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18.a Maximus' Geheimnis -
180 A.D.
Maximus hörte die Brandung schon, bevor wir den
Wald hinter uns ließen. Ein tiefes Rauschen, ähnlich dem Schnurren einer
riesigen schlafenden Katze. Da er nicht an die Geräusche der Küste gewöhnt
war, hatte er es nicht früher wahrgenommen, zumal es vom Rauschen des Windes
in den Pinienzweigen überlagert worden war. Maximus konnte das, was er
hörte, noch immer nicht einordnen und schaute mich fragend an; ich tat
jedoch, als habe ich es nicht bemerkt. Das irritierte ihn. Wie alle
gutaussehenden und dominierenden Wesen - seien es Katzen oder Männer - war
er es nicht gewohnt, ignoriert zu werden. Und er mochte es auch nicht,
überhaupt nicht.
Ich war so abgelenkt gewesen durch übereifrige
Verwalter, Geschäfte, bösartige Hunde und die kaiserliche Politik, daß ich
gar nicht die Zeit gehabt hatte, über meine nächsten Schritte nachzudenken.
Vermutlich war ich gerade dabei, mich völlig zum Narren zu machen, aber mir
fiel einfach nichts besseres ein. Schließlich waren all meine sorgfältig
ausgeklügelten Pläne, Maximus zu befreien, nutzlos gewesen. Also hatte ich
mich entschlossen, Nicias Vorschlag zu folgen und einfach mein Bestes zu
geben.
Es hatte keinen Sinn, es noch weiter
hinauszuzögern. Ich holte tief Luft und blieb stehen.
Maximus blieb auch stehen.
"Zieh Deine Sandalen aus", sagte ich zu ihm und
kramte in meinem Gürtel nach einem Paar Elfenbeinkämmen. Maximus hob fragend
die Brauen. Ich seufzte ungeduldig.
"Keine Angst, General. Ich möchte lediglich, daß
Du Deine Sandalen ablegst und nicht, daß Du Dich nackt ausziehst!"
Maximus brummte etwas vor sich hin und begann, die
Riemen seiner Sandalen zu lösen, während ich mich abmühte, mein Haar
zusammenzudrehen und in einem improvisierten Knoten hochzustecken, es jedoch
nicht verhindern konnte, daß einige widerspenstige Strähnen sich immer
wieder einen Weg in die Freiheit bahnten.
Als Maximus die Sandalen von seinen Füßen gelöst
hatte, nahm er sie in eine Hand und schaute mich an.
"Und nun?" fragte er, die Erwartung schien
buchstäblich in seinen meerfarbenen Augen zu tanzen. Vermutete er bereits,
wohin es gehen sollte?
"Nun zieh ich meine eigenen Sandalen aus!"
bemerkte ich spitz, hob meinen linken Fuß und begann, die Riemen zu lösen.
Sie waren fest verschnürt, und ich mußte mich reichlich mühen, sie
aufzubekommen. Ich stolperte. Maximus stütze mich geistesgegenwärtig, indem
er einen Arm um meine Taille legte. Mein Po streifte seine Hüfte und seine
große warme Hand ruhte kurz auf meinem Bauch.
"Danke", stammelte ich und verfluchte heimlich
mein hochgesteckte Haar, das es mir nicht erlaubte, die Röte zu verbergen,
die mir in die Wangen stieg. Hoffentlich würde Maximus sie der Mühe
zuschreiben, die mir meine hinderliche weibliche Kleidung machte ...
Als ich den Kopf hob, sah er mich mit einer
Mischung aus Belustigung und unverhohlener Neugier an, die dunklen
Augenbrauen immer noch fragend hochgezogen.
"Hier, nimm meine Sandalen", sagte ich energisch
und drückte sie ihm in seine freie Hand. Seine dunklen Brauen hoben sich
noch ein bißchen mehr. Ich stemmte die Hände in die Hüften, Ungeduld schien
mir wunderbar geeignet, meine eigene Nervosität zu verbergen. Plötzlich
wurde mir klar, warum Ehepaare sich regelmäßig herumzuzanken pflegen.
"Manchmal frage ich mich, wie Du es geschafft
hast, lange genug in der Armee zu bleiben, um General zu werden", verkündete
ich, und bevor er darauf antworten konnte, fügte ich hinzu: "Du scheinst
nicht die geringste Neigung zu haben, Befehle entgegenzunehmen, stimmt's?
Wie hast Du nur die Zeit als einfacher Soldat überstanden?"
Maximus grinste mich frech an.
"Befehle entgegenzunehmen war nie das Problem ...
"
"Und warum hast Du offensichtlich immer Probleme
mit meinen Befehlen?"
Das Grinsen wurde breiter, weiße Zähne vor
gebräunter Haut und schwarzem Bart. Meine verräterischen Brustwarzen
antworteten auf sein Lächeln indem sie hart wie Kieselsteine wurden.
"Nun, die Offiziere in der Armee erteilen
gewöhnlich simple Befehle wie 'Geh dahin' oder 'Greif dort an'. Deine
Befehle sind immer sehr viel weniger deutlich, Herrin."
In meinem Gedächtnis tauchte die Erinnerung an
unseren hitzigen Streit im Bad damals in Moesia auf. Er hatte sich
geweigert, seine Kleidung abzulegen und sich von seinem Schwert zu trennen,
bevor er in einen Badezuber mit warmem, nach Rosen duftendem Wasser stieg.
Gute Gründe, welche die Sicherheit meines Körpers betrafen, hatten ihn dazu
bewegen können, wenigstens das Schwert abzulegen, jedoch nicht, sich auch
seiner Kleidung zu entledigen. Er war samt seiner weinroten Militär-Tunika
ins Wasser gestiegen. Und ich war ihm gefolgt - nackt wie eine Wassernymphe.
Noch jetzt ließ mich die Erinnerung daran erschauern - meine Zehen hatten
zärtlich sein kurzgeschnittenes Haar berührt, und er hatte vergeblich
versucht, seinen mächtigen Körper in einer Weise zu plazieren, die jede
Berührung mit dem meinen vermied.
"In Ordnung, General", seufzte ich. "Du hast mal
wieder recht."
Ich löste meinen Gürtel und gab ihn ihm, dann
griff ich nach den goldenen, bernsteinbesetzten Spangen, die mein Gewand auf
den Schultern zusammenhielten und öffnete sie. Maximus' Augen wurden immer
größer, und nun war es an mir, ihn frech anzugrinsen.
Ich ließ die grün-blaue Tunika an meinem Körper
hinabgleiten, fing sie auf, bevor sie im Staub des Weges landete, und
befreite mich geschickt aus dem meine Beine umschließenden Stoff. Unter
diesem Gewand trug ich eine jener kurzen weißen Baumwolltuniken, die mir
Merith aus Ägypten geschickt hatte. Sie hatte mir erklärt, daß die Damen in
Alexandria diese Tuniken trugen, wenn sie sich - auf der Suche nach ein
wenig Erleichterung von der sengenden Hitze des Sommers -mit ihren Barken
zum See Mareotis begaben. Ich trug meine im Sommer, wenn ich statt des
innerhalb des Hauses gelegenen Bades eines der Becken im Garten benutzte.
Das flache natürlich, da ich nicht schwimmen konnte. Das Oberteil hatte
einen viel tieferen Ausschnitt als es bei römischen Tuniken üblich war, und
schmiegte sich perfekt an Brust, Taille und Hüften, während der Rock zehn
Zentimeter oberhalb meiner Knöchel endete. Die Baumwolle war so dünn, daß
sie beinahe als durchscheinend hätte bezeichnet werden können, und trotzdem
absolut schicklich --- wenigstens nach ägyptischen Maßstäben. Der Blick in
Maximus' Augen sagte mir, daß die spanischen Maßstäbe sehr viel enger gefaßt
waren als die des Ostens.
Ich faltete meine kostbare Tunika sorgfältig
zusammen und nahm ihm dann meinen Gürtel und die Sandalen aus den nervösen
Händen.
"Schließ die Augen", sagte ich leise.
"Ist es dafür nicht ein bißchen spät?" fragte er,
tat aber gehorsam, was ich ihm befohlen hatte. Ich mußte unwillkürlich
lächeln ... und meine ganze Willenskraft zusammennehmen, um ihn nicht auf
seine schön geschwungenen Lippen zu küssen.
Ohne ein Wort nahm ich ihn bei der Hand und führte
ihn ans Ende des Weges.
Im Augenblick, als wir auf den Sand traten, konnte
ich sehen, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte. Er wechselte von
konzentriert zusammengezogenen Brauen zu Erstaunen und endlich zu reinem
Entzücken. Ohne die schützende Deckung der Pinien stürmten das Geräusch und
der Geruch des Meeres in einer frischen, salzigen Flut auf uns ein.
"Öffne die Augen", flüsterte ich ihm ins Ohr und
fühlte, wie ein leichter Schauer über seinen Körper lief.
Maximus tat wie ihm gesagt und stellte fest, daß
er im weichen, weizengelben Sand des Strandes stand, der eine sanfte Kurve
um die Stelle beschrieb, an der wir uns befanden. Die Brandung rollte und
wiegte sich in einem perfekten Rhythmus, den kein Musiker kopieren kann. Das
Meer brodelte in einer Symphonie aus Grün und Blau und dem Weiß des salzigen
Schaums, und einen flüchtigen Augenblick lang zweifelte ich nicht daran, daß
Venus aus diesem geboren und auf einer Muschelschale an die Küste gespült
worden war. Ich zweifelte nicht daran, daß in seinen Tiefen Neptun ebenfalls
auf einer von Seepferden gezogenen Muschel daherfuhr, umgeben von einem
Hofstaat von stattlichen Tritonen und schönen Meerjungfrauen. Ich hegte
keinen Zweifel an der Existenz der Sirenen, die den Seemann mit ihren
schönen aber tödlichen Gesängen in die Wellen lockten. Und ich zweifelte
nicht daran, daß die Welt schön war. Warum führen Männer Kriege und töten
und vergießen Blut in ihrer Jagd nach Reichtum und Macht, wenn sie doch eine
Sonne und einen Himmel wie diese umsonst haben konnten?
Maximus stand an seinem Platz wie angewurzelt,
seine meerfarbenen Augen nahmen gierig das herrliche Schauspiel in sich auf,
das der wolkenlose Himmel, der goldene Sand und das grünblaue Wasser ihm
boten. Ich sah, wie er sich mit der Zunge über die Lippen fuhr, nicht nur,
um sie zu befeuchten, sondern um das Salz in der Luft zu kosten; die Spitze
seiner Zunge verweilte einen Moment länger, als nötig gewesen wäre, auf der
Unterlippe. Das Tempo, in dem seine Brust sich hob und senkte, wurde
schneller, und seine Muskeln spannten sich wie bei einer Katze, die sich zu
jagen anschickt. Wortlos ließ ich seine Hand los. Ich gab ihn frei, damit er
die Geheimnisse und die Kraft des Meeres kennenlernen konnte.
