frühjahr geschlossen, der
Himmel grau und das kalte Wetter für meinen Gemahl besonders unangenehm,
aber die Natur seines Geschäftes hielt uns davon ab, nach Süden und in ein
freundlicheres Klima zu reisen. Er hatte sich in seine Räume zurückgezogen
und wir empfingen nur wenige Besucher, was mir die nur zu willkommene
Gelegenheit bot, mich zurückzuziehen, mich hartnäckig beim Schein der Lampen
und in der Wärme, welche die Kohlebecken ausstrahlten, dem Lesen hinzugeben;
während meine Katzen neben mir oder sogar auf meinem Schoß dösten, schrieb
ich weiter hartnäckig über alles und nichts, vermied es hartnäckig, an die
Wahrheit zu rühren, bis der Winter langsam in einen milden Frühling
überging.
Bis
letzte Nacht, als ich abermals von jenem römischen General träumte. Ich
wachte auf und rang nach Luft, mein Herz tat so weh, daß ich fürchtete, es
würde zerspringen. In meinem Traum strich er zärtlich mit seinen vom Führen
des Schwertes schwieligen Fingern über meine Wange und ich wandte ihm mein
Gesicht zu, um die Innenseite seiner starken, warmen Hand zu küssen. Er
flüsterte mir zu: „Julia ...“ und lächelte sein süßes, jungenhaftes Lächeln
- ein Lächeln , das die Linien auslöschte, die Jahre voll Sorge und
Verantwortung in sein schönes Gesicht gegraben hatten, ein Lächeln, das ihn
jung und sorglos erscheinen ließ und auch ein wenig verletzlich ...
Es
waren die Schwingungen seiner tiefen Stimme, die mich erwachen ließen. Mein
Name schien in der Dunkelheit des Schlafgemaches nachzuhallen, so lebendig
waren der Klang seiner Stimme und die Wärme seiner Gegenwart gewesen. Lange
blieb ich mit geschlossenen Augen liegen, versuchte, meinen Atem zu
beruhigen und gegen die heißen Tränen anzukämpfen, dann stand ich auf und
zündete eine Lampe an, suchte nach einem Papyrus und Tinte, und, obwohl es
für eine Aprilnacht kühl war, setzte ich mich hin und schrieb bis zur
Morgendämmerung.
So
kam es, daß ich schließlich begann, über mich zu schreiben, mein wahres Ich,
und über General Maximus Decimus Meridius, General der Felix-Legionen,
Kommandeur der Truppen des Nordens
- den Mann, der mich zu der machte, die ich heute
bin, zu dem, was ich bin, den einzigen Mann, den ich je geliebt habe, den
einzigen, den ich je lieben werde.
_____________________
*1 Caecubum: sumpfige Landschaft im
südlichen Latium am Kajetanischen Meerbusen, berühmt durch
vorzüglichen Wein.
*2 Palla: langes, weites, faltenreiches, mantelartiges Frauengewand,
das römische Damen beim Ausgehen umwarfen. |
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2.Meine
Kindheit im Haushalt von Avidius Cassius
Ich wurde
im Haushalt von General Avidius Cassius geboren, eine Sklavin, gezüchtet auf
Schönheit, die Lust von Männern zu befriedigen, so wie man Pferde auf
Schnelligkeit und Ausdauer züchtet. Ich war nicht die einzige. Wir waren
eine Gruppe junger Frauen und Mädchen, die auf dem Landsitz des Generals,
zwei Stunden von Rom entfernt, unter strenger Aufsicht gehalten wurden.
Die Villa
lag nahe genug an der Stadt, um es Cassius zu ermöglichen, bequem Gäste
empfangen und unterhalten zu können, und weit genug entfernt von den Augen
seiner Frau. Nicht, daß sie wirklich daran interessiert gewesen wäre: wie
die meisten Frauen der Oberschicht, war die Dame, nachdem sie ihre Pflicht
für ihren Gemahl erfüllt und ihm die nötigen Söhne geschenkt hatte, nicht im
mindesten an seinem Aufenthalt interessiert, solange dieser keine Schande
oder Unehre über ihr Haus und ihre Familie brachte. Und da Cassius reich,
mächtig und diskret war, bestand in dieser Hinsicht keinerlei Gefahr.
Wenigstens nicht in jenen Tagen ... obwohl sich die Dinge letztendlich als
bedeutend schlimmer erweisen sollten, als die Dame je befürchtet haben
mochte.
Die
Person, die die Aufsicht über uns führte, war Turia, eine große,
dunkelhaarige freigelassene Mittdreißigerin, welche in ihrer Jugend Cassius'
Geliebte gewesen war, nun aber innerhalb der Mauern der Villa
uneingeschränkte Macht besaß und direkt für uns verantwortlich war. Wir
führten ein zurückgezogenes Leben, besonders die Jüngeren unter uns, die
noch nicht bereit waren, ihren Platz einzunehmen und ihren Part in Cassius'
Machtspielen zu übernehmen. Da wir keine gewöhnlichen Sklaven waren, kannten
wir keine harte Arbeit und Entkräftung. Man hatte uns gezüchtet, um Aufgaben
zu übernehmen, die nichts mit Saubermachen oder Kochen oder Landbau zu tun
hatten, sondern mit der Befriedigung sexueller Lust von Männern: Cassius'
Freunden, Cassius' politischen und militärischen Bundesgenossen, Cassius'
möglichen Unterstützern, Cassius' Offizieren und, natürlich, von Cassius
selbst.
Wie ich
bereits sagte, war Turia die Person, welche über uns wachte, aber
gleichzeitig war sie auch unsere Lehrerin, und unser Leben war streng
reglementiert. In Laufe der Jahre sollte ich erkennen, daß die lieblose
Disziplin, welche unser Dasein bestimmte, nicht sehr verschieden war von
der, welche den Alltag jener der Göttin Vesta (*1) geweihten Jungfrauen
regelte.
Aber
hier endete auch bereits jegliche Ähnlichkeit: unser Dienst hatte nichts mit
Vesta aber sehr viel mit Venus zu tun, unsere Jungfräulichkeit wurde nur von
jenen geschätzt, die sie uns nahmen, es war nur von Bedeutung, daß wir
jungfräulich waren, jedoch nicht, wie lange wir es blieben, und unsere
Brauchbarkeit war sehr viel kürzer als jene dreißig Jahre, die die
Vestalinnen ihrer Göttin zu dienen gelobten. Wenigstens wußten jene von
Anfang an das Datum, an welchem sie aus dem Dienst entlassen würden, und
auch die Belohnung, die ihnen sicher war; einige waren dann noch jung genug,
um sich einen Ehemann zu suchen und, nach drei Jahrzehnten im Tempel der
Göttin, eine Familie zu gründen. Für uns bedeutete das Ende unseres
Dienstes, daß wir weitere Jahre im Haushalt verblieben, wenn wir uns als
gute Zuchtstuten erwiesen und Cassius schöne Töchter gebaren, die unseren
Platz einnehmen sollten ... falls wir nicht im Kindbett oder an einer
Fehlgeburt starben.
Alles, was
wir letztendlich erwarten konnten, war, auf einen geringeren Platz
verwiesen, vergessen oder verkauft zu werden.
Mein Leben
war so unnatürlich wie meine Geburt. Nicht Liebe und nicht einmal Lust
ließen mich aus den Lenden meiner unbekannten Eltern hervorgehen, sondern
der Wille eines unbeugsamen Mannes, der es gewohnt war, über das Leben
anderer zu befehlen, gewohnt war, daß man ihm gehorchte und seine Wünsche
erfüllte. Schon von zartestem Alter an, lernte ich es, eine bezaubernde Frau
zu sein, eine gehorsame Sklavin, eine vollendete Kurtisane. Unter Turias
unnachsichtiger Leitung lernte ich, die Schönheit, mit der die Götter mich
gesegnet hatten, noch hervorzuheben, lernte, wie ich mich kleiden, mein Haar
und meinen Körper parfümieren, mich zurecht machen, mich bewegen, wie ich
lächeln, anmutig und elegant sein, wie ich reden, und wann ich schweigen
sollte, und vor allem, wie ich eines jeden Mannes Laune befriedigen könnte,
ganz gleich wie anspruchsvoll oder unnatürlich sie auch sein mochte. Und
natürlich lernte ich auch, mich zu verstellen, denn man erwartete von uns,
daß wir die Aufmerksamkeiten der Männer nicht nur erduldeten und ihnen zu
willen waren, sondern daß wir auch vorgaben, sie zu genießen, egal wie grob,
ungeschickt oder abstoßend sie waren. Turia pflegte zu sagen, daß es nicht
an uns sei zu richten, sondern ihnen das Gefühl zu vermitteln, sie seien
Götter, die willige, sterbliche Frauen beglückten.
Ich wuchs
unter Menschen auf, die mir sagten, wie schön ich sei und wieviel schöner
ich noch werden würde, wäre ich erst einmal zur Frau herangereift. Die
polierten Spiegel in den Bädern der Villa zeigten mir ein hochgewachsenes,
schlankes Mädchen mit langem, lockigem, rotgoldenem Haar, milchweißer Haut
und großen blauen Augen. Und Cassius' Blick, wenn er zwischen zwei Feldzügen
die Villa besuchte, sagte mir, daß er mehr an mich dachte, als es für mich
und meinen Seelenfrieden gut war.
Wenn Du
als Sklave geboren wirst, dann lernst du von frühester Kindheit an, daß Dein
Leben nicht Dir gehört, sondern daß Dein Herr bestimmt, was daraus wird. Du
lernst auch, Deinem Schicksal das Beste abzugewinnen oder Du bekommst
Schwierigkeiten. Und für einen Sklaven können diese Schwierigkeiten
beträchtlich sein. So lernte ich, wie alle Mädchen, mit denen ich aufwuchs,
und wie jene, die nach mir kamen, zu gehorchen, zu lächeln, freundlich zu
sein, zu gefallen und weiterzumachen, Tag für Tag, bis ich vergaß - oder
glaubte, vergessen zu haben - daß es Menschen gab, die ganz anders lebten,
Menschen, die hingingen, wohin sie wollten, die ehrlich lachten und nicht
aus der Furcht heraus, bestraft zu werden, Menschen, die liebten und geliebt
wurden.
Obwohl ich
von vielen anderen Mädchen umgeben war, verlief meine Kindheit doch einsam.
Ich liebte es, allein zu sein, denn allein sein zu können, war in einem
Haushalt wie jenem eine kostbare Seltenheit. So oft wie möglich versteckte
ich mich in einem entlegenen Winkel des Gartens, oder, besser noch, in der
großen, schattigen Bibliothek, deren Wände überzogen waren von Nischen, in
denen Hunderte von Schriftrollen lagen, die ich ehrfürchtig berührte,
angezogen von der geheimnisvollen Kraft des geschriebenen Wortes, das zu
lesen ich nicht in der Lage war. An jenen verborgenen Plätzen setzte ich
mich hin, um nachzudenken und zu träumen. Ich pflegte, von meiner Mutter zu
träumen, versuchte, mir jene unbekannte, schöne Frau vorzustellen, die mich
in ihrem Leib getragen und zur Welt gebracht hatte. Sie muß schön gewesen
sein, denn wir alle stammten ab von Schönheit und Kraft, unsere Mütter waren
nichts anderes als Zuchtstuten und unsere Väter die Hengste, die sie
deckten. Wie sehr ich mich nach ihr sehnte!
Manchmal
schickte man uns nach Rom, weil Turia der Ansicht war, daß der Besuch von
Märkten und Bädern der großen Stadt unserer Ausbildung in der Kunst,
vollendeten Genuß zu schenken, zuträglich sei. Bei diesen Gelegenheiten
schaute ich mich begierig um und sog so viel ich konnte von dem Leben
anderer Menschen in mich ein. Meine Augen wurden stets von Müttern
angezogen, die ihre Kinder auf dem Arm trugen. In jenen Tagen, lag ich,
nachdem wir zur Villa zurückgekehrt waren, viele Stunden in meinem Bett,
ohne Schlaf finden zu können. Ich schloß die Augen und umklammerte mich fest
mit meinen eigenen Armen, dabei stellte ich mir vor, daß sie es sei, die
mich an ihre Brust drückte. Und seltsam: so viele Jahre sind seit dem
vergangen, doch ich tue es immer noch, liege Nacht für Nacht schlaflos in
meinem kalten Bett, schließe die Arme fest um meine Brust und stelle mir
vor, es sei ein anderer, der mich in seine Arme schließt! Aber die Person,
an die ich jetzt denke, ist nicht mehr meine arme, unbekannte Mutter,
sondern ein gutaussehender römischer General mit schönen, ein wenig
traurigen, blauen Augen.
Die Zeit
verging, und die Gelegenheiten, mich zurückzuziehen, wurden immer weniger.
Mein Körper blühte auf und wurde der einer jungen Frau; Turia und der
Hausarzt erklärten, daß ich nun bereit sei, mit meiner Aufgabe zu beginnen.
Der Arzt war ein Grieche aus Alexandria, der dafür bezahlt wurde, uns bei
guter Gesundheit zu erhalten, mögliche Folgen unserer Aufgaben zu verhindern
... und diese auch zu beseitigen, falls die getroffenen Vorsichtsmaßnahmen
einmal versagen sollten, was ab und zu vorkam. Sein Name war Andreas, und
einmal, als ich noch ein kleines Mädchen war, entdeckte er mich, wie ich
mich in der Bibliothek versteckte und fasziniert vor den geschriebenen
Schätzen derselben stand. Er fragte, ob ich mich für die Schriftrollen
interessiere, war jedoch erstaunt, als ich ihm sagte, wie groß mein
Interesse sei, daß ich jedoch weder lesen noch schreiben könne. Bildung wird
bei Sklaven nicht gefördert, es sein denn, sie sind männlich und weisen eine
besondere Begabung auf, die für ihren Herrn nützlich sein könnte. Andreas
fragte, ob ich es lernen wolle, und dann lachte er über die Begeisterung,
mit der ich "Ja!" sagte. Er begann auf der Stelle mit dem Unterricht und
benutzte dazu ein Stückchen Papyrus, das er in seinem Medizinkasten
aufbewahrte. So oft er die Villa aufsuchte, setzte er seinen Unterricht fort
und lehrte mich ein wenig lesen, schreiben und rechnen, die einzige
systematische Erziehung, die ich erhalten sollte, solange ich Sklavin war.
Sobald ich eine erste vage Vorstellung von Zahlen und Buchstaben hatte,
schlich ich mich so oft wie möglich in die Bibliothek, beugte mich über die
Schriftrollen und versuchte, ihre Geheimnisse zu enträtseln, ein Bemühen,
das jedoch selten von Erfolg gekrönt war und häufig fehlschlug. Aber ab und
zu gelang es mir, hier einen Satz zu entziffern und dort eine Idee zu
verstehen, dann strahlte ich triumphierend und fühlte mich, als hätte ich
einen besonderen Preis errungen.
Ich hielt
meine spärliche Bildung geheim, ängstlich bemüht, das Wunderbare dieser
Erfahrung nicht durch die nackte Realität meines Alttags zu beflecken. Meine
Jungfräulichkeit war der Preis, mit dem Cassius für die Gunst eines Senators
bezahlte. Der Mann war in den Fünfzigern und bevorzugte sehr junge Mädchen.
Und sehr jung war ich in der Tat, denn es war erst weniger als sechs Monate
her, daß ich meine erste Blutung hatte; somit war ich ungefähr zwölf. Bis
dahin war es meine Aufgabe gewesen, die Kunst der Verführung zu erlernen und
Cassius' männlichen Gästen mit Wein aufzuwarten, wenn er in der Villa
Einladungen gab. Während dieser Abende fühlte ich, wie die Augen jener
Männer mir gierig folgten, und wie sie Cassius häufig nach mir befragten,
grobe Bemerkungen über meine Jungfräulichkeit machten und ihn nach seinen
Plänen für meine Zukunft aushorchten. Aber Cassius wies ihre Bitten, mich
während einer dieser Partys zu entjungfern, immer wieder zurück, das einzig
Anständige, das er jemals für mich tat. Seine Beweggründe hatten jedoch
nichts mit Anstand zu tun, sondern sie dienten allein seinen eigenen
Interessen; er hütete meine Jungfräulichkeit wie ein kostbares Juwel und
versagte es sich sogar selbst, sie zu nehmen. Statt dessen schenkte er sie
einem Mann, dessen Wohlwollen er zu jenem Zeitpunkt mehr als nötig brauchte.
