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Racheengel
Vorwort: Dies ist eine dunkle Geschichte, für alle, die sich gerne einmal in die dunklen Abgründe der Seele entführen lassen. Jene, die die Romane von Anne Rice, der Königin des Vampirromans, Nancy Kilpatrick, Nancy Baker oder Tanja Huff ebenso lieben, wie ich selbst. Alle anderen sollten vielleicht Abstand nehmen, sie zu lesen, oder aber das Experiment wagen...
Wenn die Nacht für
uns gemacht
Ich komm zu dir
wenn alles schläft
Still die Gier,
die Gier in mir (Songtext „Die Gier“ aus „Sünder ohne Zügel“ von In Extremo)
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Erster Teil
Ob sie heute Nacht wieder die gleiche Illusion durchleben würde wie all die Nächte zuvor? Sie wälzt sich unruhig in dem breiten, altmodischen Bett ihrer Großmutter herum und vergräbt erneut ihr Gesicht in das heiße, verschwitzte Kissen. Sie wünscht darin zu ersticken. Sie würde sich nicht einmal dagegen wehren und stellt sich vor, wie die Federn in ihren Mund strömen, in ihren Rachen, ihre Kehle und bis in ihre Lunge vordringen. Bis auch ihr letzter Atemzug nur mehr ein befreiendes Röcheln sein würde und sie endlich Ruhe fände, Frieden, Vergessen. Eintauchen ins Nichts, sich fallen lassen, Schluss machen. Ihrer Existenz, die keine mehr nach dem verhängnisvollen Tag war, ein Ende machen.
Während sich bei dem geringsten Gedanken an Robby erneut ihr Herz zusammenkrampft, spürt sie dieses vertraute, schmerzhafte Ziehen in ihrer Brust, das sie Nacht für Nacht, Tag für Tag, seit dem Tod ihres Sohnes erleiden muss. Es wird sie umbringen, aber nicht endgültig, rasch und barmherzig, sondern grausam langsam und Stückchenweise, jeden Tag ein wenig mehr, und sie kann nur hoffen, dass der Schmerz eines Tages von so übermächtigem Ausmaße sein würde, dass er ihr Herz zum Stillstand brächte, einfach so! Warum sie? Warum musste ihr das passieren, dass man ihren zehnjährigen Sohn, der ahnungslos auf den Schulbus wartete, über den Haufen fuhr und auf der Strasse verbluten ließ, allein und einsam. Der Todesfahrer hatte nicht einmal angehalten und nach dem verletzten Kind, das im Sterben lag, gesehen. Man hatte ihr gesagt, dass ohnehin jede Hilfe zu spät gekommen wäre, aber der Junge hatte sicher noch minutenlang gelebt und niemand war zur Stelle, um ihn in den Arm zu nehmen, seine kleine Hand zu halten und ihm das Hinüberwechseln in dieses unbekannte „Danach“ zu erleichtern. Wie ein Tier hat er auf dem regennassen Asphalt gelegen und sein junges, viel versprechendes Leben ausgehaucht. Sie war mit ihm gestorben, an jenem grauen Novembertag, an dem sie sich gewünscht hatte, nie geboren worden zu sein. Sie verfluchte ihre Mutter dafür und sie verfluchte Gott, sollte es ihn geben. Gab es ihn wirklich, dann war er für sie ein perverser Sadist, der sich daran ergötzte, das Schicksal der Menschen zu lenken. Sie fragte sich, nach welchen Gesichtspunkten er seine Schachfiguren aussuchte. Alphabetisch vielleicht? War es der Tag für „R“ wie Robert oder ihr Tag, „J“ wie Joan? Vielleicht hatte er besondere Freude daran gehabt, gerade sie zu quälen. Hatte sie ihn erzürnt, diesen rachesüchtigen Gott? Diesen Vater der Menschheit, dem man seit Menschengedenken Güte zusprach und Liebe für die Sterblichen. Unwillkürlich verzieht sich ihr Mund zu einem grotesken Lächeln, während sie ihre bitteren Gedanken weiterspinnt. Manchmal hat sie den Eindruck, dass alles Unglück der Welt gerade nur über sie hereinbricht und das geht schon seit Jahren so!
Bereits als Kind kam sie sich Gleichaltrige benachteiligt vor. In der Schule blieb sie ein Jahr zurück, nachdem sie von einer schweren Lungenentzündung genesen war und monatelang auf Erholung fahren musste. Trotzdem es nicht an ihrem Lerneifer lag, dass sie ein Jahr lang hinter den Lernergebnissen der Mitschüler nachhinkte, fühlte sie sich schuldig, minderwertig und war überzeugt davon, dass die anderen Kinder sie von oben herab behandelten. Die Überlegenheit der anderen war greifbar für sie, und nahm ihr die Luft zum Atmen. Sie lebte allein mit ihrer Mutter, nachdem ihr Vater bei diesem fürchterlichen Sturm vor beinahe zwanzig Jahren, von dem man heute noch in der Gegend sprach, und der insgesamt fünf Fischern der kleinen Küstenstadt das Leben gekostet hatte, auf See umgekommen war. Dass gerade ihr Vater dabei sein musste, kommt ihr heute nicht mehr verwunderlich vor. Heute war sie davon überzeugt, dass sie auf Gottes Abschussliste stand, von Anfang an! Ihre Mutter war gerade schwanger gewesen und hatte das zweite Kind nach diesem Schock verloren. Danach hatte sie kaum mehr gesprochen und ging umher wie ein Geist, der seine Tätigkeiten mechanisch verrichtete, ohne wirklich lebendig zu sein. Gleich einer lebenden Toten. Sie selbst hatte sich von der verbitterten Frau immer mehr zurückgezogen, es war ihr nur zu gut bewusst, dass sie für die Mutter durchsichtig geworden war, nicht existent. Sie lebte still neben ihr, versponnen in Gedanken, die viel zu bitter waren für eine Achtjährige. Die mitleidigen Blicke der Frauen ihres Ortes nahm sie nicht wahr, auch nicht das Getuschel hinter vorgehaltener Hand. Aber sie machte ihrer Mutter keinen Vorwurf aus ihrem Verhalten. So waren die Dinge, so war das Leben und nichts und niemand konnte etwas daran ändern.
Es war genauso gewesen, wie jetzt bei ihr selbst: die Frau starb an jenem Tag, als ihr Mann von der aufgebrachten See verschlungen worden war und dass sie sein Kind verlor, hatte sie wahrscheinlich nicht einmal wirklich berührt - sie war schon tot und leer zu diesem Zeitpunkt gewesen. Manchmal hatte sie geglaubt, dass die Mutter sie ansah, und dann versucht, in ihrem Blick zu lesen, glücklich darüber, dass sie endlich beachtet wurde. Bis sie verstanden hatte, dass man durch sie hindurch sah. Kaum ein Jahr später brachte man ihre Mutter in dem weißen Ambulanzwagen weg. Sie starb mehrere Monate später an einem bösartigen Tumor, der wahrscheinlich die Folge ihres seelischen Zustandes war. Vielleicht hatte sie sich dieses Geschwür gewünscht, das sie endlich erlösen und aus dem Leben fortschwemmen würde, wie die Welle, die das Boot ihres Ehemannes umwarf und ihn auf den Meeresboden niederdrückte, bis seine Lungen platzten. Man fand ihn nie, den Seemann, dessen Verschwinden eine dramatische Kettenreaktion ausgelöst hatte. Sie verstand ihre Mutter jetzt besser denn je, obwohl die Erinnerung an sie verblasst war, undeutlich, ein Schatten, der umherwandelte, an ihr vorbei schwebte, wie damals vor vielen Jahren schon.
Die einzigen glücklichen Jahre ihres Lebens verbrachte sie dann im Hause ihrer Großmutter, die sie zu sich nahm und ihr die Zuwendung schenkte, die ihr bisher verweigert wurde. Sie konnte den verhassten Ort der Trauer verlassen und kam nach Sussex, wo sie mit der alten Frau in deren einfachen, ländlichem Haus lebte. Ihre Großmutter züchtete Kaninchen und Hühner. Sie fand ihr Auskommen damit, dass sie das Kleinvieh an die Nachbarschaft verkaufte. Joan lernte wieder lachen und sich wie ein Mädchen ihres Alters frei zu bewegen, Ihr rotes Haar wehte im Wind, wenn sie mit dem alten Schäferhund an ihrer Seite über die Felder tollte, und ihre Wangen färbten sich rot vor Gesundheit, wenn sie abends zusammengerollt neben ihrer Großmutter in diesem alten Bett lag. Geborgen, behütet und geliebt. Die alte Standuhr tickte damals genauso beruhigend wie heute noch. Nur, dass ihr Ticken früher viel versprechend klang, so als würde es eine glückliche, lange Zeit einleiten, eine aufregende Zukunft. Heute war das Ticken nur mehr jenes der Uhr, die für ihren Sohn abgelaufen war und ihr selbst spöttisch und höhnisch erklang. Tick, Tick, tot, tot, Tick, Tick, ....
