Vorwort der Autorin:

Die Idee zur nachfolgenden Geschichte, drückte mir schon lange aufs Gemüt. So ungefähr seit Herbst letzten Jahres.
Obwohl ich eigentlich, wenn ich mich recht entsinne, nie über einen Spanier mit Namen Maximus Decimus Meridius schreiben wollte.
Aber es kommt immer anders, als man denkt.
Angefangen hat alles mit Meralunas »Im Schatten der Wölfin«. Keine Angst, ich werde jetzt keine Beweihräucherung betreiben, nur weil sie zufällig eine sehr gute Freundin von mir ist. Das haben weder sie noch ich nötig.
Es geht um den simplen Fakt, dass diese Geschichte existiert und ich Berane ins Herz geschlossen habe. Mit ihrer Erlaubnis habe ich mir diesen Charakter nun ausgeborgt.
Auch wenn »Freias Tochter« eine eigenständige Story ist, könnte man sie dennoch als eine Art Prequel zu Meralunas Epos betrachten. Ihr müsst ISDW nicht gelesen haben, um mich zu verstehen, aber hilfreich wäre es bei ein paar Sequenzen schon. Wo wir mal wieder zu dem Thema kommen: Eine Hand wäscht die andere.
Ich habe »Nightwish« gelauscht, die ihm übrigen ziemliche Gladiator Fans sind - was man an der Musik immer mehr merkt (kleiner augenzwinkender Tipp: hört ruhig mal rein) -  und ließ meiner Inspiration freien Lauf.
Ich versuche, Dinge zu beleuchten, die mich interessieren. Zum Beispiel: Wie war es, als Maximus nach Germanien kam? Warum wurde er dorthin beordert? Was machten die Germanen zu der Zeit? Was ist passiert mit ihm und Berane, bevor wir die Schlacht zu sehen bekommen? Da hört meine Story nämlich auf.  Obwohl ich mich, was Berane betrifft, sehr bedeckt halte. Sie ist nun mal nicht meine Erfindung. Okay, das ist ein gewisser Herr Meridius auch nicht. Aber da ich leider Ridley Scotts Telefonnummer verlegt habe... Ich denke, es ist schon in Ordnung, was ich mit ihm veranstalte. :o)
Ich werdet merken, dass ich auf sehr mystischen Pfaden wandele und mit Pathos nur so um mich schmeiße. Aber das ist ein Film wie Gladiator nun mal. Pathos.
Aber jetzt will ich mal mit meinem Gelabere aufhören und euch viel Spaß beim Lesen wünschen.

                             Caelin

 

Freias Tochter

 

Bald werde ich nicht mehr hier sein.
Aber ihr werdet meine Geschichte dennoch hören.
Durch mein Blut.
Durch meinen Stamm.
Dort, wo die Falken sich in die Lüfte erheben.
Dort, wo die Wölfe im Dunkeln heulen.

 Ich wandere die Straße zum Horizont entlang.
Folge einer Spur aus Tränen.
Einst waren wir mächtig.
Lebten hier, seit dem Beginn der Welt.
Unsere Seelen waren hier, lange bevor ihr kamt.
Und sie werden noch lange, nachdem euer Stolz euer Ende herbeigeführt hat, hier sein.

 

Germanien
Im Winter 176 u. Z.

Es war kalt. Sie fror. Dennoch lief sie unbeirrt weiter, drehte sich nicht um. Schnee rieselte auf ihr Haar, eisiger Wind umstürmte sie. Sie zog den Umhang enger, setzte einen Fuß vor den anderen. Keine Menschenseele weit und breit. Nur die Sterne über ihr. Sie zu leiten. Sie zu schützen in dieser Winternacht.
Wie in Trance streckte Hodicea die Hand aus, betrachtete ihre Finger. Ihr Blick glitt hinab zu ihren Handgelenken, blieb an den goldenen Armreifen hängen. Zeichen ihres Standes, Zeichen ihrer Berufung.
Nichts existierte mehr davon.
Als ihr das mit einem Schlag bewusst wurde, begann sie zu schluchzen, sank kraftlos zu Boden, rollte sich zu einer Kugel zusammen, während sie die Hände an ihren Kopf presste.
Die Erinnerungen zogen an ihren Augen vorbei.

Wintersonnenwende.
Der Hain.
Der Zirkel der Schwestern.
Fackeln.
Weihrauch.
Gesang.

Dann...

Schreie.
Pferdehufe.
Blut.
Schwelendes Holz.
Der Geruch verbrannten Fleisches in der Luft.
Tod.

