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Germanien
Im Winter 176 u. Z.
Es war
kalt. Sie fror. Dennoch lief sie unbeirrt weiter, drehte sich nicht um.
Schnee rieselte auf ihr Haar, eisiger Wind umstürmte sie. Sie zog den Umhang
enger, setzte einen Fuß vor den anderen. Keine Menschenseele weit und breit.
Nur die Sterne über ihr. Sie zu leiten. Sie zu schützen in dieser
Winternacht.
Wie in Trance streckte Hodicea die Hand aus, betrachtete ihre Finger. Ihr
Blick glitt hinab zu ihren Handgelenken, blieb an den goldenen Armreifen
hängen. Zeichen ihres Standes, Zeichen ihrer Berufung.
Nichts existierte mehr davon.
Als ihr das mit einem Schlag bewusst wurde, begann sie zu schluchzen, sank
kraftlos zu Boden, rollte sich zu einer Kugel zusammen, während sie die
Hände an ihren Kopf presste.
Die Erinnerungen zogen an ihren Augen vorbei.
Wintersonnenwende.
Der Hain.
Der Zirkel der Schwestern.
Fackeln.
Weihrauch.
Gesang.
Dann...
Schreie.
Pferdehufe.
Blut.
Schwelendes Holz.
Der Geruch verbrannten Fleisches in der Luft.
Tod.
Sie nahm
kaum wahr, dass eine Hand sie an der Schulter berührte. Als jemand sie
vorsichtig umdrehte, stieß sie einen heiseren Schrei aus, starrte in das
Antlitz ihres Gegenübers.
Eine Frau, in ein Hirschfell gewickelt. Sie legte es ab und breitete es um
die frierende Gestalt. »Ruhig, Schwester«, murmelte sie. »Komm mit mir.«
»Wer bist du?« hauchte Hodicea.
Die Frau lächelte. »Erkennst du mich nicht? Ich bin es, Berane.«
Hodicea streckte die Hand aus, fuhr die Konturen von Beranes Gesicht nach.
»Bist du es wirklich? Oder ist es nur ein Traum, den mir die Göttin schickt,
um mir das Sterben angenehmer zu machen?«
»Kein Traum. Und sterben wirst du nicht. Nicht solange ich ein Wörtchen
dabei mitzureden habe.« Berane zog Hodicea hoch. »Komm. Wir müssen fort von
hier.«
Stolpernd bewegten sie sich, überquerten eine Handelsstraße und verschmolzen
mit dem Dickicht des Waldes.
»Wie hast du mich gefunden?« wollte Hodicea wissen.
»Wir reden später, Schwesterchen. Erst einmal musst du ins Warme.«
Sie krochen über Felsen und Gestrüpp, stützen sich an Bäumen ab, bis sie
Beranes Höhle erreichten.
Hodicea ließ sich auf das Lager aus Fellen fallen, sah ihrer Freundin dabei
zu, wie sie Holz in das Feuer nachlegte und einen Topf über die Kochstelle
hängte.
Dann kam sie zu ihr, kniete vor ihr nieder. »Zieh die Sachen aus. Sie sind
vollkommen durchnäßt. Wickle dich in die Fälle ein.«
Hodicea richtete sich auf, tat wie ihr geheißen.
Berane hielt ihr einen Becher an den Mund. »Trink. Es wird dir helfen.«
Hodicea nahm einen kräftigen Schluck des starken Gebräus, wischte sich über
den Mund und sah sich staunend um. »Ist das unsere alte Höhle?«
Berane nickte. »Ja, das ist jetzt mein Heim. Ich gehe kaum noch ins Dorf«,
erwiderte sie, schlug das Fell zurück. »Lass mich deine Füße ansehen.« Sie
tastete an Hodiceas Zehen herum, wobei diese aufschrie. »Ganz ruhig. Schmerz
ist gut. Sie sind nicht erfroren.« Aus einem Topf nahm sie mit den Fingern
eine nach Kräutern duftende Masse auf, schmierte sie auf Hodiceas wunde
Füße, wickelte ein sauberes Tuch darum. »Sag mir, wo wolltest du mitten in
der Nacht hin? Warum hast du den Hain verlassen?«
Hodicea ließ sich in die Felle sinken, schloss die Augen. Tränen quollen
unter den geschlossenen Lidern hervor. »Sie sind tot. Alle tot«, flüsterte
sie. »Die Römer kamen bei der Abenddämmerung. Wir waren beim
Wintersonnenwend-Ritual, wollten gerade das Opfer darbringen. Sie stürmten
den Hain, metzelten alle nieder. Cairis stellte sich ihnen in den Weg.
Unbewaffnet. Bat um Frieden.« Sie stöhnte auf. »Er hat ihr einfach den Kopf
abgeschlagen. Blut. Überall war Blut.«
Erst jetzt bemerkte Berane die roten Flecken an Hodiceas Kleidung, die diese
ausgezogen und achtlos auf den Boden geworfen hatte. Sie griff nach dem
Stoff, presste ihn an ihre Brust. »Tufa«, hauchte sie, kämpfte mit den
Tränen.
Hodicea nickte. »Er hat Cairis getötet. Dieses widerliche Tier.«
»Und warum lebst du dann noch?« Berane wischte sich die Tränen von den
Wangen.
»Longinus«, erwiderte Hodicea.
»Longinus?«
»Einer von Tufas Soldaten. Er war schon unter Fronto hier, trat oft als
Vermittler ein. So lernte ich ihn kennen. Ich dachte, er wäre anders, aber
ich täuschte mich. Er spricht von Frieden und Freiheit und ist doch nichts
weiter als ein grausamer Schlächter. Genau wie sein jetziger General.« Sie
schniefte. »Longinus hat mich gerettet. Während seine Männer meine
Schwestern ermordeten, brachte er mich fort, wollte dass ich bei ihm bleibe.
Ich habe ihn mit seinem Messer angegriffen und bin in den Wald geflohen. Hat
er gedacht, ich wäre dankbar dafür, dass er mein Leben verschonte?« Hodicea
schüttelte den Kopf. »Er hätte mich zusammen mit ihnen erschlagen sollen.
Seinen Verrat werde ich ihm nie verzeihen.«
»Schlaf jetzt. Du brauchst Ruhe.« Berane strich ihr über das blasse Gesicht.
»Der Morgen ist klüger als der Abend.«
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Als
Hodicea erwachte, war sie allein. Sie wusste nicht, welcher Tag war, wie
lange sie geschlafen hatte. Spielte es eine Rolle? Langsam wühlte sie sich
aus den Fellen und kroch auf dem Boden herum, suchte nach passender
Kleidung.
Berane war größer als sie. Das war sie immer schon gewesen, aber nackt
konnte sie bei diesen Temperaturen nicht herumlaufen. Also krempelte sie die
Ärmel des Hemdes und die Beine der Hose hoch, zog die Lappen von ihren Füßen
und wackelte mit den Zehen. Sie fühlten sich ganz normal an. Die Salbe hatte
geholfen. Hodicea setzte sich wieder auf das Fell, schlüpfte in ihre Schuhe
und schlang die Lederbänder um ihre Waden.
Als sie aus der Höhle trat, wurde sie von der gleißenden Wintersonne
geblendet. Sie spiegelte sich auf dem Schnee und ließ Hodicea blinzeln.
Hastig kletterte sie von Felsen herunter, umrundete ihn und erleichterte
sich. Dann ging sie ein paar Schritte davon weg, nahm Schnee in ihre Hände
und rubbelte sich damit über Gesicht und Nacken. Die Kälte ließ sie die
Zähne zusammenbeißen, verscheuchte endgültig den Schlaf aus ihren Knochen.
Konnte sie es wagen, nach Berane zu rufen? Sie entschied sich dagegen und
ging vorsichtig zur Höhle zurück. Die kahlen Sträucher zu ihrer Linken
raschelten. Hodicea zuckte zusammen. Dann entspannte sie sich, als Berane zu
ihr herantrat, einen Hasen in der Hand.
Mit barschen Worten scheuchte sie ihre Freundin zurück in die Höhle,
schimpfte, dass sie ihr Krankenlager verlassen hatte.
»Es geht mir gut«, widersprach Hodicea, beäugte den Hasen.
»Fallen«, erklärte Berane. »Wenn die Göttin nicht wollte, dass ich Nahrung
habe, würde sie die Tiere nicht zu mir schicken.«
»Du hast noch immer Gesichte, oder?« wollte Hodicea wissen.
»Nicht oft. Aber manchmal.« Berane streute ein paar Kräuter in den Kochtopf.
»Hast du mich so gefunden? War es letzte Nacht?« Hodicea legte den Kopf
schief.
Berane nickte. »Es war letzte Nacht. Ein Traum weckte mich auf. Ich zog mich
an und folgte der Spur. Dann lagst du vor mir im Schnee.«
»Warum bist du damals nicht mit mir gekommen?«
»Zu den Schwestern?« Berane zuckte die Schultern. »Alles, was ich wissen
musste, habe ich von meiner Mutter gelernt. Wenn es nach ihr gegangen wäre,
hätte sie es gern gesehen. Aber mein Vater hatte anderes im Sinn. Ein
Verbindung zu Baldurs Stamm war ihm wichtiger, als die Ehre, sein Kind dem
Hain zu weihen.«
»Bereust du es heute?«
»Nein.« Die Antwort war fest und ohne Zögern gekommen. »Ich bin, wer ich
bin. Ich bereue mein Leben nicht. Bereust du deines denn?« Sie sah Hodicea
an.
»Nein«, erwiderte diese ebenso kurz und setzte sich neben der Kochstelle auf
den Boden, ergriff ein Messer und begann, den Hasen auszuweiden. »Ich werde
zurück zu meinem Stamm gehen«, sagte sie nach einer Weile.
Berane nahm ihr den Hasen ab. »Hältst du das für klug?«
»Es ist die einzige Familie, die ich noch habe.«
»Du könntest auch hier bleiben. Mir wärst du willkommen.«
Hodicea lächelte. »Ich weiß. Aber ich kann nicht. Nicht in diesem Leben.«
Sie stand auf und ging zu einer der Wände. Mehrere Schwerter lehnten dort.
Sie nahm eins in die Hand, schwang es gekonnt durch die Luft. »Auch das ist
ein Teil von mir. Und diesen Teil werde ich meinem Stamm geben. Mein
Schicksal liegt in der Hand der Göttin. Sie hat mich verschont, um mir den
Weg zu zeigen. Als du letzte Nacht sagtest, ich würde nicht sterben, wusste
ich, es ist die Wahrheit. Ich muss leben.«
»Um der Rache willen?« Berane marschierte zu Hodicea, umklammerte den Griff
des Schwertes, zwang ihre Freundin, die Klinge zu senken. »Rache ist der
falsche Weg.«
»Wäre Gerechtigkeit ein besserer Grund für dich?« Hodicea ließ das Schwert
los, packte Berane bei den Schultern. »Hast du vergessen, was sie dir
angetan haben? Du hast deinen Vater verloren, deinen Verlobten.«
»Sie sind für das gestorben, an das sie glaubten.« Berane stieß Hodicea weg,
warf das Schwert zu Boden.
»Und woran glaubst du?« forderte ihre Freundin sie heraus. »Ich habe im Hain
gelebt, verbunden mit der Welt. Jede von den Schwestern wusste immer, was
geschah. Und ich bin nicht die einzige, die bereit war zu kämpfen. Cairis
wollte es nicht. Sie hielt uns davon ab. Du erinnerst mich an sie. Frieden
ist ehrenhaft. Aber manchmal muss man erst den Boden mit Blut tränken, um
ihn zu bekommen.«
»Das ist die Sprache der Römer. Nicht die unsere.« Seufzend setzte Berane
sich auf einen Hocker. »Du willst wissen, woran ich glaube? Ich werde es dir
sagen. Ich glaube an das Leben. Jegliches Leben, das die Götter geschaffen
haben.« Sie hob die Hände, betrachtete sie. »Ich bin eine Heilerin.«
»Und die Schwerter?«
»Ich fand sie im Wald. Überreste der Schlachten. Irgendwann kann man sie
vielleicht einschmelzen.«
»Um was daraus zu machen? Rechen für einen Pflug?« spie ihr Hodicea
entgegen. »Solange die Römer hier sind, werden wir keine Zeit haben, Felder
zu bestellen. Wach endlich auf!«
»Nennst du mich weltfremd?« brauste nun auch Berane auf. »Ich habe die
Verletzen gesehen. Ich habe ihre Wunden gewaschen, sie mit Kräutern
behandelt und gepflegt. Ich habe bei ihnen gewacht und ihre Hand gehalten,
wenn sie starben. Hast du jemals in die Augen eines Sterbenden gesehen?« Sie
schnaubte. »Du bist ein törichtes, kleines Kind und weißt nicht, was du
redest!«
Hodicea ließ die Schultern hängen, schniefte. »Warum streiten wir,
Schwester?« fragte sie leise. »Du hast recht. Es ist die Zeit beieinander zu
stehen. Verzeih mir.«
Berane streckte ihr versöhnlich eine Hand hin. »Wir waren schon als Kinder
gegensätzlicher Natur. Gerade darum waren wir Freundinnen. Ich will nicht
glauben, dass all das von damals verschwunden ist. Wir haben viel gelacht,
weiß du noch?«
Hodicea kniete vor ihr nieder, presste Beranes Hand an ihre Wange. »Ja, ich
weiß es noch. Wir jagten uns gegenseitig durch den Wald, badeten im See.«
Sie hob den Kopf. »Gehst du noch manchmal dorthin? Ich war schon Jahre nicht
mehr da.«
»Sobald das Wetter aufklart, schwimme ich in den Fluten. Oft habe ich dabei
an dich gedacht. Ich habe dich nie vergessen. Wie lange ist es jetzt her? 10
Jahre?«
»12«, sagte Hodicea leise.
