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9.Unterhaltung mit dem Imperator, Teil I: meine Freiheit
Fünf Tage später kam
der Imperator in Moesia an. Die das Nahen des kaiserlichen Zuges
ankündigenden Trompeten überraschten Maximus, und er hatte kaum genügend
Zeit, um sowohl die Legion als auch seine eigenen Männer für einen
angemessenen Empfang des Kaisers vorzubereiten, bevor die goldenen
Adlerstandarten und purpurnen Banner auch schon am Tor erschienen. Kurz
danach hielt der göttliche Imperator Caesar Marcus Aurelius Antoninus
Augustus seinen Einzug in das Lager, stieg vom Pferd und ging direkt auf
Maximus zu, der sich respektvoll auf ein Knie niederließ. Aber der Imperator
richtete ihn auf und schloß ihn vor fünfzehntausend jubelnden Soldaten fest
in die Arme. Von meinem Platz aus, versteckt hinter der Leinwand, die den
Eingang von Marcellus' Zelt verschloß, sah ich die beiden Männer leise
miteinander sprechen. Dann trat der Kaiser zurück, ergriff Maximus' Hand
und hielt sie hoch in die Luft zum Zeichen der Verbundenheit. Die Jubelrufe
waren ohrenbetäubend. Der herrliche Anblick des Generals, der sowohl von
seinem Kaiser als auch von seinen Truppen geehrt wurde, ließ mir das Herz
auf schmerzvolle Weise weit werden.
Es war das erstemal,
daß ich Maximus sah, nachdem ich aus meinem lebhaften Traum erwacht war und
ihn nicht mehr an meiner Seite gefunden hatte. In den darauf folgenden fünf
Tagen kam er weder zu meinem Zelt noch verließ ich dasselbe, doch er
schickte Gallienus - der als sein Legat*1 fungierte - mindestens zweimal am
Tag, um sich nach meinem Ergehen zu erkundigen oder zu fragen, ob ich irgend
etwas benötigte. Auch sandte er Rufa, um mir Gesellschaft zu leisten und für
mich zu sorgen, während ich in meiner Abgeschlossenheit verblieb, um nicht
zu riskieren, daß unsere Inszenierung entdeckt würde, bevor der Imperator
mit Verstärkung anlangte.
Die meiste Zeit
verbrachte ich liegend auf meinem Ruhebett. Ich starrte die Wand des Zeltes
an, eine Wand, die perfekt die Leere in meinem Inneren widerspiegelte. Auf
meine Anordnung und trotz der Sommerhitze blieb die Öffnung des Zeltes den
ganzen Tag lang geschlossen, um das Licht fernzuhalten. In den Abendstunden
entzündete Rufa Öllampen, aber ihr Licht reichte nicht aus, um eine
Düsterkeit zu vertreiben, die nichts mit Schatten und Dunkelheit zu tun
hatte aber alles mit gebrochenem Herzen und Verzweiflung. Das Essen, das sie
mir brachte, blieb unberührt auf dem kleinen Tisch neben meinem Lager.
Dasselbe geschah mit den Tuniken, die sie für mich auf Stühlen bereitlegte.
Rufa saß viele Stunden lang verborgen im Schatten, ihre runden Augen auf
mich geheftet, und von Zeit zu Zeit nahm sie, ohne daß sie dazu aufgefordert
worden wäre, eine Bürste und entwirrte geduldig mein taillenlanges Haar. Sie
brachte auch warmes, parfümiertes Wasser und half mir, mich zu waschen.
Unter anderen Umständen wäre ich gerührt gewesen von ihrer kindlichen Sorge
um eine Frau, die nicht weniger als sie selbst nur eine Dienerin war, aber
mein Verstand und mein Herz waren so betäubt von Schmerz, daß in mir kein
Platz war für etwas anderes als meine eigene Trauer, und ich ließ sie
einfach gewähren, während ich ihren Bewegungen mechanisch folgte.
Tagsüber ließ ich mich
hin und her treiben zwischen Wachen und Schlafen; wenn ich erwachte, dann
nur, um mir wieder schmerzhaft bewußt zu werden, daß Maximus nicht da war,
daß Maximus nicht kommen würde. Es war seltsam, denn, obwohl ich länger als
ein Jahr in einem Militärlager gelebt hatte, war mir nie aufgefallen, wie
lebhaft und laut es in einem solchen zuging. Aber während jener fünf Tage,
während derer ich auf meinem Ruhebett lag, die Zeltwand anstarrte, aufwachte
und wieder einschlief, nahm ich das Verrinnen der Zeit nur durch Geräusche
war. Trotz der Dunkelheit konnte ich den Vormittag vom Mittag und den frühen
Nachmittag vom frühen Abend einfach dadurch unterscheiden, daß ich auf die
Stimmen der Soldaten lauschte, auf das Klappern von Tellern oder das Wiehern
der Pferde.
Nach der Abendmahlzeit
wurde es im Lager immer stiller, bis die Stille vollkommen war und die
einzigen Laute von Insekten herrührten, vom Rauschen des Windes und den
Stiefeltritten der Soldaten auf Wache. In eben jenen Momenten, wenn Schatten
und Stille sich über das Lager senkten, stand ich auf von meinem Lager und
ging zum Eingang des Zeltes, schlug die Leinwand zurück und schaute hinaus,
hinüber zum Prätorium*2, zu Maximus' Zelt, wo Nacht für Nacht die Lampen
noch lange brannten. Ich verweilte dort für Stunden, beobachtete aufmerksam
sein Zelt, und manchmal wurde meine nächtliche Wacht belohnt, indem ich
einen kurzen Blick auf seinen Schatten erhaschte. Ich fragte mich, was er
tat, was er dachte, was ihn bis so spät in der Nacht wach hielt ... ich
sehnte mich danach, das Prätorium zu durchqueren, zu ihm zu gehen, ihn in
meine Arme zu nehmen und ihm zu geben, was immer ich an Trost ihm geben
konnte. Aber ich regte mich nicht, denn ich wußte, daß er mich zurückweisen
würde und daß ich seine Zurückweisung nicht noch einmal überleben würde ...
konnte. Und ich wußte auch, daß, sollte es mir gelingen, ihn so weit zu
erregen, daß er seine eiserne Selbstkontrolle verlöre und mich nähme, er für
mich auf immer verloren wäre, denn der bittere Nachgeschmack der
Leidenschaft würde Haß in ihm säen, Haß auf sich selbst und Haß auf mich. So
blieb ich wie angewurzelt auf meinem Platz, und wenn die Lichter in seinem
Zelt verlöschten, kehrte ich leise zu meinem Ruhebett zurück und verbrachte
eine weitere einsame, schlaflose Nacht.
Die Aufregung, welche
durch die Ankunft des Imperators verursacht worden war, hielt das Lager
länger als üblich wach. Seltsamerweise blieb es im Prätorium, wo Marcus
Aurelius und Maximus wohnten, ruhig, denn die beiden Männer hatten keine
Feier anläßlich der erfolgreichen Abwehr von Cassius' Griff nach dem Thron
veranstaltet, sondern sich zu einer privaten Zusammenkunft zurückgezogen,
vermutlich um Staatsangelegenheiten zu besprechen. Kurz nach der Ankunft von
Marcus Aurelius hatte ich ihn und Maximus gemeinsam auf und ab gehen und
miteinander sprechen sehen, - die Hand des hochgewachsenen, aber
zerbrechlich wirkenden Kaisers mit seinem langen Haar ruhte auf dem Arm des
jungen, kräftigen, ein wenig kleineren Generals - und die Vertrautheit, die
in ihrem Umgang lag, hatte mich gerührt. Wenn man sie zusammen sah, war es
klar, daß die beiden weit mehr waren als ein Kaiser und sein Heerführer:
eine Laune des Schicksals hatte einen römischen Patrizier, der Kaiser
geworden war, und einen zum General aufgestiegenen spanischen Bauern mehr zu
Vater und Sohn werden lassen als manch anderen Mann und seinen leiblichen
Vater.
Ich beobachtete das
kaiserliche Zelt lange Zeit, denn Maximus' Treffen mit Marcus Aurelius
dauerte Stunde um Stunde. Es war schon spät, als ich Maximus dasselbe
verlassen und sein eigenes betreten sah. Sein Schritt war unbeschwerter als
er es die ganze Zeit über gewesen war, seit er kam, um in den
Sklavenunterkünften Zuflucht zu suchen, als ob eine schwere Last von seinen
breiten Schultern genommen worden sei. In jener Nacht verloschen die Lichter
in seinem Zelt bald, nachdem er es betreten hatte, und das Prätorium versank
in Dunkelheit.
Ich fühlte mich
ruhelos, und, statt zu meinem Lager zurückzukehren, wanderte ich in
Marcellus' Zelt auf und ab. Der Imperator war gekommen, die Gefahr gebannt,
und Marcus Aurelius würde - wie Maximus es versprochen hatte - mir und den
anderen Frauen die Freiheit schenken. Der Morgen rückte bedrohlich näher,
und er würde sowohl Neuigkeiten als auch drängende Fragen bringen. Würde
Marcus Aurelius uns wirklich freilassen? Was würde Maximus, nachdem sein
Auftrag erfüllt war, als nächstes tun? Zurückkehren zu seiner eigenen
Legion, wo auch immer das war? Zusammen mit dem Kaiser in Moesia bleiben?
Was würde mit mir geschehen?
Meine Überlegungen
wurden von zwei Prätorianern unterbrochen, die ohne viele Umstände einfach
das Zelt betraten. Ich zuckte beim Anblick ihrer schwarzen Uniformen
zusammen, der Anblick der kaiserlichen Garde war immer beunruhigend. Rufa
schlief auf einem Feldbett am Ende des Zeltes und erwachte beim Geräusch der
Fußtritte und klirrenden Schwerter, der vertraute Ausdruck von Angst war auf
ihr Gesicht zurückgekehrt. Bevor ich zu ihr gehen und sie beruhigen konnte,
sprach einer der Soldaten mit dröhnender aber höflicher Stimme: "Herrin",
sagte er. "Du mußt mit uns kommen. Der Imperator verlangt nach Deiner
Anwesenheit."
Herrin? Mich? Der
Imperator verlangte nach meiner Anwesenheit? Was wußte er über mich? Was
wollte er von mir? Hatte Maximus ihm von unserer besonderen Art von
Dienstbarkeit erzählt, und Caesar wünschte eine Kostprobe dessen, was
Maximus verschmäht hatte? Marcus Aurelius war nie bekannt gewesen für derlei
Appetit sondern für seinen Durst nach Wissen. Ich hatte nicht die geringste
Ahnung, was ich von all dem halten sollte.
Alle römischen Soldaten
- seien sie Legionäre, Prätorianer oder einfache Angehörige der Hilfstruppen
- verstehen es meisterhaft, Menschen dorthin abzuführen, wo sie hinbeordert
sind, ohne sie auch nur anzurühren. Es ist eine Frage der Einstellung, der
inneren Haltung, die vermutlich auf der Tatsache beruht, daß Generation auf
Generation römischer Soldaten nur einen glorreichen Tod oder ein ehrenvolles
Ausscheiden aus dem Dienst kennengelernt haben, Niederlagen den kaiserlichen
Truppen jedoch seit mehr als einem Jahrhundert unbekannt waren. Diese
Prätorianer bildeten keine Ausnahme, und bevor ich noch reagieren konnte,
marschierte ich auch schon über den mit Schotter bedeckten Hof des
Prätoriums direkt auf das kaiserliche Zelt zu.
Freundlich aber
bestimmt führten mich die Wachen in ein Vorzimmer, in dem eine Gruppe von
Dienstboten mit den Vorbereitungen für die Nacht beschäftigt war. Hier
befand sich ein weiterer Prätorianer, ein Offizier, der mich von den
Wachsoldaten in Empfang nahm und mir bedeutete, ihm in das kaiserliche
Schlafgemach zu folgen. Obwohl es sich nicht um das Zelt handelte, das der
kaiserliche Troß überall hin mit sich führte, sondern um Cassius' Zelt, das
man schnell hergerichtet hatte, um als angemessene Unterkunft für den Kaiser
zu dienen, war es kaum zu glauben, daß es noch vor kurzem ein völlig anderer
Ort gewesen war. Seidene Wandbehänge, Teppiche, komfortable Stühle und
Ruhebetten, Truhen, Tische, ein reich verziertes Bett und ein ebensolcher
Schreibtisch hatten den Platz von Cassius' Besitztümern eingenommen. Und
obwohl seine geschmackvoll und teuer gewesen waren, konnte man die von
Marcus Aurelius nur als kaiserlich bezeichnen. Der Raum war sparsam
beleuchtet, Schatten breiteten sich in den Ecken aus, und er schien leer zu
sein. Aber der Prätorianeroffizier preßte die rechte Hand respektvoll gegen
seine Brust und sprach zu den Schatten. "Die Frau ist hier, Majestät."
Ein raschelndes
Geräusch lenkte meine Aufmerksamkeit zum äußersten Ende des Zeltes. "Laß uns
allein", sagte eine tiefe, etwas heisere Stimme. Der Prätorianer grüßte
abermals, drehte sich auf dem Absatz um und ging; er ließ mich allein mit
der unsichtbaren kaiserlichen Gegenwart.
Marcus Aurelius trat
aus dem Schatten, ein großer, dünner, bärtiger Mann mit langem, fließenden,
grauen Haar. Er war in eine kostbare, reich mit Goldstickerei verzierte
Purpurrobe gekleidet. Sein Gesicht war das eines Mannes, der seine
Regierungszeit nicht daheim verbracht hatte und im kaiserlichen Palast
verweichlicht war, sondern der sein riesiges Reich kreuz und quer bereist
und wenn nötig Krieg geführt hatte. Er sah älter aus als er war, und in
seinem Gesicht zeigten sich, wie bei Maximus, die Linien, die Jahre voller
Sorge und Verantwortung in seine Züge gegraben hatten. Und, wie bei Maximus,
beeinträchtigten diese Linien nicht sein stattliches Aussehen sondern
unterstrichen es, die stolze Zierde eines Mannes, der Manns genug war, seine
schwere Bürde anzunehmen.
