6.Maximus wird versteckt

Ich ging wie im Traum zurück zu den Sklavenunterkünften. Die Wache, die mich begleitete, wollte mich am Arm nehmen, der Mann zuckte jedoch zurück, als er mein Gesicht sah; sicherlich dachte er,  meine geschwollenen, blau verfärbten Lippen und erschöpften Züge seien Beweis genug, daß der spanische Soldat mich hart 'rangenommen hatte. Zu hart selbst für eine erfahrene Hure.

Ich fühlte die gleiche seltsame innere Distanz, die ich schon zuvor durchlebt hatte, als ich versuchte, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Ich setzte einen Fuß vor den anderen und konzentrierte mich auf das Gehen, schob hartnäckig meine verletzten Gefühle und den inneren Aufruhr beiseite, den der römische General in mir entfacht hatte. Mit einer Leichtigkeit, die aus langer Übung erwuchs, verdrängte ich alles und konzentrierte mich nur auf das, was unmittelbar vor mir lag. Nur auf diese Weise hatte ich Tag um Tag überleben können, und nun machte ich es wieder so, nicht um meiner selbst willen sondern für Maximus. Allein seine Sicherheit zählte.

Wir erreichten den Eingang, und die Wache wartete, bis ich hineingegangen war, dann drehte sich der Mann auf dem Absatz um und kehrte zurück zu seinem Posten vor Maximus' Zelt - vorgeblich, um ihn zu schützen. In Wahrheit waren er und seine Kameraden nichts anderes als Maximus' Kerkermeister ... und wahrscheinlich auch dazu bestimmt, seine Mörder zu werden. Im Innern der Sklavenquartiere angelangt war ich zum erstenmal seit Stunden allein. Ich blickte mich still an dem Ort um, an welchem ich während der letzten Jahre gelebt hatte, jenem Ort, den ich - wie eine Matrone den Haushalt ihres Gemahls - verwaltet und geleitet hatte. Aber hier gab es keinen Ehemann, und dies war nur ein falsches Zuhause, so falsch es ein Bordell nur sein konnte. Ein privates Bordell. Nichts anderes. Ich schaute mich um, als sähe ich meine Umgebung zum erstenmal. Es war dieselbe, die ich früher am Abend verlassen hatte, nachdem ich mir Haare und Körper mit Myrrhe parfümiert und mich in eine edle weiße Seidentunika gekleidet hatte. Und doch erschien sie mir völlig verändert und fremd. Vielleicht war sie auch immer noch dieselbe, und ich war die Fremde.

Obwohl ich eine Sklavin bin habe ich mein ganzes Leben umgeben von Luxus und Komfort verbracht. Alles, was mich umgab, was mich betraf, war mit Bedacht ausgewählt, meine eigene Schönheit und meinen Liebreiz zu unterstreichen. Es war mir immer ganz selbstverständlich erschienen, so zu leben, über großzügige Bäder zu verfügen, über edles Parfum, feine Tuniken und kostbare Juwelen ... Aber ganz plötzlich wußte ich, daß ich nichts von alle dem länger ertragen konnte. Ich wußte, daß ich keinen einzigen Tag länger so leben konnte wie bisher. Und mit der selben Gewißheit wußte ich,  daß ich nie wieder zu einem anderen Mann als Maximus würde gehen können ... wenn er mich nur haben wollte.

"Julia!"

Ich schreckte auf, wandte mich um und sah Eugenia mit besorgter Miene eilends auf mich zukommen. "Oh, Julia! Was ist passiert?"

"Es ist alles in Ordnung, Eugenia", sagte ich mit erzwungenem Lächeln. Sie war ganz offensichtlich erleichtert zu sehen, daß ich nicht verletzt war, aber nachdem sie mein Gesicht aufmerksam betrachtet hatte, runzelte sie wieder die Stirn. "Wo bist du gewesen?" fragte sie.

"In General Maximus' Zelt", flüsterte ich und zwang mich, weiterzumachen. Es galt, keine Zeit zu vergeuden, und noch viele Dinge mußten getan werden, wenn ich Maximus helfen wollte. Um dies wirklich zu können, brauchte ich Eugenias Hilfe.

"Der spanische General?" fragte sie. "Du bist die ganze Nacht bei ihm gewesen?" Ich nickte, und sie lächelte, erleichtert. "Und ich habe mir solche Sorgen gemacht! Komm, Julia! Du bist immer die gewesen, die das große Los zog! Einmal so einen jungen und gutaussehenden Mann zu bekommen! Ist er ein guter Liebhaber?"

Ich schob ihre gutgemeinten Worte und den Schmerz, den sie auslösten, beiseite und ergriff ihre Unterarme.

"Hör mir zu, Eugenia!" flüsterte ich eindringlich. "Wir müssen reden. Schlafen die anderen?"

"Ja. Julia, was ..." begann sie, aber ich brachte sie mit einem Schütteln zum Schweigen. "Sei still und hör zu!" sagte ich nicht eben freundlich. "Eugenia, möchtest Du Dich rächen? Willst Du Cassius büßen lassen?"

Alle Farbe wich aus Eugenias Gesicht, und sie starrte ausdruckslos vor sich hin. Einen Moment lang blieb sie stumm. Dann flüsterte sie: "Warum tust Du mir das an?" Ihre Stimme klang erstickt, der Ton niedergeschlagen. Ich schüttelte sie abermals.

Wie ich bereits gesagt hatte, war Eugenia älter als ich, aber ich war immer diejenige gewesen, die ihr Trost gespendet, ihren Bekenntnissen, Hoffnungen und Träumen gelauscht hatte. Und sie hatte viele Träume, sie sehnte sich nach einem Mann, der sie liebte, einem Häuschen auf dem Lande und Kindern. "Vielen Kindern", pflegte sie in ihrer weichen, melodiösen Stimme zu sagen. Sie träumte davon, zu einem Mann geschickt zu werden, der anders war, einem Mann, der sich in sie verlieben, sie freilassen, sie heiraten und ihr die Kinder schenken würde, nach denen sie sich so sehnte ... einen Mann wie Maximus. Ich hatte mir ihre Träume immer und immer wieder angehört, die meinen aber für mich behalten,  tief verborgen in meiner Seele -   ich wußte nicht einmal mehr, daß ich überhaupt Träume hatte. ... und sie waren gar nicht so verschieden von Eugenias. Wenigstens nicht bis zu jener Nacht.

Ich war bei Eugenia gewesen, als die getroffenen Vorsichtsmaßnahmen versagt hatten und sie schwanger geworden war. Es gelang ihr, ihren Zustand einige Monate zu verbergen, denn Turias Krankheit ließ sie weniger aufmerksam sein. Aber endlich hatte diese doch Eugenias geschwollene Brüste und ihren gerundeten Bauch bemerkt. Sie verlangte, daß Andreas, der immer noch unser Hausarzt war, das Baby beseitigte. Andreas sagte, die Schwangerschaft sei schon zu weit fortgeschritten und daß es gefährlich sei, daher nahm Turia von ihrem Ansinnen Abstand. Sie wollte nicht riskieren, ein so wertvolles Stück Fleisch zu verlieren und sich mit Cassius' Zorn konfrontiert zu sehen. Eugenia war so glücklich gewesen. In ihrer Naivität hatte sie geglaubt, das Baby behalten zu dürfen!

Ich war erst fünfzehn, als es geschah, und verfolgte das Forstschreiten der Schwangerschaft mit einer Mischung aus Bewunderung und Furcht, verwundert über die Veränderungen ihres Körpers, außer mir vor Freude, wenn sie mir gestattete, ihren Leib zu berühren und ich die Bewegungen des Kindes unter meinen Händen spürte. Ich war bei Eugenia, als die Wehen einsetzten. Und plötzlich wurde ihr bewußt, daß dies das Ende war, denn man würde ihr das Baby wegnehmen, sobald es geboren war. Sie versuchte verzweifelt, die Schmerzen zu verbergen, konnte aber gegen die Natur nicht ankommen, und endlich kam die Hebamme, um die Geburt in die Hand zu nehmen. Als sie mich hinausschickte, weigerte ich mich und blieb während des gesamten schmerzhaften Vorganges an Eugenias Seite. Nach stundenlangen Wehen kam das Baby zur Welt, ein hübscher kleiner Junge. Wir lachten und weinten vor Entzücken und ungläubigem Staunen über das Wunder, dessen Zeuge wir geworden waren. Während dessen kümmerte sich die Frau um die Nachgeburt, an der sie mehr interessiert zu sein schien als an dem Mädchen auf dem Bett, denn sie würde jene zu Schönheitszwecken an eine reiche Dame für mehr Geld verkaufen, als sie für ihren Hebammendienst erhielt ... Aber unser Lachen erstarb schnell, denn die Hebamme nahm das Baby Eugenia aus dem Arm und verließ schnell den Raum ... Die junge Mutter bäumte sich auf und heulte auf wie ein verwundetes Tier. Ich rannte hinter der Hebamme her, wurde jedoch an der Tür von einer der Wachen der Villa aufgehalten. Der Mann stieß mich grob zurück und versperrte den Ausgang. Es war früher Abend, und man ließ uns allein. Ich kümmerte mich um Eugenia so gut ich konnte, und wir verbrachten die Nacht in schlafloser Stille, hielten uns so fest an den Händen, daß diese am Morgen geschwollen waren und schmerzten. In der Morgendämmerung wurde die Tür geöffnet und man schickte mich hinaus, während Andreas das Zimmer betrat. Sein Gesicht verriet nicht, was in seinem Kopf vor sich ging.

Ich sah Eugenia länger als einen Monat nicht. Als sie in unseren Teil der Villa zurückkam, tat sie, als sei nichts geschehen . Sie sprach nie wieder von ihrem Baby, aber ich wußte, daß sie jeden Tag an ihren Jungen dachte und jede Nacht von ihm träumte. Ich hörte sie weinen, wenn sie glaubte, ich schliefe, und hörte, wie sie im Schlaf Wiegenlieder murmelte. Und ich wußte, daß sie Rache wollte. Sie wollte die Rache so sehr wie ich selbst.

Eugenia war kreidebleich, ihre Augen verrieten nichts, ihr Atem ging stoßweise. Ich wußte, daß ich ihr weh tat, aber irgendwie spielte es keine Rolle. Ich brauchte ihre Hilfe und war bereit, alles zu tun, um sie zu bekommen. Unbewußt fragte ich mich, woher diese kalte, harte und unerbittliche Julia kam ... aber vielleicht war sie auch immer dagewesen und ich habe es nur nicht gewußt, nicht gewußt, wie stark mein Wunsch nach dem Tod war, oder daß ich, trotz der Hoffnungslosigkeit meiner Situation, Träume hatte, Träume wie jede andere Frau auch. Vielleicht hatte es jener Nacht des Aufruhrs und der Wahrheit, der Lust und des Schmerzes bedurft, um diese Julia zu wecken, eine Julia, die nun auch wußte, wie es ist, umsorgt, warm und sicher zu sein. Eine Julia, die wußte, daß sie nicht länger eine Hure sein konnte.

"Was soll ich tun?" fragte Eugenia, ihre Augen glänzten in einem kalten Feuer, sie stand hochaufgerichtet da, das Kinn entschlossen vorgestreckt.

"Du sollst mir helfen, General Maximus behilflich zu sein, Cassius zu töten", sagte ich. Sie zuckte zusammen, hielt meinem Blick jedoch stand.

"Bist Du sicher?" fragte sie.

"Ja, Eugenia. Ich bin mir sicher. Er bat mich, ihm zu helfen." Ich hob die Hand, um ihr Einhalt zu gebieten, und fügte in einem eiligen Flüstern hinzu: "Er kam hierher, um Cassius davon abzuhalten, den Thron an sich zu reißen. Der Kaiser ist auf dem Weg und wird bald hier sein. Aber Cassius fürchtet Maximus und will ihn töten lassen. Ich werde ihn hier verstecken und ihm helfen, in Cassius' Zelt zu gelangen. Wirst Du mir helfen?"

Eugenia schüttelte ungläubig den Kopf. "Julia, wovon sprichst du? Du traust diesem Mann, einem Mann, den du kaum kennst?"

"Ja, ich traue ihm!" schnappte ich zurück, "ich traue ihm und werde ihm helfen. Er hat versprochen, für unsere Freilassung zu sorgen ..."

Nun war es Eugenia, die mich am Arm packte und schüttelte. "Julia, er ist ein Mann. Er sieht gut aus und ist jung, ich weiß, aber er ist nicht anders als die anderen. Er nahm Dich während der Party und ließ Dich später in sein Zelt bringen, um weiter seine Lust zu befriedigen. Er benutzte Dich genauso wie alle anderen Männer!"

"Er ist anders, und ich werde ihm helfen", zischte ich. "Wenn Du mir hilfst, wird es ein gutes Stück einfacher sein. Wenn nicht ... werde ich es trotzdem tun. Wirst Du mir helfen oder nicht? Wenn nicht, dann geh mir wenigstens aus dem Weg und laß mich tun, was ich tun muß!" Ich sah, daß Eugenia zögerte, und stellte ihr nach - unbarmherzig wie eine Wölfin ihrer Beute. "Wenn Du es nicht für mich tun willst", sagte ich ohne einen Blick von ihr zu lassen, "dann tu es für Julius!"

