8. Die Jahre in Ostia - 175-176 A.D.

Der Wagen fuhr einen weiten Bogen, und Marius Servilius blickte kurz von dem Schreibtäfelchen, auf welchem er einen von ihm diktierten Text korrigierte, auf. "Wir sind fast da", sagte er und begann, seine Schreibutensilien einzupacken. Wir waren zwei Tage nach der Hochzeitszeremonie nach Ostia aufgebrochen. Ich reiste zusammen mit meinem Mann in seinem geräumigen und komfortablen Reisewagen. Er hatte einen Tisch einbauen lassen, um die langen, öden Stunden, die jede Reise mit sich bringt, dazu nutzen zu können, sich mit seiner Korrespondenz und anderen Dokumenten zu beschäftigen. Nach eigener Aussage schätzte er es nicht, Zeit zu verschwenden. Und was mich betraf, so war ich mehr als beschäftigt gewesen, mich um eine gänzlich verunsicherte Rubia zu kümmern, und hatte nur wenige Kapitel der Schriftrollen lesen können, die ich ausgewählt hatte. Sie war nun voll ausgewachsen und eine riesige Katze mit glänzendem, geschecktem Fell und wachsamen, geheimnisvollen grünen Augen. Seit die Vorbereitungen für meine Hochzeit und den Umzug nach Ostia begonnen hatten, war es mehr als offensichtlich, daß Rubia ihr inneres Gleichgewicht verloren hatte, ein weiterer Beweis dafür, daß Katzen viel sensibler als Menschen sind. Sie wissen die Vorteile eines ruhigen Lebens zu schätzen und stürzen sich nicht Hals über Kopf in wilde Abenteuer. Und wenn sie auf Rache aus sind, dann benutzen sie einfach ihre Krallen.

Marius Servilius hatte keinen Kommentar zu der Anwesenheit meiner dreifarbigen, vierbeinigen Gefährtin abgegeben. Er hatte Rubia und mich lediglich mit einem amüsierten Blick bedacht, bevor er sich dem zuwandte, was die Führung eines Geschäftes mit sich brachte.

Wir reisten auf der Via Ostiensis, einer weiteren breiten römischen Straße, die in einwandfreiem Zustand gehalten wurde und mit einem guten Pflaster versehen war. Die Reise war somit problemlos, und wir kamen schneller voran, als ich erwartet hatte. Apollinarius, Nicia, Athenodorus - der die Stelle des Verwalters der Villa einnehmen sollte, welcher sich auf Grund seines Alters hatte zur Ruhe setzen dürfen - und Marius Servilius' Sekretäre folgten uns in einer zweiten Kutsche. Die Wagen mit dem Gepäck waren bereits am Tag zuvor auf den Weg geschickt worden, damit die Dienerschaft sich schon vor unserer Ankunft darum kümmern konnte. Mein eigenes Gepäck hatte beinahe peinliche Ausmaße angenommen, nachdem es um diverse Truhen voll Seide, Leinen, Wolle und ägyptischer Baumwolle der besten Qualität, die man mit Geld kaufen konnte, ergänzt worden war, ganz zu schweigen von Sandalen und Schuhen, Tüchern und Mänteln, Parfüm und Kosmetikartikeln, welche an Zahl und Qualität alles überstiegen, was sich eine Frau nur wünschen konnte. Die zu meiner neuen Garderobe passenden Juwelen reisten mit mir in zwei lackierten Kästen. Als ich versuchte, Protest einzulegen, zuckte Marius Servilius nur die Achseln und sagte, dies sei lediglich ein Vorgeschmack dessen, was ich erwarten dürfte, wenn weitere seiner Schiffe in Ostia vor Anker gingen. Dann erinnerte er mich nüchtern daran, daß ich nun die Gemahlin eines reichen Mannes sei und auch entsprechend auszusehen hätte.

Wir passierten die großen Säulen, die den Eingang des Grundstücks markierten, und fuhren einen gewundenen, gepflasterten Weg hinauf, der von hohen, dunkelgrünen, gesunden Pflanzen gesäumt war. In regelmäßigen Abständen gab es eiserne Halterungen, in denen Fackeln befestigt werden konnten. Da sich die Kutsche weich und geräuschlos vorwärts bewegte, war ich nicht überrascht, das Rauschen der Brandung zu hören und eine leicht salzige Brise zu riechen. Nicia hatte mir bereits gesagt, daß die Villa sich zum Meer hin öffnete. Der Wagen nahm eine letzte Kurve und kam zum Stehen ...

Ich hielt vor Überraschung den Atem an. Im Licht der untergehenden Sonne leuchtete die herrliche Villa in Schattierungen von Rosa und Gold, aber es gab keinen Zweifel, daß sie sowohl im vollen Sonnschein als auch im Mondlicht weiß strahlen würde, da sie mit weißem Carrara Marmor verkleidet war. Sie hatte zwei Geschosse, und ein Säulengang zog sich entlang der gesamten Vorderfront, um die Zimmer vor der gleißenden Sonne zu schützen. Dieser Portikus wurde von weißen Marmorsäulen getragen, und zwischen jedem Paar dieser Säulen stand die lebensgroße Statue einer elegant gewandeten Göttin. Vor einem Eckzimmer im oberen Stockwerk öffnete sich eine große Terrasse. Über der Mitte des Gebäudes erhob sich eine perfekte Kuppel. Im Eingangsbereich befand sich ein üppiger, wenn auch nicht sehr einfallsreicher Garten, geschmückt mit einem schimmernden Teich und sprudelnden Springbrunnen und begrenzt von einer Kolonnade und Marmorbänken. Im Teich schwammen große Goldfische, und den größten Springbrunnen zierte ein mir bereits bekanntes marmornes Schiff. Die anderen Fontänen wurden entweder von zarten aber sinnlichen Sirenen oder muskulösen, ebenso sinnlichen Tritonen geschmückt.

Eine große Dienerschaft wartete auf uns am Eingang des Hauses, Männer und Frauen sauber gekleidet und ordentlich frisiert, Gesichter, Kleidung, Farben - sie verschwammen vor meinen Augen. Alle Köpfe neigten sich ehrfürchtig, als Marius Servilius aus der Kutsche stieg. Er bot mir seine Hand an und half mir aus dem Wagen, und während er dies tat, merkte ich plötzlich, daß ich ihn zum erstenmal berührt hatte. Er mußte diese Erkenntnis in meinem Gesicht gelesen haben, denn das seine ließ eine leichte Belustigung erkennen. Dann legte er meine Hand auf seinem Unterarm und schritt mit mir an seiner Seite auf seine Dienerschaft zu, eine Art Probe, mein erster öffentlicher Auftritt als seine Frau.

"Das ist die Dame Julia", sprach er die Diener ohne jede Förmlichkeit an. "Sie ist meine Frau und somit die Herrin dieses Hauses. Ihr Wort ist das Gesetz, welches von nun an hier gilt. Ihr habt Eure vorzeitige Freilassung ihrer Großzügigkeit zu verdanken. Ihr habt mir gut und treu gedient. Dient ihr wie Ihr mir gedient habt, und ich werde doppelt zufrieden sein."

Die Diener sahen auf und blickten mich mit einer Mischung aus Neugier und Scheu an.
Sicherlich hatten sie eine ältliche Matrone erwartet, jemand, der altersmäßig eher zu ihrem Herrn paßte. Oder vielleicht eine plumpe Kreatur, die keinen Sinn für Anstand besaß und von ihrem Gemahl gefordert hatte, seine Sklaven freizulassen, statt ihre eigenen den seinen hinzuzufügen und so die Größe und das Ansehen des Hauses zu vermehren. Auch Haussklaven haben ihre Standards, und wenn das Schicksal sie in reiche Haushalte führt, können einige von ihnen snobistischer werden als ihre Herren.
Statt dessen sahen sie sich mit einem neunzehnjährigen Mädchen mit rotgoldenen Haaren konfrontiert, die vor noch gar nicht so langer Zeit wie sie selbst zur Dienerschaft gehört hatte, wenn auch mit einer anderen Art von Aufgabe. Ich wußte nicht, was ich tun sollte oder ob von mir erwartet wurde, daß ich etwas tat, also tat ich nichts und nickte ihnen nur leicht zu. Alle Köpfe neigten sich abermals und sogar noch tiefer. Marius Servilius ging auf die doppelflügelige Eingangstür zu, und obwohl er mich nicht ansah, wußte ich, daß er mit meinem würdevollen Auftritt zufrieden war.

Ich dagegen kam mir wie eine komplette Idiotin vor.

Das Innere des Hauses war ebenso prachtvoll wie sein Äußeres. Wir betraten ein zweigeschossiges, achteckiges Atrium, das von einer Kuppel überdacht war, welche eine Öffnung in der Mitte aufwies, um Licht in den wuchtigen Raum zu lassen. Die Strahlen der untergehenden Sonne fluteten über den kunstvollen, mit geometrischen Mustern in Schwarz und Weiß versehenen Mosaikboden. Die Kuppel wurde von noch heller erleuchteten weißen Marmorsäulen getragen, welche einen großen Kreis im mittleren Bereich des Atriums bildeten. Fackeln und Laternen standen hinter dem Kreis aus Säulen an den Wänden bereit, in denen sich schwere geschnitzte Eichentüren öffneten. Zwischen den Türen befanden sich Nischen mit weiteren lebensgroßen Marmorstatuen. Das Atrium öffnete sich an einem Ende hin zu einem Hof voll blühender Büsche, wo ich noch mehr Springbrunnen ausmachen konnte. Am entgegengesetzten Ende des Hofes konnte man einen weiteren Flügel der Villa sehen.

Marius Servilius blieb stehen. "Man wird Dir Deine Räume zeigen, Herrin", sagte er und ließ meine Hand los. "Ich bin überzeugt, daß Du sie ausreichend komfortabel  finden wirst. Vieles erfordert meine Aufmerksamkeit, und Du bist müde. Ich sehe Dich morgen zum Frühstück im Peristylum*1, falls das Wetter schön ist. Wenn nicht, werden wir uns in meinem Arbeitszimmer treffen." Mit diesen Worten verbeugte er sich, wandte sich um und ging, gefolgt von seinen Sekretären, davon.

Wie aus dem Nichts erschienen zwei Dienerinnen und geleiteten Nicia und mich zu einer der geschnitzten Eichentüren, öffneten sie und traten zur Seite, um uns in den weiten Korridor eintreten zu lassen, der an einer sanft geschwungenen Marmortreppe endete. Bevor ich dieselbe hinaufstieg, mußte ich mich in diesem gewaltigen Haus mit den Ausmaßen eines Tempels noch einmal hilfesuchend zu Apollinarius umwenden. Aber mein Lehrer, welcher Rubia auf dem Arm trug, war stehengeblieben, um eine erlesene lebensgroße Statue zu bewundern. Nicia zog ihn leicht an seiner Toga, um ihn in die Realität zurückzuholen, und er errötete wie ein Jüngling, der dabei ertappt worden war, ein erotisches Gemälde zu bewundern.

Am Ende der Treppe befand sich eine weitere Tür und hinter derselben das private Apartment, welches mein Sanktuarium werden sollte. Es gab ein großes, elegant eingerichtetes Wohnzimmer, das sich zu der Terrasse hin öffnete, die ich vom Garten aus gesehen hatte. Entlang der Wände des Zimmers waren drei weitere Eichentüren verteilt. Eine davon führte in eine großes, bequemes, luxuriös ausgestattetes Schlafzimmer mit einem riesigen Himmelbett. An das Schlafzimmer schloß sich ein komplett eingerichtetes Bad an. Durch die zweite Tür gelangte man in einen kleineren Raum, der sich ebenfalls zur Terrasse hin öffnete. In diesem Zimmer fand ich einen Schreibtisch, einige Stühle, eine Lesecouch sowie verschiedene Schränke und Truhen vor. Die ältere der beiden Dienerinen erklärte mir, daß es sich ursprünglich um einen Raum zum Nähen und Weben für die Dame des Hauses gehandelt  habe, aber der Herr hatte es in ein privates Arbeitszimmer umwandeln lassen, in welchem ich lesen und schreiben könnte. Die dritte Tür schließlich führte in ein weiteres kleines, fensterloses Zimmer. Die Wände waren mit ländlichen Szenen dekoriert und wenn man zur Decke blickte, glaubte man den Himmel zu sehen. Auch dieser Raum besaß ein eigenes, komplett ausgestattetes Bad. Die Dienerin muß mir nicht erst erklären, daß dieses Zimmer für ein Kind und seine Amme bestimmt war.

Ein Zimmer, dazu verdammt, so leer zu bleiben wie mein Schoß.

Auf der Terrasse gab es einen kleinen Aufruhr. Vom Kinderzimmer aus hörte ich, wie ein Blumentopf zu Boden krachte und zerbrach, und wie Apollinarius den Atem anhielt. Dankbar für eine Entschuldigung, diesen verdammten Raum verlassen zu können, eilte ich ins Freie.

Als ich durch den Bogengang  lief, der den Wohnraum von der Terrasse trennte, sah ich den Grund für das würdelose Verhalten meines Lehrers ... und auch mir verschlug es beinahe die Sprache: Die Terrasse öffnete sich zum Meer hin, ein Streifen goldenen Sandes war deutlich hinter den Bäumen zu erkennen, und hinter dem Sand ... das unendliche Blau des Tyrrhenischen Meeres*2, von solcher Intensität im Licht des frühen Abends, daß es wie Indigo erschien. Staunend näherte ich mich der gemeißelten Marmorbrüstung und stellte mich still neben Apollinarius.

"Thalassa (*)", sagte er so leise, daß ich das Wort kaum verstehen konnte.

"Du hast das Meer vermißt." Es war keine Frage. Er lächelte schwach.

"Bis zu diesem Augenblick habe ich nicht einmal gemerkt wie sehr", sagte er und fügte dann hinzu: "Danke, Julia. Danke, daß Du mich zurück an das Meer gebracht hast!"

Ich mußte nicht in seine Augen schauen um zu sehen, daß Tränen in ihnen schimmerten.

