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4. Mein neues
Leben, Teil II, A.D. 174
Ich blieb drei Tage in
Silvia Cornelias Haus, während ihr Bruder sich um die Dokumente kümmerte,
mit den Beamten verhandelte und das Aufstellen der kaiserlichen
Bestandslisten überwachte, welches der Versteigerung von Avidius Cassius'
gesamtem Besitz vorausging, denn sein Haus in Rom und seine Villa mußten
vollständig geräumt werden, bevor sie in den Besitz des Staates überführt
wurden. Es erübrigt sich zu sagen, daß diese Tage nicht eben angenehm waren.
Ich bekam Silvia Cornelia nie zu Gesicht, da ich es vorzog, lieber in meinem
luftlosen Zimmer zu bleiben, als es zu riskieren, mich ihrem arroganten Zorn
und ihrer scharfen Zunge auszusetzen. Aber wie ich bereits sagte, bedurfte
die höchstehrenwerte Dame nicht einer direkten Konfrontation, um sich mit
dem Problem ihres unerwarteten - und unerwünschten - Gastes
auseinanderzusetzen.
Ich konnte schon bald feststellen, daß Silvia Cornelia nicht nur schwanger
war, sondern daß sie bereits fünf Kinder hatte, von denen vier laute,
bösartige und unerfreuliche Jungen waren, denen es großes Vergnügen zu
bereiten schien, gegen meine Tür zu treten, sich über Rufa lustig zu machen
und sie zu erschrecken, wenn sie sich aus dem Zimmer wagte, und Rubia
wegzufangen, nachdem sie diese erst einmal entdeckt hatten. Aber Rubia war
zu flink für sie, und, unverdorben durch Zivilisation und gute Manieren,
verschwendete sie keine Zeit auf Überzeugungsarbeit oder Höflichkeit. Statt
dessen kratzte sie den Jungen, der sie zu fangen versuchte, und dieser
ergriff weinend und mit einer blutigen Wange die Flucht.
Als dies geschah,
drängte ich Rufa, sich darauf vorzubereiten, das Haus zu verlassen, sobald
die erzürnte Matrone in unser Zimmer käme und verlangte, die Katze zu
entfernen.
Aber Silvia Cornelia
erschien nicht. Statt dessen kamen alle unsere Mahlzeiten zu spät und kalt
oder zu spät und angebrannt, oder sie kamen überhaupt nicht, und der
dazugehörige Wein - so es überhaupt welchen gab - war von der Sorte, die
niederträchtige Herren ihren Sklaven vorsetzen, mehr Essig als Wein. Weder
Wasser noch Milch wurde je zu unserem luftlosen Quartier gesandt, und auch
die Gelegenheit, ein Bad zu nehmen, wurde mir nie geboten. Die Dienerschaft
grinste, wenn sie mich dabei überraschte, wie ich aus dem Springbrunnen im
Hof trank. Ich raffte die Überreste meiner angeschlagenen Würde zusammen und
bat sie um ein wenig warmes Wasser zum Waschen, aber sie wandten sich nur
wortlos ab. Rufa sagte mir später, daß ein Sklavenjunge, der Botengänge
erledigte, ihr zugeflüstert habe, sie seien angewiesen worden, keiner von
mir geäußerten Bitte nachzukommen. Silvia Cornelia war sich nur zu sicher,
daß ich mich nicht bei ihrem Bruder beschweren würde, und sollte ich es doch
tun, könnte sie die Schuld immer noch den Sklaven geben und hätte
gleichzeitig eine passende Entschuldigung, diese nach Belieben auspeitschen
zu lassen. So sah es in vielen römischen Haushalten aus.
Als Sklavin, die zum
Dienst und nicht zu Vergnügungszwecken gehalten wurde, war Rufa in mancher
Hinsicht beträchtlich findiger als ich, und schon bald sollte ich
feststellen, daß sie die Vorsichtsmaßen eines Menschen getroffen hatte, der
wußte, was es bedeutet, hungrig zu sein, und nicht beabsichtigte, dies noch
einmal zu erleben. Am zweiten Tag unseres Aufenthaltes in Silvia Cornelias
Haus, als unsere Abendmahlzeit wieder ausblieb und mein Magen protestierend
knurrte, kramte sie in dem Lederbeutel, den sie immer bei sich trug, und
zauberte getrocknete Äpfel und Birnen, Brot, Ziegenkäse und ein Stück
Honigwabe hervor.
"Wo hast Du das alles her, Rufa?" fragte ich, während ich hungrig kaute. Wir
saßen im Schneidersitz auf dem Bett und fütterten eine ausgehungerte Rubia
mit Stückchen von Ziegenkäse und Honigtropfen.
"Lager", sagte sie
kurz, und ihre Augen sprühten vor Übermut.
"Das Lager der
Prätorianer?"
Das kleine numidische
Mädchen nickte, während sie hartnäckig auf ihrem Anteil an unserer Mahlzeit
kaute.
"Wenn die Prätorianer
Dich erwischt hätten, wärst Du bestraft worden!"
Sie zuckte mit den
Achseln. "Niemand jemals erwischt Rufa", sagte sie und bot mir eine Birne
an.
Aber sie erwischten
sie. Oder, ehrlich gesagt, sie erwischten uns beide, als wir uns auf der
Suche nach etwas Milch für Rubia in Silvia Cornelias Küche zu schleichen
versuchten. Sie war noch ein kleines Kätzchen und das Kauen strengte sie an.
Käse und Honig reichten für das ewig hungrige Fellknäuel nicht aus, das mit
der erstaunlichen Geschwindigkeit eines Tigerjungen heranwuchs und
bedenkenlos seine Nahrung einforderte. Nach einer durchwachten Nacht voller
lautstarker Katzenbeschwerden schlichen wir auf Zehenspitzen zur Küche, als
es noch dunkel war, und versuchten, ein Schälchen Milch aufzutreiben.
Da wir das Haus nicht
kannten, konnten wir nicht wissen, daß einige Sklaven auf dem Küchenboden
schliefen, und wären beinahe auf sie getreten. Der darauf losbrechende
Krawall alarmierte den Oberkoch, einen großen blonden Mann, der überhaupt
nicht glücklich war, im Schlaf gestört zu werden, und der uns ansah, als
hätte er zwei Mörderinnen vor sich.
"Wir ...", begann ich,
korrigierte mich dann aber, "ich ... meine ... ich brauche ..."
Der Mann verzog
angewidert die Lippen und musterte darauf mit wohlwollendem Blick meinen
Körper. Der nur zu vertraute, lüsterne Blick schickte ein Kribbeln über
meine Haut. Meine Hand umkrampfte das Tuch, das ich über mein Nachtgewand
geschlungen hatte. Sollte es immer so gehen?
Der Koch grinste
unangenehm und legte den Kopf schief.
"Ich brauche etwas
Milch ..." stammelte ich.
Der große blonde Mann
kam auf mich zu, und ich trat einen Schritt zurück ... aber der Hackblock
versperrte mir den Weg. Mein Herz raste vor Furcht, als ich sah, wie der
Koch seine fleischige Hand nach mir ausstreckte. Er machte Anstalten, mich
zu berühren ... und sollte er das tun, würde ich schreien, und wenn ich zu
schreien begänne, dann würde ich mit Sicherheit hysterisch werden. Mein
ganzes Leben lang hatte man mich angegrabscht, belästigt und mißhandelt.
Nach jener ersten Nacht im Haus des alternden Senators hatte ich gelernt,
meine Gefühle zu verbergen und den ständig wachsenden Hass und die Ablehnung
zu verbergen, die das Angrabschen, Belästigen und Mißhandeln in mir
hervorriefen. Aber eine Nacht vor noch gar nicht so langer Zeit in einem
römischen Militärlager am Schwarzen Meer hatte alles verändert. Denn die
großen, starken, warmen, schwieligen Hände, die mein Gesicht, mein Haar,
meinen Körper so zärtlich berührt hatten, sie hatten dies nicht aus Lust
getan, sondern voller Bewunderung und Zärtlichkeit, voller Fürsorge und
Verlangen, und unter diesen Händen war mein Körper erwacht und er war nicht
länger das Gefäß eigensüchtiger männlicher Lust sondern wurde zu einem Heim,
in dem mein eigenes lebendiges und leidenschaftliches Ich lebte.
Der Koch kam näher.
Der Mann wußte, was ich
war, und er war entschlossen, daraus seinen Vorteil zu ziehen, so wie jeder
Mann, mit Ausnahme von Maximus, seit ich ein Kind gewesen war. Er wußte
jedoch nicht, daß ich den Mann, der mich zu dem gemacht hatte, was ich war,
getötet hatte ... und daß ich bereit war, jeden anderen Mann zu töten, der
mich wieder zur Hure machen wollte.
"Ich habe Dich zu
einer Freigelassenen gemacht und eine Freigelassene wirst Du sein! Das
wenigste, was Du tun kannst, ist, Dich auch wie eine zu verhalten!"
Eine Freigelassene.
Ich war eine
Freigelassene. Keine Sklavin. Keine Hure.
Ein ehrbarer Mann hatte
mich wie eine ehrbare Frau behandelt, als ich noch nichts anderes als eine
Sklavin und Hure war.
Ein Kaiser hatte mir
Freiheit und Wohlstand geschenkt und schuldete mir etwas, das alles Gold
des römischen Imperiums nicht aufwiegen konnte.
Ich war eine
Freigelassene. Ich hatte das Imperium gerettet. Und den Mann, den ich
liebte.
Wenn eine freie Frau
wünscht, von einem männlichen Sklaven berührt zu werden, dann befiehlt sie
ihn einfach in ihr Bett, und sie läßt ihn auspeitschen, sollte er ihr nicht
zu Willen sein.
Ich richtete mich
gerade auf und hob das Kinn. "Wie kannst Du es wagen, mich wie
Deinesgleichen zu betrachten?" Meine Worte prallten von den Wänden der Küche
zurück. Ich erkannte kaum meine eigene, kalte, ärgerliche Stimme wieder. Der
Koch zuckte zusammen, als hätte ich ihn geschlagen, und seine Hand fiel
schlaff zurück. Die Augen der Küchensklaven hinter ihm weiteten sich.
Ich schaute mich
angewidert um. Ich brauchte nicht zu heucheln. Ich war bitter böse. Und die
Küche war unordentlich und vom Rauch geschwärzt. Ich wußte genug über
Haushaltungen, um sagen zu können, daß diese von einer Frau geleitet wurde,
die zu sehr von ihrer eigenen Wichtigkeit vereinnahmt war, um sich so weit
herabzulassen, einen Blick auf ihren Haushalt zu verschwenden ... und daß
ihr Verwalter über die bequeme Situation viel zu glücklich war, um sich zu
beschweren.
Ich schaute zurück zu
dem Koch und seinem Gehilfen.
"Gibt es in diesem
Schweinestall, den Du Küche nennst, irgendwo frische Milch?"
"Ja, Herrin", stammelte
der Koch und verbeugte sich dann schnell.
"Ich will eine Schale
mit frischer Milch! JETZT!"
Die Sklaven eilten, um
eine Tonschale mit Milch zu füllen, verschütteten etwas davon in ihrer Hast
und noch mehr, als sie mir die Schale reichten.
"Sehe ich wie ein
Botenjunge aus?" fuhr ich ihn an. Die Sklavin verneinte heftig. "Gib sie
meiner Dienerin!"
Eine Entschuldigung
murmelnd verbeugte sich die Frau abermals und gab die Schale Rufa. Ich
wandte mich wieder dem Küchenpersonal zu.
