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"Wohin gehen wir?" fragte Maximus, als wir durch den Haupteingang das Haus verließen. "Du wirst schon sehen", antwortete ich und dirigierte ihn in Richtung des Hauptweges. Nicia brauchte ein wenig Zeit für ihre Vorbereitungen, also war es an mir, Maximus zu unterhalten, bis ich ihn zum Strand mitnehmen konnte. Wir spazierten gemächlich durch die Gärten, aber ich war mir nur zu bewußt, daß Schönheit das Interesse eines nüchternen Tatmenschen, wie Maximus es war, nur für kurze Zeit fesseln konnte. Ich mußte ihm noch etwas anderes bieten. Also führte ich ihn an den Kolonnaden entlang, vorbei an den plätschernden Springbrunnen, den Blumenbeeten und den Statuen. Während wir plauderten, erreichten wir das äußerste Ende des Gartens. Das Frühstück war ohne weitere Unterbrechungen in seligem Frieden und mit einer Vertrautheit vonstatten gegangen, die meinen beginnenden Kopfschmerz einfach wegzauberten. Wir hatten uns über Schiffe und den Militäretat unterhalten und dabei Früchte, Käse und Haferkekse verschlungen. Wir hatten auch über das Essen gesprochen, und ich hatte Maximus mit seiner offensichtlichen Begeisterung für das Geheimrezept meines Kochs aufgezogen, nach welchem dieser seine Plätzchen aus Pinienkernen, Nüssen, Honig und Rosinen herstellte. Maximus war errötet wie ein Kind, das bei einer Dummheit ertappt worden war, und überließ mir die noch verbliebenen beiden Kekse. Er hatte sie mir mit einem so verlegenen Lächeln angeboten, daß ich nicht das Herz hatte, sie zurückzuweisen, und ich aß sie, obwohl ich bereits zum Platzen voll war. Es hatte mich alle Kraft gekostet, die Trägheit, die ein voller Magen verursacht, zu überwinden und mich in Bewegung zu setzen, wo es doch so viel angenehmer gewesen wäre, bequem und gemütlich auf der Terrasse sitzen zu bleiben. Aber Maximus wollte den Strand und das Meer sehen, und ich wollte ihm beides zeigen. Während wir durch den hinteren Teil des Gartens spazierten, erzählte ich Episoden aus den ersten Monaten meiner jungen Ehe, aus den Tagen, die schon so weit zurückzuliegen schienen und während derer ich gelernt hatte, die Herrin eines riesigen Anwesens mit dem dazugehörigen Haushalt zu sein. "Wie viele Menschen leben in der Villa?" fragte er, während wir in einen schmaleren Weg einbogen, der von einer Reihe hochgewachsener Bäume gesäumt war, die ein Gärtner in gerader militärischer Linie viele Jahrzehnte vor meiner Geburt gepflanzt hatte. "Viele", sagte ich und hatte dabei ein wachsames Auge auf den Weg um zu vermeiden, daß meine Füße in den Sandalen schmutzig wurden. "Ich sage meinem Verwalter immer wieder, daß wir zu viele Diener haben, und er antwortet jedesmal, daß es zu viele Katzen gibt ... " "Und wie viele Katzen gibt es?" "Viele", wiederholte ich. "Du hast schon einige von denen gesehen, die im Haupthaus leben. Apollinarius brachte seine eigene Katze mit, als er hierher zog, und hat dann noch zwei weitere aufgesammelt. Weiter gibt es Katzen in den Gartenschuppen, den Ställen, dem Getreidespeicher, den Lagerhäusern, in der Tischlerei und der Schmiede. Wir brauchen sie, um die Mäuse fernzuhalten. Ebenso hält man es in den Warenhäusern im Hafen ... " Wir waren an der Stelle angelangt, wo der Weg eine Biegung machte, und ich führte Maximus um die Baumreihe herum. "Ich gebe die Jungen den Dienern, so können sie ihre Unterkünfte sauber halten, und ihre Kinder haben etwas zum Spielen ... " "Hast Du auch Hunde?" fragte er. "Ja, aber die sind größtenteils auf dem Gutshof."
Ausgerechnet in diesem Moment bellte ein Hund. Laut. Ärgerlich. Und sehr,
sehr nahe. "Ferox! Ferox! (*) "Ferox?" flüsterte ich. "Nun, 'Fido' (**) wäre wohl auch nicht ganz passend", bemerkte Maximus grinsend. Ich mußte einfach mit grinsen, lugte dann vorsichtig hinter seinem Rücken hervor und erblickte einen etwa vierzehn Jahre alten Jungen, der den großen Hund beim Nackenfell packte und vergeblich versuchte, das wütende Tier im Zaum zu halten. Der Hund sah mich und bellte und knurrte nur noch lauter. Schnell versteckte ich mich wieder hinter Maximus und drückte mich fest an seinen Rücken, wobei ich bemerkte, daß sein runder, fester Po warm an meinem Bauch ruhte. Trotz des Schreckens mußte ich unwillkürlich seufzen. Zwei Frauen und ein Mann hatten ihre Werkzeuge liegen lassen und kamen auf uns zu gelaufen, alle drei fuchtelten mit den Armen und redeten gleichzeitig wild auf den Jungen ein; das daraus resultierende Durcheinander brachte den wie verrückt bellenden Hund nur noch mehr auf. "RUHE!" brüllte Maximus in bester Kommandostimme.
Die Arbeiter und der Junge erstarrten. Der Hund jaulte und verstummte. Ich
packte Maximus' Tunika fester und drückte meine Wange gegen sein
Schulterblatt, genoß die plötzliche Stille nach diesem Tohuwabohu. "Ist das Dein Hund?" fragte Maximus und klang dabei exakt wie ein General, welcher den Wachsoldaten zu Rede stellt, der das Pech gehabt hat, während des Dienstes eingeschlafen zu sein. "Ja, er gehört mir!" antwortete der Junge und fügte herausfordernd hinzu: "Und er ist ein guter Hund!" Ich hörte mehr als daß ich sah, wie die ältere Frau, vermutlich seine Mutter, ihm einen heftigen Schlag in den Nacken verpaßte. Der Junge schrie auf, und seine Stimme klang genauso heiser wie die seines Hundes. Immer noch hinter Maximus' Rücken verborgen grinste ich vor mich hin. "Erweise dem Herrn und der Herrin Respekt!" sagte sie ärgerlich und wandte sich dann an Maximus. "Ich bitte untertänigst um Verzeihung, Herr. Herrin. Mein Sohn hier, Simacus, ist ein dummer Junge ohne Manieren. Die Götter wissen, daß ich versucht habe, sie ihm beizubringen, aber er schlägt nach seinem nichtsnutzigen Vater ... " Immer noch sicher hinter Maximus' Rücken verborgen konnte ich mich über so viel ungewohnten Einblick in das Privatleben meiner Dienerschaft nur wundern. Simacus protestierte murmelnd, was ihm einen weiteren Klaps einbrachte. Aber Maximus' Aufmerksamkeit konzentrierte sich allein auf den Hund. Das bösartige, bedrohliche Tier schien durch seine Gegenwart eingeschüchtert, hatte sich hingesetzt, hechelte heftig mit hängender Zunge und fixierte Maximus mit seinen glänzenden braunen Augen. Dieser ließ den Hund an seiner rechten Hand schnuppern, und mir stockte der Atem bei dem Gedanken an zerfetztes Fleisch und Ströme von Blut, der mir plötzlich durch den Kopf schoß. Der Hund stellte die Ohren auf, hob mißtrauisch seine große Schnauze und roch an den sonnengebräunten, kräftigen, schwieligen Fingern, die sich ihm entgegenstreckten. Ich hielt eine kleine Ewigkeit den Atem an, dann wedelte der Hund mit seinem langen buschigen Schwanz, was allgemein als Ausdruck höchsten Hundeglücks gedeutet wird, und leckte emsig Maximus' Hand. Ich atmete erleichtert auf, ließ Maximus' Tunika los und kam hinter seinem Rücken hervor ... die eben noch entspannte Schnauze des Hundes verzog sich zu einem drohenden Knurren. Ich sprang Deckung suchend wieder zurück, und Maximus streckte mir in einer schützenden Geste seinen linken Arm entgegen. Gleichzeitig begannen die Arbeiter wieder zu reden, aber Maximus brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen, bot dann dem Hund abermals seine rechte Hand dar, während seine linke leicht auf meiner Hüfte ruhte. Das bösartige Tier entspannte sich augenblicklich und trottete auf ihn zu. Maximus kraulte ihn hinter den Ohren, und der Hund hechelte deutlich vernehmbar. "Simacus, jagt Dein Hund Katzen?" fragte er. Da ich mich noch immer an ihn lehnte, spürte ich das Vibrieren seiner tiefen Stimme in meiner eigenen Brust. "Ja ... " gab der Junge nach einem weiteren Klaps seiner Mutter kleinlaut zu. Das vorgeschriebene "Herr" hinzuzufügen