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Erster Teil Zehn Jahre sind eine lange Zeit. Aber alles ist relativ und es kommt immer darauf an, aus welcher Sicht man es betrachtet. Zehn Weihnachtsfeste oder Geburtstage, dreißig Schultrimester, zwei, höchstens drei Schaltjahre, je nachdem, und das Heranwachsen eines Fohlens, sein Zureiten, seine Ausbildung zum perfekten Reitpferd.... Wie gesagt, - alles relativ. Schwierig wird es, wenn ein junger Mensch zehn Jahre lang die geliebte Heimat vermisst und es keine Möglichkeit gibt, in das Land zurück zu kehren, in dem es geboren wurde, wo seine Wurzeln liegen und sein Herz es Heimat nennt, so wie in meinem Fall. Mutter hatte es nicht ausgehalten, im Hochland alleine weiter zu leben. Nicht nach Vaters schrecklichem Unfall. Nicht, als die Zeit für uns sich aufhörte zu drehen, weil er so plötzlich von uns ging. Da gab es zu viele Erinnerungen, mit denen sie nicht leben konnte und die ich nicht verlieren wollte. Aber sie war stärker, vernünftiger, vorausblickender. Heute, an meinem fünfundzwanzigsten Geburtstag, entscheide ich selbst, wo mein Leben liegt. Ich habe das immer gewusst. Immer schon! Seit dem Tag, als wir die schwere Eichentür hinter uns absperrten und in den Wagen stiegen, um unsere Farm für immer zu verlassen. Sie hat sich kein einziges Mal umgesehen, Mutter, und ihre Augen, die keine Tränen mehr hatten, blickten starr voraus, einer ungewissen Zukunft entgegen. Ich hingegen habe mit verdrehtem Kopf vor mich hingeschluchzt, bis auch der letzte Baum, das letzte Giebelchen unseres geliebten Hauses außer Sicht kam. Erst da wurde mir wirklich bewusst, ich hatte mein Zuhause verloren. Für immer .... Dagegen sind zehn Jahre wie der Hauch des Morgenwindes über den Wäldern des Canyons. Und doch, für mich war es eine Ewigkeit. Ich hatte sie angefleht, mit mir zurück zu kehren, all die Jahre lang. Gebettelt, geweint, gehofft. Aber ihre Verbitterung übertraf alles Leid, das ich empfinden konnte, weil es mir verwehrt war, meine Jugend auf dem Boden meiner Väter zu erleben. Ich war ein Teenager, der sich zu fügen hatte und das tat ich auch. Wir hatten das Land, den Kontinent verlassen und Zuflucht gefunden bei einer Tante meiner Mutter, in Europa. Ich besuchte eine britische Schule, lernte reiten und studierte Soziologie und Literatur. Ein Lehrposten schwebte ihr für mich vor, meiner geliebten Mutter, die sich um nichts anderes mehr kümmerte, als ihre Rosenzucht. Und sie hatte Erfolg damit, auch finanziell. Sie selbst wäre gerne Lehrerin geworden, doch dann kam mein Vater und machte aus ihr eine Farmersfrau. Ich glaube, sie hatte es nie bereut. Nichts widerstrebte mir mehr, als meine Mutter, diese leidgeprüfte Frau, die das Lachen verlernt hatte, zu enttäuschen. „Du wirst vergessen“, meinte sie, wenn ich in späteren Jahren über Heimweh klagte. „Die Zeit heilt alle Wunden“, einer ihrer Lieblingssprüche, an die sie selbst nicht glaubte. Und irgendwann wurde aus der Erinnerung ein Traum, eine Illusion, die nie wirklich real gewesen war. Genauso wenig wie die Zeit meiner Kindheit an der Hand meines Vaters es nie gewesen zu sein schien. Ein Leben, das nicht zu mir gehörte. Eine Wunschvorstellung, die man nach so vielen Jahren endlich ablegen sollte. Selbstdisziplin war angebracht, aber nur schwer durchführbar. Wir sprachen nicht mehr vom australischen Hochland, taten, als existiere es nicht. Sie hatte keine Zeile mehr geschrieben, meine Mutter, diese wunderbare Geschichtenerzählerin. Die Erzählung vom „Silbernen Hengst“ lag vergilbt in einer meiner Schubladen. Es war zu schmerzhaft, sie zu lesen. Denn diese Geschichte, wo es um Leben und Tod eines ungewöhnlichen Pferdes ging, war eine Hymne an die Natur, an meine Heimat. Ich konnte nicht ertragen, die melancholischen Worte in mich aufzunehmen, mit welchen sie das Land, den Wind, das Rauschen der Baumkronen beschrieben hatte. Nicht, wenn ich nicht vorhatte, an gebrochenem Herzen zu sterben. Nach Jahren hätte ich es lieber gesehen, meine Mutter hätte sich wieder verheiratet. Nicht um meinetwillen, sondern ihretwillen. Ihre Einsamkeit, ihr Besitzanspruch, den sie auf mich erhob, sprang mich förmlich an und ich war dem ausgeliefert. Anwärter dazu gab es genug in dieser Kleinstadt im Yorkshire, und über Verehrer konnte sie sich nicht beklagen. Ihre abweisende Art Männern gegenüber konnte es nicht verhindern, dass sie ihr trotzdem nur zu gerne den Hof machten. Irgendwann kam ich zu der Erkenntnis, dass sie ihre Rolle gerne spielte. Dass sie mit Inbrunst die verbitterte Witwe lebte, die sie geworden war. Und als mir dieser Gedanke zur Gewissheit wurde, konzentrierte ich mich mehr auf meine eigenen Interessen als die ihren, die ohnehin nur ihren Rosen galten. Ich begann dort fort zu fahren, wo sie ein Ende gesetzt hatte und begann zu schreiben. Erst waren es Kindergeschichten, dann Jugendromane. Und die meisten spielten im Hochland. Ich setzte meine Gedanken frei, meine Wunschträume, und siehe da, man schien darauf anzusprechen, was ich fühlte und träumte. Als ich einen Buchpreis für Nachwuchsautoren gewann, gerade mal zwanzig, wurden ein paar Verleger auf mich aufmerksam. Und da wusste ich es: Ich war nicht zur Lehrerin geboren, wie meine Mutter mir einzureden versuchte. Ich würde schreiben. Einfach alles, was ich fühlte, ersehnte, erhoffte, ja, auch fürchtete, würde ich auch weiterhin und gezielt niederschreiben und meine Geschichten darauf aufbauen. Einige meiner Stories wurden in Zeitschriften abgedruckt und schließlich, angeregt durch enthusiastische Leserbriefe, riss man sie mir förmlich aus den Händen. Ich kam, neben meinem Studium, kaum nach, den Ansprüchen der Lektoren gerecht zu werden. Meine Inspiration begann sich auch finanziell zu lohnen. Mein Name war ganz plötzlicher über Nacht, in aller Munde: Indiana Goddall, „the queen of short story writers“. Ich hatte niemals mit dem Erfolg in diesem Ausmaße gerechnet, vor allem nicht in so frühen Jahren. Der Gedanke, einen richtigen Roman zu schreiben, nahm immer deutlichere Formen an, und dazu gesellte sich ein ganz bestimmter Hintergrund, eine Kulisse, die mir bei diesem Vorhaben dienen sollte. Vaters Farm.
Zehn Jahre...! Was wohl noch übrig war von unserem Heim und den Nebengebäuden? Mutters Flucht hatte verhindert, dass sie verkauft oder versteigert wurde, weil sie nicht die Kraft gehabt hatte, sich darum zu kümmern. Welch ein Segen! Und das Land war nicht wirklich viel wert gewesen, zu dieser Zeit. Gutes Weideland, in der Weite von Südaustralien. Unser Nachbar Ron hatte damals das gesamte Vieh übernommen und Mutter genug Schuldscheine übergeben, sodass wir, zusätzlich mit Vaters Lebensversicherung gut über die Runden kamen. Mutters kinderlose Tante war außerdem vermögend, ausreichend zumindest, um uns zu unterstützen und meine Ausbildung zu sichern. Heute hatte Mutter mit ihren Rosen ohnehin ausgesorgt, und unterhielt sogar einen kleinen Exporthandel damit. Von Rechts wegen gehörte die Farm, die so weit entfernt lag, dass sie schon nicht mehr existent zu sein schien, nun mir. Ich stellte mir vor, wie sie auf mich wartete, verborgen unter tief hängenden Ästen, die niemand mehr seit zehn Jahren gestutzt hatte, verwachsen von hartem Gras, das sich näher und näher ans Haus herangepirscht hatte, um es einzukreisen und für sich zu beanspruchen. Zehn Jahre, vierzig Jahreszeiten...
Als Mutter von meinen konkreten Plänen erfährt, ist sie einer Ohnmacht nahe. Dann kommt das große Schweigen, der vorwurfsvolle Blick, die sichtliche Enttäuschung, die ihr von ihrem einzigen Kind, das ihr vergönnt war, widerfährt. Ich bitte sie, mich zu begleiten, doch sie schüttelt nur stumm den Kopf. „Nach Hause“, betone ich eindringlich. „Unser Zuhause! Vaters Heimat! Die meine! Die Stätte Deines Glücks, Mom!“ Sie sieht mich eigenartig verständnislos an, bevor ihr Blick zu der Urne mit Vaters Asche gleitet, die wie ein Relikt auf dem Buffet im Salon thront. „Es ist vielmehr die Stätte meines inneren Todes!“ Ich will noch gekränkt einwerfen, ob ich nie wirklich für sie zählte, doch ich unterlasse es. Dass Liebe groß sein kann, größer als alles auf dieser Welt, das wollte ich schon glauben. Doch ich hatte sie schwer im Verdacht, dass sie sich immer noch künstlich in Emotionen hineinsteigerte, die nicht mehr von solcher Tiefe nach all den Jahren sein konnten, wie sie vorgab. Und ich erkannte, dass sie genug Egoismus besaß, um die Gefühle anderer dafür zu opfern. „Ich warte hier auf Dich, Indi“, erklärte sie Gott ergeben. „Ich weiß, Du kommst zurück. Du wirst es ebenso wenig ertragen wie ich selbst, auf dem Boden Deiner glücklichen Kindheit einsam umher zu wandern. Schreibe Dein Buch, wenn Du glaubst, es tun zu müssen. Möge Gott Dich behüten! Du wirst allein auf Dich gestellt sein, glaube mir, das ist nicht leicht!“ Ich erinnere sie daran, dass sie auch oft genug allein die Farm bewirtschaftet hatte, wenn Vater wochenlang auf Reisen war, doch sie schweigt und blickt mich nur anklagend an. „Das war etwas anderes“, sagt sie schließlich doch und damit ist das Gespräch für sie beendet. Sie ist wieder einmal Opfer, ich die Schuldige. Mein Ärger überwiegt das Mitleid, das ich für sie empfinden sollte. Doch es war an der Zeit, mein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Sie traute mir scheinbar nicht zu, allein im Hochland zu leben. Ich würde sie eines Besseren belehren. Je näher der Tag meiner Abreise heran rückte, umso mehr hörte ich den Ruf in mir, der mich nach Hause rief. Nach langen Jahren träumte ich wieder von meinem Vater, der mit offenen Armen am Gatter der Pferdekoppel lehnt, und auf mich wartet... wie damals... Am Tag darauf nehme ich das vergilbte Manuskript aus der Lade und setze mich ans Fenster, um liebevoll darüber zu streichen und es erneut zu lesen. Diese Legende, die mehr Wahrheit in sich enthält, als ich als Kind annehmen konnte. Die Geschichte des silbernen Hengsten ‚Tora’, was soviel wie ‚Wind des Hochlands’ bedeutete. Ich war noch fast ein Kind gewesen, als Mutter sie für mich schrieb. Damals ahnte ich nicht, dass sie eine wahre Begebenheit aufzeichnete und sie mir als Geschichte schenkte. Ich war süchtig nach den Fortsetzungen geworden, die sie täglich, wenn sie abends müde von der Farmarbeit an ihrer Schreibmaschine saß, für mich verfasste. Der Mann, der Tora jagte, weil er den stolzen Wildhengst besitzen wollte, wird erneut lebendig vor meinem geistigen Auge. Er war für mich als Kind ebenso faszinierend wie das Pferd selbst. Das Tier hatte sich aus freien Stücken in die Schlucht gestürzt, um nicht in der Gefangenschaft der Menschen leben zu müssen. Ich frage mich, ob der Mann immer noch bereut, ihn in den Tod gejagt zu haben. Es hieß, er sei nach diesem traurigen Ende aus dem Land gegangen. Wie wir selbst auch, wenn vielleicht auch nicht ganz so weit weg... Ich hatte ihn gehasst, diesen Mann, der allein in seiner Hütte lebte und nur auf den fang von Wildpferden aus war. Seine Tränen jedoch, hatten mich am Ende, als ich die meinen weinte, mit ihm ausgesöhnt. Ich kannte ihn nicht, hatte einmal nur seine Umrisse erahnt in einer dunklen Gewitternacht, als der Regen über ihn floss, als wolle er alle Schuld von ihm reinwaschen. Er erschien mir groß, saß zu Pferde und sein Lederhut verdeckte jede Mimik seines Gesichts. Eine imposante Erscheinung, breitschultrig und besessen von Tora. Vielleicht war er dem Hengst sogar ähnlich gewesen, vielleicht wollte er ihn deshalb für sich fangen, weil er wie er war - stark, unbeugsam, und vor allem freiheitsliebend.