"Ihr seid nichts als
ein fauler, dreckiger, schlecht erzogener Haufen und verdient ausgepeitscht
und verkauft zu werden ... Vielleicht könnte ein guter Versteigerer noch
einen erträglichen Preis heraushandeln ... wenn er Euch an die Bordelle in
der Subura*1 verkaufen würde ... Alle von Euch!" Meine Stimme
war kräftig, kalt und ruhig. Später sollte ich bemerken, daß ich denselben
entschlossenen Ton benutzte wie Maximus, als er Cassius' Offiziere in
Marcellus' Zelt verhaftete. Die Sklaven mögen faul und schlecht ausgebildet
gewesen sein, aber sie reagierten prompt auf eine befehlsgewohnte Stimme und
das Latein der Oberschicht. Ich mag zwar ungebildet im klassischen Sinne
gewesen sein, aber ich hatte mein Auftreten und meine Sprache von Konsuln
und Senatoren gelernt. "Aber ich bezweifle, daß Ihr den Aufwand wert seid.
Wie auch immer - Ihr seid da, wo ihr hingehört: in dem verkommenen Haushalt
einer Schlampe, die sich einbildet, eine Dame zu sein!"
Ich wandte mich um und
stürmte aus der Küche hinaus.
Ich konnte nicht wieder
einschlafen. Statt dessen lag ich wach, während Rufa leise schnarchte und
Rubia zufrieden schnurrte; ihr Bauch war warm und - dank Silvia Cornelias
Milch - gut gefüllt. Ich lag still da und schaute an die Decke des luftlosen
Raumes, der, da er keine Fenster hatte, beinahe völlig im Dunkel lag, aber
das Zwitschern der Vögel im Hof verkündete bereits den Anbruch eines neuen
Tages.
Ich war ruhelos. Also
stand ich auf und setzte mich still an den Tisch vor den Spiegel, den Rufa
dort für mich aufgestellt hatte, und breitete sorgfältig elfenbeinerne
Nadeln, Bürsten und Kämme aus. Dann bürstete ich mein hüftlanges Haar,
glättete die weichen Wellen, die Maximus zärtlich gestreichelt und in denen
er leidenschaftlich seine Hände vergraben hatte. Ich hatte mein Haar niemals
aufgesteckt und nur hastig zusammengerafft, wenn ich ein Bad nahm.
Ungeschickt teilte ich einzelne Strähnen ab, versuchte noch ungeschickter,
es zu flechten, und als mir dies nicht gelang, es einfach hochzustecken.
Aber auch das wollte mir nicht gelingen. Ich versuchte es wieder und wieder
--- ohne Erfolg. Die Nadeln fielen mir aus der Hand, Haarsträhnen wollten
nicht dort bleiben, wo sie sollten, und fielen mir hartnäckig ins Gesicht.
Vor lauter Anspannung biß ich mir auf die Unterlippe, bis sie wund war.
Meine Hände zitterten, und die Arme schmerzten mir. Ein würdiges Aussehen
schien mich auf die gleiche Art und mit der gleichen Entschlossenheit meiden
zu wollen, mit der römische Matronen wie Silvia Cornelia solche wie mich
mieden.
Meine Frustration
wandelte sich plötzlich in bitteren, brennenden Zorn. Mit dem rechten Arm
fegte ich in ungezügelter Heftigkeit über die Tischplatte. Kämme, Nadeln und
Bürsten flogen umher. Ein kleiner Kasten krachte zu Boden, wo sein Deckel
aufsprang, und der Inhalt sich in alle Richtungen verteilte. Rufa wachte vom
Lärm erschreckt auf. Rubia sprang unter das Bett.
"Herrin Julia?" fragte
das Mädchen zögernd.
Ich antwortete nicht
und schaute auf den Boden, wo ein Lederbeutel vor meinen Füßen lag. Ein
weiterer, kleinerer Beutel kullerte ein Stück weit, bevor er liegenblieb.
Ich hatte diese Beutel nicht mehr zu Gesicht bekommen seit jener
schicksalhaften Nacht in Moesia, in welcher ich Maximus begegnet war, und
mein Leben sich für immer verändert hatte. Der größere enthielt ein Dutzend
kleiner, runder griechischer Schwämme. Der kleinere eine kostbare Mischung
von Kräutern, die so manche römische Dame gern besessen hätte. Kräuter und
Schwämme hatten mich vor den Folgen meiner Pflichten bewahrt, und ein
gestohlener Dolch war zum Werkzeug meiner Rache an dem Mann geworden, der
mir diese Pflichten aufgezwungen hatte. Aber meine befleckte Vergangenheit
spottete meiner und meiner Versuche, so auszusehen, wie man es in Zukunft
von mir erwartete.
"Herrin Julia?"
Rubias rostroter Kopf
lugte unter dem Bett hervor. Sie war noch ein junges Kätzchen , und ihre
verspielte Neugier siegte über die Müdigkeit. Sie sprang auf den größeren
Beutel als sei er ein Ball und bearbeitete ihn munter mit Krallen und
Zähnen.
Ich konnte es einfach
nicht mehr in diesem Zimmer aushalten. Ich stand auf, ging zur Tür und
verließ den Raum, wobei ich die Tür mit solcher Wucht zuschlug, daß der Lärm
jeden aufgeweckt haben mußte, der in dem noch immer stillen Haus schlafen
mochte.
Cornelius Crassus ließ
mich am folgenden Morgen zu sich rufen. Als ich das Atrium betrat, war er
allein, seine noble Schwester samt seinen Neffen waren nirgends zu sehen.
Der Quästor runzelte die Stirn, als er sah, daß Rufa mir auf den Fersen
folgte und den allgegenwärtigen Korb für die Katze trug. Aber der Korb war
leer, da ich Rubia auf dem Arm hatte.
"Herrin, wir gehen
heute zu dem Bankier des Kaisers. Es ist nicht nötig, daß Du Deine Dienerin
und Dein Schoßkätzchen mitnimmst. Wir werden zurückkommen ..."
"Sie kommen mit mir",
erwiderte ich scharf und ging zur Tür, ohne auf seine Antwort zu warten. Der
Türhüter mußte von dem Aufruhr in der Küche gehört haben, denn er überschlug
sich beinahe in dem Bemühen, mir die Tür zu öffnen. Ich nahm seine
Anwesenheit nicht mal zur Kenntnis.
Als ich aus Silvia
Cornelias Haus trat, stolperte ich beinahe über den stiefelbewehrten Fuß
eines Prätorianers. Erschrocken fuhr ich zusammen, aber den schwarz
gekleideten Mann brachte dies nicht aus der Fassung. Er sah mich lediglich
mit jener undurchdringlichen Miene an, die für die kaiserlichen Wachsoldaten
so typisch zu sein scheint. Rubia jedoch fauchte den Mann ärgerlich an und
er zuckte zusammen. Zufrieden, weil das Tierchen mir auf seine Art
Genugtuung verschafft hatte, war ich im Begriff, energisch meines Weges zu
gehen. Aber ich kam nicht weit.
Cornelius Crassus
packte mich am Arm und drehte mich herum, während er sagte: "Hier entlang,
Herrin!" Der Prätorianer war nicht allein. Fünf weitere schwer bewaffnete
Männer begleiteten ihn. Sie stellten sich eilig auf und flankierten uns auf
beiden Seiten - eine beachtliche Eskorte für ein rotblondes,
achtzehnjähriges Mädchen, einen römischen Militär-Quästor in voller Uniform,
eine kleine numidische Dienerin und eine dreifarbige Katze.
Cornelius Crassus ließ
mich los, bevor ich noch Gelegenheit hatte, seine Hand abzuschütteln.
Ich ging schweigend,
ignorierte geflissentlich sowohl die Gegenwart des Prätors als auch die
neugierigen Blicke der Leute, denen wir auf dem Weg begegneten. Es war nur
zwei Jahre her, seit ich die Straßen Roms zum letztenmal gesehen hatte, aber
ich fand die Stadt verändert. Vielleicht betrachtete ich sie auch nur mit
ganz anderen Augen. Mit Sicherheit hätte meine letzte Reise nach Rom von
dieser nicht verschiedener sein können . Vor zwei Jahren hatte man mich in
einer goldverzierten Mahagoni-Sänfte vor den Toren des Hauses eines reichen
Mitglieds des Senats ganz in der Nähe des Palatins*2 abgeliefert. Ich war in
türkisfarbene Seide gehüllt und meine Haut mit Goldstaub gepudert, mein
Körper das Geschenk eines mächtigen Mannes, welcher der Unterstützung seiner
politischen Pläne bedurfte, an einen anderen mächtigen Mann, der einem schön
gestalteten Stück Fleisch nicht widerstehen konnte, das ihm zudem noch auf
einem ganz anderen Kampfplatz als es der Senat war das Gefühl, mächtig zu
sein, zu vermitteln verstand. Es war eine weise Entscheidung von Cornelius
Crassus gewesen, keine Sänfte und keinen Tragstuhl zu bestellen, um mich zum
Haus des Bankiers zu bringen. Wie ich bereits sagte: er war ein kluger Mann.
Wir überquerten das
Forum, die furchtgebietende Anwesenheit der Prätorianer erleichterte uns das
Vorwärtskommen. Rom attackierte meine Sinne mit seinen Menschenmassen,
seinen Farben, seinen Gerüchen und seinem Lärm. Die Leute drehten sich um
und sahen uns nach, offenbar zog unsere seltsame Prozession die allgemeine
Aufmerksamkeit auf sich, aber Straßenhändler, Taschendiebe und Bettler
hielten sich fern; es wäre dumm gewesen, sechs kaiserliche Wachen einfach zu
ignorieren. Nach einigen Straßenzügen hatte ich bereits ein Dutzend
verschiedener Sprachen gehört, die Gesichtszüge Dutzender verschiedener
Nationen gesehen und Schweiß, Urin und die kostbarsten Düfte, die ein
orientalischer Parfümmarkt zu bieten hatte, gerochen. Ich war wieder zu
Hause.
Wir hielten vor einem
eindrucksvollen Haus an, das einer Festung glich, und der Offizier der
Prätorianer schlug mit einem Stab, dem Abzeichen seines Ranges, an die Tür.
Cornelius Crassus wechselte einige Worte mit dem Türhüter, und man ließ uns
ohne weitere Umstände hinein.
"Wir sind hier im Haus
des Aemilius Trebutius Flaccus", erklärte mir der Quästor mit leiser Stimme.
"Er ist einer der persönlichen Bankiers des Kaisers. Ich werde mit ihm
reden, und dann gibst Du ihm den versiegelten Brief, den du vom Imperator
erhalten hast ..."
Aemilius Trebutius
Flaccus wählte exakt diesen Moment, um den Raum zu betreten. Er war groß,
mit einem Körperbau, der mehr dem eines Berufsringers als eines Bankiers
ähnelte, und einer Hakennase. Er war in feine weiße Wolle gekleidet, die der
einer Senatorentoga in nichts nachstand, und an seiner rechten Hand trug er
einen schweren Siegelring. Dem Bankier folgten zwei Sekretäre, gebildete
Sklaven oder Freigelassene, die jede Einzelheit über ihren Herren wußten und
vermutlich den Chef der kaiserlichen Spione über alles informierten, was
ihren Herrrn betraf. So laufen die Dinge hier in Rom.
"Cornelius Crassus!
Welche Freude, Dich wiederzusehen! Wie geht es dem göttlichen Marcus
Aurelius? Ich habe Jupiter eine fette Gans geopfert, als ich erfuhr, daß er
am Leben ist!"
"Der Imperator ist bei
guter Gesundheit, den Göttern sei Dank, und er wird nach Rom zurückkehren,
sobald er bestimmte Dinge erledigt hat, die seine persönliche Aufmerksamkeit
erfordern", antwortete der Quästor in freundlichem Ton, der keinen Zweifel
daran ließ, was er über den Mann dachte.