Als folge er dem Ruf einer geheimnisvollen Stimme
- vielleicht der Stimme der Sirenen, mit denen man mich oft verglichen hatte
- löste sich Maximus aus der Trance, in die er gefallen zu sein schien, ließ
seine Sandalen fallen und stapfte der Brandung entgegen, wirbelte Sand mit
seinen immer schneller laufenden nackten Füssen auf. Ohne anzuhalten rannte
er in das Wasser der Tyrrhenischen See. Da ich mich nun mal vor dem
Ertrinken fürchtete, hielt ich entsetzt die Luft an, als ich sah, wie er
sich immer weiter hinaus in die Brandung bewegte, aber ich sagte mir selbst,
daß er - im Gegensatz zu mir - schwimmen konnte. Schließlich hatte ihm die
Tatsache, daß er ein guter Schwimmer war, seinen Platz in der Armee
gesichert, als er als Vierzehnjähriger fast die Donau durchschwommen hatte.
So hatte er es mir jedenfalls in jenem Bad in Moesia erzählt, während wir
über einem Badezuber voll warmem, nach Rosen duftendem Wasser einen heftigen
Streit ausfochten.
Maximus lief weiter, bis er knietief in der
rollenden Brandung stand, dann blieb er stehen und stämmte die Hände in die
Hüften. Es herrschte eine ansehnliche Brise, und die hereinbrechenden Wogen
waren höher als gewöhnlich um diese Zeit des Tages. Aber er stand dort,
unbeweglich wie ein Fels, trotz der wuchtigen grünen Wellen, die sich an
seinem Körper brachen, sein ungeöltes, vom Wind zerzaustes Haar wellte sich
sanft, die Sonne schien, und die Möwen drehten träge ihre Kreise über seinem
Haupt. Da stand er, stark und majestätisch wie der Gott, dem er glich, und
nahm seine Umgebung staunend in Augenschein, eine neugeborene Gottheit, die
ihr Reich betrachtet.
Ich folgte seinem Blick, versuchte, die Welt, die
seit mehr als fünf Jahren meine Welt war, durch seine Augen zu sehen, zwang
mich selbst, ihre Farben und ihr Licht, ihre Geräusche und Gerüche neu zu
entdecken. Dutzende von Schiffen warteten darauf, in Ostias Hafen einlaufen
zu dürfen, und Dutzende anderer verließen ihn, die Segel vom Wind gebläht.
Der riesige Leuchtturm stand geräuschlos zu unserer Rechten - ein Zeugnis
römischer Baukunst und Technik und des unbeugsamen Willens zum Fortschritt.
Sein Licht weist Seeleuten den sicheren Weg, so wie Rom der Welt den Weg in
den Schutz der Zivilisation weist. Aber für mich war der Leuchtturm Symbol
für etwas anderes - so wie auch Rom nicht immer der Inbegriff des Lichtes
war.
Die Eröffnung des neugestalteten Hafens von Ostia
wird für immer verbunden sein mit dem Tag, an welchem sein Erbauer, Kaiser
Claudius, das erfuhr, was ganz Rom bereits seit vielen Jahren gewußt und
worüber es geklatscht und gelacht hatte. Dem Tag, an welchem ein gutmütiger,
ältlicher, scheuer Mann von der Untreue seiner schönen jugendlichen Frau und
- was noch schlimmer war - von ihrem politischen Verrat erfahren hatte.
Claudius hatte Messalina geliebt, aber sie hatte ihn nur manipuliert und
ihren Zwecken nützlich gemacht. Aber Messalina hatte den alten, stotternden,
hinkenden, liebeskranken Claudius unterschätzt, und sie hatte mit dem Leben
für ihre Verbrechen gegen ihren Mann, ihren Kaiser und gegen Rom bezahlt.
Der lang erwartete Tag, der so froh begonnen hatte, hatte mit einem
Gewaltmarsch nach Rom und dem unvermeidlichen Blutbad geendet. Lust kann
verziehen werden, aber politischer Verrat ist etwas gänzlich anderes. Gegen
alle Erwartungen hatte sich Claudius als überraschend guter Herrscher
erwiesen, aber von diesem Schlag hatte er sich nie erholt. War es ebenso
für Marcus Aurelius gewesen, den mächtigsten Mann der Welt, der unfähig
gewesen war, sich die Liebe seiner Frau oder wenigstens ihren Respekt zu
erwerben? War es ebenso für ihn gewesen, den weisen Herrscher, den geborenen
Politiker, den Krieger und Philosophen, der dennoch unfähig gewesen war, den
Verrat seiner Frau zu verhindern - im Bett und in der Politik? Hatte er an
Claudius gedacht, als er sich den Beweisen für Faustinas Verrat nicht mehr
hatte verschließen können - so wie ich an ihn dachte, wenn ich den
Leuchtturm sah?
Maximus stand noch immer in der Brandung, die
weiße Tunika fiel ihm in weichen Falten von den Schultern und wurde um seine
Mitte von einem breiten Gürtel aus geschmeidigem schwarzem Leder
zusammengehalten. Sie reichte ihm bis kurz oberhalb der Knie, und der Saum
hob und senkte sich mit der Bewegung der Wellen. Plötzlich reckte er die
Arme über den Kopf und verschränkte die Finger ineinander, er drehte die
Handflächen nach oben und streckte den Oberkörper nach hinten, vollkommen
entspannt, als habe das beunruhigende Gespräch über Sklaverei und
kaiserliche Intrigen niemals stattgefunden. Irgendwie überraschte mich die
plötzliche Verwandlung nicht einmal. Ich hatte lange genug am Meer gelebt
und selbst erfahren, welchen geheimnisvollen Zauber es auf meine eigenen
Ängste ausübte. Das Meer kann uns reinigen, so wie die Flut den Sand des
Strandes reinigt. Sein Zauber mag vielleicht nicht ausreichen, unsere Wunden
zu heilen, aber - jeder, dem bereits einmal eine Wunde zugefügt worden ist,
weiß das - eine gereinigte Wunde ist sehr viel leichter zu ertragen als eine
eiternde. Und was noch wichtiger ist: eine gereinigte Wunde läßt Dich
hoffen, daß Du vielleicht eines Tages nach ihr schauen und feststellen
wirst, daß der Schmerz verschwunden und statt seiner nur noch eine verblaßte
Narbe zurückgeblieben ist. Und als ich Maximus dort stehen sah, gleich einem
neugeborenen, dem Meer entstiegenen Gott, da konnte ich ungläubige Frau
nicht anders und sandte ein Gebet zu den Göttern empor - ich flehte sie an,
seine Wunden zu reinigen, sie heilen zu lassen ganz gleich wie tief und
schmerzhaft sie waren. Sie heilen zu lassen, solange noch Zeit dazu war...
Einen Augenblick dachte ich daran, zu ihm zu
gehen, selbst wenn hinaus in die Brandung zu gehen meinen ganzen Mut
erfordert hätte. Aber ich entschied mich anders, und der Grund war nicht
meine Furcht vor dem Wasser. Was bedeutet die Gefahr des Ertrinkens schon
für eine Frau, die bereit ist, ihre Freiheit für die Möglichkeit
einzutauschen, die Sklavin des geliebten Mannes zu werden? Statt dessen
stapfte ich zu dem blau-weiß gestreiften Sonnenschutz, den Nicia an einem
trockenen Plätzchen des Strandes aufgestellt hatte. Dort lagen die
versprochenen Tücher - einige ausgebreitet, andere ordentlich
zusammengefaltet - und warteten auf unsere nassen Körper. Sie hatte zwei
kleine Kissen bereitgelegt, die wir uns unter den Kopf legen konnten. Ebenso
hatte sie ihr Versprechen gehalten und ein kaltes Mittagessen zusammen mit
einem Krug frischen Wassers und einer Karaffe Falerner Weins in einen Korb
gepackt. Lächelnd streckte ich mich unter dem Sonnenschutz aus und nahm
Maximus' Anblick in mich auf, während ich ihm Gelegenheit gab, Herz und Sinn
dem Meer zu öffnen.
Geschmeidig wie eine Katze,
schoß es mir durch den Kopf, und es schnürte mir die Kehle zu, wenn ich
daran dachte, daß er eines Tages nicht mehr da sein und ich allein zurück
bleiben würde, diesmal für immer. Daß dieser Tag unweigerlich käme, wenn ich
nicht rechtzeitig einen Weg in sein Herz und seinen Geist finden könnte.
Plötzlich drehte sich Maximus um und strahlte mich
an. Ich hatte ihn schon oft lächeln sehen und das trotz der traurigen
Umstände, unter denen wir uns bisher begegnet waren, aber bei seinem Lächeln
wurde es mir jedesmal wieder warm ums Herz, denn dieses liebe, jungenhafte
Lächeln stand in verblüffendem Kontrast zu seiner gewöhnlich eher grimmigen
Miene. Es war auf eine rührende Weise unpassend, so wie sein schön
geschwungener, ein wenig femininer Mund nicht zu seinen ansonsten äußerst
männlichen Zügen paßte.
Aber dieses strahlende Lächeln, das er mir, noch
immer in der Brandung stehend, schenkte, war so ganz anders und einfach
umwerfend, das erste wirklich frohe Lächeln, das ich je bei ihm gesehen
hatte. Und ich lächelte zurück, mein Herz voller Liebe und Zufriedenheit
darüber, daß ich ihm das hatte schenken können, was dieses Lächeln auf seine
Züge gezaubert hatte. Auch wenn ich mich an jedes noch so kleine Detail
eines jeden Augenblicks, den ich mit ihm verbracht hatte, erinnern und es
wieder in mir lebendig werden lassen konnte, wußte ich, daß mir dieses
Lächeln immer besonders kostbar sein würde. Ich wußte, daß ich diesen
besonderen Augenblick und seinen bittersüßen Geschmack auch noch lange,
nachdem er fort war, würde heraufbeschwören können. Sei es, daß ich ihn an
Ehre und Pflicht verlieren würde oder erst nach einem langen gemeinsam
verbrachten Leben.
Es kam mir wie eine kleine Ewigkeit vor, bis
Maximus aus der Brandung hinaus watete und den Strand hinaufstapfte, Wasser
rann in Strömen von seinem Unterleib; die nasse weiße Tunika haftete an
seinen Hüften und Oberschenkeln, und ich mußte innerlich lächeln. So wie
sich die weiche, weiße Wolle an seinen Brustkorb geschmiegt und die Konturen
des Körpers, den sie verhüllen sollte, vielmehr betont hatte, so ließ der
nasse Stoff nur zu deutlich die intimen Erhebungen und Vertiefungen seiner
Lenden erkennen, so daß mir Staunen und Verlangen den Atem raubten. Maximus
ungezwungenes Verhalten zeigte mir nur zu deutlich, daß er sich in keiner
Weise darüber bewußt war, was seine nasse Tunika so vorteilhaft zur Geltung
brachte ... oder welche Wirkung dieser Anblick auf mich hatte.
