31.a Staub und Schatten – 180 A.D.

Nach  einer kleinen Ewigkeit öffnete Maximus endlich die Augen.

Und als er dies tat, sah ich tief innen in diesen Augen keine lodernden Flammen mehr sondern die Schatten eines Gejagten.

"Julia, ich bin nur ein Sklave. Ein Gladiator! Wie soll ich Deiner Meinung nach mein Recht geltend machen ... selbst wenn ich es hätte?"

In seiner Stimme schwang Schmerz mit, eine Art Schmerz, die mich zerstören würde - wirklich zerstören würde - wenn ich ihm länger zuhörte.

Ungeduld war so gut wie jedes andere Gefühl, um dahinter meine Furcht und meinen Schmerz zu verbergen.

Ich befreite meine schmerzenden Hände aus den seinen und packte mit beiden zugleich seine Tunika.

"Das hier ist Rom, Maximus! Hier geht nicht mal jemand aufs Klo, ohne ein Papier zu unterschreiben! (*) Du hast es selbst gesagt! Es gab ein Dokument, einen Vertrag zwischen Marcus Aurelius und Dir! Ihr habt ihn beide unterzeichnet! Dieses Dokument beweist, daß Du sein erwählter Nachfolger bist und nicht Commodus ... "

Als ich das Dokument erwähnte, schloß Maximus abermals die Augen, und verneinend schüttelte er langsam den Kopf. Ich packte seine Tunika fester, während Furcht mir die Galle in die Kehle trieb. Irgendwie zwang ich sie 'runter.

"Maximus, was ist mit dem Dokument geschehen?"

Er machte einen tiefen unsicheren Atemzug, dann einen zweiten ruhigeren und langsam, ganz langsam öffnete er wieder die Augen.

Seine Augen hatten diesen in die Ferne gerichteten Ausdruck, den ich inzwischen nur allzugut kannte, angenommen und Flammen und Schatten daraus vertrieben. Ein in die Ferne gerichteter Ausdruck, der mir sagte, daß er abermals die Schwelle zu seinem ganz persönlichen Hades überschritten hatte.

"Wir haben ein Dokument unterzeichnet, ja", sagte er langsam und betonte dabei jedes einzelne Wort wie ein Vater, der versucht, einem eigensinnigen Kind klarzumachen, warum es nicht gut ist, auf das Unmögliche zu hoffen. "Es gab zwei Ausfertigungen ... eine für Marcus und eine für mich ... Ich vermute, daß Commodus die seines Vaters gefunden hat ... "

"Und Deine?" drängte ich ihn. "Was geschah mit Deinem Exemplar?"

Maximus preßte seine Lippen so fest zusammen, daß sie eine harte Linie bildeten, und fuhr dann fort, noch immer langsam und mit Bedacht, aber diesmal klang er wie ein Mann, der noch einmal eine Episode durchlebte, die sich bereits tausende Male in seinem Kopf abgespielt hatte - doch diesmal war er bemüht, sie in einem ganz neuen Licht zu betrachten.

"Als ich in mein Zelt zurückkehrte, nachdem ich mich geweigerte hatte, Commodus die Treue zu schwören, kleidete ich mich an, wie ich es vor einer Schlacht tue, und steckte ein Exemplar des Dokumentes unter meinen Brustpanzer ... Es war noch da, als mir Quintus' Prätorianer einen Schlag auf den Kopf versetzten und ich das Bewußtsein verlor ... Es war immer noch da, als ich meinen Henkern entkam und nach Hispanien ritt ... "

Er hielt inne, und ich atmete aus, obwohl ich mich nicht erinnern konnte, daß ich die Luft angehalten hatte.

"Was geschah dann?"

"Ich verlor das erste Pferd in Narbonensis (**). Ich hatte nur noch ein Reittier, und das Wetter wurde mit jedem Tag wärmer. Also ließ ich meinen Brustpanzer zurück ... "

Meine Hände packten seine Tunika mit neuer Kraft, die Knöchel weiß vor Anstrengung und Schmerz.

Irgendwo in Narbonensis hatte er seinen Brustpanzer zurückgelassen ...

Irgendwo in Narbonensis ...

"Maximus ... "

Er legte den Kopf ein wenig schief, lächelte traurig und zeichnete die Umrisse meiner Wange mit seinem schwieligen Finger auf eine abwesende, beinahe beunruhigende Weise nach.

"O, ich habe das Dokument mitgenommen. Ich hatte es immer noch, als ich bei meinem Hof ankam ... "

Abermals verdunkelte ein Schatten sein Gesicht, und seine grünblauen Augen nahmen einen gehetzten Ausdruck an.

Für einen Moment wurden diese bemerkenswert leuchtenden Juwelen stumpf vor Schmerz und Elend.

Dann, als diese Woge verebbte und durch einen harten, stählernen Schimmer ersetzt wurde, sah ich in der Tiefe seiner Augen, was er gesehen hatte an jenem verhängnisvollen Tag, als er verwundet und erschöpft, glühend in der Hitze des Fiebers und krank vor Verzweiflung bei seinem zerstörten Heim angekommen war ...

Schwarzer Rauch stieg in den klaren blauen Himmel auf und verdunkelte die Sonne, welche über einem neuen, schlichten und gleichzeitig vollkommenen Tag im milden Tergillium hätte scheinen sollen.

Schwarz war auch das verbrannte Land, die reife goldene Ernte, die ich in meinen Träumen gesehen hatte, war von den Flammen verzehrt worden wie das groteske Opfer für eine blutdürstige Gottheit.

Schwarz waren die Leichen, die verstreut umherlagen, für immer erstarrt in den grotesken Verrenkungen eines unaussprechlichen Todeskampfes ...

Schwarz der Ruß, der die nun zerbrochene Schönheit des rosafarbenen Steinhauses entstellte, in welchem nur noch der Tod wohnte ...

Die makellose Sonne beschien nur noch Schatten und Geister und Tod.

Alles war Schwärze und Leere und Schmerz.

Und zwischen Zerstörung und Ruß, Rauch und Tod blühte eine Kletterrose mit vollendeten rosigen Blüten ...

 

“...das Fenster meines Schlafzimmers war ganz in der Nähe und im Sommer lag ich wach auf meinem Bett und konnte den Duft der Rosen riechen ..."

 

Ich sah all das als ob ich es mit Maximus' Augen sehen würde.

Und zusammen mit dem Anblick von Zerstörung und Tod kam der Schmerz, ein Schmerz, der so intensiv war, das ich ihn körperlich wahrnahm ...

Ich konnte diesen Schmerz nicht länger ertragen und schloß die Augen, um das, was ich vor meinem inneren Auge sah, zu vertreiben - und zusammen mit diesen Visionen auch die Qual und das Elend.

Aber als ich das tat, wurden die Visionen durch einen so lebendigen Geruch ersetzt, daß es mich wie ein Schlag traf ...

Den fruchtbaren Geruch guter, schwarzer, reich tragender Erde ...

Den frischen, leicht würzigen Duft von Kletterrosen ...

Den scharfen, zu Kopf steigenden von Minze ...

Den überwältigenden, erstickenden Geruch von Rauch ...

Den Übelkeit erregenden von verbranntem Fleisch ...

 

"Rosen und die Minze, die meine Mutter in ihrem Kräutergarten zog ... an mehr erinnere ich mich nicht ..."

 

Nicht nur einmal sondern zweimal hatte er dieses Bild der Verwüstung gesehen.

Nicht nur einmal sondern zweimal hatte er mit angesehen, wie ihm jene, die er liebte, durch das Feuer geraubt wurden.

Nicht nur einmal sondern zweimal hatte er Zerstörung und Tod überlebt.

Nicht nur einmal sondern zweimal hatte das Schicksal ihn verschont aus geheimnisvollen Gründen, die nur diesem Schicksal selbst bekannt sind ...

Und ich wollte nicht - ich konnte nicht - akzeptieren, daß er zweimal verschont geblieben war, nur um jetzt  zu einem Dasein als Sklave erniedrigt zu werden, der zur Unterhaltung des Pöbels kämpfen muß. Und noch viel weniger, daß er zweimal verschont geblieben war, nur um von jenem verräterischen Monster getötet zu werden, das seinen Imperator und seine Familie ermordet und sich das Recht angemaßt hatte, das Schicksal Roms zu bestimmen.

Ich konnte nicht verhindern, daß ich heftig erschauerte, rang nach Luft und öffnete die Augen.

"Wo ist das Dokument, Maximus?" drängte ich ihn, würgte mühsam die Worte hervor und versuchte, seine Aufmerksamkeit in die richtige Richtung zurückzulenken ... versuchte, meine eigenen Gedanken wegzulenken von den Visionen, die, wie ich wußte, mich bis in meine Träume verfolgen würden - so wie jene Träume von den keltischen Sklaven im Hafen von Ostia es immer noch taten.

