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13 – An seiner Seite
Paris. Champs Elysées, 9.30 h, im Vorzimmer des Büros von Bernard Lapierre, Geschäftsmann, und seit kurzem Mitglied der Ehrenlegion Frankreichs. Geehrt vom Präsidenten des Landes, für seine Verdienste in Wirtschaft und Handel.
Der Sekretär nahm Stirn runzelnd die ihm dargebotene Zeitschrift aus Madeleines Händen. Madeleine war seine Schreibkraft und bekannt dafür, dass sie eine Schwäche für den „Patron“ hatte. Nicht nur für ihn, auch für geschwätzige Gossip-Presse und Geschichten über Herz und Schmerz, Reiche und Schöne. Eines dieser Magazine hielt sie ihm nun unter die Nase und fuchtelte damit wie wild herum. „Ich sage Ihnen, Monsieur Favier, das ist sie! Sehen Sie doch genau hin! Haben Sie schon vergessen, wie sie aussieht? Aber wie kommt sie nach Australien? Wurde sie etwa entführt?“ Favier hatte mehr Einblick in Lapierres Privatleben, als Madeleine annehmen konnte. Es hatte ihm nicht immer gefallen, wie sein Boss seine angetraute Frau angesehen hatte. Zwingend, drohend. Er riss ihr die Zeitung aus der Hand und seine scharfen Augen musterten das leicht verschwommene Farbfoto, das beinahe eine volle Seite einnahm. „Unsinn“, stoppte er den Redefluss der Frau, die bereits begann, vor Aufregung rote hektische Flecken am Halsansatz zu bekommen. „Lassen sie den Patron ja damit in Ruhe, verstanden? Er ist endlich über den Verlust seiner Frau hinweg. Es gibt tausende, die ihr ähnlich sehen! Hunderttausende Rotblonde, und die Hälfte davon sitzt wahrscheinlich in Australien! Also halten Sie ihren Mund, ja!“ endete er barsch und faltete entschlossen die Zeitschrift zusammen, bevor die Sekretärin protestieren konnte. Madeleine wollte ihren Verdacht kundtun, ihm sagen, dass es vielleicht dieser Schauspieler selbst war, der sie entführt hatte, was sonst? Alleine diese Vorstellung, von einem Mann dieser Art, etwas verrucht und angeblich ziemlich Sex besessen entführt zu werden, bereitete ihr eine wohlige Gänsehaut auf dem Rücken. „Und jetzt schicken Sie endlich die Emails raus, um die ich Sie gebeten habe!“ Sie unterließ jede weitere Äußerung zu diesem Thema und setzte ihre beleidigte Miene auf. Er wandte ihr den Rücken zu und verschwand in seinem eigenen Büro. Dort nahm er das Bild nochmals genauer in Augenschein. Natürlich war sie das! Aber das musste Lapierre nicht unbedingt erfahren. Serge Favier hatte Gillaine zwar nie viel Aufmerksamkeit oder Interesse entgegen gebracht, aber er erkannte ihr Gesicht sofort und hatte keine Zweifel! Das war sie und saß da irgendwo seelenruhig im Grünen, in einem Pub in Sydney und sprach lachend mit dem Schauspieler, der damals einen ziemlichen Tumult in Paris veranstaltet hatte. Nicht, dass er seinem Patron eine kleine Abreibung nicht vergönnt hätte, aber schließlich musste er dann dessen Launen schlucken, und seine kleine Frau sicher auch! Es war ihm nicht entgangen, dass er sie schlecht behandelt hatte. Favier war so etwas wie die rechte Hand des Geschäftsmannes, auch wenn er nicht in alle, und wie er vermutete, auch illegale Geschäfte Einblick hatte. Dafür schien dieser Anwalt, Bernardini, zuständig zu sein und er beließ es dabei.
Die ganze Sache mit Gillaine, ihrem Verschwinden, der angeblichen Nervenkrankheit und so, hatte ihn schon damals stutzig gemacht. Aber das Privatleben seines Bosses war schließlich nicht sein Bier. Auch nicht, wenn er seine Frau unterdrückte, sie womöglich schlug. Auch wenn ihm das nicht gefiel, auch dann nicht. Er las den Artikel unter dem Photo. Die unbekannte Rotblonde wurde gemeinsam mit dem Star oft gesehen. Aha... Könnte ja irgendwie passen... Aber hat Lapierre sie weg geschickt? Oder hatte sie wirklich den Mut gehabt, diesen Riesenschritt von sich aus zu wagen? Sie musste durch irgendjemanden Hilfe bekommen haben... Ihr Studienfreund, André? Er wusste, dass der junge Mann für längere Zeit nach Ägypten gereist war, aber ausgeschlossen war nichts. Das naive Mädel hatte geglaubt, dieses Techtelmechtel wäre Lapierre verborgen geblieben. Er hatte es mit einem Auge geduldet, nachdem er sich davon überzeugt hat, dass da nichts lief zwischen den beiden. Er erinnerte sich noch gut an Lapierres höhnische Fratze, als er sich über Gillaine lustig machte und protzend hervortat mit den Worten: „Sehen Sie Favier, man muss seine Stuten nur dementsprechend zureiten, damit sie ihren Weg von allein nach hause zurück finden nicht über die Barriere springen!“ Nun gut. Lapierre hatte sich getäuscht. Die Stute fand den Weg irgendwann nicht mehr heim... Wie wohl hatte ihm Crowes Reaktion, als Lapierre Bekanntschaft mit seinen Fäusten machen musste, getan. Am Liebsten hätte er dem hart gesottenen Burschen persönlich die Hand dafür geschüttelt. Doch er hatte, im Gegenteil, den Entrüsteten spielen müssen, auch, wenn ihm nicht danach war! Sein Job war sein Leben und schließlich lebte er gut genug davon....
Tage später ließ Lapierre ihn zu sich ins Büro rufen. „Na, Favier“, fragte er interessiert. „Wie geht es so?“ „Monsieur?“ wollte der Angesprochene einigermaßen verwundert wissen. „Der Wirtschaftsminister erwartet uns um 12.30 h. Ich denke, wenn wir in fünfzehn Minuten los fahren, können wir gerade noch dem Mittagsverkehr ausweichen und schaffen es so leicht, pünktlich ins Ministerium zu gelangen.“ Lapierre winkte ab. „Ich sehe das rot unterstrichen vor mir in meinem Terminkalender, Favier! Ich bin kein Idiot und senil bin ich auch noch nicht! Sie sind ein ausgezeichneter Sekretär, informiert, pünktlich und verlässlich...“, er machte eine Pause und räusperte sich. „...dachte ich bis heute!“ Favier verstand nicht, worauf der Patron hinaus wollte. „Haben Sie mir etwas vorzuwerfen, Monsieur?“ Er war sich keiner Schuld bewusst. „Kommen Sie, Serge“..., führ der Magnat fort. Dass Favier beim Vornamen genannt wurde, fand zum ersten Mal seit den acht Jahren, die er für Lapierre tätig war, statt. Er fühlte sich nicht ganz wohl in seiner Haut und suchte fieberhaft in seinem Gedächtnis, was er wohl hat falsch machen können, dass Lapierre ihn anscheinend für irgendeinen Fehler zur Rechenschaft ziehen wollte. Aber wusste er es nicht längst schon? Ein Seitenblick fiel auf die geschlossene, gepolsterte Tür des Büros. Er war ziemlich sicher, dass Madeleine ihr Ohr am Schlüsselloch hatte und frohlockte insgeheim, dass ihr das auch nicht viel nützen konnte. Durch diese Tür drang kein Laut nach draußen.