Der Morgen des nächsten Tages dämmerte grau und windig. Also traf ich mich mit Marius Servilius in seinem Arbeitszimmer im Erdgeschoß. Obwohl wir erst wenige Tage verheiratet waren, war ich bereits mit seiner täglichen Routine vertraut. Mein Gemahl war ein Frühaufsteher und liebte es, mit der Arbeit zu beginnen, noch bevor es sich im Haus zu regen begann. Er erledigte seine Korrespondenz während es noch dunkel war, dann nahm er sein tägliches Bad. Das Frühstück stand bereit, wenn er fertig angezogen zurückkam, und sobald er die Mahlzeit beendet hatte, durften seine Sekretäre das Arbeitszimmer betreten. Sie arbeiteten einige Stunden gemeinsam. Dann verließen alle Drei das Haus und gingen ihren Geschäften nach. Zum Mittagessen kam er nie nach Hause. Er kam immer vor der Abenddämmerung zurück. Wir trafen uns zum Abendessen und führten eine höfliche Unterhaltung. Dann wünschte er mir eine gute Nacht und kehrte in sein Arbeitszimmer zurück. Obwohl es schon spät war, wenn ich meine Lampen löschte, nachdem ich noch eine oder zwei Stunden gelesen hatte, war es noch später, wenn ich seine Schritte auf dem Weg zurück in seine Räume hörte.

Sein Arbeitszimmer in der Villa war groß und komfortabel, wie es sich für den Ort gehörte, an welchem er die meiste Zeit verbrachte. Es gab Ruhebetten und Sessel, einen schweren Schreibtisch, Stühle für seine Sekretäre, Regale für Dokumente und sogar einen Tresor. Wunderschöne Fresken zierten die Wände, sie alle stellten maritime Szenen dar. Auf den Regalen standen diverse Schiffsmodelle. Auf der Platte seines Schreibtisches befand sich ein weiteres - das bis ins Detail kunstvoll ausgeführte Modell eines Segelschiffes, welches ich sofort wiedererkannte: es war das gleiche, welches die Springbrunnen des Apartments in Rom und hier im Garten der Villa zierte.

Das Frühstück war auf einem kleinen Tisch neben der Couch angerichtet worden, auf der mein Gemahl, mit dem unvermeidlichen Schreibtäfelchen und einem Griffel in der Hand, saß. Er legte sie beiseite, als er mich sah. Ich war ganz in den Anblick des Schiffsmodells auf seinem Schreibtisch versunken.

"Das ist die 'Poseidon', das erste Schiff meiner späteren Flotte", sagte Marius Servilius. "Ich ließ es bauen, als ich sechzehn war."

"Ich dachte, Dein Großvater habe das Geschäft gegründet", bemerkte ich und näherte mich dem Sessel, der neben dem Frühstückstisch stand.

"Er gründete das Importgeschäft und war damit sehr erfolgreich. Mein Vater erbte und erweiterte es, aber ich wollte mehr. Ich wollte, daß wir unsere eigenen Schiffe besäßen", sagte Marius Servilius. Er schwieg einen Moment lang, dann fuhr er fort: "Ich versuchte, ihn zu überzeugen, in das Reedereigeschäft einzusteigen, aber er lehnte es als zu riskant und teuer ab, und vor allem hätte es Zeit gefordert, die er nicht hatte. Also sagte ich ihm, ich würde den Bau der Schiffe überwachen. Mein Vater war schockiert. Ich war kaum der toga praetexta*3 entwachsen, und wenn es auch feststand, daß ich in das Geschäft einstieg und mich dabei bereits recht gut machte, so war die Konstruktion eines Schiffes doch etwas gänzlich anderes."

Während er sprach, nahm Marius Servilius etwas Käse und Brot.

"Ich gab nicht nach. O, ich wünschte mir so sehr ein eigenes Schiff! Ein leichtes, schnelles. Also stimmte mein Vater endlich zu, übergab mir die Verantwortung und machte sich auf die Verluste gefaßt ... Der Stapellauf erfolgte einen Monat vor dem festgesetzten Termin, und kurz danach brachte ich meine erste Ladung Olivenöl nach Ostia. Ich kam vor den anderen Importeuren an und verdiente mein erstes Geld. Ein kleines Vermögen übrigens."

Mein Gemahl schenkte mir ein Lächeln, nicht das übliche kühle, sondern ein echtes Lächeln.

"Mein Vater machte mich zu seinem Partner, und niemand behandelte mich länger wie einen Knaben."

"Ist die 'Poseidon' immer noch in Betrieb, ich meine ..." Ich wußte nichts über Schiffe, als daß man mit ihnen über das Wasser fuhr, und ich hatte Angst vor Wasser.

"Ja, Herrin. Es gibt sie immer noch. Sie hatte mehr Glück als andere Schiffe, die ich baute oder kaufte. Aber sie befindet sich sozusagen im Ruhestand, weil sie für weitere Reisen zu alt ist."

"Hast Du sie hier in Ostia?"

"Ja, in einem Trockendock. Wenn sie weiter im Wasser gelegen hätte, dann hätte sie als Futter für die Würmer geendet. Weder Meer noch Sturm hatten ihr etwas anhaben können, deshalb wollte ich nicht, daß mein altes Mädchen so eines unwürdigen Todes sterben sollte. Außerdem muß mir die 'Poseidon' noch einen letzten Dienst erweisen ... "

"Du willst sie noch einmal zu Wasser lassen?" fragte ich. Das Gespräch war auf eine seltsame Weise faszinierend. Marius Servilius lächelte wieder, aber diesmal war es ein bitteres Lächeln.

"Nein, Herrin. Ich werde sie nicht wieder zu Wasser lassen, aber sie hat noch eine letzte Reise vor sich ..."

Ich sah ihn fragend an.

"Wenn ich sterbe, möchte ich am Strand verbrannt werden. Die 'Poseidon' wird das Holz für den Scheiterhaufen liefern. Es wird mehr als genug sein ... "

Ich erbleichte. "Herr ..." Er gebot mir mit einer Handbewegung zu schweigen.

"Du wirst für die Beisetzung verantwortlich sein, daher mußt Du über meine Wünsche Bescheid wissen. Ich möchte verbrannt werden. Ich hasse diese scheußliche neue römische Mode, sich beerdigen zu lassen. Ich will nicht von den Würmern gefressen werden. Weder ein Schiff noch ein Mensch verdienen ein solches Schicksal."

Es folgte ein langes Schweigen. Er hatte sehr wenig gegessen, fast nur mit den Speisen herumgespielt.

"Herrin, wenn ich mich in Ostia aufhalte, dann bin ich noch mehr eingespannt, als wenn ich in Rom bin. Wir werden gewöhnlich nicht zusammen frühstücken, denn ich pflege sehr früh am Morgen zum Hafen, den Lagerhäusern und Werften zu gehen."

Er drehte sich um und nahm ein Stück Papyrus, das er auf der Couch liegengelassen hatte.

"Die Neuigkeit von meiner Heirat hat bereits die Runde gemacht, und meine Partner und andere Geschäftsfreunde sind begierig darauf, Dich kennenzulernen. Es wird einfacher sein, sie in Gruppen zum Abendessen einzuladen, als wenn sie anfangen, einer nach dem anderen vorbeizuschauen."

Er gab mir den Papyrus. Es war eine Liste. Ich zählte schnell die Namen darauf durch - es waren vierzehn.

"Das sind die Gäste, die wir zuerst empfangen sollten. Ich habe den Termin in einer Woche festgesetzt. Du wirst Dich um den Empfang kümmern."

Er hatte bereits gesagt, daß man von mir erwartete, den Haushalt und den gesamten Besitz zu verwalten sowie Abendgesellschaften zu organisieren. Aber ich hatte nicht erwartet, dies so bald tun zu müssen. Irgendwie gelang es mir, mit fester Stimme zu sprechen.

"Und wie lauten Deine Anweisungen für den Empfang, Herr?"

Er tat die Frage mit einer Bewegung seiner dünnen Hand ab.

"Ich bin sicher, was immer Du auswählen wirst, wird in Ordnung sein. Ich vertraue Dir völlig."

"Warum ich?" fragte ich mit leiser Stimme, und wir wußten beide, daß ich nicht von der Abendgesellschaft sprach sondern von unserer Ehe. Marius Servilius lehnte sich auf seiner Couch zurück.

"Weil Du einige sehr seltene Tugenden besitzt. Zum Beispiel verstehst Du, zuzuhören und zu lernen. Weil Du einen gesunden Menschenverstand hast, und es Dir auch nicht an Mut fehlt. Weil Du klug und selbständig bist. Und weil Du Dich nach Rache sehnst."

Er blickte mich mit seinem stahlharten Blick an und fuhr dann fort zu sprechen.

"Als ich noch ein Junge war, bevor ich mich als guter Geschäftsmann erwies, wollte mein Vater, daß ich ein Gelehrter würde. Er hatte sogar erwogen, mir den gesellschaftlichen Aufstieg zu erkaufen. Er hätte sich selbst mit Leichtigkeit einen Platz im Ritterstand kaufen können, aber trotz seines Geldes war er ein schüchterner Mann. Er dachte, daß der Sohn eines ehemaligen Sklaven dem Versteigerungsblock noch zu nahe sei, um das Recht zu haben, auf der gesellschaftlichen Leiter der römischen Gesellschaft aufzusteigen, und er wollte mir diese Ehre vorbehalten", sagte mein Gemahl in seinem üblichen sachlichen Ton. Aber ich wollte keinen gesellschaftlichen Aufstieg, keinen Platz in einer Gruppe von Männern, die den Enkel eines Sklaven nicht in ihren Reihen haben wollten. Ich wollte erfolgreich sein, aber nicht nur um des Erfolges willen: ich wollte es auf meine Weise und nach meinen Regeln. Du willst das gleiche, Herrin. Darum."

Es gab nichts, was ich dazu hätte sagen können. Nichts, was dem hinzuzufügen gewesen wäre. Er hatte recht. Ich wollte Erfolg haben und ich wollte Rache. Aber vor allem wollte ich Maximus. Und ihn konnte ich nicht haben. Daher war mir die Rache um so wichtiger.

"Wie ich Dir bereits sagte, Herrin - durch Deine Heirat mit mir hast Du eine Aufgabe übernommen. Eine gut bezahlte aber auch eine, die Dich große Anstrengung kosten wird. Dennoch vertraue ich darauf, daß Du es genießen wirst, auch wenn es nicht leicht sein wird. Du gehörst zu dieser Sorte Frauen", fügte er hinzu, während er nach Griffel und Wachstäfelchen griff. "Es wird einige Zeit dauern, bis Du gelernt haben wirst, den Haushalt und den ganzen übrigen Besitz ordentlich zu verwalten, und demnächst werden wir über einiges sprechen, das Du für mich tun sollst, wie z.B. die Umgestaltung der Gärten. Ich habe dies schon seit Jahren geplant, hatte jedoch nie die Zeit dazu. Ich möchte, daß sie prächtig sind. Wenn Du ein Geschäft führst, dann ist Dein Haus nur eine Erweiterung desselben, der Vergnügungsteil dieses Geschäftes."

Ich nickte und rollte den Papyrus mit der Gästeliste schweigend zusammen.

"Wenn Du erst einmal in der Lage sein wirst, den Haushalt und das ganze Besitztum zu verwalten, dann werde ich Dich in mein Geschäft einführen."

Ich starrte ihn entgeistert an. "Verzeihung?" Das war alles, was ich hervorbringen konnte.

"Herrin, Du wirst meine Erbin sein, und ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt. Mit Sicherheit nicht genug. Du kannst nicht erwarten, daß Dir ein Geschäft von dieser Größe in den Schoß gelegt wird, ohne Daß Du damit umzugehen weißt."

"Ich ... ich dachte, es gäbe Agenten und andere Leute, die sich darum kümmern ..."

"Die gibt es und wird es auch weiter geben, aber wenn Du nicht selbst alles überwachst, dann kannst Du nichts anderes erwarten, als daß man Dich betrügt und hintergeht!"

"Ich habe Angst vor Schiffen!" platzte ich heraus. "Ich habe Angst vor Wasser! Ich kann nicht schwimmen!"

"Herrin, Du wirst Dich mit den Schiffen vom sicheren Schreibtisch und nicht von Deck aus befassen. Aber Du kannst ohne Probleme Schwimmunterricht bekommen. Auf dem Grundstück gibt es ein großes Schwimmbecken und sogar einen abgelegenen Fischteich, wenn Du mehr Privatsphäre wünscht ... "

"Nein!" Vor über einem Jahr hatte ein gutaussehender römischer General der rot-blonden, Opium berauschten, ängstlichen Sklavin und Hure versprochen, ihr das Schwimmen beizubringen.*4 Aber er hatte sich nur über sie lustig gemacht und sie, während sie sich vor ihrem Kummer in den Schlaf geflüchtet hatte, einfach verlassen. Die freie, gebildete, reiche Frau, die ich geworden war, wollte auch dafür ihre Rache.

"Ich habe keine Ahnung von Geschäften ... ", protestierte ich.

"Du wirst lernen, und Du wirst es genießen, denn es bedeutet, daß Du es mit Männer zu tun haben wirst, die nicht bereit sind, eine Frau als Geschäftspartner zu akzeptieren. Also wirst Du Deine eigenen Regeln aufstellen und Dich an sie halten. Daher mußt Du es sein und keine andere."

Nervös drehte ich den Ehering an meinem Mittelfinger. Marius Servilius warf einen kurzen Blick auf die Wasseruhr, die neben ihm auf einem Tisch stand.

"Wenn Du mich nun entschuldigen würdest, Herrin, ich habe eine Verabredung. Ich sehe Dich beim Abendessen."