kostete ihn eine weitere Kraftanstrengung. Während er den Hund weiter kraulte, wandte sich Maximus an mich: "Er riecht den Geruch der Katzen an Deiner Kleidung", erklärte er. "Ich will keinen widerlichen, Katzen mordenden Hund auf meinem Besitz!" platzte ich heraus. "Er ist kein widerlicher Hund!" rief Simacus. "Das ist er allerdings, Herrin!" pflichtete seine Mutter bei und wandte sich dann dem Jungen zu. "Und Du siehst zu, daß Du dieses stinkende Biest augenblicklich loswirst! Ferox jaulte mitleiderregend, als wolle er seine Unschuld beteuern. "Nein, das werde ich nicht!" schrie der Junge zurück und stampfte herausfordernd mit dem Fuß auf. Jugend und Wut ließen seine Stimme überschnappen, aber auch Angst und Trauer schwangen darin mit. Angst sein Tier zu verlieren. Trauer über das traurige Los des Hundes, sollte ich ihn wirklich von meinem Grund und Boden verbannen. Ich mußte einfach Mitleid mit dem widerspenstigen Jungen haben. Ich liebte meine Katzen und hatte bereits einige von ihnen verloren. Eine besonders niedliche grau-weiße, die von einem Wagen überrollt worden war. Eine andere war an einer Krankheit oder vielleicht auch an Gift gestorben. Eine von Rubias Töchtern, die ihrer Mutter sehr ähnlich gesehen hatte, hatte eine schwierige Schwangerschaft nicht überlebt. Und eine weitere war einfach verschwunden. Die ersten drei waren in einer Ecke des Gartens begraben. Ich fragte mich allerdings noch immer, was wohl aus der vierten geworden sein mochte ... hatte sie einen Unfall gehabt, war sie dem Charme einer besonders reizvollen Katzendame erlegen oder einfach dem Ruf der Wildnis gefolgt ... oder Opfer eines widerlichen, Katzen jagenden Hundes geworden. Bei diesem Gedanken verengten sich meine Augen zu schmalen Schlitzen, und am liebsten hätte ich gefaucht wie Rubia es tun würde. "Wie kannst Du es wagen, der Herrin zu widersprechen!" schrie die Mutter. "Du kommst ganz nach Deinem nichtsnutzigen Vater, Du ... " "Ruhe!" sagte Maximus nochmals. Während der nun folgenden Stille hockte er sich neben den Hund, und ich fand mich schutzlos einem störrischen Jungen gegenüber, der mich ansah, als sei ich ein Dämon, gerade dem Hades entstiegen, und einer unglücklichen Mutter, die nervös die Hände rang. Die beiden anderen unfreiwilligen Teilnehmer unseres kleinen Dramas schauten nur stumm von ihnen zu mir und wieder zu ihnen. Unterdessen kraulte Maximus Kopf und Hals des Hundes, sprach ruhig mit ihm und wurde offenbar gut Freund mit dieser furchterregenden Kreatur. "Guter Junge", sprach er leise auf ihn ein. "Ein guter Junge bist Du ... " Endlich stand er auf und betrachtete die Gruppe, die sich vor uns aufgebaut hatte. "Simacus, wir haben da ein Problem", sprach er den Jungen ruhig an. "Du hast einen schönen und klugen Hund ... " "Aber SIE will, daß er getötet wird!" rief der Junge und zeigte anklagend auf mich. Seine Mutter stieß einen spitzen Schrei aus. "Ihr werdet mich jetzt beide nicht mehr unterbrechen", sagte Maximus in drohendem Ton, der keinen Widerspruch duldete. Mutter und Sohn verstummten. "Du hast einen schönen und klugen Hund hier, aber ihm mangelt es an Disziplin ... genau wie Dir." Zum erstenmal, seit dieses kleine Drama begonnen hatte, senkte Simacus den Blick.
"Dein Hund hat die Dame Julia erschreckt und Dein Benehmen hat sie und Deine
Mutter verärgert. So geht das nicht." Der Junge atmete hörbar ein, schaute aber nicht auf. "Die Dame Julia ist jedoch eine gütige Frau, und auch sie liebt ihre eigenen Tiere, daher versteht sie, was Ferox Dir bedeutet. Wenn Du Deinen Hund wirklich liebst, dann wirst Du Dich bei ihr entschuldigen und sie um Erlaubnis bitten, ihn behalten zu dürfen ... " Simacus hob wie auf Kommando den Kopf, die Augen voller Hoffnung und bereit, seine Worte hervorsprudeln zu lassen, aber Maximus brachte ihn mit einem strengen Blick zum Schweigen. Ich konnte ein Lächeln kaum unterdrücken. "Und Du wirst ihr versprechen, Deinem Hund Disziplin beizubringen, daß keiner mehr vor ihm Angst zu haben braucht... " Simacus öffnete den Mund, aber Maximus ignorierte ihn einfach und fuhr unerbittlich fort: "Wenn sie einverstanden ist, dann wirst Du ebenfalls versprechen, ihre Entscheidung zu akzeptieren, den Hund von ihrem Besitz zu entfernen, sollte er sich noch einmal schlecht betragen. Sollte die Dame Julia dagegen nicht zustimmen, dann wirst Du ihre Entscheidung wie ein Mann tragen. Einverstanden?" Simacus blieb vor Schreck der Mund offen stehen. "Du bist doch ein Mann, oder?`" fragte Maximus in ernstem Ton. Ich preßte die Lippen zusammen, um nicht lachen zu müssen. "J-Ja ... Ja ..., H-Herr ... " stotterte der Junge. "Gut zu wissen", bemerkte Maximus beiläufig, und zog vielsagend eine Augenbraue hoch. Der Junge lief rot an, zwang sich jedoch männlich, einen Schritt auf mich zu zu tun. "H-Herrin", sagte er. "I-Ich ent-entschuldige mich für d-den Ä-Ärger, den m-mein H-Hund verursacht hat. Es ... es wird n-nicht wieder v-vorkommen." Die Stimme des Jungen brach. Er holte tief Luft und stieß dann aufgeregt in hohem Ton hervor: "Darf-ich-Ferox-behalten-Herrin? Bitte-darf-ich-ihn-behalten-wenn-er-sich-benimmt? Bitte-Herrin-bitte?" Als der Junge innehalten mußte, um Luft zu schöpfen, drängte Maximus mit gespielter Grimmigkeit: "Und was ist mit Deinem Versprechen?" "O, ja. Ja. I-Ich verspreche, ihn gut zu erziehen, Herrin. Bitte-kann-ich-ihn-behalten-wenn-er-sich-benimmt? Bitte-Herrin-bitte?" Ich verschränkte die Arme vor der Brust und schaute auf den Jungen herab. Er war dünn aber kräftig, einen Kopf kleiner als ich, mit schlecht geschnittenem Haar und einer Tunika aus hausgewebtem Stoff. Seine Hände und Knie waren schmutzverschmiert. Er hatte zusammen mit seiner Mutter und den anderen im Obstgarten gearbeitet, aber aus ihm würde kein Arbeiter oder Bauer werden. Vielleicht ein Matrose oder Soldat. Er war keiner, der sich mit Pflanzen und Ernten zufriedengab. "Ich bezweifle nicht, daß Du Deinen Hund liebst", sagte ich streng und sah, wie Hoffnung in den Augen des Knaben aufstrahlte. "Aber Dein Mangel an Manieren und Selbstdisziplin lassen mich vermuten, daß Du auch nicht im entferntesten fähig sein dürftest, ihn wirklich in Schach zu halten." Die Hoffnung in seinen Augen wich etwas, das verdächtig nach Tränen aussah. "Wenn Du also Deinen Hund behalten willst, dann mußt Du zuallererst selbst lernen, was Disziplin ist." Der Junge wurde blaß und schluckte, die Muskeln an seinen Hals bewegten sich krampfhaft. Maximus betrachtete mich nachdenklich. Er dachte doch nicht etwa, daß ich den Jungen auspeitschen lassen würde! Irgendwie fühlte ich mich beleidigt. "Du wirst Deine Arbeit hier beenden, dann wirst Du ein Bad nehmen, saubere Kleidung anziehen und Dich samt Deinem Hund bei meinem Stallmeister melden." Allein die Erwähnung des riesigen Nubiers ließ Simacus zusammenzucken. "Sempronius wird Dich und Deinen Hund die Vorteile von Disziplin lehren. Nach einem Monat wird mein Stallmeister mir Bericht erstatten. Wenn er mir sagt, daß Du und Dein Hund, daß Ihr beide der Mühe wert seid, dann darf das Tier bleiben. Wenn nicht, dann muß Dein Hund weg ... und Du darfst gerne mit ihm gehen." Nun war es die Mutter des Jungen, die zusammenzuckte. "Verstanden?" "J-Ja, Herrin. D-Danke, H-Herrin", murmelte der Junge, packte den Hund beim Nackenfell und wollte ihn wegzerren. Ferox, ganz sein unerzogenes Selbst, zeigte keinerlei Neigung, sich von Maximus zu trennen. "Hast Du nicht etwas vergessen?" fragte ich scharf. Der Junge schaute verunsichert drein. "Bedanke Dich beim General hier. Er hat heute deine Haut und die Deines Hundes gerettet", sagte ich. Simacus' Augen wurden groß wie Teller, als ich Maximus' Rang erwähnte.