Mein ganzes Leben lang
war ich mit Macht und Reichtum vertraut gewesen. Cassius war nicht nur ein
reicher Mann gewesen, sondern auch ein mächtiger General, ein Mann, dem die
eigene Macht etwas Selbstverständliches war und der sie auch
selbstverständlich benutzte. Maximus strahlte Macht aus. Die Seine hatte
nichts zu tun mit Rank oder Reichtum, obwohl er Heerführer einer riesigen
Armee und des Imperators Lieblingsgeneral war. Seine Macht kam aus seinem
Inneren, war so ursprünglich wie die Naturgewalten und hatte viel mit seiner
unzweifelhaften Männlichkeit zu tun.
Aber Marcus Aurelius'
Macht war etwas ganz anderes. Sie schien ihn wie ein goldener Glorienschein
zu umgeben, etwas Unberührbares und gleichzeitig doch Spürbares. Etwas, das
Beachtung und Respekt forderte.
Er war schlicht und
einfach ein Imperator.
Ich
fiel auf meine Knie.
"Steh auf, Kind. Steh
auf", sagte Caesar*3 mit leisem Lachen, während er zart mit seiner
trockenen, warmen Hand meine Schuler berührte.
Langsam, ehrfurchtsvoll
blickte ich auf und fand Marcus Aurelius' heitere blaue Augen auf mich
gerichtet.
"Steh auf", wiederholte
er, und ich erhob mich, befangen und scheu, fühlte meine Anwesenheit vor
dieser kaiserlichen Person als so unangebracht wie es nur sein konnte.
Der Imperator lächelte.
"Komm, setz Dich", sagte er und deutete auf eine Gruppe von Stühlen.
Ich zögerte, den Kopf
in Ehrfurcht und Angst gesenkt, und mein langes rotgoldenes Haar fiel gleich
einem Vorhang über mein Gesicht.
Der Imperator setzte
sich auf einen der Stühle und bedeutet mir abermals, mich ebenfalls zu
setzen. Ich gehorchte, die Augen auf meinen Schoß gesenkt.
"Kind, sieh mich an."
Schüchtern schaute ich
auf und blickte in sein gutaussehendes, bejahrtes Gesicht.
"So ist es besser",
sagte er. "Ich möchte, daß mir die Menschen in die Augen sehen, wenn ich mit
ihnen rede. Und wir müssen miteinander reden, Du und ich ..." Sein langes
Haar und sein Bart waren mehr weiß als grau und er sah müde aus, aber in
seinen Augen brannte noch immer das Feuer der Jugend. Er hatte die Augen
eines Mannes, der es gewohnt war, mit der gleichen Leichtigkeit und Sorgfalt
sowohl in Büchern als auch in Menschen zu lesen.
"Dein Name ist Julia,
nicht wahr?"
"Ja, Herr", murmelte
ich.
"General Maximus hat
mir von Dir erzählt, Julia. Er hat mir alles erzählt."
Alles? Was meinte der
Imperator? Daß Maximus ihm erzählt hatte, daß ich eine von Cassius'
persönlichen Huren war? Oder eine Sklavin, die das unaussprechliche
Verbrechen begangen hatte, ihren Herrn zu töten?
Marcus Aurelius
lächelte und tätschelte meine Hand.
"Ja, Julia. Er hat mir
alles erzählt. Und Du hast nichts zu fürchten. Es wird unser kleines
Geheimnis bleiben. Ein Geheimnis zwischen uns dreien."
Er streichelte meine
Hand abermals und lächelte mich freundlich an. Ich schluckte und zwang mich,
ihm weiter in die Augen zu blicken.
"Nun, um die Wahrheit
zu sagen, General Maximus hat mir nicht alles über Dich erzählt, Julia",
fuhr der Imperator fort. "Er hat nicht erwähnt, daß Du so schön bist. Er
sagte, Du seiest klug und tapfer, und daß Du nicht gezögert hättest, ihm zu
helfen, obwohl Du Dich damit selbst in Todesgefahr gebracht hast." Marcus
Aurelius legte den Kopf ein wenig schief und sah mich einen langen
Augenblick fragend an.
Wie ich bereits sagte
war ich schon immer für meine Schönheit gepriesen worden und hatte ihre
Wirkung auf Männer so häufig gesehen, daß ich es kaum mehr zur Kenntnis
nahm. Aber nun, nachdem ich diese Wirkung bei Maximus erlebt hatte, tat es
irgendwie weh zu hören, daß er sich geweigert hatte, sie anzuerkennen. Es
tat sehr weh.
Der Kaiser lächelte
wieder. "Ich weiß, daß der General nicht gerade ein Frauenheld ist, aber ich
bezweifle, daß er eine Schönheit wie die Deine nicht wahrgenommen hat",
fügte er hinzu als könne er meine Gedanken lesen. Wie ich bereits sagte -
er war ein Mann, der leicht und sorgfältig in seinem gegenüber lesen konnte.
Ich fühlte mich
zunehmend unwohl. Worauf wollte Marcus Aurelius hinaus? Ich konnte nicht
umhin, an den alternden Senator zu denken. Obwohl jünger aussehend als der
Imperator, war er ungefähr genauso alt wie dieser gewesen und auch er hatte
mich gepriesen ... Caesar mußte mein Unbehagen bemerkt haben und wechselte
das Thema.
"Julia, General Maximus
hat mir berichtet, was Cassius Dir und den anderen Frauen angetan hat."
Obwohl der Kaiser
wünschte, daß man ihm in die Augen sah, war die Tatsache, daß er meine
Erniedrigung offen aussprach, mehr als ich ertragen konnte, und ich senkte
meinen Blick in meinen Schoß.
"Als Caesar habe ich
Rom und seine Art zu leben nicht in Frage zu stellen, denn ich bin
Rom und alles, für das es steht", sagte er und wedelte dann mit der Hand wie
um diese pompösen Bemerkungen über sich selbst und die Herrlichkeit Roms
wegzuwischen. "Als Cäsar ist es mir ebenfalls nicht möglich, offen zu
sprechen, außer wenn ich mit den Göttern rede. Ich finde es allerdings
seltsam, mit einem Stück Marmor zu sprechen, während ich es zutiefst
genieße, mich mit bestimmten Menschen zu unterhalten - wie General Maximus."
Der Imperator schwieg einen Augenblick, dann fuhr er fort. "Dieses Gespräch
darf niemals stattgefunden haben, also werde ich offen zu Dir sprechen und
es wird unser kleines Geheimnis bleiben. Nicht einmal General Maximus muß
davon erfahren."
Ich hob den Kopf und
schaute wieder in sein edles, vom Alter gezeichnetes Gesicht. Gewöhnlich
stellt man sich einen Kaiser vor wie eine weit entfernte Gottheit. Marcus
Aurelius war jedoch viel mehr ein müder, sanfter, nachdenklicher Mann, der
hier im schwachen Licht in einem Zelt nahe dem Schwarzen Meer vor mir saß.
Dennoch war er der Kaiser Roms und somit der Mittelpunkt der Welt. Aber es
war offensichtlich, daß er es vorzog, nur einfach ein Mann zu sein. Ich
fühlte, wie es mir warm ums Herz wurde, als ich zu verstehen begann, warum
Maximus ihn so sehr liebte. Und warum Marcus Aurelius Maximus so liebte.
"Julia, als Caesar habe
ich die Macht über Leben und Tod einer jeden Person, die im römischen
Imperium lebt. Ich besitze auch viele Sklaven, Tausende, um ehrlich zu sein.
Aber Du mußt wissen, daß der bloße Gedanke der Sklaverei mir ebenso zuwider
ist wie die Spiele, die der Pöbel und die gehobenen Klassen gleichermaßen
genießen." Er lachte trocken. "Ich frage mich, was die Senatoren sagen
würden, wenn sie wüßten, daß der römische Kaiser römische Institutionen wie
Sklaverei und die Spiele verachtet."
"Ich weiß es nicht,
Majestät."
Erst Marcus Aurelius'
Lächeln ließ mich erkennen, daß ich meinen Gedanken laut ausgesprochen
hatte. Ich errötete tief.
Der Imperator zupfte an
seiner Nasenspitze und fuhr fort. "Sei versichert, ich weiß, was sie
denken, und ich weiß auch was sie tun". Er lachte leise in sich
hinein. "Leider ist die Sklaverei so tief in der römischen Gesellschaft
verwurzelt, daß das Imperium ohne sie zusammenbrechen würde - sowohl
finanziell als auch gesellschaftlich. Aber das ist keine Entschuldigung für
das, was General Avidius Cassius Dir und den anderen Frauen angetan hat. Als
römischer Kaiser ist es mein Fehler, daß dies geschah, denn ich sollte in
der Lage sein, meine Untertanen davon abzuhalten, einen solchen Mißbrauch zu
begehen." Marcus Aurelius seufzte schwer.
Gemäß dem römischen Gesetz bin ich jetzt Dein Besitzer, denn Avidius Cassius
starb als Verräter, und seine Güter und sein Besitz werden konfisziert."
Caesar wandte sich einem Tisch zu, der zu seiner Rechten stand und nahm eine
versiegelte Schriftrolle in die Hand. Dann reichte er sie mir mit den
Worten: "Das ist für Dich, Kind." Ich zögerte und Caesar hielt sie mir
einladend entgegen. "Nimm das, Julia. Öffne und lies es."
Meine Hände zitterten
arg, als ich die Rolle entgegennahm, und es gelang mir erst beim drittenmal,
das Siegel zu brechen. Als ich sie entrollte, tanzten elegant in schwarzer
Tinte geschriebene Worte vor meinen Augen. Ich betrachtete sie sprachlos und
wandte dann meinen verwirrten Blick dem Imperator zu.
Ein besorgter Ausdruck
zeigte sich auf Marcus Aurelius' vom Alter gezeichneten Zügen.
"Kannst Du lesen,
Julia?" fragte er sanft. Ich spürte, wie ich abermals errötete, irgendwie
war es beinahe noch peinlicher meine Unbildung zugeben als wie kurz zuvor
meine Erniedrigung eingestehen zu müssen. "Ein wenig, Majestät", murmelte
ich.
"Es tut mir leid, Kind.
Ich habe die Neigung zu vergessen, daß nicht jeder in Rom die entsprechenden
Möglichkeiten oder ein gutes Leben hat", sagte er in einem Ton echten
Bedauerns und schüttelte den Kopf. "Ich fürchte, das ist der Beweis, daß ich
alt werde ... und daß ich nicht ein so guter Kaiser bin, wie ich es mir
selbst gern einbilde." Ich schwieg und schaute ihn weiter an. Er seufzte
wieder, und als er sprach, war seine heisere Stimme sanft und beruhigend.
"Als Dein Kaiser und Dein Herr habe ich das Recht, Dich zu einer freien Frau
zu machen, und das ist es, was Du von diesem Augenblick an sein wirst",
sagte Marcus Aurelius. Da die Zeit für mich drängt, werde ich mir die
Formalitäten und die mit der Freilassung*4 verbundene Zeremonie sparen, denn
was zählt, ist das Dokument, das Du in Händen hältst. Du bist frei, Julia.
Frei zu gehen, wohin du willst, frei einen Mann zu heiraten, dem es nach
römischem Recht erlaubt ist, eine Freigelassene zu ehelichen. Du bist frei
zu tun, was Du möchtest und mußt nicht länger tun, was man Dir befiehlt. Und
was noch wichtiger ist: Deine Kinder werden frei geboren und römische Bürger
sein."
Es hatte mir die
Sprache verschlagen. Frei. Eine Freigelassene. Frei zu gehen, wohin immer
ich wollte. Zu tun, was mir gefiel. Zu heiraten ... Maximus hatte mir meine
Freiheit versprochen, aber irgendwie hatte ich nicht geglaubt, daß es
wirklich dazu kommen würde. Wie ein gefangenes Tier daran gewöhnt, brutal
verhöhnt und zurückgestoßen zu werden, hatte ich mich geweigert zu glauben,
daß Freiheit möglich ist. Und nun verkündete das Dokument, das ich in Händen
hielt, das Dokument, das ich kaum lesen und mit Sicherheit nicht verstehen
konnte, der ganzen Welt, daß ich, Julia, nicht länger eine Sklavin und Hure
sondern eine Freigelassene war ... was immer das auch bedeuten mochte.
""Da-danke, Majestät",
stotterte ich, zu überwältigt, um mehr zu tun. Marcus Aurelius tätschelte
wieder meine Hand.
"Wie viele Frauen gibt
es noch in den Sklavenquartieren?"
"Vierzehn, Majestät,
mich eingeschlossen."
Marcus Aurelius
erschauerte über die Größe von Cassius' privatem Bordell. "General Maximus
verlangte, daß sie freigelassen würden und sie werden freigelassen. Ich habe
einen Quästor mit der Aufgabe betraut, und er wird alles veranlassen, was
nötig ist. Habe ich das richtig verstanden, daß es auch noch einige weniger
wertvolle Sklavinnen gibt, die zu eurer Bedienung da sind?"
"Ja., Majestät. Sie
sind noch sehr jung, einige von ihnen nicht älter als zehn oder zwölf."
"Sie sind zu jung, um
freigelassen und sich selbst überlassen zu werden. Diese Mädchen werden in
meinem Dienst bleiben, bis man sie in den Haushaltungen meiner
Verwandtschaft unterbringen kann." Ich runzelte die Stirn, und Marcus
Aurelius legte den Kopf schief und schaute mich an. "Das gefällt Dir nicht,
Julia?"