Nach dem
Senator gab es mehr und mehr Männer: junge, solche mittleren Alters, alte,
große, kleine, dünne, dicke, blonde, dunkle, grau- oder rothaarige,
kultivierte, grobe, intelligente, arrogante, dumme, gebildete, gesprächige,
kalte, solche mit guten Manieren, brutale - so verschieden und doch so
gleich, alle waren sie nur allzu bereit, das Fleisch, das man ihnen bot, für
ihre Zwecke zu gebrauchen, alle waren sie bereit, das Vergnügen zu genießen
und das Gefäß ihrer Lust danach wegzuwerfen. Und über ihnen allen stand
Avidius Cassius selbst, der erwartete, daß jede seiner Launen ohne Zögern
erfüllt würde, und der mich regelmäßig für sich beanspruchte, wie er es mit
seinen bevorzugten Sklavinnen zu tun pflegte - und mich zog er allen anderen
vor.
Ich
befriedigte sie alle, dann gab ich ihr Bett frei, denn keiner von ihnen
wollte mich dort vorfinden, wenn er erwachte, und ich war dankbar für diese
kleine Gnade, mich in mein eigenes Bett zurückziehen zu dürfen, nachdem ich
die Erinnerung an sie von meinem Fleisch gewaschen hatte. Ich zog mich
zurück, um mit meinem Stückchen Papyrus und meiner Unwissenheit zu kämpfen.
Es war dieser fast hoffnungslose Kampf, der mir meine geistige Gesundheit
bewahrte und mir half, ihre Gesichter aus meinem Gedächtnis zu tilgen, so
wie warmes Wasser und Seife die Spuren der erzwungenen Paarung beseitigten.
Während
der nächsten sechs Jahre war mein Leben ein nicht endender Kreislauf von
Partys und Männern und Pflichten, die ich in den Betten von Senatoren und
auf den Schlafstellen von Militärs erfüllte. Ich war alt genug, um mit
meinem Herrn zu reisen, und er nahm mich - und über ein Dutzend anderer
Frauen - mit in seine Militärlager. Avidius Cassius war ein angesehener
General, der im Osten erfolgreich an der Seite des ehemaligen Kaisers Lucius
Verus gekämpft hatte und beim römischen Senat in hohem Ansehen stand.
Was sich
als sein letzter Feldzug erweisen sollte, brachte ihn - und mich - nach
Moesia am Schwarzen Meer. Und in jener Garnison, so weit weg von Rom, sollte
sich mein Leben für immer verändern. Es begann in einer Nacht, als mein Weg
den des Generals Maximus Decimus Meridius kreuzte, jenes Mannes, an den ich
denke, wenn ich Nacht für Nacht allein in meinem kalten Bett liege und
meinen Körper mit meinen eigenen Armen umklammere, statt in den seinen zu
liegen.
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*1
Vesta: Göttin des häuslichen Herdes, der Häuslichkeit und des
keuschen Familienlebens, in Rom hochverehrt. Ihr Tempel lag an der
Südseite des Forums und galt als Mittelpunkt der Stadt. Dort wurde ihr
Dienst von sechs Priesterinnen, den Vestalischen
Jungfrauen, die zu unverbrüchlicher Keuschheit verpflichtet waren,
unter der Oberaufsicht des Pontifex Maximus versehen. Sie mußten sich zu
30jährigem Dienst verpflichten, genossen besondere Ehrenrechte und
trugen den Ehrentitel Virgines sanctae ("hl. Jungfrauen"). Auf Verlust ihrer Jungfräulichkeit stand die Strafe der lebendigen Einmauerung. Nach Ablauf ihrer Dienstzeit durften sie jedoch
heiraten und eine Familie gründen.
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3.Begegnung mit General Maximus
Wie lange
auch immer ich leben mag, ich werde nie das erstemal vergessen, als ich ihn
sah. Wie ich bereits sagte, waren wir in Moesia am Schwarzen Meer. Wenn ich
sage "wir", dann spreche ich von mir und ebenso von Honora, Eugenia, Eunice,
Ariadna und den anderen Sklavinnen, die Cassius dorthin gebracht hatte, um
einmal mehr als Schachfiguren in seinem Ränkespiel benutzt zu werden; unser
Fleisch sollte die Währung sein, mit der für die Unterstützung der Offiziere
und Politiker, die er so dringend brauchte, gezahlt wurde.
In den
Jahren, die vergangen waren, seit man mich das erstemal in das Bett eines
Mannes geschickt hatte, der eine bedeutende Rolle in Cassius' Intrigen
spielen sollte, war der Ehrgeiz meines Herrn beträchtlich gewachsen.
Jahrelang hatte er intrigiert, bestochen und Ränke geschmiedet, um seine
Stellung in der Armee zu stärken und seinen Einfluß bei Politikern
auszubauen. Geduldig bereitete er den letzten Zug vor. Im Sommer des
vierzehnten Jahres der Regierung des göttlichen Imperators Cäsar Marcus
Aurelius Antoninus Augustus unternahm er den entscheidenden Schritt, indem
er sich selbst zum Kaiser erklärte aufgrund des angeblichen Ablebens jenes
Mannes, der nach dem Tode seines Adoptivbruders keinen formellen Nachfolger
ernannt hatte, sondern lediglich einen minderjährigen Sohn, Lucius Commodus
Antoninus, und eine verwitwete Tochter hinterließ - die Dame Lucilla, welche
mit dem verstorbenen Lucius Verus verheiratet gewesen war und einen kleinen
Sohn hatte.
Im Laufe
der Jahre waren mir Gerüchte, Klatsch und hier und da auch Bruchstücke
wichtiger Informationen über Cassius' Pläne zu Ohren gekommen. Aber Sklaven
und Huren lernen schnell, ihre Geheimnisse und die ihrer Herren zu hüten.
Ich war beides, Sklavin und Hure, und statt Fragen zu stellen, behielt ich
mein Wissen lieber für mich. Dennoch beunruhigte mich Cassius' Vorhaben, den
Thron an sich zu reißen, denn, obwohl ich kaum Bildung besaß, wußte ich
genug über römische Geschichte und Politik, um mir darüber im klaren zu
sein, daß er nicht einfach mit seinen Legionen nach Rom marschieren und
erwarten konnte, widerstandslos als Kaiser anerkannt zu werden. Ernsthafte
Schwierigkeiten standen uns unmittelbar bevor, und wenn ihre Herren in
Schwierigkeiten sind, müssen deren Sklaven bitter dafür bezahlen.
Nachdem
Cassius sich selbst zum Imperator ernannt hatte, blieben wir weiter in
Moesia. Das Lager war verstärkt worden, und die Legion befand sich in
Alarmbereitschaft. Cassius sandte Kuriere in verschiedene Gegenden des
Reiches und erwartete die Unterstützung anderer Kommandeure. Seine Spione
informierten ihn darüber, daß Rom sich im Aufstand befand, der Senat war
gespalten in jene, die einen neuen Kaiser ernennen wollten - entweder ihn,
Cassius, oder einen anderen Kandidaten - und jene, die zur Vorsicht
gemahnten und empfahlen, Gesandte in den Osten zu schicken, um Sicherheit
über den angeblichen Tod von Marcus Aurelius zu erlangen, bevor sie
Entscheidungen über die Zukunft des Reiches trafen. Mit anderen Worten: wir
befanden uns am Rande eines blutigen Bürgerkrieges. In der Zwischenzeit
schien das Leben wie gewohnt weiterzugehen, aber ich wußte, daß Cassius sich
eiligst einiger Offiziere entledigt hatte, unter ihnen auch zwei Zenturios,
die sich geweigert hatten, ihm als ihrem neuen Kaiser die Treue zu geloben.
Ich blieb zusammen mit den anderen Sklavinnen in unseren Gemächern, die
komfortabel waren und eigene Bäder besaßen, da es für uns unmöglich war,
jene der Offiziere zu besuchen, und wir gingen weiter unseren
Verpflichtungen nach. Es gab Mädchen und junge Frauen, die uns bedienten,
weniger wertvolle Sklavinnen, nicht schön genug, um unseren Dienst zu
teilen. Sie machten sauber und sorgten für unsere Kleidung, für die
Mahlzeiten und Bäder und halfen uns beim Ankleiden und Frisieren. Seit
unserer Ankunft in Moesia, war ich zur Herrin des Sklavenquartiers
avanciert, ich gab die Befehle und sorgte dafür, daß alles reibungslos lief.
Man rief mich, wenn es ein Problem gab oder jemand sich nicht wohl fühlte,
ich war diejenige, an welche sich die anderen Frauen wandten, wenn sie Angst
hatten, sich um etwas sorgten oder sonst irgendwie bedrückt waren.
Meine
Führungsrolle blieb Cassius nicht verborgen, und er lobte mich, daß ich
seinen kleinen Haushalt so tüchtig leitete. Wieder einmal sagte er, daß ich
"die Beste sei, die er jemals gezüchtet habe", dabei war er ernstlich davon
überzeugt, daß ich ihm für diese Worte dankbar sein müsse. Und wie immer
lächelte ich freundlich und machte weiter, verbarg in meinem Herzen den
gefährlichen und beständig wachsenden Groll, den ich bereits seit den frühen
Tagen meines Daseins als Hure verspürt aber so weit gemeistert hatte, daß
niemand - manchmal nicht einmal ich selbst - ihn wahrnahm. Es war gut, daß
die Leitung des Haushaltes mich so in Anspruch nahm, denn die Tage in Moesia
waren lang und ereignislos, und das Nichtstun hätte meine Nerven ruiniert,
denn es gab keine Bibliothek, um meinen Wissensdurst zu stillen. Die wenigen
Schriftrollen und Blätter, die zwischen meinen persönlichen Sachen verborgen
waren, hatte ich mindestens schon hundertmal gelesen. Während der langen,
drückend heißen Sommertage, wie wir sie hier am Schwarzen Meer durchlebten,
wäre ich verrückt geworden, hätte ich mich nicht um so unbedeutende Dinge
wie den Seifenvorrat oder das Gezänk zwischen zwei temperamentvollen Frauen
kümmern müssen.
Aber ich
schweife von meiner Geschichte ab. Wie ich bereits sagte, erwartete Cassius,
eingenistet in seinem Militärlager am Schwarzen Meer, die Ankunft der
Kuriere, die Botschaften seiner Freunde und Späher bringen sollten, aber er
erwartete auch Ärger, denn er war schlau genug, um sich darüber im klaren zu
sein, daß, sollte der Kaiser wirklich tot sein, er nicht der einzige sein
würde, der nach der Macht griff. Und Ärger kam, schneller als er erwartet
hatte, in Gestalt eines römischen Generals, der unter der Standarte des
goldenen römischen Adlers und den im Wind flatternden Bannern der Legion
Felix III vor den Toren des Lagers erschien - auf einem glänzenden schwarzen
Hengst und umgeben von seiner Reiterei.
Ich war
bei seiner Ankunft nicht zugegen, aber ich hörte das aufgeregte Schwatzen
der Frauen und Soldaten. Später am Nachmittag kamen zwei Wachen und brachten
mich zu Marcellus' Zelt. Er war der dienstälteste Tribun, Cassius' Legat,
ein strenger und unnachsichtiger Mann von Mitte Vierzig, sein
kurzgeschnittenes graues Haar krönte einem eisernen Helm gleich Züge, die
aus Granit gemeißelt schienen. Die Aufforderung, zu ihm zu kommen,
überraschte mich nicht, denn, obwohl ich nicht seine Favoritin unter den
Sklavinnen war, hatte er auf Grund seiner Stellung in Cassius' Gefolge,
jederzeit freien Zugang zu uns. Was mich jedoch überraschte, war die
Tatsache, daß er nicht an Bettspielchen interessiert war, sondern daß er mit
mir reden wollte. Er sagte, daß ich dem zu Besuch weilenden Offizier,
General Maximus Decimus Meridius, eine äußerst wichtige und geheime
Botschaft zu übergeben habe. Es handelte sich um den mächtigen Kommandeur
der Truppen des Nordens, Marcus Aurelius' Lieblingsgeneral, und an jenem
Abend beabsichtigte Cassius, eine seiner berühmten Partys mit General
Maximus als Ehrengast zu geben.
Marcellus
sagte mir, daß ich während der Party General Maximus' Aufmerksamkeit
fesseln, ihn von den anderen Frauen fernhalten und ihm eine Botschaft
übermitteln solle, die er mich so lange wiederholen ließ, bis er sicher war,
daß ich sie verstanden hatte. Er fügte nicht extra hinzu, daß man von mir
erwartete, alles zu tun, um dem General zu Gefallen zu sein, gleich welche
Vorlieben der Mann habe, aber das war natürlich auch nicht notwendig. Statt
dessen überraschte er mich abermals, als er mir mitteilte, daß, sollte meine
Mission fehlschlagen, unsere Leben - meins, seins und das des zu Besuch
weilenden Generals - sich in ernsthafter Gefahr befänden. Er fügte weiter
hinzu, daß General Maximus Decimus Meridius kein hochgeborener Römer wie
Cassius sei, sondern der Sohn eines bescheidenen spanischen Bauern, der,
adoptiert von einer Senatoren-Familie wie einst Kaiser Trajan, durch seine
militärischen Fähigkeiten zu seiner hohen Position aufgestiegen und der
Liebling des Kaisers sei, dem er mit unverbrüchlicher Treue ergeben wäre.
Marcellus
bemerkte mit einem Lächeln, daß seine Augen nicht erreichte, noch, daß der
General mit den Feinheiten des gesellschaftlichen Lebens nicht vertraut sei
und von den Ausschweifungen der Nacht vermutlich schockiert sein würde, aber
er vertraue in meine Fähigkeiten, die Mission zu erfüllen. Obwohl ich
bereits in der Vergangenheit Botschaften überbracht oder eine Information in
Gegenwart eines bestimmten Mannes hatte fallen lassen, war dies doch äußerst
ungewöhnlich. Marcellus stand Cassius sehr nah, er war ihm behilflich
gewesen, jene Offiziere, die sich ihm widersetzt hatten, zu beseitigen, und
vor allem war der Inhalt der Botschaft zutiefst beunruhigend ... Ich
überlegte, ob Marcellus vielleicht mehr über den vermeintlichen Tod des
Kaisers wüßte, wegen seiner Rolle in Cassius' Spiel beunruhigt wäre und sich
der Gunst des mächtigen Generals versichern wolle. Wie auch immer - es
bedeutete Ärger. Großen Ärger. Jene Art von Ärger, die zu vermeiden ich mich
immer bemüht hatte.
Ich
bereitete mich sehr sorgfältig auf die Nacht vor. Ich parfümierte meinen
Körper und mein hüftlanges Haar - das Haar, welches ich nun hochgesteckt
trage wie es sich für eine ehrbare verheiratete Frau gebührt - mit
Myrrhen-Essenz, die ich so liebe, und kleidete mich in eine meiner besten
Tuniken, gefertigt aus weißer Seide mit Goldstickerei, aber wie immer
verzichtete ich auf das bei anderen Frauen so beliebte starke Make Up. Kurz
bevor ich aufbrach, tastete ich auf dem Boden einer meiner Truhen nach
meinem dort verborgenen Schatz. Es war ein silberner Dolch, den ich beim
Verlassen des Hauses jenes Senators, der mir meine Jungfräulichkeit genommen
hatte, stahl, in einem Augenblick, als mich die blinde Wut, die ich später
so sorgsam zu meistern lernte, übermannte, jene Wut, die mir den Gedanken
eingab, entweder den nächsten Mann, der mich zu berühren versuchte, zu
erdolchen, oder aber mich selbst zu töten, um nie wieder von einem Mann
berührt zu werden. Aber irgendwie schaffte ich es, mir einen Schutzpanzer
zuzulegen, und mein Leben ging weiter. Trotzdem hatte ich all die Jahre den
Dolch unter meinen persönlichen Dingen aufbewahrt und von Zeit zu Zeit
verspürte ich das Bedürfnis, ihn zu berühren, sein Gewicht in meiner Hand zu
spüren und aus diesem Stück kalten, blitzenden Stahls Trost zu schöpfen -
fast als ob ich mir bewußt war, daß ich ihn früher oder später benutzen
würde. Was sich allerdings erst noch erweisen sollte war, wer das Opfer
jener Klinge werden würde.