»12 Jahre. Eine lange Zeit.« Berane drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
»Wenn du zu deinem Stamm gehen willst, dann werde ich dich nicht aufhalten.
Doch warte, bis es Frühling ist.«
Hodicea nickte. »Ich werde warten, Schwester.«
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Im Frühjahr 177 u.
Z.
Tufa war
verärgert. Und wenn er verärgert war, verhieß das meist nichts Gutes. Wie
eine Raubkatze spazierte er vor der Feuerstelle hin und her. Kein Wort hatte
er gesprochen, doch Longinus konnte sehen, wie die Ader an seinem Hals
bedrohlich pulsierte. Er würde jedem Moment explodieren. Als er es nicht
tat, breitete sich große Unruhe im Kommandanten der Leibgarde des Generals
aus. Wenn Tufa brüllte und tobte, dabei die Einrichtung seines Zeltes
zertrümmerte, versetzte er die Umstehenden in Schrecken. Aber er beruhigte
sich meist auch genauso schnell wieder, wie er aufgebraust war. Doch dieses
stille Wüten war gefährlicher als die Spitze eines Schwertes.
Tufa deutete auf ein Schreiben auf dem Tisch. »Nun gut«, sagte er leise.
»Hat sich der Kaiser also in den Kopf gesetzt, mich ablösen zu wollen.«
»Ablösen?« Longinus’ Herz machte einen Sprung. Äußerlich behielt er die
steinerne Miene bei. Sollte es wirklich möglich sein? Hatte Marcus Aurelius
seinen Worten endlich Glauben geschenkt und sich entschlossen, einen
passenden Ersatz für Marcus Gravianus Tufa nach Germanien zu schicken? Er
hatte lange gezögert, dem Kaiser davon zu berichten, wie Tufa hier die
Menschlichkeit mit Füßen trat. Kriege waren hart, aber man musste dabei
keine unnötigen Gemetzel veranstalten. Wie gern wäre damals unter dem
Kommando von Marcus Claudius Fronto geblieben und mit ihm zurück nach Rom
gegangen. Aber da er den Dialekt der hier ansässigen Stämme sprach -
immerhin war er damals schon seit 5 Jahren in Germanien gewesen - und schon
oft als Vermittler fungiert hatte, hatte der Kaiser ihn Tufa unterstellt.
Einem Emporkömmling, der es mit Zwietracht geschafft hatte, sich Ruhm und
Ehre zu erschleichen. Auch wenn dieser Ruhm auf der Ermordung von
unschuldigen Frauen und Kindern basierte. Er verabscheute diesen Mann.
Longinus erinnerte sich an ihr erstes Treffen. Ein weinseeliger Tufa hatte
ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen auf dem Schoß, befingerte sie eifrig
und ließ sich nebenbei dazu herab, ein paar Worte mit seinem Kommandanten zu
wechseln.
»Weißt du, wen sie herschicken werden?« frotzelte Tufa. »Maximus Decimus
Meridius, den Sohn eines spanischen Weinbauern. Als ob er etwas davon
verstünde, die Germanen im Zaum zu halten. Der Kaiser muss wahnsinnig
geworden sein.«
»Marcus«, wagte es Longinus einzugreifen. »Sprich nicht so, das ist
Hochverrat!«
»Hochverrat ist es, was sie an mir begehen«, schnaubte der General. »Nur mir
hat es Rom zu verdanken, dass die Germanen hinter die Danubia zurückgewichen
sind. Mir hat es zu verdanken, dass es die Allmacht hier halten kann.« Er
drehte sich zur Zeltwand, fixierte sie und wippte auf seinen Ballen auf und
ab. »Wenn ich doch nur wüsste, wem ich das zu verdanken habe.«
Longinus wusste es. Aber er wusste auch, dass er niemals in Verdacht geraten
würde. Wenn sich Tufa eines Mannes sicher war, dann seiner.
»Kennst du diesen Meridius?« fragte er vorsichtig.
Tufa schnaubte. »Ein Bauernbursche, der dem Kaiser nach dem Mund redet und
sich so dessen Gunst erschlichen hat.«
Longinus erwiderte nichts. Er hatte diesen “Bauernburschen”, wie Tufa ihn
nannte, nie persönlich getroffen, aber er hatte von ihm gehört. Und das nur
Gutes. Fronto hatte einmal von ihm gesprochen, ihn einen ehrenhaften Mann
genannt. Er hatte bereits Truppen im Taunus befehligt, dabei einen Sieg bei
Mogontiacum errungen, als er einen Aufstand der Chatten niederschlug. Er war
bei weitem kein dummer Junge.
»Sie sind zwei Tagesritte von hier entfernt.« Ein Lächeln bereitete sich auf
Tufas Gesicht aus. »Dann wollen wir Meridius mal gebührend willkommen
heißen.«
»Was ist
dein Plan?« Longinus wurde argwöhnisch.
»Rüste deinen Trupp. Reitet in das Dorf. Fünf Männer und fünf Frauen sollten
genügen. Statuiert ein Exempel an ihnen. Wenn ich schon abgelöst werde, dann
werde ich alles Nötige tun, um dem neuen General nur einen Haufen Scherben
zu hinterlassen.« Er lachte auf.
Longinus schluckte. Hin- und her gerissen verharrte er schweigend. Er
wusste, er durfte sich nicht weigern. Tat er es, fiel er in Ungnade, würde
seinen Posten einbüßen und ein anderer würde den Auftrag ausführen. Zwei
Tage noch. Bis dahin würde er die Zeit nicht schinden können. Also senkte er
gehorsam den Kopf. »Ja, mein General«, erwiderte er und verschwand mit
zusammengekniffenen Lippen aus dem Zelt. Er würde nicht umhinkönnen, Leben
zu vergeuden, Blut zu vergießen. Aber wenn er es schon tun musste, dann
würde er Milde walten lassen. Er würde Alte und Gebrechliche opfern, denn
Tufa hatte nicht darauf bestanden, sich junge Menschen auszusuchen.
~~~
Sie stand auf der von der spärlichen
Morgensonne beschienen Lichtung, hatte die Augen geschlossen und das Antlitz
in den Himmel gereckt, lauschte dem Rauschen der Blätter. Der Wind wehte
rau, jagte loses Laub über den Boden, umwirbelte sie damit. Doch sie
verharrte reglos, ließ es geschehen, obwohl sie in dem dünnen Gewand bereits
zu frieren begann. Aber sie hatte keine Zeit, sich darüber den Kopf zu
zerbrechen. Im Grunde hatte sie überhaupt keine Zeit. Wenn sie das Ritual
jetzt nicht vollführte, war es zu spät. Doch wenn sie jemand dabei
beobachtete...
Seit die Römer hierher gekommen waren, hatte sich alles verändert. Sie
besetzten ihr Land, rissen die Früchte ihrer Ernte an sich und verbaten
ihnen, ihren Göttern zu dienen.
Es hatte Aufstände gegeben. Erfolglos. Tote. Unendlich viele Tote.
Deshalb war sie hierher gekommen. Sie wollte Freia ein Opfer bringen und um
Frieden bitten.
Verstohlen blickte sie sich um, versuchte, das Dunkel des Waldes zu
durchdringen. Außer einem Finken, der sich von einem Zweig abstieß und in
den Himmel schwebte, sah sie kein anderes Lebewesen. Sie war allein.
Hodicea seufzte. Dann bückte sie sich und griff nach dem Beutel, der zu
ihren Füßen im Gras lag. Etwas darin strampelte. Sie löste die Schnüre,
fasste hinein und zog einen Hasen hinaus. Am Nacken hielt sie ihn fest, ging
sicheren Schrittes auf den Steinaltar zu, den ihre Vorfahren vor langer Zeit
unter der Eiche errichtet hatten. Das Tier in ihren Händen schien sein
Schicksal zu erahnen. Es strampelte energischer. Doch die sie ließ nicht
los. Dennoch legte sie den Hasen behutsam auf den Stein. Er war unschuldig.
Doch war es immer das Blut von Unschuldigen, das in unsäglichen Kriegen
vergossen wurde. Mit einer Hand drückte sie das Tier auf die obere Platte,
die von zwei Findlingen gestützt wurde, mit der anderen zog sie ihren Dolch
aus dem Gürtel.
Dunkle Flecke überzogen den wettergegerbten Stein, zeugten von all den
anderen Opfern zuvor. Fast spürte sie so etwas wie Mitleid. Doch sie durfte
nicht zögern. Sie machte mit dem Dolch ein segnendes Zeichen in die Luft.
Dann durchtrennte sie die Kehle des Hasen. Blut schoss hervor, lief den
Altar hinunter.
Hodicea betrachtete die Waffe in ihrer Hand. Ein vereinzelter Sonnenstrahl
trat hinter den Bäumen hervor, spiegelte sich in der Klinge. »Dir
allmächtige Mutter – gepriesen sei dein Name – dir überbringe ich dieses
Opfer. Nimm es dankbar an und lege deine schützende Hand über meinen Stamm.
Lass ihn verschont bleiben. Schick uns Frieden. So sei es! So sei es! So sei
es!«
Sie kniete nieder, presste ihre Stirn für einen Moment gegen den Stein. Dann
wischte sie den Dolch am Gras ab und steckte ihn wieder in ihren Gürtel.
Raschen Schrittes ging sie zu der Stelle, an der sie ihren Umhang
zurückgelassen hatte. Sie warf ihn sich um und verschmolz nicht wenig später
im Dickicht des Waldes.
~~
»Tribun!« Die laute Stimme ließ ihn
aufsehen. Ein Legionär stand neben einem Steinaltar und winkte ihn zu sich.
Maximus Decimus Meridius setzte sich langsam in Bewegung. Seine Rüstung
klirrte, als er über den Boden marschierte. Es war früh am Morgen. Tau
benetzte seine Stiefel, als das Gras daran entlang strich. Alles war so
friedlich hier. Am liebsten wollte er stehen bleiben, die Umgebung
betrachten, sie auf sich wirken lassen. Aber dann besann er sich. Was würden
die Männer von ihm halten, wenn er jetzt die Arme ausbreitete, sich um sich
selbst drehte und lächelte? Sie würden denken, ihr Anführer habe den
Verstand verloren.
Er näherte sich Dridius, wartete auf dessen Erklärung. Der Legionär deutete
auf den Altar. Maximus konnte den Kadaver darauf erkennen. Ein Hase. Als
Opfer dargebracht. Vielleicht vor ein paar Tagen. Die Vögel hatten sich
bereits daran zu schaffen gemacht. Viel war nicht mehr übrig. Mit dem Finger
kratzte er am Blut auf den Runen herum. Freia. Er erkannte die Zeichen auf
dem Stein, war ihnen oft begegnet, hatte sich die Bedeutung eingeprägt. Die
Germanen priesen sie als Göttin der Fruchtbarkeit, schrieben ihr aber auch
Mut und Grausamkeit in der Schlacht zu. Dies war eine heilige Stätte. Er
hatte nicht das Recht, sie zu entweihen.
»Lasst den Kadaver, wo er ist«, sagte er zu Dridius.
Der Legionär gehorchte und entfernte sich, warf dabei einen misstrauischen
Blick auf seinen Kommandanten.
Quintus, Maximus’ vertrauenswürdige rechte Hand, schleifte einen in
einfaches Leinen gekleideten Mann heran. Er kroch fast im Staub und hörte
nicht auf zu katzbuckeln. Über sein Gesicht zog sich eine lange Narbe. Eines
der Augen war blind. Das Weiße der Pupille starrte ins Nichts.