Ich erschrak und
schluckte krampfhaft. Eben erst war ich freigelassen worden, und in meiner
ersten Handlung als Freigelassene hatte ich es gewagt, dem Imperator Roms
offen zu widersprechen. Doch statt verärgert zu sein, gab mir der Mann die
Gelegenheit, die Gründe für meinen Widerspruch darzulegen.
"J-ja, Majestät. Aber
..." Ich hielt inne und Marcus Aurelius ermutigte mich mit einem Kopfnicken
weiterzusprechen. Ich atmete tief durch. "Da gibt es ein kleines Mädchen,
Majestät. Sie heißt Rufa. Sie ist Numiderin, glaube ich, und kaum zehn Jahre
alt. Sie ... sie ist sehr schüchtern und sie ist so verängstigt ... sie
scheint von den Händen der Sklavenhändler viel erlitten zu haben ... ich ...
sie war meine persönliche Dienerin, seit General Cassius sie gekauft hatte
..."
"Möchtest Du, daß ich
sie Dir schenke, Julia? Das kann ganz einfach arrangiert werden."
Ich schüttelte den
Kopf. "Nein, Majestät. Ich ... danke Dir, Majestät, aber ich will niemals einen Sklaven besitzen. Ich kann keinen Sklaven besitzen ... es
ist nur - sie ist so schüchtern und ... und sie hat Schwierigkeiten, unsere
Sprache zu verstehen und zu sprechen. Ich habe Angst, daß ihr neuer Herr
keine Geduld haben könnte ..."
Marcus Aurelius nickte,
dann kam er mit seinem Kopf ganz dicht an mich heran und senkte die Stimme
wie ein Verschwörer. "Ich sage Dir, was ich machen werde, Julia. Ich werde
sie bei meiner Tochter, der Dame Lucilla, unterbringen. Sie hat einen großen
Haushalt, kann aber immer noch zusätzliche Hilfe gebrauchen. Ich bin sicher,
daß sich das Mädchen um ihre Garderobe kümmern oder ihr mit ihrem kleinen
Sohn helfen kann. Meine Tochter wird ihr eine gute Herrin sein. Bist Du
damit einverstanden?"
Heiße Tränen trübten
meinen Blick, und ich kämpfte sie mit aller Kraft nieder, während ich dem
mächtigen und einfühlsamen Mann, der vor mir saß, zustimmend und dankbar
zunickte.
"Das haben wir also
erledigt", sagte der Imperator. "Nun wollen wir über die anderen Mädchen
sprechen. General Maximus berichtete mir, Cassius habe sich gebrüstet,
weitere Sklavinnen wie Dich irgendwo in Rom zu besitzen. Was weißt Du über
sie?"
"Sie befinden sich in
einer Villa in der Nähe von Rom, Majestät. Dort ... dort, wo auch ich
geboren und aufgewachsen bin." Ich zögerte, und Marcus Aurelius ermutigte
mich fortzufahren. "Dort hat Cassius uns ... gezüchtet ... und abgerichtet
..."
Deutlich erkennbarer
Abscheu ließ den Imperator erschaudern.
"Einige der Mädchen
sind noch sehr jung, Majestät. Sie werden herangezogen, um die älteren zu
ersetzen, wenn diese nicht mehr länger attraktiv genug sind ..." Nun war es
an mir zu erschaudern bei dem bloßen Gedanken an das Schicksal, das mir noch
vor wenigen Tagen bevorgestanden hatte. Ich holte tief Luft und fuhr fort.
"Dort gibt es auch andere, die ... jetzt dort zurückgezogen leben ... sie
sind da, um zu ... gebären, Majestät. Cassius benutzte gutaussehende und
kräftige Sklaven so wie gemietete Gladiatoren, um sie zu schwängern. Einige
von ihnen werden wahrscheinlich im Moment schwanger sein."
"Gehe ich recht in der
Annahme, daß Cassius nur an weiblichen Babys interessiert war?"
"Ja, Majestät."
"Und was geschah mit
den männlichen Babys?"
Ich
dachte an Eugenia und spürte einen dumpfen Schmerz in meinem Herzen.
"Ich weiß es nicht,
Majestät. Sie ... verschwanden einfach."
Marcus Aurelius hob die
Hand, um mir Einhalt zu gebieten. Dann schloß er die Augen und rieb sie
müde, eine Geste, die mich so sehr an Maximus erinnerte, daß mir das Herz
weit wurde und ich mich zurückhalten mußte, um nicht seine Hand zu nehmen
und ihn zu trösten. Seufzend öffnete er wieder die Augen.
"Julia, Du wirst dem
mit der Freilassung Deiner Freundinnen betrauten Quästor alle nötigen
Informationen geben, er wird sich auch um diese Mädchen kümmern und mir dann
persönlich Bericht erstatten. Sein Name ist Cornelius Crassus, und er ist
einer meiner engsten Vertrauten in Rom. Sei versichert, daß er alles tun
wird, was nötig ist."
"Danke, Majestät",
sagte ich schlicht, abermals überwältigt von der Güte und dem mitfühlenden
Wesen des Kaisers.
Marcus Aurelius stand
auf. Die Achtung vor der kaiserlichen Person gebot es, daß ich mich
ebenfalls erhob, aber Caesar bedeutete mir, sitzen zu bleiben. Er wanderte
durch das Zelt wie ein Mann, der, obwohl ganz offensichtlich müde, nicht
lange still sitzen kann. Dann kam er zurück und stellte sich vor mich hin.
"Julia, Freiheit ist
das kostbarste Gut, welches ein Mann oder eine Frau jemals besitzen oder
verlieren kann. Aber für einen ehemaligen Sklaven reicht die Freiheit nicht
aus, um ein neues Leben zu beginnen. General Maximus und ich sind überein
gekommen, daß jede von Cassius' Sklavinnen, außer Dir, bei Ihrer Ankunft in
Rom fünftausend Sesterzen*5 erhalten soll, so daß sie neu anfangen können
... Es ist mehr als genug für ein einfaches aber bequemes Leben." Er
schüttelte den Kopf und, als spräche er zu sich selbst, setzte er hinzu:
"Ich kann die Vorstellung nicht ertragen, diese Frauen in die Freiheit zu
entlassen, nur damit sie dann ihre Körper in den Straßen Roms verkaufen
müssen. Die Götter wissen, daß es dort genug unglückliche Mädchen gibt, die
ihr Leben auf diese Art fristen."
Caesar wandte sich zum
Tisch und nahm eine zweite Schriftrolle.
"Und was Dich betrifft,
ich habe keine Zweifel, daß Du klug und stark genug bist, um nicht auf
derlei Broterwerb zurückgreifen zu müssen. Und ich weiß auch, daß Du ein
enormes Risiko eingegangen bist, um General Maximus zu helfen."
Die Stimme des Kaisers
wurde warm, als er Maximus' Namen erwähnte. Es war augenfällig, daß der alte
Mann den spanischen Bauernsohn, der sein geschätztester General geworden
war, von Herzen liebte. Ich mußte daran denken, wie seltsam es war, daß zwei
so unterschiedliche Menschen wie er und ich dies gemeinsam haben konnten. Er
war der mächtigste Mann der Welt und ich nur ein achtzehnjähriges Mädchen,
das sein ganzes Leben lang nichts als eine Sklavin gewesen war, und dennoch
liebten wir beide denselben bemerkenswerten Mann.
Marcus Aurelius' raue
Stimme holte mich aus meinen Gedanken zurück. "Julia, ein Sklave, eine
Sklavin hat seinem oder ihrem Herrn treu zu sein und diesem Herrn oder der
Herrin gut zu dienen. Aber von keinem Sklaven kann man erwarten, an einer
Aktion zur Befreiung Roms von einem Thronräuber teilzunehmen. Das geht weit
über die Pflicht eines Sklaven hinaus und ist eine Verpflichtung, die
privilegierten Bürgern, Senatoren oder hochrangigen Armeeoffizieren wie
Maximus, vorbehalten ist, Männern, die von Rom geehrt worden sind. Doch
obwohl Du nur eine Sklavin warst, hast Du nicht gezögert und General Maximus
geholfen, seine Pflicht für Rom zu erfüllen, und dank Deiner Hilfe hat er
einen blutigen Bürgerkrieg abgewendet. Ohne Dich und ihn würden wir nicht
hier miteinander sprechen, sondern wir stünden auf verschiedenen Seiten,
während Römer andere Römer hinmordeten."
Caesar rollte, während
er sprach, die Schriftrolle in seinen Händen hin und her.
"Es gibt in Rom nicht
viele Männer, die mutig genug wären, das zu tun, was Du getan hast, Julia.
Rom hat Dir nichts als Unterwerfung und Erniedrigung gegeben, aber Du warst
da, als das Imperium dringend der Hilfe bedurfte. Das soll nicht unbelohnt
bleiben. Bei Deiner Ankunft in Rom wirst du fünfundzwanzigtausend Sesterzen
als Belohnung für Deinen selbstlosen Dienst erhalten. Cornelius Crassus wird
Dich zu einem meiner Bankiers bringen, und Du wirst ihm diesen versiegelten
Brief übergeben. Der Mann wird die nötigen Vorkehrungen treffen und Dir
helfen, Dich in der Stadt niederzulassen und ein neues Leben zu beginnen. Du
kannst ihm vollkommen vertrauen, denn er weiß, daß Du unter meinem
persönlichen Schutz stehst."
Fünfundzwanzigtausend
Sesterzen? Obwohl ich daran gewöhnt war, mit Geld umzugehen, da ich den
Sklavenquartieren vorstand, waren es doch immer nur geringfügige Summen
gewesen, denn unsere Bedürfnisse wurden von Cassius aus dem Budget der
Legion gedeckt. Ich hatte nicht mal eine Vorstellung davon, wieviel mehr
Geld als die anderen Frauen ich erhielt, aber der Tonfall des Imperators
ließ erkennen, daß es sehr viel sein mußte. Bevor ich etwas sagen konnte,
hob Caesar die Hand und brachte mich zum Schweigen.
"Julia, es ist schon
spät. Ich bin müde und ein wenig betrunken", er lächelte schwach, und wie
bei Maximus ließ ihn sein Lächeln so viel jünger und sorgloser erscheinen.
Einen kurzen Moment lang konnte ich in ihm den gutaussehenden,
lebensprühenden, jungen Mann erkennen, der er vor noch gar nicht so langer
Zeit gewesen war. Den gutaussehenden, lebensprühenden, jungen Mann, der noch
immer in diesem betagten, müden Kaiser lebte.
Caesar setzte sich
wieder hin, nicht auf seinen Stuhl, sondern auf das Ruhebett mir gegenüber.
"Ich muß Dir noch etwas sagen, etwas, das sehr, sehr wichtig ist", sagte er,
während er sich in die Kissen zurücklehnte.
"Am Morgen werde ich
eine der Legionen zurück nach Rom senden, und Du und die anderen Frauen, ihr
werdet unter ihrem Schutz reisen. Cornelius Crassus wird euch begleiten und
sich um alles kümmern."
Ich fühlte, als habe
man mir einen brutalen Schlag versetzt. Caesar schickte uns unter dem Schutz
einer Legion nach Rom? Welcher Legion? Es konnte sich nicht um Maximus'
handeln, denn er war nach Moesia nur in Begleitung der Reiterei von Felix
III gekommen ... Ich wollte nicht nach Rom! Ich konnte nicht nach Rom! Ich
wollte nur dort bleiben, wo Maximus war ... selbst wenn er mich zurückwies.
Der Imperator sprach
weiter, während das flackernde Licht der Öllampen sein langes weißes Haar
wie mit einem Glorienschein umgab und Schatten auf seinem aristokratischen,
bärtigen Gesicht tanzen ließ.
"Wie ich bereits sagte,
Julia - Du hast Rom einen großen Dienst erwiesen und man wird Dich
angemessen dafür belohnen. Aber Du hast mir persönlich einen noch viel
größeren Dienst erwiesen und dafür werde ich Dir ewig dankbar sein, auch
wenn ich Dir dies nie werde vergelten können, wieviel Gold ich Dir auch
immer geben würde ..."
Erschrocken wandte ich
mich Marcus Aurelius zu. Wovon sprach der Imperator?
________________________________
*1
Legat Im Militär: Unterbefehlshaber,
Gehilfe und Stellvertreter des Oberbefehlshabers.
*2 Prätorium sowohl der Hauptplatz im römischen Lager (um das Feldherrenzelt herum) als auch das
Feldherrenzelt (Hauptquartier) selbst.
*3
Caesar Der Großneffe und Adoptivsohn von Julius Caesar, Octavianus, führte als Kaiser den Namen Caesar.
Daher nahmen später alle Kaiser diesen Namen an.
*4 Freilassung (manumissio) die
Freilassung eines Sklaven konnte auf zweierlei Weise geschehen:
- nach dem Tode des
Herrn als Verfügung in dessen Testament
- indem der Herr den
freizulassenden Sklaven zusammen mit einem Zeugen mit zum
Magistrat nahm. Der Beamte berührte den Sklaven mit einem Stab auf der
Schulter. Anschließend erhielt der Freigelassene ein entsprechendes
Dokument, sein ehemaliger Herr überreichte ihm eine Geldbörse und
schlug ihm in einer symbolischen Handlung ins Gesicht.
Freigelassene verblieben
oft im weiteren Familienverband ihres ehemaligen Herrn
und nahmen dessen Familiennamen an. Besonders angesehen
waren vom Kaiser persönlich Freigelassene, die den kaiserlichen
Familiennamen (im Falle von Marcus Aurelius den Namen "Antoninus") führen
durften.