Einmal bei mir angekommen nahm Maximus die gleiche
Stellung ein wie kurz zuvor im Wasser - nur diesmal zu meinen Füßen. Kühles
Wasser tropfte von seinem Körper auf meine Zehen. Ich warf einen kurzen
Blick auf seine Zehen: sie waren erstaunlich elegant für einen Bauern und
Soldaten. Woher kam all diese beinahe majestätische Schönheit, all diese
männliche Kraft und Stärke und Würde? Ähnelte er seinem Vater oder seiner
Mutter, oder mischte sich in seinem Körper und seinen Gesichtszügen das Erbe
von beiden? Wie ich selbst ähnelte er niemandem, den ich je gesehen hatte.
Er war in Hispanien geboren, aber alle Menschen aus diesem Teil des
Imperiums, die ich gesehen oder über die ich gelesen hatte, waren anders als
er. Woher kamen dieses dunkle Haar, der liebliche Mund, die lange elegante
Nase und diese verwirrend grün-blauen Augen? Hispanien war ein Land, in dem
es viele verschiedene Stämme gab, aber sie alle schienen dunkelhaarige
Menschen mit dunklen Augen und olivfarbener Haut hervorzubringen. Alle bis
auf die Kelten. Hatte er keltisches Blut in sich? Man sagte, daß nur die
Kelten aus dem Süden im Unterschied zu jenen aus dem Norden dunkles Haar
hätten. Aber beide Rassen zeichneten sich durch die gleichen herrlich blauen
Augen aus. Und Kelten der Südstämme hatten sich vor Jahrhunderten in
Hispanien angesiedelt ...
Durch diesen Gedanken beunruhigt schaute ich ihm
ins Gesicht. Auch wenn Maximus offensichtlich nicht bemerkte, was seine
nasse Tunika enthüllte, war es noch offensichtlicher, daß er nicht
ignorieren konnte, welche Einblicke meine eigene kurze Tunika gewährte. Ich
sah, wie sich das grün-blaue Feuer seiner Augen zu einem dunklem Glühen
wandelte, und wie diese Augen meine langen nackten Beine verschlangen, bevor
sie einen eiligen Sprung hinauf zu meinen Augen machten. Ich mußte mich
anstrengen, meine Erheiterung zu verbergen.
"Warum kommst Du nicht mit ins Wasser?" fragte er
und klang dabei eifrig wie ein Kind.
Ich legte den Kopf schräg und blinzelte ihn an.
Gegen den hellen Himmel und im strahlenden Licht der Sonne sah er einfach zu
stark, zu schön und zu kraftvoll aus, um ein gewöhnlicher Sterblicher zu
sein.
"Weil Du mir nie das Schwimmen beigebracht hast."
Maximus sah mich einen Moment lang erstaunt an,
dann lächelte er sein typisches jungenhaftes Lächeln, aber diesmal war da
auch ein Anflug von Verlegenheit. "Nein, ich fürchte, das habe ich nicht!"
Er schien einen Augenblick nachzudenken, dann fügte er hinzu: "Nun ... dann
komm eben nur bis zu den Knien hinein."
Ich schaute an Maximus vorbei auf die
hereinbrechenden grünen Wellen. So verlockend der Gedanke, zusammen mit ihm
durch die Brandung zu waten, auch war, fühlte ich mich irgendwie gehemmt,
und selbst wenn seine Nähe mir helfen würde, meine Furcht zu überwinden,
hatte ich immer noch zu viel Angst, mich in seiner Gegenwart lächerlich zu
machen. Ich verzog das Gesicht.
"Ich glaube, ich bleibe lieber hier."
"Also gut", antwortete er, legte eilig seinen
Ledergürtel ab, drehte sich um und rannte wieder hinunter zum Wasser. In der
Brandung stehend warf er sich mit einem kraftvollen Sprung in die nächste
heranrollende Welle, und der weiße Schaum verschluckte ihn augenblicklich.
Mir stockte der Atem, und ich sprang auf, der Mund
trocken und die Augen vor Schreck geweitet. Die nächste Welle kam auf den
Strand zugerollt, aber ich konnte Maximus nicht in ihr entdecken. Wo war er?
Sicherlich konnten die Wellen ihn nicht in einem einzigen Augenblick
gefährlich weit auf das Meer hinausgetragen haben, aber ... was wußte ich
schon von Wasser und Schwimmen? War alles in Ordnung mit ihm? Und wenn nicht
- was konnte ich schon tun? Ich konnte nicht schwimmen und wir waren allein
am Strand ...
Ich rannte hinunter zum Wasser, wirbelte den Sand
mit meinen Füßen auf und blieb erst stehen, als er dunkel und naß wurde. Von
Maximus keine Spur. Beunruhigt flog mein Blick über das Wasser und suchte
nach einer weißen Tunika.
Die nächste Welle schwappte auf den Strand, und instinktiv machte ich einen
hastigen Schritt rückwärts, als das kühle Wasser meine Zehen umspülte. Ich
verfluchte mich selbst für meine Feigheit und Hilflosigkeit. Allen Mut
zusammennehmend machte ich wieder einen Schritt vorwärts hinein in die
Brandung.
"Maximus?" fragte ich vorsichtig, meine Stimme
selbst für meine eigenen Ohren kaum hörbar, verschlungen vom Rauschen der
Brandung.
Verzweifelt watete ich weiter, beschattete meine
Augen mit der rechten Hand, der Widerschein der Sonne auf dem Wasser
blendete mich.
Plötzlich tauchte Maximus auf - weit draußen, wo
das Wasser blauer und ruhiger war, und er begann, mit langen, kräftigen
Zügen zum Ufer zurück zu schwimmen, ließ sich vom Schwung der Wellen tragen,
während er sich dem Strand näherte. Ich seufzte erleichtert und konnte
nicht umhin, die mühelosen Bewegungen seines Körpers zu bewundern: Maximus
- so kraftvoll, im Wasser ebenso zu Hause wie auf dem Land oder auf dem
Rücken eines Pferdes.
Er stand jetzt im Wasser und strich sein nasses
Haar zurück, dann rieb er sich das Salzwasser aus den Augen. Als er sah, daß
ich mich bis zu den Knöcheln in die Brandung gewagt hatte, lächelte er
wieder. Aber diesmal war es mehr ein freches Grinsen.
"Ich bin froh, daß Du Deine Meinung geändert
hast", sagte er. Dann, bevor ich es verhindern oder überhaupt erfassen
konnte, was er vorhatte, nahm er mich auf seine Arme und lief ins Meer
zurück.
Erschrocken schnappte ich nach Luft und klammerte
mich mit beiden Armen und meiner ganzen Kraft an seinen Hals.
"Du brauchst mich nicht zu erwürgen", sagte er mit
einem Anflug von Humor in seiner tiefen, wohlklingenden Stimme. "Ich habe
nicht vor, Dich loszulassen."
"Ich will nicht, daß mein Gesicht naß wird", sagte
ich und nahm meine Zuflucht atemlos zu der ersten Ausrede, die mir in den
Sinn kam, mein Herz klopfte so laut, daß er es sicher hören konnte.
"In Ordnung, ich werde nicht so weit hinausgehen."
Seine Stimme klang leise und sanft in meinen Ohren, aber ich konnte ihre
Schwingungen in der Tiefe seines Brustkorbes spüren, dort wo mein Körper an
dem seinen ruhte - nur eine Schicht dünner, nasser Wolle und eine noch
dünnere Schicht inzwischen ebenfalls durchnäßter Baumwolle trennten unsere
Körper voneinander. Maximus watete weiter hinaus in die rollende Brandung,
das Wasser reichte ihm bis zur Taille und spritzte hoch zu seiner Brust.
Ich bin eine hochgewachsene Frau mit langen
grazilen Gliedmaßen. Männer neigen in der Regel nicht dazu, große Frauen
hochzuheben und auf den Armen zu tragen. Nicht mal dann, wenn sie so schlank
sind wie ich. Es erfordert eine gewisse Größe und Kraft, uns mühelos und
elegant hochzuheben, und nicht viele Männer sind bereit, das Risiko
einzugehen, ein trauriges Schauspiel zu bieten und sich zu blamieren.
Und das noch viel weniger um einer Hure und
Sklavin willen.
Als ich noch ein Kind war, sehnte ich mich nach
meiner Mutter. Ich sehnte mich danach, von ihr an die Brust gedrückt und
getröstet zu werden, wenn ich einsam war und mich fürchtete. Ich sehnte mich
danach, daß sie mit mir spielte, sich um mich kümmerte und mich in den
Schlaf sang. Aber ebenso sehnte ich mich danach, auf den Arm genommen zu
werden von einem Vater, den ich mir groß und stark erträumte, so wie ich mir
meine Mutter groß und schön vorstellte. Ich sehnte mich danach, von ihm auf
den Armen getragen zu werden, geliebt und beschützt vor einer lieblosen
Welt, die aus einem zwölfjährigen Mädchen eine Hure machen durfte. Ich
sehnte mich danach, in seinen Armen getragen zu werden und mich warm und
geborgen und umsorgt zu fühlen.
Als junge Frau legte ich mich oft hin, schloß die
Augen und während ich Eugenias geheimen Träumen lauschte, sehnte ich mich
danach, von einem Mann auf den Armen getragen zu werden, der groß und stark
und gut war. Von einem Mann, der hinter meine Schönheit sah, und mich
wegtrug aus meinem Dasein als Sklavin und Hure. Ich hatte die gleichen
Träume und Sehnsüchte wie Eugenia, aber ich sprach niemals davon.
In jener schicksalhaften Nacht in Moesia fand ich
mich plötzlich in Maximus' Armen wieder, als er mich hochhob und forttrug
von der lärmenden Orgie, bei der wir uns zum erstenmal begegnet waren. Er
hatte mich in den kleinen, dunklen, hinter einem Vorhang verborgenen Alkoven
getragen, wo ich lernte, was Liebe und Leidenschaft und echte Befriedigung
bedeuten. Er hatte mich getragen, als wöge ich nicht mehr als eine Feder,
und ich hatte erfahren, wie es ist, sich warm und geborgen und umsorgt zu
fühlen. Und ich hatte diesen Alkoven als eine andere Frau verlassen, ich war
nicht länger Julia, "die Beste, die ich je gezüchtet habe", sondern eine
Frau, die ihrem Dasein als Hure und Sklavin ein Ende setzen mußte oder bei
dem Versuch, dies zu tun, sterben würde.
Ich lehnte meinen Kopf an Maximus' Schulter,
schloß die Augen und vergrub mein Gesicht an seinem Hals, atmete seinen
Geruch ein, atmete den warmen, männlichen Geruch, der so typisch für ihn
war. Atmete diese aufreizende Mischung aus sonnenwarmer Haut, Salz und Mann.
Ich zitterte
"Kalt?"
"Nein." Das war die Wahrheit. Es war nicht das
Wasser, das mich zittern machte. Nicht einmal der scharfe Kontrast zwischen
der Wärme seines Körpers und dem kalten Meerwasser.
Lange wanderte Maximus schweigend mit mir weiter
hinaus in die See, die volle Wucht der Wellen brach sich an ihm, so daß ich
nur noch die sanfte wiegende Bewegung seines Körpers spürte. Ich wünschte
mir, daß er ewig so weiter ginge, mich auf den Armen trüge, mich fest an
seinen großen, warmen, nassen Körper drückte. Ich wollte für immer in seinen
Armen bleiben, mich an seine Brust schmiegen und mich sicher, beschützt und
geborgen fühlen. Mich wirklich schön und fraulich und geliebt fühlen.