Der Bankier warf einen
kurzen Blick auf mich, schaute dann aber wieder schnell zurück zu Cornelius
Crassus. Männer nehmen selten ihre Ehefrauen - und niemals ihre Geliebten -
mit, wenn sie einen Bankier aufsuchen. Mit Sicherheit war Aemilius Trebutius
Flaccus sich wohl bewußt, daß der Quästor Junggeselle war, und keine
Geliebte spazierte von sechs Prätorianern eskortiert durch Roms Straßen.
Wenigstens nicht in Marcus Aurelius' Tagen.
Der Mann wußte
eindeutig nicht, was er davon zu halten hatte, und das behagte ihm nicht.
Cornelius Crassus
schien die Situation indessen zu genießen. "Aemilius Trebutius Flaccus",
intonierte der Quästor in bester Rednermanier, die mir einen Eindruck von
seiner Zukunft im Senat vermittelte, falls seine Familie es sich würde
leisten können, einen zweitgeborenen Sohn dort unterzubringen. "Der
Imperator Caesar Marcus Aurelius Antoninus Augustus schätzt Dich und die
Dienste zutiefst, die Du ihm und seiner Familie regelmäßig mit großer Treue
erwiesen hast, Dienste, für die Du immer großzügig entlohnt worden bist.
Heute benötigt er Deine Dienste als sein Bankier und Untertan, um ein
Problem zu lösen, das von äußerster Wichtigkeit für seine göttliche Person
ist."
Der Bankier nickte
schweigend und führte uns in sein Büro, schickte seine Sekretäre weg und
schloß die Türen, während die Prätorianer, Rufa und meine Katze draußen
warten mußten.
Kurz danach schaute der
Mann mit großen Augen auf die Schriftrolle, die ausgebreitet auf seinem
imposanten Schreibtisch lag. Cornelius Crassus stand davor und beobachtete
den Bankier mit unverhohlener Freude, während ich auf einem Stuhl saß und
mir wie üblich unbeholfen und fehl am Platz vorkam. Keiner der beiden Männer
hatte, seit wir den Raum betreten hatten, von mir Notiz genommen.
Der Quästor hüstelte und Aemilius Trebutius Flaccus hob den Kopf. "Das Geld
wird augenblicklich auf den Namen der Dame hinterlegt werden ..."
"Ich nehme an, man wird
der Dame das übliche Bankfach zur Verfügung stellen", sagte Cornelius
Crassus. Der Bankier nickte beflissen und klingelte nach einem Sekretär. Als
der Mann erschien, gab er ihm eifrig Anweisungen bezüglich der Schatulle, in
welcher mein Reichtum sicher verwahrt werden sollte. Der Sekretär war ein
dünner Mann mit östlichen Gesichtszügen und melancholischen dunklen Augen.
Er sah mich kurz an, verneigte sich dann und verließ das Zimmer.
Aemilius Trebutius
Flaccus wandte sich an Cornelius Crassus. "Ich werde Dir den Schlüssel noch
heute aushändigen, aber es wird einige Tage dauern, den Siegelring, mit
welchem alle Transaktionen autorisiert werden, anzufertigen. Ich werde ihn,
sobald er fertig sein wird, in Dein Haus bringen lassen."
Der Quästor nickte
gnädig. "Wie kann ich dem Kaiser noch zu Diensten sein?"
"Die Dame benötigt
einen Platz, wo sie leben wird. Der Kaiser würde Dir sehr dankbar
sein, wenn du ihr behilflich sein könntest, sich hier in Rom
niederzulassen."
"Habe ich richtig
verstanden, daß die Dame keine Familie hat?"
"Nein, das hat sie
nicht."
"Nun, die Schwester
meiner Frau ist Witwe ..."
"Dem Kaiser liegt sehr
am Herzen, daß die Dame komfortabel und sicher untergebracht ist."
"Meine Schwägerin lebt
in einer Villa auf dem Land"
Ich wußte genug über
die römische Gesellschaft, um mir darüber klar zu sein, daß eine anständige
freie Frau ihren Blick demütig zu Boden richtete und schwieg, während Männer
über sie verhandelten als sei sie lediglich ein Möbelstück. Noch vor wenigen
Wochen war ich nur eine Sklavin gewesen. Und eine Hure. Für eine römische
Matrone und ihren Koch hatte es nur eines Blickes bedurft, um zu erkennen,
daß ich zwar frei sein mochte, aber keinesfalls ehrbar war. Sie hatte mich
wie Abschaum behandelt, und er hatte versucht, seinen Vorteil daraus zu
ziehen. Nun spielten ein Patrizier und ein Bankier dieses Spiel männlicher
Überlegenheit mit mir, und von mir wurde erwartet, mich in die Rolle der
sittsamen Frau zu fügen.
"Ich bin sicher, sie
wird sich glücklich schätzen, dem Kaiser zu Diensten und der Dame gefällig
zu sein ..."
"Die Dame wünscht
nicht, daß man ihr gefällig ist oder sie in einer Villa auf dem Land
unterbringt bei einer Witwe, die sie nicht haben möchte und sie wie Dreck
behandeln wird. Die Dame kann selbst sprechen und denken und weiß ganz
genau, was sie möchte."
Der Klang meiner Stimme
war absolut vernünftig und vollkommen ruhig. Beide Männer schauten mich in
zwei verschiedenen Variationen von Verwunderung an. Cornelius Crassus' war
eine Mischung aus Anflügen warmer Bewunderung und amüsiertem Zweifel. Die
des Bankiers pure Ungläubigkeit. In ihrer Welt streiten oder widersprechen
Frauen den Männern nicht. Sie betrügen oder manipulieren einfach.
Ich heftete meinen Blick auf Aemilius Trebutius Flaccus. Ich wußte, daß
dieser Blick kalt und hart war. So kalt wie damals, als ich Eugenia gedrängt
hatte, mir behilflich zu sein, Maximus zu helfen. "Ich möchte eine Wohnung
an einem ruhigen, abgelegenen Ort. Wenigstens vier Zimmer. Luftig. Sauber.
Sanitäre Einrichtungen innerhalb der Wohnung."
Der Bankier schaute
kurz zu Cornelius Crassus, dann wieder zu mir. Ich fuhr fort, meine
Forderungen klar und deutlich vorzutragen. "Ich habe eine Katze. Ich möchte
nicht, daß man mich deswegen belästigt. Und ich möchte auf der Stelle
umziehen."
Aemilius Trebutius
Flaccus sah wieder Cornelius Crassus an. Als er jedoch feststellte, daß von
diesem keine Hilfe zu erwarten war, wandte er sich wieder mir zu.
"Herrin, ... ich ...
ich glaube, ich kann Dir behilflich sein."
Er machte eine Pause.
Ich antwortete nicht. Er fuhr fort.
"Ich besitze zufällig
ein Haus mit Wohnungen am Quirinal*3" ... ein anständiger, sauberer und
sicherer Ort."
Ich kannte den
Quirinal. Ausreichend nett, um die Schrecken der Subura unwirklich
erscheinen zu lassen, aber nicht so feudal, um mich an das zu erinnern, was
hinter den geschlossenen Türen der patrizischen Häuser am Palatin
vorgefallen war. Erfolgreiche Kaufleute und wohlhabende Provinzler lebten
dort. Die Familie des Kaisers Vespasian hatte dort ihr römisches Heim
besessen, bevor ihr illusterer Sohn in den kaiserlichen Palast eingezogen
war.
Ich sagte nichts.
"Es ist ein kleines
Gebäude, nur fünf Wohnungen. Eine im zweiten Stock steht leer. Ich bin
sicher, daß sie Deinen Erwartungen entsprechen wird."
Ich schwieg weiter.
"Es ... es wäre mir ein
Vergnügen, dem Kaiser zu Diensten zu sein und sie Dir zur Verfügung zu
stellen, so lange Du sie haben möchtest."
"Ich möchte nicht, daß
Du sie mir zur Verfügung stellst, sondern ich möchte sie mieten. Nenne mir
den Preis."
Das war pure Prahlerei.
Ich hatte gar nicht genug Ahnung was Preise betraf, um beurteilen zu können,
was ein vernünftiger Preis war und was nicht. Cornelius Crassus schien
bereits auf dem Sprung zu sein, um mich zu retten. Aber etwas in meinem
Blick hielt ihn davon ab. Aemilius Trebutius Flaccus klingelte abermals nach
seinem Sekretär und ließ sich die Schlüssel bringen.
Eine halbe Stunde
später eskortierten die Prätorianer unsere seltsame Prozession, der sich nun
noch der Bankier und sein Sekretär angeschlossen hatten, zum Quirinal. Die
Wohnung hatte ein Jahr lang leer gestanden. Sie war staubig aber in
ordentlichem Zustand. Sie bestand aus sechs Zimmern und einem kleinen Bad.
Außerdem gehörte zu der Wohnung eine hübsche Terrasse, von der aus man den
herrlichen grünen Innenhof jener Wohnung überschauen konnte, die sich unter
mir über den gesamten ersten Stock des Hauses erstreckte. Die Wohnung war
sonnig und luftig, außerdem gab es ein paar alte Möbelstücke, die aussahen,
als ob sie noch einige Dienste leisten könnten. Der Bankier sprach über die
Vorteile, in einer sicheren Nachbarschaft zu wohnen, die des nachts bewacht
wurde und in der nette Menschen in netten Häusern wohnten. Ich achtete gar
nicht auf ihn. Ich war viel zu sehr damit beschäftigt, mir mein aller erstes
Heim vor meinem inneren Auge auszumalen.
Zwei Stunden später
kehrte ich für eine letzte Nacht in Silvia Cornelias Haus zurück, bevor ich
am nächsten Morgen umziehen würde. Ich trug den eisernen Schlüssel für mein
Bankfach, eine Börse voller Münzen und die Quittung für meine erste
Jahresmiete bei mir. Der Bankier hatte mir die Wohnung - wie ich vermutete -
zu einem Spottpreis überlassen, da er sich immer noch nicht über meine
Beziehung zum Kaiser im klaren war, und dessen Gunst wog mehr als alles Geld
und Gold. Ich hatte nichts dagegen einzuwenden. Zu viele Männer hatten mich
in der Vergangenheit ausgenutzt, und er würde bei dieser Sache nicht zu kurz
kommen. Er versprach, mir den Vertrag und den Siegelring durch Cornelius
Crassus zu schicken. Ich nickte und verließ sein Haus. Erst als Silvia
Cornelias Türhüter mir das Tor ihres Hauses öffnete, bemerkte ich, daß ich
wie ein Idiot grinste.
In dieser Nacht konnte
ich kaum schlafen. Ich packte ein und aus, notierte mir im Hinterkopf, ein
paar praktischere - und unauffälligere - Kleidungsstücke zu kaufen, und
türmte etliche besonders anstößige auf, um sie später wegzuwerfen. Da ich
die Aufsicht über die Vergnügungssklavinnen in Cassius' Haushalt geführt
hatte, bewahrte ich auch die Schatulle mit den Schmuckstücken auf, die dazu
dienten, uns für Partys und Treffen eher privater Natur herauszuputzen. Ich
hatte sie ganz vergessen und war überrascht, die Juwelen unter meinen Sachen
zu finden. Auch diese sollten - ebenso wie meine Hurengewänder -
verschwinden, aber das mußte warten, bis ich an einem Abwasserkanal
vorbeikäme. Nach kurzem Zögern öffnete ich die Kassette, in der sich mein
eigener Schmuck befand - kleine Geschenke, die ich von Männern erhalten
hatte - und warf sie ebenfalls in die andere Schatulle. Ich behielt nur ein
einziges Stück, eine feine goldene Kette mit einem ägyptischen Anhänger,
einem emaillierten goldenen Skarabäus mit der goldenen Sonnenscheibe
zwischen seinen Fühlern, den der vierzehnjährigen Sohn eines Senators mir
als kindliches Abschiedsgeschenk gegeben hatte.