"D-D-Danke, Ge-ne-ral", stammelte der Junge unfähig, seine Faszination zu
verbergen. Ich konnte ein Lächeln nicht länger unterdrücken, versuchte
jedoch, es zu verbergen, indem ich mit einem Finger leicht gegen meine
Lippen klopfte und tat, als würde ich nachdenken. "Genug" sagte ich und ahmte dabei unbewußt Maximus nach. Ich mußte ihn nicht ansehen um zu wissen, daß er lächelte. "Ihr könnt zu Eurer Arbeit zurückkehren." Sie zerstreuten sich unter einer Flut von Entschuldigungen, Dankeschöns, Verbeugungen und Hundegebell, und endlich waren Maximus und ich allein. Wir standen Seite an Seite nebeneinander auf dem Weg und überblickten den Obstgarten in einvernehmlichem Schweigen, während unsere nackten Arme sich leicht berührten. Es war gut, einfach nur dort zu sein, die Sonne und den leichten Wind zu genießen und die Befriedigung zu verspüren, ein häusliches Problem gelöst zu haben. Es gemeinsam gelöst zu haben. Mit einem leisen Seufzer legte ich meinen Kopf an seine Schulter und schloß die Augen. Er ließ mich gewähren. Ich seufzte noch einmal. Tief. Zufrieden. "Weißt Du, ich hatte nicht vor, den Hund töten zu lassen oder ihn ihm wegzunehmen", sagte ich mit träumerischer Stimme. "Und ich wollte ihn auch nicht auspeitschen lassen." "Das habe ich auch nie gedacht", antwortete Maximus, und während er sprach, konnte ich mir wunderbar das Lächeln auf seinem Gesicht vorstellen. "Aber was meintest Du, als Du sagtest, er könne dem Hund gerne folgen und die Villa verlassen?" Ich öffnete die Augen und sah ihm ins Gesicht. "Auch wenn er so forsch auftritt - Simacus ist noch ein Kind. Er weiß, daß er noch nicht für sich selbst sorgen kann. Er würde seinen Hund nicht verlassen, wenn also der Hund gehen müßte, dann - das weiß er - würde auch er gehen müssen. Daher wird er sich besondere Mühe geben, sich zu benehmen und auch dafür sorgen, daß dieses verdammte Vieh sich benimmt." "Was ist mit Deinem Stallmeister? Der Junge schien besorgt zu sein, daß er der Aufsicht dieses Mannes unterstellt werden sollte ... " "O, Sempronius ist ein Juwel. Er ist ein Nubier, gute zehn Zentimeter größer als Du und zweimal so breit." Maximus schnaubte. Ich lächelte. "Der Umgang mit Pferden liegt ihm im Blut, daher hat er auch ein gutes Gespür für Disziplin. Er wird Wunder an dem Jungen wirken. Und vielleicht wird unser Simacus auch noch etwas Nützliches von ihm lernen." "Und der Hund? Wird Sempronius Ferox bei seinen Pferden dulden?" "Sempronius hat selbst einen Mastiff, der Ferox ohne mit der Wimper zu zucken zum Frühstück verspeisen würde." Maximus lachte in sich hinein. Ich lächelte. "Danke", sagte ich und schaute ihm schweigend in die Augen. "Daß ich Dich vor dem scheußlichen, Katzen jagenden Hund gerettet habe? Oder dafür, daß ich Simacus an seinen Platz verwiesen habe?" Er wollte mich necken. Er hatte mich nie zuvor geneckt. "Für beides. Ferox ist wirklich ein scheußlicher Hund. Und Simacus würde in arge Schwierigkeiten geraten, wenn ihn nicht jemand bei Zeiten an die Kandare nimmt." "Ich hatte einen Hund ... " begann er, hielt dann abrupt inne und wandte den Blick ab. Was immer er hatte sagen wollen, es erstarb ihm auf den Lippen, und ich drängte nicht in ihn. Statt dessen folgte ich seinem Blick, während er den gepflegten Obstgarten mit geübtem Auge musterte. "Wie Du siehst", sagte ich und ergriff die Gelegenheit ihn abzulenken - was immer es auch gewesen sein mochte, daß ihm Kummer bereitet hatte, "ist nicht mein ganzer Besitz ein einziger großer Ziergarten. Ein Teil dient der Produktion von Nahrungsmitteln." "Du hast einen Gutshof erwähnt?" Ich nickte. "Kurz nach dem Tode meines Mannes vergrößerte ich den Besitz, indem ich einen benachbarten heruntergekommenen Hof aufkaufte", erklärte ich. "Wie Du siehst, gibt es hier viele Mäuler zu stopfen und ich entschloß mich, einen Versuch zu wagen und zu sehen, ob wir nicht wenigstens einen Teil unserer Nahrung selbst erzeugen könnten ... " Maximus stapfte durch die Gemüsebeete und ich folgte ihm. Bei den Zwiebeln kniete er sich hin und nahm eine Handvoll Erde, führte sie an seine Nase und roch lustvoll daran. Dann verrieb er die Erde zwischen den Händen wie er es im Kolosseum getan hatte, eine Geste so bedeutungsvoll, so ehrfürchtig. Ich erinnerte mich, wie seltsam gerührt ich gewesen war, als ich ihn dies in der Arena hatte tun sehen - trotz meiner Furcht vor der drohenden Gefahr, der er sich würde stellen müssen. Aber damals hatte er gelassen gewirkt, und nun, da ich so nahe bei ihm war, schien er ganz verinnerlicht, wie ein Priester, der eine geheime heilige Handlung zelebrierte, die seinen Geist, sein Herz und seine Seele völlig vereinnahmte. Eine zu heilige und zu geheime Handlung, als daß rein menschliche Neugierde ihn dabei hätte stören dürfen. Langsam, ganz langsam ließ Maximus die Erde durch seine Finger gleiten, und während sie zu Boden fiel, kehrte er zurück - wo immer sein Geist, sein Herz und seine Seele auch gewesen sein mochten. "Du hast recht ordentlichen Boden hier, aber so gut ist er auch wieder nicht", sagte er nachdenklich, während er sich erhob, und Maximus der Bauer erwies sich als ebenso tüchtig und voller Selbstvertrauen wie Maximus der Krieger. "Ich weiß. Wir sind hier zu dicht am Meer. Zu viel Salz", antwortete ich, während Maximus sich vorsichtig einen Weg durch den Obstgarten bahnte und ich ihm folgte, beide waren wir bemüht, nicht auf die Pflanzen zu treten. "Du mußt Unmengen von Dünger brauchen, um den Obstgarten und die anderen Gärten in diesem blühenden Zustand zu erhalten", bemerkte er. "Genau dasselbe hat mir der Aufseher meiner Gärten gesagt. Außerdem erfordert es auch viel Arbeit und Mühe. Aber die Leute, die für mich arbeiten, sind alles Freigelassene, die für den Unterhalt ihrer Familien sorgen müssen, und einige Familien sind ziemlich groß."
Wir waren am anderen Ende des Obstgartens angelangt. Auf einem rechteckigen
Stück Rasen, geschützt durch Pflaumen- und Apfelbäume, standen Bienenkörbe
in Reih und Glied, und dicht daneben wuchsen die Küchenkräuter. Maximus
prüfte kritisch die peinlich genau ausgerichteten Beete, als suche er nach
etwas ganz Bestimmten. Als er entdeckte, wonach er gesucht hatte, hockte er
sich hin und pflückte ein paar Blätter ab, die er zwischen den Fingern
zerrieb. Er hielt sie sich an die Nase, schloß die Augen und zog den
scharfen Geruch tief ein.
Kurze Zeit gingen wir schweigend neben einander her, dann begann Maximus zu
sprechen. "Apollinarius ist mir eine große Hilfe, und außerdem ist da noch Athenodorus. Jetzt habe ich auch noch einen jungen Mann gefunden, diesen Brennus, den ich beim Frühstück erwähnt habe. Er ist gescheit und ehrlich. Ich hoffe sehr, daß er nach einer guten Ausbildung Apollinarius' Platz als mein Sekretär wird einnehmen können", sagte ich und vermied es, ihn anzusehen, als ich den Namen meines früheren Lehrers nannte. "Du mußt wissen, Maximus, daß Apollinarius mit Geschäften nie mehr zu tun hatte als ich, daß er jedoch nicht zögerte, sich damit abzugeben, als ich Hilfe brauchte. Er ist ein wirklicher Schatz und ich weiß, daß ich immer auf ihn zählen kann, aber ich weiß auch, daß er es kaum erwarten kann, zu seinen Büchern zurückzukehren. Wenn Brennus in Melita ebenso gute Arbeit leistet wie in Bauli, dann werde ich ihn zu meinem Obersekretär ausbilden und Apollinarius als Berater behalten." Der Weg war mit Piniennadeln bedeckt, und die Sohlen unserer Sandalen machten ein knirschendes Geräusch. "Ich wußte bereits seit Jahren, daß Du nicht nur frei sondern auch reich bist", sagte Maximus mit seiner weichen, tiefen Stimme. "Manchmal habe ich sogar versucht, mir vorzustellen, wie Du jetzt wohl sein würdest ... aber nichts hat mich vorbereitet auf ... dies." "Dies?" Er nickte. Plötzlich fühlte ich mich irgendwie angegriffen. Seine Worte hatten eine gewisse Schärfe, und ich war mir nicht sicher, ob ich das, was sie bedeuteten, mochte. Ich liebte Maximus. Ich wollte, daß er mich ansah und so sah, wie ich jetzt war. Reich, gebildet, frei, einflußreich, nicht mehr die Sklavin und Hure, nicht mehr hilflos sondern eine in jeder Hinsicht unabhängige Frau. Ich wollte, daß Maximus mich sah, wie ich jetzt war, und daß er mich mochte. Es war mir nie in den Sinn gekommen, daß die Frau, die ich war, nicht nach Maximus' Geschmack sein könnte. "Ja, dies. Du ... bist hier wie eine Königin und dieser Ort ist Dein Königreich ... " Ich blieb stehen. Eine Königin? Ich? Ich mußte einfach lachen - so erleichtert war ich. "Maximus, ich bin als Sklavin auf die Welt gekommen, und ich habe meine Freiheit nur deshalb erlangt, weil ich das Glück hatte, Dir über den Weg zu laufen. Andernfalls ... " Mir schauderte bei der Vorstellung, wie sich mein Leben entwickelt hätte, wenn ich ihm nicht begegnet wäre: ich wäre noch immer eine Sklavin und eine Hure, wenn Schwangerschaft, Krankheit oder der Tod durch eigene Hand mir nicht ein frühes, namenloses Grab bereitet hätten. "Dann war es einfach nur Schicksal ... Es stimmt, daß ich reich bin, und es ist süß von Dir, so etwas über mich zu sagen, aber ich bin einfach Julia ... " "Du bist nicht 'einfach Julia'. Das warst Du niemals. Nichts an Dir ist einfach. Und das wird es auch niemals sein."