Ich konnte nicht länger widerstehen - ließ meine
Fingernägel über seinen Rücken und hinauf in sein kurzgeschnittenes feuchtes
Haar wandern.
Maximus zitterte.
Ich tat es wieder.
Er trug mich zum Strand zurück.
Als wir den trockenen warmen Sand erreichten,
stellte er mich wieder auf die Füße, aber ich weigerte mich, seinen Hals
freizugeben, preßte meinen nassen Körper an seinen. Preßte die Erhebungen
und die Weichheit meines Körpers gegen die Vertiefungen und die Härte des
Seinen. Staunte, wie perfekt sich meine Brüste an seinen harten muskulösen
Brustkorb schmiegten. Staunte, wie meine Hüften so wunderbar in die große
Wiege seiner Lenden paßten. ... wie meine langen, nackten, nassen Beine
zärtlich die seinen streichelten.
"Julia ... "
Ich spürte die Schwingungen seiner Stimme in
meinen Brüsten. Es lag etwas Warnendes in dieser Stimme, wie das Grollen
tief in der Kehle eines ruhelosen Löwen.
"Was ist?" murmelte ich träumerisch - das Gesicht
noch immer an seinen Hals gedrückt. Ich küßte die zarte Haut direkt unter
seinem Ohr, leckte an dieser salzigen, sonnendurchglühten Stelle seines
Körpers.
Ich preßte mich fest gegen Maximus, rieb meinen Unterleib an seinem und
schlang meine nackten Beine um seine Beine.
Er wurde hart.
Augenblicklich.
So schön.
Und selten in meinem Leben hatte ich so viel Macht
in mir gespürt.
Mich so als Frau gefühlt.
So lebendig.
Sechs Jahre waren vergangen. Die Umstände hatten
sich geändert, aber zwischen uns hatte sich nichts geändert.
General und Sklavin. Gladiator und Freigelassene.
Witwer und Witwe. Mann und Frau. Fleisch und Blut. Maximus und Julia.
Immer ganz Wirklichkeit.
Nie nur Schatten.
Mein Körper war seinem Körper nie gleichgültig
gewesen. Und jetzt war er sich meiner so bewußt wie eh und je.
Plötzlich packte Maximus meine Handgelenke und
löste sie gewaltsam von seinem Hals. Ohne mich anzusehen rannte er zurück,
watete ins Meer hinaus, bis ihm das Wasser bis zur Taille reichte, und
tauchte dann unter; er ließ mich einfach allein am Strand zurück, und ich
stand da und schaute ihm hinterher. Aber ich fühlte mich nicht abgewiesen
oder verletzt. Noch viel weniger gedemütigt. Heitere Leichtigkeit
zirkulierte in meinen Venen mit der Wärme von Wein und der Geschwindigkeit
einer starken Droge. Ich fühlte mich berauscht und überglücklich, und
lächelnd stapfte ich zurück zu unserem Sonnendach, legte mich in dessen
Schatten und wartete auf Maximus' Rückkehr.
Es dauerte eine ganze Weile, bis er aus dem Wasser
kam. Er schien nicht gerade erfreut, mich im Sand ausgestreckt vorzufinden.
Ich mußte nicht an mir herabschauen um zu sehen, was er sah. Meine tief
ausgeschnittene, kurz geschürzte Tunika enthüllte reichlich Haut und
Rundungen, die gewöhnlich bedeckt waren. Es war weniger, als er in jenem Bad
in Moesia schon einmal gesehen hatte, aber ich wußte nur zu gut, daß
halbnackt zu sein sehr viel erregender sein konnte als völlige Nacktheit.
Und sollte ich daran jemals irgendwelche Zweifel gehabt haben, dann hatte
der kurze Blick, den ich durch den Türspalt auf Maximus' nacktes, glänzendes
Hinterteil erhascht hatte, als er sich nach dem Bad abtrocknete,
ausgereicht, um jeden Zweifel zu beseitigen.
"Kühler jetzt?" fragte ich unschuldig, aber meine
Augen wanderten bewußt hinab zu einer ganz bestimmten Stelle. Das kalte
Wasser hatte die erwartete Wirkung getan ... fast.
"Bedeutend, Danke." Maximus streckte mir seine
Hand entgegen und vermied es dabei geflissentlich, seinen Blick auf meiner
Tunika ruhen zu lassen, dort, wo die dünne, feuchte, weiße Baumwolle an
meinen Brüsten klebte, ihre Rundungen nachbildete und deutlich die dunklen
Aureolen der harten Brustwarzen sehen ließ. Wassertropfen hingen noch immer
an meinen Beinen.
"Komm ... wir gehen zum Haus zurück."
Ich regte mich nicht. "Warum?"
Maximus blickte den Strand entlang.
"Weil niemand hier ist."
"Natürlich ist niemand hier. Dieser Strand gehört
mir. Deshalb liebe ich ihn. Es ist niemals jemand hier", sagte ich
freundlich und war nicht im geringsten geneigt, ihm zu erlauben, die Flucht
zu ergreifen - so wie er es in jener Nacht in Moesia getan hatte. Nicht
jetzt, da ich wußte, daß sein Körper noch immer meinen Körper wollte. Mit
aller Macht wollte. Ich klopfte mit der Hand neben mir auf den Sand. "Warum
setzt Du Dich nicht hin und entspannst Dich? Außerdem ist da noch der
Picknickkorb mit unserem Mittagessen."
Sein Blick suchte nochmals den Strand ab, bevor er
zögerlich tat, worum ich ihn gebeten hatte, dabei allerdings eine gute
Armeslänge Abstand von mir hielt.
Mit zu Boden gesenktem Blick fragte ich ihn:
"Maximus ... bist Du schüchtern?"
"Nein, nur ... empfindsam", murmelte er.
"Ein empfindsamer Soldat", neckte ich ihn. "Bringt
man Soldaten bei, empfindsam zu sein?"
Er war mit Sicherheit nicht gerade ein Frauenheld,
aber er verstand sehr wohl, wenn er von einer Frau geneckt wurde. Trotzdem
schien er unsicher, wie er darauf reagieren sollte, also starrte er auf das
Wasser; die Arme in Abwehrhaltung um die angezogenen Knie geschlungen
versuchte er demonstrativ, Distanz zwischen seinem verräterischen männlichen
und meinem verführerischen weiblichen Körper zu schaffen.
Mit einem Seufzer erhob ich mich und kroch zu ihm
hin. "O Maximus", sagte ich, während ich meinen Platz wechselte, mich hinter
ihn kniete und mein Kinn auf seine noch feuchte Schulter legte, meine Brüste
berührten kaum seinen Rücken. "Keine Angst, ich habe nicht vor, Dich zu
vergewaltigen."
Er sagte kein Wort, aber sein Körper versteifte
sich, und ich konnte die Anspannung seiner starken Muskeln deutlich spüren.
Es verlangte mich so sehr danach, seinen Hals noch einmal zu küssen, aber
mit einem unterdrückten Seufzer hielt ich mich zurück. Es war ganz
offensichtlich noch zu früh, ihn zu weiteren Intimitäten zu drängen. Mir kam
der Gedanke, ob er es sich wohl je erlauben würde, dazu bereit zu sein, aber
ich zwang mich, diesen Gedanken nicht weiter zu verfolgen.
Statt dessen wanderte meine Hand seinen linken Arm
hinauf, während ich seinen Nacken betrachtete, der wegen seines militärisch
kurz geschnittenen Haars bloß und verwundbar meinem Blick preisgegeben war.
Er hatte ein Mal am Nacken. Ein köstliches, goldbraunes, verführerisches
Mal, das geradezu darum zu betteln schien, daß ich es küßte, an ihm leckte,
saugte und es dann zärtlich biß.
So, wie seine fordernde harte Männlichkeit sich
gegen meinen Schoß gepreßt und stumm darum gebettelt hatte, von meinen
Händen umfangen, gestreichelt, tief in mich aufgenommen und dem befreienden
Höhepunkt entgegengetrieben zu werden - wie hart auch immer seine
Selbstkontrolle darum kämpfen mochte, es zu verhindern. Wie sehr auch immer
er es zu leugnen versuchte.
Unfähig, der Versuchung zu widerstehen, preßte ich
meine Brüste an seinen breiten, muskulösen Rücken, näherte meine Lippen
seinem Nacken ... und hielt inne, als meine Fingerspitzen eine Unebenheit
auf der Haut seines Oberarms wahrnahmen. Ich drehte den Kopf, um die Stelle
in Augenschein nehmen zu können.
Maximus rührte sich nicht.
"Was ist das?" fragte ich, während meine Finger
über die beiden länglichen Erhebungen glitten.
"Narben."
Seine Stimme klang flach und tonlos. Bar jeden
Gefühls.
"Ja, das sehe ich", sagte ich so ruhig wie
möglich, denn ich spürte, wie diese Unwilligkeit zu reden wieder von ihm
Besitz ergriff. Ich spürte, wie der gesprächige Mann, der noch vor kurzem
mit Appetit Pinienkern-Kekse verspeist, einen zornigen Hund im Zaum gehalten
und Wahrheiten akzeptiert hatte, die einem schwächeren Charakter im
Handumdrehen den Garaus gemacht hätten, wie dieser Mann sich von einer
Minute auf die andere in sich zurückzog.
"Woher stammen sie? Verwundungen in der Schlacht?"
fragte ich und erinnerte mich an die andere Narbe auf seinem Oberschenkel*1.
"Sozusagen."
"Maximus ... schließ mich bitte nicht aus."
Meine eigene Stimme erschreckte mich. Weder bat
noch forderte ich.
Konstatierte lediglich mein Recht, die Wahrheit zu
wissen.
Maximus seufzte tief und drehte dann den Kopf, so
daß seine bärtige Wange beinahe meine Lippen streifte, sein ihm eigener Duft
mir in die Nase stieg und ich das Vibrieren seiner tiefen Stimme in meinen
Brüsten spürte.
"Die untere ist das, was von meiner
SPQR-Tätowierung noch übrig ist, die mich als einen Soldaten Roms
kennzeichnete. Ich habe sie mit einem scharfen Stein herausgeschnitten, kurz
nachdem ich aufgewacht war und feststellte, daß ich ein Sklave war."
Die Buchstaben SPQR waren in den linken Oberarm
jedes Mannes eintätowiert, der in der römischen Armee diente - sei er
General oder einfacher Legionär - um ihn daran zu erinnern, wohin er gehörte
und wofür er kämpfte: Senatus Populusque Romanus. Den Senat und das Volk von
Rom. Nicht für den Kaiser. Nicht für einen Mann und dessen irdischen Ehrgeiz
sondern für eine Idee. Für eine Vision. Für die Größe des Imperiums.