Als ich nach dieser Ewigkeit wieder Heimatboden betrat, und ich, nach Verlassen des Flugzeugs, die heiße Sommerluft des vertrauten Südens in mich einsaugte, fielen alle Jahre von mir ab, als wären sie nur ein unruhiger Traum gewesen, von dem ich mich endlich hatte befreien können. Ron hatte es sich nicht nehmen lassen, mich mit seinem ältesten Sohn abzuholen. Ich hatte den Mann viel imposanter in Erinnerung, als er mir nun, als er so vor mir steht, fast ein wenig verlegen, erscheint. Er geht gebeugter, ist stark ergraut. „Bist gewachsen, Indi!“ lautet seine Begrüßung, und Hank, sein Sohn, für den ich als Vierzehnjährige ein ziemliches Faible hatte, grinst mich, kein bisschen verlegen, an. „Da ist was dran“, meint er belustigt. Der hoch aufgeschossene Junge von damals hatte sich zu einem starken, gut aussehenden Mann gemausert, der sich mein überreiches Gepäck über die Schultern schwingt, als wären es seine handlichen Satteltaschen. Vor uns liegen viele Stunden Autofahrt. Den alten Kastenwagen hatte unser Nachbar scheinbar längst gegen ein neueres Gefährt mit mehr PS und Komfort eingetauscht, doch wie ich erfahre, ist es Hanks Fahrzeug. Und so lösen sich unsere Zungen nach den anfänglichen Schweigeminuten des sich Herantastens, der irritierenden Verlegenheit, Befangenheit, die durch eine zehnjährige Schweigsamkeit entstehen kann. Ich erfahre, dass Ron vor einigen Jahren Witwer wurde und Hank eine eigene Familie gegründet hat. Ihm gehörte jetzt die Farm und er bewirtschaftete sie gemeinsam mit dem jüngeren Bruder Kenny und seiner Frau Margaret. Ich war neugierig auf Hanks Frau und konnte nicht leugnen, dass ich den leisen Stich von Eifersucht in mir verspürte, dass er nicht auf mich gewartet hatte, dieser Junge, der nie etwas von meiner Anbetung, die ihm galt, und der sieben Jahre älter als ich selbst war, erfahren hatte. Natürliche weibliche Reaktion. „Und Du, Indi?“ fragt mich der Traum meiner schlaflosen Teenagernächte. „Ich?“ gebe ich naiv zurück, da ich bereits von Mutter und auch meiner Ausbildung und dem Schreibfieber, das mich gepackt hatte, berichtet hatte. „Ja, Du!“ wiederholt Hank und misst mich verschmitzt von der Seite, während seine großen Hände sicher auf dem Lenkrad liegen. „Bist ja auch nicht mehr die Jüngste! Wartet niemand auf Dich, dort, wo Du herkommst?“ Ich kann unbelastet verneinen. „Und das ist gut so“, füge ich schnell hinzu. Von dieser melodramatischen Affäre, die ich mit meinem Philosophieprofessor unterhielt, die aber endgültig der Vergangenheit angehörte, brauchten sie ganz sicher nicht zu erfahren. „Ich bin froh, dass es nichts gibt, das mich von meinem Entschluss, zurück zu kommen, abhalten konnte!“ Sie können nicht ahnen, diese beiden Männer, wie wichtig mir dieser Tag ist, wie lange ich ihm entgegen gefiebert habe und ihn mir ausmalte. Doch der alte Ron zwinkert mir zu. „Wenn ich ein paar Jahre jünger wäre...“, versucht er mich zu necken. „ Aber so wie’s aussieht, habe ich ja wohl keine Chancen mehr bei einem frischen, hübschen Ding wie Dir, Indi!“ Ich lächle ihn freundlich an und bete, dass er mir nicht ansieht, dass mich seine Alterung so traurig macht. Ich fordere ihn auf, mir von seiner verstorbenen Frau zu erzählen und er scheint ihren Tod besser verwunden zu haben, als Mama den meines Vaters. Er nahm die Sache, wie sie eben kam und hat gelernt, ohne sie zu leben, ohne mit seinem Schicksal zu hadern. Ich denke bei mir, dass auch die junge Familie seines Sohnes ihm großen Halt dabei gab. Ich hingegen, reichte meiner Mutter als Trost nicht aus... Etwas müde von dem furchtbar endlosen Flug nicke ich ein wenig ein und während ich verschlafen die vorüber ziehenden Felder betrachte, mein Herz der Heimat entgegeneilt, den Baumbestandenen Hügeln und Schluchten des Hochlands, frisst Hanks Wagen Kilometer um Kilometer, um mich nach hause zu bringen. „Wir sind da!“ Hanks dunkle Stimme weckt mich vollends, und ich weiß im ersten Moment nicht wirklich wo und was mit mir geschah. Dann bin ich hellwach und nehme den Anblick der Ranch, die ich glaubte, für immer verlassen zu müssen, in mir auf. Es scheint, als habe Mutter Natur mir einen besonderen Empfang bereiten wollen. Rosiges Dämmerlicht lässt die Silhouette des Wohngebäudes mit den daneben stehenden Stallungen und Scheunen wie einen Scherenschnitt vor mir auftauchen. Ein Anblick, der einen fabelhaften Abschluss für ein mit Geigenmusik untermaltes Filmende abgegeben hätte, nach dem Motto: – ‚und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute’. Ich kann nicht verhindern, dass Tränen der Rührung in meine Augen steigen, und danke dem Himmel, dass dieser dunkel genug ist, um sie zu verbergen. Vor den beiden Männern los zu heulen, das würde mir gerade noch fehlen. Ich bin entzückt und noch mehr, erstaunt, denn die Farm sieht keineswegs aus, als würde sie seit einem Jahrzehnt unbewohnt in der Einsamkeit des Weidelands liegen. Ich erwarte, dass jeden Moment die Eingangstür aufgeht und jemand heraus tritt, warum nicht Vater? Man hatte das scharfe Gras nicht bis ans Haus wachsen lassen, nichts mutet den Eindruck von Verfall oder Vernachlässigung an. Doch es war bereits dunkel, morgen sah alles vielleicht ganz anders aus. Doch was spielte das für eine Rolle? Ich war zuhause! Ich wusste, dass Rons Familie einen Schlüssel besaß, das war hier so üblich unter Nachbarn. Man war in der Einsamkeit draußen aufeinander angewiesen. Wir waren zwar die nächsten Nachbarn gewesen, und doch betrug die Entfernung zwischen unseren Grundstücken gute zwanzig Minuten mit dem Auto! Zu Pferd war es bedeutend länger! Doch wie hätte ich damit rechnen können, dass die Leute von der Wilkox Farm sich auch noch die Zeit nahmen, auf diesen Besitz, der vielleicht nie wieder seine rechtsmäßigen Bewohner sehen würde, zu achten und ihn auch noch zu betreuen! „Sieht natürlich nicht sehr persönlich aus“, meint der alte Ron entschuldigend. „Aber einigermaßen wohnlich. Als wir erfuhren, dass Du nach Hause kommst, haben wir getan was wir konnten – Margaret hat das Haus ein wenig von der fingerdicken Staubschicht befreit und Hank und ich die groben Arbeiten erledigt, wie Zäune reparieren und Fenster und Türen abdichten. Der Zahn der Zeit nagt hier draußen besonders rasch, Indi! Unwetter, Stürme und Hitzeperioden hinterlassen so ihre Spuren, nicht nur auf uns Menschen, auch auf Holz und Mauern!“ Ich kann nicht umhin, Ron auf die Stachelwange zu küssen, aus Überschwang und Rührung seiner Treue wegen, seiner Vorsorge. Bei Hank halte ich mich zurück. Wir waren uns fremd geworden, nach all den Jahren... Ich war ein Kind gewesen, als ich ging, heute kam ich als Frau zurück. Nichts konnte mehr sein wie früher und er versteht, als ich mich mit einfachen Worten bedanke. Sein gutes, offenes Gesicht zeigt Freude über die meine, und sein Händedruck ist warm und fest. Ich kann kaum glauben, was mich erwartet: Ich habe Strom und Wasser, die Stuben sind blank gefegt, die Gardinen meiner Mutter zieren frisch gewaschen und duftend die Fenster. Sogar den Kühlschrank hatten sie mir voll geräumt. „Was bleibt da mir noch zu tun?“ frage ich kopfschüttelnd und die beiden winken ab und doch sehe ich ihre Befriedigung über meine Freude und Überraschung aus ihren Gesichtern strahlen. „Du erholst Dich erst einmal von der Reise“, beginnt Hank. „Und dann bleiben Dir noch genug Erledigungen“, fügt Ron hinzu. „Hast sicher eine Menge Anschaffungen zu machen in der Stadt. Brauchst ja vor allem einen fahrbaren Untersatz! Hank fährt Dich hin, sobald Du Deine Entscheidungen getroffen hast! Aber das könnt ihr alles morgen besprechen, wir holen Dich zum Dinner ab, Indi! Dann lernst Du Margaret und den Rest der Familie kennen! Heute wirst Du sicher allein bleiben wollen, hat Margaret gesagt. Auch aus Kenny ist ein strammer Junge geworden, Indi! Als Deine Mom und Du uns verlassen habt, war er gerade mal neun! Und in Dich verliebt bis über beide Ohren!“ ‚So wie ich in Hank’, denke ich und lächle versonnen, angesichts des Bären, der er geworden ist. „Jetzt ist er zehn Jahre älter!“ fährt Ron fort. „Und ich wette, wenn er Dich sieht, wird er sich sofort wieder in Dich verknallen! Als seine Mom vor fünf Jahren starb, war das ein schlimmer Schlag für ihn! Du weißt ja, wovon ich spreche Indi! Du warst nicht älter, als Dein armer Vater das Zeitliche segnete, nicht wahr?“ Ich nicke und bin froh, dass der Gedanke an Dad nicht mehr so schmerzt, sondern mich eher mit einer dankbaren Wehmut erfüllt. „Tja“, meint Ron noch, „und wenn das erledigt ist, dann setzt Du Dich an Deine Schreibmaschine und schreibst Dein Buch, wie Du es vor hast, Mädchen!