Sie nahm kaum wahr, dass eine Hand sie an der Schulter berührte. Als jemand sie vorsichtig umdrehte, stieß sie einen heiseren Schrei aus, starrte in das Antlitz ihres Gegenübers.
Eine Frau, in ein Hirschfell gewickelt. Sie legte es ab und breitete es um die frierende Gestalt. »Ruhig, Schwester«, murmelte sie. »Komm mit mir.«
»Wer bist du?« hauchte Hodicea.
Die Frau lächelte. »Erkennst du mich nicht? Ich bin es, Berane.«
Hodicea streckte die Hand aus, fuhr die Konturen von Beranes Gesicht nach. »Bist du es wirklich? Oder ist es nur ein Traum, den mir die Göttin schickt, um mir das Sterben angenehmer zu machen?«
»Kein Traum. Und sterben wirst du nicht. Nicht solange ich ein Wörtchen dabei mitzureden habe.« Berane zog Hodicea hoch. »Komm. Wir müssen fort von hier.«
Stolpernd bewegten sie sich, überquerten eine Handelsstraße und verschmolzen mit dem Dickicht des Waldes.
»Wie hast du mich gefunden?« wollte Hodicea wissen.
»Wir reden später, Schwesterchen. Erst einmal musst du ins Warme.«
Sie krochen über Felsen und Gestrüpp, stützen sich an Bäumen ab, bis sie Beranes Höhle erreichten.
Hodicea ließ sich auf das Lager aus Fellen fallen, sah ihrer Freundin dabei zu, wie sie Holz in das Feuer nachlegte und einen Topf über die Kochstelle hängte.
Dann kam sie zu ihr, kniete vor ihr nieder. »Zieh die Sachen aus. Sie sind vollkommen durchnäßt. Wickle dich in die Fälle ein.«
Hodicea richtete sich auf, tat wie ihr geheißen.
Berane hielt ihr einen Becher an den Mund. »Trink. Es wird dir helfen.«
Hodicea nahm einen kräftigen Schluck des starken Gebräus, wischte sich über den Mund und sah sich staunend um. »Ist das unsere alte Höhle?«
Berane nickte. »Ja, das ist jetzt mein Heim. Ich gehe kaum noch ins Dorf«, erwiderte sie, schlug das Fell zurück. »Lass mich deine Füße ansehen.« Sie tastete an Hodiceas Zehen herum, wobei diese aufschrie. »Ganz ruhig. Schmerz ist gut. Sie sind nicht erfroren.« Aus einem Topf nahm sie mit den Fingern eine nach Kräutern duftende Masse auf, schmierte sie auf Hodiceas wunde Füße, wickelte ein sauberes Tuch darum. »Sag mir, wo wolltest du mitten in der Nacht hin? Warum hast du den Hain verlassen?«
Hodicea ließ sich in die Felle sinken, schloss die Augen. Tränen quollen unter den geschlossenen Lidern hervor. »Sie sind tot. Alle tot«, flüsterte sie. »Die Römer kamen bei der Abenddämmerung. Wir waren beim Wintersonnenwend-Ritual, wollten gerade das Opfer darbringen. Sie stürmten den Hain, metzelten alle nieder. Cairis stellte sich ihnen in den Weg. Unbewaffnet. Bat um Frieden.« Sie stöhnte auf. »Er hat ihr einfach den Kopf abgeschlagen. Blut. Überall war Blut.«
Erst jetzt bemerkte Berane die roten Flecken an Hodiceas Kleidung, die diese ausgezogen und achtlos auf den Boden geworfen hatte. Sie griff nach dem Stoff, presste ihn an ihre Brust. »Tufa«, hauchte sie, kämpfte mit den Tränen.
Hodicea nickte. »Er hat Cairis getötet. Dieses widerliche Tier.«
»Und warum lebst du dann noch?« Berane wischte sich die Tränen von den Wangen.
»Longinus«, erwiderte Hodicea.
»Longinus?«
»Einer von Tufas Soldaten. Er war schon unter Fronto hier, trat oft als Vermittler ein. So lernte ich ihn kennen. Ich dachte, er wäre anders, aber ich täuschte mich. Er spricht von Frieden und Freiheit und ist doch nichts weiter als ein grausamer Schlächter. Genau wie sein jetziger General.« Sie schniefte. »Longinus hat mich gerettet. Während seine Männer meine Schwestern ermordeten, brachte er mich fort, wollte dass ich bei ihm bleibe. Ich habe ihn mit seinem Messer angegriffen und bin in den Wald geflohen. Hat er gedacht, ich wäre dankbar dafür, dass er mein Leben verschonte?« Hodicea schüttelte den Kopf. »Er hätte mich zusammen mit ihnen erschlagen sollen. Seinen Verrat werde ich ihm nie verzeihen.«
»Schlaf jetzt. Du brauchst Ruhe.« Berane strich ihr über das blasse Gesicht. »Der Morgen ist klüger als der Abend.«

~~~ 

Als Hodicea erwachte, war sie allein. Sie wusste nicht, welcher Tag war, wie lange sie geschlafen hatte. Spielte es eine Rolle? Langsam wühlte sie sich aus den Fellen und kroch auf dem Boden herum, suchte nach passender Kleidung.
Berane war größer als sie. Das war sie immer schon gewesen, aber nackt konnte sie bei diesen Temperaturen nicht herumlaufen. Also krempelte sie die Ärmel des Hemdes und die Beine der Hose hoch, zog die Lappen von ihren Füßen und wackelte mit den Zehen. Sie fühlten sich ganz normal an. Die Salbe hatte geholfen. Hodicea setzte sich wieder auf das Fell, schlüpfte in ihre Schuhe und schlang die Lederbänder um ihre Waden.
Als sie aus der Höhle trat, wurde sie von der gleißenden Wintersonne geblendet. Sie spiegelte sich auf dem Schnee und ließ Hodicea blinzeln. Hastig kletterte sie von Felsen herunter, umrundete ihn und erleichterte sich. Dann ging sie ein paar Schritte davon weg, nahm Schnee in ihre Hände und rubbelte sich damit über Gesicht und Nacken. Die Kälte ließ sie die Zähne zusammenbeißen, verscheuchte endgültig den Schlaf aus ihren Knochen.
Konnte sie es wagen, nach Berane zu rufen? Sie entschied sich dagegen und ging vorsichtig zur Höhle zurück. Die kahlen Sträucher zu ihrer Linken raschelten. Hodicea zuckte zusammen. Dann entspannte sie sich, als Berane zu ihr herantrat, einen Hasen in der Hand.
Mit barschen Worten scheuchte sie ihre Freundin zurück in die Höhle, schimpfte, dass sie ihr Krankenlager verlassen hatte.
»Es geht mir gut«, widersprach Hodicea, beäugte den Hasen.
»Fallen«, erklärte Berane. »Wenn die Göttin nicht wollte, dass ich Nahrung habe, würde sie die Tiere nicht zu mir schicken.«
»Du hast noch immer Gesichte, oder?« wollte Hodicea wissen.
»Nicht oft. Aber manchmal.« Berane streute ein paar Kräuter in den Kochtopf.
»Hast du mich so gefunden? War es letzte Nacht?« Hodicea legte den Kopf schief.
Berane nickte. »Es war letzte Nacht. Ein Traum weckte mich auf. Ich zog mich an und folgte der Spur. Dann lagst du vor mir im Schnee.«
»Warum bist du damals nicht mit mir gekommen?«
»Zu den Schwestern?« Berane zuckte die Schultern. »Alles, was ich wissen musste, habe ich von meiner Mutter gelernt. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie es gern gesehen. Aber mein Vater hatte anderes im Sinn. Ein Verbindung zu Baldurs Stamm war ihm wichtiger, als die Ehre, sein Kind dem Hain zu weihen.«
»Bereust du es heute?«
»Nein.« Die Antwort war fest und ohne Zögern gekommen. »Ich bin, wer ich bin. Ich bereue mein Leben nicht. Bereust du deines denn?« Sie sah Hodicea an.
»Nein«, erwiderte diese ebenso kurz und setzte sich neben der Kochstelle auf den Boden, ergriff ein Messer und begann, den Hasen auszuweiden. »Ich werde zurück zu meinem Stamm gehen«, sagte sie nach einer Weile.
Berane nahm ihr den Hasen ab. »Hältst du das für klug?«
»Es ist die einzige Familie, die ich noch habe.«
»Du könntest auch hier bleiben. Mir wärst du willkommen.«
Hodicea lächelte. »Ich weiß. Aber ich kann nicht. Nicht in diesem Leben.« Sie stand auf und ging zu einer der Wände. Mehrere Schwerter lehnten dort. Sie nahm eins in die Hand, schwang es gekonnt durch die Luft. »Auch das ist ein Teil von mir. Und diesen Teil werde ich meinem Stamm geben. Mein Schicksal liegt in der Hand der Göttin. Sie hat mich verschont, um mir den Weg zu zeigen. Als du letzte Nacht sagtest, ich würde nicht sterben, wusste ich, es ist die Wahrheit. Ich muss leben.«
»Um der Rache willen?« Berane marschierte zu Hodicea, umklammerte den Griff des Schwertes, zwang ihre Freundin, die Klinge zu senken. »Rache ist der falsche Weg.«
»Wäre Gerechtigkeit ein besserer Grund für dich?« Hodicea ließ das Schwert los, packte Berane bei den Schultern. »Hast du vergessen, was sie dir angetan haben? Du hast deinen Vater verloren, deinen Verlobten.«
»Sie sind für das gestorben, an das sie glaubten.« Berane stieß Hodicea weg, warf das Schwert zu Boden.
»Und woran glaubst du?« forderte ihre Freundin sie heraus. »Ich habe im Hain gelebt, verbunden mit der Welt. Jede von den Schwestern wusste immer, was geschah. Und ich bin nicht die einzige, die bereit war zu kämpfen. Cairis wollte es nicht. Sie hielt uns davon ab. Du erinnerst mich an sie. Frieden ist ehrenhaft. Aber manchmal muss man erst den Boden mit Blut tränken, um ihn zu bekommen.«
»Das ist die Sprache der Römer. Nicht die unsere.« Seufzend setzte Berane sich auf einen Hocker. »Du willst wissen, woran ich glaube? Ich werde es dir sagen. Ich glaube an das Leben. Jegliches Leben, das die Götter geschaffen haben.« Sie hob die Hände, betrachtete sie. »Ich bin eine Heilerin.«
»Und die Schwerter?«
»Ich fand sie im Wald. Überreste der Schlachten. Irgendwann kann man sie vielleicht einschmelzen.«
»Um was daraus zu machen? Rechen für einen Pflug?« spie ihr Hodicea entgegen. »Solange die Römer hier sind, werden wir keine Zeit haben, Felder zu bestellen. Wach endlich auf!«
»Nennst du mich weltfremd?« brauste nun auch Berane auf. »Ich habe die Verletzen gesehen. Ich habe ihre Wunden gewaschen, sie mit Kräutern behandelt und gepflegt. Ich habe bei ihnen gewacht und ihre Hand gehalten, wenn sie starben. Hast du jemals in die Augen eines Sterbenden gesehen?« Sie schnaubte. »Du bist ein törichtes, kleines Kind und weißt nicht, was du redest!«
Hodicea ließ die Schultern hängen, schniefte. »Warum streiten wir, Schwester?« fragte sie leise. »Du hast recht. Es ist die Zeit beieinander zu stehen. Verzeih mir.«
Berane streckte ihr versöhnlich eine Hand hin. »Wir waren schon als Kinder gegensätzlicher Natur. Gerade darum waren wir Freundinnen. Ich will nicht glauben, dass all das von damals verschwunden ist. Wir haben viel gelacht, weiß du noch?«
Hodicea kniete vor ihr nieder, presste Beranes Hand an ihre Wange. »Ja, ich weiß es noch. Wir jagten uns gegenseitig durch den Wald, badeten im See.« Sie hob den Kopf. »Gehst du noch manchmal dorthin? Ich war schon Jahre nicht mehr da.«
»Sobald das Wetter aufklart, schwimme ich in den Fluten. Oft habe ich dabei an dich gedacht. Ich habe dich nie vergessen. Wie lange ist es jetzt her? 10 Jahre?«
»12«, sagte Hodicea leise.
»12 Jahre. Eine lange Zeit.« Berane drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. »Wenn du zu deinem Stamm gehen willst, dann werde ich dich nicht aufhalten. Doch warte, bis es Frühling ist.«
Hodicea nickte. »Ich werde warten, Schwester.«

 

Im Frühjahr 177 u. Z.

Tufa war verärgert. Und wenn er verärgert war, verhieß das meist nichts Gutes. Wie eine Raubkatze spazierte er vor der Feuerstelle hin und her. Kein Wort hatte er gesprochen, doch Longinus konnte sehen, wie die Ader an seinem Hals bedrohlich pulsierte. Er würde jedem Moment explodieren. Als er es nicht tat, breitete sich große Unruhe im Kommandanten  der Leibgarde des Generals aus. Wenn Tufa brüllte und tobte, dabei die Einrichtung seines Zeltes zertrümmerte, versetzte er die Umstehenden in Schrecken. Aber er beruhigte sich meist auch genauso schnell wieder, wie er aufgebraust war. Doch dieses stille Wüten war gefährlicher als die Spitze eines Schwertes.
Tufa deutete auf ein Schreiben auf dem Tisch. »Nun gut«, sagte er leise. »Hat sich der Kaiser also in den Kopf gesetzt, mich ablösen zu wollen.«
»Ablösen?« Longinus’ Herz machte einen Sprung. Äußerlich behielt er die steinerne Miene bei. Sollte es wirklich möglich sein? Hatte Marcus Aurelius seinen Worten endlich Glauben geschenkt und sich entschlossen, einen passenden Ersatz für Marcus Gravianus Tufa nach Germanien zu schicken? Er hatte lange gezögert, dem Kaiser davon zu berichten, wie Tufa hier die Menschlichkeit mit Füßen trat. Kriege waren hart, aber man musste dabei keine unnötigen Gemetzel veranstalten. Wie gern wäre damals unter dem Kommando von Marcus Claudius Fronto geblieben und mit ihm zurück nach Rom gegangen. Aber da er den Dialekt der hier ansässigen Stämme sprach - immerhin war er damals schon seit 5 Jahren in Germanien gewesen - und schon oft als Vermittler fungiert hatte, hatte der Kaiser ihn Tufa unterstellt. Einem Emporkömmling, der es mit Zwietracht geschafft hatte, sich Ruhm und Ehre zu erschleichen. Auch wenn dieser Ruhm auf der Ermordung von unschuldigen Frauen und Kindern basierte. Er verabscheute diesen Mann. Longinus erinnerte sich an ihr erstes Treffen. Ein weinseeliger Tufa hatte ein vielleicht fünfzehnjähriges Mädchen auf dem Schoß, befingerte sie eifrig und ließ sich nebenbei dazu herab, ein paar Worte mit seinem Kommandanten zu wechseln.
»Weißt du, wen sie herschicken werden?« frotzelte Tufa. »Maximus Decimus Meridius, den Sohn eines spanischen Weinbauern. Als ob er etwas davon verstünde, die Germanen im Zaum zu halten. Der Kaiser muss wahnsinnig geworden sein.«
»Marcus«, wagte es Longinus einzugreifen. »Sprich nicht so, das ist Hochverrat!«
»Hochverrat ist es, was sie an mir begehen«, schnaubte der General. »Nur mir hat es Rom zu verdanken, dass die Germanen hinter die Danubia zurückgewichen sind. Mir hat es zu verdanken, dass es die Allmacht hier halten kann.« Er drehte sich zur Zeltwand, fixierte sie und wippte auf seinen Ballen auf und ab. »Wenn ich doch nur wüsste, wem ich das zu verdanken habe.«
Longinus wusste es. Aber er wusste auch, dass er niemals in Verdacht geraten würde. Wenn sich Tufa eines Mannes sicher war, dann seiner.
»Kennst du diesen Meridius?« fragte er vorsichtig.
Tufa schnaubte. »Ein Bauernbursche, der dem Kaiser nach dem Mund redet und sich so dessen Gunst erschlichen hat.«
Longinus erwiderte nichts. Er hatte diesen “Bauernburschen”, wie Tufa ihn nannte, nie persönlich getroffen, aber er hatte von ihm gehört. Und das nur Gutes. Fronto hatte einmal von ihm gesprochen, ihn einen ehrenhaften Mann genannt. Er hatte bereits Truppen im Taunus befehligt, dabei einen Sieg bei Mogontiacum errungen, als er einen Aufstand der Chatten niederschlug. Er war bei weitem kein dummer Junge.
»Sie sind zwei Tagesritte von hier entfernt.« Ein Lächeln bereitete sich auf Tufas Gesicht aus. »Dann wollen wir Meridius mal gebührend willkommen heißen.«
»Was ist dein Plan?« Longinus wurde argwöhnisch.
»Rüste deinen Trupp. Reitet in das Dorf. Fünf Männer und fünf Frauen sollten genügen. Statuiert ein Exempel an ihnen. Wenn ich schon abgelöst werde, dann werde ich alles Nötige tun, um dem neuen General nur einen Haufen Scherben zu hinterlassen.« Er lachte auf.
Longinus schluckte. Hin- und her gerissen verharrte er schweigend. Er wusste, er durfte sich nicht weigern. Tat er es, fiel er in Ungnade, würde seinen Posten einbüßen und ein anderer würde den Auftrag ausführen. Zwei Tage noch. Bis dahin würde er die Zeit nicht schinden können. Also senkte er gehorsam den Kopf. »Ja, mein General«, erwiderte er und verschwand mit zusammengekniffenen Lippen aus dem Zelt. Er würde nicht umhinkönnen, Leben zu vergeuden, Blut zu vergießen. Aber wenn er es schon tun musste, dann würde er Milde walten lassen. Er würde Alte und Gebrechliche opfern, denn Tufa hatte nicht darauf bestanden, sich junge Menschen auszusuchen.

~~~

Sie stand auf der von der spärlichen Morgensonne beschienen Lichtung, hatte die Augen geschlossen und das Antlitz in den Himmel gereckt, lauschte dem Rauschen der Blätter. Der Wind wehte rau, jagte loses Laub über den Boden, umwirbelte sie damit. Doch sie verharrte reglos, ließ es geschehen, obwohl sie in dem dünnen Gewand bereits zu frieren begann. Aber sie hatte keine Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Im Grunde hatte sie überhaupt keine Zeit. Wenn sie das Ritual jetzt nicht vollführte, war es zu spät. Doch wenn sie jemand dabei beobachtete...
Seit die Römer hierher gekommen waren, hatte sich alles verändert. Sie besetzten ihr Land, rissen die Früchte ihrer Ernte an sich und verbaten ihnen, ihren Göttern zu dienen.
Es hatte Aufstände gegeben. Erfolglos. Tote. Unendlich viele Tote.
Deshalb war sie hierher gekommen. Sie wollte Freia ein Opfer bringen und um Frieden bitten.
Verstohlen blickte sie sich um, versuchte, das Dunkel des Waldes zu durchdringen. Außer einem Finken, der sich von einem Zweig abstieß und in den Himmel schwebte, sah sie kein anderes Lebewesen. Sie war allein. 
Hodicea seufzte. Dann bückte sie sich und griff nach dem Beutel, der zu ihren Füßen im Gras lag. Etwas darin strampelte. Sie löste die Schnüre, fasste hinein und zog einen Hasen hinaus. Am Nacken hielt sie ihn fest, ging sicheren Schrittes auf den Steinaltar zu, den ihre Vorfahren vor langer Zeit unter der Eiche errichtet hatten. Das Tier in ihren Händen schien sein Schicksal zu erahnen. Es strampelte energischer. Doch die sie ließ nicht los. Dennoch legte sie den Hasen behutsam auf den Stein. Er war unschuldig. Doch war es immer das Blut von Unschuldigen, das in unsäglichen Kriegen vergossen wurde. Mit einer Hand drückte sie das Tier auf die obere Platte, die von zwei Findlingen gestützt wurde, mit der anderen zog sie ihren Dolch aus dem Gürtel.
Dunkle Flecke überzogen den wettergegerbten Stein, zeugten von all den anderen Opfern zuvor. Fast spürte sie so etwas wie Mitleid. Doch sie durfte nicht zögern. Sie machte mit dem Dolch ein segnendes Zeichen in die Luft. Dann durchtrennte sie die Kehle des Hasen. Blut schoss hervor, lief den Altar hinunter.
Hodicea betrachtete die Waffe in ihrer Hand. Ein vereinzelter Sonnenstrahl trat hinter den Bäumen hervor, spiegelte sich in der Klinge. »Dir allmächtige Mutter – gepriesen sei dein Name – dir überbringe ich dieses Opfer. Nimm es dankbar an und lege deine schützende Hand über meinen Stamm. Lass ihn verschont bleiben. Schick uns Frieden. So sei es! So sei es! So sei es!«
Sie kniete nieder, presste ihre Stirn für einen Moment gegen den Stein. Dann wischte sie den Dolch am Gras ab und steckte ihn wieder in ihren Gürtel. Raschen Schrittes ging sie zu der Stelle, an der sie ihren Umhang zurückgelassen hatte. Sie warf ihn sich um und verschmolz nicht wenig später im Dickicht des Waldes.