Ich kam
bei dem Zelt, in welchem die Festivität stattfinden sollte, vor unserem
Gast, jenem besagten General, an, und Marcellus belegte mich augenblicklich
mit Beschlag. Da er nach Cassius und General Maximus der Offizier mit dem
höchsten Rang war, wagte keiner, mich ihm auszuspannen. Marcellus hielt mich
in seinen Armen, bis es Zeit war, mich dem Ehrengast zu nähern, und mit
einem leichten Stoß schickte er mich in die Richtung, wo jener sich
aufhielt.
Wie
Marcellus bereits vermutet hatte, schien Maximus sich bei dieser Orgie nicht
wohl zu fühlen; der strenge spanische Soldat machte Anstalten, das Zelt zu
verlassen, und es gelang mir gerade noch, ihn aufzuhalten, als er im Begriff
war, den durchscheinenden Vorhang vor dem Ausgang beiseite zu schieben.
"General?"
rief ich ihn von hinten an, "genießt Du die Party nicht?"
Er wandte
sich kurz in meine Richtung. "Nein", sagte er, und wollte sich wieder
abwenden, aber mit der Unbefangenheit, die ich mir im Laufe der Jahre im
Umgang mit Männern angeeignet hatte, packte ich ihn am Arm und zog ihn
zurück.
General
Maximus war mindestens zehn Zentimeter größer und zehn Jahre älter als ich,
er war also Ende Zwanzig und noch sehr jung für einen Mann seines hohen
Ranges. Er war ein großer, kräftiger Mann, seine sonnengebräunte Haut
spannte sich über feste Muskeln, die ein als Soldat im Sattel verbrachtes
Leben an seinen Armen und Beinen geformt hatte. Seinen Oberkörper bedeckte
ein verzierter lederner Brustpanzer, doch erschien jener ebenso
vielversprechend. Sein Haar war dunkel und kurzgeschnitten wie es einem
Angehörigen des römischen Militärs ziemt, sein sorgfältig gestutzter Bart
bedeckte ein entschlossenes Kinn und umrahmte seinen schöngeformten Mund,
einen Mund, etwas zu weiblich und beinahe unpassend in diesem so männlichen
Gesicht, aber irgendwie trug dies noch dazu bei, seine ansprechenden Züge zu
unterstreichen. Was mich jedoch faszinierte und mir einen Schauer über den
Rücken laufen ließ, waren seine funkelnd blauen Augen und das erregende
Vibrieren seiner tiefen Stimme.
Ich nutze
meinen Schwung und preßte meine Brüste gegen seinen Brustpanzer, während
meine Hand hinter seinen Nacken glitt und ich meinen Lippen erlaubte, sein
Ohr flüchtig zu streifen. "Ich habe eine Botschaft für Dich, Herr", sagte
ich, zog mich zurück und lächelte in das überraschte Gesicht des Generals.
Er schaute
mir in die Augen, dann wanderte sein erregter Blick über mein Gesicht und
meinen Körper. Ich war daran gewöhnt, daß Männer mich mit unverhohlener Lust
betrachteten, aber es war nicht Lust, die seinen Blick erfüllte: es war
Erstaunen, der Blick eines Mannes, der feststellen muß, daß er keine Worte
findet. In einer anderen Situation - und mit einem anderen Mann - hätte mir
eine leichte Eroberung bevorgestanden; statt dessen sollte mich eine Reihe
von Entdeckungen erwarten, sowohl über ihn als auch über mich, Entdeckungen,
die mein Leben für immer verändern und mich letztendlich zum Abfassen dieses
Tagebuches veranlassen würden. Ich lächelte abermals und flüsterte: "Komm
und setz Dich, General. Mir scheint, Du hast noch nichts zu Dir genommen.
Später können wir einander ein wenig näher kommen."
Er
weigerte sich, mir zu folgen. "Wie heißt Du?" fragte er, und sein Latein war
makellos trotz seiner Herkunft aus der Provinz und seiner niederen Geburt.
"Julia."
"Julia",
wiederholte er, seine tiefe Stimme sandte mehr und mehr Schauer über meinen
Rücken und ließ mich beinahe vergessen, warum ich hier war und was man von
mir erwartete.
"Ja",
sagte ich, während ich mich wieder an ihn preßte und die Wärme seines
Körpers mich wie ein weicher Mantel einhüllte. Ich legte meine Hand gegen
seine Wange, so daß er sich nicht abwenden konnte, während ich sein Ohr
leckte und am Ohrläppchen knabberte, bevor ich ihm zuflüsterte: "General
Maximus, bitte hilf mir. Das ist für uns beide gefährlich. Ich habe eine
Botschaft von Tribun Marcellus."
Der
General schlang seinen Arm um meine Taille, legte seine rechte Hand auf
meine Hüfte und drückte mich so fest an seinen starken, muskulösen Körper.
Er rieb seine Nase an meinem Hals und fragte: "Welcher von ihnen ist es?"
"Groß,
dünn, graues Haar und Bart, drüben am mittleren Tisch mit den Speisen." Ich
konnte kaum sprechen, die sanfte Berührung seines Bartes und seiner Lippen
auf meiner Haut machten mich so benommen wie es noch niemals zuvor die
Berührung eines Mannes je getan hatte.
Er blickte
vorsichtig in die Richtung, die ich ihm angedeutet hatte, während seine Hand
weiter wie von selbst meine Hüfte streichelte. Er schien mit dem, was er
sah, zufrieden zu sein, denn er sagte. "In Ordnung, Julia, ich werde dir
zuhören."
Irgendwie
fühlte es sich so natürlich an, in seinen Armen zu liegen, als ob ich mit
seinem Körper schon seit Jahren vertraut wäre. Ich hatte nicht das Gefühl,
einen fremden Mann zu verführen; mir war, als ob ich einen Geliebten aus
vergangenen Tagen neu entdeckte. Ich glitt mit meinen Lippen über seinen
warmen Hals und sein bärtiges Kinn, eroberte seinen Mund mit einem kurzen
Kuß, bevor ich an seiner Unterlippe nagte und meine Zunge die Linie seines
Mundes nachzeichnete. "Man darf uns nicht in ein Gespräch vertieft finden,
oder wir werden beide an ein Kreuz genagelt enden", hauchte ich in seinen
Mund. Ich nahm seine Hand, um ihn von der Tür wegzuziehen, aber General
Maximus wirbelte mich zurück in seine Arme, und bevor ich noch erfaßte, war
er vorhatte, küßte er mich leidenschaftlich. In jenen Tagen vermied ich es
so weit als möglich, geküßt zu werden, und ich war dankbar, wenn die Männer,
denen ich zu Diensten war, es ebenfalls vorzogen , mich nicht zu küssen,
denn die falsche Zärtlichkeit ihrer Küsse tat mehr weh als die
selbstsüchtige Brutalität, mit der sie mich nahmen, und gegen die ich mich
nicht wehren konnte. Aber seine Lippen waren warm und weich, sie schmeckten
nach gewürztem Wein und seinem eigenen männlichen Aroma. Sein Kuß war mit
nichts zu vergleichen, was ich bisher erlebt hatte, der Kuß eines Mannes,
der zu großer Leidenschaft fähig war, aber ebenso zu süßer Zärtlichkeit,
eines jener seltenen Männer, die sich nicht paaren, sondern die sich der
Frau, die sie erwählt haben, in Liebe hingeben. Auch verriet sein Kuß, daß
er nicht an solche wie mich gewöhnt war, denn er machte keinen Unterschied
zwischen einer Hure, die obendrein eine Sklavin war, und einer ehrbaren
Frau, in die er sich verlieben konnte. Eben diese rührende Unschuld an einem
harten Krieger wie ihm war es, die den Funken in meinem Herzen entfachte,
der schon bald zur lodernden Flamme werden und mich für immer verwandeln
sollte. Der General gab meinen Mund frei und flüsterte: "Wie ist der Name
des Mannes, der mit Marcellus Kontakt aufgenommen hat?"
Es hatte
mir beinahe den Atem verschlagen, und ich konnte kaum den Namen
herausbringen, den Marcellus mir genannt hatte. "Claudius", antwortete ich,
und mein Herz schlug so laut, daß er es eigentlich hätte hören müssen.
General
Maximus ließ seine Finger durch mein Haar gleiten und küßte mich auf die
Stirn, dann auf Augen, Wangen und Lippen. "Geh voran, Julia. Plötzlich habe
ich wieder Hunger bekommen." Er umfaßte mein Gesicht mit seinen starken,
schwieligen Händen und lächelte mich an, seine strahlend blauen Augen hatten
die Farbe des Meeres - des Meeres, in dessen Tiefen ich mich für immer
verlieren wollte. Ich umklammerte seine Unterarme, da ich fürchtete, meine
Beine würden mich nicht länger tragen, und ich war unfähig, zu sprechen oder
mich zu bewegen. Er streichelte mir über das Haar und lächelte mich immer
noch an; ich fühlte, wie meine Angst wegen der Botschaft und des Komplotts
verschwand, und erwiderte sein Lächeln aufrichtig. Es war, als ob, so lange
er mich in seinen Armen hielt, nichts und niemand mir weh tun könnten.
Hand in
Hand gingen wir hinüber zu den Tischen. Während ich damit beschäftigt war,
Speisen für ihn auszuwählen, blieb er bei den anderen Offizieren. Ich sah,
wie er Marcellus' Hand ergriff, und mit dem älteren Offizier, wie es schien,
Höflichkeiten austauschte, bei denen es sich jedoch vermutlich um
Informationen handelte, die in Beziehung zu jener geheimnisvollen Botschaft
standen, die ich noch zu übermitteln hatte. Ich ließ dem General Zeit genug,
mit Marcellus zu sprechen, bevor ich zu ihm zurück ging.
"Hier bist
Du, General, - eine kleine Auswahl von allem, was gut ist. Der persönliche
Koch des Kaisers ist wirklich hervorragend", sagte ich freundlich und
streckte meine Hand nach ihm aus.
"Laß es
dir schmecken, General." Marcellus verneigte sich leicht, darauf nahm ich
wieder General Maximus' Hand und führte ihn zu einem freien Ruhebett im
Hauptraum des Zeltes. Er stand geduldig neben mir, während ich einen Tisch
und eine Lampe richtete, einige Kissen zurecht legte und sie so übereinander
anordnete, daß er sich bequem dagegen lehnen konnte. Als er sich
niederlassen wollte, hielt ich ihn auf.
"General,
dieses Leder sieht so heiß und steif aus. Darf ich Dir helfen, Dich davon zu
befreien?" fragte ich. Gehorsam hob er die Arme und erlaubte mir, die Riemen
seines Brustpanzers zu öffnen; im Stillen mußte ich lachen, denn sein
Verhalten zeigte deutlich, daß er es nicht gewöhnt war, sich von einer Frau
bedienen zu lassen. Ich war sicher, daß er einen männlichen Diener hatte, um
ihm zur Hand zu gehen, und ich konnte mir nicht vorstellen, daß er seidene
Tuniken trug, wie Cassius sie bevorzugte, oder wie dieser in parfümiertem
Wasser badete. Sobald ich ihm den Brustpanzer abgenommen hatte, setzte ich
diesen auf den Boden und trat einen Schritt zurück, um den General besser
bewundern zu können. General Maximus trug nun nur noch eine schlichte
weinrote Tunika, die kaum seine breiten Schultern bedeckte und bis zur Mitte
der Oberschenkel herabfiel, in der Taille wurde sie von einem breiten
Ledergürtel zusammengehalten. Seine muskulösen Beine waren nackt bis auf die
geschnürten Stiefel, die seine Waden bedeckten, und ich mußte mich
zurückhalten, um ihn nicht zu berühren. "Es ist sehr heiß hier drin,
General. Wäre es nicht angenehmer für Dich, Sandalen zu tragen? Ich könnte
ein Paar für Dich ..."
Er
unterbrach mich. "Ich bin an die Stiefel gewöhnt. Ist schon in Ordnung",
sagte er mit Nachdruck. Ganz offensichtlich war er an Luxus nicht gewöhnt,
sondern gab sich mit dem bescheidenen Komfort eines Militärlagers zufrieden.
"Wie Du wünscht." Ich setzte mich neben ihn auf einen Stuhl und bot ihm
einen Becher Wein an, wobei ich mir wohl bewußt war, daß die anderen Frauen
neidisch in meine Richtung blickten, und daß der General mich aufmerksam
betrachtete, während er mit meinem Haar spielte. Ich steckte ihm kleine
Bissen in den Mund, und er küßte meine Finger, bevor ich sie wieder
zurückzog; die Berührung seiner Lippen hinterließ ein seltsam prickelndes
Gefühl auf meinen Fingerspitzen. Er ließ seine Hände über meine Arme gleiten
und ich lächelte, bemüht, den Aufruhr zu verbergen, den seine Liebkosungen
in mir entfesselten.
"Wo
stammst Du her, Julia?" fragte er sanft.
"Ich bin
in Rom geboren", sagte ich, während ich fortfuhr, ihn zu füttern.
"Du bist
eine Sklavin?"
Ich nickte
und vermied es, ihm in die Augen zu blicken. Irgendwie war eine Sklavin zu
sein bis zu diesem Augenblick für mich so natürlich gewesen wie es natürlich
war, rotgoldenes Haar zu haben. Aber diesem Mann gegenüber einzugestehen,
daß ich eine Sklavin war, beunruhigte mich auf eine Art, wie ich es mir nie
hatte vorstellen können. Plötzlich fühlte ich mich schmutzig, so schmutzig
wie nie, seit ich das Bett jenes ältlichen Senators vor sechs Jahren
verlassen hatte.
"Wie kam
es dazu?"
"Ich wurde
als Sklavin geboren, Herr. Ich weiß nicht, wer meine Eltern sind." Ich
lehnte mich vor und küßte ihn; es war ein langer, sehnsüchtiger Kuß, und ich
tat es nicht nur, um seine Lippen wieder zu spüren, sondern auch, um seinen
Mund zum Schweigen zu bringen. Ich flüsterte: "Du stellst zu viele Fragen."
Aber er ließ sich nicht beirren.
"Wie alt
bist Du?"
"Ich weiß
es nicht genau. Ungefähr achtzehn, denke ich."
General
Maximus trank bedächtig von seinem Wein und seufzte, während er mich weiter
mit seinen durchdringenden blauen Augen betrachtete, und ich fühlte mich
zunehmend unwohl unter diesem Blick, denn ich wußte, was er dachte: daß ich
trotz meiner edlen Tunika und des teuren Parfums nicht mehr als eine Sklavin
und Hure war, eine Frau, die so weit unter ihm stand, denn er schien mir ein
anständiger Mann zu sein, der sich niemals einer Sklavin aufdrängte, wie so
viele das taten, oder sich mit einer Hure befleckte, ganz gleich, wie schön
oder raffiniert sie wäre.
Obwohl ich Marcellus meinen Rücken zugewandt hatte, konnte ich fühlen, wie
sein kalter Blick jede Bewegung verfolgte, die ich und auch General Maximus
machten. Und obwohl Cassius tief in sein Liebesspiel mit Honora versunken
schien, wußte ich es besser und war mir sicher, daß auch er uns beobachtete.
Ihre Blicke erinnerten mich an die Gefahr, die mir drohte - und auch ihm.