*5 Sesterze römische Münze, deren Wert im Laufe der Jahrhunderte stark wechselte.
Um eine Vorstellung von der Höhe der Summe zu haben: um das Jahr 100 n.Chr. betrug der Jahressold eines Soldaten 1200 Sesterzen (vgl.
"As the Romans Did", second
edition, A Sourcebook in Roman Social History by Jo-Ann Shelton, Oxford
University Press 1998, p.452)
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10.Unterhaltung mit dem Imperator, Teil II: der Ring der Antoniner
Als
Marcus Aurelius meine Verwirrung sah, lächelte er mich an und sagte sanft:
"Julia, Du hast General Maximus' Leben gerettet."
Ich war entgeistert,
verblüfft. Meine Augen wurden weit und ich heftete sie auf den Imperator.
Seine Worte hallten in meinem Inneren wider. "Julia, Du hast General
Maximus' Leben gerettet." Hatte der alte Mann den Verstand verloren? Er
sprach von einem großen Krieger, einem mächtigen General der römischen
Armee.
Marcus Aurelius' Lippen zuckten amüsiert, als hätte ich meine Gedanken laut
ausgesprochen.
"Ja, Kind, Du hast
Ihn gerettet. Ohne Dich wäre General Maximus jetzt tot. Er schuldet Dir sein
Leben ... und ich schulde Dir sein Leben", sagte Marcus Aurelius. Er schwieg
einen Moment, dann senkte er seine Stimme, schaute mich ernst an und fügte
hinzu: "Glaube mir, Julia, ich würde zehnmal lieber meinen Thron als Maximus
verlieren."
Unfähig zu antworten, blickte ich Caesar weiter in die Augen, während meine
Finger nervös an dem Stoff meiner Tunika zupften. Der Imperator legte sich
bequem auf die Kissen zurück und fuhr fort zu erzählen, den Blick in die
Ferne gerichtet, die Gedanken nicht länger in Moesia sondern weit in der
Vergangenheit.
"Ich traf Maximus zum erstenmal, als er vierzehn war. Wir waren in Hispanien,
wo er her geboren war. Ich war gerade Kaiser geworden, und er vor kurzem in
die Armee eingetreten, ein Provinzler, Bauernsohn, der kein Recht hatte,
Legionär zu sein, da er kein römischer Bürger war. Aber er war entschlossen,
sein Leben dem Dienst am römischen Imperium zu weihen. Selbst in jenen
jungen Jahren war es deutlich sichtbar, daß er etwas Besonderes war."
Caesars Blick wurde weich, als er leise von Maximus erzählte, und während
ich ihm zuhörte, vergaß ich meinen Schmerz und mein gebrochenes Herz und den
bevorstehenden Abschied. Fasziniert lauschte ich, wie er über den
attraktiven, starken, einfühlsamen Mann sprach, den ein Kaiser und eine
Sklavin gleichermaßen liebten.
"Im
Laufe der Jahre begegnete ich ihm immer wieder und konnte beobachten, wie
die vielversprechenden Anlagen, die schon in seiner Jugend so deutlich
erkennbar gewesen waren, sich entfalteten. Immer wieder habe ich Beweise
seines Mutes, seiner Treue und seines mitfühlenden Wesens erhalten ... Er
ist alles, was ein Mann sein sollte. Er ist alles, was Rom sein sollte ..."
Er
schwieg einen Augenblick, in Gedanken verloren. Im goldenen Licht der
Öllampen sah ich Tränen in seinen blauen Augen schimmern. Dann sagte er mit
leiser Stimme wie zu sich selbst, als habe er meine Gegenwart völlig
vergessen: "Er ist der Sohn, den ich gebraucht hätte ..."
Plötzlich sah Marcus Aurelius nicht nur über seine Jahre hinaus gealtert
und, nach tagelangem Marschieren mit seinen Legionen, müde, sondern geradezu
zerbrechlich aus. Und ruhelos. Er schaute mich nicht an, war verloren in
seinen eigenen Gedanken, und in seinen Augen flackerten widerstreitende
Gefühle, wie in Maximus' Augen, als dieser in demselben Zelt, in welchem wir
nun saßen, Martius gegenüber getreten war. Und wie Maximus' Augen waren auch
die des Imperators die Augen eines Mannes, der mit seinen eigenen Dämonen
kämpfte.
Tief in meinem Herzen litt ich mit dem alten Mann, der auf dem Ruhebett vor
mir lag, was auch immer es sein mochte, das ihn so quälte. Dieser Mann besaß
so viel Macht wie kein anderer in dieser Welt, und dennoch war er nicht
unempfänglich für Liebe und auch für den Schmerz, ihren unvermeidlichen
Begleiter. Ich schluckte meinen eigenen Kummer hinunter und mußte mich
zurückhalten, um nicht neben seinem Lager niederzuknien, seine Hände in die
meinen zu nehmen und ihm ein wenig Trost anzubieten ... der Gedanke, eine
Frau wie ich könnte dem römischen Imperator Trost spenden, war so lächerlich
wie jener, ich hätte das Leben von Roms erfahrenstem Krieger und mächtigsten
General gerettet .
Aber Caesar sprach weiter, immer noch verloren in seinen Erinnerungen an
einen Mann, der einen tiefen Eindruck in Seele und Herz eines jeden zu
hinterlassen schien, der seinen Weg kreuzte, sei es Sklave oder Kaiser.
"Ich habe ihn aufwachsen sehen und aufsteigen von seiner bescheidenen
Herkunft zum höchsten Rang der römischen Armee, und ich war stolz auf ihn,
so stolz, wie nur ein Vater es sein kann ... Sollte ich ihn verlieren ...
Der
Caesar und ich, wir erschauerten beide bei dem Gedanken, den Mann zu
verlieren, den wir liebten. Der Imperator nahm sich zusammen und wandte
seine Aufmerksamkeit wieder mir zu. "Aber Du warst da, als er Dich brauchte,
Julia, und rettetest sein Leben. Wenn auch im ganzen Reich nicht genug Gold
vorhanden ist, um meine Schuld bei Dir abzutragen, so kann das doch nicht
unbelohnt bleiben."
Er
hob seine rechte Hand hoch und zog den schweren, goldenen Ring ab, der
seinen Ringfinger schmückte. Dann hielt er ihn mir hin.
"Hier, nimm das."
Ich
blickte ihn zögernd an, und er ermunterte mich abermals - diesmal, das
Schmuckstück anzunehmen. Es war ein schöner, großer Siegelring, kunstvoll
verziert und sehr schwer, ein Ring, der für einen Mann bestimmt war. Für
einen mächtigen, reichen Mann. Das schwache Licht der Lampen ließ ihn im
Glanz reinen, alten Goldes schimmern.
"Weißt du, was das ist?"
Sprachlos nahm ich den Siegelring und schüttelte verneinend den Kopf. Marcus
Aurelius redete weiter, seine rauhe Stimme war nur noch ein leises Flüstern.
Ich mußte mich anstrengen, um seine Worte verstehen zu können.
"Das ist das Siegel meiner Familie, Julia. Wir, die Antoniner, sind nicht
mehr wirklich eine Familie, sondern eine Gruppe von Fremden, die durch
Adoption und arrangierte Ehen - arrangiert, um die Herrlichkeit und Macht
Roms zu stärken - Verwandte geworden sind; eine Familie, die schon lange
ihr gemeinsames Blut und ihre Wurzeln verloren hat. Ich wollte dies
korrigieren aber ..." der Imperator hielt inne, als habe er bereits zu viel
gesagt, zu viel sogar für eine Unterhaltung, die niemals stattgefunden haben
wird. "Aber wir sind die Herrscher Roms ... und dieser Ring ist nicht nur
ein kostbares Schmuckstück oder ein bedeutungsloses Symbol, denn er birgt
mehr Macht in sich als eine schwer bewaffnete römische Legion."
Der
Imperator erhob sich von seinen Kissen und richtete sich gerade auf. Er nahm
meine Hand in die seine und schloß meine Finger um den Ring, den ich immer
noch stumm betrachtete. Dann hielt er meine Hand in seiner langen,
eleganten, vom Alter gezeichneten. Aber sein Griff war nicht der eines
alten, gebrechlichen Mannes, denn seine Finger waren fest und kräftig, wie
die eines Jungen, die Finger eines Kaisers, der sowohl Philosoph als auch
Krieger war.
"Julia, solltest Du jemals Hilfe brauchen, dann drück das Siegel in ein
Stück Wachs und schicke es zu mir in den kaiserlichen Palast und Du wirst
bekommen, was immer Du brauchst oder willst. Sollte ich nicht dort oder
bereits gestorben sein, dann schicke es meiner Tochter Lucilla. Sie wird es
erkennen und Dir gewähren, was immer notwendig ist, ohne Fragen zu stellen.
Aber schicke es nie, niemals meinem Sohn. Schicke es niemals an Commodus. Er
darf nicht wissen, daß Du den Ring besitzt, verstehst du? Wenn sowohl ich
als auch Lucilla tot sein sollten, dann schicke es an meinen Enkelsohn,
Lucius Verus. Heute ist er nur ein kleiner Junge aber er ist schon jetzt
sehr vielversprechend."
Marcus Aurelius lockerte seinen Griff und lehnte sich wieder zurück. Wieder
fühlte ich mich überwältigt, und als ich den Ring betrachtete, drehte es
sich in meinem Kopf. Alles geschah zu schnell! Zuerst meine Freiheit, dann
die Belohnung und die Nachricht meiner unmittelbar bevorstehenden Abreise,
und nun der Ring und das Versprechen des Kaisers ... Ich war frei, ich war
wohlhabend, ich besaß den persönlichen Schutz und das Wohlwollen des
Imperators ... aber ich verlor Maximus. Man stieß mich von ihm weg, so wie
er mich zurückgestoßen hatte - aus Sorge, seine eiserne Selbstkontrolle zu
verlieren und sich der Leidenschaft zu überlassen, die uns beide verzehrte.
Ich atmete schwer, versuchte, meine Gefühle zu beherrschen, Fuß zu fassen
auf dem schlüpfrigen Boden, zu dem mein Leben geworden war ... und plötzlich
sah ich den Ausweg, das Licht, die Hoffnung. Ich umklammerte den Ring fest
mit meiner Hand und sah dem Kaiser mit einem wilden, lodernden Blick in die
Augen, ein Blick, der gleichzeitig Hoffnung und Verzweiflung widerspiegelte.
Marcus Aurelius sah mich fragend an.
"Was ist mit Dir, Kind?" sagte er sanft. "Sprich ..."
Die
Worte blieben mir in der Kehle stecken und ich bemühte mich verzweifelt,
meine Stimme zu beherrschen. Da mir dies jedoch nicht gelang, warf ich mich
vor dem Ruhebett des Imperators auf die Knie. Ich hörte, wie er die Luft
anhielt, doch plötzlich fand ich meine Stimme wieder, und bevor er noch
etwas sagen konnte, platzte ich mit meiner Bitte heraus.
"Majestät, bitte ... ich ... ich bin mein ganzes Leben lang eine Sklavin
gewesen! Ich k ... kann mir kein anderes Leben vorstellen! Bitte, Majestät,
gewähre mir den einzigen Wunsch, den ich habe! Mach mich General Maximus zum
Geschenk, Majestät! Laß mich bei ihm bleiben! Er wird mir ein guter Herr
sein., und ich werde ihm gut dienen."
Nun
war Marcus Aurelius sprachlos. Er hob die Hände und versuchte, mich zu
beruhigen.
"Kind, Kind! Du weißt nicht, was Du sagst! Steh auf! Setz Dich hin und hör
mir zu."
Aber ich war außer mir und klammerte mich verzweifelt an meine letzte
Hoffnung, nicht von Maximus weggerissen, nicht wieder allein zurückgelassen
zu werden, nachdem ich erlebt hatte, wie es ist, sich warm und sicher und
geborgen zu fühlen.
"Majestät, bitte! Gib mich General Maximus! Es ist mein einziger Wunsch, bei
ihm zu bleiben!"
Marcus Aurelius schüttelte traurig den Kopf.
"Du
bist nicht Du selbst, Julia. Du weißt nicht, was Du sagst."
"Majestät, Du sagtest, ich könne haben, was immer ich brauchte oder wollte!
Das einzige, was ich will ist, ihm zu gehören! Du schuldest es mir!"
Verzweifelt versuchte ich, seine Hand zu ergreifen und ihm den Ring zurück
zu geben, denn all seine Macht war leer und nutzlos, wenn sie mir nicht den
einzig möglichen Weg eröffnete, bei Maximus zu bleiben.
"Julia, General Maximus würde weder Dich noch irgend jemand anderen als
Sklaven nehmen. Er verabscheut die Sklaverei und hat niemals einen Sklaven
besessen oder einen Kriegsgefangenen als persönlichen Besitz behalten. Du
weißt, daß das, was ich sage, stimmt."
Ich
wußte es nicht, aber ich vermutete, daß es richtig war. Sklaven und Huren
waren nichts für ihn. Aber ich war beides, und ich wollte verzweifelt sein
Eigentum sein, koste es was es wolle.
"Majestät, wenn Du ihm befehlen würdest, mich zu nehmen und zu behalten ...
Du bist der Imperator! Er müßte dir gehorchen!"
"Erhebe Dich und hör auf, Dich weiter zu erniedrigen!"
Ich
zuckte zusammen als ob Marcus Aurelius mich geschlagen hätte, denn seine
Stimme war kalt und hart wie Stahl, die Stimme eines Kaisers, der auch ein
Krieger war, und der zu einem niedrigen Untertan sprach.
"Ich habe Dich zu einer Freigelassenen gemacht, und eine Freigelassene wirst
Du sein! Das Wenigste, was Du tun kannst, ist, Dich auch wie eine zu
benehmen!"