“ Wir trinken noch Bier zusammen und dann machen sich die Männer auf den Heimweg und lassen mich allein. Ich bin daheim. Erinnerungen stürmen auf mich ein und meine Hände streichen liebevoll über die alten Möbel, die Dad teilweise selbst gezimmert hat. Außer unseren ganz persönlichen Dingen hatten wir damals kaum viel mit uns genommen, als wir Land und Heimat verließen. Fast zur Gänze finde ich den Hausrat meiner Eltern vor, verblichene Wäsche, sauberes Bettzeug, eingemottet und vergessen. Jede Schublade der Kommoden, jedes Fach der Schränke scheint mir etwas mitteilen zu wollen. Jedes Stück, das mir in die Hände gerät, weckt kleine Erinnerungen in mir, erzählt mit Nostalgie das Leben einer kleinen, glücklichen Familie, erinnert mich daran, dass nichts jemals ganz zu Ende geht und es immer wieder einen Weg der Hoffnung gibt, wenn man nur daran glaubt und festhält. Ich habe vielleicht nie daran gearbeitet zu vergessen, mich auf eine Zukunft weit weg der Heimat einzustellen und danach getrachtet, anderswo ein ebenso glückliches oder zumindest zufrieden stellendes Dasein zu führen. Ich war vielleicht zu schwach dazu gewesen, oder aber, und dieser Gedanke ist mir weitaus sympathischer, ich war einfach zu stark mit der Heimaterde verbunden. Es mag vielleicht anders sein für jene, die vertrieben werden und nur Not und Elend zurücklassen. Bei mir jedoch war es ganz anders verlaufen. Vaters Tod war furchtbar für uns, aber ich war und bin heute noch davon überzeugt, dass er es nicht gerne gesehen hätte, dass wir alles verließen, was er für uns aufgebaut hatte. Vielleicht hatte er Mutter mutiger eingeschätzt, stärker. Eines ist jedoch absolute Gewissheit für mich, eine Tatsache, die niemand widerlegen kann. Dad würde sich freuen, wüsste er, wie viel es mir bedeutete, nach hause zurückgekehrt zu sein. Ich verhalte meinen Schritt vor der Spiegelkommode meiner Mutter und betrachte mein Abbild. Ich erkenne eine große Ruhe in meinen Augen, einen friedvollen Zug um meinen Mund und stelle mir unwillkürlich die Frage, wie Ron und Hank mich wohl sehen. Ich hatte mich in den vergangenen zehn Jahren sicher verändert, war reifer geworden, nachdenklicher. Mein flachsblondes Haar war vielleicht eine Spur nachgedunkelt. Warum habe ich mich nie entschließen können, eine modische Frisur zu tragen, mein Haar nach der jeweiligen Modetendenz schneiden zu lassen? Eine Nebensächlichkeit, die mich an die guten Ratschläge meiner Studienkolleginnen erinnert. ‚Ein bisschen altmodisch, unsere Indi’, habe ich dann und wann gehört. Auch gut! Vielleicht gehört das eben zu jemandem, der nichts anderes im Kopfe hat als romantische Geschichten zu schreiben und davon träumt, in einem wilden, rauen Land zu leben, weitab von Zivilisation und alledem, wonach Frauen meines Alters normalerweise Lust haben: Shopping, Discos, Partys. Aber galt ich nicht immer schon als ‚anders’, oder ‚merkwürdig’? Mein Erbgut hat mich eben so geformt, wie ich nun mal bin: die Einsamkeit liebend, eins mit Natur und der Schönheit derselben und sehr Heimat bezogen. Kein leichter Stand in einer Welt des Konsums und der Hascherei nach Vergnügen und materiellen Werten. Aber was ist schon leicht? Wichtig scheint mit nur zu sein, was mich selbst befriedigt, egal, ob es abnorm erscheint oder andere denken mögen, dass ich „nicht alle Tassen im Schrank hätte“. Ich lächle mir zu und finde mein Lächeln schön. „Bist schon okay, Indi, altes Mädchen“, spreche ich mein Spiegelbild an. „Machst schon das Richtige! Wirst sehen!“ Als ich spätabends unter meine Decke schlüpfe und dem Wind lausche, der sachte ums Haus streicht, als wolle er nachsehen, ob erneut Leben innerhalb dieser massiven roh gezimmerten Holzwände zu finden war, beseelt mich der Frieden der Heimkehr, der beendeten Sache, auf die ich, wie es scheint, mein bisheriges Leben ausgerichtet hatte. Doch es hält mich nicht lange im Bett. Kaum lugen die ersten Sonnenstrahlen ins Zimmer, bin ich nach kurzem, aber tiefem, traumlosen Schlaf hellwach und nehme den neuen Tag, meinen ersten Tag zuhause, in Angriff. Weit werden Fenster und Türen geöffnet und dann beginnt mein Rundgang durch Stallungen und ums Wohngelände. Es scheint wirklich alles in bester Ordnung zu sein, keine fehlerhaften Latten in den Holzwänden, keine zerbrochenen Scheiben. Die Scheunentür gehört eventuell geschmiert, und einen neuen Lasuranstrich könnten die Außenwände des Hauses vertragen, ebenso, wie die Fensterrahmen frisch lackiert gehören. Ich freue mich auf diese Arbeiten. Es scheint, als rufe mich jeder Balken, jeder Teil, den mein Dad durch seiner Hände Arbeit für uns gezimmert hatte. Ich danke Gott, dass Mutter nie verkauft hatte. Wahrscheinlich brachte sie es doch nicht übers Herz, sich vorzustellen, wie Fremde in ihrem Bett schliefen und das eine oder andere Möbelstück entfernten, weil es ihnen zu grob oder unmodern erschien. Möglicherweise hat ihr die Gewissheit, dass es diese Stätte ihres einstigen Lebensglücks irgendwo immer noch gab, auch einen gewissen Trost verschafft. Welchen auch immer, Mutter würde ich wohl nie wirklich verstehen. Die leeren Pferdeboxen sehen mich an wie hohle Augen. Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich mich alleine keinesfalls mit Tierhaltung belasten konnte. Doch auch hier drinnen sollte wieder Leben herrschen, wie früher. Ich brauchte ein Reitpferd, denn nur auf dessen Rücken konnte ich jeden Winkel meines Grundstücks durchstreifen und auch die verborgensten Pfade erkunden, wieder finden. Ein Pferd und ein zuverlässiges Auto würden die ersten Anschaffungen sein, die ich tätigen musste. Hank würde mich beraten und wissen, an wen man sich am besten wandte, um nicht übers Ohr gehauen zu werden. Ich bedaure ein bisschen, dass ich keinen Partner habe, der mich bei all diesen Vorhaben unterstützte, das kann ich nicht leugnen. Um wie vieles einfacher wäre alles, könnte man es teilen. Schwieriges und auch Schönes. Scheinbar Unüberwindliches und Einfaches. Doch ich hatte absichtlich keinen Wert darauf gelegt, mich binden zu wollen. Dass ich einen Bogen um all jene Männer gemacht habe, die mich zu sehr interessieren könnten, und ich befürchten musste, dass ich mich gefühlsmäßig zu sehr engagierte, war kein Zufall gewesen. Denn welche meiner männlichen Bekanntschaften mit brillanter Zukunftsaussicht in Europa wäre so verrückt oder vernarrt gewesen, um mir hierher zu folgen und das einfache Leben eines Hochlandsiedlers zu teilen? Ich habe mir da nie etwas vorgemacht. Ich war besser beraten, allein zu bleiben und mich auf die Prioritäten zu konzentrieren, die ich mir gesetzt hatte: zu schreiben und in mein Land zurückgekehrt zu sein, wo ich leben wollte.
Margaret ist mir sofort sympathisch und ich fühle mich hingezogen zu dieser spontanen, jungen Frau, die das Leben Hank in den Weg gestellt hat, um ihm zwei entzückende Kinder zu schenken und frischen Wind in die Wilkox-Ranch zu bringen. Ihre prüfenden, offenen Augen haben die Farbe eines Gewittermorgens, dunkelgrau, und ihr flammend rotes Haar lässt ebenso wenig Zweifel darüber offen, dass sie irischer Abstammung ist, wie auch ihr Sommersprossen übersätes Gesicht. Die beiden Kleinen, drei und ein Jahr alt, wie ich erfahre, sind blond, wobei das Jüngere, ein Mädchen einen kräftigen Rotstich im lockigen Haar mütterlicherseits mitbekommen hat. Beide sehen ihrer Mutter ähnlich, doch das konnte sich noch ändern im Laufe der Jahre. Der Junge hatte bereits heute die kräftige Statur seines Vaters, die aus ihm einen Großgewachsenen Mann machen würde. Aus Hanks Augen blitzte der Stolz auf seine Sprösslinge und ich vergönnte es ihm, die scheinbar Richtige gefunden zu haben, die mit ihm das nicht eben leichte Leben eines Farmers zu teilen bereit war. Und natürlich auch Ron. Nun verstand ich auch, warum seine Lebensfreude ungebrochen war. Sie wurde genährt. Genährt vom Lebensglück des ältesten Sohnes und dem jungen, sprühenden Dasein zweier Kinder, die seinen Namen trugen. Und Kenny, sein jüngerer Sohn, fiel weder in Ohnmacht, als er mich sah, noch wurde er rot, wie sein Vater vorausgesagt hatte. Er sah mich unverschämt grinsend an und erwiderte meine Umarmung, als hätten wir uns nie aus den Augen verloren. Trotz der vielen Jahre die zwischen unserem letzten Wiedersehen lagen, hatte er sich kaum verändert, sah man erst einmal von der imposanten Größe und Breite seines jugendlichen Körpers ab. Sein offenes, hübsches Gesicht, das er seiner Mutter verdankte, drückt Wohlgefallen aus und kein bisschen Verlegenheit, als er mir ein paar eindeutige Komplimente macht, wie: „Sieh an, was aus der Bohnenstange Indi geworden ist! Ein hübsches Vögelchen, das mich sicher zum nächsten Ball in die Stadt begleiten wird!“ Dem allgemeinen Gelächter folgt eine Ermahnung bezüglich guten Benehmens seitens des Vaters und wir begeben uns zu Tisch. Margaret scheint sich selbst übertroffen zu haben. Der Tisch biegt sich förmlich unter der Last von Gebratenem, frischem Gemüse, Aufläufen und selbst gebackenem knusprigen Brot. Ich frage Hanks Frau, wie sie es bei dieser Art von verlockender Kost nur schafft, eine so gertenschlanke Taille beizubehalten. „Ich habe keine Zeit dick zu werden“, entgegnet sie lachend und macht ein paar Kopfdeutungen in Richtung ihrer Kinder und zu Hank hinüber, der ihr vis à vis Platz genommen hat. „Ich brauche Dir ja wohl keinen Roman darüber zu erzählen, was es an Arbeit auf einer Farm, wie dieser gibt!“ Ron nickt dazu, während Hank seine Mahlzeit in sich hinein schaufelt. „Oh ja, Indi“, sagt er mit rührseligem Blick auf Margaret. „Für Romane, bist Du zuständig! Jedem das seine! Der Himmel hat uns diese Frau geschickt! Wäre sie nicht da, wir würden wohl als Dreimännerhaushalt langsam, aber sicher vergammeln.“ Damit hatte er sicher nicht Unrecht und ich konnte sehen, dass dem alten Mann diese Frau mehr bedeutete, als es eine Schwiegertochter normalerweise tut. Der kleine Junge sitzt auf seinen Knien und hält ein Hühnerkeulchen, an dem er hingebungsvoll knabbert, in den kleinen Händen. Ich sehe sie mir alle genau an, jeden einzelnen und brauche nicht viel Überlegung, um zu der zufrieden stellenden Überzeugung zu gelangen, dass diese Familie trotz Arbeit und sicher auch mancher Entbehrungen das Bild vollkommenen Glücks und Lebensfreude darstellte. Ich bin schnell überredet, dass es sinnvoller wäre, die Nacht unter dem Dach der Farm zu verbringen. Hank hat sich bereit erklärt, mir den kommenden Tag größtenteils zu opfern und mich in die Kleinstadt zu fahren, wo ich in der Bankfiliale nach dem Rechten sehen musste – ich hatte bereits von England aus mein Konto einrichten lassen – und dann wollten wir auch noch einen passenden Wagen für mich suchen. Es war ganz unmöglich, so weit auf dem Lande draußen zu wohnen und unbeweglich zu sein, oder auf andere angewiesen. Gesagt, getan. Als der Morgen dämmert, die Frau des Hauses aber längst in der Küche hantiert, machen wir uns nach einem kräftigen Frühstück auf den Weg. Es sind an die zwei Stunden bis zur Stadt und Hank nimmt noch eine lange Einkaufsliste seiner Frau mit sich, was ihr erspart, schon in wenigen Tagen selbst dorthin fahren zu müssen. So gewann sie ein paar Tage Zeit bis zum nächsten Einkauf. Es ist nicht so leicht, das richtige, vor allem, zuverlässige Fahrzeug, das ich benötige, aufzutreiben. Durch Zufall treffen wir schließlich auf einen alten Kumpel meines Begleiters, der uns einen Geheimtipp verrät. Der Geschäftsinhaber des Eisenwarenladens, dessen Augenlicht ihn unglücklicherweise mehr und mehr verlässt, hat im Pub verlauten lassen, dass er in Bälde selbst aufs Autofahren verzichten wird müssen, wenn