Maximus antwortete nicht.

Furcht drohte mich abermals zu überwältigen.

"Haben die Sklavenhändler es Dir weggenommen?" fragte ich ihn leise mit dem verzweifelten Versuch, das beunruhigende Schweigen zu durchbrechen, das sich zwischen uns ausgebreitet hatte. Gleichzeitig fürchtete ich, was ich hören würde, wenn er mir antwortete.

Aber Maximus sagte kein einziges Wort.

Statt dessen lächelte er.

Ein trauriges, müdes, schiefes und bitteres Lächeln.

Eine so schlichte Geste und trotzdem jagte sie mir einen Schauer über den Rücken.

Denn da war noch mehr hinter dieser vordergründigen Schlichtheit.

Da war mehr und etwas definitiv Schlimmeres als Traurigkeit, Müdigkeit und Verbitterung.

Etwas Erschreckendes.

Denn es war jene Art vernichtenden Schlages, die oftmals im Gewande vollendeter, beißender Ironie daherkommt.

"Nein", sagte er leise, während sein Finger noch immer geistesabwesend über meine Wange fuhr. Ich spürte die Berührung seiner schwieligen Fingerspitze kaum. "Sie nahmen mir meine Kleider und meine Stiefel und meine Freiheit, aber sie nahmen nicht das Dokument ... "

Seine Stimme klang vollkommen ruhig.

Leise und beinahe sanft.

Geradezu höflich - ganz wie bei einem Mann, der aus Höflichkeit ungezwungene Nettigkeiten austauscht.

Aber es reichte aus, das Blut in meinen Adern gefrieren zu lassen.

Denn in seiner tiefen Stimme, die ich so liebte, war nicht ein Hauch von Wärme.

Nicht ein Hauch von Leben.

Nur die verzweifelte Klarheit, die allein an der Grenze zum Wahnsinn auf der Lauer liegt.

 

Ich ließ einen Herzschlag verstreichen, bevor ich weitersprach.

"Wo ist es, Maximus?" beharrte ich und zwang mich dabei, ruhig zu sprechen, klammerte mich verzweifelt an meine feste Absicht herauszufinden, wo sich das inhaltsschwere Dokument befand, welches das Blatt wenden konnte.

"O, Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen. Es ist in Sicherheit, Julia. Es befindet sich an dem denkbar sichersten Ort ... "

Während er sprach, lächelte er wieder auf diese traurige, bedeutsame und beunruhigende Weise, und die Furcht, die ich bis zu diesem Augenblick hatte unter Kontrolle halten können, wandelte sich in eine körperlich spürbare Übelkeit.

Ich weiß nicht, wie es mir gelang weiterzusprechen.

"Wo hast Du es versteckt? Ich habe Agenten in Gades und Malacca! (***) Ich kann Boten an den senden, der sich am nächsten befindet, daß er das Dokument holt und nach Rom bringt ... Ich kann ... "

Maximus brachte mich zum Schweigen, indem er seine schwielige Fingerspitze auf meine Lippen legte.

Diesmal spiegelte sich in seinem schwachen Lächeln nur tiefste Traurigkeit.

"Sch, Julia. Man kann es nicht holen. Nicht von dem Ort, wo ich es versteckt habe ... "

Mein Geist überschlug sich bei dem Versuch, die möglichen Konsequenzen seiner Worte zu erfassen.

 

Was hatte er getan?

 

Er hatte es bei sich gehabt, als er auf seinem Hof angelangt war.

Was hatte ein Mann, halb wahnsinnig vor Fieber und Trauer, mit dem Dokument angestellt, das seinen Untergang und die Vernichtung jener, die er liebte, verursacht hatte? Was hatte ein Mann, der nur noch sterben wollte, mit dem Dokument angestellt, das ihm die Macht gab, die er niemals hatte haben wollen?

"Maximus, was hast Du damit gemacht?"

Er antwortete nicht.

Statt dessen richtete er seine faszinierenden Augen auf den Himmel aus grünen Blättern über uns und verweilte dort für einen langen Augenblick - verloren in der Betrachtung von etwas, das viel weiter weg und nur für ihn allein sichtbar war.

Das Schweigen schien sich in die Ewigkeit zu erstrecken.

Dann sprach er.

Leise.

So leise, daß seine Worte kaum mehr waren als ein Flüstern.

Aber diese Worte trafen mich, als hätte man mir einen Schlag versetzt.

"Ich legte es in Olivias Grab. Ich begrub meine letzte Pflicht Rom gegenüber zusammen mit dem toten Körper meiner Frau. Es schien mir das Richtige zu sein ... Sie starb wegen dieser Pflicht ... Alles andere ist Staub und Schatten ... "

Wie ein besiegter Gladiator beugte ich den Kopf mit jener altehrwürdigen Geste der Niederlage.

Beerdigt.

Das Dokument, das meine einzige Hoffnung auf Maximus' Rettung und auf die Rettung Roms aus den Händen eines Wahnsinnigen war, dieses Dokument war in einem namenlosen Grab in Hispanien begraben worden.

Im Grab seiner Frau.

So verloren wie Maximus es bald auch für mich sein würde ... sollte ich keinen anderen Weg finden, auf welchem er seinen Anspruch auf den Thron vor dem Senat würde begründen können.

Meine noch immer in seine Tunika gekrallten Hände zitterten, die Knöchel traten weiß hervor, und ich biß mir auf die Unterlippe, um das Zittern zu unterdrücken.

Es war nicht die Zeit, mich der Schwäche zu überlassen, noch viel weniger aufzugeben - ganz gleich wie schwer die Schläge waren.

"Denk nach!" befahl ich mir selbst. "Verdammt, denk nach! Es muß einen Weg geben! Es gibt immer einen Weg ..!"

"Zeugen!"

Maximus drehte sich um, sah mich an und blinzelte, brutal in die Wirklichkeit zurückgebracht.

"Zeugen!" wiederholte ich. "Es muß Zeugen geben! Dokumente müssen vor Zeugen erstellt werden, um rechtsgültig zu sein! Wer hat die Unterschriften unter dem Dokument bezeugt, Maximus?"

"Niemand ... es gab keine Zeugen. Marcus und ich unterzeichneten die beiden Kopien allein in seinem Zelt, und er drückte seinen kaiserlichen Siegelring in das Wachs ... "

Ich hatte das dringende Bedürfnis zu schreien.

"Aber er war der römische Imperator! Er müßte es besser gewußt haben! Er ... "

Maximus schüttelte verneinend den Kopf.

"Julia, Du verstehst nicht ... "

"Nein, Maximus! DU verstehst nicht! Es ist Dein Leben, um das es hier geht! Dein Leben und Dein Recht und Deine Möglichkeit zu ... "

Er schüttelte abermals den Kopf.

"Julia, Du verstehst nicht ... ", wiederholte er.

"DANN LASS ES MICH VERSTEHEN!"

Die tödliche Wut in meiner Stimme ließ Maximus zusammenzucken.

Hoch über unseren Köpfen schlugen die aufgeschreckten Vögel laut mit den Flügeln und schrien ihren Unmut über die neuerliche Störung ihrer Ruhe lauthals heraus.

Ich konnte mich nicht länger beherrschen und ein trockenes Schluchzen entrang sich meiner Kehle.

Tief drinnen in Maximus' Augen verdrängte Sorge alle andere Empfindungen, und mit einer schnellen Bewegung wollte er mich in die Arme nehmen. Aber ich ließ seine Tunika los und schlug seine Hände weg. Ich war nicht gewillt, mich von ihm trösten zu lassen, denn ich wußte, würde ich ihm erlauben mich an sich zu drücken, würde ich seine Wärme und seinen Trost annehmen, dann würde ich endgültig zusammenbrechen.

 

Nein, es war nicht die Zeit, sich der Schwäche oder Sehnsüchten zu überlassen, und noch weniger war es die Zeit für Tränen.

Es war die Zeit durchzuhalten und zu kämpfen und zu tun, was immer getan werden mußte und was es auch kosten mochte - schmeicheln, erpressen, bestechen, selbst töten - um den Mann zu retten, den ich liebte ... 

Denn mit der gleichen verzweifelten Klarheit, mit der er über seinen schicksalsschweren Sturz gesprochen hatte, wußte ich, daß dies meine letzte Möglichkeit war, ihn von seinem Entschluß abzubringen, Rache selbst um den Preis seines Lebens zu üben.

 

Und was meine Liebe zu ihm nicht hatte erreichen können, das konnte vielleicht seine Liebe zu seinem Kaiser und seinem Land bewirken.

