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15 – Nana Glen
Der Privatdetektiv legte sorgfältig die Photos und den in Englisch verfassten Bericht auf den Tisch des Geschäftsmannes, nicht ohne eine gewisse Genugtuung, die ihm anzusehen war. Lapierre maß ihn mit finsterem Blick. „Ich denke, Monsieur, ich habe durch einen Kollegen in Sydney wirklich umfassende Informationen sammeln können, und ich glaube, das wird alle ihre Fragen beantworten, aber leider auch, ihre Befürchtungen bestätigen.“ Es war die übliche Phrase, die man so von sich gab in dieser Art von Fällen. Gehörnter, verlassener Ehemann. Ein wenig Mitleid in der Stimme mitschwingen lassen, aber doch nicht soviel, als dass der Betroffene sich unwohl fühlen konnte. Er schwieg, während Lapierre die Fotos, die allesamt Gillaine und den Schauspieler an verschiedenen Orten zusammen zeigten, studierte. Er ließ sich Zeit damit, nagte an seiner Oberlippe und schnappte sich dann auch den schriftlichen Bericht. Nach ein paar Sekunden rief er nach Favier und als dieser zur Tür herein trat, hielt er ihm das Manuskript hin. „Übersetzen Sie mir das, Favier! Und vergessen Sie kein Wort, verstanden?“ Die Drohung, die in den Worten des Mannes mitschwang, war nicht zu überhören. Der Sekretär ärgerte sich ein Mal mehr, dass sein Dienstgeber ihm gegenüber einen derart verächtlichen Ton im Beisein Fremder anschlug. Er nahm das Dokument an sich und wollte den Raum verlassen, doch der scharfe Ruf Lapierres hielt ihn zurück. „Wo wollen Sie hin, Mann? Ich meinte jetzt, sofort. Sie sprechen doch perfekt Englisch, also lesen Sie schon vor!“ Serge Faviers Blick wanderte von Lapierre zu dem Detektiv. Jetzt erst erblickte er die verstreuten Fotos auf dem Tisch seines Bosses und er wusste, dass er Lapierre nicht hatte täuschen können. Der gerissene Fuchs hatte seine eigenen Nachforschungen anstellen lassen und ihn ausgetrickst. Er durfte sich keinen Fehler erlauben und überflog den Bericht erst, bevor er stockend las: „Isabelle Valdeau, wohnhaft in Pyrmont, Sydney, Woolongoo Avenue 10, ohne Beruf….” Es folgte eine Liste von Daten, Uhrzeiten und wo sich besagte Person zu genannter Zeit aufgehalten hatte. Auch mit wem. Der Name Russell Crowe wiederholte sich in beinahe jedem Absatz des Dokumentes. „..... 16. August: Zielperson und RC verlassen die Französische Botschaft um 17.30 h“, endete der Bericht. Natürlich war auch der Besuch bei Interpol verzeichnet und Lapierre fühlte das erste Mal in seinem Leben, eine Art Unbehagen in sich aufsteigen, Unsicherheit und Sorge. Gillaine konnte nichts wissen, das war ihm klar! Aber was sollte dann ihr Besuch dort? Was hatte er mit Interpol zu tun? Die würden sicher nicht in seinen Eheproblemen ermitteln, dachte er hämisch, doch seine Besorgnis konnte er nicht abschütteln. Favier sah Lapierre über die Ränder seiner Brille hinweg an. „Ich hätte nie gedacht, Monsieur“, suchte er sich zu verteidigen, „dass dieses Zeitungsphoto wirklich ihre Frau sein könnte! Es tut mir leid!“ Lapierre schien ihm nicht zuzuhören, seine Gedanken befassten sich mit wichtigeren Dingen. „Sie können gehen“, forderte er den Detektiven ungehalten dazu auf zu verschwinden. „Lassen Sie ihre Honorarnote bei der Sekretärin draußen. Sie erhalten Ihren Scheck noch diese Woche!“ Der Detektiv gab einen kurzen Gruß von sich und verschwand. Lapierre sah den Sekretär sinnend an: „Woher konnte sie das alles bezahlen, Favier? Wer hat ihr da geholfen, frage ich mich?“ Favier fühlte sich unbehaglich. „Das ist mir auch ein Rätsel, Monsieur. Ihr Bekannter, André, dieser Student, der ist seit Monaten in Ägypten. Sie hatte längst jeden Kontakt zu ihm abgebrochen, bereits lange vor ihrer Internierung.“
Lapierres Blick schien ihn zu durchbohren. Der Mann überlegte und fuhr gedankenverloren mit den Zeigefinger über sein Kinn. „Ich nehme doch nicht an, dass sie da die Finger im Spiel gehabt haben, Favier!“ Gleichzeitig wusste er, dass der Sekretär nicht genug Rückrat besaß, derartige Komplotte gegen ihn hinter seinem Rücken zu schmieden. Doch er wollte auf Nummer sicher gehen und ihn verunsichern. Favier wurde blass, fing sich jedoch gleich wieder und beteuerte: „Monsieur, es beleidigt mich, wenn Sie mir das zutrauen! Ich denke, ich habe meine Loyalität Ihnen gegenüber immer wieder bewiesen!“ Lapierre nickte zustimmend: „Ja, ich denke schon, bis auf das eine Mal...“ „Ich schwöre Ihnen, Monsieur“, begann der Angesprochene von neuem, „ich habe sie tatsächlich nicht erkannt!“ Er hasste seine Schwäche. Er hasste diese Kriecherei vor dem Mann in dem ausladenden Bürostuhl und er hasste diese Situation als Ganzes. Er war kein Mann, er war ein Schwächling und diese arme Frau würde ein weiteres Mal Lapierres Macht und seine Grausamkeit zu spüren bekommen. Es war ihm klar, dass er nicht einfach Fotos und Bericht in eine Schublade verbannen würde. Die Kosten der Nachforschungen waren sicher hoch genug gewesen, und Lapierre machte keine halben Sachen. „Hören Sie auf zu schwören, Mann“, winkte er ab. „Ich weiß, dass sie nicht genug Mut zu derartigen Aktionen haben! Diktieren sie Madeleine den Bericht in unserer Sprache und legen Sie ihn dann wieder auf meinen Tisch, verstanden? Ich habe noch auswärts zu tun, wir sehen uns morgen!“ Er hatte, während er sprach, die Adresse und den Namen der „Zielperson“ auf ein Notizblatt gekritzelt und in seine Jackentasche gesteckt. Er ging. Favier verließ wie ein geprügelter Hund das Office seines Bosses. Er diktierte Madeleine den Bericht in Französisch und bat sie, eine Fotokopie für ihn zu machen. „Tippen Sie das gleich für mich ab“, sagte er bestimmt. Madeleine druckste herum und als der Sekretär fragte, was sie bedrückte, meinte sie, dass es ihr sehr Leid täte, dass Lapierre ihretwegen auf Madames Spur gekommen sei. Favier winkte ab. „Machen Sie sich keine Sorgen deswegen. Inzwischen ist die Presse voll von Fotos und Artikeln. Irgendwann wäre er selbst darüber gestolpert oder irgendjemand hätte es ihm unter die Nase gerieben. Es war nicht zu vermeiden, seit sie mit diesem Schauspieler durch die Gegend zieht. Entweder wiegt sie sich so sehr in Sicherheit, dass sie dieses Risiko eingegangen ist oder aber sie ist dümmer als wir dachten. Doch ich schließe das Letztere aus. Also tippen Sie drauf los, Madeleine und sprechen Sie mit niemanden darüber, ja?“ Sie nickte und Favier ging, nicht, ohne ebenfalls Namen und Adresse der Frau notiert zu haben, von der hier die Rede war. Die Schreibkraft führte den Wunsch ihres Chefs gewissenhaft aus und eine Kopie davon legte sie ihrem rosa Akt bei, der inzwischen an Umfang deutlich zugenommen hatte. Sie blätterte darin und erfreute ihr Auge an dem scheinbaren Glück der Frau ihres Bosses, die am anderen Ende der Welt anscheinend das Lachen wieder erlernt zu haben schien. Obwohl sie immer noch in Lapierre verliebt war, stellte sie sich mehr und mehr auf Gillaines Seite. Fraulicher Instinkt und das Gefühl, dass Lapierre doch nicht der Traummann für Gillaine war, der er vorgab zu sein, hatten diesen Sinneswandel nach und nach gefördert.