*****
Robbys Vater war ein Vertreter für Viehfutter gewesen. Sie kannte nicht einmal seinen vollen Namen. Rick, nannte er sich, und er fuhr an ihrem Haus vorbei, als sie eben mit dem Rad aus der Bücherei der Kleinstadt zurückkam. Sie hatte ihren Abschluss gemacht und die Großmutter redete ihr solange zu, bis sie sich entschlossen hatte weiterzustudieren - Englische Literatur. Sie hatte lange gezögert, denn die Frau war nun wirklich alt und zeigte die ersten Anzeichen von Gebrechlichkeit und Alterserschöpfung. Doch sie bestand darauf, dass Joan etwas aus ihrem Leben machte. „Du hast Köpfchen!“ sagte sie bestimmt. „Willst Du auf dem Land verschimmeln?“ fragte sie mit Nachdruck und Joan hatte eingewendet, dass jemand sich um sie kümmern müsse. „Ach was!“ brauste die betagte Frau auf. „Ich kümmere mich um mich selbst! Was soll der Quatsch, dass die Jugend sich immer um die Alten kümmern müsse! Im Nu bist Du auch alt und dann hast Du nichts anderes getan als Dich um eine Alte zu kümmern und vielleicht hast Du einen der Schweinezüchter aus der Gegend geheiratet, der Dir einen Stall rotgesichtiger Bengel anhängt, die an Deinen romantischen Versen und Erzählungen nicht im geringsten interessiert sind.“ Sie hatte gelacht bei dieser Vorstellung, die ihr absolut unmöglich erschien, denn kein Junge aus der Gegend hätte sie im Geringsten interessiert. Ihre Mutter war Lehrerin gewesen, bevor sie ihren Vater kennen gelernt hatte. Während eines Ferienaufenthalts in dem Fischerstädtchen, war sie dem wuchtigen, großen Mann mit dem roten Haar begegnet und wie vom Blitz getroffen worden, als er sie mit seinen hellgrauen Augen fixierte. Das war Liebe! Einfach hier zu bleiben, ihn zu heiraten und allem zu entsagen, was für sie gezählt hatte: dem Grosstadtleben Londons, der Schule, an der sie unterrichtet hatte, den Freunden, die ihr neben dem Bild dieses Prachtstücks von Mann nur mehr wie durchsichtige Silhouetten erschienen. Alles das hatte sie eingetauscht für ein einfaches Leben und den Gestank von Fischtran und Seetang. Auch wenn ihr Glück nur von kurzer Dauer gewesen war, die paar Jahre waren es wert gewesen, nicht länger gelebt zu haben, nicht steinalt geworden zu sein, sondern intensiv kurze Zeit an der Seite eines geliebten Menschen geatmet zu haben. Nachdem es ihr nicht vergönnt gewesen war, das Leben gemeinsam an seiner Seite mit all seinen Höhen und Tiefen zu beschreiten, hatte sie es vorgezogen, sich sterben zu lassen, vielleicht mit der geheimen Hoffnung, ihm irgendwo wieder zu begegnen. Auf einer anderen Ebene, irgendwie.... So dachte Joan später, als sie heranwuchs, über ihre Mutter nach, denn in Wahrheit wusste sie nichts über deren Gefühle und Gedanken, doch es musste wohl so ähnlich gewesen sein.
„Hi!“ rief der Viehfuttervertreter und bremste den brandroten Rover knapp neben ihrem Fahrrad ein. Sie war so verwirrt von dem ungewöhnlichen Besucher, der da strahlend mit dem gelockten, blonden Haar aus dem Wagen stieg, dass sie vergaß zu antworten. Er überragte sie um Kopfeslänge und streckte ihr spontan die Rechte entgegen, die sie mechanisch ergriff, um gleich darauf den Druck seiner Finger um die ihren zu spüren und es war ihr als hätte sie ihre Hand in siedendes Öl getaucht. Als sie spürte, wie ihre helle Haut sich mit heißer Röte überzog, kam glücklicherweise Grandma um den Zaun herum gehumpelt und unterbrach die Szene der Verwirrung und des Zaubers, der Joan umfangen hatte. „Was gibt’s?“ wollte sie energisch wissen und ein erfahrener Blick aus den alten, aber immer noch gut sehenden Augen sagte ihr, dass es um ihre Enkeltochter geschehen war und dass sie ihrem ersten wirklichen Herzensschmerz entgegensah. Der Mann stellte sich vor, er war an die dreißig und hatte strahlend weiße Zähne, warme, dunkelgraue Augen und ein Lächeln, das Joan bis auf den Grund ihrer Seele drang und sie erwärmte. Ihre Großmutter ließ sich anschwatzen von dem gewieften Vertreter, doch letztendlich bestellte sie nichts bei dem Mann, der sein Geschäft verstand, und versuchte ihn so rasch wie möglich loszuwerden, während sie Joan aus den Augenwinkeln heraus betrachtete. Diese hing gebannt an den Lippen des schwatzenden Mannes, der seine Produkte über den grünen Klee lobte, und empfand wahrhaftig Bedauern, als er schließlich Anstalten machte, zu seinem Wagen zurückzugehen und sie unverrichteter Dinge zu verlassen. Die Großmutter hatte sich bereits umgewandt und stapfte auf die Haustür zu, während Joan den Besucher immer noch hinterher starrte und ihr Blut in den Ohren rauschte. Er war der best aussehendste Mann, den sie in ihrem Leben bisher gesehen hatte, wie einer aus den Teenagerzeitungen. Bevor er in den Wagen stieg, wandte er sich nochmals um, wohl wissend, welchen Eindruck er auf das unerfahrene Mädchen gemacht hatte. „Ich bin bis morgen im Half Pence Hotel!“ sagte er immer noch lächelnd. „Ich würde dich gerne heut‘ zum Abendessen einladen. Wirst Du kommen?“ Sie biss sich auf die Oberlippe und spürte, wie die Röte ihrer Verlegenheit und Überraschung abermals ihre helle Haut überzog und sie wusste nicht, welche Antwort sie jetzt geben sollte und so nickte sie nur, ohne die mechanische, bejahende Bewegung ihres Kopfes beeinflussen zu können. „Gut!“ strahlte er. „Sagen wir gegen 8.00 h!“ Schon war er vom Hof gefahren und nur die Nachmittagssonne blitzte noch auf dem rubinroten Lack seines Wagens und brachte ihn zum Strahlen, wie einen vom Himmel gefallenen Feuerklumpen. Sie starrte dem Fahrzeug und seinem Leuchten nach, bis es in die Bezirksstrasse abgebogen war und atmete tief durch. Ihr erstes Rendezvous! Mit diesem Mann!. Nicht mit einem der ungehobelten Flegel aus der ländlichen Nachbarschaft! Sie rannte an der Großmutter vorbei, die Holztreppe hoch, die zu ihrem kleinen Dachgeschosszimmer führte, und betrachtete sich klopfenden Herzens im Spiegel. Sie war gerade erst siebzehn geworden, aber ihr Spiegelbild sagte ihr, dass sie eine erwachsene Frau war. Ihr flammend rotes Haar umrahmte das helle, dreieckige Gesicht mit dem kleinen, kecken Kinn und ihre hellgrünen Augen standen leicht schräg und wurden von langen, dunklen Wimpern beschattet. Ihre Wangen waren nun fast ebenso rot wie ihr Haar und ihr kleiner, fester Busen hob und senkte sich vor Aufregung, als sie an seine Augen dachte, sein Lächeln. Sie warf sich rücklings aufs Bett und starrte zur weiß verputzten Decke empor. Sie würde natürlich hingehen, obwohl sie wusste, dass Grandma nicht einverstanden war. Aber sie war erwachsen! Die meisten Mädchen ihrer Schule hatten seit langem einen festen Freund. So gesehen, war sie spät dran mit ihren Erfahrungen was die holde Männlichkeit betraf. Als sie später ihrer Großmutter beim Füttern der Tiere half und abwesend ihre Arbeit an der Seite der alten Frau verrichtete, schüttelte diese missmutig den Kopf. „Ein Schleimer, der Typ von vorhin!“ begann sie ihre Meinung kundzutun. „Zu glatt, zu strahlend, einfach alles unecht an dem Mann! Sicher auch seine Zähne!“ Joan antwortete nicht, sie spürte, dass die Alte sie provozieren wollte. „Was wollte er noch von Dir?“ fragte sie nun geradeheraus und Joan erwiderte ruhig, dass er sie eingeladen hätte und sie die Einladung zum Abendessen auch angenommen habe. Die alte Frau seufzte ergeben: „Ich denke, Du lässt Dich nicht abbringen von Deinem Vorhaben, also wozu noch Worte. Aber eines will ich Dir gesagt haben. Das ist einer jener gerissenen Vertreter, die haben in jedem Dorf eine Braut. Das war immer so und wird immer so sein! Bilde Dir nur nicht ein, er würde Dich anders betrachten als all die übrigen, die auf seiner Liste stehen! Auch wenn er Dir ganz was anderes erzählen wird! Er hat nur ein Ziel vor Augen, und Du weißt, wovon ich spreche!“ Es war ihr egal, was die Alte sagte, es war ihr egal, dass es vielleicht sogar richtig war, aber sie stand unter einem Bann und man hätte sie fesseln und anbinden müssen an jenem Abend, um sie am Fortlaufen zu hindern. Sie war bereit, sich in seine Arme zu stürzen und alles zu glauben, was er ihr beteuern würde.