Eugenia erbleichte. "Woher weißt du es?" fragte sie, fordernd und mit leiser, rauher Stimme. "Woher kennst  Du den Namen meines Sohnes?"

"Du wiederholst im Schlaf immer wieder seinen Namen. Ich habe es jedesmal gehört, wenn wir das Zimmer teilten!" Eugenia zuckte zusammen als hätte ich sie geschlagen. Dann sagte sie resignierend: "Was soll ich tun?"

"General Maximus wird bald hier sein. Ich werde die Hintertür aufschließen und auf ihn warten. Ich werde ihn in meinem Zimmer verstecken. In der Zwischenzeit wirst Du Honora und Aelia wecken. Sie sind die Klügsten. Sag ihnen, worum es geht. Wenn die anderen aufwachen, dann werden wir sie überreden, uns auch zu helfen. Maximus wird uns sagen, was wir tun sollen."

"Und was, wenn eine sich weigert, uns zu helfen, oder Angst bekommt?" fragte Eugenia.

"Wir werden sie außer Gefecht setzen. Geh jetzt! Ich muß die Tür öffnen und ihn 'reinlassen."

Ich schob Eugenia beiseite und wollte mich auf den Weg zum Hintereingang machen, aber sie packte mich am Arm und wirbelte mich herum. "Ich habe ihn nach Dir benannt, Julia", sagte sie, in ihren Augen schimmerten Tränen, und ihre Lippen zuckten schmerzlich, als sie zu lächeln versuchte. Ich nickte, nahm eine Öllampe vom Tisch und machte mich auf den Weg. Hinter meinem Rücken sagte Eugenia leise: "Weißt Du was, Julia? Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich sagen, Du hast Dich in General Maximus verliebt."

Arme Eugenia, so schlicht und so lieb! Sie war für mich am ehesten das gewesen, was man eine Freundin nennen könnte, aber auch sie hat mich nie wirklich gekannt. Sie kannte mich überhaupt nicht. Keiner kannte mich wirklich. Nicht mal ich selbst. Wenigstens nicht vor dieser Nacht. Und vor Maximus.

Ich mußte nicht lange warten. Er kam pünktlich, das Schwert in der Hand, sein Gesicht glich einer undurchdringlichen Maske - ein Mann mit einer Mission und ein ganz anderer als jener , der mich so intensiv geküßt hatte, daß ich noch immer den kupferartigen Nachgeschmack des Blutes in meinem Mund schmeckte. Ohne ein Wort zu sagen versperrte ich den Hinterausgang, führte ihn in mein Schlafgemach und schloß hinter uns die Tür. "Du kannst hier bleiben", sagte ich und vermied es, ihn anzusehen. "Wenn es an der Zeit ist, werde ich Dich zu Cassius' Zelt bringen."

"Was hast Du den anderen Frauen gesagt?" flüsterte er und vermied es ebenfalls, mich direkt anzusehen. Bevor ich antworten konnte, war ein vorsichtiges Klopfen an der Tür zu hören, und Eugenia betrat das Zimmer. Sie blieb stehen, als sie Maximus sah, und schaute dann zu mir. "Maximus, das ist Eugenia. Sie wird uns helfen und sich hier um alles kümmern, während wir ... während wir zu Cassius' Zelt gehen", erklärte ich.

Maximus nickte. "Danke, Eugenia", sagte er in seiner tiefen, vollen Stimme. "Der Imperator wird bald hier sein, aber ich weiß nicht, wann. Ich muß Euren ...", er zögerte, dann berichtigte er sich selbst, "... ich muß Cassius aufhalten. Wenn Marcus Aurelius hier sein wird, dann werdet ihr alle Eure Freiheit erhalten. Ihr habt mein Wort."

Eugenia neigte den Kopf und flüsterte: "Die Götter mögen Dich segnen, Herr." Dann wandte sie sich wieder an mich und fügte hinzu: "Es ist erledigt, Julia. Honora und Aelia werden es den anderen erzählen, wenn sie aufwachen ... "

"Julia", fuhr Maximus fort, "ich habe mit Gallienus, meinem Stallmeister, gesprochen und alles vorbereitet, damit meine Männer mich unterstützen können. Aber ich muß wissen, wann Cassius das Lager verlassen und wann er zurückkehren wird. Kann eine Deiner Freundinnen oder Dienerinnen als Mittelsperson fungieren?"

Eugenia und ich tauschten einen Blick aus. "Deine Dienerin ...", begann Eugenia, aber ich schüttelte den Kopf.

"Nein, Rufa ist nur ein kleines Mädchen, das sich vor seinem eigenen Schatten fürchtet. Nein, es muß eine der Frauen sein ..."

Eugenia nickte. "Ich werde es tun", sagte sie mit fester Stimme.

"Bist du sicher?" fragte Maximus. "Es wird gefährlich werden ..."

Sie blickte Maximus an und lächelte. "Keine Sorge, General", sagte sie. "Ich werde Dich nicht im Stich lassen." Leise verließ sie das Zimmer.

Sie konnten nichts weiter tun als warten, bis es Zeit zum Handeln war ... oder bis sie kämen, ihn zu suchen. Ohne ein Wort zu sagen, ging ich zu einer meiner Truhen und nahm eine lavendelfarbene Seidentunika und ein Paar Sandalen heraus. Dann wandte ich mich an Maximus: "Ruh dich ein bißchen aus", sagte ich ruhig. "Ich bin im anderen Zimmer bei Eugenia."

Maximus nickte und ich verließ ihn.

Von den vielen Prüfungen, die wir in unserem Leben zu bestehen haben, ist Warten eine der schwersten. Die Stunden verstrichen langsam, ereignislos, aber die Spannung in den Sklavenquartieren war fast unerträglich. Nur unter Aufbietung aller unserer Kräfte gelang es uns, so etwas wie Normalität aufrecht zu erhalten. Wir mußten unbedingt wissen, was im Lager vor sich ging, konnten es aber nicht wagen, herumzulaufen und Fragen zu stellen. Aelia und Honora gelang es, unsere Unterkunft zu verlassen, und sie kehrten mit guten Neuigkeiten zurück: Cassius war in Begleitung seiner Eskorte ausgeritten, und die Wache hatte noch nicht bemerkt, daß Maximus nicht mehr in seinem Zelt war.

Aber später, als Eugenia von ihrem Treffen mit Gallienus zurückkam, wußten wir, daß wir in Schwierigkeiten waren. "Die Wachen haben noch keinen Alarm ausgelöst, aber sie suchen nach Dir, General!" sagte Eugenia. "Der Offizier hat mir berichtet, daß sie zwei der Wachen außer Gefecht setzen konnten und sie durch Deine eigenen Männer ersetzt haben, aber die anderen beiden sind auf dem Weg hier her!"

Maximus und ich tauschten einen Blick. "Das Bad", sagte ich, und Maximus zog sich dorthin zurück, während ich mich mit den Frauen besprach. Dann ging auch in ins Bad und schloß die Tür.

"Kannst Du schwimmen?"

Maximus machte große Augen. "Was?" fragte er. "Natürlich kann ich schwimmen! Ich bin Soldat!" Er klang verletzt.

"Du Glücklicher!" schnappte ich zurück. "Ich kann es nicht! Wenn ich je in einen Fluß oder einen Teich fallen sollte, dann werde ich ertrinken!" Ich ging zum Schrank und begann, darin herumzusuchen.

"Was hat das mit Cassius zu tun?"

Ohne seine Frage zu beachten nahm ich ein Glasfläschchen und eine Schale mit frischen rosa Rosenblättern und ging zum Badezuber. Ich stellte die Schale auf den Rand und goß das Öl aus dem Fläschchen ins Wasser. Rosenduft erfüllte den Raum. "Zieh Dich aus!" sagte ich kurz angebunden.

Nun klang Maximus nicht mehr nur verletzt sondern sah auch ausgesprochen wütend aus. "Julia, bist du verrückt?" wollte er wissen.

"Nein, General", stieß ich ärgerlich hervor. "Und ich habe auch nicht vor, Dich zu vergewaltigen. Ich will lediglich Deinen gottgleichen Körper retten! Also, beweg Dich her und zieh Dich aus!"

"Julia, was ..."

Ich wandte mich zu ihm um und schaute ihn mit wütendem, harten Blick an.

"Du wirst Dich im Badezuber verstecken, General! Unter Wasser! Und das kannst Du nicht vollständig bekleidet. Jetzt beeil Dich! Ich muß Deine Stiefel, die Tunika und das Schwert verstecken .... Und bete zu welchen Göttern auch immer, daß die Wachen dumm wie Bohnenstroh sind!"

Er schwieg einen Moment und schaute mich an, als hätte er mich niemals zuvor gesehen. Dann machte er sich daran, seine Stiefel aufzuschnüren. Ich ging zur Tür und rief Eugenia. Sie kam sofort, aber ich versperrte den Eingang. "Ich werde General Maximus im Badezuber verstecken und Du mußt Dich um seine Kleider, die Stiefel und das Schwert kümmern. Versteckt sie an Eurem Körper: wir können nicht riskieren, daß die Wachen hier alles durchwühlen und sie finden." Eugenia nickte. Ich drehte mich um und fand Maximus an meiner Seite. Er gab mir seine Stiefel und ich reichte sie an Eugenia weiter, als ich jedoch nach seinem Schwert langte, schüttelte er verneinend den Kopf.

"Maximus, das Schwert und die Tunika! Sofort!"

"Mein Schwert gebe ich nicht her! Wenn sie mich finden, dann will ich wenigstens die Chance haben, im Kampf zu sterben!"

"Wenn Du Dich nicht beeilst, wirst Du gar keine Chance haben!"

"Nein", sagte er störrisch.

"Maximus, ich weiß, was ein Schwert bei menschlichem Fleisch anrichten kann, und ich möchte nicht verletzt werden!"

"Wovon redest Du?"

"Ich werde zusammen mit Dir in diesen Zuber steigen ! Ich will nicht, daß mein Körper in Stücke geschnitten wird!"

"Was wirst Du?"

Ich packte seine Unterarme und versuchte, ihn zu schütteln ... Ich hätte genauso versuchen können, die Säulen an Jupiters Tempel zu schütteln. "Maximus, sie werden hier alles durchsuchen! Unsere einzige Chance, sie so schnell aus dem Bad zu bekommen, daß sie Dich nicht entdecken, ist, wenn sie mich beim Baden überraschen. Jetzt gib mir Dein Schwert!"

Nach kurzem Zögern nickte Maximus und murmelte: "Sei vorsichtig." Er gab mir die gefährliche Waffe, ich reichte sie an Eugenia weiter und erklärte den anderen Frauen eilig, was sie tun sollten, wenn es an der Zeit wäre, mir ein Zeichen zu geben, Maximus unter Wasser verschwinden zu lassen. Als ich mich umwandte, war Maximus immer noch nicht ausgezogen. Bevor ich ihn anschreien konnte, hielt er eine Hand hoch, um mich zum Schweigen zu bringen.

"Je weniger sie zu verstecken haben, desto weniger riskieren sie. Ich werde eine nasse Tunika überleben", sagte er mit einem schwachen Lächeln. Nun war es an mir zu nicken.

Nach einigen letzten Anweisungen an die Frauen, schloß ich die Tür und ging zu einem Tisch, nahm ein paar Elfenbeinkämme und steckte schnell mein hüftlanges Haar hoch. Maximus blickte mich mit dieser Mischung aus Bewunderung und Verwirrung an, die man in den Augen aller Männer lesen kann, wenn sie Frauen bei den magischen Handlungen weiblicher Toilette beobachten. Dann, meine Augen fest auf Maximus' gerichtet, öffnete ich die Schulterschließen meiner Tunika und ließ diese zu Boden gleiten, so daß sich die lavendelfarbene Seide zu meinen Füßen ausbreitete. Ich trug kein Unterhemd, nur die spärliche Unterwäsche, die ich ebenfalls ablegte, während ich keinen Blick von Maximus ließ.

Als ich sechzehn war, kurz bevor ich Rom verließ, wurde ich zu dem vierzehn Jahre alten, überaus scheuen Sohn eines Senators geschickt. Ich sollte ihn lehren, ein Mann zu werden, denn der Vater machte sich Sorgen um die Männlichkeit seines Sohnes. Dieser war ein lieber, schüchterner Junge, freundlich und voller Angst sowohl vor mir als auch vor der Angelegenheit, die es zu erledigen galt. Er beobachtete mich mit Staunen, während ich mich auszog, errötete vor Scham, war jedoch auch eindeutig mehr als interessiert an der Frau vor ihm. Maximus - obwohl kein schüchterner Junge sondern ein Mann, und dazu noch ein sehr männlicher -  hatte jetzt den selben Ausdruck in seinen Augen wie jener Sohn des Senators. Ich sah, wie der römische General darum kämpfte, den Blick nicht von meinem Gesicht zu wenden und ihn über meinen nackten Körper wandern zu lassen. Und ich sah, daß er verlor.