„Serge!“ begann der Patron nochmals mit viel zu sanfter Stimme. „Wo ist dieses Scheiß-Magazin, das sie mir vorenthalten haben?“ „Wie bitte?“ Der gereizte Geschäftsmann brüllte los, sprang auf und schob den ledernen Rollenstuhl mit heftiger Wut nach hinten: „Sind sie taub, Mann? Rücken Sie mit diesem Schmierblatt raus, aber dalli! Und sagen Sie mir nicht, Sie wüssten nicht, wovon ich rede!“ „Monsieur“, beschwor ihn Favier. „Madeleine sieht Gespenster. Ich versichere Ihnen, das ist nicht Ihre Frau! Kann es nicht sein, Monsieur!“ „Sieh an“, antworte der Mann süffisant grinsend. „Mein zuverlässiger Mann für alles weiß also, wovon ich spreche, oder? Also her damit und reizen Sie mich nicht noch mehr, Favier!“ „Wie Sie wünschen, Patron“, antworte der Sekretär und riss ruckartig die Bürotür auf, um an dem zurücktaumelnden Büromäuschen Madeleine vorbei, in sein eigenes Office zu stürmen. Ein eisiger Blick traf die Frau, die ihre besten Jahre auch schon hinter sich hatte. Sie rückte verlegen ihre Brille zurecht und machte sich am Kopiergerät zu schaffen. Favier kramte in einer seiner Laden und schnappte sich das abgegriffene Magazin, rubbelte ein wenig daran, um das Bild noch verschwommener aussehen zu lassen, als es bereits war, und machte ein paar große Schritte zurück durch den Couloir ins Büro seines Dienstgebers. Er sah sich an der Tür nach der blass gewordenen Frau um und sagte laut und gut hörbar: „Lassen Sie die Tür offen, Madeleine, dann brauchen sie sich nicht wieder ein rotes Ohr zu holen, wenn Sie lauschen müssen!“ Er wartete keine Reaktion ab und warf Lapierre, der sich abermals in den Sessel hat fallen lassen, das Magazin verächtlich auf den Tisch. „Wenn es das ist, Patron, was Sie interessiert, dann ist ihre Aufregung umsonst gewesen. Sie verlieren Ihre Zeit! Sehen Sie selbst! Das ist nicht Gillaine, ihre Frau! Wenn jemand etwas anderes behauptet hat, dann sollte diese Person ihrer schwindenden Sehkraft wegen, wohl in Rente geschickt werden!“ Madeleine tat ihm zwar leid, aber er war wütend und ärgerte sich über ihr vorlautes Geschwätz. Wie stand er nun da? Wie ein verdammter Verräter! Lapierre hatte seine Brille, die er sonst aus Eitelkeit nie aufsetzte, aus der Jackentasche genommen und betrachtete aufmerksam das Bild. „Hurensohn“, murmelte er kaum hörbar und Favier wusste, er meinte nicht ihn, sondern den Mann an Gillaines Seite, den großen, starken der seine lachenden Augen hinter einer exzentrischen Sonnenbrille verbarg und die Hand nach der Rothaarigen ausstreckte, die ihn fröhlich anlächelte. Lapierre hatte keine Zweifel. Er musste einen hasserfüllten Schrei unterdrücken. So hatte sie ihn nie angesehen, diese Hure! Er hatte nur Anspruch auf ihre verschlossene Miene gehabt, ihre „rühr mich nicht an“ Visage! Jedes Mal, wenn er mit ihr ins Bett ging, hatte er den Eindruck, eine jungfräuliche Nonne unter sich liegen zu haben. Er grinste hämisch: Das war ja immerhin auch ein gewisser Reiz, ihr zu zeigen, was ein echter Mann war... Auch Macht bereitet Lust, wenn auch eine ganz präzise... Dieser lange, weiße Hals, diese unbändigen Locken, die bereits ihre Schultern bedeckten! Und sie trug einen dieser verdammten Sportanzüge, die er ihr immer verboten hatte! Miststück! Verdammtes Weib! Ließ sich jetzt wohl von diesem Wilden aushalten, der sich für Supermann hält! Sie sollte ihn kennen lernen! Anscheinend wusste sie nicht, wozu er fähig war. Er hatte sie schlecht dressiert und diese Erkenntnis machte ihm mehr zu schaffen als der Rest, denn er musste sich sein eigenes Versagen eingestehen.
Er blickte Favier ruhig an, doch der konnte den Mann, der ihn bereits seit vielen Jahren kannte, nicht täuschen. Serge Favier wusste, hörte, dass die Kiefer seines Bosses um Beherrschung ringend knirschten. „Sehen Sie?“ spielte er sein Spiel weiter. Konnte er die Frau nicht in Ruhe lassen? Er hatte ohnehin nie etwas für sie empfunden, außer Besitzerstolz. Was er nicht wissen konnte war, dass diese Eigenschaft eine der wichtigsten und charakteristischsten für Lapierre darstellte. Besitzerstolz! Lapierre nickte langsam. „Sie haben Recht, Favier! Das ist sie nicht. Madeleine sollte wirklich zum Augenarzt gehen. Tut mir leid, aber die Aussicht, doch noch meine Frau aufzuspüren und wieder in die Arme zu schließen, hat mich meine guten Manieren vergessen lassen! Verzeihen Sie mir, Favier! Hier, nehmen Sie ihre Zeitschrift zurück! Wir sollten nun ins Ministerium fahren.“ Er machte Anstalten aufzustehen, und Favier griff sich wieder das Magazin. Er wusste, dass Lapierre ihm etwas vorspielte und er stieg darauf ein. „Es ist ein guter Artikel über die besten Golfplätze Europas drinnen“, erklärte er seinem Chef. „Deshalb habe ich die Zeitschrift behalten!“ „Gut“, erwiderte der Boss. „Geben Sie mir Bescheid, wenn Sie etwas interessantes, wie wir unseren Club ein wenig aufmöbeln könnten, darunter finden!“ Der Sekretär folgte dem etwas kleineren Mann aus dem Büro. Als sie an der blassen Madeleine, die einen Stapel von Briefen ordnete vorbei kamen, wandte sich Lapierre ihr kurz zu, ohne dabei jedoch stehen zu bleiben. „Ach ja, Madeleine! Gehen Sie zum Augenarzt, ich gebe Ihnen dafür heute frei! Es ist beunruhigend, wie sehr ihre Sehkraft in letzter Zeit nachgelassen hat!“ Bernard Lapierre machte keine halben Sachen. Auch wenn Favier das längst gewusst hatte, beunruhigte ihn das dieses Mal mehr denn je und er grinste die betretene Sekretärin aufmunternd an. „Schon gut Madeleine! Ich brauche Sie heut ohnehin nicht mehr! Tun Sie, was der Boss sagt!” Dann verschwanden die Männer und ließen die betretene Bürokraft fassungslos zurück. Sie ergriff erneut das Magazin, das der Sekretär auf seinen Schreibtisch geworfen hat und blätterte die fatale Seite erneut auf. ‚Das ist Gillaine Lapierre’, dachte sie mit Überzeugung. ‚Nicht ich gehöre zum Arzt, sondern diese beiden kurzsichtigen Machos!’ Sie machte sich eine Farbkopie von der Seite und räumte sie ordnungsliebend in eine rosa Mappe, auf die sie in Grossbuchstaben schrieb: GILLAINE LAPIERRE – INFOS.
*****
„Ich habe eine Überraschung für dich, Gil!“ Sie stieg in sein, vor ihrem Haus wartendes Auto und küsste Russell zart auf den Mund. Sein Bart kitzelte sie und sie wäre lieber mit ihm in ihrer kleinen Wohnung geblieben. Sie hätten auf der Terrasse sitzen können und den Mond anschauen, oder sie hätten sich, wie vor zwei Tagen, vor den Fernseher platziert, um dann irgendwo auf dem Teppichboden ineinander verschlungen zu enden, nach einem kampfähnlichen, äußerst einfallsreichen Liebesakt. Sie lächelte liebevoll bei dieser Erinnerung. Er hatte beschlossen, sie auszuführen und sie wollten in einem französischen Fischlokal der feinsten Art speisen. Obwohl ihr nicht ganz wohl bei der Sache war, hatte sie doch zögernd zugestimmt, nachdem Russell ihr erklärt hatte, dass der Besitzer seit über fünfundzwanzig Jahren nicht mehr in Frankreich gewesen war und sie deshalb nichts zu befürchten hatte. Er sei nun mit Leib und Seele Australier, nur seine Kochkünste hatte er als Erinnerung vom alten Kontinent mitgebracht und beibehalten!
