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Vorwort: Dies ist nur ein bescheidener Versuch, und ich bestehe auf dieses Wort, weil mir voll und ganz bewusst ist, dass ich dem Talent der meisten Autorinnen, die vor mir wunderbare Geschichten, ja Romane über Maximus verfasst haben, kaum gerecht werde. Und das habe ich auch erst gar nicht versucht. Mein Bestreben dies hier zu schreiben, lag einzig und allein in dem Sehnen nach Maximus, das uns alle betrifft und verbindet. Der alles in sich vereint, wonach wir suchen und uns sehnen und tief in uns verwurzelt sind. Und an dieser Stelle danke ich allen diesen talentierten Autorinnen und Übersetzerinnen, die uns Stunden der Muse und Freude durch ihre Arbeit gebracht haben, ebenso wie auch Sigi, die uns ermöglicht hat, in den Genuss dieser literarischen Köstlichkeiten zu gelangen!
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Erster Teil
Er spürt die alte Verwundung an diesem Morgen ganz besonders stark. Der ziehende Schmerz in seiner Seite ist erträglich, aber nicht wegzuleugnen. Das versprach nichts Gutes. Zum ersten schlug das Wetter um, und zum zweiten würden ihm die stechenden Schmerzen jeden Ausritt vergällen. Wenn er vernünftig war, dann verschob er den Tagesmarsch nach Umbrien auf den nächsten Morgen oder vielleicht gar auf nächste Woche. Vernunft kommt in diesem Fall jedoch mit Schwäche für ihn gleich. Sich selbst bezwingen, seine Unpässlichkeiten einfach ignorieren, so lautete seine Devise bisher und daran wird er auch heute nichts ändern. Schmerz war immer schon ein Teil seines Lebens gewesen. Schmerzen jeder Art.
Er blickt auf das Lager neben sich nieder. Es ist leer. Natürlich. Es war immer leer. Ihre unangerührte Liegestatt verwundert ihn nicht weiter. Sie war sehr erfinderisch, wenn es darum ging, Ausreden und Entschuldigungen zu erfinden. Was war schief gelaufen zwischen ihnen beiden? Natürlich war sie immer sprunghaft gewesen, leichtlebig, davon konnte er sich in der Vergangenheit, lange noch bevor er ihren Bruder getötet hatte, nur zu deutlich überzeugen. Damals, als sie noch ein junges Mädchen gewesen war, hatte sie den Wünschen ihres Vaters, des Imperators, nur zu schnell nachgegeben, ihn, Maximus, der sie mehr liebte als sein eigenes Leben, verlassen und Lucius Aelius Verus geehelicht. Staatsräson. Zum Wohle Roms. Er war mit seinen Truppen hoch oben im Norden gewesen und musste die Heimlichkeit des Verrats an seiner Liebe von Kameraden erfahren. Die Intrige, ihn weit weg von Rom zu wissen, um Lucilla sang- und klanglos mit dem Mitregenten Markus Aurelius’, seinem Adoptivbruder, zu verheiraten, hatte Maximus dem Kaiser nie ganz verziehen. Obwohl er ihn liebte wie einen Vater... immer noch, selbst Jahre nach dem Attentat durch die Hand seines eigenen Sohnes, dem er zum Opfer gefallen war. Lucilla hatte ihm vor langer Zeit alles bedeutet... damals... als Rom noch seine heile Welt war. Erschüttert, enttäuscht hatte er sich mit einer anderen begnügt, einem Mädchen seiner Heimat, der er versuchte, all seine Liebe zu schenken, zu der er noch fähig gewesen war. Und sie hatte es ihm gedankt und ihm einen Sohn geschenkt. Sein Fleisch und Blut. Sein Stolz. Tot seit vielen Jahren, die er aufgehört hatte zu zählen. Lucilla, ihr verdankte er sein Leben. Alle hatten ihn tot geglaubt, doch sie erkannte den dünnen Faden des Lebens, mit dem er noch im Diesseits fest hing. Die fähigsten Männer und Heiler hat sie herbei rufen lassen und mit ihrer Hilfe hat er den Kampf gegen das ewige Dunkel noch einmal gewonnen. Er schien verloren, doch die andere Welt wollte ihn nicht. Noch nicht! Und doch, gerne hätte er den lockenden Rufen seines Sohnes, seiner Frau Folge geleistet. Sie hatten ihn gerufen, angefleht zu kommen, in ihre Welt der Ewigkeit. Doch etwas schien ihn festzuhalten, nicht gehen lassen zu wollen. Das Versprechen, das er Markus Aurelius gab? Lucilla, die Ehrgeizige, die ihn in ihren Armen festhielt und beschwor, nicht von ihr zu gehen? Oder einfach nur die Heilkunst der Weisen, die seinen geschwächten Leib zusammen flickten und soweit wieder herstellten, dass er nach vielen Wochen des Kampfes um Körper und Geist erneut zu den Lebenden zählte? Er machte Lucilla, die Geliebte, endlich zu seiner Frau. Nur zu freudig willigte sie ein. Doch hatte sie all die Jahre immer noch gehofft, er würde sich zum Kaiser ausrufen lassen, so wurden ihre Erwartungen nicht erfüllt. Obwohl es ein leichtes Spiel für ihn gewesen wäre, die Macht Roms an sich zu reißen. Ohne Gewalt, ohne Kampf. Er war der Held des römischen Reiches gewesen, der Befreier, der das Volk und auch den Senat, sowie die Truppen, deren Befehlshaber er einst war, auf seiner Seite hatte. Sein Entschluss, „nur“ den Titel eines, der beiden Konsule Roms anzunehmen, war eine schwere Enttäuschung für sie gewesen. Denn offiziell setzte sich des Kaisers Tochter für die Republik ein, inoffiziell wusste er, dass sie trotz ihrer Vorzüge in gewisser Weise auch Macht besessen war. Immer schon und übermäßig . Sonst hätte sie damals auch nicht zugestimmt, Verus zu heiraten. Sie hätte sich ihrem Vater widersetzt, wie so oft schon, und Markus Aurelius hätte seiner geliebten Tochter seinen sonst so eisernen Willen nicht aufgezwungen. Maximus hatte den Kaiser besser als jeder andere gekannt. Jahr für Jahr, Tag für Tag und auch oft Nacht für Nacht verbrachte er an seiner Seite, führte seine Truppen in allen entlegenen Winkeln der Welt in den Kampf und legte dem Mächtigen Roms Sieg für Sieg