~~ 

»Tribun!« Die laute Stimme ließ ihn aufsehen. Ein Legionär stand neben einem Steinaltar und winkte ihn zu sich. Maximus Decimus Meridius setzte sich langsam in Bewegung. Seine Rüstung klirrte, als er über den Boden marschierte. Es war früh am Morgen. Tau benetzte seine Stiefel, als das Gras daran entlang strich. Alles war so friedlich hier. Am liebsten wollte er stehen bleiben, die Umgebung betrachten, sie auf sich wirken lassen. Aber dann besann er sich. Was würden die Männer von ihm halten, wenn er jetzt die Arme ausbreitete, sich um sich selbst drehte und lächelte? Sie würden denken, ihr Anführer habe den Verstand verloren.
Er näherte sich Dridius, wartete auf dessen Erklärung. Der Legionär deutete auf den Altar. Maximus konnte den Kadaver darauf erkennen. Ein Hase. Als Opfer dargebracht. Vielleicht vor ein paar Tagen. Die Vögel hatten sich bereits daran zu schaffen gemacht. Viel war nicht mehr übrig. Mit dem Finger kratzte er am Blut auf den Runen herum. Freia. Er erkannte die Zeichen auf dem Stein, war ihnen oft begegnet, hatte sich die Bedeutung eingeprägt. Die Germanen priesen sie als Göttin der Fruchtbarkeit, schrieben ihr aber auch Mut und Grausamkeit in der Schlacht zu. Dies war eine heilige Stätte. Er hatte nicht das Recht, sie zu entweihen.
»Lasst den Kadaver, wo er ist«, sagte er zu Dridius.
Der Legionär gehorchte und entfernte sich, warf dabei einen misstrauischen Blick auf seinen Kommandanten.
Quintus, Maximus’ vertrauenswürdige rechte Hand, schleifte einen in einfaches Leinen gekleideten Mann heran. Er kroch fast im Staub und hörte nicht auf zu katzbuckeln. Über sein Gesicht zog sich eine lange Narbe. Eines der Augen war blind. Das Weiße der Pupille starrte ins Nichts.
Der Tribun zog die Brauen hoch. »Wo hast du ihn gefunden?«
»Er verkroch sich zwischen den Sträuchern und faselt die ganze Zeit etwas davon, dass der Zorn der Götter über ihn gekommen sei.«
Der Einäugige hob flehend die Hände. »Mortis. Mortis«, murmelte er.
Maximus packte ihn am Kragen, zog ihn hoch. Der Mann hatte eine Todesangst. Vielleicht vor ihm. Vielleicht aber auch nicht. Er musste der Sache auf den Grund gehen. »Wo?« fragte er. »Zeig es mir.« Der Mann reagierte nicht. »Demonstrare«, versuchte er es auf Latein.
Das hatte er verstanden, gestikulierte heftig. »Vicus. Dorf.« Er riss sich los und begann zu laufen.
Maximus eilte zu seinem Pferd, stieg auf und ritt ihm hinterher. Er hatte ein vage Ahnung, was ihn erwarten würde. 

~~~

Berane lächelte Hodicea zu, während sie durch das Unterholz krochen. Sie waren seit dem Morgengrauen unterwegs, kontrollierten die Fallen und sammelten Beeren. Ihre Beute baumelte an ihren Gürteln.
Hodicea bückte sich unter einem Strauch hindurch, hielt die Zweige fest, damit sie Berane nicht ins Gesicht schlugen. Vor ihnen erstreckte sich ein See. Sie kamen oft hierher, um zu baden, in der Sonne zu liegen und miteinander zu reden. Die Römer hatten diesen Platz nicht entdeckt, sie waren sicher.
Mit einer Seufzer ließ sich Hodicea auf den Boden sinken, massierte ihre Fußgelenke. Berane lächelte, hielt ihr den Schlauch mit Wasser hin. Schweigend saßen die beiden nebeneinander und starrten auf das Wasser.
»Ich muss dir etwas sagen, aber du darfst nicht wütend werden.« Hodicea spielte mit den Armreifen. »Ich war auf der Lichtung. Vor zwei Tagen. Ich habe zu Freia gebetet und einen Hasen geopfert.«
Berane fuhr hoch. »Hat dich jemand gesehen?«
»Nein.« Hodicea schüttelte den Kopf. »Ich war allein.«
»Ich verstehe dich ja«, meinte Berane sanft. »Aber es ist zu gefährlich. Du hättest vorher mit mir darüber reden sollen.«
Hodicea schmunzelte. »Du hättest mich davon abgehalten. Darum sage ich es dir erst jetzt.«
»Mit gutem Grund. Du weißt, was die Römer mit Menschen machen, die sich ihrem Gebot widersetzen.«
»Ich werde mich von ihnen nicht davon abhalten lassen, zur Göttin zu beten. Genauso wenig, wie ich mich von dir davon abhalten lassen werde, in ihrem Namen zu kämpfen.« Sie setzte sich auf und nahm Beranes Hand. »Lass uns zurück zur Höhle gehen. Es wird bald dunkel.«
Als sie sich erhob, spürte sie auf einmal Kälte in ihren Körper kriechen. Sie starrte auf das ruhige Wasser des Sees. Sie sah einen Mann und eine Frau in den Fluten schwimmen, hörte ihr Lachen und Prusten. Die Frau drehte den Kopf, sah Hodicea an. Die Konturen des Gesichts waren überdeutlich. Es war Berane. Aber der Mann neben ihr, der sie in die Arme nahm und küsste, war ihr vollkommen unbekannt. Sein Haar war kurzgeschnitten. So wie es die Römer trugen. Hodicea blinzelte. Augenblicke später verschwand die Vision.