Der Tribun zog die Brauen hoch. »Wo hast du ihn gefunden?«
»Er verkroch sich zwischen den Sträuchern und faselt die ganze Zeit etwas
davon, dass der Zorn der Götter über ihn gekommen sei.«
Der Einäugige hob flehend die Hände. »Mortis. Mortis«, murmelte er.
Maximus packte ihn am Kragen, zog ihn hoch. Der Mann hatte eine Todesangst.
Vielleicht vor ihm. Vielleicht aber auch nicht. Er musste der Sache auf den
Grund gehen. »Wo?« fragte er. »Zeig es mir.« Der Mann reagierte nicht. »Demonstrare«,
versuchte er es auf Latein.
Das hatte er verstanden, gestikulierte heftig. »Vicus. Dorf.« Er riss sich
los und begann zu laufen.
Maximus eilte zu seinem Pferd, stieg auf und ritt ihm hinterher. Er hatte
ein vage Ahnung, was ihn erwarten würde.
~~~
Berane lächelte Hodicea zu, während sie
durch das Unterholz krochen. Sie waren seit dem Morgengrauen unterwegs,
kontrollierten die Fallen und sammelten Beeren. Ihre Beute baumelte an ihren
Gürteln.
Hodicea bückte sich unter einem Strauch hindurch, hielt die Zweige fest,
damit sie Berane nicht ins Gesicht schlugen. Vor ihnen erstreckte sich ein
See. Sie kamen oft hierher, um zu baden, in der Sonne zu liegen und
miteinander zu reden. Die Römer hatten diesen Platz nicht entdeckt, sie
waren sicher.
Mit einer Seufzer ließ sich Hodicea auf den Boden sinken, massierte ihre
Fußgelenke. Berane lächelte, hielt ihr den Schlauch mit Wasser hin.
Schweigend saßen die beiden nebeneinander und starrten auf das Wasser.
»Ich muss dir etwas sagen, aber du darfst nicht wütend werden.« Hodicea
spielte mit den Armreifen. »Ich war auf der Lichtung. Vor zwei Tagen. Ich
habe zu Freia gebetet und einen Hasen geopfert.«
Berane fuhr hoch. »Hat dich jemand gesehen?«
»Nein.« Hodicea schüttelte den Kopf. »Ich war allein.«
»Ich verstehe dich ja«, meinte Berane sanft. »Aber es ist zu gefährlich. Du
hättest vorher mit mir darüber reden sollen.«
Hodicea schmunzelte. »Du hättest mich davon abgehalten. Darum sage ich es
dir erst jetzt.«
»Mit gutem Grund. Du weißt, was die Römer mit Menschen machen, die sich
ihrem Gebot widersetzen.«
»Ich werde mich von ihnen nicht davon abhalten lassen, zur Göttin zu beten.
Genauso wenig, wie ich mich von dir davon abhalten lassen werde, in ihrem
Namen zu kämpfen.« Sie setzte sich auf und nahm Beranes Hand. »Lass uns
zurück zur Höhle gehen. Es wird bald dunkel.«
Als sie sich erhob, spürte sie auf einmal Kälte in ihren Körper kriechen.
Sie starrte auf das ruhige Wasser des Sees. Sie sah einen Mann und eine Frau
in den Fluten schwimmen, hörte ihr Lachen und Prusten. Die Frau drehte den
Kopf, sah Hodicea an. Die Konturen des Gesichts waren überdeutlich. Es war
Berane. Aber der Mann neben ihr, der sie in die Arme nahm und küsste, war
ihr vollkommen unbekannt. Sein Haar war kurzgeschnitten. So wie es die Römer
trugen. Hodicea blinzelte. Augenblicke später verschwand die Vision.
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Maximus starrte Tufa ins Gesicht. Abscheu
war auf dessen Zügen zu lesen. Er war ein Mann, der nie vergaß und auch nie
vergab. Schon einmal waren die beiden Offiziere aneinandergeraten. Lange war
es her. Trujillo. Meridius hatte dafür gesorgt, dass sein damaliger
Vorgesetzter und Freund Gaius Septimus Valens seines Postens enthoben und er
zusammen mit ihm zurück nach Rom beordert wurde. Valens wurde nach Germanien
strafversetzt, die ganze Angelegenheit vertuscht. Tufa war in Rom
geblieben. Dort hatte er sich im Schutz seiner Familie die Wunden geleckt
und nur auf den Tag der Rache gehofft. Sein erster Versuch war
fehlgeschlagen. Meridius hatte überlebt. Und jetzt machte er seine Pläne
schon wieder zunichte. Tufa kämpfte hart mit der Versuchung, sein Schwert zu
ziehen und es seinem Widersacher in den Leib zu stoßen. Aber das war der
Spanier nicht wert.
»Ich hoffe, du hattest eine angenehme Reise«, ließ er sich statt dessen
herab zu fragen.
»Angenehmer als meine Ankunft hier«, entgegnete Maximus kühl.
Tufa hob eine Braue, tat so, als verstünde er nicht. Er füllte einen Pokal
mit Wein, hielt ihn Maximus hin.
Der nahm ihn entgegen und schüttete den Wein ausdruckslos auf den Boden. Ein
Faustschlag wäre nicht weniger wirkungsvoll gewesen. »Du hattest deine
Befehle. Warum hast du dich widersetzt?« raunte er.
Tufa begriff, woher der Wind wehte. »Sollte ich etwa dem Aufstand tatenlos
zusehen?« Er zuckte die Schultern.
»Es war kein Aufstand«, kam es eisig von Maximus. »Womit hätten Sie euch
denn angreifen sollen? Mit Steinen? Das Dorf hat euch versorgt, ihr habt gut
durch sie gelebt. Das Gemetzel war vollkommen sinnlos. Aufgrund dessen sehe
ich mich genötigt, dich unter Arrest zu stellen. Quintus!«
Der Gerufene erschien, 4 Legionäre im Schlepptau. Er nickte leicht.
»Tribun.«
»General Tufa steht unter Arrest. Sende einen Boten nach Brigantium.
Unterrichte den Kaiser über die Geschehnisse, damit er weiteres veranlassen
kann.« Wortlos drehte er sich um und verließ Tufas Zelt, ließ diesen einfach
stehen.
Als Maximus sein eigenes Zelt betrat, nahm ihm Cicero den Umhang ab und half
ihm aus der Rüstung. Ordentlich plazierte er sie auf dem dazugehörigen
Ständer, begann, mit einem Lappen, Staub und Dreck davon abzuwischen.
Maximus warf sich einen Mantel über und schritt durch einen Vorhang in einen
abgeteilten Raum. Vor einem grob gezimmerten, hölzernen Schrein fiel er auf
die Knie, öffnete die Türen und zündete die Kerzen an. Zwei kleine Figuren
waren darin zu sehen. Eine Frau und ein Junge. Selene und Claudius. Stumm
sandte er ein Gebet an seine Lieben. Die Zeit mit ihnen war kurz gewesen.
Kaum zurück in Trujillo hatte ihn der neue Befehl ereilt. Und der hatte ihn
wieder nach Germanien geführt und ihn erneut mit einem Mann zusammentreffen
lassen, dem er niemals wieder hatte begegnen wollen.
Tufa war eine Viper. Mit Vorsicht zu genießen. Vor 15 Jahren in Trujillo war
er der beste Freund und Saufkumpan des Stadthalters Valens gewesen.
Gemeinsam hatten sie ihre Verbrechen geplant und ausgeführt, die Früchte
ihrer Niedertracht genossen. Bis ein junger Soldat namens Meridius ihrem
Treiben ein Ende bereitete, es wagte, sich ihnen entgegen zu stellen.
Allzu bitter hatten sie nicht dafür bezahlt, kam es Maximus jetzt in den
Sinn. Der Einfluß ihrer Familien hatte sie davor gerettet, verbannt zu
werden. Doch alte Wunden heilten nie.
Er erinnerte sich an ein Nacht. Nicht lange nach der Aufdeckung ihrer
Machenschaften.
Maximus hatte im Kreise seiner Freunde und Kameraden seine Ernennung zum
Stadthalter gefeiert. Er war nie auf diesen Posten ausgewesen. Er wollte
nur, der Gerechtigkeit Genüge tun. Eine hübsche Dirne hatte den ganzen Abend
über mit ihm kokettiert, bis sie irgendwann auf seinem Schoß gelandet war.
Weniger betrunken, als er es vorgab zu sein, war er mit ihr in seine Kammer
gegangen. Der Wirt hatte ihn beim Betreten der Schänke gewarnt, er solle
vorsichtig sein, jemand trachte ihm nach dem Leben. Mit der Wahrheit dieser
Aussage, sah er sich konfrontiert, als die Frau versuchte, ihm mit einem
Messer die Kehle durchzuschneiden. Er hatte mit einem Angriff auf dem Weg
zur Kammer gerechnet, nicht damit, dass seine Begleiterin der Attentäter
war. Das Überraschungsmoment kostete ihn fast das Leben. Er überwältigte sie
geistesgegenwärtig und zwang sie, ihm zu verraten, wer sie auf ihn angesetzt
hatte. Mit vor Angst zitternder Stimme offenbarte sie ihm, dass Tufa und
Valens dahintersteckten. Doch bevor er Gelegenheit bekam, das Mädchen als
Druckmittel zu benutzen, stürzte sie sich aus dem Fenster in den Tod. Seit
dieser Begebenheit legte er doppelte Vorsicht an den Tag, trug immer ein
Messer bei sich. Selbst wenn er schlief.
Cicero steckte den Kopf herein. »Herr«, sagte er leise. »Der Kommandant
Crassius wünscht dich zu sprechen.«
Maximus nickte, küsste die beiden Figuren, stellte sie zurück in den Schrein
und erhob sich.
Longinus erwartete ihn im Hauptraum des Zeltes. »Tribun.« Er neigte den
Kopf.
»Du bist ein Freund von Marcus Fronto. Er schrieb mir, meinte, ich hätte in
dir einen guten Mann an der Seite.«
»Das ehrt mich.«
Maximus bot ihm einen Platz an. Cicero kam herbei, brachte ihnen Wein. Beide
tranken und schwiegen für eine Weile.
»Du bist seit 7 Jahren in Germanien, nicht wahr?«
Longinus nickte. »Ich kenne mich mit den Stämmen sehr gut aus. Unter Fronto
habe ich mit ihnen verhandelt. Wir haben Verträge abgeschlossen, die Tufa
alle gebrochen hat.«
»Aber dennoch hast du getan, was er von dir verlangte.«
Longinus erkannte den wahren Sinn dieser Worte. »Ich bin Soldat. Mein ganzes
Leben nichts anderes gewesen«, erwiderte er ruhig. »Er war mein General.
Befehlsverweigerung wird mit dem Tod bestraft. Mein Tod hätte nichts
geändert. Aber als Tufas Untergebener habe ich ihn betrogen. Das ist wohl
wahr. Deshalb bitte ich um meine sofortige Entlassung aus dem Militärdienst.
Wie könntest du mir nach all dem noch trauen?«
Maximus musterte sein Gegenüber. Sie waren ungefähr im gleichen Alter. »Hast
du Familie in Rom?«
Longinus schüttelte den Kopf. »Mein Vater starb vor 3 Jahren. Weitere
Verwandte habe ich dort nicht.«
»Wohin willst du dann gehen, wenn ich deinem Gesuch zustimme?«
»Meine Mutter stammte aus Spanien. So wie du, Tribun. Eine Schwester lebt
noch dort. Besitzt eine Olivenplantage. Zusätzliche Hände kann sie sicher
gebrauchen.«
»Das sind gute Argumente. Aber ich brauche dich hier. Du bist die einzige
Verbindung, die ich noch habe, um das, was Tufa angerichtet hat, wieder
halbwegs in Ordnung zu bringen.«
»Wenn das dein Wille ist, werde ich gehorchen.«
Maximus lächelte. »Es ist mein Wille. Du hast getan, was in deiner Macht
stand. Die Wege genutzt, die dir gegeben waren. Und jetzt trink deinen Wein
und erzähl mir, was ich wissen muss.«
~~~
Hodicea stand am Eingang der Höhle, sah in
das Innere. Aber der Raum, den sie dort erblickte, war vollkommen verändert,
nicht mehr der, den sie mit Berane bewohnte. Das Schlaflager befand sich an
einer anderen Stelle. Und dort sah sie einen Mann liegen. In die Felle
gewickelt. Fieberträume schüttelten ihn. Die Worte, die er murmelte, waren
auf Latein. Er streckte die Hand aus, versuchte, etwas zu greifen. Das Bild
veränderte sich. Berane kniete neben dem Mann, behandelte seine Wunden und
strich ihm über die feuchte Stirn.