Am nächsten Morgen wurde Favier beauftragt, das bestellte Bargeld von der Bank de France abzuholen. Wichtige Transaktionen hätten ihn dazu veranlasst, eine hohe Summe in bar anzufordern. Serge Favier stellte keine Fragen. Es war nicht ungewöhnlich, dass er einen solchen Auftrag erhielt. Er war Sekretär und Prokurist, Wegbereiter für Termine, Besprechungen, sowie Zureicher von Dokumenten, Zigarren und natürlich auch Abwimmler lästiger Besucher. Viel mehr Einblick hatte er nicht, als in die Geschäftsführung des Golfclubs. Für Einkaufszentren und Restaurants gab es andere zuständige Personen und über allem thronte Bernardini, der mächtigste Anwalt der Stadt. Immer mehr wurde dem Sekretär bewusst, dass er keinen Grund hatte, auf seine Stellung, seinen Job stolz zu sein. Er war nur ein bedeutungsloses Würmchen, ein Terminkalender für den reichen Geschäftsmann und als solcher wurde er mehr und mehr behandelt. Lapierre hatte keine Furcht vor seinem Sekretär. Er wusste nichts. Er war nur über bedeutungslose Geschäfte informiert und die waren rechtlich gesehen vollkommen in Ordnung. Ja, man arbeitete teilweise sogar mit Verlust. Aber was machte das schon? Welche Konzerne in dieser Zeit konnten sich schon rühmen viel Gewinn abzuwerfen? So blieb das Imperium Lapierre unauffällig, schwamm im Strom der andern Firmen mit, die ums Überleben kämpften und kassierte die staatlichen Zuschüsse zur Erhaltung der Arbeitsplätze seiner Angestellten ein....
Als Favier den entgegen genommenen Betrag bestätigte, wurde ihm doch etwas mulmig zumute. Er setzte seinen Namen als Prokurist unter den Bon de Caisse, der über 100.000 EURO ausgestellt war. Keine Kleinigkeit, diese Summe durch Paris’ Strassen zu befördern. Er ließ das Sicherheitsstahlband um sein Handgelenk einschnappen und verabschiedete sich von dem Direktor der Bank. Marcel hielt ihm die Tür der Limousine auf und er war froh, dass ihn niemand durch die dunklen Scheiben im Fond des Wagens ausmachen konnte.
Später übergab er Lapierre den kleinen Stahlkoffer und war erleichtert, ihn los zu sein. Er erwartete weitere Instruktionen, doch sein Patron winkte ab. „Ich habe auswärts zu tun und brauche Sie nicht, Favier. Diese Sache übernehme ich allein. Sie können Sie vergessen, das heißt“, er machte eine nachdrückliche Pause, „Sie haben Sie bereits vergessen, nicht wahr?“ „Natürlich, Monsieur. Ich darf Sie daran erinnern, dass die Vorstandssitzung um 14.00 Uhr beginnt.“ “Da können Sie schon ohne mich beginnen”, gab man ihm zu verstehen. „Ich werde kaum pünktlich sein. Sie machen das schon Favier!“ Der nunmehr familiäre Ton, den er angeschlagen hatte, verärgerte den Angestellten noch mehr. Der Geschäftsmann hatte es eilig, sein Bürohaus zu verlassen. Maître Bernardini, sein gewiefter Anwalt, stand bereits vor dem Haus und wartete auf ihn. Gemeinsam fuhren sie los und Favier starrte dem dunklen Mercedes von seinem Bürofenster aus hinterher. Er steckte den Kopf in Madeleines Vorzimmer und verlangte, vorläufig nicht gestört zu werden. Dann schloss er sorgfältig seine Tür und kramte nach der Adresse dieser Isabelle Valdeau. Es dauerte nur wenige Minuten, bis er ein Online-Telegramm per Computer an diese Frau gesandt hatte, die ihm kaum etwas bedeutete. Er könnte die Augen schließen, wie bisher, er könnte sie aus seinem Gedächtnis verbannen, das wäre ein Leichtes, vergessen, dass es sie überhaupt gibt. Doch er tat es nicht. Er war lange genug der Hampelmann des mächtigen Mannes von nebenan gewesen. Er würde es auch weiterhin sein. Doch jedes Mal, wenn man ihn wieder wie den letzten Dreck behandelte, konnte er mit Genugtuung daran denken, dass er nicht ganz so willenlos und dämlich war, wie sein Boss annahm. Er überflog den kurzen Text seiner Nachricht: „Lapierre hat ihre Spur. Gefahr! Seien Sie auf der Hut! Ein Freund“ Gillaine würde verstehen und dementsprechend vorsichtig sein, vielleicht sogar den Wohnort wechseln. Er hatte seine menschliche Pflicht getan. Die Frau ist für Lapierre zur Obsession geworden und er hielt ihn zu allem fähig, um seine Rachegelüste zu befriedigen. Er schickte seine Nachricht ab und löschte jede Spur aus den Dateien. Dann lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und überlegte, was er noch tun könnte. Seine Finger glitten erneut über die Tastatur seines Computers und er suchte nach der Email Adresse Interpol Paris. Es war zu gefährlich, von hier aus eine Nachricht zu senden. Der Absender konnte ohne weiteres ausfindig gemacht werden. Er beschloss, in ein nahe gelegenes Cyber-Café zu gehen und dort seine Pläne durchzuführen. Viel hatte er nicht an Informationen, aber er hatte einen Verdacht, den Beweis des abgehobenen Bargeldes und ein paar Hinweise und Namen. Dass sich Interpol für Lapierre interessierte, das hatte ihn nachdenklich gestimmt. Nicht zuletzt, weil er seine eigene Haut retten wollte, denn er nahm nicht an, dass man ihm seine Unwissenheit einfach so abkaufen würde. Wer konnte schon glauben, dass er wirklich nichts anderes als Lapierres Fußabstreifer gewesen war, all die Jahre hindurch. Der Rest seiner ihm verbliebenen Manneswürde meldete sich zu Wort und gab ihm den Mut, diesen letzten Schritt zu wagen.