Er sagte diese Worte mit Entschiedenheit. Derselben Art von Entschiedenheit,
mit der er mein Angebot, ihm zur Freiheit zu verhelfen, abgelehnt, mir
seinen Entschluß, sich zu rächen und dann zu sterben, mitgeteilt hatte. "Als Du an mich als freie Frau gedacht hast", fragte ich, und meine Stimme war heiserer als gewöhnlich, da ich mich nur mühsam zurückhalten konnte, ihm nicht die Fragen zu stellen, die mir auf der Seele brannten, "wie hast Du mich Dir vorgestellt?"
Maximus seufzte, betrachtete die Pinien und schwieg einen Moment lang. Er
blickte angestrengt vor sich hin und sprach zögernd wie ein Schuljunge, der
eine schwierige Lektion vorträgt. "Ich konnte mir nie ein richtiges Bild machen ... Ich versuchte, Dich mir beim Weben oder Nähen vorzustellen, aber es wollte mir nicht gelingen ... Ich versuchte mir auszumalen, wie Du einer Abendgesellschaft vorstandest, aber statt dessen sah ich Dich immer nur auf einem schönen Pferd ... " Ich lächelte. Weibliche Tätigkeiten waren nie meine Sache gewesen. Auch wenn die Flaccus-Brüder und meine anderen Verehrer nur hinter meinem Reichtum und meinem Bett hergewesen waren, so mußte ich bei dem Gedanken lachen, wie schockiert sie wohl gewesen wären, hätten sie entdeckt, daß meine Hand nie ein Spinnrad angerührt hatte ... und es hoffentlich bis zum Ende meines Lebens auch nie anrühren würde. "Nun, Dein Bild von mir war äußerst zutreffend ... Ich habe nie weben oder nähen gelernt, und ich habe nicht die geringste Vorstellung, wie man Wäsche ordentlich plättet, aber ich bin eine gute Reiterin. Ich habe den ganzen Weg von Moesia nach Rom im Sattel zurückgelegt, und ich beabsichtige, Pferde zu züchten ... wenn ich die Zeit dazu finden sollte." Aber Maximus hörte mir gar nicht zu. Er war in seine eigenen Gedanken und Erinnerungen versunken.
"Weißt Du, Julia, selbst in Moesia ... da warst Du für mich nie eine ...
Sklavin ... " "Du hast mich auch nie behandelt wie eine Sklavin" oder eine Hure, fügte ich für mich hinzu - das unausgesprochene Wort hing zwischen uns in der Luft. "Du warst der einzige, der es nicht getan hatte ... " "Was ich sagen will, Julia: ich wußte, daß Du eine Sklavin warst, aber ich sah Dich an und sah nie eine ... Du warst nicht nur schön ... sondern auch immer gelassen, beherrscht ... " "Maximus, Du träumst!" platzte ich nervös heraus. Seine Worte sollten mir geschmeichelt haben, aber ich empfand sie eher als beunruhigend. "Ich war weder gelassen noch beherrscht. Ich war gefangen in einer Intrige, die ich nicht verstand, und starb beinahe vor Angst!" Maximus schenkte mir sein liebes, jungenhaftes Lächeln. Der Wind spielte in seinem kurzgeschnittenen Haar. Ohne das Öl, das zu benutzen er sich angewöhnt hatte, wirkte es heller, und zusammen mit seinem Lächeln und der weißen Tunika ließ es ihn unwirklich jung erscheinen. Aber vor allem sah er rührend unschuldig aus ... so unschuldig wie der Junge mit den grünen Augen am Fluß. "Als ich Dich zum erstenmal sah, da warst Du von so viel Schmutz umgeben ... aber nichts davon konnte Dich berühren ... Die anderen Frauen waren Sklavinnen, Du jedoch nicht ... " Ich preßte die Lippen zusammen, wußte nicht, was ich sagen oder ob ich etwas sagen sollte. Maximus fuhr fort, mit leiser, tiefer Stimme zu sprechen. "Du wirktest ... unberührbar."
Es waren nicht nur seine Worte, sondern die Heftigkeit, mit der er sie
aussprach, die mich erschauern ließ. Ich schluckte. Krampfhaft. "Ich ... ich sah Dich im Kolosseum", sagte ich, konnte mich einfach nicht zurückhalten. "Ich meine, bevor ich Dich in der Arena sah, sah ich Dich in den ... den Zellen. Die Leute bewunderten Dich, redeten über Dich, schlossen Wetten auf Dich ab ... versuchten, Deine Aufmerksamkeit zu erhaschen ... " Sein Gesicht hatte sich in eine vollkommen undurchdringliche Maske verwandelt, und nur seine faszinierenden Augen spiegelten seine Gefühle wider, die grünlich-blauen Flammen ließen keinen Zweifel daran, wie aufgewühlt er innerlich war. Ich zwang mich weiterzusprechen. "Auch ich ... versuchte Deine Aufmerksamkeit zu erlangen, aber ... Du hast nicht mal zu mir hingeschaut", stieß ich hervor, verfluchte mich dann selbst, weil ich wie ein enttäuschtes, liebeskrankes Mädchen klang. "Was ich damit sagen will - ganz gleich was diese Leute taten oder sagten, sie konnten sich nicht einreden, daß Du ein Sklave wärest ... " Ich sah die Szene wieder vor meinem inneren Auge: Maximus saß auf der steinernen Bank am hinteren Ende der Zelle, würdevoll und erhaben über das, was um ihn herum vorging, umgeben von einem Meer aus Blutdurst und Fleischeslust, unberührbar für den Schmutz, der ihn umgab - so wie ich damals während Cassius' Gelage. Er war derjenige hinter den Gitterstäben gewesen, der, den man zur Schau stellte, aber die wirklichen Sklaven waren jene gewesen, die sich selbst einbildeten, frei zu sein. Sklaven ihrer eigenen Niedrigkeit, ihrer Gier, ihrer Lust nach Blut, nach Fleisch. "Ganz gleich was sie tun oder sagen, Du wirst nie ein Sklave sein, Maximus. Nie. Proximo weiß es. Commodus weiß es. Und Du weißt es auch."
(*) Ferox (Lateinisch): "wild, grimmig, wütend". (**) Fido (Lateinisch): "treu". Der am meisten gebräuchliche Hundename im alten Rom. |
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Wir blieben einen Augenblick lang stehen und schauten einander nur an. Dann, wie auf ein geheimes Zeichen, nahmen wir unseren Spaziergang wieder auf. "Du besitzt also keine Sklaven?" fragte Maximus. "Als alle anderen Argumente, ihn davon abzubringen, mich zu heiraten, nicht fruchteten, sagte ich meinem Gemahl, daß ich nie an einem Ort leben würde, wo man Sklaven hielt. Also ließ er alle Sklaven, die in der Villa arbeiteten, frei. Die meisten von ihnen zogen es vor, hier zu bleiben und eine Familie zu gründen. Die Frauen, die sich um den Obstgarten kümmern, sind die Ehefrauen von zwei ehemaligen Haussklaven ... " Er sah mich kurz an, sagte aber nichts. "Mein Gemahl war ein strenger aber gerechter Herr. Er behielt die Sklaven auf seinen Werften und in den Lagerhäusern, aber so weit ich weiß, hat er sie nie schlecht behandelt und war auch nicht grausam zu ihnen." Ich war mir wohl bewußt, daß ich unsicheres Terrain betrat, nicht nur wegen Maximus' eigener Situation sondern auch, weil ich nicht mehr wirklich für mich den Anspruch erheben konnte, kein Sklavenhalter zu sein. "Dann starb er und ich erbte das Geschäft. Alles. Die Werften samt den dazugehörigen Sklaven ... " Ich machte eine Pause und wartete auf Maximus' Reaktion. Er sagte nichts, aber ich sah, daß sich seine Schultern unmerklich anspannten. Ich sprach weiter. "Mein erster Gedanke war, sie freizulassen, aber ich mußte ihn aufgeben. Sieh, die Flotte gehört mir und zwar mir allein, aber an den Werften sind noch andere Leute beteiligt ... außerdem gibt es keine Freien, die bestimmte Arbeiten verrichten würden, die für den Bau eines Schiffes notwendig sind, obwohl jede Menge Männer auf den Docks herumhängen, die weder Geld noch Arbeit haben ... " Das war eine der Ungereimtheiten in der römischen Gesellschaft. Männer, die zu arm waren, um wählerisch sein zu können, weigerten sich, Arbeiten anzunehmen, die gewöhnlich nur von Sklaven verrichtet wurden, und zwar nur deshalb, weil sie frei geboren waren. Also hungerten ihre Familien inmitten all des Überflusses, und mehr und mehr Kriegsgefangene wurden auf die Sklavenmärkte gezerrt. "Hätte ich also all diese Männer freigelassen, dann hätte ich mich entweder gezwungen gesehen, die Werften schließen zu müssen oder aber neue Sklaven zu kaufen. Hätte ich die Werften geschlossen, dann hätte ich viele Menschen, die von meinem Geschäft und mir abhängig waren, in den Ruin getrieben. Und wie immer ich mich entschieden hätte, ich hätte verraten, wofür mein Gemahl gearbeitet hatte. Ich konnte also weder das eine noch das andere tun." Das war richtig. Allein der Gedanke, das, was Marius Servilius in vier Jahrzehnten harter Arbeit und mit viel Weitsicht aufgebaut hatte, ohne wirklichen Grund aufzugeben, war mir unerträglich. Sein Geschäft war nicht das Ergebnis maßloser Gier sondern eines maßlosen Vertrauens in seine eigenen Träume. Vielleicht zündete ich keine Kerzen für ihn an und sagte auch keine Gebete für seine Seele, aber