Während ich packte,
hielt Rufa sich im Hintergrund. Sie saß auf dem Bett und drückte das
Kätzchen fest an sich, wobei sie mich und all das Theater, das ich im Zimmer
veranstaltete, mit geduldigen traurigen Augen beobachtete. Das numidische
Mädchen war eine gute Dienerin. Selbst in ihrem zarten Alter wußte sie, daß
ihre Herrin sich komplett zum Narren machte und daß sie selbst das Packen
schneller und effizienter als jene hätte erledigen können. Und sie machte
deutlich, daß man sie nicht verdrängt, sondern daß sie es vorgezogen hatte,
mir zu erlauben, mich zum Narren zu machen. Amüsiert dachte ich bei mir, daß
ihr im kaiserlichen Palast eine strahlende Zukunft winkte.
Sie stand nur einmal
vom Bett auf, um mir schweigend den Beutel mit den griechischen Schwämmen
hinzuhalten, den sie aus Rubias Zähnen und Krallen gerettet hatte.
Allerdings war so viel Zeit gewesen, daß meine Katze das Leder zuvor
sorgfältig durchkauen konnte. Ich dankte ihr geistesabwesend und wollte den
Beutel in die Truhe mit den Kleider legen, die ich wegzuwerfen
beabsichtigte. Aber irgend etwas hielt mich davon ab. Ich ballte meine Hand
zu einer Faust und zerdrückte die einst so wichtigen Schwämme, während sich
ein kaltes Lächeln auf meinem Gesicht ausbreitete.
Cornelius Crassus kam
zu mir sofort nach dem Frühstück, einer Mahlzeit, die diesmal - was mich
keineswegs überraschte - äußerst reichhaltig war und pünktlich auf mein
Zimmer gebracht wurde.
Als ich die Treppe
herabkam, stand Silvia Cornelia verdrossen neben ihrem Bruder ... genau wie
ich es erwartet hatte: sie mag sich zwar geweigert haben, daß man mich ihr
vorstellte, und dafür gesorgt haben, daß mein Aufenthalt in ihrem Hause für
mich so unangenehm wie möglich verlief, aber sie hätte es um keinen Preis
riskiert, nicht anwesend zu sein, als ich ihr Haus verließ, für den Fall,
daß ich doch den Entschluß fassen sollte, mich bei Cornelius Crassus zu
beschweren. Sollte es den Quästor verärgert haben, vom Kaiser mit einem
Umzug betraut worden zu sein, so ließ er es sich nicht anmerken. Statt
dessen grüßte er mich mit seiner entnervenden Höflichkeit und fragte mich,
ob ich zum Aufbruch bereit sei.
Ich bejahte dies mit
der gleichen Höflichkeit, wandte mich dann Silvia Cornelia zu und lächelte.
"Herrin, ich möchte Dir
für Deine Freundlichkeit danken. Du bist eine überaus gütige Gastgeberin
gewesen, und mein Aufenthalt in diesem Haus war mehr als angenehm. Ich weiß,
daß die Höflichkeit es gebietet, der Gastgeberin vom Gast ein Geschenk
zukommen zu lassen, aber ich bin eben erst in Rom angekommen und hatte noch
keine Zeit, mich hier einzurichten. Aber manchmal ist ein guter Rat ein viel
kostbareres Geschenk als Silber oder Gold ..."
Aus den Augenwinkeln
sah ich, wie Cornelius Crassus die Stirn runzelte. Er wußte, daß ich etwas
im Schilde führte, und daß dieses etwas nichts Gutes bedeuten konnte.
Überhaupt nichts Gutes.
"Erlaube mir also, Silvia Cornelia, Dir einen kleinen Rat mit auf den Weg zu
geben. Wie man Deinem Zustand - und der Brut, die dem Weib eines betrunkenen
Flußschiffers würdig ist, und die Du Deine Kinder nennst - nur zu deutlich
entnehmen kann, scheinst Du Deinen Ehemann nicht eben erfolgreich von Deinem
Bett fernhalten zu können. Also solltest Du es wenigstens lernen, seine
Aufmerksamkeit zu genießen. Das würde Wunder wirken für Deine Stimmung und
Deine Schönheit und Dir außerdem behilflich sein, jünger auszusehen als
Deine ... dreißig Jahre?"
Ich hörte, wie sie nach
Luft schnappte, lächelte die verblüffte Matrone jedoch weiter freundlich an.
"Sollte diese Aufgabe
Dein patrizische Hirn jedoch überfordern, dann lerne wenigstens zu
verhindern, daß er Dich jedesmal schwängert, wenn Du gerade Dein letztes
Junges entwöhnt hast."
Ich warf der verdutzten
Frau den Lederbeutel mit meinen Schwämmen vor die Füße, drehte mich um, nahm
Rufa die Katze vom Arm und verließ das Haus. Cornelius Crassus schnaubte,
wie es Männer zu tun pflegen, wenn sie versuchen, ein Lachen zu
unterdrücken, nahm sich jedoch schnell wieder zusammen, aber es gelang mir,
noch einen flüchtigen Blick auf den erstaunten und bewundernden Ausdruck auf
seinem Gesicht zu werfen. Als ich die Tür erreichte, hörte ich das
unterdrückte Kichern des Türhüters.
Nur von Silvia Cornelia
war nichts zu hören.
________________________________
*1 Subura ärmstes und
verkommenstes Viertel der Stadt Rom
*2 Palatin einer der sieben Hügel, auf denen Rom errichtet wurde. Dort
befand sich der kaiserliche Palast.
*3 Quirinal ein weiterer dieser sieben Hügel. Benannt nach dem dort
befindlichen Tempel des altrömischen Gottes Quirinus. |
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5.Zwischenspiel A.D. 180
Rubia war irgendwann
eingeschlafen, während ich meinen Gedanken nachhing, und plötzlich wurde ihr
Gewicht zu schwer, als daß ich es noch länger als tröstende Gegenwart hätte
empfinden können. Ich rutschte ein wenig in meinem Sessel hin und her, um
das große Tier besser auf meinem Schoß zu positionieren, und in einer
automatischen Reaktion fuhr Rubia ihre Krallen aus. Ich zuckte zusammen, als
die nadelspitzen Krallen durch die Seide des Gewandes und in mein Fleisch
drangen. Gleichzeitig öffnete sich vorsichtig ein grünes Auge und starrte
mich argwöhnisch an. Ich konnte nicht anders und mußte lächeln, während ich
der Katze die Ohren kraulte, damit sie sich wieder entspannte. Beruhigt
durch mein Streicheln und und ihren Katzenklammergriff, mit dem sie sich
meiner Gegenwart versicherte, seufzte sie zufrieden und schlief wieder ein.
Es erschien seltsam
passend, daß meine Lieblingskatze mir ihre Krallen gerade dann zeigte, als
ich mich daran erinnerte, wie ich Silvia Cornelia die meinen hatte spüren
lassen. Aber das Schicksal und die Götter sind bekannt dafür, einen Sinn für
Ironie zu haben. Ich hatte jahrelang nicht mehr an diesen Zwischenfall
gedacht. Ich war nicht stolz auf mein Verhalten, auch wenn ich nicht geneigt
war, dies zuzugeben. Ich war zu einer Frau gehässig gewesen, deren einziger
Fehler darin bestand, dümmer als die meisten anderen Menschen zu sein. Auch
wenn ich mit Dummheit nicht gut umgehen kann, bin ich normalerweise keine
gehässige Person. Das habe ich nicht nötig.
Kurz nachdem ich eine
Freigelassene wurde, lernte ich, daß es eine viel effektivere und
zivilisiertere Methode gibt, um mit Menschen und deren Dummheit umzugehen
und zwar, sie gar nicht an sich herankommen zu lassen. Ich will andere
Menschen auf Abstand halten und das gelingt mir auch: nah genug, um sie zu
beobachten und sogar harmlose Höflichkeiten auszutauschen, aber nicht nahe
genug, daß sie mich berühren oder in mein Privatleben eindringen könnten.
Nur zwei Menschen habe
ich je näher an mich herangelassen. Nur zwei Menschen haben einen Platz in
meinem Herzen und in meinem Leben. Nur zwei Menschen dürfen mich berühren
und erwarten, daß ihre Berührung nicht nur nicht zurückgewiesen sondern
dankbar angenommen wird. Nur zwei Menschen.
Und, natürlich,
Maximus.
An der Tür meiner
Wohnung wurde diskret geklopft. Weder drehte ich mich um noch antwortete
ich. Dieses Klopfen war mir nur zu vertraut. Apollinarius betrat mein
Wohnzimmer und blieb wie angewurzelt stehen, als er mich immer noch barfuß
und in meinem seidenen Hauskleid vorfand, während ich doch bereit sein
sollte, jeden Augenblick nach unten zu gehen. "Was gibt es, mein Freund?"
fragte ich.
Er kam mit forschem
Schritt näher, deutliche Anzeichen von Unbehagen waren in seiner sonst so
entspannten Persönlichkeit erkennbar. Er setzte sich auf den Stuhl vor mir
und schien so seine Gegenwart in mein Blickfeld zwingen zu wollen, da ich
nicht geneigt schien, ihn anzuschauen.
"Proximo ist nach Rom
zurückgekehrt, aber er hat seine Wachen hiergelassen ... um mir zu helfen
... ihn zu bändigen ..."
Ich hob den Kopf und
schaute direkt in seine beunruhigten nußbraunen Augen.
"Wir wußten, daß das
geschehen würde. Er ist zu wertvoll ... und zu gefährlich."
"Genau das hat die
verantwortliche Wache auch gesagt ..."
"Konntest Du mit ihm
sprechen?"
Apollinarius seufzte
traurig und schüttelte verneinend den Kopf. "Ich habe es versucht ... es war
zu gefährlich. Er ... er ist zu ... zu ... durcheinander ... um zuzuhören
... und ... eine Andeutung ... zu verstehen ..."
Ich hob die
Augenbrauen. Sicherlich war "durcheinander" nicht das Wort, das er wirklich
hatte gebrauchen wollen.
"Wie geht es ihm?"
fragte ich.
Apollinarius zuckte mit
den Achseln und seufzte abermals. "Durcheinander", wiederholte er.
"Ängstlich. Beunruhigt. Bestürzt." Mein ehemaliger Lehrer sah unglücklich
aus. "Er hat Angst, Julia", fügte er hinzu. "Angst wie nie zuvor."
Ich fühlte mich, als
hätte er mir ins Gesicht geschlagen. Angst.
Er fuhr fort: "Als
Proximo aufbrach und er verstand, was vor sich ging, flehte ... flehte er
ihn an, ihn nicht hier zurückzulassen!"
Ich presste die Lippen
zusammen und weigerte mich zu akzeptieren, was Apollinarius gesagt hatte,
weigerte mich die Qual zu erkennen, die ich Maximus zugefügt hatte, denn
hätte ich mir dies eingestanden, hätte ich den Verstand verloren.
"Er flehte, Julia!"
wiederholte er in einem Ton, der keinen Zweifel ließ.
Ich konnte es nicht
mehr ertragen.
"Es ist nur eine
Komödie, Apollinarius! Eine notwendige Komödie! Er ist stark! Ich werde es
ihm erklären, und er wird es verstehen!" Mein ehemaliger Lehrer wirkte
gequält. Ich nahm seine Hand. "Wir retten ihn! Wir geben ihm seine Freiheit
zurück!"