seine Sehkraft so rapide schwand. Der Mann besäße einen gut erhaltenen, ja neuwertigen Geländewagen, den er kaum gefahren hatte, und der sicher das Doppelte wert war, als der Preis, den er noch dafür verlangen konnte. Also nichts wie hin! Wenn diese Nachricht erst einmal wie Lauffeuer ihre Runden machte, kamen wir zu spät! Die Sache ist rasch erledigt. Ich kann den Wagen gleich mitnehmen, nachdem ich die nötigen Formalitäten auf der Polizeistation erledigt habe. Der Ertrag meiner Schreibkunst hat mir einen leichten Neuanfang ermöglicht. Finanziell brauchte ich mir erst einmal keine Sorgen über meine Zukunft machen. Ich hatte auch nicht vor, lange auf meinen Lorbeeren auszuruhen und meine Fingerspitzen kribbelten bereits, und sehnten sich nach den Tasten meines Computers. Die Idee zu meinem geplanten Roman lag fix und fertig zwischen den grauen Zellen meiner Gehirnwindungen bereit: er würde von der Wilkox Farm handeln, unter anderem Namen natürlich, dem Leben einer Familie mit allen Höhen und Tiefen im australischen Hochland. Es sollte eine Art Fortsetzung werden, nein, eine Überarbeitung von Mutters nie veröffentlichter Geschichte über Tora, den Wildhengsten, die mir als Einleitung dienen sollte. Am Nachmittag helfe ich Hank alle Besorgungen für seine Frau zu erledigen und als wir zur Farm zurückkehren. Ich, stolz am Steuer meiner Errungenschaft, die mit Benzinkanistern, Einkäufen und verschiedensten unentbehrlichen Anschaffungen voll gestopft ist. Die Wilkox Farm liegt auf dem Weg zu meinem Zuhause und ich bin schnell überredet, noch zum Dinner zu bleiben, bevor ich die letzten Kilometer allein zurücklege. Nach dem Essen will ich mich verabschieden, als Ron, der kurz verschwunden war, mit einem Gewehr in den Händen zurückkommt und es mir mit feierlichem Gesichtsausdruck überreicht. Ich erkenne es sofort wieder: es ist die Doppelflinte meines Vaters, ohne die er weder ausritt noch irgendwo hin fuhr. „Aber“, stammle ich überrascht, aber auch überwältigt davon, das gute Stück wieder zu sehen. „Mutter hat es Dir geschenkt, als wir das Land verließen!“ Ron nickt ernst. „Ich denke, sie hat mir das Ding nur zur Aufbewahrung hier gelassen. Man kann nicht einfach ein Gewehr irgendwo liegen lassen, als wäre es ein einfaches Möbelstück! Ich habe es gut gewartet und gebe es dem rechtmäßigen Besitzer zurück. Ich hoffe, Du kannst damit umgehen, Indi, auch wenn ich mir wünsche, dass Du es nie verwenden musst!“ Ich nicke dankbar, und meine Hände greifen nach dem Erinnerungsstück meines Vaters, dessen große Hände sich so oft sicher und fest um den Stutzen und die Kanone gelegt hatten. Ich war damals ein guter Schütze, und Dad war stolz auf meine Schiesskünste gewesen. Zwar hatte ich kaum mit diesem hier geschossen, weil es für mich viel zu schwer gewesen war, aber mit einem leichten Bleigeschoß-Stutzen lehrte er mich das genaue Zielen und auch Treffen, nicht von Kaninchen, weil ich das immer vehement abgelehnt hatte, auf Tiere zu feuern, aber auf Dosen und Strohballen, die er für mich aufgebaut hatte. Schwer liegt das Zwölfkaliber-Gewehr in meinem Arm und fast mechanisch streichen meine Finger liebevoll über das glänzende Holz und das matte Metall seines Laufes. „Es ist zwar eher unwahrscheinlich, dass sich jemand zu Dir hinaus verirrt, aber die Zeiten haben sich verändert, Indi“. Ich höre aus Rons Tonfall heraus, dass er sich wirklich Sorgen um mich machte. Ich lächele ihn beruhigend an. „Ich passe schon auf mich auf! Bitte macht Euch keine Gedanken darüber!“ Als mich Ron noch mit etlichen Schachteln Munition versorgt, bedanke ich mich aufrichtig über dieses unerwartete Geschenk, denn ein solches ist es ja auch. Die Waffe bedeutet mehr für mich als eben ein Gewehr. Es ist ein lebendiges Stück Erinnerung an Dad. Etwas, das ihn überdauert hat und er liebte und hegte, mit Sorgfalt und Geduld. Ich erinnere mich sehr gut an die Abende, als er das Ding in alle Einzelteile zerlegte, um es zu reinigen und zu ölen, seine prüfenden Augen durch den Lauf blickten, um auch jede Unebenheit, jeden, noch so kleinsten Fehler zu entdecken. Ich liebte es, ihm dabei zuzusehen, wie er geschickt, Teil um Teil danach wieder zu einem Ganzen zusammenfügte, damit er uns auch weiterhin mit frischem Wild versorgen konnte oder umherstreuende Dingos, die sich zu nahe ans Haus und die Stallungen heran wagten, damit vertrieb. „Außerdem solltest Du Dich um einen Hund umsehen, Indi! Ja, und um ein Pferd, ganz klar! Aber Du bist erst seit zwei Tagen zurück, also lass Dir Zeit und gewöhne Dich erst einmal wieder bei uns ein!“ Ich nicke zu Hanks Ratschlag und habe es plötzlich sehr eilig, nach hause zu kommen. Mein Vorrat wollte verstaut werden und die Farm schien mich zu rufen. Während der Heimfahrt kann ich förmlich spüren, wie die Wurzeln meiner Seele sich immer tiefer in dieses Land graben, an ihren ursprünglichen Ort, und dort zu neuem Leben erwachen, sich tief darin festsetzen, erleichtert, endlich den Boden ihres Ursprungs wieder gefunden zu haben.
Ich schreibe frühmorgens, oft bis in den späten Vormittag hinein, und spätabends. Die Tage sind ausgefüllt mit Umräumen, Ausräumen, Wegräumen. Erkundschaften mit dem zuverlässigen Geländewagen, der keinen Hügel scheut, kein Schlammloch und keinen, auch noch so steinigen Pfad. Aber auch mit einem gewissen „Mich treiben lassen“, das hauptsächlich daraus besteht, dass ich im Lehnstuhl meiner Mutter auf der überdachten Terrasse sitze und nachdenke, den Geräuschen der Natur lausche, wie dem Wind, den Vogelrufen und anderen vertrauten Lauten. Aber auch der Stille vor dem Abend, der sich rasch und von prachtvollen Farben begleitet über das Land senkt, wenn die Sonne sich anschickt, hinter den Hügeln im Westen zu versinken. Es sind die Momente des allgegenwärtigen Friedens und ich fühle mich eins mit Land und auch Gott, dem ich all das hier verdanke. Ich gelange immer mehr zu der Überzeugung, dass alles Bisherige, die Sehnsucht, der Verlust Vaters, nur Prüfung war und fühle mich wie Hiob, dem alles fünffach zurückgegeben wurde. Nicht, dass ich besonders religiös veranlagt bin, auch nicht erzogen, weil Mutter seit Vaters Tod, den Namen Gottes nicht mehr in den Mund nahm, aber ich beginne eher philosophisch die Zusammensetzung meines Lebens zu begreifen, das Schicksal, den Lauf der Dinge und meine eigene spirituelle Reife. Im Leben konnte man viel planen, aber es gab eben keine Garantie, dass sich alle Pläne realisierten. Die Abweichungen und Überraschungen, die das Universum uns bereithielt, zeichneten andere, oft sehr unglaubliche Wege für jeden Einzelnen vor.... Jedem seine Bestimmung, jedem seine Aufgabe. Und keine glichen jenen eines anderen.... Alle paar Tage telefonieren die Leute von der Wilkox Ranch mit mir oder umgekehrt, um sich zu vergewissern, dass ich noch lebe und mich keine wilden Tiere irgendwo in die Wildnis hin verschleppt hätten. Doch aus dieser Richtung kam die geringste Gefahr, denn außer Dingos, und die waren rar, gab es kaum gefährlich große Raubtiere. Viel mehr musste man sich in Acht nehmen vor dem Kleingetier, wie Schlangen oder Spinnen, Echsen oder kleinen Beutelnagern, auch Mäusen, die plötzlich einfallen konnten und den Vorrat, ja manchmal sogar die Ernte eines Jahres vollkommen vernichteten. Bedachte man, dass Schlangen oder Echsen eher scheue Tiere waren, die dem Menschen tunlichst aus dem Wege gingen und die Bekanntschaft mit ihnen meist nur zufällig oder überraschend geschah, und dass es kaum viel Vorräte bei mir zu holen gab, blieben nur mehr Spinnen. Ich hasse sie, habe sie immer schon gehasst und meine Angst vor ihrem Gift, den haarigen oder glatten, langen Beinen grenzt schon an eine regelrechte Phobie, die ich immer noch nicht, selbst mit auferlegter Geistesdisziplin, nicht wirklich unter Kontrolle halten kann. Eines Nachts erwache ich durch ein Geräusch, das keinem gleich kommt. Nur einmal in meinem Leben habe ich es bisher vernommen: als eine Herde von Wildpferden unweit von hier über das Land stob, und der Boden unter dem hundertfachen Schlag von Pferdehufen erzitterte. Es beginnt wie ein entferntes Rauschen, schwillt an und scheint Luft und Erde auszufüllen. Man hält den Atem an, weil man glaubt, gleich würde die ungeheure Kraft der laufenden Pferde über einem hinweg toben und empfindet fast so etwas wie Enttäuschung, als der Sturm allmählich abflaut, sich entfernt und auch der letzte Klang der Hufe verklingt. Ebenso ergeht es mir jetzt, und ich fühle mich in die Vergangenheit zurück versetzt. Ich sitze kerzengerade in meinem Bett und lausche dieser Ouvertüre, die schwer und dumpf aus der Ferne erklingt, zu einer gewaltigen Arie von Freiheit und Kraft anschwillt und schließlich verklingt, wie das letzte verbleibende Gewittergrollen, das uns noch mahnend daran erinnert, wie klein und hilflos der einzelne Mensch war. Ja, ich halte den Atem an, unbewusst und hinter meinen geschlossenen Augen entsteht dieses Bild des silbernen Hengsten, dessen Kraft und Schönheit alles übertrifft, das der Blick jedes Pferdekenners jemals geschaut hat. Ich versuche mir einzureden, wie damals, als ich noch ein Kind war, dass Tora lebte und sein Tod in der Schlucht nur die Erfindung meiner Mutter war. Oder, dass Tora kein gewöhnliches Pferd gewesen war, sondern während seines endlosen Sturzes mit unsichtbaren Flügeln entschwand, in ein Universum von Magie und dem Zauber unerklärlicher Naturgewalten. Da kommt erneut die Autorin der Jugendgeschichten in mir durch. Wer wünschte nicht ein solches Ende für ein wunderbares Wesen, wie Tora es war? Doch die Wirklichkeit sah leider anders aus, grausam und unbegreiflich in ihrer Härte. Die Tränen des Mannes, der das Pferd in den Tod jagte, kamen zu spät und erneut überkommt Groll mich auch diesen Unbekannten, der für Toras Ende verantwortlich ist. In dieser Nacht, in der ich vergeblich darauf warte und in die Dunkelheit lausche, dass erneut das Stampfen der Herde zu dem orkanartigen Lied der Freiheit anschwillt, fasse ich den Entschluss, mich gleich nach Tagesanbruch auf die Suche nach einem Pferd zu machen, das das Leben hier draußen mit mir teilte.