Ich
wimmerte.
"Setz Dich hin und hör mir zu!"
Zitternd stand ich auf und ging zu meinem Stuhl zurück, den Kopf ergeben
gesenkt, die Augen auf meinen Schoß gerichtet, mit der Hand krampfhaft den
kaiserlichen Ring umklammernd.
"Du
hast während der vergangenen Tage zu viel durchgemacht. Es war schwer, sehr
schwer. Aber Du hast Deine Stärke und Deinen Mut bewiesen und Du bist noch
sehr jung. Wie verwirrt Du Dich auch immer im Augenblick fühlen magst, das
wird sich geben."
Caesars Zorn hatte mich zu sehr verschreckt, als daß ich zu reden gewagt
hätte, aber dennoch schaute ich ihn mit flehenden Augen an. Marcus Aurelius'
harter Blick wurde ein wenig weicher.
"Weißt Du was, Julia? Du erinnerst mich an meine Tochter Lucilla", sagte er.
"Wie Du ist sie klug und schön und tapfer."
Und
wieder wußte ich nicht, was ich davon halten sollte. Wie konnte man mich mit
der Tochter des Kaisers vergleichen, da sie doch alles war, was ich nicht
war und auch niemals sein würde? Und wieder lächelte Marcus Aurelius, als
habe ich meinen Gedanken laut ausgesprochen. Du bist als Sklavin geboren und
sie als die Tochter eines Kaisers, von den Göttern begünstigt wie Du es
niemals warst. Aber als sie so alt war wie Du, wollte sie etwas haben, das
sie nicht bekommen konnte. Sie wünschte es sich so sehr, und ich, als Vater
und Kaiser, mußte es ihr verweigern wie ich es Dir jetzt verweigere, wenn
auch aus ganz unterschiedlichen Gründen. Sie glaubte, ihr Leben sei vorbei,
aber sie lebte weiter. Und das wirst Du auch, Julia."
Ich weigerte mich,
seine Worte zur Kenntnis zu nehmen und sah ihn weiter mit flehenden Augen
voller Tränen an. Marcus
Aurelius seufzte tief.
"Heute abend hat General Maximus mich um Urlaub gebeten. Ich habe ihm seine
Bitte gewährt, und übermorgen wird er abreisen. Er wird nach Spanien reiten,
zu seinem Hof. Und zu seiner Frau."
Ich
fühlte mich, als habe man mir einen heftigen Schlag versetzt, es verschlug
mir den Atem. Nach Spanien? Zu seiner Frau?
Plötzlich erinnerte ich mich an Maximus' beschwingten Schritt, als er das
Zelt verließ, in dem ich mich jetzt befand. Er sah aus, als sei eine schwere
Last von seinen Schultern genommen worden ... und statt dessen war sein Gang
nun der eines glücklichen Mannes, der nach Hause zurückkehrte.
Blitzartig erinnerte ich mich an Maximus' heiße Lippen, an seine Zunge, die
die Schutzwälle, die ich um mich errichtet hatte, zunichte machten. Ich
erinnerte mich daran, wie sein heißes, hartes Glied sich gegen meinen
Unterleib preßte, seine starken Hände meinen Körper liebkosten, an seinen
Blick, der erkennen ließ, wie sehr er sich danach sehnte, mich zu beschützen
... und ich erinnerte mich an Eugenia, die wie ein verwundetes Tier geheult
hatte, als man ihr das Kind aus den Armen nahm - zum erstenmal verstand ich
wirklich die Tiefe ihres Schmerzes.
Auch ich wollte aufheulen und biß mir so fest auf die Unterlippe, daß ich
den kupferartigen Geschmack des Blutes in meinem Mund schmeckte ... ebenso
wie ich es geschmeckt hatte, als Maximus in der wilden Ekstase aus Verlangen
und Lust seine Lippen auf die meinen preßte.
Caesar fuhr fort zu sprechen. "Julia, heute abend habe ich General Maximus
die Möglichkeit eröffnet, sich scheiden zu lassen und meine Tochter zu
heiraten ... sie kennen einander, seit sie noch ganz jung waren ..."
Ich
hörte Marcus Aurelius Stimme wie von weit weg. Sollte er noch etwas
hinzugefügt haben, so hörte ich es nicht, denn das Blut, das in meinen Ohren
pulsierte, dämpfte alle anderen Geräusche um mich herum. Die Tochter des
Kaisers? Maximus war die Ehe mit der Tochter des Kaisers angetragen worden?
Ich hatte die Dame Lucilla nie gesehen, da man die kaiserliche Familie
selten in der Öffentlichkeit sieht, bestenfalls bei den Spielen, und ich war
nie selbst im Kolosseum gewesen. Aber ich hatte ihre Statuen gesehen, als
sie für kurze Zeit Mitkaiserin*1 ihrer Mutter war, und ich erinnerte mich
daran, wie sie aussah ... eine hochgewachsene, schöne, königliche Frau,
majestätisch in ihre Staatsgewänder gekleidet und geschmückt mit Juwelen,
wie sie ihrem Rang geziemten. So stolz. So selbstsicher. So anders als ich.
Sie
war die Tochter eines Kaisers, die Witwe eines weiteren und vermutlich die
Mutter eines dritten. Und sie war Maximus zur Ehe angeboten worden. Ich
atmete schwer, stoßartig, und der Schmerz in meiner Brust war so heftig, daß
ich dachte, mein Herz würde zerspringen. Sollte mein Leid niemals ein Ende
haben?
"Es
liegt nun schon viele Jahre zurück, da habe ich zwei Fehler begangen, die
ich zutiefst bedauere", fuhr Marcus Aurelius fort und erzwang sich so meine
Aufmerksamkeit. "Der eine bestand darin, daß ich es einem Senator erlaubte,
Maximus zu adoptieren, statt dies selbst zu tun. *2 Indem ich ihm die Ehe
mit meiner Tochter anbot, habe ich versucht, beide wieder gutzumachen ... "
Allmählich bildeten die Mosaiksteinchen ein Ganzes. Und gab es keinen
Zweifel mehr für mich, daß das, was man der Dame Lucilla verweigert hatte,
als sie so alt war wie ich, Maximus gewesen war. Eine Welle unbeschreiblich
heißer Eifersucht schlug über mir zusammen. Sie hatte ihn gewollt ... hatte
auch er sie gewollt? Würde Maximus sich von seiner "Bauersfrau" scheiden
lassen, um sie zu heiraten? Natürlich, er konnte jede Frau haben, die er
wollte ... selbst die, an denen er gar nicht interessiert war.
"
... aber er wollte nichts davon hören. Maximus' Ehe war keine arrangierte.
Er heiratete aus Liebe und er liebt seine Frau immer noch."
Liebe.
Er
hatte aus Liebe geheiratet. Ich hätte es wissen müssen, daß er niemals
geheiratet hätte, nur um eine Frau zu haben, die ihm Söhne gebar, um seinen
Namen fortzuführen. Er hatte aus Liebe geheiratet. Und er liebte sie immer
noch. Er liebte sie so sehr, daß er die Ehe mit der Tochter des Kaisers
ablehnte. Er liebte sie so sehr, daß er die Möglichkeit, ein Mitglied der
kaiserlichen Familie zu werden, beiseite schob. Selbst Kaiser zu sein. Ich
konnte nicht umhin zuzugeben, daß nicht viele Männer so etwas täten; Frauen
waren nur eine Ware, die man benutzte und wegwarf, seien sie Ehefrauen oder
Huren. Nicht viele Männer, aber Maximus. Nicht viele Männer, nur der Mann,
in den ich mich verliebt hatte.
Wie
ein besiegter Kämpfer neigte ich den Kopf und nahm die Schläge einfach hin,
ohne Widerstand zu leisten, während ich mich hilflos fragte, wie es sein
mochte, so geliebt zu werden, wie Maximus seine Frau liebte. Und ich
bemitleidete die Dame Lucilla, die alles auf der Welt haben konnte, aber
zurückgewiesen worden war, als man sie dem Mann zur Ehe geben wollte, den
auch sie liebte.
Der
Kaiser seufzte wieder.
"Als römischer Imperator brauche ich Maximus' Einverständnis nicht, um ihn
mit meiner Tochter zu verheiraten. Ich könnte ihm einfach befehlen, sich von
seiner Frau scheiden zu lassen und Lucilla zu ehelichen, und er müßte es
tun. Aber - wie sehr seine Weigerung mich auch enttäuscht - das werde ich
nicht tun. Und ich werde ihm nicht befehlen, Dich als Sklavin zu behalten.
Denn täte ich eins wie das andere, so bedeutete das, einen Mann zu
verletzen, den ich liebe. Und ich würde Maximus nie, niemals absichtlich
verletzen. Nicht einmal, um das Imperium zu retten."
Marcus Aurelius schwieg einen Moment lang, dann sagte er leise: "Julia, hör
mir zu. Abgesehen von der Freiheit ist Liebe das Kostbarste, das ein Mann
oder eine Frau besitzen können. Oder auch verlieren. Sie ist so selten, so
... schwer zu finden ... so zerbrechlich ... wahre Liebe, das ist sie. Und
niemand, nicht einmal der römische Kaiser, hat ein Recht, sich da
einzumischen."
Ich
preßte die Lippen zusammen, erstarrt vor Schmerz, und lauschte hilflos
Caesars Worten. Es waren sanfte, kluge Worte, aber für mich bargen sie die
Endgültigkeit eines Todesurteils.
"Du
bist jung und klug und schön. Und nun bist du auch noch frei und reich.
Eines Tages wirst Du jemanden finden, jemanden Besonderen, den Du lieben und
mit dem Du glücklich sein wirst", sagte Marcus Aurelius mit sanfter,
beruhigender Stimme und ignorierte dabei den Schmerz, den seine Worte, die
Maximus' so ähnlich waren, in mir entfesselten. "Und wenn dies geschieht,
dann wirst Du Dich an diese Nacht und dieses Gespräch erinnern und einsehen,
daß, wenn ich getan hätte, worum du mich batest, ich Dir geholfen hätte,
einen ernsten Fehler zu begehen ... und Dich und Maximus sehr unglücklich
gemacht hätte."
Marcus Aurelius schwieg wieder einen Augenblick, dann lächelte er wehmütig.
"Julia, die Götter haben Pläne mit einem jeden von uns. Sie haben Dich
General Maximus geschickt, um ihm zu helfen und damit er Dir dafür helfe.
Aber sie wollten nicht, daß Du ihm gehörst, nicht mal als seine Geliebte,
denn Maximus würde weder seine Frau verletzen, indem er Dich zur Geliebten
nimmt, noch würde er Dir weniger geben, als er ihr gegeben hat ... So ein
Mann ist er nun mal."
Auch wenn ich in meinem eigenen Schmerz zu ertrinken drohte, konnte ich doch
nicht anders, als Caesar zustimmen. So ein Mann war Maximus nun mal. Zu gut
für einen Normalsterblichen. Zu menschlich für einen Gott.
"Er
ist nicht für Dich, Julia. Behalte ihn immer in Deinem Herzen, denn was er
für Dich getan hat, darf niemals vergessen werden. Aber lerne, ohne ihn zu
leben, denn er kann nicht der Deine werden."
Caesar seufzte. Plötzlich sah er nicht nur müde sondern erschöpft aus. So
erschöpft wie ich mich fühlte. Ausgelaugt durch seine eigenen Gefühle so wie
ich durch die meinen.
"Es
ist spät, Kind. Und morgen wird ein langer Tag. Wahrscheinlich werden wir
einander nie wiedersehen, aber sei versichert, daß ich Dich oder das, was
ich Dir schulde, nie, niemals vergessen werde. Nun steck den Ring in diesen
Beutel, versteck ihn und kehr in Dein Zelt zurück, denn Cornelius Crassus
wird bei Sonnenaufgang zu dir kommen, um dich und die anderen Frauen nach
Rom zu geleiten. Ich vertraue Euch beiden, daß ihr sie sicher dorthin
bringen werdet."
Er
gab mit einen purpurfarbenen Samtbeutel. Ich zögerte, ihn zu nehmen, und
Marcus Aurelius lächelte ermutigend.
"Majestät, ich glaube nicht, daß ich es schaffen werde ... als Freigelassene
zu leben, meine ich."
Meine Stimme klang dünn, es war wieder die Stimme des ängstlichen, traurigen
und einsamen kleinen Mädchens, das noch immer in mir lebte. Und das kleine
Mädchen war ängstlicher und trauriger und einsamer als jemals zuvor.
"Julia, Du hast dem Mann geholfen, der das Imperium gerettet hat, und hast
auch sein Leben gerettet. Nun kannst Du Dein eigenes weiterleben."
Ich
neigte den Kopf und legte den Ring in den Beutel, der aus dem Stoff gemacht
war, den niemand außer der kaiserlichen Familie verwenden durfte*3. Ich
fingerte ungeschickt mit der goldenen Kordel, und es gelang mir erst beim
dritten Versuch, sie ordentlich zuzubinden.
"Weißt du, was der Unterschied zwischen Dir und meiner Tochter ist, Julia?"
Erschrocken blickte ich den Imperator an. Warum fragte er mich so etwas? Er
war kein grausamer Mann, warum verglich er also mein Leben in Sklaverei und
Erniedrigung mit dem seiner stolzen, selbstsicheren Tochter?
"Nein, Julia, es geht nicht darum, daß Du in einer Sklavenunterkunft geboren
wurdest und sie im kaiserlichen Palast", sagte der weise, mitfühlende Mann
und lehnte sich auf seinem Ruhebett zurück. "Der Unterschied ist der, daß
sie um das Maß ihrer Stärke und ihres Mutes weiß, und Du mußt Deines erst
noch erkennen. Das wird Zeit brauchen, Julia, und es wird ein schmerzvoller
Prozeß sein. Aber auch Du wirst es erkennen."