"Aber wir haben ihm
seinen Stolz genommen, Julia! Das wird er niemals vergessen! Niemals
verzeihen!"
"Vor sechs Jahren
spielte ich für ihn eine Komödie! Vor sechs Jahren riskierte ich mein Leben
für ihn! Vor sechs Jahren tötete ich einen Mann um zu verhindern, daß dieser
Mann ihn tötete! Ich habe für ihn getötet, Apollinarius! Und ich würde es
wieder tun! Es gibt nichts, daß ich nicht täte, um ihm zu helfen! Selbst
wenn dies bedeutet, ihn zu demütigen!"
Apollinarius neigte den
Kopf. Ich presste die Lippen zusammen und tätschelte seine Hand. "Es tut mir
leid, mein Freund."
"Ist schon gut, Liebes.
Ist schon gut. Wir sind beide müde und angespannt ..."
Wir verharrten einen
langen Moment in peinlichem Schweigen.
"Was hältst Du von
ihm?"
"O, ich wußte, daß er
etwas Besonderes sein muß, um für eine Frau wie Dich so anziehend zu sein,
aber ..." Apollinarius errötete peinlich berührt, während er versuchte
weiterzusprechen. "Aber er ... er ... "
"Er ist einfach
großartig", sagte ich schlicht. Apollinarius errötete noch mehr und ich
mußte über den neuerlichen Beweis lächeln, daß Maximus, ob General oder
Sklave, immer noch Maximus war und auch über den umwerfenden Eindruck, den
er auf andere Menschen machte. Einen Eindruck, dessen er sich nicht einmal
bewußt war, und was denselben nur noch umwerfender machte.
"Ich gehe besser
zurück. Ich habe diese Bastarde gut versorgt mit Wein und Essen in der Küche
sitzen lassen, aber sie könnten mißtrauisch werden, wenn ich nicht bald
zurückkomme. Hast Du es bekommen?"
Ich nahm aus der Tasche
meines Gewandes ein kleines Glasfläschchen und gab es Apollinarius. Er
betrachtete die grüne Flüssigkeit, die es enthielt. Es handelte sich um das
teuerste Opium, das man für Geld kaufen konnte. Dasselbe, welches von den
Ärzten des Militärs und der kaiserlichen Familie benutzt wurde.
"Wird es wirken?"
fragte er zweifelnd.
"Keine Sorge", sagte
ich. "Es wird." Vor sechs Jahren hatte ich Opium auf eine Weise
kennengelernt, wie sie nicht hätte härter sein können, als mich ein
römischen Legionsarzt auf Befehl von Maximus mit einer großzügen Dosis
dieser Droge betäubt hatte.
"Der Apotheker sagte,
daß ein paar Tropfen in jeden Weinbecher ausreichten. Und wenn sie
aufwachten, würden sie glauben, einen schlimmen Kater zu haben ..."
"Mit Sicherheit den
schlimmsten, den diese Bastarde je in ihrem Leben haben werden", stimmte ich
ihm zu. "Und auch den teuersten." Erstklassiges Opium und ein guter alter
Falerner waren nicht das, was solche hirnlosen Schlägertypen, wie Proximo
sie einzustellen pflegte, jeden Tag vorgesetzt bekamen.
Apollinarius zögerte
noch immer.
"Geh!" drängte ich ihn.
"Geh und schütte die Droge in ihren Wein. Sieh zu, daß Du nicht selbst davon
trinkst, und benachrichtige mich, sobald es sicher genug ist, damit ich
hinuntergehen kann."
Mein ehemaliger Lehrer
setzte sich in Bewegung und ich mußte wieder lächeln. Der gute Apollinarius!
Er war die beste Stütze, die man sich nur wünschen konnte, sei es, daß es um
ein besonders anspruchsvolles Bankett ging oder um eine Verschwörung, um
einen zum Sklaven degradierten römischen General zu retten. Er fühlte sich
jedoch unwohl dabei, wenn er für etwas verantwortlich war. In unserer
eigenwilligen Partnerschaft war ich diejenige, die die Führung übernehmen
mußte. Und so würde es immer sein. Mit vierundzwanzig Jahren - nach
Sklaverei, Prostitution, der ersten Liebe und der Erfahrung, zurückgewiesen
zu werden, nach Einsamkeit, einer lieblosen Ehe, Witwenschaft und der
Verwandlung in eine erfolgreiche Geschäftsfrau - war Verantwortung zu tragen
für mich so natürlich wie ein- und auszuatmen.
Manchmal sogar noch
natürlicher.
Apollinarius schloß die
Tür hinter sich und ich wandte den Blick wieder dem Gesicht zu, das mein
Spiegel mir zeigte. Ich hätte bereits angezogen sein sollen und bereit,
jederzeit nach unten zu gehen. Aber ich konnte nur dasitzen, eine schlafende
dreifarbige Katze streicheln, mein eigenes Spiegelbild betrachten und mich
erinnern ....
Der einzige Grund,
warum ich mich an jenem schicksalhaften Tag überhaupt in Rom aufhielt, war
Apollinarius. Ich war bereits seit zwei Jahren Witwe, und seit dem Tod
meines Gemahls war mein ehemaliger Lehrer mir noch näher gekommen. Er wußte,
daß der Tod von Marius Servilius mich mehr getroffen hatte als ich zu zeigen
bereit war, aber er wußte nicht warum, und ich klärte ihn nicht darüber auf.
Wie immer stellte er keine Fragen. Statt dessen half er mir bei der
Organisation der Begräbnisfeier und bei den Formalitäten bezüglich des
Testamentes meines verstorbenen Mannes, und als ich die Kontrolle über die
Reederei übernahm, die ich geerbt hatte, lernte er geduldig, wie er mir
möglichst gut behilflich sein konnte, sie zu führen. Sei es, daß er mir den
Absatz eines Gesetzes erklärte, den ich nicht ganz verstand, oder daß er mir
still beim Abendessen Gesellschaft leistete - Apollinarius war immer an
meiner Seite.
An jenem
schicksalhaften Tag hatte ich nicht in Rom sein wollen.
Es war nicht nur die frühsommerliche Hitze sondern auch das Phänomen, daß
ich mich in der "Urbs"*1 immer irgendwie bedrängt fühlte, ganz gleich
wie ruhig und zurückgezogen meine Wohnung am Quirinal gelegen war. Ich
wollte in meine Villa zurückkehren, aber Apollinarius bestand darauf , daß
wir in Rom blieben. Wir stritten uns, und er sagte, ich sei zu jung, um
weiter so zurückgezogen wie bisher zu leben, daß ich einige der vielen
Einladungen zu Abendgesellschaften annehmen sollte, die ich von
Geschäftspartnern meines verstorbenen Mannes - welche nun meine
Geschäftspartner waren - erhielt. Ich sagte ihm, daß ich so viele Bankette
mit parfümierten Blumengirlanden und was Römer sonst noch unter
verschwenderischer Unterhaltung verstanden, erlebt hatte, daß es für mehrere
Leben ausreichte. Apollinarius bestand nicht weiter auf der Sache, da er
wußte, daß ich nicht nur von den Abendgesellschaften sprach, die ich für
meinen verstorbenen Gemahl organisiert hatte, sondern auch von jenen wilden
Gelagen, an denen teilzunehmen ich als ängstliches Mädchen gezwungen gewesen
war.
Aber er ließ das Thema
doch nicht ganz fallen und versuchte, mich ins Theater oder zum Einkaufen zu
locken, indem er mich daran erinnerte, daß meine offizielle Trauerzeit
bereits seit Monaten vorüber sei. Ich antwortete ihm, daß ich bei heißem
Wetter nicht gern ins Theater ginge und daß ich auch nicht einkaufen gehen
müsse, da die meisten Luxusgüter, die auf römischen Märkten zu finden seien,
von meiner eigenen Flotte nach Italien gebracht würden, und ich das Recht
und die Möglichkeit hätte, mir das Beste einer jeden Schiffsladung im Voraus
herauszupicken, seien es Glaswaren, edle Stoffe oder reinrassige Pferde.
Als er einsah, daß er
so nicht weiterkam, versuchte er mit einem letzten Trick, mich in der Stadt
zu halten: er baute auf meinem Schreibtisch einen beeindruckenden Stapel von
Dokumenten und Schriftrollen auf. "Da Du Dich weigerst, Dein Leben zu
genießen, meine Liebe, laß uns eben dieses Leben nutzen, um etwas Sinnvolles
zu machen. All das hier erfordert Deine persönliche Aufmerksamkeit."
Ich warf einen Blick
auf den Berg auf meinem Schreibtisch und stöhnte. Berichte von
Handelsagenten aus Kappadokien, Lugdunum*2, Antiochien, Caesarea und vielen
anderen Orten. Transportverträge, die meiner Zustimmung bedurften. Briefe
von Kunden. Geschäftsangebote. Die nie endenden Beschwerden der Vorarbeiter
meiner Werften. Es würde mich mindestens etliche Tage kosten, all dies zu
erledigen.
Ich blickte
Apollinarius herausfordernd an und er lachte vor sich hin. "Ich verlaß Dich
jetzt, aber falls Du Deine Meinung über das Theater ändern solltest - ich
bin im Garten und lese", sagte er und verließ die Bibliothek; dabei summte
er ein munteres griechisches Lied über eine schöne traurige Sirene vor sich
hin, die sich in einen gutaussehenden, dunkelhaarigen Seemann verliebt
hatte. Nachdem sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, seufzte ich, aber
dann mußte ich doch lachen. Apollinarius kannte mich zu gut. Obwohl ich
anfangs nur widerwillig dem Wunsch meines Gatten nachkam, mich mit der
Führung der Werften zu beschäftigen, fand ich doch bald Gefallen daran. Es
war harte Arbeit und mit mehr Mühe verbunden, als ich freiwillig zu
investieren bereit war, aber andererseits war es auch herrlich aufregend. Es
erforderte Visionen, Konzentration, Planung, ein methodisches Herangehen und
vor allem stellte es eine Herausforderung dar. Es bedeutete, mit dem Wetter
und mit Schiffswerften umzugehen, mit Terminplänen und Untreue klarzukommen,
aber vor allem bedeutete es, mit Männern klarzukommen, die es nicht mochten,
mit einer mächtigen Frau zu verhandeln. Und das liebte ich am meisten
an der Sache. Ich brauche nicht extra zu betonen, daß es in diesem Gewerbe
nicht viele Frauen gab, obwohl die Frauen einiger dieser Männer sechsmal so
viel Hirn hatten wie diese. So weit es das Reedereigeschäft betraf, gab es
nur mich. Und meine Flotte stand allein jener der kaiserlichen
Getreidetransportschiffe an Größe nach. Mit einem kleinen, schiefen Lächeln
öffnete ich die erste Schriftrolle.
Ungefähr zwei Stunden
später hörte ich ein Klopfen an der Tür. Man konnte der Art des Klopfens
einen gewissen Nachdruck entnehmen, der darauf schließen ließ, daß wer auch
immer da klopfte, bereits eine Weile vor der Tür gestanden haben mußte.
"Herein!" sagte ich mit einem Anflug von Ungeduld wegen der Unterbrechung.
Eine lebhafte, kleine,
plumpe Frau von Mitte fünfzig betrat die Bibliothek. Ihr Haar war grau, aber
ihre munteren schwarzen Augen ließen sie viel jünger erscheinen. Nicia,
meine Dienerin. Sie war Griechin, ebenso wie ihr Ehemann, welcher der
Verwalter meines Gemahls gewesen war. "Entschuldige bitte, die Störung,
Herrin ..."