Verzweifelt versuchte ich, der unangenehmen Situation ein Ende zu bereiten
und ihn auf vertrautes Terrain zu ziehen, wo ich die Führung übernehmen und
gleichzeitig jeden Verdacht bezüglich unseres Verhaltens zerstreuen konnte;
ich ließ meine Hände seine muskulösen , behaarten Schenkel empor wandern,
schob sie unter den Saum seiner Tunika und suchte nach dem männlichen
Fleisch, das ich so gut zu verführen und zu befriedigen verstand. "Ich mache
Dich nicht glücklich", flüsterte ich, aber blitzartig griff er nach meinem
Handgelenk und hielt mich auf, die Schwielen seiner Finger fühlten sich rauh
auf meiner Haut an und riefen ein beunruhigendes Gefühl hervor, das von
meinem Handgelenk über meine Brüste bis hinab in meinen Unterleib wanderte.
"Bitte,
General. Sie werden merken, daß irgend etwas nicht stimmt", flüsterte ich
ihm eindringlich zu. "Gewöhnlich bin ich so gut darin, Männer zu verführen."
Er
lockerte seinen Griff, ließ mein Handgelenk jedoch nicht los. "Ich bin
verheiratet", sagte er ruhig.
Verheiratet.
Er war
verheiratet.
Mein
Instinkt hatte nicht getrogen; er war nicht nur ein genügsamer sondern auch
ein anständiger Mann. Zu diesem Zeitpunkt, gefangen zwischen drohender
Gefahr und intensivsten Gefühlen, wie ich sie noch nie zuvor erlebt hatte,
schien das bedeutungslos. Die Zeit sollte jedoch erweisen, daß ich es hätte
besser wissen sollen.
"Das ist
die Hälfte aller Männer hier im Raum. Auch Cassius ist verheiratet",
erwiderte ich flüsternd, während meine Augen ihn stumm anflehten. Er seufzte
abermals. "Komm her", sagte er und zog mich auf sich. Ich setzte mich
rittlings auf seinen starken, muskulösen Körper und preßte meine Brüste
gegen seine Brust. Eine seiner Hände streichelte meinen Rücken und glitt
dann wie von selbst tiefer, um die gleiche Aufmerksamkeit auch meinem Po zu
erweisen. Mit der anderen drehte er mein Gesicht seinem Nacken zu, und sein
heißer Atem strich sanft über mein Ohr, während er flüsterte: "Ich habe
nicht vor, Dein Leben aufs Spiel zu setzen. aber Du mußt verstehen - ich
habe meiner Frau das Versprechen gegeben, ihr treu zu bleiben, und ich werde
dieses Versprechen halten, was es mich auch kosten und wie sehr ich Dich
begehren sollte. Jetzt küß mich und dann gehen wir zu einem jener Räume dort
hinten, wo es nicht ganz so gefährlich ist, sich zu unterhalten."
Er wandte
mir sein Gesicht zu und küßte mich abermals, kühn forderte seine Zunge
Einlaß, und als ich seinem Drängen nachgab, erforschte er meinen Mund voller
Eifer. Sein Kuß versetzte mein Innerstes in einen wahren Taumel und eine
sengende Hitze umschloß meinen Körper. Ich umklammerte seinen Bizeps wie ein
Ertrinkender die rettende Planke , und als er versuchte, den Kuß zu beenden,
ließ ich es nicht zu, sondern preßte meinen Mund fest auf den seinen. Ich
wünschte mir, daß sein Kuß ewig währte, daß seine Lippen und seine Zunge den
Schutzwall niederrissen, den ich während eines Lebens in Sklaverei und
Prostitution errichtet hatte. Die Wärme und Härte seiner Lenden bewiesen nur
zu deutlich, daß er keineswegs unempfänglich war. Er war erregt ... genau
wie ich, so erregt wie ich niemals zuvor in meinem Leben gewesen war. So
erregt, wie ich es mir nie hatte träumen lassen. Als ich meine Zunge seinem
Mund entzog, rangen wir beide nach Luft, und er schloß die Augen, während er
sich bemühte, seinen Atem zu kontrollieren. Ich küßte sanft seine Lider und
flüsterte "Maximus", meine Stimme war heiser vor Verlangen. Seine Augen
öffneten sich schlagartig. "Nenn mich nicht so", knurrte er, immer noch
schwer atmend.
Seine
tiefe Stimme wirkte wie eine Droge.
"Warum
nicht?"
"Es ist zu
... zu ... vertraut."
Ich konnte
mir nicht helfen und mußte über die Offenheit seiner Bemerkung lachen. Mein
Lachen war unbekümmert wie nie zuvor. "Maximus, ich liege auf Dir. Unsere
Körper sind durch fast nichts von einander getrennt, und Du denkst, Dich bei
Deinem Vornamen zu nennen, sei zu vertraut?" Ich küßte ihn abermals, und da
er nicht auf meine Frage antwortete, nutzte ich das Schweigen aus und
schmiegte mich näher an ihn. Ich konnte ein heimliches, wissendes Lächeln
nicht unterdrücken, als ich sein Herz heftig wie mein eigenes klopfen hörte,
und als er mich in seine starken Arme nahm und mich an sich drückte, war es
an mir zu seufzen.
"Maximus",
flüsterte ich, das Gesicht an seine Brust gepreßt, "dieser Name paßt zu Dir.
So stark. Aber so sanft." Ich lag noch einige Augenblicke still, bevor ich
mich aufrichtete, um in sein schönes Gesicht zu blicken, und ihm mit den
Fingern durch das dichte, dunkle Haar fuhr. Plötzlich fühlte ich mich so
jung, und sorglos und frei. Ich fühlte mich rein. Ich fühlte, daß ich lachen
und spielen und träumen ..., daß ich lieben und mit lieben lassen konnte.
"Männer sind nicht gerade oft zärtlich zu mir, Maximus. Ich kann mich nicht
erinnern, schon einmal in den Arm genommen worden zu sein."
Zu meinem
Erstaunen knurrte er wütend: "Du bist eins von den Dingen, für die Cassius
teuer wird zahlen müssen - dafür werde ich sorgen." Bei diesen Worten rollte
er mich zur Seite, fing mich jedoch auf, bevor ich von dem Ruhebett fallen
konnte, faßte mit einem Arm unter meine Knie und mit dem anderen unter meine
Arme. Er hob mich hoch, als wäre ich nicht mehr als eine Feder, und drückte
mich fest gegen seine breite Brust, dann machte er sich auf den Weg zu einem
kleinen, mit einem Vorhang abgetrennten Raum am Ende des Zeltes; er schritt
über alles hinweg, was ihm in den Weg kam oder trat es einfach beiseite. Ich
schlang meine Arme um seinen Hals, lehnte meinen Kopf an seine Schulter und
schloß die Augen; zum erstenmal in meinem Leben genoß ich das Gefühl von
Geborgenheit, Wärme und Zärtlichkeit.
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4.Der
Alkoven
Nachdem wir in besagtem Séparée angelangt waren, stellte Maximus mich wieder
auf die Füße und zog den Vorhang zu. Dieser Alkoven war einer jener kleinen,
abgeteilten Räume, die Cassius immer hinten in dem Zelt einrichten ließ, in
welchem seine berühmten Partys stattfanden. Er brüstete sich, für alle
Bedürfnisse seiner Freunde Sorge zu tragen - "für alle ihre Bedürfnisse",
betonte er - und diese kleinen Räume waren sein persönliches Geschenk an
jene, die - anders als er selbst - ein wenig Privatsphäre vorzogen, wenn sie
diese Bedürfnisse befriedigten. Wirkliche Privatsphäre boten sie allerdings
nicht ... Da diese Alkoven auf vier Seiten von schweren Vorhängen umgeben
waren, schützten sie jene, die sie benutzten, zwar vor neugierigen Blicken,
aber sie waren keineswegs schalldicht. Jener, welchen Maximus zufällig
ausgewählt hatte, war spärlich möbliert: nur ein Ruhebett, ein kleiner Tisch
und eine Öllampe, deren schwacher Schein nicht mal die vier Ecken des Raumes
erreichte. Bei geschlossenem Vorhang befanden wir uns beinahe im Dunkeln.
Mich von
der Wärme seines großen, muskulösen Körpers trennen zu müssen, war wie ein
Schlag ins Gesicht. Ich öffnete die Augen, da ich schwankte, und biß mir auf
die Lippen, um ein Stöhnen zu unterdrücken, so sehr brauchte ich es, von
seinen Armen gehalten zu werden, brauchte ich das Gefühl von liebevoller
Zuwendung und Sicherheit, das ich in ihnen fand. Aber General Maximus schien
meine Gegenwart völlig vergessen zu haben, während er den Stoff der Vorhänge
befühlte und seine Augen unseren Alkoven und jene zu beiden Seiten
erkundeten - wieder ganz der Krieger und nicht mehr jener Mann, der mich
noch vor wenigen Minuten so leidenschaftlich geküßt hatte.
Der
plötzliche Wandel war irritierend, aber ihn in diesem neuen Licht zu sehen,
ließ den General noch beeindruckender erscheinen, als in jenem Augenblick,
da er sich umwandte, um mich zum erstenmal anzuschauen. An ihm war etwas so
absolut Männliches, Ursprüngliches und Erregendes; es war, als beobachte man
einen majestätischen, seine Beute belauernden Löwen, oder einen wilden
Hengst, der sein Territorium überblickt. Komischerweise dachte ich, daß
wahrscheinlich nur wenige Frauen - vermutlich nicht einmal seine Ehefrau -
ihn jemals so gesehen hatten wie ich in diesem Augenblick.
Seine
Frau. Er hatte sein Verlangen nach mir zugegeben. Nicht das dies nötig
gewesen wäre: verheiratet oder nicht, sein verräterischer Körper hatte für
sich selbst gesprochen. Dennoch hatte er erklärt, daß er beabsichtige,
seiner Frau treu zu bleiben, wie schwer es auch für ihn sein mochte ... Es
war etwas Irritierendes an diesem ernsten, gutaussehenden Mann, der mit
demselben Nachdruck an seinen Überzeugungen festhielt, mit dem er seinem
totgesagten Kaiser die Treue hielt. Kein Wunder, daß Cassius ihn fürchtete.
Das
Schweigen dehnte sich ins Unerträgliche. Er mußte mit mir sprechen, mir
Sicherheit geben. Sicherheit worüber? Darüber, daß ich in seinem Bewußtsein
noch gegenwärtig war? Daß sein Körper mein Verlangen nach ihm auch weiter
zur Kenntnis nahm? Daß man mir mit Zärtlichkeit begegnet, mich nicht nur
benutzt und wegwirft, wie man es gewöhnlich mit einer Sklavin und Hure wie
mir tat?
"Maximus
..."
Er brachte
mich zum Schweigen, indem er einen Finger auf seine Lippen legte, und
verharrte weiter regungslos, lauschte mit leicht geneigtem Kopf. Beim
schwachen goldenen Schein der Öllampe hielt ich meinen Blick auf sein Profil
geheftet, während er noch einige Augenblicke weiter angespannt horchte;
seine edle Nase war ein wenig groß aber trotz seiner bescheidenen Herkunft
ausgesprochen aristokratisch.
Dann
entspannte Maximus sich sichtlich, faßte nach meiner Hand und zog mich an
sich, bis meine Brüste leicht seinen Brustkorb berührten. Meine Brustwarzen
versteiften sich, und etwas wie flüssiges Feuer strömte von ihnen in meine
Glieder und in meinen Bauch. "Erzähl mir jetzt ganz leise, was Du weißt",
sagte er.
Ich konnte
kaum atmen, viel weniger sprechen. Plötzlich spürte ich eine seltsame Scheu
und fühlte mich unwohl wie ich so vor ihm stand, die Hände an den Seiten;
ich sehnte mich danach, ihn zu berühren, wagte es jedoch nicht. Ich konnte
mich nicht daran erinnern, je eine solche Scheu empfunden zu haben, nicht
einmal als kleines Mädchen, als ich zum erstenmal gezwungen wurde, an einer
von Cassius' wilden Partys teilzunehmen. Ich war sicher, daß er meine harten
Brustwarzen durch den dünnen Stoff unserer Tuniken spürte und errötete wie
eine unberührte Jungfrau in Gegenwart ihres Liebsten.
Maximus
drängte mich. "Julia, erzähl mir, was Marcellus dir gesagt hat."
In der
Hoffnung, daß die uns umgebende Dunkelheit meine glühenden Wangen verbarg,
rief ich mich innerlich zur Ordnung und ermahnte mich, daß wir in diesem
Alkoven waren, um ungestört sprechen zu können und nicht, um unsere Körper
zu teilen, während wir uns in höchster Gefahr befanden. "Er schickt eine
Warnung, daß Cassius ..."
Plötzlich
nahm Maximus mich in die Arme, drückte mich fest an sich und preßte mein
Gesicht gegen seine Schulter, um meine Worte zu ersticken. Mein Herz raste
und das Blut pochte in meinen Ohren; ich griff hilfesuchend nach seinen
Armen.
"Sei ganz
still", flüsterte er in mein Ohr.
Ich schloß
fest meine Augen und fragte mich, was er wohl gehört haben mochte. Dann
hörte ich es auch ... das Geräusch eines Vorhanges, der in dem Alkoven
rechts neben unserem zugezogen wurde. Danach war wieder alles still bis auf
das Schlagen meines klopfenden Herzens und mein schnelles, keuchendes Atmen
an seinem Hals.
Maximus
sprach nicht, aber er mußte nichts sagen, denn ich wußte, was er wußte. Es
war jemand in dem Raum nebenan und belauschte schweigend unser Gespräch ...
oder die Laute unseres Liebesaktes.
Maximus
atmete ganz langsam aus und flüsterte: "Schnell. Erzähl mir, was Marcellus
Dir gesagt hat."
Ich holte
tief Luft und wiederholte die Botschaft, die mir der ranghöchste Tribun
gegeben hatte.
"Maximus,
Du bist in großer Gefahr. Cassius plant, Dich töten und es wie einen Unfall
aussehen zu lassen. Er glaubt, daß Du viel zu mächtig bist und daß die
Armee Dich gegen ihn unterstützen würde .... daß selbst seine eigenen Männer
dies täten."
"Wann?"
"Ich weiß
es nicht. Bald."
"Sprich
weiter."
"Marcellus
denkt, der einzige Weg, Cassius aufzuhalten, ist, ihn zu töten. Er ist
bereit, es zu tun, wenn Du ihm Schutz und Immunität gewährst."
"Wie
beabsichtigt er, ihn zu töten?"
"Cassius
verdächtigt Marcellus nicht, gegen ihn zu konspirieren. Marcellus hat freien
Zugang zu ihm ..."
"Schhh ..." Maximus' Griff festigte sich wieder, und ich folgte seinem
Blick, um zu sehen, was er entdeckt hatte. Trotz der Dunkelheit, sah ich es:
eine leichte Bewegung des Vorhanges und ein schmaler Lichtstrahl, der schräg
über den Boden fiel. Dann verschwand das Lieder wieder. Wer immer uns
beobachten mochte, wurde entweder neugierig oder ungeduldig.
Maximus
schloß für einen Moment die Augen, wie um zu entscheiden, was zu tun sei.
Dann atmete er tief durch und öffnete sie wieder. Sein linker Arm war fest
um meine Schultern geschlungen, während seine rechte Hand abwesend meinen
Nacken streichelte. Einen kurzen Moment lang fragte ich mich, wie er
reagieren würde, wenn ich ihm sagte, daß, seit wir uns trafen, seine Hände
mehr als nur einmal wie von selbst über meinen Körper gewandert waren .
"Julia,
wir müssen irgendwelche Laute von uns geben. Irgendwelche ...
leidenschaftlichen Geräusche", sagte er im Flüsterton.
Trotz der
Gefahr, in der wir beide uns befanden, lag etwas herrlich Komisches in
seinen Worten ... und in der offensichtlichen Mühe, mit der er sie äußerte.
Ich konnte nicht widerstehen, ihn ein wenig zu necken. "Dann muß Du mich
lieben, Maximus."