 

"Dann laß es mich verstehen ... " wiederholte ich, und meine eigene gebrochene Stimme war jetzt nicht mehr als ein kaum vernehmbares, hohles Flüstern.

Zögerlich streichelte Maximus meine Wange. Ich konnte mich nicht erinnern, daß er jemals zuvor gezögerte hatte, mich zu berühren, aber ebenso hatte er in meinen Augen nie zuvor das gesehen, was jetzt in ihnen brannte.

Unbewußt fragte ich mich, ob der Grund für sein Zögern die flammende Wut oder die kalte Entschlossenheit in diesen Augen war.

Aber höchstwahrscheinlich war es einfach nur der reine Wahnsinn.

Ich wies seine Zärtlichkeit nicht zurück, die Wärme, die so sehr ein Teil von ihm war wie das sanfte Streicheln seiner tiefen Stimme und das Blitzen seiner juwelengleichen Augen - kaum wahrnehmbar und dennoch mehr als willkommen.

War es nur wenige Augenblicke her, daß wir getrunken und gelacht hatten?

War es nur wenige Augenblicke her, daß wir Wärme und süße Vertrautheit geteilt hatten?

 

"Julia, alles ging so schnell ... ", begann er und streichelte dabei noch immer meine Wange. "Zuerst war da die Schlacht ... Die Schlacht gegen die germanischen Stämme. Sie bedeutete das Ende eines zwölf Jahre dauernden Krieges. Und es war eine furchtbare, blutige Schlacht ..."

 

Während er sprach, blinzelte Maximus abermals und ich tat es ihm instinktiv nach.

Und da sah ich es vor meinem inneren Auge - so wie ich kurz zuvor die Zerstörung gesehen hatte, welche er bei der Rückkehr zu seinem Hof hatte vorfinden müssen.

Ich sah die Flammen, welche die Bäume eins Waldes in Germanien verzehrten, und auch die in Felle gekleideten Krieger, welche verzweifelt versuchten, sich der eisenbewehrten römischen Legion zu erwehren.

Ich sah den Rauch und die verzerrten Gesichter der Kämpfenden auf beiden Seiten - einige schrieen ihre Herausforderung dem Feind offen entgegen, andere waren für immer erstarrt in der Grimasse eines unzeitigen und gewaltsamen Todes.

Ich sah die Männer im Pfeilhagel fallen, und die blitzenden Schwerter taten das Übrige.

Ich sah den Tod, schnell und brutal, und den Todeskampf, ebenso brutal aber erbarmungslos langsam.

Ich sah stolze römische Standarten hoch aufgerichtet inmitten des Gemetzels.

Und ich sah Blut, so rot und hell wie nur Blut es sein kann.

Und das Blut floß rot und hell, bespritzte seidene Standarten, durchtränkte römische Tuniken und die Felle der Barbaren. Römer und Barbaren bluteten Seite an Seite, ihr Blut vermischte sich im Tod wie es sich niemals im Leben vermischt hatte, tränkte die feuchte, zertrampelte Erde wie die Opfergabe an eine schreckliche Gottheit der Unterwelt.

Ich sah alles als sähe ich es durch Maximus' Augen ... oder als hätten seine Augen sich in dunkle Spiegel verwandelt, welche die Gabe besaßen, die Schrecken widerzuspiegeln, welcher er ansichtig geworden war während eines langen und harten Soldatenlebens an der fernen Grenze im Norden ...

Diesmal schloß ich nicht die Augen, und zusammen mit den Visionen von Tod und Zerstörung kamen im Gefolge der blutigen Flut auch die unwillkommenen Laute von Kampf und Tod.

 

Die Kriegsrufe in einer heiseren Barbarensprache, die das Blut gefrieren ließen.

Das Pfeifen der umherschwirrenden Pfeile.

Die Schreie der Verwundeten und Sterbenden.

Das Wiehern der verängstigten Pferde.

Das Aufeinanderkrachen von Eisen auf Eisen ...

 

"Die Front war nur wenige Meilen vor unserem Lager ... " fuhr er fort und bemerkte den Aufruhr in meinem Inneren gar nicht ... oder vielleicht versuchte er auch nur, mich von eben diesem abzulenken. "Commodus und Lucilla kamen noch am Tag der Schlacht an. Als Commodus erfuhr, was an der Front vor sich ging, nahm er sein Pferd, kam zu uns und ließ seine Schwester zurück ... "

Während Maximus sprach, begannen sich die Teile des makaberen Puzzles ineinander zu fügen. Einen kurzen flüchtigen Moment lang glaubte ich das Klicken regelrecht hören zu können ... und das schwache Geräusch ließ mich an das Zusammenfallen eines Skeletts und an einen Haufen trockner, toter Knochen denken.

 

Und wieder lief ein Schauer über meinen Rücken.

 

"Er erreichte uns, als wir die Rückkehr vorbereiteten und kam mit uns zum Lager zurück ... Es gab eine große Feier. Alle waren so aufgeregt ... Der Krieg war zu Ende ... Germanien war endlich sicher ... Wir würden abziehen ... nach Hause gehen ... "

 

Nach Hause ...

Sie gingen nach Hause.

Oder wenigsten hatte er das gedacht.

Während sie zum Lager zurückkehrten, wußte Maximus nicht, daß sein Kaiser von ihm erwartete, seinen bescheidenen Hof und die dunkle Erde, welche er 'zu Hause' nannte, gegen den Marmor, die Intrigen und den Glanz des Palatin einzutauschen ...

 

"Die Feier fand im Zelt des Imperators statt. Ich kam spät. Ich hatte mich um Vieles zu kümmern, und ich hatte die Verwundeten im valetudinarium (****) besucht ... Wir hatten gewonnen ... aber was folgte, war die Hölle ... So ist es immer ... "

 

Irgendwo über uns kreischten Vögel. Wahrscheinlich waren es nur Paarungsrufe, aber in meinen Ohren klangen sie wie die Schreie der im Kampf verwundeten Männer.

 

"Die Wunden waren fürchterlich", fuhr Maximus fort und ließ seinen Erinnerungen freien Lauf. "Die Schreie der Sterbenden. Die Gerüche. Das Blut ... Mach Dir nichts vor, Julia. Ganz gleich, was Deine Bücher sagen, es gibt weder Gewinner noch Verlierer. Im Krieg gibt es nur Opfer und Zerstörung ... Und den Tod ... "

Seine Stimme war ausdruckslos, die Stimme eines militärischen Befehlshabers, der seine Zuhörer nur über ein weiteres Gefecht informiert. Aber die Wahl seiner Worte verriet die Gefühle, welche hinter der leidenschaftslosen Rede verborgen waren und sprachen von dem, was in seinem Herzen vor sich ging.

Ein Mann, der Manns genug ist, um selbst für den Feind, den er besiegt hat, Mitleid zu empfinden.

"Ich war spät und sehr, sehr müde. Marcus ging früh. Er sah erschöpft aus ... zerbrechlich ... "

Ein Insekt flog brummend über den Fuß. Wahrscheinlich war es eine Hummel, die mit der für ihre Spezies typischen Zielstrebigkeit und der gesunden Gleichgültigkeit der Natur an einem sonnigen Sommertag nach nektarschweren Blüten Ausschau hielt.

"Dann, am folgenden Morgen, ließ mich der Imperator in sein Zelt rufen ... Er schrieb ... Wir redeten, und er sagte mir, was ich für ihn tun sollte ... Ganz schlicht und einfach. Er sagte: "'Es gibt noch eine Aufgabe, die Du erledigen sollst, bevor Du nach Hause zurückkehrst' ... "

 

"Noch eine Aufgabe."

So einfach war das.

Nur drei Worte - und das Leben eines Mannes ändert sich für immer.

Nur drei Worte - und der Sohn eines einfachen spanischen Bauern wird zum mächtigen     römischen Imperator.

Nur drei Worte - und sein Leben wird vernichtet, alles, was er liebt, in einem Augenblick zerstört.   

Nur drei Worte - gesprochen, um ihn über alle anderen zu erheben; doch statt dessen verdammten sie ihn zu einem Dasein als Sklave und erniedrigten ihn dazu, andere zu töten, um jene zu unterhalten, die seine Untertanen sein sollten...                                                                                                                        

"Ich sagte ihm, daß ich nichts von Politik verstünde, daß ein Präfekt oder Senator besser als ich geeignet sei .. Aber er antwortete, daß ich es sein müßte, und er gab mir bis zum Abend Zeit, um mich zu entscheiden ... "

Marcus Aurelius hatte Maximus wie seinen eigenen Sohn geliebt, und sein letzter Wille war es gewesen, daß seine Macht an ihn und nicht an seinen leiblichen Sohn übergehen sollte.