Ich legte das
Schreibgerät nieder und lehnte mich in meinem Sessel zurück. Das war höchst
ungewöhnlich und offenbar handelte es sich um etwas Persönliches. Nicia
hatte sechs Söhne großgezogen und konsultierte mich nie, wenn es um
Angelegenheiten des Haushaltes ging - sie war zu sehr daran gewöhnt,
Probleme selbständig zu lösen.
"Herrin, hättest Du
etwas dagegen ... wir würden morgen gern den Nachmittag frei haben ..."
Ich hob fragend die
Augenbrauen. Normalerweise spricht Nicia nicht so zögerlich.
"Athenodorus und ich.
Und ... Lollia, Sophrona, Arminilla und Porcia."
Nun wurde ich wirklich
neugierig. "Was ist los?" fragte ich. "Warum braucht mein halber Haushalt
plötzlich einen freien Tag - und auch noch alle gleichzeitig?"
"Wir würden gern zu
den Spielen gehen."
Die Spiele. Ich
runzelte die Stirn. Fünf Jahre lang hatte Marcus Aurelius' Weisheit und Güte
Rom vor diesen bewahrt. Auch wenn sie in den Provinzen weiter abgehalten
wurden und es von Gerüchten über private, heimliche Gladiatorenkämpfe nur so
wimmelte, war das Kolosseum doch geschlossen geblieben, und seine Verliese,
Käfige und Zellen waren leer bis auf den Staub und die streunenden Katzen,
die dort nach Ratten jagden. Aber Marcus Aurelius war tot und die Spiele
waren zurückgekehrt, Hand in Hand mit seinem Nachfolger. Mein Stirnrunzeln
vertiefte sich, als ich an den neuen Imperator dachte. Es hatte nicht erst
meines verstorbenen Gemahls bedurft, um mir die Wichtigkeit von
Informationen zu verdeutlichen: ich war eine Hure gewesen. Meine Informanten
saßen an den wichtigen Stellen und ich bezahlte sie gut. Ich hatte Marcus
Aurelius gebührend betrauert, jedoch keine Zeit verschwendet und
Erkundigungen über seinen Sohn eingezogen.
Lucius Aelius Commodus
Aurelius Antoninus war das einzige überlebende männliche Kind des Kaisers
und man sagte, daß er der Liebling seiner verstorbenen Frau gewesen sei.
Faustina hatte ihrem kaiserlichen Gemahl zwölf oder dreizehn Kinder
geschenkt, aber nur Commodus und vier Töchter hatten das Erwachsenenalter
erreicht. Er war der erste Kaiser, der den goldenen Lorbeerkranz von seinem
Vater erbte, seit Titus den seinen vor mehr als einem Jahrhundert von
Vespasian geerbt hatte. Auch wenn Commodus erst wenige Monate Kaiser war, so
war es doch ersichtlich, daß er mit Titus wenig gemein hatte. Ja, der Senat
fürchtete, daß er eher dessen jüngerem Bruder Domitian gleichen könnte.
Es gab viele Gerüchte
um den jungen Kaiser. Er war von einem offiziellen Besuch bei seinem Vater
in Germanien zurückgekehrt und hatte die Nachricht von dessen plötzlichem
Ableben, einen neuen Kommandanten der Prätorianergarde und seine
allgegenwärtige Schwester, die Dame Lucilla, mitgebracht. Er hatte es so
eilig gehabt, seine eigene Herrschaft anzutreten, daß er den Leichnam seines
Vaters zurückgelassen und dessen Einäscherung anderen überlassen hatte. Sein
triumphaler Einzug in Rom war vom Argwohn des Volkes und dem Spott des
Senats überschattet gewesen: er zog in die Stadt ein wie ein Eroberer, aber
er hatte nie an einer Schlacht teilgenommen. Der junge Commodus hatte
schnell die Senatoren enttäuscht, die seinen Vater respektiert und geehrt
hatten, indem er einen gewissen Falco in eine Stellung erhob, die in keinem
Verhältnis zu dessen Verdiensten stand. Man sagte, daß dieser Falco es
verstand, den Kaiser zu manipulieren, welchen man mir als arrogant und
nachlässig beschrieben hatte. Es gab auch Gerüchte über seine unnatürliche
Neigung zu seiner Lieblingschwester.
Und dann kamen die
Spiele.
Einhundertundfünfzig
blutige Tage, um seinen verstorbenen Vater zu ehren ... um die Größe eines
Mannes zu ehren, der sowohl die Kriege, die zu führen er während seiner
zwanzig Jahre währenden Herrschaft gezwungen gewesen war, als auch das
sinnlose Blutvergießen der Gladiatorenkämpfe gehaßt hatte. Aber Commodus
liebte das Blutvergießen ... solange es nicht um sein eigenes Blut ging. Man
sagte, er habe den seltsamen Hang zu Gladiatoren von seiner Mutter geerbt,
und in Rom klatschte man offen darüber, daß Faustina ihn mit großer
Wahrscheinlichkeit nicht unter dem purpurnen Himmel ihres kaiserlichen
Ehebettes sondern in den schmutzigen Verliesen des Kolosseums empfangen
hatte, wo sie - wie viele ehrbare Matronen - die Fähigkeiten der tapfersten
Helden der Arena auf einem anderen Kampfplatz genoß. Einige behaupteten
sogar, daß Marcus Aurelius die Spiele nicht aus Mitleid beendet hatte,
sondern um sich weitere Demütigungen zu ersparen.
Obwohl ich die meiste
Zeit nicht in Rom verbrachte und, wenn ich doch dort war, sehr zurückgezogen
lebte, war es nicht zu vermeiden, von der Wiedereröffnung der Spiele zu
hören. Sie waren hastig vorbereitet worden, aber Commodus hatte befohlen,
daß sie nicht nur die längsten in der römischen Geschichte sein sollten,
sondern auch die prächtigsten, welche selbst die großartige Eröffnung des
Kolosseums vor hundert Jahren übertreffen sollten. Keine Kosten sollten
gescheut werden und der Staatsschatz würde arg darunter zu leiden haben. Zu
gegebener Zeit würden dies auch die Menschen zu spüren bekommen, die jetzt
noch diese Spiele genossen. Aber das wußten sie noch nicht, und es war ihnen
auch egal. Sie interessierten sich nur für Brot und Wein und das Blut, das
zu ihrer Unterhaltung vergossen wurde.
Beunruhigt durch mein
Schweigen fuhr Nicia fort: "Wir werden bald nach Ostia zurückkehren und wir
würden gerne wenigstens einmal ... "
"Ich hätte nie gedacht,
daß Du Gefallen an den Spielen finden würdest, Nicia."
"O, ich bin ein paarmal
dort gewesen, bevor das Kolosseum geschlossen wurde. Athenodorus pflegte mit
den anderen Männern hinzugehen und hier und da eine Münze zu wetten ...
Einmal hat er sogar gewonnen", sagte sie in einem Ton, dem man entnehmen
konnte, daß sie besser gewußt hätte, welcher Mann siegen würde. "Hast Du
nicht vor hinzugehen, Herrin?"
"Nein."
Meine Stimme war so
ausdruckslos, daß sie selbst Nicias unerbittliche Neugierde entmutigte.
Meine Flotte transportierte jede Art von Gütern so weit es legal war und der
Transport Gewinn abwarf. Alle legalen Güter außer Sklaven und Tieren für die
Spiele. Gleich nachdem ich das Reedereigeschäft geerbt hatte, informierte
ich alle meine Handelsagenten darüber, daß diese "Güter" tabu seien, und ich
ließ sie ebenfalls wissen, was jene zu erwarten hatten, die diese Anordnung
mißachteten. Es gab einen Aufschrei der Entrüstung, und ein Mann auf Zypern
zog es vor, meinen Befehl zu ignorieren, indem er gutes Geld durch das
Schmuggeln von fünfzig afrikanischen Sklaven auf einem meiner Schiffe
machte. Bei dessen Ankunft in Ostia erhielt die menschliche Fracht ihre
Freiheit, besagter Mann wurde gefeuert und mußte selbst zusehen, wie er mit
dem erbosten Sklavenhändler klarkam, der von ihm Schadenersatz verlangte.
Seit dem hatte es keine weiteren Zwischenfälle mehr gegeben.
"Es geht nicht nur um
die Spiele, Herrin. Es geht um DEN GLADIATOR ..."
Etwas in Nicias Ton
sagte mir, daß ich mir das Wort in großen Buchstaben vorzustellen hatte.
"Der Gladiator?" fragte
ich mehr aus Höflichkeit. Ich war nie bei den Spielen gewesen, aber ich
hatte Gladiatoren von Angesicht zu Angesicht gesehen, wenn sie zu Cassius'
Villa kamen, um ihre Pflicht als Zuchthengste zu tun. Ich hatte nichts
dagegen, wenn ich nie wieder in meinem Leben einem Gladiator begegnen würde.
"Er ist neu in Rom. Sie
nennen ihn Den Spanier. Sein Ruhm ging ihm bereits voraus. Er kommt von
irgendwoher aus den afrikanischen Provinzen ... "
"Ein Spanier aus
Afrika?" lachte ich.
Nicia beachtete meine
Bemerkung nicht, so aufgeregt war sie über die Geschichte des Mannes.
Gladiatoren werden leicht zum Gegenstand von Legenden. "In seinem
allerersten Kampf führte er eine bunt zusammengewürfelte Truppe von
Provinzlern gegen einige der besten Gladiatorentrupps des Reiches und
besiegte sie! Und dann bot er selbst dem Kaiser die Stirn! Männer sagen, er
sei der beste Gladiator, den es je gegeben hätte ..." Nicia senkte
verschwörerisch die Stimme: "Und die Frauen behaupten, er sei gutaussehend
wie ein Gott ... Ganz Rom ist verrückt nach ihm."
Ich hätte es wissen
müssen. Der römische Durst nach Blut kann nur mit seinem Hunger nach Fleisch
verglichen werden. Im Lateinischen gibt es mehr als dreißig Worte für Huren
und die verschiedenen Varianten ihres Gewerbes. Gleich danach - gemessen an
der Beliebtheitsskala in der Sprachwissenschaft - kommen die Gladiatoren.
Und beide Gewerbe sind auch über die Tatsache hinaus, daß sie zu den
infamia zählen - das heißt, daß Huren und Gladiatoren gemeinsam mit
Totengräbern und Schauspielern außerhalb der Gesellschaft stehen -,
miteinander verbunden: reiche Aristokraten beiderlei Geschlechts mieten die
Attraktivsten der Gladiatoren für sexuelle Dienste, und die billigen Huren
werden regelmäßig dafür bezahlt , jene zu befriedigen, die nicht von den
Reichen begehrt werden. Wenn meine Dienerinnen zusammen mit Nicias Mann die
Spiele besuchten, konnten sie sicher sein, besagten Gladiator aus der Nähe
sehen zu können, denn Frauen ohne Begleitung waren aus Gründen des
öffentlichen Anstandes auf die oberen Ränge verbannt.
"Herrin?"
"Hmmm?" Ganz in
Gedanken verloren hatte ich Nicia vergessen. "O ja, ihr dürft gehen."
"Danke, Herrin! Wir
werden vor Sonnenuntergang zurück sein."
Ich deutete durch eine
vage Handbewegung an, daß das Gespräch beendet sei. Nachdem meine Dienerin
hinter sich die Tür geschlossen hatte, kehrte ich zu meiner Arbeit zurück,
aber es war sinnlos. Die kurze Unterhaltung hatte mich beunruhigt.
Einhundertundfünfzig Tage Spiele. Das war nicht gut für das Geschäft. Nicht
gut für Rom. Etwas Bedrohliches lag in der Luft. Vielleicht hatte
Apollinarius recht. Vielleicht mußte ich mich ablenken. Plötzlich erschien
mir der Gedanke, ins Theater zu gehen, gar nicht mehr so schlecht zu sein.