Ich bin schlank aber mit Rundungen an den richtigen Stellen, meine Haut ist milchweiß und makellos. Da ich mein Haar hochgesteckt hatte, war nichts vor Maximus' Blicken verborgen. Mein ganzes Leben lang hatte man meine Schönheit endlos gepriesen, aber ich war darauf nie besonders stolz gewesen, denn es war eben diese Schönheit, die mich zu einem Leben als Hure verdammte. Ich war so an die Wirkung gewöhnt, die meine Schönheit auf Männer hatte, daß ich sie kaum noch wahrnahm. Sie jedoch auf Maximus' Gesicht zu sehen, das war etwas anderes. Etwas ganz anderes. Und etwas Erregendes.

Als ich da nackt vor ihm stand, fühlte ich mich stolz. So stolz wie eine Frau nur sein kann. Ich fühlte mich schön, wirklich schön. Und machtvoll. Denn sein heißer Blick sprach nicht nur von Lust, sondern ich sah in ihm den Mann, der eine Frau erkennt, und das, was ihn zum Manne macht. Es war ein Tribut an meine Weiblichkeit, denn er sah in mir die Frau, die echte und wirkliche Frau und nicht nur ein schön geformtes Stück Fleisch, das man begehrt, benutzt und wegwirft. Statt dessen liebkosten mich seine Augen, und mir wurde warm, auf eine angenehme Weise warm, als hätte er mich in seine Arme genommen und mich zärtlich geliebt. So zärtlich, wie ich es mir immer gewünscht hatte. So zärtlich wie kein Mann mich je geliebt hatte.

"Nach dir, General."

Maximus zuckte leicht zusammen, dann nickte er, ging zu dem Badezuber und stieg ins Wasser. Er drehte sich zu mir um und streckte die Hand aus. Wie im Traum ging ich langsam auf ihn zu, und einen kurzen, flüchtigen Moment lang fühlte ich mich wie eine jungfräuliche Braut, die sich ihrem Hochzeitslager nähert. Maximus nahm meine Hand und half mir vorsichtig in den Zuber, aber als ich mich umwandte, um ihn anzusehen, streiften meine nackten Brüste leicht seinen Unterarm. Feuer entzündete sich an der Stelle, wo ich ihn berührte, und schoß durch meinen Körper. Ich hörte, wie er scharf die Luft einzog, und seine Finger schlossen sich fest um meine, das gleiche Feuer brannte auch in seinen Augen. Die Welt und ihre Gefahren versanken, und für einen kurzen, flüchtigen Moment gab es nur uns beide. Es dauerte nur einen Herzschlag, aber es erschien mir wie eine Ewigkeit. Nur ein Herzschlag und es war vorbei.

Unsere Körper bewegten sich in vollkommenem Gleichklang; die Hände noch immer verschlungen, die Blicke aufeinander geheftet, knieten wir einander in dem Badezuber gegenüber. Das Wasser war angenehm warm, und das duftenden Öl verwandelte es in flüssige Seide, der Rosenduft lag schwer und sinnlich in der Luft.

Obwohl es ein großer Zuber war, hatten wir nicht beide genug Platz, um es uns wirklich bequem zu machen - nicht daß Bequemlichkeit in diesem Falle von Bedeutung gewesen wäre. Ich ließ mich nieder und winkelte die Beine an, um besser sitzen zu können. Er versuchte zurückzuweichen, aber dafür war kein Platz da, und er blickte mich entschuldigend an, als unsere Körper sich unter Wasser berührten.

"Wie lange kannst Du unter Wasser bleiben?" fragte ich nur, um uns beide von dem beunruhigenden gegenseitigen Kontakt abzulenken.

"Lang genug", sagte er mit einen kleinen, gezwungenen Lächeln. "Daß ich ein guter Schwimmer bin, hat mir meinen Platz in der Armee eingebracht, als ich vierzehn war: ich habe fast die Donau durchquert."

"Gut", bemerkte ich. "Wenn die Frauen Alarm schlagen, dann tauchst Du ab, und ich werde die Rosenblätter auf dem Wasser verteilen, um die Oberfläche abzudecken. Es wird einen Aufruhr geben, und ich werde aus dem Zuber steigen. Achte nicht darauf, bleib unten und greif nicht nach mir: ich muß unbedingt schnell 'rauskommen, sonst könnten sie Verdacht schöpfen. Wir werden Dich 'rausziehen, wenn sie gegangen sind."

Maximus nickte, und rutschte wieder hin und her, um Platz für seinen großen Körper zu finden. Es schien unmöglich, daß unser beider Körper sich nicht berührten, und als Maximus sich bemühte, auf dem nassen Marmor nicht auszugleiten, glitten seine Finger über meine Beine.

"Entschuldigung", murmelte er, während er erfolglos versuchte, von mir abzurücken.

"Entschuldigung?"

Niemand hatte "Entschuldigung" zu mir gesagt, seit jener vierzehnjährige Sohn des Senators in meinen Armen zum Manne geworden war. Und nun entschuldigte sich Roms größter General bei mir dafür, daß er mich versehentlich berührt hatte. Er habe mir gegenüber nicht respektlos sein wollen, nicht respektlos gegenüber einer nackten Hure, die durch seinen Anblick so erregt worden war, sich von ihrer eigenen sexuellen Erregung so weit hatte mitreißen lassen, daß sie ihn schamlos gebeten hatte, sie zu nehmen, und die einen Orgasmus hatte, obwohl er ihrer Bitte nicht nachgekommen war. Mir war, als müsse ich lachen ... als müsse ich weinen ... als müsse ich Maximus in die Arme nehmen, seinen Kopf an meine Brüste drücken und ihn streicheln, so wie ich jenen Jungen gestreichelt hatte. Aber ich wußte, daß die Wachen gekommen waren, denn ich hörte die Schreie der Frauen, die sie beschimpften, als sie in unser Quartier eindrangen. Ich hörte, wie unsere Betten umgeworfen, die Schränke von den Wänden gerissen wurden und zu Boden krachten. Ich verkrampfte mich und rutschte tiefer in den großen Badezuber, die Knie bis zur Brust hochgezogen und die Augen auf Maximus geheftet. Der Lärm wurde lauter, als die Wachen sich, trotz der Bemühungen, sie in Schach zu halten, näher heran arbeiteten. Ich biß mir auf die Lippe und nickte Maximus zu. Er holte tief Luft und verschwand unter Wasser, während ich hastig die Rosenblätter auf der Wasseroberfläche verteilte.

Die Wachen brachen durch die Tür. Sie versuchten, sich dem Zugriff der Frauen zu entziehen, die ihnen folgten. Ich konnte nicht umhin, ihre Vorstellung zu bewundern, wie sie ihnen die Gesichter zerkratzten, an ihrer Kleidung, ihren Haaren rissen und den Männern gegen die Schienbeine traten. Als einer von ihnen den Badezuber erreichte, bedeckte ich meine Brüste mit den Händen und forderte ärgerlich: "Raus hier, Flegel! Siehst Du nicht, daß ich bade?"

"Wo ist er?" brüllte die Wache, einen irren Ausdruck in den Augen.

Seltsamerweise hatte ich keine Angst sondern fühlte mich eher erheitert. Machtvoll. Unbesiegbar. "Wo ist wer?" fragte ich mit kalter, harte Stimme, während meine Zehen leicht Maximus' Haar berührten.

"General Maximus! Er war letzte Nacht mit Dir zusammen und nun ist er weg!"

"Du Idiot!" schrie ich ihn an. "Du hast mich vergangene Nacht selbst hierher gebracht und ganz offensichtlich war er nicht bei mir!"

Er griff nach mir, packte mich am Arm und zog mich aus dem Wasser, kleine Bäche liefen an meinem nackten Körper herab und Rosenblätter klebten an meiner glänzenden Haut. Eugenia, Honora und die anderen drängten sich augenblicklich zwischen mich und den Zuber, wickelten mich in ein großes weiches Handtuch und blickten die Wache zornig an.

"Also? Jetzt hast Du mich aus meinem Bad gezerrt. Und was nun?" kreischte ich mit aller Kraft, die meine Lungen hergaben. "Willst Du, daß ich Dir nochmals unser Quartier zeige, Wache? Um Dir noch einmal zu beweisen, daß General Maximus nicht hier ist?"

Einen Moment lang stand die Wache nur da, zögerte, also griff ich den Mann am Arm und drängte ihn in Richtung der Schlafräume. Ich wußte nicht, wie viel Zeit vergangen war, aber einem Menschen unter Wasser mußte es wie eine Ewigkeit erscheinen.

Unglücklicherweise schien der Mann sich wieder gefaßt zu haben.

"Nicht so eilig", sagte er und schaute sich im Bad um. Trotz seiner luxuriösen Ausstattung war es klein, und ganz offensichtlich gab es keinen Platz, an dem ein Mann sich verstecken konnte. Trotzdem nahm er die Vorhänge und Stapel von Handtüchern genau in Augenschein, bevor er mir erlaubte, ihn hinauszuführen. Mich dazu zu zwingen, nicht zurückzublicken, während ich den Raum verließ, war eine der schwierigsten Aufgaben, die ich jemals bewältigt hatte. Die meisten Frauen und die andere Wache folgten uns, aber Eugenia, Honora, Furnilla und Ariadna blieben unbemerkt zurück, und aus meinen Augenwinkeln sah ich sie die Tür schließen.

Ich blieb bei den Wachen, während sie zum zweitenmal unsere Schlafräume durchwühlten. Sie waren wie von Sinnen und ließen ihre Frustration an unseren Habseligkeiten aus, warfen unsere Kleidung auf den Boden, schlitzten die Kissen auf, zerbrachen  Parfumflaschen und Salbengefäße. Ich blieb kühl und distanziert, während sie ihr Zerstörungswerk fortsetzten, und bedeutete einer verängstigten Rufa, mir ein Gewand zu bringen. Als sie eindeutig keinen Hinweis auf Maximus' Anwesenheit oder Verbleib fanden, wandten sie sich mir zu. "Was jetzt, Soldat?" fragte ich mit kalter, harter Stimme. Ich sah Mordlust in ihren Augen, und auch die anderen Frauen bemerkten sie. Sie bildeten einen Kreis um mich. "Überlegt es Euch zweimal", sagte ich mit derselben harten Stimme und derselben Reserviertheit. "Ich bin Eigentum von General Cassius ... übrigens gehört all das hier ebenfalls ihm ..." Mit meinen Händen deutete ich auf das, was von unserem Quartier übrig geblieben war. Der Mann, der mir am nächsten stand, preßte die Lippen zusammen, drehte sich dann auf dem Absatz um und ging, dicht gefolgt von seinem Kameraden. Mit einem Seufzer warf ich mir das Gewand über und rannte zum Baderaum.

Ich fand Maximus immer noch im Badezuber vor, auf den Knien, schwer atmend, seine Arme lagen auf dem Rand des Zubers, und er preßte die Stirn dagegen; Eugenia und Honora waren an seiner Seite. Sie hatten ein Handtuch über sein tropfnasses Haar gelegt und ein weiteres um seine Schultern gebreitet. Ich lief zu ihm hin und hockte mich neben ihn, nahm das Tuch weg und streichelte zärtlich seinen Kopf, während ich murmelte: "Du bist in Sicherheit, Maximus. Wir haben es geschafft. Du bist in Sicherheit, mein ..." ich hielt gerade noch rechtzeitig inne, um ihn nicht "mein Liebster" zu nennen, aber ich brauchte sein Gesicht nicht zu sehen um zu wissen, daß er meine Worte so deutlich vernommen hatte, als hätte ich sie wirklich ausgesprochen. Worte, die ich niemals zuvor benutzt hatte. Worte, die ich seit jenem Tage nie wieder ausgesprochen habe. Ich legte meine Hände unter seine Oberarme und stützte ihn, während er aufstand. Wasser rann in Strömen aus seiner durchtränkten Tunika, und auf dem rotgekachelten Boden bildeten sich Pfützen. Ein Dutzend Hände streckten sich ihm entgegen, um zu helfen, und Ariadna reichte ihm ein in klares Wasser getränktes Tuch, das er dankbar auf seine Augen preßte, während er noch bis zu den Knien im Zuber stand - unter der nassen Tunika zeichnete sich die Form seines Körpers deutlich ab und Rosenblätter klebten an der weinroten Wolle.

Maximus roch nach nasser Wolle und Rosen, und als er die Augen öffnete, waren sie blutunterlaufen. Er stieg über den Rand des Zubers, vorsichtig, um nicht auszurutschen, schaute mich an und lächelte sein jungenhaftes Lächeln: "Meinen Dank, Herrin, daß ich mit Dir das Bad teilen durfte, aber beim nächsten mal sei doch bitte ein bißchen sparsamer mit den parfümierten Ölen. Sie brennen wie Feuer in den Augen!" Ich konnte nicht umhin und erwiderte sein Lächeln, während die anderen mühsam ein Kichern unterdrückten. Sie alle bewunderten ganz offen seine männlichen Formen.