„Eine Überraschung?“ fragte sie. Er bestand nur aus Überraschungen, jeder Tag mit ihm war voll davon, jede Nacht brachte neue… „Welche Überraschung?“ wollte sie wissen, während sich sein schnittiger Wagen den Weg aus dem Verkehrsgewühl der City bahnte. „Du darfst raten!“ forderte er sie grinsend auf. Russell liebte diese Spielchen und freute sich wie ein kleiner Junge, wenn er sie ungeduldig zappeln lassen konnte. Doch sie begann ihn immer besser zu durchschauen und oft, wenn sie längst erriet, was er für sie auf Lager hatte, ließ sie ihm die Freude und spielte die nichts Ahnende. Sie liebte die Lachfältchen in seinen Augenwinkeln, wenn er sich diebisch über etwas freute oder ausgelassen lachte wie ein Schuljunge. Sie konnte sich nicht daran satt sehen. Doch diesmal wusste sie es wirklich nicht. „Ihr gebt ein Konzert?“ fragte sie. Er schüttelte den Kopf! „Dafür bleibt mir keine Zeit mehr. Ich muss nächsten Monat nach New York, zu den neuen Dreharbeiten. Das weißt du“. Ja, das wusste sie. Was sie nicht wusste war, wie sie die lange Zeit ohne ihn durchstehen sollte. Seine näher kommende Abreise überschattete ein wenig ihre Freude. „Rate nochmals“. Sie blieb stumm und wollte nicht mehr mitspielen. Er warf ihr einen Blick zu, und er hatte verstand, als er ihr feines, aber ernstes Profil betrachtete. „Hey, Honey“, munterte er sie auf. „Haben wir das nicht schon besprochen? Du wirst mich gelegentlich besuchen und drei Monate sind schließlich auch nicht eine Ewigkeit, okay?“ ‚Na was denn sonst?’ dachte sie. ‚Keine Ewigkeit! Ich drehe hier Däumchen und er ist sechzehn Stunden täglich im Einsatz’. Aber sie wusste, wie hart sein Job war. Von der Schulinspektion hatte sie auch noch keinen Bescheid. Sie rang sich ein Lächeln ab. „Ich weiß, Russ! Aber es ist lang genug für mich!“ „Ja“, sagte er verständnisvoll. “Das habe ich mir auch gedacht. Deswegen habe ich ja diese Überraschung für dich organisiert. Ich denke, sie wird in deinem Sinne sein.“ Er machte eine spannende Pause und hielt hinter den wartenden Autos bei der roten Ampel an. „Ich habe es ermöglicht, dass du einen Platz als Lehrerin bekommst!“ Sie sah ihn fassungslos an, und er grinste, als er sah, wie sehr er sie erneut in Erstaunen versetzen konnte. „Ja! Ein sicherer Job! Das, was du immer tun wolltest! Kleine Kinder tyrannisieren.“ Sie kniff ihn spielerisch in die Seite. „Du glaubst das tue ich?“ „Tun das nicht alle Lehrerinnen?“ fragte er unschuldsvoll. „Weißt du eigentlich, dass ich in meiner Pubertät immer davon geträumt habe, eine Lehrerin flach zu legen?“ Er konnte wohl nie ernst sein und sie sah ihn zweifelnd an. „Im Ernst“, versicherte er. „Ich war ganz scharf auf meine Mathe Lehrerin. Aber ich war verdammt schlecht in Mathematik! Ich hatte also keine Chance bei ihr! Sie hat mich regelrecht gehasst. “ Er sah sie an und kam ihrem Gesicht näher. „Honey, ich bin so scharf auf dich, dass ich am Liebsten auf den nächsten Parkplatz fahren würde, um dir zu beweisen, wie!“ Sie zog sein Gesicht an das ihre und küsste ihn leidenschaftlich. Es erging ihr ja nicht anders. „Tun wir’s doch“, flüsterte sie und strich über seinen Schenkel, der für sie in den engen Jeans besonders aufreizend wirkte. „Du bist mir lieber als alle Hummer, Krabben und Fischgerichte dieser Stadt“, versicherte sie ihm, und erst das ungeduldige Hupen der Autos hinter ihnen, ließ sie zur Vernunft kommen. Russell machte ein unverkennbares Zeichen nach hinten und fluchte. „Verdammte Neider“, knurrte er und fuhr mit kreischenden Reifen über die inzwischen frei gewordene Kreuzung. Er sah im Rückspiegel, dass es nur ein Auto geschafft hatte, die Strasse hinter ihnen zu überqueren. Er frohlockte schadenfroh, als er die genervten Autofahrer protestierend bremsen hörte. „Ich habe einen Bärenhunger“, erklärte er. „Auch nach dir natürlich!“ fügte er fast entschuldigend hinzu. „Aber ich würde gerne vorher meine Magennerven etwas beruhigen, und diesen Tisch zu reservieren, hat Jeff ein gutes Trinkgeld gekostet! Der Laden ist über Wochen hinaus ausgebucht!“ Sie wusste, er wollte ihr eine besondere Freude machen, indem er sie ins ‚Poisson d’or’ ausführte und sie lächelte dankbar. „Natürlich“, stimmte sie zu. „Und dort musst du mir mehr von deinen Plänen, mich in eine Schule zu stecken erzählen, damit du deine sexuellen Phantasien von tyrannischen Lehrerinnen an mir befriedigen kannst!“ Er lachte laut auf und kicherte noch, als sie bereits beim ‚Goldfisch’, am Circular Quai, vorfuhren!
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Sie hob erschrocken und abwehrend die Hand vors Gesicht. Mehrere Blitze zuckten hintereinander in ihre Richtung und die Russells. Der Schauspieler erhob sich und schob den hartnäckigen Fotographen kurzerhand in Richtung Ausgang des bekannten Fischlokals. Nicht eben nette oder aufmunternde Worte begleiteten das Geschehen. Einige der Angestellten waren bereits zur Stelle und bugsierten den Mann, der es schaffte, sogar jetzt noch, mit hocherhobener Kamera, den für die Beiden reservierten Tisch ins Visier zu nehmen und mehrere Male den Auslöser zu drücken, nach draußen. Ein paar saftig derbe Sprüche begleiteten den Paparazzi während seines unfreiwilligen Abgangs aus dem Restaurant. Als Russell wieder seinen Platz einnahm, war Gillaine der Appetit ziemlich vergangen. Sie zitterte ein wenig und blickte immer wieder verunsichert zur Tür. Der Geschäftsführer persönlich entschuldigte sich für den ungebetenen Gast und versprach, jemanden draußen zu postieren, der seinen Gästen ein Maß an Intimität und Ungestörtheit sichern sollte. „Ich weiß, es ist eine verdammt riskante Sache, wenn ich meinen Hintern der Öffentlichkeit präsentiere“, sagte Russell und nahm ihre Hand. „Aber befreie dich endlich von dieser Phobie, unter der du leidest. Ständig lebst du in der Angst erkannt und entdeckt zu werden, love.“ Sie blieb stumm. Er konnte es nicht verstehen und sie wollte ihm nicht weiter mit diesen unüberwindbaren Ängsten auf die Nerven gehen. Also überspielte sie die Sache mehr schlecht als recht und widmete sich ihrem weißen Bordeaux 1999, der ihre exzellente Mahlzeit begleitete. Er wusste natürlich, dass sie tat, was sie konnte, um gegen ihre Angstzustände anzukämpfen, und seine Hilflosigkeit in dieser Sache verärgerte ihn mehr, als er sich eingestand. „Wir sind jetzt bald seit vier Monaten ein Paar“, beschwor er sie. „Man hat uns unzählige Male fotografiert und der Name Isabelle Valdeau ist auch schon mehrmals durch die Presse gegangen. Jedoch nie dein wirklicher Name. Das sollte dir doch endlich eine gewisse Sicherheit verschafft haben, oder?“ Sie nickte nur. „Außerdem“, harkte er nach, „wenn du von deinem Ex loskommen willst, dann müssen wir bald eine Entscheidung treffen, Gil. Bitte, weich’ mir nicht aus! Allein die Vorstellung, du könntest schwanger von mir werden und das Kind wäre rechtlich jenes von diesem Schweinehund Lapierre! Ist es das, was du willst?“ Eisiger Schrecken fuhr ihr in die Glieder! „Um Gottes Willen“, stammelte sie. „Wie kannst du so etwas sagen, Russell! Niemals würde ich das zulassen!“ Er nickte ein wenig verärgert. „Was meinst du mit „nicht zulassen“? Dass du von mir schwanger werden könntest, oder dass du das Kind nie bekämst, oder was sonst? Ich kann dich nicht ewig schonen, Gil, so Leid mir das tut! Bitte wach auf, setze deiner Flucht vor Lapierre und dir selbst ein Ende. Gemeinsam schaffen wir das! Meine Anwälte sind so ziemlich die besten dieses Kontinents.“ „Ich bin nach Französischem Gesetz mit Lapierre verheiratet und ich habe keine Chance gegen ihn! Er hat die wichtigsten Männer des Landes in seiner Tasche“, wiederholte sie zum x-ten Male, doch Russell wollte es nicht wahrhaben, weil er sich das nicht vorstellen konnte.