Ich stand auf, nickte ihm zu und wandte mich zum Gehen. Und da sah ich sie. Die lebensgroße Büste einer jungen Frau stand auf einer schlichten aber erlesenen Säule. Ihr Gesicht war rund und sanft, ihr Haar in einem schlichten Knoten aufgesteckt, der Mund voll und lieblich. Sie sah zugleich ernst und glücklich aus, etwas, das man bei einer Statue nur selten findet. Die Büste war von Rosenblättern umgeben, das ehrfürchtige Grabgeschenk für einen geliebten Menschen. "Das ist Pollia Sabina Marcia", sagte Marius Servilius hinter meinem Rücken. "Sie war meine Frau." Er fügte nicht hinzu, daß er sie geliebt hatte und immer noch liebte. Es war nicht nötig. Es hätte mir egal sein können. Aber seltsamer Weise war es das nicht.

"Es ist sinnlos, Apollinarius! Ich werde es nie lernen!"

Mein Lehrer schaute von dem Papyrus, den er inspizierte, auf und seufzte.

"Julia, Du hast das gleiche gesagt, als Du anfingst, Griechisch zu lernen, und nun kann es Deine Aussprache selbst mit der meinen aufnehmen!"

Wir befanden uns in meinem privaten Arbeitszimmer, einem Ort, an den ich mich zurückziehen konnte, um zu lesen und zu schreiben, und, falls ich genügend Zeit und Energie hatte, auch meinen Unterricht fortzusetzen, weit weg von dem endlosen Getriebe eines Haushaltes mit den Ausmaßen einer ganzen Legion. Ich hatte ein weiteres Arbeitszimmer im Erdgeschoß direkt neben dem meines Gemahls. An diesem weniger privaten Ort ließ ich mich jeden Morgen nieder, um den Haushalt und das Anwesen zu verwalten - oder ich versuchte es wenigstens. Drei Monate waren seit meiner ersten erfolgreichen Abendgesellschaft vergangen, weitere Empfänge und sogar ein Bankett waren ihr gefolgt. Nun plagte ich mich mit den Rechnungen und der Buchführung des Haushaltes ab. Und wie gewöhnlich wandte ich mich hilfesuchend an Apollinarius.

"Das ist etwas anderes! Etwas ganz anderes! Ich werde das niemals können!"

"Julia, soweit ich mich erinnern kann, hast Du das Purpurkissen für den kaiserlichen Hintern gerettet. Es kann doch nicht schwieriger sein, mit der Buchführung des Haushaltes klarzukommen ... oder gefährlicher! Nicht mal bei einem Haushalt von diesen Ausmaßen."

Ich runzelte über seine Ironie die Stirn. "Sprich nicht so respektlos über den Imperator!" sagte ich entrüstet. Er gab mir keine Antwort, warf mir aber einen amüsierten Blick zu.

"Ich meine es ernst! Du magst wohl Marcus Aurelius nicht?"

"O, ich würde ihn beträchtlich mehr mögen, wenn er nicht Kaiser wäre!"

"Du bist ein Anhänger der Republik?" fragte ich mit leiser, schockierter Stimme.

Apollinarius lachte. Nein, Julia. Ich bin Grieche! Griechen und Kaiser passen nicht so gut zusammen. Wir haben die Demokratie erfunden!"

"Sei nicht albern!" fuhr ich ihn zurück. "Griechenland ist schon vor zweihundert Jahren romanisiert worden!"

"Jetzt bist Du albern, Julia", antwortete er geduldig. "Syrien wurde romanisiert. Spanien wurde romanisiert. Selbst Britannien wird es in absehbarer Zeit sein. Griechenland ist Griechenland und wird es immer sein. Römische Kaiser kommen und gehen. Griechenland bleibt."

"O." Es war nur ein leiser Ton. Ich wußte nichts weiter zu sagen.

"Außerdem ist Dein Marcus Aurelius wirklich ein guter Mann. Er ist würdevoll und gebildet. Und klug! Andernfalls hätte er auf dem Palatin nicht so lange überlebt, auch wenn die Antoniner nicht so ein verräterischer, mörderischer Haufen sind, wie die Claudier es waren. Was mich beunruhigt, ist seine Untätigkeit bezüglich seines Erben ... "

"Einer seiner Söhne hat überlebt ...."

Im Laufe der Jahre hatte das kaiserliche Paar viele seiner Kinder verloren.

"Es ist sein jüngster, und, soviel ich gehört habe, ist er nicht eben geeignet für den kaiserlichen Purpur." Apollinarius hatte überall Freunde. Wenn er beunruhigende Neuigkeiten über den gesetzlichen Erben gehört hatte, dann stammten sie aus einer verläßlichen Quelle.

"Sollte er Imperator werden, dann wäre er seit Nero der erste, der auf dem Palatin aufgewachsen ist ... Und der Palatin verdirbt entweder die kaiserlichen Kinder oder er tötet sie ... "

Ich schauderte bei dem Gedanken. Nicht einmal ehemalige Sklaven werden gern an einige der Männer erinnert, die einst den goldenen Lorbeerkranz trugen.

"Ich will damit nicht andeuten, daß Commodus ein zweiter Nero sei, aber man ließ mich wissen, daß er kein Talent für Politik habe ... auch wenn er die Macht und den Gedanken, Kaiser zu werden, liebt", sagte er. "Es scheint, daß sein Vater all seinen Geist seiner Tochter Lucilla vererbt hat."

Ich zuckte zusammen, als ich den Namen der Frau hörte, die Maximus geliebt hatte und die ihm zur Ehe angeboten worden war. Die Frau, die sein Schlüssel zur politischen Macht und vielleicht sogar zum Thron gewesen wäre. Aber er hatte sich geweigert, sich von seiner Bauersfrau scheiden zu lassen, und sie zurückgewiesen, wie er mich zurückgewiesen hatte. Der Imperator hatte recht: seine Tochter und ich hatten vieles gemeinsam. Ich wurde noch nachdenklicher. In jenen Tagen war ich so beschäftigt, daß ich nicht einmal Zeit hatte, an Maximus zu denken. Und wenn mir dies bewußt wurde, kam ich mir wie eine Verräterin vor. An wem - ihm oder mir - ich wußte es nicht.

"Wie auch immer - wenden wir uns wieder unserem aktuellen Problem zu, Julia. Was Du brauchst, ist ein Sekretär ... " fuhr mein Lehrer fort und zollte diesmal meinem inneren Aufruhr keinerlei Aufmerksamkeit.

"Du schlägst also vor, ich solle diesem Haushalt mit den Ausmaßen einer ganzen Legion noch weitere Personen hinzufügen?" fragte ich empört. Apollinarius lächelte.

"Was ich vorschlage, Julia, ist, daß ich mich als Dein Lehrer beurlauben lasse und für die nächste Zeit Dein Sekretär werde."

Ich sah ihn entgeistert an. "Mein Sekretär? Du willst mein Sekretär werden? Du bist verrückt!"

"Mit dem gebotenen Respekt, Herrin, ich bin nicht derjenige, der den reichen Reeder geheiratet und uns in diese mißliche Situation gebracht hat!"

Ich blickte finster drein. Apollinarius strahlte.

"Aber ich muß zugeben, meine Dame, mit Dir hierher zu kommen, war gar nicht so übel. Das Haus ist wundervoll, die Bäder sind phantastisch, und ich hatte ganz vergessen, wie schön es ist, am Meer zu leben. Außerdem hat Dein Gemahl nicht nur Geld sondern auch Geschmack, seine Köche sind exzellent und seine Bibliothek ist einfach umwerfend ... "

"Er muß all das Zeug als eine Art Geldanlage gekauft haben! Er liest nie!" knurrte ich und versuchte, den Aufruhr und die Verlegenheit zu verbergen, die Apollinarius' Selbstlosigkeit jedesmal in mir auslösten.

"Nun, es ist eine wunderbare Geldanlage. Als Dein Sekretär werde ich mich nun um die Rechnungen kümmern und die Geldanweisungen so weit vorbereiten,  daß Du sie nur noch zu unterschreiben brauchst ... "

Apollinarius hatte recht: sich um die Buchführung des Haushaltes zu kümmern, war nicht so schwer, wie das Imperium zu retten. Aber es kam dem nahe. Sehr nahe.

 

"Ich weiß nicht, warum er so viele Bankette veranstalten muß", beschwerte ich mich bei Apollinarius, dessen Geduld keine Grenzen zu haben schien.

"Das ist ganz einfach, meine Liebe: er möchte seine schöne Frau vorführen. Viele Männer würden an seiner Stelle das gleiche tun."

 

Ich war mit Marius Servilius über ein Jahr lang verheiratet. An einem ruhigen Frühsommernachmittag saßen wir Seite an Seite auf der Lesecouch, die auf meiner Terrasse stand, unter einer gestreiften Markise, studierten Entwürfe und tranken gekühlten Apfelsaft . Während der vergangenen Monate hatte ich die notwendigen Fähigkeiten erworben und perfektioniert, um das luxuriöse Anwesen am Meer zu verwalten, und ich war eine tüchtige Hausherrin geworden, wie mein Gemahl es von mir erwartet hatte.

Ich hatte sogar entdeckt, daß mir einige Fähigkeiten, die ich in meinem früheren Leben erworben hatte, nun gut zu paß kamen: immer über alles die Kontrolle zu haben, die Wünsche und Vorlieben von Menschen zu erraten, höflich und elegant und dennoch verführerisch geheimnisvoll zu sein. Was aber von noch größerer Wichtigkeit war: ich hatte gelernt, es zu genießen, allein die Verantwortung zu tragen. Ich hatte gelernt, die Herausforderung, die Verantwortung und den Erfolg anzunehmen. Mein Gemahl lobte mich nie für meine Siege, dankte mir jedoch höflich für jeden erfolgreich organisierten Empfang, jede Unterhaltung, die ich den Gästen bot, jede Veränderung, die ich einführte, jede Verfeinerung, die ich hinzufügte. Und wenn etwas nicht so funktionierte wie es sollte, kritisierte er mich nie und forderte auch nie eine Entschuldigung. Statt dessen sagte er: "Beim nächsten mal wird es besser gehen."

Das Budget, das mir persönlich zur Verfügung stand, ließ Marcus Aurelius wie einen armen Schlucker erscheinen, und es wurde regelmäßig um die teuren Geschenke vermehrt, die mit erschreckender Regelmäßigkeit in meinen Räumen eintrafen. Marius Servilius gab sie mir jedoch niemals persönlich, sondern ließ sie mir durch einen seiner Sekretäre, Nicia oder Athenodorus aushändigen, je nach der Art des Geschenkes.  Und sie konnten in ihrer Art nicht vielfältiger sein: auf kostbare Antiquitäten folgten exotische Parfüme, auf edle Seidenstoffe exquisite Möbelstücke, auf Manuskripte von unschätzbarem Wert eine goldäugige, sandfarbene Abessinierkatze, und teure Juwelen wechselten sich mit ausgefallenen Glaswaren ab.

 

"Unsere Heirat ist Schnee von gestern, mein Freund. Inzwischen muß ich die Bekanntschaft der Hälfte aller Kaufleute, Reeder und Lieferanten des ganzen Reiches gemacht haben ... "

Marius Servilius' Wunsch, seinen Geburtstag mit einem großen Bankett zu begehen, war mir zu einem mehr als unpassenden Zeitpunkt übermittelt worden. Ich hatte endlich Zeit gefunden, mit der Umgestaltung der Gärten zu beginnen, und die Aufgabe hatte sich als äußerst schwierig erwiesen. Ich hatte einen ernsthaften Zusammenstoß mit dem ursprünglichen Architekten, als er in der Villa mit einer Armee von Sklaven erschien, um den jetzigen Garten niederzureißen und einzuebnen, bevor er mit der Neugestaltung und Bepflanzung beginnen wollte. Ich hatte mich geweigert, den Einsatz von Sklaven in meinem Haus zu dulden, daraufhin hatte der Mann höhnisch gegrinst und war zu meinem Gemahl gegangen, um seine Beschwerde vorzutragen. Marius Servilius gewährte mir nie seine Hilfe, wenn  ich ihn um Anweisungen bat, aber er duldete es ebensowenig, wenn meine Autorität in Zweifel gezogen wurde. Er feuerte den Architekten, bevor dieser noch Gelegenheit hatte, die Gründe für unsere Unstimmigkeit dazulegen. Als ich ihm für seine Unterstützung danken wollte, sagte er schlicht. "Du bist meine Frau. Ein Mann muß seine Frau achten und dafür Sorge tragen, daß auch andere sie achten."

Die Entlassung des Architekten machte es notwendig, einen anderen zu finden und wieder ganz von vorn zu beginnen. Der Garten war auf dem besten Wege zu seiner prächtigen Neugestaltung, ähnelte aber momentan mehr einem Schlachtfeld als einem zukünftigen Garten. Und Marius Servilius' Bankett kollidierte mit den Arbeiten. Es kollidierte ganz gewaltig.

"Deine Heirat wird nie Schnee von gestern sein, Julia", antwortete Apollinarius. "Alle diese Männer würden einen Arm hergeben, um ..."

Er brachte den Satz niemals zu Ende. Die Tür zu meinen Wohnräumen wurde aufgerissen und knallte geräuschvoll gegen die Wand, kurz darauf hörten wir eilige Schritte im Wohnzimmer. Apollinarius und ich runzelten gleichzeitig die Stirn. Nur wenigen Dienern war der Zutritt zu meinem persönlichen Sanktuarium gestattet, und niemand betrat es unangekündigt. Mein Lehrer stand auf und ging hinüber zum Bogengang, aber bevor er ihn noch erreichte, kam Athenodorus atemlos auf die Terrasse gestürzt.

"Herrin! Der gnädige Herr! Sie haben ihn eben gebracht! Er ist am Hafen zusammengebrochen!"

Ich war in Null Komma nix auf den Beinen und rannte zu den Räumen meines Gemahls am entgegengesetzten Endes des Korridors gefolgt von Athenodorus und dem aufgeregt stammelnden Verwalter, dessen krankes Bein es ihm nur mit Mühe erlaubte, uns zu folgen.

"Er hat sich den Kopf verletzt! Und der Arzt ist nicht zu Hause!"

