Julias Tagebuch

- Zweiter Teil -

 

1.Prolog

"Er ist hier."

Ich hörte Apollinarius wie im Traum. Es war eine milde Frühsommernacht, ich befand mich auf der Terrasse meiner privaten Wohnräume und blickte auf den Garten hinab, während mein alter Lehrer hinter mir stand.

Er hätte mir nicht zu sagen brauchen, daß Maximus angekommen war. Ich hatte die Fackeln gesehen, die den Wagen begleiteten, der ihn von Rom zu meiner Villa nach Ostia brachte. Den Wagen, in dem man den Mann transportierte, der einst Roms größter General gewesen war, geliebt von seinen Männern und der Liebling seines Kaisers. Nun war er nur noch ein Sklave, ein preisgekrönter Hengst in einem Stall von Gladiatoren. Der Mann, der mich aus Sklaverei und einem Dasein als Hure befreit hatte. Der Mann, in den sich die achtzehn Jahre alte, unwissende Sklavin und Hure, die ich damals war, verliebt hatte. Der Mann, den die nun reiche, freie, gebildete vierundzwanzigjährige Witwe immer noch mit einer Intensität liebte, die an Verzweiflung grenzte.

"Er ist hier."

Ich hatte die Umrisse von Männern gesehen, die sich in den Schatten bewegten und das Haus betraten. Und wenn es mir auch nicht möglich gewesen war, ihn unter den anderen zu erkennen, so konnte ich doch fühlen, daß seine Anwesenheit die Villa erfüllte, so wie sie das römische Militärlager in Moesia und auch die große Arena im nahegelegenen Rom erfüllt hatte. Ich spürte, wie seine Anwesenheit die Luft erzittern ließ. Und ich konnte es ebenfalls im schmerzlichen Erzittern meines eigenen Fleisches fühlen.

Er war in meiner Villa.

Vor sechs Jahren war ich davon geritten aus einem Leben in Sklaverei und Prostitution. Und ich war auch davon geritten von dem einzigen Mann, den ich je geliebt hatte, dem Mann, der mir die wahre Tiefe des Abgrundes gezeigt hatte, in dem ich lebte, und der mich daraus errettet hatte. Dem Mann, der mich beides gelehrt hatte - das Wunder der Liebe und den Schmerz, der sie begleitet. Dem Mann, der mich so sehr begehrt hatte wie ich ihn, der sich aber geweigert hatte, mich zu nehmen, und mich statt dessen weggeschickt hatte, reich und frei, um ein neues Leben zu beginnen.

"Er ist hier."

Vor sechs Jahren war er General Maximus Decimus Meridius gewesen, der junge, attraktive, stolze und mächtige General der Legion Felix, Kommandeur der Truppen des Nordens. Der Mann, den man soeben in meine Villa gebracht hatte, war einfach nur der Spanier, Roms Star-Gladiator, der Mann, der einen ungeordneten Trupp von Sklaven zu einem scheinbar unmöglichen Sieg in der nachgestellten zweiten Schlacht von Karthago geführt hatte. Der Gladiator, der die Menge bei seinem Debut in Rom gewonnen, einen Kaiser öffentlich herausgefordert hatte und gerettet worden war durch die Bewunderer, die er sich erst kürzlich erworben hatte, als Commodus versucht hatte, ihn töten zu lassen.

Das Volk betete ihn mit der gleichen grimmigen Loyalität an, mit der seine Soldaten an ihm gehangen hatten ... betete ihn mit der gleichen Loyalität an, mit der ich seinem Andenken gehuldigt hatte, seit ich gezwungen worden war, ihn zu verlassen und mein Leben ohne ihn weiter zu leben.

In Rom werden Gladiatoren als Symbole von Mut und männlicher Kraft verehrt, gleichzeitig jedoch verachtet man sie als die Niedrigsten der Niedrigen - infamia*1 ist das Wort, mit dem man ihren gesellschaftlichen Status ... oder den Mangel an solchem zu umschreiben pflegt. Das gleiche Wort, das man für Schauspieler und Leichenbestatter benutzt. Und ebenso für Huren.

Aber dieses Wort paßte nicht zu Maximus. In ihm war nichts als Größe, sei es, daß er die silbernen Wolfspelze, das stolze Symbol seines einstigen Ranges, trug oder die blaue Tunika und den blutbespritzten Lederküraß, welche die Abzeichen seines derzeitigen Standes waren.

Größe war das einzige Wort, das mir in den Sinn gekommen war, als ich ihn schweigend an der rückwärtigen Wand jener Zelle hatte sitzen sehen, in der man die Gladiatoren zur Schau stellte, vollkommen unberührt von Lärm und Staub, von den Männern, die seine Fähigkeiten als Kämpfer priesen, und den Frauen, die unverblümt seinen gottähnlichen Körper bewunderten. Und trotz des Abscheus und Schmerzes, die ich fühlte, konnte ich nicht umhin zu denken, daß - ganz gleich, wieviel Geld Männer auf sein Fleisch wetteten, oder wie sehr Frauen nach ihm gierten - keiner sich der Illusion hingeben konnte, er sei nur ein gewöhnlicher Sklave.

Voll Würde und innerem Adel saß er auf der Steinbank mit der Hoheit eines Kaisers oder eines Gottes, jedoch nicht wie das, als was man ihn betrachtete - ein Stück Fleisch, das zur öffentlichen Begutachtung auf den Block gelegt worden war. Seine Augen schauten ins Nichts, seine Gedanken waren weit weg. Woran dachte er? An seinen weit entfernten Hof im sonnigen Spanien? Dachte er an sie? Oder dachte er drüber nach, wie er selbst so tief gefallen war? Ich hatte seinen Namen geschrieen,  meine Stimme hoch und schrill vor Schmerz und Verzweiflung, hatte vergeblich versucht, seine Aufmerksamkeit zu erlangen, vergeblich gehofft, daß er mich anschaute, um ihn ein freundliches, mitfühlendes Gesicht in diesem Meer von Blutgier und nackter Lust, das ihn umgab, sehen zu lassen. Aber er zuckte nicht mit der Wimper, wandte sich mir nicht zu, mir, der blassen Frau mit dem rotgoldenen Haar, die die Gitterstäbe seiner Zelle so fest umklammert hielt, daß ihre Hände noch nach Tagen schmerzten. Seine grenzenlose Würde schirmte ihn ab von Pöbel und Aristokratie, von Feind und Freund.

Aber all seine Würde hatte ihn nicht vor der Gier schützen können, und fünfundzwanzigtausend Sesterzen*2 hatten das erkauft, was weder meine Schönheit noch sein Verlangen vor sechs Jahren hatten erreichen können. Fünfundzwanzigtausend Sesterzen ... soviel wie der Sold eines Legionärs in acht Jahren betrug. Fünfundzwanzigtausend Sesterzen, die Summe, die ein toter Kaiser einer achtzehnjährigen Sklavin und Hure gegeben hatte, weil sie das Leben des Mannes gerettet hatte, den er wie einen Sohn liebte.

Fünfundzwanzigtausend Sesterzen, das Geld, welches das Recht erkauft hatte, seinen Körper eine ganze Woche lang zu benutzen. Fünfundzwanzigtausend Sesterzen für neun Tage und neun Nächte - von einem Markttag in Rom bis zum nächsten - der schlimmsten Erniedrigung  und Demütigung, die einem menschlichen Wesen zugefügt werden können. Fünfundzwanzigtausend Sesterzen für das Fleisch und den Stolz und die Würde eines großartigen Mannes, der zu gut war für einen Normalsterblichen.

Als ich Apollinarius angewiesen hatte, das Angebot zu unterbreiten, war er wegen der Höhe der Summe zusammengezuckt, nicht, daß sie ungewöhnlich hoch war für den Dienst, den ich mir erkaufte, sondern weil er wußte, daß es sich um eben den Betrag handelte, der mir zusammen mit meiner Freiheit gegeben worden war, als ich mein Leben riskiert hatte, um das jenes Mannes zu retten. Aber Apollinarius sagte kein Wort und verließ einfach das Haus, um mit dem Besitzer des Gladiators zu verhandeln.

Er brauchte nichts zu sagen. Er wußte Bescheid. So wie immer. Apollinarius, mein ehemaliger Lehrer und Förderer. Apollinarius, mein Freund und Vertrauter. Apolinarius, der Mann, der mich besser kannte, als irgendein Mann oder eine Frau mich je kennen würden. Apollinarius, der wie ich als Sklave geboren wurde. Apollinarius, den man wie mich von Kindheit an zur Prostitution gezwungen hatte. Apollinarius, der wie ich durch einen guten und mitleidigen Mann aus der Hölle befreit worden war. Apollinarius, der seinen Geliebten nicht nur einmal sondern zweimal verloren hatte.

Aber er hatte sie an den Tod, und ich hatte den meinen an die Ehre und eine andere Frau verloren. Wie hart es auch sein mag, es liegt eine besondere, traurige Schönheit darin, den Geliebten an den Tod zu verlieren. Es liegt etwas Endgültiges und Würdiges darin ... aber es liegt keine Würde darin, zurückgewiesen, begehrt und dennoch verschmäht zu werden, ohne auch nur den Trost der Erinnerung an den Körper Deines Geliebten, um Dein leeres Bett zu wärmen ... ohne ein Kind aus seinen Lenden, um in ihm seine Augen, sein Lächeln, sein Lachen wieder zu finden, ganz gleich wie schmerzlich dieses Wiederfinden auch wäre ... ohne auch nur einen Brief, um Dich zu trösten, selbst wenn es kein Liebesbrief ist ... ohne einige wenige Zeilen, um diese wieder und wieder im Schein der Lampe zu lesen und um zu versuchen, in ihnen das zu entdecken, was Du Dir verborgen in diesen Zeilen wünscht. Ohne auch nur ein Stück Papyrus, um es zärtlich zu berühren und daran zu riechen auf der Suche nach seinem herben, männlichen Duft ... und um es an Dein nacktes Fleisch zu drücken, während Du davon träumst, daß es sein nacktes Fleisch ist, das Dich berührt ...

"Julia?"

Ich riß mich los von meinen Gedanken, drehte mich jedoch nicht um. Ich konnte es nicht. Ich war nicht bereit, Apollinarius ins Gesicht zu blicken. Statt dessen betrachtete ich die Knöchel meiner Hände, welche die marmorne Brüstung der Terrasse mit der gleichen verzweifelten Anspannung umkrampften, wie sie sich an die Gitterstäbe seiner Zelle geklammert hatten. Meine Finger waren kalt und so weiß und leblos wie der polierte Stein unter ihnen.

"Julia?"

Apollinarius' Stimme war leise und sanft wie immer, aber diese leise Sanftmut genügte nicht, um seine Besorgnis zu verbergen. Er wußte nichts über den Mann, welchen man soeben in Ketten in meine Villa gebracht hatte, außer das, was ich ihm erzählt hatte - zuerst unter hysterischem Schluchzen, dann mit der erschreckenden Ruhe eines Menschen, der mit so nüchterner Sachlichkeit spricht, daß er nur wahnsinnig sein kann. Das und was er in der Arena gesehen hatte, als wir gemeinsam dieses riesige Theater der Blutgier und des Todes zum erstenmal in unserem Leben betreten hatten. Aber er hatte mir vertraut und mir zur Seite gestanden, als ich meine Pläne schmiedete, um den einzigen Mann, den ich je geliebt hatte, in mein Haus bringen zu lassen. Er hatte mir zur Seite gestanden und mir sogar die notwendigen, unerfreulichen Verhandlungen abgenommen und selbst mit dem Besitzer des Gladiators verhandelt.