Als sie vor der kleinen Pension des Dorfes vom Rad stieg, wartete er bereits auf sie, so siegessicher, dass sie kommen würde. Er unterschied sich von all jenen, die sie kennen gelernt hatte, doch das waren nicht viele. Schulkameraden, Dorfbewohner, Landarbeiter.... Dieser hatte Klasse! Mit seinem Aussehen hätte er Filmstar werden können oder zumindest in einer der unendlichen Soap Operas im Fernsehen mitspielen sollen! Sein Lächeln war das gleiche wie heute morgen, es schien wie eingemeißelt in dem breitflächigen Gesicht zu sein. Er schlug vor, in eine Nachbarortschaft zu fahren, der Leute wegen, die vielleicht falsche Schlüsse aus ihrer Zusammenkunft ziehen könnten. Es war ihr gleichgültig, wohin sie fuhren, Hauptsache, sie war an seiner Seite. Er packte ihr Rad in den geräumigen Kofferraum des Wagens und schon saß sie neben ihm und versuchte ihre zitternden Hände ruhig in ihrem Schoss zu halten. Während der Fahrt hörte er nicht auf zu sprechen und sie merkte nicht den prahlerischen Ton, als er von seinen Reisen erzählte, seinen Aufträgen und der geplanten Segeltour, die er demnächst machen würde. Ihr sehnsüchtiger Blick haftete an seinen Lippen und sie verspürte ein eigenartiges Ziehen in ihrem Magen, ohne zu wissen, dass es ihr Verlangen nach seiner Berührung war, das sie empfand. Sie war eine reife Frucht und er würde sie pflücken und genießen, Stück für Stück. Er ließ sie nicht lange schmachten und kostete die Situation, allein mit diesem unerfahrenen Landmädchen zu sein, voll aus. Ein versteckter Gasthof außerhalb des nächsten Dorfes, der Genuss des ungewohnten Weines, ein paar einschmeichelnde Worte und Joans Augen glänzten vor Sehnsucht und Liebe. Ihre sonstige Vernunft wurde zerschmettert durch die ungewohnte Behandlung dieses Fremden, in den sie sich unsterblich verliebt hatte. Sie sehnte sich nach zärtlichen Küssen, Umarmungen, so wie sie es von den gleichaltrigen Schulkolleginnen gehört und selbst, in den vielen Jungmädchen-Magazinen, die so die Runde machten, gelesen hatte Als er sich dann später im Wagen über sie hermachte, zeigte sie kaum Gegenwehr, obwohl ihr alles viel zu schnell ging und sie sich nach Romantik sehnte. Doch er war sehr erregt und schließlich gab sie nach und überließ sich seinen fordernden Händen. Wahrscheinlich war es immer so und sie hatte eine überspitzt melodramatische Vorstellung von der physischen Liebe im Allgemeinen gehabt. „Du machst mich verrückt!“ keuchte er, als er sie bestieg, und brutal in sie eindrang. Sie redete sich ein, er meinte damit, dass er sie liebte und er ihr so seinen Beweis bekunden wollte. Sie schloss die Augen und hoffte, es würde endlich dieses selige Gefühl, das sie sich erhofft hatte, ihr Sein erfüllen, der Schmerz endlich weichen, doch das Gegenteil geschah, sie fühlte, wie etwas in ihr erstarb, mehr und mehr, mit jedem Stoss seines Beckens. Plötzlich war ihr ganzes Sehnen nach ihm wie mit einem Schlag weggewischt und sie wusste, dass sie den Fehler ihres Lebens begangen hatte. Doch es war zu spät. Das Gewicht des stöhnenden Mannes drückte sie in die kunstledernen Sitzpolster des Wagens und sie ließ es über sich ergehen und wünschte nur, sie hätte sich getäuscht und er würde ihr schließlich doch noch gestehen, dass sie die Liebe seines Lebens sei. Dass er sie bat, gleich morgen mitzukommen, alles liegen und stehen zu lassen und ihm zu folgen, so wie ihre Mutter es für ihren Vater getan hatte. Dann würde sie erneut Liebe für ihn durchfluten und sie glücklich machen. Doch er rutschte danach nur auf seinen Sitz zurück und zog seine Jeans schwer atmend hoch, fuhr sich mit der Hand durch das in Unordnung geratene blonde Haar und tätschelte ihr schließlich wohlwollend den Schenkel, über den sie ernüchtert ihren kurzen Rock zu schieben versuchte. „Ich wäre gerne länger geblieben!“ versicherte er ihr. „Aber das Leben ist hart und ich muss morgen früh weiter, meine Brötchen verdienen!“ Sie antwortete nicht und blickte geradeaus starr auf die Landstrasse. Sie sehnte sich nach ihrem Zimmer, der vertrauten Umgebung und wollte nachdenken über ihren Leichtsinn, ihre Unbesonnenheit und den Sinn der Liebe. Als er sie vor der Haustür absetzte und ihr Rad aus dem Kofferraum holte, lächelte er ein letztes Mal und sagte zum Abschied: „Tschüs, Kleines! Wenn ich wieder mal durch diese Gegend komme, dann schau ich vorbei!“ Arschloch, dachte sie plötzlich und nie zuvor fühlte sich kleiner und naiver als in diesem Augenblick. Sie wollte sich waschen und sich in ihrem Bett verkriechen und vor allem, nicht heute Abend ihrer Großmutter zu begegnen. Diese schlief bereits oder tat so als ob, jedenfalls konnte Joan sich zurückziehen, ohne irgendwelche Fragen beantworten oder dem prüfenden Blick der alten Frau standhalten zu müssen.
Als ihre Periode ausblieb, war sie eigentlich nicht wirklich verwundert. Sie musste eben den Preis zahlen für ihren Leichtsinn, ihre Träumerei. Sie vertraute sich der alten Frau erst an, als es nicht mehr zu verbergen war und Grandma konnte sie nichts vormachen, sie wusste es schon längst. Also ging sie nicht in die Stadt, um weiterzustudieren, sondern suchte sich einen Job in dem kleinen Supermarkt und saß acht Stunden am Tag an der Kassa, während ihr Bauch wuchs und das Kind sich zu rühren begann. Sie freute sich nicht auf das Baby. Sie hasste ihren unförmigen Körper, ihr aufgedunsenes Gesicht und sie versuchte die Spötteleien der Dorfbewohner zu ignorieren. Wahrscheinlich hatte man sogar Wetten abgeschlossen, wer der Vater des Kindes sein konnte. Verheiratete Frauen sahen sie verächtlich an, andere misstrauisch. Irgendwie gab sie dem ungeborenen Leben Schuld an ihren gescheiterten Zukunftsplänen. Doch als sie den kleinen Jungen schließlich im Arm hielt, in einer stürmischen, regnerischen Nacht, und ihr gemarterter, junger Körper endlich befreit wurde von der Last des Gebärens, platzte ihr Herz auf, wie es ihr Leib getan hatte, um dem Kind Leben zu schenken. Es strömte über vor Liebe zu dem hilflosen, unschuldigen Wesen, das ihr Sohn war und den sie Robby nannte, nach ihrem eigenen Vater Robert.