"Sind sie weg?" fragte er.

Der Raum war voller bemerkenswerter Frauen, die einen eindrucksvollen, nassen Mann umgaben. Alle weibliche Köpfe nickten einstimmig, um ihre bejahende Antwort zu unterstreichen.

"Vielen Dank, meine Damen. Schon bald werdet Ihr alle freie Frauen sein." Er wandte sich wieder mir zu, alles Spielerische vorbei und vergessen, wieder ganz der General. "Julia, zieh Dich an und komm mit mir ... trag etwas Verführerisches."

Damit war ich offenbar entlassen, und er wrang so viel Wasser wie möglich aus seiner Tunika, schlüpfte in seine Stiefel und nahm sein Schwert. Einen Augenblick später kam Aelia lachend in das Zimmer gestürmt. "Ich habe die Wachen beobachtet, als sie gingen", kicherte sie. "Sie sind weiß wie Bettlaken, und wißt Ihr, wo sie hingegangen sind?"

"Wohin?" fragten die Frauen wie aus einem Mund.

"Direkt aus dem Lager. Ich schwöre es! Sie gingen durch das Tor hinaus und rannten zum Wald auf der anderen Seite. Ich habe sie beobachtet!"

Erleichtert brachen die schönen Sklavinnen, die um Maximus herumstanden, in Gelächter aus, und auch der General konnte ein kleines Lächeln des Triumphes nicht unterdrücken. Keiner bemerkte, daß ich nicht mitlachte. Statt dessen versuchte ich, gegen die Welle von Bitterkeit und Groll anzukämpfen, die über mir zusammenschlug, als ich Maximus' Befehl vernahm, mich passend für meinen Part in diesem Spiel zu kleiden ... den Part einer Hure. Ich biß mir auf die Lippen und wandte mich um. Immer noch unbemerkt verließ ich das Bad und kämpfte wütend gegen meine Tränen an.

 


7. Cassius wird getötet

Ich betrat Cassius Zelt unangemeldet und fand ihn an seinem großen, reich verzierten Schreibtisch sitzend vor. Er machte Eintragungen in sein Tagebuch wie ich es Maximus vorausgesagt hatte. Er schrieb rasch und zügig, so wie er alles machte, sei es ,daß es darum ging, seine Legionen zu führen, seine Korrespondenz zu erledigen oder im Bett auf seine Kosten zu kommen. Während jener Tage in Moesia verbrachte er Stunden damit, in seinem Zelt zu schreiben. Mehrmals am Tag verließen Boten das Lager, um seine Briefe und Botschaften jenen zu überbringen, die ihn bei seiner Verschwörung, den Thron an sich zu reißen, unterstützten, sei es in Rom oder in anderen Gegenden des Reiches. Cassius schätzte Schnelligkeit und Effizienz ebenso wie er Luxus und Schönheit schätzte, und ich hatte immer vermutet, daß seine Vorliebe für mich nicht nur auf meiner Schönheit und meinen Fähigkeiten, seine Lust zu befriedigen, beruhte, sondern auch in der Art und Weise gründete, wie ich Dinge wie einen Haushalt problemlos in die Hände nehmen und erfolgreich leiten konnte. Er pflegte zu sagen, daß ich einmalig sei, ein seltenes Juwel, die einzige Frau, welche er jemals kennengelernt hatte, die eine erfahrene Hure war und gleichzeitig die lästigen kleinen Dinge des Alltags mit derselben Sicherheit zu seiner Zufriedenheit erledigen konnte.

Wie Balbinus Maximus gesagt hatte, während er vorgab, jener unglückliche Claudius zu sein,  hatte Cassius das Lager verlassen, war erst vor Sonnenuntergang zurückgekehrt und direkt in sein Zelt gegangen, wo er seine Schreibarbeit wieder aufgenommen hatte. Cassius fühlte sich in seinem Zelt sicher, umgeben von seinem Gefolge und seinen ausgewählten Prätorianern, und als er aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm, blickte er nur kurz zu mir auf und beugte sich dann wieder über sein Schriftstück. Er schaute nicht wieder auf und fragte ohne Umschweife:

"Was willst Du?"

"Ich wollte Dich nur mal sehen. Ich vermisse Dich, wenn Du so viel arbeitest", sagte ich honigsüß, als ich mich ihm näherte. Das beinahe durchsichtige Gewand, das ich, Maximus' strikter Order folgend, ausgewählt hatte, umspielte leicht meinen Körper. Es war aus meergrüner Seide gefertigt und so hauchzart, daß es keinen Platz für Unterwäsche und nur wenig für die Fantasie übrig ließ. Um die Taille hatte ich eine dunklere grüne Schärpe geschlungen. Maximus hatte der Atem gestockt, als er mich, in nicht viel mehr gekleidet, als was wie eine Handvoll Meeresschaum erschien, hatte aus meinem Schlafzimmer kommen sehen. Er hatte den Mund geöffnet, vermutlich um Protest gegen meine Aufmachung einzulegen, dann jedoch schnell davon Abstand genommen. Als wir die Sklavenquartiere verließen, hatte er trotzdem darauf bestanden, daß ich meine Nacktheit - denn anders konnte man es kaum bezeichnen  - unter einem Umhang verbarg, während ich die Reihen der Zelte entlang schritt. Diese Geste war so grimmig und gleichzeitig ein Ausdruck seines schlichten Bedürfnisses, mich zu schützen, daß ich beinahe lachen mußte. Der Umhang lag nun da, wo ich ihn hatte fallen lassen, in Cassius' Vorzimmer - an demselben Ort, an welchem Maximus sich versteckt hielt und auf seinen Auftritt wartete. Er trug die schwarze Uniform des Prätorianers, der das Pech gehabt hatte, zum Wachdienst in Cassius' Zelt abkommandiert zu sein. Der Mann lag gefesselt in einem Schrank verborgen.

Ich schlenderte hinüber zum Schreibtisch, ließ meine Finger über Cassius Hand gleiten, dann seinen Arm entlang und hoch bis zu den Schultern, dort benutzte ich beide Hände, um die verspannten Muskeln an seinem Nacken zu massieren. Nach einigen Augenblicken verlangsamte sich das Tempo seines Schreibflusses beträchtlich, und endlich hielt er ganz inne, schloß die Augen und überließ sich meinen Diensten.

"Ah, Julia", seufzte er und klang dabei zufrieden und entspannt. "Du bist die Beste, die ich je gezüchtet habe." Da war es wieder. Sein Lieblingsausspruch, den er für mich reserviert hatte. Er schien nicht zufrieden zu sein, bevor er ihn von sich gegeben hatte, sei es, daß ich seinen Köchen auf die Sprünge geholfen hatte oder ihm im Bett zu Diensten gewesen war. Nicht daß dies noch irgend etwas für mich bedeutete. Cassius würde sein Zelt nicht mehr lebend verlassen, und so oder so war mein Leben vorbei. Aber es versetzte mir - wie üblich - einen Stich.

Trotzdem gelang es mir den Rhythmus meiner Finger ruhig und gleichmäßig zu halten, während Cassius weiter redete.

"Weißt Du, ich habe noch zwei kleine Schwestern von Dir ... sie stehen bereit, in Deine Fußstapfen zu treten. Wenn wir wieder nach Rom kommen, sollte ich sie Dir zur Ausbildung übergeben. Sie werden ein großartiges Geschenk abgeben für Männer, deren Gefolgschaft ich mich versichern muß."

Cassius hatte immer wieder durchblicken lassen, daß ich Turias Platz in der Villa einnehmen solle, wenn wir nach Rom zurückkämen. Ebenso hatte er jene beiden kleinen Mädchen erwähnt, eine Gruppe von ihnen wuchs in einem separaten Teil der Villa heran, und jeder Tag, der verging, brachte sie ihrem Schicksal näher. Wenn er von ihnen sprach, nannte er sie immer "Deine kleinen Schwestern", aber ich wußte nie, ob er damit ein schwesterliches Verhältnis meinte, das auf dem gemeinsamen Schicksal von Sklaverei und Hurerei beruhte, oder ob von meinem eigenen Fleisch und Blut die Rede war. Hatte meine arme, unbekannte Mutter ihm außer mir noch weitere schöne Mädchen geboren, sein Bett und die seiner Freunde und Unterstützer zu wärmen? Hatte sie selbst es ebenfalls gewärmt? Jedesmal, wenn ein neues Mädchen in den Teil der Villa geschickt wurde, der von den bereits "eingeweihten" Huren bewohnt war, fürchtete ich zu entdecken, daß es rotgoldenes Haar, milchweiße Haut und blaue Augen hatte. Tödliche Angst quälte mich, dieselben Züge, die ich täglich sah, wenn ich mein Gesicht in meinem polierten Spiegel betrachtete, im Antlitz eines jüngeren Mädchens zu entdecken, das so unglücklich wäre, meine Schwester zu sein. Aber auch das war vorüber, und in dieser Nacht würden wir alle gerächt werden: meine Mutter, Eugenias Sohn, selbst Turia und natürlich auch ich.

Ich fühlte dieselbe innere Distanz, die ich seit meiner Rückkehr von Maximus' Zelt in die Sklavenquartiere an mir wahrgenommen hatte. Während ich weiter seine Muskeln bearbeitete, sagte ich: "Ich tue, was immer Dir gefällt, Herr", und meine Stimme war so ruhig wie meine Finger es waren. Aber ich war mir des Dolches, den ich unter der um meine Tunika gewundenen Schärpe verbarg,  überdeutlich bewußt, jenes Dolches, von dem niemand, nicht einmal Maximus, wußte, daß ich ihn besaß. Des Dolches, den ein zwölfjähriges, mißbrauchtes Mädchen im Hause eines ältlichen Senators gestohlen hatte, jenes Dolches, von dem die Frau, zu der sie herangereift war, immer gewußt hatte, daß sie ihn eines Tages benutzen würde. Und in jener Nacht gab es keinen Zweifel, wer das Opfer dieser scharfen Klinge sein würde.

Cassius entspannte sich mehr und mehr, das Kinn fiel ihm auf die Brust, und ich bewegte meine rechte Hand vorsichtig, um den silbernen Griff des Dolches zu fassen und ihn langsam aus seinem Versteck zu ziehen ...

Marcellus stürzte in das Zelt. Der Legat blickte wild um sich und erschreckte mich dermaßen, daß ich beinahe den Dolch fallen ließ. Irgendwie gelang es mir, ihn festzuhalten und gleichzeitig vor Marcellus zu verbergen, indem ich Cassius' Körper als Sichtblende benutzte.

"Cassius!" rief er. "Es ist etwas faul. Zwei der Männer, die Maximus bewachten, sind heute nacht aus dem Lager geflohen..." Er hielt abrupt inne, als er mich hinter seinem General entdeckte. "So, so ... vielleicht haben wir hier jemanden, der uns sagen kann, was los ist. Es scheint, daß noch niemand Maximus heute gesehen hat, und ich habe gehört, daß Du die letzte Nacht mit ihm in seinem Zelt verbracht hast."

Cassius machte eine Bewegung, um sich zu mir umzudrehen, aber ich war schneller und stieß den Dolch bis zum Heft in seine Kehle. Ein Übelkeit erregendes, klingelndes Vibrieren lief über meinen Arm bis hinauf zu Schulter und Nacken. Blut spritzte in weitem Bogen, tränkte die Dokumente unter Cassius' Händen und befleckte auch meine Hände und Arme, die purpurroten Tropfen rieselten warm über meine kalte Haut. Dann fiel sein Kopf mit einem lauten Knall auf die Tischplatte.

Marcellus war zu überrascht, um sich zu rühren. Er starrte mich mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund an. Dann stieß er einen Laut hervor, der Ausdruck der Bewunderung gewesen sein könnte, oder aber ein Fluch oder ein Hilferuf, war jedoch verloren, als sein Kopf herumgerissen wurde und die Nackenwirbel unter den Händen des schwarz gekleideten Prätorianers knackten, der wie aus dem Nichts hinter ihm erschien. Seine Knochen brachen mit demselben Geräusch wie ein trockener Ast bricht.

Wir blickten einander einen Moment lang an. Dann sagte ich schlicht:

"Er ist tot."

"Das sehe ich", antwortete Maximus, während er über Marcellus hinweg trat und langsam und argwöhnisch auf mich zukam, bereit, auf mich loszugehen, falls ich den Verstand verlieren sollte. "Das ist nicht ganz so gelaufen, wie es geplant war", fügte er hinzu und ließ keinen Blick von mir.

Ich wußte, daß meine Tat vermutlich seinen sorgsam ausgearbeiteten Plan gefährdete, aber ich hatte meine eigenen Gründe und war bereit, den Preis für mein Handeln zu zahlen. Cassius war tot. Maximus in Sicherheit. Und ich hatte meine Rache. Nichts anderes war mehr von Bedeutung.

"Ich mußte es tun."