Allein der Gedanke an die Macht, die mit einem Amt verbunden ist, läßt gierige Männer unruhig werden, läßt sie lügen, verraten, Ränke schmieden und sogar töten, um dieses Amt zu erlangen. Aber der Imperator hatte es eine "Aufgabe" genannt ... Es war so typisch für Marcus Aurelius - den rücksichtsvollen Mann, den mitfühlenden Herrscher, den weisen Philosophen - die nackte Wahrheit hinter dem Glanz des Goldes und der Würde des Purpurs zu sehen!

Und der Imperator, der zu diesem Amt mit nur siebzehn Jahren auserwählt und für die Macht seit frühester Jugend herangezogen worden war, hatte seine Forderung als "noch eine Aufgabe" bezeichnet, denn er wußte, daß der General, dem er am meisten vertraute, sich einer Aufgabe nicht entziehen würde, selbst wenn er den Gedanken an Macht um der Macht willen ablehnte.

War es Plato, welcher gesagt hatte, daß die besten Herrscher jene seien, die nur widerwillig herrschten? (*****) 

Der betagte und müde Marcus Aurelius hatte  "noch eine Aufgabe" gefordert und Maximus Zeit zur Entscheidung gegeben.

Aber er wußte, daß dieser ihn unmöglich im Stich lassen würde, denn sein Pflichtbewußtsein würde selbst stärker als sein eingefleischter Argwohn der Politik gegenüber sein.

Sogar stärker als seine persönlichen Sehnsüchte.

Maximus hatte nichts anderes gewollt als nach Hause zurückzukehren, zurück zu seiner Frau und seinem Sohn und der fruchtbaren Erde Hispaniens. Aber konfrontiert mit der Bitte seines Kaisers war er bereit gewesen, sein persönliches Leben einmal mehr zurückzustellen und die schwerste Bürde zu schultern, der er sich je gegenüber gesehen hatte.

"Alles andere ist Staub und Schatten ... " 

Und neuerlich machte sich ein dumpfer Schmerz in der Tiefe meines Herzens bemerkbar, und stumm weinte ich in meinem Innern über den alten Kaiser und den tapferen spanischen Soldaten, die beide bereit gewesen waren, ihre Pflicht für Rom zu tun, und die beide verraten worden waren von einem gierigen Monster, welches nur das Gold und den Purpur und die Macht um der Macht willen begehrt hatte.

"Ich konnte ihn nicht enttäuschen. Wie hätte ich ihm das abschlagen können?"

Oh ja. Das waren vor wenigen Tagen Maximus' Worte gewesen, als er mir, während wir am Strand saßen, die Neuigkeit eröffnet hatte.

Wie hätte er?

Ein Mann, der Manns genug war, einen Eid zu leisten und ihm bis zum Ende treu zu bleiben.

Auch wenn es bedeutete, die Sehnsüchte seines Herzens zu opfern.

Auch wenn es bedeutete, das eigene Leben zu opfern.

 

Ich erschauerte.

 

Mein Zittern mißverstehend trat Maximus abermals auf mich zu als wolle er mich in die Arme nehmen, hielt aber mitten in der Bewegung inne. Statt dessen rieb er mir vorsichtig und ein wenig zögerlich die Arme, als wolle er mir in einer kalt gewordenen Welt ein wenig Wärme schenken.

Diesmal wies ich seinen Versuch, mir Trost zu spenden, nicht zurück.

Statt dessen legte ich in einer stummen Geste des Einverständnisses meine Hände sanft auf seine Brust.

 

"Ich kehrte bei Sonnenuntergang zurück und gab ihm meine Antwort ... Ich wollte es nicht, aber ich konnte ihm seinen letzten Wunsch auch nicht versagen ... Er war glücklich über meine Entscheidung ... Wir sprachen wieder .... wir sprachen lange. Über Rom und die Zukunft ... An jenem Morgen hatte  mir Marcus gesagt, daß er sterben würde ...aber jetzt schien er mit neuem Leben erfüllt ... Er starb, Julia, und trotzdem besaß er noch genügend Willensstärke um Pläne für die Zukunft zu machen ... "

 

Maximus' Stimme war kaum mehr vernehmbar, und die Intensität des Gefühls in dieser ansonsten ruhigen Stimme war unleugbar. Er preßte die Lippen fest aufeinander, um sich wieder unter Kontrolle zu bringen, bevor er weitersprach.

Und es bedurfte all meiner Kraft, um ihn diesmal nicht meinerseits in die Arme zu nehmen.

Nein, es war weder die Zeit, sich dem Trösten hinzugeben ... noch war da auch nur ein Hauch von Wärme in mir übrig, den ich hätte wegschenken oder teilen können.

 

"Er sagte, wir würden zusammen nach Rom zurückkehren und daß er hoffe, die Götter würden ihm noch genüg Zeit schenken, um mich zu lehren, was ich wissen müsse ... Er sagte, er würde mich den Männern vorstellen, denen ich vertrauen könne, und mich vor jenen warnen, denen ich niemals trauen dürfe. Dann zog er das Dokument hervor, und wir unterzeichneten es beide ... Nachdem dies getan war, bat mich Marcus, ihn allein zu lassen, da er zu den Göttern beten müsse, ihn auf seinem Weg zu lenken und zu leiten ... Ich wünschte ihm eine gute Nacht, und wir umarmten einander ... Das war das letztemal, daß ich ihn lebend sah ... "

 

Alt und erschöpft, gebrechlich und krank wie er war, hatte der Imperator nicht nur die Kraft aufgebracht, den besten und verdientesten Mann auszusuchen, um seine Nachfolge anzutreten, sondern er hatte auch geplant, seine letzten Tage der Größe Roms zu weihen. Er wollte seine letzten Tage damit verbringen, Maximus die Feinheiten der Macht und die unbeschreiblichen Abgründe menschlichen Verrates zu lehren.

Hatte sein Herz geblutet, als er akzeptieren mußte, daß sein eigener Sohn sein Erbe nicht antreten konnte? Hatte er heimlich geweint, nachdem er seine Wahl getroffen hatte? Hatte es sehr weh getan, einsehen zu müssen, daß er als Vater versagt hatte, auch wenn er als Krieger und Herrscher erfolgreich gewesen war?

Ein Mann, der Manns genug war, seine Fehler anzuerkennen und sein Bestes zu geben, um richtig zu machen was falsch war.

"Hatte er keinen Zeugen bei sich?" fragte ich und erschrak beim Klang meiner eigenen Stimme.

Die Worte waren meinem Mund entschlüpft noch bevor mir überhaupt bewußt wurde, daß ich sprach. "Ein treuer Diener hätte ausgereicht vorausgesetzt, daß er ein freier Bürger war ...  

"Ich weiß ... "

 

Ein Herzschlag verging.

Dann ein zweiter.

Irgendwann, bevor mein Herz seinen dritten Schlag tat, schüttelte Maximus abermals langsam den Kopf.

Und der letzte Mut verließ mich.

(*) Die Römer lebten in einer bis ins Detail durchorganisierten Gesellschaft, welche durch eine Anzahl komplexer und peinlich genauer Gesetzte verwaltet wurde, die jeden einzelnen Aspekt des politischen, bürgerlichen und militärischen Lebens umfaßten. Alle männlichen Angehörigen der Senatoren- und Ritterklasse und ebenfalls die männlichen Angehörigen der kaiserlichen Familie wurden zu Rechtsgelehrten ausgebildet, denn sie waren die einzigen, die ihrem Geburtsrecht nach als Regierungsbeamte dienen durften. Jene Senatoren, die keine politische Karriere anstrebten, waren als Richter und Anwälte tätig, und alle nahmen am Prozeß der Gesetzgebung teil. Der Senat diente gleichzeitig als Gerichtshof. Viele Senatoren hinterließen gelehrte Abhandlungen über die Anwendung und Feinheiten des römischen Rechts, auch einige Kaiser waren hervorragende Rechtsgelehrte. Es gibt viele Zeugnisse über die Art und Weise, wie das Rechtssystem arbeitete und wie häufig römische Bürger einander vor Gericht brachten, um Unstimmigkeiten zu bereinigen. Bis zu einem bestimmten Punkt glich die römische Gesellschaft sehr der modernen amerikanischen, und die Menschen verfolgten wichtige Fälle mit dem gleichen lebhaften Interesse wie heutzutage, ganz besonders, wenn ein 'Staranwalt' beteiligt war.
(**) Gallia Narbonensis. Ein Teilgebiet der Provinz Gallien, dem heutigen Frankreich entsprechend. Die Stadt Narbonne verdankt ihren Namen ihrer Gründung durch die Römer.
(***) Lateinische Namen der spanischen Städte, welche heute Cadiz und Malaga heißen.
(****) Valetudinarium (Lateinisch): "Lazarett". Trotz ihrer hohen Kultur kannten die Römer keine Hospitäler ähnlich den unseren heute. Aber die römische Armee umfaßte eine gut organisierte medizinische Einheit, zu welcher ausgebildete Chirurgen, Pfleger, Apotheker und Assistenten gehörten. Schriftliche Berichte, die bei Ausgrabungen in Judäa gefunden wurden, beschreiben ein römisches Lazarett als etwas, das einem heutigen Hospital sehr nahe kam: mit einer Art Notaufnahme, einem Operationssaal, unterschiedlichen Abteilungen für verschiedene Verwundungen und Krankheiten und Personal, das in Schichten arbeitete. Römische Militärärzte führten Krankenakten auf Wachstäfelchen, die sie an das Bettende der Patienten hängten, um ihre Kollegen in der folgenden Schicht über die Fortschritte der Behandlung zu informieren.
(*****) In "Gladiator" tötet Commodus Marcus Aurelius vor eine Büste Platos - Regisseur Ridley Scotts feinsinnige Huldigung an den griechischen Philosophen, der tatsächlich den Ausspruch getan hat, welcher hier von Julia zitiert wird.