Ich
schniefte, und da ich offensichtlich von der kaiserlichen Person entlassen
worden war, verneigte ich mich und drehte mich auf dem Absatz um, denn
plötzlich konnte ich es nicht mehr erwarten, das Zelt zu verlassen, in die
Nacht und die frische Luft hinauszutreten.
"Julia?"
Marcus Aurelius rauhe Stimme ließ mich am Eingang des Raumes innehalten. Ich
wandte mich nicht um, und er erwartete dies auch nicht von mir.
"Selbst wenn die Götter anders entschieden haben, sei versichert, daß Du
eine Frau bist, die seiner würdig ist, und daß es ein Leichtes für ihn wäre,
Dich zu lieben. Und gerade deshalb würde er Dich nie behalten, weder als
seine Geliebte noch als seine Sklavin."
Ich
schloß die Augen, atmete tief durch, straffte die Schultern und verließ das
Zelt.
__________
*1
Marcus Aurelius hatte im Jahre 161 n.Chr. Lucius Aurelius Verus zum
Mitkaiser ernannt. Dieser starb 169 n.Chr.
*2
Ein Mann von niederer Geburt, der außerdem nicht das römische Bürgerrecht
besaß und aus der Provinz stammte, konnte niemals einen hohen militärischen
Rang bekleiden und mußte daher formal von einer römischen Senatorenfamilie
"adoptiert" werden.
*3
"Kaiserlicher Purpur"
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11.Abschied:
"Werde ich Dich jemals wiedersehen?"
Der
Morgen kam wie er es immer zu tun pflegt, sei es, um uns Freude oder die
Vollstreckung des Todesurteils zu bringen. Wie der Imperator es mir gesagt
hatte, kam Cornelius Crassus zu Marcellus' Zelt, als es noch dunkel war.
"Herrin", sagte er und neigte leicht den Kopf. Ich zuckte zusammen, als ich
mich mit diesem respektvollen Titel angeredet fand, doch dann ermahnte ich
mich, daß eben dieser respektvolle Titel angemessen war für die Frau, zu der
mich das in meiner Truhe verstaute Dokument gemacht hatte. Ich antwortete
mit einem Kopfnicken, während ich den Mann, der vor mir stand, einzuschätzen
versuchte. Cornelius Crassus war ein dünner, drahtiger Mann, einen halben
Kopf kleiner als ich, mit dichtem, dunkelbraunem Haar und moosgrünen Augen.
Ich seufzte, denn aus Erfahrung wußte ich, daß kleine Männer zu schlechter
Laune neigen und die meisten von ihnen Frauen, die größer sind als sie,
zutiefst verabscheuen, besonders dann, wenn sie - wie ich - schlank sind. Er
stand stolz aufgerichtet da, wie es einem römischen Soldaten geziemt, den
glänzenden Helm unter dem Arm, seinen Lederpanzer und militärischen
Lederschurz ordentlich geölt und poliert.
"Wir werden in einer Stunde aufbrechen, Herrin", sagte er mit seltsam
ruhiger Stimme. "Gehe ich recht in der Annahme, daß Du bereits gepackt
hast?"
"Es
ist alles bereit", antwortete ich mit ebenso ruhiger Stimme, zu erschöpft,
um weiter gegen mein Schicksal und gegen den Willen eines Mannes
anzukämpfen, der mich begehrte und dennoch zurückwies. Eines Mannes, der
auch die Tochter des Kaisers zurückgewiesen hatte, und bald nach Hause zu
seiner geliebten Frau aufbrechen würde.
Als
ich zu Marcellus' Zelt nach meinem Treffen mit dem Imperator zurückgekehrt
war, fand ich dort einen jungen Mann vor, der im Dienst des Kaisers stand.
Ihm folgten zwei weitere Männer, die meine Truhen aus den Sklavenquartieren
brachten. Der Mann, der sich als Romulus vorstellte, sagte mir, das man ihm
aufgetragen hatte, die Vorbereitungen der Frauen zu überwachen, die mit der
Legion nach Rom reisen sollten. Er wies Rufa und mich an, unsere Sachen, die
wir hier im Zelt bei uns hatten, zusammenzupacken und im Morgengrauen zur
Abreise bereit zu sein. Er sagte, daß wir uns nicht um Reiseverpflegung
kümmern müßten, da der Quästor der Legion für alles sorgen würde. Und der
Quästor, der vor mir stand, schien in der Tat äußerst befähigt zu sein, um
sowohl Kleinigkeiten als auch wichtige Angelegenheiten zu erledigen.
"Herrin", sagte er in seiner seltsam ruhigen Stimme, "man hat mir gesagt,
daß Du die Anführerin der Sklavinnen bist."
Ich
zuckte die Achseln. Führerschaft und die Fähigkeit, ein Stück Eisen in das
Fleisch eines anderen Menschen zu stoßen, sind die in der römischen
Zivilisation am meisten geschätzten Talente. Welche Ironie, daß Maximus dank
ihrer von seiner bescheidenen provinziellen Herkunft aufgestiegen war, und
daß auch ich durch sie meine Freiheit und meinen Wohlstand erlangt hatte!
Der bloße Gedanke reizte mich zum Lachen, aber Cornelius Crassus runzelte
die Stirn. Dies und das Bewußtsein, daß, finge ich erst einmal zu lachen an,
ich durchdrehen würde, hielten mich davon ab. Ich zuckte abermals die
Achseln. "Ja, da es keinen treffenderen Ausdruck zu geben scheint, kannst du
mich so nennen ... ihre Führerin", sagte ich.
"Herrin, die Reise nach Rom wird lang und ermüdend sein, selbst für die
Legion. Frauen sind nicht an die Härten der Straße gewöhnt und können somit
zu einem Problem werden. Einem ernsten Problem."
Nun
war es an mir, die Stirn zu runzeln. Wovon sprach der Mann? Er fuhr fort:
"Was ich sagen will, Herrin, ist, daß Frauen für Soldaten und selbst für die
Offiziere eine Ablenkung sein könnten. Ich habe sie gesehen, Herrin. Sie
sind jung und schön." Die Qualität seines Lateins war von unverschämter
Reinheit und für die Hallen des Senats angemessener als für die Armee. Dann
erinnerte ich mich selbst daran, daß er ein Quästor war, ein Amt, oftmals
reserviert für jene Söhne hochrangiger Familien mit scharfem Geist aber
keiner Liebe zum Kriegshandwerk. Sie dienten die nötigen Jahre ab, indem sie
sich um die Rechnungen und die Versorgung der Legion kümmerten, bis sie das
erforderliche Alter hatten, um Mitglied des Senats zu werden. Ich konnte mir
gut vorstellen, daß der kleine Mann, der da vor mir stand, die makellosen
Falten der purpurverbrämten Toga ebenso selbstverständlich trug wie Maximus
seinen in vielen Kämpfen bewährten Brustpanzer.
Maximus. Sein Name traf mich wie ein Dolchstoß ins Herz, denn das Gespräch
mit dem Imperator hallte immer noch in meinem Inneren wider. Aber Cornelius
Crassus, ganz auf seine Aufgabe konzentriert, redete weiter, und ich war
gezwungen, meine Aufmerksamkeit wieder diesem lästigen kleinen Mann
zuzuwenden, statt - wonach ich mich so sehr sehnte - mit meinem gebrochenen,
blutenden Herzen allein bleiben zu dürfen.
"Und dann ist da noch das Problem mit den Sklavenmädchen. Sie sind noch sehr
jung, Kinder, und der Imperator hat der Legion befohlen, so schnell wie
möglich nach Rom zu marschieren. Es wird also nicht möglich sein, sie
mitzunehmen. Sie werden beim Kaiser bleiben und später mit ihm
zurückkehren." Während er sprach, blickte Cornelius Crassus auf Rufa, die
uns mit ihren großen, runden und immer ängstlichen Augen anstarrte. Dann sah
der Quästor wieder mich an. "Ist dieses Mädchen Deine persönliche Dienerin?"
Ich nickte wieder, denn ich wollte nicht sprechen, wenn es sich irgendwie
vermeiden ließ. "Dann wird sie mit uns kommen. Man hat mich angewiesen, sie
im kaiserlichen Palast abzuliefern. Sie kann Dich während der Reise
bedienen, aber die anderen Frauen müssen sich selbst versorgen."
Ich
hörte, wie Rufa nach Luft schnappte, und drehte mich um, um ihr zu
versichern, daß alles in Ordnung sei. Dann trat ich dem wichtigtuerischen
Quästor mutig entgegen. "Abliefern? Sagtest Du 'abliefern'?" fragte ich ihn
mit kalter, harter Stimme.
Der Mann zuckte
zusammen. "Sie soll der Dame Lucilla übergeben werden ...", setzte er an,
aber ich unterbrach ihn. "Der Imperator hat angeboten, für meine kleine
Dienerin zu sorgen, da ich es nicht persönlich tun kann, und er hat
eingewilligt, sie seiner Tochter anzuvertrauen, denn sie verdient es, der
Dame und ihrem Sohn zu dienen ... ist das klar?" sagte ich kategorisch. Der
Quästor hielt meinem Blick stand, nickte dann leicht und fuhr - mit
undurchdringlicher Miene - fort zu sprechen. Man hätte ihn gutaussehend
nennen können, wenn er sich selbst nicht so wichtig genommen oder sich
wenigstens ein wenig entspannt hätte.
"Ich habe drei geschlossene Wagen angefordert, um Dich und die anderen
Frauen zügig und so bequem wie möglich zu transportieren", sagte er. "Da Du
mein persönlicher Schützling bist, kannst Du mit Deiner Dienerin den einen,
kleineren, für Dich allein haben. Die anderen Frauen werden sich die übrigen
zwei teilen müssen."
"Ich will nicht in einem Wagen reisen", sagte ich scharf.
Cornelius Crassus runzelte abermals die Stirn und fügte dann, mit einem
Anflug von Ungeduld in seiner kultivierten Stimme, hinzu: "Herrin, wie
beabsichtigst Du zu reisen? Zu Fuß?"
Sein gönnerhaftes Verhalten gab mir den Rest. Ich straffte die Schultern -
bereit zum Kampf. Er war weder Maximus noch Marcus Aurelius. "Nein, Quästor",
sagte ich. "Zu Pferd."
Er
schnappte nach Luft. "Herrin, das kann nicht Dein Ernst sein!" Trotz seiner
Bemühungen, begann Cornelius Crassus die Selbstbeherrschung zu verlieren,
und ich genoß seine offensichtliche Verwirrung in vollen Zügen.
"Was glaubst Du, wie ich hierher gekommen bin? Geflogen?" fragte ich
herausfordernd. "Ich will nicht in einem geschlossenen Wagen reisen, weil
ich keine Ware bin. Nicht mehr. Ich will ein Pferd. Und zwar ein gutes,
temperamentvolles, denn ich bin ein ebenso guter Reiter wie Du es bist ...
oder sogar ein noch besserer. Quästoren haben nicht sonderlich viel
militärisches Training, nicht wahr?"
Ich
prahlte nicht. Ich war eine gute Reiterin und bin es noch heute. Cassius
selbst hat mir das Reiten beigebracht, als ich noch ein kleines Mädchen war,
lange bevor er mich in das Bett des Senators schickte. Ich machte gern
Ausritte in die Umgebung seiner Villa und pflegte einige seiner Mädchen
mitzunehmen. Das Reiten ist vermutlich die einzige angenehme und unschuldige
Fähigkeit, die ich unter seiner Anleitung erwarb, und noch heute liebe ich
es. Manchmal reite ich zusammen mit Apollinarius aus, aber meistens reite
ich allein, da mein Gemahl nicht in der Lage ist, mich zu begleiten.
Wenn ich allein ausreite, dann liebe ich es, den Strand entlang zu
galoppieren, während der Wind in meinen Ohren singt und die Wellen mich und
mein Pferd sanft umspülen. Wenn ich reite, kann ich mich leicht verlieren
und eins werden mit dem Wind und dem Meer und manchmal sogar vergessen.
Vergessen, daß ich als Sklavin geboren wurde. Vergessen, daß ich den größten
Teil meines Lebens als Hure verbrachte. Vergessen, daß , trotz aller Launen
des Schicksals, in mir immer noch das kleine ängstliche Mädchen lebt.
Vergessen, daß ich mich, trotz Freiheit und Reichtum und Ehe, immer noch so
einsam fühle wie ich mich immer gefühlt habe. Was mich nicht einmal das
Reiten und das Meer und der Wind vergessen lassen können, ist meine Liebe zu
Maximus, daß ich mich nach ihm sehne, schmerzlich sehne ... ihn immer lieben
und ersehnen werde.
Glücklicherweise schwieg Cornelius Crassus, während er mich einen langen
Augenblick anschaute und dann wiederum nickte, die Steifheit seiner Gebärde
ein deutliches Zeichen wachsender Unzufriedenheit mit seinem "persönlichen
Schützling" wie er mich genannt hatte. "Ich werde Anweisung erteilen, daß
ein Pferd für dich bereitgehalten wird ..."
Ich
unterbrach ihn abermals. "Fordere vier Pferde an, Quästor. In den
Sklavenquartieren sind noch weitere Frauen, die reiten können und sich über
die Gelegenheit dazu freuen werden." Selbst wenn mich die Anwesenheit von
Aelia, Ariadna und Eugenia zwingen würde, ihr unablässiges, kindisches
Geschnatter während des gesamten Marsches zu ertragen, hatte ich doch nicht
das Herz, sie in die Wagen einzuschließen, da ich nun einmal wußte, wie sehr
sie die Freiheit der staubigen Straße genießen würden.