Maximus nickte. "Das verstehe ich. Aber jetzt haben wir ein Problem. wir müssen es so aussehen lassen, als habe Marcellus es getan."

Verstehen?

Was, zur Hölle, konnte er verstehen?

Sklaverei?

Er war als Sohn eines bescheidenen spanischen Bauern geboren worden, aber er hatte nichts als Freiheit gekannt. Er war aus freien Stücken in die Armee eingetreten statt, wie sein Vater und Großvater, das Land zu bebauen, war von ganz unten bis zu seiner hohen Stellung aufgestiegen, genoß volles Bürgerrecht, war von einer Senatorenfamilie adoptiert worden und der Liebling des Kaisers.

Hurerei?

Er war ein Mann, und Männer beherrschen die Welt. Ohne sie würden solche wie ich nicht existieren. Männer ziehen aus eigenem Wunsch in den Krieg oder sie folgen dem Wunsch ihrer Herrscher, und sie versklaven diejenigen, die sie nicht abschlachten. Sie sind es, die Ehefrauen, Töchter und Schwestern ihrer besiegten Feinde schänden oder als Geliebte nehmen und mit ihnen Kinder zeugen, nur um sie wieder zu verlassen wegen irgendwelcher Befehle und eines neuen Militärpostens, oder weil sie im Kampf fallen. Sie sind es, die jenen Frauen ihren Willen aufzwingen, die sie auf Sklavenmärkten kaufen, oder die halb verhungerte Mädchen mit dem Versprechen von Gold in ihre Betten locken. Oder die, wie Cassius, eigene Bordelle für ihre Bedürfnisse und die ihrer Freunde haben.

Einsamkeit?

Er hatte eine Frau, die ihn liebte, und einen Sohn, der seinen Namen fortführte, und er war jung genug, um noch viele andere zu zeugen. Er besaß die Liebe seines Kaisers und die bedingungslose Treue seiner Männer. Er wußte, was Glück bedeutet --- schlichtes, menschliches Glück, und er hatte andere, mit denen er es teilen konnte.

Töten?

Natürlich hatte er getötet, und er hatte es viele Male getan, vermutlich sehr viel öfter, als ich mir vorstellen konnte. Aber er tötete gesichtslose Feinde, die Feinde seines Kaisers, die Feinde Roms und all dessen, für das Rom stand.

Ich, indessen, war als Sklavin geboren und zur Hurerei gezwungen worden, war mein Leben lang so einsam wie man nur sein konnte und hatte den Mann getötet, der mich zu Sklaverei, Hurerei und Einsamkeit verdammt hatte .... und der, so viel ich wußte, mein eigener Vater hätte sein können.

Was konnte General Maximus Decimus Meridius verstehen?

Ich seufzte.

"Du kannst gehen, Maximus. Ich werde sagen, ich habe gesehen, wie Marcellus Cassius tötete und daher Marcellus getötet."

Maximus betrachtet den Körper des Legaten, der schlaff zu seinen Füßen lag. "Ich glaube nicht, daß irgend jemand glauben wird, daß du einem Mann das Genick brechen könntest, Julia", sagte er ruhig, seine Stimme klang besänftigend, als wäre er besorgt, daß etwas in mir überschnappen und ich den Verstand verlieren könnte. Ich versuchte, Zuversicht auszustrahlen, ihm zu sagen, daß es mir gut ginge, aber statt dessen schwankte ich leicht. In Maximus' Gesicht spiegelte mehr als nur ein wenig Sorge.

"Julia, laß mich jetzt nicht im Stich", flüsterte er hastig. "Wir müssen das hier zu Ende bringen. Sei stark."

Stark?

War ich jemals, so lange ich denken konnte, etwas anderes als stark gewesen ?

Ich schluckte hart und nickte.

"Komm jetzt hier herüber und sei vorsichtig, daß Du auf keinen Fall das Blut auf dem Boden berührst. Sieh zu, daß nichts davon an Deine Füße oder Deine Tunika kommt", sagte Maximus und streckte mir seine Hand entgegen.

Ich tat, wie er mir geheißen hatte, ließ ihn das Kommando übernehmen und konzentrierte mich lediglich darauf, seinen Anordnungen Folge zu leisten, nicht wagend, den Leichnam anzuschauen, der über den Schreibtisch gestreckt lag, während sein Blut das Holz mit einer glänzenden Schicht überzog und den gemusterten Teppich zu meinen Füßen tränkte. Einen flüchtigen Moment lang dachte ich daran, wie es Cassius' Ordnungssinn verletzen müßte, seinen Teppich hoffnungslos ruiniert zu sehen. Aber es war zu spät für Beschwerden, da es für Cassius selbst keine Hoffnung mehr gab. Ich fühlte das Bedürfnis loszukichern, zwang mich jedoch, ruhig zu bleiben, um Maximus nicht zu alarmieren, der wieder zu mir sprach.

"Setz Dich hier auf diesen Stuhl, während ich das Mord-Szenario herrichte", sagte er und wischte zärtlich mit seinem Mantel das Blut von meinen Fingern und Armen; unterdessen führte er mich zu dem Sitz auf der anderen Seite des Raumes. Nachdem ich mich dort niedergelassen hatte, legte er los.

Er zerrte Marcellus' leblosen Körper auf die Füße, legte ihn sich über die Schulter und trat vorsichtig hinter den Schreibtisch. Dann preßte er die schlaffe Hand des Legaten zusammen und benutzte sie, um den Dolch aus Cassius' Nacken zu ziehen. Dabei stellte er sicher, daß Marcellus' Finger und Arme reichlich mit Blut beschmiert wurden. Der Dolch löste sich mit einem gurgelnden Geräusch, als Luft durch die klaffende Wunde strömte. Irgendwie erschien mir dieser Laut widerlicher als den Dolch in Cassius' lebendigen Körper zu bohren. Ich rang nach Atem, Galle stieg in mir auf, ohne daß ich etwas dagegen tun konnte, und ich hatte das Gefühl, mich übergeben zu müssen. Maximus blickte zu mir hinüber. Ich wußte, daß ich bleich wie der Tod war, mein Körper in kalten Schweiß gebadet, und das Blut pochte in meinen Ohren. "Neig Dich vornüber, steck den Kopf zwischen die Knie und atme durch den Mund", wies er mich an. "Atme langsam und tief durch. Fall mir jetzt nicht in Ohnmacht."

Gehorsam spreizte ich meine Beine und beugte den Kopf, bis ich ihn zwischen die Knie stecken konnte, wobei mein hüftlanges Haar mir über das Gesicht fiel und sich auf dem Boden ausbreitete. Trotzdem konnte ich weiter Maximus' Bewegungen verfolgen; mich auf ihn zu konzentrieren erleichterte es mir, wie befohlen langsam und tief durchzuatmen.

Maximus ließ meinen Dolch zu Boden fallen und benutzte Marcellus' Hand, um den Brieföffner vom Schreibtisch aufzunehmen und ihn in die Öffnung zu stecken, die meine Waffe hinterlassen hatte. Dann ließ er Marcellus in die klebrige Blutlache auf den Boden gleiten und schob mit seinem Fuß den Körper ein wenig hin und her, um sicher zu stellen, daß auch seine Brust mit Blut beschmiert war.

Maximus blickte kurz in meine Richtung, um zu sehen, ob ich etwa in Ohnmacht gefallen war; aber obwohl die Übelkeit noch nicht vorüber war, fühlte ich mich ein wenig besser und saß wieder aufrecht da. Meine Augen waren weiter auf ihn gerichtet, aber mein Geist wanderte in anderen Gefilden. Ich dachte darüber nach, wie einfach, wie lächerlich einfach es gewesen war, Cassius zu töten. Ein einfacher Griff nach dem Dolch, eine schlichte Bewegung meiner Hand ... und ein ganzes Leben voller Haß.

Maximus schlüpfte eilig aus der Uniform des Prätorianers, darunter kam seine feuchte, zerknitterte weinrote Tunika zum Vorschein. Er zerrte die noch immer bewußtlose Wache aus dem Schrank und zog dem Mann mühsam seine Uniform wieder über, während er leise vor sich hin fluchte. Dann benutzte er das Schwert des Soldaten, um Marcellus' Nacken eine tiefe Wunde beizubringen. Er hielt einen Augenblick inne, seufzte angeekelt und flüsterte: "Wenigstens stirbst Du als Held." Mit einer schnellen, geübten Bewegung rammte er der Wache ihr eigenes Schwert in den Leib, dann warf er den Mann über Marcellus' Körper, das Schwert zwischen ihren Leibern begraben. Seine Hände waren blutverschmiert und seine zerknitterte Tunika mit roten Flecken übersäht. Maximus benutzte sie, um sich die Hände sorgfältig daran abzuwischen, trat einen Schritt zurück und überblickte die Szene. Er hob meinen Dolch auf, wischte ihn ab und steckte ihn in seinen Gürtel, bevor er den schweren Umhang, den Cassius auf einem Stuhl hatte liegen lassen, aufnahm und ihn sich selbst umlegte.

Dann kniete er sich vor mich hin und nahm meine kalten Hände in seine eigenen. "Julia, hör mir zu", sagte er ruhig. "Ich muß gehen, mir das Blut abwaschen und eine saubere Tunika anziehen. Warte, bis ich zurückkomme, dann schlag Alarm, sollte jedoch inzwischen jemand kommen, tue so, als seiest du eben in dieses Mord-Szenario geraten und in Ohnmacht gefallen, bevor Du wieder zu Dir kamst und Dich auf diesen Stuhl setzen konntest. Sag kein Wort - zu niemand, verstehst Du mich?

Ich fühlte, daß etwas Farbe in meine Wangen zurückgekehrt war, und seine starken, schwieligen Hände hatten meinen ein wenig Wärme gespendet. Da ich meiner Stimme nicht traute, nickte ich nur und hielt meine Augen auf Maximus geheftet, als er aufstand und zum Ausgang des Zeltes ging. Er verschwand in der Nacht und ließ mich mit drei toten Männern allein zurück.

Ich blieb lange Zeit still sitzen und schaute nur - die Augen auf Cassius gerichtet, die Hände steif ineinander verschlungen. Die Stille im Zelt war unheimlich, die flackernden Öllampen warfen bizarr tanzende Schatten an die leinenen Wände. Dann lächelte ich. Aber es war nicht jenes aufgesetzte, süßliche Lächeln, mit dem ich von Kindheit an meine Züge zu übertünchen gelernt hatte. Es war auch nicht das offene, spielerische, liebende Lächeln, das ich Maximus während Cassius' letzter schicksalhafter Party geschenkt hatte. Es war hart und kalt und grausam, und ich brauchte keinen Spiegel um zu wissen, daß dieses Lächeln auch furchterregend war. Der Gedanke schoß mir durch den Kopf, daß so die Göttin Diana lächeln mußte, wenn sie jene Männer, die dreist genug waren, sie selbst statt ihrer göttlichen Jungfräulichkeit zu begehren, nachdem sie sie in ein Reh verwandelt hatte, mit silbernen Pfeilen erlegte.

Und dann redete ich. Meine Stimme war so sicher und ruhig, mein Verstand so klar, daß ich verrückt sein mußte.

"Weißt du was, Cassius?" sagt ich im Plauderton. "Du hattest recht: ich bin die Beste, die Du jemals gezüchtet hast. Nur zu schade, daß Dir nie klar war, was Du da sagtest."

Ich stand auf und drehte mich langsam herum, um die Szene zu überblicken und mich zu vergewissern, daß alles in Ordnung war. Maximus hatte erwartet, daß ich hysterisch reagierte und war überrascht gewesen, als ich es nicht tat. Er hatte mich auch angewiesen, wegen der Morde Alarm zu schlagen und ihm so das Stichwort zu geben, um in Aktion zu treten. Es war Zeit für Beides.

Ich holte tief Luft, öffnete den Mund und schrie.

8.Nachwehen und Maximus' Zweite Verweigerung

 Meine Schreie schraubten sich empor wie ein Schwarm Fledermäuse,  plötzlich ausgespiehen von den geöffneten Toren der Unterwelt .

Immer und immer wieder - man hatte meine Stimme als rauchig beschrieben ... eine tiefe, kehlige Stimme, äußerst ungewöhnlich für eine Frau, und jene, die sie aus eben diesen Gründen nicht als beunruhigend empfanden, priesen sie ebenso wie meine Schönheit. Seit meiner Kindheit war ich darauf trainiert worden, meine Stimme als ein weiteres Mittel der Verführung einzusetzen, sie tief zu halten, volle, dunkle Töne zu gebrauchen, um meine Worte mit dem heißen Versprechen unaussprechlicher Lust zu erfüllen. Turia flößte meine Stimme Unbehagen ein, und sie beschwerte sich bei Cassius, daß mein einziger Makel in meiner Unfähigkeit zu singen bestünde. Aber Cassius wischte ihre Bedenken beiseite indem er sagte, daß er eine Frau, die es während des Liebesaktes verstand, so gekonnt zu stöhnen wie ich, allen perfekt ausgebildeten Sängern des Imperiums vorziehe. Turia und Cassius - einst Liebende, die mein Leben in ihren Händen gehalten hatten, - nun waren beide tot.