zu Füssen. Doch auch er war nur eine Schachfigur des Kaisers gewesen. Ein Spielball Roms, dessen man sich bediente, wenn es darum ging, das Reich zu vergrößern oder die gewonnenen Kolonien gegen Aufstände barbarischer Völker zu verteidigen. Die Schlacht wog die Enttäuschung auf. Sein Frust wandelte sich in Kampfgier, sein ungewollter Hass auf Lucilla, die er in den Armen eines Mannes wusste, der ihr Vater hätte sein können, wurde zu der gefährlichsten, todbringenden Waffe, die seine Gegner unweigerlich vernichtete. Maximus Decimus Meridius, populärster Tribun, den Rom je hervorgebracht hatte, bezähmte seinen Zorn durch das Töten auf dem Schlachtfeld! Und abends lauschte er den philosophischen Zweifeln seines Kaisers, der alles in Frage stellte und Maximus mehr verwirrte als der aussichtloseste Kampf. Und doch war er sein göttlicher Vater gewesen. Markus Aurelius, der Denker…
Heute stellt er sich viele Fragen. Wie viele Jahre führte er bereits dieses Leben eines Müßiggängers, der Politik üben sollte, die er verabscheute, weil sie nicht ehrlich war und er es mit verschlagenen Gemüter zu tun hatte. Der er sich nicht gewachsen fühlte, weil mit Worten umzugehen nicht seine Stärke war und seine geradlinigen Ideen auf taube Ohren stießen. Oder Reden zu schwingen, die den Senat von der Dringlichkeit seiner vorgebrachten Angelegenheit überzeugen sollte, er verabscheute. Reden, die ihm zuwider waren, weil Worte Taten nicht aufzuwiegen vermochten? Drei, vier? Nach den Jahren der Verzweiflung, die er auf der Flucht und schließlich versklavt und zum Gladiator verdammt durchleben musste, nach diesem letzten, alles entscheidenden Kampf, als er Commodus im Kolosseum gegenüberstand und um sein Leben kämpfte, schien erst eine Zeit des Friedens anzubrechen, des allgemeinen Wohlstands und vor allem der Hoffnung. Doch zu tief saß der Wurm des Verderbens im Herzen Roms, oder besser, in der Brust der profithungrigen Oberschicht, die aus Politikern und Geschäftemachern bestand. Und ihr Einfluss war groß. Mit dem Volke zu teilen, das war ein idealistischer Gedanke, den sie nicht mit Maximus gemein hatten. Die Sklaverei abzuschaffen, dafür wurde er ausgelacht. Und gar die Gladiatorenspiele aufzugeben, das stellte ihn schließlich sogar gegen den Plebs, der sich an den blutigen Spielen und Kämpfen ergötzte. Das Kolosseum war die Berauschung, die Droge, die diese einfachen, oft hungrigen Menschen zum Leben brauchten! Er war einst ihr Held in den Mauern der Arena gewesen, heute hielten sie ihn wahrscheinlich für einen Weichling, einen Schwächling!
Maximus schließt die Augen und stützt sich mit beiden Armen auf der Balustrade der Terrasse ab, um den Blick über die zum Leben erwachende Stadt auszuschließen. Rom, sein Traum! Eine römische Republik, nach Markus Aurelius’ Vorstellungen und Plänen. Es würde ihm nicht gelingen, diese Wunschvorstellung des ermordeten Herrschers noch lange aufrecht zu erhalten. Es würde ihnen nicht schwer fallen, ihn hinterrücks ermorden zu lassen, so, wie es vielen vor ihm ergangen war und sicher auch noch nach ihm ergehen würde. Möglicherweise hatte Lucilla persönlich bereits ihren Dolch geschärft, um ihn eigenhändig ins Elysium zu befördern, natürlich zum Wohle Roms. Als zukünftige Gattin eines Kaisers, den zu finden für sie nicht schwer sein dürfte, leckten sie ihr die Füße, diese Söhne aus gutem Hause und angesehener, alter Patrizierfamilien. Sie hatten Geld und Macht, waren jung und einflussreich. Wahrscheinlich war seine Frau gerade jetzt damit beschäftigt, sich von den hervorragenden Qualitäten der diversen Kaiserkandidaten zu überzeugen... Man stritt sich um ihre Huld, kämpfte um ihre Aufmerksamkeit, balgte sich um ein Lächeln von ihr, wie Hunde es um einen alten Knochen tun. Der Vergleich war vielleicht nicht eben passend, und doch so treffend.... Lange schon empfindet er keine Eifersucht mehr. Lange schon schmerzte die Wunde, die sie seiner Seele durch ihre Ehe mit Verus zugefügt hatte, nicht mehr, als es die vernarbte Verwundung in seiner Seite tat. Sie war ja die Seine geworden, Lucilla, deren Ehemann, nach nur drei Jahren, von der Pest dahingerafft worden war. Er bedauerte vielmehr, dass ihre einstige Liebe, und all das, was sie miteinander verbunden hatte, zu Staub und Rauch zerrieselt war. Da war nichts mehr zwischen ihnen beiden, nur Gleichgültigkeit, zermürbendes Schweigen, wenn sie sich begegneten, und ihre vorwurfsvollen Blicke, denen er zu entkommen suchte. Er starrt auf die Stadt unter ihm. Ein Mann in en besten Jahren, kein Riese von Statur, aber kraftvoll und stark, mit ausgeprägten Muskeln an Armen und Beinen. Sein massiver Brustkorb, seine unbeugsame gerade Haltung lassen ihn dennoch überragend groß erscheinen. Sein Haar ist kurz geschnitten, ebenso wie der dunkle Bart, der seine Wangen, Kinn und Oberlippe ziert. Die prüfenden Augen von der Farbe des Tibers im Morgenlicht, blicken aufmerksam über das Häusermeer. Außerhalb des Gartens, der das Stadthaus umgibt, regt sich die Stadt der sieben Hügel wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen. Die Händler ziehen ihre Karren zum Markt, emsige Hausfrauen eilen mit geflochtenen Körben durch Gassen und Strassen, und Männer jeden Standes bequemen sich bedächtig oder rasch ihrer Tätigkeit entgegen. Sänften werden im Eilschritt zu wichtigen Besprechungen getragen, Bettler hocken an Straßenecken und bitten um Almosen wohlhabender Bürger, und streunende Hunde durchwühlen die Abfälle. Ein Tag wie jeder andere.