ich ehrte sein Andenken, indem ich seine Träume lebendig erhielt. Dies schien mir angemessener, als mechanisch leere Worte herzusagen, und ich war mir sicher, daß er diese Art ehrenden Gedenkens vorgezogen hätte. "Ich versuche, mein Bestes zu tun, um Mißhandlungen zu vermeiden", fuhr ich fort. "Sie bekommen gut zu essen, haben ein Dach über dem Kopf und etwas anzuziehen. Körperliche Züchtigungen sind nicht erlaubt. Ich überlasse sie nicht ihrem Schicksal beim Tempel des Äskulap (***), wenn sie krank werden oder verletzt sind, und einmal im Monat besuche ich die Werften hier in Ostia und höre mir ihre Beschwerden an, wenn es solche gibt. Ich versuche, Probleme so gerecht wie möglich zu lösen ... Vielleicht gelingt es mir nicht immer, aber ich gebe mein Bestes ... " "Du sprichst Recht ... ?" Der Wind trug Maximus' leise Stimme mit sich fort. Ich lächelte wehmütig. "Ja ... wie eine Königin." Er erwiderte mein Lächeln, jede Spur der Anspannung war jetzt von ihm gewichen, und er zeigte echtes Interesse an der Erzählung über meine Versuche, die doppelte Bürde von Verantwortung und Erbarmen zu bewältigen. "Ich habe auch auf die anderen Werften ein wachsames Auge, und ich hoffe, einige zuverlässige Männer ausbilden zu können, die ich dann auf unangekündigte aber regelmäßige Inspektionen schicken kann, um die Bücher zu prüfen und Mißhandlungen zu vermeiden", erklärte ich. "Der Transport von Sklaven auf Schiffen meiner Flotte ist verboten. Und ich folge der Tradition meines Gemahls und schenke jedes Jahr an seinem Geburtstag den fleißigsten Arbeitern die Freiheit." Ich fügte nicht hinzu, daß mein Vorgehen zu Gerede unter den anderen Werftbesitzern und Kaufleuten Anlaß gab. Zweifelsohne diente ihnen diese scheinbare Extravaganz als Beweis dafür, was passiert, wenn ein Geschäft in die Hände einer leicht beeinflußbaren Frau fiel. Maximus runzelte die Stirn, als ich das Wort "Freilassung" erwähnte. "Was machen sie, wenn Du ihnen die Freiheit schenkst?" "Manchmal ziehen sie es vor zu gehen, besonders dann, wenn sie nicht als Sklaven geboren wurden, sondern nach Rom verschleppt worden sind. Sie möchten dorthin zurückkehren, wo sie einst gelebt haben. Andere bleiben. Und einige bitten mich, einen Handel mit ihnen abzuschließen ... " "Einen Handel?" "Ja, einige Männer bieten mir an, sie selbst zu behalten und statt dessen ihre Kinder freizulassen ... Weißt Du, Maximus, ein Sklave, der immer auf einer Werft gearbeitet hat, ist nicht dasselbe wie ein Haussklave oder ein Wagenlenker. Was sollen sie tun nach einem Leben, das aus Holzsägen und dem Auftragen von heißem Pech auf das Äußere eines Schiffes bestanden hat? Die Freiheit macht ihnen Angst ... " Verblüfft schaute Maximus mich an. Der Gedanke, daß ein Mann - wer auch immer er sein mochte - nicht begierig nach der Freiheit greifen könnte, selbst wenn diese fremd und ungewiß war, schien ihm unbegreiflich. Aber er war nicht als Sklave geboren worden und ist auch nie einer gewesen, ganz gleich wie schwere Ketten er hatte erdulden müssen. Außerdem hatte auch er die Freiheit nicht ergriffen, als man sie ihm angeboten hatte - Ehre und Pflicht und Rache hatten erreicht, was weder Ketten noch Niederlage ihm je hatten abringen können. "Wenn es erst einmal so weit ist, dann haben alle Angst vor der Freiheit. Selbst jene, die mit den Münzen, die sie jahrelang gespart haben, zu mir kommen, um sich ihre Freiheit zu erkaufen. Als Sklaven wissen sie wenigstens, wohin sie gehören, und sie haben Essen in ihren Schüsseln und ein Dach über ihren Köpfen ... " Ich biß mir auf die Unterlippe bei der Erinnerung an meine eigene, unerwartete Freilassung und die tiefe Einsamkeit und Unsicherheit meiner ersten Tage als Freigelassene. "Nach einiger Zeit sah ich ein, daß, hätte ich die Sklaven auf den Werften wie beabsichtigt freigelassen, ich sie mit etwas konfrontiert hätte, mit dem sie nicht zurechtgekommen wären. Ich konnte weder das Erbe meines Gemahls verraten noch die Menschen, die von mir abhängig waren, um ihre Familien ernähren zu können. Und auch die Sklaven konnte ich nicht im Stich lassen ... "
Es hatte seine Zeit gebraucht, und ich wußte, daß - ebenso wie bei meiner
Entscheidung, mich von den Frauen zu trennen, die Sklaverei und Prostitution
mit mir geteilt hatten - ich damit nie ganz fertig werden würde. Aber ich
hatte eine Entscheidung getroffen, und es gab im ganzen Imperium kein
Orakel, das mir hätte raten können. Ich mußte einfach das Beste geben, zu
dem ich im Stande war, oder wenigstens das, wovon ich glaubte, daß es das
Beste sei, und ansonsten mein Leben weiterleben. "Wenn es um das Leben geht", sagte ich mit leiser Stimme und war mir nicht sicher, ob ich zu Maximus oder zu mir selbst sprach, "dann gibt es keine Antworten. Jeder muß seine Wahl treffen, muß sich entscheiden." Es herrschte Stille - nur unterbrochen vom Zwitschern der Vögel. "War es schwer?" Ich wandte mich um und sah Maximus an. Er brauchte mir nicht zu sagen, daß die Unterhaltung eine sehr persönliche Wendung genommen hatte. Ich wußte es. Und er wußte, daß ich es wußte. Trotz einiger Peinlichkeiten und trotz der Jahre, die vergangen waren, hatten wir einander immer gut verstanden. "Was? Sklaverei oder Freiheit?" "Beides." Ich seufzte tief und blickte zum Himmel empor. Er war von einem unglaublich durchscheinenden Blau. Keine Seide, kein Edelstein und keine Emaille konnten sich mit solch herrlicher Farbe und Schönheit messen. Unbewußt fragte ich mich, ob der Himmel über Ostia schon immer so schön gewesen war und ich es nur nicht bemerkt hatte, oder ob es mir nur so vorkam, weil ich seine Schönheit mit Maximus teilte. Er wartete geduldig auf meine Antwort. "Beides", sagte ich. "Beides war hart und schmerzlich und erschreckend." "War es das wert? Die Freiheit, meine ich ..." "Ich weiß, was Du meinst." Ich preßte die Lippen zusammen. Vor sechs Jahren war Freiheit das gewesen, was ich ersehnt hatte. Aber ich war bereit gewesen, sie für die Möglichkeit aufzugeben, Maximus' Sklavin zu werden. Für die Möglichkeit, bei ihm bleiben zu dürfen, seine Güte und Wärme trinken zu können und mich mit der Hoffnung zu nähren, daß er eines Tages aus Lust und Verlangen zu mir kommen würde - wenn schon nicht aus Liebe. Aber es hatte nicht sein sollen, und ich würde die Last, die er trug, nicht noch schwerer machen, indem ich ihm davon erzählte, wie verzweifelt und letztlich vergeblich ich Marcus Aurelius angefleht hatte. Das würde mein Geheimnis bleiben - allein meines. Ich seufzte abermals. Noch tiefer. "Ja", sagte ich. "Sie war es wert. Jeder einzelne Moment dieser Freiheit war es wert." Und so war es. Zwei Frauen kamen uns entgegen. Sie trugen Körbe voller bereits geschälter Pinienkerne, die sie in dem kleinen Wäldchen gesammelt hatten, das wir auf unserem Weg zum Strand durchquerten. Als sie unser ansichtig wurden, beugten sie respektvoll die Köpfe, aber ich sah, wie sie heimliche Seitenblicke auf Maximus warfen. Herr oder Sklave, er war einfach zu gutaussehend, um ihn zu ignorieren. "Guten Tag, Herrin", sagten sie wie aus einem Mund. "Guten Tag, Herr." Ich nahm ein paar Pinienkerne aus einem der Körbe und zeigte sie Maximus. "Das sind die Pinienkerne, aus denen die Plätzchen bereitet werden, die Dir so gut geschmeckt haben." Die jüngere Frau kicherte, als ich das nur allzu bekannte Gebäck erwähnte, dann nahm sie sich zusammen, beugte den Kopf noch tiefer und murmelte etwas, das nach einer Entschuldigung klang. "Ich habe noch nie welche gesehen", sagte Maximus, befühlte die auf meinem Handteller liegenden Kerne und begutachtete sie mit dem erfahrenen Auge eines echten Bauern. Wir gewinnen sie aus den Früchten dieser Pinien, und sie wachsen nur in unmittelbarer Nähe der See", erklärte ich. Diese hier sind bereits geschält und auf dem Weg in die Küche. Wie Du siehst, ist der Boden hier nicht so gut wie in Hispanien, aber auch hier gibt es gute Dinge ... " Maximus nahm einen Kern und probierte - die Augenbrauen konzentriert zusammengezogen - vorsichtig davon. Ganz langsam breitete sich ein erfreutes Lächeln auf seinem Gesicht aus, als er den öligen Geschmack des Pinienkerns kostete, der so ganz anders sein mußte als der der Nüsse und Mandeln, die er bisher gekannt hatte.