Ich kann mich nicht erinnern, in meinem Leben jemals geschrieen zu haben - außer in jener Nacht im Hause des alternden Senators, als ich vergeblich um Hilfe rief, nach jemandem rief, der mich vor dem Mann rettete, welcher meinen zwölf Jahre alten Körper unter seinem begrub. Meine Schreie hatten mir nur brutale Schläge ins Gesicht eingebracht, eine Lektion wie sie härter nicht hätte sein können, denn der Mann genoß meinen Widerstand und wartete geradezu darauf, denn Vergewaltigung bereitete ihm größere Lust als eine einfache Eroberung. Die Schläge des Senators hatten mich ernüchtert, und das mißbrauchte Mädchen, welches das Haus verließ und, verborgen unter den Kleidern einer teuren Puppe, einen gestohlenen Silberdolch trug, hatte nie wieder geschrieen, denn es gab keine Hilfe, nach der man hätte rufen können. Nicht bis zu jener Nacht, als derselbe Dolch meiner Erniedrigung ein Ende bereitet hatte und ebenso dem letzten Rest, der von meiner Unschuld noch übrig gewesen war.

Ich weiß nicht, wie lange ich schrie, aber plötzlich stürmte eine Gruppe von Prätorianern und Offizieren in das Zelt, jedoch nur, um angesichts der blutigen Szene wie angewurzelt stehen zu bleiben. Sie sahen einander an, schockiert und verwirrt, vollkommen hilflos. Martius, ein junger Tribun, hatte sich schneller als die anderen wieder unter Kontrolle und wandte sich zu mir um. Ich hatte mich zum entferntesten Ende des Zeltes zurückgezogen, darauf bedacht, zwischen mir und den Männern - toten wie lebenden - so viel Abstand wie möglich zu schaffen, und die Hände vor den Mund gepreßt. Er kam zu mir und zerrte mich am Arm.

"Was ist passiert?" schrie er, die Augen vor Entsetzen weit geöffnet. Er war einer von Cassius' engsten Vertrauten und wußte, was dessen und Marcellus' Tod bedeutete: er hatte einen Mann unterstützt, der versucht hatte, den Thron an sich zu reißen, und nun war dieser Mann tot. Er steckte ganz tief in Schwierigkeiten. Als ich nicht antwortete, schüttelte er mich heftig, aber ich schaute ihn nur an mit Augen, die, wie mir bewußt war, weit geöffnet und voller Panik waren. "Blödes Weibsbild!" brüllte er. "Sag mir, was geschehen ist! War irgend jemand hier? Antworte!" Mit derselben Gleichgültigkeit, die ich verspürt hatte, als ich mir beinahe die Pulsadern aufgeschnitten hatte, sah ich nun, wie Martius die Hand erhob. Er war im Begriff, mir ins Gesicht zu schlagen. Ich bereitete mich innerlich auf den Schlag vor ...

"Was ist hier los?"

Maximus' dröhnende Stimme erschreckte Martius und ließ ihn mitten in der Bewegung innehalten. Maximus betrat das Zelt in voller Rüstung - er trug seinen verzierten Brustpanzer -  gefolgt von seinen beiden "Wachen", und sein Rang sowie seine natürliche Autorität ließen Cassius' Offiziere verstummen. Martius ließ seine Hand sinken, ohne mich jedoch freizugeben.

Alle Augen richteten sich auf Maximus, die Stille so vollkommen, daß es unheimlich war. Dann räusperte sich einer der Zenturios. "Wir ... wir kamen her, als wir die Frau schreien hörten, und wir fanden den ... wir fanden General Cassius und Marcellus tot vor, Herr ..."

Maximus ging zu den Leichen und betrachtete sie aufmerksam. "Ruft nach den Ärzten!" befahl er einem der Prätorianer. Dann wandte er sich an seine eigenen Wachen. "Nehmt General Cassius' Leichnam und legt ihn auf sein Bett ... sein Verhalten dem Kaiser gegenüber mag fragwürdig gewesen sein, aber er war ein guter Soldat und verdient Respekt." Während die Wachen seinen Befehl ausführten, kam Maximus auf mich zu. Ich preßte noch immer die Hände auf meinen Mund und hatte zu zittern begonnen. "Tribun, laß sie los", befahl er Martius.

"General, sie war hier, als wir ankamen!" sagte er, wobei er seine Finger schmerzhaft in meinen Unterarm grub. "Wir müssen sie verhören! Sie muß etwas gesehen haben ... so weit wir wissen, könnte sie selbst Cassius ermordet haben!"

Maximus warf dem Tribun einen eisigen Blick zu. "Natürlich könnte sie etwas gesehen haben, und ich werde sie verhören", sagte er, seine Stimme so eisig wie sein Blick. Martius öffnete wieder den Mund, aber Maximus' Wachen legten Hand an ihre Schwerter, und in der Zeltöffnung erschienen zwei der Legionsärzte, ein Mann, den ich später als Gallienus kennenlernen sollte, und ein Dutzend Männer der Reiterei. "... nicht daß ich das für nützlich hielte", fuhr Maximus fort, wobei er noch immer Martius fixierte. "Sie ist nur eine hysterische Frau. Und was Deinen Kommentar angeht, sie könne die Mörderin dreier hoch trainierter Soldaten sein ... ich will mal so tun, als habe ich das nicht gehört. Und nun laß sie los , wie ich Dir befohlen habe ... und in Zukunft, Tribun, erwarte ich, daß man mir augenblicklich und ohne zu fragen gehorcht.

Martius tauschte einen verzweifelten Blick mit den anderen Offizieren aus, aber keiner reagierte oder machte Anstalten, ihn zu unterstützen, alle waren mehr um ihre eigene unmittelbare Zukunft besorgt. Der Tribun tat wie ihm geheißen, und ich stolperte, fiel beinahe hin. Niemand streckte auch nur eine Hand aus, um mich zu stützen. Nicht die Offiziere, die besorgte Blicke wechselten. Nicht die Ärzte, die Cassius' Leichnam untersuchten. Nicht Maximus, dessen Aufmerksamkeit auf die anderen Leichen gerichtet war.

Er hockte sich neben sie und trennte die Leiber eigenhändig, achtete nicht auf das Blut, das seine Hände und Stiefel verschmierte. Gallienus trat neben ihn, ging jedoch nicht in die Hocke. Statt dessen blieb er stehen, die Hand am Schwertknauf, bereit loszuschlagen, sollte einer von Cassius' Männern versuchen, sich seinem General zu nähern. Sie taten es nicht. Sie wußten nur zu gut, daß ihr Verhalten ihre militärische Laufbahn ohne jede Hoffnung beendet und möglicherweise ihr Leben in Gefahr gebracht hatte; keiner wollte die Situation noch schlimmer machen.

"So, das ist also passiert", sagte Maximus mit aller Deutlichkeit, nachdem er den Körper des toten Prätorianers auf den Rücken gedreht hatte.

"Marcellus hat Cassius angegriffen, während dieser durch seine Schreibtätigkeit abgelenkt war, aber seine tapfere Wache muß etwas gehört und versucht haben, ihren General zu retten. Sie stolperten, und es gelang ihm, Marcellus zu verwunden, er wurde jedoch selbst auch getroffen."

Er hob den Kopf und blickte den erwartungsvoll dastehenden Männern in die Augen, forderte ihren Widerspruch geradezu heraus.

Niemand sagte ein Wort. Er stand auf, nahm das Tuch, das einer der Ärzte ihm reichte, und wischte sich sorgfältig die Hände ab, während er keinen Blick von den Offizieren ließ.

"Gallienus!"

Der Stallmeister war augenblicklich bereit, Maximus Befehle entgegenzunehmen. "General?"

"Als ranghöchster Offizier, nicht nur in diesem Lager sondern an der gesamten nördlichen Grenze, übernehme ich den Befehl über diese Legion."

Einige der Offiziere hielten hörbar den Atem an. Maximus fuhr fort, als habe er es nicht bemerkt.

"Ich tue dies im Namen des wahren Imperators, Marcus Aurelius, und mit der Autorität, die mir von ihm übertragen wurde, um in seinem Namen zu handeln. Ich will, daß die Wachen an den Toren und auf den Mauern augenblicklich von Deinen Männern ersetzt werden."

Cassius' Offiziere tauschten schnelle, verzweifelte Blicke.

"Ja, Herr!" antwortete Gallienus.

"Ich ordne ebenfalls an, daß alle militärischen Dokumente und Briefe in diesem Zelt und jene aller Offiziere beschlagnahmt, in einer Truhe versiegelt und in mein Zelt gebracht werden. Zwei Deiner Männer sollen sie Tag und Nacht bewachen."

Gallienus nickte und zwei Offiziere eilten hinaus. Maximus fuhr fort.

"Schwerwiegende Verbrechen gegen Rom und den Kaiser sind an diesem Ort begangen worden. Bis ich festgestellt habe, was hier genau passiert ist und wer daran beteiligt war, bleiben die Tore geschlossen: keiner kommt herein und keiner heraus. Auch will ich, daß man die Wachen an den Ställen und den Waffenkammern verdoppelt."

"Ja, Herr!"

Maximus ließ Cassius' Offiziere keinen Moment aus den Augen. "Der Imperator ist auf dem Weg hierher, und er wird entscheiden, was zu tun ist. In der Zwischenzeit werden alle Offiziere, seien sie hier anwesend oder nicht, unter Arrest gestellt. Ich schlage vor, meine Herren, daß Ihr Eure Lage nicht durch Widerstand weiter verschlechtert."

Die Offiziere sahen blaß und bestürzt aus.

"Weiter ordne ich an, daß die Quästoren und Prätoren*1 der Legion unter Arrest gestellt und die Bücher konfisziert werden. Das wäre dann alles für den Augenblick. Gallienus, du hast Deine Befehle."

"Ja, Herr!" Gallienus nickte abermals, und seine Männer kreisten die Offiziere ein.

"Was ist mit der Hure?" fragte Martius scharf. Alle Blicke hefteten sich auf mich, und ich duckte mich, zuvor fing ich jedoch noch Maximus' Blick auf, der, drohend wie ein heraufziehendes Gewitter, den Tribun betrachtete. Dann schaute er zu mir, und für einen kurzen, flüchtigen Moment sah ich die widerstreitenden, wechselnden Gefühle, die in seinen durchdringend blauen Augen tanzten. Ich sah bittere Wut und Sorge, Schuld und Kummer, flammenden Zorn und Zärtlichkeit. Die brennende Intensität seines Blickes sandte Schauer über meinen Rücken, es war der gequälte Ausdruck eines Mannes, der nicht nur mit gefährlichen Umständen zurechtkommen mußte, sondern auch mit seinen eigenen Dämonen kämpfte. Und dann war es vorbei. Er hatte seine Gefühle einmal mehr unter Kontrolle und war wieder ganz der General. Flammende Wut wandelte sich in eiskalte Entschlossenheit, alles Fürsorgliche und Zärtliche war aus seinem Blick gelöscht. Er war wieder ganz der General und ich war nicht länger die Frau, für die er Sorge, Kummer und Zärtlichkeit empfunden hatte, sondern nur eine Schachfigur in einem gefährlichen Spiel, und sein höchstes Ziel bestand darin, seine Mission zu beenden und seine Pflicht gegenüber seinem Kaiser zu erfüllen. Ich war nicht länger die Frau, die seine Leidenschaft so stark erregt hatte, daß er beinahe seine Gemahlin betrogen hätte.

Ich war nicht einmal mehr Julia sondern nur "die Hure".

 Die Hure.

Ich stand, nur in eine durchscheinende Tunika gekleidet, in einem Raum voller römischer Offiziere, einem Raum voller Männer, die mich irgendwann einmal in ihrem Bett gehabt hatten, Maximus war der einzige, der sich nicht befleckt hatte. Maximus, der einzige, den ich gewollt hatte. Maximus, der mich sah, wie ich wirklich war.

Ich wußte, daß alles - sogar unser Leben - von der Scharade abhing, die wir spielten, und von meiner Rolle darin. Ich war nur zu bereit weiterzuspielen, egal wie schmerzvoll es auch sein mochte, ich hätte weitergemacht, hätte alles erduldet, selbst Martius' Schläge, wenn da nicht jene letzte kurze flüchtige Regung gewesen wäre, die ich in Maximus' strahlend blauen Augen gesehen hatte, bevor er seinen Blick abwandte. Es war die schmerzlichste Regung, die ein Mensch in den Augen eines anderen sehen kann, insbesondere eine Frau in den Augen des Mannes, den sie liebt. Es war etwas viel schlimmeres als Haß - es war Mitleid.

Schweigend flehte ich ihn an ... Ich flehte, er möge mich nicht verurteilen. Mich nicht verachten. Aber vor allem flehte ich ihn an, mich nicht zu bemitleiden.

"Gallienus?"

"Ja, Herr?"

