Rom I

Die beiden jungen Männer, eher noch Knaben, starrten einander feindselig an.
„Das ist nicht wahr! Amazonia  ist viel schöner  und stärker ist sie allemal.
Diese schwarzen Weiber sind hässlich mit ihren dicken Nasen und Lippen, den krausen Haaren. Sag noch ein Wort gegen sie und ...“ drohte der dunkelhaarige, gut gekleidete Jüngling einem der anderen in der Gruppe, die hinter dem Colosseum herumlungerte.
„Eine Barbarenhure ist sie, ein Mannweib! Sie ist hässlich wie die Nacht mit ihren roten Haaren. Eine Germanenhexe, vor der sich alle fü....“
Weiter kam er nicht. Marcus warf sich wutentbrannt auf den Freund, der das Objekt seiner Bewunderung so beleidigt hatte. Wie zwei Hunde balgten sie sich im Dreck der Strasse unter dem Gejohle der anderen.
Die Burschen hatten wieder einmal  Zeichnungen und Namen ihrer Favoriten in der Arena in die Steine der Mauern  geritzt und waren dabei aneinander geraten.
Caelan Fortissimus, Amazonia Victoria, Endymion Pulcherissimus stand dort frisch verewigt  neben vielen älteren Zeichen der Verehrung.
Caelan ist der Stärkste, Amazonia ist die Siegerin, Endymion ist der Schönste.
Neben jedem Namen die grobe Skizze des Bewunderten.
Die Raufenden und ihr Publikum bemerkten nicht den Transportwagen, der an ihnen vorbeirollte mit Nachschub für das nach Unterhaltung und Ablenkung gierende Volk Roms, sahen nicht die müden, stumpfen Blicke der Insassen, hinter denen sich wenig später die Tore des Ludus Magnus, der Kampfschule des Circus schlossen.

„Commodus, ich werde das nicht zulassen.“  Lucilla, die  Schwester des Kaisers starrte ihren Bruder wütend an.
„Seit Monaten verschwendest du die Steuergelder mit deiner Besessenheit für die Arena. Es ist genug. Weitere Denkmäler wird der Senat dir nicht bewilligen. Ich habe mit  Claudius gesprochen. Er wird nicht darauf eingehen.“
Der Angesprochene, ein schlanker, athletischer, junger Mann mit schwarzem Haar, der mit dem Rücken zu ihr an seinem Schreibtisch gestanden hatte, drehte sich langsam um.
‚Wie schön sie ist.’ dachte er, bevor er den Mund öffnete , um sich zu rechtfertigen, musterte seine Schwester mit einem Ausdruck, der weit über Zuneigung unter engen Verwandten hinausging. Es war später Abend und er hatte Kopfschmerzen, wie so oft  seit er  nach Marc Aurels Tod zum Kaiser ernannt worden war. Ein Jahr und ein halbes.
Commodus Antonius.
„Lucilla, du vergisst, wer hier regiert. Anstatt mich ständig zu tadeln, solltest du mich mehr unterstützen, aber du rennst lieber zu Claudius  Pompeianus und intrigierst gegen mich.“ Commodus beobachtete genau ihre Reaktionen.
Sie ließ sich nichts anmerken, trat auf ihn zu. Die kostbare Seide ihres Gewandes raschelte leise  bei jeder ihrer Bewegungen.
 „Hast du wieder Kopfschmerzen?“ fragte sie mitfühlend, legte die Hand an seine Wange. Er nickte, griff ihre Finger, führte sie an seine Lippen, küsste sie. Lucilla zog sie vorsichtig zurück, sah ihn tadelnd  an.
Der Kaiser schnaubte unwillig. „Die Ägypter fanden nichts dabei, wenn Bruder und Schwester ...“ Lucilla drehte sich abrupt um.
„Hör auf.“ wies sie ihn scharf zurecht. „Ich habe dir schon oft genug gesagt, was ich davon halte.“ Commodus Stimme wurde weinerlich.
„Ich kann jede Frau haben, nur die einzige die ich wirklich will, weist mich zurück.“ jammerte er.

„Ich habe gehört, dass du dich in letzter Zeit mehr für Männer interessierst, Brüderchen.“ meinte Lucilla spitz.“ Also hör auf mir diese Komödie vorzuspielen. Du kommst gewiss  nicht zu kurz.“
Der junge Mann zuckte zusammen.
 „Nichts als Verleumdungen. Du glaubst das doch nicht? Ich habe immer nur dich geliebt, seit wir Kinder waren.“ „Du bist so wenig diskret, dass es kaum zu vertuschen ist. Und nur du warst ein Kind. Ich war bereits eine junge Frau. Immerhin bin ich mehr als 10 Jahre älter als du. Schlag es dir endlich aus dem Kopf.“
Commodus schönes, ebenmäßiges Gesicht mit den großen, dunkelgrünen Augen verzog sich zu einer hinterhältigen Fratze.
„Ich könnte dich verbannen lassen, Schwester.“ meinte er gehässig, lauerte auf ihre Reaktion. Aber statt Furcht zu zeigen, lachte sie perlend.
„Ja, verbanne mich. Und wer mischt dir dann deinen Gute Nacht Trunk, Brüderchen?“ neckte sie ihn liebevoll, näherte sich ihm mit schwingenden Hüften, tätschelte seine Wange. Spontan versuchte der Kaiser sie an sich zu ziehen, zu küssen. Lucilla gab ihm eine schallende Ohrfeige und rannte aus dem Zimmer. Sie hatte nur einen Vorwand gesucht, den Raum verlassen zu können. Commodus entzog sich mehr und mehr ihrem Einfluss.
Lucillas Taktiken  hatten nicht mehr den Erfolg wie bisher.
Die Zeit für Kompromisse und Gespräche war vorüber.
Schneller als sie befürchtet hatte.

Schwer atmend schlug sie die Tür ihres Schlafzimmers zu, verriegelte sie.
Ihre Kammerfrau sah sie angsterfüllt an. Lucilla setzte sich an ihren Schreibtisch, holte eine neue Rolle Pergament hervor, tauchte die Feder in das Tintenfass.

Claudius, mein Freund,
Wir können nicht länger warten. Schickt mir noch heute Nacht einige eurer
vertrauenswürdigsten Männer, um mich abzuholen. Ich muss mit euch sprechen. Das, was ich immer vermeiden wollte, scheint unabwendbar.
Ich verliere die Kontrolle über ihn. Es ist soweit. Lasst V. überwachen.
Er hat überall seine Spione.

                                                                       L.

„Hermione, bring mir Kassandra.“ befahl sie ihrer Kammerfrau.
Die hübsche dunkelhaarige  Sklavin holte eine der beiden  Tauben aus einer großen Voliere am Fenster. Lucilla hatte die Nachricht gefaltet und  eng zusammengerollt, damit sie in den kleinen Beutel passte, den Hermione dem Vogel an einen Fuß band.
Lucilla  trat mit ihrem gefiederten Kurier zum Balkon, achtete darauf, das man sie nicht von außen sehen konnte. Dann streichelte sie das Tier, setzte es auf ihre Handfläche. Kassandra ruckte ein paar Mal mit dem Kopf, gurrte leise.
„Flieg zu deinem Herrn.“ flüsterte Lucilla, machte eine animierende Bewegung und warf  den Vogel leicht nach oben. Kassandra breitete blitzschnell ihre Schwingen aus und segelte lautlos und elegant  in das Dunkel.

Kurz nach Mitternacht traf die Sänfte mit der tief verschleierten Gestalt bei  der Villa von Senator Claudius  ein.
Lucilla streifte die mehreren Lagen duftigen Seidengespinsts ab, wurde von dem grauhaarigen Mann in den Sechzigern herzlich begrüßt.
Er umarmte sie.“Lucilla, willkommen. Ich mache mir langsam Sorgen um dich und deine Sicherheit. Du gehst zu große Risiken ein.“ Tadelte Claudius milde.
Er nahm ihre Hand, führte sie ins Triclinium, wo sie sich auf den Ruhebänken niederließen. Lucilla lehnte den Wein ab, den er ihr anbot.
„Ich habe dies schon vor Monaten kommen sehen. Wenn Commodus  seinen Wahn mit den Festspielen fortsetzt, sind die Kassen bis Anfang nächsten Jahres leer. Dann müssen die Steuern zum dritten Mal in zwei Jahren erhöht werden.
Der Senat wird das nicht dulden. Außerdem hat er wieder drei Senatoren aus unhaltbaren Gründen einsperren lassen. Ich habe die einflussreichsten des Senats hinter mir. Und zwei der Prätorianer.  Wir müssen dem ein Ende setzen.“ begann Claudius das Gespräch.
Claudius Pompeianus war der Wortführer der Senatoren, ein entschiedener Befürworter der Republik. Er hatte Marcus Aurelius volles Vertrauen genossen.
„Er ist größenwahnsinnig. Valens nutzt das skrupellos aus. Er denunziert seine Feinde und Commodus lässt sie verhaften, wenn es ihm ins Konzept passt.“
erwiderte Lucilla mit ausdruckslosem Gesicht.
„Valens lässt mich überwachen. Wir müssen handeln.“ schloss sie ihre Ausführungen.  Claudius sah sie erschreckt an.
„Soweit wagt er zu gehen? Die Tochter Marc Aurels ?“
Lucilla gab ein höhnisches Schnauben von sich.
„Er wagte, um meine Hand anzuhalten.“
„Jetzt ist mir klar, wer die graue Eminenz hinter deinem Bruder ist. Gracchus Septimus Valens.“ Claudius sah kopfschüttelnd zu Boden, dann wieder zu Lucilla.
„Verzeih mir, es gab Zeiten, da glaubte ich, du seiest es.“ gab er zu.
„Kluger Claudius. Vor Valens war ich es . Ich habe dir nichts vorzuwerfen.“
Der Senator nahm einen tiefen Schluck aus seinem Pokal.
„Es darf keinen Caligula, keinen Nero oder Domitian mehr geben. Rom muss wieder Republik werden.“ erklärte er.
Lucilla musterte ihn aufmerksam. Gemeinsam schwiegen sie einige Sekunden.
„Wie?“ fragte sie schließlich. Er sah ihr tief in die Augen.
„Ich werde Cassandra schicken, sobald ich es weiß.“