Ich nahm eine Handvoll Pinienkerne aus dem nächstgelegenen Korb, reichte die
Hälfte Maximus und entließ die Frauen. Ich mußte ihnen nicht nachsehen um zu
wissen, daß sie sich immer wieder umdrehten, um einen weiteren Blick auf
Maximus zu erhaschen, während sie sich dem Haus näherten.
"Daß ich selbst eine Sklavin gewesen bin?" Ich zuckte mit den Schultern.
"Ich nehme an, daß sie es wissen. Ich habe mich geweigert, mir falsche
Papiere zu kaufen, um meine Vergangenheit auszulöschen, aber ich bin auch
nicht gewillt, über sie zu sprechen ... "Und was sagte Dein Gemahl?" "Daß er niemals eine ehemalige Sklavin heiraten würde, die mit einer falschen Ahnenreihe zu protzen gedächte. Sein Großvater hatte das Geschäft gegründet und der war selbst ein Sklave gewesen ... " Maximus nahm einen weiteren Pinienkern. "Du vermißt ihn?" Es war eher eine Feststellung als eine Frage, und ich runzelte die Stirn. "Unsere Ehe war in jeder Hinsicht ungewöhnlich gewesen. Wir liebten einander nicht ... aber wir haßten uns auch nicht. Statt dessen kümmerte sich einer um den anderen und wir lernten, uns gegenseitig zu respektieren. Auch wenn er mich nicht liebte, so wußte ich doch ... daß ich mich auf ihn verlassen konnte. Er war ein guter Mann. Zuverlässig. Stark. Gerecht ... " Plötzlich bemerkte ich, welche Worte ich gewählt hatte, um Marius Servilius Tibullus zu beschreiben. Jedes paßte zu dem komplexen und sehr verschlossenen Mann, der mein Gemahl gewesen war. Zuverlässig. Stark. Gerecht. Ein guter Mann. Er hatte von Anfang an darauf verzichtet, mich zu der Seinen zu machen. Und er hatte seine tote Frau geliebt. Diese Worte gaben aber auch eine perfekte Beschreibung von Maximus, obwohl beide Männer nicht unterschiedlicher hätten sein können. Hatte ich Marius Servilius Tibullus etwa nicht nur geheiratet, weil er mir die Möglichkeit bot, die ersehnte Rache zu üben, sondern weil er mich an Maximus erinnert hatte? Er wartete auf meine Antwort. "Ja, irgendwie ... vermisse ... ich ihn." Wir hatten einen Abschnitt des Weges erreicht, wo der Boden uneben wurde und sich reichlich Sand mit Piniennadeln und Erde mischte. Da meine Ohren an die Geräusche der Umgebung gewöhnt waren, konnten sie bereits das leise Flüstern der Brandung unter dem Rauschen des Windes in den Zweigen ausmachen. "Wieviel hast Du für mich bezahlt?" Mein Herzschlag setzte einen Moment lang aus, nahm dann seinen gewohnten Rhythmus wieder auf. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet gewesen, aber ich kannte Maximus gut genug um zu wissen, daß nichts ihn von seinem Kurs abbringen konnte. Ich hob entschlossen das Kinn und trug die Einzelheiten meiner Abmachung mit Proximo mit ausdrucksloser Stimme vor. "Fünfundzwanzigtausend Sesterzen bei Lieferung und weitere fünfundzwanzigtausend, wenn ... wenn sie kommen, um Dich wegzubringen." *1 Maximus stockte der Atem, und er ließ die Pinienkerne fallen. Meine Finger reagierten automatisch, und auch mir fielen die Kerne aus der Hand. Fünfzigtausend Sesterzen waren vermutlich mehr, als er auf seinem Hof in einem ganzen Jahr erwirtschaftete. "Proximo verlangte außerdem einen Bonus von fünftausend Sesterzen für den Umstand, Dich während der Nachtstunden nach Ostia zu bringen, plus Reisespesen und der Bestechungssumme für die Wachen an der Porta Ostiensis ... " Maximus' Gesicht war gerötet, und er atmete stoßweise. Ich tat, als bemerkte ich es nicht und fuhr mit meinem Bericht in dem nüchternen Ton fort, in dem ich unangenehme aber notwendige geschäftliche Dinge abzuhandeln pflegte. Es gab keine Möglichkeit, die schäbigen Details des Planes zu beschönigen, den ich ersonnen hatte, um ihn aus der Sklaverei zu retten. Außerdem hätte es weder Zweck noch Sinn gehabt. "Da Deine Flucht beabsichtigt war, hatte ich vorsorglich eine Million Sesterzen als Kompensation für den Verlust seines Star-Gladiators bereitgelegt ... " Maximus war entsetzt. Er blieb stehen und rang nach Worten. "Eine Million Sesterzen? Aber Julia, das ... das ist genug um ... um ... " "Um die politische Laufbahn von zwei Senatoren zu finanzieren und ihnen wirklich hohe Stellungen zu beschaffen. Ich weiß. Du bist mehr wert als der ganze Senat zusammen, Maximus. Und nicht nur für mich sondern auch für Rom." Ich sprach mit tödlichem Ernst, nicht wie ein liebeskrankes Mädchen, sondern wie eine Frau, die alles unter Kontrolle hat. Maximus schluckte krampfhaft. Wir starrten einander an. "Für mich bist Du mehr wert als alles, was ich besitze, mehr als mein eigenes Leben." Maximus preßte die Lippen aufeinander und blinzelte, die dunklen Wimpern beschatteten das grün-blaue Feuer seiner faszinierenden Augen, aber nicht ausreichend, um die unerwünschte Flut von Gefühlen hinter diesen aquamarinblauen Flammen verbergen zu können. "Was diese ... unglückliche Farce betrifft, die wir uns ausdenken mußten, um Dich herbringen zu können ... " Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen und die Kieferknochen zeichneten sich scharf ab - so stark kämpfte er, seine Gefühle zu kontrollieren. "Ich bitte Dich, nicht Apollinarius dafür verantwortlich zu machen. Es war nicht seine Schuld ... er führte die Verhandlungen und ... irgendwie ... muß Proximo den Eindruck bekommen haben, daß er derjenige war der .... Dich wollte." Trotz seiner Bemühungen, nichts von dem was in ihm vorging, zu verraten, sah ich, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten. "Wenn Apollinarius diesen falschen Eindruck nicht korrigierte, dann nur, weil er mich beschützen wollte. Er sagte, daß, wenn Du nur zur Hälfte der moralische Mann seiest, als den ich Dich ihm immer beschrieben hatte, Du ... Du nicht wollen würdest, daß ich öffentlich in Verbindung gebracht würde mit ... " Maximus Gesicht entspannte sich: er verstand und akzeptierte, und er vertraute mir. Es war ein so vollkommener Wandel, daß ich unwillkürlich an die Brandung des Meeres denken mußte, die jede Spur im Sand löscht und den Strand glatt und rein zurückläßt. Und ich mußte auch an sie denken, mein kleines Mädchen, die Tochter meiner Träume, und an das nackte Vertrauen in ihren Augen, wenn sie in meine blickte und wußte, daß, was immer auch geschehen würde, ich für sie da wäre, so wie ich immer für ihren Vater da sein würde. Wenn er mich nur ließe ... Nun war es an mir, alle mir zu Gebote stehende Kraft zusammenzunehmen, um meine Gefühle zu kontrollieren. "Außerdem ... haben wir nie damit gerechnet, daß Du die Dir angebotene Freiheit zurückweisen könntest ... Du solltest einfach nur verschwinden, und das wär's dann gewesen ... Es tut mir so leid, Maximus ... " Ich senkte den Kopf, so daß das offene Haar mein Gesicht bedeckte und meine Augen verbarg, während ich versuchte, die plötzlich aufsteigenden Tränen wegzublinzeln. Maximus sagte nichts. Statt dessen nahm er meine Hand, und wir setzten unseren Weg unter den Pinien fort. "Julia ... was die Sklaven auf den Werften betrifft ... Du hast das Richtige getan ... " Er sagte nichts zu dem fehlgeschlagenen Plan oder zu Apollinarius, und ich wußte, daß er das nie tun würde. Aber ich wußte auch, daß es nicht nötig war. Der Bruch war gerichtet worden und konnte nun heilen. "In jener Nacht, als Marcus Aurelius mir die Freiheit schenkte, bot er an, mir das kleine Mädchen, das mich bedient hatte, als Sklavin zu schenken. Ich lehnte es ab. Ich sagte ihm, ich würde nie einen Sklaven besitzen wollen, und seitdem hab ich mein Bestes getan, um dieses Versprechen zu halten ... " "Ich erinnere mich an Deine kleine Dienerin. Was ist mit ihr geschehen?" "Ich habe sie Lucilla anvertraut." "Lucilla? Du ... ?" setzte Maximus an, runzelte die Stirn und war ganz offensichtlich irritiert - entweder über meine Enthüllung bezüglich des Schicksals meiner Dienerin oder über die zwanglose Weise, mit der ich den Namen der kaiserlichen Dame im Mund führte. "Nein, Maximus, ich habe sie niemals persönlich kennengelernt. Aber als ich Marcus Aurelius sagte, daß ich Rufa nicht als Sklavin behalten könne, entgegnete er, daß sie zu jung sei, um freigelassen zu