"Ich habe dich gehört, mein Freund", sagte ich und schaute weiter hinaus in die Nacht. Fackeln erleuchteten den Weg zu dem wuchtigen Haus und gestatteten einen flüchtigen Blick auf die Bäume und Büsche und Blumenbeete, die den Garten zierten, den ich vor einigen Jahren entworfen hatte. Der Mond schien über dem Strand und ich konnte die Brandung hören, ihr Seufzen und Schnurren, das dem einer großen schlafenden Katze glich.

"Sollte ich jetzt hinunter gehen?" fragte er.

"Ja, geh und tu, was wir vereinbart haben."

Ich konnte sein Zögern spüren.

"Was ist, mein Freund?"

"Er ... er wird ... entsetzt sein ... wenn er es erfährt."

Ich konnte ein kleines, bitteres Lächeln nicht unterdrücken, als ich mich umwandte, um meinem Freund ins Gesicht zu sehen. Da stand er - hochgewachsen und elegant, der schlanke Körper in die makellosen Falten seiner Toga gehüllt, das frühzeitig weiß gewordene Haar geschmackvoll geschnitten und gekämmt. Seine schönen, manikürten Hände ruhten zu beiden Seiten seines Körpers und verrieten nichts von der zweifellos vorhandenen Anspannung, seine sanften, milden haselnußbraunen Augen  waren voller Güte und Mitleid.

Langsam ging ich auf ihn zu, hielt das pfirsichfarbene Seidengewand, das ich trug, zusammen und tappte barfuß über den Mosaikboden. "Ja, er wird entsetzt sein", stimmte ich ihm zu. Fünfundzwanzigtausend Sesterzen hatten auch das Schweigen seines Herrn über den Zweck erkauft, zu welchem er in meine Villa gebracht worden war. Ich hatte darauf bestanden aus Furcht, Maximus würde sich töten, wenn er erführe, daß und zu welchem Zweck man ihn vermietet hatte, bevor ich ihm die Wahrheit sagen konnte.

"Geh", fügte ich hinzu, "und tu, was wir vereinbart haben ... wenn Du die Gelegenheit haben solltest, sag ihm, daß er nicht in Gefahr ist ... aber wenn Du meinst, dies könnte Proximos Argwohn erregen, dann spiel die Scharade weiter. Es wird später noch Gelegenheit sein für ... Entschuldigungen und Erklärungen." Später ... während der wenigen Stunden vor Sonnenaufgang und dem Ablegen des Schiffes, das im Hafen wartete, bereit, ihn nach Spanien zu bringen. Ihn mir wieder weg zu nehmen. Ihn zu der Frau zu bringen, die er liebte. Es würde Zeit sein für Entschuldigungen und Erklärungen, aber wohl nicht für mehr.

Apollinarius' Augen verdunkelten sich vor Sorge. "Julia, wirst Du klar kommen? Ich meine ..."

Ich hob eine Hand, um ihm Einhalt zu gebieten. "Geh, Apollinarius, und tu, was wir vereinbart haben. Ich werde schon klar kommen und hinuntergehen, sobald Du mir Bescheid geben wirst, daß es sicher ist."

Er schien immer noch zu zögern. Ich hob abermals meine Hand und streichelte seine glatt rasierte Wange, weich wie die einer Frau und blaß wie die meine, so verschieden von der bärtigen, sonnengebräunten, die zu liebkosen ich mich so sehnte.

"Geh, mein Freund", drängte ich ihn.

Er nahm meine Hand und führte sie an seine Lippen, küßte leicht meine kalten Finger. Dann wandte er sich auf dem Absatz um und ging zur Tür.

"Apollinarius?" rief ich ihm nach.

Er blieb auf der Schwelle stehen und drehte sich zu mir um.

Bevor Du in die Bibliothek gehst, sorge bitte dafür, daß sich die Dienerschaft in ihre Unterkünfte zurückzieht und das Haus nicht vor dem Morgen betritt."

Er nickte und verließ schweigend meine Wohnräume.

Ich blieb in der Mitte des Zimmers stehen, starrte ins Nichts, allein das wilde Schlagen meines Herzens verriet die Anspannung, die meine statuengleiche Haltung zu leugnen versuchte. Ich weiß nicht, wie lange ich dort verharrte, aber plötzlich strich ein warmer, pelziger Körper schmeichelnd um meine Beine. Aus meinen Gedanken aufgeschreckt, sah ich hinab und entdeckte Rubia, die leise schnurrte und sich an meinen Knöcheln rieb. Ich beugte mich hinab und nahm die große, dreifarbige Katze, die seit meiner Ankunft in Rom meine Gefährtin gewesen war, in die Arme. Sie sah mich mit ihren geheimnisvollen, schönen, grünen Augen an und strich sanft mit ihrer Pfote über meinen Mund als versuche sie, mich auf Katzenart zu trösten. Ich schloß sie fest in die Arme, und Rubia nahm diese würdelose Zurschaustellung von Zuneigung mit der Nachsicht hin, wie man sie einem Kind entgegen bringt.

Mit der Katze in den Armen setzte ich mich auf einen Stuhl und legte mir das Tier auf den Schoß, kraulte ihm Nacken und Ohren, so wie Rubia es liebte. Ich saß da und betrachtete mein Abbild in dem polierten Spiegel, der auf dem Tisch befestigt war, auf welchem sich elfenbeinerne und silberne Bürsten und Kämme den Platz mit teuren Parfümflakons und noch teureren edelsteinbesetzten Kassetten teilten.

Der Spiegel zeigte mir das Bild einer hochgewachsenen, blassen, schönen Frau, deren taillenlanges rotgoldenes Haar kunstvoll gedreht und aufgesteckt war, wie es das Diktat der Mode und des Anstandes gebot. Eine Frau, ungeschminkt und ohne Schmuck, die mit großen blauen Augen auf ihr eigenes Spiegelbild starrte - die jedoch nicht wirklich die Frau sah, die sie jetzt war, sondern die ehemalige Sklavin und Hure, welche vor sechs Jahren aus dem Militärlager in Moesia weggeritten war, weg von dem einzigen Mann, den sie je geliebt, sich auf den Weg nach Rom gemacht hatte, um dort ein neues Leben zu beginnen, von dem zu träumen sie nicht einmal gewagt hätte. Ein Leben, das sie mehr fürchtete, als sie jemals irgend etwas oder irgend jemand gefürchtet hatte. Denn es hatte nur einer schicksalhaften Nacht bedurft, um sie das Wunder zu lehren, sich sicher und warm und geborgen zu fühlen. Es hatte, nach einem ganzen Leben als Hure, nur einer Nacht bedurft, um sie zu lehren, was es bedeutet zu lieben, und sie den Stolz und das Wunder zu lehren, von dem Mann, den sie liebte, begehrt zu werden. Es hatte nur einer schicksalhaften Nacht bedurft, um sie die wirkliche Tiefe ihrer eigenen verzweifelten Einsamkeit zu lehren. Und dieser Einsamkeit ritt ich entgegen, als mein Pferd mich über die Straßen trug, die mich nach Rom bringen sollten.

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*1 infamia   übler Ruf, Verrufenheit, Schande, Schimpf, Schmach infolge von Verbrechen oder verächtlichem Gewerbe.       Verlust der bürgerlichen Rechte

*2 fünfundzwanzigtausend  vergleiche Erster Teil, Kapitel 9 Sesterzen


 

2.Erster Eintrag - Der weite Weg nach Rom - A.D. 174

Wie ich Maximus in meinem Brief*1 schrieb, war die Reise nach Rom lang und ereignislos. Vielleicht war sie auch voller Ereignisse, die ich jedoch nicht zur Kenntnis nahm. Das Gefühl von Distanziertheit, von Gleichgültigkeit, das ich zum erstenmal erlebt hatte, als ich versuchte, mir die Pulsadern aufzuschneiden, richtete sich in mir ein, als ich Marcus Aurelius' Zelt verließ. Mein letzter Versuch, bei Maximus bleiben zu dürfen, war gescheitert, und besagtes Gefühl sollte mich niemals wieder vollständig verlassen, mich in Zukunft von der Welt und dem Leben isolieren. Distanz und Zurückhaltung würden das Herzstück meiner ersten Jahre als freie Frau sein, und, merkwürdig oder auch nicht, sie sollten mich nur noch anziehender und begehrenswerter machen als die wahllose Verfügbarkeit meines Hurendaseins.

Aber ich greife meiner Geschichte vor ...

Der Imperator wollte, daß die Legion so schnell wie möglich nach Rom marschierte, und das bedeutete, daß wir Tag für Tag ununterbrochen auf der Straße waren. Es war mit Sicherheit keine leichte Aufgabe. Aber diese Männer waren römische Soldaten, durchtrainiert und diszipliniert, stolz und selbstsicher, sich dessen wohl bewußt, daß nichts auf der Welt wichtiger war als ihre Mission, und ihre Mission war es, die Herrschaft und Macht ihres Kaisers durchzusetzen, denn ihr Kaiser war der mächtigste Mann der Welt.

Während der ersten Woche war uns das Wetter wohlgesonnen, und entsprechend legten wir ein gutes Stück Wegs zurück. Von Zeit zu Zeit kamen wir an kleinen Dörfern vorbei. Die Menschen liefen an die Türen ihrer Hütten, ließen ihre Arbeit stehen und liegen und machten lange Hälse, um die beeindruckende Parade voller Ehrfurcht zu betrachten. Und ich konnte nicht umhin, nur zu gut zu verstehen, wie überwältigend es für solche einfachen Menschen sein mußte, wenn sie mit weit aufgerissenen Augen auf diese glänzende Zurschaustellung römischen Stolzes und römischer Macht blickten.

Die Reiterei bildete die Spitze, die Offiziere auf ihren herrlichen Hengsten im Zentrum. Der aquilifer*2 und die signiferi*3 trugen stolz den goldenen Adler und die Banner, die die Macht Roms und seines Caesars versinnbildlichten, so wie es das Bildnis des Kaisers tat, welches von dem imaginifer getragen wurde. Dann kam die Infanterie, Tausende schwer bewaffneter Soldaten marschierten hinter dem genius der Legion, welcher Kameradschaft in vollkommener Weise symbolisierte, denn man glaubte, daß ihm der Geist von Generation auf Generation römischer Soldaten innewohnte, die auf dem Schlachtfeld gefallen waren, nun in nicht endender Herrlichkeit lebten und deren ewige Aufgabe es war, jene, die ihnen nachfolgten, zu ermutigen, bis zum Tod für die Herrlichkeit Roms und seines Imperators zu kämpfen. Hinter der Infanterie schien der Zug von Gepäck und Ausrüstung, Kriegsmaschinerie, Handwerkern und Vieh nicht enden zu wollen.

Wir marschierten eilig über eine der vielen viae romanae des Reiches, eine Straße, die nach Rom und in mein neues Leben führte, das Leben einer schönen, jungen und wohlhabenden Freigelassenen, die keine Hure mehr war. Einer Frau, gerettet, begehrt und zurückgewiesen von dem einzigen Mann, den sie je geliebt hatte. Einer Frau, trotz ihrer niederen Herkunft vom römischen Kaiser geachtet und unter seinem Schutz stehend. Und dennoch einer Frau, die von beiden weggeschickt worden war, um sich allein durchs Leben zu schlagen.