Ich hatte meinen Besuch bei den Wilkox’ angekündigt und Hank weiß, dass einer der Pferdezüchter im Hochland ein paar reitfähige Tiere hat. Er kam alle paar Monate ins Tal und bot seine „Ware“ am Pferdemarkt der Kleinstadt preis. Doch solange wollte ich nicht warten. Hank erbot sich, mich zu begleiten, wo er den Mann vermutete, der sich sonst kaum blicken ließ und dem Einzelgängertum eines Menschenscheuen, hart gesottenen Buschmannes frönte. Während der langen Fahrt, spreche ich Hank auf die Legende von Tora an. Er grinst. „Ja, ich erinnere mich! Deine Mutter hatte für Dich diese Geschichte geschrieben, stimmt’s? Du hast sie uns ganz aufgelöst erzählt und dabei fast geheult, so Herz zerreißend war das Ende der Story, als der Gaul sich das Genick brach!“ „Es ist keine Legende“, werfe ich ein und ärgere mich, dass Hank so wenig Feingefühl zeigt. Typisch Farmer! „Es ist wirklich passiert und diesen Mann gab es, auch wenn niemand seinen Namen kennt. Er geriet wahrscheinlich in Vergessenheit, als er nach diesem Geschehnis das Land verließ“. Hank überlegt kurz und nickt dann zögernd. „Es stimmt allerdings, vor vielen Jahren wurde gemunkelt, dass ein paar Männer hinter einem außergewöhnlichem Brumby herjagten und ihn nicht erwischten. Über den wahren Ausgang ist nicht viel bekannt. Manche sagen, er hätte sich in Luft aufgelöst oder sich so geschickt getarnt, dass die Männer einfach an ihm vorüber ritten, ohne ihn zu bemerken.“ „Das wäre schön“, seufze ich tief und Hank wirft mir einen verwunderten Seitenblick zu. „Die Wahrheit ist, dass der Hengst in eine Schlucht stürzte, so tief, dass man den Boden derselben nicht sehen konnte. Eine verwachsene, Baum bestandene Schlucht, felsig und tödlich, und sie wurde Tora zum Grab.“ „Das sind reine Spekulationen“, schwächt Hank amüsiert meinen Enthusiasmus ab. „Jedes Land hat seine Legenden und unglaublichen Geschichten, die mit der Zeit ausgeschmückt und verdreht werden. He, Indi, jetzt ist mir auch klar, warum Du ein Storyteller geworden bist! Bei Deiner blühenden Phantasie....!“ Ich grinse ihn frech an: „Nun, ich bin diesbezüglich erblich vorbelastet! Schon vergessen?“ Er grinst ebenfalls und jeder von uns hängt seinen Gedanken über die Wildpferde und ihren Jägern nach. Hanks starker Wagen bahnt sich seinen Weg ins Hügelland und in die unberührte Natur. Die atemberaubende Schönhaut dieses Landes tränkt meine Sinne mit dankbarer Erfüllung. Die Ranch des Züchters, wenn man das windschiefe Holzhaus als solche bezeichnen konnte, liegt versteckt unter dichten Föhren auf einer Art Plateau. Auf der Koppel grasen friedlich ein paar schlanke Pferde mit langen Mähnen, während einige davon unruhig tänzeln und umher traben. Zwei Hunde kommen uns bellend entgegen, als wir den Wagen an die fünfzig Meter vom Haus entfernt abstellen, um keines der Pferde, die ja Fluchttiere sind, zu verschrecken. Der eine hinkt ein wenig und ist gelb-schwarz gefleckt. Der andere scheint fast ein Dingo zu sein, nur ist sein Kopf schmäler, doch sein Fell gelb und kurz wie das der Wildhunde. Die wohlwollenden Worte und Gesten Hanks scheinen die aufgebrachten Hunde zu beruhigen. Wir lassen uns beschnüffeln und beäugen, bis ein scharfer Pfiff von oben ertönt, der die beiden Gesellen mit wenigen Sprüngen zurück zur Hütte ruft. Wir folgen ihnen, wenn auch nicht ganz so behände und ich stehe dem Mann, dem das hier zu gehören scheint, gegenüber. Er lehnt in der offenen Stalltür und blickt uns misstrauisch, aber auch neugierig entgegen. Aufgekrempelte Hemdsärmel und die lederne Schürze, die er trägt, lassen darauf schließen, dass er dabei war, sich um die Hufe seiner Tiere zu kümmern. In der einen Hand hält er einen riesigen Hammer, als wolle er uns damit niedermachen. Hank tippt an seinen Hut und ich nicke unsicher. Der Mann sieht alles andere als erfreut aus, uns zu sehen. Aber als Hank ein paar Worte mit ihm wechselt, nickt er entspannter und scheint sich seiner zu entsinnen. „Wilkox Ranch?“ fragt er mit dunkler, fast einschmeichelnder Stimme, die mich mehr als überrascht, und Hank nickt dazu. „Schon klar. Ich kenne Dich! Dein Vater und ich haben manchen Deal gemacht!“ Hank bestätigt erneut mit einem Kopfnicken die Worte des Fremden und ich habe Zeit, in wenigen Sekunden das Bilde desselben in mich aufzunehmen. Zerrauft verschwitztes, hellbraunes Haar umgibt den wohlgeformten Kopf mit der hohen Stirn, und das karierte Hemd kann kaum die Muskelkraft der breiten Schultern und Arme verbergen. Der Mann ist etwas kleiner als Hank, der ein wahrer Riese ist. Das besonders Auffällige in dem männlichen Gesicht, das dennoch ohne Härte ist, sobald es sich entspannt hat, sind die ungewöhnlich hellen Augen, die mich unverschämt mustern, als er Hank mit einem Handschlag begrüßt hat. Er wischt sich die Rechte an seiner speckigen Lederschürze ab, bevor er sie mir ebenfalls entgegen streckt. Währenddessen ich sie ergreife, und einen Schmerzenslaut unterdrücke, als meine Finger von der heißen, harten Hand des Fremden fast zerquetscht werden, stellt Hank mich vor. „Das ist Indiana Goddall! Ein Kind dieses Landes, dass nach zehn Jahren Exil den Weg zurück nach Hause fand! Sie sucht ein Pferd.“ Hank scherzt, und mein Lächeln fällt ziemlich kläglich aus, weil ich fieberhaft überlege, ob diese schmerzenden Finger jemals wieder die Tasten eines Schreibklaviers betätigen konnten. Der Pferdezüchter kneift die Augen zusammen, bis sie nur mehr Schlitze sind und scheint kurz nachzudenken. „Goddall? James Goddall?“ „...war mein Vater“, werfe ich hastig ein. Das Gesicht des Mannes wird eine Spur freundlicher, ja er lächelt fast, als er scheinbar zufrieden antwortet: „James Goddall! Haben so manche Ritt hinter uns, ihr Dad und ich, Miss!“ „Indi“, sage ich schnell und bin eingenommen von der Tatsache, dass der Typ meinen geliebten Dad kannte. „Nur Indi!“ Er nickt und mustert mich etwas neugieriger geworden. Wahrscheinlich werde ich rot, ich fühle zumindest, wie Blut in meine Wangen steigt, mir wird richtig heiß unter diesem forschenden, unverblümten Blick aus den – grünen(?), blauen(?) – Augen des Mannes. „Kanntest Du meinen Vater gut?“ will ich wissen, bevor Hank unser Anliegen vorbringen kann. Mister Unbekannt deutet auf die gezimmerte, kleine Veranda seiner Wohnstatt. Er geht uns voraus und lässt sich auf den Stufen derselben nieder, weil es offenbar keine Stühle gibt. Hank bleibt an einem Pfosten gelehnt stehen und ich setze mich nach einigem Zögern auf die oberste Stufe, von der ich auf die beiden Männer hinunter blicken kann. „Ich hab’ eine Box voll Bier mitgebracht und ‚nen kleinen Imbiss, den meine Frau uns eingepackt hat“, erklärt Hank sich erinnernd. „Mit vollem Magen verhandelt es sich leichter!“ Ich spüre, dass mich hungert und das ist kein Wunder. Ein Blick auf meine Armbanduhr besagt, dass es fast auf ein Uhr nachmittags zugeht. Außer einer raschen Tasse Tee, habe ich heute früh nichts zu mir genommen, zu nervös, zu ungeduldig, mir ein Pferd anzusehen, das mein Lebenspartner werden sollte. Ich blicke Hank nach, wie er mit großen Schritten zum Wagen zurück eilt, begleitet von den beiden Hunden, die ihm Schwanz wedelnd hinterher laufen und fühle erneut die prüfenden Blicke des Mannes auf mir. Er weicht mir nicht aus, als ich sie erwidere. „Ja, ich habe Deinen Dad ganz gut gekannt“, beantwortet er meine Frage, derer er sich anscheinend nun entsinnt. „Ist aber eine ganze Weile schon her! Tut mir leid, was ihm passiert ist. Ist ein schwacher Trost, aber gut zu wissen, dass er nicht gelitten hat!“ Ich nicke zu seinen schleppenden Worten und scheuche den unliebsamen, schlimmen Gedanken an Dads Unfall aus meinem Gedächtnis. „Wir haben Dich nie auf der Ranch gesehen,...“ lasse ich den Satz offen, damit der Fremde sich endlich vorstellen kann. Es scheint ihm nicht wichtig zu sein, denn er übergeht die Aufforderung und erklärt nur meine Verwunderung über das Fernbleiben der väterlichen Farm. „Bin keiner, der Gesellschaft braucht“, meint er schlicht und ohne jede Arroganz. Ich halte seinem offenen Blick stand und nage an meiner Unterlippe, ohne es zu bemerken. „Aber ich habe James ein paar Mal abgeholt. Meistens nachts, wenn ich seine Hilfe brauchte.“ Ich nicke verstehend, obwohl ich es nicht tue, und bin verwundert darüber, dass der Mann nur um einige Jahre älter als Hank sein konnte, also bedeutend jünger als Vater war, sein musste. Und ganz plötzlich erscheint vor meinen Augen die Silhouette des Reiters, der im Regen draußen wartete, während Vater sich fertig machte, um ihm zu folgen. Kein Gesicht, keine Mimik, nur die breiten Schultern, der schützende Hut, der sein Antlitz verbarg, die stumme Erscheinung, die trotz des Regens draußen ausharrte und wartete, verhüllt von einem schweren Reitermantel, der die Nässe abwehren sollte. Ich wage den Gedanken nicht zu Ende zu denken, mein Schrecken ist zu groß, mein Aufruhr zu heftig und meine weit aufgerissenen Augen müssen den Mann verwundern, doch es wird mir nicht bewusst. Doch er wendet sich dem Ziehbrunnen neben der Treppe zu, hat die Schürze abgelegt, und pumpt mit kräftigen, energischen Bewegungen Wasser aus dem Boden. Dann streckt er seinen Kopf unter den Wasserstrahl und reibt sich Gesicht, Haar und Nacken energisch damit ab. Ich sehe fasziniert zu, registriere die Tropfen, die im Sonnenlicht um seinen Oberkörper fliegen, wie kleine Blitze, während er sie von sich schüttelt. Ich schlucke, fühle mich befangen, ja, ich empfinde diese lebendige, fesselnde Männlichkeit, die von dem Mann ausgeht, fast wie eine Bedrohung, wenn auch eine atemlos machende. Ich bin hin und her gerissen zwischen Entsetzen und Faszination, Aufregung und Abscheu. Zum Glück kommt Hank mit dem „kleinen“ Imbiss zurück, der für eine ganze Reiterschar gereicht hätte. Der einfache Holztisch in dem Raum, aus dem das Haus zu bestehen scheint, ist voll geräumt mit Essen. Trotz des Hungers, den ich vorhin verspürt habe, bringe ich kaum einen Bissen hinunter und versuche vergeblich alle Gedanken zu verdrängen, die diesen Mann mit Tora in Verbindung bringen könnten. Ich rede mir ein, dass diese Vorstellung ganz unmöglich war, eine Verirrung meiner Überlegungen. Die beiden Männer langen kräftig zu und spülen Unmengen von Gebratenem, Brot und Salat mit ebenfalls Unmengen von Bier hinunter. Es ist stickig hier drinnen und heiß. Trotzdem wirkt der einfache Raum gemütlich und ist weder schmutzig noch unordentlich anzusehen. An der gegenüber liegenden Wand befindet sich eine Bettstatt mir einer gestreiften Decke darauf. Ein einfaches Heim für einen einfachen Mann. Nur wenige Worte begleiten die Mahlzeit und ich ermahne mich, nicht andauernd diesen Fremden, der keinen Namen zu haben scheint, anzustarren. Allmählich legt sich meine Bewegung und ich fasse mich, bekomme meinen klaren Kopf zurück, sodass ich mich direkt und entschlossen an ihn wende. „Du kennst ja meinen Namen! Darf ich den Deinen erfahren?“ Die leuchtenden Augen heften sich auf mich und zwischen einem Schluck Bier und einem Bissen von der Hühnchenkeule antwortet er kauend: „Egan! Du kannst mich Egan nennen!“ Es klingt gönnerhaft. Er wirft den wartenden Hunden erneut ein paar Brocken hin, die sie genüsslich und blitzschnell verschlingen. Seinen Nachnamen dürfte er vergessen haben und ich muss mich daran erinnern, dass wir hier nicht mehr im förmlichen England befanden, wo Namen, Titel und gewissen Anstandsgesetze vorrangig anderen Dingen gegenüber waren. Hier zählten sie nicht. Wenn man sich riechen konnte, war man ein Kumpel, wenn nicht, kam man sich besser nicht in die Quere, wenn man kein blaues Auge riskieren wollte. Irgendwann war im Busch die Zeit stehen geblieben und trotz drahtloser Telefone, trotz Computertechnik und Sattelitenfernsehen, schien sich hier draußen nicht viel zu verändern, weil man gar nicht danach strebte, etwas verändern zu wollen. Die Landmenschen schienen einer Zeit anzugehören, ja, angehören wollen, die auch weiterhin den Gesetzen der Natur gehorchte und unbeeindruckt blieb von dem, was außerhalb ihres Landes in der Welt vor sich ging. Egan! Das musste mir genügen. Wahrscheinlich hatte nicht einmal Hank seinen Namen gekannt, denn sein etwas dümmlicher Blick über der angesetzten Bierdose gab reichlich Aufschluss über diese Tatsache! Egan der Pferdekiller! Egan, der gnadenlose Jäger! Ob Dad meiner Mom die Geschichte von Tora erzählt hatte? Es war fast anzunehmen. Ihre dichterische Ader hatte das Ganze gnadenlose Geschehen in eine romantische Verpackung gesetzt, die sie mir dann überreicht hatte. Und nun saß ich hier diesem Mann, der für alles verantwortlich war, gegenüber und wollte ihm ein Pferd abkaufen. Welch seltsamer Zufall...! Nein, ich konnte an einen solchen Zufall nicht glauben! Andererseits – der Mann war Pferdefänger, Züchter, was weiß ich – eher plausibel, dass ich auf ihn stieß, wenn ich mich für einen Pferdekauf interessierte. Hank, der alles als ein Märchen abtat, schien keine Ahnung von der unglaublichen Begegnung mit Egan zu haben. Wir waren hierher gekommen, weil er ihn für den besten und ehrlichsten Züchter der Gegend hielt, das war alles! Dann, als auch der letzte Bissen hinunter gespült ist, reden wir übers Geschäft. Das heißt, Hank redet, ich höre zu. Er macht das sicher besser als ich. Ich habe zwar von Pferden eine Ahnung, nicht aber vom Geschäft. Das war bisher auch nicht nötig gewesen, weil ich den von mir besuchten Reiterhof auf der britischen Insel unbesorgt und ohne diese Nebensächlichkeiten besuchen konnte. Einfach nur, um unbelastet und froh dem Reitsport zu frönen. Man hatte mir die Heimat genommen, meinen Vater und mit ihm meine Kindheit, aber die Liebe zu Pferden, die hat man mir gelassen und sie wuchs und war gefestigt, wie selten etwas in meinem Leben. „Ich betreibe Zucht im kleinsten Stil“, bemerkt Egan, nun an mich gewandt und ich konzentriere mich auf seine Worte. „Daher sind meine Tiere nicht gerade billig! Aber ich garantiere für die Gesundheit und Makellosigkeit jedes einzelnen Tieres. Sie sind zuverlässig und frei von jeder unangenehmen Abnormität. Außerdem sind sie hervorragend ausgebildet und zugeritten!