Was zu Beginn einen besonderer Reiz für ihn dargestellt hatte, nämlich die populäre Frau, eines ihm nicht gerade ans Herz gewachsenen französischen Geschäftsmannes, welcher Art auch immer, zu verführen und an seine Seite zu ziehen, war inzwischen eine Angelegenheit geworden, die ihn zum Überlegen und Nachdenken anspornte. Er spürte, dass da mehr war. Irgendwie war diese Situation ganz von selbst gewachsen. Er hatte nicht viel dazu getan, es war einfach so, dass er sich täglich mehr nach ihr sehnte und es kaum erwarten konnte, sie erneut in die Arme zu schließen. Zu Beginn fand er nichts Besonderes an dieser speziellen und sehr leidenschaftlichen Affäre, die ihn mit ihr verband. Doch vieles hatte sich inzwischen verändert. Er mochte ihre Gesellschaft, wollte sie um sich haben und konnte ziemlich launisch werden, wenn er sie nicht regelmäßig sah. „Lass uns gehen, Schatz“, knurrte er rau und sie war froh, dass sie das Restaurant verlassen konnten. Eine Menge Leute hatte sich bereits, neugierig geworden, nach ihnen umgedreht, und Russell konnte seinen Namen hören, der im Flüsterton weitergegeben wurde, bis ein anschwellendes Raunen durch die Lokalität ging. Sie fuhren durch die hell erleuchtete Stadt, machten Umwege durch den Botanic Garden und fuhren die Docks entlang. Er wollte, dass sie zur Ruhe kam, dass er endlich seinen Ärger loswurde. „Du hast mir noch nichts über die Sache mit der Anstellung erzählt“, meinte sie belanglos, als sie durch die Nacht fuhren. Es war bereits tiefster Winter und die Nachttemperaturen sanken im Juli oft bis auf nur 5°+ Grade ab. Im Auto jedoch war es wohlig warm und sie konnte die Spazierfahrt schon wieder fast genießen, wenn da nicht seine ärgerliche Falte auf der Stirn gewesen wäre. ‚Es ist soweit’, dachte sie ernüchtert. ‚Er hat genug von mir! Ich gehe ihm auf die Nerven. Meine Feigheit, meine Ängstlichkeit, all das kann er nicht verstehen, nicht länger ertragen. Es musste so kommen....’
Tiefe Niedergeschlagenheit erfüllte ihre Sinne und sie sah ihn von der Seite her an. Sein klassisches Profil, die starke, gerade Nase, den sinnlichen Mund und sein, mit wildem Bartwuchs bewachsenes Gesicht. Sie liebte dieses Gesicht, diese kleine Falten in den Augenwinkeln des Mannes, ganz besonders, wenn er lachte oder glucksend kicherte. Darin war er unerreichbar. Sein Kichern ging um die Welt, sein lautloses Grinsen und der Ausdruck seiner intelligenten Augen ebenfalls. Wen ein Blick aus diesen Augen traf, der wurde entweder unsicher, schmolz wie Wachs oder bekam eine Gänsehaut. Sie schienen alles zu sehen diese Augen, auch die verborgensten Absichten, die geheimsten Gedanken... Doch diesmal lachte er nicht. „Wir fahren zu mir und sprechen in Ruhe darüber“, sagt er knapp. „Schließlich ist es eine wichtige Sache, und ich will dir auch nicht irgendetwas einreden. Ich denke, du brauchst eine Aus-Zeit und die könnte dir mein Vorschlag verschaffen!“ Sie hatte sich nicht getäuscht! Eine „Auszeit“, das hatte er eben gesagt. Das klang nicht gut! Eine Auszeit bedeutete für sie den Schlussstrich unter ihrer gemeinsamen Affäre. Nun druckste er herum und wollte noch ein wenig Zeit gewinnen, um sie nicht zu brüskieren. Stünde sie nun auf ihren Beinen, würde sie wanken wie ein gebrochener Ast im Wind, bevor er sich der Naturgewalt ergab und völlig brach, um zu Boden zu stürzen. Nun, was hatte sie erwartet? Irgendwann war das schließlich fällig gewesen. Was sollte Russell mit einer verheirateten Ausländerin, die sich in sein Land unter einem falschen Namen eingeschlichen hatte? Abgesehen davon, dass sie sich gut verstanden hatten, er war kein Mann für nur eine Frau und eine einzige Beziehung. Sie war ihm deswegen nicht böse und schwieg. Die verlebte Zeit an seiner Seite war mehr als sie je zu hoffen gewagt hatte. Sie blieb still und er schrieb dies ihrer freudigen Erwartung zu, mehr von ihm zu erfahren. Der Wagen rollte durch das sich öffnende Tor und fuhr die Auffahrt zum Haus hoch. Er mixte ihr einen Drink und sie hockte sich auf das Kamel lederne, runde Ding, das er aus Marokko mitgebracht hatte, vor den Kamin, der in rot glühender Pracht behagliche Wärme von sich gab. Man hatte den Ofen vorsorglich mit Holzklötzen voll gepackt, damit der Hausherr sein Heim warm und gemütlich vorfand.
Carry wohnte auf dem Grundstück, wenn auch nicht im Haus selbst und es gab noch den Sicherheitsbeamten Jeff, eher mehr Hausmeister, der so eine Art Verwalter des Anwesens war, aber auch ein sehr guter Kumpel Russells. Er kümmerte sich um die Beschaffung von Vorräten jeder Art, kontaktierte Personal, wenn es nötig war, Partyservice, Gärtner, erledigte eben all den Kram, für den Leute wie Crowe selbst keine Zeit fanden. Eine ganz Menge Menschen lebte gut durch die Dienste, die sie für und bei Crowe versahen.
Sie rieb ihre kalten Hände aneinander und er betrachtete sie interessiert, während er etwas Juice in ihren Wodka rührte. Ihr Haar schimmerte ebenso feurig wie die tanzenden Flammen auf den prasselnden Holzscheiten, und goldene Reflexe ließen es lebendig und lodernd erscheinen. Ihr zartes Profil schien wie aus Alabaster gemeißelt und er spürte, wie sehr er sie begehrte. Nur mit Anstrengung widerstand er dem Impuls ihre vereinzelten Sommersprossen auf ihrer Nase zu küssen. Sie wirkte nun viel jünger als damals in Paris. Aber auch verletzlicher... Er sah ihr zu, wie sie sich aus ihrer Jacke schälte und ihre Arme in der seidigen, dunklen Bluse dem Feuer entgegen streckte. Ihre Bewegungen waren anmutig, fast überirdisch und er schalt sich einen sentimentalen Idioten, seinen ungewohnt romantischen Vorstellungen derart freien Lauf zu lassen. Es passte nicht zu ihm. ‚Meine keltische Zauberin’, dachte er dennoch lächelnd.