Ich ritt mit den anderen ehemaligen Sklavinnen unmittelbar hinter der Kavallerie, wo Cornelius Crassus uns unseren Platz zugewiesen hatte. Wir ritten umgeben von zwei Dutzend ausgewählter Prätorianer, die vom Kaiser nach Rom geschickt worden waren. Ich sollte schon bald erfahren, daß es diese schwer bewaffneten, schwarz gekleideten Männer waren, die dem allgegenwärtigen römischen Recht Geltung verschafften, wenn es darum ging, das durchzusetzen, was es für die Familien jener vorschrieb, die des Verrates am Kaiser für schuldig befunden waren: Konfiszierung allen Besitzes und aller Güter, Verbannung und Tod.

Eugenia, Honora und Aelia schwatzten und kicherten, zu aufgeregt über das Abenteuer und ihre jüngst erlangte Freiheit, um den Staub der Straße auch nur zu bemerken oder einen Gedanken an das einsame, harte Leben zu verschwenden, das uns alle, trotz des Geldes, in Rom erwartete. Sie versuchten, mich in ihr ununterbrochenes Geschnatter hineinzuziehen, aber meine Antworten waren einsilbig, und schon bald ließen sie mich in Frieden, obwohl Eugenia mir von Zeit zu Zeit besorgte Blicke zuwarf. Ich ritt schweigend, den Blick auf den Horizont geheftet, gerade aufgerichtet, mein Geist wanderte immer und immer wieder zurück zu den Ereignissen der Woche, die mein Leben für immer verändert hatten, und zu der Erinnerung an den Mann mit den blauen Augen, der all dies ermöglicht hatte.

Ich sollte schon bald erfahren, was es bedeutete, unter dem persönliche Schutz des Imperators zu stehen, denn ich hatte ein Zelt für mich allein, während die anderen Frauen sich zwei Zelte teilen mußten. Außerdem hatte ich Rufa, die sich um mich kümmerte, während sie allein klarkommen mußten. Meine kleine numidische Dienerin reiste tagsüber in einem der Wagen und kam, sobald wir anhielten, zu mir, um eilig mein Quartier für die Nacht zu richten, und ich konnte nicht umhin zu beobachten, wie sie sich veränderte. Es war nicht nur die Tatsache, daß in ihrem Mädchenkörper die Vorahnung einer jungen Frau zu knospen begann, nein, auch ihr Verhalten änderte sich. Seit ich ihr erklärt hatte, warum es so wichtig sei, daß sie zu der Dame Lucilla und deren Sohn ginge, war das ewig ängstliche Mädchen in ihr immer mehr verschwunden und durch ein entspannteres, gesprächigeres Wesen ersetzt worden. Und bevor noch die erste Woche vorüber war, überraschte sie mich mit einem schwachen aber aufrichtigen Lächeln, das die weißen Zähne wie Perlen in ihrem ebenholzschwarzen Gesicht aufstrahlen ließ.

Unter Caesars persönlichem Schutz zu stehen bedeutete auch, in Ruhe gelassen zu werden, denn die Prätorianer und Offiziere, die hin und wieder einen Blick auf die anderen Frauen warfen und sogar einige Worte oder ein Lächeln mit ihnen austauschten, wenn Cornelius Crassus nicht in Sicht war, behandelten mich mit dem kalten, uneingeschränkten und distanzierten Respekt, wie er einem Mitglied der kaiserlichen Familie zukam. Unbestimmt fragte ich mich, was der übereifrige Quästor ihnen gesagt haben mochte, um diese Männer in Schach zu halten.

Während des Marsches kam Cornelius Crassus zweimal am Tag zu mir und fragte mich, ob es mir gut ginge oder ob ich etwas benötigte. Stets schenkte ich ihm ein höfliches, automatisches Lächeln und sagte ihm, daß er nichts für mich tun könne. Und stets sah er ein wenig enttäuscht aus, denn es war offensichtlich, daß er sich zutiefst wünschte, ich möge ihn um etwas bitten oder ihm die Gelegenheit geben, an meiner Seite zu bleiben und sich mit mir zu unterhalten. Aber er hatte zu gute Manieren und seine Selbstkontrolle funktionierte zu perfekt, als daß er seine Enttäuschung gezeigt oder auf seinem Wunsch bestanden hätte. So grüßte er mich also respektvoll und lenkte sein Pferd zurück zu seinem Platz unter den Offizieren, während die Prätorianer lächelten und die Frauen wissende, amüsierte  Blicke tauschten.

Tag für Tag auf dem Marsch zu sein bedeutete, mit einem Minimum an Komfort zu kampieren, aber nicht, deshalb auf Sicherheit verzichten zu müssen. Am Ende eines jeden Reisetages errichteten die Soldaten geschwind das Lager. Ganz gleich wie lang der Tagesmarsch gewesen war, die Männer widmeten sich ihren gut eintrainierten Pflichten mit Schnelligkeit und Geschicklichkeit, und bei Einbruch der Dunkelheit mußten wir nie auf ein Zeltdach über unseren Köpfen, ein warmes Essen auf unserem Tisch und einen gut bewachten Schlaf verzichten. Tag um Tag zu marschieren bedeutete auch, während der Nacht erschöpft zu sein und ich war dankbar dafür, denn es bedeutete ebenfalls, daß ich schnell auf meinem Feldbett einschlummerte und bis zum Morgen fest durchschlief. Meine Nachtstunden waren frei von Träumen und Erinnerungen und Sorgen - ganz im Gegensatz zu den wachen Stunden.

Nachdem die erste Woche vorüber war, wurde es für jedermann ersichtlich, daß das gute Wetter nicht anhalten würde. Dicke Wolken erschienen am Horizont, und es wurde heißer und feuchter. Die Pferde spürten das Heraufziehen eines Sturmes und wurden unruhig, wie es bei Tieren der Fall ist, wenn ein Gewitter unmittelbar bevorsteht. Die Offiziere befahlen der Legion, haltzumachen und das Lager nicht für die Nacht sondern für die Dauer des Unwetters aufzuschlagen, das schon bald mit aller Macht über uns hereinzubrechen drohte.

Plötzlich fühlte ich mich so unruhig wie mein Pferd, welches seinen Unmut über die Unterbrechung deutlich zum Ausdruck brachte, schnaubte, und ungeduldig mit den Hufen scharrte. Es war ein junges, temperamentvolles, starkes Tier, und obwohl es perfekt trainiert war - wie jeder und alles in der Legion - verlangte es danach, loszustürmen. Und ich entdeckte, wie sehr ich mich danach sehnte, mit ihm davonzugaloppieren und den Wind in meinem Gesicht zu fühlen, eine einfache Handlung, die jedoch nie ihre Wirkung verfehlte, so daß ich mich frei fühlte, als ich sogar noch eine Sklavin gewesen war. Als, kurz nachdem wir haltgemacht hatten, um mit den Vorbereitungen zu beginnen, Cornelius Crassus zu mir kam, um zu fragen, ob ich etwas benötigte, bejahte ich diesmal seine Frage. Das Gesicht des Quästors hellte sich auf.

"Ich möchte einen Ausritt machen. Einen richtigen Ausritt. Mein Pferd ist unruhig, und es steht uns ein Sturm bevor, der mehrere Tage andauern könnte. Ein wenig  Bewegung wird uns beiden gut tun", sagte ich und war über mich selbst erstaunt, daß ich so viele Worte von mir gab, nachdem ich tagelang nur einsilbig gewesen oder gänzlich stumm geblieben war.

Cornelius Crassus schien über mein Anliegen erstaunt zu sein, denn sicherlich hatte er erwartet, daß ich ihn um einen zusätzlichen Teppich für mein Zelt oder ein heißes, parfümiertes Bad, etwas Weiches und Weibliches, bitten würde. Statt dessen bat ich ihn um etwas Wildes. Aber wie immer brachte er seine Gefühle schnell unter Kontrolle. "In Ordnung, Herrin", sagte er und überraschte mich, als er hinzufügte: "Ich werde Dich begleiten."

Ich war entgeistert. Ich hatte nicht erwartet, daß er mich allein reiten lassen würde, hatte jedoch auch nicht gedacht, daß er persönlich mich begleiten würde. Ich setzte zu einem Protest an, denn ich wollte ihn nicht um mich haben, als ich im Begriff war, das Einzige zu tun, das mir ein Gefühl von Freiheit vermittelte. Doch der Quästor brachte mich mit einer Geste zum Schweigen und durch die Worte, die zu wiederholen ihm unaussprechliche Freude zu bereiten schien: "Du stehst unter meinem persönlichen Schutz."

Nachdem er einige Worte mit dem Offizier der Prätorianer gewechselt hatte, trieben wir unsere Pferde zu einem kurzen Galopp an und ritten hinaus vor das Lager, um die Tiere frei laufen lassen zu können, nachdem wir die Legion erst einmal hinter uns gelassen hatten. Er erlaubte mir vorauszureiten und folgte mir nur einfach, während mein Pferd seine neu erlangte Freiheit genoß. Schon bald verließ ich die Straße und galoppierte die Böschung hinab. Cornelius Crassus hielt sich hinter mir, schlug ein gutes Tempo an, versuchte jedoch niemals, zu mir aufzuschließen, als ob er mein Bedürfnis, frei zu sein, fühlte - wirklich frei zu sein, wenn auch nur für kurze Zeit - und auch die Art und Weise verstand, wie ich diese Form von Freiheit zu erlangen versuchte. Und während mein Pferd dahingaloppierte, unser beider Mähnen im Wind wehten, fühlte ich, wie meine Stimmung sich aufhellte und, obwohl meine Wunden tief waren und niemals vollständig verheilen würden, wußte ich, daß sie wenigstens gereinigt waren ... Ich pflege immer noch auszureiten, wenn ich ruhelos bin. Ich reite den Strand entlang, allein, durch die Brandung, mein Haar offen und nicht hochgesteckt, wie der Anstand es gebietet, die Stimme des Windes in meinen Ohren, meine und meines Pferdes Knöchel vom Wasser bespritzt. Und im Reiten finde ich noch immer jene Freiheit, die nichts zu tun hat mit kaiserlichen Erlassen und gesiegelten Dokumenten .... auch wenn meine Wunden noch immer da sind. Auch wenn mein Herz noch immer weh tut.

Ich brachte mein Pferd auf der Kuppe eines Hügels zum Stehen und verharrte dort schweigend, bis Cornelius Crassus ruhig an meine Seite geritten kam. Trotz des ersten, etwas armseligen Eindrucks, den der kleine, ernste Mann auf mich gemacht hatte, mußte ich ihm nun doch für sein Verständnis dankbar sein, und ich stellte fest, daß dies einzugestehen leichter war, als ich geglaubt hatte.

"Danke, Quästor. Ich brauchte dies ebensosehr wie mein Pferd."

"Ist schon gut, Herrin. Du sollst haben, was immer dich glücklich und zufrieden macht, vorausgesetzt, Du gerätst dabei nicht in Gefahr.

Und mein Name ist Cornelius."

Ich schwieg weiter.

"Herrin, Du brauchst vor mir keine Angst zu haben."

"Ich habe keine Angst vor Dir, Quästor."