Der Viehfuttervertreter kam die ganze Zeit über nicht mehr durch das Dorf, wahrscheinlich hatte er keine Kunden damals gewinnen können und ihr war das recht so. Sie hatte nichts gemeinsam mit diesem Fremden, von dem Kind abgesehen... Doch es war ihr Kind und sie hatte nicht vor, es mit jemandem anderen als mit ihrer Grandma, die sie mit Ratschlägen versorgte und um Jahre jünger aussah seit der Ankunft des Babys, zu teilen. Robby war ein ruhiger, braver Säugling, der nur selten die Nachtruhe seiner jungen Mutter störte, und er wuchs heran und war die Freude und der Stolz Joans. Er hatte das gleiche blonde Haar seines Vaters, ebenmäßige Züge und die grünen Augen seiner Mutter. Er war fröhlich und ein bisschen verträumt. Als er in die Schule kam, lernte er leicht, denn er war klug und unter den Ersten seiner Klasse. Keine Beschwerden, keine Probleme. Joan war stolz und ihr Leben war Robby. Er war das Beste, dass ihr im Leben bisher passiert war! Sie bereute nie wieder, ihr Leben für ihn umgekrempelt zu haben und täglich im Supermarkt acht Stunden lang zu schuften. Immerhin hatte sie es bereits bis zur Lagerleiterin gebracht, kümmerte sich um Bestellungen und Lieferungen und saß seit geraumer Zeit nicht mehr an der Kassa. Grandma war gestorben, als Robby gerade vier war. Später nahm er den Schulbus, denn sie musste früh im Geschäft sein. Er frühstückte allein und ging dann zur Bushaltestelle die Strasse hinauf. Der Schulbus hielt für ihn an und er stieg zu. Tag für Tag, Woche für Woche...
*****
Bis zu jenem Tag, als der Schulbus wie gewohnt an die Haltestelle kam und sich im allerletzten Moment einbremste, da das Bündel Mensch, das einst ein kleiner, aufgeweckter Junge war, quer über der Strasse lag, während sich um seinen Kopf eine rote Lache gebildet hatte, die im herabströmenden Regen sonderbar durchsichtig wirkte. Die grünen Augen hatte er weit geöffnet und auf dem blassen Gesicht lag ein Ausdruck von Staunen. So fand ihn der geschockte Buschauffeur. Als man seine Mutter alarmiert hatte, war er bereits mit einer karierten Decke zugedeckt worden. Als Joan sich auf den leblosen, bereits erstarrenden Körper warf, waren drei Männer nötig, die sie hochhoben. Der Polizeiarzt gab ihr eine Spritze, die sie beruhigen sollte, doch sie war so von Hass und Schmerz erfüllt, dass sie nur schrie und schrie, bis man ihr die zweite Spritze ansetzte und sie in einen komatösen Schlaf fiel. Sie erwachte in der psychiatrischen Klinik in der Nachbarstadt und als sie völlig zu Bewusstsein kam und die Erinnerung auf sie herabsauste wie ein Felsbrocken, der Körper und Geist zerquetschte, konnte sie nur mehr stöhnen und hatte keine Tränen mehr. Man behielt sie mehrere Wochen dort und versetzte sie in Tiefschlaf, bis sie Wirklichkeit von Traumwelt nicht mehr unterscheiden konnte. Robbys Leichnam befand sich noch in den Händen der Gerichtsmediziner, die nach Spuren des flüchtigen Fahrers suchten und keine fanden. Als man Joan schließlich entließ, war sie nicht mehr dieselbe junge Frau, die sie zuvor gewesen war und die so mancher Mann des Ortes gern an seiner Seite gesehen hätte, zumindest aber in seinem Bett. Für Joan war das Thema Männer seit der Geburt des Jungen erledigt gewesen.
***** Dann begannen eines Nachts die Visionen. Erst schemenhaft, unterschieden sie sich diese kaum von jenen, die sie sonst auch hatte. Schatten, Umrisse, Stimmen. Doch irgendwann, wahrscheinlich stand sie zufälligerweise diese Nacht nicht unter all zu vielen Betäubungsmitteln, fühlte sie, dass diese Vision sich doch von den anderen unterschied. Sie hinterließ ein sehnsüchtiges Gefühl in ihr, das noch anhielt, als sie erwachte, erschöpft, im allerersten Morgengrauen. Sie versuchte sich einzureden, dass es Robby sei, der gekommen war, um sie zu besuchen, sie zu trösten. Doch die Gestalt, der sie gewahr wurde, und von ihrem Bettende aus auf sie nieder blickte, oder in dem alten Schaukelstuhl neben ihr saß und sie anstarrte, ohne dass sie die Augen sehen konnte, war groß, breitschultrig und hatte nichts mit ihrem Sohn Robby gemein. Aber vielleicht hatte der Tod ihn ja verändert? Als sie schließlich sicher war, dass es sich bei der Erscheinung um keinen Traum handelte und auch nicht um Robby, wurde sie unruhig, und der Gedanke an den Besucher beschäftigte sie bereits auch tagsüber. Sie war gespannt, was er von ihr erwartete. Würde er immer nur dastehen und auf sie starren? Würde er endlich sagen, was er wollte von ihr? Ihr wurde kaum bewusst, dass sie keinerlei Furcht vor diesem Etwas empfand. Was konnte ihr auch noch Schlimmeres passieren, als ihr ohnehin schon widerfahren war? Eine andere Überlegung spukte in ihrem Kopf umher. Wahrscheinlich war es der Todesengel, der sie holten sollte. Eines Nachts würde er nach ihrem Herzen greifen und es so lange zusammen quetschen, bis sie daran sterben würde, und somit wäre sie erlöst, für immer. Man würde sie neben die Leiche ihres Sohnes betten und sie wären dann für immer vereint. Wenn schon nicht im Leben, dann im Tod, Hauptsache vereint.
Absichtlich begann sie weniger von den Schlaftabletten zu schlucken. Sie wollte einen klaren Kopf behalten, wenn er wieder auftauchen sollte und vielleicht konnte sie ihn sogar befragen, wenn nicht doch alles nur Einbildung war, ein Spuktraum. Vielleicht war er ein Bote aus dem Jenseits...? Sie war trotzdem eingedöst, auch ohne Schlafmittel. Seit dem Tod des Kindes vor drei Monaten, war sie zum ersten Male wieder an etwas Anderem als ihren Schmerz interessiert. Selbst, wenn es sich vielleicht nur um ein Phantasiegebilde ihres gemarterten Geistes handelte.
... Er steht so plötzlich neben ihr, wie all die Nächte zuvor und sie kann sogar andeutungsweise ein Gesicht sehen. So hell, wie durchscheinender Nebel, mit Augen so klar wie ein Gebirgsbach, jedoch auch so kalt und fremd. Ein schön geschwungener Mund unter einer kräftigen, männlichen Nase. Ein Gesicht, die Umrisse eines Mannes, Haar, das farblos zu sein scheint, und einen kräftigen Kopf umrahmt. Man erahnt nur, wie lange es auf die dunklen Schultern herab fällt und wo der Körper des Wesens eigentlich beginnt. Das Gesamtbild verschmilzt zu einer schwarzen Einheit, aus der nur das eigenartig helle Gesicht leuchtet. Sie blickt die Erscheinung direkt an, und versucht zu sprechen, doch ihre Stimme versagt, denn sie spürt Furcht in sich hochsteigen, ein Gefühl, das sie längst verbannt hatte, aber auch gleichzeitig ein Sehnen, ein stummes Verlangen nach etwas Unbekanntem. Als habe das Wesen ihre Gedanken erraten, schüttelt es den Kopf und sieht sie weiter unverwandt an. Ohne dass es die Lippen bewegt, hört sie seine Stimme, doch sie ist in ihr und dringt nicht direkt an ihr Ohr, nur in ihren Geist: „Du brauchst Dich nicht zu fürchten! Ich tu Dir nichts, was Du nicht willst und ersehnst!“ Sie schluckt und fühlt eine eigenartige Kälte von dem Gespenst, denn für dieses hält sie nun dieses Wesen aus einer anderen Welt, ausgehen. Sie hatte einmal gehört oder gelesen, dass Leute, die sich in einer Trauerperiode nach dem Verlust eines geliebten Menschen befanden, besonders anfällig für übernatürliche Wahrnehmungen seien. Ein Besucher aus einer anderen Dimension. Ein Dämon? Ein Engel? Ein Gespenst? Sie versucht angespannt, die Gestalt deutlicher zu erkennen, doch diesen Wunsch hatte er in ihrem Geist gelesen und antwortet auf die stumme Frage: „Du wirst mich sehen, wenn du dazu bereit bist, erst dann!“ Kaum hallen die unausgesprochenen Worte in ihrem Kopf wieder, löst sich das Gebilde vor ihren Augen in nichts auf, wird erst undeutlicher und schließlich ist es völlig verschwunden. Sie schläft ein, nach langer, langer Zeit tief und fest. Als sie am nächsten Morgen erwacht, glaubt sie an einen Albtraum, der sich Nacht für Nacht, schon seit geraumer Zeit wiederholt hatte. An diesem Tag fährt sie mit dem Rad bis ins Dorf und kauft eine volle Tüte Nahrungsmittel. Die Menschen grüssen sie, manche etwas betreten, andere verwundert, sie wieder zu sehen. Sie betritt den kleinen Supermarkt, in dem sie jahrelang geschuftet hat und fährt mit dem Einkaufswagen durch die Gänge, als sei sie zum ersten Mal in dem Laden. Ihre ehemaligen Kolleginnen nicken ihr mitleidig, oder freundlich zu. Sie grüsst zurück, das Mitleid bewusst ignorierend. Es macht ihr nichts aus. Es stört sie nicht und hilft ihr auch nicht und sie will keine Hilfe, erwartet keine, da es keine von menschlicher Seite aus gibt!