Als ich die Tür zu den Räumen meines Gemahls aufstieß, wurde mir unbewußt klar, daß ich zum erstenmal die Schwelle zu seinen privaten Zimmern überschritt. Seine Räume waren den meinen ähnlich und öffneten sich zu einer separaten Terrasse hin. Das Apartment war geräumig und luftig aber die Einrichtung nüchterner. Wie sein Arbeitszimmer im Erdgeschoß, war es mit Wandgemälden geschmückt, die Landschaften am Meer und Schiffe darstellten; auch hier standen Schiffsmodelle auf den Tischen. Ein Leben, das dem Import und Handel gewidmet war, spiegelte sich in den vielen Dingen wider, die den Raum zierten, von ägyptischen Dosen zu Gläsern aus Tyrus, Teppichen, die nur aus Parthien stammen konnten, und Bronzen aus Griechenland.

Die beiden Sekretäre standen am Eingang zu Marius Servilius' Schlafzimmer und waren in eine hitzige Diskussion vertieft. Ich schob sie beiseite und betrat das Schlafgemach. Ich sah meinen Gemahl auf dem Bett liegen, und sein Kammerdiener, Phaedrus, arbeitete Hand in Hand mit einer Frau. Sie zogen ihn aus.

"Was ist geschehen? Wie geht es meinem Mann?" fragte ich, während ich auf sie zueilte.

"Er hat das Bewußtsein verloren, Herrin Julia. Und ich muß ihn untersuchen und ihn bequem hinlegen."

Die Frau hatte gesprochen, ohne sich umzudrehen - sie sprach das scharfe Griechisch der Bewohner Alexandriens. Aber ihre Gesichtszüge, ihr geflochtenes schwarzes Haar und ihre Kleidung verrieten, daß sie zweifellos Ägypterin war. Ihr Name war Merith, sie war mit Marius Servilius' Hausarzt verheiratet und eine bekannte Hebamme, eine vielgefragte Heilerin, die sich ausschließlich um Frauen kümmerte. Vor vielen Jahren hatte mir Andreas, unser Arzt in der Villa von Avidius Cassius, erklärt, daß in Ägypten unter der Herrschaft der Ptolemäer Frauen sich ebenso wie Männer bilden und einen Beruf ausüben konnten. Es gab weibliche Anwälte, Ärzte, Lehrer und Philosophen. Aber die Römer hatten Königin Kleopatra bezwungen und weiblicher Bildung und Unabhängigkeit ein Ende gesetzt, die ägyptischen Frauen in ihre Häuser verbannt zum Weben und Kinder Gebären, wie sie es mit ihren eigenen bereits vor Jahrzehnten gemacht hatten. Aber es gab in Ägypten noch immer Frauen, die sich Wissen aneigneten, ihre Kunst und ihren alten Glauben praktizierten. Es waren Heilerinnen, Hebammen, weise Frauen. Man betrachtete sie als Priesterinnen, sie entstammten einer langen weiblichen Linie, und erhielten ihre Ausbildung von ihren Müttern und Großmüttern. Merith war eine von ihnen, und ihr Ehemann hatte ihr Wissen über die Kenntnisse einer Hebamme und das Heilen mit Kräutern hinaus vertieft, bis sie ein eben so guter Arzt war wie er selbst. Das Paar war in die Villa gezogen, kurz bevor ich Marius Servilius heiratete. Er hatte Sesostris - einen romanisierten Ägypter - entdeckt, als er vergeblich nach einem Heilmittel für seine Krankheit suchte. Der Mann hatte sein Interesse daran bekundet, wie man die Heilkunst in der großen Stadt Rom praktizierte, und mein Gemahl hatte ihn angestellt und ihn und seine Familie in einem Nebengebäude seines an der See gelegenen Anwesens untergebracht. Da Marius Servilius nichts dagegen einzuwenden hatte, daß Merith sich auch außerhalb der Villa als Hebamme betätigte, war sie schon bald eine sehr gefragte Frau, denn sie hatte sich einen Namen gemacht, indem sie einige schwierige Geburten zu einem erfolgreichen Ende brachte. Sesostris und Merith wurden regelmäßig zu den Empfängen meines Gemahls eingeladen, aber die Frau kam nur selten, da sie durch ihren Beruf und die Ausbildung ihrer Zwillinge, zweier zwölf Jahre alter Mädchen, die in ihre Fußstapfen treten sollten, ständig eingespannt war.

Ich blieb am Fußende des Bettes stehen, betrachtete Marius Servilius gespannt, versuchte jedoch, Merith und Phaedrus nicht im Wege zu sein. Er sah extrem blaß aus, sein sonst immer perfekt frisiertes silbergraues Haar war ihm in die hohe Stirn gefallen, konnte eine tiefrote Prellung aber nur halb verbergen. Sie arbeiteten schnell und gründlich, zogen ihm seine Tunika aus und zum erstenmal sah ich den unbekleideten Körper meines Gemahls. Ich war schockiert. Marius Servilius war ein hochgewachsener Mann, für sein Alter in guter Form und gebräunt durch die vielen Stunden, die er im Hafen und auf der Werft zubrachte. Ich hatte ihn schon immer als gutaussehend empfunden. Aber die schweren Falten seiner Kleidung und der Mangel an Intimität, der zwischen uns herrschte, hatten vor mir verborgen, wie weit seine Krankheit bereits fortgeschritten war. Da er seit unserer Hochzeit nie unwohl gewesen war, hatte ich die Tatsache, daß seine Tage gezählt waren, völlig vergessen. Statt dessen war ich in eine mich in falscher Sicherheit wiegende Routine verfallen, und der Haushalt so wie die Verwaltung des Anwesens hatten meine Gedanken von dieser beunruhigenden Tatsache abgelenkt. Aber jetzt, als ich die Rippen sah, die sich scharf unter der gespannten Haut des Brustkorbes abzeichneten, seine silbrige Körperbehaarung und die tiefen Schatten unter den geschlossenen Augenlidern, da konnte ich nur noch Furcht empfinden.

"Mein Mann ist nicht hier, Herrin Julia", fuhr Merith fort. "Er hatte den Herrn Servilius wie jede Woche untersucht und nichts Beunruhigendes feststellen können. Eine Ladung mit medizinischer Ausrüstung sollte in das Lager der Prätorianer innerhalb der Stadtmauern geschickt werden, und Dein Gemahl dachte, Sesostris würde gern einen Blick auf ihr Valetudinarium (***) werfen und mit den Militärärzten sprechen ... "

Das lateinische Wort paßte nicht zu dem Griechisch, das sie sprach, und einen Moment lang hatte ich Schwierigkeiten zu verstehen, was Merith sagen wollte: meine Augen waren auf die blauen Flecke an Hüfte und Brust meines Gemahls geheftet, die unter meinem gebannten Blick noch zu wachsen und dunkler zu werden schienen. Merith sah, was ich sah.

"Sein Blut wird dünner, Herrin Julia. Es ist eine Folge seiner Krankheit. Er wurde ohnmächtig und hat sich gestoßen. Seine Blutgefäße sind sehr brüchig und er blutet ... "

Mir stockte der Atem. Merith sah mich kurz an und entschied, daß ich nicht in Ohnmacht zu fallen drohte.

"Die Blutung scheint oberflächlich zu sein, aber sie ist ein ernstliches Alarmsignal für seinen Zustand", sprach die ägyptische Frau weiter, während sie Marius Servilius' Puls prüfte und ein Augenlid hochschob. "Als Sesostris ihn vor zwei Tagen untersuchte, schien er schwächer zu sein - das war zu erwarten - aber dennoch war er in relativ guter Verfassung ..."

"W-wird er sich erholen?" fragte ich und konnte Apollinarius' warmen Arm auf meiner Schulter spüren. Merith fuhr fort, Marius Servilius zu untersuchen. Sie seufzte.

"Er ist ein Kämpfer. Er wird nicht einfach aufgeben ... " Ihre schmalen, dunklen Finger betasteten den Hals meines Gemahls und seine Achselhöhlen. "Er hat entzündete Knoten. Er wird Fieber bekommen. Ich muß dafür sorgen, daß er zu sich kommt, ihn stabilisieren und auf das Fieber vorbereitet sein."

Während sie sprach, öffnete Merith einen hölzernen Kasten und entnahm ihm einige kleine Gefäße. Sie bat Phaedrus um Wasser und begann, verschiedene Pulver zu mischen. Sie sah mich kurz an. "Rede mit ihm, Herrin Julia. Er muß wieder zu sich kommen."

Ich gehorchte mit weichen Knien. Ich fürchte mich nicht leicht. Keine Frau, die kaltblütig getötet hat, fürchtet sich leicht, aber dies hier war etwas anderes. Sicherheit und Gewißheit und einlullende Routine wurden mir einmal mehr unter den Füßen weggezogen.

"H-herr", begann ich, dann hielt ich inne und nahm Marius Servilius' kalte, feuchte Hand in meine. "H-herr, bitte, wach auf!" Ich streichelte seine Hand vergeblich. "Herr", sagte ich eindringlicher, "ich bin es! Bitte, wach auf!"

Marius Servilius' Augenlider schnappten auf , und er warf den Kopf von einer Seite auf die andere.

"Sabina?" stöhnte er. "Sabina?"

Es wurde still im Zimmer. Ich schluckte, vermied es jedoch, die anderen anzublicken. Statt dessen zwang ich mich zu lächeln. "Ja, Herr", sagte ich, "ich bin hier ... "

Marius Servilius lächelte schwach. Phaedrus half Merith, ihn weit genug aufzurichten, um einen Becher an seine blassen Lippen setzen zu können, aber er wandte das Gesicht ab. Ich drückte ihm die Hand.

"Herr, bitte, Du mußt trinken. Es wird Dir dann besser gehen ..."

Er stöhnte wieder, erlaubte dann jedoch Merith, ihm die Medizin einzuflößen, hustete zweimal und fiel anschließend schwer gegen Phaedrus Schulter. Die Ärztin wies Marius Servilius' Diener an, ihn trotz der Hitze mit einer wollenen Decke zuzudecken.

"Das Fieber wird bald einsetzen", sagte sie. "Herrin Julia, Du kümmerst Dich besser um diese lästigen Männer, die Dein Gemahl als seine Sekretäre bezeichnet, und überläßt ihn mir."

Ich nickte abwesend. Apollinarius nahm mich am Arm und führte mich sanft zur Tür. Auf dem Weg dorthin sah ich die Statue, die Meriths Körper vor mir verborgen hatte. Sie stand auf einem wunderschönen Podest dicht neben Marius Servilius' Bett - die kleine Marmorfigur einer römischen jungen Dame, die in einem Sessel saß und ein Baby an ihre Brust drückte. Es war eine höchst ungewöhnliche Statue, denn die Frau blickte nicht zum Horizont, würdevoll und reserviert, sondern sie hielt den Kopf über ihr Kind geneigt und lächelte es an, während das Kleine die rundlichen Händchen seiner Mutter entgegenstreckte. Rund um die Statue lagen Rosenblätter verstreut. Eine lange schon tote Frau und ein lange toter Sohn.

"Ich werde mich um alles kümmern und komme dann zurück", sagte ich.

Marius Servilius hatte meine Tugenden gepriesen, aber ich besaß noch weitere, die er bisher noch nicht entdeckt hatte. Zum Beispiel bin ich sehr gut, wenn es darum geht, Krisen zu meistern, eine Erfahrung, die Maximus bereits in Moesia gemacht hatte. Sobald ich im Vorzimmer angelangt war, wies ich alle Fragen zurück und begann ohne zu zögern, dem älteren der beiden Sekretäre Befehle zu erteilen.

"Geh zurück zum Hafen und kümmere Dich um alles, um das man sich kümmern muß! Wenn jemand nach der Gesundheit des Herrn Servilius fragt, dann sage, er habe einen Hitzestich bekommen und müsse sich ausruhen. Laß auf keinen Fall irgend jemand wissen, daß er krank ist! Du willst doch nicht, daß seine Konkurrenten von seinem schlechten Gesundheitszustand Kenntnis bekommen! Das Geschäft muß weitergehen als sei nichts geschehen. Du ... "

Ich konnte mich nicht an die Namen der Sekretäre meines Gemahls erinnern.

"Scribonianus", warf der Jüngere helfend ein.

"Scribonianus, Du gehst mit Apollinarius und hilfst ihm, die Gäste zu benachrichtigen, die zum Bankett in der nächsten Woche eingeladen waren. Teilt ihnen mit, daß es abgesagt ist ... Nein, sagt ihnen, es sei verschoben worden. Apollinarius wird sich eine glaubhafte Entschuldigung einfallen lassen. Ich will nicht, daß sich die Neuigkeiten über den Gesundheitszustand des Herrn Servilius verbreiten. Und ich will nicht, daß er mit irgend etwas belästigt wird! Wenn Ihr Anweisungen braucht, fragt Apollinarius oder mich ..."

Es wurde eine lange Nacht, die erste von vielen, welche ich mit Merith und Phaedrus teilen sollte. Manchmal mit Sesostris. Oftmals allein. Das Fieber kam und Marius Servilius fiel ins Delirium. Er schwitzte, er fror, er rollte seinen Kopf auf den Kissen hin und her, er rief nach Sabina. Wir verschafften ihm soviel Erleichterung wie wir konnten: mehr Decken, frisches Wasser, ein feuchtes Tuch auf der Stirn, ein beruhigendes Drücken seiner Hand. Alle paar Stunden mischte Merith ein Pulver, das sie aus einem als gefährlich gekennzeichneten Gefäß entnahm, und zwang ihn, es zu trinken. Keine leichte Aufgabe.

"Hecates*5 Heilmittel", gab sie zur Antwort auf meine unausgesprochene Frage. "Pulverisierte Weidenrinde. Extrem bitter aber gut gegen Fieber. Im Wochenbett und bei Kinderkrankheiten kann dieses Mittel über Leben und Tod entscheiden ... "

Merith badete Marius Servilius' Gesicht noch einmal mit kaltem Wasser und setzte sich dann neben mich. Ich hatte bereits bemerkt, daß die gemeinsamen Nachtwachen bei einem Kranken eine seltsame, verwirrende Intimität mit sich bringen.