"Nein. Ich sagte Dir bereits ..."
"Schon
gut, schon gut, ich mach ja nur Spaß. Keine Angst, ich kann so tun als ob.
Das ist etwas, was ich häufig mache, glaub mir." Ich legte meinen Kopf an
seine Schulter und schloß die Augen, während ich vernehmlicher atmete..
"Kannst Du
mir zuhören, während du das machst?"
Die Frage
war so unschuldig, daß sie mich fast zum Lachen brachte, und einen
Augenblick lang fragte ich mich, mit was für einer Frau er wohl verheiratet
war, daß er so wenig über weibliche Wesen wußte ... aber höchst
wahrscheinlich bestand für seine Frau keine Notwendigkeit, irgend etwas
vorzutäuschen. Statt meine Frage laut zu äußern, nickte ich nur und
untermalte mein Atmen mit Keuchen.
Maximus
fuhr fort. "Sag Marcellus, daß ich vorhatte, Cassius bis zur Ankunft von
Marcus Aurelius hinzuhalten, daß ich jedoch keine Ahnung hätte, wann dies
sein könnte, und daß daher der Plan, Cassius zu töten, das einzig sinnvolle
sei."
Ich nickte
abermals, während ich meiner Kehle gekonnt ein heiseres Stöhnen entlockte.
Auch
Maximus' Atmen wurde schneller, und ich konnte nicht umhin zu lächeln ...
und ihn ein wenig zu provozieren.
"O
General", stöhnte ich. "O, mach das noch einmal."
Ich hob
ihm meine Hüften entgegen und er packte meine Pobacken, versuchte, meine
Bewegungen zu unterbinden, aber ich spürte, daß er hart wurde, und er zog
seine Hände blitzartig zurück - als hätte er eine glühende Kohle berührt.
Ich atmete seinen männlichen, nach Moschus duftenden Geruch ein und küßte
sanft die rauhen Bartstoppeln an seinem Hals, bevor ich meinen Atem wieder
beschleunigte ... aber diesmal war es nicht länger nur ein Vorspiegeln
sondern zum erstenmal in meinem Leben fühlte ich wirkliche Leidenschaft -
Leidenschaft so real, daß ich die warme Feuchtigkeit zwischen meinen Beinen
spürte. Während ich mich an Maximus' muskulösen Körper lehnte, war es so
einfach, mir vorzustellen, wie er meine Tunika zerriß, seine Hände mein
nacktes Fleisch erforschten, er mit Lippen und Zunge meine heiße Haut
liebkoste. Es war so einfach, mir vorzustellen, wie sein glühend heißer Mund
sich in einem fordernden Kuß auf den meinen preßte und wie er dann, gleich
einem gierigen Baby - an meinen Brüsten sog. Es war so einfach, mir
vorzustellen, wie er mich mit seinen starken Armen hochhob und auf seine
Lenden setzte, während er meinen Schoß eroberte, sein steifes Glied, das er
hart gegen meinen Körper preßte, tief in mich eindrang. Ich schlang meine
rechte Hand um seinen Hals, streichelte seinen Nacken und das kurze feuchte
Haar, während meine Linke seinen Arm umklammert hielt, meine Nägel sich in
seine Muskeln gruben und ich an der erhitzten Haut seines Nackens saugte und
leckte, meine Brüste fest gegen seine Brust gepreßt.
"Julia, sag Marcellus, er solle seinen Plan ausführen, und ich werde ihm die
Unterstützung geben, die er braucht. Um das zu können, muß ich jedoch dicht
bei ihm sein, wenn er die Tat ausführt. Es ist sehr wichtig, daß er es tut
- einer von Cassius' eigenen Männern - um den anderen zu zeigen ... Julia?
Julia? Hörst du mir zu?" flüsterte Maximus mit einem Anflug von Unruhe in
der Stimme.
"Ja ..."
Ich hörte uns beide wie im Traum, unfähig, mich selbst wieder in die
Wirklichkeit zurückzuholen, nicht willens, mich in die Wirklichkeit
zurückzuholen. Mein Körper übernahm vollständig die Kontrolle, und ich
leistete keinen Widerstand. In seinen Armen vergaß ich alles: daß ich eine
Sklavin, eine Hure war, daß ich kein eigenes Leben besaß, sondern allein
mein Herr über mich bestimmte, daß ich nur ein Werkzeug war, mit dessen
Hilfe andere ihre Lust befriedigten, geboren, aufgezogen und trainiert, um
benutzt und weggeworfen zu werden. Ich vergaß meine Angst, die Angst, die
jeden Tag meines Lebens bestimmt hatte. Ich vergaß, daß ich einsam war, so
einsam, wie man nur sein konnte. Ich vergaß, daß ich litt - an Leib, Seele,
Herz und Geist - jeden einzelnen neuen Tag. Ich vergaß, daß es nichts für
mich gab - keine Hoffnung, keine Zukunft, kein Glück, keine Liebe - und ich
übergab mich vollkommen dem Mann, an dessen Brust ich ruhte. Dem Mann, der
mich so sehr begehrte wie ich ihn. Dem Mann, der sich die Befriedigung
seiner eigenen Bedürfnisse so hartnäckig versagte.
Er
schüttelte mich leicht. "Julia, hör mir zu. Ich werde streng bewacht. Es
wird schwierig für mich, meinen Wachen zu entkommen, aber mit Claudius'
Hilfe könnte es mir gelingen, während der Nacht aus meinem Zelt zu
schlüpfen." Wieder küßte ich seinen Hals, leckte die kleine Kuhle, in der
sein Puls so wild schlug wie der meine und drückte meine Hüften abermals
gegen seine in dem verzweifelten Bemühen, seine Härte an meiner Weichheit zu
spüren, zu spüren, was ihn zum Mann und mich zur Frau machte, das flüchtige
Wunder zu erhaschen, welches alles zu verändern versprach.
Maximus
atmete ein paarmal tief durch und kämpfte darum, nicht die Kontrolle über
sich zu verlieren. Er war stark erregt, kurz davor, sich der Leidenschaft
hinzugeben, die wie ein wildes Feuer in mir brannte. Seine Hände packten
mich, sein Griff schmerzte. Dann hob er mich mit einer schnellen Bewegung
hoch und legte mich auf das Ruhebett, welches mit einem leisen Knarren
protestierte. Einen Augenblick lang stand Maximus neben dem Bett und schaute
mich an; er atmete schwer, und in seinen blauen Augen brannte ein Feuer, das
ihn zu verzehren drohte. Ich streckte meine Arme nach ihm aus, bat ihn
schweigend, zu mir zu kommen, auf mich, in mich. Ich spreizte meine Schenkel
- eine Geste, die ihn ohne Worte anflehte, mich zu nehmen ... Er balancierte
auf einem Bein und hob das andere hoch, aber anstatt auf das Ruhelager zu
steigen, schob er sein Knie sanft zwischen meine gespreizten Schenkel. Ich
streckte meine Hand aus, um ihn zu mir zu ziehen. Ich kannte keine Scham
mehr, keine Würde, dachte an nichts anderes als die Befriedigung meines
Verlangens, dieses Verlangens, ihn so tief in mir zu fühlen, daß ich zu
zerspringen glaubte, ihn in meinen willigen Körper eindringen zu spüren -
hart und tief und schnell. Aber er packte meine Hände und schob sie von sich
weg, während er verneinend den Kopf schüttelte.
Bevor ich
noch meine Bitte äußern konnte, drückte er leicht gegen mein so sensibles
Fleisch und ich kam augenblicklich. Hart. Es war vollkommen unerwartet.
Sechs Jahre eines Daseins als Hure - die tägliche Befriedigung von Männern -
nichts hatte mich auf das vorbereitet, was ich jetzt erlebte. Ich grub meine
Nägel in seine Hände, bog meinen Rücken und schrie auf.
"Maximus!"
Welle auf Welle ließ meinen Körper erzittern, ein Gefühl so heftig, so
intensiv, daß es Lust und Schmerz zugleich war und ich nicht wußte, wo das
eine endete und das andere begann. Ich wünschte nur, daß dieses Gefühl für
immer dauern sollte.
Ich fiel
zurück auf das Lager, vollkommen ausgelaugt, erschöpft, mein Körper in
Schweiß gebadet. Ich merkte nicht, wie ich meinen Griff lockerte, wie er
sein Knie wegnahm und mich verließ, um leise zu dem mit einem Vorhang
verhängten Ausgang zu gehen und hinauszuspähen.
Als ich
wieder zu mir kam, beobachtete er noch immer, was um uns herum geschah. Sein
Profil zeichnete sich gegen das goldene Licht ab. Als ich mit meiner Hand
das Haar beiseite schob, das mir im Gesicht klebte, fiel mein Blick auf
seinen linken Arm. Die Lampe flackerte, aber ich konnte die kleine
Tätowierung auf seinem Oberarm erkennen, das SPQR, das ich so gut kannte,
die vier Buchstaben, die von seinem Versprechen, Rom zu dienen, Zeugnis
gaben. Meine Augen wanderten seinen Arm hinab zu seiner linken Hand, bis ich
fand, was ich suchte ... zu finden und anzuschauen fürchtete: den silbernen
Ring, das Symbol seines Versprechens an die Frau, der sein Herz gehörte,
sein Körper und seine Treue. Die Frau, die mit Sicherheit als Jungfrau in
sein Bett gegangen war und ihm Söhne geschenkt hatte, die seinen stolzen
Namen fortführten. Ich seufzte schwer, und die Last der Realität senkte sich
mit ihrem ganzen Gewicht auf meinen erschöpften Leib. "Du bist ein seltsamer
Mann." Ich merkte erst, daß ich meine Gedanken laut ausgesprochen hatte, als
er den Vorhang sinken ließ und sich mir wieder zuwandte. Maximus
verschränkte die Arme und er erlaubte seinem Körper, sich ein wenig zu
entspannen. Plötzlich sah er so müde aus, so müde, wie ich es war.
"Wirklich? Wieso?" fragte er leise. In der schwülen Dunkelheit und unter dem
anhaltenden Eindruck der durchlebten Emotionen war die Wirkung seiner Stimme
noch um vieles berauschender.
Ich rollte
zur Seite, um meine Tunika zurechtzuzupfen und meine Beine zu bedecken,
bevor ich ihm erklärte: "Du bist der einzige Mann, dem ich bisher begegnet
bin, der nicht nur an seinem eigenen Vergnügen interessiert ist." Ich
schaute ihn an und sah, daß sich sein erregtes Glied immer noch deutlich
unter dem Stoff seiner Tunika abzeichnete. Ich konnte nicht umhin, ihn
schelmisch anzugrinsen. "Ist dir klar, daß du dafür wirst zahlen müssen."
Er fuhr
sich mit der Hand über die Augen, dann über den Nacken, eine Geste, so
natürlich und unschuldig, daß ich mich zurückhalten mußte, um nicht den Raum
zu durchqueren, ihn in die Arme zu nehmen und wie ein müdes Kind zu trösten.
"Ich weiß.
Ich hoffe nur, daß ich morgen nicht auf ein Pferd steigen muß", sagte er mit
belegter Stimme.
Ich
kicherte. Dabei war ich mir bewußt, daß wir beide verlegen waren, unsicher
und nicht bereit auszusprechen, was wir tief in uns fühlten.
Ich wurde wieder ernst. "Ich beneide Deine Frau. Sie muß sehr glücklich
sein."
Maximus
lächelte. "Das möchte ich wohl glauben."
"Ich
hoffe, daß sie es wert ist."
"Das ist
sie. Ich habe ihr versprochen ...", er unterbrach sich, als ihm plötzlich
bewußt wurde, daß er über etwas sehr Persönliches und Privates mit einer
Frau sprach, die er soeben sexuell befriedigt hatte - auch wenn er dazu
nicht mit ihr schlafen mußte.
Ich wollte
es gar nicht wissen. Wollte nichts über sie hören, über ihn, über sie beide.
Ich wollte mir nicht weh tun, sondern mich an die Hitze und Leidenschaft
klammern, die ich vor kurzem erlebt hatte. Aber ebenso wollte ich weiter
seine Stimme hören, seine tiefe, schöne Stimme. Ich mußte dieses erregte
Vibrieren meinem Gedächtnis einprägen, um mich damit in den einsamen,
hoffnungslosen Nächten zu trösten.
"Hast Du
Kinder?"
Er
lächelte wieder dieses süße, jungenhafte Lächeln, und plötzlich schien es,
als sei die ganze Last von zu viel Verantwortung und Sorge von ihm
abgefallen. "Einen Sohn. Er ist zwei", sagte er. "Sein Name ist Marcus."
"Wie der
Kaiser?"
"Ja."
Ich erhob
mich von meinem Lager und näherte mich ihm langsam, hielt jedoch inne, kurz
bevor ich nahe genug war, um ihn zu berühren. "Du mußt eine hohe Meinung von
unserem Imperator haben?"
"Das habe
ich. Er ist wie ein Vater für mich. Ich habe meinen Vater verloren, als ich
noch sehr jung war."
Ich war an
den Grenzen meiner Kraft angelangt, mein innerer Aufruhr war nur noch schwer
zu bändigen. Ich fühlte mich erschöpft und gleichzeitig ruhelos. Fühlte mich
befriedigt und dennoch voller Verlangen. Mir war warm und trotzdem zitterte
ich. Ich verlor ihn und konnte nichts dagegen tun. Ich seufzte schwer, und
meine Augen verschleierten sich mit heißen Tränen, die ich nicht zu
vergießen wagte. Ich kannte die Antwort und wußte, daß ich verletzt werden
würde, trotzdem konnte ich nicht anders. Ich blickte ihm in die Augen und
fragte zögernd: "Was Du für mich getan hast ... war es nur, weil Du es
mußtest?"
Maximus
antwortete nicht. Statt dessen sagte er: "Julia, eines Tages wirst du jemand
finden. Jemand ganz besonderen."
Meine Kehle war wie zugeschnürt. Ich vernahm meine eigenen Worte wie
erstickt, während ich gegen die Tränen ankämpfte: "Maximus, ich bin eine
Sklavin."
"Wenn
Cassius nicht mehr ist, wirst Du frei sein. Du hast es verdient und auch die
anderen Frauen", sagte er sanft. Freiheit? Wußte er, daß ich nicht mal eine
Vorstellung hatte, was dieses Wort bedeutete? Verstand er nicht, daß
Freiheit in diesem Augenblick für mich bedeutungslos war, weil ich auf eine
andere Art zur Sklavin geworden war? Was konnte Freiheit jetzt für mich
bedeuten, da ich mein Herz an einen Mann verloren hatte, der mich nicht nur
nicht liebte, sondern einer anderen Frau so verbunden war, daß er uns beiden
das Wenige versagte, das wir hätten haben können, obwohl er mich ebenso
begehrte wie ich ihn?
Er schien
auf meine Antwort zu warten. Ich machte mich auf den Schmerz gefaßt.
"Aber Dich
gibt es nur einmal. Und Du bist vergeben", sagte ich.
"Julia,
ich habe meine Frau zwei Jahre lang nicht gesehen. Mit einem Mann in meiner
Position verheiratet zu sein, ist mit enormen Nachteilen verbunden. Olivia
bringt unglaubliche Opfer ..."
Olivia.
Er hatte
es ausgesprochen und ich fühlte mich, als hätte er mir ins Gesicht
geschlagen. Der alternde Senator hatte mich geschlagen, als, obwohl eine
Sklavin und für eben dies trainiert, mein zwölf Jahre junger Körper sich
dagegen aufgelehnt hatte, daß man ihm Gewalt antat. Er hatte mich ins
Gesicht geschlagen. Fest. Und nicht nur einmal. Irgendwie hatten diese
körperlichen Schläge nicht so geschmerzt wie der Klang des Namens seiner
Frau.
"Olivia",
wiederholte ich.
Maximus preßte die Lippen zusammen und schaute weg. Offenbar fühlte er sich
nicht wohl bei dem Gedanken, den Namen seiner Frau in meiner Gegenwart
ausgesprochen zu haben, denn er war bestrebt, wieder zum Geschäftlichen
zurückzukehren. "Julia, erinnerst du Dich, was Du Marcellus von mir sagen
sollst?"