»Wie lange soll ich noch warten, bis du mir den Fasan gibst?« drang die
Stimme ihrer Freundin zu ihr heran.
Hodicea blinzelte. Ihre Vision war verschwunden.
Berane stand vor der Kochstelle und hatte fragend die Brauen gehoben. »Du
hattest gerade ein Gesicht, nicht wahr?«
Sie nickte.
»Was hast du gesehen?« Berane trat näher an sie heran, streichelte ihren
Arm. »Sag es mir.«
»Es war zu undeutlich«, redete sich Hodicea heraus. »Seit ich von den
Schwestern getrennt bin, versagt meine Gabe immer öfter. Alles, was ich sah,
warst du, wie du deine Kräutersalben zubereitet hast.«
»Wenn du es sagst. Dann hilf mir jetzt, dass Essen zuzubereiten. Danach will
ich ins Dorf gehen, werde aber gegen Einbruch der Dunkelheit zurück sein.«
»Soll ich dich begleiten?« Hodicea nahm ein paar Stangen wilden Lauch und
begann sie zu schälen.
»Möchtest du es denn?«
»Wenn ich ehrlich bin, lieber nicht. Ich würde gern vermeiden, Edred zu
begegnen. Cairis war ihre Tochter.«
Berane strich Hodicea über das Haupt. »Sie ist die letzte, die dich wegen
irgendwas beschuldigen würde.«
»Schon möglich. Aber ich bleibe dennoch lieber hier.«
»Wie du willst.« Berane setzte sich und fing an, den Fasan zu rupfen.
~~~
Ballomarius stützte sich schwer auf seinen
Ellenbogen, als er sich über den wuchtigen Eichentisch lehnte und die Karte
betrachtete. »So nah schon?« fragte er und blickte Aerius an. Der Führer der
Quaden, ein Mann von etwa vierzig Jahren mit dunkelbraunem Haar und einer
tiefen Narbe auf dem linken Handrücken, nickte. »Das ist nicht gut«,
erwiderte der Markomanne darauf.
»Wir
sind noch nicht bereit für eine Schlacht. Die Verluste des letztes Winters
haben uns hart getroffen«, erwiderte Aerius.
»Und das wissen die Römer«, warf Ballomarius ein. Sein dunkelbraunes Haar
begann sich bereits auf dem Kopf zu lichten, war mit vielen grauen Strähnen
durchzogen. Er mochte durchaus alt erscheinen, aber er war es nicht. Er war
noch immer sehr schnell auf dem Schlachtfeld. Ein ernstzunehmender Gegner.
»Du sagst also, nicht kämpfen, Ballomarius?« Thengwich sah ihn
herausfordernd an.
Der Markomannenführer lächelte. Er war der einzige, der sich von der
Autorität des Hermuduren nicht einschüchtern ließ. »Ich sagte nur, dass ich
mir sicher bin, dass die Römer von unserer Schwäche wissen. Aerius hat
recht, mein Freund«, fuhr er fort. »Wir könnten wohl eine Schlacht
austragen, aber wir würden sie mit großer Wahrscheinlichkeit verlieren.«
»Ich stimme Ballomarius zu«, sagte Aerius. Laute Rufe drangen zu den Männern
am Tisch vor.
Ludger, der bisher geschwiegen hatte, erhob sich und bedeutete den Kriegern
ruhig zu sein. Er war dunkel gekleidet und sein gelocktes, rotes Haar hob
sich davon ab wie die Abendsonne. Er war der jüngste der Stammesfürsten.
Nicht älter als dreißig. »Ich weiß eure Unterstützung zu schätzen, aber wir
sollten weise urteilen. Unser Hass auf die Römer ist so stark, dass wir uns
davon leiten lassen. So sehr es auch mich zu einer Schlacht drängt, ich
werde meinen Verstand benutzen und meinem Herzen befehlen zu schweigen. Wir
können nicht gewinnen. Das liegt leider klar auf der Hand. Wieso dann unnütz
Blut vergießen? Wir haben viele Wunden zu lecken.«
Ballomarius nickte dem Chatten zu. »Wohl gesprochen, mein Freund.« Dann
wandte er sich an Thengwich. »Wir dürfen uns nicht entzweien, nur weil es
uns mehr oder weniger nach Blut dürstet.«
Der Hermudure winkte ab. »Und was schlägst du vor?«
»Vindobona«, sagte der Markomanne schlicht.
Aerius lehnte sich ihm entgegen. »Vindobona?«
»Wir sollten uns dort versammeln. Nicht alle auf einmal. Das wäre zu
auffällig. Aber mit der Zeit könnten wir dort unsere Truppen vereinen und
den Angriff planen. Die Römer haben bis jetzt noch nicht viel Aufmerksamkeit
dorthin gerichtet. Es wäre der ideale Platz.« Dann zuckte Ballomarius die
Schultern und trank einen Schluck Met.
Thengwich stieß die Luft aus und sank zurück in seinen Stuhl. »Wenn ich
nicht ahnen würde, was du vorhast, würde ich an deinem Verstand zweifeln«,
sagte er, »Aber ich verstehe dich. Überleben ist wichtiger als mein
Blutdurst. Und Tote kämpfen bekanntlich schlecht.«
»Das kommt darauf an, auf welcher Seite sich die Toten befinden«, sagte
Aerius. Er war aufgestanden und spazierte im Raum hin und her. »Wenn du
ernsthafte Pläne hast, dann lass uns an deinen Gedanken teilhaben,
Ballomarius.«
»Nun gut. Die unmittelbare Bedrohung liegt bei deinem Lager, Thengwich. Wie
die Späher berichteten, rücken die Römer hierher vor. Du solltest dich mit
deinem Stamm bereithalten. Je eher ihr das Tal verlasst, um so besser.« Der
Hermudure wollte etwas erwidern, aber Ballomarius ließ ihn nicht zu Wort
kommen. »Ich bitte dich nicht zu fliehen, wenn es das ist, was du fürchtest.
Aber das Leben deiner Leute wiegt weitaus mehr als Eitelkeit. Wir werden
kämpfen und deine Krieger werden ihre Schlacht bekommen, aber nicht jetzt.
Bei Wotan, du weißt, dass ich recht habe.«
»Wenn Thengwich als erster nach Vindobona rückt. Wer folgt dann?« Ludger
blickte den Markomannen an.
»Aerius ist der nächste. Er sollte sich gegen Ende des kommenden Sommers
bereithalten. Danach folgt dein Stamm, Ludger. Und zuletzt ich.«
»Du redest also von mehreren Jahren, Ballomarius?« Thengwich sprach leise
aber fest.
»Ja, genauso ist es. Wir werden den Römern immer vor der Nase entwischen.
Wir werden sie zu endlosen Märschen in das Nichts verleiten. Sie sind das
Klima in diesem Land nicht gewöhnt. Das wird sie schwächen und unser Vorteil
sein. Denn wir kennen unser Ziel. Sie nicht.« Er lächelte verstohlen.
Thengwich lachte laut und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Bei Donar! Du
alter Hundsfott! Das also ist dein Plan! Oh ja, du hast recht. Sie werden
dieses Land verfluchen. Sie werden ihr eigenes, elendes Leben verfluchen.
Und wenn sie es nicht erwarten, werden wir angreifen.«
Aerius nickte. »Das ist verdammt schlau, mein alter Freund. Ich bin
einverstanden.«
»Ich auch, Ballomarius«, sagte Thengwich. »Und was ist mit dir, Ludger?«
Der Chatte lächelte. »Habt ihr je an mir gezweifelt?«
Alle Vier stellten sich nun um den Eichentisch und reichten sich die Hände.
Sie drückten sie fest. »So sei es!« sagten sie einstimmig. Dann setzten sie
sich wieder und begannen die Marschrouten der einzelnen Stämme zu planen. Es
sollte wie ein wirres Umherirren aussehen. Und so würden sie Vindobona
erreichen und sich vereinen, ohne dass die Römer etwas dagegen tun konnten.
~~~
»Wann
willst du aufbrechen?« Berane sah Hodicea eindringlich an.
»Morgen früh. Ich habe meine Sachen schon gepackt.«
»Es ist ein weiter Weg.«
»Aber das Wetter ist angenehm. Ich werde abseits der Straßen gehen, um den
Römern nicht in die Arme zu laufen. Ich kenne die Gegend besser als sie.«
Sie strich Berane über die Wange. »Ich verstehe, dass du nicht möchtest,
dass ich dich verlasse, aber ich kann nicht warten. Und du wirst mich nicht
umstimmen.«
Berane nickte. »Ich habe vor Wochen aufgegeben, es zu versuchen. Aber lass
mich dir wenigstens genügend Proviant einpacken.«
Hodicea lächelte. »Nur soviel, wie ich tragen kann. Ich reise mit leichtem
Gepäck.«
»Wirst du eines der Schwerter mitnehmen?«
»Für den Notfall.« Sie ging zur Wand, prüfte verschiedene Klingen und
entschied sich dann für eins davon. »Das nehme ich. Es liegt gut in der
Hand.« Auf Beranes traurigen Blick hin, meinte sie: »Mach dir keine Sorgen,
Schwester. Es ist Freias Wille.«
In der darauffolgenden Nacht schliefen beide Frauen schlecht. Berane, weil
sie Zweifel plagten und Hodicea, weil sie von mehreren Gesichten heimgesucht
wurde. Und alle hatten mit ihrer Freundin zu tun. Immer wieder sah sie
Berane mit diesem unbekannten Römer. Eine tiefe Verbundenheit lag in ihren
Bewegungen. So als verstünden sie sich ohne Worte. Aber dann kamen andere
Bilder hinzu. Sand und eigenartig gewachsene Bäume, Männer von schwarzer
Hautfarbe. Blut. Staub. Sie konnte keinen Sinn darin sehen, aber verweigern
konnte sie sich den Wahrnehmungen auch nicht.
Als sie sich im Morgengrauen von Berane verabschiedete, überlegte sie einen
Moment, ihr zu sagen, was sie gesehen hatte. Aber dann ließ sie es. Manchmal
war es vielleicht doch besser, sein Schicksal nicht zu kennen. So war es
leichter, es anzunehmen.
~~
Maximus
fuhr aus dem Schlaf. Der war nie sehr tief, aber dennoch erholsam. Lärm
hatte ihn geweckt. Er schlug die Decke zurück. Cicero erschien an seiner
Seite, hielt ihm den Mantel hin. Der Tribun warf ihn sich um. Er machte sich
nicht die Mühe, seine Schuhe anzuziehen. Barfuß stürmte er nach draußen, um
zu sehen, wer mitten in der Nacht einen solchen Krach veranstaltete.
Vor dem Zelt kam Quintus auf ihn zugelaufen.
»Was geht hier vor?« wollte Maximus wissen.
»Tufa. Zwei seiner ergebensten Männer haben versucht, ihn aus dem Arrest zu
befreien und ihm zur Flucht zu verhelfen.«
»Und?« Der Tribun zog eine Braue hoch, während er neben seinem Freund zum
Ort der Geschehnisse eilte. Zwei Tote lagen vor dem Eingang zu Tufas Zelt.
»Ist er noch drin?«
Quintus nickte. »Und bewaffnet. Er wird jeden umbringen, der sich ihm
nähert.«
Maximus schüttelte den Kopf. »Weiß er nicht, wie töricht das ist? Es hätte
glimpflich für ihn ausgehen können. Seine Familie hat ihn doch immer
gerettet. Wahrscheinlich hätte Marcus ihn nur strafversetzt oder einfach
zurück nach Rom geschickt. So wie er es schon einmal getan hat.« Er
schüttelte den Kopf. »Gib mir dein Schwert, Quintus.«
»Maximus, was hast du vor?«
»Entweder ich gehe jetzt da rein und versuche, mit ihm zu reden oder wir
zünden ihm das Zelt über dem Kopf an. Was ich für eine Verschwendung halte.
Es ist eins der besten.«
Zögernd reichte Quintus ihm das Schwert. Der Tribun warf Cicero seinen
Umhang zu, straffte die Schultern und trat zum Eingang. Er stieg über die
beiden Leichen hinweg und musste sofort in Deckung gehen, ansonsten hätte
ihn ein kupferner Pokal mitten ins Gesicht getroffen.
»Kommt nur herein und sterbt!« brüllte Tufa.