"Herrin Julia", sagte sie plötzlich, "ich hoffe, Du hast nichts dagegen, daß ich mich persönlich um Deinen Gemahl gekümmert habe statt nach einem Arzt aus Ostia zu schicken. Aber da mein Mann bald zurück sein wird und ich den Fall des Herrn Servilius kenne ... "

"Ich bin dankbar, daß Du hier bist, Herrin Merith. Ich bin sicher, daß er in guten Händen ist ..."

"Ist es richtig, daß Du über seine Krankheit informiert warst, als Du ihn geheiratet hast?" fragte Merith. Einen Moment lang glaubte ich, sie würde mich verurteilen, das Offensichtliche sehen: ein junges Mädchen, welches einen reichen, kranken Mann aus Gier heiratet. Aber ihre dunklen, feucht glänzenden Augen blickten mich weich und sanft an. Ich nickte. "Es war tapfer von Dir, ihn so zu nehmen", fügte sie hinzu.

"Es ist nicht fair", sagte ich leise und schaute in Marius Servilius' blasses Gesicht. Er sah älter aus als seine vierundfünfzig Jahre und so gebrechlich wie ich es mir nie hatte vorstellen können.

"Krankheit ist niemals fair, Herrin Julia. Und der Tod ist es noch weniger. Warum sterben so viele Kinder? Warum holt der Tod eine Mutter und läßt die Kinder als Waisen zurück? Warum töten Männer sich gegenseitig in der Schlacht?" Merith zuckte mit den Schultern. "Wir sind nur Sterbliche, Herrin Julia. Aber die Göttin ist weise, und sie weiß warum."

 Ich runzelte die Stirn. Die Göttin. Ich bin niemals gläubig gewesen, obwohl ich mit schöner Regelmäßigkeit Gebete und die Götter im Mund führte, wenn Regeln der Höflichkeit es forderten. Aber ich tat es auf dieselbe mechanische Weise, auf die Marius Servilius den Dienst an seinem Hausaltar versah und seine Schiffe vor dem Stapellauf segnen ließ. Mein Gemahl vertraute nur auf sich selbst, und ich traute niemandem außer Maximus - und der war weit weg. Meriths Göttin konnte keine andere als Isis sein, jene ägyptische Göttin, deren Tempel ich in Ostia gesehen hatte. Seit Jahrzehnten hatten sich Kulte aus dem Osten in Italien eingeschlichen, Verehrer um sich geschart, die von dem offiziellen Kult enttäuscht waren.

"Ja, Herrin Julia, Mutter Isis. Sie mag uns keine Antworten geben auf unsere Fragen nach dem, was fair und unfair ist, den Fragen über Leben und Tod. Aber sie gab mir und anderen die Fähigkeit zu Heilen, so daß einige Leben gerettet werden und andere in diese Welt gebracht werden können ... "

Ich hob kurz die Augen und schaute in Pollia Sabina Marcias Gesicht, ihr liebevolles, mütterliches Lächeln, erstarrt für die Ewigkeit. Merith folgte meinem Blick.

"Wir Frauen sind alle nur Kinder der Göttin ... "

Marius Servilius' Stöhnen unterbrach sie. Sie ging zu ihm und überprüfte seine Lebenszeichen ein weiteres Mal. Dann wandte sie sich mir zu und lächelte.

"Mutter Isis sei Dank, das Fieber ist gebrochen. Er wird sich erholen."

Ja, Marius Servilius erholte sich wirklich, und sobald Sesostris ihm erlaubte, das Bett zu verlassen, bat er Phaedrus, ihm beim Ankleiden behilflich zu sein und ging hinab in sein Arbeitszimmer, um sich um sein Geschäft zu kümmern. Das Leben nahm wieder seinen gewohnten Gang und zwei Wochen später holten wir das verschobene Bankett nach.

Aber wir wußten beide, daß dies der Anfang vom Ende gewesen war.

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(*) Thalassa: In Altgriechisch, "Das Meer".

(**) Femina medica: In Latein, ein weiblicher Arzt ,der ausschließlich weibliche Patienten behandelte und auch als Hebamme wirkte.

(***) Valetudinarium: In Latein, das Lazarett eines römischen Militärlagers.

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*1 Peristylum: Offener, mit Säulengängen umgebener Hof(raum) des römischen Hauses

*2 Tyrrhenisches Meer: das Meer vor der Westküste Italiens nach Korsika und Sardinien hin

*3 toga praetexta: purpurverbrämte Toga, wie sie von freigeborenen Knaben getragen wurde

*4  vgl. Julias Tagebuch Teil I, Kapitel 8 "Nachwehen und Maximus' Zweite Verweigerung"

*5 Hecate: dreigestaltige Göttin (am Himmel als Mondgöttin, auf der Erde als Jagdgöttin Diana, in der Unterwelt als Göttin der Zauberei); Hecates Heilmittel = Zaubermittel

 


Einen herzlichen Dank an Ilaria Dotti für Ihre Ratschläge zum Thema Pferde und Reiten und auch dafür, daß sie mir erlaubt hat, ihren geliebten braunen Harlem Hengst Starlight auszuborgen und als Vorbild für Julias Pferd zu verwenden.

9.Witwenschaft - 178 A.D.

 

"Herrin, wir müssen reden."

Es war Vormittag und ich hielt mich in meinem Arbeitszimmer im Erdgeschoß auf, befaßte mich mit der Verwaltung unseres Besitzes, wie ich es jeden Tag um diese Zeit tat. Marius Servilius überraschte mich, als er unangemeldet eintrat. So weit ich mich erinnern konnte, hatte er, trotz der Verbindungstür zwischen unseren Arbeitszimmern, nie das meine betreten. And wenn ich zu ihm ging, benutzte ich die Vordertür seines Zimmers.

Ich blickte auf von dem Dokument, das ich gerade studierte, und sah meinen Gemahl an, wobei mir sein schmales, müdes Gesicht und seine nun etwas gebeugte Haltung auffiel. Sesostris hatte versucht ihn davon abzuhalten, so viel zu arbeiten, doch mein Gemahl hatte dies auf seine höfliche aber bestimmte Art abgetan und sich in seinen Angelegenheiten vergraben.
Nun saß Marius Servilius in dem Sessel, den Apollinarius zu benutzen pflegte, wenn wir gemeinsam in meinem Zimmer arbeiteten, und sah mich einen langen Moment an.

"Herrin, wir können dies nicht länger aufschieben. Du mußt anfangen zu lernen, mein Geschäft zu führen. Wir sollten uns nichts vormachen. Meine Zeit läuft ab."

Wie immer war ich schockiert über die kühle Distanz, mit der er über sein eigenes, bitteres Schicksal sprach. Und er hatte recht, seine Zeit lief ab. Ich legte den Schreibgriffel auf die Tischplatte und ließ meine gefalteten Hände auf dem polierten Mahagoni ruhen.

"Herr, ich kann das nicht ... "

"Doch, Julia, Du kannst es." Er hatte bisher nur ein einziges Mal meinen Namen benutzt, als er mir nicht nur die Ehe, sondern auch die Rache, nach der ich so gierte, angeboten hatte. Eine Rache, die im Angesicht des nahen Todes schal und sinnlos erschien.

"Ich brauche Deine Hilfe", fuhr er fort. "Ich werde so schnell müde, und dieser ägyptische Arzt geht mir den ganzen Tag damit auf die Nerven, daß ich mich ausruhen müsse ... "

"Er hat recht", unterbrach ich ihn, "Du solltest Dich öfter ausruhen."

"Danke für Deine Anteilnahme, Herrin. Aber um mich öfter ausruhen zu können, brauche ich Deine Hilfe bei der Führung des Geschäftes."

 

Ich stand auf und lief ruhelos auf und ab, wie ich es getan hatte, als ich ihn zu überzeugen versucht hatte, daß ich nicht wirklich die Frau sei, die er zu heiraten wünschte. "Ich kann nicht!" beharrte ich. "Ich kann das einfach nicht!"

"Herrin, Du hast Großes bei der Verwaltung der Villa und des Haushalts geleistet. Du hast so gute Arbeit geleistet, daß alles jetzt beinahe wie von selbst läuft. Ich bin sicher, daß Dein ehemaliger Lehrer nichts dagegen haben wird, die Verwaltung zu überwachen, während Du mit mir arbeitest. Er wird gut dafür bezahlt werden."

"Es geht nicht nur um die Villa und den Haushalt, es ... "

"Herrin, diese Neuerung wird nichts an unseren ursprünglichen, persönlichen Vereinbarungen ändern", unterbrach er mich. "Selbst wenn ich es mir inzwischen anders überlegt hätte, so wäre es, wie Du sicher bemerkt haben dürftest, zu spät dafür ... " Ich errötete unangenehm. Jede Art von Intimität war uns so fremd, daß allein der Gedanke daran niemals unsere geschäftsmäßigen Unterhaltungen auch nur streifte.

"Außerdem, Herrin, gibt es da ein Projekt, das ich noch zu Ende bringen möchte, bevor ich sterbe, und dies wird einen großen Teil meiner Zeit in Anspruch nehmen ... ich werde es nur vollenden können, wenn Du anfängst, Dich um meine Angelegenheiten zu kümmern." Wir sahen einander schweigend an. Er seufzte. "Im Laufe der Jahre habe ich mir selbst Technik und Schiffsbau beigebracht. Ich wollte ein Schiff entwerfen und konstruieren, das ganz allein mein Werk sein sollte. Ein ganz besonderes Schiff. Zuverlässige Handelsschiffe können für bestimmte Fracht zu langsam sein. Seit Jahren habe ich davon geträumt, ein Schiff zu bauen, das sowohl schnell als auch zuverlässig ist. Und nun bin ich sicher, alle Probleme gelöst zu haben, und könnte mit dem Bau beginnen ... aber ich habe keine Zeit. Nicht genug. Meine einzige Chance, dieses Ziel noch zu erreichen, besteht darin, daß Du mir bei der Führung meines Geschäftes hilfst ..."

Während er sprach, verlor Marius Servilius seine für ihn so typische kühle Distanziertheit. Sie wurde durch eine seltsam vertraute, beunruhigende Atmosphäre ersetzt. Wie er da vor meinem Schreibtisch saß - auf der falschen Seite des Tisches für einen Mann, der, wie er, daran gewöhnt war, Befehle zu erteilen und Anweisungen zu geben - sah er plötzlich verletzlich und einsam aus. Sein Anblick erinnerte mich an andere Zeiten, andere Orte und andere Männer.

Maximus - wie er zuerst wütend auf mich los ging, als er die Spuren meines Selbstmordversuchs entdeckte, danach mir den Schmerz, der in der Tiefe seiner eigenen Seele nistete, ins Gesicht schleuderte, und endlich in einem Wirbel von Sorge, Frustration und Leidenschaft seinen Mund auf meine Lippen preßte.

Marcus Aurelius - der im trüben Licht eines Armeezeltes am Schwarzen Meer saß und sich in der Erinnerung an Maximus und seine Liebe zu ihm verlor. Der mächtigste Mann der Welt legte Gold und Purpur ab und ließ mich den müden, alten und einsamen Mann sehen, der er in Wirklichkeit war.

Cornelius Crassus in einem anderen Zelt während einer stürmischen Nacht irgendwo zwischen Moesia und Rom - ein Quästor der römischen Armee, der jüngere Sohn eines reichen Senators, voller Liebe zu Ovid und den Sirenen ... und zu einer erst vor kurzem freigelassenen Sklavin.

Starke Männer. Außergewöhnliche Männer. Sehr verschiedene Männer. Und doch hatten sie etwas gemeinsam: Ihre Schritte hatten den Weg einer Frau mit rotgoldenem Haar gekreuzt, vor der sie ihr wahres Selbst - das, was hinter den Rüstungen und Purpurmänteln verborgen lag - entblößt hatten. Der sie es gestattet hatten, einen Blick in ihre Seele zu werfen. Mit der sie eine Intimität verbunden hatte, die viel tiefer und weit über das Körperliche hinaus ging. Männer, die mein Leben verändert hatten, indem sie in dieses Leben getreten waren und mir die am wenigsten erwarteten, kostbarsten Geschenke gemacht hatten: Freiheit, Bildung, Selbstachtung, Zuversicht ... und die Chance zu entdecken, was für eine Kostbarkeit die Liebe ist, selbst dann, wenn sie nicht erwidert wird.

Und nun hatte sich auch Marius Servilius zu ihnen gesellt. Der Mann, der zu mir gekommen war und mich gebeten hatte, seine Frau zu werden, obwohl ich ein Sklavin und Hure gewesen war. Er hatte mir die Gelegenheit geboten, mächtig und respektiert zu werden. Dieser Mann kannte mich besser, als wir beide es zuzugeben bereit waren. Der Mann, an dessen Nähe ich mich gewöhnt hatte, der immer so kühl und selbstsicher gewesen und nun dem Tode nahe war - dieser Mann teilte seinen Jugendtraum mit mir ...

Ich gab mich geschlagen und kehrte zu meinem Platz hinter dem Schreibtisch zurück. Mein Gemahl tätschelte mir die Hand.

"Da Du mir nun helfen wirst, wird es nicht mehr so viel für meine Sekretäre zu tun geben, und sie können abwechselnd Apollinarius helfen ... "

Ich hielt erschrocken den Atem an. "Sie werden es hassen!" sagte ich. "Sie werden mich hassen!"

"O, das tun sie bereits", bemerkte Marius Servilius mit einem grimmigen Lächeln. "Sie wissen, daß Du das Geschäft erben und dann ihre Herrin sein wirst ... "

Mir stockte abermals der Atem. "Wie soll ich das Geschäft führen, wenn sie mich hassen? Sie wissen mehr darüber, als das bei mir je der Fall sein wird!"

Nun lächelte mein Gemahl nicht mehr grimmig sondern belustigt.