Commodus wartete seit einigen Minuten, wurde langsam ungeduldig. Gracchus hatte ihm etwas ganz besonderes versprochen.
Er lag bequem und halb betrunken auf einer Ruhebank in  der Villa seines Freundes. Als er wieder aufsah, stand Lucilla vor ihm.
Verwundert starrte er sie an. Groß, schmal, das kastanienfarbene Haar aufgesteckt wie es  sich für eine Dame gehörte. Die blauen Augen sahen ihn verführerisch an. Die rosigen Spitzen ihrer kleinen Brüste schimmerten durch das dünne Seidengewand. Ein Mann trat neben sie, ein Jüngling.
Er war ihr Spiegelbild als Mann. Groß, schmal, kastanienfarbenes Haar, blaue Augen, volle Lippen. Sie waren verkleidet als Venus und Adonis.
Das Paar näherte sich dem Kaiser. 
Die Frau kniete vor ihn, der Mann begann seine Schultern zu streicheln. Commodus seufzte vor Wohlbehagen. Es war natürlich nicht seine Schwester.
Es war ein Zwillingspärchen, dessen weibliche Hälfte seiner Schwester recht ähnlich sah. Ihr Bruder war ein Zugeständnis an des Kaisers Neigung zur Knabenliebe. Valens wusste genau, wo Commodus verwundbar war.
Vater. Schwester. Der Mord am Meridius und seiner Familie.
Das war die Grundlage seiner Albträume, seiner ständigen Kopfschmerzen.
Nicht, dass Valens  Meridius Tod nicht begrüßt hätte. Er hatte den Spanier schon lange beseitigen wollen, nachdem er ihn, seinen Kommandanten damals in Trujillo so hinterhältig betrogen und hatte und er daraufhin nach Germanien  strafversetzt worden war.
Valens beobachtete die Geschehnisse durch einen Spion in der Wand, rieb dabei unbewusst über die lange Narbe quer über seine Kehle, die ihm damals eine dieser Barbarendirnen beigebracht hatte, weil er ihren Vater hängen hatte lassen. Vindobona, dieses kalte Drecksloch. Aber die Kleine war anregend gewesen. Leider hatte er nur einmal das Vergnügen mit ihr gehabt, denn bald darauf hing sie neben ihrem Vater an einer der Buchen vor dem Feldlager.

Die Frau begann Commodus Kleidung zu lösen, schickte sich an seine Brust zu küssen, die Warzen mit der Zunge zu reizen. Ihr Bruder, der lange sein eigener Liebhaber gewesen war und bestens unterrichtet, küsste den trunkenen Jüngling, der seit über einem Jahr den fiebrigen Traum von der Weltherrschaft träumte.

„Ich weiß, wer dein Vater ist, mein Freund. Du wirst mich zum ersten Konsul machen und zum Oberbefehlshaber der Truppen, wenn wir soweit sind. Wer will schon einen Vater, der ein Bastard, ein  ehemaliger Gladiator und Sklavenhändler ist, wenn man weiter glauben kann, der edle, weise Marcus Aurelius habe einen im kaiserlichen Ehebett gezeugt und nicht ein öliger Muskelprotz und Mörder  namens Antonius Proximo auf einer Pritsche in den Sklavenquartieren des Colosseum.“ murmelte Crassus mit tiefster Befriedigung. Seine voyeuristischen Gelüste wurden in der nächsten Stunde nicht minder befriedigt, während er zusah wie der Kaiser sich in allen erdenklichen Spielarten mit dem Zwillingspaar vergnügte.

Kassandra landete mit gewohnter Eleganz auf dem Balkonsims.
Hermione ließ sie auf ihre Hand steigen und setzte sie in die Voliere.
Als Lucilla ihre Räume betrat, sah sie sofort, dass ihre gefiederte Botin zurück war. Hermione reichte ihr wortlos den Beutel mit der Nachricht.
Commodus hatte sich über den Senat hinweggesetzt und weitere Götterstatuen für die Logen bestellt.
„Du wirst sie aus deinem Privatvermögen bezahlen müssen.“ eröffnete ihm Lucilla leichthin. Der Kaiser schlug lächelnd die Beine übereinander.
„Das glaube ich nicht. Gracchus bezahlt sie. Er ist mir ein treuer Freund. Ein treuerer Freund, als mein eigen Fleisch und Blut.“ fügte er belanglos hinzu. Lucilla drehte sich abrupt um, starrte ihn wütend an.
„Bist du wirklich so dumm? Er versorgt dich mit Huren und zahlt deine Schulden. Was denkst du, dass er will?“
„Nichts andres als du, Schwester.“ erwiderte Commodus lauernd.
Lucilla versuchte Fassung zu wahren. „Und das wäre?“ fragte sie kühl und gelangweilt. Der Kaiser ließ sich Zeit mit der Antwort, genoß das ängstliche Flackern in ihren Augen.
„Nur mein Glück, Lucilla. Nur mein Glück. Oder etwa nicht???“

Die Nachricht war verschlüsselt. Lucilla besann sich auf den Code.
Nach wenigen Minuten hatte sie die Worte aufgelöst
Circus   Prätorianer   Festspiele.
Commodus würde sterben. Bald.
Er hatte ihren Vater töten lassen. Er hatte Meridius, den Tribun, den Liebling ihres Vaters hinrichten lassen, weil  ihr Vater mit Sicherheit ihn und nicht den Sohn als Nachfolger bestimmt hatte. Meridius hatte Verdacht geschöpft und den dummen Fehler begangen sich im rechten Moment nicht zu verstellen.
Es  hatte ihn  und seine ganze Familie das Leben gekostet. Sie hatte es nicht verhindern können. Maximus hatte so müde ausgesehen an diesem Morgen bei Vindobona. Es war ihm unangenehm gewesen ihr zu begegnen, aber schließlich hatte er die ihm eigene Herzlichkeit nicht verleugnen können, bevor jeder wieder seiner Wege ging.
Ihr Herz hatte einen Moment ausgesetzt als er Commodus Hand verweigert hatte und grimmig vom Totenbett ihres Vaters gestürmt war.
„Du Narr!“  hatte es in ihr geschrieen.
“Komm zurück! Du unterzeichnest dein Todesurteil!“
Sie war klüger gewesen. „Heil Caesar.“ hatte sie wenig später ausdruckslos gemurmelt, ihres Bruders Hand flüchtig und widerwillig geküsst.
Maximus war in derselben Nacht verhaftet und hingerichtet worden.
Sie hatte um ihn geweint. Er war ein guter Mann gewesen und sie hatte ihn einmal geliebt. Der Tribun, dem sie am Morgen begegnet war, hatte noch immer viel Ähnlichkeit mit dem schüchternen Jüngling, den sie  vor über 15 Jahren auf Capri kennen gelernt hatte.
Sobald sie zurück in Rom war, ließ sie eine Warnung an Meridius Witwe schicken. Der Bote kehrte nie zurück.
Am Abend desselben Tages  flog Kassandra zurück zu Claudius.
Die  verschlüsselte Nachricht lautete:

Die Zeit seines Selbstlobs wird bald vorüber sein.

                                                                                   L.


Auriane

Sie nannte mich Freya.
Purer Zufall hatte mich zurück in den Hauptgang der zweiten Ebene geführt. Der Waffenmeister hatte mein Schwert schlecht ausbalanciert, was  mir beim Training  mit dem Kreter erhebliche Schwierigkeiten bereitet hatte.
Also ging ich erbost und verschwitzt, noch in meiner Kampfkleidung zurück in Richtung Waffenkammer, wollte ihn zur Rede stellen. Er war nicht da.
Als ich zurückging,  schleiften die Wachen ein staubiges Bündel  herein.
Die Frau richtete sich plötzlich taumelnd auf und lief weg.
Geradewegs in meine Arme. Sie schaute erst durch mich hindurch, dann musterten mich ihre verwirrten Kinderaugen eingehend. Sie musste in meinem Alter sein, soweit ich das durch den Schmutz beurteilen konnte und sie stank, wie nur jemand stinkt, der es selbst nicht mehr riecht.
Ich ahnte, dass sie nicht Herrin  ihrer Sinne war.
Sie war sicher mit Opium ruhiggestellt worden, denn wenige Augenblicke später begann sie zu schreien, stieß Warnungen auf Germanisch aus.
 Ich verstand sie, obwohl es nicht mein Dialekt war.
 Ich bin vom Stamm der Chatten, nördlich der Donau.
Diese Frau musste mehr aus dem Süden sein, ich kannte den Tonfall der Hermunduren. Viele der Männer waren Hermunduren gewesen in der letzten Schlacht vor meiner Gefangennahme.
Ich versuchte sie zu beruhigen, redete auf sie ein, stützte sie. Sie war schwach wie eine Greisin, hatte  sicher nur gelegen auf ihrem Transport hierher.
Seit Wochen wurden die Bestände an Hilfskräften aufgestockt, sie gehörte wohl dazu. Ich versuchte einfach sie hier wegzuschaffen. Etwas, das mir nicht vergönnt gewesen war vor einem Jahr. Ich war selbst halb wahnsinnig gewesen vor Angst und Trauer um meine Gefährten, um Sunia.
Man ließ mich mit ihr ungehindert den Gang passieren, die Männer glotzten, während ich leise auf sie einredend langsam mit ihr zu meiner Zelle schritt.
Ich fragte sie nach ihrem Namen. Sie verstand mich, sprach mich immer wieder mit Freya an. Sie schien mich für die Göttin zu halten, war offensichtlich nicht bei sich. Kaum hatte ich die Tür hinter mir geschlossen, kam Ojia herein.