Cornelius Crassus war über meine Forderung nicht eben glücklich. Überhaupt
nicht glücklich.
"Herrin, vierzehn Frauen zusammen mit einer Legion zu transportieren, ist
schwierig genug. Wenn vier von ihnen gemeinsam mit den Soldaten reiten, dann
könnte das eine ernste Gefahr für die Disziplin der Legion darstellen! Wenn
Du darauf bestehst, daß sie reiten, anstatt im Wagen zu reisen, dann werde
ich Deine Hilfe benötigen, um sie von den Soldaten und Offizieren
fernzuhalten, Herrin, auch wenn Du mein persönlicher Schützling bist." Ich
hob fragend die Augenbrauen, während Cornelius Crassus fortfuhr. "Ich werde
keine Verstöße gegen die Disziplin der Armee dulden, und Du mußt helfen, daß
die Frauen nicht zu einer Quelle des Ärgernisses werden. Ich werde es nicht
dulden, daß sie Umgang mit den Soldaten oder Offizieren pflegen."
"Warum? Weil sie als
Sklavinnen geboren und ihr ganzes Leben lang als Huren benutzt wurden?" Erst
als ich meine Worte hörte, bemerkte ich, daß ich sie laut ausgesprochen
hatte. Und daß mein Stimme hart und bitter klang. Cornelius Crassus zuckte
zusammen, ganz offensichtlich war er es nicht gewohnt, daß seine Anordnungen
in Frage gestellt wurden. Besonders nicht von einer Frau. Er erholte sich
schnell aber ich war noch schneller. "Bist du jemals in einem Bordell
gewesen, Quästor?" fragte ich mit kalter, harter Stimme. Er war verblüfft.
Gewiß wußten die hochgestellten Damen, mit denen er sich sonst zu
unterhalten pflegte, nichts von Bordellen und Huren. "Du magst Frauen, nicht
wahr? Oder teilst Du nicht gern und ziehst es vor, eine Mätresse zu halten?
Cornelius Crassus errötete tief, und zweifellos hatte es ihm die Sprache
verschlagen. Ich provozierte ihn weiter. "Du hast nicht geantwortet, Quästor.
Hast Du jemals ein Bordell besucht?"
Er
nahm sich zusammen und antwortete: "Ja, Herrin, ich habe schon ein Bordell
besucht."
"Gut", sagte ich
knapp und fragte mich, warum ich das tat, warum ließ ich meinen Zorn und
meine Verbitterung an diesem Mann aus, dem ich nichts weiter vorzuwerfen
hatte, als daß er engstirnig war, ganz gleich, wie sehr Marcus Aurelius ihm
vertrauen mochte. Aber ich konnte, wollte mich nicht zurückhalten. "Und ich
nehme an, Du hast Dir ein luxuriöses ausgesucht und es sehr genossen, dann
bist Du wieder nach Hause gegangen und hast Dich in Dein Bett gelegt, ohne
einen weiteren Gedanken an die Frauen, die Dir zu Diensten gewesen waren,
und an die vielen anderen. Du hast niemals einen Gedanken an jene Frauen
verschwendet, die Demütigungen erdulden, erniedrigende Handlungen, und die
sogar ernstlich verletzt werden um solchen Männern wie Dir zu willen zu
sein. Und sie haben all das erduldet - Tag für Tag, Nacht für Nacht. Diese
Frauen in den Sklavenquartieren wurden in einem Bordell geboren, Quästor! In
einem privaten Bordell. Sie haben nichts anderes kennengelernt als
Demütigung, Erniedrigung und Schmerz. Ich bezweifle es sehr, daß sie jemals
in ihrem Leben noch mal mit einem Mann werden schlafen wollen - und am
wenigsten mit einem römischen Soldaten!"
ch
fügte nicht hinzu, daß ich in demselben Bordell geboren war, dieselbe Art
von Leben erduldet hatte und niemals wieder mit einem Mann ins Bett gehen
würde. Außer mit Maximus. Sollte er mich haben wollen. Das ging weder
Cornelius Crassus noch sonst jemanden etwas an.
Cornelius Crassus schwieg lange, er hielt meinem zornigen Blick stand und
schaute mich an wie eines jener fremden, exotischen, faszinierenden Tiere,
die bei den Triumphzügen in Rom mitgeführt oder in der großen Arena
hingeschlachtet werden. Dann wurden seine moosgrünen Augen nach und nach
wärmer, seine Züge weicher, und er neigte respektvoll den Kopf.
"Verzeiht mir, Herrin", sagte er, und seine Stimme war nicht nur ruhig und
wohlerzogen, sondern er sprach in einem ernsten Tonfall. "Ich bin äußerst
grob gewesen. Wenn das auch keine Entschuldigung ist, so bedenke bitte, daß
ich die letzten drei Jahre an der Front zugebracht habe und es nur mit
Soldaten zu tun hatte." Er lächelte ein kleines scheues Lächeln. "Es
scheint, daß ich meine Manieren völlig vergessen habe."
Ich
seufzte und wollte die unerfreuliche Unterredung mit dem Mann, der dafür
verantwortlich war, mich nach Rom zu bringen, nur so schnell wie möglich
beenden. "Deine Entschuldigung ist angenommen, Quästor."
"Danke, Herrin. Ich werde die Pferde bereitstellen lassen. Gibt es noch
etwas, was ich für Dich tun kann?"
"Nein, Quästor, ich danke Dir. Laß mich nur allein, bis es Zeit zur Abreise
ist."
Er
schaute mich weiter an, als sei er in seine eigenen, privaten Gedanken
versunken. Dann verneigte er sich und wandte sich um zu gehen. Aber im
Eingang des Zeltes blieb er stehen, drehte sich um und sah mich an.
Einen langen Augenblick hielt ich seinem Blick stand.
Dann lächelte er und sagte: "Ich hätte wissen sollen, daß der Imperator
recht hat ... er hat immer recht."
Ich
sah ihn fragend an.
"Er
sagte, Du seiest nicht nur schön, sondern auch klug und tapfer ... tapfer
genug, um das Reich retten zu helfen."
"Beunruhigt dich das, Quästor?" fragte ich
Seine Lächeln wurde breiter. "Nein, Herrin. Es beunruhigt mich keineswegs.
Und mein Name ist Cornelius. Cornelius Crassus." Er verneigte sich
respektvoll, drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Zelt.
"Herrin Julia?"
Rufas Stimme zwang mich, ihr meine Aufmerksamkeit zuzuwenden.
"Ja, Kleines", fragte ich matt.
"Herrin Julia, wir gehen?" fragte sie in ihrem kehligen, holprigen Latein,
ihre Stimme so ängstlich wie ihr dunkles, besorgtes Gesicht.
"Ja, Rufa. Wir gehen nach Rom."
"Will nicht!" flehte das Mädchen. Ich zuckte zusammen. Ich hatte Rufa
niemals gegen etwas aufbegehren oder sie weinen hören.
"Kleines ...", setzte ich an, aber sie weigerte sich, mir zuzuhören, ganz
eindeutig war sie außer sich vor Angst.
"Herrin Julia, will nicht gehen! Will nicht gehen!"
Ich
packte das Mädchen bei den Schultern und schüttelte sie leicht. "Rufa, hör
mir zu!" Dicke fette Tränen kullerten über ihre ebenholzschwarzen Wangen.
Ihre wulstigen, vernarbten Lippen zitterten vor Kummer. Ich nahm das Mädchen
bei der Hand, setzte mich auf ein Ruhebett und zwang sie, sich neben mir
niederzulassen. "Hör mir zu, Rufa. Wie ich Dir schon erklärt habe, sind wir,
... die anderen Frauen und ich, vom Kaiser freigelassen worden. Du und die
anderen Mädchen, ihr seid zu jung, um freigelassen und euch selbst
überlassen zu werden. Deshalb wird man Dich im Haushalt der Verwandten des
Kaisers unterbringen."
Rufa schluchzte und mir war es weh ums Herz. Sie hatte mir während der
vergangenen zwei Jahre gedient, und es war mir nie gelungen, ihr mehr zu
entlocken als Gehorsam, kehlige, kurze Antworten und die geforderten
Dienste. Sie so unglücklich und in Tränen aufgelöst zu sehen, das war
unerwartet. Und es tat weh.
"Rufa",
fuhr ich fort. Du wirst der Tochter des Kaisers dienen. Die ... die Dame
Lucilla ist eine schöne Frau, und sie steht über allen anderen Frauen im
Reich. Ihr und ihrem kleinen Sohn zu dienen, ist eine große Ehre. Sie wird
Dir eine gute Herrin sein ... und Du mußt ihr gut dienen."
Ich
fühlte, wie meine eigenen Tränen meine Stimme zu ersticken drohten, als ich
die schöne, mächtige Frau erwähnte, die Maximus liebte. Ich hatte kein
Recht, ihr das zum Vorwurf zu machen, denn anfangs hatte man sie ihm
verweigert und später, als man sie ihm anbot, hatte er sie zurückgewiesen.
Sie war im kaiserlichen Palast zur Welt gekommen und ich in den
Sklavenquartieren, aber wir hatten mehr gemeinsam, als Marcus Aurelius
zugegeben hatte. Denn es waren nicht Stärke und Mut, die uns einander
ebenbürtig machten, sondern es war die Liebe zu demselben Mann ... der uns
beide abgewiesen hatte.
Rufa schluchzte geräuschvoll vor sich hin, weinte wie das Kind, das sie nun
mal noch war.
"Will mit Dir gehen, Herrin Julia!" rief das arme Mädchen. "Mit Dir gehen!"
Ich
nahm Rufa in meine Arme und hielt sie ganz fest, während sie ihr Gesicht an
meine Brust drückte. Sie zitterte, und ich wiegte sie sanft hin und her,
versuchte, sie zu beruhigen, flüsterte ihr ermutigende Worte zu, bis sie
sich langsam entspannte. Ich streichelte ihre wilden schwarzen Locken. Wie
sollte ich einem zehnjährigen Mädchen, das die niedrige Dienstmagd einer
erfahrenen Hure gewesen war, erklären, daß sie von nun an einer ehemaligen
Kaiserin und dem möglicherweise zukünftigen Kaiser dienen sollte?
"Hör mir zu, Kleines. Ich kann Dich nicht bei mir behalten, aber der
Imperator ist ein guter Mensch und hat eingewilligt, Dich zu seiner
geliebten Tochter und seinem Enkel zu schicken", sagte ich, während ich
weiter ihr Haar streichelte. Du bist eine sehr, sehr gute Dienerin gewesen,
und ich bin stolz auf Dich. Du mußt der Dame Lucilla gut dienen."
Rufa hob den Kopf und schaute mich nicht länger mit ängstlichen Augen an,
sondern unschuldig und voller Hoffnung.
"Du
könntest mit General gehen und mich nehmen. Warum nicht gehen mit General?"
fragte sie, und ich hatte das Gefühl, als würde man Salz in mein blutendes
Herz reiben. "Es ist nicht möglich, Kleines", sagte ich und zwang mich zu
bedenken, daß das Mädchen zu jung war, um zu verstehen, was in den Herzen
von Männern und Frauen vor sich geht, auch wenn sie in ihrem zarten Alter
bereits mehr gehört und gesehen hatte als manche Frau in ihrem ganzen Leben
sieht und hört. Verzweifelt suchte ich nach etwas, das sie trösten und ihren
Kummer lindern würde.
Dann erinnerte ich mich an den Ring des Kaisers, den ich sicher unter meinem
Gürtel verborgen hatte.
"Rufa",
sagte ich leise, "Hör mir zu. Ich will Dir ein Geheimnis anvertrauen. Ein
sehr wichtiges, das Du niemand verraten darfst, was auch geschehen mag."
Sie
war nur ein kleines Mädchen, und das weckte ihre Aufmerksamkeit.
"Es
gibt einen Grund, warum Du zu der Dame Lucilla und ihrem Sohn gehen mußt.
Der Imperator braucht jemanden, der sich um sie kümmert, denn er verbringt
viel Zeit weit weg und macht sich um seine Tochter und seinen Enkel Sorgen."
Die
Augen des Mädchens wurden weit vor Staunen.
"Er braucht Dich,
damit Du immer bei dem jungen Herrn Lucius bist und Dich um ihn kümmerst,
während er aufwächst. Der Imperator traut seinen anderen Sklaven und Dienern
nicht, denn er wünscht sich jemanden, dem Lucius wirklich am Herzen liegt
und dem der junge Herr vertrauen kann. Wirst Du das für den Kaiser tun?
Wirst Du dich um seinen Enkelsohn kümmern?"
Rufa schaute verwirrt drein. Dann hellte sich ihr Gesicht auf. Sie nickte
heftig. "Ich mich kümmern", sagte sie mit Überzeugung.
"Gut", antwortete ich, und bis heute kann ich nicht sagen, warum ich noch
hinzufügte, "Rufa, eines Tages könnte auch ich Deine Hilfe brauchen. Eines
Tages könnte ich Dich brauchen, um der Dame Lucilla oder ihrem Sohn eine
wichtige, geheime Botschaft zu überbringen. Die Dame Lucilla weiß von dieser
Botschaft. Aber wenn ihr etwas zustoßen sollte, dann mußt Du dem jungen
Herrn Lucius sagen, daß ihm eines Tages jemand, den Du und sein Großvater
kannten, durch Dich eine sehr wichtige Botschaft senden könnte, und daß der
Kaiser von seinem Enkel erwartet, eine Schuld zu begleichen, so wie der
Imperator es geschworen hat. Wirst Du das tun? Wirst Du es ihm sagen? Und
wirst Du mir, wenn es so weit sein wird, helfen und die Botschaft
überbringen?"
"Ja, Herrin Julia. Das werde ich."