Er lächelte kurz. "Nein, das hast Du nicht. Du fürchtest Dich nicht schnell vor etwas, nicht wahr?"

Ich erwiderte sein Lächeln mit einem schwachen, etwas gequälten. "Nein, Quästor. Ich fürchte mich nicht leicht", sagte ich, fügte jedoch nicht hinzu, daß wohl keine Frau, die als Sklavin geboren wurde und seit ihrem zwölften Jahr ihr Leben als Hure verbracht hatte, keine Frau, die einen Mann getötet hatte und es wagte, einen anderen zu lieben, ohne daß dieser ihre Liebe erwiderte, so leicht vor irgend etwas oder irgend jemand Furcht empfand.

"Du vertraust mir also nicht, Herrin?" fragte er, und ein weicher Zug trat in seine moosgrünen Augen.

Ich lächelte sowohl über die Ironie der Situation als auch über die Unschuld seiner Bemerkung. Wie sollte er auch wissen, daß Sklaven und Huren niemandem trauen, insbesondere keinen Männern? Aber ich war beides gewesen, und ich hatte Maximus vertraut ... Maximus, der sich um mich gesorgt hatte. Maximus, der mich so sehr begehrt hatte .... Maximus, der mich fortgeschickt hatte. Ich sollte mich in Rom allein durchzuschlagen, während er zu seiner Frau zurückkehrte.

Cornelius Crassus wartete auf meine Antwort. Ich zwang mich zu einem Lächeln und einer Antwort. "Wie könnte ich Dir nicht trauen, Quästor? Caesar vertraut Dir und hat mich Deiner Obhut übergeben."

"Warum weigerst du Dich dann, mich bei meinem Namen zu nennen?"

Für einen Augenblick wußte ich nicht, was ich sagen sollte. Da wir zu Pferd waren, befanden sich unsere Augen auf gleicher Höhe, und er blickte mich ernst an. Obwohl ein Wichtigtuer, war Cornelius Crassus doch ganz offensichtlich auch ein anständiger Mann ... so offensichtlich wie die Tatsache, daß er sich für seinen "persönlichen Schützling" mehr interessierte als gut für ihn war.

"Ich will nicht respektlos sein, Herrin. Ich will Dich auch nicht um die Erlaubnis bitten, Dich bei Deinem Namen nennen zu dürfen - wenn Du mich nur bei dem meinen nennen würdest." Er wirkte jung und ängstlich und verletzlich, eine beunruhigende Veränderung an jemandem, der gewöhnlich so selbstsicher war. Gegen meinen Willen spürte ich, wie ich mich für diesen Mann mit dem kastanienbrauen Haar, der so wenig von Frauen und vom Leben wußte, zu erwärmen begann.

"Maximus."

"Nenn mich nicht so."

"Warum nicht?"

"Es ist zu ... zu ... vertraut."

Maximus' Worte hallten in meinem Inneren wider, und jeder Anflug von Wärme verschwand. Ich faßte die Zügel fester. Ja, Cornelius Crassus war ein anständiger Mann, und es war nicht seine Schuld, daß er nicht Maximus war. Es war nicht seine Schuld, daß ich nicht ihn auf diesem Hügel in dieser Ecke des Imperiums bei mir haben wollte, sondern einen auf seine ganz eigene Art anziehenden spanischen Soldaten, der sich auf dem Weg zu einer Frau befand, die er liebte. Es war so wenig sein Fehler, wie es der meine war. Aber wir würden beide leiden.

Ich richtete mich gerade auf. "Es ist zu ... zu ... vertraut", sagte ich und war mir wohl bewußt, daß ich die gleichen Worte benutze, wie Maximus es getan hatte, um mich auf Distanz zu halten. Die Worte, die seine und meine Stellung festschrieben - der General und die Sklavin, der treue Ehemann und die befleckte Hure - auch wenn er dies vermutlich nicht beabsichtigt hatte.

Auch wenn ich vorgezogen hätte, dies zu ignorieren.

Cornelius Crassus' Gesicht zeigte deutlich seine Enttäuschung. Wie immer hatte er sich schnell wieder unter Kontrolle, jedoch nicht so schnell, daß ich den Schmerz in seinen moosgrünen Augen nicht gesehen hätte. Dann hob er das Kinn und sagte: "Verzeih mir, Herrin. Du hast recht."

Ich schwieg. "Laß uns zurückreiten", sagte er nach einer kleinen Ewigkeit. "Es war nicht klug, so weit zu gehen. Ich hätte Deinen Ruf nicht gefährden sollen."

Ohne meine Antwort abzuwarten, wendete er sein Pferd und galoppierte zum Lager zurück. Ich war über seine Worte verblüfft. Mein Ruf? Machte er sich über mich lustig? Schleuderte er mir meine Vergangenheit ins Gesicht, um sich für die Zurückweisung zu rächen? Er schien nicht zu dieser Art von Männern zu gehören, aber er war eben doch ein Mann, und Männer können nicht gut mit Zurückweisungen umgehen, ganz gleich wie gebildet und hochgeboren sie sind. Die ersten Regentropfen rissen mich aus meinen Gedanken. Ich trieb mein Pferd an und galoppierte Cornelius Crassus hinterher.

Der Sturm wütete drei Tage lang, und das bedeutete, daß wir die relative Geborgenheit unserer Zelte nicht verlassen konnten. Es fiel mir schwer, in meiner Unterkunft gefangen zu sein, nachdem ich mich an die Freiheit der Straße gewöhnt hatte, auch wenn man mir meine Truhen gegeben hatte und ich über alles Nötige verfügte. Im Inneren des Zeltes war es dunkel. Wir mußten den Eingang geschlossen halten, da es in Strömen goß. Aber das hätte keinen Unterschied gemacht, denn der Himmel war von einem bleiernen Grau, so daß wir kaum den Mittag vom frühen Abend unterscheiden konnten. Rufa ließ den ganzen Tag über einige Öllampen brennen, aber ihr trübes Licht konnte nur wenig dazu beitragen, die Atmosphäre aufzuheitern. Blitz und Donner jagten einander stundenlang und am zweiten Tag konnten wir kein warmes Essen mehr zubereiten.

Da ich so typisch weibliche Fähigkeiten wie Weben oder Nähen nie erworben hatte - und auch nie erwerben sollte - gab es nicht viel für mich zu tun während des erzwungenen Aufenthaltes in meinem Zelt. Um meine Langeweile zu bekämpfen, blieb mir nichts weiter übrig, als in meinen Truhen nach den wenigen Papyri zu kramen, die ich besaß, und den Kampf gegen meine Unbildung erneut aufzunehmen.

Während meiner Zeit als Hure und trotz der Tatsache, daß ich eine Sklavin und somit frei verfügbar war, gaben mir die Männer manchmal Geschenke, meistens kleine Schmuckstücke oder Fläschchen mit Parfüm. Aber einige Männer fragten mich auch, was ich gerne hätte, und in solchen Fällen mußte ich mich zurückhalten, sie nicht um ein Buch zu bitten. Hätte ich dies getan, wäre ich vermutlich ausgelacht worden, sie hätten sich über mich lustig gemacht oder wären sogar ärgerlich geworden. Es waren weder ihre Belustigung noch ihr Ärger, die mich davon abhielten, um das zu bitten, was ich mir wirklich wünschte, sondern meine Weigerung, jenen, die meinen Körper besudelten, zu gestatten, auch mein verborgenes Leben zu beflecken. So mußte ich mich mit den zerfledderten, weggeworfenen Rollen begnügen, die ich hier und da ergattern konnte.

In jener Nacht setzte ich mich an den kleinen Tisch, auf den Rufa die Öllampen gestellt hatte, und öffnete eine der zerfledderten Rollen. Während ich dies tat, wurde mir plötzlich bewußt, daß ich zum erstenmal seit zwei Wochen zu lesen versuchte, denn seit jener schicksalhaften Nacht von Cassius' letztem Gelage, hatte ich an nichts anderes als Maximus denken können ... Maximus, der keine großen Worte liebte sondern ein Mann der Tat war. Über den Papyrus gebeugt und gleichzeitig gegen das schwache Licht und meine eigenen schwachen Lesekünste ankämpfend, merkte ich nicht, daß jemand am Eingang meines Zeltes stand, bis die Leinwand vor der Öffnung beiseite geschoben wurde, und Wind und Regen sich ihren Weg ins Innere bahnten. Erschreckt hob ich den Kopf und sah Cornelius Crassus, der sich abmühte, die Zeltöffnung wieder zu verschließen. Während er noch gegen die Elemente ankämpfte, erfaßte der Wind den Papyrus und trug ihn direkt vor die Füße des Quästors.

Nach dem dritten Versuch gelang es Cornelius Crassus endlich, den Eingang des Zeltes wieder zu verschließen, er nahm seinen Helm ab und wandte sich mir zu. Er war völlig durchnäßt. "Herrin, wir müssen reden."

Ich nickte stumm und beobachtete ihn argwöhnisch, während er seinen nassen Umhang abnahm und in eine Ecke warf. Meine Gedanken überschlugen sich, und ich versuchte, mir einen Reim auf seinen nächtlichen Besuch zu machen. Dabei warf ich einen verstohlenen Blick in die Ecke am anderen Ende des Zeltes, wo Rufa schlief. War der Quästor im Begriff, sich gewaltsam zu nehmen, was zu geben ich nicht bereit war? Würde er das Vertrauen seines Kaisers mißbrauchen, so wie Cassius es getan hatte? Ich wappnete mich für die bevorstehende Attacke.

Aber Cornelius Crassus beugte sich nieder und hob den Papyrus auf, der vor seinen Füßen gelandet war, und schaute ihn an. Er lächelte. "Ovid", sagte er. "Du magst Poesie, Herrin?"

Ich sah in weiter schweigend an, und mein Mißtrauen wuchs. Ich war immer bemüht gewesen, nicht beim Lesen ertappt zu werden. Zum zweitemal war ich nun sprachlos, denn kein Mann außer Andreas, unserem Arzt, hatte je mit mir über das Lesen gesprochen. Da ich nicht antwortete, blickte der Quästor auf den Papyrus und begann, laut vorzulesen:

"Was kann es mir schon bedeuten, daß Deine Hände
die Trümmer Ilions*5 in alle Windrichtungen verstreut haben,
daß statt einer Mauer dort
nur noch Staub zu finden ist,
wenn ich immer noch eine Witwe bin, wie ich es war,
als Troja noch drohend sich über Dir erhob,
wenn mein Gemahl noch immer verschwunden,
noch immer fern ist von mir." (*)

Er las mit der Leichtigkeit eines gebildeten Mannes, und ich war bezaubert vom Klang seiner Stimme, der Reinheit seines Lateins und der Schönheit und Melancholie des Gedichtes, das ich zufällig ausgewählt hatte, ohne in der Lage zu sein, es zu lesen oder zu verstehen. Eines Gedichtes, das vom Schmerz einer Frau erzählt, die sich nach ihrem Mann sehnt ... so wie ich mich nach einem Mann sehnte, der einer anderen gehörte.