"Diese Frau steht unter meinem persönlichen Schutz. Bring sie in einem Zelt in der Nähe meines eigenen unter und postiere Wachen am Eingang. Niemand darf mir ihr sprechen, bis ich es erlaube. Nicht einmal die anderen Frauen. Ich werde sie später verhören."

"Ja, Herr!"

Maximus senkte seine Stimme, jedoch nicht genug, daß ich seine nächsten Worte nicht gehört hätte.

"Und besorge etwas, um sie zu bedecken, bevor man sie hinausbringt. Ich will nicht, daß den Soldaten die Augen aus dem Kopf fallen, wenn sie sie sehen."

Eine Saite riß in mir.

Heftige, unterdrückte, trockene Schluchzer entrangen sich meiner Kehle, die Hände hatte ich auf meinen Mund gepreßt, um sie zu unterdrücken, meine Augen hielt ich auf Maximus geheftet. Er kam auf mich zu gelaufen, packte mich an den Schultern und zwang mich, mich zu setzen. "Hab keine Angst. Niemand wird Dir etwas zu Leide tun", sagte er sanft, einen warnenden Blick in den Augen. Aber Warnungen erreichten mich nicht mehr. Ich zitterte unkontrolliert, streckte meine Arme nach ihm aus und plapperte Worte, die nicht einmal ich selbst verstehen konnte.

Maximus bedeutete Gallienus, Cassius' Offiziere aus dem Zelt zu führen, ihre Festnahme war durch meinen Gefühlsausbruch unterbrochen worden. Dann wandte er sich wieder mir zu. "Du bist in Sicherheit", sagte er. Der warnende Ausdruck in seinen Augen war Bestürzung gewichen, und erst jetzt realisierte ich die wilden kreischenden Laute, die ich von mir gab. Ich hatte das Gefühl, mein Herz würde zerspringen, der Schmerz in meiner Brust war so stark, daß ich nicht atmen konnte. Ich stieß Maximus beiseite und versuchte aufzustehen. Ich wollte weglaufen, mich weit weg in einer dunklen Ecke verstecken, zusammenrollen und sterben.

"Arzt!"

Der Mann kam zu uns gerannt und half Maximus, mich zu zwingen, daß ich mich wieder setzte, während ich blind gegen beide ankämpfte.

"Ich muß sie verhören, aber sie ist außer sich. Kannst Du etwas tun?"

Der Arzt blickte mich zweifelnd an. "Sie ist nur ein Mädchen, General",  sagte er. "Sie hat einen bösen Schock erlitten."

"Ich weiß, daß sie einen schlimmen Schock hat", sagte Maximus mit einem Anflug von Ungeduld in der Stimme, wobei er mich keinen Moment aus den Augen ließ. "Ich kann sie später vernehmen, aber sollte sie zusammenbrechen, wird sie nicht mehr als verläßliche Zeugin dienen können ... Kannst Du ihr etwas geben, um sie zu beruhigen?"

"Ich kann ihr etwas Opium geben", sagte der Mann. "Es wird ihr helfen zu schlafen und ..."

"Tu es."

Der Arzt zögerte, dann rief er nach seinem Gehilfen und traf seine Anordnungen. "Bist du sicher, daß Du sie außer Gefecht setzen willst, General?" fragte er Maximus. "Sie wird sich sehr schlecht fühlen, wenn sie wieder zu sich kommt. Du mußt wissen, daß sie völlig durcheinander sein wird."

Maximus nickte. "Es bereitet mir viel mehr Sorge, daß sie sich selbst etwas antun könnte." Der Gehilfe war mit einem Becher zurückgekehrt, der etwas enthielt, das wie Milch aussah, und überreichte es dem Arzt. "Bitte, General, tritt beiseite, so daß mein Gehilfe sie festhalten kann, während ich ihr dies hier verabreiche", gab er Maximus zu verstehen. Ein seltsamer Geruch drang aus dem Becher an meine Nase, und ich kämpfte um so heftiger gegen die beiden Männer an.

"Ich werde sie selbst festhalten", sagte Maximus. Der Arzt schaute ihn fragend an, und Maximus fügte hinzu, "Sie hat fürchterliche Angst. Ich möchte nicht, daß sie noch mehr Mißhandlung und Schikane erdulden muß."

Der Arzt sah erst mich, dann wieder Maximus an, nickte und schickte seinen Gehilfen weg. Er hob den Becher an meine Lippen, und ich wandte mich ab, nur um mein Gesicht ganz dicht an Maximus' wiederzufinden. Ich sah in seine Augen und fühlte, wie mein Herz sich schmerzvoll weitete, als ich in seinem Blick erkannte, wie sehr er mich beschützen wollte. Das gab mir den Rest. Ich hörte auf, mich zu widersetzen und sank an seiner Brust zusammen. Vorsichtig lockerte Maximus seinen Griff und ich legte meinen Kopf an seine Schulter. Der Arzt beobachtete uns einen Moment lang und führte dann den Becher abermals an meine Lippen. Ich schloß die Augen und trank.

Ich war versunken in Finsternis, eine heiße, schmerzende Finsternis, die sowohl mich als auch alles um mich herum verschlungen zu haben schien. Ich hörte einige gedämpfte Geräusche, die ich jedoch nicht unterscheiden konnte. Die Finsternis war so vollkommen, daß sie mich zu ersticken drohte. Ich versuchte, mich zu bewegen, aber mein Körper schien sich von meinem Geist getrennt zu haben. Allmählich wurde aus der Finsternis ein flammendes Purpurrot, und die Farbe war so intensiv, daß mir die Augen wehtaten, selbst wenn ich sie geschlossen hielt. Wieder hörte ich die gedämpften, gequälten Laute, und erst jetzt stellte ich fest, daß ich stöhnte. Die Dunkelheit ließ nach, aber der pochende Schmerz blieb, nur daß er jetzt in meinem Kopf war und nicht mehr um mich herum. Ich keuchte und kämpfte gegen meinen Körper an, der entschieden hatte, wieder aufzutauchen, aber ich verlor den Kampf.

Als es mir endlich gelang, meine Augen zu öffnen, erblickte ich Rufa, die mich ansah. Undeutlich bemerkte ich, daß ihre runden, großen Augen nicht den üblichen verängstigten Ausdruck hatten, sondern den neugierigen Blick eines Kindes, das von etwas Geheimnisvollem und Faszinierendem gefesselt war. Mein hämmernder Kopfschmerz wurde nur noch von qualvollem Durst übertroffen. Ich versuchte zu sprechen, sie um etwas Wasser zu bitten, aber meine ausgedörrten Lippen weigerten sich, auch nur ein Wort zu formen. Ich war so benommen, so verwirrt, so schwach!

"Herrin Julia?"

Ihre Stimme glich einem Trommelschlag in meinem benebelten Hirn. Ich zuckte zusammen und versuchte abermals zu sprechen; es gelang mir jedoch nicht. Ich sah einen Krug auf dem Tisch  neben meinem Lager und deutete ihr unbestimmt an, mir etwas Wasser zu geben, aber das Mädchen achtete nicht darauf.

"Ich muß rufen", sagte sie in ihrem stockenden, kehligen Latein. "General hat gesagt, wenn Du aufwachen, ich muß rufen." Mit diesen Worten rannte Rufa davon und ließ mich mit hämmerndem Kopf und wunder, ausgedörrter Kehle allein zurück.

Langsam und schmerzvoll hob ich den Kopf und schaute mich um. Ich befand mich in einem Zelt, das mir vage vertraut vorkam, aber ich konnte mich nicht erinnern, wie ich hierher gekommen war. Ich lag auf einem Ruhebett unter einer leichten Decke, und irgend jemand - vermutlich der Arzt - hatte meine Tunika gelöst indem er mir den Gürtel abgenommen hatte. In meinem Kopf drehte sich alles, ich ließ ihn zurückfallen und schloß die Augen.

Zuerst hörte ich Fußtritte, dann nahm ich eine Bewegung dicht neben mir wahr. Ich öffnete die Augen und sah Rufa, die, gefolgt von Maximus, zurückgekehrt war. "Laß uns allein", sagte er leise zu dem Mädchen, und nachdem sie gegangen war, griff er nach einem Stuhl und setzte sich neben mich.

"Julia?" fragte er. "Wie fühlst du Dich?"

"Ich schluckte hart und stöhnte, während mein Kopf unablässig hämmerte.

"Julia?"

Ich versuchte ein schwaches Lächeln, dann deutete ich mit einer Bewegung an, daß er mir Wasser geben solle, und Maximus goß ein wenig in einen Becher, während ich versuchte, mich aufzusetzen. Er gab mir den Becher in die Hand und schloß meine Finger um das Gefäß, sein Blick war von Sorge verdunkelt. Ich führte den Becher zum Mund, aber meine Hände zitterten so stark, daß ich nicht trinken konnte und einen Teil des Wassers verschüttete. Die Flüssigkeit durchtränkte meine Tunika, und die durchscheinende meergrüne Seide klebte an meinen Brüsten. Von mir selbst angewidert konnte ich ein Schluchzen nicht unterdrücken.

Maximus fluchte leise vor sich hin, setzte sich zu mir auf das Ruhebett und nahm mich in den Arm. Er führte den Becher an meine Lippen und hielt ihn, während ich gierig trank. Nachdem ich ausgetrunken hatte, lehnte ich meinen Kopf an seine Schulter und murmelte: "Danke ...", bevor mein Geist wieder davon driftete. Maximus ließ mich zurück auf mein Lager gleiten und setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Dort blieb er und betrachtete mich schweigend, bis ich  genügend Kräfte gesammelt hatte, um meine Augen wieder zu öffnen.

"Was ist geschehen?" flüsterte ich.

"Die Dinge sind unter Kontrolle, aber wir befinden uns in andauerndem Alarmzustand, und das wird sich nicht ändern, bis der Imperator eingetroffen sein wird", sagte er. "Das Hauptproblem besteht darin, daß ich hier nur sehr wenige Männer habe, und ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis der Imperator hier sein wird. Ich habe alle Offiziere verhaften lassen, aber ich muß noch herausfinden, ob es weitere Verräter unter den Männern gibt. Die Gefahr ist nicht gebannt."

Ich nickte, und er fuhr fort.

"Julia, es tut mir leid wegen des Opiums, aber ich mußte es tun. Ich weiß, daß Du viel durchgemacht hast, aber ich konnte es nicht riskieren, daß Du etwas sagtest, das meine Pläne hätte in Gefahr bringen können, verstehst du?"

Ich seufzte und nickte wieder, nicht sicher, ob ich meine Stimme hätte beherrschen können.

"Du bist sehr tapfer gewesen, und ich weiß nicht, ob ich meine Mission ohne Deine Hilfe hätte durchführen können, Julia. Aber Du mußt für mich stark bleiben und mir weiter helfen." Er blickte mir in die Augen und versuchte einzuschätzen, ob ich ihm folgte. "Du bist in Marcellus' Zelt. Es befindet sich innerhalb des Prätoriums und nahe bei meinem eigenen. Vor dem Eingang stehen zwei Wachen und sie haben strikte Anweisung, niemand, der mit Dir reden möchte, vorzulassen, außer mir selbst. Man nimmt an, daß ich Dich verhöre und Dich dann unter meinen Schutz stelle, bis der Imperator kommt und entscheidet, was zu tun ist."

Er mußte die Panik in meinen Augen gesehen haben, denn er lächelte schwach und fügte hinzu: "Du hast nichts zu befürchten. Wenn Marcus Aurelius kommt, werde ich unter vier Augen mit ihm sprechen, und alles wird sich klären. Cassius starb als Verräter, gemäß dem Gesetz fallen seine Güter und Besitztümer an den Kaiser. Aber Marcus Aurelius ist ein mitfühlender Mann und wird Dich und die anderen Frauen freilassen." Er machte eine Handbewegung, als wolle er mir das Haar aus dem Gesicht streichen, hielt jedoch inne und fuhr nach kurzem Zögern fort zu sprechen. "Es ist notwendig, daß Du hier unter Bewachung verbleibst, bis der Imperator mit Verstärkung eintrifft. Es wird schwer für Dich werden, Julia, weil Du isoliert sein wirst, aber es ist notwendig. Ich werde Dich so bald wie möglich entlassen. Es ist zu Deiner eigenen Sicherheit  und ebenso zu der meiner Männer ... und meiner eigenen."

Ich brachte ein schwaches Lächeln zustande und nickte abermals.

"Du mußt Dich ausruhen, Julia, und ich habe noch viel zu tun", sagte er sanft. "Ich verlaß Dich jetzt. Schlafe. Am Morgen wirst Du Dich besser fühlen. Ich schicke Deine Dienerin wieder zu Dir, und wenn Du etwas brauchst, dann soll sie mich holen." Er bemerkte meinen aufgelösten Zustand und fügte hinzu: "Ich sorge dafür, daß Deine Dienerin Dir etwas zum Anziehen bringt."

Dann stand er auf und ging eilig in Richtung des Ausganges.

Irgendwie brachte ich die Kraft auf, ihn zu rufen. "Maximus!"

Er blieb stehen, wandte sich jedoch nicht um.

"Maximus, würdest du etwas für mich tun?"