31.b Staub und Schatten – 180 A.D.

"Nein, es gab keine Zeugen ... Marcus sagte, wir würden uns am Morgen wieder treffen, und dann würden auch die Senatoren mit dabei sein ... "

 Ich runzelte verwirrt die Stirn.

"Die Senatoren?"

 Maximus nickte.

"Er hatte außer Commodus und Lucilla auch zwei Senatoren aus Rom mitgebracht. Wir sollten uns am Morgen mit ihnen treffen, und er wollte die Senatoren, welche die Unterzeichnung weiterer Dokumente bezeugen sollten, über seine Entscheidung informieren. Dann sollten sie vor uns nach Rom zurückkehren, die Nachricht meiner Wahl verkünden und dem Senat das Dokument überreichen ... "

 Senatoren.

 Zwei Senatoren waren mit im Lager von Vindobona gewesen.

Maximus hatte sie kurz erwähnt, als er mir von Marcus Aurelius' Entscheidung über seine Nachfolge berichtet hatte. Ich war jedoch von der Ungeheuerlichkeit der Enthüllung so überwältigt gewesen, daß ich nicht die Zeit hatte, einen Gedanken an sie zu verschwenden.

Nun leuchtete das Wort vor meinem inneren Auge mit der Geschwindigkeit und strahlenden Helle eines Blitzes auf.

Instinktiv griffen meine Finger abermals nach seiner Tunika.

Auf Befehl des Imperators waren extra zwei Senatoren aus Rom mitgebracht worden.

Zwei Männer, die große Macht besessen haben mußten, um für eine derart wichtige Mission auserwählt zu werden wie sie die Bestätigung der kaiserlichen Nachfolge und die Überbringung der Nachricht nach Rom darstellte ... insbesondere weil das ganze Verfahren die Enterbung des leiblichen Sohnes des Kaisers beinhaltete.

Zwei Männer, die Marcus Aurelius' Vertrauen besessen ... oder die zwei wichtige Parteien innerhalb eines Senats vertreten haben mußten, welchen der tote Kaiser immer hatte kontrollieren und dabei seine Mitglieder davon hatte abhalten können, ihre eigenen Interessen an die erste Stelle zu setzen.

Ein Funke Hoffnung flackerte in der Tiefe meines Herzens auf, aber ich zwang mich, ihn zu ignorieren.

Die Tage, die auf Marcus Aurelius' Tod folgten, sollten Tage der Anspannung und des Aufruhrs werden, wie das immer nach dem Tod eines römischen Kaisers der Fall zu sein pflegte. Viele Dinge können passieren, wenn ein Herrscher stirbt ... besonders dann, wenn er von seinem eigenen Sohn ermordet wurde.

"Was passierte mit den Senatoren?" fragte ich, und wappnete mich für die schlechte Nachricht, die das zarte Pflänzchen meiner Hoffnung zerstören konnte, während ich versuchte, mich verzweifelt daran zu erinnern, ob irgend ein Mitglied des Senats unmittelbar nach Commodus' Ankunft in Rom gestorben oder ins Exil gegangen war.

Maximus runzelte die Stirn.

"Ich weiß nicht", sagte er und klang dabei leicht verwirrt, als hätte sich ihm diese Frage niemals zuvor gestellt. "Als ich in mein Zelt zurückkam, nachdem ich Commodus den Treueschwur verweigert hatte, befahl ich meinem Diener, sie zu wecken, da ich ihres Rates bedurfte. Zu dem Zeitpunkt steckte ich auch das Dokument unter meinen Brustpanzer ... Dann kam Quintus herein. Wir stritten uns, und er rief die Prätorianer. Sie nahmen mich gefangen, und er befahl ihnen, mich fortzubringen, bis Sonnenaufgang zu reiten und mich dann zu exekutieren ... den Rest der Geschichte kennst Du."

Das stimmt ... aber es gab immer noch zu viele dunkle Ecken, in denen sich Feinde versteckt halten konnten ... und auch andere, in welchen die Hoffnung nur darauf  warten mochte, entdeckt zu werden.

"Namen!"

"Was?"

"Die Namen der Senatoren! Wenn der Imperator beabsichtigte, die Wahl für seine Nachfolge von ihnen bezeugen zu lassen, dann muß er ihnen von seinen Plänen berichtet haben. Von Dir! Wie sind die Namen der Senatoren? Sie können Deinen berechtigten Anspruch bestätigen!"

"Julia, Du verstehst nicht! Alles geschah in aller Stille, und die Senatoren sollten erst am nächsten Morgen informiert werden. Marcus brauchte ... er brauchte Zeit, um ... um zuerst die Familienangelegenheit zu klären."

Frustration nagte an mir wie ein ärgerliches wildes Tier.

Statt mich zu zwingen, dieselbe zu ignorieren, gestattete ich ihr im Gegenteil, meine Entschlossenheit weiter anzufachen - meine Entschlossenheit, einen Ausweg zu finden aus der Verdammnis, zu der Maximus sich selbst verurteilt zu haben schien.

"Aber die Senatoren waren da, Maximus! Sie haben Dich getroffen! Sie müssen etwas wissen!"

Maximus seufzte.

"Julia, ich habe sie nur kurz getroffen. Es war während der Feier nach der Schlacht. Commodus ... Commodus stellte uns einander vor, und wir wechselten nur ein paar Worte. Da war eine Art freundschaftlichen Wortwechsels über Republik oder Monarchie ... Dann nahm Commodus mich beiseite. Er sagte, er müsse mit mir sprechen ... "

Während er sprach, runzelte Maximus abermals die Stirn.

Ich tat es ihm gleich.

War Commodus bereits aus Rom mit der Absicht gekommen, seiner Thronbesteigung ein wenig nachzuhelfen?

"Er war ... besorgt. Das war er immer gewesen ... Ich kenne ihn, seit er ein Kind war ... Aber in jener Nacht war es anders. Er war wegen irgend etwas erregt, sprach in Rätseln über die Zukunft und sagte, daß er mich brauchen würde, wenn es so weit sei ... So hat er es ausgedrückt ... Das machte mich mißtrauisch ... Commodus und ich hatten einander nie gemocht ... Da war ... zu viel böses Blut zwischen uns schon seit vielen Jahren ... "

Irgend etwas in Maximus' Stimme und Worten ließ in meinem Innern die Alarmglocken schrillen.

Seit Beginn der Zeit hatte jede Hure diesen Ton oft genug gehört, um ihn nicht zu überhören, denn es ist der Ton, in welchem Männer über jene Frauen sprechen, die sie geliebt und verloren haben, eben jene Frauen, die sie vergeblich in anderen weiblichen Körpern suchen ...

Und der Ton in Maximus' Stimme ließ keinen Zweifel daran, welchen Anteil Lucilla an jenem schon so lange währenden bösen Blut hatte, welches das Verhältnis zwischen ihm und dem neuen römischen Imperator vergiftete.

"... die Dame Lucilla hat einige dringlichere ... persönliche Probleme, die möglicherweise Vorrang haben vor ihren Bemühungen, ihren Bruder in Angelegenheiten der römischen Politik anzuleiten ... "

Aemilius Trebutius Flaccus' Stimme hallte in meinem Gedächtnis mit dem blechernen Klang der Trompeten bei einer Militärparade wider.

Es war also wahr.

Commodus hatte nicht nur seinen eigenen Vater getötet sondern unterhielt auch eine unnatürliche Neigung zu seiner Lieblingsschwester.

Mir wurde übel.

Ich zwang mich, meinen Abscheu zu ignorieren.