"Ja."
"Was?"
Ich schloß
die Augen. Es war vorbei.
Ich
schluckte kräftig und wiederholte die Botschaft; wieder einmal war ich
nichts als ein Werkzeug, das von Männern benutzt wurde. "Daß Du ihn
unterstützen wirst, und daß Du dabei sein mußt, wenn ... es geschieht ...
aber Du wirst schwer bewacht. Ich nehme an, Du möchtest, daß er dir sagt,
wann, wo und wie es geschehen soll."
"Ja. Und
das muß sehr bald sein."
"Er soll
eine Botschaft durch Claudius schicken?" fragte ich?
"Das
scheint mir der sicherste Weg zu sein."
Plötzlich
wurde ich mir der Gefahr richtig bewußt, und der Gedanke, daß er durch
Cassius' Hand sterben könnte, traf mich wie ein Hieb in die Magengrube. Ich
streckte meine Hände nach ihm aus. "Maximus, bitte sei vorsichtig. Dein
Leben ist in großer Gefahr. Denk daran", bat ich ihn. Er rührte sich nicht,
gab mir auch keine Antwort. Ich ließ meine Hände wieder sinken.
Er nickte.
"Ich muß gehen. Du bist gut, Julia. Marcellus hat klug gehandelt, Dich
auszuwählen."
Dann zog
er rasch den Vorhang zur Seite und ließ ihn hinter sich fallen, als er in
den Hauptraum des Zeltes trat, ohne sich noch einmal umzublicken. Er ließ
mich in der Dunkelheit zurück, jener Dunkelheit, die mich noch vor kurzem
eingehüllt hatte, als ich mich zum erstenmal einem Mann wirklich hingab.
Ich saß
auf dem Ruhebett und schlang die Arme fest um meinen Körper, wie ich es
getan hatte, als ich noch ein kleines Mädchen war. Ich hatte seinen
moschusgleichen Geruch noch in der Nase, mein Fleisch war noch immer erregt
und sehnte sich nach ihm. Ich schloß die Augen, verschränkte die Arme über
der Brust und versuchte, die Wärme seines Körpers festzuhalten.
Ein
Versuch, der kläglich fehlschlug. Ich vergrub mein Gesicht in den Händen und
weinte, wie ich niemals zuvor geweint hatte.
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5.Die
Nacht in seinem Zelt
Das
Schluchzen schüttelte meinen Körper mit der gleichen Gewalt, mit welcher die
Wellen der Lust über mir zusammengeschlagen waren. Dieser Schmerz war so
neu und heftig wie die körperlichen Freuden, die ich noch vor kurzem erlebt
hatte. Ich weiß nicht, wie lange ich weinte. Es können Minuten, Stunden oder
Tage gewesen sein. Ich hatte das Bedürfnis, meinen Kummer hinauszuschreien,
damit mein Herz nicht zerbarst. Ich wollte Maximus nachlaufen, ihn anflehen,
nicht verlassen, nicht allein gelassen zu werden, einfach nur bei ihm
bleiben zu dürfen, um seine Freundlichkeit und Stärke in mich aufnehmen zu
können. Verzweifelt rang ich nach Luft - gleich einer Ertrinkenden. Denn
das, was ich empfand, kam dem Ertrinken gleich, Ertrinken in Schmerz und
Tränen und Herzeleid. Mein Gesicht immer noch in den Händen vergraben,
schwankte ich hin und her wie ein verzweifeltes Kind, versuchte vergeblich,
mich selbst zu trösten. Endlich beruhigte ich mich. Mein Atem wurde
gleichmäßiger und das wilde Hämmern meines Herzens ging in ein dumpfes,
schmerzvolles Schlagen über. Ich konnte nicht ewig in dem Alkoven bleiben.
Fragen mußten beantwortet, eine Botschaft überbracht und Vorkehrungen für
Maximus' Sicherheit getroffen werden. Ich gestand mir noch ein paar Minuten
zu, um meine Fassung wieder zu erlangen, aber mir war durchaus bewußt, daß
ich mit meinen roten, verschwollenen Augen niemand täuschen konnte, am
wenigsten Marcellus oder Cassius.
Ich stand
auf und wankte, meine Beine drohten, ihren Dienst zu versagen. Aber ich
kämpfte gegen den Schwindel an, gegen das Bedürfnis, mich wieder auf das
Ruhebett zu legen, zusammenzurollen und in den Schlaf zu weinen. Ich
widerstand dem dringenden Verlangen, mich hinzulegen, die Augen zu schließen
und zu warten, bis der Tod mich holen käme ... denn aus langer Erfahrung
wußte ich, daß der Tod nicht kommen würde, wie inständig ich ihn auch
herbeisehnen mochte.
Ich holte tief Luft, öffnete den Vorhang und trat hinaus in den Hauptraum
des Zeltes. Viele der Offiziere waren bereits gegangen, die noch
verbliebenen lagen, mehr oder minder bekleidet, ausgestreckt auf den
Ruhebetten - schlafend oder bewußtlos. Ich hoffte, daß ihr Schnarchen laut
genug gewesen war, um mein Weinen zu übertönen. Maximus, Marcellus oder
Cassius waren nirgends zu sehen, und die meisten Frauen waren bereits in die
Sklavenquartiere zurückgekehrt. Ich neigte den Kopf, um meine verweinten
Augen zu verbergen und eilte aus dem Zelt.
Die Nacht
war, wie viele andere in Moesia, heiß und schwül. Ich hatte nur einige
Schritte in Richtung der Frauengemächer getan, als mein rechter Arm mit
eisernem Griff gepackt und ich herumgewirbelt wurde. Der Schwung schleuderte
mich hart gegen Marcellus' breite Brust. Ich zuckte zusammen und wandte das
Gesicht ab.
"Was hast
Du so lange getrieben, Julia?" flüsterte er. "General Maximus hat die Party
schon lange verlassen."
"Es ... es
tut mir leid", stammelte ich, während ich immer noch versuchte, mein Gesicht
zu verbergen. "Ich ... ich mußte mich ein wenig ausruhen. Ich fühle mich
unwohl."
Marcellus
zeigte nicht das geringste Mitgefühl. So ein Mann war er nicht. "Hast Du
getan, was ich Dir befohlen hatte?" fragte er mich barsch. Ich nickte. "Und?
Was hat er gesagt?" Ich atmete tief durch und wiederholte Maximus'
Botschaft. Was ich sagte, schien ihm zu gefallen, denn er lockerte seinen
Griff an meinem Arm. "Bist Du sicher?" drängte er.
"Das bin
ich. Er sagte, Du müßtest es ihn wissen lassen, wenn Du vorhättest, die Tat
auszuführen. Du solltest ihm durch Claudius eine Nachricht schicken",
flüsterte ich.
Marcellus
ließ mich los, und wieder wankte ich. Er schaute mich fragend an, dann
packte er mich unter dem Kinn und zwang mich, ihn anzuschauen. "Was ist los,
Julia?" fragte er, und seine dunklen Augen betrachteten aufmerksam mein
Gesicht. "Hast Du geweint?"
Ich
versuchte, mich wieder abzuwenden, aber gegen seine Kraft war ich machtlos.
"Ich sagte Dir, daß ich mich nicht wohl fühle ... Ich habe getan, was du mir
aufgetragen hast. Bitte, laß mich jetzt gehen."
Er trat
zur Seite, ich drehte mich um und machte mich auf den Weg zu den
Sklavenquartieren, aber ich war nicht schnell genug, und so hörte ich sein
Gelächter und auch seine letzte Bemerkung. "Irgendwann einmal mußt Du mir
sagen, was er mit Dir gemacht hat, das Dich so aus der Fassung gebracht hat.
Ich dachte, Du hättest die Zeit längst hinter Dir, in der man errötet und
Tränen vergießt, Julia! Hat er Dir vielleicht noch einen neuen Trick
beigebracht?"
Salz in
eine offene Wunde zu streuen ist die verbreitetste Art der Folter, und ich
verstehe nun, daß es auch eine äußerst effektive ist. Marcellus' Worte waren
noch um vieles schlimmer als Salzkörner, die auf mein blutendes Herz
gestreut wurden ... Ich rannte hinüber zu den Frauengemächern. Ich rannte am
Prätorium und seinem Tor vorüber, wobei ich die schlafenden Wachen
aufschreckte. Ich stolperte und fiel hin, stand wieder auf und rannte
weiter. Ich rannte an Reihen weißer Zelte entlang und durch die Tür unserer
Wohnräume. Es handelte sich um ein komfortables Gebäude aus Stein und Holz,
das sowohl unsere Schlafräume umfaßte als auch Bäder und die Unterkünfte der
Sklavenmädchen, die uns bedienten. Ich stürmte durch die Tür und blieb
abrupt stehen, als ein halbes Dutzend Frauen, die beisammen saßen, sich
unterhielten und tratschten, mich anstarrte.
Es
überraschte mich jedesmal aufs neue, daß sie so gern miteinander schwatzten,
daß sie offenbar so viel Stoff zum Schwatzen fanden. Ich suchte die
Gesellschaft anderer Menschen nur selten, sehnte mich statt dessen nach
Einsamkeit und Frieden und teilte meine wenigen freien Momente nicht mit
ihnen. Die anderen Frauen wußten das und akzeptierten meine Entscheidung,
wie sie mein Urteil annahmen, wenn es darum ging, Entscheidungen innerhalb
unserer Wohnräume zu treffen. Uns verband eine seltsame Freundschaft.
Nun
blickten sie mich alle mit erschreckten Gesichtern an, die Augen weit
aufgerissen und ihre Münder leicht geöffnet. Ich blieb an der Tür stehen und
preßte die Hände schwer atmend gegen meine Brust. Dann kam Eugenia zu mir
herüber. Sie war eine auffallende dunkelhaarige Schönheit, vier oder fünf
Jahre älter als ich, mit Augen wie Smaragden, ihre seidige Haut glänzte in
einem leichten Bronze-Ton. "Julia ...?" fragte sie zögerlich. "Julia ... was
ist los? Was ist passiert? Geht es Dir gut?"
Ich
schüttelte verneinend den Kopf, biß mir auf die Unterlippe und hob abwehrend
die Hand. Ariadna mischte sich ein. "Was ist los mit ihr? Als ich sie das
letztemal sah, schien sie mir mit ihrem gutaussehenden spanischen General
glücklich und zufrieden zu sein?"
Das war
mehr, als ich ertragen konnte. Mit einem erstickten Schluchzen flüchtete ich
in mein Zimmer. Eugenia versuchte, mich aufzuhalten. Sie war eine große Frau
und es war ihr ein leichtes, mich bei den Schultern zu packen und sanft zu
schütteln. "Julia", drängte sie mich, "was ist los?" Ich schaute mit, wie
mir wohl bewußt war, wildem Blick in ihre Smaragdaugen und schüttelte
abermals verneinend den Kopf. "Julia ...", setzte sie erneut an und fuhr
fort, mit ihrer tiefen Stimme auf mich einzureden.
Ich konnte
plötzlich nicht mehr an mich halten, riß mich los und schrie: "Verschwinde!"
Ich rannte weg und schleuderte ihr nochmals entgegen: "Laß mich in Ruhe!"
Als ich in
mein Zimmer kam, schloß ich die Tür hinter mir und lehnte mich dagegen. Die
anderen Frauen mußten sich ihr Schlafzimmer zu zweit oder dritt teilen,
während ich, als Herrin der Sklavenquartiere und Cassius' Favoritin, das
seltene Privileg genoß, ein Zimmer ganz für mich allein zu haben. Es war
klein aber komfortabel, ausgestattet mit einem Ruhebett, einem Tisch, einem
Sessel und einem Stuhl, einem Schrank und meinen Truhen. Ich hatte sogar
einen Spiegel, eine auf dem Tisch befestigte polierte Bronzeplatte, vor der
zwei Lampen brannten.
"Herrin
Julia?" Das vorsichtige Stimmchen ließ mich zusammenfahren. Ich wandte mich
um und schaute das kleine Mädchen an, das meine persönliche Dienerin war.
Sie dürfte nicht älter als zehn Jahre gewesen sein, schwarz wie Ebenholz und
hatte einen ebensolchen Wuschelkopf voller wild abstehender Locken. Ihre
Augen waren groß und rund und den Mund mit den aufgeworfenen Lippen hätte
man schön nennen können, wäre er nicht von einer häßlichen Narbe entstellt
gewesen, die ihr der Schlag eines gleichgültigen Sklavenhändlers beigebracht
hatte. Ihr Name war Rufa, und, nach ihrem Äußeren zu schließen, war sie eine
Numiderin.
"Herrin
Julia", wiederholte sie in ihrem stockenden, kehligen Latein. "Geht es Dir
gut?"
Ich nickte
und zwang mich zu einem Lächeln. Das Mädchen war zu jung, um einer Hure zu
dienen, und hoffentlich auch zu jung, um zu verstehen, was um sie herum
geschah. "Ja, Kleines", sagte ich, und meine Stimme klang meinen eigenen
Ohren fremd. "Was machst Du noch hier? Es ist spät ...", sagte ich langsam,
denn es fiel ihr noch immer schwer, die Sprache jener zu verstehen, die sie
gefangengenommen hatten.
"Ich
warte, weil ich Dir helfen will, Herrin Julia", antwortete sie zögerlich,
die Augen weit geöffnet mit jenem Ausdruck von Furcht, der sie nie verließ,
wie sehr ich mich auch bemühte, sie davon zu überzeugen, daß sie von mir
nichts zu befürchten habe. "Ich werde Deine Hilfe heute Nacht nicht
brauchen, Kleines. Und nenn' mich nicht 'Herrin Julia', denn ich bin nicht
Deine Herrin sondern Deine Schwester. Ich habe Dir schon viele Male gesagt,
daß ich eine Sklavin wie Du bin."
Rufa
runzelte die Stirn. Meine Worte, Worte, die für sie keinen Sinn ergaben,
hatten sie offenbar verwirrt. Ich seufzte. "Geh schlafen, Rufa", sagte ich
und konnte es kaum erwarten, endlich allein zu sein.
"Aber,
Herrin Julia, ich habe duftendes Wasser für Dich gebracht, damit Du ..." Der
Ausdruck in meinem Gesicht schien sie so erschreckt zu haben, daß sie mitten
im Satz verstummte.
"Geh!"
sagte ich mit erstickter Stimme. Da sie sich nicht von der Stelle rührte,
fauchte ich sie an: "Verschwinde! Auf der Stelle!"
Sie
flüchtete aus dem Zimmer. Endlich allein, ging ich langsam zum Tisch und
setzte mich auf den Stuhl, der vor demselben stand, so wie ich es immer tat,
wenn ich mich zurechtmachte für den Mann, zu dem man mich geschickt hatte.
Ich vermied es, mein Spiegelbild anzuschauen, denn ich wußte, daß mein
Gesicht blaß und abgespannt war und mich einem Paar wild dreinblickende
Augen anstarren würde. Statt dessen sah ich auf meine feine seidene Tunika
hinab und stellte fest, daß sie mit Schmutz bespritzt war. Augenblicklich
dachte ich an Turia und daran, wie sie mich anzuschreien pflegte, als ich
noch ein Kind war und meine feine Kleidung beschmutzt hatte, während ich
mich in den Gärten von Cassius' Villa versteckt hatte. Turia ... als ich sie
das letztemal gesehen hatte, verbrachte sie ihre Tage auf einem Ruhebett
liegend und hustete sich die Seele aus dem Leib. Sie welkte langsam dahin,
starb an Schwindsucht, einsam und vergessen in einem Hinterzimmer der Villa.
Sie war eine Freigelassene und Cassius willige Geliebte gewesen. Hatte sie
für ihn ebenso gefühlt wie ich jetzt für Maximus? War sie letztendlich genau
wie ich zurückgewiesen worden? Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte lange Zeit
nicht an Turia gedacht. Plötzlich wünschte ich, sie wäre hier. Ich wünschte,
ich könnte sie fragen ...