Jeder, der General Maximus Decimus Meridius
gekannte hatte, konnte sich leicht vorstellen, wie stolz er darauf gewesen
war, Teil der römischen Armee zu sein. Wie stolz er auf die vier in seinen
Oberarm tätowierten Buchstaben und auf das, wofür sie standen, gewesen war.
Wie sehr er die Idee und die Vision geliebt hatte, denen sein Leben geweiht
gewesen war. Ich hatte es mit eigenen Augen gesehen. Ich erschauderte bei
dem Gedanken, wie er sie mit einem scharfen Stein aus seinem eigenen,
lebendigen Fleisch geschnitten hatte. Mir schauderte beim Gedanken an den
physischen Schmerz, den er erduldet haben mußte. Und mir schauderte beim
Gedanken an das Leid und den seelischen Schmerz, die ihn dazu getrieben
hatten, das zu tun - die letzte Verbindung zu seinem vergangenen Leben und
zu dem, was er gewesen und wofür er gekämpft hatte, zu durchtrennen. Die
letzte Verbindung zu der Idee und der Vision, die mit ihm zusammen verraten
worden waren.
"Die obere ist das Überbleibsel einer
Schwertwunde. Sie wurde mir zugefügt, als ich den Prätorianern, die mich
hinrichten sollten, entkam", erklärte er weiter mit derselben tonlosen
Stimme, die so an meinen Nerven zerrte. "Während meines Ritts nach Spanien
entzündete sie sich schlimm, und das Fieber brachte mich beinahe um. Maden
haben sie gereinigt ... "
Galle stieg mir in die Kehle, als ich nur daran
dachte, wie dieses warme, lebendige Fleisch unter meinen Fingern von Maden
wimmelte, und ich erschauderte abermals.
" ... dann hat mich Juba am Leben erhalten. Damals
war ich ihm nicht gerade dankbar, aber heute bin ich es."
Er verstummte und blieb unbeweglich sitzen, so nah
und doch so weit weg. So kraftvoll und so stark wie immer und trotzdem
unbeschreiblich schwach und verwundbar. So schwach und verwundbar, wie er
mir nie zuvor erschienen war. Nie hatte ich es für möglich gehalten, daß er
einmal so sein würde.
"Maximus", drängte ich ihn sanft, fühlte, daß,
wenn ich ihn zu sehr bedrängte, er mich entweder für immer ausschließen oder
einfach zusammenbrechen würde - und ich konnte nicht sagen, was schlimmer
wäre, "bitte sag mir, was geschehen ist."
Er wandte seinen Blick wieder dem Meer zu und
begann zu erzählen - die monotone Weise, in der er anscheinend ohne jede
Emotion sprach, brachte mich beinahe zum Wahnsinn. Wenn Tote sprechen
könnten, dann würden ihre Stimmen so klingen.
"Bald nach der letzten Schlacht wurde ich eines
Nachts aus dem Bett gerufen. Quintus sagte mir, daß der Kaiser mich sehen
wolle. Ich war beunruhigt, daß Marcus mich mitten in der Nacht zu brauchen
schien. Also eilte ich zu seinem Zelt, nur um mich mit einem in Tränen
aufgelösten Commodus konfrontiert zu sehen.
Marcus war tot.
Erwürgt."
Ich schnappte deutlich vernehmbar nach Luft. Ich
sagte mir, daß ich mich wohl verhört haben mußte. Daß Maximus sich irren
mußte. Ich zwang mich, eines davon zu glauben. Oder beides.
Aber ich wußte, daß er die
Wahrheit sagte und daß ich richtig gehört hatte.
Marcus Aurelius war ermordet worden. Man hatte ihn
erwürgt.
Maximus sprach weiter, als habe er meine Reaktion
nicht bemerkt.
"Commodus reichte mir seine Hand und forderte mich
auf, ihm als dem neuen Kaiser die Treue zu schwören. Ich weigerte mich und
kehrte in mein Zelt zurück, um mich anzukleiden und die Senatoren, die im
Lager zu Besuch weilten, zu mir zu rufen - ein, wie sich herausstellen
sollte, verhängnisvoller Fehler.
Quintus und einige Wachen kamen und verhafteten
mich, sie sagten mir, Commodus habe befohlen, mich zu exekutieren und meine
Familie zu töten."
Seine Stimme versagte nicht, als er seine
hingemordete Familie erwähnte, aber ich konnte das leichte Zittern seines
Körpers spüren.
"Warum, Maximus?" fragte ich leise, meine Gedanken
überschlugen sich, als ich an die Konsequenzen des Gesagten dachte. "Glaubte
er, Du hättest seinen Vater ermordet?"
Maximus lachte rauh, der Klang seines Lachens so
unangenehm und irritierend, daß mir ein Schauer über den Rücken lief.
Plötzlich wurde mir klar, daß ich ihn nie hatte lachen hören. Daß ich ihn
nie hatte wirklich und von Herzen lachen hören.
Unpassenderweise fragte ich mich, ob ich dazu noch
jemals Gelegenheit haben würde.
"Kaum. Der Kaiser war sehrwohl ermordet worden,
aber Commodus war derjenige, der es getan hatte. Ich dachte damals, daß auch
Lucilla in die Sache verwickelt gewesen sein könnte, aber heute bin ich mir
dessen nicht mehr sicher."
Ich konnte nicht mehr atmen - als habe man mir
einen heftigen Schlag in die Magengrube versetzt. In den Ohren hörte ich das
Rauschen meines eigenen Blutes und das betäubende Echo einer Verschwörung,
deren letzter Akt vor sechs Jahren in Moesia stattgefunden zu haben schien.
Einer Verschwörung, die unbeabsichtigt das Leben einer achtzehnjährigen
Sklavin und Hure verändert hatte. Einer Verschwörung, die letztendlich alles
zerstört hatte, was Maximus je geliebt hatte. Und die inzwischen auch das
Schicksal Roms auf fatale Weise verändert hatte.
Commodus hatte seinen Vater erwürgt. Er hatte sein
eigenes Blut verraten, es auf dem Altar seines Ehrgeizes vergossen. Des
Ehrgeizes, den Faustina in ihm geschürt hatte, seit er noch ein Kind gewesen
war. Des Ehrgeizes, der zusammen mit Grausamkeit zu einer tödlichen Mischung
geworden war.
Und wieder mußte ich an Claudius denken. Was
Messalina nicht geschafft hatte, das sollte ihrer Nachfolgerin gelingen.
Agrippina, Claudius' Nichte und gleichzeitig seine vierte Ehefrau. Ihre
Waffe war ein Gericht aus Wildpilzen gewesen, das der alte, betrunkene,
verbitterte Kaiser ahnungslos verschlungen hatte, nachdem der Vorkoster von
den Feinden aus des Kaisers eigenem Hause bestochen worden war. Agrippinas
Absicht war es gewesen, ihren eigenen Sohn aus einer früheren Ehe mit Kaiser
Nero auf den Thron zu bringen. Wie oft war dasselbe alte, tödliche Spiel in
den Mauern des Palastes auf dem Palatin aufgeführt worden? Und wie viele
Male wird man es noch spielen? Hatte Marcus Aurelius an Claudius gedacht,
als er seinem eigenen Tod durch die Hand seines Sohnes ins Auge blickte?
"Also ... befahl er Deine Hinrichtung, weil Du
vermutetest, daß er seinen Vater ermordet hatte?" fragte ich, als ich meine
Gefühle wieder so weit unter Kontrolle hatte, daß ich sprechen konnte. "Es
gibt viele Leute, die glauben, daß er den Kaiser ermordet haben könnte,
Maximus ... nicht nur Du."
Maximus' Augen blieben auf die ruhelose Brandung
geheftet.
"Ich war eine Bedrohung für ihn, weil ich ihm die
Gefolgschaft verweigerte und die volle Loyalität der Armee besaß. Ich hätte
äußerst gefährlich werden können für seinen zögerlichen Griff nach der
Krone."
Als habe er plötzlich eine Entscheidung getroffen,
nahm Maximus meine Arme von seinen Schultern und wirbelte im Sand herum, um
mir ins Gesicht sehen zu können. Er preßte meine Handgelenke fest zusammen
und zog mein Gesicht dicht an das seine, meine Brüste berührten seine Brust
als habe er die Absicht, mich zu küssen. Wenn unsere Haltung bei einem
zufälligen Betrachter auch den Eindruck von Intimität hervorgerufen haben
könnte, so war daran kaum etwas Intimes. Aus den grün-blauen Seen seiner
Augen schienen Funken zu sprühen und er senkte seine Stimme zu einem kaum
hörbaren Flüstern.
"Ich habe das noch niemand erzählt, und Du darfst
es auch niemand weitersagen, unter keinen Umständen. Verstehst Du? Unter
keinen Umständen! Versprich es mir!"
____________________________________________
*1 vgl. Julias Tagebuch 2.Teil 12b und Maximus’ Geschichte Kap.82f. |
|

18.b Maximus' Geheimnis -
180 A.D.
Ich nickte, und wieder war ich erstaunt, mit
welcher selbstverständlichen Natürlichkeit er sich an mich wandte, wenn es
darum ging, sich jemandem anzuvertrauen.
"Ja", flüsterte ich, blaß und mit zitternden Knien
versuchte ich vergeblich, mich für das zu wappnen, was Maximus sagen würde,
denn ich war mir bewußt, daß ich dessen Tragweite nicht im mindesten auch
nur erahnen konnte.
"Ich vermute, daß Commodus seinen Vater ermordete,
nachdem Marcus ihm mitgeteilt hatte, daß er nicht der nächste Kaiser sein
würde."
Verblüfft runzelte ich die Stirn in dem Bemühen,
richtig zu verstehen, was er damit sagen wollte.
"Maximus, es ist keine Überraschung, daß Marcus
Aurelius Commodus nicht zu seinem Erben machen wollte", sagte ich
vorsichtig.
"Nein, aber eine Überraschung ist, wen er
ausgewählt hatte."
"Wen?"
Maximus lockerte seinen eisernen Griff, und seine
schwieligen Finger strichen zärtlich über meine Handgelenke, als wolle er
die roten Male wegstreicheln, die dieser Griff dort hinterlassen hatte, aber
ich wußte nur zu gut, daß er mich auf einen Schlag vorbereitete.
Und daß dies ein vernichtender Schlag sein würde.
Es erschien mir wie eine Ewigkeit, bis Maximus
tief Luft holte und dann langsam ausatmend sagte: "Mich."
Ich war wie vom Blitz getroffen und suchte
vergeblich nach Worten.
Vor meinem inneren Auge sah ich eine Szene, die
sich vor ungefähr einem Monat abgespielt hatte*1. Aemilius Trebutius Flaccus
und ich wanderten durch meinen in voller Blüte stehenden Garten.
"Er ist nur daran interessiert, den Pöbel zu
unterhalten ... und sich selbst. Ich muß zugeben, daß Marcus Aurelius mich
mit der Wahl seines Erben enttäuscht hat. Commodus ist sein einziger noch
lebender Sohn, aber ... "
Ich bewegte die Lippen, konnte aber keinen Laut
hervorbringen. Statt dessen dröhnte die Stimme meines Bankiers weiter in
meinem Kopf.