werden und auf sich selbst gestellt zu überleben. Also bot er mir an, sie bei Lucilla und deren Sohn unterzubringen. Er meinte, sie sei eine gute Herrin, und ich zog es vor, ihm zu vertrauen", sagte ich, und da ich mich an meine beunruhigende Unterhaltung mit Aemilius Trebutius Flaccus erinnerte, fügte ich hinzu, "Ich hoffe, ich habe das Richtige getan." "Ich bin sicher, daß sich Lucilla gut um sie gekümmert hat ... "bemerkte Maximus. "Sie ist eine anständige Frau trotz ..." Er sprach nicht weiter. Was auch immer er hatte sagen wollen, es war so bedeutsam, daß er es lieber für sich behielt. Er gehörte nicht zu den Männer, die das, was sie belastet, mit anderen teilen. Seine Geheimnisse vielleicht. Aber was auf ihm lastete, das trug er allein. "Es ist nicht allein ihr Verschulden, weißt Du. Es liegt in ihrem Blut." Maximus hielt abrupt inne, sah mich an und runzelte wieder die Stirn - es war nur zu deutlich, wie verunsichert er war. "Die kaiserliche Familie. Es ist in ihrem Blut." Ich hatte das eigenartige Gefühl, daß ich mich selbst sah, wie wir uns in unseren Träumen sehen: wir sind Teil derselben, aber gleichzeitig sind wir auch erstaunte Zuschauer unserer eigenen Handlungen. Vor meinem inneren Auge sah ich mich selbst mitten auf dem Feldweg stehen, der zum Strand führte, umgeben von Pinien, dem Mann gegenüber, den ich liebte, die sanfte Brise spielte mit meiner Tunika, und sie bewegte sich sacht um meine Knöchel. "Nein Maximus, ich kritisiere Lucilla nicht ... "sagte ich. Und auch das war die Wahrheit. Trotz des Anspruchs, den sie auf Maximus erhob, und seiner Bemühungen, ihr zu helfen, hatte die kaiserliche Dame plötzlich aufgehört, ein gefürchtete Rivalin zu sein, und sich statt dessen in eine Marionette verwandelt. Eine Figur in einem grotesken Spiel, einer Kombination aus Drama und Posse, Familienleben und hoher Politik, das bereits seit vielen Jahren gespielt wurde - mit dem kaiserlichen Palast auf dem Palatin als Bühne. "Weißt Du, warum Cassius Marcus Aurelius den Thron entreißen wollte?" Noch bevor Maximus antworten konnte, sprach ich weiter, hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, in jene bewegten Tage zurückzukehren, die seiner Ankunft in Moesia und in meinem Leben vorausgegangen waren. Hatte plötzlich das dringende Bedürfnis, über die Geheimnisse und Halbwahrheiten zu sprechen, die erst Jahre später angefangen hatten, einen Sinn zu ergeben. Geheimnisse und Halbwahrheiten, die - wie ich vermutete - mit Maximus zu tun hatten. "Als Du nach Moesia kamst, hatte Cassius bereits seit Jahren seine Ränke und Intrigen geschmiedet, hatte sich Unterstützung und Gefolgschaft erkauft, mächtige Männer in seine Pläne verwickelt ... " Ich fügte nicht hinzu, daß viele Male mein Fleisch der Preis gewesen war, mit dem für diese Geheimnisse und Gefolgschaft gezahlt wurde. Das brauchte ich nicht. "Er könnte es bereits Jahre zuvor oder Monate später getan haben, denn der Griff nach dem Thron war sein Ziel, seine fixe Idee gewesen, solange ich mich erinnern konnte. Aber dann geschah etwas, das ihn zum Handeln zwang ... " "Ich weiß", warf Maximus ein. "Es kursierten Gerüchte, daß Marcus Aurelius im Osten verstorben sei. Er war lange Zeit nicht mehr in Rom gewesen, und irgendwie hatte es monatelang keine Nachricht von ihm gegeben ... " Das war die offizielle Version gewesen. Und sein Ton sagte mir, daß er diese auch für die echte hielt. Der ehemalige Kaiser hatte mir gesagt, daß Maximus der Sohn gewesen sei, den er hätte haben sollen ... aber er hatte ihn in Unkenntnis gelassen. Nun hatte Marcus Aurelius' Sohn Maximus' Freiheit und das Leben seiner Liebsten gefordert ... und seine Tochter und sein Enkel würden, wenn die Zeit kam, auch sein Leben fordern, wenn ich es nicht würde verhindern können. Maximus hatte mir erklärt, daß es ihm nicht nur um Rache ging, sondern daß er es als seine Pflicht ansah, Lucilla und ihren Sohn, Marcus Aurelius' Enkel, vor Commodus zu schützen. Er hatte ein Recht zu wissen, wofür er wirklich ein Leben lang gekämpft hatte. "Nein Maximus. So war es nicht. Cassius wußte nur zu gut, daß Marcus Aurelius noch am Leben war ... " "Auch ich wußte das", unterbrach er mich. "Lucilla hatte mir einen Brief geschickt, mich darüber in Kenntnis gesetzt und mich gebeten, ihrem Vater die Zeit zu verschaffen, die er brauchte, um seine Legionen nach Moesia zu führen und den Bürgerkrieg zu beenden ... " Sein Ton war ruhig und sachlich, aber ich konnte einen Anflug von vorsichtiger Zurückhaltung heraushören. Als wäre er nicht geneigt, etwas zu hören, das er bereits vermutet aber zu leugnen versucht hatte. Ich konnte fühlen, wie eine sorgsam kontrollierte Spannung durch seine Hand auf mich überströmte. "Cassius wußte, daß Marcus Aurelius noch lebte, durch eine Quelle, die ebenso verläßlich war wie Lucilla. Vielleicht sogar noch verläßlicher." "Er hatte Spione im kaiserlichen Palast?" Ich lächelte müde. O ja. Cassius hatte Spione im kaiserlichen Palast gehabt. Spione an sehr hoher Stelle. Einer von ihnen an so hoher Stelle, daß jene, die es herausgefunden, nicht den Mut besessen hatten, Anklage zu erheben. "Kurz bevor er sich zum römischen Kaiser ausrief, empfing Cassius einen Sonderkurier. Der Mann brachte keine schriftliche Botschaft sondern eine mündliche. Sein Name war Aglus, ein großer Trakier, er war der Leibsklave und Sekretär der Kaiserin. Er brachte eine geheime Botschaft von seiner Herrin. Er informierte Cassius, daß Faustina von seinen Plänen wußte. Sie hatte bereits seit Jahren davon gewußt ... " Der Name der ehemaligen Kaiserin ließ Maximus zusammenzucken. Mir schoß der Gedanke durch den Kopf, ob er sie wohl gekannt hatte. Vermutlich war es so. Marcus Aurelius hatte eine bedeutende Rolle in seinem Leben gespielt, und irgendwann einmal mußten sich auch ihre Wege gekreuzt haben. Ich fragte mich, was Faustina von ihm gedacht haben mochte. Schließlich hatte sie eine nur allzugut bekannte Vorliebe für starke, kräftige Männer wie ihn. "Faustina bot Cassius ihre Unterstützung bei seinem Komplott, ihrem Gemahl den Thron zu entreißen, an . Sie bot an, ihn zu heiraten, um seinen Anspruch zu legitimieren. Sie war nicht weniger als Marcus Aurelius ein Mitglied der Dynastie der Antoniner", erklärte ich. In Wahrheit war Faustinas Anspruch auf den Namen der edelsten Patrizierfamilie Roms noch stärker als jener ihres Gemahls - Kaiser Antoninus Pius war ihr Vater gewesen, während Marcus Aurelius nur sein Adoptiv- und Schwiegersohn war. "Faustina mochte keine halben Sachen, somit war ihr Vorschlag ernst zu nehmen. Cassius' ältester Sohn sollte mit Lucilla vermählt werden, um die Allianz zu festigen. Der Preis für ihre Unterstützung war, daß Cassius Commodus als seinen Erben adoptieren sollte. Cassius akzeptierte ihr Angebot. Jeden einzelnen Punkt desselben." Maximus schwieg, sein Gesicht glich einer Maske, bar jeder Regung. So ohne jegliche Regung, daß man ihn für eine der Statuen auf dem Forum hätte halten können. "Aber Du kamst nach Moesia und hast Ihre Pläne vereitelt. Als Marcus Aurelius nach Rom zurückkehrte, mußte mit den Unterstützern der Verschwörung verfahren werden. Er war kein rachsüchtiger Mann, aber er war der Kaiser, und es gibt Dinge, die ein Kaiser tun muß. Alles wurde diskret erledigt." Ich konnte die Wahrheit dieser Aussage bezeugen. Ein Mann, der für die Umsetzung eines Teils der Anordnungen des Kaisers verantwortlich war, hatte mich nach Rom begleitet. Es hatte keine öffentlichen Prozesse oder Hinrichtungen gegeben, und die Verschwörer, die ihrem Leben nicht bereits vor Marcus Aurelius' Rückkehr ein Ende gesetzt hatten, erhielten die Gelegenheit, sich selbst zu richten, um ihren Familien die Schande der Ungnade zu ersparen. "Cassius' Besitz und der der anderen Hauptverschwörer wurde konfisziert und ihre Familien ins Exil geschickt und zerstreut", erklärte ich. "Aber es gab keine Morde." Marcus Aurelius war ein mitfühlender Mann gewesen, der keine Genugtuung über Rache empfand. Nicht einmal dann, wenn er verraten worden war.