Maximus erkannte an den langgezogenen Worten, dass der ehemalige General der
Garnison ziemlich betrunken sein musste. Er hatte ihn zwar unter Arrest
gestellt, ihm aber alle Annehmlichkeiten zukommen lassen, die er für
angemessen hielt. Er überlegte einen Moment, was er tun sollte. Dann
hechtete er nach vorn, rollte sich ab und landete auf den Knien, sah sich
um.
Tufa hatte fast das gesamte Mobiliar umgeworfen. Er stand inmitten der
Trümmer, einen Pokal mit Wein in der einen und sein Schwert in der anderen
Hand. Als er Maximus’ gewahr wurde, brüllte er wütend, warf den Pokal zu
Boden, nahm das Schwert in beide Hände und stürmte auf ihn zu. »Du!« fauchte
er. »Du! Die Wurzel allen Übels. Schon einmal hast du mein Leben aus der
Bahn geworfen, mir die Karriere zerstört. Warum kannst du nicht einfach
sterben?«
Maximus reagierte geistesgegenwärtig, riss seine Waffe hoch. Die Klingen
krachten aneinander. Trotz dass Tufa betrunken war, hatte er noch immer
einen mächtigen Schlag am Leib. Er stemmte sich gegen den Tribun, versuchte,
ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und zum Stürzen zu zwingen.
Maximus gab dem Druck nach und warf sich dann mit vollen Schwung gegen Tufa,
holte ihn dabei von den Füßen. Beide Männer landeten flach auf dem Boden.
Maximus drehte sich auf den Rücken, zog sein Schwert an den Körper.
Tufa sprang auf, nahm seine Waffe und holte aus. Der Tribun wich den
Schlägen aus, parierte mit seiner Klinge und versuchte auf die Beine zu
kommen. Auf dem Rücken zu liegen, war nicht die beste Position. Da stolperte
Tufa über ein Kissen und taumelte in vollem Schwung nach vorn. Maximus, der
es nicht mehr verhindern konnte, sah entsetzt dabei zu, wie sich sein
Schwert in den Bauch des anderen bohrte.
Tufa gab einen erschreckten Schrei von sich, sah an sich hinab. »Du
Bastard«, stieß er noch hervor. Dann kippte er zur Seite.
In diesem Moment stürmte Quintus mit zwei Männern das Zelt. Er sah zwischen
dem Toten und seinem General hin und her.
»Es war ein Unfall«, kam es leise von Maximus, der sich kopfschüttelnd
aufrichtete.
»Nein, es war Gerechtigkeit«, erwiderte Quintus tonlos, nahm sein Schwert
wieder an sich.
»Hast du deshalb solange gewartet?« Aufmerksam betrachtete der Tribun seinen
Freund.
Eine Antwort darauf blieb Quintus ihm schuldig.
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Im Herbst 180 u.
Z.
Berane hatte die Fallen überprüft, kehrte zu ihrer Höhle zurück. Als sie ein
Pferd davor angebunden sah, zog sie ihren Dolch. Wer kannte dieses Versteck?
Hatte jemand sie verraten? Doch dann trat Hodicea hinter dem Schimmel hervor
und breitete die Arme zum Gruß aus.
Beide Frauen liefen aufeinander zu und umarmten sich herzlich. »Es ist so
schön, dich zu sehen.« Berane betrachtete ihre Freundin. »Ich will nicht
unfreundlich sein, aber wieso bist du hier?«
»Ich bin auf dem Weg in das Lager der Römer. Es liegt ungefähr einen
Tagesritt entfernt. Mein Vater schickt mich als Boten. Weil ich als einzige
Latein sprechen und verstehen kann. So werden sie nicht versuchen, mich zu
täuschen.« Auf Beranes fragenden Blick, erläuterte sie: »Longinus hat es
mich gelehrt. Oder sagen wir eher, ich bat ihn darum, es zu tun. Ich sah es
als Vorteil, die Sprache der Feinde zu beherrschen. Und er sah es wohl als
Möglichkeit, Zeit mit mir zu verbringen.«
»Heißt das, er liebt dich?« Berane bugsierte Hodicea in die Höhle, goss aus
dem Schlauch Milch in zwei Schalen, reichte ihr eine davon.
»Ich habe ihn nie danach gefragt und heute ist es mir, ehrlich gesagt, egal.
Ich kann nicht vergessen, was er getan hat.«
Berane setzte sich neben sie. »Wollt ihr euch wirklich ergeben?« fragte sie
ruhig.
Ihre Freundin trank einen Schluck. »Die ist gut. Aus dem Dorf?«
»Ich gehe manchmal dorthin, bringe ihnen Fleisch, wenn ich zuviel gefangen
habe und behandle die Verletzten mit meinen Kräutern. Für meine Dienst
entlohnen sie mich mit derartigen Köstlichkeiten.« Berane lächelte. »Aber
das beantwortet meine Frage nicht.«
»Interessiert es dich wirklich?«
»Wenn du mir keine Geheimnisse anvertrauen darfst.«
Hodicea strich ihr über die Wange. »Wir haben viele Verluste zu verzeichnen.
Die Chatten und auch dein Stamm, die Hermuduren sind vernichtend geschlagen
worden. Doch das Feuer brennt noch immer in ihnen. Meine Botschaft und die
darauffolgenden Verhandlungen sind nichts weiter als eine List gegen die
Römer. Sie verschafft uns kostbare Zeit, um unsere Truppen erneut zu
versammeln.«
»Hast du keine Angst? Immerhin wirst du sie belügen.« Berane sah Hodicea
aufmerksam an.
»Ich habe Angst. Und die wird mich die richtigen Worte wählen lassen. Mach
dir keine Sorgen, erzähl mir lieber, wie es dir in den letzten Jahren
ergangen ist.«
So hockten sie um das Feuer und redeten, bis die Dunkelheit hereinbrach.
Hodicea ging kurz hinaus, um ihr Pferd zu versorgen. Dann rollten sich beide
Frauen in ihre Felle ein und unterhielten sich die ganze Nacht über ihre
Kindheit, die Streiche, die sie ausgeheckt hatten und die Strafen, die sie
dafür erhielten.
Als der Morgen graute, machte sich Hodicea auf den Weg. Berane sah ihr lange
nach und wurde das Gefühl nicht los, dass ihre Freundin ihr etwas Wichtiges
verschwiegen hatte.
~~~
»Ein Bote!« Gaius Antonius Armarus betrat atemlos das Zelt und neigte zur
Ehrerbietung das Haupt.
Der General hob
den Kopf und blickte Quintus an. Der zuckte nur die Schultern. Maximus
schwang sich von seinem Stuhl. »Du unterrichtest den Kaiser, Gaius! Quintus
und ich werden uns den Fremden einmal genauer ansehen.«
Der Soldat deutete wieder eine kurze Verbeugung an und hastete aus dem Zelt.
Sie traten an den Eingang und schoben die Plane zur Seite. Es begann langsam
dunkel zu werden. Feuer brannten überall und verbreiteten ein flackerndes
Licht. Die Soldaten saßen darum und unterhielten sich. Sie waren dicht
zueinander gerückt und hatten ihre Mäntel um sich gewickelt, um sich in der
abendlichen Kälte gegenseitig Wärme zu spenden.
Quintus hatte den Arm gegen den Pfosten gelegt und kratzte sich am Kopf.
»Vielleicht sind die Markomannen doch zur Vernunft gekommen«, sagte er.
Maximus verschränkte die Arme vor der Brust und betrachte die in einen
langen Mantel mit Kapuze gehüllte Gestalt, die sich dem Lager auf einem
weißen Pferd näherte, argwöhnisch. »Oder es handelt sich um einen
Hinterhalt. Wäre nicht das erste Mal. Du solltest bewaffnete Einheiten
losschicken, die die Gegend durchkämmen. Sicher ist sicher!«
Quintus sah seinen Freund an. »Decius!« kommandierte er dann. Der Legionär
kam angelaufen und kniete vor dem Heerführer. »Nimm eine bewaffnete Einheit
und sieh dich in der Umgebung um. Wir wollen doch nicht, dass diese Barbaren
eine kleine Überraschung für uns bereithalten.« Der Soldat nickte, erhob
sich und lief Befehle rufend in die Nacht.
Maximus strich sich über den Bart. »Sie haben keine Kraft mehr. Sie wollen
genauso wenig wie wir eine Schlacht. Aber sie werden kämpfen, wenn wir keine
Einigung erzielen, das ist dir doch klar?«
Quintus blickte zu Boden. »Das ist so klar, wie der nahende Winter!«
grummelte er.
In diesem Moment betrat der Kaiser begleitet von zwei Prätorianern und
Longinus, der als Dolmetscher dienen sollte, das Zelt durch den zweiten
Eingang.
Die beiden Heerführer verbeugten sich ehrfürchtig und sorgten dafür, dass
Marcus Aurelius es in dem großen Holzstuhl bequem hatte. Sie stellten das
Kohlenbecken direkt neben ihn, damit es ihn wärmte. Der Kaiser hatte sich in
einen langen Mantel gehüllt, den er mit seiner knochigen Hand vor der Brust
zusammenhielt.
Maximus war erneut erschreckt über seine Verfassung. Auch wenn er es
leugnete, der Cäsar war krank. Er wirkte müde und ausgemergelt, aber das
Feuer in seinen Augen brannte noch. Und dieses Feuer war es, dass ihnen
allen die Kraft gab, hier in diesem unwirtlichen Land auszuharren und Siege
für Rom zu erringen. Doch wie lange noch?
Die Plane wurde erneut zur Seite geschoben und lenkte Maximus’
Aufmerksamkeit dorthin. Zwei weitere Prätorianer betraten das Zelt. Zwischen
ihnen ging die Gestalt, die er noch vor ein paar Augenblicken auf dem Pferd
gesehen hatte. Wie von selbst wanderte seine Hand an seinen Dolch. Er wollte
nur vorbereitet sein, auf wenn er wusste, dass man den Fremden bereits
durchsucht hatte.
Longinus trat einen Schritt vor und richtete seine Worte an den Fremden.
»Der Cäsar Marcus Antoninus Aurelius, Imperator Roms heißt dich als Gast in
seinem Lager...«
»Ich spreche eure Sprache!« erklang eine weiche, melodische Stimme in
fließendem Latein unter der Kapuze. »Und ich weiß die Ehre zu schätzen, mit
dem Kaiser persönlich zu
sprechen!«
Longinus wirkte verwirrt und trat hinter den Stuhl des Cäsaren. Es sah wohl
so aus, als wurde er hier nicht gebraucht. Er wollte das Zelt verlassen.
Maximus machte ein Handzeichen und bat ihn zu bleiben.
Der Besucher schob die Kapuze vom Kopf. Ein langer roter Zopf kam darunter
zum Vorschein, meergrüne Augen, die einen zu Eis gefrieren ließen, hohe
Wangenknochen und ein Mund, der sicher hübsch aussah, wenn er lächelte. Aber
das tat er nicht. Maximus war überrascht.
»Eine Frau!« stieß Quintus hervor, sprach das aus, was der Tribun dachte.
»Sie schicken uns eine Frau!«
Sie reagierte nicht darauf, blickte niemanden außer den Kaiser an. »Mein
Name ist Hodicea. Ich bin die Tochter des Markomannenführers Ballomarius.
Welch größere Ehre könnte er dir zu Teil werden lassen, als sein einziges
Kind als Boten in dein Lager zu schicken?«
»Ballomarius’ Tochter!« sagte der Marcus Aurelius ruhig. Seine Stimme stand
in krassem Gegensatz zu seinem Aussehen. Sie war immer noch kraftvoll und
die Schwingungen seines Baritons vibrierten im Raum. »Dann bist du auf
seinen Befehl hin hier?« fragte er sie. Hodicea nickte. »Du sprichst in
seinem Namen?«
»Das tue ich!« erwiderte sie fest.
Der Kaiser machte eine Geste, mit der er ihr gebot, Platz zu nehmen. Sie
setzte sich auf den Hocker neben dem großen Holztisch, der die Römer von ihr
trennte und faltete ihre Hände im Schoß. Auch Maximus, Longinus und Quintus
setzen sich. Nur die Leibgarde des Kaisers blieb stehen.
»Die Männer an meiner Seite sind General Maximus Decimus Meridius und die
Kommandanten Longinus Antonius Crassius und Quintus Octavius Solens.« Marcus
Aurelius hatte mit der Hand auf jeden von ihnen gewiesen. »Du kannst offen
sprechen!« forderte er sie auf. »Wein! orderte er dann.
»Ich bevorzuge Wasser. Ich bin nicht an Wein gewöhnt und möchte einen klaren
Kopf bewahren«, wandte sie sich an den Kaiser.