Es war Zeit, sich fertig zu machen. Er würde dem Senat heute nicht beiwohnen. Er würde dem Tempel der Lügen und fadenscheinigen Ausflüchte fern bleiben. Das Geschmeiß sollte ohne seine Anwesenheit weitere Intrigen schmieden, so würde es ihnen leichter fallen, wenn sein abschätzender Blick nicht jeden einzelnen prüfend zu durchbohren suchte. Er wollte für ein paar Tage allein sein, auf dem Landgut nach dem Rechten sehen. Sich alten Erinnerungen hingeben, als die Welt noch scheinbar und halbwegs für ihn in Ordnung war. Das Klirren von Waffen, die unerbittlich aufeinander trafen, die Rufe seiner Soldaten in Kälte und Regen, das Schnauben der dampfenden Pferde, bevor sie seine Männer in den Kampf trugen, das alles war seine Welt gewesen und sie fehlte ihm. Kurz hingegen, waren die Augenblicke des Friedens gewesen, in den Armen seiner ersten, toten Frau, wenn er heimkehrte, ausgelaugt, müde, oft genug zu zerschunden, um sich den Ehepflichten begierig hinzugeben. Er musste erst verschnaufen, zur Ruhe kommen, bevor er ein paar Nächte der Leidenschaft und der Abgeschiedenheit verbrachte, bevor Rom ihn abermals und immer wieder rief. Die Erinnerung an damals scheint einer anderen Welt anzugehören. Frau und Sohn, - hingemetzelt, gekreuzigt, verraten. Besudelt von Roms unerbitterlichen Gesetzen, die jeden Anverwandten eines „Verräters“, zu dem Commodus ihn gestempelt hatte, das Leben absprachen. Rom, das die Welt beherrschte, Rom, das seine Welt war. Rom, das er liebte und hasste zugleich. „Ein Fluss des Geschehens, ein reißender Strom ist die Zeit“, hatte der Kaiser ihm einmal sinnend anvertraut. „Alles wird, kaum in die Erscheinung getreten, auch wieder mit fortgerissen, und ein anderes wird herbei getragen, um bald wieder weggeschwemmt zu werden.“ Wie wahr der Kaiser sprach, ist ihm erst viel später bewusst geworden. Nach den wenigen Stunden der ehelichen Freuden, hatte er Iberien immer wieder verlassen, seine Heimat, sein Haus, das Bett seiner Frau, und war neuen Heldentaten entgegen geeilt, die darin bestanden, die primitiven Völker dieser Welt zu unterwerfen und eine größtmöglichste Anzahl ihrer Krieger zu töten. Barbaren waren sie allesamt, auch für ihn. Seine Männer nannten ihn den „Liebling der Götter“ und sein Ruhm eilte ihm voraus. Ungebrochen war seine Kraft und Ausdauer gewesen, ungetrübt sein Glaube an Ehre und Ruhm. Bis er eines anderen belehrt wurde, und der Vatermörder Commodus auch ihn aus dem Weg zu räumen suchte...
Doch hatte ihm das Schicksal nicht alles vergolten, was es ihm einst abverlangt hat? Bekam er letztendlich nicht die Frau, der sein Herz seit ewigen Zeiten gehörte? Er schüttelt unbewusst sein Haupt, als die Erinnerung erneut seine Seele überschattet, ganz, als wolle er die Gedanken an damals energisch abschütteln. Einst Sklaventum und Schmähung, heute der ehrenvolle Stand eines Konsuls, sein Sohn und seine Frau für die Zuneigung und Ehe mit Lucilla. Dass er schuldlos an den Geschehnissen war, und an dem Verlauf der Geschichte, die die seine ist, spielt dabei für ihn keine Rolle. Die Götter hatten aus ihrem Liebling einen Spielball ihrer Launen gemacht. Sie warfen ihn sich gegenseitig zu, wie es ihnen beliebte. Sie ließen ihn fallen, stießen ihn mit Füssen und hoben ihn letztendlich wieder auf. Auch wenn Venus selbst ihn erneut in die Arme geschlossen hatte, so wurde er das Gefühl nicht los, dass Jupiter es Lucilla untersagt hatte, ihm auch weiterhin ihre Gunst zu zeigen. Warum, das wusste der Gottvater wohl nur allein. Den Sterblichen war Jupiters Eifersucht nur zu gut geläufig, und Juno, seine Gemahlin, war nicht die einzige Göttin, die er mit seiner Leidenschaft zu beglücken pflegte... Maximus ruft nach seinem Bediensteten und gibt Anweisungen für den Ritt. Sich vom Dreck des parfümierten Sündenpfuhls dieser Stadt zu befreien, ist derzeit sein größtes Anliegen. Er wollte in Ruhe über seine Zukunft nachdenken. Eine Zukunft, die von anderen möglicherweise bereits als beschlossene Sache galt. Eine Zukunft, die es nicht gab. Er braucht nicht erst ihr glockenhelles Lachen zu vernehmen, um zu wissen, dass sie zurückgekehrt war. Er fühlt es auch so. Die Natur hatte ihn mit mehreren hilfreichen Auszeichnungen begünstigt und nebst Kraft und Ausdauer, Ehrgefühl und seinem verdammten Stolz, besaß er die Gabe eines gewissen sechsten Sinnes, der bei ihm anschlug wie eine Glocke, sobald jemand in seine Nähe kam. Ihr lautloser Schritt verhält hinter seinem Rücken und er kann spüren, wie sich seine Nackenmuskeln anspannen. „Maximus“, gurrt ihre Stimme, die auch heute noch jedes Härchen auf seinem Körper zum Vibrieren bringt, wenn auch nicht unbedingt aus dem gleichen Grund wie früher, wo alles zwischen ihnen noch Leidenschaft und Feuer gewesen war. Er wendet sich nicht um, versteift seine aufgestützten Arme vielmehr, bis jeder Muskel einzeln und sichtbar hervor tritt und verkrampft seine Kiefer, bis sie schmerzen. Wenn er auf seine innere Stimme hörte, musste er ihr eine verächtliche Gemeinheit ins Gesicht spucken. Doch die unbeherrschte Wildheit, die ihn auf dem Kampfeld befällt, scheint ihm einer Dame gegenüber nicht angebracht zu sein. Sie war die Tochter seines geliebten Kaisers, doch sie scheint immer mehr die hintergründigen Merkmale ihres Bruders heraus zu kehren, von denen er glaubte, dass sie nur Commodus´ zu eigen