"Rom braucht einen nüchternen, starken,
moralischen Mann, der mit dem Militär und dem Senat umzugehen weiß und in
der Lage ist, das Auseinanderfallen des Reiches zu verhindern."
In dem unsichtbaren Wirbelwind, der mich in seinem
Zentrum gefangenzuhalten schien, vermischte sich Aemilius Trebutius Flaccus'
Stimme mit dem Gebrüll des Pöbels im Kolosseum.
"Maximus! Maximus! Maximus!"
Der Strand um mich herum verschwand und wurde
ersetzt durch die Vision einer anderen Art von Sand. Er hatte rote Flecke.
Das rote Blut der gefallenen, besiegten Gegner und
die blutroten Blütenblätter der Rosen, die man auf den Sieger herabregnen
ließ. Rotes Blut, vergossen auf dem Altar der mächtigen Göttin Roma und
blutrote Rosenblüten als Tribut an den vergötterten Helden.
"Maximus! Maximus! Maximus!"
Die Stimme der Masse wich der von Aemilius
Trebutius Flaccus.
"Wir brauchen einen neuen Vespasian. Einen neuen
Trajan. Aber man hat uns ein leichtsinniges Bürschchen aufgehalst, das
glaubt, Kaiser zu sein bestehe nur darin, feine Kleider zu tragen und den
Spielen vorzusitzen ... "
Die Vision verschwand, nur um abermals durch eine
andere ersetzt zu werden. Blutrote Rosenblätter fielen auf einen
geschwungenen goldenen Triumphwagen, der von makellos weißen Rössern über
die Via Triumphalis gezogen wurde. Der Pöbel brüllte ekstatisch, als der
Wagen vorüberrollte, und warf Blumen auf den Mann, der eine purpurrote
Tunika und einen goldenen Brustpanzer trug, ein ebenfalls purpurner Umhang
fiel ihm, gehalten durch beinahe tellergroße Spangen, von den Schultern. Ein
altes Muster von Akanthus-Blättern war mit Goldfäden auf den Umhang gestickt
und ein goldener Lorbeerkranz umgab seine hohe Stirn. In der Hand trug er
den Jupiterstab - das elfenbeinerne Zepter mit dem goldenen Adler auf der
Spitze, das nur die Gottheit selbst und der römische Kaiser berühren dürfen.
Ein hochgewachsener, kräftiger Mann mit der
Haltung eines Soldaten und der befehlsgewohnten Ausstrahlung des geborenen
Führers. Ein sonnengebräunter, muskulöser Mann mit dunklem Haar, dunklem
Bart. Er hatte ein offenes, schönes, ausdrucksvolles Gesicht, auf dem sich
dennoch Zurückhaltung widerspiegelte. Mit einem schön geschwungenen, ein
wenig femininen Mund, einem Grübchen am Kinn und herrlichen grün-blauen
Augen.
Imperator
Caesar Maximus Decimus Meridius Augustus.
Trompeten wurden geblasen. Pferdehufe dröhnten
über das Kalksteinpflaster. Banner wehten und wirbelten im Wind. Goldene
Adler leuchteten in der Sonne. Ein Taumel der Begeisterung umgab den Mann
auf dem Wagen. Der Jubel der Masse über den neuen Kaiser grenzte an
Wahnsinn. Der neue Pater Patriae (*), Pontifex Maximus (**) und Herrscher
Roms.
Der mächtigste Mann der Welt.
"Maximus! Maximus! Maximus!"
Ich konnte mir keinen anderen Mann vorstellen, der
ihre Liebe, ihre Verehrung und Treue mehr verdiente. Ich konnte mir keinen
anderen Mann vorstellen, welcher dieser Ehre, der Krone und allem, was mit
dem römischen Kaisertum verbunden war, würdiger war. Eingehüllt in Purpur
und Gold und Macht wirkte er unnahbar und unendlich würdevoll.
Grenzenlos einsam.
Und für mich auf ewig verloren.
"Heil Caesar!" rief eine Stimme in meinem Inneren,
und ich erkannte die Stimme des ängstlichen kleinen Mädchens, das ich
gewesen war. Das ich noch immer war. Des kleinen Mädchens, das noch immer in
mir lebte.
Ich wußte, daß ich kalkbleich gewesen sein und ihn
entgeistert angestarrt haben mußte, aber der Ausdruck in Maximus' Augen
sagte mir, daß mein Anblick noch sehr viel schlimmer gewesen sein mußte, als
ich gedacht hatte.
"Ich hatte das nicht gewollt, Julia", fügte er
nachdrücklich hinzu, "aber Marcus drängte mich so, daß ich ihn nicht
enttäuschen konnte. Er wollte sicher stellen, daß Rom wieder zur Republik
würde, und er dachte, daß ich der Richtige für diese Aufgabe sei. Anfangs
lehnte ich ab, dann bat ich um Bedenkzeit ... und endlich kam ich vor
Sonnenuntergang zu ihm zurück und brachte ihm meine Zustimmung. Wie hätte
ich ihm das abschlagen können? Wir unterzeichneten die Verträge. Nachdem ich
gegangen war, mußte Marcus die Neuigkeit entweder Commodus mitgeteilt haben,
oder dieser hat den Vertrag gefunden. Vermutlich nahm er an, daß
wahrscheinlich keiner weiter davon wußte, und ihm war klar, daß, wenn er
seinen Vater und dann mich tötete, niemand je davon erfahren würde."
Ich konnte fühlen, wie meine Wangen langsam wieder
Farbe bekamen, und Maximus mußte gesehen haben, daß ich mich von dem Schock
zu erholen begann, denn er ließ meine Handgelenke los und seine großen
warmen Hände in einer tröstenden Gebärde zart über meine Arme gleiten.
Er tröstete mich. Er, welcher der Herrscher Roms
hätten sein sollen aber statt dessen alles verloren hatte - seinen Rang,
seinen Kaiser, seine Freiheit, seine Familie, seinen Hof - und den man zu
einem Sklaven erniedrigt hatte, der zur Unterhaltung des Pöbels kämpfen
mußte, er tröstete mich. Er entschuldigte sich, daß er zum Nachfolger des
mächtigsten Mannes der Welt erwählt worden war.
Das war so typisch für Maximus, daß mir beinahe
die Tränen kamen.
"Aber ich bin nicht gestorben."
Ich klammerte mich Halt suchend an Maximus'
Schultern, die Bedeutung dessen, was ich eben gehört hatte, wirbelte einem
Strudel gleich in meinem Inneren. Es war einfach zuviel, um es so schnell
vollständig erfassen zu können. Aber ich konnte das unerbittliche Klicken
hören, als sich die Teile des Puzzles - eines nach dem anderen - zu einem
großen Ganzen fügten.
"Aber warum befahl er, Deine Familie zu töten?"
Meine Lippen waren taub, und ich erkannte kaum
meine eigene Stimme oder die Offensichtlichkeit meiner Frage.
"Er wollte ein Exempel statuieren, um jeden
möglichen Widerstand aus dem Militär zu brechen. Und ... um sicher zu
stellen, daß es keinen Sohn geben würde, der, einmal zum Mann
herangewachsen, meinen Tod rächen könnte."
Maximus sah mich an, Zärtlichkeit schien sanft und
warm in seinen Augen.
"Verstehst Du, was ich meine, wenn ich sage, daß
mein Leben immer noch äußerst kompliziert ist?"
Ich
fand keine Worte und nickte nur stumm.
"Und jetzt kann er Dich nicht töten, weil das Volk
von Rom Dich so sehr liebt", flüsterte ich und strich mit den Fingerspitzen
langsam über die eine Seite seines schönen, geliebten Gesichtes. "Sie lieben
Maximus, den Gladiator, und sie ahnen nicht einmal, daß er ihr rechtmäßiger
Herrscher ist."
Die Ironie all dessen war so erbarmungslos, daß
ich das Gefühl hatte, ihre Bitterkeit in meinem Mund schmecken zu können.
Nicht zum erstenmal fragte ich mich, welche eifersüchtige, egoistische
Gottheit die Fäden von Maximus' grausamem Schicksal gesponnen haben mochte.
Aber zum erstenmal hatte ich nicht das Bedürfnis, diesen unbekannten,
verborgenen Gott zu verfluchen, denn jetzt wußte ich, daß menschliche
Grausamkeit, Eigensucht und Mißgunst jede nur erdenkliche Bosheit noch
übertreffen können.
Ohne einen Blick von ihm zu lassen streichelte ich
mit meinen Fingern seinen kurzgeschnittenen Bart. "Noch ein Grund, Commodus
zu töten ... um den Tod des Kaisers zu rächen. Du hast viele Gründe."
Er nickte.
Auch damit hatte ich recht gehabt. Seine
Geheimnisse würde er eines Tages mit mir teilen - so wie er es eben bereits
getan hatte. Aber das, was auf ihm lastete, gehörte ihm, und er allein mußte
- und würde - es tragen.
Wir schwiegen einen langen Augenblick, und das
einzige Geräusch war das stärkerwerdende Tosen der Brandung.
"Maximus ... wie hat er Olivia und Marcus
getötet?"
Der sanfte Ausdruck in seinen Augen wich einer
drohenden Wolke. Dann senkte er den Blick und betrachtete den Sand.
Als er sprach, klang Maximus' Stimme rauh, kaum
unterdrückte Wut schnürte ihm die Kehle zu.
"Er befahl, sie lebendig zu verbrennen und zu
kreuzigen."
Mir wurde übel und instinktiv hielt ich mir die
Hand vor den Mund, weil ich fürchtete, ich würde mich übergeben müssen. Mir
wurde schwindelig, und ich schloß die Augen.
Und wieder hatte mein Gefühl nicht getrogen. Was
Maximus gesehen hatte, als er die Körper seiner Frau und seines Sohnes fand,
waren nicht einfach nur zwei tote Menschen gewesen. Auch das, was diesen Tod
herbeigeführt hatte, war nicht gewöhnlich gewesen.
"Ein weiterer Beweis für die Grausamkeit dieses
Mannes", fuhr Maximus fort und fügte dann hinzu, "mein Junge war vollkommen
unschuldig, aber er ist tot, weil ich so dumm war, Commodus' Hand
zurückzuweisen, und ihm meine Gefolgschaft verweigert habe."
Während er sprach, war seine Stimme lauter
geworden, und in seinen Worten lag soviel Selbsthaß, daß meine benommene
Übelkeit ganz schnell verflog. Er weigerte sich noch immer, mich
anzublicken, aber ich nahm sein Gesicht in beide Hände und zwang ihn, mir in
die Augen zu sehen.
"Das hättest Du nicht tun können - da Du nun mal
wußtest, was Du wußtest", sagte ich. Ich sprach langsam, jedes einzelne Wort
betonend, und schaute ihm dabei in die Augen, versuchte verzweifelt, zu ihm
durchzudringen. Versuchte, seine Vernunft zu erreichen, wohin immer sie sich
unter dem Ansturm seiner mühsam unterdrückten Qual und Trauer zurückgezogen
haben mochte.