Als er gegangen war, schlüpfte seine Schreibkraft in sein Büro und deponierte die Kopie der Übersetzung auf seinen Schreibtisch. Durch die leichte Erschütterung sprang der Computer von selbst an. Favier hatte ihn gedankenverloren in die Wartephase befördert, statt das Programm zu beenden. Ein falscher Klick, der fatal für ihn werden konnte... Madeleine wurde ihrer Neugier nicht Herr und bevor sie sich dazu aufraffen konnte, den Computer endgültig herunter zu fahren, klickte ihr Zeigefinger auf die zuletzt aufgerufene Seite. Der Bildschirm öffnete ihr das Emblem der Organisation für weltweites Verbrechen: Die Erdkugel, umkränzt von einem Lorbeerkranz, durchstoßen von einem Schwert und im Hintergrund die alles ausgleichende Waage, die bereits im Alten Ägypten das Symbol der Weltgerechtigkeit darstellte. Madeleine ahnte, dass sie auf eine wichtige Information gestoßen war. Sie wurde hin und her gerissen von Zweifeln, Existenzangst und ihrerLoyalität Favier gegenüber. Am Ende siegte ihre primitive, jedoch so tiefe Verehrung für den „Grand Patron“. Sie wählte die Handynummer des Mannes, die sie nur in Notfällen anwählen durfte. Währenddessen ließ sie das Bild auf dem Computer verschwinden, fuhr ihn herunter und klappte den Deckel des Laptops zu, während sie darauf wartete, die geliebte Stimme ihres Bosses zu hören. ***** Als der Privatjet auf dem kleinen Flughafen von Coffs Harbour landete, pfiff ein kalter Wind durch die Reihe der umstehenden Eukalyptusbäume und ihre Äste bogen sich ächzend nach allen Seiten. Zwei Männer, die von der Farm gekommen waren, erwarteten sie. Ihre Blicke waren interessiert, aber nicht sonderlich neugierig. Sie begrüßten Gillaine auf freundliche, diskrete Art und Russell stellte sie als die neue Lehrerin ihrer jüngsten Kinder vor. „Sie ist Französin“, erläuterte er weiter. Die Männer bekamen runde Augen und sie fühlte sich ein bisschen wie ein seltenes Tier, das es zu begaffen gab. „Nicht mehr lange, so hoffe ich“, beeilte sie sich zu sagen. Ihre Aussage entlockte den beiden ein Grinsen, es schien sie zu amüsieren. „Schwierige Aufgabe, die Sie da übernehmen, Mam“, erklärte einer von ihnen, während er einen ihrer Koffer ergriff und mit der anderen Hand seinen Hut am Kopf fest hielt. „Siebenundzwanzig Gören im Alter von fünf bis sieben! Ich beneide Sie nicht um den Job, gebe’ ich ehrlich zu! Aber ich bin froh, dass wir Sie haben! Die Aushilfslehrer wechselten fast wöchentlich und mit den Quälgeistern war nichts Rechtes mehr anzufangen!“ Gillaine hoffte, dass sie der Anforderung dieses außergewöhnlichen Jobs gewachsen sein würde. Ihre Ausbildung ließ es zu, die wichtigsten Grundgegenstände zu unterrichten. Aber würde sich mit den kleinen, wilden Australiern auch sonst fertig werden? Die Fahrt ins Landesinnere war von kurzer Dauer. Schon nach einer guten halben Stunde, die sie erst über eine Asphaltstrasse, an kleinen Siedlungen und einer ansehnlichen Bananenplantage vorbei gefahren waren, schlugen sie den Weg auf einer Sandstrasse ein und holperten auf ihr noch ein gutes Stück dahin. Der schwere Geländewagen schaffte das spielend, nur ihre Knochen wurden ein wenig dabei durchgeschüttelt. Sie konnte spüren, wie Abenteuerlust sie ergriff und bemerkte, dass Russell sie von der Seite her betrachtete, als wolle er eine Reaktion aus ihrer Miene lesen. Sie lächelte. „Ich find es ziemlich abenteuerlich hier draußen“, versicherte sie ihm und er grinste. „Ja, das ist es auch. Wage dich nicht zu weit hinaus aufs Land. Wir haben hier eine Menge Tiere, an die du nicht gewöhnt bist. Schlangen vor allem, aber auch unangenehme, giftige Insekten und Spinnen.“ Sie schüttelte sich ein wenig und bekam eine Gänsehaut. „Schlangen machen mir nicht wirklich Angst“, entgegnete sie, „aber von Australiens Spinnen habe ich schon viel gelesen. Die kleinsten sollen die gefährlichsten sein, nicht wahr? Er zuckte mit den Achseln. „Du meinst wahrscheinlich die Redbackspinne. Aber du hättest selbst in Sydney mit ihnen Bekanntschaft schließen können, ja, mit noch giftigeren Krabbeltieren, wie die Schwarze Trichterspinne, die hält sich in fast jedem Garten auf und unter so gut wie jeder Parkbank ist sie zu finden.“ Sie atmete auf. „Da hab’ ich ja echtes Glück gehabt, dass mir so ein liebliches Ding nicht über die Beine lief!“ Er nickte. „Jedenfalls darf man keinen Biss der Biester auf die leichte Schulter nehmen, auch wenn die Spinne harmlos erscheint, sie ist es mit Sicherheit nicht!“ ‚Schöne Aussichten’, dachte Gillaine etwas angewidert. Aber jede Sonnenwelt hatte eben auch seine Schattenseiten. Was sie weitaus mehr beunruhigte war seine Familie, der sie in kürzester Zeit gegenüber treten musste. Ja, das war eine wirkliche Mutprobe für sie, und sie hatte keine Ahnung, was Russell seinen Eltern von ihr erzählt hatte. Würde sie einfach nur die Lehrerin sein, die der Einfachheit halber auf der Farm leben sollte? Eine gute Freundin, oder gar mehr? Sie wusste, er hatte großen Respekt vor seiner Mutter, er liebte sie fast abgöttisch und ihr Urteil war selbst für einen Kerl wie Russell nicht ganz unwichtig, vielleicht sogar ausschlaggebend.
Als sie das einladende Holzschild mit der Aufschrift: “Wellcome in Nana Glen“ passierten, bekam sie vor Aufregung fast Bauchschmerzen. Er fasst ihre Hand, die sie nervös zu einer Faust geballt hatte und drückte sie leicht. „Honey, das geht gut, glaub’ mir, du bist dort schon so gut wie zuhause!“ Den beiden Cowboys war Russells liebevoller Tonfall und auch das Kosewort nicht entgangen und sie warfen einander bedeutungsvolle Blicke zu, doch schwiegen sich aus. Das war nicht ihr Bier! Russell war zwar ein prima Kumpel, aber er konnte auch ausrasten und dann befand man sich besser nicht in seiner Nähe! „Wir sind da“, stellte einer der beiden fest, als sie vor einem elektronisch gesteuertem Gattertor hielten und warteten, das sich die hohe, stählerne Flügeltür in Bewegung setzte und ihnen den Weg frei gab. Sie blickte sich um und sah ringsum nur das Grün der Weiden und Felder. In der Ferne konnte sie ein Wäldchen ausmachen. Die Landschaft stieg leicht an, und als der Wagen sich seinen Weg Berg aufwärts gesucht hatte, konnte sie in ein Tal blicken, das eine Anzahl von Gebäuden beherbergte, eine große Farm mit seinen Schuppen, Ställen und Dependancen. Es kam ihr wie ein kleines, vergessenes Paradies vor, dieses Tal. Zwischen den Gebäuden standen hohe, teilweise sehr alte Bäume und gepflegte Wege verbanden die einzelnen Bauteile miteinander. Je näher sie an die Siedlung heran fuhren, umso mehr wurde ihr klar, dass es sich hierbei um eine riesige Anlage handelte. Die flachen Häuser waren so angebracht worden, dass sie jedem Nebengebäude genug Platz und Licht ließen, Ausblick auf die dahinter liegenden bewaldete Hügel und eine Wiese, die sich bis zum Horizont erstreckte. Kleine schwarze Tupfer konnte sie als eine riesige Kuherde ausnehmen und ein paar Enten, Gänse und ein ganzer Haufen von Hühnern stoben aus dem Weg, als der Wagen rasant vor das Hauptgebäude fuhr und dort anhielt. ‚Unsere kleine Farm in der Prärie’ dachte sie unwillkürlich und amüsiert. Dies war der Name einer berühmten und beliebten amerikanischen Familienserie, die sie bereits als Kind gesehen hatte. Eine kindliche Darstellung von friedlicher Harmonie und ein Stück Paradies auf Erden. Doch auch dort gab es Probleme und Hindernisse, Trauer und Schmerz... Hier schien das Paradies, wie alles auf diesem Kontinent, aber ganz andere Ausmaße zu haben. Großzügig und weitläufig lag ihr neuer Wohnort vor ihr und sie pfiff ganz leise durch die Zähne. Etwas, dass sie auch erst seit Russells Bekanntschaft und Australien tat. Sie stieg aus dem Wagen und er winkte einer mütterlich wirkenden, dunkelhaarigen Frau, die vor die Tür getreten war und ihm abwartend entgegenblickte, zu. Sie hatte die Arme in die breiten Hüften gestemmt und wartete darauf, dass die Ankömmlinge näher kamen. „Hi, Mum“, grüsste Russell seine Mutter und sie grinste auf die gleiche Weise, wie er es oft tat. „Hi, Sohn“, antwortete sie und legte den Kopf leicht schief, um Gillaine zu betrachten, die ihr befangen die Hand geben wollte. „Das ist mein Mädchen, Mum“, sagte seine dunkle Stimme an ihrer Seite. „Mrs. Crowe, ich freue mich Sie kennen zu lernen“, erklärte sie aufrichtig, doch die Frau winkte ab. „Weg mit den Förmlichkeiten, Kindchen! Ich bin bereits unterrichtet, und auch nicht von gestern! Also, was soll’s! Ich bin Mum, wenn du das so willst, oder Jo!” Sie streckte beide Arme aus und Gillaine ließ es nur zu gern, wenn auch überaus überrascht zu, dass sie in die Arme geschlossen und an den mächtigen Busen der Frau gedrückt wurde. Eine große Last fiel von ihrer Seele. Die Spannung, die sie die Reise über nervös gemacht hatte, fiel ab wie ein altes Schuppenkleid und sie konnte wieder frei durchatmen, fühlte sich leicht und froh.