"Das ist ganz einfach, Herrin: wenn ich gestorben sein werde, dann wirst Du sie in eine Stellung befördern, in der sie so viel Geld erhalten werden, daß es in ihrem ureigensten Interesse liegen wird, Dich in Deinem Geschäft erfolgreich zu sehen ... "

Und so begann alles. So änderte sich mein Leben aufs Neue. Ich arbeitete viele Stunden Seite an Seite mit Marius Servilius, lernte, was ich wissen mußte über das Importieren von Waren, über Schiffe, Segeln, Steuern und Gesetze. Ich las Verträge und seine Geschäftsbriefe, Berichte und Bestandslisten der Lagerhäuser. Ich arbeitete in meinem Arbeitszimmer und er in dem seinen, aber die Verbindungstür blieb nun offen.
Seine Sekretäre runzelten die Stirn über meine Anwesenheit, insbesondere wenn wir gemeinsam zu den Lagerhäusern im Hafen gingen, aber sie äußerten nie ein Wort des Protestes. Statt dessen halfen sie sowohl mir als auch Apollinarius - unter Marius Servilius' amüsiertem Blick - höflich bei unseren Pflichten .

Mein Gemahl erholte sich soweit, daß er sich regelmäßig nach Rom begeben konnte. Seit unserer Heirat hatten wir die Winter dort verbracht. Auch gab es in der großen Stadt Rom vieles zu erledigen. Marius Servilius besaß eine weitere Villa in Bauli, in Süditalien, aber ich hatte Angst, mit dem Schiff dorthin zu segeln, und er war nicht kräftig genug, um die lange Reise zu Lande zu bewältigen. Wenn wir uns in Ostia aufhielten, empfingen wir Besucher und gaben regelmäßig Abendgesellschaften und Banketts. Und wenn wir allein waren, nahmen wir alle Malzeiten gemeinsam ein und unterhielten uns über Schiffe und das Geschäft.

Wenn ich mich anfangs auch nur widerwillig mit dem Reederei- und Importgeschäft vertraut gemacht hatte, so entdeckte ich doch bald, wie faszinierend es sein konnte, und ich begann zu verstehen, warum Marius Servilius darin so vollständig aufging. Mein Gemahl freute sich, als ich begann, eigene Entscheidungen zu treffen, und konzentrierte seine Aufmerksamkeit ganz auf das Schiff, welches auf seiner Werft in Ostia gebaut werden sollte. Diese Werft war nicht die geeignetste, aber sie lag der Villa am nächsten und er konnte sie in seinem Zustand gut erreichen. Ein einziger Blick auf seine Zeichnungen genügte, um zu wissen, daß dieses Schiff ein ganz besonderes werden würde.

Als Marius Servilius sie mir in seinem Arbeitszimmer zeigte, und ich ihm dies sagte, strahlte er vor Freude. "Ich war mir sicher, daß Du es mögen würdest, so wie ich mir sicher war, daß Du das Geschäft mögen würdest ... "

Beschämt nickte ich schweigend.

"Herrin, könntest Du mir einen besonderen Gefallen tun?" bat er. "Ich möchte, daß Du dem Schiff einen Namen gibst ... Ich scheine nicht fähig zu sein, einen passenden für es zu finden ..."

Damals hatte ich bereits gelernt, daß die Namensgebung eines Schiffes mit großer Verantwortung verbunden ist. Mein Gemahl war weder religiös noch war er abergläubisch, aber die Namen seiner Schiffe wählte er mit äußerster Sorgfalt aus. Und dieses lag ihm besonders am Herzen.

Plötzlich erinnerte ich mich an eine Unterhaltung in einem Zelt, während draußen der Sturm wütete. An die Unterhaltung mit einem römischen Offizier, der damit betraut war, mich sicher nach Rom zu bringen, und der Ovid und die Sirenen liebte. Ein Mann, der mir seinen Lehrer geschickt hatte, statt zu versuchen, mich zu seiner Geliebten zu machen. Ich hob den Blick von den Zeichnungen, die ich begutachtete. "Sirene", sagte ich, ohne zu zögern. "Nenne sie 'Sirene'."

Marius Servilius sah mich auf eine Weise an, wie er es noch nie getan hatte, als bewundere er diesmal meine Schönheit statt meines Charakters, und ich fühlte, wie ich errötete.

"Wie immer, Herrin, hast Du den Kern der Sache getroffen. Sie soll 'Sirene' heißen!"

Ein paar Tage später kam Marius Servilius zu mir in mein Arbeitszimmer, aber er setzte sich nicht wie gewöhnlich hin. Statt dessen bat er mich, mit hinauszukommen und mir etwas anzusehen, das er mir zeigen wollte. Während er sprach, kraulte er Phoenion unter dem Kinn. Phoenion war der seltsam stille abessinische Kater mit den goldenen Augen, den er mir geschenkt hatte. Das Tier liebte es, im Arbeitszimmer im Erdgeschoß herumzustreichen und in den Regalen zu schlafen, unbehelligt von Rubias verspielten Jungen, die nichts lieber taten, als an seinem Schwanz herumzukauen.

Marius Servilius führte mich zu der doppelflügeligen Tür im Eingang der Villa und von dort hinaus in den Säulengang. Als ich sah, was mich dort erwartete, verschlug es mir den Atem. Es war ein hochbeiniges Pferd, sehr elegant, mit langen Gliedmaßen, kräftig aber nicht so robust wie die Schlachtrösser, die ich im Armeelager gesehen hatte. Sein Hals war lang und gebogen, der Kopf klein und wohlproportioniert, die Augen groß und ausdrucksvoll, ein Spiegelbild der freundlichen und sanften Wesensart des Tieres.

"Ich sah ihn zufällig auf dem Gut eines meiner Geschäftspartner, und da hab ich mich daran erinnert, daß Du gerne reitest ... Sein ehemaliger Besitzer sagte, daß er als Wallach ideal für einen weiblichen Reiter sei ... "

Ich hörte ihm gar nicht zu. Ich ging auf das Pferd zu, das mich neugierig anschaute. Es war dunkelbraun und sein Fell war von der Art, die im Winter eine fast schwarze Farbe annimmt. Ich habe niemals Angst vor Pferden gehabt, nicht einmal als Kind, und schon bald inspizierte ich das Tier mit fachmännischen Blick, während mir der Stallknecht, der die Zügel hielt, belustigt zusah. Er hatte nicht die sonst für Braune typischen weißen Flecke auf der Stirn, dafür jedoch zwei an den Hinterbeinen und einen ganz kleinen auf der Oberlippe, als habe ihn dort jemand mit einem mehligen Daumen berührt und etwas von diesem Mehl war an seiner Lippe hängen geblieben. Das Fell des Wallachs glänzte im Sonnenlicht und seine gestriegelte Mähne und der Schwanz waren sehr lang und wellig.

Marius Servilius näherte sich uns. "Sein Name ist Sidereum (*)", sagte er. "Ich hoffe, Du hast nichts dagegen, daß er seinen Namen bereits von jemand anderem erhalten hat ... "

Ich hatte nichts dagegen. Nicht im geringsten. Ich war zu sehr damit beschäftigt, das schöne Tier in Augenschein zu nehmen, sein glänzendes Fell zu streicheln, in seine klaren, edlen Augen zu schauen, mit ihm zu sprechen ... Seit ich in der Villa lebte, war ich oftmals ausgeritten. Der Stall war voll von schönen Hengsten und Stuten, kräftigen und gesunden Tieren aus guter Zucht. Aber ich hatte zu keinem von ihnen eine besondere Neigung gefaßt, und wenn ich mir auch mehr als einmal vage vorgenommen hatte, eines der Fohlen für mich zu beanspruchen oder mir eines zu kaufen, so hatte ich das Vorhaben doch nie in die Tat umgesetzt. Nun war ich mit diesem herrlichen Tier beschenkt worden ... Ich wandte mich um und wollte meinem Gemahl danken, aber er war bereits schweigend ins Haus zurückgekehrt. Einen Moment lang hatte ich das Gefühl, ich sollte ihm nachlaufen, aber irgendwie wußte ich, daß er mich verstand und sich über meine Aufregung freute. Ich nahm dem Stallknecht die Zügel aus der Hand. "Hallo, Du Schöner", sagte ich zu dem Pferd. "Du und ich, wir werden gute Freunde werden ..."

Sidereum war das sanfteste und freundlichste Pferd, das ich je besessen hatte. Er war gern mit Menschen zusammen und liebte es, gestreichelt zu werden, besonders, wenn man ihm die Stirn rieb. Wenn ich meine Handfläche flach, ohne sie zu bewegen, an seine Stirn legte, dann fing er an, seinen Kopf auf und ab zu bewegen und sich selbst an meiner Hand zu reiben. War er jedoch einmal gesattelt, dann hatte der Wallach nichts Verspieltes mehr an sich und zog alle Aufmerksamkeit durch sein feuriges Gebaren auf sich. Er trug seinen Kopf immer sehr hoch. Er hatte einen weit ausholenden Schritt, trabte schnell und angenehm, sein Galopp war langsam und glich der Bewegung eines Schaukelstuhles. Nichts konnte ihn aus der Ruhe bringen, sei es, daß ich ihn in den Wald führte, in die Hügel oder an den Strand. Seit seiner Ankunft hatte ich die Gewohnheit angenommen, bei schönem Wetter mindestens eine Stunde am Tag auszureiten, und erst dadurch lernte ich unseren Besitz richtig kennen, auf dem es, hinter einem entzückenden Feld voll frischen Grases und wilder Blumen, sogar einen Fischteich gab.
Manchmal schwang sich Apollinarius auf ein altes, ruhiges Pferd und begleitete mich, aber mein Lehrer hatte sich in der Nähe dieser großen Tiere niemals wohlgefühlt und war als Reiter nicht gut genug, um Seite an Seite mit mir zu galoppieren. Marius Servilius war in seiner Jugend viel geritten, hatte es jetzt aber wegen seines Gesundheitszustandes aufgegeben, da er immer schneller ermüdete und einen Sturz nicht riskieren konnte. So ritt ich meist allein und war auch keineswegs böse darüber.

Nach einem Ausritt kümmerte ich mich gern selbst um Sidereum, und meist endete die Prozedur mit Lachen und Schnauben, denn er vergalt mir die Aufmerksamkeit, die ich ihm zuteil werden ließ, indem er zärtlich an meiner Kleidung zupfte - als wäre ich ein anderes Pferd und er müßte mir behilflich sein, mein eigenes Fell zu säubern. Besonders mochte er die aus weichem Leder gefertigten Gürtel meiner Reit-Tuniken und ich kicherte wie verrückt, wenn er spielerisch an ihnen zupfte und dabei meinen Bauch kitzelte. Wenn ich mit der Pflege seines Fells fertig war, liebte er es, seine Schnauze an meinen Hals zu legen, einige Zeit so zu verweilen und seinen Atem in mein Ohr zu pusten ... Dies waren unvorstellbar friedliche Momente in meinem sonst so geschäftigen und ständig im Wandel begriffenen Leben.
Und diese Momente brachten die Erinnerung an Maximus zurück und ich fragte mich wieder einmal, wo er wohl sei, was er tat, ob er sich in Germanien oder Spanien aufhielt, ob er in seinem Militärlager oder auf seiner Farm war, ob er allein war oder zusammen mit seiner Frau oder ob er sich eine Geliebte genommen hatte - auch wenn er mich damals wegen der Liebe zu der Frau, mit der er verheiratet war, zurückgewiesen hatte ... jener Frau, die er so sehr liebte, daß er darauf verzichtet hatte, Schwiegersohn des römischen Kaisers und damit vermutlich sein Erbe zu werden. Ich fragte mich, ob er sich in Sicherheit  befand oder Gefahren ausgesetzt war, ob er in einer Schlacht verletzt oder etwa in irgendeinem finsteren Wald getötet worden war. Und während ich den tröstlichen Duft nach Pferden, Leder und Heu, der den Stall durchzog, einatmete, fragte ich mich, ob er manchmal an mich dachte, die achtzehn Jahre alte Sklavin und Hure mit dem rotgoldenen Haar, die Gefahr und Intimität mit ihm geteilt hatte ... Unausweichlich endeten diese Gedanken in einem bitteren Schluchzen an Sidereums warmem Hals, und er reagierte auf meinen Kummer, indem er wiederum seinen Atem sanft in mein Ohr blies, mir den Trost seiner Gesellschaft, seiner Anhänglichkeit und seines großen, kräftigen Körpers in der selbstlosen Weise bot, wie nur Tiere es tun können.

Nach Sidereum fuhr mein Gemahl fort, mir weiter mit erschreckender Regelmäßigkeit Geschenke zu schicken, aber er gab sie mir niemals wieder persönlich. Statt dessen ließ er sie wie in der Vergangenheit durch seine Sekretäre, meine Dienerin, meinen Lehrer oder den Verwalter überbringen. Erst ein Jahr nachdem er mir Sidereum geschenkt hatte, erhielt ich wieder ein Geschenk von ihm persönlich. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits genug über sein Geschäft gelernt, um ihm viele Lasten abzunehmen, so daß er sich auf den Bau seines Schiffes, der "Sirene", konzentrieren konnte. Eines Nachmittags bat er mich, ihn bei einer Ausfahrt mit einem kleinen Wagen zu begleiten, der bereits vor dem Haupteingang der Villa wartete. Ich war überrascht festzustellen, daß er den Wagen selbst lenkte. Wir fuhren den von Bäumen gesäumte Haupweg des Gutes hinab, und bereits nach kurzer Zeit bogen wir in einen unbefestigten Weg ein und verließen die Straße. Eine halbe Stunde später erreichten wir das Feld mit der wunderbaren Mischung von frischem Gras und Wildblumen. Ich war nicht öfter als ein- oder zweimal während meiner Ausritte mit Sidereum dort gewesen, und wenn ich den Teich auch sehr mochte, so hatte ich mich dort nie länger aufgehalten und war statt dessen zum Strand weitergaloppiert. Nun erhob sich mitten im Feld eine seltsame Gestalt.

Ich kniff die Augen zusammen, um sie besser erkennen zu können ...