... und ebenso die Eifersucht, die mich jedesmal wie ein Dolchstoß traf, wenn Lucilla erwähnt wurde ... oder auch nur der Verdacht, daß sie mit etwas in Verbindung stehen könnte.

 

Maximus redete.

" ... aber er war sehr freundlich ... Dann, am folgenden Tag, kurz nachdem Marcus Aurelius mir mitgeteilt hatte, daß die Macht an mich und nicht an ihn übergehen sollte, sagte Lucilla mir, Commodus sei sicher, daß ihr Vater sie zusammen mit den Senatoren nach Germanien gerufen habe, damit letztere seine Ernennung zum Thronerben bezeugen könnten ... "

Lucilla.

Ich ließ seine Tunika los und packte statt dessen seine nackten Oberarme.

Abermals entfernte er sich von dem Ziel, zu dem ich ihn hinsteuern wollte.

Ihn einfach zu berühren schien mir genauso gut geeignet, ihn zurückzubringen, wie jedes Wort, das ich hätte sagen können.

Die harten Muskeln unter meinen Händen waren warm, und daß das Blaugrün seiner Augen plötzlich weicher wurde, sagte mir, daß ich recht hatte.

"Maximus, die Namen ... Sag mir die Namen der Senatoren ... "

"Wozu?"

"Commodus hat Feinde, Maximus! Er gehört zu jenen Menschen, die das Talent haben, sich überall Feinde zu machen. Und einige davon sind im Senat ... "

"Ich weiß. Lucilla sagte es mir ... in jener Nacht, als sie in die Gladiatorenschule kam ... "

Lucilla.

Alle Wege führten immer wieder zu Lucilla.

Ich hätte am liebsten meine Frustration laut herausgeschrieen.

Statt dessen atmete ich tief durch und redete weiter; fast nebenbei stellte ich dabei fest, daß meine Stimme trotz der Anspannung bemerkenswert gelassen klang.

"Dann weißt Du auch, daß einige der Senatoren eine Veränderung auf dem Palatin begrüßen würden ... "

"Wovon sprichst Du?"

Ich leckte mir die Lippen, die plötzlich ganz trocken waren.

Sie schmeckten wie Asche.

"Seit er den Thron bestieg, hat Commodus einen guten Teil des Senats gegen sich aufgebracht. Man hat mir von dem Streit berichtet, der noch am Tag seiner Ankunft in Rom ausbrach ... Und es war eine wirklich unschöne Angelegenheit: ein älterer Senator hatte es gewagt, den neuen Imperator an seine Pflichten zu erinnern und daran, daß es seine Stellung unter anderem mit sich brachte, sich mit den häßlichen Niederungen des alltäglichen Lebens zu befassen. Die Pest, welche mir den Vorwand geliefert hat, Dich hierher zu bringen, ist eine Folge von Commodus' Weigerung, sich mit eben diesen Dingen zu beschäftigen ... "

Maximus' machte große Augen, und ein ungläubiger Ausdruck breitete sich über seine anziehenden Züge.

"Noch eine Aufgabe", hatte der Imperator gesagt.

Und sein mörderischer Sohn interessierte sich nicht im geringsten dafür.

"Von da an wurde es immer schlimmer. Die Senatoren kritisierten offen seine Hingabe an die Inszenierung der einhundertundfünfzig Tage dauernden Spiele und die daraus resultierenden Ausgaben. Er zögerte nicht, mit gleicher Münze zurückzuzahlen. Einige Senatoren wurden des Verrates angeklagt, gezwungen, sich selbst das Leben zu nehmen, ermordet, verbannt und ihr Besitz beschlagnahmt ... "

Maximus' Züge verhärteten sich zusehends.

"Senatoren werden in eine Welt mit Macht und Privilegien, ganz zu schweigen von Geld, geboren. Sie hassen es, wenn diese Welt bedroht wird, ebenso wie Commodus es haßt, wenn man seine Träume, ein großer Herrscher zu sein, in Frage stellt ... "

Während die leichte Brise meine letzten Worte davontrug, bemerkte ich plötzlich, daß es im Wald still geworden war - als hielte jedes Lebewesen den Atem an.

Als klammere sich jedes Lebewesen mit der gleichen störrischen Entschlossenheit wie ich selbst an die Hoffnung.

"Sag mir, wie die Senatoren heißen, Maximus. Ich habe Verbindungen ... und wo ich sie nicht habe, da kann ich sie mir kaufen. Laß mich das für Dich tun. Ich werde nur einen Tag brauchen um herauszufinden, wem diese Senatoren ergeben, wer ihre Unterstützer und Verbündeten sind ..."

Maximus seufzte.

"Julia, das ist zu gefährlich ... Ich will nicht, daß Du darin verwickelt wirst ... "

Ich ignorierte seine Warnung.

"Ich pflege keinen Kontakt mit Senatoren. Sie sind Patrizier und sie sind Männer, ich bin nur eine Frau, ich treibe Handel, bin eine ehemalige Sklavin, und - was noch schlimmer ist - eine reiche. Sie wollen nichts mit meinesgleichen zu tun haben, aber sie brauchen uns mehr als sie zuzugeben bereit sind. Ihre Geschäfte werden von Freigelassenen geführt, und Freigelassene ziehen den Umgang mit ihresgleichen vor. Meine Handelsflotte transportiert Waren, die von der Hälfte der Senatorenfamilien Roms hergestellt oder importiert werden ... "

 

Maximus schwieg noch immer.

"Mein Bankier, der Mann, dessen Neffe eine Überfahrt nach Alexandria brauchte, hat mit vielen Politikern zu tun. Er ist schlau, und seine Informanten sind sogar noch besser als meine ... Er stand mindestens einem der Männer nahe, die Commodus hat beseitigen lassen ... "

Bei der Erwähnung von Commodus' Verrat leuchtete ein hartes Glitzern in der Tiefe seiner Augen auf und mein Herz hüpfte in meiner Brust.

Ich war nahe dran.

"Die Bankiers sind besorgt wegen Commodus, Maximus. Er ist - im Gegensatz zu seinem Vater und Großvater  - nicht nur kein guter Haushalter, sondern er ist auch skrupellos ... Er plündert den Staatsschatz, um seine Spiele zu finanzieren ... " Ich hielt einen Moment inne, dann fügte ich hinzu: "Maximus, er verkauft die Getreidereserven, um die Spiele zu bezahlen ... "

 

Maximus wurde blaß.

"Und wenn der Staatsschatz leer ist und die Getreidereserven aufgebraucht sind, dann wird er zu den Bankiers gehen, um sich Geld zu leihen. Das ist kaum etwas Neues. Die Kaiser haben sich Jahrzehnte lang Geld geliehen, und Bankiers haben es gern gegeben. Dem Thron zu leihen ist immer eine profitable Sache ... "

Maximus Gesicht hatte sich in eine ausdrucklose Maske verwandelt, die nichts preisgab von dem, was er dachte.

"Wenn ein Kaiser seine Schulden nicht mit Geld zurückzahlen kann, dann kann er dem Bankier Land oder andere Privilegien geben ... Das, vorausgesetzt er ist nicht zu skrupellos ... "

Während ich sprach, hatte ich die Augen auf Maximus geheftet, aber seine Züge verrieten nichts.

"Commodus übermittelte dem Senat eine klare Botschaft, als er einige seiner Mitglieder des Verrats anklagte, aber die Botschaft kam auch anderen zu Ohren und viele machten sich ihre Gedanken. Die Herrschaft des neuen Kaisers verläuft nicht gut. Die Münzen haben bereits an Wert verloren, und seine endlosen Spiele lähmen das öffentliche Leben Roms. Das ist nicht gut fürs Geschäft, und sie sind an Kaiser gewöhnt, die selbst in Kriegszeiten den Handel aufrecht erhielten. Sie wollen keine Rückkehr zu den Tagen Domitians ... auch wenn keiner von ihnen alt genug ist, um diese noch erlebt zu haben ... "

Ich hielt einen Moment inne, versuchte vergeblich zu ergründen, welchen Eindruck meine Worte auf ihn machten; es war zwecklos. Was immer Maximus denken mochte, er behielt es für sich.

"Wenn der Staatsschatz erst einmal geplündert ist - und soweit ich gehört habe, wird das bald der Fall sein - dann wird sich Commodus an die Bankiers wenden, und sie werden gezwungen sein, ihm das Geld zu leihen ... Man sagt zum römischen Imperator nicht 'nein' ... aber sie wissen, daß sie ihr Geld nie wiedersehen werden. Wie kann man von einem Mann, der die öffentlichen Arbeiten und die Gesundheit des Volkes vernachlässigt, um das Geld für einhundertundfünfzig Tage Spiele auszugeben, erwarten, geliehenes Geld je zurückzuzahlen?"