„Oh, heilige Isis, was stinkt hier so?“ schimpfte sie, wischte sich den Schweiß von der ebenholzfarbenen Stirn, drehte sich zu mir. Dann entdeckte sie meinen Schützling. „Auriane, was ist das?“ fragte sie nur entsetzt.
„Eine Frau, wie du und ich. Und eine von meinem Volk.“
Oija starrte erst mich dann die Frau an, die reglos am Boden lag.
„Und was tut sie hier? Warum bringst du diesen Haufen stinkendes Elend hierher?“  Ich musste mich zusammenreißen  ihr nicht eine Ohrfeige zu geben, wie schon einmal. Sie kann nichts dafür. Sie wuchs in einem Bordell auf, Kind einer dunkelhäutigen Hure aus Ägypten. Mit zwölf wurde ihre Jungfräulichkeit an einen alten Fettwanst versteigert. Mit etwa fünfzehn, nach drei Jahren als  ‚Liebesdienerin’ verkaufte der Bordellwirt sie wegen ihrer Aufsässigkeit  an eine umherziehende Artistentruppe. Sie war  schon hier im Circus bevor ich kam.
Eine der wenigen Frauen, die in der Arena arbeiten. Sie führt artistische Kunststücke auf , wie Callista die Kreterin, die zu derselben Truppe gehörte.

Callista wurde auf Kreta zur Stierspringerin ausgebildet. Wenn sie auf den heranstürmenden Stier zurennt, ihn bei den gesenkten Hörnern packt und sich von ihm in die Luft wirbeln lässt, stockt einem der Atem vor ihrem Mut und ihrem Können. Sie wirbelt in einem Salto durch die Luft, danach landet sie sicher auf beiden Füßen. Oija’s Spezialität ist das Werfen von Messern  auf ein lebendes Ziel, sowie Saltos und Überschläge mit denen sie die gesamte Arena  durchmisst. Sie lässt sich  zudem von einem Brett in die Luft schnellen und landet auf einem bereitgestellten Podest.
Zusammen mit mir und zwei Äthiopierinnen, die als Bogenschützinnen auf den Kampfwagen eingesetzt werden, sind sie die einzigen Frauen unter  momentan mehr als hundert Männern, die in der Arena das Publikum unterhalten.
Und ich bin die einzige, die mit dem Schwert kämpft, eine exotische Erscheinung für die Römer. Sie haben einen Narren an mir gefressen, diese stumpfen, blutgierigen Kreaturen, denen der Tod in der Arena soviel Lust verschafft wie ein Liebesakt. Obwohl ich weit weniger Mut zeige als meine Zellengenossinnen, ein weit weniger tragisches Schicksal habe, haben sie mich zu ihrer Favoritin erkoren. Ich denke es liegt daran, das ich in der samitischen Rüstung, einer der beliebtesten Gattungen  kämpfe.
Amazonia werde ich genannt.
Die Frau, die mit den Männern kämpft. Sie dürfen mich nicht töten, nicht verstümmeln. Befehl des Kaisers.  Sie würden es auch nicht tun, denn die meisten sind meine Freunde geworden.
Ich bin unter Männern aufgewachsen, habe in meiner Heimat mit ihnen gekämpft, gehungert, gelitten, gelacht und Siege gefeiert.

Oija rümpfte noch immer die Nase.
„Ich habe sie durch Zufall entdeckt. Keiner hat mich daran gehindert, sie hierher zu bringen. Sie ist von meinem Volk.“
Oija stupste die Frau  mit dem Fuß an. „Und  was ist, wenn Marcellus davon Wind bekommt?“ warf sie ein.
„Er hatte uns doch eine Dienerin versprochen. Bis jetzt hat er das Versprechen nicht gehalten. Er soll sie uns als Dienerin geben.“ Oija verdrehte die Augen.
Ich funkelte sie an. „Du bist mir etwas schuldig, Süße.“
„Ja, ja.  Ich werde nichts dagegen sagen, wenn Marcellus kommt.“ gestand sie mir zu. “Ich gehe ins Bad, kommst du mit?“  Auriane blickte auf die leblose Gestalt am Boden. „Ja, und unsere Dienerin nehmen wir mit. Diese Schweine haben ihr bestimmt Opium gegeben. Sie hätten sie wenigstens waschen lassen können, wenn sie ihr schon die Möglichkeit nehmen, es selbst zu tun.“

Oija zuckte die Achseln, ging voraus.
Sie ist kein schlechter Mensch. Ihre Kindheit hat sie fast völlig gefühllos werden lassen. Was bleibt einem Kind, wenn es missbraucht und missbraucht und wieder missbraucht wird? Es geht zugrunde, oder stumpft ab.
Manchmal schneidet sie sich  mit Messern, wenn Callista und ich es nicht verhindern. Callista.
Sie ist die tragischste von uns allen.
Es sei denn unser Neuankömmling kann uns übertrumpfen.
Callista  ist einem Römer gefolgt, der als Händler auf Kreta war. Ihre Liebe zu ihm war so stark, dass sie ihm nach Rom begleitete, um dort festzustellen, dass er verheiratet und nicht willens zur Scheidung war. Sie konnte die Rückreise nicht bezahlen. Auf die Strasse wollte sie nicht gehen. Seine Frau, Angehörige einer Patrizierfamilie ließ sie wegen Diebstahl verhaften.
Es war natürlich Verleumdung.
Callista verkaufte sich an die Artistentruppe, der auch Oija angehörte, um dem Gefängnis zu entgehen. Sie ist die einzige Freie unter uns, kehrt aber aus Scham nicht in ihre Heimat zurück. Sie sagte mir einmal: “Lieber springe ich jeden Tag über einen Stier und ende irgendwann unter seinen Hufen, als jeden Tag die Beine breit zu machen, bis ich zu alt dafür bin, oder meinem Zuhälter genug Geld gestohlen habe , um zu fliehen.“
Wir sind schon eine merkwürdige Gruppe.
Oija, schwarz, schmal wie ein Schilfrohr, geschmeidig wie ein Gerte.
Ihre Kopf ist kahlgeschoren und glänzt wie ihr sehniger, magerer Körper von Öl. Wenn ich ihr in die Augen sehe, kommt es mir vor als erblicke ich das Antlitz eines afrikanischen Götzenbildes. Große, vorgewölbte, geschlitzte Augen.
Ein breiter, üppiger Mund, die Lippen aufgeworfen, als schmolle sie, was sie tatsächlich oft tut. Eine breite Nase, starke Wangenknochen.
In ihren Ohren baumeln mehrere Ringe. In der Arena trägt sie nur ein Lendentuch wie die Männer.
Ihre winzigen Brüste lassen sie fast wie einen Knaben wirken, aber ihre Anmut ist unzweifelhaft feminin.
Callista, ebenfalls klein, aber gedrungener als Oija. Ihre Arme sind muskulös und ihre Beine gleichfalls, wie bei den meisten Akrobaten.  Sie hat wunderbares, glattes, schwarzes Haar, dass sie zu einem hüftlangen Zopf flicht, bevor sie in die Arena geht. Ihre Traurigkeit kann mich zum Weinen bringen.
Mich, die ich zweitausend Männer geführt habe.