~~~

Maximus starrte Tufa ins Gesicht. Abscheu war auf dessen Zügen zu lesen. Er war ein Mann, der nie vergaß und auch nie vergab. Schon einmal waren die beiden Offiziere aneinandergeraten. Lange war es her. Trujillo. Meridius hatte dafür gesorgt, dass sein damaliger Vorgesetzter und Freund Gaius Septimus Valens seines Postens enthoben und er zusammen mit ihm zurück nach Rom beordert wurde. Valens wurde nach Germanien strafversetzt, die ganze Angelegenheit vertuscht.  Tufa war in Rom geblieben. Dort hatte er sich im Schutz seiner Familie die Wunden geleckt und nur auf den Tag der Rache gehofft. Sein erster Versuch war fehlgeschlagen. Meridius hatte überlebt. Und jetzt machte er seine Pläne schon wieder zunichte. Tufa kämpfte hart mit der Versuchung, sein Schwert zu ziehen und es seinem Widersacher in den Leib zu stoßen. Aber das war der Spanier nicht wert.
»Ich hoffe, du hattest eine angenehme Reise«, ließ er sich statt dessen herab zu fragen.
»Angenehmer als meine Ankunft hier«, entgegnete Maximus kühl.
Tufa hob eine Braue, tat so, als verstünde er nicht. Er füllte einen Pokal mit Wein, hielt ihn Maximus hin.
Der nahm ihn entgegen und schüttete den Wein ausdruckslos auf den Boden. Ein Faustschlag wäre nicht weniger wirkungsvoll gewesen. »Du hattest deine Befehle. Warum hast du dich widersetzt?« raunte er.
Tufa begriff, woher der Wind wehte. »Sollte ich etwa dem Aufstand tatenlos zusehen?« Er zuckte die Schultern.
»Es war kein Aufstand«, kam es eisig von Maximus. »Womit hätten Sie euch denn angreifen sollen? Mit Steinen? Das Dorf hat euch versorgt, ihr habt gut durch sie gelebt. Das Gemetzel war vollkommen sinnlos. Aufgrund dessen sehe ich mich genötigt, dich unter Arrest zu stellen. Quintus!«
Der Gerufene erschien, 4 Legionäre im Schlepptau. Er nickte leicht. »Tribun.«
»General Tufa steht unter Arrest. Sende einen Boten nach Brigantium. Unterrichte den Kaiser über die Geschehnisse, damit er weiteres veranlassen kann.« Wortlos drehte er sich um und verließ Tufas Zelt, ließ diesen einfach stehen.
Als Maximus sein eigenes Zelt betrat, nahm ihm Cicero den Umhang ab und half ihm aus der Rüstung. Ordentlich plazierte er sie auf dem dazugehörigen Ständer, begann, mit einem Lappen, Staub und Dreck davon abzuwischen.
Maximus warf sich einen Mantel über und schritt durch einen Vorhang in einen abgeteilten Raum. Vor einem grob gezimmerten, hölzernen Schrein fiel er auf die Knie, öffnete die Türen und zündete die Kerzen an. Zwei kleine Figuren waren darin zu sehen. Eine Frau und ein Junge. Selene und Claudius. Stumm sandte er ein Gebet an seine Lieben. Die Zeit mit ihnen war kurz gewesen. Kaum zurück in Trujillo hatte ihn der neue Befehl ereilt. Und der hatte ihn wieder nach Germanien geführt und ihn erneut mit einem Mann zusammentreffen lassen, dem er niemals wieder hatte begegnen wollen.
Tufa war eine Viper. Mit Vorsicht zu genießen. Vor 15 Jahren in Trujillo war er der beste Freund und Saufkumpan des Stadthalters Valens gewesen. Gemeinsam hatten sie ihre Verbrechen geplant und ausgeführt, die Früchte ihrer Niedertracht genossen. Bis ein junger Soldat namens Meridius ihrem Treiben ein Ende bereitete, es wagte, sich ihnen entgegen zu stellen.
Allzu bitter hatten sie nicht dafür bezahlt, kam es Maximus jetzt in den Sinn. Der Einfluß ihrer Familien hatte sie davor gerettet, verbannt zu werden. Doch alte Wunden heilten nie.
Er erinnerte sich an ein Nacht. Nicht lange nach der Aufdeckung ihrer Machenschaften.
Maximus hatte im Kreise seiner Freunde und Kameraden seine Ernennung zum Stadthalter gefeiert. Er war nie auf diesen Posten ausgewesen. Er wollte nur, der Gerechtigkeit Genüge tun. Eine hübsche Dirne hatte den ganzen Abend über mit ihm kokettiert, bis sie irgendwann auf seinem Schoß gelandet war. Weniger betrunken, als er es vorgab zu sein, war er mit ihr in seine Kammer gegangen. Der Wirt hatte ihn beim Betreten der Schänke gewarnt, er solle vorsichtig sein, jemand trachte ihm nach dem Leben. Mit der Wahrheit dieser Aussage, sah er sich konfrontiert, als die Frau versuchte, ihm mit einem Messer die Kehle durchzuschneiden. Er hatte mit einem Angriff auf dem Weg zur Kammer gerechnet, nicht damit, dass seine Begleiterin der Attentäter war. Das Überraschungsmoment kostete ihn fast das Leben. Er überwältigte sie geistesgegenwärtig und zwang sie, ihm zu verraten, wer sie auf ihn angesetzt hatte. Mit vor Angst zitternder Stimme offenbarte sie ihm, dass Tufa und Valens dahintersteckten. Doch bevor er Gelegenheit bekam, das Mädchen als Druckmittel zu benutzen, stürzte sie sich aus dem Fenster in den Tod. Seit dieser Begebenheit legte er doppelte Vorsicht an den Tag, trug immer ein Messer bei sich. Selbst wenn er schlief.
Cicero steckte den Kopf herein. »Herr«, sagte er leise. »Der Kommandant Crassius wünscht dich zu sprechen.«
Maximus nickte, küsste die beiden Figuren, stellte sie zurück in den Schrein und erhob sich.
Longinus erwartete ihn im Hauptraum des Zeltes. »Tribun.« Er neigte den Kopf.
»Du bist ein Freund von Marcus Fronto. Er schrieb mir, meinte, ich hätte in dir einen guten Mann an der Seite.«
»Das ehrt mich.«
Maximus bot ihm einen Platz an. Cicero kam herbei, brachte ihnen Wein. Beide tranken und schwiegen für eine Weile.
»Du bist seit 7 Jahren in Germanien, nicht wahr?«
Longinus nickte. »Ich kenne mich mit den Stämmen sehr gut aus. Unter Fronto habe ich mit ihnen verhandelt. Wir haben Verträge abgeschlossen, die Tufa alle gebrochen hat.«
»Aber dennoch hast du getan, was er von dir verlangte.«
Longinus erkannte den wahren Sinn dieser Worte. »Ich bin Soldat. Mein ganzes Leben nichts anderes gewesen«, erwiderte er ruhig. »Er war mein General. Befehlsverweigerung wird mit dem Tod bestraft. Mein Tod hätte nichts geändert. Aber als Tufas Untergebener habe ich ihn betrogen. Das ist wohl wahr. Deshalb bitte ich um meine sofortige Entlassung aus dem Militärdienst. Wie könntest du mir nach all dem noch trauen?«
Maximus musterte sein Gegenüber. Sie waren ungefähr im gleichen Alter. »Hast du Familie in Rom?«
Longinus schüttelte den Kopf. »Mein Vater starb vor 3 Jahren. Weitere Verwandte habe ich dort nicht.«
»Wohin willst du dann gehen, wenn ich deinem Gesuch zustimme?«
»Meine Mutter stammte aus Spanien. So wie du, Tribun. Eine Schwester lebt noch dort. Besitzt eine Olivenplantage. Zusätzliche Hände kann sie sicher gebrauchen.«
»Das sind gute Argumente. Aber ich brauche dich hier. Du bist die einzige Verbindung, die ich noch habe, um das, was Tufa angerichtet hat, wieder halbwegs in Ordnung zu bringen.«
»Wenn das dein Wille ist, werde ich gehorchen.«
Maximus lächelte. »Es ist mein Wille. Du hast getan, was in deiner Macht stand. Die Wege genutzt, die dir gegeben waren. Und jetzt trink deinen Wein und erzähl mir, was ich wissen muss.«

~~~

Hodicea stand am Eingang der Höhle, sah in das Innere. Aber der Raum, den sie dort erblickte, war vollkommen verändert, nicht mehr der, den sie mit Berane bewohnte. Das Schlaflager befand sich an einer anderen Stelle. Und dort sah sie einen Mann liegen. In die Felle gewickelt. Fieberträume schüttelten ihn. Die Worte, die er murmelte, waren auf Latein. Er streckte die Hand aus, versuchte, etwas zu greifen. Das Bild veränderte sich. Berane kniete neben dem Mann, behandelte seine Wunden und strich ihm über die feuchte Stirn.
»Wie lange soll ich noch warten, bis du mir den Fasan gibst?« drang die Stimme ihrer Freundin zu ihr heran.
Hodicea blinzelte. Ihre Vision war verschwunden.
Berane stand vor der Kochstelle und hatte fragend die Brauen gehoben. »Du hattest gerade ein Gesicht, nicht wahr?«
Sie nickte.
»Was hast du gesehen?« Berane trat näher an sie heran, streichelte ihren Arm. »Sag es mir.«
»Es war zu undeutlich«, redete sich Hodicea heraus. »Seit ich von den Schwestern getrennt bin, versagt meine Gabe immer öfter. Alles, was ich sah, warst du, wie du deine Kräutersalben zubereitet hast.«
»Wenn du es sagst. Dann hilf mir jetzt, dass Essen zuzubereiten. Danach will ich ins Dorf gehen, werde aber gegen Einbruch der Dunkelheit zurück sein.«
»Soll ich dich begleiten?« Hodicea nahm ein paar Stangen wilden Lauch und begann sie zu schälen.
»Möchtest du es denn?«
»Wenn ich ehrlich bin, lieber nicht. Ich würde gern vermeiden, Edred zu begegnen. Cairis war ihre Tochter.«
Berane strich Hodicea über das Haupt. »Sie ist die letzte, die dich wegen irgendwas beschuldigen würde.«
»Schon möglich. Aber ich bleibe dennoch lieber hier.«
»Wie du willst.« Berane setzte sich und fing an, den Fasan zu rupfen.

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Ballomarius stützte sich schwer auf seinen Ellenbogen, als er sich über den wuchtigen Eichentisch lehnte und die Karte betrachtete. »So nah schon?« fragte er und blickte Aerius an. Der Führer der Quaden, ein Mann von etwa vierzig Jahren mit dunkelbraunem Haar und einer tiefen Narbe auf dem linken Handrücken, nickte. »Das ist nicht gut«, erwiderte der Markomanne darauf.
»Wir sind noch nicht bereit für eine Schlacht. Die Verluste des letztes Winters haben uns hart getroffen«, erwiderte Aerius.
»Und das wissen die Römer«, warf Ballomarius ein. Sein dunkelbraunes Haar begann sich bereits auf dem Kopf zu lichten, war mit vielen grauen Strähnen durchzogen. Er mochte durchaus alt erscheinen, aber er war es nicht. Er war noch immer sehr schnell auf dem Schlachtfeld. Ein ernstzunehmender Gegner.
»Du sagst also, nicht kämpfen, Ballomarius?« Thengwich sah ihn herausfordernd an.
Der Markomannenführer lächelte. Er war der einzige, der sich von der Autorität des Hermuduren nicht einschüchtern ließ. »Ich sagte nur, dass ich mir sicher bin, dass die Römer von unserer Schwäche wissen. Aerius hat recht, mein Freund«, fuhr er fort. »Wir könnten wohl eine Schlacht austragen, aber wir würden sie mit großer Wahrscheinlichkeit verlieren.«
»Ich stimme Ballomarius zu«, sagte Aerius. Laute Rufe drangen zu den Männern am Tisch vor.
Ludger, der bisher geschwiegen hatte, erhob sich und bedeutete den Kriegern ruhig zu sein. Er war dunkel gekleidet und sein gelocktes, rotes Haar hob sich davon ab wie die Abendsonne. Er war der jüngste der Stammesfürsten. Nicht älter als dreißig. »Ich weiß eure Unterstützung zu schätzen, aber wir sollten weise urteilen. Unser Hass auf die Römer ist so stark, dass wir uns davon leiten lassen. So sehr es auch mich zu einer Schlacht drängt, ich werde meinen Verstand benutzen und meinem Herzen befehlen zu schweigen. Wir können nicht gewinnen. Das liegt leider klar auf der Hand. Wieso dann unnütz Blut vergießen? Wir haben viele Wunden zu lecken.«
Ballomarius nickte dem Chatten zu. »Wohl gesprochen, mein Freund.« Dann wandte er sich an Thengwich. »Wir dürfen uns nicht entzweien, nur weil es uns mehr oder weniger nach Blut dürstet.«
Der Hermudure winkte ab. »Und was schlägst du vor?«
»Vindobona«, sagte der Markomanne schlicht.
Aerius lehnte sich ihm entgegen. »Vindobona?«
»Wir sollten uns dort versammeln. Nicht alle auf einmal. Das wäre zu auffällig. Aber mit der Zeit könnten wir dort unsere Truppen vereinen und den Angriff planen. Die Römer haben bis jetzt noch nicht viel Aufmerksamkeit dorthin gerichtet. Es wäre der ideale Platz.« Dann zuckte Ballomarius die Schultern und trank einen Schluck Met.
Thengwich stieß die Luft aus und sank zurück in seinen Stuhl. »Wenn ich nicht ahnen würde, was du vorhast, würde ich an deinem Verstand zweifeln«, sagte er, »Aber ich verstehe dich. Überleben ist wichtiger als mein Blutdurst. Und Tote kämpfen bekanntlich schlecht.«
»Das kommt darauf an, auf welcher Seite sich die Toten befinden«, sagte Aerius. Er war aufgestanden und spazierte im Raum hin und her. »Wenn du ernsthafte Pläne hast, dann lass uns an deinen Gedanken teilhaben, Ballomarius.«
»Nun gut. Die unmittelbare Bedrohung liegt bei deinem Lager, Thengwich. Wie die Späher berichteten, rücken die Römer hierher vor. Du solltest dich mit deinem Stamm bereithalten. Je eher ihr das Tal verlasst, um so besser.« Der Hermudure wollte etwas erwidern, aber Ballomarius ließ ihn nicht zu Wort kommen. »Ich bitte dich nicht zu fliehen, wenn es das ist, was du fürchtest. Aber das Leben deiner Leute wiegt weitaus mehr als Eitelkeit. Wir werden kämpfen und deine Krieger werden ihre Schlacht bekommen, aber nicht jetzt. Bei Wotan, du weißt, dass ich recht habe.«
»Wenn Thengwich als erster nach Vindobona rückt. Wer folgt dann?« Ludger blickte den Markomannen an.
»Aerius ist der nächste. Er sollte sich gegen Ende des kommenden Sommers bereithalten. Danach folgt dein Stamm, Ludger. Und zuletzt ich.«
»Du redest also von mehreren Jahren, Ballomarius?« Thengwich sprach leise aber fest.
»Ja, genauso ist es. Wir werden den Römern immer vor der Nase entwischen. Wir werden sie zu endlosen Märschen in das Nichts verleiten. Sie sind das Klima in diesem Land nicht gewöhnt. Das wird sie schwächen und unser Vorteil sein. Denn wir kennen unser Ziel. Sie nicht.« Er lächelte verstohlen.
Thengwich lachte laut und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Bei Donar! Du alter Hundsfott! Das also ist dein Plan! Oh ja, du hast recht. Sie werden dieses Land verfluchen. Sie werden ihr eigenes, elendes Leben verfluchen. Und wenn sie es nicht erwarten, werden wir angreifen.«
Aerius nickte. »Das ist verdammt schlau, mein alter Freund. Ich bin einverstanden.«
»Ich auch, Ballomarius«, sagte Thengwich. »Und was ist mit dir, Ludger?«
Der Chatte lächelte. »Habt ihr je an mir gezweifelt?«
Alle Vier stellten sich nun um den Eichentisch und reichten sich die Hände. Sie drückten sie fest. »So sei es!« sagten sie einstimmig. Dann setzten sie sich wieder und begannen die Marschrouten der einzelnen Stämme zu planen. Es sollte wie ein wirres Umherirren aussehen. Und so würden sie Vindobona erreichen und sich vereinen, ohne dass die Römer etwas dagegen tun konnten.

~~~

»Wann willst du aufbrechen?« Berane sah Hodicea eindringlich an.
»Morgen früh. Ich habe meine Sachen schon gepackt.«
»Es ist ein weiter Weg.«
»Aber das Wetter ist angenehm. Ich werde abseits der Straßen gehen, um den Römern nicht in die Arme zu laufen. Ich kenne die Gegend besser als sie.« Sie strich Berane über die Wange. »Ich verstehe, dass du nicht möchtest, dass ich dich verlasse, aber ich kann nicht warten. Und du wirst mich nicht umstimmen.«
Berane nickte. »Ich habe vor Wochen aufgegeben, es zu versuchen. Aber lass mich dir wenigstens genügend Proviant einpacken.«
Hodicea lächelte. »Nur soviel, wie ich tragen kann. Ich reise mit leichtem Gepäck.«
»Wirst du eines der Schwerter mitnehmen?«
»Für den Notfall.« Sie ging zur Wand, prüfte verschiedene Klingen und entschied sich dann für eins davon. »Das nehme ich. Es liegt gut in der Hand.« Auf Beranes traurigen Blick hin, meinte sie: »Mach dir keine Sorgen, Schwester. Es ist Freias Wille.«
In der darauffolgenden Nacht schliefen beide Frauen schlecht. Berane, weil sie Zweifel plagten und Hodicea, weil sie von mehreren Gesichten heimgesucht wurde. Und alle hatten mit ihrer Freundin zu tun. Immer wieder sah sie Berane mit diesem unbekannten Römer. Eine tiefe Verbundenheit lag in ihren Bewegungen. So als verstünden sie sich ohne Worte. Aber dann kamen andere Bilder hinzu. Sand und eigenartig gewachsene Bäume, Männer von schwarzer Hautfarbe. Blut. Staub. Sie konnte keinen Sinn darin sehen, aber verweigern konnte sie sich den Wahrnehmungen auch nicht.
Als sie sich im Morgengrauen von Berane verabschiedete, überlegte sie einen Moment, ihr zu sagen, was sie gesehen hatte. Aber dann ließ sie es. Manchmal war es vielleicht doch besser, sein Schicksal nicht zu kennen. So war es leichter, es anzunehmen.