waren. Ehrgeiz bis zur Mordlust, Machthunger bis zum Hass. Er spürt, wie ihre Arme sich von hinten um seine Taille legen und ihre Hände sich ihren Weg zwischen die Falten seiner Tunika stehlen, um ihn zu berühren. Ein Schauer durchfährt seinen Körper und seine Haut fühlt sich wie elektrisiert an. Die natürliche Reaktion auf ihre angedeutete Liebkosung bleibt nicht aus. Er knirscht mit den Zähnen und das entlockt ihr abermals ein helles Lachen, durchdrungen von Spott und Hohn. Sein Zorn über ihre Anmaßung raubt ihm beinahe den Verstand. Sie hatte ihn seit Wochen zurückgewiesen und er hatte es vermieden, sie mit Gewalt zu nehmen, so, wie es ihm als ihrem rechtmäßigen Gatten immer noch zustand. Frauen einfach zu nehmen, wie seine Soldaten es zu tun pflegten nach erfolgreichen Schlachten, danach war ihm nie zumute gewesen. Sie hatte sich geweidet an seiner ungestillten Sehnsucht und ihn höhnisch daran erinnert, dass er ihre Gunst erst zurück gewinnen musste, indem er Pertinax, den amtierenden Kaiser aus dem Weg räumte und sich selbst zum Imperator krönen ließ. Das war es nicht, was Mark Aurelius gewollt hatte! Das nicht! Pertinax war zwar ein Schwächling, aber er ließ dem Senat so gut wie alle Macht und Rom war schon lange nicht mehr einer Republik, die Markus Aurelius angestrebt hatte, so nahe gewesen als zur Zeit des derzeitigen Kaisers. Auch wenn Korruption an erster Stelle stand, auch wenn Intrigen das Machtspiel der einflussreichen Oberschicht bestimmten und Pertinax ein alter Mann war. Er hatte es so satt… einfach alles! „Maximus“, lockt ihre Stimme an seinem Ohr und ihr Duft nach wilden Rosen reizt seine Sinne umso mehr. „Du bist nicht mehr der, der Du warst, und ich bedauere es zutiefst! Mein Vater hat Dir Rom zu Füssen gelegt und Du trittst verächtlich auf seine große Gnade“. Erzürnt dreht er sich ruckartig zu ihr herum und packt sie grob an den Oberarmen. Seine Augen funkeln gefährlich, als er sie leise und heftig anzischt. “Ich verbiete Dir, so mit mir zu sprechen, Lucilla! Was weißt Du schon von den Abmachungen zwischen Deinem Vater und mir?“ „Ich bin seine Tochter, und er hat sich mir anvertraut“, entgegnet sie gelassen. „Du solltest es nicht vergessen, Maximus! Du verdankst mir Dein Leben!“ Sie liebte es, ihn daran zu erinnern, wie man ihn halbtot aus dem Staub des Kolosseums getragen hatte und sie alles daran setzte, um seine Wunden zu heilen. Wie konnte er damals wissen, dass ihre Barmherzigkeit auch viel mit ihrem Machthunger zu tun hatte, weil sie stets die Position einer Kaisergemahlin angestrebt hatte? Doch sie war eine Frau… Wie oft hatte ihr Vater diesen Umstand bedauert… Heute fragte sich Maximus, welchen Kaiser sie abgegeben hätte und immer weniger glaubte er an die idealistische Vorstellung, dass Lucilla Rom die Republik zurückgegeben hätte, wie ihr Vater es sich erträumt hatte. „Wärst Du lieber die Kurtisane und Sklavin Deines wahnsinnigen Bruders geworden?“ fragt er sie spöttisch. Der erschrockene Ausdruck auf ihrem Gesicht entgeht ihm keineswegs. Commodus wollte sie zwingen seine Geliebte zu werden, nachdem er von ihrem Verrat an ihm erfahren hatte. Seine inzestuösen Gefühle für sie hatte er ihr nie verschwiegen. ´Sicher ist sie immer noch die schönste Frau Roms´, durchzuckt es Maximus, als er in ihr reifes, von Schönheit geprägtes Gesicht blickt. Die feinen Linien, die um ihre Augen, ihren anmutig geschwungenen Mund liegen, machen sie nur noch anziehender und begehrenswerter. Sie sprechen von Leidenschaft und Erfahrung. Ihr dunkelblondes Haar trägt sie kunstvoll in aufgesteckten Locken auf dem stolzen Haupt. In einer Aufwallung von Begehren presst er seine Lippen auf die ihren und zwingt sie so zu einem heftigen Kuss. Doch ihre Zähne graben sich schmerzhaft in seine Unterlippe und enttäuscht gibt er sie abrupt frei. Als sein Handrücken über seinen Mund wischt, ist er rot verfärbt. Er konnte spüren, dass sie ihn begehrt, aber sie liebt dieses Spielchen, das ihn hilflos macht und erzürnt. Liebte es, ihn bis zum Äußersten zu treiben, um ihn dann mit Kälte und Verachtung zu überhäufen. „Armer Liebling“, spottet sie. „Glaubst Du etwa, Du kannst mich behandeln wie eine Deiner Dirnen, die Du immer dann aufsuchst, wenn ich Dich aus meinem Bett gestoßen habe? Du bist meiner nicht mehr würdig, Maximus. Begreife endlich. Du bist mir eine Last, denn Du bist nicht mehr jener aus unseren gemeinsamen Jugendtagen, als Du noch als Roms unbezwingbarer Held der Arena galtest. Du bist ein Schwächling, Maximus. Du ziehst den Schwanz ein, wie ein Hund, der sich vor Prügel fürchtet. Du wirst alt! Ich verachte Dich!