Cornelius Crassus hob den Kopf und lächelte. "Penelopes Monolog", sagte er. "Die meisten Menschen bevorzugen seine leichteren Werke, aber ich mag diese lieber. Wußtest Du, Herrin, daß er ganz in der Nähe von General Cassius' Lager im Exil lebte?" Er wartete nicht auf eine Antwort und sprach weiter, offensichtlich war er froh, sich über etwas unterhalten zu können, das nicht mit dem Leben in der Armee zu tun hatte. "Er war Roms größter Dichter und ein Liebling des Kaisers Augustus, aber man brachte seinen Leichnam nicht einmal zurück nach Italien. "Er wurde verraten ..." Cornelius Crassus' verstummte, während er mir gegenüber saß, mich anschaute und anscheinend darauf wartete, daß ich etwas sagte.

"Du .. . Du hast schön gelesen, Quästor", murmelte ich.

Sein Lächeln wurde breiter, als er das unerwartete Kompliment vernahm, und dann lachte er gutmütig. Ich war überrascht, denn es war das erstemal, daß ich ihn lachen hörte. "Wie schön wäre es, wenn mein alter Lehrer dies hören könnte, Herrin", sagte er. "Im Unterschied zu meinem älteren Bruder war ich ein miserabler Schüler. Mein Lehrer beschwerte sich laufend bei meinem Vater und bestrafte mich hart, denn mit ihm war nicht zu spaßen, wenn es um die von ihm so hoch geschätzte Bildung ging. Aber Strafe machte mich nicht zu einem besseren Schüler. Im Gegenteil, ich war entschlossener denn je, meinen eigenen Willen durchzusetzen. Weißt Du, wovon ich träumte, als ich ein Junge war, Herrin?"

Ich schüttelte schweigend den Kopf, mehr interessiert an seiner Erzählung, als ich es zugeben wollte, denn es war erstaunlich, mit anzuhören, wie dieser zurückhaltende Mann bekannte, daß er geheime Träume gehabt hatte, und andeutete, daß es wilde Träume gewesen waren.

"Ich wollte Seemann werden, Herrin, und unbekannte Meere erforschen auf der Suche nach Schätzen und Abenteuern", er lachte in sich hinein. "Schlimm genug für den Sproß eines Plebejers, aber geradezu skandalös für den Sohn eines Senators..." Cornelius Crassus schwieg einen Augenblick, verloren in seinen Erinnerungen an den Jungen, der er einst gewesen war. Dann fuhr er fort: "Als ich dreizehn war, starb das alte Ungeheuer plötzlich, und kurz danach übernahm Apollinarius seine Stelle. Er war ein junger griechischer Freigelassener und der klügste Mann, dem ich je begegnet bin. Ganz anders als mein ehemaliger Lehrer gab er mich nicht auf oder bestrafte mich und konzentrierte sich darauf, meinen älteren Bruder zu unterrichten. Nein, Apollinarius wurde nie ungeduldig mit mir, selbst dann nicht, wenn ich mich störrisch verhielt oder mich auflehnte. Er sprach endlose Stunden mit mir, und es brachte ihn nie aus der Ruhe, daß ich mich zu antworteten weigerte. Er sprach einfach nur weiter, und eines Tages überraschte ich mich selbst dabei, daß ich ihm begeistert zuhörte, sei es, daß er von seiner Heimat Griechenland erzählte, oder vom Gesang der Sirenen, die Odysseus' Männer in den Tod lockten."

Ich lehnte mich vor, und wenn ich dies im Augenblick auch nicht bemerkte, so lauschte ich Cornelius Crassus ebenso gebannt, wie er seinem mysteriösen Lehrer gelauscht hatte.

"Die Sirenen gaben mir den Rest", fuhr er fort. "Er erzählte von ihnen, ihrer Schönheit und ihren Stimmen, als ob sie liebe Freundinnen wären. Für ihn waren sie real ... so real und vertraut, wie sie es für mich waren. Und eines Tages stellte ich fest, daß ich mit ihm redete, ihm meine Träume über Schiffe und Reisen anvertraute ... Mein älterer Bruder lachte und hänselte mich, aber Apollinarius tat etwas ganz Ungewöhnliches, was noch niemand zuvor je getan hatte: er bestrafte Junius. Mein Vater kochte vor Wut, als er erfuhr, daß man seinen fehlerlosen Ältesten wegen seines nutzlosen Jüngeren gezüchtigt hatte. Aber Apollinarius stand zu seiner Entscheidung, und ich wußte, daß ich ihn nicht enttäuschen durfte.

Der Quästor schwieg einen Moment, und als er weitersprach, war ich überrascht festzustellen, daß ich den Atem angehalten hatte.

"Plötzlich wurde das Studium sehr wichtig für mich, ein Abenteuer so wundervoll und aufregend wie jene, nach denen ich mich gesehnt hatte. Griechisch, Rhetorik, Latein, Literatur, Mathematik, Geschichte, Philosophie, Poesie, Tragödie ... durch Apollinarius' Augen gesehen war alles ein faszinierendes Abenteuer. Er lehrte mich, Lucretius und Sophokles, Titus Livius und Teokrit, Seneca und Euripides zu lieben ... aber immer hatte ich eine besondere Vorliebe für Ovid ... und die habe ich noch heute. Zu jedermanns  - außer Apollinarius' - Verwunderung zeichnete ich mich in allen meinen Studienfächern aus, und selbst mein Vater mußte widerwillig zugeben, daß aus mir noch etwas werden könnte."

Er verstummte und sein Blick sagte mir, daß er in seinen eigenen Gedanken versunken war.

"Einer der traurigsten Tage meines Lebens war jener, als Apollinarius uns verließ ... ", setzte er seinen Bericht fort. "Mein Bruder und ich waren inzwischen erwachsene Männer und bereit, unsere Pflicht für unsere Familie, unseren Stand und für Rom zu tun, also verließ er uns und ging zu einer anderen Familie und anderen Kindern."

"Ich wünschte, ich hätte ihn gekannt", sagte ich, und als ich bemerkte, daß ich mein Interesse an diesem faszinierenden Mann, der ihn die Liebe zu Worten und Büchern gelehrt hatte, laut ausgesprochen hatte, errötete ich peinlich berührt. Cornelius Crassus schien an meinem Gefühlsausbruch keinen Anstoß zu nehmen. Er sah mich einfach an und lächelte. Dann meinte er leise: "Du würdest Apollinarius sehr mögen, Herrin ..., und ich bin sicher, daß er auch von Dir fasziniert wäre... ich kann mir sogar gut vorstellen, was er sagen würde, wenn er Dich sähe ..."

Er sprach nicht weiter, und ich blickte ihn verdutzt an.

"Er würde sagen, daß Du genau so bist, wie wir uns die Sirenen in unseren Träumen vorgestellt haben."

Seine Worte erschreckten mich, und ich hielt meinen Blick fest auf seine verwirrt dreinschauenden Augen gerichtet.

"Verzeih mir, Herrin ... Ich wollte nicht respektlos sein.", sagte er. Er riß sich zusammen und fügte hinzu: "Wie ich bereits sagte - wir müssen reden. Der Imperator hat mir befohlen, sicher zu gehen, daß Du Dir über Deine neue Position im Leben im klaren bist. Herrin, weißt Du, was es bedeutet, eine Freigelassene zu sein?"

"Ja, Quästor. Es bedeutet, daß ich nicht länger eine Handelsware bin."

Meine Offenheit verwirrte ihn, aber wie immer hatte er sich schnell wieder unter Kontrolle.

"Im Prinzip, ja. Aber es bedeutet auch, daß Du frei bist hinzugehen, wohin Du möchtest, Dich niederzulassen, wo immer Du möchtest, und Besitz zu erwerben. Du bist auch frei zu heiraten ... dem Imperator schien dieser Punkt besonders am Herzen zu liegen, denn er ist um Dein Wohlergehen besorgt."

Mir war zum Lachen zumute. Caesar war um mein Wohlergehen besorgt. Aber trotz seiner Weisheit hatte er nicht verstanden, daß die Zeit meine Liebe zu Maximus nicht mindern sondern im Gegenteil nur vertiefen würde, denn jeder andere Mann, der meinen Weg kreuzte, müßte sich an ihm messen lassen, und jeder würde gegen ihn verblassen ... so wie es Cornelius Crassus tat.

"Freiheit und Bürgerrecht sind Dir vom Kaiser persönlich gewährt worden, also kannst Du jeden Freigelassenen oder frei geborenen römischen Bürger ehelichen - bis auf einen Angehörigen der Senatorenklasse. Es ist wichtig, daß Du dies verstehst, denn Du bist jung und so schön ... wenn Du Dich in Rom erst einmal als Freigelassene niedergelassen hast, dann werden Dich Männer nur so umschwärmen." Er brach ab, räusperte sich, setzte erneut an und mußte wieder aufgeben. Ich erbarmte mich seiner.

"Ich bin an einer Ehe ebenso wenig interessiert wie daran, zu meinem früheren Leben zurückzukehren."

"Herrin, Du bist eine Frau ... eine alleinstehende Frau ist keine ... keine ... ehrbare Frau."

"Quästor, ich weiß genug über römische Ehrbarkeit und ehrbare römische Bürger, um mir keine Gedanken darüber zu machen, was die Leute von mir halten. Und ich beabsichtige nicht, eine freie bezahlte Hure statt einer unfreien zu werden ... nicht einmal eine von denen, die man "Ehefrauen" nennt."

"Herrin, ich weiß genug über Deine ... Deine unglückliche Situation um zu verstehen, daß Du lieber allein bleiben möchtest. Aber Du solltest an Deinen Ruf denken", sagte er und hob die Hand, um mir Einhalt zu gebieten. "Niemand braucht etwas zu erfahren über ... die Vergangenheit. Du bist jung und so schön ... und klug ... Du würdest für jeden Mann eine wunderbare Ehefrau sein ... viele Männer werden Dich heiraten wollen ... selbst solche, die für Dich nicht erreichbar sind." Plötzlich wirkte Cornelius Crassus sehr verletzlich und jung. Aber vor allem sah er so einsam aus. So einsam wie Marcus Aurelius. So einsam wie Maximus. "Es gibt Wege, die Vergangenheit auszulöschen", fuhr er fort. "Alles ist noch zu frisch in Deiner Erinnerung ... es wir einige Zeit brauchen, bis Du Dich an die Freiheit gewöhnt haben wirst, aber ... ich ... würde Dir gerne helfen, Herrin, ... auch ohne Caesars ausdrücklichen Befehl ... und ... bei allem, wozu Du mich brauchen könntest." Es war deutlich, daß er jetzt stammelte und eine Pause machen mußte, um Luft zu holen. "Du mußt ... einige Veränderungen ... in Erwägung ziehen", fügte er offenbar peinlich berührt hinzu.

Ich schwieg.

"Dein ... Deine Kleidung ist sehr schön aber ... Du ... Dein ..."

Meine Kleidung ist schön? Das war lachhaft. Mein Leben lang hatte ich mich so gekleidet, daß meine Schönheit am besten zur Geltung kam und oft hatte das bedeutet, daß ich mehr nackt als bekleidet war. Aber Cornelius Crassus hatte mich nur in meiner Reisekleidung gesehen. Ich fragte mich, was er wohl sagen würde, wenn er mich in meiner durchsichtigen meerschaumgrünen Tunika sähe. Jene durchscheinende Tunika, die Maximus so schockiert hatte. Die Tunika, welche meinen nackten Körper alles andere als verhüllt hatte, als ich mich so verzweifelt bemüht hatte, ihn zu verführen ... und als ich vor Einsamkeit und Kummer in seinen starken Armen eingeschlafen war.