»Dann eben Wasser«, antwortete dieser. »Ihr habt ein Getränk, das aus Korn
hergestellt wird, nicht wahr?« fragte er interessiert. »Ist es nicht viel
stärker als Wein?«
»Ja, es wird aus Gerste gemacht und mit Honig vermischt. Es heißt Met«,
erwiderte sie. »Es ist stark. Aber anders als Wein. Und daran bin ich
gewöhnt.« Der Anflug eines Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen.
Der Diener brachte die Becher und stellte sie vor die Anwesenden auf den
Tisch. Schweigend tranken sie ein paar Schlucke.
»Nun gut. Was sind die Wünsche deines Vaters?« kam Marcus Aurelius daraufhin
zum Kern der Sache.
Sie lachte rau. »Die Wünsche meines Vaters würden dir sicher nicht gefallen.
Genauso wenig, wie ihm deine gefallen. Nein, darum geht es nicht. Oder
würdet ihr dieses Land verlassen und nie wiederkehren?«
Maximus lächelte verstohlen. Sie sagte, was sie dachte. Weder die Soldaten
hier noch die Autorität des Cäsaren schüchterten sie ein.
»Wir sind geschwächt«, fuhr sie fort. »Dieses Land ist ausgeblutet und seine
Bewohner mit ihm. Ich bin mit dem Krieg aufgewachsen. Ich kann mich an
nichts anderes als Kämpfen und Töten erinnern. Aber es muss Frieden geben.
Mein Stamm möchte einen Platz, an dem er den Rest der Tage auf dieser Welt
verbringen kann, ohne zu fürchten, dass es weitere Schlachten gibt. Lasst
uns diesen Ort, an dem wir sind. Zieht die Grenze dort, wo sie jetzt ist und
kehrt zurück nach Rom!«
Der Kaiser bettete seinen Kopf gegen die Stuhllehne. »Was weißt du von Rom,
mein Kind?« fragte er matt.
»Rom«, bemerkte sie verächtlich und lehnte sich ein wenig nach vorn. »Die
Glorie Roms. Es ist nichts weiter als ein paar Linien auf einer Karte. Dafür
haben Tausende ihr Leben gelassen. Ihr habt soviel erobert, was kommt es
darauf an, ob sich die Linie ein Stück höher oder tiefer auf der Karte
befindet? Wir haben mit Blut und Schweiß dieses Land fruchtbar gemacht,
haben es bearbeitet, um die Ernte einzubringen. Mein Volk lebt seit
Jahrhunderten hier. Es waren unsere Hände, die das Land bezwungen und Leben
geschaffen haben. Wir haben unsere Seelen in diesen Grund gegraben. Wir
leben im Einklang mit der Natur. Wir nehmen, aber wir geben auch. Du kannst
nicht verlangen, was dir nicht gehört!« brauste sie auf.
Maximus hob die Hand, um sie zu beschwichtigen. Wenn sie weitersprach,
redete sie sich noch um Kopf und Kragen. Doch sie achtete nicht auf seine
wohlwollenden Handzeichen. »Wir wollen nicht kämpfen, aber wir werden es
tun. Freiheit ist ein sehr guter Grund dafür. Wir werden nie die Sklaven
Roms sein. Eher sterben wir!«
»Ballomarius’ Wunsch ist es also, dass wir ihm das Stück Land lassen, auf
dem er jetzt mit seinem Volk lebt?« kam der Tribun seinem Kaiser mit einer
Antwort zuvor.
»Was bietet er als Gegenleistung?« fuhr Marcus Aurelius fort. »Werdet ihr
aufhören, uns anzugreifen? Du verstehst sicher, dass wir die Grenzen
befestigen müssen und Truppen hier zurücklassen werden, sollten wir uns
wirklich einigen. Werdet ihr euch ruhig verhalten?«
»Ich kann nur für meinen Stamm sprechen. Aber die Chatten, Quaden und
Hermuduren gehören nicht dazu. Ihr habt ihnen schwer zugesetzt und ihr Hass
ist unbegrenzt. Für sie kann ich mich nicht verbürgen. Für die Markomannen
schon.« Sie blickte zu Boden. Dann sah Hodicea den Kaiser direkt an. »Mein
Vater wünscht Frieden!«
Der Cäsar nickte. Dann erhob er sich mühsam aus dem Stuhl. Auch die anderen
standen auf. Hodicea straffte ihre Schultern, aber sie blieb sitzen. Ebenso
gut hätte sie dem Kaiser ins Gesicht schlagen können, denn ihre Haltung
verriet deutlich, was sie von all dem hielt.
Maximus schüttelte den Kopf. Fürchtete diese Frau denn nichts und niemanden?
Er bedeutete Longinus, mit einem Nicken zu bleiben.
»Ich werde darüber nachdenken«, sagte der Kaiser gerade Hodiceas letzten
Wunsch betreffend. »Im Morgengrauen werde ich dir meine Entscheidung
mitteilen!« Er machte einige Schritte auf den Ausgang des Zeltes zu, dann
blieb er noch einmal stehen und wandte sich um. »Dein Vater kann stolz sein,
so eine Tochter wie dich zu haben!«
Wenigstens besaß sie den Anstand zu erröten und zu Boden zu blicken, während
Marcus Aurelius zusammen mit seiner Garde und Maximus und Quintus das Zelt
verließ. Hodicea und Longinus blieben allein zurück.
Sie trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Während des Gespräches
hatte sie ihn ignorieren können, aber jetzt atmete sie seine volle Präsenz.
»Und was geschieht jetzt, du Verräter? Wirst du mich bewachen?« Sie sah ihn
feindselig an.
Er erwiderte nichts darauf, senkte nicht den Blick, betrachtete sie. Sie war
noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Und er liebte sie. Das hatte
er von ersten Tag an getan, als er sie gesehen hatte. Aber sie war eine
heilige Frau gewesen, unerreichbar für sein Ersehen. Mehr als freundliche
Worte waren nicht von ihr zu erwarten gewesen. Doch jetzt hasste sie ihn.
Und sie hatte allen Grund dazu. Er hatte ihre Schwestern getötet.
»Euer Kaiser stirbt!« sagte sie plötzlich. »Er ist ein alter Mann. Ich hatte
ihn mir ganz anders vorgestellt nach all den Geschichten, die ich über ihn
gehört habe. Aber er ist auch nur ein Mensch. So wie wir.« Hodicea stand auf
und spazierte im Zelt hin und her. »Ist es nicht ironisch? Es gibt einiges,
das uns verbindet. Wir sprechen verschiedene Sprachen, haben verschiedene
Götter und Rituale, aber wir wissen, was Ehre, Loyalität und Glauben
bedeutet! Du kämpfst, weil du daran glaubst. Das tue ich auch.« Sie blieb
stehen und sah ihn an. »Dein Blut ist nicht anders als meins. Hat ein Leben
so wenig Bedeutung, dass wir bereit sind, es zu opfern?« Longinus antwortete
nicht darauf. »Wir werden kämpfen! Das weißt du so gut wie ich. Dein Kaiser
wird sich nicht dem Wunsch meines Vaters beugen. Ich weiß, dass es nicht
Eitelkeit ist, aber was ist es dann?«
»Es ist Rom. Tradition. Das Volk glaubt an den Kaiser. Und sie wollen
Siege!« erwiderte er.
»Es geht also wirklich nur um ein paar Linien auf einer Karte?« Sie stieß
die Luft aus. »Das ist traurig. Ein Mann, der die Welt in seinen Händen hält
und sein Handeln dennoch nach dem Verlangen anderer richtet.« Sie lachte
kalt. »Er ist mehr ein Sklave Roms, als die Markomannen es je sein werden.«
Dann drehte sie sich um und schritt auf den Eingang des Zeltes zu. Sie
lehnte sich gegen den Pfosten und schob die Plane zur Seite, betrachtete die
Soldaten. Longinus war hinter sie getreten, aber er wagte es nicht, sie zu
berühren.
»Es sind so viele!« äußerte sie leise.
»Es beeindruckt dich, was du siehst?« fragte er.
Hodicea schüttelte den Kopf. »Fast meine ganze Familie ist tot. Meine
Schwester starb letzten Winter. Sie war zu schwach und zu klein. Mein Bruder
ist bei einem Angriff auf unser Lager im Haus meines Vaters verbrannt. Ich
konnte ihm nicht helfen. Manchmal kann ich seine Schreie immer noch hören.
Meine Mutter wurde von den römischen Soldaten geschändet. Sie hat daraufhin
den Verstand verloren und sich im Fluss ertränkt«, offenbarte sie nüchtern.
Longinus schluckte. »Dieser Krieg bricht mein Herz, aber nicht meinen
Willen. Was ich hier vor mir wahrnehme, sind Tote. Sie wissen es nur noch
nicht, aber sie sind bereits tot. So sieht es aus, das Bild des Krieges!«
sagte sie entschieden.
~~~
»Schenkst du ihren
Worten Glauben?« Der Cäsar ließ sich ächzend auf seine Liegestatt sinken.
Der General wollte ihm zu Hilfe eilen und ihn stützen, doch Marcus Aurelius
winkte ab. Er griff nach einem Becher Wein und nippte daran, während Maximus
vor ihm auf und ab lief. »Nun?« Der Kaiser hob fragend eine Augenbraue.
»In Schlachten verlasse ich mich auf mein Gefühl. Ich weiß, was ich wann zu
tun habe. Doch habe ich niemals einer Frau gegenübergestanden, deren Stimme
wie die Saite einer Lyra klingt und die tödliche Schärfe eines Dolches hat.«
»Du hältst es für eine Falle?« Marcus Aurelius seufzte. »Dann bestätigen
sich meine Zweifel. Was immer die Markomannen auch bezwecken, sie werden
sich mit ihren Truppen nicht in Wohlgefallen auflösen. Wir haben ihnen
schwer zugesetzt.«
»Ein verwundetes Tier beißt in seiner Wut ohnmächtig um sich, Cäsar.« Der
General setzte sich auf einen Hocker und sah seinen Kaiser an.
»Ein Tier hat seinen Instinkt, der ihm sagt, wie es zu handeln hat. Doch
vergleiche diese Barbaren nicht mit Tieren. Was sie tun hat immer einen
Sinn. Mag er uns auch verworren erscheinen. Wie oft haben sie uns schon in
die Irre geführt? Wie viele gute Männer haben wir schon durch ihre Arglist
verloren? Nein, mein Freund. Dieses Friedensangebot ist eine Tücke. So
schaffen sie sich Zeit, ihre Truppen zu versammeln, während wir darüber
nachdenken.« Er hob den Arm und winkte Maximus. Der General sprang von
seinem Stuhl und half den Cäsar, sich zu erheben. Hart stützte er sich auf
den jüngeren Mann und ging ein paar Schritte. Dann blieb Marcus Aurelius
stehen und legte seine Hände auf die Schultern des Soldaten.
»Maximus, ich bin müde. Manchmal möchte ich schlafen und niemals wieder
erwachen. Ich bin es so leid. In meiner gesamten Regentschaft habe ich
nichts als Krieg gesehen. Rom! Rom will Siege! Du bist mir ein treuer
Freund. Meine stützende Hand...« Seine Worte verstummten. Der General
schluckte, während der Kaiser gedankenverloren auf den Plan an der
Seitenwand des Zeltes starrte. Zittrig hob er eine Hand. »Sieh hin! Das ist
das Reich, das ich geschaffen habe. Doch sie hat recht. Es sind in der Tat
nur Linien auf einer Karte.« Er seufzte und schüttelte den Kopf.
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Im Winter 180 u. Z.
Berane
saß im Schneidersitz in ihrer Höhle, starrte in die Flammen. Das Ritual
hatte ihr immer Frieden geschenkt, sie in Einklang mit sich selbst und der
Natur versetzt. Doch diesmal wollte es ihr nicht so recht gelingen. Es
fühlte sich fast wie eine Hand an, die sich um ihren Hals legte und
zudrückte, ihr den Atem nahm.
Letzte Nacht hatte es frisch geschneit, das Land in Tiefschlaf versetzt. Der
Frost hatte sogar den See gefrieren lassen, jegliches Leben darunter
eingeschlossen. Als sie im Dorf gewesen war, hatte Edred sie gebeten, bei
ihnen zu bleiben, bei der Kälte nicht wieder in die Wälder zu gehen. Aber
Berane hatte abgelehnt. Nur in ihrer Höhle fühlt sie sich sicher. So hatte
sie den gesamten gestrigen Tag damit zugebracht, sie winterfest zu machen.
Sie hatte ihre Utensilien neu geordnet, die Felle der Schlafstelle näher an
das Feuer gerückt.