Ich stand
auf und begann, mich auszuziehen. Rufa hatte mir eine Schüssel mit
parfümiertem Wasser gebracht, einen Waschlappen und ein Handtuch. Ich hatte
sie angewiesen, diese Dinge jedesmal bereitzuhalten, wenn ich unser Quartier
verließ, um zu einem Mann zu gehen. Duftendes Wasser, ein Waschlappen und
ein Handtuch, um die Erinnerungen an jene "Vereinigungen" wegzuwaschen. Aber
in jener Nacht galt es nicht, Erinnerungen auszulöschen, sondern sie zu
bewahren: Maximus' so männlichen Moschusduft, seinen sengend heißen Mund,
seine betörende Stimme, seine Arme um meinen Körper, seine breite Brust und
die starken Muskeln, sein hartes Fleisch, das sich gegen meines preßte ...
Ich zog
mich zu Ende aus und streifte das hauchdünne Nachthemd über, welches Rufa
für mich auf dem Ruhebett bereitgelegt hatte. Dann ging ich zu einer der
Truhen, um ein Obergewand herauszunehmen, denn trotz der Hitze fröstelte es
mich. Während ich die Truhe durchsuchte, berührten meine Finger den dort
verborgenen Dolch; ich nahm ihn heraus und setzte mich an den Tisch. Ich
drehte und wendete die zierliche Waffe in meinem Händen und war fasziniert
von dem kalten Glanz des Metalls im goldenen Licht der Öllampen.
Ich hatte
meine Kindheit in Cassius' Villa verbracht und nie eine Puppe besessen. Ich
hatte mich so sehr nach einer Puppe gesehnt wie ich mich nach meiner Mutter
gesehnt hatte, aber Sklaven haben weder eine Kindheit noch haben sie
Spielsachen. Einmal hatte ich mir selbst eine Puppe aus Gras und Blumen aus
dem Garten gemacht und sie mit Stoffetzen meiner eigenen Kleidung
ausstaffiert. Ich versteckte sie unter einem dichten Busch und rannte so oft
ich konnte dorthin, um mit ihr zu spielen. Aber Gras und Blumen verwelkten,
und meine Puppe zerfiel. Ich reparierte sie immer wieder, aber eines Tages
kam ich zu meinem Versteck, und sie war nicht mehr da. Wahrscheinlich hatte
der Gärtner sie gefunden und weggeworfen. In jener Nacht weinte ich mich in
den Schlaf.
Im Laufe
der Jahre hatte es nur ein Ding gegeben, daß ich mit solcher Leidenschaft
hütete wie jene Puppe, und das war der silberne Dolch, den ich nun in meinen
Händen hielt. Er hatte dort auf dem Tisch gelegen, gleich neben dem Bett, in
dem der Senator mir Gewalt angetan hatte. Er hatte ihn benutzt, um Früchte
zu schälen, mit denen er mich fütterte, und dann hatte er mir eine Puppe
gegeben, eine Puppe so schön wie ich noch keine je gesehen hatte. Er war ein
gutaussehender Mann gewesen, sein lockiges braunes Haar durchzogen von
silbernen Strähnen, seine haselnußbraunen Augen lächelten gütig. Aber er
hatte Cassius' Geschenk angenommen, das erste auf einer langen Liste.
Man hatte
mich angewiesen zu gehen, während er noch schlief. Ich schlüpfte aus seinem
Bett und dem Zimmer und zuckte zusammen, als mein wunder Körper mich an das
erinnerte, was er mir angetan hatte ... aber ich vergaß nicht, den Dolch
mitzunehmen, den ich im Kleid der Puppe versteckte. In jener Nacht weinte
ich nicht, und am Morgen warf ich die Puppe in einen der Abwasserkanäle. Ich
hatte niemals wieder geweint, niemals bis zu dieser Nacht, in der mein
Schutzpanzer zerbrach und mein Körper in nie gekannte Sphären des Glücks
emporgehoben wurde. Wieder drehte ich den Dolch in meinen Händen, immer noch
fasziniert von seinem Glanz. Dann nahm ich ihn in meine rechte Hand, legte
die linke auf den Tisch und drehte die Innenseite des Handgelenks nach oben.
Die blauen Venen pulsierten leicht unter der durchscheinenden Haut...
Sich die
Pulsadern aufzuschneiden war schon immer die von Römern bevorzugte Methode
gewesen, sich das Leben zu nehmen, obwohl einige es auch bevorzugen, Gift zu
nehmen, und hochrangige Offiziere sich in ihr Schwert stürzen. Ich hatte
gehört, daß das Öffnen der Pulsadern einen schmerzlosen und friedlichen Tod
schenkt ... wie jede Form des Sterbens, wenn man den Tod einmal akzeptiert
hat. Wie im Traum sah ich mich selbst die Klinge näher an mein Handgelenk
führen, und ich drückte die Spitze sanft gegen die empfindliche Haut. Dann
zog ich die Klinge über das Handgelenk, und sofort zeigten sich kleine rote
Blutstropfen entlang der schmalen roten Linie. Seltsam unberührt bemerkte
ich, daß es wirklich nicht weh tat - aber offensichtlich auch keinen Schaden
anrichtete. Ich setze den Dolch abermals an, diesmal mit ein wenig mehr
Druck. Blut schoß hervor und lief in einem kleinen Rinnsal das Handgelenk
herab und über den Tisch ... noch immer kein Schmerz, kein wirklicher
Schaden. Ich nahm allen Mut zusammen, um einen tiefen Schnitt zu machen.
Die Tür
wurde aufgerissen.
"Julia!"
Eugenia stand atemlos und mit wogendem Busen vor mir.
Wie
benommen hob ich den Kopf und ließ den Dolch fallen. Er landete auf dem
Boden, aber der Teppich dämpfte das Geräusch.
"Was ...?"
"Julia, da
ist eine der Wachen, die dich sprechen will! Wir wollten ihn aufhalten, aber
er sagt, er habe den Befehl, Dich ..." Eugenia wurde von dem uniformierten,
schwer bewaffneten Mann, der sich Einlaß zu meinem Zimmer verschafft hatte,
grob zur Seite gestoßen.
"Du!"
sagte er mit dröhnender Stimme, die für Angehörige des römischen Militärs so
typisch zu sein scheint. "Komm mit!"
Ich stand
auf und wickelte hastig den Waschlappen um mein Handgelenk.
"Wohin
bringst Du sie?" verlangte Eugenia zu wissen.
Der Mann
knurrte nur: "Halt den Mund!" Er packte mich am linken Arm und zog mich
hinter sich her, während ich versuchte, das Obergewand über meiner Brust
zusammenzuhalten.
Er zerrte
mich durch das Lager und in das Prätorium. Obwohl ich daran gewohnt war,
herumkommandiert zu werden, hatte man mich so noch niemals behandelt. Ich
vermutete, daß Cassius die Wahrheit über Marcellus herausgefunden haben
könnte - und über die Rolle, die ich in diesem Komplott spielte. Er würde
keine Rücksicht darauf nehmen, daß ich auf Befehl seines Legaten gehandelt
hatte. Er war ein unbarmherziger Mann und würde meinen Tod anordnen, ganz
gleich wie sehr ich meine Unschuld beteuerte. Ich fürchtete den Tod nicht
... war nur enttäuscht, daß die Wache nicht ein paar Minuten später gekommen
war: das hätte Cassius wenigstens der Möglichkeit beraubt, mich zu töten,
mich, die ich mein Leben lang gezwungen gewesen war, mich seinem Willen zu
unterwerfen.
Aber die
Wache brachte mich nicht zu Cassius' Zelt. Statt dessen zog der Mann mich
daran vorbei und zu einem anderen Zelt. Meine Augen weiteten sich, als ich
Maximus neben dem Eingang stehen sah. Offensichtlich wartete er auf mich.
Die Wache stieß mich roh in Maximus' Arme, und er dankte dem Mann mit einem
Kopfnicken, dann legte er einen Arm unter meine Brüste und hob mich ohne
jegliche Mühe hoch und trug mich durch die Öffnung des Zeltes bis hin zu
seinem Bett, bevor er mich wieder absetzte, meinen Körper aber fest im Griff
behielt.
Ich hatte keine Angst verspürt, als ich dachte, man würde mich zu Cassius
bringen, aber jetzt, da ich in Maximus' Gesicht blickte, empfand ich eine
solche Furcht wie nie zuvor in meinem Leben. "Maximus ..." Die Worte blieben
mir in der Kehle stecken, als ich die scharfe Spitze eines Messers unter
meinem Ohr fühlte. Seine Augen waren nicht mehr sanft sondern glichen zwei
eisblauen Teichen. Aber noch weit furchterregender war der Klang seiner
Stimme, als er wütend in mein Ohr knurrte.
"Nette
Vorstellung heute abend, Julia."
"Maximus,
ich verstehe nicht." Ich zitterte am ganzen Leibe.
"Sprich
leise oder ich schlitze dir Deine hübsche Kehle auf."
Ich
bemühte mich verzweifelt, seine Stimmung aufzuhellen. "Ich ahnte, daß Du
frustriert sein würdest, aber dies ..."
"Halt den
Mund und tu, was ich sage. Beschreibe mir Claudius."
Claudius?
Worüber sprach er? Ich blickte ihm in die Augen, aber sie verrieten nichts.
Als ich zögerte, preßte er die Klinge des Messers etwas fester gegen meinen
Hals, und ich zuckte zusammen. "Ich habe ihn nie gesehen."
Aus den
Augenwinkeln sah ich, wie eine der Wachen den schweren Vorhang leicht zur
Seite schob, offenbar daran interessiert, einen Blick auf die sexuellen
Fertigkeiten des Generals zu werfen ... oder vielleicht auch auf die seiner
Hure.
"Raus!"
schnauzte Maximus, ohne sich auch nur umzublicken, seine kalten, stahlharten
Augen wichen keinen Moment von den meinen. Der Klang seiner Stimme war so
scharf wie die Klinge, die er gegen mein Fleisch preßte, und ich zuckte
zusammen, als habe er mich geschlagen. Der Vorhang fiel wieder zurück, und
Maximus setzte sein Verhör fort. "Wer hat Dein Treffen mit mir heute abend
arrangiert?"
"Das war
Marcellus."
"Marcellus. Ist er wirklich ein Tribun, Julia?"
Ich
wimmerte leise, erschreckt durch Maximus' plötzliche Brutalität. Er war
nicht mehr der leidenschaftliche Mann, der mich auf Cassius' Party geküßt,
noch der Mann, der die heiße Dunkelheit des Alkovens mit mir geteilt hatte.
Dieser Mann war ein vollkommen Fremder, gefährlich, ein Mann, der mühelos
drohen, Schmerz zufügen und töten konnte. Ein Mann, der all dies ohne Zögern
tun würde.
"Ja, ja.
Er ist einer von Cassius nächsten Beratern."
"Und er
wies dich an, was Du sagen solltest?"
"Ich habe
nur genau wiederholt, was er mir zu sagen befohlen hatte. Stimmt etwas
nicht, General?"
Maximus'
Brust hob und senkte sich zornig, und sein Atem ging stoßweise. Er knurrte:
"Claudius ist nicht Claudius."
"Was?"
"Ich kenne
Claudius, er war mit mir in Germanien, und der Mann, der behauptet, Claudius
zu sein, hat nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihm. Claudius ist ... war
... von mittlerer Größe und durchschnittlicher Statur, er hatte helles Haar.
Dieser Mann hier ist stämmig, untersetzt und glatzköpfig."
Ich
erkannte sofort, welchen Offizier er beschrieb. "Das ist Balbinus", sagte
ich. "Er ist Tribun und ein enger Freund von Marcellus. Maximus ... was geht
hier vor?"
"Ich weiß
es nicht. Aber Du hast Teil an alle dem."
"Teil an
was?"
Stück für
Stück entstand aus den Mosaiksteinen ein zusammenhängendes Bild vor meinem
inneren Auge. An der Botschaft, die zu überbringen man mir befohlen hatte,
war etwas faul. Maximus hatte eine Verschwörung in der Verschwörung entdeckt
... und er nahm an, daß ich Teil daran hatte. Ich blickte ihm in die Augen
und beteuerte schweigend meine Unschuld ... aber in diesen Augen war nichts
als kalter Haß zu sehen, der mich erschauern ließ - erschauern wie sein
heißer Blick noch vor wenigen Stunden in jenem Alkoven. Wieder verschwamm
alles vor meinen Augen. Ich war dankbar dafür. Wegen des Messers an meiner
Kehle konnte ich mein Gesicht nicht abwenden, aber ich ertrug es auch nicht,
noch länger in seine zornigen Augen zu blicken.
"Bitte,
Maximus, ich habe die Botschaft nur ausgerichtet. Ich habe keinen Teil an
irgend einer Verschwörung gegen Dich." Ich weinte still, so wie man weint,
wenn man zu erschöpft ist, um noch länger zu bitten oder zu hoffen. "Glaubst
Du wirklich, daß ich Dir das antun könnte?"
"Ich
glaube, daß Du alles kannst, was Du willst. Das war eine nette kleine
Vorstellung, die Du heute abend für mich gegeben hast", stieß er mit einer
Stimme hervor, die einem gefährlichen Knurren glich.
Ich wollte
mich rechtfertigen, meine Unschuld beteuern ... aber wozu? Er kannte mich
als die, die ich war, eine Sklavin und erfahrene Hure. Sklaven und Huren
sind bekanntlich Lügner. Aber ich mußte ihn überzeugen, daß ich nichts mit
irgendeiner Verschwörung zu tun hatte, sondern nur die Botschaft, wie mir
befohlen war, überbracht hatte. Ich legte eine zitternde Hand auf seine
Faust, die das Messer an meine Kehle drückte, und bot ihm das Wenige an, das
ich zu bieten hatte: die Wahrheit, die schmerzlichte, weil intimste
Wahrheit, der ich mich jemals hatte stellen, die ich jemals hatte
aussprechen müssen. "Es war keine Vorstellung, Maximus", flüsterte ich.
Wieder ließen die Tränen, die zu vergießen ich nicht wagte, alles vor meinen
Augen verschwimmen.
Er ließ es
zu, daß ich das Messer beiseite schob, und rührte sich nicht, als ich einen
Schritt zurück trat und mich umwandte, um ihn anzusehen. Ich hatte die Arme
fest vor meiner Brust verschränkt und versuchte, die Schluchzer zu
unterdrücken, die sich meiner Kehle entrangen, so sehr ich mich auch
bemühte, sie runterzuschlucken. Ich neigte den Kopf, und mein langes
rot-goldenes Haar verbarg mein Gesicht. "Ich würde nie ... ich habe nicht
... ich ...", stotterte ich schluchzend und von einem Schluckauf
unterbrochen.
Maximus
seufzte ungeduldig, dann steckte er das Messer wieder hinten in seinen
Gürtel und wollte mich in seine Arme nehmen. Ich sträubte mich jedoch und
versuchte, mich ihm zu entziehen. Aber Maximus nahm meine Weigerung nicht
hin; er blieb hartnäckig, und allmählich gab ich nach, sank an seine Brust
und ließ meinen Tränen der Erleichterung, der Qual, und des Herzeleids
freien Lauf. Ich lehnte meinen Kopf an seine Schulter und weinte, bis meine
Tränen seine weinrote Tunika durchnäßten, während er mich streichelte und
beruhigend auf mich einsprach als wäre ich das ängstliche kleine Mädchen,
das nie eine Puppe besessen hatte, und gleichzeitig die erwachsene Frau, die
so entsetzlich einsam war. Und beide, jene, welche ich gewesen und die,
welche ich jetzt war, sie beide fanden Wärme und Trost und Geborgenheit in
seinen starken Armen.
Lange Zeit
war im Zelt nur mein Schluchzen zu hören. Dann flüsterte Maximus mir ins
Haar, und was er sagte, war eine Entschuldigung. "Es tut mir leid. Ich bin
schuld daran, daß Du heute abend so viel weinst. Ich weiß nicht, wem ich
trauen kann, Julia, oder wer mich in eine Falle zu locken versucht. Ich weiß
nicht, wie du in dieses Szenario paßt."