Auriane, Tochter des Gundobad, zweite Heerführerin der vereinten Streitmacht gegen die Armee des Marcus Aurelius.
Geboren vor etwas mehr als dreißig Jahren in der Nähe der römischen Siedlung Mattiacum.  Als ich acht war, endete mein Leben als Mädchen.
Mein Zwillingsbruder ertrank während dieses heißen Sommers. Mein Vater war  damals schon alt, liebte meine Mutter zu sehr, um mit einer jungen Frau noch einen Sohn zu zeugen. Ich war schon immer lieber mit ihm fischen oder jagen gegangen als bei den Frauen zu bleiben. Nur die Dienerinnen der Freya konnten mich mit ihren Unterweisungen fesseln. So wuchs ich auf, mehr Knabe als Mädchen. Mein Vater liebte mich sehr und weil er mich liebte, war er hart zu mir. Er machte aus mir eine Schwertkämpferin, die sich mit den besten Männern des Stammes messen konnte. Mein körperliches Erbe half mir sehr dabei. Ich bin groß, größer als die meisten Römer, was sie sehr verunsichert bei einer Frau. Ich sehe nicht aus wie viele der Männer hier, deren Muskeln deutlich erkennbar sind. Dennoch bin ich stark wie sie.  Ich habe durchaus weibliche Formen und Männer haben mich umworben. Sie fanden mich anziehend. Mein Haar ist rot.
Es hat die Farbe des Herbstlaubes und ist leicht wellig. Hexenhaar nennen sie es hier, diese Heiden. Freya hat rotes Haar, sagt die Legende.
Nicht dass ich mich für ihre Inkarnation halten würde. Oh, nein.
 Wäre ich dann hier?
Meine Augen sind blau wie der Himmel im August. Wenn ich mein Spiegelbild im Wasser betrachte, sehe ich, dass ich  nicht abstoßend bin.
Drei Jahre habe ich neben meinem Vater gegen die Römer gekämpft.
Sie hielten mich für einen Mann, bis ich hier ankam. So entging ich der Schändung. Kein Mann hat mich je besessen . Und keiner wird mich je besitzen. Ich bin Auriane, Tochter des Gundobad, Heerführerin der Chatten, Geliebte des Donar. Und als Frau  kann ich nur Frauen lieben.
Sunia habe ich geliebt. Oh, Sunia.
Ich schätze Männer als Kampfgefährten, als Waffenbrüder, als Lehrer und Trinkgenossen. Aber nur die zarte Haut einer Frau, ihre weiches Haar, ihr weiblicher Duft bringt mein Blut in Wallung. Nicht der grobe, haarige Körper eines schwitzenden Trunkenbolds , der dir gierig die Schenkel auseinander zwingt und seine  geschwellte Gier in dir stillt, ohne sich darum zu scheren, was du dabei empfindest.
Ich verstehe nicht, dass Frauen bei solchen Männern bleiben, ihnen Kinder gebären unter unsäglichen Schmerzen. Ich bin noch keinem begegnet, der auch nur einen Zweifel in mir geweckt hätte, dass ich etwas versäume.
Manche der Gladiatoren hier haben mich umworben, einige haben es mit Gewalt versucht. Einer wird nie mehr einer Frau das antun können, was er mir antun wollte, der andre verlor eine Auge und seine Vorderzähne.
Der dritte ist mein bester Freund geworden, Endymion, der Kreter.
Mein Trainingspartner. Er ist ein sehr schöner Mann, mit lockigem, blondem Haar und einem Körper  wie Apoll, der schönste der griechischen Götter.
Hin und wieder bin ich in Versuchung, ihm das zu gewähren was er noch immer begehrt, aber der Zauber, den seine Schönheit selbst auf mich ausübt, hält nie lange genug an.
Er hat mich seine Tricks gelehrt und ich ihn meine.  Er ist ein verurteilter Mörder, entging dem Henker durch die Arena.  Er handelte in Notwehr.
Wir haben  dort gegeneinander gekämpft. Wir vereinbaren vorher die Stellen, an denen wir uns ritzen , damit der Blutdurst der Menge gestillt ist. Danach betrinken wir uns immer auf Kosten meines Gönners und spotten über unser dummes Publikum, suhlen uns in unsrer Gerissenheit, wir Sklaven.

Mein Gönner.

 Er hat diese Woche noch nicht nach mir geschickt. Er ist verderbter als alle, die ich hier in dieser Stadt gesehen habe. Andrerseits verlangt er bis jetzt nichts von mir wozu ich nicht bereit wäre , um mein Leben und das anderer angenehmer zu machen. Ich bekomme täglich guten Wein und Geflügel. Frisches Brot, Früchte. Honig, den Oija so liebt und die Feigen aus Kreta, die ich Callista gebe, um ihre Traurigkeit ein wenig zu lindern. Ferner Kosmetika, Kleidung, Duftöle, Lampen, Decken und billigen Schmuck. Mit all dem besteche ich meine Leidensgenossen oder teile es mit meinen Mitbewohnerinnen. Er ist einer der reichsten Männer Roms und ein Freund des Kaisers, der ihm an Verderbtheit in nichts nachsteht, wenn ich glaube, was ich gehört habe. Dass mich kein Mann besessen hat, scheint den Reiz für ihn auszumachen. Der Tag wird kommen, an dem er das für sich beanspruchen wird. Dann wird einer von uns sterben. Es ist mir gleich.
Mein Volk ist besiegt, ich bin eine Hure der Arena, unterhalte die Meute wie ein dressiertes Pferd. An meinem Leben liegt mir nicht mehr viel.
Aber das Leben dieser Sklavin, dieser Frau wollte ich retten. Ich wollte wissen, was sie hierher geführt hatte, was ihr geschehen war. Sie war meine Schwester, auch wenn ich sie nicht kannte. Die wenige Macht, den geringen Einfluss, den ich hatte, machte ich geltend und sie wurde tatsächlich unsere Dienerin.
Und dann wurde sie meine wahre Schwester. Ich hatte nie zuvor eine besessen.
Meine Waffenschwester und meine liebste Freundin.
Sie hätte mir Sunia sein können.
Sie war von ähnlicher Güte und Herzlichkeit. Aber mehr als Freundschaft konnte sie mir nicht geben. Sie war wie Callista. Der Typ Frau, der für einen Mann alles aufgibt. Sie erzählte mir nicht viel aus ihrer Vergangenheit und ich bedrängte sie nicht. Nur dass sie heilen konnte und wie ich von den Frauen der Freya unterwiesen worden war. Ihr Sklavenschicksal enthielt sie mir vor.
In ihren Augen lag  manchmal dieselbe Trauer wie in Callistas Blick.
Manchmal wollte ich wissen, wer er war. Ob er noch lebte und wie alles gekommen war. Sie wird es mir vielleicht  irgendwann erzählen, erwähnte nur er sei Spanier und bei der römischen Armee in Germanien gewesen.
Solange respektiere ich ihr Schweigen.

Berane

 Jeder Knochen, jede Faser meines Körpers schmerzte.
Acon beobachtete mich. Ich biss  die Zähne zusammen, machte weiter.
Auriane fürchtete, ich würde schlappmachen, ich sah es an ihrem Blick.
Wir bewegten uns in dem Schlagabtausch, den wir seit Wochen geübt hatten über den Sand. Die Schwerter trugen die ledernen Schutzhüllen, sollte ein Hieb daneben gehen. Die dumpfen Geräusche wenn sie aufeinander trafen, bildeten den betäubenden Rhythmus, in dem wir um einander kreisten.
Wie in einem seltsamen Tanz wichen wir voreinander zurück und drangen aufeinander ein, Angriff und Rückzug  von mir zu ihr wechselnd.
 Ich bekam die Drehungen noch  nicht hin. Und die akrobatischen Einlagen hatte ich noch nicht gelernt. Callista würde morgen mit mir anfangen zu üben.
Es war nichts andres als eine Art Schwerttanz, wie er in verschiedenen Kulturen vollzogen wird. Gewürzt mit tänzerischen Elementen und Akrobatik.
 Ein Schaukampf, bei dem eine von uns zum Schein ‚starb’.
Schweißüberströmt ließ ich das  Gladius  fallen, nachdem die letzte Sequenz vorüber war. Ich sah noch wie Acon Auriane leicht zunickte, dann kam sie zu mir, umarmte mich. „Es gefällt ihm!“ jubelte sie.
Ich war zu erledigt, um zu reagieren.

Ich weiß nicht mehr viel von den ersten Tagen im Circus.
Ich hatte Auriane, die hier Amazonia genannt wird, für Freya gehalten. Zumindesten hat sie mir das erzählt. Sie hat mich in den Gängen der zweiten Ebene bemerkt. Ich muss wohl in meiner Muttersprache geredet haben, denn sie nahm mich mit sich. Ich war für die Küche und die  Männer bestimmt gewesen. Als ich langsam aus meinem Wahnsinn erwachte, fügte sich ein Mosaikstein zum anderen. Lentulus hatte mich verkauft. Nicht an Proximo, sondern an einen anderen Händler. Aus Rache dafür, dass ich Anina gegen ihn aufgebracht hatte.
Das  war zuviel für mich gewesen.
Ich zog mich in mein Innerstes zurück, lebte in meiner Vergangenheit.
Die Gegenwart war so entsetzlich, dass ich sie völlig missachtete.
Auriane holte mich zurück. Sie ist Germanin, wie ich. Sie teilt mit zwei anderen Frauen die geräumige Zelle. Eine ist schwarz wie Juba. Sie ist eine Verlorene, der man die Seele gestohlen hat. Die andre ist frei, aber sie bleibt dennoch.
Ihre Name ist Callista, das bedeutet ‚die Schönste’. Sie ist schön.
 Klein, geschmeidig, langes, schwarzes Haar.
Als ich das erste Mal sah, wie sie über den Stier sprang, erstarrte ich vor Ehrfurcht. Sie versicherte mir, es sei nur Training von Kindesbeinen  an, erklärte sich bereit mir etwas Akrobatik für den Auftritt beizubringen.
 Ihr Herz ist gebrochen. Es wird nie mehr heilen. Ich spüre es.
In zwei Wochen soll ich das erste Mal das römische Volk unterhalten.
 Oija, die Schwarze wirft mit Messern.
Und sie macht ebenfalls akrobatische Kunststücke. Mit denselben Messern fügt sie sich hin und wieder Wunden zu. Ich fragte sie danach.
Sie lachte. Es war ein totes Lachen.
 „Ich spüre nichts. Nur den Schmerz. Deshalb tue ich es. Um ab und zu etwas zu spüren.“ Ihr wurde Unsägliches angetan.
Ich schäme mich meiner Schwäche.
Meine  Flucht in den Wahnsinn hat Auriane aufgehalten.
Nachdem sie mich  gewaschen, angekleidet und gefüttert hatte, setzte sie mich mehrmals täglich vor eines der Feuer im Küchenbereich, ließ mich von einem der Kinder hier bewachen, wenn sie keine Zeit hatte.
Wie ich war sie im Flammenritual unterwiesen worden.
Wenn das nicht funktioniert hätte, wäre ich noch immer die wahnsinnige Dienerin. Solange sie mich hätte decken können.
In den Flammen fand ich mich wieder. Es dauerte. Jeden Abend setzte sie mich vor ein offenes Feuer, vollzog  selbst mit mir das Ritual.
Ich kehrte zurück. Es dauerte viele Wochen. Aber ich kehrte zurück.