"Alles war schnell vorüber, aber es gab noch etwas, daß getan werden mußte,
und das betraf die Rolle der Kaiserin in der Verschwörung", fuhr ich fort,
und ließ dabei kein Auge von Maximus. "Aber Marcus Aurelius hatte, was sie
betraf, nichts unternommen, und seine Berater begannen bereits, den Verdacht
zu hegen, daß er nichts von ihrer Beteiligung wußte, obwohl dies höchst
unwahrscheinlich war, denn wenig oder so gut wie nichts entging der
Aufmerksamkeit des Kaisers. Ich machte eine kurze Pause und fuhr dann fort, das, was in diesem kaiserlichen Drama hinter den Kulissen abgelaufen war, noch einmal lebendig werden zu lassen. Eines Dramas, das die Ereignisse in Gang gesetzt hatte, die mein Leben für immer hatten verändern sollen und eine reiche und mächtige Freigelassene aus der achtzehnjährigen Sklavin und Hure gemacht hatten. Die Ereignisse, die Maximus in mein Leben gebracht hatten. Die Ereignisse, deren Auswirkungen verbunden waren mit Verrat und Tod, die aus Roms größtem General einen Sklaven und Gladiator gemacht hatten. "Die Auserwählte war Caelia Concordia, die Oberste der Jungfrauen der Vesta. Sie war ebenfalls Marcus Aurelius' Cousine, und man sagte, daß sie sich sehr nahe standen. Sie trafen sich unter vier Augen, Caelia Concordia entlarvte Faustina und legte unwiderlegbare Beweise vor ... " Während ich in Rom war, hatte ich die oberste Vestalin einmal gesehen. Meine Sänfte hatte anhalten müssen, um ihren Wagen vorbeizulassen - sie und die anderen Vestalinnen waren die einzigen, denen es erlaubt war, sich auch am Tage in von Pferden gezogenen Wagen in der Stadt zu bewegen. In ihr makelloses Priesterinnengewand gekleidet war mir Caelia Concordia, trotz ihres gebrechlichen körperlichen Äußeren, unnahbar und ungeheuer machtvoll erschienen. Sie war noch immer die Oberste der Vestalinnen, und Gerüchte besagten, daß der Tod ihres Cousins sie schwer getroffen hatte. Die Gerüchte besagten auch, daß sie mit seinem Nachfolger nicht einverstanden war. Und daß diese Abneigung auf Gegenseitigkeit beruhte. "Marcus Aurelius wußte es, natürlich. Alles. Er hatte schon seit Jahren gewußt, daß sie gegen ihn intrigierte, so wie er gewußt hatte, daß sie ihn betrog. Zehn Jahre zuvor hatte sie Lucius Verus das gleiche Angebot gemacht." Maximus zuckte abermals zusammen, als ich den Namen von Lucillas verstorbenem Gemahl erwähnte. Ich sprach weiter, damit ich nicht daran denken mußte, wie er und Lucilla sich zum erstenmal begegnet waren ... und eine Zeit jugendlicher Liebe miteinander verbracht hatten. "Marcus Aurelius erfuhr davon und zwang seinen Adoptivbruder, Lucilla zu heiraten - dafür versprach er ihm, ihr gemeinsames Kind zu seinem Erben zu machen. Auf diese Weise stellte er sicher, daß Lucius Verus sich ihm und nicht Faustina gegenüber loyal verhielt, denn sie hätte ihm nicht mehr bieten können. Auch wenn sie ihre Fruchtbarkeit zur Genüge unter Beweis gestellt hatte, so lagen die Jahre, in denen sie hätte Kinder gebären können, bereits hinter ihr. Außerdem wollte sie keine weiteren Kinder. Sie wünschte sich nur, daß Commodus Kaiser würde." Maximus Züge blieben undurchdringlich, aber seine Hand krampfte sich um die meine, und seine Augen wurden dunkel, aquamarinblaue Flammen verwandelten sich in eisige Saphire. Ich hatte recht gehabt. Auch wenn ich nicht wußte wie und warum, so hatten diese Geheimnisse und Halbwahrheiten wirklich mit Maximus zu tun. Und mit seinem Fall und seiner Versklavung. "Marcus Aurelius wußte alles, aber er konnte sich nicht dazu durchringen, seine Gemahlin zu bestrafen. Nicht einmal dazu, sich von ihr scheiden zu lassen. Er liebte Faustina. Er ließ sie lediglich bis zu ihrem Tode streng überwachen. Und als Faustina starb, ungefähr ein Jahr später, da betrauerte er sie aufrichtig und ließ sie zur Göttin erheben. Faustina Diva (****). Er liebte sie. Aber sie liebte nur Commodus ... Und nun ist Commodus Kaiser." Ich schwieg. Allmählich kehrte Leben in Maximus' Gesicht zurück. Nur seine Augen blieben weiter undurchdringlich, sie glichen eisig-blauen Teichen, die nur wenig mit dem heißen Blick gemein hatten, der während jener wilden Orgie in Moesia über mein Gesicht und meinen Körper gewandert war ... und wieder, als er mich vor zwei Tagen zum erstenmal seit sechs Jahren im hellen Licht des Tages gesehen hatte. "Wie hast Du all das erfahren?" Seine Stimme klang vollkommen ruhig. "Ich war anwesend, wenn die Boten kamen. Cassius schickte mich weg, aber ich habe gelauscht." Ich zuckte die Achseln. Wenn Du ein Sklave bist, dann hast Du keine Rechte, keine Stimme, niemanden, an den Du Dich um Hilfe wenden kannst. Also ist gut informiert zu sein Deine beste Waffe und Dein einziges Kapital. "Und den Rest?" "Den habe ich Jahre später erfahren. Zum Teil habe ich es von meinem Gemahl gehört. Zum Teil von seinen Bekannten. Und seit seinem Tod wird alles Wichtige direkt mir berichtet." "Du hast Informanten? Im kaiserlichen Palast?" "Ich habe viele Informanten in vielen unterschiedlichen Kreisen, einschließlich des kaiserlichen Palastes." Ich schenkte ihm ein schwaches Lächeln. "Geschäfte sind nicht so viel anders als der Krieg, Maximus. Informationen sind eine kostbare Ware. Aber gegenwärtig habe ich niemand an wichtiger Stelle, lediglich einen Hilfsschreiber in der Kanzlei des Obersten Sekretärs. Commodus hat den überwiegenden Teil der Beamten seines Vaters entlassen. Die weniger bedeutenden wurden gezwungen, ihr Stellungen aufzugeben. Anderen wurde vorgeschlagen, ihr Leben fortan nicht mehr in Rom sondern in ihren Villen auf dem Land zu verbringen. Einige wurden ins Exil geschickt. Und wieder andere verschwanden ... " Ich mußte dabei an Capito denken, dem ich meine Villa in Melita verdankte. Aemilius Trebutius Flaccus hatte recht. Senator oder nicht, er war ein guter Mann gewesen. Maximus hielt meine Hand nicht mehr so fest umklammert, aber er ließ sie auch nicht los. Statt dessen führte er sie an seine Lippen und küßte zärtlich meine Knöchel. "Danke, Julia", sagte er, und diesmal war es seine Stimme, die heiser klang. "Danke für die Wahrheit." Und er küßte noch einmal meine Knöchel - sein Bart kitzelte auf meiner Haut. Ein Schauer lief mir über den Rücken.
Ich hätte ihn fragen können, was die Wahrheit in diesem Fall schon
bedeutete, aber ich tat es nicht. Vielleicht würde er es mir irgendwann
sagen, vielleicht auch nicht. Aber das würde seine Entscheidung sein. Und
wie ich bereits sagte: er gehörte nicht zu den Männern, die das, was sie
belastet, mit anderen teilen. Er war Manns genug, seine Lasten ohne Murren
zu tragen. Aber meine Worte schienen eine besonders schwere Last
erträglicher gemacht zu haben. "Warte es ab", antwortete ich und führte ihn auf das Ende des Weges zu. Hin zum Blau des Meeres und dem weißen Sand des Strandes. Und hoffentlich zu ein wenig bescheidenem, menschlichem Glück.
(***) Äskulap (Aesculapius): Der römische Gott der Heilkunst. Die Römer kannten keine Hospitäler außer in der Armee. Menschen, die sich einen Arzt leisten konnten, wurden zu Hause behandelt. Römische Herren pflegte ihre alten oder kranken Sklaven bei den Tempeln des Äskulap auszusetzen, wenn sie nicht mehr arbeiten konnten. Die Priester wirkten als eine Art Krankenpfleger, und einige Ärzte kümmerten sich kostenlos um die dort zurückgelassenen Menschen als Ausdruck der Hingabe an ihren Schutzgott. Aber das reichte längst nicht aus. Zeitweise lebten Hunderte von alten, kranken oder verstümmelten Sklaven bei den diesem Gott geweihten Tempeln - der bedeutendste befand sich auf der Tiberinsel in Rom - unter menschenunwürdigen Bedingungen. Um diesem Brauch Einhalt zu gebieten und um die Besitzer zu zwingen, sich besser um ihre Sklaven zu kümmern, erließ Kaiser Claudius ein Edikt, daß jene Sklaven, die von ihren Herren bei den Tempeln ausgesetzt aber von der Bruderschaft des Äskulap geheilt worden waren, automatisch die Freiheit erhielten. (****) Faustina Diva (Lateinisch): "Die göttliche Faustina". ''Diva" war der offizielle Titel jeder zur Göttin erhobenen römischen Kaiserin. __________________________________________ *1 fünfundzwanzigtausend
vergleiche Erster Teil, Kapitel 9 und Zweiter Teil Prolog Sesterzen Sesterze - römische Münze, deren Wert im Laufe der Jahrhunderte stark wechselte. Um eine Vorstellung von der Höhe der Summe zu haben: um das Jahr 100 n.Chr. betrug der Jahressold eines Soldaten 1200 Sesterzen (vgl. "As the Romans Did", second edition, A Sourcebook in Roman Social History by Jo-Ann Shelton, Oxford University Press 1998, p.452) |
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