Sie radelt durch den kalten Winterwind bis zu ihrem Haus zurück und setzt heißen Tee auf, macht Feuer im Kamin und streckt sich auf dem alten Sofa im Wohnzimmer aus. Zum ersten Male seit Robbys Tod hat sie das Bedürfnis, sich zu wärmen, und als sie vor dem Feuer sitzt und an dem bitteren Getränk nippt, fühlt sie sich ein klein wenig lebendiger. Am Nachmittag bereitet sie sich etwas Schinken mit Eiern zu und isst wenige Bissen davon, weil ihr bald von dem ungewohnten Mahl übel wird. Als das Feuer heruntergebrannt ist, schläft sie, in eine Wolldecke gehüllt, vor dem Fernseher ein und schreckt irgendwann nachts hoch, als die Erscheinung ihr abermals den gewohnten Besuch abstattet. Sie steht dieses Mal nicht, wie sonst, vor ihr, sondern hat sich in den Lehnstuhl, gegenüber ihres Sofas, auf dem sie sich hingestreckt hatte, platziert. Sie vermeint, heute mehrere Einzelheiten wahrnehmen zu können. Sie hat den Eindruck, als habe sie nun eine Brille aufgesetzt bekommen, durch welche sie alles besser und schärfer erkennen konnte. So sieht sie, dass dieses Wesen, lebendig oder tot, einen schwarzen, langen und taillierten Mantel trägt, ungewöhnlich altmodisch. Sein Haar ist sehr lang, und locker im Rücken zusammengebunden. Es reicht ihm fast bis zur Taille. Das ungemein blasse Gesicht wirkt auf geheimnisvolle Weise anziehend und irgendwie vertraut. Diese durchsichtigen, fast farblosen Augen sind von langen Wimpern überschattet, und sie brennen sich in ihre Seele, wie das kalte Feuer von Diamanten, ein. Er hat also befunden, dass sie jetzt bereit war, ihn zu sehen. Sie fürchtet ihn nicht, empfindet nur diese Erwartung dessen, was weiter passieren würde und eventuell eine Erklärung, obwohl diese nicht wirklich unerlässlich für sie war. Seine unbewegliche Miene verrät keinerlei Gefühlsregung, und sie verspürt abermals die Kälte, die von ihm ausgeht. Unbewusst schlingt sie die Wolldecke enger um ihren Körper. Endlich beginnt er zu sprechen und sie merkt abermals verwundert, dass er dabei kaum die Lippen bewegt, und doch dringt jedes einzelne Wort klar und deutlich in ihr Bewusstsein: „Ich bin gekommen, um Dir ein Angebot zu machen, das Dich interessieren dürfte. Ich lasse Dir die Wahl. Erlösung durch den endgültigen Tod, den Du mehr als alles andere herbeisehnst, oder ewiges Leben und Macht über alles Leben dieser Erde!“
Was faselte er da? War er etwa nur ein gemeiner Mörder, der sie seit einiger Zeit zu seinem Opfer auserkoren hatte, weil ihr Haus weit abseits jeder Menschenseele lag und ihr Verschwinden kaum jemanden auffallen würde? Ein Gespenst brachte nicht den Tod, also war er wohl kaum ein solches. Und was sollte dieser Unsinn von ewigem Leben? Also doch ein irrer Triebtäter, der sich für Gott oder sonst etwas Besseres hielt! Er zeigt die Andeutung eines Lächelns, so kurz und schwach, dass sie schon glaubt, sich geirrt zu haben. „Ich bin nicht der, für den Du mich hältst!“ antwortet er auf ihre verwirrten Gedanken und Fragen. „Sieh es einfach so: Ich habe Dich auserwählt, weil Dein Schmerz bis zu meiner Welt durchgedrungen ist! Deine Seele hat geschrieen und geweint, und die Welt, meine Welt, war erfüllt von Deinem stummen Wehklagen. Es gibt so viele, die wie Du leiden und sich nach Frieden sehnen! Ich nehme sie, greife nach ihrem Leben und sie finden das, was sie wollen. Sie geben sich mit Freuden mir hin, vergehen friedvoll in meinen Armen! Ich bin ihr Erlöser! Andere wollen Rache für das, was man ihnen angetan hat und sind bereit, den Schritt dafür zu wagen. Ich hätte Dein Leben nehmen können, während Du schliefst und Du hättest es nicht einmal gemerkt. Du wärst einfach nicht mehr erwacht und hättest Deinen Frieden gefunden und ich das, was ich zum Leben brauche. Nichts ist böse daran, nichts verwerflich, da es uns beide beglückt hätte, jeden auf seine Weise. Aber ich habe in Dir einen anderen Wunsch gespürt, der noch größer war, als Dein Sehnen nach dem Ende! Es war der Wunsch nach Vergeltung für den ungerechten Tod Deines Sohnes, der Dein Leben bedeutete. Er ist Dir nicht wirklich bewusst, aber er schlummert in Dir, dieser Wunsch, und Du sehnst Dich danach, den Mörder deines Kindes in seinem Blute liegen zu sehen, seine Augen zu betrachten, während sie langsam brechen, wie jene Deines Sohnes. Die Genugtuung Deiner Rache ist Dir alles wert, alles und mehr als Dein Leben!“ „Was erwartest Du von mir?“ stößt sie mühsam hervor, verwirrt über seine Kenntnis ihrer geheimsten Wünsche, und erwartungsvoll zugleich. „Dass Du Dich entscheidest! Willst Du Frieden, dann schließe Deine Augen und ich schenke ihn Dir mit einem Kuss, der Dich verzaubern wird bis zum Tod, der Dich durch mich ereilt. Aber ich warne Dich! Erwarte nicht wirklich, Deinen Sohn wieder zu sehen, ihm zu begegnen. Meine uralte Erfahrung mit dem Leben und Sterben der Menschen, hat mir in keinster Weise je darüber Aufschluss oder Beweise geliefert. Mir ist nicht geläufig, dass es ein trostreiches Wiedersehen im Tode gibt. Es kann gut sein, dass die Lebenden diesen Mythos seit undenklichen Zeiten erfunden haben, um selbstsüchtigen Trost zu erlangen.“ „Du willst mein Blut!“ Joan war zu dieser Feststellung ganz plötzlich gelangt, so unwahrscheinlich ihr alles auch erscheinen mochte, und ein kalter Schauer lässt sie erzittern. Bilder aus Büchern und Filmen, der Mythos von Vampirismus, entsteht vor ihrem geistigen Auge. Legenden, Geschichten, Aberglaube.... Blut war immer eine mysteriöse Sache, sehr intim und verbunden mit Gut und Böse. Blutsbruderschaft, Blutzoll, Blutrache, Blutrausch... die Liste der Bezeichnungen geht ins Unendliche. Er lacht trocken auf, als er ihre Gedanken liest: „Gut und Böse? Wer kann das entscheiden? Wer will darüber richten? Wer kann diese beiden Wörter wirklich definieren? Sie sind untrennbar miteinander verbunden. Bin ich böse, weil ich Dein Blut will? Bin ich gut, weil ich Dir ewiges Leben schenken könnte oder nicht einfach über Dich herfalle wie ein Tier um mir zu nehmen, was Du nur zu gern bereit bist, mir zu geben? Bist Du böse, weil Du den Tod dessen herbeisehnst, der Dein Kind zu Tode gefahren hat? Glaubst Du, ich stünde mit dem Teufel im Bunde? Glaubst Du, Du könntest Dich versündigen? So viele Fragen, die Dich beschäftigen, doch lasse Dir gesagt sein: ich existiere seit so langer Zeit, dass ich vor Ewigkeiten aufgehört habe, die Jahrzehnte zu zählen und das, was die Menschen Gut und Böse nennen, Teufel oder Gott, das existiert in jedem Einzelnen selbst! Man trägt es in sich! Himmel und Hölle sind auf Erden und werden von den Menschen selbst erschaffen, so war es immer und wird es immer sein!“