"Da
darfst das niemand anderem als dem jungen Herrn sagen. Es wird unser
Geheimnis sein. Nur Du, der Kaiser, die Dame Lucilla und ich wissen davon,
Rufa."
Das
Mädchen nickte zustimmend.
"Dann ist das geklärt. Wir werden zusammen nach Rom reisen, und wenn wir
dort sind, wirst Du in den kaiserlichen Palast gehen und bei Deinem neuen
Herrn bleiben."
Rufa nickte abermals. Dann lächelte sie - es war das erstemal, daß ich sie
jemals lächeln sah. Ich konnte nicht anders und lächelte zurück, auch wenn
mein Herz gebrochen war und die Zeit mir wie Sandkörner durch die Finger
rann, die ersten Strahlen der Sonne kündigten bereits den baldigen Abschied
an.
"Herrin Julia?"
"Ja, Kleines?"
Sie
sah mich unschuldig an. "Wer sich kümmern um Dich, wenn ich gegangen?
General?"
Tränen traten mir in die Augen, es schnürte mir die Kehle zu, und mein Herz
schmerzte zum Zerspringen. Aber ich zwang mich wieder, zu lächeln und die
Frage eines zehnjährigen Mädchens zu beantworten. "Ja, Rufa. Er wird sich um
mich kümmern."
Bevor sie weiter sprechen konnte, schloß ich sie in die Arme und vergrub
mein Gesicht in ihren ebenholzschwarzen Locken.
"Herrin, es ist Zeit."
Cornelius Crassus' Stimme riß mich aus meinen Gedanken. Ich stand auf und
ging langsam zum Eingang des Zeltes. Der Quästor trat zur Seite und ließ
mich hinaus gehen, dann folgte er mir über den Hof des Prätoriums. Die
Pferde standen bereit und Aelia, Honora und Ariadna waren bereits da, sie
saßen auf ihren Reittieren, schnatterten aufgeregt und kicherten. Die Frauen
wandten sich um, schauten mich an und schenkten mir ein breites, glückliches
Lächeln, aber mein düsteres, angespanntes Gesicht ließ sie augenblicklich
verstummen.
Cornelius Crassus half mir, auf das Pferd zu steigen, das man mir gegeben
hatte ... ein schönes, kräftiges Tier, dessen schimmerndes, kupferfarbenes
Fell, goldene Mähne und Schweif in den ersten Strahlen der Morgensonne
glänzten. Es schnaubte leise, als ich mich auf seinem breiten Rücken
niederließ, und abwesend seinen starken, warmen Nacken streichelte.
Von
meinem erhöhten Platz auf dem Rücken des Pferdes aus sah ich, daß alles zum
Abmarsch bereit war, die Banner flatterten in der leichten Brise, die
goldenen Adler leuchteten, die Soldaten waren in Formation angetreten, der
lange Zug mit Gepäck und Verpflegung erstreckte sich hinter uns.
Ich
vernahm das Geräusch von Fußtritten, drehte mich um und sah Maximus vor mir.
Obwohl es ein warmer Tag war, trug er seine volle Generalsuniform, das
kunstvoll über seinem ledernen Brustharnisch geknotete dunkle Band kündete
von seinem hohen Rang, der Umhang schwang um seinen kräftigen, muskulösen
Körper, und die silbrigen Wolfspelze hingen von seinen breiten Schultern
herab.
Es
war das erstemal, daß ich ihn in dieser Uniform aus der Nähe sah.
Er
sag großartig aus.
Meine Hände umklammerten die Zügel, während wir einander einen langen,
schmerzvollen Augenblick schweigend ansahen. Seine blauen Augen waren sanft
und warm, aber ich konnte nichts in ihnen lesen. Er hatte seine Gefühle gut
unter Kontrolle.
Das
Schweigen wurde unerträglich, mein Herz klopfte wild, der Schmerz und die
Tränen, die ich nicht zu vergießen wagte, schnürten mir die Kehle zu.
"Werde ich Dich jemals wiedersehen?" fragte ich, auch wenn ich die Antwort
bereits wußte. Warum bestand ich darauf, mir selbst weh zu tun?
"Nein", kam die schlichte, bereits erwartete Antwort. Wenn ich auch nichts
anderes erwartet hatte, so tat es doch unendlich weh. Oder vielleicht sollte
ich besser sagen, es hätte so weh getan, wäre mein Herz nicht vor Schmerz
betäubt gewesen.
Aber Maximus' Stimme war sanft und freundlich gewesen, und wenn ich auch
nicht wußte, wie ich es zuwege brachte, so lächelte ich ihn doch an. "Das
habe ich mir gedacht", sagte ich ruhig.
Er antwortete mir mit seinem süßen, jungenhaften Lächeln. "Du wirst damit
beschäftigt sein, Dich in Deinem neuen Leben einzurichten."
Ein
neues Leben?
O
ja. Ich war jung. Ich war frei. Ich war keine Hure mehr. Ich war wohlhabend
genug, um mir falsche Papiere zu kaufen und meine Vergangenheit
auszulöschen. Und verborgen unter meinem Gürtel verwahrte ich den Ring des
Kaisers, das Familiensiegel des mächtigsten Mannes der Welt, das Unterpfand
seiner Verpflichtung jener Frau gegenüber, die geholfen hatte, das Reich zu
retten und das Leben von Roms bedeutendstem General gerettet hatte. Aber ich
besaß nichts, und das Leben, das vor mir lag, würde nichts als Einsamkeit
und Schmerz sein, denn kein Reichtum und keine Macht der Welt konnten mir
das einzige geben, das ich mir wünschte: die Liebe jenes großartigen Mannes,
der da ruhig an meiner Seite stand.
Ich
schaute wieder in seine bemerkenswert blauen Augen, und ein Gedanke kam mir
in den Sinn: Was, wenn Maximus mich wenigstens ein einziges mal genommen
hätte? Ich hätte die Hoffnung gehabt, seinen Samen in meinem Leib empfangen
zu haben, und nach gegebener Zeit wäre das dunkelhaarige kleine Mädchen,
welches ich im Traum in meinen Armen gewiegt hatte, zur Welt gekommen, eine
Fleisch und Blut gewordene Verbindung zwischen mir und ihrem Vater - auch
wenn er mich danach wieder zurückgewiesen hätte. Und selbst wenn sein Same
in mir nicht fruchtbar geworden wäre, so hätte mich doch die Hoffung für
einige Wochen weiterleben lassen ... , und wenn auch dies vorüber gewesen
wäre, hätte immer noch die Erinnerung an seinen Körper mein Bett gewärmt,
wie kein anderer Mann es je würde wärmen können.
Aber er hatte mich und das wenige, das ich ihm damals bieten konnte,
zurückgewiesen, hartnäckig hatte er sich selbst die Möglichkeit versagt, von
einer Frau geliebt zu werden, die nicht seine Ehefrau und nicht die Tochter
des Kaisers war, die ihn jedoch so sehr liebte, wie es nur möglich ist,
jemanden zu lieben.
Maximus berührte meinen Fuß, so als ob seine Hand abermals ihren eigenen
Willen hatte, und seine schwieligen Finger streichelten zart die Haut
zwischen den Lederriemen meiner Sandalen. "Bist du sicher, daß Du nicht doch
lieber im Wagen reisen möchtest?"
Ich
schüttelte den Kopf. Die frühe Morgensonne küßte Reihe um Reihe der weißen
Zelte und ließ das Messing der Schilde und Waffen aufleuchten. Ich seufzte.
"Nein, ich würde mich wie eingesperrt fühlen, und ich habe genug davon,
eingesperrt zu sein."
Maximus nickte verständnisvoll. Aber wie konnte ein Mann, der nie etwas
anderes als die Freiheit kennen gelernt hatte, verstehen, was es bedeutet,
eine Frau und Sklavin zu sein? Wie konnte dieser stolze, befehlsgewohnte
Mann die entwürdigende Unterjochung verstehen, die ich mein Leben lang
erduldet hatte?
Doch er schaute mich mit so sanftem, warmem Blick an, daß ich mich gewaltsam
zurückhalten mußte, um mich nicht vorzubeugen und über sein kurz
geschnittenes Haar und seine von einem weichen Bart bedeckte Wange zu
streicheln. Ich zögerte und sagte dann: "Du brauchst Dir keine Sorgen zu
machen, Maximus. Ich werde es niemandem erzählen, daß ich den großen
römischen General persönlich kenne."
Er
runzelte die Stirn. "Warum sollte ich mir darüber Sorgen machen?"
Er
war ein grimmiger Krieger, der Führer einer Armee, geliebt von seinen
Männern und von seinem Kaiser. Aber er konnte so naiv sein, wenn es um
bestimmte Dinge ging! Ich wandte mein Gesicht ab und starrte auf einen Punkt
außerhalb des Lagers, hätte alles getan, um ihn nicht anblicken zu müssen,
denn ich war mir meiner eigenen Schande bewußt und entschlossen, ihn nicht
damit zu beflecken. "Ich will Dich nicht in Verlegenheit bringen."
"Julia." Maximus schüttelte meinen Fuß. Ich weigerte mich, ihn anzusehen,
und er schüttelte ihn abermals, während seine Finger sich tief in mein
Fleisch gruben. "Julia, sieh mich an."
Ich
tat es widerstrebend, spürte heiße Tränen in meine Augen steigen und kämpfte
sie nieder.
"Ich bin stolz darauf, eine Frau von solchem Charakter, solcher Stärke und
Intelligenz zu kennen. Was Cassius Dir angetan hat, war außerhalb Deiner
Kontrolle. Wenn du Dich ihm widersetzt hättest, hätte er Dich getötet. Das
weißt Du."
Mein Herz weitete sich schmerzlich. Maximus! O Maximus! So stark, so
männlich und doch so sanft und zärtlich! Auch wenn er mich nicht lieben
konnte, mich nicht nehmen würde, so sorgte er sich doch noch immer um mich
und versuchte, mich zu beschützen ... sein Trost und sein Schutz waren die
einzige Wärme, die ich in meinem Leben gekannt habe! Ich wollte mich vor ihm
auf die Knie werfen, wie ich es vor Marcus Aurelius getan hatte. Ich wollte
seine Beine mit meinen Armen umklammern und ihn anflehen, mich nicht
wegzuschicken, mich bei sich zu behalten und seine Güte und sein Mitgefühl
in mich aufnehmen zu dürfen. Aber ich wußte, daß es keine Hoffnung für mich
gab, denn schon bald würde er seinen glänzenden schwarzen Hengst auf dem
selben Weg, den auch wir nahmen, in Richtung Heimat lenken, hin zu seiner
Frau - trotz meines Flehens. Ich machte mich innerlich bereit, nickte und
tat einen unsicheren Atemzug, dann schaute ich wieder in die Ferne. "Ich
wünsche Dir ein sehr langes und glückliches Leben, Maximus."
"Ich Dir auch," sagte er, und seine tiefe, klangvolle Stimme ließ mir
Schauer über den Rücken laufen. Er nickte dem Prätorianer zu, der neben uns
in Habachtstellung stand, und der Mann rief den Befehl zum Abmarsch. Maximus
trat zurück, als mein Pferd sich in Bewegung setzte. Ich hörte, wie er Aelia,
Honora und Eugenia grüßte, als ich das Tor des Lagers passierte. Ich sehnte
mich danach zurückzusehen, ihn noch einmal anzuschauen, aber ich zwang mich
dazu, geradeaus zu blicken, hoch aufgerichtet und die Augen auf den Horizont
geheftet. Denn ich wußte, daß, würde ich mich umwenden, ich von meinem Pferd
steigen, zu ihm hin stürzen und ihn anflehen würde, mich bei sich zu
behalten, so verzweifelt wie ich in der Nacht zuvor den Kaiser angefleht
hatte, mich ihm zu schenken. Aber ich wußte ebenso, daß, würde ich dies tun,
man mich zurückweisen würde, wie ich in der vergangenen Nacht zurückgewiesen
worden war, und eine weitere Zurückweisung würde ich nicht überleben.
Seufzend hob ich den Kopf und schaute in den Himmel, die Sonne schien warm
auf mich herab und konnte doch mein Herz nicht erwärmen. Ich hörte die Vögel
in den Zweigen singen. Ein blauer Schmetterling tanzte vor mir in der Luft.
Ein Eichhörnchen sprang aufgeregt schnatternd von Ast zu Ast. Vor uns
erstreckte sich die Straße, eine Straße, erbaut vor Jahrzehnten von
Generationen römischer Soldaten, Soldaten wie jenen, die vor und hinter mir
marschierten. Das Leben ging mit derselben großartigen Gleichgültigkeit
weiter, wie es dies immer zu tun pflegt, sei es, um barmherzig die Narben
auszulöschen, die der Krieg geschlagen hat, oder um die so flüchtige
menschliche Freude hinweg zu fegen.
Und
plötzlich wußte ich es. Ich wußte, daß ich überleben, daß ich weiter machen,
daß ich mein Leben leben würde, denn ich war so stark, wie der Imperator
gesagt hatte, ich war die Frau, die geholfen hatte, das Reich zu retten, und
die auch Roms mächtigsten General gerettet hatte. Und wenn Maximus mich auch
abgewiesen hatte, so konnte er mir doch nicht verbieten, ihn zu lieben, und
lieben würde ich ihn ewig.
"Werde ich Dich jemals wiedersehen?"
"Nein."
Das
Echo meiner Worte und Maximus' Antwort hallte in meinem Inneren wider. Aber
diesmal schmerzten sie nicht. Wenigstens nicht mehr so sehr. Ich lächelte,
und mein Lächeln war weder erzwungen noch war es bitter, auch wenn es ein
trauriges Lächeln war. "Nein, General", flüsterte ich. "Du irrst Dich. Ich
werde Dich wiedersehen. O ja, ... das werde ich."
Ende des ersten Teils
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