“ Sie macht auf der Ferse kehrt und wendet ihm stolz ihre wohlgeformten, nackten Schultern zu. Die Falten ihres hellblauen Kleides umschmeicheln ihre vollen Hüften und sie entfernt sich lautlos von seiner vor Enttäuschung erstarrten Gestalt. Seine grünlich schimmernden Augen bekommen diesen Glanz, der seinen Feinden das Fürchten lehrte. Doch die Feinde von heute, sie verbergen ihr Gesicht. Er kennt sie noch nicht, die Gegner dieser Tage, die ihm gerne das Leder gerben wollten. Doch er hat so seine Vermutungen... Mit wenigen Schritten ist er hinter sie getreten, packt sie hart am Handgelenk, sodass sie durch diese unvermutete Geste stolpert und sich an seiner Schulter festhalten muss, um nicht zu fallen. Ihr wutverzerrtes Gesicht kann ihn nicht davon abhalten, sie sehnsüchtig an sich zu pressen, und wild ihren Hals zu küssen. Dass sie sich wehrt und grobe Beleidigungen von sich gibt, stachelt seine Begierde nur an, die von langer Enthaltsamkeit und schwelendem Zorn genährt wird. Heute war sie einen Schritt zu weit gegangen... Er drängt sie auf sein Bett, das vor fernen Tagen auch das ihre gewesen war und sie strampelt wild mit den Beinen, um seinen wuchtigen Körper, der sich ihrer bemächtigen will, abzuwehren. Den Stoss, den sie ihm in den Magen versetzt, spürt er kaum. Er kann mit allem fertig werden, nur nicht mit ihrer Verachtung, ihrem Spott. Es wird ihr nicht gelingen, ihm seine Manneswürde zu nehmen! „Ich ziehe also den Schwanz ein, ja?“ flüstert er schwer atmend an ihrem Ohr. Sie hat den Kopf zur Seite gedreht, um seinem Blick zu entgehen, der nichts Gutes verspricht. „Obwohl ich annehme, dass Du Deinen Spaß heute Nacht schon gehabt hast, wird es Zeit, Dich daran zu erinnern, dass Du immer noch meine Frau bist, Lucilla. Ich habe es satt, von Dir gedemütigt zu werden, und Du solltest Deinen Ton mir gegenüber mäßigen, ein für alle Male!“ Seine freie Hand schiebt das feine Linnen ihres Kleides hoch. Ihr, ein wenig üppig gewordener Körper, bietet sich seinem sehnsüchtigen Blicke dar und die Erinnerung an die vielen leidenschaftlichen Nächte, in denen sie gerne und mit Hingabe die Seine war, durchstreift während der Dauer eines Augenblicks seine Gedanken. Er stöhnt verhalten auf und gibt sie frei, doch nur, sein Gewand abzustreifen. Sie versucht ihm zu entkommen, rollt sich auf den Bauch und bemüht sich vergebens, auf den Knien ans obere Bettende zu gelangen. Doch er ist bereits über ihr und sein gestählter, schwerer, mit alten Narben gezeichneter Körper drückt sie entschlossen in die Decken und Kissen seines Lagers. „Du wagst es nicht!“ zischt sie wütend. Er achtet nicht auf ihre Wut. Zu lange hatte er ihre Erniedrigungen ertragen, die halb spöttischen, halb mitleidigen Blicke der Dienerschaft, die gut gemeinten Andeutungen im Senat oder seitens der ehemaligen Waffengefährten. Als er sich ihrer kraftvoll und ohne sie gefügig machen zu wollen bemächtigt, will er sie zahlen lassen für die Schmähungen all dessen und weiß doch, dass es seiner nicht würdig ist, was er tut. Er ist kein Tier, er ist nur unglücklich, verzweifelt, durchdrungen von Selbstzweifeln. „Wehr Dich nicht, Lucilla“, bittet er erstickt, während seine ungestillte Lust bereits die Führung seines Willens übernommen hat. „Du willst es doch! Wir haben uns geliebt! Weißt Du es nicht mehr?“ Sie wird ruhiger, gibt auf, sich zu wehren. Er will seine Begierde rasch und mit wenigen harten Stößen in ihren warmen Schoss stillen. Er fühlt sich elend und braucht sie doch. Und plötzlich kann er spüren, wie weich sie wird, denn ihr rascher, flacher Atem zeigt ihm, dass auch sie Gefallen an seiner lustvollen Handlung zu finden scheint. Ihr Körper verrät sie, was ihm ein beruhigtes Lächeln entlockt. Er hält sich zurück, lässt ihr Zeit und bewegt sich langsamer auf ihr, weniger heftig. Sie begehrte ihn immer noch! Seine Wut beginnt zu schrumpfen. Was bleibt, ist wehmütige Sehnsucht, die gestillt werden will. Als er spüren und hören kann, dass ihre Lust über ihren Stolz, Hochmut und Verachtung für ihn den Sieg davon getragen hat, unterdrückt er sein Stöhnen der Befreiung, als er sich heiß in ihr ergießt, nicht länger. Seine Lenden pochen, sein Körper beruhigt sich allmählich, doch sein Herz ist schwerer denn je. Er rollt sich vom Lager und sieht auf ihren Rücken nieder, streckt die Hand aus, will ihn streicheln, doch ihre Stimme, die gepresst zwischen den Falten des Betttuchs an sein Ohr dringt, hält ihn davor zurück: „Das wirst Du mir büßen, Maximus!“ Ihre leise Stimme klingt leidenschaftlich böse. Er ist davon überzeugt, dass sie ihn dafür hasst, weil er ihre eigene Lust erzwungen hatte und sie seiner, ihr aufgezwungenen Verführung nicht standhalten konnte. „Maximus, der Vergewaltiger“, spöttelt sie und vermeidet es auch weiterhin, ihm dabei ihr Gesicht zuzuwenden. Und plötzlich wird ihm klar, und diese Erkenntnis lässt ihn taumeln wie ein unvorhergesehener Schlag, dass er nichts mehr für sie empfindet. Sie ist ihm fremd wie noch nie zuvor. „Du kannst in Zukunft auch weiterhin Nacht für Nacht die Bettstätten Deiner jungen, geckenhaften Liebhaber, die kaum älter als Dein Sohn sind, beehren“, bemerkt er leidenschaftslos und ernüchtert. „Es macht mir nichts mehr aus. Genieße Deinen Ruf als schönste Kurtisane Roms, solange Du es noch bist. Du wirst jedoch mein Bett nie mehr mit mir teilen. Sieh es als Versprechen an, oder als Erlösung.“ Die eisige Kälte seiner Stimme, sein emotionsloser Tonfall ist für sie schlimmer als Zorn und Hass. Sie spürt, dass er ihr entgleitet, für immer. Damit schwinden auch ihre Pläne, ihn doch noch am Besitz von Roms Thron zu interessieren. Sie musste ihre Pläne ändern, bald schon…. „Aber nenne mich nie wieder einen Schwächling, Lucilla! Nie wieder!“ Er verlässt den Raum, ruft nach seinem Diener, um sich baden zu lassen, und ihr Blick folgt seinem kräftigen Körper, seinem entschlossenen Gang und dem Spiel seiner ausgeprägten Rückenmuskulatur. ´Eigentlich schade`, denkt sie schwer atmend, ´dass dieser perfekte, starke Körper bald schon zu den Göttern heimkehren musste´….