Nein, das war nicht möglich. Aber da war es: in der Mitte des Teiches lag seelenruhig ein Schiff, ein Handelsschiff in voller Größe, mit Mast und eingeholten Segeln. Ein Schiff ganz genau wie jene, die ich im Hafen gesehen hatte. Ein Schiff für die See bestimmt ... Aber es lag mitten im Teich und sah aus, als hätte es eben dort angedockt. Das Schiff war umgeben von Marmorfiguren, die jegliche nur erdenkliche Art von Meeresbewohnern darstellten, Kreaturen, die auf unter der Wasseroberfläche befindlichen Podesten saßen und, ebenso wie das Schiff, bei meinem letzten Besuch des Teiches noch nicht dagewesen waren.

Ich bewunderte die Details des hölzernen Schiffes, seine Segel waren eingerollt und die Takelage knarrte im Wind. Auf Deck gab es Fässer und Kisten, genau wie auf einem echten Handelsschiff. Verwundert wandte ich mich meinem Gemahl zu, und er lächelte.

"Es ist eine Originalkopie der 'Poseidon'", sagte er. "Da Du vor echten Schiffen Angst hast, dachte ich, Du solltest Dein eigenes haben, ein sicheres Schiff an einem sicheren Platz ... "

Marius Servilius bedeutete mir auszusteigen, und wir gingen auf die Büsche zu, welche den Teich umgaben. Im Buschwerk befand sich eine Öffnung, und ein Pfad, bestehend aus flachen Steinen, die in regelmäßigen Abständen verlegt waren, um das Gehen zu erleichtern, verlief  zum Schiff hin. Der Weg führte erst zum Ufer und dann direkt ins Wasser. Ich war sprachlos: Marius Servilius hatte einen sicheren und bequemen Weg anlegen lassen, auf dem ich das Schiff erreichen konnte, ohne mit dem Wasser in Berührung zu kommen. Vorsichtig trat ich auf den ersten Stein  - und kicherte: Fische schossen zwischen ihren steinernen Abbildern hindurch, und Wasserpflanzen tauchten aus der Tiefe des Teiches auf, dunkelgrüne und blaue Blüten. Es war, als ob man auf dem Wasser wandelte!

Während ich mich weiter in den Teich hinein wagte, betrachtete ich die großen Marmorfiguren munterer Fische und zusammengerollter Seeungeheuer. Nach acht Schritten erreichten wir das Schiff; Marius Servilius griff nach der Strickleiter und half mir an Bord, bevor er sich selbst mit einer aus langer Übung erwachsenen Leichtigkeit auf Deck schwang. Ich schaute zur schwindelerregenden Höhe des Mastes empor, betrachtete dann die Fässer und Kisten. Das Deck klang hohl unter unseren Fußtritten, und das Wasser lag tief unter uns, aber ich war zu gefesselt von der reinen Schönheit und dem Zauber des Schiffes in diesem Teich und ebenso von der Aufmerksamkeit des Mannes, den ich geheiratet hatte, als daß ich mich überhaupt hätte daran erinnern können, daß ich Angst vor dem Ertrinken hatte. Schweigend wanderte ich zum Heck. Im Wasser vor mir befand sich die Marmorstatue einer sinnlichen Sirene, den Fischschwanz verführerisch um die Hüften geschlungen, und die Brüste von ihrem langen Haar verborgen.

"In Anbetracht des Namens, den Du für das neue Schiff ausgewählt hast, erschien es mir angebracht, diese Statue dort aufzustellen", sagte Marius Servilius und stützte seine Ellbogen auf die Reling. Wir verharrten dort einen langen Augenblick in freundschaftlichem Schweigen. Dann stellte ich ihm die Frage, die ich ihm schon mehr als einmal in den drei Jahren, die wir verheiratet waren, gestellt hatte: "Warum?"

"Warum?" wiederholte er. "Warum? Weil ich nicht möchte, daß die gute alte 'Poseidon' gänzlich von dieser Erde verschwindet. Sie hat mir hervorragende Dienste geleistet und ich bin ein dankbarer Herr. Weil ich vor dreißig Jahren -  als ich wußte, daß ich Vater würde - plante, für meinen Sohn eine originalgetreue Miniaturkopie dieses Schiffes zu bauen, damit er sicher auf ihr spielen und das Meer lieben lernen könnte. Weil mein Sohn bei seiner Geburt starb und meine Frau mit ihm, und ich erst als mich die Krankheit heimsuchte, merkte, wie sehr ich es versäumt hatte, glücklich zu sein. Weil Du mir ein ganz bestimmtes Glück geschenkt hast, das zu erleben ich niemals mehr erwartet hatte. Weil Du Angst vor Wasser hast und ich wollte, daß Du entdeckst, was Männer dazu treibt, den Ozean herauszufordern und ins Unbekannte aufzubrechen ... "

Er verstummte. Er hatte recht. An Bord dieses Schiffes, sicher in einem Fischteich mitten auf dem Land vertaut, konnte selbst ich mit Leichtigkeit Odysseus und seine Männer verstehen.

"Und", schloß er, "wenn ich erst einmal nicht mehr hier sein werde, dann wird Dein Leben geschäftiger und arbeitsreicher sein, als Du es Dir jetzt auch nur vorstellen kannst, und Dein Apartment in der Villa wird Dir nicht die notwendige Privatsphäre bieten können, wenn Du wirklich allein sein willst. Dann kannst Du hierher kommen ... Das Schiff hat eine kleine Kabine, in der Du Dich ausruhen und lesen kannst. Um die Einrichtung mußt Du Dich selbst kümmern. Darin bist Du sehr viel besser als ich  ... "

Er bot mir seinen Arm an, und nach kurzem Zögern ergriff ich ihn. Zusammen erkundeten wir das Schiff. Als wir fertig waren, zwang ich mich zu sprechen. "D-danke, Herr", sagte ich. "Du hast mir viele Geschenke gemacht, aber dieses wird mir immer unendlich lieb sein."

Er lächelte. "Dessen bin ich sicher, Herrin." Er hob den Kopf und schaute fröstelnd nach dem Stand der Sonne. "Es ist spät. Laß uns nach Hause zurück gehen."

Es war das letztemal gewesen, daß wir zusammen das Haus verließen. Kurz nachdem wir die Villa erreichten, fühlte Marius Servilius sich unwohl und ging zu Bett. Spät in der Nacht erlitt er einen Blutsturz. Er sollte seine Wohnräume nie wieder verlassen. Auch lebte er nicht mehr lang genug, um den Stapellauf der "Sirene" noch miterleben zu können. Ich wollte die Bauarbeiten beschleunigen, aber er ließ es nicht zu. "Bestimmte Dinge kann man nicht beschleunigen", sagte er geduldig. "Es braucht seine Zeit, ein Ei zu kochen, ein Baby zur Welt zu bringen und ein gutes Schiff zu bauen. Wenn es nicht mehr rechtzeitig fertig wird, dann wirst Du Dich gut um mein Schiff kümmern ... "

Ich verbrachte die letzten Monate an seiner Seite. Manchmal kamen Apollinarius oder Merith, um mir Gesellschaft zu leisten, aber ihre Verpflichtungen ließen es nicht oft zu. Wenn Marius Servilius sich gut genug fühlte, informierte ich ihn über den Stand seiner Geschäfte und besprach Verträge und Ideen mit ihm. Aber in den kommenden Wochen wurde er schwächer und schwächer, und das Fieber stellte sich immer häufiger ein. Er hatte Schmerzen, er blutete, von Zeit zu Zeit erlitt er sogar Anfälle. Sein armer Körper verweigerte die Nahrungsaufnahme, und meist endeten die Mahlzeiten damit, daß er sich übergeben mußte. Seine Nieren versagten. Dann sein Herz. Bald gab Sesostris ihm gefährlich hohe Dosen von Opium und Fingerhut, um die Schmerzen erträglicher zu machen und zu vermeiden, daß sein Herz barst. Marius Servilius beschwerte sich jedoch nie, wurde niemals ärgerlich oder lehnte sich gegen die Ungerechtigkeit des Schicksals auf. Statt dessen lag er auf seinem Bett, schaute auf die Schiffsmodelle und die Gemälde mit den Meeresszenen, still und unendlich würdevoll ertrug er die erbarmungslosen Demütigungen, welche die Begleitumstände seiner Krankheit mit sich brachten.

Das Ende kam an einem friedlichen Frühlingsnachmittag, kurz nach unserem dritten Hochzeitstag. Wir waren allein. Er war seit Tagen immer wieder ins Delirium gefallen, hatte das Bewußtsein verloren und war wieder zu sich gekommen. Der Tag war ganz unpassend fröhlich, das Sonnenlicht flutete durch die Fenster ins Zimmer, eine sanfte Brise bewegte die Vorhänge, der Duft von Blumen und das Summen der Bienen erfüllte die Luft. Aber der Tod kommt und geht, wann es ihm beliebt, und er scheint ein besonderes Vergnügen darin zu finden, sich über uns lustig zu machen. So war ich nicht überrascht, daß er diesen wunderbaren Tag ausgewählt hatte, um seinen Anspruch geltend zu machen auf einen starken und gerechten Mann wie den, welchen ich aus Rache geheiratet hatte und der mein Freund geworden war.

"Julia ..."

Marius Servilius' Stimme war so schwach, daß ich ihn kaum hören konnte. Ich blickte von der Schriftrolle auf, die ich vergeblich zu lesen versuchte, und fühlte einen dumpfen Schmerz in meinem Herzen. So wenig war noch übrig von dem gutaussehenden Mann, den ich geheiratet hatte! Irgendwie gelang es ihm zu lächeln. Ich stand auf und ging hinüber zu seinem Bett, setzte mich neben ihn und nahm seine knochige kalte Hand in die meine. Mit großer Mühe gelang es meinem Gemahl, sie beruhigend zu drücken.

"Das Ende ist da ... Julia ... " flüsterte er in seiner immer sachlichen Art.

Ich preßte die Lippen zusammen, damit sie nicht zitterten.

"Herr ... bitte ... überanstrenge Dich nicht. Du brauchst Deine Kräfte ... "

"Es ist vorbei, Julia. Wir wissen beide, daß es so ist ..."

Er hatte recht. Es war so weit. Der Augenblick, in dem er sein Elend und seine Schmerzen, die Demütigungen der Krankheit hinter sich lassen ... der Moment, in dem er aus meinem Leben gehen würde. Ich schluckte krampfhaft. Noch bevor ich wieder sprechen konnte, fuhr er fort.

"Ich hatte ein gutes Leben ... Ich tat, was ich tun wollte ... Das können nicht viele Menschen von sich behaupten ... O, aber am Ende hilft das nichts! Es macht es nur noch sehr viel schwerer zu gehen ..."

Ich rang noch immer nach Worten, nach Luft, und nun war ich es, die nur schweigend seine Hand drückte.

"Sei nicht traurig wegen mir, Julia ... "

"Herr ..." sagte ich, halb flüsternd halb schluchzend.

Ich konnte es nicht mehr aushalten. Konnte ihn nicht leiden sehen. Konnte ihn nicht gehen lassen.

"Schhh ... Julia ... Julia ... sei nicht traurig. Wie ich schon sagte, ich hatte ein gutes Leben, jedoch ... "

Er hielt inne und seufzte tief. Schmerzlich. Ich betrachtete sein ausgezehrtes Gesicht voller Sorge, und Panik begann, in mir aufzusteigen. Er seufzte abermals.

"Es gibt nur eins, das ich bereue ... Ich bereue, daß ich den Mann nicht bestraft habe, der Dich so unglücklich gemacht hat ... "

Ich schluckte wieder, aber der Kloß in meiner Kehle wollte nicht verschwinden. Ich versuchte zu lächeln.

"Das ... das war in der Vergangenheit, Herr. Wir können die Vergangenheit nicht ändern. Der Imperator hat mir die Freiheit geschenkt, und Du hast mich gelehrt, etwas aus meinem Leben zu machen ... "

Er lachte. Es war ein trockenes, quälendes Geräusch, ein Gurgeln in seiner verstopften Kehle.

"Nein, Julia, nicht Deinen einstigen Herrn ... sondern den Mann, den Du liebst ... den Mann, der Dich nicht liebt ... Er ist ein Narr ... "

Verwirrt blickte ich in Marius Servilius' brechende Augen, und ich sah dort jene besondere Art von Klarheit, die wir nur erlangen, wenn wir an der Schwelle des Todes stehen, weil wir sonst niemals ertragen könnten, was diese Klarheit uns enthüllt.

"Er ist ein Narr ... " wiederholte er. "Und auch ich war ein Narr ... Ich hätte Dir ein Ehemann sein sollen ... ein wirklicher Ehemann ... nicht das jämmerliche Geschöpf, das ich gewesen bin ... "

"Du bist ein guter Ehemann, Herr", sagte ich und log nicht.

Auf seine eigene Art war er ein besserer Gemahl gewesen als manch anderer Mann. Er hatte mich nie verletzt, indem er seine Geliebten oder seine Bastarde spazieren führte. Er hatte mich nicht benutzt, um auf der gesellschaftlichen Leiter aufzusteigen oder eine Neigung für Knaben mit weichen Zügen und bemalten Augen zu verbergen. Er hatte nicht mein Geld durch Wetten beim Pferderennen oder durch Würfelspiel verschwendet, noch hatte er mich je in betrunkenem Zustand geschlagen. Statt dessen hatte er mich mit Respekt und Achtung behandelt. Er hatte sich um mich gesorgt. Hatte mich ermutigt, über mich selbst hinauszuwachsen. Hatte mich als Gemahlin und Frau geehrt. Mich sogar wie einen Freund behandelt. Plötzlich fühlte ich mich überwältigt von der Gegenwart des Todes. Von der Liebe, die ich verspürte. Von der Unermeßlichkeit des Verlustes. Der Einsamkeit. Der Endgültigkeit von alle dem.