~~ 

Maximus fuhr aus dem Schlaf. Der war nie sehr tief, aber dennoch erholsam. Lärm hatte ihn geweckt. Er schlug die Decke zurück. Cicero erschien an seiner Seite, hielt ihm den Mantel hin. Der Tribun warf ihn sich um. Er machte sich nicht die Mühe, seine Schuhe anzuziehen. Barfuß stürmte er nach draußen, um zu sehen, wer mitten in der Nacht einen solchen Krach veranstaltete.
Vor dem Zelt kam Quintus auf ihn zugelaufen.
»Was geht hier vor?« wollte Maximus wissen.
»Tufa. Zwei seiner ergebensten Männer haben versucht, ihn aus dem Arrest zu befreien und ihm zur Flucht zu verhelfen.«
»Und?« Der Tribun zog eine Braue hoch, während er neben seinem Freund zum Ort der Geschehnisse eilte. Zwei Tote lagen vor dem Eingang zu Tufas Zelt. »Ist er noch drin?«
Quintus nickte. »Und bewaffnet. Er wird jeden umbringen, der sich ihm nähert.«
Maximus schüttelte den Kopf. »Weiß er nicht, wie töricht das ist? Es hätte glimpflich für ihn ausgehen können. Seine Familie hat ihn doch immer gerettet. Wahrscheinlich hätte Marcus ihn nur strafversetzt oder einfach zurück nach Rom geschickt. So wie er es schon einmal getan hat.« Er schüttelte den Kopf. »Gib mir dein Schwert, Quintus.«
»Maximus, was hast du vor?«
»Entweder ich gehe jetzt da rein und versuche, mit ihm zu reden oder wir zünden ihm das Zelt über dem Kopf an. Was ich für eine Verschwendung halte. Es ist eins der besten.«
Zögernd reichte Quintus ihm das Schwert. Der Tribun warf Cicero seinen Umhang zu, straffte die Schultern und trat zum Eingang. Er stieg über die beiden Leichen hinweg und musste sofort in Deckung gehen, ansonsten hätte ihn ein kupferner Pokal mitten ins Gesicht getroffen.
»Kommt nur herein und sterbt!« brüllte Tufa.
Maximus erkannte an den langgezogenen Worten, dass der ehemalige General der Garnison ziemlich betrunken sein musste. Er hatte ihn zwar unter Arrest gestellt, ihm aber alle Annehmlichkeiten zukommen lassen, die er für angemessen hielt. Er überlegte einen Moment, was er tun sollte. Dann hechtete er nach vorn, rollte sich ab und landete auf den Knien, sah sich um.
Tufa hatte fast das gesamte Mobiliar umgeworfen. Er stand inmitten der Trümmer, einen Pokal mit Wein in der einen und sein Schwert in der anderen Hand. Als er Maximus’ gewahr wurde, brüllte er wütend, warf den Pokal zu Boden, nahm das Schwert in beide Hände und stürmte auf ihn zu. »Du!« fauchte er. »Du! Die Wurzel allen Übels. Schon einmal hast du mein Leben aus der Bahn geworfen, mir die Karriere zerstört. Warum kannst du nicht einfach sterben?«
Maximus reagierte geistesgegenwärtig, riss seine Waffe hoch. Die Klingen krachten aneinander. Trotz dass Tufa betrunken war, hatte er noch immer einen mächtigen Schlag am Leib. Er stemmte sich gegen den Tribun, versuchte, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen und zum Stürzen zu zwingen.
Maximus gab dem Druck nach und warf sich dann mit vollen Schwung gegen Tufa, holte ihn dabei von den Füßen. Beide Männer landeten flach auf dem Boden. Maximus drehte sich auf den Rücken, zog sein Schwert an den Körper.
Tufa sprang auf, nahm seine Waffe und holte aus. Der Tribun wich den Schlägen aus, parierte mit seiner Klinge und versuchte auf die Beine zu kommen. Auf dem Rücken zu liegen, war nicht die beste Position. Da stolperte Tufa über ein Kissen und taumelte in vollem Schwung nach vorn. Maximus, der es nicht mehr verhindern konnte, sah entsetzt dabei zu, wie sich sein Schwert in den Bauch des anderen bohrte.
Tufa gab einen erschreckten Schrei von sich, sah an sich hinab. »Du Bastard«, stieß er noch hervor. Dann kippte er zur Seite.
In diesem Moment stürmte Quintus mit zwei Männern das Zelt. Er sah zwischen dem Toten und seinem General hin und her.
»Es war ein Unfall«, kam es leise von Maximus, der sich kopfschüttelnd aufrichtete.
»Nein, es war Gerechtigkeit«, erwiderte Quintus tonlos, nahm sein Schwert wieder an sich.
»Hast du deshalb solange gewartet?« Aufmerksam betrachtete der Tribun seinen Freund.
Eine Antwort darauf blieb Quintus ihm schuldig.

 

Im Herbst 180  u. Z.