“ Dass er mir nichts vorgaukelte, verriet sein Blick und die Festigkeit seiner Worte. Das hier war keiner jener Gauner, die einem etwas andrehten, mit dem man dann Jahre lang zu kämpfen hatte und bei jedem Ausritt fürchten musste, sich das Genick zu brechen, sobald auch nur das kleinste Hindernis auf der Bildfläche erschien. Er fordert uns auf, ihm zu folgen. Er schlüpft unter dem Balken der Koppel hindurch und geht mit beruhigenden Worten auf eine Stute zu, eine rotbraune, die ihm mit großen Augen unter langen Wimpern entgegensieht. Er nimmt sie am Halfter und führt sie zur Einzäunung in meine Richtung. Ihr Gang ist aufrecht und tadellos, ihre Haltung stolz, aber nicht feindlich. Sie schüttelt ihre lange Mähne und wiehert leise. „Sie ist eine richtige Lady“, betont er und tätschelt ihren langen Hals. „Ich nehme an, dass Du eine geübte Reiterin bist, Indi! Also sitz endlich auf und probiere aus, ob es zwischen euch beiden funkt!“ Gedankenverloren haben meine Augen sich selbstständig gemacht und sind auf eine andere Stute gerichtet, eine ganz helle, die im Sonnenlicht fast silbrig glänzt. Ihre lange, fast weiße Mähne mutet an wie Seidenhaar, in dem der Wind spielt und sie wirft den Kopf ein paar mal verspielt hin und her und schnaubt leise aus den Nüstern. Ihr folgt ein Fohlen, fast von ebensolcher Farbe, nur eine Spur dunkler, sodass sein Fell fast golden wirkt. Es musste ein paar Monate alt sein, nicht mehr als drei oder vier. Er folgt meinem Blick und nickt verstehend. „Das ist Silverlady und ihr Kleines. Sie ist unverkäuflich!“ Das kann ich verstehen, bin aber nichts desto trotz ziemlich enttäuscht. „Schade“, entfährt es mir. „Ich hätte einen guten Preis bezahlt!“ Doch Egan schüttelt verneinend den Kopf. „Nichts zu machen“, wiederholt er. „Sie bedeutet mir sehr viel. Das ist eine sehr persönliche Sache zwischen ihr und mir!“ Ein Ignorant hätte jetzt amüsiert losgewiehert, aber Hank und ich verstanden das. Ein Mann, der in der Wildnis lebte, weit ab jeder Zivilisation, dachte eben anders und hing sein Herz an die Geschöpfe der Natur, wie diesen hier. Geld scheint dem Kerl nur zweitrangig zu sein, obwohl auch er es wohl oder übel brauchte. Aber ich wusste ja nichts über ihn und konnte ihn vollkommen falsch einschätzen. Alles nur Vermutungen, wie auch mein Verdacht, dass er Toras Jäger war. „Dieses Pferd erinnert mich an eine seltsame Geschichte, die meine Mutter mir erzählte“, taste ich mich vorsichtig in die Richtung meiner Zweifel. Der Mann fixiert mich mit einem eigenartig anmutenden Blick, in dem sich Traurigkeit und Leidenschaft zugleich widerspiegeln. Hank schnaubt amüsiert. „Ihre Mutter war eine Geschichtenerzählerin, musst Du wissen, Mann! Sie hat ihrer Tochter den Kopf voll gemacht mit überirdisch schönen Wildpferden und einem bösen Kerl, der sie in den Tod jagt, weil er von einem Wildhengst besessen ist, den er nicht kriegen kann!“ „Du verdrehst die Sache etwas“, werfe ich dazwischen und es ist mir peinlich, dass Hank diese Geschichte und deren Inhalt, die mir so am Herzen liegt, derartig ins Lächerliche zieht. Warum grinst der Mann nicht zustimmend zu Hanks Belustigung über mich? Warum kneift er kurz die Augen zusammen und presst die Lippen dieses ansprechenden Mundes, der scheinbar keinerlei Grausamkeit aufweisen kann, fest zusammen? Warum weicht er nun meinem fragenden Blick aus? „Die Mutter dieser Stute war ein echtes Wildpferd“, sagt er vorsichtig und sein zärtlicher Blick gleitet über die perfekt geformte Gestalt des Tieres. Das Fohlen hat sich angeschickt von ihr zu trinken und sie lässt es liebevoll geschehen. „Ein echter Brumby?“ fragt Hank interessiert und ein wenig fasziniert. „Ja“, lautet die knappe Antwort. „Absolut echt“. Die Stute, die er am Halfter festhält, wird ein wenig unruhig und beginnt zu tänzeln und schnauben. „Aber die hier, ist das Beste, das ich derzeit habe, als Reittier“, wiederholt er. Er hat keinen Grund mir etwas vorzumachen und ich schlüpfe unter den Balken hindurch und tätschle den rotbraunen Kopf. „Sie ist wundervoll anzusehen“, gebe ich bewundernd zu. „Und wundervoll zu reiten“, betont Egan. „Ich sattle sie auf und dann überzeug’ Dich selbst davon“. Ich fühle es ganz deutlich, es liegt in der flimmernden, heißen Luft über uns und zwischen uns. Es hat nichts zu tun mit irgendwelchen Hirngespinsten. Wir haben etwas gemeinsam, eine Ahnung, eine Erinnerung, die uns beiden, ihm ebenso wie mir, viel bedeutet. Und es ist wahrscheinlich dieses unsichtbare, nur erahnte Bindeglied, das uns vertrauter miteinander werden lässt. Wir sind uns nicht mehr fremd, so unglaublich das auch klingen mag. Hank hat sichtbar keine Ahnung von alledem. Er ist ein Mann, der glaubt, was er sieht und anpacken kann. In diese und ähnliche Gedanken verstrickt, laufe ich hinter Mann und Pferd her, sehe zu, wie er es festmacht, um es aufsatteln zu können. Ich bitte ihn, mich das machen zu lassen und er deutet in die dunkle Ecke des Stalls, wo sorgsam mehrere Sättel auf einer Holzstange ruhen. Es riecht nach Heu, Bienenwachs und Pferdemist. Eine Kombination, die alles andere als übel riechend ist. Ich liebe den Geruch von Pferd und allem, was dazugehört, wuchs damit auf und habe mich immer danach gesehnt. Darum bestand ich selbst in England darauf, jedes Reittier selbst zu versorgen, zu putzen und aufzuzäumen. Eine Tätigkeit, die die meisten Freizeitreiter gerne von sich schieben und den Pferdeknechten überlassen. Das habe ich eigentlich nie richtig verstanden. Mir bringt es Frieden und Entspannung, wenn ich mit den Tieren zu tun habe und mich um ihr Wohlergehen selbst kümmern kann. Der Mann, der sich Egan nennt, lehnt an der Außenwand des Stalls, hat die kraftvollen Arme über der Brust verschränkt und sich einen fleckigen Hut, der an einem Haken hing, über den Kopf gestülpt. Ich kann seine Augen, verborgen im Schatten der Hutkrempe, nur erahnen, doch es macht mich nicht unsicher. All das hier ist mir vertraut, wie auch die Stute, die vielleicht die meine werden soll. Ich nehme das Zaumzeug vom Haken, über dem ihr Name eingeritzt ist, bürste den Staub vom Widerrist und Rücken des Pferdes, bevor ich ihm die Satteldecke auflege, und ohne aufzusehen, frage ich den Wartenden: „Hat sie eigentlich einen Namen?“ „Ich nenne sie Honey“. Ich nicke. Nicht sehr einfallsreich, aber passend. Dunkler, kräftiger Waldhonig. Er deutet auf den mittleren Sattel, den ich Honey mit einiger Anstrengung auf den hohen Rücken schwinge. Ich überzeuge mich davon, dass er gut sitzt und es nichts gibt, das die Stute stören könnte und zurre die Sattelgurte fest. Das unruhige Schütteln ihres Kopfes deutet darauf hin, dass sie temperamentvoll genug ist und kein verschlafenes, müdes Ding. „Ich habe sie heute morgen frisch beschlagen“, erklärt Egan. Als wolle sie dies bestätigen, beginnt sie zu tänzeln und ich rede beruhigend auf sie ein, bevor ich sie am Zügel in die Koppel führe. Natürlich will er sicher gehen, dass er sein Tier keiner Stümperin anvertraute. Seine Blicke, als ich nachgurte und die Steigbügel adjustiere, scheinen mich zu durchbohren. Ein Kind von hier, gut und schön. Die meisten Knirpse saßen im Sattel, bevor sie noch laufen konnten. Bei mir war es nicht anders gewesen. Aber zehn Jahre sind eine lange Zeit und er musste sich die Frage stellen, was ich wohl „in der Fremde“ so getrieben habe... Angeborenes Misstrauen also. Energisch trabe ich an und nach ein paar Runden lasse ich Honey in einen flotten Galopp fallen, rascher und rascher. Ich lenke sie zur Mitte der Koppel und rufe Hank zu, den Balken wegzuziehen, was er auch mit einem einzigen Handgriff tut. Honey, die die Freiheit wittert, hechtet unter meinen anspornenden Rufen und dem festen Druck in ihre Flanken aus der Umzäunung. Ihre flatternde Mähne, das dumpfe Pochen ihrer Hufe auf dem ausgetrockneten, steinigen Boden, die weit ausgreifenden, schlanken Vorderbeine, die blitzartig unter ihr vorschnellen, ihr angeregtes Schnauben und die gebeugte Kopfhaltung des gut ausgebildeten Reitpferdes überzeugen mich mit Wonne von der Perfektion der Stute, die so gut wie meine ist. Ich jage über das Plateau, lasse die Ranch und die Männer weit hinter mir und lausche dem Gesang meines rauschenden Blutes und des Lieds von Glück und absoluter inneren Erfüllung. Ich bin eins mit Honey und muss mich schließlich dazu zwingen, in weitem Bogen umzukehren und zu den Wartenden zurück zu stoben. Als die Koppel in Sicht kommt, bereite ich die Stute aufs Springen vor. Ein Wagnis, das ist mir klar, aber ich weiß, sie wird nicht scheuen und über den Balken hinweg setzen, als es gäbe es ihn kaum. Und so ist es auch! Ich mute ihr nicht mehr zu, als sie selbst verlangt. Fast stehend, weit über ihren vorgestreckten Hals gebeugt, lasse ich sie hochschnellen und in Bruchteilen von Sekunden landen wir im Inneren des Trainingsplatzes. Sie schüttelt ihre Mähne und ich klopfe anerkennend ihren sehnigen Hals. Egans Gesicht zeigt scheinbar keine Regung. Er sitzt wie ein Vogel am Gatter und kaut an einem Grashalm. Die Hunde flankieren ihn wie antike Statuen. Dafür kann ich Hanks fuchtelnde Armbewegungen schon jetzt so auslegen, dass es ihm scheinbar nicht gefiel, mich in dieser Art und Weise zurück zu sehen. Ich gehe das Pferd in mäßigem Trab ab und höre nicht auf seine erbosten Ermahnungen. Er spuckt in den Sand und fährt dann weiter mit Dingen wie, „den Hals brechen können“, und „verdammter Dickkopf“. Als ich auf seiner Höhe bin und mich anschicke, an ihm vorbei zu reiten, bemerke ich nur kurz, aber deutlich: „Danke für das Vertrauen Hank! Hast wohl nie richtig verwunden, dass ich der bessere Reiter von uns beiden bin!“ Schweigen in meinem Rücken und ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen, wenn ich mir vorstelle, wie er jetzt mit offenem Mund dasteht und mit hängenden Armen. Nagel auf den Kopf getroffen! Ich bin ungerecht und weiß das. Wahrscheinlich habe ich ihn wirklich erschrocken. Und wenn schon. Dieses väterliche gehabe brauche ich ganz gewiss nicht. Ich bin zehn Jahre lang ohne das ausgekommen. Heute war es zu spät, mir Ratschläge erteilen zu wollen. Ich weiß was ich tue! Egan sollte sehen, dass er sein Pferd an jemanden abgab, der auch etwas davon verstand. Honey würde es gut haben bei mir! „Ich nehm’ sie!“ bestimme ich während des Absteigens. „Eine Bedingung noch“, vernehme ich die dunkle Stimme des Züchters, als er hinter mich tritt. „Wenn’s Probleme gibt, darf keiner an die Süße ran, außer mir!“ Ich nicke und führe die Stute aus der Koppel, um sie trocken zu reiben. Der Pferdekauf wird mit dem traditionellen Handschlag abgeschlossen. Das Geld habe ich bei mir. Er verlangt fast das Doppelte, als ich eigentlich vorhatte, für das Reittier auszugeben. Egal. Ich zahle es gern und weiß, was ich mir dafür eingehandelt habe. Er verspricht, mir Honey am nächsten Tag zu bringen. Er kennt den Weg. Sogar nachts. Ich brauche ihm die Route nicht zu beschreiben. Er würde irgendwann aufkreuzen, so wie damals. Und ich den Atem anhalten, auch wie damals. Hank und ich treten den Rückweg an. Doch nicht, bevor ich noch diese wunderbare helle Stute berührt habe und meine Hände über das dichte Fell ihres goldfarbenen Fohlens streichen. „Kleiner Tora“, murmle ich, ohne dass es jemand hören kann. „Sicher war er so wie Du!“ Der Mann sieht uns lange nach, ich bemerke es im Rückspiegel. Bald schon verschlingen uns Bäume und Sträucher. Ein Seitenblick auf Hank sagt mir, dass er ein wenig beleidigt ist. Ihn zu verstimmen, wollte ich nicht, und ich beginne ihn über seine Kinder und Margaret auszufragen. Bald schon zeigt er sein gewohntes Lächeln und hat meine spitze Bemerkung von vorhin vergessen.