"Doch, ich hätte es tun können, und ich sollte es
getan haben. Ich hätte ihm meine Unterstützung zusagen und dann aus dem
Verborgenen gegen ihn arbeiten können", stieß er hervor. "Statt dessen habe
ich mein Gefühl und nicht meinen Verstand sprechen lassen, und meine Frau
und mein Sohn haben für meinen Fehler bezahlt. Ich bin für ihren Tod ebenso
verantwortlich wie Commodus."
"Nein ..."
"Ja, das bin ich."
Ich sprang mit einer Schnelligkeit auf die Beine,
die uns beide überraschte.
"In Ordnung, Maximus, Du bist nicht perfekt",
schrie ich ihn an. "Der große General ist nicht unfehlbar. Du verdienst es
also zu sterben, nur weil Du menschlich bist so wie wir alle? Du verdienst
es zu sterben, weil Du ein Herz hast? Weil Du Deine Gefühle hast sprechen
lassen?"
Maximus starrte wütend zu mir herauf. "Ein General
darf sich nicht von seinen Gefühlen beherrschen lassen."
"Ein General, der ein Mensch ist, darf das. Und
Menschen machen Fehler. Sogar schwere Fehler. Aber Du verdienst nicht den
Tod, nur weil Du menschlich gehandelt hast. Verstehst Du mich?"
Ich ließ mich wieder auf die Knie fallen und
packte sein bärtiges Kinn.
"Hat Deine Frau den General oder den Mann geliebt?
Liebe ich den General oder der Mann?"
Ich konnte sehen, wie meine Worte ihn verwirrten.
Zutiefst verwirrten.
"Ich weiß nicht", sagte er heiser. Tränen stiegen
ihm in die Augen und er versuchte, mich wegzuschieben, so wie ein
verwundetes Tier sich instinktiv gegen Hilfe wehrt, weil Schmerz und
Hilflosigkeit und Unsicherheit es mißtrauisch machen. Aber ich ließ ihn
nicht los, warf mich auf ihn und setzte mich auf seine Knie, um ihn am
Aufstehen zu hindern. Ich wußte, daß er mich mit Leichtigkeit hätte
wegstoßen können, aber er tat es nicht. Statt dessen machte er eine Bewegung
als wolle er sein Gesicht mit den Händen bedecken, doch ich hielt sie fest,
zog sie mit Nachdruck weg und zwang ihn, mich wieder anzusehen.
"Dann will ich mich ganz deutlich ausdrücken",
sagte ich und holte tief Luft. "Ich liebe den Mann, und ich bin sicher, daß
auch Olivia den Mann geliebt hat. Den Bauer. Den Ehemann. Den Vater. " Ich
beugte mich vor, und bevor ich noch wußte, was ich tat, küßte ich zart seine
Lippen. "Den Sklaven."
Ich ließ mich zurückfallen und schaute in sein
erhitztes Gesicht.
"Verstehst Du?"
Maximus nickte, traute offenbar seiner eigenen
Stimme nicht. Endlich ließ er den Kopf sinken. Wir schwiegen eine kurze
Weile, dann vergrub ich meine Finger in dem weichen Haar seines Nackens.
"Ich mag es lieber, wenn Du kein Öl in Dein Haar
tust. Warum trägst Du es nicht immer so wie jetzt?" fragte ich, als hätten
seine überraschenden Enthüllungen und meine neuerliche Liebeserklärung
niemals stattgefunden.
Maximus seufzte und er sprach dem Sand zugewandt.
" Es läßt mich nicht bedrohlich genug aussehen."
Seine Antwort war so absurd, daß ich mich trotz
der traurigen Umstände nicht beherrschen konnte.
"Da hast Du recht. Das tut es nicht." Dann lachte
ich. Meine plötzliche Erheiterung schien Maximus nicht zu verletzen. Statt
dessen lockte sie ein zögerliches Lächeln auf seine schönen Züge.
Erst jetzt bemerkte ich, daß ich seinen Nacken
gestreichelt und daß er mich hatte gewähren lassen. Ich lehnte mich vor und
küßte ihn nochmals zart. Maximus wandte sich nicht ab. Sollte ich endlich
seine Abwehr durchbrechen? Hatte er endlich erkannt, wie sehr er
Zärtlichkeit vermißte und brauchte? War er bereit anzunehmen, was ich ihm
geben wollte?
Dann tat ich das, was ich seit jener ersten Nacht
in Moesia hatte tun wollen.
Ich kniete mich vor ihn und zog Maximus so an
mich, daß sein Kopf an meinen Brüsten ruhte, dann nahm ich ihn fest in die
Arme, wiegte ihn wie ein müdes Kind. Gab ihm Schutz und Trost und Wärme.
Schenkte ihm eine Zufluchtsstätte in einer Welt, die brutal und grausam und
dunkel war.
Schenkte ihm eine Zufluchtsstätte, so wie er es
für mich getan hatte.
Er schien einen Moment lang zu zögern, dann legte
er seinen Arme um meine Taille, drückte mich an sich und seufzte abermals.
Ein tiefes Seufzen, das ihn erschauern ließ und von Leid und Traurigkeit und
Schmerz sprach, aber auch von Sehnsucht und Verlangen und Hingabe.
Ich ließ meine Wange auf seinem Kopf ruhen und
lächelte. O ja, er kam endlich zur Vernunft! "Jetzt verstehe ich alles",
sagte ich leise. "Alles - nur nicht, wie Du ein Sklave und Gladiator werden
konntest. Wie ist das geschehen?"
Maximus rückte unbewußt ein wenig hin und her, um
seinen großen Körper besser an dem meinen ruhen lassen zu können - und ich
lächelte wieder.
"Ich kam zu spät in Spanien an, um meine Frau und
meinen Sohn retten zu können, und es blieb mir nur noch, sie zu beerdigen.
Ich war sehr krank, hatte hohes Fieber und war so schwach, daß ich mich auf
ihre Gräber legte und hoffte, mit ihnen sterben zu dürfen."
Ich drückte ihn fester an mich.
Sein Kopf lag an meiner Brust, und als er sprach,
kitzelte sein Bart durch den dünnen Stoff meiner Tunika hindurch auf meiner
Haut, sein warmer Atem strich zart über mein Fleisch. Ich trug kein
Brustband. Das tue ich selten. Wenn man aufgewachsen ist, ohne solche zu
tragen, dann verursacht der Gebrauch von Brustbändern als Erwachsene ein
scheußliches Unbehagen.

Maximus mußte es bemerkt haben, schon lange bevor ich ihn in die Arme
genommen hatte. Und wenn nicht, dann wußte er es jetzt mit Sicherheit.
"Als
ich sehr viel später wieder erwachte, fand ich mich auf einem Wagen wieder,
umgeben von seltsamen Leuten - Nomaden, die Tiere und Menschen fangen, um
sie an Gladiatorenschulen zu verkaufen. Juba war bei mir, er hatte bereits
begonnen, meine Wunde zu versorgen, und nur deshalb bin ich überhaupt wieder
zu mir gekommen. Ich war zu schwach, um sprechen oder protestieren zu können
und war erst wieder ansprechbar, als man uns in den Laderaum eines Schiffes
verfrachtete, das nach Nordafrika, nach Zucchabar segelte.
"O Maximus ... den Laderaum eines Schiffes",
flüsterte ich, als ich mich daran erinnerte, wie unser erstes
Zusammentreffen nach sechs Jahren verlaufen war: er an eine Marmorsäule in
meinen Wohnräumen gekettet und ich damit drohend, ihn auf eines meiner
Schiffe schleppen zu lassen. "Es tut mir so leid, daß ich Dir gedroht habe,
Dich in den Laderaum meines Schiffes werfen zu lassen."
"Ist schon gut. Wir wurden auf einem Marktplatz
angekettet - ich war zu schwach, um auch nur stehen zu können - und
potentielle Käufer begutachteten uns wie Vieh. Dort hat Proximo mich
gekauft, und Juba auch, so wie ein halbes Dutzend anderer. Er bezahlte für
die Tiere mehr als für uns. Wir wurden in einen Sklavenwagen gefercht und zu
seiner Schule gekarrt, um dort ausgebildet zu werden. Dort habe ich Haken
kennengelernt. Er ist ein riesiger Kerl und ein erfahrener Gladiator, ein
Germane. Vermutlich ein Kriegsgefangener. Es war seine Aufgabe
herauszufinden, wie es um unsere Befähigung zum Kämpfen bestellt war."
"Du mußt für ihn eine Überraschung gewesen sein",
flüsterte ich in sein Haar.
"Mit Sicherheit. Ich weigerte mich zu kämpfen. Man
gab mir einen hölzernen gladius (***), aber ich schaute ihn nur an und warf
ihn Haken vor die Füße. Er schlug mich hart auf meine verletzte Schulter,
und der Schmerz ließ mich beinahe ohnmächtig werden. Ich sank zu Boden,
konnte aber wieder aufstehen und ihm erneut gegenüber treten. Ich ging
langsam auf ihn zu, forderte ihn heraus. Diesmal zielte er auf meinen Magen,
und ich ging wieder zu Boden, konnte aber trotzdem aufstehen und ihn
veranlassen, mich nochmals zu schlagen. Ich sah, wie er das Schwert hob und
auf meine Kehle zielte, und ich wußte, daß der nächste Schlag tödlich sein
würde ... also stand ich da und wartete."
"Du wolltest sterben."
Maximus nickte an meiner Brust und rieb dabei
unabsichtlich an einer meiner bereits harten Brustwarzen, seine Lippen nur
wenige Zentimeter von der anderen entfernt - und von dem Trost und der
Wärme, die sie ihm zu schenken bereit war. "Alles, was mir kostbar war,
hatte man mir genommen, und ich konnte nicht ein Leben als Sklave führen ...
als Gladiator, der Menschen zum Vergnügen tötet. Aber auch diesmal
verschmähte mich der Tod."
Ich drückte ihn nicht mehr so fest an mich und
küßte zart seine Stirn. Die feuchte, sonnengebräunte Stirn, die den goldenen
Lorbeerkranz hätte tragen sollen.
"Proximo schickte uns in die Arena des Ortes ...
ein schäbiges Bauwerk. Die meisten Leute saßen auf den Hügeln, welche die
Arena umgaben. Wir waren paarweise zusammengekettet - ein wahrscheinlicher
Sieger mit einem sicheren Verlierer. Ich war an Juba gekettet, von dem man
glaubte, daß er der Sieger in unserem Paar sein würde, da ich mich zu
kämpfen weigerte. Aber so konnte ich nicht sterben ... im Angesicht der
Masse, die meinen Tod bejubeln würde. Ich denke, es war der Stolz des
Soldaten, der mir dies verbot. Wir gaben ein beachtliches Paar ab, Juba und
ich, und wir waren das einzige Paar, das am Ende noch übrig war. Aber ich
hatte mich verraten. Proximo wußte jetzt, daß ich kämpfen konnte und daß ich
sogar hervorragend kämpfen konnte. Proximo ist nur Besitzer einer kleinen
und unbedeutenden Gladiatorenschule. Es gibt Männer, die buchstäblich
Tausende von Gladiatoren besitzen und sie mit vergoldeten Rüstungen
ausstaffieren. Im Vergleich dazu hatte Proximo nur sehr wenige Männer, und
er hatte nie einen wie mich besessen. Er erkannte sofort die Möglichkeit,
das große Geld zu machen."