Berane hatte die Fallen überprüft, kehrte zu ihrer Höhle zurück. Als sie ein Pferd davor angebunden sah, zog sie ihren Dolch. Wer kannte dieses Versteck? Hatte jemand sie verraten? Doch dann trat Hodicea hinter dem Schimmel hervor und breitete die Arme zum Gruß aus.
Beide Frauen liefen aufeinander zu und umarmten sich herzlich. »Es ist so schön, dich zu sehen.« Berane betrachtete ihre Freundin. »Ich will nicht unfreundlich sein, aber wieso bist du hier?«
»Ich bin auf dem Weg in das Lager der Römer. Es liegt ungefähr einen Tagesritt entfernt. Mein Vater schickt mich als Boten. Weil ich als einzige Latein sprechen und verstehen kann. So werden sie nicht versuchen, mich zu täuschen.« Auf Beranes fragenden Blick, erläuterte sie: »Longinus hat es mich gelehrt. Oder sagen wir eher, ich bat ihn darum, es zu tun. Ich sah es als Vorteil, die Sprache der Feinde zu beherrschen. Und er sah es wohl als Möglichkeit, Zeit mit mir zu verbringen.«
»Heißt das, er liebt dich?« Berane bugsierte Hodicea in die Höhle, goss aus dem Schlauch Milch in zwei Schalen, reichte ihr eine davon.
»Ich habe ihn nie danach gefragt und heute ist es mir, ehrlich gesagt, egal. Ich kann nicht vergessen, was er getan hat.«
Berane setzte sich neben sie. »Wollt ihr euch wirklich ergeben?« fragte sie ruhig.
Ihre Freundin trank einen Schluck. »Die ist gut. Aus dem Dorf?«
»Ich gehe manchmal dorthin, bringe ihnen Fleisch, wenn ich zuviel gefangen habe und behandle die Verletzten mit meinen Kräutern. Für meine Dienst entlohnen sie mich mit derartigen Köstlichkeiten.« Berane lächelte. »Aber das beantwortet meine Frage nicht.«
»Interessiert es dich wirklich?«
»Wenn du mir keine Geheimnisse anvertrauen darfst.«
Hodicea strich ihr über die Wange. »Wir haben viele Verluste zu verzeichnen. Die Chatten und auch dein Stamm, die Hermuduren sind vernichtend geschlagen worden. Doch das Feuer brennt noch immer in ihnen. Meine Botschaft und die darauffolgenden Verhandlungen sind nichts weiter als eine List gegen die Römer. Sie verschafft uns kostbare Zeit, um unsere Truppen erneut zu versammeln.«
»Hast du keine Angst? Immerhin wirst du sie belügen.« Berane sah Hodicea aufmerksam an.
»Ich habe Angst. Und die wird mich die richtigen Worte wählen lassen. Mach dir keine Sorgen, erzähl mir lieber, wie es dir in den letzten Jahren ergangen ist.«
So hockten sie um das Feuer und redeten, bis die Dunkelheit hereinbrach. Hodicea ging kurz hinaus, um ihr Pferd zu versorgen. Dann rollten sich beide Frauen in ihre Felle ein und unterhielten sich die ganze Nacht über ihre Kindheit, die Streiche, die sie ausgeheckt hatten und die Strafen, die sie dafür erhielten.
Als der Morgen graute, machte sich Hodicea auf den Weg. Berane sah ihr lange nach und wurde das Gefühl nicht los, dass ihre Freundin ihr etwas Wichtiges verschwiegen hatte.

~~~

»Ein Bote!« Gaius Antonius Armarus betrat atemlos das Zelt und neigte zur Ehrerbietung das Haupt.
Der General hob den Kopf und blickte Quintus an. Der zuckte nur die Schultern. Maximus schwang sich von seinem Stuhl. »Du unterrichtest den Kaiser, Gaius! Quintus und ich werden uns den Fremden einmal genauer ansehen.«
Der Soldat deutete wieder eine kurze Verbeugung an und hastete aus dem Zelt. Sie traten an den Eingang und schoben die Plane zur Seite. Es begann langsam dunkel zu werden. Feuer brannten überall und verbreiteten ein flackerndes Licht. Die Soldaten saßen darum und unterhielten sich. Sie waren dicht zueinander gerückt und hatten ihre Mäntel um sich gewickelt, um sich in der abendlichen Kälte gegenseitig Wärme zu spenden.
Quintus hatte den Arm gegen den Pfosten gelegt und kratzte sich am Kopf. »Vielleicht sind die Markomannen doch zur Vernunft gekommen«, sagte er.
Maximus verschränkte die Arme vor der Brust und betrachte die in einen langen Mantel mit Kapuze gehüllte Gestalt, die sich dem Lager auf einem weißen Pferd näherte, argwöhnisch. »Oder es handelt sich um einen Hinterhalt. Wäre nicht das erste Mal. Du solltest bewaffnete Einheiten losschicken, die die Gegend durchkämmen. Sicher ist sicher!«
Quintus sah seinen Freund an. »Decius!« kommandierte er dann. Der Legionär kam angelaufen und kniete vor dem Heerführer. »Nimm eine bewaffnete Einheit und sieh dich in der Umgebung um. Wir wollen doch nicht, dass diese Barbaren eine kleine Überraschung für uns bereithalten.« Der Soldat nickte, erhob sich und lief Befehle rufend in die Nacht.
Maximus strich sich über den Bart. »Sie haben keine Kraft mehr. Sie wollen genauso wenig wie wir eine Schlacht. Aber sie werden kämpfen, wenn wir keine Einigung erzielen, das ist dir doch klar?«
Quintus blickte zu Boden. »Das ist so klar, wie der nahende Winter!« grummelte er.
In diesem Moment betrat der Kaiser begleitet von zwei Prätorianern und Longinus, der als Dolmetscher dienen sollte, das Zelt durch den zweiten Eingang.
Die beiden Heerführer verbeugten sich ehrfürchtig und sorgten dafür, dass Marcus Aurelius es in dem großen Holzstuhl bequem hatte. Sie stellten das Kohlenbecken direkt neben ihn, damit es ihn wärmte. Der Kaiser hatte sich in einen langen Mantel gehüllt, den er mit seiner knochigen Hand vor der Brust zusammenhielt.
Maximus war erneut erschreckt über seine Verfassung. Auch wenn er es leugnete, der Cäsar war krank. Er wirkte müde und ausgemergelt, aber das Feuer in seinen Augen brannte noch. Und dieses Feuer war es, dass ihnen allen die Kraft gab, hier in diesem unwirtlichen Land auszuharren und Siege für Rom zu erringen. Doch wie lange noch?
Die Plane wurde erneut zur Seite geschoben und lenkte Maximus’ Aufmerksamkeit dorthin. Zwei weitere Prätorianer betraten das Zelt. Zwischen ihnen ging die Gestalt, die er noch vor ein paar Augenblicken auf dem Pferd gesehen hatte. Wie von selbst wanderte seine Hand an seinen Dolch. Er wollte nur vorbereitet sein, auf wenn er wusste, dass man den Fremden bereits durchsucht hatte.
Longinus trat einen Schritt vor und richtete seine Worte an den Fremden. »Der Cäsar Marcus Antoninus Aurelius, Imperator Roms heißt dich als Gast in seinem Lager...«
»Ich spreche eure Sprache!« erklang eine weiche, melodische Stimme in fließendem Latein unter der Kapuze. »Und ich weiß die Ehre zu schätzen, mit dem Kaiser persönlich zu sprechen!«                                                                        
Longinus wirkte verwirrt und trat hinter den Stuhl des Cäsaren. Es sah wohl so aus, als wurde er hier nicht gebraucht. Er wollte das Zelt verlassen. Maximus machte ein Handzeichen und bat ihn zu bleiben. 
Der Besucher schob die Kapuze vom Kopf. Ein langer roter Zopf kam darunter zum Vorschein, meergrüne Augen, die einen zu Eis gefrieren ließen, hohe Wangenknochen und ein Mund, der sicher hübsch aussah, wenn er lächelte. Aber das tat er nicht. Maximus war überrascht.
»Eine Frau!« stieß Quintus hervor, sprach das aus, was der Tribun dachte. »Sie schicken uns eine Frau!«
Sie reagierte nicht darauf, blickte niemanden außer den Kaiser an. »Mein Name ist Hodicea. Ich bin die Tochter des Markomannenführers Ballomarius. Welch größere Ehre könnte er dir zu Teil werden lassen, als sein einziges Kind als Boten in dein Lager zu schicken?«
»Ballomarius’ Tochter!« sagte der Marcus Aurelius ruhig. Seine Stimme stand in krassem Gegensatz zu seinem Aussehen. Sie war immer noch kraftvoll und die Schwingungen seines Baritons vibrierten im Raum. »Dann bist du auf seinen Befehl hin hier?« fragte er sie. Hodicea nickte. »Du sprichst in seinem Namen?«
»Das tue ich!« erwiderte sie fest.
Der Kaiser machte eine Geste, mit der er ihr gebot, Platz zu nehmen. Sie setzte sich auf den Hocker neben dem großen Holztisch, der die Römer von ihr trennte und faltete ihre Hände im Schoß. Auch Maximus, Longinus und Quintus setzen sich. Nur die Leibgarde des Kaisers blieb stehen.
»Die Männer an meiner Seite sind General Maximus Decimus Meridius und die Kommandanten Longinus Antonius Crassius und Quintus Octavius Solens.« Marcus Aurelius hatte mit der Hand auf jeden von ihnen gewiesen. »Du kannst offen sprechen!« forderte er sie auf. »Wein! orderte er dann.
»Ich bevorzuge Wasser. Ich bin nicht an Wein gewöhnt und möchte einen klaren Kopf bewahren«, wandte sie sich an den Kaiser. 
»Dann eben Wasser«, antwortete dieser. »Ihr habt ein Getränk, das aus Korn hergestellt wird, nicht wahr?« fragte er interessiert. »Ist es nicht viel stärker als Wein?«
»Ja, es wird aus Gerste gemacht und mit Honig vermischt. Es heißt Met«, erwiderte sie. »Es ist stark. Aber anders als Wein. Und daran bin ich gewöhnt.« Der Anflug eines Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen.
Der Diener brachte die Becher und stellte sie vor die Anwesenden auf den Tisch. Schweigend tranken sie ein paar Schlucke.
»Nun gut. Was sind die Wünsche deines Vaters?« kam Marcus Aurelius daraufhin zum Kern der Sache.
Sie lachte rau. »Die Wünsche meines Vaters würden dir sicher nicht gefallen. Genauso wenig, wie ihm deine gefallen. Nein, darum geht es nicht. Oder würdet ihr dieses Land verlassen und nie wiederkehren?«
Maximus lächelte verstohlen. Sie sagte, was sie dachte. Weder die Soldaten hier noch die Autorität des Cäsaren schüchterten sie ein.
»Wir sind geschwächt«, fuhr sie fort. »Dieses Land ist ausgeblutet und seine Bewohner mit ihm. Ich bin mit dem Krieg aufgewachsen. Ich kann mich an nichts anderes als Kämpfen und Töten erinnern. Aber es muss Frieden geben. Mein Stamm möchte einen Platz, an dem er den Rest der Tage auf dieser Welt verbringen kann, ohne zu fürchten, dass es weitere Schlachten gibt. Lasst uns diesen Ort, an dem wir sind. Zieht die Grenze dort, wo sie jetzt ist und kehrt zurück nach Rom!«
Der Kaiser bettete seinen Kopf gegen die Stuhllehne. »Was weißt du von Rom, mein Kind?« fragte er matt.
»Rom«, bemerkte sie verächtlich und lehnte sich ein wenig nach vorn. »Die Glorie Roms. Es ist nichts weiter als ein paar Linien auf einer Karte. Dafür haben Tausende ihr Leben gelassen. Ihr habt soviel erobert, was kommt es darauf an, ob sich die Linie ein Stück höher oder tiefer auf der Karte befindet? Wir haben mit Blut und Schweiß dieses Land fruchtbar gemacht, haben es bearbeitet, um die Ernte einzubringen. Mein Volk lebt seit Jahrhunderten hier. Es waren unsere Hände, die das Land bezwungen und Leben geschaffen haben. Wir haben unsere Seelen in diesen Grund gegraben. Wir leben im Einklang mit der Natur. Wir nehmen, aber wir geben auch. Du kannst nicht verlangen, was dir nicht gehört!« brauste sie auf.
Maximus hob die Hand, um sie zu beschwichtigen. Wenn sie weitersprach, redete sie sich noch um Kopf und Kragen. Doch sie achtete nicht auf seine wohlwollenden Handzeichen. »Wir wollen nicht kämpfen, aber wir werden es tun. Freiheit ist ein sehr guter Grund dafür. Wir werden nie die Sklaven Roms sein. Eher sterben wir!«
»Ballomarius’ Wunsch ist es also, dass wir ihm das Stück Land lassen, auf dem er jetzt mit seinem Volk lebt?« kam der Tribun seinem Kaiser mit einer Antwort zuvor.
»Was bietet er als Gegenleistung?« fuhr Marcus Aurelius fort. »Werdet ihr aufhören, uns anzugreifen? Du verstehst sicher, dass wir die Grenzen befestigen müssen und Truppen hier zurücklassen werden, sollten wir uns wirklich einigen. Werdet ihr euch ruhig verhalten?«
»Ich kann nur für meinen Stamm sprechen. Aber die Chatten, Quaden und Hermuduren gehören nicht dazu. Ihr habt ihnen schwer zugesetzt und ihr Hass ist unbegrenzt. Für sie kann ich mich nicht verbürgen. Für die Markomannen schon.« Sie blickte zu Boden. Dann sah Hodicea den Kaiser direkt an. »Mein Vater wünscht Frieden!«
Der Cäsar nickte. Dann erhob er sich mühsam aus dem Stuhl. Auch die anderen standen auf. Hodicea straffte ihre Schultern, aber sie blieb sitzen. Ebenso gut hätte sie dem Kaiser ins Gesicht schlagen können, denn ihre Haltung verriet deutlich, was sie von all dem hielt.
Maximus schüttelte den Kopf. Fürchtete diese Frau denn nichts und niemanden? Er bedeutete Longinus, mit einem Nicken zu bleiben.
»Ich werde darüber nachdenken«, sagte der Kaiser gerade Hodiceas letzten Wunsch betreffend. »Im Morgengrauen werde ich dir meine Entscheidung mitteilen!« Er machte einige Schritte auf den Ausgang des Zeltes zu, dann blieb er noch einmal stehen und wandte sich um. »Dein Vater kann stolz sein, so eine Tochter wie dich zu haben!«
Wenigstens besaß sie den Anstand zu erröten und zu Boden zu blicken, während Marcus Aurelius zusammen mit seiner Garde und Maximus und Quintus das Zelt verließ. Hodicea und Longinus blieben allein zurück.
Sie trommelte mit den Fingern auf die Tischplatte. Während des Gespräches hatte sie ihn ignorieren können, aber jetzt atmete sie seine volle Präsenz. »Und was geschieht jetzt, du Verräter? Wirst du mich bewachen?« Sie sah ihn feindselig an.
Er erwiderte nichts darauf, senkte nicht den Blick, betrachtete sie. Sie war noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Und er liebte sie. Das hatte er von ersten Tag an getan, als er sie gesehen hatte. Aber sie war eine heilige Frau gewesen, unerreichbar für sein Ersehen. Mehr als freundliche Worte waren nicht von ihr zu erwarten gewesen. Doch jetzt hasste sie ihn. Und sie hatte allen Grund dazu. Er hatte ihre Schwestern getötet.