Auriane ist Acons Liebling und der Roms.
Und ich, Berane, die Heilerin, die Sklavin des Antonius Proximo, dann des Lentulus Batiatus und darauf  eines unbekannten Herrn werde bald dieses  grausame Volk gemeinsam mit ihr unterhalten.
Noch nie seit es das Colosseum gibt, hat eine Frau mit einer Frau gekämpft.
Seit hundert Jahren.  Über sechzigtausend Menschen werden zusehen.
Soviel Platz bieten die Tribünen für Zuschauer.
Ich kann  nicht  glauben, dass es so viele Menschen gibt.
Auriane ist klug. Sie ließ mich erwachen, hielt mich in dem kleinen Kosmos, den ich ertragen konnte. Mit jeder Woche, in der ich in der Realität Fuß fasste, zeigte sie mir mehr, bis ich mich wiederfand, die Realität annehmen konnte.
Viele Wochen sind vergangen. Aus der wahnsinnigen Sklavin ist wieder  eine Frau geworden, die Amazonia zum Schein die Stirn bieten wird.
Es war ihre Idee. Sie ist es leid mit Männern zu kämpfen, die sie nicht verletzten dürfen. Die ihr meist nicht einmal gewachsen sind.
Als ich ihr sagte, dass ich von den Dienerinnen der Freya ausgebildet worden war wie sie, konnte ich sie nicht mehr davon abbringen.
Auriane verkörpert für mich Donar. Seine weibliche Seite, wenn er eine hat.
Sie hat mir erzählt, wie sie hierher kam, was sie davor war.
Ich liebe sie. Wie eine Schwester. Sie hat mich gerettet.
 Meinen Geist und meinen Körper.  Ich liebe sie.
 Aber ich kann sie nicht so lieben, wie sie es sich wünscht.
Ich kann es einfach nicht. Es ist nicht richtig für mich.
Sie muss es gespürt haben, sprach seither nie wieder davon.

Eine junge Tigerin wanderte in ihrem Käfig auf und ab, immer wenn ich die dritte Ebene durchquerte , um im Auftrag Ouijas, Callistas oder Amazonias  etwas zu überbringen oder auszurichten.
Eine  wunderbare Kreatur mit kupferfarbenen Augen, die mich so vorwurfsvoll ansah, dass ich mich irgendwann vor ihren Käfig kauerte und ihr erzählte, dass auch ich eine Sklavin war, wie sie. Auriane hatte erwähnt, dass von dem Wurf , der hier vor  ihrer Ankunft geboren worden war, nur ein Weibchen überlebt hatte. Viele Bestien vegetierten  in der untersten Ebene.
 Sie starben bald in der Arena, wurden durch neue ersetzt.
Diese hatte ihre Mutter und Geschwister überlebt, war  noch nicht groß genug in der Arena auf Menschen gehetzt zu werden oder andre Tiere.
Ich nannte sie Freya.
Clodianus, der die Tiere fütterte, fiel fast in Ohnmacht, als er mich bei der Tigerin sitzen sah, die Nase am Gitter.
„Geh weg, Frau, sie reißt dir das Gesicht weg!!“ brüllte er, rannte auf mich zu.
Freya wich fauchend vor ihm zurück. Vor mir wich sie nie zurück.
Ich verbrachte viel Zeit bei ihr. Auch nachts.  Es schien, als habe sie auf Gesellschaft gewartet. Wenn niemand es sah, kam sie ganz nahe ans Gitter, drückte ihr herrliches, gestromtes, golden-schwarzes Fell dagegen und ließ sich von mir den Rücken kraulen. Dann gab sie grollende, wollüstige Laute von sich, die mich zum Lachen brachten,  leckte mir mit ihrer rauen Zunge die Hand und riss mir fast die Haut ab dabei.  Ihr riesiger Katzenkopf  drängte gegen meinen, wir rieben spielerisch  die Stirn aneinander. Ihre gewaltige Tatze langte mit unsichtbaren Krallen durch die Stäbe, legte sich  schwer auf meine Schulter.
Auriane beobachtete mich einmal mit ihr, ohne dass ich es wusste.
„Berane, du hast eine Gabe mit Tieren, scheint mir. Ich habe nie jemand so mit den Raubkatzen  umgehen sehen. Es gibt Menschen, die sie abrichten können.
Wenn du nicht willst, dass der Tiger in der Arena abgeschlachtet wird, bring ihm Kunststücke bei.  Ich habe gehört, dass es auch bei den Raubkatzen geht. Das haben sie hier noch nie gesehen.“
„Er ist eine sie. Ich habe sie Freya genannt.“
Meine Freundin lächelte milde. „Gewiss.“ murmelte sie.
„Ich werde mit Acon reden.“

Ein paar Tage später hatte sie den Schlüssel zu Freyas Käfig.
Sie gab ihn mir, sagte nichts.
Als ich  nachts wieder einmal  die Zelle verließ, murmelte sie: „Denk daran, dass ich dich für unseren Auftritt brauche. Sei nicht leichtsinnig.“
Ich ging zu Freya. Sie lag in ihrem Käfig, musterte mich.
Ich begann mit ihr zu sprechen, erklärte ihr, was ich vorhatte.
Es war nicht so, dass ich keine Angst gehabt hätte. Sie war ein Tier und ihrer natürlichen Instinkte nicht völlig  beraubt. Als ich die Tür aufschloss, blieb sie einfach liegen. Ich bückte mich, kroch hinein, schloss die Tür hinter mir.
Vorsichtig hielt ich ihr meine Hand hin, sie roch dran, grollte , hieß mich willkommen. Ihre mächtigen Pranken schoben sich zu mir, ich streichelte sie.
Plötzlich warf sie sich mit einem seltsamen Laut auf den Rücken, bot mir ihren hellen Bauch dar, lockte mich mit hohen, klagenden  Lauten.
Ich kroch näher und berührte ihre Brust, fühlte das lauter werdende Schnurren.
Ihre Augen schlossen sich,  sie beobachtete mich aus wachsamen, glühenden Schlitzen, während ich ihr herrliches Fell mit den Händen durchpflügte.
Irgendwann schlief ich ein, an dieses wunderbare Wesen geschmiegt, mich an ihr wärmend.
Als ich die Augen wieder aufschlug, erblickte ich Clodianus entsetztes Gesicht.
Rasch hob ich den Zeigefinger an die Lippen, schlüpfte aus dem Käfig bevor Freya erwachte. Ich schloss rasch ab, gab ihm den Schlüssel zurück.
Es dämmerte gerade erst. Freya erwachte, blinzelte, gähnte.
Dann trottete sie zu mir, sah mich fragend an. Ich rieb ihr die Stirn, küsste sie auf die Nase. Clodianus schnappte nach Luft. In den nächsten Tagen gab es
Gemurmel, wenn man mich erkannte.
 „....die ist noch immer verrückt.... der Tiger wird sie irgendwann zerfetzten..... Hexe... germanische Zauberin...“ war was ich an Gesprächsfetzen aufschnappte. Ich tat als höre ich es nicht.

„Du stinkst nach Raubtier.“ begrüßte mich Auriane. Sie grinste.
„ Soll ich lieber nach Endymion oder Crispos stinken??“ konterte ich.
Sie stieß ein verächtliches Lachen aus. Ich lachte mit.
„Wirst du es versuchen?“ fragte sie.
„Wenn unser Auftritt Gefallen findet, habe ich vielleicht  eine Chance mit ihr zu trainieren. Warum hast du es nie versucht?“ wollte ich wissen.
Ihre Antwort verblüffte mich vollkommen.
„Ich fürchte mich vor dieser Bestie.“ gab sie kleinlaut zu.
 Nach einem Moment des Schweigens brachen wir in Gelächter aus, dass unsere Mitbewohnerinnen  weckte und uns einen  scharfen Tadel von ihnen bescherte.