Unbewusst warf sie ihr Haar zurück in den Nacken und wandte sich dem Feuer zu. Er starrte auf ihren geraden Rücken und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glas. Sein Blick wanderte nach unten, sein Auge erfreute sich an ihrer schmalen Taille und dem runden, wohlgeformten Gesäß, das er in den schwarzen Satinhosen besonders sexy fand. Ihre langen Beine steckten in kleinen Stiefeletten. Sie bückte sich, bot seinem Blick ihre Rundungen unbewusst noch einladender dar und befreite sich erst von dem einen Schuhwerk, dann von dem anderen. Er schluckte schwer und spürte wie das heiße Gefühl der Erregung seine Lenden erfasste. Siedend heiß. Er wollte erst mit ihr sprechen, doch sein Verlangen übermannte ihn. „Tu weiter“, bat er leise. Sie sah sich verständnislos um, und als sie in seine begehrlichen Augen sah, wusste sie, was er gemeint hatte. Mit dem Gesicht zum Feuer gewandt, kam sie seinem Wunsch nach, knöpfte ihre Bluse auf und schälte sich aus dem zarten, dunklen Gewebe. Was er nicht sehen konnte, waren ihre Tränen, die stumm über ihre Wangen liefen. Wahrscheinlich wollte er sie ein letztes Mal lieben, bevor er ihr die versprochene „Aus-Zeit“ gab. Sie schlüpfte aus ihrer engen Hose, den Strümpfen und String, bis sie nur in dem kurzen Dessous da stand, ohne sich nach ihm umzublicken.
Er kam lautlos hinter sie, reichte ihr das Glas über die Schulter und sein Blick streifte genussvoll die Spitzen ihrer lockenden Brüste unter dem feinen Stoff des seidenen Hemdchens, das kaum bis zu ihren Hüften reichte. Das warme Feuer des Kamins hatte ihre Tränen getrocknet und sie sehnte sich danach, dass er sie ein letztes Mal in den Arm nahm. Sie trank ihr Glas mit kleinen Schlucken leer, während er seine Hände unter das aufreizende Dessous geschoben hatte und ihre Brüste ertastete, sie genüsslich knetete. Sie spürte, wie er sich lustvoll an ihr rieb und stellte das leere Glas auf das Kaminsims. Ihr Körper war heiß vom Feuer und es hielt ihn nicht länger, sie auf der Stelle zu besitzen. Er war ebenfalls ungeduldig aus seinen Kleidern geschlüpft, und sie konnte nun seine warme Haut auf der ihren spüren, seinen drängenden Schenkel, der sich zwischen ihre Beine schob, um sie für ihn bereit zu machen. Eine Vielzahl von weichen, zärtlichen Küssen bedeckte ihre Schulten, ihren Hals und seine Hände wanderten streichelnd über ihren Bauch, liebkosten ihren feuchten Schoss und sie stöhnte vor unterdrückter Lust auf. „Gil“, flüsterte er und küsste ihr Ohrläppchen zwischen den Worten, die er ihr gestand: „Ich bin so heiß. Du bist pures Feuer für mich. Komm, lass uns nicht länger warten.“
Sie ließ zu, dass er sie auf die einladende Wohnecke drängte und sie mit seinem Gewicht darauf niederdrückte. Sein keuchender Atem, Zeugnis seines Verlangens nach ihr, klang wie betörende Musik in ihren Ohren. Er füllte erneut und kraftvoll, ihr sich nach ihm verzehrendes Fleisch, mit seiner pochenden Härte, brachte ihr in kürzester Zeit einen verzweifelten, lodernden Höhepunkt, und sie empfing den Nektar seiner Lust, den er hemmungslos und erlöst in sie pumpte, bis sie still aufeinander liegen blieben und die Wogen ihrer gemeinsam erlebten Empfindungen abklingen ließen. Sie hatte ihre Hände in die weichen Lederpolster gekrallt und die Gewissheit, dass dies wohl der letzte Gnadenstoss seines Verlangens nach ihr gewesen war, wünschte sie sich weit fort, in ein anderes Universum, ein anderes Leben.
*****
Sie schlief noch tief, als er, getrieben von einem Gefühl der Verwirrung, in sein Bad ging und duschte. Zu viele Gedanken gingen durch seinen Kopf. Gedanken, mit welchen er nicht richtig fertig wurde. Die er nicht geplant hatte. Als er in den Spiegel blickte, begann er in Gedanken ein Selbstgespräch mit seinem Spiegelbild und gestand sich ein, dass er über eine einfache Beziehung, wie er sie für gewöhnlich eine Zeitlang mit einer Frau führte, bei Gillaine längst hinaus war. „Shit“, schnauzte er sich selbst an. „Verdammt! Ich glaube, ich liebe diese verrückte Frau!“ Ihr ewiges „in den Rückspiegel schauen“, ihre fahrigen Bewegungen, ihr Gesicht vor den Blicken anderer schützen zu wollen, wenn sie sich unter Leuten befanden, und ihre großen, ängstlichen Augen, wenn sie sich andauernd umsah, ob sie nicht schon von irgendwelchen Handlagern Lapierres verfolgt wurde, machten ihn oft nervös, ja ärgerlich. Da war niemand, den er für sie erledigen, ausschalten konnte. Da waren nur die Phantome, die sie heimsuchten, und gegen die kam er nicht auf. Nicht mit Fäusten und nicht mit Worten. Doch er blieb ihr gegenüber ruhig und versuchte nur hier und da, sie dazu zu bewegen, mit ihm auf die französische Botschaft zu gehen und dort ihren Sack aus zu leeren. Sie reagierte jedes Mal mit panischer Ablehnung auf seine Vorschläge. Schließlich unterließ er es, sie weiter zu bedrängen.
Was Frauenbeziehungen anging, war er mit allen Wassern gewaschen. Er war Begleiter der schönsten und sinnlichsten Frauen Hollywoods gewesen, hat seine Filmpartnerinnen verführt und sich auf Partys in aller Welt mit jeder Art von Weiblichkeit vergnügt. Er war ein beliebtes Objekt für Sensationsjäger, ihr Liebling, einer, der ihre Seiten füllte mit Skandalgeschichten, die nicht immer auf Wahrheit beruhten. Es scherte ihn wenig. Es gab Zeiten, da hatten ihn die Falschmeldungen verletzt, besonders, wenn auch andere Menschen, die ihm nahe standen, davon betroffen waren. Auch wenn er oft schlecht genug da stand, er war immer wieder Schlagzeilenfüller und weltweit dadurch präsent. Diese Art von Publicity war nicht gerade das, was er brauchte, aber er war ein selbstsicherer Mann, der an sich und seine Ambitionen glaubte und nichts anderes zählte für ihn. Bis jetzt zumindest...
Als er nach dieser ersten Nacht Gillaine angeboten hatte, bei ihm zu bleiben, dachte er nicht weiter darüber nach. Sie gefiel ihm außerordentlich, war anders als das, was er bereits an Frauen konsumiert hatte. Sie hatte ihm die größte Lust bereitet, was ihm nicht unwichtig erschien. Dass sie erst vor ihm zurück gewichen war, das war sicher auch ein gewisser Punkt gewesen, der sie attraktiver für ihn machte, begehrlicher. Jäger und Sammler, das alte Lied. So alt, wie die Zeit selbst. Für gewöhnlich genügte ein Lächeln, eine Geste, um der Frau an seiner Seite klar zu machen, was er von ihr wollte, und es hatte bisher auch immer funktioniert. Sie wollten ihn ebenso wie er sie begehrte. So war seine Sammlung beträchtlich angestiegen. Er nahm, was ihm geboten wurde und es wurde ihm viel geboten. ‚Abfuhr’ war bislang für ihn ein Fremdwort gewesen. Der Abend in Paris hatte ebenfalls seine pikanten Akzente in sein Bewusstsein gesetzt. Er war fasziniert gewesen von der Frau, die seiner Meinung nach nicht an die Seite des überheblichen Möchtegern-Weltmanns passte.
Die Tage vergingen, Wochen. Gil und er wurden unzertrennlich, waren ziemlich verantwortungsfrei, er zwar nur vorübergehend, sie ohnehin, und ihre gemeinsam verbrachte Zeit glich einem Rausch von Fröhlichkeit, Abenteuer und lustvollem Sex. Er wartete auf den Moment, dass er ihrer einmal überdrüssig wurde, doch genau das Gegenteil trat ein. Je länger er sie kannte und je öfter er sich mit ihr traf, umso mehr prägte sich das ständig anwachsende Gefühl, dass sie für ihn bestimmt war, in sein Bewusstsein ein. Er war in der Mitte seines Lebens angekommen und eine bisher unterdrückte Sehnsucht nach einer Partnerin, die ihn ergänzte und zu ihm hielt, egal was auf ihn zukommen mochte, machte sich mehr und mehr bemerkbar. Aber auch der Wunsch nach eigenen Kids, nach kleinen, süßen Babys, die er selbst in Liebe gezeugt hatte und heranwachsen sah, sie auf das Leben vorbereiten und stolz auf seine Leistung als einfacher Vater sein konnte, empfand er viel stärker als vor seiner Beziehung mit Gil.