"Julia ... Julia ... nur einmal ... sag meinen Namen, Julia ... nenn mich bei meinem Namen ... "

Sein Name. Seit ich eine Freigelassene geworden war, hatte ich mich hartnäckig geweigert, irgendeinen anderen Mann außer Apollinarius mit seinem Namen anzureden. Und außer Maximus, aber Maximus war nicht da. Er ist seit Jahren nicht mehr da. Die Intimität, für die der Gebrauch des Namens eines Mannes stand, war mehr, als ich bereit war zuzulassen. Nun war es das einzig Richtige, einen Mann bei seinem Namen zu nennen, aber ich kämpfte gegen meine trockene, verkrampfte Kehle an und gegen das Gefühl, einen Verrat zu begehen.

"M-Marius ... " gelang es mir endlich zu flüstern. Aber ich mußte nicht erst in die Augen meines Gemahls blicken um zu wissen, daß er tot war.

Ich bereitete Marius Servilius eigenhändig für den Scheiterhaufen vor. Ich wusch seinen armen, verbrauchten Körper und kämmte sein silbernes Haar. Ich rieb duftendes Öl in seine pergamentene Haut und kleidete ihn in seine toga picta*1 . Ich hielt allein die Totenwache bei ihm, betrauerte seinen Verlust, schaute in sein Gesicht und sah nicht den ausgezehrten Leichnam eines Mannes, der den hoffnungslosen Kampf gegen die Krankheit verloren hatte, sondern den lebensprühenden, jungen, lachenden Mann, den Pollia Sabina geheiratet hatte. Den Mann, auf welchen mir nur ein kurzer Blick gewährt worden war.

Den Mann, der nun auf immer für mich verloren war.

Seinen Anweisungen folgend ließ ich ihn am Strand verbrennen. Die Werftarbeiter zerhackten das alte Schiff, dessen Ebenbild stolz im Fischteich bei unserer Villa thronte, und bereiteten aus dem Holz den Scheiterhaufen. Wie er es mit seinem praktischen Verstand vorausgesehen hatte, reichte das Holz des Schiffes aus, um seinen Leichnam zu verbrennen. Alle versammelten sich am Strand. Geschäftspartner. Freunde. Diener. Vorarbeiter. Kapitäne. Matrosen. Kaufleute. Seine ehemaligen Sekretäre, nun zu wohlhabenden freien Agenten aufgestiegen. Frauen, die gehofft hatten, ihn zu heiraten, oder ihn vielleicht geliebt hatten. Sogar Sklaven. Athenodorus. Nicia. Apollinarius. Das griechische Ehepaar weinte ungeniert. Das Gesicht meines Lehrers war ernst und feierlich. Sesostris und Merith weinten nicht. Sie hatten den Tod zu oft und auf zu grausame Arten erlebt, als daß sie noch leicht zu Tränen zu rühren gewesen wären.

Es wurden Lobreden auf den Verstorbenen gehalten. Männer sprachen über Marius Servilius Tibullus. Sie sprachen über ihn voller Respekt und Bewunderung. Sogar voller Liebe. Sie hatten ihn viel besser gekannt als ich. Ich hatte mich geweigert, ihn so gut kennenzulernen. Nachdem die Lobreden beendet waren, nahm ein untersetzter Mann eine Fackel in die Hand. Ich wappnete mich für den Augenblick, in dem er das Feuer entzünden würde. Für den Augenblick, in dem der endgültige Abschied und die endgültige Einsamkeit über mir zusammenschlagen würden ... aber der Mann wandte sich um und hielt mir die Fackel entgegen. Alle Augen waren auf mich gerichtet, die zweiundzwanzig Jahre alte Witwe. Die unbekannte Frau, die aus dem Nichts aufgetaucht war und den reichen Reeder geheiratet hatte, der ihr Vater hätte sein können. Den reichen Reeder, der sich jede Frau, die er haben wollte, hätte kaufen können, selbst eine Jungfrau aus den höchsten Kreisen. Aber er hatte sich eine einsame, schöne, ehemalige Hure erwählt, die einen anderen Mann liebte. Ein Mädchen mit rotgoldenem Haar, die ihn nicht des Geldes wegen geheiratet hatte, sondern weil sie Rache wollte.

Ich zwang mich zum Handeln, griff nach der Fackel und ging auf den Scheiterhaufen zu. Ich hielt die Fackel an die mit Sandelholzöl getränkten Stoffetzen, die man zwischen die Holzscheite gesteckt hatte, und entzündete sie. Sie brannten leicht, und das Feuer knisterte zuerst, dann krachte und brauste es. Als die Flammen die oberste Schicht erreichten und den Leichnam meines Gemahls einschlossen, wandte ich mich um und ging schweigend zum Haus zurück.

Die Frauen folgten mir. Es war Aufgabe der Männer, so lange zu bleiben, bis die Flammen den Körper verzehrt haben würden. Man würde die Asche einsammeln, in eine Urne legen und in die Familiengruft bringen. Marius Servilius' Asche würde neben jener der lange schon toten Pollia Sabina Marcia und ihres kleinen Sohnes zur Ruhe gebettet werden. Er verdiente es, neben jemand zu ruhen, den er geliebt und der ihn geliebt hatte, eine schwache Entschädigung für ein Leben in Einsamkeit.

Ich schritt durch die verlassenen Räume des Hauses, angetan mit Trauerkleidern, und stieg die Treppe zu meinen Räumen hinauf, gefolgt von einer schniefenden Nicia. Sie half mir aus dem Trauermantel, der meinen Kopf bedeckt hatte, und löste, ohne zu fragen, mein Haar. Ich lächelte schwach über diese Geste und drehte mich zu ihr um.

"Geh jetzt schlafen, Nicia. Weck mich bei Sonnenaufgang. Ich habe ein Schiff zu bauen."

Der Stapellauf der "Sirene" erfolgte zwei Monate später. Sie war eine Schönheit, das beste Schiff, das jemals zur Flotte meines Gemahls gehört hatte. Marius Servilius hatte ein kraftvolles, verläßliches und doch schnelles Frachtschiff vor Augen gehabt, das es ihm ermöglichen sollte, einmal mehr seine Konkurrenten zu übertreffen. Ich ging noch einen Schritt weiter. In den folgenden sechs Jahren baute ich weitere sechs dieser Schiffe und begann, das ehrgeizige Vorhaben zu verwirklichen, die alten Schiffe zu ersetzen und den Schiffsverkehr auszudehnen. Die Werften arbeiteten in Sonderschichten, um die zahlreichen Aufträge auszuführen, die ich von anderen Kaufleuten erhielt. Aber ich akzeptierte nie einen Auftrag, ein Schiff wie die "Sirene" für einen Kunden zu bauen, ganz gleich wieviel Geld man mir dafür bot. Das schuldete ich Marius Servilius. Seine Schiffe waren die Kinder gewesen, die er niemals gehabt hatte, und dieses eine sein besonderer Liebling.

Das Geschäft blühte. Ich wurde immer reicher. Lange bevor die Trauerzeit vorüber war, begannen Männer, mir den Hof zu machen. Es stand zu viel auf dem Spiel, als daß man Zeit hätte vergeuden können, und für ehrgeizige Männer ist es ein unerschwinglicher Luxus, sich durch Regeln des Anstands und der Moral zurückhalten zu lassen. Eine junge, schöne Witwe, die dazu noch reicher war, als sie es sich in ihren kühnsten Träumen ausmalen konnten, war eine zu große Versuchung. Die Tatsache, daß ich in einem Alter kinderlos war, in welchem viele Frauen schon drei oder vier Kinder zur Welt gebracht hatten, beunruhigte sie nicht. Viele waren bereits geschieden oder Witwer und hatten Söhne. Außerdem ist Rom eine praktische Gesellschaft, und eine Adoption ist leicht vorzunehmen.

Sobald die Trauerzeit vorüber war, machten mir noch weitere Männer einen Antrag.

Und jedem machte ich es unmißverständlich klar, daß ich nicht vorhatte, noch einmal zu heiraten.

Kurz bevor ich von Ostia nach Rom aufbrach, zu jener schicksalhaften Reise, die mich so unerwartet wieder mit Maximus zusammenführen sollte, erhielt ich Besuch von Merith. Sie und Sesostris würden in wenigen Tagen auf einem meiner Schiffe nach Alexandria zurückkehren. Ich empfing sie in meinen privaten Räumen, eine Auszeichnung, die ich außer Apollinarius nie jemandem gewährt hatte - nicht einmal meinem Gemahl. Sollte der Luxus dieser Räume sie beeindruckt haben, so zeigte sie es nicht. Statt dessen verneigte sie sich respektvoll vor meinen Katzen und murmelte etwas, das wie ein Gebet klang, in einer Sprache, von der ich annahm, daß es die Sprache des alten Ägypten war.

"Ich wollte nicht aufbrechen, ohne Dich noch einmal gesehen zu haben, Herrin Julia."

Merith sprach fließend Latein, aber sie bevorzugte das Griechische.

"Die Damen in Ostia werden Dich vermissen ... "

"Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. Eine meiner beiden Töchter hat vor wenigen Wochen geheiratet und wird in der Stadt bleiben. Sie wird sich gut um die Damen und ihre Babys kümmern."

"Auch einen Arzt?"

Merith lachte.

"Nein, Herrin Julia. Die junge Merith hat einen Deiner Angestellten geheiratet! Einen jungen Schreiber, der eine glänzende Zukunft vor sich haben soll."

"Es muß schwer für Dich sein, sie hier zurückzulassen ... " Meriths Familie schien immer sehr eng untereinander verbunden gewesen zu sein.

"O, die Göttin weiß, was sie tut und warum. Mutter Isis muß einen guten Grund dafür haben, daß mein Mädchen hier bleiben soll ..."

"Du hast großes Vertrauen in Deine Göttin, Herrin Merith."

"Sie ist weise und mächtig. Wie könnte es anders sein? Sie ist eine Frau. Sie kannte jede Art von Glück und jede Art von Schmerz, die eine jede Frau in ihrem Leben erfährt: sie liebte, sie wurde schwanger, sie gebar unter Schmerzen und mit Blut, sie verlor ihren Mann, sie beweinte ihn, sah, wie ihr Sohn ihn rächte, und war endlich wieder mit ihm vereint. Du kannst einfach nicht anders als einer Gottheit zu vertrauen, der nichts Menschliches fremd ist ... "

"Aber sie konnte Ägypten nicht vor den Römern retten ... "

"Herrin Julia, Ägypten wurde nicht von den Göttern und Göttinnen im Stich gelassen, sondern von verräterischen, eifersüchtigen, korrupten Männern ... wie es auch Rom geschehen wird, wenn die Zeit reif ist."

In den Worten der ägyptischen Frau lag etwas Unheilverkündendes. Ich erschauerte.

"Mutter Isis ist nicht Roma Dea, die Göttin Roma. Sie ist keine machtbesessene, junge Gottheit, verehrt von Männern und Frauen, die glauben, selbst Götter und Göttinnen werden oder Götter und Göttinnen nach Lust und Laune erschaffen zu können ... "

Wir schwiegen einen langen Moment, dann erhob sich Merith.

"Ich habe mehr von Deiner Zeit in Anspruch genommen, als ich es hätte tun sollen ... Herrin Julia, möge Mutter Isis Dich beschützen."

"Danke, Herrin Merith. Möge Deine Göttin auch Dich segnen und Dir eine sichere Reise zurück nach Alexandria schenken ... "

Wir hielten einander einen Augenblick bei den Händen, dann wandte sich die heilkundige Frau zum Gehen, während ich im Begriff war, mich in mein Schlafzimmer zurückzuziehen. Auf der Türschwelle blieb sie jedoch zögernd stehen. "Herrin Julia?" rief sie mir nach. "Bitte, vergiß meine Tochter nicht ... "

Ich sah sie erstaunt an. "Möchtest Du , daß ich mich von Zeit zu Zeit nach ihrem Wohlergehen erkundige und Dir darüber schreibe?" fragte ich und war mir bereits sicher, daß ich etwas Wichtiges übersehen hatte. Aber vielleicht trauten Merith und Sesostris ihrem römischen Schwiegersohn auch nicht. Ihr Lächeln bestätigte mir, daß ich mich irrte.

"Die junge Merith kann sehr gut auf sich selbst aufpassen, Herrin Julia. Was ich sagen wollte: Denk an sie, wenn Deine Zeit kommen wird ... "

Ich erbleichte. Ich kannte Merith gut genug um zu wissen, daß dies keine Höflichkeitsfloskel war, wie sie Frauen, die bereits geboren haben, jenen Frauen gegenüber verwenden, die noch keine Kinder haben oder die möglicherweise unfruchtbar sind. Sie deutete etwas an, woran ich nicht einmal zu denken wagte. Ein Traum, den ich vor sechs Jahren in Moesia gehabt hatte*2, stieg wieder an die Oberfläche meines Bewußtseins und versetzte meinem Herzen und meiner Seele einen schmerzlichen Hieb mit seiner Schönheit und seinem bitteren Nachgeschmack. Ein Leben in Sklaverei und Prostitution und sechs Jahre in Freiheit, davon fünf als reiche, mächtige Frau, die letzten beiden als Geschäftsfrau und Witwe, hatten mich gelehrt, meine Gefühle fest unter Kontrolle zu halten und mein Gesicht zu einer undurchschaubaren Maske zu formen. Aber ich wußte, daß Merith unter diese Maske schauen konnte. Sie lächelte, und ihr schwaches Lächeln glich dem ihrer Göttin: friedvoll, weise und fürsorglich.

"Mutter Isis ist Dir günstig gesinnt, Herrin Julia. Wie könnte sie nicht? Du bist eine Frau ... Deine Zeit wird kommen. Und eher als Du es vermutest."

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(*) Sidereum: In Latein, "Sternenlicht".

*1 toga picta    in der frühen römischen Zeit eine bestickte Toga, die von siegreichen Feldherrn während ihres Triumphzuges und von bestimmten Beamten zu bestimmten Gelegenheiten getragen wurde. In der Zeit, als Rom ein Kaiserreich war, wurde die toga picta (eine bestickte Toga) zum Gewand, in das freie Männer gekleidet wurden, bevor man sie verbrannte.

*2  vgl. Julias Tagebuch, Teil 1, Kapitel 8 "Nachwehen und Maximus' Zweite Verweigerung"

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