Der Tag des Schaukampfes rückte näher. Vormittags trainierte ich mit Callista, nachmittags mit Auriane.  Die Kreterin brachte mir  Radschlagen und  Schwertwürfe bei. Saltos, wie sie und Oija  beherrschten, kamen für mich und Auriane nicht in Frage . Wir waren zu groß und mit den Rüstungen zu schwer, um sie elegant ausführen zu können. Die Würfe bestanden darin die Waffe wirbelnd oder gerade in die Luft  zu schleudern, so dass sie mit der Spitze im Sand stecken blieb und ich mich ihr mit einem Rad oder einer Drehung näherte und  sie dann wieder aufnahm.
„Das lerne ich nie...“ stöhnte ich entsetzt, als Callista es mir das erste Mal zeigte. Am zehnten Tag blieb der Gladius das erste Mal stecken, anstatt flach auf den Sand zu fallen. Nach einer weiteren Woche hatte ich kaum noch Fehlversuche.Ä
„Übe weiter, es ist wie jonglieren. Wenn du es einmal kannst, wirst du immer besser.“ ermunterte sie mich.

Oija schien mich nicht zu mögen. Aber Oija mochte eigentlich keinen.
Als ich sie dabei überraschte, wie sie sich mit einem ihrer Messer verletzte, schwieg ich einfach, setzte mich zu ihr. Sie starrte mich herausfordernd an mit ihren unergründlichen Augen, in denen kein Licht mehr ist.
„Was gibt es da zu stieren, Sklavin?“ herrschte sie mich an.
Ich blieb ruhig. „Willst du das es aufhört?“ Sie lachte  höhnisch.
„Ich will das alles aufhört. Nur Opium hilft.“
„Du weißt, das ich halb wahnsinnig hier ankam. Was mir half, könnte dir auch helfen.“  schlug ich vor.
Oija gab ein geringschätziges Geräusch von sich, ging hinaus.
Aber sie beobachtete mich, wenn ich  spätabends vor dem Feuer  in der Halle saß. Wochen später setzte sie sich einfach neben mich.
Ich sagte gar nichts, wartete darauf, dass sie zu sprechen begann.
Drei Mal ging sie wieder ohne etwas gesagt zu haben. Beim vierten Mal  überwand sie sich endlich. Ich hatte bemerkt, dass ihre Arme und Beine mit feinen Schnitten übersät waren. Es waren frische Wunden.
„Sag mir was ich tun muss.“ forderte sie barsch. Zunächst zeigte ich ihr, wie man sich den Flammen hingibt, in ihnen  aufgeht, den Geist reinigt von allen Gedanken. Sie gab mehrmals auf, aber sie kam immer wieder am nächsten Abend. Auriane gesellte sich oft zu uns. Die Männer begannen hinter unseren Rücken zu flüstern. „Hexen..... sie zaubern.... deshalb ist Valens so besessen von Amazonia.... und der Kaiser auch...“
Der Name kam mir bekannt vor, aber die römischen Namen ähneln sich oft sehr. Sie bestehen meist aus zwei oder drei Namen , die sich wiederholen von einem Träger zum anderen. 
Wie bei  Maximus Decimus Meridius.

Ich hatte die Erinnerungen an Maximus tief in mir begraben. Er glaubte, ich sei freiwillig oder  auch nicht, nach Sizilien mitgegangen. Sicher hätte er mich darin bestärkt, es zu tun.
Anina musste glauben, ich sei wieder bei ihm.
Wenigstens hatte ihnen die Wahrheit keinen Kummer bereitet.
Lügen können gnädig sein.
Die Wahrscheinlichkeit ihn wiederzusehen war verschwindend gering.
Proximo würde ihn weder verkaufen, noch freilassen. Er war sein größtes Kapital solange er mitspielte. Alle Gedanken an ihn führten immer wieder zu seinem Tod. Also versuchte ich mich nur an die Zeit in Germanien zu erinnern. Es kam mir vor, als wäre dies nie geschehen und ich hätte alles nur geträumt.
Als wären sich  eine andre Frau und ein andrer Mann begegnet.
Niemals werde ich ihn, die Zeit mit ihm vergessen, aber es scheint in einem anderen Leben geschehen zu sein.
Edreds Weissagung kam mir  dabei  wieder  in den Sinn.
Ich hatte seit der  Überfahrt nicht mehr daran gedacht.
„ ...du wirst im Schatten der Wölfin morden und zwei Mal sterben, um zu leben.“ Ich sah keinen Sinn darin. Vielleicht hat sie sich geirrt.

Oija machte allmählich Fortschritte. Sie konnte sich inzwischen versenken und ihren Geist reinigen. Dies war besonders wichtig für sie, da sie von einer Flut grausamer Erinnerungen verfolgt wurde.
Sie öffnete sich mir mehr und mehr. Ich forderte nichts von ihr.
„Berane, zeig mir den nächsten Schritt. Ich denke, ich kann es.“ meinte sie eines Abends, als wir zu dritt am Feuer saßen.
Ich blickte Auriane fragend an. Sie nickte.
„Gut.“ stimmte ich zu.
Oijas dunkle Augen spiegelten die Flammen wieder.
 Glanz in diesen Augen zu sehen, kam mir  vor wie ein Omen Freyas.
„Wenn du den Ort erreicht hast, an dem dein Geist frei ist, wirst du selbst zur Flamme. Spüre die Hitze, die in dir brennt. Das Feuer deines Willens.
Deine Kraft. Du kannst nicht ungeschehen machen. Aber du kannst ihm die Bedeutung nehmen. Verbrenne es. Hole alles hervor, was du vernichten willst, allen Schmerz, alle Wut, alle Trauer und Hilflosigkeit ,betrachte es ein letztes Mal. Betrachte es genau. Dann wirf es in die Flammen und zerstöre es. Sieh zu, wie es zu Asche zerfällt, greife mit der Hand hinein und wirf es in die Luft. Sieh wie es sich in Nichts auflöst und freue dich daran. Tue dies solange, bis es nichts mehr zu verbrennen gibt.“
Diese Anweisung hatte ich von meiner Mutter Ute übernommen.
Noch nach vielen Jahren kannte ich jedes Wort.
Oija hatte aufmerksam zugehört. Sie war weit genug vorangeschritten in dem Ritual, um zu verstehen.
Sie kämpfte. Auriane und ich sahen es.  Oft liefen ihr Tränen über das Gesicht, wenn sie in die Flammen starrte. Niemand hatte Oija je weinen sehen.
Es war ein gutes Zeichen. Ihr Wesen veränderte sich unmerklich.
Ihre Züge entspannten sich, ihr Ton wurde freundlicher.

Callista klopfte mir anerkennend auf den Arm, ihre schwarzen Augen strahlten zufrieden. „Zehn Würfe, alle sauber und schön anzusehen. Die Drehungen sind nicht perfekt aber gut genug. Das Rad ist ebenfalls gut genug. Du bist soweit.“
Ich wischte mir die Stirn  ab. Erleichtert und ein wenig stolz zog ich meine Waffe aus dem Sand der Arena. Wir hatten im Colosseum und nicht im Ludus Magnus trainiert, damit ich mich an die Größe der Arena und die Distanzen gewöhnen konnte. Noch zehn Tage.
Oija hatte uns zugesehen. Ich ging an ihr  vorbei, berührte zum Gruß ihren Arm.
Als ich einige Schritte weiter war, rief sie mir nach.
Ich drehte mich um. „Willst du lernen das Messer zu werfen?“fragte sie mich. Ihre Stimme war leiser als sonst und es klang fast wie eine Bitte.
Es war später Nachmittag, die Sonne stand schon recht tief.
Ich zuckte die Schultern, dann nickte ich spontan.
„Ja. Das würde ich gern können. Auriane hatte noch keine Gelegenheit es mir beizubringen. Du bist besser als sie.“ Oija grinste.
„Ruh dich kurz aus, dann fangen wir an.“ meinte sie gut gelaunt.
Ich eilte zu dem kleinen Baderaum, der zu festen Zeiten den Frauen im Circus zur Verfügung stand, tauchte rasch in das Becken, nachdem ich mir den Schweiß grob abgespült hatte. Erfrischt und erwartungsvoll kehrte ich zu Oija  zurück. Bis auf einzelne Männerpaare, die uns argwöhnisch musterten, waren wir allein. Der Aberglaube, der hier verbreitet ist, schützt uns vor Übergriffen.
Sie haben Angst vor uns, nennen uns ‚Hexen’. Zudem wissen alle, dass sowohl Auriane als auch Endymion, der einer der besten hier ist, uns schützen.

„Wir fangen mit Würfen in den Sand an. Wenn das Messer stecken bleibt, werfen wir auf ein stehendes Ziel. Da du schon mit dem Gladius  ein Gefühl für den Schwung bekommen hast, kann es nicht lange dauern. Komm, wir gehen dort hinüber, in den Schatten der Wölfin. Da ist es kühler.“
Erst nachdem Oija mir das  Messer in die Hand gedrückt hatte, einen  fünf Zoll langen Dolch, begriff ich , was sie gerade gesagt hatte.
Wir waren ein paar Schritte  zur Nordseite der Tribüne gegangen.
Komm in den Schatten der Wölfin
Ich blickte um mich, sah nichts ,was ich nicht schon  vorher gesehen hatte.
Dann traf mich die Erkenntnis wie ein kalter Guss.
An der Nordseite, vor der Loge das Kaisers thronte eine riesige Figur aus Stein oder Metall. Sie glänzte in der untergehenden Sonne, warf den Schatten, in dem Oija und ich gerade standen.
Es war die Darstellung der Luperca Roma.
Das Sinnbild Roms. Überall verewigt, auf Münzen und Gemälden, Statuen und Schmuck. Wie hatte ich es so lange übersehen können...
Davon hatte Edred gesprochen.

Luperca  heißt Wölfin.