Als ich die Spiele erwähnte, zuckten tief innen in Maximus' Augen Flammen auf. Oder vielleicht war es auch die Wut, die sich wie in einem Gewitter entlud.

"Wie kannst Du von einem Mann, der den Wert des Geldes nicht zu schätzen weiß, erwarten, daß er zurückzahlt, was er geliehen hat?"

Maximus runzelte leicht die Stirn und sein Blick umwölkte sich plötzlich. Wurde gefährlich.

"Weißt Du, wie römische Kaiser den Staatsschatz aufzufüllen und ihre Schulden zurückzuzahlen pflegen? Sie ziehen in den Krieg, Maximus. Und oftmals sind es dieselben Bankiers, denen sie Geld schulden, die auch wieder die Kriegszüge finanzieren. Oder die Sklavenhändler ... "

Maximus blinzelte, sagte jedoch immer noch nichts, aber die Muskeln an seinem Hals arbeiteten, als er krampfhaft schluckte.

Die Erwähnung der Sklavenhändler war ein Schlag unter die Gürtellinie, aber ich zwang mich weiterzusprechen.

"Commodus ist als Kriegsherr ebenso schlecht wie als Verwalter des staatlichen Vermögens. Er kann den Sklavenhändlern für die Sesterzen, die er ihnen schuldet, keine Kriegsgefangenen versprechen ... Oder er kann das Versprechen zwar machen, muß aber damit rechnen, daß ihm die Bankiers und Sklavenhändler ins Gesicht lachen ... "

"Nein, Maximus, die Bankiers wissen, daß Commodus nicht nur das Geschäftsleben ruiniert, sondern daß er auch nicht zurückzahlen wird, was er sich leiht. Im Gegenteil, sie müssen auch noch damit rechnen, daß man sie unter einem Vorwand anklagt und ihr Vermögen beschlagnahmt ... "

Einen Moment lang schien Maximus etwas sagen zu wollen, aber dann kamen die Worte doch nicht über seine Lippen. Ich fuhr fort.

"Diese Männer leben für ihren Reichtum, Maximus. Sie würden einen Wechsel auf dem Palatin begrüßen ... und sie würden jede Partei im Senat unterstützen, die es wagt, sich gegen Commodus zu stellen ... insbesondere wenn die Senatoren einen Offizier unterstützen, der ... "

 

Maximus brachte mich zum Schweigen.

"Julia, selbst wenn Du recht haben solltest, ich bin kein Offizier mehr ... Ich bin nur ein weiterer namenloser Sklave, der zufällig ein guter Gladiator ist ... "

Ich grub meine Finger in seinen mächtigen Bizeps, klammerte mich verzweifelt an sein Fleisch, um wieder die Kontrolle über mich zu erlangen. Ich war nahe dran und kam meinem Ziel näher und näher. Es war nicht der Moment, ihm etwas entgegenzuhalten, sondern der Moment, ihn zu überzeugen. Ich sträubte mich schwach gegen den Gedanken, das, was ich tat, könnte als Versuch der Manipulation gewertet werden. Aber das Gefühl war nur von kurzer Dauer. Liebe hat ihre eigenen Gesetze und ihre eigene Vernunft, und nur ein Narr stellt sie in Frage. Es war nicht die Zeit für Skrupel, und der Versuch, ihn zu manipulieren, war nichts im Vergleich damit, sein Leben zu retten ... auch wenn das nur bedeuten würde, ihn an den Thron zu verlieren.

"Deine Männer halten Dich für tot," sagte ich und wog dabei meine Worte sorgfältig ab. "Sollten sie jedoch erfahren, daß Du noch am Leben bist, würden sie für Dich kämpfen?"

Maximus nickte zögernd.

"Wenn sich die Dinge nicht grundsätzlich geändert haben, würden sie es tun - bis zum letzten Mann ...," sagte er.

Ich gab seinen Bizeps frei und ließ meine Hände seine Arme entlang wandern, dann nahm ich seine Hände in die meinen ... und er überließ sie mir widerstandslos.

"Dann nenn mir die Namen der Senatoren!"

"Julia ... "

"Nenn mir die Namen, Maximus, und sie werden übermorgen hier sein!"

"Aber ... "

"Geld vermag mehr Türen zu öffnen als jeder Rammbock.. Und ich bin reich, Maximus ... "

"Ich weiß, daß Du Geld hast, Julia, aber ... "

"Nein, Maximus! Senatoren haben Geld ... Ich dagegen bin reich. Eine der reichsten Personen im ganzen Imperium. Reich genug, den halben Senat zu kaufen und den Imperator von seinem Thron fegen zu lassen!"

Maximus preßte die Lippen fest zusammen. Ich konnte seine Gedanken nicht lesen, aber es gab keinen Zweifel daran, daß er nachdachte, angestrengt nachdachte, wie ein Mann, der eine besonders schwierige Entscheidung fällen muß. Ich faßte seine Hände fester.

"Sag es, Maximus! Sag es! Bitte! Sag es!" versuchte ich ihn durch die Kraft meines Willens zu bewegen. "Sag es und laß mich Dir helfen ... "

 

"Senator Gaius ... "

Maximus' Stimme riß mich aus meinen Gedanken.

"Wa ... " setzte ich an, aber meine Kehle war trocken und wie zugeschnürt, so daß ich nicht weitersprechen konnte.

Blut dröhnte in meinen Ohren.

Ich hatte es geschafft!

"Nein, das hast Du nicht ... " flüsterte eine hinterhältige männliche Stimme in meinem Ohr. "Du hast nur den halben Weg zurückgelegt ... "

Ich schüttelte mich, um einen klaren Kopf zu bekommen, und verbannte die Stimme, die vertraut war, und die ich trotzdem nicht einordnen konnte.

"Was?" wiederholte ich und vernahm die steigende Besorgnis in meiner eigenen Stimme.

"Was?" hörte ich Maximus' Stimme gleich einem Echo. Er klang ein wenig verwundert aber vor allem verwirrt. Machtspiele waren nicht seine Sache, er war ein Mann der Tat.

"Der Senator, Maximus! Wie heißt er?"

"Gaius. Senator Gaius ... "

"Verdammt, Maximus! Der halbe Senat hört auf diesen Namen ... und die Hälfte der männlichen Bevölkerung Roms auch! Ich brauche den vollen Namen des Senators!" (******)

Maximus sah verwirrt aus.

"Ich weiß nicht ... " sagte er. "Es war eine formlose Vorstellung ... Commodus nannte die Senatoren nur bei ihren Vornamen ... "

Den Aufschrei zu unterdrücken, der sich mit aller Macht seinen Weg aus meiner Kehle zu bahnen suchte, kostete mehr Kraft, als ich gedacht hatte. Hatte ich es so weit geschafft, nur um meine Hoffnungen im letzten Augenblick zerbrechen zu sehen? Hatte ich so hart gekämpft, nur um mich von einer „formlosen Vorstellung“ geschlagen zu geben?

Einmal, kurz nachdem er mich zu unterrichten begonnen hatte, war ich von Apollinarius in eine Glasbläserwerkstatt mitgenommen worden. Es war ein großer Raum, hell und warm durch das Feuer, das in einer entfernten Ecke prasselte, und wimmelnd von schwitzenden Männern, die eilig hin und her liefen, die geheimnisvolle Masse bearbeiteten, welche in einem Ziegelofen brodelte, dieselbe formten, während sie noch heiß und geschmeidig war, sie in Stäbe und Spiralen verwandelten, und sie wieder einschmolzen, wenn sie mit dem Ergebnis nicht zufrieden waren.

Trotz der Vielzahl von Menschen war es ein weitgehend ruhiger Ort, das Glas kühlte so schnell ab, daß die Männer es sich nicht leisten konnten, auch nur einen Augenblick zu vergeuden, aus Sorge, dasselbe zu ruinieren.

 

Eine junge Frau, deren Haar mit einem Stück Tuch bedeckt war, bewegte sich ebenfalls schweigend zwischen den Männern und sammelte die bereits fertigen Stücke ein, welche letztere auf ihren Arbeitstischen beiseite gestellt hatten, und setzte sie in an den Wänden befestigte Regale. Da waren Weinkelche und Vasen mit langen eleganten Hälsen, kleine Fläschchen und Krüge. In einer Glasschale wartete ein Häufchen kleiner farbiger Teile darauf, zu Ohrringen und Halsketten verarbeitet zu werden (*******)

Aber es waren weder die auf den Regalen aufgereihten Stücke noch die kleinen, farbigen Teile, die aussahen wie ein kleiner, in einem gläsernen Netz gefangener Regenbogen, welche meine Aufmerksamkeit erregten. Es war vielmehr der Glasbläser, der am Ofen arbeitete. Er war nackt bis auf ein zerlumptes Lendentuch und ein Stück Stoff, das er sich fest um seine Stirn gebunden hatte, und er saß anscheinend regungslos auf einem hohen Stuhl. Es war nichts Bemerkenswertes an dem Mann. Er war dünn, von schmaler Gestalt, mit großen, schmutzigen Händen und strähnigem, mausbraunem Haar, welches matt und glanzlos sein ebenfalls unauffälliges Gesicht umrahmte. Aber ich konnte meine Augen nicht von ihm lassen, wie er vorsichtig in ein langes schmales Metallrohr blies, das er in den Händen hielt, und der glänzende Tropfen zu einer riesigen durchscheinenden Blase erblühte.