Aber der verlegene Quästor mühte sich immer noch ab, Caesars Befehl auszuführen, selbst wenn das bedeutete, sich auf schmerzliche Weise mit Frauenangelegenheiten abgeben zu müssen. Cornelius Crassus hob seine moosgrünen Augen, atmete tief durch und sagte: "Es ist ... es ist Dein Haar, Herrin."

Plötzlich war ich hellwach.

"O, ...es ist ... es ist ... schön ... herrlich ... aber ... Herrin, Du solltest Dich daran gewöhnen ... es hochgesteckt zu tragen ... hochgesteckt wie .... es sich für ... eine ehrbare Dame gehört."

Ich versteifte mich.

"Herrin, ich möchte Dich nicht beleidigen", flehte er. "Ich würde Dich nie absichtlich verletzen."

"Ich weiß, Quästor", antwortete ich kalt.

Ich stand auf und er ebenfalls, stolpernd in seiner Eile.

"Es ist spät. Ich möchte mich zur Ruhe begeben." Meine Stimme war eisig.

Er schaute mich an und seine Augen waren feucht, als er mit sanfter Stimme hinzufügte:
"Herrin, es ist zu Deinem eigenen Besten."

Das war zu viel.

Dieser gönnerische Satz.

Ich hob das Kinn und betonte sorgfältig jedes Wort, als sei Cornelius Crassus ein blöder, schwachsinniger Tölpel: "Quästor, ich wurde eine Freigelassene durch den Willen eines Kaisers, den man auch als göttlich betrachtet. Ich habe nicht vor, meine Freiheit damit zu verbringen, mich den Wünschen sterblicher Männer zu beugen." Ohne seine Antwort abzuwarten, drehte ich mich um. Ich sah Rufa mit weit geöffneten Augen hellwach auf ihrer Bettstelle sitzen. Offenbar hatte sie zugehört, denn obwohl sie nichts sagte, blitzten ihre perlweißen Zähne, als sie mir ein bewunderndes Lächeln schenkte.

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*1 ... in meinem Brief schrieb        vgl. "Maximus' Geschichte" Kapitel 79
*2 aquilifer                                   Adlerträger der Legion
*3 signifer                                     Fahnen-, Bannerträger
*4 imaginifer                                 Träger eines Banners mit dem Abbild des Kaisers
*2 bis *4                                      vgl. http://www.redrampant.com/roma/standards.html
*5 Ilion                                         anderer Name für Troja   
  
(*) Publius Ovidius Maro, "Penelopes Monolog" ("Tristis", Book I) - Penelope war die Gemahlin des Odysseus. Dieser nahm am Krieg gegen  Troja teil und kam erst nach fast zwanzig Jahren und  einer langen, gefahrvollen Reise wieder heim.
 

3.Zweiter Eintrag - mein neues Leben, Teil I  A.D. 174

Bedingt durch das Unwetter und zwei weitere Schlechtwetterperioden hatten wir uns verspätet und erreichten Italien erst im Herbst.
Der Herbst ist in Rom wunderschön und er war schon immer meine liebste Jahreszeit. Aber meine Angst und mein Schmerz verzehrten mich so sehr, daß ich weder die goldene und kupferne Tönung der Blätter noch das Sonnenlicht auf der späten Ernte bemerkte.

Marcus Aurelius hatte der Legion befohlen, sich im Eilmarsch nach Rom zu begeben, aber nach Rom zu marschieren bedeutete für eine Legion nicht, auch die Mauern der Stadt zu passieren, sondern sie lagerte in Ostia, der nächstgelegenen Militärbasis. Dies war ein Abkommen zwischen den Kaisern und den Führern der Armee und war bereits seit einem Jahrhundert in Geltung. Wie die Buchstaben SPQR*1 jede Adler-Standarte und jedes öffentliche Bauwerk zierten, ja selbst in den linken Oberarm eines jeden Militärangehörigen eintätowiert waren, so hielten die Generäle ihre Armeen außerhalb der Stadt. Wie diese vier Buchstaben die Männer daran erinnerten, daß sie Senatus Populusque Romanus - dem Senat und dem Volk von Rom - dienten, so gemahnte die Tatsache, daß die Legionen aus dem Inneren der Hauptstadt verbannt waren, die Herrscher an die Unbeständigkeit ihrer Stellung und daran, wie sehr sie auf die Treue ihrer Armeen angewiesen waren.

Also begaben  wir uns zu dem Armeestützpunkt in Ostia, welcher in der Nähe des Hafens gelegen war, wohin Schiffe aus Ägypten und Griechenland und vielen anderen Provinzen ihre kostbare Ladung brachten. Wir kamen dort an einem sonnigen Herbstnachmittag an und schlugen ein letztes mal unser Lager auf.

Seit unserem Gespräch in meinem Zelt während des Sturmes hatte Cornelius Crassus mich regelmäßig aufgesucht, um seine Anweisungen auszuführen, aber statt mich über meine kürzlich erlangte Freiheit zu belehren oder über die Schicklichkeit, die meine neue gesellschaftliche Stellung erforderte, befragte er mich meistens über die persönlichen Verhältnisse von General Cassius, die Lage seiner Villa und die Anzahl der dort als Sklavinnen gehaltenen Mädchen und Frauen. Er fragte mich immer noch höflich, ob ich irgend etwas brauchte oder wollte, aber er sprach nie wieder über Poesie, über seine Jugend, oder über jenen faszinierenden Mann, den er Apollinarius nannte, und ich ertappte mich dabei, darüber mehr enttäuscht zu sein, als ich zuzugeben bereit war.

Wir waren bereits vier Tage in Ostia, als Cornelius Crassus mich in meinem Zelt aufsuchte und mich abermals vorfand, wie ich mit einem Papyrus kämpfte, so wie ich es jede Nacht getan hatte, seit er zu mir über Dichtung und seine Liebe zu Ovid gesprochen hatte. Es kränkte mich, zum zweiten mal beim Kampf mit meiner eigenen Unzulänglichkeit ertappt zu werden, aber Cornelius Crassus tat so, als sei es das Natürlichste auf der Welt, eine kaum des Lesens und Schreibens mächtige ehemalige Sklavin und Hure bei dem Versuch, ein Gedicht zu entziffern, anzutreffen.

"Verzeih' mir bitte, Herrin, daß ich Dich unterbreche", sagte er mit seiner ruhigen, kultivierten Stimme, "aber ich bin hier, um Dir mitzuteilen, daß ich Dich morgen aus diesem Lager wegbringen werde. Wir werden uns in das Lager der Prätorianer innerhalb der Stadtgrenze begeben, wo ich geschäftlich einiges zu erledigen habe. Dann werde ich Dich in die Stadt bringen."

Unbequem wie es war, hatte das Lagerleben mir doch gut getan, denn die militärische Routine hatte dazu beigetragen, meine Sinne für die Dauer der Reise einzulullen. Irgendwie war es tröstlich gewesen, jeden Morgen bei Sonnenaufgang aufstehen zu müssen, meine Sachen zusammenzupacken, das Pferd zu besteigen und endlose Stunden zu reiten nur, um anzuhalten, zuzusehen, wie mein Zelt aufgeschlagen wurde, und die Sachen für die Nacht auszupacken, sich dann den Magen mit einer Mahlzeit zu füllen, die andere zubereitet hatten, und endlich auf meinem Feldbett für die Dauer einer Nacht in erschöpften, traumlosen Schlaf zu sinken. Aber nun war dies vorbei so wie Maximus' Fürsorge und Schutz vorbei gewesen waren, als er und der Kaiser mich weggeschickt hatten, und der gefürchtete Zeitpunkt, da man mich in die Welt hinauswerfen würde und ich für mich selbst sorgen müßte, war näher denn je.

"Wir werden am frühen Morgen aufbrechen und die Nacht dort verbringen. Am folgenden Tag werde ich Dich und Deine kleine Dienerin in das Haus meiner Schwester bringen."

Ich hob fragend meine Augenbrauen.

"Es wird einige Zeit benötigen, um Dich dem Befehl des Kaisers gemäß in Rom unterzubringen, Herrin. Ich werde Dich allein lassen müssen, während ich die Aufträge des Imperators ausführe, und Du kannst nicht allein in einem Gasthaus wohnen, da dies nicht schicklich wäre." Er hob die Hand, um mir Einhalt zu gebieten, bevor ich noch etwas sagen konnte. "Ich möchte, daß Du an einem Ort bleibst, wo Du sicher sein wirst und wo man für Dich sorgen wird, während ich mit Caesars Angelegenheiten beschäftigt sein werde. Ich würde Dich in das Haus meiner Familie bringen, aber mein Bruder dient zur Zeit in Syrien, und seine Frau begleitet ihn. Wir können nicht unter demselben Dach leben, wenn sie nicht anwesend sind."

"Was wird mit den anderen Frauen geschehen?"

"Sie werden mit uns in das Lager der Prätorianer kommen und dort bleiben, während sich die Prätoren um die Formalitäten ihrer Freilassung und ihre Unterbringung kümmern werden. Deine Freilassung ist bereits durch kaiserlichen Erlaß erfolgt, und ich muß sie nur noch in den amtlichen Unterlagen eintragen lassen. Die kaiserlichen Beamten  werden sich auch um die Sklavinnen in der Villa kümmern ..."

Mein Magen krampfte sich schmerzhaft zusammen.
"Du ... bist dort ..."

"Es ist alles getan. Wir haben siebzehn Frauen gerettet. Drei von ihnen sind schwanger."

Ich erschauerte.

"Sie befinden sich in Sicherheit, man wird sie freilassen und sie werden eine Unterstützung erhalten. Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen."

"Und die kleinen Mädchen? Die Babys?"

"Wir fanden acht Mädchen und drei weibliche Säuglinge. Caesar hat angeordnet, daß für sie gesorgt wird. Die Säuglinge werden bei ihren Müttern bleiben, und die Mädchen wird man ebenso wie die anderen unterbringen. Der Kaiser ist ein mitfühlender Mann."

Ein dumpfer Schmerz ergriff von mir Besitz. Ich preßte die Lippen fest zusammen, um meine aufgewühlten Emotionen zu kontrollieren.

"Ich werde bei Sonnenaufgang zu Dir kommen. Sei dann bitte zum Aufbruch bereit."

Ich nickte schweigend, da ich meiner eigenen Stimme nicht traute. Dann wandte ich mich ab, wie immer begierig, in Ruhe gelassen zu werden. Ich hatte keine zwei Schritte getan, als ich Cornelius Crassus' Stimme abermals vernahm.

"Und ich bitte Dich, Herrin, meine Worte zu erwägen. Ich fälle kein Urteil über Dich. Aber Du hast die Gelegenheit bekommen, noch einmal neu zu beginnen. Bitte tu' Dir selbst den Gefallen, wenigstens einige Konventionen zu beachten. Steck Dein Haar auf."