Dort hockte sie nun und versuchte zu ergründen, was sie so beunruhigte.
Hodicea war noch einmal bei ihr gewesen, als sie aus dem Lager der Römer
gekommen war. Sie hatte davon gesprochen, dass es eine Schlacht geben werde,
denn der Kaiser würde sich nicht auf die Forderungen der Markomannen
einlassen. Im Grunde genommen waren die gesamten Verhandlungen sinnlos. Wenn
keine der beiden Seiten bereit war nachzugeben, konnte man keine Einigung
erzielen. Aber es verzögerte den Angriff. Und Zeit war es, was sich die
Markomannen zu nutze machten.
Berane stand auf, trat an den Eingang der Höhle. Irgendwo in der Ferne
heulte ein Wolf. Sie lauschte seiner Stimme, lehnte den Kopf gegen den
kargen Felsen, schloss die Augen. Eine Traurigkeit bemächtige sich ihrer,
die ihr tief in die Eingeweide kroch und sich in dem Wissen manifestierte,
dass sie Hodicea niemals wiedersehen würde.
Sie weinte stumm.
~~~
Maximus spazierte in seinem Zelt auf und ab. Seine Rüstung hatte ihn noch
nie so schwer gedrückt wie heute. Die Ringe um seine Augen wurden immer
tiefer. Er war müde und abgespannt. Er hatte schon seit Tagen nicht mehr
richtig geschlafen. Wie lange würde er diese Last noch tragen können? Aber
die auf seiner Seele wog noch weitaus schwerer, als die auf seinem Körper.
Er legte den Umhang ab, löste die Schnallen seines Panzers und befreite sich
davon. Für einen kurzen Augenblick betrachte er die Insignien darauf. Sie
kennzeichneten ihn als Tribun der Kohorte Pia fidelix, die unter direktem
Befehl von Kaiser Marcus Aurelius stand.
Er entledigte sich des Hemdes. Grimmig lächelte er und tauchte das
Leinentuch in das Wasser. Der Winter war gekommen. Auch wenn die Sonne
schien. Es war kalt geworden. Eine Schlacht um diese Zeit war nicht sehr
ratsam, aber die Markomannen würden ihnen wohl keine Frist gewähren. Und die
Barbaren kannten das Gelände sehr gut.
Doch waren sie es auch gewohnt, auf vereisten und verschneiten Flächen zu
kämpfen? Sie hatten diese Regel, dass im Winter der Kampf zu ruhen hatte.
Kein verfeindeter Stamm würde dann einen anderen angreifen. Doch die Lage
war diesmal anders. Sie, die Römer, waren ein Feind, dem sich eine
geschlossene Liga entgegenstellte. Dafür würden sie sogar ihre Regeln
vergessen. Maximus hoffte inständig, dass die entscheidende Schlacht erst im
Frühling stattfinden würde. Aber er glaubte nicht wirklich daran.
Wahrscheinlich würden viele seiner Männer den Winter sowieso nicht
überleben. Dieses Jahr setzte ihnen das Klima besonders zu. Viele von ihnen
litten an Husten und Fieber. Es schmerzte ihn, weil er nichts dagegen tun
konnte. Dieses verfluchte Land!
Bereits als Hodicea in das Lager gekommen war, hatte er gewusst, die Mühe
war vergebens. Was sie verlangte, war unmöglich. Auch wenn er sie durchaus
verstehen konnte. Wenn jemand versuchte, ihm sein geliebtes Weingut in
Trujillo mit Gewalt wegzunehmen, würde er sich auch bis aufs Blut dagegen
wehren.
Er wusch sich den klammen Schweiß von der Haut. Das kalte Wasser erfrischte
ihn. Dann zog er ein trockenes Hemd über und ließ sich auf einen der Hocker
fallen. Er griff nach dem Becher Wein und trank ein paar Schlucke.
Er rief nach Cicero und ließ ihn Quintus zu sich holen. Die beiden kannten
sich seit Jahren, vertrauten einander vollkommen. Jeder würde sein Leben in
die Hand des anderen legen.
Quintus nickte ihm kurz zu und Maximus begann ohne Umschweife. »Unsere
Späher sind wieder zurückgekehrt. Sie haben größere germanische
Truppen-Bewegungen an den Ufern der Danubia gesichtet. Der Rest, der noch
übrig ist, hat sich um Ballomarius versammelt.«
»Das heißt, wir rücken vor an die Danubia«, sagte Quintus ernst.
»Ja, ich habe mit dem Kaiser gesprochen«, erwiderte der Tribun mit einem
Kopfnicken.
»Wie geht es Marcus Aurelius?« fragte sein Freund. »Ist es besser geworden?«
»Nein«, sagte Maximus knapp. »Aber er besteht darauf, uns zu begleiten. Auch
wenn ich es lieber sehen würde, er bliebe hier.«
»Das hast du ihm gesagt?« Quintus hob überrascht die Augenbrauen.
»Natürlich nicht!« Maximus rieb sich das Kinn.
»Manchmal wünschte ich, ich hätte die Unerschütterlichkeit des Kaisers«, kam
es leise vom Kommandanten. »Allein sein Glaube wird ihn sich selbst noch vom
Totenbett erheben lassen. Bis jetzt jedenfalls...« Er beendete den Satz
nicht und ließ die Andeutung in der Luft hängen.
Doch Maximus ging nicht darauf ein. Er kannte seinen Freund viel zu gut, als
dass er es gewagt hätte, sich mit ihm auf eine Diskussion über Marcus
Aurelius, Loyalität und Glauben einzulassen.
»Werden wir verhandeln?« wechselte der sogleich das Thema.
Maximus sah Quintus an. Die Müdigkeit in seinen Augen reflektierte die Seine
wie ein Spiegel. Sie brauchten beide dringend Schlaf, aber daran war wohl in
nächster Zeit nicht zu denken.
»Longinus wird es übernehmen. Er ist der einzige, der diese barbarische
Sprache einigermaßen versteht.« Maximus lehnte sich weit zurück, strich sich
über die Augen. »Sie werden kämpfen, Quintus. Das weißt du genauso gut wie
ich. Und der Kaiser weiß es auch.«
»Die Hälfte meiner Männer ist krank, Maximus. Besser wir schlagen die
Schlacht jetzt, bevor wir noch mehr geschwächt sind. Ich werde morgen früh
mit meinen Truppen vorrücken.«
Der Tribun nickte. Dann erhob er sich abrupt. Er schritt zur Feuerstelle und
hielt seine Hände darüber. »Ich vermisse Spanien«, sagte er.
Quintus lächelte. »Ich weiß. Und am meisten doch die weiche, warme Umarmung
einer ganz besonderen Frau dort.«
Maximus grinste ihn an. »Du nicht auch, mein Freund?«
»Reden wir jetzt von der selben Frau? Ich würde mich hüten, dein Bett zu
entehren!«
Beide lachten. Dann wurden sie wieder ernst. »Dieser Krieg verzehrt den
Kaiser. Und er verzehrt auch uns. Irgendwann haben wir vergessen, was
Frieden bedeutet. Wissen wir es überhaupt noch? Wir verlassen unsere
Familien. Viele werden nie zurückkehren. Wir versinken in Dreck, Schlamm und
Blut und erringen Siege, die in den Ohren der Daheimgebliebenen wie Mythen
klingen müssen. Bald werden auch wir nur noch zu einem Mythos verblasst
sein.«
»Maximus!« Quintus trat zu ihm.
Doch der Tribun schüttelte den Kopf. »Ich würde dem Kaiser überallhin
folgen. Aber wenn selbst er schon Zweifel hegt... Manchmal frage ich mich,
wozu das alles?« sagte er bedrückt und ließ sich mit einem langen Seufzer
auf seinen Stuhl fallen.
»Für die Glorie Roms, Maximus!« Doch diesmal klang der Satz nicht sehr
überzeugend in seinen Ohren.
~~~
»Was hast du, mein Kind?« Brunhild sah Hodicea aufmerksam an. Sie war
Ballomarius’ jüngere Schwester, hatte ihren Mann in der letzten Schlacht
verloren und kümmerte sich jetzt um ihren Bruder und dessen Tochter.
»Es ist nichts«, erwiderte die junge Frau.
»Mir machst du nichts vor.« Brunhild stellte einen Teller mit Haferkuchen
vor sie hin. »Etwas bedrückt dich doch. In den letzten Tagen bist mir sehr
geistesabwesend vorgekommen. Ist es die bevorstehende Schlacht?«
Hodicea schüttelte den Kopf. »Nein, das erschreckt mich nicht. Ich bin
bereit zu kämpfen.«
»Was ist es dann?«
»Wenn das Schicksal unseren Weg bestimmt hat, uns aber Einsicht darin
gewährt, bedeutest das, dass wir die Macht haben, ihn zu verändern?« Sie
nahm eins von den Küchlein, schob es sich in den Mund.
»Redest du von dir?« fragte Brunhild.
Sie schüttelte den Kopf. »Es geht um eine Freundin. Ich habe bestimmte Dinge
gesehen, die noch geschehen werden, ihr aber nichts davon gesagt. Denkst du,
es war falsch von mir?«
»Willst du sie durch dein Schweigen schützen?« stellte ihre Tante eine
Gegenfrage.
»Tue ich das denn? Hat sie nicht das Recht, zu erfahren, was die Götter für
sie bestimmt haben?«
»Das ist eine gute Frage, mein Kind. Wird ihr Unrecht geschehen?«
Hodicea legte die Stirn in Falten. »Ich sah nichts dergleichen, aber was
bedeutet das schon?«
»Wenn es dich so sehr quält, solltest du zu ihr gehen und ihr sagen, was du
weißt.«
Lärm von draußen störte sie in ihrer weiteren Unterhaltung. Beide Frauen
eilten auf den Vorplatz, um zu sehen, was die Ursache dafür war.
Hodicea drängelte sich durch die Menge der Schaulustigen, die einen Kreis
gebildet hatten. Schon von weitem hatte sie das Haupt ihres Vaters in der
Mitte aufragen sehen. Sein Gesicht war zorngerötet. Vor ihm am Boden kauerte
Longinus. Ballomarius traktierte ihn mit Schlägen und Tritten, beschimpfte
und bespuckte ihn. »Diese feigen Hunde. Denken sie wirklich, sie könnten uns
mit ihren leeren Versprechungen kaufen?«
Longinus wand sich vor Schmerzen auf dem Boden, versuchte, sich vor seinem
Angreifer zu schützen. »Ich habe dir nur die Worte des Kaisers überbracht.
Ich bin nichts weiter als ein Bote«, versuchte er, an Ballomarius’ Vernunft
zu appellieren, musste im gleichen Atemzug erkennen, dass er nichts
erreichen würde.
»Dann wollen wir ihnen unsere Antwort überbringen. Sie wird mit Blut
geschrieben sein!« brüllte der Markomanne.
Die Menge johlte.
Hodicea wusste nicht, was sie tun sollte, wusste nur, dass sie etwas tun
wollte. Sie machte einen Schritt nach vorn, öffnete den Mund, um ihrem Vater
Einhalt zu gebieten. Eine Hand packte sie am Arm. Brunhild. Sie hielt ihre
Nichte fest und schüttelte den Kopf.
In diesem Moment sah Longinus sie. Es lag Entsetzen in seinen Augen.
Entsetzen und Trauer. »Geh!« sagte er auf Latein. »Geh! Sieh mich nicht an!«
Keiner der Umstehenden erkannte, an wen diese Worte gerichtet waren, dazu
herrschte zuviel Aufruhr. Sie hielten es für das ängstliche Gefasel eines
Feiglings, achten nicht weiter darauf. »Du kannst aufhören, mich zu hassen.
Sie werden mich töten. Du wirst es nicht verhindern. Und dann verzeih mir.
Das ist meine Buße. Doch jetzt geh. Ich will nicht, dass du mich sterben
siehst. Bitte. Geh!«
Doch Hodicea ging nicht, wich seinen Augen nicht aus, starrte ihn unentwegt
an, zeigte ihm so, dass sie bei ihm war. Sie sah nicht weg, als ihr Vater
die schwere Axt nahm und ihm den Kopf abschlug. Sie hatte begriffen, dass er
sie mit seinem Tod um Verzeihung bat. Um Verzeihung für den Mord an ihren
Schwestern.
Ballomarius packte Longinus’ abgetrennten Kopf an den Haaren und hielt ihn
hoch. »Das römische Hundepack denkt doch tatsächlich, sie könnten uns
befehlen. Wären sie auf unsere Forderungen eingegangen, hätten wir sie
ziehen lassen. Jetzt werden sie ihre Schlacht bekommen!«
Die Umstehenden trommelte mit ihren Äxten und Schwertern auf den Boden.