"... Maximus ..."
Ich blieb auf meinem
Weg zur Bibliothek wie angewurzelt stehen.
Maximus. Ein
ungewöhnlicher Name, der einem römischen männlichen Kind nur selten zusammen
mit seiner bulla*3 gegeben wurde, beinahe als fürchteten die Väter,
damit eine zu schwere Bürde auf die zarten Schultern zu laden. Maximus. Ein
Name, der manchmal dem bei der Geburt empfangenen hinzugefügt wurde als
Belohnung für außerordentliche Verdienste. Aber aus irgend einem Grunde
hatte ein unbedeutender spanischer Bauer seinem Sohn diesen Namen gegeben,
als ob er in dem Augenblick, da er ihn in seinen Armen hielt und als sein
Kind anerkannte, von der Größe dieses Kindes überwältigt gewesen sei.
"... Maximus ..."
Die weibliche Stimme
war jene einer meiner Hausangestellten. Sie verstummte, und man hörte Frauen
kichern. Ich wandte mich um und ging dem Geräusch entgegen. Sie standen in
einer Ecke und unterhielten sich so angeregt, daß sie mich erst wahrnahmen,
als ich direkt neben ihnen stand. Als sie mich erkannten, gab es eine Menge
hektisches Getue, Gequieke, Erröten und gemurmelte Entschuldigungen, während
vier weibliche Köpfe sich respektvoll verneigten.
"Worüber sprecht ihr?"
fragte ich und war selbst von der Schärfe meiner Stimme überrascht. Die
Köpfe beugten sich nur noch tiefer.
"Wir ... Lollia hat uns
von ... von Maximus erzählt ..."
"Maximus?"
"Der ... Der Spanier,
Herrin ... Der Gladiator, über den ganz Rom spricht ... "
Ich konnte mit dem
Gesicht des jungen Mädchens, das mit mir sprach, keinen Namen verbinden.
Unbewußt sagte ich mir, daß, wenn ich mir die Namen und Gesichter meiner
Dienerinnen nicht merken konnte, mein städtischer Haushalt von
beträchtlichem Ausmaß sein mußte. "Der Spanier?" fragte ich stirnrunzelnd.
Ich fühlte, daß mein Herz wie wild klopfte ... Maximus ...
"Ja, Herrin. Der Name
des Spaniers ist Maximus ..."
" ... er führte eine
bunt zusammengewürfelte Truppe von Provinzlern ... besiegte sie ...
gutaussehend wie ein Gott ..."
"Wo ist Nicia?" fragte
ich fordernd. Die jungen Dienerinnen hoben die Köpfe und schauten mich mit
erschrockenen Augen an. Erst jetzt merkte ich, daß ich sie anschrie. Mein
Blick muß wild gewesen sein. Es war mir gleichgültig. "Wo ist sie?"
wiederholte ich.
"Als ich sie das
letztemal sah, war sie auf dem Weg zum Nähzimmer, Herrin ..."
"Such sie und schick
sie in die Bibliothek! Sofort!" Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte ich
mich um und rannte in Richtung meines Sanktuariums.
"Beschreib mir den
Gladiator." Nicia hatte kaum Zeit gehabt, die Tür der Bibliothek hinter sich
zu schließen, als ich auch schon mit Fragen auf sie einstürmte.
Sie war verwirrt. "Den
Gladiator?"
"Den Mann, den sie Den
Spanier nennen! Beschreib ihn mir!"
"Ich hab ihn nur von
weitem gesehen, in der Arena ... bei den Zellen, in denen die Gladiatoren
zur Schau gestellt werden, waren so viele Menschen, das ich nicht
herankommen konnte ..." Nicia zögerte und suchte in meinem Gesicht nach
einem Hinweis auf meine Verfassung. Sie fand keinen. "Herrin, was ist los?"
"Hör auf, meine Zeit zu
verschwenden und beschreib ihn!" sagte ich mit scharfer, eisiger Stimme.
Nicia zuckte zusammen.
"Er ist groß ... aber
nicht so groß ... er ist kräftig ... ein starker Mann ... mit vielen
Muskeln ... breite Schultern ... kräftige Beine ... dunkles Haar,
kurzgeschnitten wie das eines Soldaten ..."
"Seine Augen?" Es
konnte nicht sein. Er war ein General. Er war in Germanien.
"Ich konnte seine Augen
nicht sehen, Herrin ... aber die Frauen sagen, daß er die schönsten
blau-grünen Augen habe, die sie je gesehen hätten."
Ich schloß meine vor
Entsetzen. Maximus. Das Blut pulsierte in meinen Ohren.
"Aber ich hörte ihn
sprechen, als er die Arena verließ ... als er den Kaiser öffentlich
verspottete ... ich werde seine Stimme nie vergessen, Herrin. Sie war tief
und wohltönend."
Ich öffnete schlagartig
die Augen. Seine Stimme ... die tiefe, wohltönende Stimme, die mich
getröstet, mir Mut zugesprochen, beruhigend auf mich eingesprochen hatte -
vor sechs Jahren. Die Stimme, nach der ich mich so sehnte, meinen Namen aus
seinem Mund zu hören ... ich hielt mir die Hand vor den Mund, um einen
Schrei zu unterdrücken.
"Herrin, was ist los?"
Nicia klang ernsthaft beunruhigt. Ich ignorierte sie.
"Du bist vor zwei Tagen
bei den Spielen gewesen. Für wann ist sein nächster Kampf angesetzt?"
"Nun, heute finden Spiele statt, also wird er da sein. Die Leute sind
verrückt nach ihm, und so muß er jeden Tag kämpfen." Das ist höchst
ungewöhnlich. Die Star-Gladiatoren kämpften manchmal nur ein- oder zweimal
im Jahr. Es war eben um die Zeit des Mittagsmahles. Gladiatoren kämpften am
Nachmittag. Ich sollte mich besser beeilen. Ich lief zur Tür.
"Herrin, was ist los?
Wohin gehst Du?"
"Zu den Spielen",
murmelte ich, während ich an ihr vorbei zu meinem Schlafzimmer stürmte.
Ich rannte fast den
ganzen Weg die Via Nomentana hinab zum Forum und Kolosseum. Nicia wollte
mich begleiten, aber ich griff nach einem blauen Umhang mit Kapuze und
schlug ihr die Tür vor der Nase zu. Einige Straßenzüge von meiner Wohnung
entfernt verschluckte mich die Menge, die dem riesigen Amphitheater jenseits
des Forum zuströmte. Überall sprach man über die Spiele und lange bevor ich
am Kolosseum angelangt war, hatte ich seinen Namen bereits hunderte Male
gehört, ausgesprochen voller Ehrerbietung und Achtung, in unzähligen
verschiedenen Akzenten und oftmals gefolgt von einer schmutzigen Bemerkung.
Maximus. Maximus.
Maximus. Sein Name hämmerte sich mit jedem Schritt, den ich tat, und mit
jedem meiner rasenden Herzschläge tiefer in mein Bewußtsein. Maximus.
Maximus. Maximus. Jeder Schritt und jeder Herzschlag brachten mich dem
Kolosseum - und der gefürchteten Entdeckung näher. Hätte ich an die
Barmherzigkeit der Götter geglaubt, dann hätte ich um einen Irrtum gebetet,
darum, falsch vermutet zu haben, wer der Spanier wirklich war. Aber die
Götter sind nur Stücke von Marmor, und Stein ist der Ewigkeit zu nahe, um
sich durch Barmherzigkeit in ihrer Ruhe stören zu lassen.
Ich wußte genug über
den Ablauf der Spiele, um mich daran zu erinnern, daß die Gladiatoren in
Zellen, die das Kolosseum von außen umgaben, zur Begutachtung ausgestellt
wurden, bevor ihre Zeit kam aufzutreten. Als ich das Forum erst einmal
erreicht hatte, brauchte ich mich nur noch von der Menge treiben zu lassen
in Richtung auf den nordwestlichen Eingang des gewaltigen Gebäudes, das über
Rom emporragte, dem Himmel entgegenstrebte, massiv und furchterregend.
Die Spiele haben etwas
zutiefst Beunruhigendes an sich. Sie sind das einzige Ereignis, daß alle
Römer vereint, seien sie Teil der gesichtslosen Masse oder Angehörige der
wenigen Privilegierten. Anders als bei den alten Athenern ist es nicht das
Theater, in dem die Römer sich versammeln, denn der Mob kann die kultivierte
Sprache der Tragödien kaum verstehen, die bei den Patriziern so beliebt
sind, und wenn es die Aristokraten nach roher Unterhaltung gelüstet, dann
scheren sie sich nicht um die Komödien, die beim einfachen Volk so beliebt
sind, denn sie können ihre niedrigen Instinkte ganz praktisch in den
Skalvenquartieren ihrer Villen befriedigen. Aber die Spiele locken Reich und
Arm aus ihren Häusern und weg von ihren Pflichten, als seien jene eine
mächtige, böse Kraft, der keiner widerstehen kann, und alle sind
gleichermaßen darauf erpicht, ihren Anteil an dem Vergnügen zu genießen,
welches darin besteht, Zeuge der sinnlosen Vernichtung von Männern und
Frauen zu sein, von Jung und Alt, Mensch und Tier, Leben und Schönheit,
welche zu ihrer Unterhaltung inszeniert wird. Selbst die am meisten
verehrten Frauen Roms, die der Göttin Vesta geweihten Jungfrauen, und die
kaiserliche Familie versammeln sich im Kolosseum, als sei es ein gewaltiger
Tempel, wo der mächtigen und erbarmungslosen Göttin Roma blutige
Opfer dargebracht werden.
Es schien eine Ewigkeit
zu dauern, bis ich endlich zu den Zellen gelangte. Ich war von einer
Menschenmenge umgeben, die sich gnadenlos ihren Weg bahnte, presste und sich
anstrengte, um einen Blick auf den Mann zu werfen, der den Imperator
herausgefordert hatte. Während ich mich im Schneckentempo vorwärtsbewegte,
machte ich Bekanntschaft mit scharfen Ellbogen und trampelnden Füßen,
Gossensprache, ohrenbetäubendem Lärm und überwältigendem Gestank. Auch
schnappte ich jede Menge Geschwätz über das Debut des Spaniers in Rom auf
und darüber, wie er seine Kameraden zu einem aussichtslosen aber dennoch
siegreichen Gegenangriff auf die erprobten Kämpfer geführt hatte, die die
unbesiegbaren Legionäre des Scipio Africanus verkörperten ... wie ein
römischer General seine Truppen anführt.
"Maximus! Maximus!
Maximus!"
Das Geschrei der Menge
war ohrenbetäubend. Ich war nahe, sehr nahe. Nahe an der Wahrheit. Nahe am
Schmerz. Näher denn je an meinem eigenen Schicksal ... Ich geriet in Panik.
Ich wollte weglaufen. Mich verstecken. Meine Augen schließen, meine Ohren
zuhalten, die Gesichter, die Schreie und die Wahrheit aussperren. Es gab
keine Möglichkeit, mich aus der Menge zu befreien, keinen Ort, an den ich
fliehen konnte. Und dann teilte sich der Mob ein wenig, und ich sah ihn. Ich
sah ihn zum erstenmal seit sechs Jahren ... Den Mann, in den ich mich
verliebt hatte, als ich achtzehn war. Den Mann, den die Menge Den Spanier
nannte. Den Mann, den ich als General Maximus Decimus Meridius kannte. Den
Mann, den ich in meinen Träumen "Mein Liebster" nannte.