Er machte eine Pause, und ich wartete darauf, das
Vibrieren seiner tiefen Stimme wieder an meiner Brust zu spüren.
"Was geschah dann?" drängte ich ihn sanft, als er
keine Anstalten machte weiterzusprechen. "Wie kamst Du nach Rom?"
"Wir blieben lange in Zucchabar und wurden die
Hauptattraktion des Spektakels. Man nannte mich Der Spanier, und selbst
Proximo kannte nicht meinen richtigen Namen. Es war ihm gleich. Ich war
einfach nur ein Mann, der ihm so lange wie möglich Geld einbringen und dann
sterben würde. Aber ich lernte viel aus diesen Kämpfen .... ich lernte, daß
man dem Gewinner wie einem Gott huldigte und daß die Menge den am meisten
liebte, der am brutalsten tötete. Und ich lernte, daß die beliebtesten
Gladiatoren das beste Essen und die besten Waffen bekamen ... und den
größten Einfluß. Ich nutzte das aus ... und haßte mich selbst dafür. Und ich
haßte die, die mich dafür liebten."
Aber jetzt war keine Selbstanklage in Maximus'
Stimme. Mit geschlossenen Augen lehnte er sich entspannt gegen meinen Körper
und erzählte mir seine Geschichte. Einen kurzen flüchtigen Moment lang
konnte ich mir einreden, daß mein Traum wahr geworden war. Daß ich in meinen
Armen den Krieger und Ehemann hielt, der heimgekommen war, um Erholung zu
finden von den Härten seines Soldatenlebens. Einen Krieger, der heimgekommen
war, um meinen Körper und mein Herz zu trösten. Einen Krieger, der
heimgekommen war zu der Tochter, die ich ihm geschenkt hatte.
"Eines Tages sagte mir Proximo, daß Commodus
beabsichtige, im Kolosseum in Rom Spiele zu Ehren seines Vaters zu
veranstalten und daß wir daran teilnehmen würden. Er erzählte mir, daß er
selbst ein ehemaliger Gladiator sei, und gab mir seinen Brustpanzer - Leder,
kein Gold. Er wußte, daß die Chancen, mit mir in Rom viel Geld zu verdienen,
gut für ihn standen, und er deutete an, daß ich eventuell, so wie er, meine
Freiheit gewinnen könnte. Auf dem Weg dorthin machten wir in jeder Stadt
halt, die eine Arena hatte, und ich kämpfte - manchmal viele Male an einem
Tag - und Proximo sorgte dafür, daß mein Name bekannt wurde. Als ich dann in
Rom ankam, hatten die Leute bereits von mir gehört - Dem Spanier."
"Und Du wußtest, daß Commodus im Kolosseum sein
würde."
"Ja."
"Wo Du ihn töten würdest", flüsterte ich in seine
kurzgeschnittenen dunklen Locken.
"Es wäre meine einzige Chance. Ich bin geübt im
Umgang mit der Lanze, und ich beabsichtigte, eine solche nach ihm zu
schleudern, wenn er auf seinem Platz saß. Ich wußte, daß ich nur eine
einzige Chance hatte, ihn zu töten, dann würde man mich selbst
niedermachen."
Maximus lachte bitter.
"Aber wieder funktionierte mein Plan nicht. Statt
dessen war ich gezwungen, meine Identität preiszugeben - vor ihm, vor
Lucilla und vor dem Mann, der den Befehl gegeben hatte, mich zu exekutieren
... Quintus ... der jetzt Kommandant der Prätorianer war.
Ich runzelte alarmiert die Stirn, wieder hörte ich
Aemilius Trebutius Flaccus' Stimme in meinem Kopf.
"Kaiser mögen unfähig sein, Herrin, doch mit den
Kommandanten der Prätorianer sieht das ganz anders aus. Und Commodus hat
sich einen besonders tüchtigen Mann geangelt - den ehemaligen Stellvertreter
des Kommandanten der besten römischen Armee. Capitos Chancen stehen nicht
gut ... "
Der Kommandant von Commodus' Prätorianern war
Maximus' eigener Legat und damit sein Stellvertreter gewesen. Der Mann, der
damit beauftragt worden war, ihn festzunehmen und zu exekutieren ... So wie
er beauftragt worden war, Senator Capito und viele andere zu beseitigen. Und
sein Kommando war die Belohnung dafür gewesen, daß er den Mann, der sein
Vorgesetzter gewesen war, verraten hatte.
Ich zwang mich, mich zu entspannen, um Maximus
meine Sorge nicht spüren zu lassen.
"Ich hörte, daß Commodus geschockt war, als er
Dich sah", sagte ich, nur um nicht länger zu schweigen.
Langsam ließ ich ihn los, nahm sein bärtiges Kinn
in meine Hand und hob sein Gesicht zu mir hoch. "Ich glaube, ich kenne den
Rest", sagte ich leise, während meine dunkelblauen Augen fest auf seine
meer-blauen geheftet waren.
"Ich glaube, das tust Du."
Ich sah ihn lange an und flüsterte dann: "Du bis
ein erstaunlicher Mann, Maximus Decimus Meridius."
Ich küßte ihn.
Es war ein langer, inniger Kuß. Mehr sanft als
leidenschaftlich. Mehr zärtlich als erregend. Mehr tastend als erhitzt.
Seine Lippen waren warm und weich und schmeckten nach Sonne und Honig und
Pinienkernen.
Aber vor allem schmeckten sie nach ihm selbst.
Langsam, vorsichtig, mit aller mir zu Gebote
stehenden Kraft meine Leidenschaft und mein Verlangen beherrschend, bewegte
ich meine Lippen auf den seinen. Erkundend. Einladend. Aufreizend.
Darbietend.
Maximus erwiderte den Kuß.
Mit einem winzigen Seufzer öffnete er seine
Lippen, sein Atem warm und feucht auf meinem Mund. Sie bewegten sich
zögerlich, ein Liebender, der zaghaft seine verlorene Liebe wiederentdeckt.
Oder vielleicht auch nur ein Mann, der zaghaft eine liebevolle Berührung
wiederentdeckt, nachdem er jahrelang hatte darauf verzichten müssen. Sich
danach gesehnt hatte. Sich danach verzehrt hatte.
Ich verstärkte den Druck meiner Lippen und er
antwortete automatisch, mit einer Woge jener Leidenschaft, die ich an ihm
kennengelernt hatte, als er mich, nur wenige Minuten nachdem wir uns
begegnet waren, zum erstenmal geküßt hatte. Ich schlang meine Arme um seinen
Nacken, während sich seine um meine Taille legten.
Meine Zunge verlangte ungeduldig, aus meinem Mund
befreit zu werden. Seine Lippen zu berühren. Sie dazu zu bringen, sich zu
öffnen ... Ich konnte mich kaum zurückhalten, gewaltsam Zugang zu seinem
Mund zu fordern, aber ich zwang mich, nichts zu überstürzen, ihn nicht zu
drängen und ihn statt dessen seinen eigenen Rhythmus finden zu lassen ...
Er fand ihn. So plötzlich und so schön, wie sein
Körper erwacht war, um sich mit meinem zu vereinigen. Und ich wußte, daß
sich der Kuß in wenigen Sekunden von zögerlicher Leidenschaft zu einen
Taumel von Verlangen und lang unterdrücktem Begehren steigern würde ...
"Julia, wo bist Du?" rief eine Stimme von der
anderen Seite der Büsche.
Wir lösten uns voneinander, als habe man uns einen
Schlag versetzt, und ich preßte meine Hand auf mein wie wild klopfendes
Herz.
Apollinarius tauchte aus dem Buschwerk auf. Was
tat er hier? Sollte er nicht am Hafen sein? Bevor ich ihn noch fragen
konnte, sprach mein ehemaliger Lehrer gehetzt weiter: "Bitte verzeiht mir,
aber die Wachen fordern, Dich zu sehen, General. Es scheint, sie haben
Zweifel daran, daß Du noch hier bist, und sie machen einen fürchterlichen
Aufstand. Es tut mir so leid, aber wir müssen Dir die Ketten für kurze Zeit
wieder anlegen. Bitte verzeih mir." Apollinarius' bemüht neutraler Ton
reichte nicht aus, seine offensichtliche Sorge zu verbergen. Als wolle er
mich davon abhalten, Fragen zu stellen, hob er den unberührt dastehenden
Picknick-Korb auf und drängte uns zur Eile.
Ich war wie betäubt. Verwirrt. Gefühllos.
Wortlos erhob Maximus sich und half mir auf, ohne
mich dabei anzusehen, dann beugte er sich vor, um den Sand, der an seinen
Waden klebte, abzustreifen. Als er damit fertig war, nahm er das Tuch, auf
dem wir gesessen hatten, und schüttelte es so heftig, daß die Sandkörner
durch die Luft geschleudert wurden. Die winzigen Körnchen prasselten auf
meine nackte Haut nieder, aber er schien es nicht einmal zu bemerken.
Während ich mich mühsam in Bewegung setzte, warf
ich einen besorgten Blick auf Maximus. Sein Gesicht war wieder zu einer
Maske geworden, völlig leblos, seine Augen dunkel und unergründlich.
Schüchtern griff ich nach seiner Hand, aber er
entzog sie mir schroff. Tränen stiegen mir in die Augen, und ich sah, wie
Apollinarius mich besorgt anschaute. Ich atmete schwer, biß mir auf die
Lippe, bis ich den metallischen Geschmack des Blutes in meinem Mund
schmeckte, dann marschierte ich los, zurück zur Villa, und Maximus trottete
hinter uns her.
Tränen liefen mir über die Wangen, aber ich drehte
mich nicht um. Ich mußte ihn nicht ansehen um zu wissen, daß er mit
gesenktem Kopf und herabhängenden Armen ging und sich wieder völlig in sich
zurückgezogen hatte.
Ärgerlich wischte ich meine Tränen weg und ging
mit geradem Rücken auf die Villa zu, blickte nicht zurück um nachzusehen, ob
Maximus und Apollinarius mir folgten, denn ich wollte jedem von uns die
Scham ersparen, die uns bevorstehende gemeinsame Demütigung im Gesicht des
anderen sehen zu müssen.
Ich hatte mich geirrt: zwar gab es Schönheit in
der Welt, ja, aber trotzdem war diese Welt vor allem brutal und grausam und
dunkel.
(*) Pater Patriae (Lateinisch):
"Vater/Retter/Erhalter des Vaterlandes".
(**) Pontifex Maximus (Lateinisch): "Oberster Priester".
Beides Titel des römischen Kaisers.
(***) Gladius (Lateinisch): das kurze Schwert, das ursprünglich von
Gladiatoren benutz wurde (daher ihr Name) und das später auch die römischen
Legionen übernahmen, da es eine für den Nahkampf gut geeignete Waffe
darstellte.
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*1 vgl. Julias Tagebuch
2.Teil Kap.16b |