So stand er also vor seinem Spiegel, der die eine Wand in seinem ganz persönlichen Bad in der Villa der Elizabeth Bay einnahm und stierte sich mit seinen hellgrünen Augen unzufrieden selbst an. Er schnitt eine Grimasse und brummte erneut einen Fluch. Er wusste nur zu gut, was sie für ihn empfand und er hatte beschlossen, dass sie von seinen Gefühlen auch erfahren sollte. Nicht, dass er in sie verliebt war, denn das wusste sie längst. Auch nicht, dass er sie einfach umwerfend fand, geistreich, dass er ihre Gesellschaft liebte und er sie für die schönste Frau hielt, der er je begegnet war. Es saß tiefer. Sie musste sich darüber klar werden, dass er sein Leben nur mehr durch sie sah. Sie stand an erster Stelle in seinem Geist, seiner Seele und er hatte vor, sich nie mehr von ihr zu trennen. Was das bedeutete, daran wagte er nicht zu denken, denn er hatte selbst keine genaue Vorstellung davon. Unwillig warf er sein Badetuch gegen den Spiegel und stapfte aus dem Bad.
Sie schlief auf der Seite, eingerollt wie ein kleines Pelztierchen und wirkte so verletzlich. Allein der Gedanke daran, was Lapierre alles mit ihr angestellt haben mochte, ließ ihn vor Wut erzittern! Er war froh darüber, dass sie ihm Details erspart hatte. Er hätte es nicht ertragen können, sie zu hören! Die Ahnung, dass er sie in der Premierennacht für seine Schmach niederträchtig hat bezahlen lassen, schnürte ihm die Luft ab. Er verabscheute Männer, die ihre Frauen unterjochten und ihnen Gewalt antaten ebenso wie Tierquäler. Ein ausgeprägter Beschützerinstinkt erfasste den hart gesottenen Mann und er glitt neben sie unter die warme Daunendecke, nahm sie in den Arm und hielt sie fest wie ein Kind. Ihr Körper war weich und anschmiegsam. Sie murmelte irgendetwas in Französisch und barg ihren Kopf an seiner Brust. Ihr warmer Atem streichelte seine Haut und er senkte sein Gesicht in die Fülle ihres Haares, das nach Pfirsichblüten roch. Er würde die Sache in die Hand nehmen! Sie musste nicht gleich davon erfahren, denn sie wäre nicht da mit einverstanden. War der Zug erst einmal abgefahren, dann konnte sie nicht mehr abspringen und gemeinsam mit ihrer Hilfe würde er sie von dem Monster im maßgeschneiderten Smoking für immer loseisen. „Schlaf, Honey“, murmelte er und überdachte die nächsten Schritte, die er einleiten musste, um sie frei zu bekommen, frei für ihn, für eine Zukunft an seiner Seite.
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14 – Ein erster Schritt
Gillaine erwachte in seinen Armen. Sie hatte länger geschlafen als sonst. Jedoch schlecht geschlafen. Erst gegen Morgen war sie in diesen erschöpften Zustand gesunken, wie ihn schlaflose Nächte anschließend meist brachten. Sie genoss seine Wärme und Berührung, und wünschte, seine angekündigte „Aus-Zeit“ wäre nur ein schlechter Traum gewesen. Doch seine unwillige Stimme und jedes seiner Worte hatten sich tief in ihr eingeprägt. Es gab kein Zurück. Aus war aus! Als er sah, dass sie wach war, lächelte er zerstreut und fragte, ob sie Hunger habe. Sie verneinte. Sie wollte es rasch hinter sich bringen. Sie mahnte sich zur Ruhe, zur äußerlichen Gleichgültigkeit und bat ihn, ihr von seinen Plänen, die er im Bezug auf sie gefasst hatte, zu erzählen. „Ich hab’ dir doch oft genug von meiner Farm erzählt, nicht?“ Sie nickte. „Sie liegt bei einer Kleinstadt, und das ist ein Kompliment für das Kaff, von dem die Rede ist. Nana Glen. Ich bin sicher, kaum einer in unserer Region hat je von dem Ort gehört. Aber es gibt ihn und ich mag den kleinen, unauffälligen Fleck mit seinen einfachen Leuten, meist Bauern und Farmer, die dort angesiedelt sind.“ Er suchte nach seinen Zigaretten auf dem kleinen Beistelltisch neben dem Bett, doch er zündete sie nicht an, als er sich eine davon zwischen die Lippen steckte. Er sprach weiter und die Zigarette hüpfte dabei lustig auf und ab. Sie registrierte all das, ohne es zu erfassen. Warum erzählte er ihr von der Farm und dem kleinen Ort in der Nähe? „Eigentlich wollte ich dich schon lange mit nach Hause nehmen“, erklärte er ihr, und sie sah keinen Sinn in dem Gespräch, denn er hatte es ja nicht getan. Doch allein noch ein wenig seine Stimme zu hören, bedeutete ihr viel und so unterbrach sie ihn nicht. Die Vergangenheit hatte sie gelehrt, auch aus den hoffnungslosesten Situationen noch ein Körnchen Zuversicht zu retten. Ungeduldig nahm er die Zigarette und warf sie in den Aschenbecher. „Aber irgendwie ist mir andauernd etwas dazwischen gekommen“, fuhr er fort. „Ich werde das jetzt nachholen. Ich werde dich dorthin begleiten, denn ich habe mir gedacht, dass du die ideale Lehrerin für die Jüngsten unserer Schule, die wir erst kürzlich erbauen haben lassen, sein könntest. Ich war finanziell am Bau der Schule beteiligt und habe also ein Wort mitzureden. Mein Vorschlag, den Kleinsten bereits in frühen Jahren eine Fremdsprache beizubringen, wurde von den Eltern ziemlich begeistert aufgenommen. Du könntest deinen Unterricht zweisprachig aufbauen, ich meine, nur weil wir auf dem Lande sitzen zwischen Kuhfladen und Hühnerdreck, müssen unsere Kinder nicht unbedingt ungebildeter bleiben als die Kids in den Städten!“ Er sprach mit soviel Hingabe, als würde es sich um seine eigenen Sprösslinge dabei handeln. „Natürlich nur, wenn dir das passt und du vorläufig auf Sydney und Grosstadtleben verzichten kannst. Ich meine, du kannst ja beliebig oft herkommen, wenn dir danach ist. So weit ist es nun auch wieder nicht! Was sagst du dazu?“
Sie wusste nicht, was er damit bezwecken wollte. Was hatte er da vor? Wozu kümmerte er sich um eine Anstellung für sie? Was wollte er noch von ihr? Einfach gut da stehen, wenn er sie zum Teufel gejagt hatte? Sie nagte nicht am Hungertuch, wollte sich nur gebraucht fühlen, eine Aufgabe erfüllen, die es wert war, erfüllt zu werden. „Ich weiß nicht“, begann sie vorsichtig. Er räusperte sich. Wahrscheinlich hatte er mit mehr Enthusiasmus ihrerseits gerechnet. „Natürlich ist es nicht wie hier. Aber es ist einiges los da oben, nur wenige Meilen von der Gold Coast entfernt, weißt du? Wir haben eine Menge Leute da oben, Urlauber, Sportler, - nicht gerade High Life, aber genug Fun für die freien Stunden des Tages. Und dann gibt es ja auch noch die Farm. Ich dachte, du könntest dort wohnen.“ „Dort wohnen“, wiederholte sie überflüssiger Weise. Er wollte sie auf seiner Farm wohnen lassen? „Und die Aus-Zeit, die ich deiner Meinung nach brauche?“ wollte sie leicht ironisch, doch eher verbittert wissen. Ihr Unglück drohte ihre Kehle abzudrücken. Wie sollte sie jetzt ohne ihn weiterleben? War das möglich? Konnte sie einfach gehen und so tun als wäre da nie etwas gewesen? „Eben deshalb“, erklärte er. „Genau deswegen, Gil. Du musst raus hier, weg von dem Trubel, den Fotografen, die dich jedes Mal, wenn sie uns miteinander sehen und ablichten, in Angst und Schrecken versetzen! Weg von den Menschenmassen, die du fürchtest, weil du unsicher bist, ob nicht einer davon Lapierres Spion sein könnte!“ Sie blickte ihn fassungslos an. „Das meintest du also mit Aus-Zeit?“ „Natürlich, was denn sonst, Gil? Es kann ja nicht ewig so weiter gehen, das wirst du doch auch einsehen, oder? Willst du nie ganz frei sein? Willst du ewig davonlaufen? Willst du nicht frei sein für mich? Für uns? Für eine gemeinsame Zukunft?” Er blickte sie eindringlich an und spürte, wie aufgeregt sie war. Ihr Puls raste und kleine helle Punkte tanzten vor ihren Augen. „Aber ich dachte, du willst mich verlassen...! Unter Aus-Zeit verstand ich etwas ganz anderes!” Erst jetzt bemerkte er ihren Kummer, ihre Bewegung. Die Erleichterung in ihren Augen, ihrer Stimme rührte ihn. Er grinste sie an: „In der englischen Sprache gibt es wohl ein paar feine Nuancen, die du leicht missverstehen kannst, Gil! Dachtest du etwa, ich wollte dich loswerden, oder was?