Er saß im Schatten, an
der rückwärtigen Wand der Zelle, aber ich hätte sein ausdrucksvolles, so
ansprechendes Gesicht unmöglich übersehen können, das weiche, schwarze,
militärisch kurz geschnittene Haar, den sorgfältig beschnittenen Bart, der
einen Mund umrahmte, welcher süß und weich und dem einer Frau so täuschend
ähnlich war ... der aber im Zustand der Erregung zum Inbegriff männlicher
Härte und fordernder Kühnheit werden konnte.
Und plötzlich schien
eine Feder in mir zu springen. Tretend und drängelnd bahnte ich mir
rücksichtslos einen Weg durch die Menge, die mich umgab, und es gelang mir,
mich ihm weiter zu nähern. Mein Umhang verfing sich, und in dem Bemühen,
wieder freizukommen, zerriß ich ihn. Ich preßte. Ich kratzte. Ich trat auf
Männer, Frauen, Kinder. Ich gelangte in die erste Reihe.
Er blieb unnahbar und
würdevoll, das Gesicht eine undurchdringliche Maske, seine Augen - die vor
Leidenschaft brennen oder zu eisigen blauen Seen gefrieren konnten -
blickten ins Nichts. Sein passives Verhalten tat seiner Stärke, seiner Kraft
und seiner Würde keinerlei Abbruch. Gekleidet in die grobe, blaue Tunika der
Gladiatoren und einen Lederpanzer sah er jeden Zoll wie der General aus, der
er war. Seine Haut war tiefer gebräunt als ich sie in Erinnerung hatte.
Seine nackten Arme und Beine erschienen noch kraftvoller ...
Er war schön.
Ich griff nach den
eisernen Stäben - nicht nur in dem vergeblichen Versuch, näher an ihn
heranzukommen, sondern um mich festzuhalten, denn alles in meinem Kopf
drehte sich und meine Beine versagten ihren Dienst. "Maximus!" meine Lippen
formten seinen Namen, aber obwohl die lärmende Menge jeden Laut
verschluckte, wußte ich, daß kein Laut meine zugeschnürte Kehle verlassen
hatte.
In der Zelle waren noch
weitere Männer. Große, massige, furchteinflößende Männer. Alle waren sie in
die obligatorische blaue Tunika gekleidet, aber ihre Gesichtszüge und ihr
Haar verrieten ihre Herkunft aus unterschiedlichen Rassen und Kulturen.
Unbewußt nahm ich einen riesigen Germanen wahr mit Beinen wie Baumstämmen
und Armen gleich einem Bär, einen bedrohlich wirkenden Menschen mit langen
schwarzen Haaren und Schnurrbart sowie einen gutaussehenden,
ebenholzschwarzen Afrikaner. Es waren seine Kameraden. Seine Truppe. Sie
erwiesen ihrem Führer Respekt und Loyalität indem sie versuchten, ihn mit
ihren eigenen Körpern vor der unerwünschten Aufmerksamkeit abzuschirmen, die
ihm sowohl Männer, die darauf aus waren, das Beste aus ihrem Geld zu machen,
als auch Frauen zollten, welche versuchten, ihn mit Blumen und Süßigkeiten
oder der offenen Zurschaustellung ihrer Körper anzulocken. Er nahm keine
Notiz davon.
Irgendwie fand ich
meine Stimme wieder. "Maximus!" Immer und immer wieder schrie ich seinen
Namen. Immer und immer wieder vergeblich. Meine Schreie verhallten, ohne daß
er sie hörte. Verhallten wie die all der anderen. Einmal wandte er sich mir
zu, und ich glaubte sterben zu müssen ... aber sein Blick war weiter leer,
als er über mich hinweg glitt. Ich packte die rostigen Eisenstäbe fester.
Ich preßte mich so fest gegen sie, bis meine Brüste schmerzten. Ich schrie
und schrie ...
Die innere Tür der
Zelle öffnete sich und eine Gruppe bewaffneter Wachen kam herein, bereit,
die Gladiatoren zurück in die Tiefen des Kolosseums zu treiben, wo man sie
für die Kämpfe des heutigen Tages vorbereiten würde. Maximus stand mit einer
geschmeidigen, eleganten, katzenartigen Bewegung auf. Seine Kameraden
erwiesen dem Mann, der ihr Führer geworden war, ihre Ehrerbietung, indem sie
ihm den Vortritt ließen. Er trat durch die Tür und die Dunkelheit verschlang
ihn. Dann verbargen die Körper der Gladiatoren die Tür vor meinen Blicken.
Ein paar Schritte und er war fort. Fort aus meinen Augen ... aber zurück in
meinem Leben.
Ich blieb wie
angewurzelt an meinem Platz stehen, meine Hände umklammerten weiter die
Gitterstäbe der Zelle, meine Augen starrten auf den nun leeren Platz, wo ich
ihn gesehen hatte. Allmählich löste sich die Menge auf und bahnte sich ihren
Weg zum Eingang des Kolosseums, begierig, in die Arena zu gelangen und die
Vorstellung Des Spaniers zu genießen. Allmählich verstummte das Gebrüll der
Menge um mich herum und wurde ersetzt durch das entfernte Geschrei der
Zuschauer im Inneren des Amphitheaters. Und die Sprechchöre begannen von
neuem.
"Maximus! Maximus!
Maximus!"
Ich ließ die
Gitterstäbe los und zu meiner eigenen Überraschung brach ich nicht zusammen.
Aber ich blieb dort stehen, unfähig, mich von der Stelle zu rühren.
"Herrin?"
Erschrocken fuhr ich
herum und meine Augen suchten den Mann, der mich angesprochen hatte. Einen
kurzen Moment lang heftete ich meinen Blick auf ihn. Er hatte dunkle Haut
und dunkles Haar, war von mittlerer Statur und trug eine makellose Toga. Ein
Ritter oder Patrizier. Niemand den ich kannte. Niemand an dem ich
interessiert war. Maximus ... Mit einem verzweifelten Aufstöhnen wandte ich
mein Gesicht ab und entfloh.
Ich kam nicht weit.
Übelkeit überfiel mich und nur unter Mühe schaffte ich es noch bis in eine
Seitenstraße, dort fiel ich auf die Knie und übergab mich heftig. Ich
würgte, bis nichts mehr in meinem Magen übrig war und blieb danach weiter in
Staub und Abfällen und meinem eigenen Erbrochenen hocken, zitternd und
schwitzend, während sich die Welt um mich herum drehte; ich hielt die Augen
geschlossen, in meinen Ohren dröhnte es, und mein Atem ging stoßweise. Ich
erinnere mich nicht, wie lange ich in dieser Straße kniete oder wie ich
endlich genug Kräfte sammelte, um aufzustehen und zum Quirinal
zurückzukehren. Ich erinnere mich nur daran, daß ich an einem öffentlichen
Brunnen anhielt, um mir das Gesicht zu waschen und den Mund auszuspülen.
Irgendwo auf dem Weg ließ ich meinen zerrissenen, schmutzigen blauen Umhang
fallen. Zwei Bettler begannen auf der Stelle, sich darum zu prügeln.
Der Türhüter, der mich
in mein Haus ließ, starrte mich entgeistert an, als er meiner ansichtig
wurde. Mein Haar hatte sich aufgelöst, meine Tunika war voller Schmutz, ich
hatte meine Börse verloren. Ich schob ihn beiseite und ging zu meinem
Schlafzimmer, ignorierte die besorgten Fragen meiner Dienerinnen, die um
mich herumschwirrten, und schlug ihnen die Tür vor der Nase zu.
In meinem Zimmer
schwieg ich lange nur einfach. Dann fiel ich wieder auf meine Knie und stieß
einen Schrei aus. Einen Schrei voller Qual und Schmerz, in dem sich mein
gebrochenes Herz zum erstenmal Luft machte. Den Schrei eines verwundeten
Tieres. Einen Schrei wie ihn Eugenia ausgestoßen hatte, als man ihr das Baby
fortnahm. Den Schrei, den ich unterdrückt hatte, als Marcus Aurelius mir
sagte, daß Maximus um Urlaub gebeten hatte, um nach Spanien zu seiner Frau
reisen zu können, während er mich nach Rom schickte und mich meinem
Schicksal überließ.
Ich weinte. Ich schrie.
Ich stand auf, ergriff eine schwere Alabastervase und schmetterte sie gegen
die Wand. Ich fluchte. Ich stieß jedes Schimpfwort aus, das ich kannte, und
einige, von denen ich nicht einmal wußte, daß ich sie kannte. Ich verfluchte
das Schicksal. Ich verfluchte das Leben. Ich verfluchte die Götter. Ich
verfluchte mich selbst. Aber vor allem verfluchte ich Maximus. Ich
verfluchte ihn dafür, daß er der war, der er war. Daß er so war, wie er war.
Dafür, daß er stark und nobel und anständig war. Dafür, daß er der einzige
Mann war, den ich je geliebt hatte und je lieben würde. Dafür, daß er mich
begehrt und zurückgewiesen hatte. Daß er mich verlassen hatte und zu seiner
Frau zurückgekehrt war. Daß er mir seinen gottgleichen Körper vorenthalten
hatte. Dafür, daß er zu gut war für einen sterblichen Menschen. Und zu
menschlich für einen Gott. Ich warf mich mit dem Gesicht nach unten auf mein
Bett, immer noch fluchend und weinend. Ich schlug auf die Polster und Kissen
ein. Ich schrie wieder, rasend vor Schmerz und Verzweiflung, nun, da die
Mauern, die ich zu meinem Schutz errichtet hatte, krachend zusammenbrachen
und meine Wunden sich erneut öffneten und zu bluten begannen. Ein ganzes
Leben voller Schmerz und Angst und Einsamkeit explodierte in diesem
Wutanfall. Ich wollte töten. Ich wollte sterben ...
Plötzlich öffnete sich
die Tür meines Schlafzimmers und schlug mit einem lauten Knall gegen die
Wand. Ich hörte besorgte Stimmen und eilige Fußtritte. Jemand packte mich an
den Oberarmen, riß mich hoch und drehte mich um. Ein Mann.
"Julia! Julia!"
Ich verschluckte mich
an meinen eigenen Schluchzern. Der Mann schüttelte mich, nahm mich dann in
die Arme und drückte mich fest an seine Brust. Ich vergrub mein Gesicht an
seiner Schulter, atmete das vertraute Parfum ein, das er immer benutzte, es
roch nach Zitrone und Gewürzen, und ich fühlte mich ein wenig getröstet
durch diesen sauberen, frischen Duft. Dies waren nicht die gebräunten,
nackten, muskulösen Arme, nach denen ich mich so sehnte. Aber dennoch lag
eine gewisse Stärke in ihnen und vor allem spendeten sie Wärme. Wärme, die
mein zitternder, schwitzender, kalter Körper und mein zerschlagenes Herz so
dringend brauchten. Ich klammerte mich an ihn, wie ein Ertrinkender sich an
ein Stück Holz klammert.
"Apollinarius..."
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*1 Urbs
Bezeichnung für eine größere Stadt; aber auch für die Stadt
schlechthin, für Rom
*2 Lugdunum Name
mehrerer Städte in Gallien, besonders Bezeichnung für das heutige Lyon
*3 bulla Kapsel,
die von den freigeborenen Kindern als Amulett um den Hals getragen wurde;
von Knaben bis zur Mündigkeit, von Mädchen bis zur Heirat, dann wurde sie
als Gabe an die Hausgötter (Laren) auf den Hausaltar gelegt. Wenn ein
siegreicher General in Rom als Triumphator einzog, trug er noch einmal die
Bulla seiner Kindertage. An diesem Tag stand er über jedem anderen
Menschen, und die Bulla sollte ihn vor Neid und Übel
bewahren. |