»Euer Kaiser stirbt!« sagte sie plötzlich. »Er ist ein alter Mann. Ich hatte ihn mir ganz anders vorgestellt nach all den Geschichten, die ich über ihn gehört habe. Aber er ist auch nur ein Mensch. So wie wir.« Hodicea stand auf und spazierte im Zelt hin und her. »Ist es nicht ironisch? Es gibt einiges, das uns verbindet. Wir sprechen verschiedene Sprachen, haben verschiedene Götter und Rituale, aber wir wissen, was Ehre, Loyalität und Glauben bedeutet! Du kämpfst, weil du daran glaubst. Das tue ich auch.« Sie blieb stehen und sah ihn an. »Dein Blut ist nicht anders als meins. Hat ein Leben so wenig Bedeutung, dass wir bereit sind, es zu opfern?« Longinus antwortete nicht darauf. »Wir werden kämpfen! Das weißt du so gut wie ich. Dein Kaiser wird sich nicht dem Wunsch meines Vaters beugen. Ich weiß, dass es nicht Eitelkeit ist, aber was ist es dann?«
»Es ist Rom. Tradition. Das Volk glaubt an den Kaiser. Und sie wollen Siege!« erwiderte er.
»Es geht also wirklich nur um ein paar Linien auf einer Karte?« Sie stieß die Luft aus. »Das ist traurig. Ein Mann, der die Welt in seinen Händen hält und sein Handeln dennoch nach dem Verlangen anderer richtet.« Sie lachte kalt. »Er ist mehr ein Sklave Roms, als die Markomannen es je sein werden.«
Dann drehte sie sich um und schritt auf den Eingang des Zeltes zu. Sie lehnte sich gegen den Pfosten und schob die Plane zur Seite, betrachtete die Soldaten. Longinus war hinter sie getreten, aber er wagte es nicht, sie zu berühren.
»Es sind so viele!« äußerte sie leise.
»Es beeindruckt dich, was du siehst?« fragte er.
Hodicea schüttelte den Kopf. »Fast meine ganze Familie ist tot. Meine Schwester starb letzten Winter. Sie war zu schwach und zu klein. Mein Bruder ist bei einem Angriff auf unser Lager im Haus meines Vaters verbrannt. Ich konnte ihm nicht helfen. Manchmal kann ich seine Schreie immer noch hören. Meine Mutter wurde von den römischen Soldaten geschändet. Sie hat daraufhin den Verstand verloren und sich im Fluss ertränkt«, offenbarte sie nüchtern. Longinus schluckte. »Dieser Krieg bricht mein Herz, aber nicht meinen Willen. Was ich hier vor mir wahrnehme, sind Tote. Sie wissen es nur noch nicht, aber sie sind bereits tot. So sieht es aus, das Bild des Krieges!« sagte sie entschieden.

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»Schenkst du ihren Worten Glauben?« Der Cäsar ließ sich ächzend auf seine Liegestatt sinken. Der General wollte ihm zu Hilfe eilen und ihn stützen, doch Marcus Aurelius winkte ab. Er griff nach einem Becher Wein und nippte daran, während Maximus vor ihm auf und ab lief. »Nun?« Der Kaiser hob fragend eine Augenbraue.
»In Schlachten verlasse ich mich auf mein Gefühl. Ich weiß, was ich wann zu tun habe. Doch habe ich niemals einer Frau gegenübergestanden, deren Stimme wie die Saite einer Lyra klingt und die tödliche Schärfe eines Dolches hat.«
»Du hältst es für eine Falle?« Marcus Aurelius seufzte. »Dann bestätigen sich meine Zweifel. Was immer die Markomannen auch bezwecken, sie werden sich mit ihren Truppen nicht in Wohlgefallen auflösen. Wir haben ihnen schwer zugesetzt.«
»Ein verwundetes Tier beißt in seiner Wut ohnmächtig um sich, Cäsar.« Der General setzte sich auf einen Hocker und sah seinen Kaiser an.
»Ein Tier hat seinen Instinkt, der ihm sagt, wie es zu handeln hat. Doch vergleiche diese Barbaren nicht mit Tieren. Was sie tun hat immer einen Sinn. Mag er uns auch verworren erscheinen. Wie oft haben sie uns schon in die Irre geführt? Wie viele gute Männer haben wir schon durch ihre Arglist verloren? Nein, mein Freund. Dieses Friedensangebot ist eine Tücke. So schaffen sie sich Zeit, ihre Truppen zu versammeln, während wir darüber nachdenken.« Er hob den Arm und winkte Maximus. Der General sprang von seinem Stuhl und half den Cäsar, sich zu erheben. Hart stützte er sich auf den jüngeren Mann und ging ein paar Schritte. Dann blieb Marcus Aurelius stehen und legte seine Hände auf die Schultern des Soldaten.
»Maximus, ich bin müde. Manchmal möchte ich schlafen und niemals wieder erwachen. Ich bin es so leid. In meiner gesamten Regentschaft habe ich nichts als Krieg gesehen. Rom! Rom will Siege! Du bist mir ein treuer Freund. Meine stützende Hand...« Seine Worte verstummten. Der General schluckte, während der Kaiser gedankenverloren auf den Plan an der Seitenwand des Zeltes starrte. Zittrig hob er eine Hand. »Sieh hin! Das ist das Reich, das ich geschaffen habe. Doch sie hat recht. Es sind in der Tat nur Linien auf einer Karte.« Er seufzte und schüttelte den Kopf.

 

Im Winter 180 u. Z.

Berane saß im Schneidersitz in ihrer Höhle, starrte in die Flammen. Das Ritual hatte ihr immer Frieden geschenkt, sie in Einklang mit sich selbst und der Natur versetzt. Doch diesmal wollte es ihr nicht so recht gelingen. Es fühlte sich fast wie eine Hand an, die sich um ihren Hals legte und zudrückte, ihr den Atem nahm.
Letzte Nacht hatte es frisch geschneit, das Land in Tiefschlaf versetzt. Der Frost hatte sogar den See gefrieren lassen, jegliches Leben darunter eingeschlossen. Als sie im Dorf gewesen war, hatte Edred sie gebeten, bei ihnen zu bleiben, bei der Kälte nicht wieder in die Wälder zu gehen. Aber Berane hatte abgelehnt. Nur in ihrer Höhle fühlt sie sich sicher. So hatte sie den gesamten gestrigen Tag damit zugebracht, sie winterfest zu machen. Sie hatte ihre Utensilien neu geordnet, die Felle der Schlafstelle näher an das Feuer gerückt. 
Dort hockte sie nun und versuchte zu ergründen, was sie so beunruhigte. Hodicea war noch einmal bei ihr gewesen, als sie aus dem Lager der Römer gekommen war. Sie hatte davon gesprochen, dass es eine Schlacht geben werde, denn der Kaiser würde sich nicht auf die Forderungen der Markomannen einlassen. Im Grunde genommen waren die gesamten Verhandlungen sinnlos. Wenn keine der beiden Seiten bereit war nachzugeben, konnte man keine Einigung erzielen. Aber es verzögerte den Angriff. Und Zeit war es, was sich die Markomannen zu nutze machten.
Berane stand auf, trat an den Eingang der Höhle. Irgendwo in der Ferne heulte ein Wolf. Sie lauschte seiner Stimme, lehnte den Kopf gegen den kargen Felsen, schloss die Augen. Eine Traurigkeit bemächtige sich ihrer, die ihr tief in die Eingeweide kroch und sich in dem Wissen manifestierte, dass sie Hodicea niemals wiedersehen würde.
Sie weinte stumm.

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Maximus spazierte in seinem Zelt auf und ab. Seine Rüstung hatte ihn noch nie so schwer gedrückt wie heute. Die Ringe um seine Augen wurden immer tiefer. Er war müde und abgespannt. Er hatte schon seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen. Wie lange würde er diese Last noch tragen können? Aber die auf seiner Seele wog noch weitaus schwerer, als die auf seinem Körper.
Er legte den Umhang ab, löste die Schnallen seines Panzers und befreite sich davon. Für einen kurzen Augenblick betrachte er die Insignien darauf. Sie kennzeichneten ihn als Tribun der Kohorte Pia fidelix, die unter direktem Befehl von Kaiser Marcus Aurelius stand.
Er entledigte sich des Hemdes. Grimmig lächelte er und tauchte das Leinentuch in das Wasser. Der Winter war gekommen. Auch wenn die Sonne schien. Es war kalt geworden. Eine Schlacht um diese Zeit war nicht sehr ratsam, aber die Markomannen würden ihnen wohl keine Frist gewähren. Und die Barbaren kannten das Gelände sehr gut.
Doch waren sie es auch gewohnt, auf vereisten und verschneiten Flächen zu kämpfen? Sie hatten diese Regel, dass im Winter der Kampf zu ruhen hatte. Kein verfeindeter Stamm würde dann einen anderen angreifen. Doch die Lage war diesmal anders. Sie, die Römer, waren ein Feind, dem sich eine geschlossene Liga entgegenstellte. Dafür würden sie sogar ihre Regeln vergessen. Maximus hoffte inständig, dass die entscheidende Schlacht erst im Frühling stattfinden würde. Aber er glaubte nicht wirklich daran. Wahrscheinlich würden viele seiner Männer den Winter sowieso nicht überleben. Dieses Jahr setzte ihnen das Klima besonders zu. Viele von ihnen litten an Husten und Fieber. Es schmerzte ihn, weil er nichts dagegen tun konnte. Dieses verfluchte Land!
Bereits als Hodicea in das Lager gekommen war, hatte er gewusst, die Mühe war vergebens. Was sie verlangte, war unmöglich. Auch wenn er sie durchaus verstehen konnte. Wenn jemand versuchte, ihm sein geliebtes Weingut in Trujillo mit Gewalt wegzunehmen, würde er sich auch bis aufs Blut dagegen wehren.
Er wusch sich den klammen Schweiß von der Haut. Das kalte Wasser erfrischte ihn. Dann zog er ein trockenes Hemd über und ließ sich auf einen der Hocker fallen. Er griff nach dem Becher Wein und trank ein paar Schlucke.
Er rief nach Cicero und ließ ihn Quintus zu sich holen. Die beiden kannten sich seit Jahren, vertrauten einander vollkommen. Jeder würde sein Leben in die Hand des anderen legen.
Quintus nickte ihm kurz zu und Maximus begann ohne Umschweife. »Unsere Späher sind wieder zurückgekehrt. Sie haben größere germanische Truppen-Bewegungen an den Ufern der Danubia gesichtet. Der Rest, der noch übrig ist, hat sich um Ballomarius versammelt.«
»Das heißt, wir rücken vor an die Danubia«, sagte Quintus ernst.
»Ja, ich habe mit dem Kaiser gesprochen«, erwiderte der Tribun mit einem Kopfnicken.
»Wie geht es Marcus Aurelius?« fragte sein Freund. »Ist es besser geworden?«
»Nein«, sagte Maximus knapp. »Aber er besteht darauf, uns zu begleiten. Auch wenn ich es lieber sehen würde, er bliebe hier.«
»Das hast du ihm gesagt?« Quintus hob überrascht die Augenbrauen.
»Natürlich nicht!« Maximus rieb sich das Kinn.
»Manchmal wünschte ich, ich hätte die Unerschütterlichkeit des Kaisers«, kam es leise vom Kommandanten. »Allein sein Glaube wird ihn sich selbst noch vom Totenbett erheben lassen. Bis jetzt jedenfalls...« Er beendete den Satz nicht und ließ die Andeutung in der Luft hängen.
Doch Maximus ging nicht darauf ein. Er kannte seinen Freund viel zu gut, als dass er es gewagt hätte, sich mit ihm auf eine Diskussion über Marcus Aurelius, Loyalität und Glauben einzulassen.
»Werden wir verhandeln?« wechselte der sogleich das Thema.
Maximus sah Quintus an. Die Müdigkeit in seinen Augen reflektierte die Seine wie ein Spiegel. Sie brauchten beide dringend Schlaf, aber daran war wohl in nächster Zeit nicht zu denken.
»Longinus wird es übernehmen. Er ist der einzige, der diese barbarische Sprache einigermaßen versteht.« Maximus lehnte sich weit zurück, strich sich über die Augen. »Sie werden kämpfen, Quintus. Das weißt du genauso gut wie ich. Und der Kaiser weiß es auch.«
»Die Hälfte meiner Männer ist krank, Maximus. Besser wir schlagen die Schlacht jetzt, bevor wir noch mehr geschwächt sind. Ich werde morgen früh mit meinen Truppen vorrücken.«
Der Tribun nickte. Dann erhob er sich abrupt. Er schritt zur Feuerstelle und hielt seine Hände darüber. »Ich vermisse Spanien«, sagte er.
Quintus lächelte. »Ich weiß. Und am meisten doch die weiche, warme Umarmung einer ganz besonderen Frau dort.«
Maximus grinste ihn an. »Du nicht auch, mein Freund?«
»Reden wir jetzt von der selben Frau? Ich würde mich hüten, dein Bett zu entehren!«
Beide lachten. Dann wurden sie wieder ernst. »Dieser Krieg verzehrt den Kaiser. Und er verzehrt auch uns. Irgendwann haben wir vergessen, was Frieden bedeutet. Wissen wir es überhaupt noch? Wir verlassen unsere Familien. Viele werden nie zurückkehren. Wir versinken in Dreck, Schlamm und Blut und erringen Siege, die in den Ohren der Daheimgebliebenen wie Mythen klingen müssen. Bald werden auch wir nur noch zu einem Mythos verblasst sein.«
»Maximus!« Quintus trat zu ihm.
Doch der Tribun schüttelte den Kopf. »Ich würde dem Kaiser überallhin folgen. Aber wenn selbst er schon Zweifel hegt... Manchmal frage ich mich, wozu das alles?« sagte er bedrückt und ließ sich mit einem langen Seufzer auf seinen Stuhl fallen.
»Für die Glorie Roms, Maximus!« Doch diesmal klang der Satz nicht sehr überzeugend in seinen Ohren.

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»Was hast du, mein Kind?« Brunhild sah Hodicea aufmerksam an. Sie war Ballomarius’ jüngere Schwester, hatte ihren Mann in der letzten Schlacht verloren und kümmerte sich jetzt um ihren Bruder und dessen Tochter.
»Es ist nichts«, erwiderte die junge Frau.
»Mir machst du nichts vor.« Brunhild stellte einen Teller mit Haferkuchen vor sie hin. »Etwas bedrückt dich doch. In den letzten Tagen bist mir sehr geistesabwesend vorgekommen. Ist es die bevorstehende Schlacht?«
Hodicea schüttelte den Kopf. »Nein, das erschreckt mich nicht. Ich bin bereit zu kämpfen.«
»Was ist es dann?«
»Wenn das Schicksal unseren Weg bestimmt hat, uns aber Einsicht darin gewährt, bedeutest das, dass wir die Macht haben, ihn zu verändern?« Sie nahm eins von den Küchlein, schob es sich in den Mund.
»Redest du von dir?« fragte Brunhild.
Sie schüttelte den Kopf. »Es geht um eine Freundin. Ich habe bestimmte Dinge gesehen, die noch geschehen werden, ihr aber nichts davon gesagt. Denkst du, es war falsch von mir?«
»Willst du sie durch dein Schweigen schützen?« stellte ihre Tante eine Gegenfrage.
»Tue ich das denn? Hat sie nicht das Recht, zu erfahren, was die Götter für sie bestimmt haben?«