Abends bin ich todmüde. Innerlich wie auch äußerlich. Ich liege auf meinem Bett und starre zur Decke hoch. Ich müsste eigentlich schlafen wie ein Stein. Doch da ist nichts. Der Schlaf will nicht kommen. Mit verschränkten Armen unter dem Kopf lausche ich in die Nacht und warte auf das Trampeln der Hufe. Ich erinnere mich, dass unsere Wildpferde, Brumbys, wie sie genannt werden, in letzter Zeit stark dezimiert worden sind. Bilder tauchen vor meinen Augen auf, die ich rasch zu verdrängen suche. Pferdejagd vom Hubschrauber aus. Wild um sich schießende Idioten, zusammenbrechende Tiere, blutgetränkter Boden. Ich gebe einen Laut des Wehklagens von mir, presse das Kissen auf mein Gesicht, um das Bild auszulöschen. Wenn Egan wirklich der Mann von damals war und auch nur ein Funken Wahrheit in der Geschichte steckte, dann konnte man ihm nichts verübeln. Es war ein unglücklicher Zufall gewesen. Der Mann lebte vom Pferdefang. Nicht, um das Fleisch an Konservenfabriken zu verschachern, sondern um gute Reitpferde auszubilden und mit ihnen zu züchten. Was war daran verwerflich? War es nicht eher so, dass wir von Glück sprechen mussten, dass es noch ein paar so Naturbezogene Burschen gab? Sicher ist er einer der letzten dieser Art. Er betrachtete die Tiere nicht als Ware, wie das Gesetz es tut, sondern als Lebewesen, zu denen er scheinbar, davon habe ich mich selbst überzeugen können, eine starke Bindung besitzt. Ich schließe meinen Frieden mit dem Mann. Vor Gott und mir selbst. Er ist ein verblasster Teil meiner Kindheit, ein Kumpel meines Vaters. Ich sehne herbei, dass er morgen früh hier auftaucht und schlafe schließlich doch ein, unbewusst.
Im Morgengrauen bereite ich die Box vor, in der Honey stehen wird. Ein einzelnes Pferd zu halten ist schwieriger, als mehrere. Jeder weiß das. Pferde sind Herdentiere und fühlen sich schnell einsam. Ja, sie können sogar krank davon werden. Ich würde viel Zeit für sie aufbringen müssen. Täglich. Egal bei welchem Wetter, egal an welchem Tag auch immer, sie musste regelmäßig bewegt werden. Ich laufe umher wie ein aufgescheuchtes Kücken. Sehe in den Spiegel, streife mein Haar zurück und schneide mir selbst die giftigsten Grimassen. Teenagergebaren. Überständige Jungfer, was nicht wörtlich zu nehmen ist. Ich denke an meinen Professor und Liebhaber, George, den Weltenverbesserer. Warum nichts aus uns beiden geworden ist? Weil er mich immer wie ein Kind behandelte und ich mir schließlich neben ihm klein und dumm vorkam. Der Alterunterschied hatte mich nie gestört. Er hätte mein Vater sein können. Ich bin ihm nachgelaufen wie ein Hündchen seinem Herrn. Ich war beeindruckt von seinen Gedankengängen, seinen Anschauungen, seinen klugen Augen. Er war der erste, richtige Mann in meinem Leben gewesen. Und auch der letzte. Die Jungs aus der Schulzeit davor, zählten nicht. Herumgeschmuse, grabschen, mehr war da nicht. Das junge Gemüse törnte mich nie an, weil ich ernster war, reifer. Ich hatte mit sechzehn bereits mehr erlebt, als so mancher von ihnen es je in seinem Leben tun würde. Sie nannten mich Aussiegirl, und verbanden damit irgendetwas Wildes, nicht Fassbares. Wahrscheinlich hatten sie recht mit ihren Spekulationen. Ich war schwer zu zähmen und von jung an auf mich allein gestellt gewesen. Mutter pflegte ihren Schmerz und hatte kein Ohr für eine pubertierende Tochter und ihre tausend Fragen. Ich formte mich selbst und blieb mir treu. Bis George kam. Er hatte es fast geschafft, mir einzureden, dass alle Ambitionen, die ich anstrebte, alle Erwartungen, die ich mir gesetzt hatte, nur Humbug waren und ich unter einem psychischen Syndrom litt, wegen meines Vaterverlustes. Er meinte, ich hätte jeden Realitätsbezug verloren dadurch. Eines Tages stellte ich mir die Frage, ob er eigentlich ganz Unrecht hatte. Hat er mich fasziniert, weil ich einen Vaterersatz brauchte und glaubte, ihn in George zu finden? War meine Verliebtheit nur der Drang nach Geborgenheit, nach Zuflucht gewesen? Der Zweifel wuchs und schließlich brauchte ich keinen Vater mehr. Ich trennte mich von George und verlor auch den Geliebten. Damit konnte ich leben. Nach dem fertigen Studium, als ich längst schon begonnen hatte zu schreiben, war ich davon überzeugt, dass George nur eine weitere Prüfung meines Lebens war. Ich hatte bewiesen, dass meine Pläne von nichts und niemandem durchkreuzt werden konnten. Der Punkt ging an mich, denn ich war hier!
Langsam kriecht die Zeit dahin. Meine Blicke schweifen immer wieder über den Hof, und suchen den Horizont ab. Es war ein weiter Ritt, das ist mir klar. Als er durch das milchige Vormittagslicht zum Vorschein kommt, kneife ich die Augen zusammen und nehme seine Silhouette in der flirrenden Luft wahr, um sie mit jener in meiner Erinnerung zu vergleichen. Auch wenn man den schweren Regenschutz wegdachte, kam man zu dem Schluss, dass es der gleiche Reiter sein musste, der selten, sehr selten und immer nachts hier aufkreuzte, um Vater zu abholen. Ich starre ihm entgegen, bis meine Augen zu tränen beginnen. Einer der Hunde begleitet den Mann. Honey, meine Honey, trabt angeleint hinter seinem Pferd einher und schnaubt ein wenig, als die kleine Gruppe näher kommt. Der Mann bleibt stehen, ich blinzle durch das Sonnenlicht zu ihm hoch und er gleitet aus dem Sattel, nickt und gibt ein kurzes „Hi“ von sich. Ich erwidere es, doch es klingt so leise, als hätte ein Kücken gepiepst. Ich räuspere mich und wende mich Honey zu, um die Befangenheit, die mich ergriffen hat, zu überspielen. Nicht der Mann als solches versetzt mich in einen so jämmerlich dummen Zustand, rede ich mir ein, sondern die Tatsache, dass ich durch ihn meiner Jugend wieder begegne. Meiner Kindheit. Aber auch meinen Ängsten und meiner Trauer. Wortlos versorgen wir die Pferde, gefolgt von dem bunten Hund, der ihn begleitet. Er, besser, sie, scheint nicht mehr die Jüngste zu sein, der weiße Bart um die spitze Schnauze und die etwas trüben Augen sprechen für ein fortgeschrittenes Hundealter. Ich sage es ihm und er bestätigt meine Annahme. „Coolie ist über dreizehn! Lucie, die blonde, ist ihre Tochter. Coolie hatte sich damals wohl mit einem Wildhund vergnügt. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Lucie ist trächtig und rate mal von wem?“ „Einem Dingo?“ frage ich überrascht. „Ich dachte, die gäbe es hier kaum mehr.“ Er schüttelt den Kopf und schiebt den Hut in den Nacken. „Sie schaffen es immer wieder, durch den Zaun, den Dingo Fence, hindurch zu kommen, untergraben ihn oder beißen Löcher hinein. Und dann wildern sie, und machen die Farmer wütend. Wenn sie die Tiere erwischen, hängen sie ihre Kadaver in die Bäume, als abschreckendes Beispiel sozusagen!“ „Das ist ja widerlich“, entgegne ich und meine es auch so. Egan grinst schief und reibt die Kruppe seines Pferdes ab. „Das sind ja auch keine zart besaiteten Burschen, diese Schafzüchter, weiter oben im Norden! Und es geht um ihre Existenz.“ Meine Gefühle bleiben gemischt. Dieser Zaun, den man vor vielen Jahren quer durchs Land gezogen hatte, und der fast 6000 Kilometer lang durch Steppe, Stein und Wälder eine Grenze für wildernde Dingos darstellte, war eben auch nicht unbedingt die absolute Garantie gegen den Einfall von ganzen Wildhundmeuten. Ich befand jedenfalls, dass die paar Schafe, die sie sich holten, nicht unbedingt den Ruin eines Züchters bedeuten konnten. Aber ich halte den Mund, aus Angst, irgendetwas Dummes zu sagen. Schließlich waren meine Erkenntnisse auch nicht mehr auf dem letzten Stand. Wie gesagt, zehn Jahre sind eine lange Zeit! Wir schlendern über den Hof und er lässt seine Augen umher schweifen. „Hat sich kaum etwas verändert“, kommentiert er seine Erkenntnis und ich freue mich, das zu hören. „Das verdanke ich Ron und Hank“, lautet meine Erklärung. „Sie haben auf das Ganze hier geachtet und wir haben es nicht einmal gewusst. Ich dachte, einen verwilderten, dem Zerfall preisgegebenen Besitz vorzufinden, und als ich dann davor stand, war mir, als wäre ich nie weg gewesen!“ Er nickt wieder, hat seine Hände unter den Gürtel seiner abgetragenen Jeans geschoben und folgt mir zum Haus. Er will nach einem Bier gleich wieder aufbrechen und ich kann ihn überreden, noch zum Essen zu bleiben. Das Tiefgefrorene Huhn brutzelt bereits im Backrohr vor sich hin. Ich hoffe, es wird genießbar sein, meine Kochkünste lassen zu wünschen übrig! Der verführerische Geruch scheint ihn davon zu überzeugen, dass er es nicht allzu eilig hat und er lässt sich am Küchentisch nieder, streckt weit die Stiefel von sich und sieht mir dabei zu, wie ich Teller und Essbesteck vorbereite. Ich hoffe, der Gaumen des Mannes wird nicht allzu verwöhnt sein, und er meine Unerfahrenheit in der Küchenkunst nicht bemerken. Brot, Salat, Kartoffeln. Einfach aber deftig! Auch Coolie sieht mir interessiert bei den Essensvorbereitungen zu. Ich bin froh, dass er erneut das Wort an mich richtet, denn sein Schweigen macht mich unsicher, sodass ich mich fast in den Finger schneide vor Nervosität. „Warum diese Rückkehr nach der langen Zeit?“ fragt er und ich bin davon überzeugt, dass es ihn nicht wirklich interessierte, sondern er nur höflich Konversation machen wollte. „Ich habe es immer vorgehabt nach hause zurückzukommen. Es war kein plötzlicher Entschluss“, erkläre ich, ohne aufzublicken. „Meine Mutter sah das anders. Aber sie hat immer damit gerechnet, weil es kein Geheimnis zwischen uns war.