“ Er las in ihren Augen, dass er den Nagel auf den Kopf getroffen hatte. „Eine furchtbare Vorstellung, love! Ich bin vollkommen verrückt nach dir, verdammt! Willst du denn, das es aus ist?“ Sein männliches Ego hatte es ihm verboten, je in Erwägung zu ziehen, dass auch sie einmal genug haben könnte von seiner Schnauze. Obwohl ihm auch das bei Frauen schon passiert war, selbst, wenn er sich nur ungern daran zurück erinnerte... Sie schüttelte wortlos den Kopf. Ihre trostlosen Befürchtungen, die fast zur Gewissheit geworden waren, verwandelten sich in bodenlose Erleichterung. Sie klammerte sich an seine Arme, froh darüber, nicht auf schwankendem Boden stehen zu müssen, sondern seine wundersame Mitteilung im Liegen anzuhören. Seine Worte waren wie warmer Honig in ihr Bewusstsein getröpfelt. Sie blinzelte zweifelnd und versuchte zu verstehen, was das Ausmaß seiner Idee für sie darstellte: Sie sollte auf seiner Farm wohnen, womöglich mit seiner Familie, und sie würde die Kinder seines Heimatortes unterrichten. Sie konnte dort auf ihn warten, wenn er unterwegs war und seine Verpflichtungen ihn weg riefen. Sie konnte ihn willkommen heißen, wenn er wieder kam und sie war geschützt vor neugierigen Fotografen oder Spitzeln jeder Art.
War es das, was er ihr damit zu sagen versuchte? Er hatte nicht die Nase voll von ihr, im Gegenteil, er wollte ihr helfen, hatte eine Lösung für sie gesucht und gefunden! Sie musste erst lernen, ihm zu vertrauen... „Wie konntest du annehmen, dass ich dich los werden will, Gil“, murmelte er und zog sie auf sich. Wie könnte er je wieder auf dieses zarte Gesicht unter diesen widerspenstigen, rotgoldenen Locken, diesen lockenden Kirschmund, der ihn verzauberte, verzichten? Auf diesen weichen, wie für ihn geschaffenen Körper mit seinen Rundungen, Biegungen, seinem Magnetismus, den er auf den seinen ausübte? „Ich muss feststellen, dass du mich sehr wenig kennst. Das ist traurig und ich meine, was ich sage, love! Ich hab’ viel nachgedacht in letzter Zeit. Über uns, über dich und mich und was wir gemeinsam tun könnten, tun sollten. Ich will mir mein Leben ohne dich an meiner Seite nicht mehr vorstellen! Es wird Zeit, dass ich etwas zur Ruhe komme, vielleicht eine Familie gründe und mich wichtigeren Dingen zuwende als weiterhin den Hellraiser vom Dienst zu mimen. Verstehst du, was ich damit sagen will, Kleines?“ „Du liebst mich, Russell?“ wollte sie mit verklärtem Blick wissen. „Du willst, dass ich bei dir bleibe?“ Er nickte ernsthaft und streichelte ihre Rückseite. „So könnte man es nennen“, bestätigte er murmelnd. Seine Augen blickten sie ernsthaft an, ihre Wimpern berührten sich kosend, als er sanft fort fuhr: „Ja, das will ich! Lass es uns versuchen, Gil! Ich bin fast sicher, das kann klappen mit uns! Ich habe keine Frau vor dir getroffen, die mir mehr bedeutet hat als du, und mit der ich mich besser verstand als mit dir!“ Er grinste. „Außer meine Mum!“ Ihr Mund drückte kleine, feuchte Küsse auf sein Gesicht, sein Kinn, seine verlockenden Lippen, und er wollte mehr, zwang sie zu einem leidenschaftlichen Kuss, der seine Worte besiegeln sollte. Die Glückswelle, die sie erfasst hatte, ließ sie hemmungslos auf sein neu entfachtes Begehren reagieren. Sie öffnete sich ihm verlangend, und zwang ihn sanft in ihren Schoss. Er schloss die Augen und genoss ihren Ritt auf seinen Hüften, der sich seiner anschwellenden Wollust anzupassen schien. „Sag es mir, Darling“, murmelte sie, als sie spürte, wie knapp er davor stand in ihr zu explodieren. „Sag es mir, jetzt!“ Er keuchte und verschränkte seine Arme hinter ihrem Rücken. Sein Becken schwang sich ihr stoßweise entgegen und auf dem Gipfel seiner Lust stammelte er ihr verzückt, über die maßlose Befreiung seiner selbst, ins Ohr, dass er sie liebte, mehr als alles andere auf der Welt.
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Seine eingestandene Liebe hatte ihr Flügel verliehen. Machte sie stark und furchtlos. An seiner Seite musste sie sich seiner Gunst würdig erweisen. Deshalb stimmte sie zu, als Russell, fest entschlossen, ihr „Nein“ nicht mehr zu dulden, sie dazu aufforderte, ihn zur Botschaft ihres Heimatlandes zu begleiten. Sie hatte zuvor einer Unterredung mit zwei seiner besten Anwälte zugestimmt und ihnen stockend einen aufschlussreichen Bericht über Einzelheiten ihrer Beziehung zu Lapierre geliefert. Russell kam ihrem Wunsch nach, der Unterredung nicht beizuwohnen. Sie schämte sich ihrer Erniedrigung wegen, ihrer Dummheit, Trägheit und der Würdelosigkeit, mit der sie alles Jahre lang wortlos und ohne Protest hingenommen hatte. Sie wollte vermeiden, dass er die Details ihrer brutalen Vergewaltigungen kannte, sie hatte Angst, dass er es nicht ertragen könnte, sich diese Dinge vorzustellen. Männer waren da eigen. Männer sprachen immer einen Teil der Verantwortung in dieser Sache den betroffenen Frauen zu. Es lag an ihrer Psyche, sie funktionierte anders, als jene der Frauen. Vielleicht war er anders, aber sie ging kein Risiko ein. Einer der Anwälte war eine Frau und das machte die Sache leichter für sie. Man würde diese schmutzigen Sachen erst auffahren, wenn Lapierre sich weigerte einer Scheidung zuzustimmen. Sie hatte den Wunsch geäußert, so wenig wie möglich behelligt zu werden und keine Forderungen zu stellen, was den Anwälten nicht richtig einleuchtete. Die Anwälte schüttelten den Kopf, als sie von Lapierres Projekt, ihr jedes Mutterrecht über zukünftige, gemeinsame Kinder von vornherein zu entziehen, erfuhren. Sie klärten Gillaine auf, dass es unmöglich war, ein rechtskräftiges Abkommen dieser perversen Art zu schließen. Man hatte sie verhökert, verunsichert, erpresst, und sie war auf den Schwindel, den Bernardini und Lapierre sich ausgeheckt hatten, reingefallen. Sie war naiv und weltfremd gewesen! Und sie schämte sich fast ein bisschen dafür. Am Ende der Unterredung, die auf Tonband aufgezeichnet wurde, machte man sie darauf aufmerksam, dass sie ein Delikt begangen habe, als sie mit falschen Papieren einreiste. Sie wusste es nur zu gut, aber man versprach, dass ihr Vergehen in Anbetracht der Umstände, die sie dazu gezwungen hatten eine falsche Identität anzunehmen, sicher für nichtig erklärt würde. Nun musste sie es durchstehen und es gab kein Umkehren. „Ich will nichts von ihm“, hatte sie bescheiden, aber aufrichtig erklärt. „Ich will nur meine Freiheit und meinen Mädchennamen wieder zurück, das ist alles.“ „Wenn sie Anspruch auf Abfindung haben, werden Sie diese selbstverständlich annehmen, Gillaine“, erklärte ihr die Anwältin freundlich. „Das kann eine lange Sache werden und wir werden Sie dabei voll unterstützen und begleiten, haben Sie keine Furcht!“ Wie ein Stein fiel die Bürde der Angst von ihrer Seele. Nicht ganz, aber immerhin fühlte sie sich bereits bedeutend leichter und war froh, einstweilige Papiere zu bekommen, die sie unter ihrem wahren Namen unterrichten ließen. Die Leute auf der Botschaft waren erst etwas befremdet, als sie die banale Geschichte einer kaputten Ehe mit anhörten. Bernard Lapierre wurde nicht gerne belästigt. Doch die Überzeugungskraft ihrer Aussage, wie auch die der Anwälte, stimmte sie zugänglicher und kooperationsbereiter.