Es war im castra praetoria*2, wo ich Rubia fand. Ich habe Katzen immer geliebt. Sie sind schön, geschmeidig, klug, würdevoll und in ihrem innersten Wesen unabhängig. Sie sind leise und wachsam, verständig und verschlossen, elegant und selbstsicher. Und selbst wenn sie einwilligen, ihr Leben mit uns zu teilen, dann blicken sie auf die Menschen mit einer Mischung aus Belustigung und Frustration, die mich immer wieder erstaunt. Es ist, als seien wir für sie nur seltsame und etwas dümmliche Haustiere. Es gelingt ihnen immer klarzustellen, wer das Sagen hat und das letzte Wort haben immer sie. Trotzdem sind sie nicht herzlos, wie viele Menschen glauben. Sie weigern sich nur einfach, uns zu erlauben, sie in die Nichtigkeiten unseres Lebens zu verwickeln, denn diese Nichtigkeiten sind unter ihrer Würde. Sind unsere Kümmernisse jedoch echt und nicht das Resultat unserer eigenen Dummheit, dann können wir darauf vertrauen, daß sie uns auf ihre ganz eigene stille, geheimnisvolle Weise trösten.

Da ich nie eine Puppe hatte, ist es überflüssig zu erwähnen, daß ich auch niemals eine Katze besaß, denn in Cassius' Villa war kein Platz für andere Haustiere als seine Jagdhunde. Aber irgendwie gelang es mir, die Streuner zu füttern, welche die Villa und ebenso das Lager in Moesia besuchten, und ich teilte mit ihnen selige Momente stillen Trostes.

Rubia war noch ein junges Kätzchen, und ich wurde auf ihr Versteck unter einem Karren durch ein kräftiges Miauen aufmerksam, einen fordernden Ruf, der Bände über das Temperament dieses Fellknäuels sprach. Sie war ungefähr einen Monat alt, dreifarbig und hatte große grüne Augen. Zweifellos war sie verlassen und hungrig, und dennoch fauchte und zischte sie wie ein Miniaturtiger, als ich versuchte, sie zu greifen. Es erforderte viel Geduld und eine Schale mit Ziegenmilch, um sie hervorzulocken. In der Zwischenzeit beschmutzte ich mir Tunika und Hände und es gelang mir, bei den schwarzgekleideten Männern, die sich nicht recht zwischen Belustigung und Verärgerung entscheiden konnten, jede Menge Aufmerksamkeit zu erregen. Blind für alles und jeden versuchte ich weiter, das Kätzchen zu locken und unter dem Karren hervorzuziehen. Als sie sich endlich sattgetrunken hatte, schnurrte sie zufrieden, gestattete mir, sie einzufangen und mit in mein Zelt zu nehmen.

Als ich dort ankam, schlief Rufa, und ich schreckte sie auf, als ich sie anwies, mir zu helfen, ein Plätzchen für die Katze einzurichten, und ein Aufheben um das Tier machte, wie sie es noch nie bei mir erlebt hatte. Als Cornelius Crassus bei Einbruch der Dunkelheit kam, fand er mich, wie ich das Kätzchen wiegte, das ich bereits Rubia getauft hatte, denn unter ihren Farben dominierte das Kupfer-Orange, und diese kräftige Farbe paßte perfekt zu der Persönlichkeit der Katze.

Cornelius Crassus sah mich und die Katze auf eine Art an, die man nur als ungläubig bezeichnen kann, und ich schaute finster zurück, forderte den Quästor wortlos heraus, es nur zu wagen, sein Mißfallen über Rubias Adoption  zu äußern. Sein Blick wandelte sich in Belustigung. Es war deutlich zu sehen, daß die Prätorianer ihm bereits über mein Abenteuer berichtet hatten. "Wie ich sehe, hast Du ein Haustier für Dich gefunden, Herrin", sagte er, während er seinen Helm abnahm. "Es ist gut, daß Du einen Kameraden gefunden hast, aber Du mußt sehr vorsichtig sein, wenn Du ihn mit in die Stadt bringst, denn dort könnte er leicht verlorengehen."

Ich faßte das Kätzchen fester und sah ihn mit einem Ausdruck tiefer Beleidigung an, als habe er meine Eignung zur Mutterschaft in Frage gestellt. Die Katze erwachte und protestierte miauend dagegen, derart gedrückt zu werden. Ich tätschelte und beruhigte sie, während ich den Quästor böse ansah und ihm schweigend die Schuld daran gab, daß Rubia sich gestört fühlte.

Cornelius Crassus seufzte.

"Herrin, bereite Dich nach dem Mittag auf die Abreise vor, denn dann werde ich Dich und Deine Dienerin ... und Deine Katze ... in die Stadt bringen."

Ich biß mir auf die Lippe. "Die Frauen?" fragte ich abermals leise.

"Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen, Herrin. Man wird sie in wenigen Tagen entlassen. Ich möchte Dich jedoch zuerst in Rom wissen." Er schaute mir kurz in die Augen und fügte hinzu: "Du kannst später mit ihnen Kontakt aufnehmen ..." Er zögerte.

Ich wußte, was er wirklich sagen wollte: daß ich sie vergessen, sie beiseite schieben sollte, wie Maximus es mit mir getan hatte. Daß diese unglücklichen Frauen nur Huren und nie etwas anderes seien würden, selbst wenn man sie von nun an für den Gebrauch ihrer geschickten Körper bezahlen würde.

 

Ich schwieg. Er brauchte nicht zu wissen, daß ich bereits beschlossen hatte, meinen eigenen Weg zu gehen und sie hinter mir zu lassen, nicht, weil ich besser war als sie, sondern weil ich - wenn man mich schon zwang, mich ganz allein durchzuschlagen - alles hinter mir lassen wollte, was mich mit meinem alten Leben verband. Auch weil ich es nicht ertragen konnte mit anzusehen, wie diese unglücklichen Frauen zu ihrem Hurendasein zurückkehrten, nicht um des Geldes willen oder weil sie es gern taten, sondern weil es einfach die einzige Möglichkeit bot, der Einsamkeit zu entrinnen. Er brauchte Dinge nicht zu wissen, die er nicht verstehen konnte, weil er - wie Maximus - als Mann geboren und frei geboren war.

Wir erreichten das Haus von Cornelius Crassus' Schwester am frühen Abend, und bevor er noch an die Tür des eleganten Hauses klopfte, war es klar, daß der Zeitpunkt unserer Ankunft nicht hätte ungünstiger gewählt sein können, denn das Haus war hell erleuchtet und angefüllt mit Gästen. Obwohl er überrascht war, klopfte Cornelius Crassus; der Türhüter grüßte ihn warm, war jedoch verblüfft, als der Ankömmling nach dem Grund des Festes fragte, und erklärte ihm mit gedämpfter Stimme, daß es sich um die natalica nobilissima Silvia Cornelia, den Geburtstag der Herrin, handele, den der Quästor offenbar völlig vergessen zu haben schien.

Cornelius Crassus rieb sich mit einer Hand müde über die Stirn. Die vergangenen zwei Tage waren - selbst für einen erprobten Soldaten - grauenhaft gewesen. Von Ostia kommend hatten wir Rom durch die Porta Ostiensis betreten. Um von dort zur Kaserne der Prätorianer zu gelangen, mußte man die Stadt von einem Ende zum anderen zu Fuß durchqueren, da wir tagsüber*3 reisten. Obwohl eine Prätorianer-Eskorte unseren Marsch beschleunigt hatte, war es ein weiter Weg durch lange überfüllte Straßen. Da wir von der Kaserne der Prätorianer kamen, mußten wir, um zu jenem eleganten Haus im Ersten Bezirk nahe der Porta Capena zu gelangen, den Weg praktisch wiederholen.

Bevor wir noch Zeit hatten, etwas zu sagen, erschien die höchst ehrenwerte und offensichtlich schwangere Silvia Cornelia im Atrium. Die Ähnlichkeit zwischen Bruder und Schwester war erstaunlich. Die junge Matrone war Mitte zwanzig, sie hatte die gleichen moosgrünen Augen und kastanienbraunen Haare wie ihr Bruder, die sie - im Gegensatz zu mir - jedoch sittsam hochgesteckt trug. Und wie er wäre sie als schön zu bezeichnen gewesen, hätte sie sich selbst nicht derart wichtig genommen. Aber Silvia Cornelia nahm sich sehr wichtig und war nicht eben glücklich darüber, ihren müden Bruder in seiner abgetragenen staubigen Uniform im Atrium vorzufinden, während sie jene empfing, die - anders als er- das wichtige Datum nicht vergessen hatten. Und sie war noch weniger glücklich zu entdecken, daß er nicht nur im unpassendsten Augenblick und offenbar unangemeldet erschienen war, sondern auch noch seinen "persönlichen Schützling" im Schlepptau hatte, ganz zu schweigen von einem numidischen Mädchen, das einen Korb trug, in dem eine junge Katze schlief.

Ein Blick auf Silvia Cornelia sagte mir genug, um zu wissen, was für eine Frau sie war: eine jener ranghohen Ehefrauen, die nichts so sehr schätzen wie ihren Namen und ihre Tugenden, ihre makellosen Ahnen und ihre Fruchtbarkeit. Man lehrte sie, zu weben und zu  nähen und den Haushalt zu führen, die Sklaven zu überwachen und dem Willen ihrer Väter gemäß in arrangierte Ehen einzuwilligen. Sie gebären Kinder und erfüllen so ihre ehelichen Pflichten, ohne jedoch an diesen wirklich beteiligt zu sein; sie liegen einfach nur da, während ihre Ehemänner dafür sorgen, daß reinblütige Babys in ihrem kostbaren Leib heranwachsen. Und es bedurfte auch für Silvia Cornelia keines zweiten Blickes, um sicher zu sein, daß ich beschmutzte Ware war.

Bevor ihr Bruder noch etwas sagen konnte, hob die junge Frau ihr spitzes Kinn und sprach ihn nicht eben freundlich an. "Da Du Deinen Besuch nicht angekündigt hast, muß ich davon ausgehen, daß Dir nicht bewußt ist, was für einen Tag wir heute haben", sagte sie in scharfem Ton.

"Es tut mir sehr leid, Schwester. Wie Du weißt, war ich dienstlich unterwegs und bin eben erst in die Stadt zurückgekehrt. Ich hätte nicht unangekündigt kommen sollen, aber die Sache ist sehr dringend ..." setzte der Quästor an.

"Sehr dringend? Du hast einen schlechten Zeitpunkt ausgewählt, Bruder. Wie Du siehst, habe ich Gäste. Wichtige Gäste."

Cornelius Crassus seufzte.

"Ich wußte nicht, daß ich eine Einladung brauche, um meine eigene Familie zu besuchen."

"Die brauchst Du nicht. Aber es gehört sich nicht, den Geburtstag seiner Schwester zu vergessen. Und noch weniger, eine fremde Person mitzubringen, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten."

"Silvia, ich möchte Euch bekannt machen."

"Ich glaube nicht, daß ich diese Bekanntschaft machen möchte."

Rubia wählte diesen Moment aus um aufzuwachen, ihren orangefarbenen Kopf über den Rand des Korbes zu strecken und die junge Matrone mit neugierigen grünen Augen anzustarren.

"Eine Katze!" schrie Silvia Cornelia auf. "Was macht dieses schmutzige Vieh in meinem Haus?"

Aufgeschreckt durch den Schrei der Dame sprang Rubia aus dem Korb und rannte direkt in das höchst ehrenwerte Haus. Ohne einen weiteren Gedanken stürzte ich hinter dem Kätzchen her und stieß Silvia Cornelia samt ihrem Bruder beiseite. Die Schreie hinter mir vernahm ich nur vage, ebenso die schweren Tritte des Quästors, denen leichtere folgten- vermutlich die des Türhüters.