“ „Wohl zu eng, da drüben“, bemerkt er lakonisch und ich lächle. „So in etwa. Aber da ist mehr. Ich gehöre hierher. Einen alten Baum verpflanzt man bekanntlich nicht!“ Er kichert in meinem Rücken und mir wird bewusst, dass ich etwas ziemlich Dummes von mir gegeben haben musste. Ich sehe ihn an und sein Lächeln geht mir durch und durch, da ich es zum ersten Male auf diese Art entdecke. Er ist belustigt und die Grübchen auf seinen Wangen machen ihn bedeutend jünger, als er sein muss. Er sieht aus wie ein Junge, der sich über einen gelungenen Streich freut. Ohne zu überlegen, stelle ich die Frage: „Dad muss bedeutend älter als Du gewesen sein!“ Er grinst immer noch und zuckt die Schultern, als er seine Finger unter dem Kopf verschränkt zu mir hochblickt. „Ich war früh auf mich selbst gestellt. Doch das war kein Nachteil!“ Ja, davon bin ich überzeugt. Ich schätze ihn auf Mitte bis Ende dreißig, das könnte hinkommen, auch mit meiner Berechnung von damals. Während mir tausend Dinge durch den Kopf gehen erinnert mich das gebratene Huhn durch intensiv verströmenden Bratgeruch, dass es höchste Zeit ist, es aus der Backröhre zu holen. Ich hantiere ungeschickt mit dem zusammengefalteten Tuch herum und schaffe es, mir die Finger zu verbrennen. Die Pfanne mit dem dunkelbraunen Geflügelbraten steht auf der Kippe und droht, den Küchenboden mit seiner brennheißen Gegenwart zu beehren. Egan reagiert so schnell, dass ich nicht sagen kann, wie und wann er aufsprang, um mit der Stiefelspitze geschickt die ganze Pracht zurück in den offenen Backofen zu befördern. Aber er hat es getan und nimmt meine verbrannte Hand in die seine und hält sie unter den Strahl des kalten Wassers. Der intensive Schmerz lässt fast augenblicklich nach und mein Schreck wandelt sich in Überraschung und schließlich in Dankbarkeit, die ich mit einem schiefen Lächeln bekunde. „Tut es noch sehr weh?“ fragt mich der Mann, der gefährlich nahe an meiner Seite steht. „N-ein“, stottere ich benommen und auch gedemütigt, mich so ungeschickt angestellt zu haben. Was er wohl denken mag? ‚Stadtsuse, dumme?’ „Es ist nichts“, füge ich rasch hinzu. Er drängt mich sanft auf einen Stuhl und bemerkt mit einem Blick, der keinen Widerspruch duldet: „Ich mach’ den Rest.“ Geschlagen sehe ich zu, wie er das verdammte, gerupfte Federvieh aus der Röhre zieht, es mit ein paar gezielten Messerschnitten zerteilt und Stücke davon auf unsere Teller verteilt. Er vollrichtet diese Dinge, als hätte er sein Leben lang nichts anderes getan, als Hühnchen zu zerteilen und sie einer ungeschickten Gastgeberin wie mir zu servieren. Sein volles Haar lockt sich eigenwillig in die Stirn und an den Schläfen und sein 3-Tagebart verleiht dem attraktiven Gesicht eine gewisse, aber keinesfalls unschöne Härte. Kartoffel und Salat stehen fertig auf dem Tisch. Ich habe alles andere als Hunger. Doch ihm zuliebe und vor allem seiner Bemühungen wegen, zwinge ich mich zu ein paar Bissen. Das Huhn ist gerade noch genießbar, doch ihm scheint es zu munden. Sein Appetit ist groß und es ist mir eine reine Freude ihm beim Essen zuzusehen. Seine kräftigen Finger, die das Gebratene halten, die aufgestützten, kräftigen Arme mir gegenüber, all das scheint mir vertraut und doch weiß ich, dass es mich wahrscheinlich an die Zeit erinnert, als Dad noch an diesem Platz saß. Eben, als die Welt noch in Ordnung war. Als hätte er in meinen Gedanken gewühlt und gefunden, woran ich eben dachte, sagt er plötzlich: „Er war verdammt stolz auf Dich, Dein Dad!“ Ich bin erstaunt. Nicht, dass ich das nicht gewusst hätte, aber darüber, dass mein Vater zu diesem Fremden über mich gesprochen hatte. Sie waren zusammen geritten, aber sonst...? „Ach ja?“ sage ich überflüssigerweise, und er nickt. „Ja! Er betonte, dass Du wie der Teufel reitest, und dass konnte ich ja mit eigenen Augen sehen! Hank scheint das nicht gewusst zu haben!“ Er schenkt mir ein breites, amüsiertes Lächeln, das ich zurückgebe. „Er hat es wohl vergessen“, erkläre ich lachend. „Hank fühlt sich ein bisschen verantwortlich für mich!“ „Das ist ihm hoch anzurechnen“, erklärt Egan, immer noch schmunzelnd und ich schiebe ihm ein frisches Bier hin. „Unsere Familien standen einander ziemlich nah!“ „Ich weiß“, entgegnet er. Er wusste verdammt viel. Dad hatte ihn scheinbar gemocht. „Wirst Du Dich allein hier draußen nicht einsam fühlen, vielleicht sogar ängstlich?“ will er wissen. Mit aller Überzeugung die mir inne wohnt antworte ich: „Niemals! Ich fürchte das Alleinsein nicht. Ich schreibe Geschichten, musst Du wissen. So wie Mom früher. Ich lebe ganz gut davon und habe mein Auskommen damit. Und fürchten? Wovor? Der Sturm macht mir keine Angst und herum streunende Dingos erst recht nicht.“ „Es gibt andere Gefahren“, meint er wenig überzeugt von meinen Behauptungen. „Nichts ist mehr wie früher. Es kommt schon vor, dass sich Gesindel weit ins Landesinnere hinein verirrt. Eine Frau allein auf einer Farm, das könnte manchen Herumtreiber interessieren!“ „Dann wird er wohl Bekanntschaft mit Daddys Pumpgun machen müssen!“ Es sollte ihn amüsieren, aber sein Gesicht bleibt ernst. Wollte er mir etwa Angst machen? „Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals ein ungebetener Gast diese Farm besucht hat“, setze ich hinzu und er macht eine wegwerfende Handbewegung dazu. „Wie gesagt, die Zeiten sind anders geworden!“ „Ich sehe mich vor“, verspreche ich, damit er aufhört, mich als gefährdetes Kücken anzusehen, allein in der Wildnis. Diesen Hang zur Dramatik hatte ich ihm eigentlich nicht zugetraut. Und doch passte es zu ihm, zu seinen melancholischen Augen, die trotz allem auch immer einen etwas misstrauischen Glanz zeigten, seiner Zurückhaltung, seiner Unaufdringlichkeit. Ich wechsle rasch das Thema. „Was ist mit Dir?“ will ich wissen. „Fühlst Du Dich nie einsam?“ Er sieht mich an, als käme ich vom Mond. „Ich“? wiederholt er und ich nicke. „Ja, Du“, betone ich. „Du lebst weitaus abgeschiedener als ich, und außer Deinen Hunden und Pferden hast Du so gut wie kaum Kontakt zur Außenwelt! Ist das nicht manchmal schwierig für Dich?“ „Es gibt die Märkte“, erinnert er mich und lehnt sich zurück. „Das ist für mich Abwechslung genug!“ Ich überlege, schließlich ist er ein Mann mit gewissen Bedürfnissen, für die nicht immer eine kalte Dusche ausreichte. Sein durchdringender Blick scheint mich zu durchbohren, bevor sich ein maliziöses Lächeln auf seine Lippen stiehlt. „Wie gesagt, es gibt die Märkte!“ wiederholt er grinsend und ich fühle, wie ich rot anlaufe. Er wird mir langsam unheimlich, dieser Kerl. Er scheint mich zu durchschauen wie niemand sonst. Aber sicher war er eben ein guter Menschenkenner, feinfühlig geworden durch den Umgang mit Pferden. „Sie bieten alles, was ein Mann so braucht“, bohrt er nach und scheint sich an meiner Verlegenheit zu laben. Hastig mache ich mich daran den Tisch abzuräumen und stelle das Geschirr in die Spüle, setze Kaffee auf. Er hatte dieses Leben der Einsamkeit gewählt und meine Frage, ob er nicht darunter litt, war ziemlich dumm gewesen. Natürlich war Neugier dabei und ich hätte gerne mehr über ihn erfahren, aber er scheint es nicht zu lieben, über sich selbst zu sprechen. „Ich breche dann auf“, beschließt er und greift nach seiner Tasse, um mit kleinen, vorsichtigen Schlucken das heiße Getränk zu schlürfen. Er trinkt bereits im Stehen, hat es ziemlich eilig die Ranch zu verlassen und ich überlege, ob er sich vielleicht schon eingesperrt vorkommt, nach der kurzen Pause in meinem Heim. Coolie hat die Reste des Huhns, die ich ihr in eine Schüssel getan hatte, restlos vertilgt und blickt abwartend zu ihrem Herrn hoch. „Es geht los, Mädchen“, verspricht er und ich stelle erstaunt fest, dass ich großes Bedauern über seinen plötzlichen Aufbruch verspüre. Als er seinen Rappen besteigt und Coolie bereits voraus gelaufen ist, damit er ihr folgt, sagt er zum Abschied: „Danke für die Einladung! Ein Tipp noch: Tu das nächste Mal etwas von dem wilden Thymian, der hier überall wächst auf die Kartoffel, es lohnt sich! Und pass auf Dich auf!“ „Mach ich“, sind meine Worte und als er vom Platz reitet, hätte ich ihm noch gerne hinterher gerufen, wie ich ihn erreichen kann, doch ich unterlasse es, denn es ist sinnlos. Der Mann war nicht zu erreichen, und wollte für niemanden erreichbar sein. Die darauf folgenden Tage und Wochen tue ich nichts anderes als reiten und schreiben, so etwa in der Reihenfolge. Ich habe Hafer liefern lassen, und Kenny kommt manchmal vorbei, um das Gras zu schneiden, sodass es mir an Heu für Honey nicht fehlt. Manchmal fahre ich zu den Wilkox, um Gesellschaft zu haben und mit den Kindern zu spielen. Die Tür ihrer Farm steht immer offen für mich. Ich fühle mich nicht einsam, die Tage werden mir nicht lang, aber ich denke viel an ihn, den Mann, der irgendwo draußen in den Hügeln allein sein Dasein fristet, weitab von allen. Und wenn ich nachts, nach dem Schreiben, müde, aber zufrieden ins Bett falle, kann ich nicht vermeiden, dass ich mir vorstelle, wie es wohl wäre, wenn er hier bei mir wäre. Meine Gedanken schweifen dann ab, in den Garten verbotener Lust, wandern umher und wünschen sich seine festen Arme um meinen Körper, seine stachelige Wange an der meinen, und ich schlafe seufzend ein, unwillig, weil ich diesen unrealistischen Vorstellungen einmal mehr nachgegeben habe.
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