Joan war nie wirklich religiös gewesen. Sie hatte so ihre eigenen Gedanken gehabt über den Glauben, die Kirche und ihr Treiben. Seit Robbys Tod hatte sie alles noch mehr in Frage gestellt und haderte mit dem Gott, den die Welt pries, ja sie hasste ihn für ihren Schmerz, der ihr angetan wurde und dann wieder zweifelte sie an seiner Existenz. Sie hätte sich ohne mit der Wimper zu zucken dem Teufel verschrieben, hätte sie an ihn geglaubt, nur um Robby zurückzubekommen, ein Menschenleben lang. Doch dieser Fremde konnte ihr den Sohn nicht lebendig machen. Er wollte ihr Leben, das ihr nichts mehr bedeutete. Ewiges Leben? Was sollte sie damit? Damit wäre auch die kleinste Chance vertan, Robby doch noch zu begegnen, so klein sie auch sein mochte, so unwahrscheinlich und vage. Aber war diese Erscheinung nicht ebenso unglaublich, wie der Rest, an den sie sich klammerte? Sie zögert und er betrachtet sie lauernd und liest in ihren Gedanken, ergötzt sich an dem Für und Wider ihrer Überlegungen. „Ich hatte damals keine Wahl“, spricht er zu der Unschlüssigen. „Ich wollte nicht sterben und war ein glücklicher Mensch!“ fährt er fort. „Das ewige Leben habe ich trotzdem mit Freuden angenommen und war dankbar, dass man mich nicht getötet hat, und ich heute nur mehr Staub wäre. Ich handle nach meinem Gutdünken und beherrsche meine Gier, mich wahllos und triebhaft an dem Menschenblut zu sättigen, wie andere meiner Art. Ich erwähle meine Opfer, wie es so schön heißt, ich verfolge ihr Schicksal und ihr Leid. Ich versetze ihnen den Gnadenstoss, wenn sie bereit sind, und ihr wertlos gewordenes Leben macht mich stark und sättigt meinen Hunger. Es kommt nicht oft vor, dass ich ihnen die Wahl lasse, so wie Dir, denn ich muss danach trachten, sie zu packen, bevor sie sich selbst den Tod antun und auch für mich verloren wären! Welche Verschwendung! Du hast Dir nicht die Pulsadern aufgeschnitten, obwohl Du oft daran gedacht hast! Aber es war nicht der Mut, der Dir fehlte! Es war Deine Rage nach Vergeltung und die kleine, unsinnige Hoffnung, Dein Sohn würde zurückkehren. Sei es als Gespenst, sei es in irgendeiner anderen Form, von der Du irgendwann einmal gehört hast. Vergiss es! Er kehrt nicht zurück! Wir haben jedoch die einzigartige Gabe, kurz durch die Zeit zu reisen, vergangene Augenblicke heraufzubeschwören und Du kannst so manchen Moment flüchtig und schemenhaft wieder erleben! So kannst Du auch den Mörder Deines Kindes finden und ihn richten, wenn Dich danach dürstet! Du wirst Dich an seinem Blute laben und nichts wird Dich stärker und unverwundbarer machen, als den Lebenssaft dieses Menschen in Dich aufzusaugen, Tropfen für Tropfen! Sein Entsetzen wird Dir ungemeine Lust bereiten, die Du als Sterblicher niemals kennen würdest! Ich habe keinen Grund, Dir Märchen zu erzählen. Ich sage Dir die Dinge, wie sie sind. Doch es ist spät und Du musst Dich jetzt entscheiden! Was hast Du zu verlieren? Was kannst Du gewinnen? Du musst es abwägen, jetzt!“ Er ist aufgestanden und seine Gestalt ragt drohend und dunkel vor ihr auf, gleich einem Racheengel, der keine Gnade kennt und doch, sie empfindet nichts anderes als eine erwartungsvolle Erregung. Sollte sie den Mörder ihres Sohnes ungeschoren weiterleben lassen? Ihr eigener Tod hätte auch die geringste Aussicht auf Vergeltung zunichte gemacht. Nein, er sollte nicht ungestraft davonkommen, egal, wie hoch der dafür Preis war! Sie wollte ihn wimmern hören, seinen Angstschweiß riechen, seine Ausflüchte verhöhnen. „Ich will leben!“ haucht sie kaum wahrnehmbar. Der Fremde hatte sich ihr genähert und sie erschauert unter dem Blick dieser Augen, die fast durchscheinend sind und in welchen sich lebendige Schatten bewegen, gleich Nebelschwaden. Er hat die Lippen ein wenig geöffnet und erst jetzt sieht sie die beiden, spitzen Fangzähne, die er kaum merklich über seine Unterlippe geschoben hat und sie findet diesen Anblick alles andere als abstoßend oder beängstigend, nein, ein wenig grotesk vielleicht. Doch vor allem verspürt sie die Erotik, die von dem faszinierenderen Gesicht ausgeht, den halbgeöffneten Lippen, dem Blick aus diesen Augen. Ihr wird ganz seltsam zumute und sie stöhnt auf unter dem plötzlichen Verlangen nach seiner Berührung, die ihr Sein verändern soll. Sie schließt die Augen wie unter einem Zwang, der von seiner Macht ausgeht, und die sie umfängt, wie ein dunkler, weicher Umhang, der sie einhüllt und ihre Seele zum Lodern bringt. Von der Faszination dieser Geschöpfe der Finsternis hatte sie zwar gelesen, gehört, aber niemals wurde ihre Vorstellung davon auch nur annähernd der Realität gerecht, die nun die ihre wurde. Sie kann ihr eigenes Blut siedend heiß durch ihre Adern fließen spüren, so als rufe es ihn. Sie fühlt, wie er ihre Schultern umfängt und wie sein langes Haar sich über ihre Wange breitet. Es ist, als fühle sie hunderte von sanften Händen ihren Körper streicheln, gleich Engelsflügeln. Seine kalten, und doch so weichen Lippen hinterlassen brennende Male auf ihrer Haut und sie lehnt den Kopf weit zurück, um ihn gewähren zu lassen, während ihr Herz wie rasend vor Erregung schlägt. Sein Mund streicht über ihren Hals, so leicht wie ein Schwarm von Schmetterlingen, fast vermeint sie das Flattern der zarten Flügel zu hören, im Gegensatz zu ihrem eigenen Pulsschlag, der dumpf und gleichmäßig dröhnt, während irgendwo in weiter Ferne leises Kinderlachen erklingt, das Lachen ihres Sohnes, das Lachen aus tausenden von Kinderkehlen. Eine Erinnerung, eine Wahnvorstellung, oder eine Täuschung, was machte es schon... Der Moment ist sakral für sie, von ungeheurer Süße und Erregung. „Robby“ flüstert sie kaum wahrnehmbar und sie merkt kaum, dass er ihren dicken Wollpullover über ihre Schultern gestreift hat und sich sein Mund hinabtastet, über ihre nackte, weiße Haut, unter der ihre Adern ihm verheißungsvoll den Weg weisen, wo er sich am Leichtesten an ihr laben kann. Wo ihr Blut mit Freude in seine Kehle sprudeln würde um seinen Hunger, seine unersättliche Lust zu stillen.