Hodicea wandte sich ab und eilte zu ihrer Behausung. Die Entscheidung, ob
sie zu Berane gehen sollte, hatte man ihr gerade abgenommen.
Sie legte ohne Hast ihre Kampfausrüstung an und band sich das Haar zu einem
Zopf zusammen, zog mehrmals daran, um zu testen, ob der doppelte Knoten
hielt. Dann schob sie sich Freias Armreifen über die Handgelenke und nahm
einen Kohlestift, mit dem sie sich rituelle Symbole auf Stirn und Wangen
zeichnete, ihre Augen schwarz umrandete.
Fertig gerüstet, trat sie zu den Männern auf den Vorplatz. Sie war nicht die
einzige Frau. 20 andere hatten sich mit ihr zusammengefunden. Alle warteten
auf Ballomarius’ Kommando.
Als es kam, setzte sich der Trupp in Bewegung.
~~~
Maximus stand früh auf, marschierte über das gerodete Schlachtfeld,
verschaffte sich einen genauen Überblick über die Gegebenheiten, inspizierte
die Truppen und Waffen, ließ dabei die Katapulte neu ausrichten. Quintus
würde sich darüber beschweren. Doch war die Entfernung zu kurz gewählt,
trafen sie die eigenen Leute. War sie zu weit, flogen die mit brennendem
Teer gefüllten Tontöpfe über die Köpfe der Gegner hinweg. Das musste einem
erfahrenen Soldaten wie Quintus einleuchten.
Mit Marcus Aurelius hatte er am gestrigen Abend gesprochen. Heute am Morgen
suchte er ihn nicht auf. Er wollte nicht den Schmerz in den Augen des
Kaisers sehen. Die Sorge um seinen väterlichen Freund würde ihn nur
ablenken.
Dann kehrte der Tribun in sein Zelt zurück, schlang hastig den warmen
Haferbrei herunter, den Cicero ihm servierte. Er aß nie viel vor einem
Kampf. Zu gutes Essen ließ ihn träge werden.
Zu einem kurzen Gebet zog er sich in seine Privaträume zurück, hielt die
kleinen Holzfiguren lange in seinen Händen und streichelte über die
Konturen. »Allmächtiger Vater, beschütze meine Frau und meinen Sohn. Egal,
was mit mir geschieht, sorge dafür, dass es ihnen an nichts mangelt.« Er
küsste beide, stellte sie in den Schrein zurück, blies die Kerzen aus und
schloss die Türen.
Danach überprüfte er seine Rüstung und sein Schwert. Der Waffenschmied hatte
die Klinge geschärft. Selbst ein Haar würde man damit durchtrennen können.
Fleisch und Knochen allemal.
Cicero hatte sich um seinen Hengst gekümmert, ihm das Zaumzeug angelegt.
Maximus tätschelte ihm die Nüstern und machte sich auf den Weg zur Front.
Lange stand er neben Quintus und starrte auf den Wald. Longinus sollte
längst zurück sein. Dass er es nicht war, war kein gutes Zeichen. Und es
verschlechterte sich noch, als ein stämmiger Germane erschien und ihnen
verspottend den abgetrennten Kopf ihres Boten zuwarf. Der Kampf war
unausweichlich.
Maximus sog scharf die Luft ein, schwang sich auf seinen Hengst und begab
sich den Hügel hinauf zu seiner berittenen Einheit. Er sah sich nicht um,
doch wusste er, der Kaiser war hier. Bewacht von den Prätorianern würde er
die Schlacht beobachten.
Kurz sprach er seinen Männern Mut zu, scherzte mit ihnen. Sie waren genauso
nervös wie er. Keiner konnte sagen, ob er den Kampf überleben würde. Ein
Tanz mit dem Schicksal. Eine falsche Entscheidung und alles war in einer
Sekunde vorbei.
Seine Gedanken schweiften wieder zu Selene und Claudius. Das gab ihm die
Kraft, die er brauchte. Er konnte diese Welt nicht verlassen, ohne mit
seinem Sohn gespielt und seine Frau in den Armen gehalten zu haben.
Er gab den Befehl, ließ die Soldaten die Angriffsformation einnehmen. Sobald
das Zeichen von Quintus kam, würden sie losschlagen. Das Pferd unter ihm
tänzelte, spürte die Anspannung seines Reiters. Er klopfte dem Hengst auf
den Hals und sprach beruhigend auf ihn ein.
Dann kam das Zeichen und die Hölle brach los.
~~~
Hodicea hielt das Schwert kampfbereit in der Hand. Ihr Gesicht war ernst. Es
gab kein Zurück mehr. Sie versuchte, ihren Geist zu leeren, sich durch
nichts beeinflussen zu lassen. Bei den Schwestern hatte sie gelernt, wie man
das machte. Es wirkte. Die Sorge um Berane verschwand aus ihrem Kopf. Doch
in ihrem Herzen blieb sie allgegenwärtig.
Sie folgte ihren Stammesbrüdern den Hügel hinunter. Aus ihrer Position
konnte sie nicht viel vom Geschehen unten im Talkessel erkennen. Sie starrte
nur auf die Rücken ihrer Vormänner. Aber sie konnte es hören. Ein Geräusch,
das ihr mittlerweile so vertraut war wie das Atmen selbst. Hörner. Die
Schlacht begann. Es war die dritte, an der sie teilnahm. Die Göttin würde
sie leiten. Ihr Schicksal lag in Freias Hand.
Hodicea sog tief die Luft ein. Sie war erfüllt von Geruch unentrinnbarem
Todes. Sie vernahm das Kriegsgebrüll, das Wiehern von Pferden und das
Geräusch von Schwert- und Axtklingen, die aneinander schlugen. Sie roch das
Blut in der Luft. Doch war sie unfähig, sich zu bewegen. Sie stand einfach
da, erstarrt mit dem Schwert in der linken Hand.
Die Römer schnitten die germanischen Kriegstruppen in zwei Teile. Wie aus
dem Nichts tauchten berittene Soldaten aus dem Wald hinter ihnen auf,
brüllten ihren Schlachtruf heraus und trieben die Markomannen auf den Wall
aus Speeren und Schilden der Fußtruppen zu. Schwerter sausten hernieder,
trennten Köpfe ab, spalteten sie entzwei. Blut spritze in alle Richtungen
und vermischte sich mit der Erde. Der Boden färbte sich rot.
Die völlig verwirrten Markomannen versuchten ihre Stellungen zu halten. Aber
es war unmöglich. Von allen Seiten strömten die Reiter und Fußsoldaten auf
sie ein. Ein junger Krieger – Hodicea erinnerte sich, sein Name war Karnwulf
– stürmte auf die berittenen Feinde zu. Er ließ sein Schwert im Bogen
kreisen und holte dabei zwei der Soldaten von ihren Pferden. Die anderen
schöpften durch seinen Mut neue Kraft und wehrten sich, schafften sich
wieder Raum. Sie stießen mit ihren Schwerter zu, schlugen Arme und Beine ab.
Die Verwundeten am Boden wurden ohne Gnade von den Pferdehufen zertrampelt.
Kehlen wurden aufgeschlitzt.
Einer der Römer sank vor Hodicea in die Knie und versuchte, seine Gedärme
davor zu bewahren, aus seinem Leib zu quellen. Sein Gesicht zeigte das
Wissen seines nahenden Todes. Dann kippte er um und blieb zu ihren Füßen im
Dreck liegen.
Der gegnerische Kommandant verteidigte sich gegen Karnwulfs Angriff. Sein
Pferd strauchelte und stürzte zu Boden. Dabei begrub es seinen Reiter fast
unter sich. Doch er kämpfte sich frei, kam in Windeseile wieder auf die
Beine, ging zum Gegenangriff über. Mit einem einzigen Hieb spaltete er
Karnwulf fast vom Kopf bis zu den Füßen.
Das Gefecht wurde jetzt zu einem einzigen Gemetzel.
Hodicea fasste ihr Schwert mit beiden Händen und stürmte mit einem
Schrei voran. Der Römer hatte beim Sturz seinen Helm verloren, sein dunkles
Haar klebte an seinem Kopf. Blut und Dreck verkrusteten sein Gesicht. Er sah
sich um, versuchte, sich zu orientieren. Sie erblickte sein Gesicht und
wurde von einem Hammerschlag getroffen.
Stöhnend wollte sie zusammenbrechen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht
mehr. Er lief einfach weiter. Wieso musste sie ausgerechnet jetzt eines
ihrer Gesichte überfallen?
Hodicea sah diesen Mann vor sich, erinnerte sich, dass der Kaiser ihn
Maximus genannt hatte. Er hatte Berane im Arm, ruhte eng umschlungen mit ihr
auf ihrem Lager in der Höhle. Er war der Verletzte, den ihre Freundin
pflegen würde und er war auch derselbe Mann, mit dem sie im See baden würde.
Warum hatte sie das nicht früher erkannt? Als sie sich das erste Mal
begegnet waren? Warum hatten die Bilder sich ihr damals verschlossen? War
das Schicksal wählerisch geworden?
Sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken.
Eine neue Szene tauchte auf. Maximus und Berane befanden sich auf einem
großen, mit Sand bedeckten, Platz. Eine riesige Wolfsstatue warf ihren
Schatten auf sie. Schmerz durchzuckte Hodicea. Das Bild verschwamm, ließ
sich nicht mehr greifen. Sie stöhnte auf und öffnete die Augen. Der Römer
stand vor ihr. Die Spitze seines Schwertes steckte in ihrer Brust.
~~~
Maximus starrte entgeistert auf seine Hände,
sah, wie sie den Schwertknauf hielten, wanderte die Klinge entlang und blieb
an der Gestalt hängen, die er mit seiner Waffe aufgespießt hatte. Er wusste,
dass bei den Germanen auch Frauen mit in die Schlacht zogen. Aber er war
noch keiner dabei begegnet, hatte sich immer darüber erleichtert gefühlt.
Auch wenn sie kämpfen konnten, blieben sie dennoch Frauen. Schon als kleiner
Junge hatte ihm sein Vater eingebleut, das weibliche Geschlecht zu achten.
Er hatte sich immer daran gehalten. Und nun hatte er einer von ihnen Gewalt
angetan. Schlimmer noch. Er hatte sie getötet.
Er zog die Klinge aus ihrer Brust. Sie taumelte gegen ihn. Er fing sie auf,
sank mit ihr zu Boden, hielt sie in seinen Armen. Auf ihr Gesicht waren
fremdartige Symbole gezeichnet. Die Augen hatte sie sich schwarz umrandet.
Deshalb hatte er sie nicht sofort erkannt. Doch jetzt wurden die Züge unter
der verlaufenden Farbe sichtbar. Nur einmal waren sie sich begegnet, doch
hatte er sie nicht vergessen. Sie und ihren Mut, dem Kaiser direkt in die
Augen zu sehen. Hodicea, Tochter des Markomannen Ballomarius.
Maximus kämpfte mit den Tränen. »Es tut mir leid«, flüsterte er. »Mögen die
Götter mir vergeben.«
Sie schüttelte den Kopf, tauchte die Finger in ihr Blut und streckte sie
nach seinem Gesicht aus. Er wich instinktiv zurück. Ihr Blick flehte ihn an.
Er zögerte. Sie versuchte etwas zu sagen, hustete. »Freia vergibt dir«,
keuchte sie dann auf Latein und streckte erneut die Hand nach ihm aus. In
ihren Augen lag kein Hass, keine Wut. Sie versuchte sogar zu lächeln.
Diesmal hielt er still, während Hodicea mit zittrigen Fingern etwas auf
seine Stirn malte und mit schwindender Stimme auf Germanisch vor sich hin
murmelte.
Maximus sah sie betroffen an, wollte ihr antworten, konnte es aber nicht.
Sie würde ihn genauso wenig verstehen, wie er sie verstanden hatte. Statt
dessen packte er ihre Hand, drückte sie, hielt sie fest, begleitete sie bei
ihren letzten Atemzügen. Als sich Hodicea in seinen Armen nicht mehr
bewegte, legte er sie behutsam auf den Boden und schloss ihre Lider.
Was hatte sie gesagt, bevor sie starb? Hätte er gelächelt, wenn er gewusst
hätte, dass es seine Worte waren? Dieselben Worte, mit denen er seinen
Männern vor der Schlacht Mut gemacht hatte?
Was immer wir in unserem
Leben tun,
wird in der Ewigkeit Bedeutung erhalten.
What we do in life echoes
in eternity.
ENDE
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