Seine
tiefe, vibrierende Stimme war so beruhigend, und ich hatte das Gefühl, mit
seinem Körper zu verschmelzen. "Niemand vertraut mir etwas an, Maximus. Ich
werde nur benutzt ... als Bote, als Instrument der Lust. Ich befriedige nur
die Bedürfnisse der Männer. Nichts anderes. " Ich zog mich ein wenig zurück
und blickte in seine freundlichen blauen Augen. "Hätte ich den Eindruck,
Dich mit etwas verletzt zu haben ... wenn auch nur unabsichtlich ... ich
könnte damit niemals leben."
"Das hast
du nicht. Komm hier her und setz Dich." Maximus nahm mich bei der Hand und
führte mich zu seinem Bett, wo wir uns Seite an Seite niederließen, dicht
beieinander, jedoch ohne uns zu berühren. "Ich hätte Dich mit diesem Messer
niemals verletzt", sagte er mit einem kleinen Lächeln.
Ich konnte
nicht anders und erwiderte sein Lächeln unter Tränen. "Nun, du warst äußerst
überzeugend", sagte ich. "Du kannst ziemlich furchteinflößend sein, wenn du
willst."
"Ich weiß. Manchmal ist das ganz praktisch." Er senkte seine Stimme zu einem
Flüstern. "Julia, ich brauche Deine Hilfe."
"Wie kann ich Dir helfen?"
"Ich muß
Cassius töten und es so aussehen lassen, als habe es einer seiner Männer
getan."
"Warum
einer seiner Männer?"
"Wenn
ich ihn töte, werden weder ich noch meine Männer hier jemals lebend
herauskommen. Aber wenn die Soldaten dieser Legion denken, einer von ihnen
habe Cassius getötet, dann wird sie das genügend durcheinander bringen, um
den Anhängern von Marcus Aurelius eine Chance zu geben, die Kontrolle zu
übernehmen ... mit meiner Hilfe ... natürlich."
Er machte
eine Pause, während ich nachdenklich die Stirn runzelte, und ließ mir
genügend Zeit, das eben Gesagte zu verdauen. Dann fügte er hinzu: "Wirst Du
mir helfen?"
Ich nickte. "Du weißt, daß ich das tun werde." Ich schwieg kurz und fuhr
dann fort: "Wirst Du mir vertrauen?"
"Ja."
"Bist du
sicher? Ich habe keine Lust, wieder hier hereingezerrt zu werden - mit einem
Messer an der Kehle."
Maximus
lächelte über meinen Scherz, und ich fragte mich kurz, was er an sich hatte,
daß mich, selbst angesichts der Gefahr, in der wir uns befanden, so leicht
und spielerisch reagieren ließ. "Dafür kann ich Dir keinen Vorwurf machen",
sagte er, zerknirscht wie ein kleiner Junge, den man bei einem Unfug
erwischt hatte.
"Was ist
mit der Verschwörung gegen Dein Leben? Du bist auch in Gefahr, erinnerst Du
dich?" fragte ich ihn.
"Balbinus
warnte mich davor, das Lager heute, später am Tage, zu einem Ausritt zu
verlassen. Vielleicht beabsichtigt Cassius, das Lager zu verlassen, nachdem
er mich so weit eingeschüchtert hat, daß ich zurückbleibe. Wie praktisch
wird es für ihn sein, wenn ich bei seiner Rückkehr tot bin, und er seine
Hände in Unschuld waschen kann."
Der bloße
Gedanke an seinen Tod ließ mich erschaudern. Maximus bemerkte meinen Kummer.
"Ich muß einfach nur verhindern was immer er vor hat", sagte er beiläufig
und legte eine seiner großen, vom Schwertkampf schwieligen Hände auf meine,
die unter der seinen ganz verschwand. "Bist du mit Cassius' Tagesablauf
vertraut?"
Ich
nickte. "Nur allzu vertraut."
"Beschreibe ihn mir. Dann kann ich überlegen, wann und wo es am besten
geschehen sollte." Ich seufzte. Es gab kein Entrinnen.
Maximus
befragte mich länger als eine Stunde. Er ließ mich immer und immer wieder
berichten, was ich über Cassius' tägliche Routine wußte. Während der
Befragung kannte er keine Gnade, und ich bedauerte seine Feinde. Mehr als
einmal wandte ich meine Augen ab, wenn die Kenntnisse, die ich ihm ins Ohr
flüsterte, nur zu beredt davon Zeugnis gaben, wie intim ich mit dem Mann
gewesen war, den er zu töten beabsichtigte. War dies wieder einmal der Fall
, schob Maximus geistesabwesend eine meiner Haarlocken zur Seite, und ich
fragte mich abermals, ob er gar nicht bemerkte, daß er mich berührte .... er
schien dem Bedürfnis, mich zu berühren, einfach nicht widerstehen zu können.
Nachdem ich geendet hatte, schwieg Maximus einen Moment lang, dann fuhr er
sich mit der Hand über die müden Augen und den Nacken, eine Geste, die mir
so vertraut war, obwohl ich ihn erst einige wenige Stunden lang kannte.
"Julia",
sagte er, "ich muß aus diesem Zelt raus und mit meinen Männern sprechen -
und zwar vor Tagesanbruch. Ich denke, ich kann mich hier 'rausschleichen,
aber ich brauche einen Platz, um mich zu verstecken, bis es Zeit zum Handeln
ist. Ich kann nicht bei meiner Reiterei bleiben, denn sobald sie bemerkt
haben werden, daß ich nicht mehr da bin, werden sie deren Unterkünfte
durchsuchen. Aber ich muß innerhalb des Lagers bleiben, um handeln zu
können. Gibt es einen Ort, wo ich mich verstecken kann?
Ich
runzelte die Stirn und preßte die Lippen zusammen, während ich über Maximus'
Bitte nachdachte. Er ließ mich keinen Moment aus den Augen. Es gab nur einen
Ort, wo ich ihn verstecken könnte und ihm gleichzeitig nah genug wäre, um zu
helfen. "Die Frauengemächer", sagte ich. "Unsere Unterkünfte liegen am
hinteren Ende des Lagers, ein großes Gebäude aus Stein und Holz. Es gibt da
eine kleine Hintertür, welche die Sklaven benutzen, um die Wäsche zum Fluß
zu bringen. Du wirst sie leicht finden. Sie ist von innen zugesperrt, aber
ich werde dafür sorgen, daß sie geöffnet wird, und auf Dich warten."
Maximus
nickte. "Gibt es innerhalb des Gebäudes einen Platz, an dem ich mich
verstecken kann? Einen Keller vielleicht?" fragte er.
"Nein",
antwortete ich, "nur unsere Schlafräume, unsere Bäder und die Unterkünfte
der einfachen Sklaven, die uns bedienen."
Er
seufzte. "Das muß dann wohl reichen. Was ist mit den anderen Frauen?"
"Die
überlaß mir. Sie werden tun, was ich ihnen sage ... sie hassen Cassius."
Maximus
nickte abermals. "Ich werde eine Stunde, nachdem du gegangen bist, dort
sein. Sie werden denken, daß ich verschlafen habe, und meine Abwesenheit in
den nächsten Stunden nicht bemerken. Warte auf mich an der Hintertür."
Ich
nickte, und meine Gedanken überschlugen sich, als mir bewußt wurde, was ich
da im Begriff war zu tun. Was ich tun mußte.
"Julia", Maximus berührte sanft meine Wange, "ich möchte, daß Du Dir bewußt
bist, wie gefährlich das ist. Die Sache kann schief gehen, und dann könnte
es mir nicht möglich sein, Dich zu beschützen."
Mich zu
beschützen? Das einzige Mal, daß man mich beschützt hatte, war, als Cassius
sich geweigert hatte, seinen Freunden zu erlauben, mich auf einer seiner
Partys zu entjungfern. "Ich weiß, Maximus. Und Du brauchst Dir wegen mir
keine Sorgen zu machen. Ich werde schon zurechtkommen", flüsterte ich.
Maximus lächelte und nahm meine Hand zart in seine großen, warmen und
starken Hände, die sowohl Tod als auch Trost bringen, Blut vergießen und
Zärtlichkeit schenken konnten. Dann zog er sie an seine Lippen und küßte
meine Finger. Seine Lippen waren warm, und sein Bart strich leicht über
meine Haut. Nun war es an mir zu lächeln, aber meine Lippen zitterten und
ich schluckte hart. Maximus hob den Kopf und blickte mir in die Augen, immer
noch hielt er meine Hand, und unbewußt strichen seine Daumen zärtlich über
meine Handgelenke. Plötzlich hielt er inne, hob meine linke Hand hoch und
betrachtete den Verband.
"Maximus
..." begann ich und versuchte, ihm meine Hand zu entziehen. Aber er ließ es
nicht zu, streifte den Ärmel meines Kleides zurück und untersuchte die
Bandage, die nicht dort gewesen war, als wir uns zum erstenmal getroffen
hatten: sie war blutgetränkt. Maximus hob den Kopf und sah mir direkt in die
Augen.
"Was ist
das?" fragte er scharf und nicht eben freundlich. Ich machte mich auf seinen
Zorn gefaßt.
"Nichts",
sagte ich. "Ein Unfall ..."
"Was ist das?" wiederholte er, mit leiser und gefährlich tiefer Stimme. Da
er keine Antwort erhielt, riß er die Bandage herunter und brachte mein
Handgelenk näher ans Licht, um es besser untersuchen zu können. Ich hielt
den Atem an. Die dünne, rote, zornige Linie, die sich über das Fleisch zog,
sprach für sich selbst. Seine grobe Behandlung hatte die tiefere Wunde, die
ich mir etwas weiter unten beigebracht hatte, wieder geöffnet. Das Blut floß
in einem kleinen Rinnsal und verschmierte seine schwieligen Finger. Maximus
wandte mir sein nun zorniges Gesicht zu. "Was, zur Hölle, hast Du
vorgehabt?" blaffte er mich an. Wieder versuchte ich, ihm meine Hand zu
entreißen, aber natürlich war ich seiner Kraft nicht gewachsen. "Was hast Du
vorgehabt?" wiederholte er. Er war wütend, in seinen blauen Augen loderte
tödlicher Zorn... Und auch ich begann wütend zu werden. Ausgesprochen
wütend.
"Ist es
von irgendeiner Bedeutung für Dich, was ich tun wollte?" antwortete ich
bissig. "Du bist nicht mein Herr! Wenn ich mir das Leben nehme, dann beraube
ich nicht Dich eines wertvollen Besitztums! Was bedeutet es schon für Dich,
ob ich lebe oder sterbe?"
Er zuckte
zusammen, als hätte ich ihn geschlagen, hatte sich aber schnell wieder in
der Gewalt. Er packte mich an meinen Unterarmen, seine Hände unbarmherzig
wie eiserne Zangen, dann zog er mich so nah an sich heran, daß unsere
Oberkörper sich berührten.
"Du
möchtest sterben, Julia?" zischte er und schüttelte mich, daß meine Zähne
aufeinander schlugen, und mir das Haar ins Gesicht fiel.
"Du
möchtest sterben?" wiederholte er.
Das war zu
viel. Ich konnte es nicht mehr ertragen. Nicht in dieser Nacht. Nicht von
ihm. Ich schüttelte den Kopf, um die Haarstränen, die mir in die Augen
hingen, aus meinem Gesicht zu schleudern, und zischte wütend zurück: "Ja!
Ja, ich will sterben! Ich wollte sterben, so lange ich mich erinnern kann,
aber ich wußte es nicht! Nicht bis heute nacht! Ich will sterben, General
Maximus! Was bedeutet Dir das schon?"
"Was es
mir bedeutet?" knurrte er, und seine Stimme hob sich bedrohlich. "Du wagst
es, mich zu fragen, was es mir bedeutet, ob du lebst oder stirbst?"
"Ja!" zischte ich zurück, nun jedoch ohne jede Furcht, so wie ich vor kurzem
noch jedes Gefühl von Scham hinter mir gelassen hatte.
Maximus
schüttelte mich wieder. "Ist Dir klar, wie viele Menschen ich habe sterben
sehen? Ist dir klar, wie viele Männer und Jungen ich zu den Göttern und
Ärzten habe flehen sehn, sie nicht sterben zu lassen?" stieß er wütend
hervor. "Ist Dir klar, wie viele Menschen ich getötet oder in den Tod
geschickt habe? Ist dir klar, wie schwer all das Blut auf der Seele eines
Mannes lastet?"
Er hielt inne. Der bestürzte Ausdruck in seinen Augen zeigte mir, daß er zu
viel gesagt hatte, daß er etwas ausgesprochen hatte, das tief in seiner
Seele verborgen war, etwas, das ihn quälte. Etwas, das er niemals zuvor
irgend jemand eingestanden hatte ... nicht einmal sich selbst. Seine Hände
schlossen sich schmerzhaft um meine Unterarme. Der Augenblick schien sich
eine Ewigkeit hinzuziehen, unsere Augen bohrten sich in einander, und beide
hielten wir den Atem an. Maximus neigte den Kopf und preßte seinen Mund in
einem leidenschaftlichen, brutalen Kuß auf meine Lippen. Ich erwiderte den
Kuß mit einer glühenden Leidenschaft wie ich sie nie für möglich gehalten
hätte. Mit einem Seufzer öffnete ich die Lippen, um ihm Einlaß in meinen
Mund zu gewähren, während ich gegen seinen eisernen Griff ankämpfte ... in
dem verzweifelten Wunsch, ihn zu berühren, seinen Körper zu spüren.
Abrupt
brach Maximus den Kuß ab und richtete sich auf. Er ging weg, drehte mir
seinen Rücken zu. Auch ich versteifte mich, verschränkte die Arme vor meiner
Brust und versuchte, das Zittern, das mich überfiel, zu unterdrücken.
Maximus
atmete so heftig wie ich selbst. Im Halbdunkel sah ich, wie er die Hände zu
Fäusten ballte.
"Maximus
...", flüsterte ich.
Er öffnete
die Fäuste und preßte seine Hände flach auf den neben ihm stehenden Tisch,
die Arme ausgebreitet, den Kopf geneigt.
"Maximus ..."
"Geh",
sagte er mit tonloser Stimme.
Ich stand
auf, konnte mich aber nicht zum Gehen zwingen. Nicht nach diesem Kuß. Nicht,
nachdem ich wußte, daß er innerlich ebenso litt wie ich selbst. Nicht,
nachdem ich wußte, daß ich ihm etwas bedeutete. Was wir in dem Alkoven
geteilt hatten, war - trotz seiner Verweigerung - nicht nur bloße Lust
sondern das, wonach wir alle uns sehnen aber was nur so wenige finden. Ich
wollte auf ihn zugehen, aber er hielt mich jäh zurück.
"Geh!" wiederholte er mit angespannter Stimme. "Ich werde da sein, wie wir
verabredet haben."
Ich wandte
meine Augen ab. "Ruf die Wache, daß sie mich zu den Sklavenquartieren zurück
bringt", sagte ich mit überraschend fester Stimme. "Du willst sie doch
wissen lassen, daß Du im Morgengrauen noch hier gewesen bist."
Maximus
nickte stumm und hob dann langsam den Kopf, während er mir immer noch den
Rücken zuwandte.
Bevor er
etwas sagen konnte, fügte ich hinzu: "Geh in den Schatten ... man vermutet,
daß ich die ganze Nacht über Deine Lust befriedigt habe ... Laß sie nicht
sehen, daß Du Dich nicht einmal ausgezogen hast."
Maximus
richtete sich auf und zog sich in eine dunkle Ecke des Zeltes zurück. Ich
atmete tief durch und schloß die Augen, wappnete mich für das
Unausweichliche.
"Wache!"
rief er in bester Soldatenmanier. "Wir sind hier fertig!"
Aber wir
wußten beide, daß wir das nicht waren.
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