Rubia rannte auf der Suche nach einem Versteck blindlings drauf los und ich hinter ihr her. Zu spät bemerkte ich, daß die Tür zum Triclinium*4 offen stand und das Tierchen direkt auf diesen Raum zusteuerte. Verschreckt durch die Welle von Licht und Lärm machte die junge Katze plötzlich halt, und da ich nicht auf sie treten wollte, blieb auch ich abrupt stehen, rutschte auf dem polierten Mosaik aus und fiel schwer auf Hände und Knie. Schmerz zuckte durch meinen Körper und mir stockte der Atem. Während ich benommen und schwer atmend hocken blieb, packte ich Rubia an ihrem Nackenfell, um zu verhindern, daß sie sich noch tiefer in Schwierigkeiten manövrierte.

Allmählich bemerkte ich, daß es um mich herum ganz still geworden war, und als ich die Augen von dem zitternden Tierchen erhob, stellte ich fest, daß ich von einem Halbkreis elegant gekleideter Männer und Frauen umgeben war, bei denen es sich offenbar um Silvia Cornelias aristokratische Gäste handelte. Ich sah, daß die Frauen mich argwöhnisch beobachteten und dann mißbilligend die Stirn runzelten. Und ich sah die Männer, wie sie zuerst die Augenbrauen hoben und dann wohlwollend lächelten, während ihre Blicke über meinen Körper wanderten. Da mich Silvia Cornelias männliche Gäste weit überragten, hatten sie einen großzügigen Ausblick auf meinen wogenden Busen.

Cornelius Crassus blieb neben mir stehen, packte mich am Arm und zog mich unsanft auf die Füße. "Ist alles in Ordnung, Herrin?" fragte er mit einem warnenden Unterton. Ich nickte stumm, errötete peinlich berührt und haßte mich selbst dafür, daß ich diesen reichen Römern so ein Schauspiel geboten hatte.

Das plötzliche Erscheinen eines hohen römischen Offiziers angetan mit allen Abzeichen seines Ranges, welches dem Auftritt einer Frau mit rot-goldenem Haar folgte, die alles andere als eine Aristokratin war - ganz zu schweigen von einer dreifarbigen jungen Katze und der schwarzhäutigen kleinen Dienerin, die Cornelius Crassus auf den Fersen folgte - all das war zuviel für die Neugier der Gäste. Wie auf Kommando begannen sie alle gleichzeitig zu reden und Fragen zu stellen. In diesem Augenblick erschien Silvia Cornelia. Nachdem sie mich mit einem tödlichen Blick durchbohrt hatte, zwang sie ein Lächeln auf ihr Gesicht und scheuchte die Gäste zurück ins  Triclinium, wobei sie hier und da ein Wort fallen ließ über die Provinzen und über Pflicht und wie aufopferungsvoll doch ihr lieber Bruder Rom und seinem Kaiser diene.

Wir folgten einem Diener die Treppe hinauf und einen Korridor im zweiten Stock entlang. Während des gesamten Weges hielt Cornelius Crassus mich fest am Arm, und ich protestierte nicht dagegen. Ich fühlte mich zu erschöpft und gedemütigt, und meine Knie begannen bereits, heftig zu schmerzen. Rubia hatte sich in ihrem Unbehagen völlig versteift. Rufa bildete schweigend das Ende unserer Marschkolonne.

Der Diener blieb vor einer Tür am hintersten Ende des Korridors stehen und öffnete sie.

Cornelius Crassus ließ meinen Arm los und entschuldigte sich. "Herrin, Du wirst hier sicher sein. Mach es Dir bequem und ruhe Dich aus, während ich die Uniform ablege, mich umziehe und nach unten zur Geburtstagsfeier meiner Schwester gehe... Ich muß mit ihr reden... Ich werde zu dir kommen, sobald ich mich mit Deinen Papieren beschäftigt habe." Er betrachtete aufmerksam mein Gesicht. Ich war zu müde, um meine übliche undurchsichtige Maske aufrechtzuerhalten und sicherlich sah man mir an, wie erschöpft ich war. "Ruh Dich aus!" wiederholte er, aber ich war mir nicht sicher, ob es sich um einen freundschaftlichen Rat oder eine versteckte Warnung handelte. Nachdem er dies gesagt hatte, verneigte er sich leicht und ging.

Als ich das Zimmer betrat, hatte Rufa bereits die einzigen beiden Lampen entzündet und es war klar, daß man uns nicht eben im besten Gästezimmer des Hauses untergebracht hatte. Es war klein, fensterlos und roch nach Staub und irgendwie moderig. Die Einrichtung war alt und außer dem abgenutzten Teppich gab es keinen Platz, wo Rufa hätte schlafen können. Stöhnend ließ ich mich auf dem Bett nieder und schaute mich um, während die kleine Numidierin sich gleichmütig der allabendlichen Routine hingab. Plötzlich entdeckte ich, daß ich sie beneidete.

Durst weckte mich. Rufa hatte die Dochte der Lampen heruntergedreht, bevor sie sich neben mir auf dem Bett zusammenrollte, aber trotz des nur schwachen Lichtes konnte ich sehen, daß es im Zimmer keinen Wasserkrug gab. Ich stand auf und versuchte, weder das schlafende Mädchen noch die Katze zu wecken, die sich zwischen uns eingerollt hatte, während ich mit bloßen Füßen zur Tür tappte. Ich öffnete sie einen Spalt und stellte fest, daß die Feier vorüber war und das Haus still dalag, jedoch noch einige Fackeln im Hof brannten. Wasser gurgelte in der Nähe in einem Springbrunnen und das plätschernde, süße Labsal verheißende Geräusch verwandelte den Durst in ein wildes, zorniges Tier, das meine Eingeweide in Stücke zu reißen drohte. Leise schlich ich zur Treppe und eilte mit nackten Füßen hinab.

Das Wasser war angenehm kalt  und ich trank in gierigen Schlucken, ohne darauf zu achten, daß es mir am Kinn herab und zwischen meinen Brüsten entlang lief. Ich bespritzte mir Gesicht und Hals und trank abermals gierig, als mich das Geräusch von Stimmen und Schritten überraschte. Jemand betrat den Hof. Ich hatte eben noch Zeit, mich im Schatten einer Galerie hinter einem Topf mit Geißblatt zu verbergen, bevor eine aufgeregte Silvia Cornelia gefolgt von ihrem Bruder den Hof betrat. Der Quästor war in eine schlichte weiße Tunika gekleidet und sah eindeutig müde aus.

"Wie kannst Du es wagen, Deine Geliebte in mein Haus zu bringen?" zischte Silvia Cornelia.

"Sie ist nicht meine Geliebte! Die Dame ist meiner Obhut anvertraut ..."

"Die Dame Julia? Du nennst diese Kreatur 'Dame Julia'?"

"Das ist ihr Name."

"Sie ist eine Hure!"

"Nun, Silvia, sei nicht so streng ..."

"Wirf nur einen Blick auf diese Haarmähne, die sie für alle gut sichtbar zur Schau stellt!"

"Sie stellt ihr Haar nicht zur Schau! Sie trägt es nur einfach offen."

"Und welche Sorte Frauen pflegt ihr Haar offen zu tragen? He! Antworte mir!"

"Die sehr jungen und unverheirateten. Die Dame Julia ist sehr jung und unverheiratet ..."

"Vater hat immer gesagt, daß mit Dir irgend etwas nicht stimmt, und er hat recht gehabt! Ist es nicht schon schlimm genug, daß Du in Deinem Alter nicht verheiratet bist? Wenn Du Dir eine Geliebte halten willst, dann ist das Dein Problem. Aber bring sie nicht in mein Haus und demütige mich nicht vor meinen Gästen!"

"Deine Gäste haben sie doch nur einen Augenblick zu Gesicht bekommen!" protestierte Cornelius Crassus.

"Lang genug um mich zu fragen, wer sie sei! Ich mußte mir eine Ausrede einfallen lassen ..."

"O, das wäre nicht nötig gewesen, meine Liebe", sagte der Quästor vorsichtig." Du hättest ihnen die Wahrheit sagen können."

Selbst beim schwachen Schein der letzten Fackeln sah ich, daß Silvia Cornelia entsetzt war. Bevor sie weitersprechen konnte, beendete ihr Bruder den Satz.

"Wenn sie das nächstemal fragen sollten, Silvia, dann sag ihnen, daß die Dame Julia unter dem persönlichen Schutz des Kaisers steht, und daß Caesar so viel von Deinem nutzlosen Bruder hält, daß er sie meinem Schutz anvertraut hat."

Die Dame erholte sich schnell. Sie war daran gewöhnt, ihren Willen durchzusetzen, oder wenigstens das letzte Wort zu haben. Mir schoß der Gedanke durch den Kopf, was für eine Person ihr abwesender Gemahl sein mußte. Vermutlich ein hoher Beamter, der nur zu gern seiner hochwohlgeborenen Frau den Aufenthalt in einer fernen Provinz ersparte, in welcher er seinen Dienst versah und wo ein angenehmeres Wesen ihm Gesellschaft leistete.

"Also ist sie nicht Deine Mätresse sondern die des Kaisers ... "

"Genug! Es steht weder Dir noch irgend jemand sonst zu, sich ein Urteil über Caesars Angelegenheiten anzumaßen!"

Überrascht von der ärgerlichen Reaktion ihres Bruders zuckte Silvia Cornelia zusammen, und ich konnte mir ein schwaches Lächeln nicht verkneifen.

"Und nun, Schwester, befehle ich Dir, als Dein Bruder und Haupt unserer Familie während der Abwesenheit von Junius Cornelius, Deine Pflicht für Deine Familie und Deinen Kaiser zu tun und die Dame Julia solange es erforderlich ist in Deinem Haus aufzunehmen."

Die Matrone schien nicht sehr geneigt zu kooperieren, aber sie konnte ihrem Bruder sein einstweiliges Recht als pater familias*5 nicht verwehren. Sie richtete sich steif auf und preßte die Lippen zusammen.

"Sorge dafür, daß die Dame Julia es bequem hat und daß ihr Aufenthalt in Deinem ehrenwerten Haus ein angenehmer ist."

Silvia Cornelia schwieg weiter. Ich machte mir keine Illusionen über meinen Aufenthalt in ihrem Haus. Ich kannte diese Art Frauen: sie haben ihre eigenen Wege, Widerstand zu leisten.

"Und zu Deiner Information, Silvia, die Dame Julia ist nicht die Geliebte des Imperators."

"Ach nein?" entgegnete die Matrone höhnisch. "Warum ist sie ihm dann so kostbar?"

"Weil sie seinen Thron ... und das Imperium gerettet hat", sagte Cornelius Crassus mit einem breiten, zufriedenen Lächeln. Er wandte sich auf dem Absatz um und verließ den Garten.
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*1 SPQR=Senatus Populusque Romanus (historische formelhafte Bezeichnung für das gesamte röm. Volk)
*2 castra praetoria  Kaserne der Prätorianer in Rom vor der porta Nomentana, unter Tiberius angelegt.
*3 ... da wir tagsüber reisten.  Innerhalb der Stadtmauern Roms war es bis auf wenige Ausnahmen aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt, tagsüber Pferde zu benutzen       .
*4 triclinium  Speisezimmer mit Speisesofas
*5 pater familias  Hausvorstand, Haupt der Familie. Das römische Recht gab dem pater familias umfangreiche Rechte und              Verfügungsgewalt über alle Mitglieder seiner Familie.

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