Umso mehr verwundert war sie, als sie eine Vorladung von Interpol bekam. Russell beruhigte sie, der anfängliche Schrecken wandelte sich bald in Gelassenheit. Sie konnte sich nicht erklären, was diese Jäger des internationalen Verbrechens von ihr wollten. Die Anwälte erklärten, dass Lapierre seit längerer Zeit von Interpol überwacht wurde. Er war auffällig geworden, als er eine nicht zu identifizierende Schiffsladung von Waffen abstritt, die in Toulon für ihn eingelaufen war. Das Schiff hatte Handelsware aus China geladen und trotz genauer Spurensuche blieb die Entdeckung der Waffen allseits ein Rätsel. Es war nur Zufall, dass man bei der Löschung des Schiffes auf die gut versteckten Kisten stieß. Interpol hatte durch anonyme Anrufe einen Tipp erhalten, doch Lapierre konnte sich abermals aus der Affäre ziehen, da man ihm keinerlei Zusammenhang mit den geschmuggelten Kriegswaffen nachweisen konnte. Es bestand dennoch der dringende Verdacht, dass diese Waffen für terroristische Zwecke im Land selbst bestimmt waren. Sobald das Wort Terrorismus fiel, brach bei den Behörden Panik aus, und so auch in diesem Fall. So lautete die Erklärung der Männer im Büro der Detektivs. Lapierre hatte sich darauf ausgeredet, dass die Ladung beim Verlassen des Hafens von Hongkong gründlich durchsucht und kontrolliert worden war. Die Papiere waren in Ordnung gewesen. Wenn man unterwegs schmutzige Geschäfte gemacht hatte, war das nicht seine Schuld. Der chinesische Kapitän schwieg sich aus und wurde nach China abgeschoben, nachdem die Untersuchungshaft zu Ende gegangen war. Man hatte nichts von ihm erfahren können. Doch so leicht würden die Sicherheitsbehörden nicht aufgeben. Lapierre wurde genauer unter die Lupe genommen...
Ganz nahmen die weltweiten Fahnder dem Geschäftsmann seine weiße Weste dennoch nicht ab und es wurden heimliche Ermittlungen eingeleitet, nicht zuletzt auch durch die Steuerfahndung Frankreichs. Immer mehr Behörden begannen Interesse an Lapierres Machenschaften zu zeigen. Auch jene, mit deren Führern er befreundet war. Keiner davon wollte wirklich in einen Skandal verstrickt werden oder Schlimmeres. Verdeckt natürlich und ganz diskret, wurden die Untersuchungen in alle nur erdenklichen Richtungen ausgedehnt. Verschiedene Fakten in Lapierres Büchern schienen nicht ganz durchschaubar und der Verdacht auf mehrere einschneidende Vergehen gegen den Staat und ganz Europa bestand ziemlich glaubhaft. Schmuggel, Schwarzhandel, illegaler Handel mit allen möglichen Dingen. Vielleicht war da noch mehr, man würde sehen... Gillaine frohlockte, als sie davon erfuhr und schämte sich, diese niedrigen Instinkte der Rache, selbst gegen Lapierre, zu empfinden. Gab es doch noch einen Weg sich endlich ganz von ihm zu befreien? Rechtlich? Ohne Flucht und Kampf?
Leider war sie den Leuten keine große Hilfe, denn sie hatte nie Einblick gehabt in Lapierres Geschäfte. Doch sie konnte eine Liste anfertigen von den engsten Geschäftspartnern ihres Mannes, den Politikern und Freunden. Dass Bernardini, dieser gerissene Anwalt, wahrscheinlich ziemlich gut über Lapierres Machenschaften im Bilde war, ja, wahrscheinlich bis zum Hals mit drinnen steckte, erwähnte sie gleich zuerst. „Es schien oft, als hätte dieser Herr das Gesetz selbst geschrieben“, sagte sie mit bitterem Lächeln. „Zumindest stellte er es so dar und er ist verschlagener, als er den Anschein erweckt“, fügte sie hinzu. Diesem Herrn wollte man erst einmal genau auf die Finger schauen. Das Land war in letzter Zeit von millionenschweren, politischen skandalösen Enthüllungen heimgesucht worden. Unterschlagungen, unrechtmäßiger Wettbewerb, das waren die kleinsten Vergehen in dieser Richtung, die man den feinen Herren bisher nachweisen hat können. Ein Bürgermeister nach dem anderen, ein Minister nach dem nächsten, dankten ab. Gillaine erhielt Duplikate ihrer echten Papiere, eine Aufenthaltsgenehmigung und dann war man mit ihr fertig. Natürlich konnte man nicht gleich versprechen, dass die Sache rasch erledigt sein würde. Sie hatte die Scheidung durch die Anwälte, die sie nun vertraten, eingereicht, und der Akt, die Scheidungsklage, die sich gegen Lapierre richtete, war ein umfangreiches Paket an Paragraphen und ihr zustehenden Rechtsklauseln geworden. Das Ganze ging direkt nach Paris.
Gillaine war einigermaßen beruhigt, da sie fest annahm, dass ihre Abreise aus Sydney vorläufig alle Spuren verwischte und Russell bestätigte ihr das. „Der Kerl kann unmöglich jeden Stein dieses Kontinents umdrehen lassen, um dich aufzuspüren. Soviel Zeit wird ihm auch nicht mehr bleiben. Ich bin sicher, dass Interpol nur auf die Gelegenheit gewartet hatte, ihn hochgehen zu lassen. Ich bin froh, dass ich dich nicht Isabelle nennen muss, denn ich kannte einmal eine, die...“ Sie ließ ihn nicht ausreden und hielt ihre Hand vor seinen Mund, als sie beide das Französische Konsulat vorläufig zum letzten Mal verlassen hatten. „Ich will nichts davon hören“, bestimmte sie ungehalten und er freute sich, sie erneut geneckt zu haben. Sie war so leicht durchschaubar! Fotografen und Presseleute erwarteten sie auf der Strasse und sie hoffte, dass sie lange Zeit nichts mehr von diesen Sensationshaschern zu sehen bekam, war sie erst in Nana Glen. Gleich morgen früh würden sie aufbrechen, ihre Sachen waren gepackt, ihre Wohnung bereits aufgelöst. Nana Glen rief nach ihr! |