Ich hatte die Luft angehalten und trocknete mir mit dem Handrücken den Schweiß, der auf meiner Oberlippe perlte, meine Augen fest auf die Blase geheftet, die an Größe zunahm, mein Herz raste wie wild, während die Blase immer durchscheinender wurde und gleich einem fruchtbaren Schoß anschwoll. Einen Moment lang schien es, als umfasse diese zerbrechliche Blase meine ganze Welt, und ich hielt abermals die Luft an, als der Glasbläser sie mit einem Werkzeug berührte und aus dem perfekten, runden und zerbrechlichen Körper ein langer, dünner Hals hervorwuchs. Ohne auch nur noch einmal hinzuschauen reichte der Glasbläser das Rohr an einen anderen Mann weiter, der es in seinen Händen rollte, während er gleichzeitig einen kleinen gläsernen Stab mit einer Pinzette hielt. In einem Wirbel von Bewegungen rollte er noch einmal das Rohr,  schnitt dann das neue Glasstück ab und setzte es auf einen Arbeitstisch, wo ein dritter Mann ihm den letzten Schliff verpaßte, bevor er es beiseite stellte. Unfähig meine Augen von diesem Teil zu lassen, hielt ich die junge Frau an, als sie es wegnehmen wollte, um es auf das Regal zu stellen.

Bei dem fertigen Stück handelte es sich lediglich um ein Fläschchen von gut sieben Zentimetern Höhe. Ich wußte genug über Glaswaren, um festzustellen, daß es nichts Besonderes war, eine namenlose Phiole hergestellt aus dickem braunem Glas mit einer kleinen spiralförmigen weißen Verzierung. Ich wußte auch, daß, würde ich sie bei Tageslicht betrachten, ich die Sandkörner im Glas würde sehen können. Kaum ein Stück von Wert würde man es nur mit einem groben Korken verschlossen zum Markt schicken, denn es war der Mühe nicht wert, extra einen passenden Glasstöpsel herzustellen. Jedes meiner wenigen gläsernen Gefäße war sehr viel mehr wert als diese bescheidene Phiole.

Trotzdem bestand ich darauf, sie zu kaufen, denn während ich den Glasbläser bei seiner Arbeit an diesem Stück beobachtet hatte, war da ein kurzer magischer Augenblick gewesen, während dessen die anschwellende Glasblase zu meiner ganzen Welt geworden war. Es war ein zeitloser Moment gewesen, während dessen diese schwellende, zitternde Blase unendlich zerbrechlich wurde und für einen kurzen Augenblick auf dem schmalen Grat zwischen Perfektion und Zerstörung wanderte - und mein Herz war mit ihr angeschwollen, hatte mit ihr gezittert.

Jetzt, schwebend zwischen Hoffnung und Verzweiflung, meinem Ziel so nahe und gleichzeitig abermals bedroht von der Möglichkeit des Fehlschlags, hatte ich wieder das Gefühl, in dieser gläsernen Blase gefangen zu sein. Eine Blase, von der ich fühlte, wie sie anschwoll und gleichzeitig immer zerbrechlicher wurde, wie sie sich gefährlich über den Rand des Abgrunds neigte.

In meinem Inneren wurde die tückische männliche Stimme durch ein ebenso tückisches, ganz und gar humorloses Lachen ersetzt.

Ich besitze das kleine bescheidene Fläschchen noch immer. Es steht auf einem Regal in meinem privaten Arbeitszimmer und hat mehr als nur ein Stirnrunzeln bei Nicia hervorgerufen, welche jederzeit bereit war, besagtes Fläschchen verschwinden zu lassen und durch eines der exquisiten Stücke zu ersetzen, welche ich besaß. Aber ich hatte es immer verboten. Statt dessen nehme ich es von Zeit zu Zeit in die Hand, rolle es mit den Fingern hin und her und betrachte die durchscheinenden Sandkörner im dunklen Glas. Lange bevor ich nach Ostia zog und die meisten meiner kostbaren Gläser erwarb, hatte ich bereits gelernt, daß Glasbläser jung sterben, sich die Lunge aus dem Hals husten, nachdem sie einige wenige Jahre lang die giftigen Dämpfe des heißen, flüssigen Glases eingeatmet haben. Warum nur muß alles Schöne, Wertvolle oder Bedeutsame immer mit Blut bezahlt werden?

Das humorlose Lachen hallte in meinem Inneren wider, und die Blase, zu der meine Welt geworden war, dehnte sich noch ein wenig mehr und bebte wie zur Warnung.

"Maximus", hörte ich mich selbst sagen, "es gab zwei Senatoren. Wie war der Name des anderen Mannes?"

Er schwieg einen Moment lang, als versuche er, sich an den Namen des anderen Mannes zu erinnern, oder auch um vielleicht die Emotionen, die er in meinen Augen mußte lesen können, benennen zu können.

Während sich das Schweigen weiter hinzog, konnte ich fühlen, wie die gläserne Blase bis zum Äußersten anschwoll, unvorstellbar dünn und unvorstellbar zerbrechlich wurde ... zitterte ...

"Falco. Der Name des anderen Senators war Falco."

In einer lautlosen und gleichzeitig ohrenbetäubenden Explosion zerbarst die Blase in tausend kleine Stücke.

 

(******) Die Römer benutzen ein ausgeklügeltes System von Namen, welches als "tria nomini" bekannt ist und in den späten Tagen der Republik eingeführt wurde. Dieses System war dazu bestimmt, römische Bürger zu verzeichnen, sie von jenen zu unterscheiden, die keine Bürger Roms waren und genug Information über eine Person zu liefern, um diese der entsprechenden sozialen Schicht, einem Familienzweig and einer Generation zuzuordnen. Dies war besonders wichtig in einer bis ins Detail organisierten Gesellschaft, die sich jedoch durch einen Mangel an Namen auszeichnete. Gaius war der am meisten verbreitete männliche Name. Ein vollständiger römischer Namen bestand aus drei Teilen: praenomen (dem Vornamen), nomen (dem Namen) und cognomen (einer Art Spitzname). Da es nur wenige Namen gab und gleichzeitig sehr starre Regeln, denen zufolge Kinder nach ihren Eltern benannt werden sollten, war es nicht ungewöhnlich, daß es in jeder Familie viele Personen mit dem gleichen Namen gab, und es wurden andere, inoffizielle Regeln entwickelt, um ein Familienmitglied vom anderen zu unterscheiden. Der vollständige Name des Kaisers Vespasian lautete Titus Flavius Sabinus Vespasianus. Er war also ein männliches Mitglied der Familie der Flavier und gehörte zu dem Zweig der Familie, der aus den Sabiner Bergen stammte. Sein Name war Titus. Da es aber in seiner Familie diverse Träger des Namens Titus Flavius gab (auch sein Vater und Großvater trugen den Namen Titus Flavius), wurde er zusätzlich nach seiner Mutter Vespasia Pollia benannt. Sein Sohn und Erbe hieß ebenfalls Titus Flavius Vespasianus, wurde aber seit seiner Kindheit Titus genannt, um ihn von seinem Vater zu unterscheiden. Der jüngere Sohn trug den Namen Titus Flavius Domitianus - benannt nach seiner Mutter Flavia Domitilla. Wie viele andere Dinge, welche die westliche Kultur betreffen, beruht auch unser modernes Namenssystem auf dem römischen.

 

(*******) Farbiges Glas spielte eine bedeutende Rolle bei der Herstellung römischer Schmuckwaren und ersetzte vielfach Edel- und Halbedelsteine in nicht so kostbaren aber vielfach sehr schönen Schmuckstücken. Die Römer schliffen ihre Edelsteine nicht wie wir heute in Facettenschliff sondern bevorzugten die Form, welche wir als 'Cabouchon' bezeichnen und die sich durch eine runde glattpolierte Oberfläche auszeichnet, für welche farbiges Glas einen brauchbaren Ersatz darstellt, wenn es sich um einfachere Stücke handelt. 

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