Als seine hungrigen Lippen ihre linke Brust berühren, stöhnt sie auf vor Lust und Erwartung und als er seine Zähne langsam, fast bedächtig in ihr zartes, weiches Fleisch schlägt, empfindet sie das jähe, schmerzhafte Eindringen seiner scharfen Zähne wie den Gipfel eines Liebesakt, den sie mit keinem Sterblichen je gekannt hatte. Ihr leises Stöhnen wird heftiger, als sie seinen kühlen Körper auf dem ihren spürt, diese kalte, betörende, so glatte Haut, die sie erzittern lässt. Wenn sie bis jetzt gedacht hatte, dass die Wesen seiner Art geschlechtslos seien, wird sie nun eines Besseren belehrt. In ihrem restlich verbleibenden Bewusstsein tickt die Gewissheit, dass sie ihr ganzes bisheriges und verdammtes Leben nur auf diesen Moment der Erlösung gewartet hatte. Sie nimmt ihn begierig auf und seine Kälte füllt sie bis in die kleinste Zelle ihres Leibes mit jener bittersüßen Lust der Verdammnis aus, für die er sie auserkoren hat. Die Wogen ihres geistigen und körperlichen Höhepunktes schlagen über ihr zusammen und lassen sie schweben in einem Meer von Erfüllung und absolutem Frieden. Die Schwäche, die nach und nach, mit jedem Schluck Blute, das er ihr entnimmt, auf sie einstürmen will, wird von jedem harten, rhythmischen Stoss seiner Lenden ausgewogen. Sie fühlt sich als Spielball der Wellen eines unendlichen Meeres der Lust und Begierde. Je stärker er ihr Sein erfüllt, umso mehr verlangt es sie nach ihm und seinem Blute. Was geschah hier? War sie die Braut des Teufels selbst geworden? Als er sich in ihr ergießt, krampft sich ihr geschwächtes Herz kläglich zusammen, als wolle es vor der Kraft seiner Dunkelheit entfliehen. „Ruhig, nur ruhig“, flüstert er an ihrem Ohr. „Es ist gleich vorbei.“ Er hält in seiner Trinkorgie ein, zieht sich aus ihr zurück, und sie fühlt sich losgelassen und schwindlig, sonderbar leicht. Seine Stimme raunt: „Dein Blut ist süß und ich muss Vorsicht walten lassen und meine Gier danach bezähmen, denn Du musst erst von dem meinen kosten, wenn Du leben willst! Oh ja! Es ist richtig, was man sich darüber erzählt, eine Sache von wenigen, die wahrhaftig stimmt! Willst Du immer noch leben, oder willst Du auf ewig vergehen in meinen Armen? Dies ist Deine letzte Chance, Deine Entscheidung rückgängig zu machen, dann ist es zu spät, für immer!“ Das Kinderlachen wird lauter in ihrem Kopf, heller, verlockender. Mit der letzten Kraft, die ihr bleibt flüsterte sie: „Leben!“ Unter halbgeschlossenen Lidern gewahrt sie, wie er seine Zähne ins eigene Handgelenk gräbt und sein dunkles Blut über den schwarzen Mantel läuft. Es erinnert sie an Robbys Blut auf der nassen Asphaltstrasse. Blut und immer nur Blut! Ist dies der Lauf der Dinge? Er legt sein kühles Fleisch an ihre Lippen und lässt das Leben spendende Nass in ihren Mund tropfen. Der Geschmack seines Blutes ist süßer und stärker als alles andere je zuvor, das sie im Laufe ihres jungen Lebens an Speise und Trank zu sich genommen hatte. Es überrascht sie, und sie giert danach, berauscht und verzückt. Ihre blassen Hände halten sich an ihm fest und verlangen nach mehr und mehr. Jeder Schluck brennt in ihren Eingeweiden wie Feuer und sie verspürt eine leichte Übelkeit aufsteigen, die sie jedoch verdrängt und unterdrückt, zu groß ist die Gier danach. Er macht sich gewaltsam von ihr los und senkt seine Lippen auf ihren blutigen Mund. Ihrer beider Blut vermischt sich in diesem fordernden, endlosen Kuss und verbindet sie für alle Zeit, macht sie zu Partnern und Ebenbürtigen, deren Wunsch es ist, den Tod zu besiegen und ihre Art von Gerechtigkeit walten zu lassen. Als sie nahe daran ist, das Bewusstsein zu verlieren, lässt er sie auf das Sofa zurück gleiten und flüstert: „In der kommenden Nacht, wirst Du für immer leben und mir gehören! Für immer! Schlaf jetzt, schlaf und fürchte nichts!“ Der Kuss, den er ihr auf die kalte Stirn drückt, ist warm von ihrem Blute, dass ihn gesättigt und gestärkt hat. Sie ist bereits eingeschlafen, entschlafen, als er zurücktritt, und eins wird mit der Dunkelheit des Raumes.
***** Als sie erwacht, ist es heller Tag. Durch die Ritzen der geschlossenen Fensterflügel dringt das Tageslicht und zeichnet an Wänden und auf dem Holzboden hellgraue Streifen. In den ersten Sekunden ihres Bewusstseins, glaubt sie geträumt zu haben. Welch eigenartiger Traum! Sie versucht sich aufzurichten, doch kraftlos fällt sie zurück auf ihre Liegestatt und als sie die Augen vollends geöffnet hat, sieht sie das eingetrocknete Blut auf ihrem Pullover, auf ihren Händen, und sie tastet ahnend und zitternd nach ihrer Brust, schiebt den Pullover hoch und besieht sich die beiden nebeneinander liegenden Einstiche, die kaum größer als Stecknadelköpfe sind. Kein Traum, also! Sie diente einem Vampir als Nahrung! Fast hätte sie laut losgelacht, doch der eiserne Geschmack in ihrem Munde, der unverkennbar jener des Blutes war, hält sie davon ab. Sie hat von seinem Blut getrunken und wenn man den vielen Geschichten Glauben schenken konnte, die sich um die Blutsaugenden Geschöpfe der Finsternis ranken, dann machte sie das ebenfalls zu einem solchen Wesen, das sich fortan vom Blut der anderen ernähren wird müssen! Blut! Welch grausige Vorstellung! Ihr wird übel bei dem bloßen Gedanken! Sie erinnert sich schwach, dass sie nach seinem Blut gelechzt hatte, und je stärker ihre Erinnerung Formen annimmt, umso weniger abstoßend findet sie den Gedanken, sich von Blut zu ernähren. Es war so warm, so fremdartig und doch so vertraut, ach, dieser Geschmack seines Blutes... Sie schließt die Augen und versucht ihrem Herzschlag zu lauschen, der mühsam und unregelmäßig in ihrem Brustkorb zu spüren ist.
Sie legt eine Hand auf die Stelle ihres Herzens und denkt, dass sie einem Herzstillstand nahe sein müsse, ebenso fühlt sich das gequälte Herz in ihrem Busen an. Was hatte sie getan? Würde sie nun dennoch sterben? Hatte „er“ ihr die Geschichte mit dem ewigen Leben nur vorgegaukelt? War sie einem Irren verfallen? Als sie an „ihn“ denkt, spürt sie erneut, wie Verlangen nach seiner Umarmung ihren Körper durchzieht, brennend und voll Sehnsucht, wünscht sie ihn an ihre Seite. War es die Todessehnsucht, die sie heimsuchte, oder die Sehnsucht, mit „ihm“ außerhalb des menschlichen Daseins, jenes der untoten Kreaturen zu beginnen?
Hätte man ihr vor Monaten eine ähnliche Geschichte zu erzählen versucht, sie hätte kein Wort geglaubt und denjenigen als Spinner bezeichnet, der ihr davon berichtet hätte! Doch nach dem Tode Robbys - sie erinnert sich daran - diesen Pakt eingegangen zu sein, um seinen Mörder zu finden - hält sie fast alles für möglich. Ja! Das war es! Sie würde den Verantwortlichen jagen und jagen und dann mit ihm abrechnen! Sie fühlt sich jenseits von Gut und Böse. Wer bestimmte die Grenze zwischen diesen beiden Begriffen? War das nicht eine relative Anschauung? Böse war, dass ein unschuldiges Kind zu Tode gefahren wurde und man es allein auf der Strasse verbluten ließ. War es da nicht das Gute, dass sie nun diese Möglichkeit der Vergeltung in den Schoss gelegt bekommen hatte? War es nicht gut, solche Menschen, die so wenig Mitleid mit einem unschuldigen Kind hatten, zu vernichten? Möglicherweise rettete sie ein weiteres Kinderleben mit der Vernichtung des Todesfahrers. „Er“ hatte ihr seine Meinung und seine Erfahrung mit diesen, den Menschen so heiligen Begriffen erläutert, und sie war nur zu gerne bereit, sich seiner Anschauung anzuschließen, ihm Glauben zu schenken! Alles was er sagte, leuchtete ihr ein und er ließ keinen Zweifel an seinen Glaubensvorstellungen offen. Nichts hatte sie je mehr überzeugen können als die erlebte Erfahrung mit ihm!
Eine heftige Woge von Übelkeit schlägt plötzlich über ihr zusammen und sie muss sich übergeben. Ein Schwall schwarzroten Blutes schießt aus ihrem Rachen hervor und sie vermeint, in der Mitte entzwei gerissen zu werden! Davon hatte er ihr nichts gesagt! Ihr ist todübel und sie erbricht schließlich nur mehr grünliche Gallenflüssigkeit und sinkt erschöpft zusammen, befindet sich in einem schwebenden Zustand zwischen Realität und Illusion, hört Stimmen, die es nicht gibt, ja leisen Gesang sogar, ganz entfernt das inzwischen vertraute Kindergelächter und der Wahnsinn streift sie, greift nach ihr und lässt sie schließlich wieder langsam fallen.