Die Weiten seines Besitzes erstrecken sich vor seinem geschulten Auge. Sein Verbündeter, der kürzliche verstorbene Senator Gaius hatte ihm zu dem riesigen Vermächtnis, dass Markus Aurelius ihm hinterlassen hatte, verholfen. Das palastartige Haus in Rom, die Ländereien, und einen ungeheuer hohes Vermögen. Er war überrascht gewesen, mehr als das, denn als er von dieser Hinterlassenschaft erfuhr, hatte er bereits beschlossen, erneut die Truppen Roms anzuführen und die Stadt der Intrigen, wo der Geruch des Blutes stets die Luft erfüllte, den Rücken zuzukehren. Doch da war Lucilla, die Frau, die ihm das Leben gerettet hatte. Und Gaius, der ihn beschwor, Rom nicht zu verlassen und den Rang eines Konsuls anzunehmen, so wie der Senat es damals einstimmig beschlossen hatte. Und er hatte nachgegeben und alles angenommen: Titel und Vermögen... Seine linke Schulter schmerzt ein wenig, aber nicht heftig genug, um es nicht ignorieren zu können. Der vielstündige Ritt hat ihn keineswegs gezeichnet. Er füllt seine Lungen mit der Luft seines Landes, das nach Weizen und Sonne riecht. Sie nähern sich dem Pinienwäldchen und der würzige Duft der Schattenspendenden Bäume, unter welchen sich die Gebäude seines Landsitzes weit verstreut befinden, umschmeichelt die Männer mit dem Versprechen auf Ruhe und Rast. Ein paar Kinder kommen ihnen entgegen gerannt, verharren schließlich abwartend am Wegesrand und weichen ein wenig zurück, als die schweren Pferde mit ihren Reitern näher kommen. Das schwere Eichentor öffnet sich und sie gelangen in den weiten Innenhof vor dem Atrium. Maximus wünscht sich, sein Leben hier verbringen zu können. Er hatte den Besitz nach seinen Erinnerungen an das Haus auf den Anhöhen von Trujillo errichten lassen. Der Gedanke an seine ermordete Frau, seinen Sohn, die in der fernen Heimaterde ruhten, zaubert einen wehmütigen Ausdruck auf sein markantes Gesicht. Doch es hatte keinen Sinn, dem Unwiederbringlichen nach zu trauern. Die Zeit der Trauer, die vielen Jahre des ohnmächtigen Schmerzes waren vorbei. Er hatte andere Sorgen, andere Pläne…
Die Leute, die für ihn arbeiten, fürchten ihn nicht. Die ehemaligen Sklaven, die ihm gehörten, sind jetzt Freigelassene. Sie könnten gehen wohin sie wollen, doch ihr Stand ist weitaus sicherer im Schutze seiner Macht, als durchstreiften sie heimatlos das Imperium. Sie dienen ihm bedingungslos und ergeben. Er verabscheut das Sklaventum, das er am eigenen Leib erfahren hatte. Doch diese Institution ganz abzuschaffen, war ein Ding der Unmöglichkeit, auch vom wirtschaftlichen Standpunkt aus gesehen. Sklaven waren die Pfeiler des Imperiums. Sie waren ein Bestandteil Roms und seines Reichtums. Es fehlte an Mitteln und Geld, die Arbeit der Leute zu bezahlen und sie frei zu geben. Und doch gab es genug Herren, die es taten. Freigekaufte Sklaven konnten es weit bringen und selbst zu Reichtum gelangen, wenn ihre Intelligenz ihr Ehrgeiz dafür ausreichte. Jedoch ein Heer von arbeitslosen Menschen aus aller Herren Länder würde das Reich überschwemmen, die niemand bezahlen oder ernähren konnte. So war wenigstens der Lebensunterhalt der Sklaven und das Funktionieren des römischen Staatshaushalts landesweit gesichert, auch wenn es die Menschenwürde jedes Einzelnen untergrub und er der Willkür seines Besitzers ausgeliefert war. Die Zeit war nicht reif, noch nicht, um so schwerwiegende Weltveränderungen zuzulassen, aber im Senat wurde bereits der Vorschlag vorgetragen, Sklaven untereinander heiraten zu lassen, damit sie Familien gründen konnten, was ihnen bisher untersagt geblieben war. Natürlich war der Gedanke vorherrschend, dass so die Zahl der Sklaven anstieg, da die Nachkommenschaft dieser Leute automatisch ebenfalls in den Besitz des jeweiligen Herrn überging!
Maximus beschreitet den Piniengesäumten Weg, der zum Atrium seines Hauses führt, und betritt die kühlen Hallen, gefolgt von seinen Begleitern. Eilig huscht die Dienerschaft durch Gänge und Räume, um dem Hausherrn einen angemessenen Empfang zu bereiten. Wein wird gereicht, frisches Obst. Maximus leert durstig mehrere Becher davon und verlangt ein Bad. Erst danach wollte er mit seinen Männern ruhen und sich laben, bevor er sich mit dem Verwalter zusammen setzte und sich mit ihm über Wirtschaft und Abrechnungen unterhielt. Die nächsten Tage sollten mit Überlegungen und Entscheidungen über seine private Zukunft und der Lucillas ausgefüllt werden. Sie hatte ihm keinen Sohn, keine liebende Tochter geschenkt, so wie er gehofft hatte. Er verdächtigte sie sogar, dass sie alles nur Mögliche getan hatte, damit ihm dieser eine Wunsch, der tiefer geht, als er sich eingestehen möchte, verwehrt blieb. Vielleicht hatte er gehofft, das Lächeln seines ermordeten Sohnes wieder zu finden. Vielleicht entstand dieses Sehnen auch nur aus dem rein egoistischen Bedürfnis, etwas von sich zu hinterlassen, in dieser Welt der Lebenden, wenn er einmal nicht mehr war. Er hatte sich nie richtig den Kopf darüber zerbrochen und mit der Zeit aufgehört, noch an ein Wunder zu glauben. Doch soviel steht bereits jetzt für ihn fest: Er wollte sich von ihr trennen, die Scheidung verlangen und Rom verlassen. Er konnte nichts mehr tun für Rom. Er hatte die Mitte seines Lebens überschritten und seinen Beitrag geleistet. Maximus, der Konsul, sollte wieder zu Maximus, dem Bauern werden.