Sie hatte eine ganze Menge von Händen zu drücken, gut gemeintes „auf die Schulter klopfen“ über sich ergehen zu lassen und versuchte sich die Namen der Angestellten des riesigen Besitzes einzuprägen. Russells Vater Alex, sein Bruder Terry, der die Verantwortung der Farm trug, und eine Horde von kräftigen Cowboys und Arbeitern, brachten ihr Freundlichkeit und Gelassenheit entgegen.
Mrs. Crowe zeigte ihr das Zimmer, das sie ihr zugedacht hatte. Es befand sich im Haupthaus und besaß ein eigenes Bad. Rustikal, zweckmäßig und von liebevoller Frauenhand ausgestattet. Die Zimmer lagen beidseitig eines langen Flurs. Sie hatte keine Ahnung wer wo untergebracht war. Eines jedoch schien klar zu sein: man betrachtete sie als willkommenen Gast. Nur das zählte, der Rest würde sich erweisen.
Im Schatten der großen Eichen und duftenden Eukalyptusbäume wurde gegrillt und sie verzehrten das würzige Fleisch und die knusprigen Kartoffel wie eine ganz normale und einfache Farmerfamilie. Nichts, aber auch schon gar nichts deutete darauf hin, dass sie am Tische eines Weltstars und sehr reichen Mannes saß. Nichts erweckte den Anschein, dass Zeitungsmacher ein Vermögen bezahlt hätten für ein paar Schnappschüsse dieser gut gelaunten Runde.... Derbe Scherze und ein gegenseitiges Necken wechselten mit interessierten Fragen über ihre Pläne als Lehrerin und nach ihrer Heimat ab. Doch keiner schien zu wissen, woher sie wirklich kam, vor wem sie geflüchtet war oder ob ihre Anwesenheit hier wirklich einer Flucht zu Grunde lag. Entweder hatte Russell es verschwiegen, oder die versammelte Schar dieser bunten Runde besaß die seltene Tugend von Taktgefühl... Jedenfalls machte er kein Hehl daraus, dass mehr zwischen ihnen war als Freundschaft. Er hielt sie umfangen, spielte mit ihrem Haar und flüsterte ihr Koketterien ins Ohr. Sie kannten Russell zu gut, um anzunehmen, dass es sich bei seinen liebevollen Gesten nur um freundliche Anerkennung handelte.
*****
Wie immer, wenn Russell persönlich die Schule von Nana Glen besuchte, gab es einige Aufregung. Er war der Pate, der Gönner und Liebling der Kinder. Und er nahm sich Zeit für seine Projekte, was die Schar von Jungs und Mädchen betraf. Kürzlich erst hatte er ein Swimming Pool für die Schule ausheben lassen. Auch wenn es genug gehässige Spitzen in der internationalen Gossip-Presse gab, die Crowes Großzügige Aktionen als gezielte Publicity, seinem „bad boy“ Image damit Abhilfe leisten zu wollen, bezeichnete, die Einwohner der kleinen Gemeinde wussten es besser. Sie scherten sich nicht um derartige negative Äußerungen, erwähnten sie nicht einmal. Crowe ging seinen Weg, den er sich selbst geebnet hatte, mit festem Schritt und sich an seine, für manche, unverständlichen Vorsetze haltend, weiter durchs Leben. Er war es gewohnt, seine Pläne zu realisieren, nicht nach Umwegen und einfacheren Lösungen zu suchen und das machte vielen Angst, zumindest jedoch, beunruhigte es sie. Ein Mann ohne Schwächen, das mutete manchen unheimlich an. Dabei war die Sache so einfach. Crowe, aus einfachen Verhältnissen stammend, wollte andere Menschen, vor allem jene, mit denen er seine Heimat, seine Nachbarschaft teilte, ein wenig, an seinem mächtig angestiegenen Vermögen teilhaben lassen, ihnen das Leben dadurch erleichtern und Freude bereiten. Es ging weder um Ansehen, noch um Dankbarkeit. Es stimmte ihn fröhlich, Mitmenschen zu beglücken und er hatte dies bereits durch zahlreiche Wohltätigkeitsaktionen, oft im Alleingang, weltweit bewiesen. Seine Handlungsweise war, so abnorm dies auch erscheinen mochte, frei von jedem Narzissmus, frei von Hintergedanken oder Spekulationen auf Gratispublicity. Er tat es, weil er es tun wollte und suchte weder nach einem bestimmten Grund und auch nicht nach Selbstbestätigung. Er handelte spontan, aus seinen Gefühlen heraus und die sah er nicht gerne vermarktet. Er hasste es, daraufhin angesprochen oder befragt zu werden, und die Presse wusste das sehr genau und hütete sich vor seinen radikalen, verbalen Reaktionen.
„Hi, Kids“, rief er ihnen grinsend zu, als sie auf ihn los stürmten. Neugier war in den Augen der Kinder zu lesen, als sie Gillaine bemerkten, die aus dem Wagen des Stars kletterte und die Bande ebenfalls munter grüsste und interessiert musterte. „Diese Schule besitzt keinen Schuldirektor“, erklärte Russell, „wir schlagen uns durch, wie wir können und ersparen den Kids, dass sie täglich bis Coffs Harbour fahren müssen. Schulprobleme, Anfragen und dergleichen laufen über das Council in Coffs Harbour.“ Sein Blick glitt zufrieden über die Runde. Das waren die Sprösslinge der Arbeiter und wenigen Einwohner in und um Nana Glen, und ihre Hautfarbe zeigte die verschiedensten Nuancen ihrer Abstammung auf. Die früheren Rassenprobleme des jungen Kontinents schienen längst nicht mehr zu existieren, gottlob! „Mates!“ rief Crowe, um das Geplapper der Schar zu übertönen. „Jetzt passt mal auf, ihr Teufelsbraten! Das hier ist eure neue Lehrerin! Sie wird die Jüngsten unter euch unterrichten. Ich will, dass ihr euch anständig benehmt und wehe, ich höre eine einzige Klage über einen von euch. Ich mach’ keine leere Drohungen, verstanden?“ Die Kids fanden seine Drohung ziemlich erheiternd und niemand schien sich ernsthafte Gedanken darüber zu machen. Die allgemeine Aufmerksamkeit wandte sich nun Gillaine zu. Man bestürmte sie mit Fragen jeder Art, versuchte, sich in den Vordergrund zu drängen und Bekanntschaft mit der rotblonden Frau zu machen, von der es hieß, sie wäre extra ihretwegen von Europa hierher gekommen. Die kleinen Mädchen wollten ihr Haar berühren und fassten nach ihren Händen. Die Jungs taten sich mit gespielten Boxkämpfen untereinander hervor und sie musste sie zur Ordnung mahnen.