 

Auriane

Berane überraschte mich. Mir war schnell klar geworden, dass sie ein Frau mit Talenten und  Fähigkeiten war.
Sie tat mit Oija, was ich mit ihr gemacht  hatte. Sie versuchte sie zu heilen.
Warum weiß ich nicht. Ich war nie auf die Idee gekommen.
Ich bin eine Kriegerin. Sie ist eine Heilerin. Mein Wunsch ihr zu helfen entsprang vor allem der Tatsache, dass sie Germanin war.
Vielleicht hatte sie ähnliches erlebt wie Oija. Missbrauch. Demütigung.
Dass Berane durch die Flammen zurückgekehrt war, schien sie zu beeindrucken.
Schon deshalb hätte ich mich schwer getan, wenn Oija nicht ihr Beispiel vor Augen gehabt hätte. Kurz vor unserem Auftritt fing Oija an Berane  im Messerwerfen zu unterrichten. Ich beherrsche es ebenfalls, aber sie war besser.
Sie war fantastisch. Es war ihre große Leidenschaft. Sie konnte Acon mit einem Dolch aus mehreren Metern Entfernung den Becher  aus der Hand schlagen, ohne ihn zu verletzen. Sie konnte Endymions blonde Locken an eine Wurfscheibe nageln, ohne seine Kopfhaut zu ritzen.
Ihre Künste als Lehrerin zweifelte ich jedoch  an. Ich täuschte mich.
Berane machte rasch  Fortschritte. Callistas Training hatte sicher dabei geholfen. Gefühl für Schwung, für Gewicht und  Kraft.
Ich hatte keine Bedenken, was unseren Auftritt anging.
Berane ist... was soll ich sagen.  Dass ich auf sie aufmerksam geworden war in der zweiten Ebene, sie vor einem Schicksal als Küchenmagd und Hure bewahrt habe, scheint Vorsehung.
Die Vorstellung, ich hätte sie übersehen, verursacht mir Übelkeit.
Sie wäre schnell zugrunde gegangen. Es gibt Frauen, die damit leben können.
Sie gehört nicht dazu. Sie fühlt zu sehr.
Freya. Sie hat mich so genannt. Sie hat dem  Tigerweibchen diesen Namen gegeben. Die Kraft des Weiblichen.
In all meiner Beliebtheit bei den Römern, meinem Ruhm als Heerführerin, fühle  ich mich  ihr manchmal  unterlegen. Sie sieht die Dinge anders als ich.
Die Macht der Liebe ist sichtbar in ihr. Ich wollte wissen, was der Quell dieser Liebe war. Ein Quell, der nicht versiegt war im Wahnsinn.
Berane ist weder eine auffallend schöne, noch sonst äußerlich ungewöhnliche  Frau, außer dass sie nur wenig kleiner ist als ich. Sie ist  weiblicher gebaut als ich, besitzt aber viel mehr Kraft als Frauen dieses Körpertyps sonst.
Die meisten sind eher klein und träge und neigen zur Fettleibigkeit. Sie erinnert mich an eine  Löwin, wenn sie einen schnellen Bewegungsablauf vollführt.
 Lauernd, und dann blitzschnell zuschlagend.
 Ihr Reaktionsvermögen ist außergewöhnlich.
 Beim Training trägt sie stets ein sehr straffes Band um den Oberkörper, damit ihre üppigen Brüste sie nicht behindern. Nachdem sie mir erzählt hatte, dass sie Freyas Schule durchlaufen habe und im Schwertkampf unterrichtet worden sei, bekam ich die Idee nicht mehr aus dem Kopf.
Der Kaiser hat eine Schwäche für kämpfende Frauen.
Viele Päderasten sehen darin einen Reiz, sonst wäre ich nicht so beliebt.
Rom wimmelt von ihnen. Die Vision zweier beinah identischer weiblicher Kämpfer, von denen eine am Ende zum Schein stirbt bei  einem Spektakel halb Kampf, halb Tanz  mit ein wenig Akrobatik. Ich  brauchte mich nicht sehr anstrengen, sie zu überreden. Berane ist es gewohnt eine Aufgabe zu haben, das Training füllte unseren Tag. Sie war geforderter als ich, da Callista ihr Schwertwürfe und leichte Akrobatik beibrachte neben dem Einstudieren des eigentlichen ‚Kampfes’.
Danach fing Oija an sie im Werfen zu unterweisen.
Fast wurde ich eifersüchtig. Oija hatte mir nie soviel Aufmerksamkeit gezollt.
Sie veränderte sich durch die Flammen. Die  boshafte, giftige Maske, die sie zeitlebens  zum Schutz getragen hatte, wurde durchsichtig und man konnte die wahre Oija erahnen. Ein junges Mädchen, keine 20 Jahre alt, das begann die Lasten ihres bisherigen Lebens abzuwerfen, um sich neu zu erschaffen.

Berane zieht die Aufmerksamkeit  erst allmählich  auf sich durch ihre Stimme, ihren Ausdruck. Ihre Augen sind es. Ihre Augen sind wie das Meer.
Als Callista  sie zur Probe  für den Auftritt schminkte, war ich verblüfft.
Das Khol* auf den Wimpern, Augenbrauen  und um die Augen verlieh ihr Magie. Das Meerblau ihrer Iris kam durch den rötlichen Erdpuder stark zur Geltung. Callista rötete ihre vollen Lippen. Berane sah plötzlich völlig anders aus. Intensiv. Sinnlich. Ich sah den Kern dieser Frau. Gefühl.
Das hatte mich so angezogen.
Sie war ganz Liebe, Schmerz, Sinnlichkeit, Freundschaft, Mitgefühl.
Jedoch ohne den defensiven, leidenden Unterton, der schnell weinerlich wirkt.
Und sie nahm die Herausforderung an, meine Vision mit Leben zu erfüllen.
Ihre Augen blitzen begeistert, wenn wir etwas besprachen.
Sie besitzt großes Vorstellungsvermögen, machte mir Vorschläge, die wir zum Teil einbauten. Dass ich zweitausend Männer geführt hatte, schreckte sie nicht. Sie vertraute mir. Nichts ist überzeugender.

„Wir brauchen einen Namen.“ erklärte ich.
Berane sah mich arglos an.
“Willst du als Berane in die größte Arena der Welt treten?“ frotzelte ich.
Sie hob die Achseln, bückte sich, kratzte  impulsiv an ihrer Ferse.
„Was ist?“ fragte ich.  Sie verzog das Gesicht.
„Etwas hat mich gestochen ..“ Es war ihr völlig egal. Ich lachte.
Dann kam mir eine Idee. „Weißt du etwas von den Griechen?“
Sie verzog missbilligend das Gesicht. „Was ich weiß, gefällt mir nicht.“
Ich runzelte  fragend die Brauen. Sie winkte ab, rieb weiter an dem Stich.
„Es gab einen großen Krieger unter ihnen, der nur eine einzige verwundbare Stelle besaß.“ „Und was hat das mit mir zu tun?“ wollte sie gereizt wissen.
„Es war seine Ferse.“
  Sie schmunzelte, richtete sich wieder auf. „Wie hieß er ?“
„Achilles.“
„Meinetwegen.“ Sie zuckte die Achseln.
Das war die wenig ruhmreiche  Geburtsstunde der Achillia.

Am Abend vor dem Auftritt saßen wir lange am Feuer. Oija und Callista leisteten uns Gesellschaft. Berane hatte in den letzten Wochen hin und wieder  bei meinen Auftritten zugesehen. Sie hatte sich auch andre Kämpfe angesehen, gewöhnte sich allmählich an die Vorstellung im Sand vor dem gierigen Moloch  des Publikums auf den Tribünen zu stehen.
Wir übten den Ablauf am Vormittag  ein letztes Mal auf dem Trainingsplatz des Ludus, während die Spiele schon begonnen hatten.
Der Höhepunkt sollte am späten Nachmittag stattfinden.
Die Nachstellung irgendeiner Schlacht aus der Geschichte mit Streitwagen, Pferden und mehreren Dutzend Männern verschiedener Schulen.
Das war sehr beliebt.
Fast wöchentlich trafen neue Kampfschulen aus den Provinzen ein.