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Zurück in Rom geht er Lucilla weitgehend aus dem Weg. Er sieht sie nur von weitem und ignoriert ihre kalten Blicke, quittiert diese mit Gleichgültigkeit, mehr nicht. Er hätte ihr nie vertrauen dürfen. Sein Herz hatte seinen Verstand übertrumpft. Schon damals, bevor sie Verus geehelicht hatte. Die weißen Gebäude aus Stein flimmern in der Sonne des späten Vormittags. Er hatte einige Senatoren, von denen er genau wusste, dass sie zu ihm und seinen Ideen standen, zu sich gebeten. Er wollte sie in seine Pläne, die Stadt zu verlassen, einweihen. Alles, was er jetzt noch tun konnte war, sie zu beraten, zu instruieren, und vor allem – vor gewissen Leuten zu warnen. Er liebt es, den Weg allein durch die Stadt zu nehmen, wenn er den Senat im Forum Romanum verlässt. Liebt es, durch Gassen und Strassen zu streifen, in denen mit Waren jeder Art und jedem entfernten Winkel des Reiches gehandelt und um die Preise gefeilscht wird. So manch nützlichen Hinweis auf dunkle Machenschaften konnte er hier bereits aufschnappen, unzufriedenes Gezeter über neuerliche Steuereintreibungen und Kürzung von Prämien seitens der Söldner, wie auch Spekulationen und selbst heimliche Wetten, wie lange Pertinax wohl noch den Platz des Kaisers einnahm, kamen ihm zu Ohren. Maximus, der Held von Rom, flösst dem Pöbel in seiner Position als Konsul mehr Respekt ein denn je. Dennoch halten sich die Einwohner der Stadt nicht hinter dem Zaun mit ihrer Unzufriedenheit und ihrem Missmut. Maximus wollte Pertinax aufsuchen, ihm von Mann zu Mann raten, langsamer vorzugehen, mit seinen Erneuerungen und Steuerreformen. Er sollte sich Zeit lassen mit den Veränderungen, die er anstrebte, und die Menschen nicht brüskieren. Die Kürzungen von Prämien, die der Kaisertreuen Wache, den Prätorianern, seit jeher zustanden, betrachtete er als besonders gefährlich. Der laute Tumult auf dem Sklavenmarkt reißt ihn unliebsam aus seinen angestrengten Überlegungen. Für gewöhnlich umging er das menschenunwürdige, und doch so populäre Treiben dieses Forums. Seine Gedankengänge hatten ihn heute ganz besonders und intensiv beschäftigt, sodass er nicht weiter auf den Weg geachtet hatte. Nun stand er selbst mit den anderen schaulustigen Leuten am Rande des Geschehens und lauschte unwillkürlich dem Feilschen der arabischen Sklavenhändler und ihrer römischen Kundschaft. Sein Blick schweift mitleidig über die Runde armseliger Menschenware. Der blonde Hüne ganz links, würde einen brauchbaren Gladiator abgeben. Auch Pertinax führte den beliebten Volksbrauch der Spiele weiter, wenn auch weitaus bescheidener als Commodus es tat. Das Volk besänftigen. „Panem et Circenses“ – Brot und Spiele. Der Mob verlangte neben Brot auch Blut, um die eigenen Existenzsorgen zu vergessen und es bekam mehr Blut zu sehen als Brot! Vielleicht schickte man den armen Teufel auch in eine der Salzminen. Sein Schicksal scheint beschlossen zu sein. Das verräterische Funkeln in dessen hellen Augen, als er Maximus Blick kreuzt, bedeutet ihm, dass sie es nicht leicht haben würden mit dem Burschen. Sein Wille scheint ungebrochen zu sein, und sein innerer Aufruhr springt den Konsul direkt an. Schon will er sich abwenden, angewidert und verärgert durch sein Gefühl von Machtlosigkeit, als die anpreisende Stimme des Händlers ihn erneut aufmerksam werden lässt: „... und hier haben wir das weibliche Gegenstück von diesem gallischen Prachtexemplar! Wer sie beide nimmt, bekommt sie zum Sonderpreis von dreitausend Dinaren! Ich weiß, dass ich mich selbst damit ruiniere, aber es wäre schade, dieses Geschwisterpaar bester und robustester Abstammung auseinander zu reißen! Sie gemeinsam zu halten, sichert dem Besitzer gute Führung und ein gewisses Entgegenkommen des einen wie des anderen!“ Die Hand des feisten Händlers fährt unmissverständlich über den Rücken einer aufrecht stehenden Frau mit gesenktem Kopf und verweilt sekundenlang auf ihrem Hinterteil, das durch das unförmige, sackartige Gewand von der Farbe zu lang gekochten Haferbreis, kaum erahnen lässt, welche Formen sich darunter verbergen. Eine wirre Flut honigfarbenen Haares bedeckt ihr zu Boden gewandtes Gesicht. Das Gelächter der Umstehenden lässt die Frau aufblicken. Maximus sieht das helle Oval ihres Gesichts, in dem zwei funkelnde Augen stolz in die Runde blicken. Sie haben die Farbe ihres Haares, wie Honig so leuchtend hellbraun, wenn auch mit einer Spur von geschmolzenem Gold. Er kann sich nicht erinnern, jemals Augen in dieser außergewöhnlichen Farbnuance gesehen zu haben. Gebannt starrt er die Sklavin an, die alles andere als gebrochen oder verängstigt wirkt. Vielleicht konnte sie sich auch gut beherrschen. Zorn ist es, der ihn anspringt, Wut, ohnmächtige Wut und Hass. Ihr Blick verweilt nur den Bruchteil einer Sekunde auf ihm, bevor er ebenso verachtend weiter über die Gaffer schweift. Wäre sie keine Frau gewesen, wahrscheinlich hätte sie jetzt dem Sklaventreiber vor die Füße gespuckt, oder gar ins Gesicht. Eine Gallierin also? Sie sah eher aus wie eine dieser nordischen Gottheiten. Wahrscheinlich war sie an einer der nordwestlich gelegenen Küsten zuhause gewesen. Er blickt zurück zu dem Mann, der ihr Bruder zu sein scheint. Die hellen Augen des Mannes sprühen Feuer. Er zischt dem Araber ein paar unverständliche Verwünschungen zu, was ihm den kräftigen Stockschlag eines anderen Sklaventreibers, der die Gefangenen im Auge behält, einträgt. Der Mann reagiert kaum auf die Misshandlung. In Momenten wie diesen schämt Maximus sich, ein Römer zu sein. Rom, diese Stadt, die er erst kennen lernte, als er schon hunderte Schlachten für sie geschlagen hatte, und der er dennoch Herz und Seele verschrieb, hatte ihm alles genommen. Freiheit, Frau und Kind, Verachtung und Verfolgung und fast den Tod! Aber sie hatte ihm auch einen Teil zurückgegeben: Lucillas vergängliche Liebe, den Jubel und die Dankbarkeit des Volkes, Reichtum, Rehabilitation und eine gewisse Macht in seiner Stellung als Konsul. Er könnte Kaiser sein. Vielleicht hatte Lucilla nicht unrecht mit ihren Vorwürfen. Markus Aurelius ein solch voreiliges Versprechen abgegeben zu haben, war sicher nicht der klügste Schritt, den er je in seinem Leben getätigt hatte. Aber er war sich selbst treu, ebenso wie seinem Kaiser, der nicht mehr unter den Lebenden weilte... „Nun?