Nach einer kurzen Unterredung mit den paar anderen Lehrkräften, die allesamt die Schulverwaltung hier vertraten, schien die Angelegenheit geregelt zu sein. Gillaine empfand keine Furcht und auch die anfängliche Aufregung hatte sich nach den ermutigenden Gesprächen und der Bekanntschaft der Kinder gelegt. Sie würde die Woche dazu nützen, ihren Lernplan für die einzelnen Altersgruppen festzulegen und sich auf der Farm einzuleben. Man hatte ihr erklärt, sie könne sich eines der Geländeautos borgen, es gäbe genug davon auf der Farm und sie standen den Leuten zur Verfügung, die sie benötigten. Obwohl sie ziemlich unsicher im Autofahren war, da ihr bis jetzt die Gelegenheit gefehlt hatte, sich darin zu üben, freute sie sich über das Angebot. Über allzu viel Verkehr hatte sie sich hier draußen nicht zu beklagen, doch sie würde diese herrliche Gegend genauer in Augenschein nehmen, sie erforschen und sich an der herrlichen Welt der Natur und ihrer Farben, ihres unglaublichen Artenreichtums erfreuen, so oft es ging! Noch am selben Tag fuhren sie gemeinsam nach Coffs Harbour und sie meldete sich im dortigen City Council an, wie es das Gesetz vorschrieb. ***** Es war ein langer Tag gewesen, und als sie auf die Farm zurückkehrten, war es bereits fast Mitternacht. Russell hatte darauf bestanden, sie noch in eine seiner Stammkneipen mitzunehmen und so konnte sie Bekanntschaft mit einer Menge seiner „Mates“ machen. Still lag das Anwesen im fahlen Mondlicht vor ihnen. Der Wind säuselte leise durch die Bäume und es war wie ein Raunen, eine Einladung. ‚Komm, tanz mit uns, nimm teil am Leben unter unseren schattigen Kronen...’ Es war empfindlich kalt geworden, seit die Sonne untergegangen war. Man befürchtete starke Regenfälle in den nächsten Tagen. Die Arbeiter hatten während des Mittagsessens darüber geredet und die Leute im Pub schienen ebenfalls besorgt gewesen zu sein. Gillaine hatte keine genaue Vorstellung von großen Überschwemmungen in diesem Teil der Welt. Obwohl sie an der zerklüfteten Küste ihres rauen Landes aufgewachsen war, und sie zwar heftige Sturmböen erlebt hatte, waren die ihren von wirklichen Naturkatastrophen weitgehend verschont geblieben. Es kam zwar vor, dass ein Fischerboot nicht mehr den Weg zurück in den Hafen fand, dass das Meer Mann und Schiff verschlang und festhielt im dunklen Abgrund des nassen Grabes, aber es stand nicht an der Tagesordnung.
Doch nun war es still, und die Sterne schienen so nah wie nirgends auf der Welt zu sein. Zum Greifen nahe. Kein Anzeichen von Unwetter und Unheil. Gillaines Augen folgten einer Sternschnuppe, die rasend schnell am dunklen Himmel dahin jagte und ebenso rasch in der Endlosigkeit des Universums verglühte. Ihr blieb keine Zeit, einen Wunsch zu denken, und versonnen ließ sie die Autotür leise ins Schloss fallen. ‚Was soll ich mir noch wünschen?’ dachte sie. ‚Endlich von der Last meiner Ehe befreit zu sein, legal und endgültig’, setzte sie in Gedanken hinzu. Ja, das war der einzige Wunsch, den sie noch hatte. Von allen anderen Problemen hatte der Mann an ihrer Seite sie befreit. Er hatte ihre Wunden versorgt, hatte sie geheilt, hat ihr Würde, Selbstvertrauen und Lebensmut zurückgegeben. Mehr noch! Er hatte sie gelehrt zu lieben, wahrhaft Grosses zu empfinden und jedem Tag mit Ungeduld und Freude entgegenzusehen und ihn nicht, wie einst, irgendwie, so recht und schlecht, über die Runden zu bringen. Er hatte ihr geholfen, keine Angst mehr vor Lapierre und seiner Rache zu fühlen und erwartungsvoll, voller Zuversicht dem Ausgang ihrer Scheidung entgegen zu blicken. Auch dafür hatte Russell gesorgt, mit sicher enormen finanziellen Mitteln und mit seiner nicht geringen Macht, zu der ihm seine Erfolge, sein weltweites Ansehen und seine Popularität verholfen haben. Seine Arme umfingen sie, als sie auf das Eingangstor des Hauses zugingen. „Wir haben heute einiges erledigt, würde ich sagen“, bestätigte er unbewusst und zufrieden ihre heimlichen Gedanken. „Ja“, gab sie zurück, „es war ein wundervoller Tag!“ Sie blieb stehen und wandte ihm ihr Gesicht zu. „Wie jeder Tag mit dir!“ setzte sie verliebt hinzu. Seine Augen glänzten überirdisch klar im Licht des Mondes. Sie küssten sich vor der Haustür und sie legte all ihre Dankbarkeit, ihre Liebe in diesen Kuss. Er schmeckte ihre Hingabe, ihr Glück und zog sie über die Schwelle, nachdem er, ohne dabei hinzublicken, aufgeschlossen hatte. Leise schloss sich die Tür und die Dunkelheit des Flurs umfing sie. Sie roch das Bienenwachs, mit dem die schweren Holzmöbel eingelassen zu sein schienen. Alles empfand sie so vertraut und als wohltuend. Seine Nähe, sein warmer Atem, die Atmosphäre des Hauses und sein Duft nach Heim und Sicherheit. Schon nach wenigen Stunden fühlte sie sich hier zuhause. War das denn möglich? Er zog sie mit sich und sie betraten ihr Zimmer. „Sollten wir nicht...?“ begann sie unsicher und dachte an die übrigen Familienmitglieder, die in den Nebenräumen schliefen. „Natürlich werden wir“, bestätigte er ihr mit einem verführerischen Lächeln und entledigte sich seiner schweren Lederjacke. Er half ihr aus der ihren und ließ seine Hände bereits unter ihren weichen Kaschmirpullover gleiten. „Das meine ich nicht“, murmelte sie, bereits verzückt und kraftlos geworden von seinen Berührungen. „Pst!“ widersprach er ernst. „Ich weiß was du meinst! Warum glaubst du, hat Mum dir dieses Zimmer gegeben?“ Er schob sie vor sich her zu der Tür, die in ihr Bad führte. An der gegenüber liegenden Seite des geräumigen Badezimmers befand sich eine, in die Wand eingelassene Tür, der sie in der kurzen Zeit seit ihrer Ankunft hier keine Beachtung geschenkt hatte. Er stieß sie kurzerhand auf und schob sie durch. Sie standen in einem großen Raum, dem Zimmer eines Mannes. Der herbe Geruch nach Tabak und eine gewisse Unordnung von Büchern, Zeitschriften Musikgeräten, wie Verstärkern und Kabeln zeugte davon. Sie war fast sicher, dass niemand etwas davon anrühren oder ordnen durfte. Das Zimmer war trotzdem geschmackvoll eingerichtet, Figürchen, Andenken aus aller Welt, Glücksbringer jeder Art, CDs und verschiedene Manuskripte zierten den großen Schreibtisch und die kleinen Regale an der einen Wand. Das wuchtige Bett nahm einen Grossteil des Raumes ein. Eine weitere Tür schien in einen Schrankraum zu führen. Es gab keinen Zweifel für sie, das war Russells Zimmer. Er hatte verschiedene Fotografien zwischen Bücher und Figuren gesteckt, an die helle, rohe Holzwand geklebt oder einfach auf dem Tisch liegen gelassen. Er war nicht allein auf diesen Fotos. Meist befand er sich in Damenbegleitung und viele Gesichter davon waren weltbekannt. Seine Kolleginnen, seine Freunde, seine Kumpels, seine Geliebten..... Er konnte nicht leugnen, an den Dingen der Vergangenheit zu hängen, an Erinnerungen und der Zuneigung bestimmter Menschen. Sein Umfeld gab Zeugnis davon ab. Ihre Handflächen glitten über die einfachen Rundungen eines kleinen Tisches, auf dem ein Bild im Silberrahmen stand. Nichts sonst, nur dieses Bild. Es zeigte seine langjährige Geliebte Danielle. Sie erinnerte sich daran, dass es Heiratsgerüchte gegeben hatte im vorigen Jahr. Sie hatte darüber gelesen, als sie in dieser Klinik eingesperrt war. Danach hatte man nicht mehr viel gehört von der zierlichen blonden Frau, die selbst Musikerin war. Doch er schien sie nicht vergessen zu haben.... „Danielle?