Endymion nickte anerkennend, als wir nach der Generalprobe  ins Bad gingen. Ich bemerkte die Blicke, die er Berane zuwarf. Sie schien es nicht zu sehen, oder wollte es nicht sehen. Ich kannte diese Blicke.
Acon teilte uns mit, wann unser Auftritt stattfinden solle. Wir waren die Vorletzten auf der Liste. Ich wunderte mich, dass er uns zu einer der Hauptattraktionen machte.
Oija trat vor uns auf, nach ihr kam Callista. Die Akrobaten bestritten meist das unblutige Vorprogramm bis zum frühen Nachmittag.
Sie halfen uns danach  bei den Vorbereitungen. Oija  flocht Beranes Haar aus dem Gesicht zu unzähligen straffen Zöpfen.
Sie sah aus wie eine Medusa*, wenn sie den Kopf bewegte.
Ich hatte  mein Haar  wie immer am Hinterkopf gebunden und zu einem Strang zusammengedreht. Wir trugen keine Helme, da es nur ein Schaukampf war. Deshalb machten wir uns die Mühe  mit dem Haar und der Schminke.
 Berane sah mich prüfend an, als Callista fertig war.
„Was ist?“ wollte ich wissen.
Sie nahm einen von den Pinseln, die Callista  benutzte und malte sich mit  dem Khol in wenigen kühnen Zügen die Rune Berkano auf  die Stirn.
Dann sah sie mich fragend an.
Ich schmunzelte. Freyas Rune. Sie reichte mir den Pinsel.
Ich schüttelte den Kopf. “
Tu du es.“ Sie folgte meiner Bitte.
„Ihr seht barbarisch aus.“ meinte Oija.
„Wir sind Barbaren.“ erwiderte Berane.
“Für diese Menschen. Für uns sind sie die Barbaren.“  fügte ich hinzu.
„Das war als Lob gedacht. Diese blutgeilen Idioten werden euch lieben. Berane, nimm du die grüne Tunika . Auriane ist wie immer in Rot. Das gibt einen wunderbaren Kontrast.“ schlug Callista vor.
Wir legten fast identische Ausrüstungen an. Sie gehören mir, waren  ein Geschenk meines Gönners, der sicher anwesend sein würde.
Feste Ledersandalen, die bis unters Knie geschnürt wurden.
Darüber verzierte  lederne Schutzhüllen, mit Riemen befestigt.
 An  den Unterarmen  ebenfalls.
Ärmellose, wadenlange Tuniken aus ägyptischer Baumwolle , die bis zur Hüfte und über  der Taille offen waren, um Bewegungsfreiheit zu garantieren und viel Haut zu zeigen. Das Publikum wollte Fleisch sehen.
Darüber ein verzierter lederner Harnisch mit knielangen Ledersträngen und ausgeformten Brüsten, der den Rücken frei ließ.
„Dein Gönner ist da. Er sitzt in der Kaiserloge.“ meinte Oija an mich gerichtet. Ich verzog das Gesicht zu einer halb angewiderten, halb geringschätzigen Grimasse. Es konnte nicht mehr  lange dauern, bis er nach mir schicken ließ.
Ein eisiger Schreck durchfuhr mich. Wenn er Berane  mit mir sah, würde das seine perverse Fantasie sicher anregen. Was, wenn er sie mit in unsere Abmachungen einbeziehen wollte?
Ich hatte ihr nichts davon erzählt, nur dass mir ein reicher Römer, der mich in der Arena gesehen hatte, all diese Dinge zukommen ließ als Zeichen seiner Bewunderung. Nichts davon, was mein Teil des Handels war.
Ich würde es nicht mehr lange vor ihr geheim halten können.
Sie wusste bereits, dass ich mich körperlich nur von Frauen angezogen fühle, hatte mir zu verstehen gegeben, dass sie Gefühle auf dieser Ebene nicht mit mir teilen könne. Sie wirkte dabei, als sei sie mir etwas schuldig. Ich weiß, dass sie mich mag, aber Frauenliebe scheint nichts zu sein, das sie anzieht.

Ich ließ mir nichts anmerken, als wir schließlich, herausgeputzt  und bewaffnet, mit Schild und Schwert die Hallen zu einem der Aufgänge durchschritten.
Wir hatten alles genau durchgeplant. Wir würden auf gegenüberliegenden Seiten in die Arena treten, uns vor dem Kaiser  treffen, um den Herrscher zu begrüßen, uns  verbeugen.
Bevor wir uns in den Gängen trennten, umarmte ich Berane kurz.
Ihre geschminkten Augen leuchteten in dem mit äpyptischer Erde gebräunten Gesicht. Sie zitterte vor Erregung und Anspannung.
 „Wenn du nicht weiterweißt, klopf auf den Schild, dann lenke ich ab. Wir schaffen das. Stell dir einfach vor, es wäre Eostre und wir feiern es mit einem Schwerttanz. Lass dich von den Trommeln führen.“ versuchte ich sie zu beruhigen. Die Trommler des Orchesters hatten auf Acons Geheiß eine einfache, aber mitreißende Rhythmusfolge geschaffen, die auf unsere Bewegungen abgestimmt war. Es klang sehr bedrohlich und barbarisch, half uns den Takt der Bewegungen einzuhalten.
Sie nickte stumm. Ich wusste, was sie empfand.
Vor meinem ersten Kampf gegen einen Jüngling hatte ich mich am Tor übergeben, Minuten bevor ich hinausmusste.
Wenn man das erste Mal in dieses Meer aus Stimmen eintaucht, die zu dem Gebrüll eines Sturms anschwellen können, schwinden einem fast die Sinne.
Es von drinnen zu hören, ist nichts im Vergleich dazu, im Mittelpunkt zu stehen.
Ich nickte ihr ein letztes Mal zu, dann drehten wir uns um und gingen auf die Ausgänge zu, die  über Treppen hinauf in die Arena führten.
Als sich das Gitter hob, sah ich Berane mir gegenüber stehen am anderen Ende.
Der Zeremonienmeister kündigte uns an.
„Unser erhabener Kaiser erfreut sein Volk mit einem nie da gewesenen Spektakel!  Der Kampf zweier Barbarinnen in der Tradition ihrer germanischen Vorfahren!   Amazonia, die große Heerführerin der Chatten gegen die Kriegerin Achillia, vom Stamme der Hermunduren, eine Todfeindin ihres Stammes!“
Als wie uns einander näherten, sah ich wie Berane mit den Augen rollte, bei dem Unsinn, den sie hörte. Selbst ihre Nervosität hinderte sie nicht daran.
Ich unterdrückte ein Grinsen.
Gemurmel erhob sich von den Rängen.
Wir trafen uns vor der Loge des Kaisers, verbeugten uns.
Ich sah, dass Berane  verzweifelt versuchte ihre Nervosität mit betont tiefen, ruhigen Atemzügen zu beherrschen.
Die Trommeln setzten ein. Einen Moment stand sie wie erstarrt, ich glaubte schon sie würde sich nicht bewegen können. Aber einige Sekunden später nahm sie ihre Position ein, wir begannen uns im Takt der Trommeln zu umkreisen.
Ich wendete einen Trick an, mit dem ich jungen Kriegern, die das erste Mal vor dem Feind standen, oft den Rücken gestärkt hatte.
 Nur dass es  diesmal keine Schlachtrufe waren. Es waren Gebete zu Freya, die mir aus dem Unterricht im Gedächtnis geblieben waren.
Berane musste sie kennen.
Es klang für das Publikum, als fordere ich meine Gegnerin  heraus.
Sie rang sichtlich um Fassung, sah mich verblüfft an. Als ich endete, antworte sie mir mit ihrer etwas rauen, vollen Stimme, führte das Gebet in ihrem Dialekt fort. Die Menge lauschte, es war ungewöhnlich ruhig in der Arena. Bei ihren letzten Worten machte ich den ersten Ausfall. Der dumpfe Ton, der durch mein Schwert auf ihrem Schild  entstand, brach den Bann.
Das Publikum jubelte auf und wir fanden mit den nächsten Schlägen unseren einstudierten Rhythmus. Bei ihrem ersten Schwertwurf, gefolgt von einer gesprungenen Rolle vorwärts, nach der sie ihre im Sand steckende Waffe wieder aufnahm, ertönte ein langgezogenes „Ahhhhhhhhh“ von den Rängen.
Ihre Unsicherheit schwand. Der hypnotisierende Klang der Trommeln riss  uns beide mit. Als sie schließlich nach einem,  durch meinen Schild verdeckten Stich unter ihrer Achsel durch, schweißüberströmt ‚tot’ zu Boden sank, jubelte die Menge uns zu. Ich verbeugte mich vor dem Kaiser, der mit Valens sprach und dabei applaudierte. Acon nickte mir von rechts her zu, machte mir das Zeichen zum Abgang. Zwei der Männer, die die Arena zu säubern hatten zwischen den Auftritten, packten Berane, die ‚Leiche’ bei den Handgelenken und zerrten sie  zu einem der Abgänge in die zweite Ebene. Ich folgte ihnen mit unseren Waffen und Schilden, hob die Schwerter in scheinbarem Triumph.
 Tosender Applaus und „‚Amazonia, Amazonia“ Rufe begleiteten  mich hinaus.

Berane schüttelte  und klopfte sich gerade den Sand ab, als ich sie erreichte.
Die Rune auf ihrer Stirn hatte der Schweiß fast abgewaschen.
Das zerlaufene Khol um ihre Augen verlieh ihr das Aussehen eines weiblichen Dämonen.  Endymion ging an ihr vorbei, klopfte ihr auf die Schulter.
Er war bei der Gruppe, die jetzt hinausmusste. Sie fuhr überrascht auf, sah ihm kurz nach. Dann wandte sie sich mir zu, sah mich fragend an.
Ich wiederholte die Geste des Kreters.
 „Komm, lass uns den Sand und die Schminke loswerden. Du siehst zum Fürchten aus.“ lachte ich, dabei sah ich sicher nicht besser aus.
Verlegen wischte sie sich übers Gesicht, was die Sache noch schlimmer machte und folgte mir erschöpft zum Baderaum.
Als wir unsere Ausrüstung ablegten, meinte sie:
„Nächstes Mal will ich einen Helm.“ Ihr trockener, gespielt beleidigter Tonfall ließ mich in  erleichtertes Gelächter ausbrechen. Sie lachte mit.

*Medusa: weibliches Ungeheuer mit Schlangen statt Haaren
´ Khol: ägyptische Augenschwärze, als Puder oder Fettschminke

 

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