“ ruft der Händler ungeduldig in die Menge. „Was ist? Habt ihr jemals schon ein solches Prachtweib Euer eigen genannt? Jemals einen solchen Stier von Mann in den Reihen Eurer Arbeiter und Untergebenen? Dreitausend sind ein faires Angebot! Einer von ihnen allein ist es schon wert! Was sag’ ich? Zweimal so viel wert!“ Ein paar Arme zeigen aus der Menschengruppe auf und man versucht den Preis zu drücken. Der Händler jammert und stöhnt, spielt sein gesamtes Repertoire als Hungerleidender Kaufmann durch und ringt dabei die Hände. Maximus kann aus den Augenwinkeln heraus sehen, wie der Aufseher des Kolosseums sich nähert. Er braucht sich nicht nach vorn zu drängeln, die Leute machen ihm ehrfurchtsvoll von alleine Platz. „Gaius Magnus!“ begrüßt der Händler erfreut den Neuankömmling. Der feiste Mann mit dem kahl geschorenen Kopf stemmt beide Arme in die Seiten und betrachtet den Hünen interessiert, bevor er langsam den Kopf schüttelt. „Der Mann ist fett, da ist nichts von Muskelkraft an ihm!“ behauptet er mit bestimmter Stimme. Maximus kennt den Mann. Alle kennen ihn. Er selbst war zwar nie Gladiator gewesen, dennoch hat er sich diesen Posten erbeutet, wenn auch mit den Mitteln seiner homosexuellen Neigungen. Er war ein Menschenschinder und seine perverse Neigung für besonders junge Knaben war in aller Munde. Maximus setzt ihn in Gedanken ganz oben auf seine Abschussliste. „Ich gebe Dir tausend für diesen schwammigen Fettberg!“ wirft Gaius Magnus dem Händler hin. „Das Weib interessiert mich nicht! Und den Kerl nehme ich nur, weil ich in einer Notlage bin. Tausend, oder Du bleibst auf Deiner Ware sitzen, alter Halsabschneider!“ Maximus kann den Schrecken in den Augen der jungen Frau sehen, die eine endgültige Trennung von ihrem Bruder befürchtet. „Verkauf die Dirne an ein Freudenhaus“, knüpft der Aufseher hämisch an. „Dort scheint ihr Platz allemal zu sein!“ Flehend streckt die Gallierin ihre Hände in die Richtung ihres Bruders aus, der regungslos, wie auch machtlos im Hintergrund auf den Ausgang des Feilschens um ihn wartet. Sie murmelt undeutliche Worte, die Maximus nicht versteht und der blonde Mann mit einem tröstlichen Kopfnicken quittiert. Er ordnet sie in die Kategorie jener Frauen ein, die lieber ihrem Leben ein Ende setzten, bevor sie sich für die sexuellen Bedürfnisse fremder Männer hergaben. Er zögert nur kurz und tritt nach vorne. Zum Überlegen hat er keine Zeit mehr. Ein erstauntes Murmeln geht durch die Reihen, als man ihn, den Konsul Roms, erkennt. Er hebt kurz die Hand und seine dunkle, feste Stimme ertönt klar und in einem Ton, der keine Widerrede mehr zulässt, über den Platz: „Zweitausendfünfhundert, und ich nehme sie beide!“ Die gebräunte Miene des arabischen Händlers erhellt sich schlagartig. Die gespielte Verzweiflung scheint vergessen zu sein. „Dreitausend, weil Du es bist Maximus, Konsul von Rom!“ Der verärgerte Zwischenruf des Gaius Magnus schneidet ihm das Wort ab: „Ich biete Dir eintausendfünfhundert für den Mann! Mein letztes Angebot!“ „Du sollst die dreitausend haben“, beeilt sich Maximus zu erwidern, ohne den Aufseher des Kolosseums zu beachten. Er behandelt ihn, als wäre er Luft für ihn. Trotz seines gewaltigen Körperumfangs wagt Gaius es nicht, sich Maximus in den Weg zu stellen, oder ihn weiterhin mit Wortgefechten zu attackieren. Er macht einfach kehrt und verschwindet in der Menge, nicht, ohne dabei ein paar Schaulustige grob anzurempeln. Doch niemand wagt es, sich gegen die Pöbeleien aufzulehnen. „Lass beide in mein Haus führen, dort wird man sich um sie kümmern und Dir Deinen Lohn geben!“ Geschäftig versucht der Händler Maximus noch weitere Sklaven aufzuschwatzen, doch der hat sich längst abgewandt. Die Sache war für ihn erledigt. Sollte sich der eine oder andere über seine Barmherzigkeit lustig machen, so würde er es nur im Verborgenen tun. Hätte er es nicht getan, würden die entsetzten, verachtenden Augen der Frau ihn jede Nacht aufs Neue quälen und er keinen Schlaf mehr finden. In Rom wurde täglich mit dieser menschlichen Ware gehandelt. Was lag näher, als dass der Konsul Roms ein paar Sklaven mehr für seine großen Besitztümer benötigte? Er spürt die Blicke der beiden Nordländer in seinem Rücken und macht sich eilig davon, ohne sich auch nur einmal umzublicken. Das Landgut wäre genau der richtige Platz für das Geschwisterpaar.
Die Dienerschaft bewirtet pausenlos die kleine Gesellschaft. Maximus liebt es keineswegs, die eindeutigen Blicke mancher der Männer einfach aus Höflichkeit ignorieren zu müssen, die den weiblichen Bediensteten gelten. Jedermann wusste, dass er den Sklaven in seinem Haushalt die gleichen Rechte zugestand wie freien Arbeitern, also waren die Mädchen weitgehend von den üblichen sexuellen Zugriffen seiner Gäste in Sicherheit. Niemand konnte verlangen, dass sie sich ihnen nach Speis und Trank, nach vielen Bechern Wein und Völlerei freiwillig hingaben. Üblicherweise wurde fleischliche Lust durch versklavte Knaben und Mädchen ohne zu Zögern am Ende eines Gastmahles den geladenen Gästen vom Hausherrn angeboten. Nicht in Maximus’ Haus! Sollten sie doch spätnachts noch ihre Lust in den zahlreichen Freudenhäusern der Stadt befriedigen. Vielleicht ließ sich die eine oder andere Frau auch von großzügigen Entlohnungen verführen, doch das war nicht seine Angelegenheit. Erzwungene Lustbarkeit würde jedenfalls keiner der Herren hier, unter seinem Dach, finden! Er weiß, dass man ihn heimlich seiner menschlichen Großmut wegen verspottet. Jeder römische Bürger hatte das Recht, Sklaven jederzeit unter Achtung gesetzlicher Vorschriften freizulassen – und viele Römer machten davon ausgiebig Gebrauch. Kein Mann in Rom unterhielt ein so großes Gefolge von freien Lohnarbeitern wie Maximus. Die Möglichkeit, genügend Geld zurückzulegen, um sich die Freiheit erkaufen zu können, war eine weitere Chance, der Sklaverei zu entkommen. Manche Sklaven legten allerdings gar keinen Wert darauf, die Freiheit zu erlangen, da sie mit wirtschaftlicher und sozialer Unsicherheit verbunden war. Der Status eines freien Lohnarbeiters war manchmal gefährdeter als der eines Sklaven in einem reichen Haushalt. Sie waren ihm treu ergeben wie niemand sonst. |