“ fragte sie überflüssigerweise. Er nickte und verzog dabei keine Miene. „Wir kennen uns schon ewig“, meinte er erklären zu müssen. „Wir sind sehr gute Freunde.“ Sie überlegte, wie viele seiner weiblichen Gäste er wohl schon über diese Schwelle gebracht hatte. Ein Zimmer für die Damen, ein gemeinsames Bad, von dem aus man direkt ins Gemach des Meisters gelangte... Sie behielt ihre Gedanken für sich. Russell war nie als Keuschheitsverfechter aufgetreten.... Sie ließ zu, dass er sie zärtlich auf sein einladendes Bett drängte und bedächtig entkleidete. Sie sah ihm zu, wie er sich ebenfalls aus seinen Kleidern schälte und bewunderte einmal mehr seinen athletischen, kräftigen Körper, das Spiel seiner Muskeln im dezentem Licht der Tischlampe. Sein bärtiges Gesicht blickte verlangend auf sie nieder und sie streckte ihm beide Arme entgegen. Konnte er sehen, wie sehr sich jede Faser ihres Körpers bereits nach ihm sehnte? Konnte er spüren, wie ihre Seele nach ihm schrie, nach seiner Berührung, seiner Liebe? Wahrscheinlich doch. Er stützte die Arme neben sie auf das Bett, was sie noch tiefer darin einsinken liess. Seine glitzernden Augen suchten ihren Blick und er legte jede nur erdenkliche Ernsthaftigkeit in seine Worte, als er mit rauer Stimme verkündete: „Meine kleine, süße Gil! Die Phantasien meines pubertären Geistes werden endlich befriedigt: Jetzt habe ich eine Lehrerin in meinem eigenen Bett! Es hat zwar Jahrzehnte gedauert, aber...“ er ließ den Satz unvollständig und küsste ihr Gesicht. „ Nicht irgendeine von diesen grauen Mäuschen einer pädagogisch längst überholten Schulhierarchie!“ fuhr er fort und sie konnte den Schalk in seinen Augen sehen. Sie begann zu kichern, er war einfach zu süß, wie er ihr mit gespieltem Ernst klarzumachen versuchte, dass es ihn ziemlich erregte, sie endlich in seinen eigenen vier Wänden sein eigen nennen zu können. „Eine echte Französisch Lehrerin! Soweit hatte ich mich gar nicht getraut, meine Phantasien auszuspinnen! Oh Gott, das macht mich verdammt an!“ Er kicherte ebenfalls. „Dann tu’ endlich“, flüsterte sie erregt, „was du schon immer anstellen wolltest mit deiner Lehrerin!“ Er kam ihrem Wunsch nur zu gern nach. Er entführte sie abermals auf seine atemberaubende Reise durch den Garten der Lust, bis nichts mehr um sie herum existierte als dieser angenehme Geruch von Bienenwachs, der das Haus durchzog, sowie sein Körper auf ihr, unter ihr, in ihr, das Fühlen seiner heißen Haut auf der ihren, und ihre Glieder, die mit den seinen verschmolzen. Was blieb, war dieses nie zu stillende Gefühl ihrer Liebe zu ihm, die körperliche Erfüllung, die er ihr für kurze Zeit schenkte und seine gemurmelten Liebesbezeugungen, die sich in ihren Geist für immer einbrannten. |
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16 – Unter Freunden
„Ich bin dir nichts schuldig, një shok (Freund)!“ schnauzte der drohend blickende Mann Bernard Lapierre an. Sie saßen einander gegenüber. Der Albaner mit dem schwarzen, eingeölten Haaren spielte mit dem protzigen Siegelring seiner rechten Hand. Ein zufriedenes Lächeln zeigte eine Reihe von starken, weißen Zähnen und sein Schnurrbart zog sich dabei in die waagrechte Länge seines gesamten Gesichtes. Lapierre versuchte sich der Taktik des Mannes anzupassen. Er grinste ebenfalls und richtete sich in dem Besucherstuhl auf, so gut es ging, um nicht kleiner als der Gegenübersitzende zu wirken. „Das sehe ich anders, Mehmet“, entgegnete er leise, aber eindringlich. „Ganz anders! Hast du etwa vergessen, wie oft ich dir dabei geholfen habe, deine Huren über unsere Grenze zu schaffen?“ „Schlampen“, antwortete der Albaner abfällig. „Handelsware, nichts weiter!“ „Aber auch recht gewinnträchtig, denke ich! Aus Nächstenliebe hast du sicher nicht gehandelt, wir verstehen uns Mehmet?“ „Reiz mich nicht, Mann, reiz mich nicht! Vergiss nicht, wen du vor dir hast! Ich bin Geschäftsmann wie du! Und keinen Deut schlechter, auch wenn du das für dich glauben magst!“ Lapierre lenkte ein. „Ich respektiere dich, Mehmet! Du weißt das! Ich will auch nichts Näheres über deine Geschäfte wissen. Diskretion war immer schon unsere Stärke, nicht wahr? Nur deshalb konnte es so gut funktionieren, nur deshalb! Also lassen wir das Gebell! Ich bitte dich nur um diesen kleinen Dienst und versichere dir, du wirst es nicht bereuen. Nicht heute, nicht morgen! Im Gegenteil! Die Sache wird uns zusammenhalten, unsere Verbindungen werden sich noch mehr intensivieren, und das zu unserer beider Zufriedenheit. Ich verbürge mich für mein Wort, Ami!“ In seinem Innersten kostete es Lapierre eine Portion Überwindung, das auszusprechen, was er nicht wirklich dachte. Mehmet Kostovico war für ihn ein Untermensch. Einer jener habseligen Emporkömmlinge, die es aus Brutalität und Gewaltbereitschaft zum Reichtum gebracht haben. Einer, der seine eigene Mutter verkaufen würde und seine Brüder ermorden ließe, wenn es ihm ein wenig Profit einbrachte. Er hatte nur Verachtung für diesen Mann über. Im Übrigen hasse er Ausländer, und Albaner ganz besonders. Aber ihre Skrupellosigkeit imponierte ihm auch. Er war ein Partner, ein fähiger Partner. Seine Spezialität war Menschenhandel jeder Art. Doch für Lapierres westlich eingestellte Seele war diese Art von Geldanschaffung primitiv und eines Mannes unwürdig. Den Leuten in diesem verkommenen, hassenswerten Land das Letzte abzuknöpfen und sie dann irgendwohin ins Ausland zu schaffen, in der Natur freizulassen wie ein paar verstörte Hühner, die der Grenzdienst ohnehin bald wieder einfing und abschob, das war