Als sie einigermaßen wieder zu sich kommt, dämmert es bereits, und sie rafft sich mit letzten Kräften auf, um die Schweinerei zu beseitigen, die sie angerichtet hatte. Sie wäscht sich selbst und erschrickt über ihr Spiegelbild! Das war nicht mehr sie selbst, ihre Verwandlung hatte begonnen: ihr rotes Haar steht wie in Flammen um ihren Kopf, als wäre es elektrisiert, ihre ohnehin schon helle Haut schimmert wie Phosphor und ihre Augen erstrahlen in einem so intensiven Grün, dass es scheint, als hätte sie künstliche Pupillen! Ein Glitzern ist in ihnen, ein Glanz, wie fiebrig. Ihr Mund leuchtet in einem ungewöhnlichen Rot und als sie ein Lächeln versucht, eine Regung die sie seit langem schon verlernt hatte, erscheint ihr dieses grausam, jedoch wunderschön, ja engelsgleich! Sie könnte sich glatt in sich selbst verlieben! Sie braucht kein Licht, um zu sehen. Mit Erstaunen beobachtet sie, wie ihre Pupillen sich weiten und zu Schlitzen werden, gleich Katzenaugen, die blitzschnell auf dunkel und hell reagieren. Sie war zweifellos schön, muss sie sich eingestehen. Niemals zuvor hatte sie sich so betrachtet. Wo war er? War es richtig, dass sie das Sonnenlicht zu meiden hatten? Sie sollte es bald genug erfahren. Sie würde auf ihn warten und sich seinen Weisungen anvertrauen. Sie hatte ihre Wahl getroffen und es gab kein Zurück mehr. Sie würde von ihm lernen und dann würde sie auf die Jagd gehen! Auf die Mörderjagd und selbst zur Mörderin werden, mit Genuss und Hingabe. Bei diesem Gedanken spürt sie Erregung in ihrer Brust, dort wo nun still ihr Herz ruht. Keine Mörderin, nein, eine Rächerin! Auge für Auge, Zahn um Zahn! Gottes Gebot! Robby hatte jung sterben müssen, und nun hatte sie den Tod besiegt, ihm eins ausgewischt, es war der Preis für Robbys Leben und sie war bereit ihn zu bezahlen, egal, was danach kommen sollte!
Erschöpft und ausgelaugt legt sie sich auf ihr Bett und lauscht den immer unruhiger werdenden eigenen Pulsschlägen, die in ihrem Kopf widerhallen. Kaum hat sie die Augen geschlossen, spürt sie seine Präsenz. Er war zurückgekommen und würde sein Werk an ihr vollenden! Sie öffnet die Augen und sieht direkt in sein blasses, interessantes Gesicht, das sie jetzt, endlich, um so vieles besser ausnehmen kann. „Du bist fast soweit!“ flüstert er und seine Fangzähne schimmern fast durchsichtig. Joan streckt seufzend ihre Arme nach ihm aus und sehnt sich mit jeder Faser ihres sterbenden Körpers nach seiner Umarmung, seinem Biss, seinem Blut. Sie will ihm dafür das ihre schenken, bis zum letzten Tropfen, bis zum letzten Atemzug. Und er kommt ihren bebenden Wünschen nach, nimmt sie in den Arm, beißt sich die Lippen blutig und presst seinen Mund auf den ihren, und sie leckt sein Blut und spürt erneut wie die Schauer der Lust Besitz von ihrer Seele und ihrem Körper ergreifen. Er hält ihre beiden Arme mit einer Hand fest, und seine zweite Hand schiebt ihr dünnes Nachthemd, das sie übergezogen hatte, hoch und seine Lippen berühren jede Stelle ihres fiebrigen Körpers, suchend und sicher, bis er die Stelle ihrer linken Schenkelbeuge erreicht hat. Sie wölbt ihm ihren Leib entgegen, die Stelle, wo in ihrer Hauptschlagader unruhig das bisschen Blut, das er ihr gelassen hatte, mühsam seinen Weg zum Herzen sucht. Wieder spürt sie den sanften, stechenden Druck seiner Zähne und spürt in einem Zustand der totalen Verzückung, wie er sich an ihr labt und sie von einem Höhepunkt zum anderen damit treibt. Ich war die ganze Zeit über tot, denkt sie, jetzt erst lebe ich. Man muss also sterben, um zu leben! Sie horcht andachtsvoll auf den immer schwächer werdenden dumpfen Schlag ihres Pulses, wartet auf die Stille, die endgültige, und als sie eintritt, glaubt sie zu fallen, endlos, tief und tiefer, und dann ......nichts.....sie ist leblos.
*****
Das nächste Erwachen findet im Keller ihres Hauses statt und er ist an ihrer Seite, als sie sich in diesem neuen Leben zum ersten Mal erhebt. Er hatte sie auf eine Ansammlung Kartons gebettet, gefüllt mit den Babysachen ihres Sohnes, seinen Kleidern, aus denen er herausgewachsen war und Plüschtieren, mit welchen er nicht mehr spielen wollte, weil er befand, er sei nun zu groß dafür. Sie spürt die Veränderung, gleich nachdem sie die Augen geöffnet hat: die Stille ihres eigenen Körpers, den fehlenden Herzschlag, ihr ausgezeichnetes Sehvermögen, ihre geschärften Hörsinne und diese ungemeine Kraft, die von ihrem Körper ausgeht und jede Faser ihres Seins erfüllt. Die Schwäche und Übelkeit sind verschwunden, sie fühlt sich wahrhaftig wie neugeboren. Sie müsste zittern in ihrem dünnen Nachthemd, es ist eisig kalt und feucht hier unten, doch dem ist nicht so. Sie fühlt sich kräftig, fast fiebrig und ein wenig hungrig. Sie ist ausgestattet mit den Fähigkeiten eines Raubtieres, ihr Verstand ist geschärft, ihre Sinne soweit befriedigt, und er sieht dies alles mit Wohlwollen an. Sie wird eine gute Gefährtin abgeben, so lange er es ihr zudachte und sie seinen Begierden nachkam. Er hatte eine gute Wahl getroffen!
„Du musst das Tageslicht meiden!“ schärft er ihr ein und sie denkt ironisch an die abgedroschenen, alten Filme und die gleiche Phrase, die darin immer wieder vorkommt. Bela Lugosi, Christopher Lee, Gary Oldman... Sie nickt mechanisch dazu, als hätte sie nichts anderes erwartet. „Ich habe Bram Stoker gelesen“, erwidert sie spöttisch, doch er ignoriert ihre Antwort. „Das ist die einzige Gefahr für Dich!“ fährt er eindringlich fort. „Nur das Licht! Vergiss die Sache mit den Kreuzen und dem geweihten Wasser! Zum Ersten sind wir keine Geschöpfe des Teufels, sofern ein solcher irgendwo existieren sollte, und zum Zweiten sind dies von Menschen erfundene Symbole ohne jede Magie! Wir sind mächtiger, als die Lebenden es sich in ihren kühnsten Träumen vorstellen können!“ Das leuchtet ihr ein, obwohl es sie keineswegs wirklich interessiert, ob sie nun ein Teufelsgeschöpf, eine Ausgeburt der Hölle war, oder nicht. Es war nebensächlich, ob ihr Geliebter Luzifer höchstpersönlich war oder ein Engel aus einer anderen Scheinwelt, ein Schatten, ein Geist oder eine mordende Bestie aus einer unbekannten Dimension. Er hatte ihr Macht verliehen, Macht und Rache war ihr einziger Gedanke, der sie erfüllte und ihren seelenlosen Körper belebte. Wertvorstellungen waren etwas zu weltliches und sie war nicht mehr von dieser Welt. Mochte diese Macht nun aus den Gefilden des Himmels kommen, oder aus dem Schlund der Hölle, es war ihr gleichgültig und sie wollte sich mit derartig philosophischen Gedanken erst gar nicht auseinandersetzen! Ihr Blick versenkt sich in dem seinen, und zufrieden nimmt er den Ausdruck totaler Hingabe in diesen unwirklich grün leuchtenden Augen wahr. Er reicht ihr ein Bündel Kleidung. „Ich habe Dir dies hier beschafft, damit wir losziehen können und Du Dich mit Deinem neuen Leben vertraut machen kannst. Die Zeit drängt, die Nacht ist kurz! Später nimmst Du Dir selbst, was Dir gefällt, wonach Dich gelüstet und Du wirst es lieben, das fühle ich! Du wirst es Dir nehmen wo immer Du willst und was immer es auch sein wird!“ Nachdem sie ihr Nachthemd abgestreift hat, schlüpft sie in die Kleidungsstücke, die den seinen ähnlich sind. Er betrachtet wohlgefällig ihren weißen, schlanken Körper, und sie empfindet seine Blicke als angenehm, ja vertraut. Sie waren durch Blut verbunden, in ihren Adern floss der gleiche Strom ihres untoten Lebens. Er war ihr Vater, ihr Bruder, ihr Geliebter.... Es sind die abgetragenen Kleider eines schmächtigen Mannes, Beinkleider aus braunem Wildleder, ein altmodischer Rock, jedenfalls nichts Zeitgemäßes, bequem jedoch und geschmeidig. Als sie fertig ist, fasst er nach ihrer Hand und sie überlässt sich dem Gefühl seiner Macht, die sich bei jeder seiner Berührungen auf sie überträgt, und als sie gemeinsam vor dem alten, vertrauten Haus stehen, das einst das Heim ihres Kindes gewesen war, ist ihr bewusst, dass sie es nie mehr wieder sehen würde. Sein Arm umfasst ihre schmale Taille, und so steigen sie empor in die Lüfte und lassen sich vom eiskalten Winterwind davontragen, der nun der Freund ihrer einsamen Nächte war. |