»Das ist eine gute Frage, mein Kind. Wird ihr Unrecht geschehen?«
Hodicea legte die Stirn in Falten. »Ich sah nichts dergleichen, aber was bedeutet das schon?«
»Wenn es dich so sehr quält, solltest du zu ihr gehen und ihr sagen, was du weißt.«
Lärm von draußen störte sie in ihrer weiteren Unterhaltung. Beide Frauen eilten auf den Vorplatz, um zu sehen, was die Ursache dafür war.
Hodicea drängelte sich durch die Menge der Schaulustigen, die einen Kreis gebildet hatten. Schon von weitem hatte sie das Haupt ihres Vaters in der Mitte aufragen sehen. Sein Gesicht war zorngerötet. Vor ihm am Boden kauerte Longinus. Ballomarius traktierte ihn mit Schlägen und Tritten, beschimpfte und bespuckte ihn. »Diese feigen Hunde. Denken sie wirklich, sie könnten uns mit ihren leeren Versprechungen kaufen?«
Longinus wand sich vor Schmerzen auf dem Boden, versuchte, sich vor seinem Angreifer zu schützen. »Ich habe dir nur die Worte des Kaisers überbracht. Ich bin nichts weiter als ein Bote«, versuchte er, an Ballomarius’ Vernunft zu appellieren, musste im gleichen Atemzug erkennen, dass er nichts erreichen würde.
»Dann wollen wir ihnen unsere Antwort überbringen. Sie wird mit Blut geschrieben sein!« brüllte der Markomanne.
Die Menge johlte.
Hodicea wusste nicht, was sie tun sollte, wusste nur, dass sie etwas tun wollte. Sie machte einen Schritt nach vorn, öffnete den Mund, um ihrem Vater Einhalt zu gebieten. Eine Hand packte sie am Arm. Brunhild. Sie hielt ihre Nichte fest und schüttelte den Kopf. 
In diesem Moment sah Longinus sie. Es lag Entsetzen in seinen Augen. Entsetzen und Trauer. »Geh!« sagte er auf Latein. »Geh! Sieh mich nicht an!« Keiner der Umstehenden erkannte, an wen diese Worte gerichtet waren, dazu herrschte zuviel Aufruhr. Sie hielten es für das ängstliche Gefasel eines Feiglings, achten nicht weiter darauf. »Du kannst aufhören, mich zu hassen. Sie werden mich töten. Du wirst es nicht verhindern. Und dann verzeih mir. Das ist meine Buße. Doch jetzt geh. Ich will nicht, dass du mich sterben siehst. Bitte. Geh!«
Doch Hodicea ging nicht, wich seinen Augen nicht aus, starrte ihn unentwegt an, zeigte ihm so, dass sie bei ihm war. Sie sah nicht weg, als ihr Vater die schwere Axt nahm und ihm den Kopf abschlug. Sie hatte begriffen, dass er sie mit seinem Tod um Verzeihung bat. Um Verzeihung für den Mord an ihren Schwestern.
Ballomarius packte Longinus’ abgetrennten Kopf an den Haaren und hielt ihn hoch. »Das römische Hundepack denkt doch tatsächlich, sie könnten uns befehlen. Wären sie auf unsere Forderungen eingegangen, hätten wir sie ziehen lassen. Jetzt werden sie ihre Schlacht bekommen!«
Die Umstehenden trommelte mit ihren Äxten und Schwertern auf den Boden.
Hodicea wandte sich ab und eilte zu ihrer Behausung. Die Entscheidung, ob sie zu Berane gehen sollte, hatte man ihr gerade abgenommen.
Sie legte ohne Hast ihre Kampfausrüstung an und band sich das Haar zu einem Zopf zusammen, zog mehrmals daran, um zu testen, ob der doppelte Knoten hielt. Dann schob sie sich Freias Armreifen über die Handgelenke und nahm einen Kohlestift, mit dem sie sich rituelle Symbole auf Stirn und Wangen zeichnete, ihre Augen schwarz umrandete.
Fertig gerüstet, trat sie zu den Männern auf den Vorplatz. Sie war nicht die einzige Frau. 20 andere hatten sich mit ihr zusammengefunden. Alle warteten auf Ballomarius’ Kommando.
Als es kam, setzte sich der Trupp in Bewegung.

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Maximus stand früh auf, marschierte über das gerodete Schlachtfeld, verschaffte sich einen genauen Überblick über die Gegebenheiten, inspizierte die Truppen und Waffen, ließ dabei die Katapulte neu ausrichten. Quintus würde sich darüber beschweren. Doch war die Entfernung zu kurz gewählt, trafen sie die eigenen Leute. War sie zu weit, flogen die mit brennendem Teer gefüllten Tontöpfe über die Köpfe der Gegner hinweg. Das musste einem erfahrenen Soldaten wie Quintus einleuchten.
Mit Marcus Aurelius hatte er am gestrigen Abend gesprochen. Heute am Morgen suchte er ihn nicht auf. Er wollte nicht den Schmerz in den Augen des Kaisers sehen. Die Sorge um seinen väterlichen Freund würde ihn nur ablenken.
Dann kehrte der Tribun in sein Zelt zurück, schlang hastig den warmen Haferbrei herunter, den Cicero ihm servierte. Er aß nie viel vor einem Kampf. Zu gutes Essen ließ ihn träge werden.
Zu einem kurzen Gebet zog er sich in seine Privaträume zurück, hielt die kleinen Holzfiguren lange in seinen Händen und streichelte über die Konturen. »Allmächtiger Vater, beschütze meine Frau und meinen Sohn. Egal, was mit mir geschieht, sorge dafür, dass es ihnen an nichts mangelt.« Er küsste beide, stellte sie in den Schrein zurück, blies die Kerzen aus und schloss die Türen.
Danach überprüfte er seine Rüstung und sein Schwert. Der Waffenschmied hatte die Klinge geschärft. Selbst ein Haar würde man damit durchtrennen können. Fleisch und Knochen allemal.
Cicero hatte sich um seinen Hengst gekümmert, ihm das Zaumzeug angelegt. Maximus tätschelte ihm die Nüstern und machte sich auf den Weg zur Front.
Lange stand er neben Quintus und starrte auf den Wald. Longinus sollte längst zurück sein. Dass er es nicht war, war kein gutes Zeichen. Und es verschlechterte sich noch, als ein stämmiger Germane erschien und ihnen verspottend den abgetrennten Kopf ihres Boten zuwarf. Der Kampf war unausweichlich.
Maximus sog scharf die Luft ein, schwang sich auf seinen Hengst und begab sich den Hügel hinauf zu seiner berittenen Einheit. Er sah sich nicht um, doch wusste er, der Kaiser war hier. Bewacht von den Prätorianern würde er die Schlacht beobachten.
Kurz sprach er seinen Männern Mut zu, scherzte mit ihnen. Sie waren genauso nervös wie er. Keiner konnte sagen, ob er den Kampf überleben würde. Ein Tanz mit dem Schicksal. Eine falsche Entscheidung und alles war in einer Sekunde vorbei.
Seine Gedanken schweiften wieder zu Selene und Claudius. Das gab ihm die Kraft, die er brauchte. Er konnte diese Welt nicht verlassen, ohne mit seinem Sohn gespielt und seine Frau in den Armen gehalten zu haben.
Er gab den Befehl, ließ die Soldaten die Angriffsformation einnehmen. Sobald das Zeichen von Quintus kam, würden sie losschlagen. Das Pferd unter ihm tänzelte, spürte die Anspannung seines Reiters. Er klopfte dem Hengst auf den Hals und sprach beruhigend auf ihn ein.
Dann kam das Zeichen und die Hölle brach los.

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Hodicea hielt das Schwert kampfbereit in der Hand. Ihr Gesicht war ernst. Es gab kein Zurück mehr. Sie versuchte, ihren Geist zu leeren, sich durch nichts beeinflussen zu lassen. Bei den Schwestern hatte sie gelernt, wie man das machte. Es wirkte. Die Sorge um Berane verschwand aus ihrem Kopf. Doch in ihrem Herzen blieb sie allgegenwärtig.
Sie folgte ihren Stammesbrüdern den Hügel hinunter. Aus ihrer Position konnte sie nicht viel vom Geschehen unten im Talkessel erkennen. Sie starrte nur auf die Rücken ihrer Vormänner. Aber sie konnte es hören. Ein Geräusch, das ihr mittlerweile so vertraut war wie das Atmen selbst. Hörner. Die Schlacht begann. Es war die dritte, an der sie teilnahm. Die Göttin würde sie leiten. Ihr Schicksal lag in Freias Hand.
Hodicea sog tief die Luft ein. Sie war erfüllt von Geruch unentrinnbarem Todes. Sie vernahm das Kriegsgebrüll, das Wiehern von Pferden und das Geräusch von Schwert- und Axtklingen, die aneinander schlugen. Sie roch das Blut in der Luft. Doch war sie unfähig, sich zu bewegen. Sie stand einfach da, erstarrt mit dem Schwert in der linken Hand.
Die Römer schnitten die germanischen Kriegstruppen in zwei Teile. Wie aus dem Nichts tauchten berittene Soldaten aus dem Wald hinter ihnen auf, brüllten ihren Schlachtruf heraus und trieben die Markomannen auf den Wall aus Speeren und Schilden der Fußtruppen zu. Schwerter sausten hernieder, trennten Köpfe ab, spalteten sie entzwei. Blut spritze in alle Richtungen und vermischte sich mit der Erde. Der Boden färbte sich rot.
Die völlig verwirrten Markomannen versuchten ihre Stellungen zu halten. Aber es war unmöglich. Von allen Seiten strömten die Reiter und Fußsoldaten auf sie ein. Ein junger Krieger – Hodicea erinnerte sich, sein Name war Karnwulf – stürmte auf die berittenen Feinde zu. Er ließ sein Schwert im Bogen kreisen und holte dabei zwei der Soldaten von ihren Pferden. Die anderen schöpften durch seinen Mut neue Kraft und wehrten sich, schafften sich wieder Raum. Sie stießen mit ihren Schwerter zu, schlugen Arme und Beine ab. Die Verwundeten am Boden wurden ohne Gnade von den Pferdehufen zertrampelt. Kehlen wurden aufgeschlitzt.
Einer der Römer sank vor Hodicea in die Knie und versuchte, seine Gedärme davor zu bewahren, aus seinem Leib zu quellen. Sein Gesicht zeigte das Wissen seines nahenden Todes. Dann kippte er um und blieb zu ihren Füßen im Dreck liegen.
Der gegnerische Kommandant verteidigte sich gegen Karnwulfs Angriff. Sein Pferd strauchelte und stürzte zu Boden. Dabei begrub es seinen Reiter fast unter sich. Doch er kämpfte sich frei, kam in Windeseile wieder auf die Beine, ging zum Gegenangriff über. Mit einem einzigen Hieb spaltete er Karnwulf fast vom Kopf bis zu den Füßen.
Das Gefecht wurde jetzt zu einem einzigen Gemetzel.
Hodicea fasste ihr Schwert mit beiden Händen und stürmte mit einem Schrei voran. Der Römer hatte beim Sturz seinen Helm verloren, sein dunkles Haar klebte an seinem Kopf. Blut und Dreck verkrusteten sein Gesicht. Er sah sich um, versuchte, sich zu orientieren. Sie erblickte sein Gesicht und wurde von einem Hammerschlag getroffen.
Stöhnend wollte sie zusammenbrechen, aber ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Er lief einfach weiter. Wieso musste sie ausgerechnet jetzt eines ihrer Gesichte überfallen?
Hodicea sah diesen Mann vor sich, erinnerte sich, dass der Kaiser ihn Maximus genannt hatte. Er hatte Berane im Arm, ruhte eng umschlungen mit ihr auf ihrem Lager in der Höhle. Er war der Verletzte, den ihre Freundin pflegen würde und er war auch derselbe Mann, mit dem sie im See baden würde. Warum hatte sie das nicht früher erkannt? Als sie sich das erste Mal begegnet waren? Warum hatten die Bilder sich ihr damals verschlossen? War das Schicksal wählerisch geworden?
Sie hatte keine Zeit, darüber nachzudenken.
Eine neue Szene tauchte auf. Maximus und Berane befanden sich auf einem großen, mit Sand bedeckten, Platz. Eine riesige Wolfsstatue warf ihren Schatten auf sie. Schmerz durchzuckte Hodicea. Das Bild verschwamm, ließ sich nicht mehr greifen. Sie stöhnte auf und öffnete die Augen. Der Römer stand vor ihr. Die Spitze seines Schwertes steckte in ihrer Brust.

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Maximus starrte entgeistert auf seine Hände, sah, wie sie den Schwertknauf hielten, wanderte die Klinge entlang und blieb an der Gestalt hängen, die er mit seiner Waffe aufgespießt hatte. Er wusste, dass bei den Germanen auch Frauen mit in die Schlacht zogen. Aber er war noch keiner dabei begegnet, hatte sich immer darüber erleichtert gefühlt. Auch wenn sie kämpfen konnten, blieben sie dennoch Frauen. Schon als kleiner Junge hatte ihm sein Vater eingebleut, das weibliche Geschlecht zu achten. Er hatte sich immer daran gehalten. Und nun hatte er einer von ihnen Gewalt angetan. Schlimmer noch. Er hatte sie getötet.
Er zog die Klinge aus ihrer Brust. Sie taumelte gegen ihn. Er fing sie auf, sank mit ihr zu Boden, hielt sie in seinen Armen. Auf ihr Gesicht waren fremdartige Symbole gezeichnet. Die Augen hatte sie sich schwarz umrandet. Deshalb hatte er sie nicht sofort erkannt. Doch jetzt wurden die Züge unter der verlaufenden Farbe sichtbar. Nur einmal waren sie sich begegnet, doch hatte er sie nicht vergessen. Sie und ihren Mut, dem Kaiser direkt in die Augen zu sehen. Hodicea, Tochter des Markomannen Ballomarius.
Maximus kämpfte mit den Tränen. »Es tut mir leid«, flüsterte er. »Mögen die Götter mir vergeben.«
Sie schüttelte den Kopf, tauchte die Finger in ihr Blut und streckte sie nach seinem Gesicht aus. Er wich instinktiv zurück. Ihr Blick flehte ihn an. Er zögerte. Sie versuchte etwas zu sagen, hustete. »Freia vergibt dir«, keuchte sie dann auf Latein und streckte erneut die Hand nach ihm aus. In ihren Augen lag kein Hass, keine Wut. Sie versuchte sogar zu lächeln. Diesmal hielt er still, während Hodicea mit zittrigen Fingern etwas auf seine Stirn malte und mit schwindender Stimme auf Germanisch vor sich hin murmelte.
Maximus sah sie betroffen an, wollte ihr antworten, konnte es aber nicht. Sie würde ihn genauso wenig verstehen, wie er sie verstanden hatte. Statt dessen packte er ihre Hand, drückte sie, hielt sie fest, begleitete sie bei ihren letzten Atemzügen. Als sich Hodicea in seinen Armen nicht mehr bewegte, legte er sie behutsam auf den Boden und schloss ihre Lider.
Was hatte sie gesagt, bevor sie starb? Hätte er gelächelt, wenn er gewusst hätte, dass es seine Worte waren? Dieselben Worte, mit denen er seinen Männern vor der Schlacht Mut gemacht hatte?

 

Was immer wir in unserem Leben tun,
wird in der Ewigkeit Bedeutung erhalten.

What we do in life echoes in eternity.

 

ENDE