lächerlich, ja unrentabel. Mehr Profit machte er natürlich mit den Mädchen, die er mit Versprechungen seiner Mitarbeiter aus Albanien und anderen östlichen Ländern lockte. Sie brauchten nicht zu bezahlen. Sie würden gute Jobs bekommen, Hausmädchen, Hotelgehilfin, Kindermädchen. Man würde danach die Spesen von den ersten Einkommen abziehen. Dann waren sie frei und bald schon europäische Staatsbürger. Französinnen, Deutsche, Engländerinnen.... Möglicherweise lernten sie einen guten Mann kennen, einen, der sich unsterblich in sie verliebte. Obwohl die armen Dinger Schlimmeres hinter den Versprechungen, die ihnen gemacht wurden vermuteten, griffen sie dennoch nach dem Strohhalm der letzten Chance. Ein bisschen Glück in ihrem jungen Leben. Ein bisschen Geborgenheit und Zuneigung wollten sie. Was sie ausnahmslos erwartete waren zwingerartige Unterkünfte in den Hinterhöfen von Bordells und einschlägigen Nachtclubs, oder die engen, stinkenden Seitengassen von Paris, wo sie Nacht für Nacht ihren Körper für ein paar Scheine verkauften, die ihnen sofort abgenommen wurden. Die Hübschesten, Blondesten wurden weiter in den Orient verschifft. Nobelbordells, Privathäuser. Eventuelle Proteste wurden mit Schlägen erstickt, mit brutalen Vergewaltigungen oder Schlimmerem. Jeder wusste davon, keiner konnte viel dagegen tun. Die Französische Spezialeinheit der Polizei kämpfte mit beschränkten Mitteln. Freudenhäuser waren in Frankreich verboten. Massagesalons erlaubt, ebenso wie Nachtclubs. Wo lag der Unterschied? Mehmet war schlau, seine Handlanger schnell und den Behörden unbekannt. Vor allem jedoch, sie waren dem heimlichen Strichkönig von Paris bedingungslos ergeben. Schweigsam, der Sprache unmächtig, schlichen sie wie geräuschlose Schatten durch die Unterwelt der Hauptstadt und achteten darauf, dass Mehmet Kostovicos Gesetz befolgt wurde. Bruderzwist war in diesen Kreisen keine Seltenheit und die französischen, überforderten Landeshüter atmeten heimlich auf, wenn sich ein Konflikt unter den problematischen, ungebetenen „Gästen“ durch Messerstiche oder eine verirrte Kugel von allein löste. Natürlich wurde kein Wort darüber verloren, es ging schließlich um Menschenrechte... einseitige, natürlich.....
„Es geht hier um Mord, një shok“, mahnte der Albaner. „Nicht um Prostitution, nicht um illegalen Kunsthandel, der dir durch mich ein Vermögen eingebracht hat, sondern um Mord!“ Lapierre schüttelte verstimmt den Kopf. „Welch hässliches Wort, Mehmet! Das hast du gesagt, nicht ich! Es geht in erster Linie um meine Ehre! Ich hab nur verlangt, du sollst diese Frau, diese Schlampe, die mich getäuscht hat, aus dem Weg räumen, verschwinden lassen! Ich hab mit keinem Wort erwähnt, dass ich sie töten lassen will. Das ist deine Sache! Mach was du willst mit ihr. Weg mit ihr, Lösch sie aus, tilge sie von der Erdoberfläche, und lass mich nicht wissen, wie! Für mich zählt nur das Resultat!“ „Weißt du, was dich das kostet, Bernard, Freund?“ Lapierre nickte. „Geld spielt keine Rolle. In diesem Koffer sind hunderttausend Euro! Die Spesen verrechnen wir extra. Ich bin ein Ehrenmann, das weißt du! Ich halte mein Wort!” Er hatte den Koffer auf den Tisch gewuchtet und öffnete ihn mittels des Geheimcodes. Der Albaner sah ungerührt auf die bunten Scheine. „Das ist natürlich eine Anzahlung, wenn ich einverstanden bin“, stellte er lakonisch fest. „Der Rest folgt, sobald die Sache erledigt ist, wie auch immer. Wir sind uns doch einig?“ Der Franzose schnappte nach Luft, doch er nickte. „Versprich mir, deine besten Männer zu beauftragen, Mehmet“, beschwor er ihn. Du machst gerade das Geschäft deines Lebens.“ Der Albaner lachte amüsiert und strich genüsslich über seinen Schnurrbart. ‚Welch ein Trottel’, dachte er bei sich. ‚Er liefert sich mir aus nur wegen seines Hassgefühls auf diese kleine Hure’. Sein Blick fiel erneut auf die Fotos auf seinem Schreibtisch. ‚Es macht ihn total fertig, dass sie ihm einfach davon gelaufen ist, wie ein unfolgsames Hündchen! Wäre er ein Mann, dann hätte er die Sache selbst in die Hand genommen, doch dazu fehlt ihm der Mut, er ist ein Schwächling, ein verdammter Weichling!’ „Jeder meiner Männer ist ein Spezialist für sich, Lapierre. Jeder besitzt Mut und Ergebenheit! Du verstehst von diesen Dingen nichts, sonst hättest du dein Ding selbst erledigt und kämst nicht auf Knien bei mir angerutscht! Du tust mir leid, një shok!“ Höhnisch klangen seine Worte, vor allem die Betonung auf dem Wort ‚Freund’. „Gib schon her, den Koffer. Überlass den Rest mir und verschwinde jetzt! Ich lasse dich benachrichtigen, sobald das Mäuschen in der Falle sitzt! Geh hinauf und bediene dich eines meiner besten Pferdchen im Stall der Begierde! Das wird dich auf andere Gedanken bringen. Es geht auf Rechnung des Hauses!“ Kaum hatte der Albaner ausgesprochen und sich Lapierre von dem Sicherheitsring des Koffers befreit, klingelte sein Mobiltelefon und mit einem leisen Fluch entschuldigte er sich und schnauzte den Anrufer unwillig an. Dann wurde er ein wenig blass unter der Bräune seiner im Solarium getönten Haut und setzte sich wieder in den Besucherstuhl. Kostovico sah ihn abwartend an. Lapierre gab nur kurze, verstehende Laute von sich und beendete das Gespräch, indem er einfach den Kontakt unterbrach. Interpol! Davon durfte der Albaner keinesfalls erfahren! Machte sein verdammter Sekretär etwa gemeinsames Spiel mit Gillaine, die Interpol in Sydney aufgesucht hatte? Standen sie irgendwie in Verbindung? Das erste Mal in seinem Leben spürte er eine Art von Furcht, die kalt in ihm hoch kroch. Irgendjemand komplottierte da gegen ihn hinter seinem Rücken! Aber er würde ihnen allen das Handwerk legen. „Ich denke, ich muss noch etwas dazu legen“, sagte er tonlos und der Albaner bemerkte die Schweißperlen auf der Stirn des Franzosen. „Eine dringende Sache! Zusätzliche Probleme! Hier in Paris! Serge Favier, mein Sekretär! Ich bin anscheinend nur von Verrätern umgeben!“ Der Dunkle nickte verständnisvoll. „Christen!“ spuckte er förmlich aus. „Ich kann Dir ja einen Rabatt geben, Freund, wenn noch ein paar Aufträge hinzukommen!“ Sein hämisches Lachen verfolgte Lapierre noch, als er die Stufen in das, als Massagestudio getarnte Freudenhaus hoch stieg und den einladenden Blicken der Mädchen keinerlei Achtung schenkte. Er hatte es eilig, aus diesem Viertel zu verschwinden, und sein versteckt geparkter Porsche raste mit höchster Geschwindigkeit aus den verwinkelten Gassen von Pigalle davon.