Er drehte sich langsam auf den Versen um und schaute mich ein wenig argwöhnisch an. Er bewegte sich nicht von seinem Platz in der Nähe des Ausganges, wartete, daß ich zu reden begann und fürchtete ganz offensichtlich das, was ich sagen würde.

"Würdest Du mich in den Arm nehmen? Bitte!" sagte ich mit der schwachen Stimme des ängstlichen Mädchens, das immer noch tief in der erwachsenen Frau und erfahrenen Hure lebte. "Würdest Du mich ganz fest in den Arm nehmen?"

Er öffnete den Mund, um zu protestieren oder mir meinen Wunsch abzuschlagen, unterließ es aber. Dann lächelte er schwach und kam zurück zu mir. Er setzte sich wieder neben mich auf das Ruhebett und versuchte, mich in die Arme zu schließen. Aber er trug seinen Brustpanzer und ich mochte mich nicht an dieses kalte, harte Ding lehnen, wo ich mich so sehr nach der warmen Stärke seines Körpers sehnte.

Unsere Blicke trafen sich - meiner bittend, seiner verlegen.

"Bitte ..." flüsterte ich.

Leise vor sich hin fluchend stand Maximus wieder auf und fingerte an den Schnallen seines Brustpanzers. Ohne Hilfe war dies kein leichtes Unterfangen, und ich sah, wie er sich ungeduldig abmühte, bis er das Ding endlich abnehmen konnte und es auf den Boden warf, wo es mit einem dumpfen Geräusch landete.

Er setzte sich wieder zu mir auf mein Lager, aber bevor er mich noch in seine Arme nehmen konnte, kroch ich unter der Decke hervor und auf seinen Schoß. Die gelockerte Tunika entblößte beinahe meine Brüste, und das Kleidungsstück hatte sich weit über meine Oberschenkel hinaufgeschoben. Ich schlang meine Arme um seine Taille und vergrub mein Gesicht an seinem Hals. Ich spürte, wie er sich versteifte, und wußte, daß dies mehr war, als er erwartet hatte ... und ich wußte auch, daß, wenn er mich jetzt zurückstieße, ich an Einsamkeit und gebrochenem Herzen sterben würde.

Aber ganz langsam entspannte sich Maximus und legte seine starken Arme um mich. Wimmernd kuschelte ich mich an ihn, atmete seinen so typisch männlichen Geruch ein, während mich die Hitze seines Körpers wie ein Mantel umhüllte. Ich schloß die Augen und seufzte voller Hingabe,  als ich spürte, wie seine Finger zuerst meine Tunika richteten, meine nackten Beine bedeckten und mir schließlich zärtlich über das Haar strichen.

Ich weiß nicht, wie lange ich so da lag, mich in seiner Wärme und Stärke wiegte.

Aber plötzlich kuschelte ich mich nicht mehr nur einfach an ihn. Meine Hände wanderten seinen breiten Rücken auf und ab, spürten den sich unter der leichten Wolle der weinroten Tunika deutlich abzeichnenden Muskeln nach. Ich küßte seinen Hals, spürte das erotische Gefühl, welches das Kratzen seiner Bartstoppeln auf meinen Lippen entfachte, drückte meine Brüste in dem verzweifelten Verlangen an ihn, seinen Körper an meinem zu fühlen.

Ich hörte, wie er den Atem anhielt, er bewegte sich unbehaglich unter meinen Schenkeln und versuchte, eine Berührung der intimsten Stellen unserer Körper zu vermeiden. Ich war nackt unter meiner leichten Seidentunika, nackt in seinen Armen, und meine Haut fühlte sich so fiebrig heiß an wie nie zuvor. Ich wollte mich rittlings auf ihn setzen, mich um ihn schlingen, ihn in mich aufnehmen - so tief  ich konnte. Meine Lippen und meine Zunge liebkosten seinen Nacken, seine Kehle, und meine Hände glitten seinen Rücken hinab, suchten sein festes rundes Hinterteil. Ich war trunken von seiner Hitze, seiner Kraft, seinem Geruch. Ich fühlte mich lebendig, verzweifelt, schmerzhaft lebendig. Ich brannte in dem Urbedürfnis nach Vereinigung, dem Bedürfnis, daß er mich nahm, wie der Mann seit Anbeginn der Zeit seine Gefährtin genommen hat, und daß sein Same sich in glühend heißem Strom in mich ergoß. Ich stöhnte, packte seine Tunika mit beiden Händen ...

Maximus ganzer Körper versteifte sich, seine Hände packten schmerzhaft meine Arme, und obwohl  unsere heißen Körper sich berührten, richteten seine angespannten Muskeln eine kalte, abweisende Distanz zwischen uns auf. Auch ich verspannte mich, und wir verharrten beide einen langen Augenblick in dieser Haltung - zwei Statuen, erstarrt in einer leblosen Parodie liebender Vertrautheit.

Dann sank ich besiegt an seine Brust. Ich ließ meine Stirn an seiner Schulter ruhen, bat ihn wortlos, weiter in seinen Armen bleiben zu dürfen. Langsam, ganz langsam entspannte er sich wieder und ich seufzte, bereit, eher das Wenige anzunehmen, das er mir geben würde, als seine Wärme ganz aufgeben zu müssen.

Auch Maximus seufzte, ein langer, müder Seufzer. Dann fühlte ich, wie er abermals mein Haar streichelte, und meine Tränen begannen still zu fließen.

"Maximus?" fragte ich. Wieder klang meine Stimme wie die des ängstlichen kleinen Mädchens, das in Cassius' Villa aufgewachsen war, des ängstlichen kleinen Mädchens, das keine Mutter und keine Puppe besessen hatte, des ängstlichen kleinen Mädchens, das herangewachsen war zu einer schönen, einsamen und traurigen Hure.

"Ja, Julia?" fragte er in seiner tiefen, vibrierenden Stimme.

"Wirst du mich lehren, Maximus?"

"Dich was lehren, Julia?" Er klang verwirrt.

"Zu schwimmen." Ich war müde, so entsetzlich müde. Irgendwie gelang es mir, weiter zu sprechen.

"Weißt Du was, Maximus? Ich habe Angst vor Wasser. Ich habe Angst zu ertrinken." Abwesend zupften meine Finger an seiner Tunika. "Ich mag es nicht, Angst zu haben, Maximus. Ich will vor nichts mehr Angst haben ... Wirst Du mir beibringen, wie man schwimmt?"

"Ja, Julia. Ich werde dir beibringen, wie man schwimmt", sagte er sanft und ich spürte auf meinem Scheitel seinen leichten, zarten Kuß, der mich trotz Traurigkeit und Erschöpfung und Niederlage mit süßer Zärtlichkeit erfüllte. Ich mühte mich ab, den Kopf zu heben, denn ich mußte noch einmal in seine schönen blauen Augen blicken ... aber mein Kopf schien zu schwer zu sein. Ich schlief ein.

Eines der wenigen kleinen Gnadengeschenke, mit denen mich die Götter gesegnet haben, ist die Tatsache, daß ich, wenn ich schlafe, nicht träume. Das ist gut, denn es bedeutet, daß ich nicht von Alpträumen geplagt werde. Hätte ich solche, dann wären sie so furchterregend, daß ich schon vor langer Zeit nur zu bereit gewesen wäre zu ertrinken.

Aber als ich in jener Nacht in Maximus Armen schlief, da träumte ich. In meinem Traum war ich nicht die ängstliche Julia, die ihn angefleht hatte, sie nicht allein zu lassen, sondern eine stolze und starke Frau. Ich war älter, und ich trug keine durchscheinende Seidentunika, sondern eine schickliche Stola*2  aus leichter Wolle. Ich saß auf einer hölzernen Bank im Garten eines Landgutes wie ich es nie zuvor gesehen hatte, denn es handelte sich nicht um eine luxuriöse Villa wie die des Cassius, sondern um ein schlichtes und komfortables Haus in der Provinz. Mein Haar war hochgesteckt, wie es sich für eine ehrbare freie Frau ziemte, und ich betrachtete voller Verwunderung die unberührte Schönheit des Gartens und der ihn umgebenden Hügel. Aber meine Aufmerksamkeit wurde auf das gezogen, was in meinem Körper vor sich ging, denn meine Brüste waren schwer und voll, und mein Schoß strahlte eine süße, liebliche Wärme aus. Ich richtete meine Augen nach unten auf meinen gerundeten Leib, geschwollen und aufgebläht wie es Eugenias vor vielen Jahren gewesen war. Meine Hände streichelten ihn liebevoll, und dann drückte ich ihn, wie sie es mich zu tun gelehrt hatte, und ich fühlte, wie das Baby in meinem Inneren eine sanfte rollende Bewegung machte und mir, wie zur Antwort, einen leichten Tritt versetzte. Ich schlang meine Arme fest um mich selbst, aber nicht aus Einsamkeit und Verzweiflung, wie ich es gewohnt war, sondern in liebender, süßer Zufriedenheit.

Dann wandelte sich die Szene wie es nur im Traum geschehen kann. Ich befand mich in demselben Garten, saß aber nicht auf der Bank sondern stand neben dem Weg, mein Körper war wieder schlank, und in den Armen hielt ich ein Baby, ein kleines Mädchen.  Sie war so klein, aber von vollkommener Schönheit, ihre Haut war milchweiß wie die meine. Aber sie hatte nicht mein rotgoldenes Haar sondern das weiche, schwarze Haar ihres Vaters. Das Baby gähnte so hingebungsvoll wie nur Babys dies können und führte die kleinen Fäustchen an ihren vollendeten Mund, der einer Rosenknospe glich. Dann öffnete sie die Augen und schaute mich an, ihre Augen waren blau, nicht dunkelblau wie meine, sondern sie hatten das grünliche, funkelnde, einzigartige Blau des Mannes, der sie gezeugt hatte.

Ich hob die Augen von dem lebendigen  Wunder, welches meine Tochter war, und ich sah ihn. Er kam auf mich zu, ging den Weg entlang mit seinem leichten, selbstsicheren Gang, aufrecht und stolz, die breiten Schultern bedeckt von seinem Umhang und den silbernen Wolfspelzen, dem Zeichen seines hohen Ranges. Er trug seinen ausgearbeiteten Brustharnisch, der ihm schon in vielen Schlachten gute Dienste erwiesen hatte, und an seiner Seite hing das Schwert - ein  kampferprobter Krieger kehrte heim, kehrte heim zu seiner Frau und der Tochter, die sie ihm geschenkt hatte.

Maximus blieb nur zwei oder drei Schritte von mir entfernt stehen, und ich hob die Arme, um ihm den kleinen, zerbrechlichen Schatz darzureichen, den wir beide gemeinsam erschaffen hatten. Ich sah, wie er sie in seine großen, starken, vom Schwertkampf schwieligen Hände nahm, sie hochhob und damit als sein Kind anerkannte. Er lächelte mich mit seinem schönen, jungenhaften, süßen Lächeln an, und ich lächelte zurück. Wir umarmten einander, unsere Tochter zärtlich zwischen uns haltend. Ich ließ meinen Kopf an seiner Schulter ruhen, und er legte einen Arm um mich, drückte mich liebevoll an seinen warmen Körper. Und während dieses wunderbaren, einzigartigen Augenblicks waren wir drei eins, so wie wir eins gewesen waren in jenem wunderbaren, einzigartigen Augenblick, in dem unsere Tochter empfangen worden war. Und ich, Julia, die Sklavin und Hure, erkannte, wie es war, sich wirklich geliebt und glücklich und vollkommen eins mit sich selbst zu fühlen. Ich ertrank, aber diesmal war es süß und schön, denn diesmal ertrank ich nicht in Tränen und Kummer sondern in Liebe und Glück. Ich stöhnte und versuchte, Maximus näher an mich zu ziehen ... aber meine Arme umfingen nichts als Leere. Der Traum begann zu entschwinden. Voller Furcht kämpfte ich gegen das Erwachen an, gegen Einsamkeit, gegen die Wirklichkeit ....

Ich verlor.

Langsam, schmerzlich öffnete ich die Augen. Ich befand mich nicht in einem Garten auf dem Land sondern in Marcellus' Zelt. Es gab kein Baby, keine Liebe, kein Glück ... keinen Maximus. Ich war allein, ganz allein, denn er hatte mich verlassen, während ich schlief.

Ich schloß die Augen, um die rosa Strahlen der Morgendämmerung nicht sehen zu müssen, vergrub mein Gesicht in dem Kissen, das er mir unter den Kopf geschoben hatte, und zum letztenmal in meinem Leben weinte ich.
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*1 Quästoren und Prätoren: römische Beamte, die mit der Rechtsprechung bzw. dem Finanz-und Steuerwesen befaßt waren. Ihre Zahl und ihre genaue  Tätigkeit variierte im Laufe der Jahrhunderte.

*2 Stola:  langes Frauengewand, Oberkleid ehrbarer römischer Frauen (die Tunika war dagegen ein nur bis auf die Knie reichendes Untergewand, über dem der römische Bürger die Toga, die Römerin die Stola trug).

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