*****
„Mein Sohn hat nie getrunken! Er hatte Abscheu vor jeder Art von alkoholischen Getränken! Sie müssen sich geirrt haben!“ schluchzte die ältliche, kleine Frau im Vernehmungszimmer des Polizeiinspektors im Kriminalamt des Quai d’Orfèvre, am Seineufer, nur ein paar Minuten von der Kathedrale Notre Dame de Paris entfernt. Ihr dünnes Haar war fein säuberlich unter einem kleinen Strohhut, der mit Stoffblumen geziert war, versteckt. Es war stickig in dem kleinen Raum und dieser August hatte sie alle an den Rand des Überschnappens gebracht. Eine derartige Hitze in der Großstadt, die einem riesigen Kochkessel glich, hatte es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Die Ventilatoren liefen auf Hochtouren, doch die Männer, die hier arbeiteten, waren schweißgebadet. Dunkle Flecken verunzierten ihre sonst tadellos sauberen, hellblauen Hemden und kleine Wasserbäche rannen über ihre Hälse und Arme. Sie schnauzten sich gegenseitig an und mochten sich selbst nicht mehr leiden. Der Inspektor, einer der wenigen, der keine Uniform trug, sondern das Glück hatte, im T-Shirt der Frau gegenüber zu sitzen, die in ihr durchweichtes Taschentuch weinte, wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn. Er fuhr mit dem Finger unter die Riemen seines Schulterhalfters. Sein T-Shirt war darunter durchgeschwitzt. Nicht, dass er seine 38 Spezial im Büro unbedingt benötigte, aber ohne sie fühlte er sich seit Jahren wie nackt. Gezwungenermaßen schnallte er das Ding nachts ab, war jedoch jeden Morgen froh, sich wieder der Sicherheit seines stählernen Freundes zu überlassen. Henri Fargette machte diesen Job bereits seit über zwanzig Jahren. Die Nerven bedingten Zusammenbrüche von Leuten, die den Leichnam ihres Verwandten oder Freundes identifiziert hatten, glichen sich zwar in keiner Weise, kamen jedoch immer wieder auf dasselbe hinaus. Verzweiflung und vor allem die Suche nach Begreifen. Der Mann, den man heute Nacht aus der Seine gefischt hatte, unweit der Caroussel Brücke, war also Serge Favier gewesen. Wasserleichen waren keine Seltenheit für ihn. Interessant nur deshalb, da dieser Mann scheinbar die rechte Hand des Großkaufmanns Lapierre gewesen war. Lapierre befand sich derzeit in Brüssel. Sein Büro hatte ihn informiert und er wollte ohne Verzögerung den nächsten Rückflug nach Paris nehmen. Die ersten Untersuchungen hatten ergeben, das Favier stockbesoffen gewesen sein musste, als er in den Fluss gestolpert war. Natürlich behauptete seine Mutter, bei der er lebte, dass ihr Sohn keinen Tropfen Alkohol angerührt hätte. Sicher wusste sie kaum etwas vom Leben ihres Sohnes.... „Hatte ihr Sohn keine Familie, eine Frau und Kinder?“ wollte der Detektiv wissen und zündete sich eine weitere Zigarette an. Das Büro war verqualmt und die Frau hustete spontan. Fargette kümmerte sich nicht um die neuen Verordnungen des Rauchverbots in öffentlichen Einrichtungen. Zigaretten waren seine zweite Nahrung und wenn er deswegen bald das Zeitliche segnen würde, auch gut! Seine Frau bekäme eine gute Beamtenpension und er hatte diesen Trott ohnehin schon lang satt... Der Tod war sein tägliches Brot, Verbrechen seine Einnahmequelle und Altersversorgung für ihn und die Seinen... Als die Frau ausgehustet hatte blickte sie mit geröteten Augen zu dem Mann auf, der an der Kante des Schreibtisches neben ihr lehnte. „Nein“, bestätigte sie, nicht ohne einen gewissen Stolz in ihre Worte zu legen. „Serge war nur für mich da, Inspektor! Er brauchte keine Frau! Sein Beruf hat ihn voll ausgefüllt, müssen Sie wissen! Tag und Nacht!“ Dann schnäuzte sie sich und fuhr weinerlich fort: „Sie müssen mir glauben, Inspektor“, beschwor sie ihn. „Serge trank nie! Nicht einmal ein Schlückchen bei irgendwelchen Feiern! Zu seinen Geburtstagen hatte ich immer Kindersekt nach hause getragen! Damit wir wenigstens miteinander anstoßen konnten! Er hatte einen verantwortungsvollen Posten, musste immer parat sein für seinen Patron. Er hat alles gemacht für Monsieur Lapierre!“ Fargette entging nicht der unterwürfige Tonfall, als sie den Namen des mächtigsten Geschäftmannes des Landes aussprach. „Kennen sie Lapierre persönlich, Madame?“ „Ja, Monsieur“, bestätigte die aufgelöste Person ihm feierlich. „Ein feiner Mensch! Er hat mich zu meinem Sohn beglückwünscht, müssen Sie wissen!“ Sie begann erneut lautlos zu weinen. „Er sagte, Serge sei wie ein eigener Sohn für ihn und ich könne stolz auf ihn sein!“ ‚Der große Manipulator’, dachte Fargette und blickte auf seinen unordentlich gestapelten Berg von Akten. Ganz oben thronte die Kopie der Interpol-Sache, die direkt Bezug auf Lapierres Geschäftemacherei nahm. Er hatte sie vorhin per Fax angefordert, als ihm klar war, um wen es sich bei der Wasserleiche handelte. Wollte wissen, ob etwas gegen Lapierre vorlag. Er war nicht besonders überrascht gewesen, als seine Vermutungen sich bestätigten. Keine äußeren Einwirkungen, hatte der Gerichtsmediziner nach der ersten Untersuchung des Toten behauptet. Genaueres würde die Autopsie ergeben. Doch nichts war leichter, als jemanden dazu zu zwingen, sich voll laufen zu lassen und ihn dann ins Wasser zu stoßen. „Es wird ein großer Schock sein für Monsieur Lapierre!“ Sie schien sich mehr für den Mann zu sorgen als über den Tod ihres einzigen Sohnes zu betrüben. „Er wird es überwinden, Madame!“ versicherte ihr der Polizist und versuchte nicht, seinen ironischen Tonfall dabei zu verschleiern. „Wir informieren Sie, sobald die Lei...“, er räusperte sich und sprach das Wort nicht aus, „Ihr Sohn von der Gerichtsmedizin für die Beerdigung freigegeben wird!“ fügte er hinzu und empfand nun doch ein wenig Bedauern für die leidgeprüfte Frau, die sich mühsam erhob und ihm dafür dankte. Sie erinnerte ihn ein wenig an seine eigene Mutter. Als sie an der Tür stand, drehte sie sich nochmals um und erklärte mit fester Stimme: „Man hat meinen Serge ermordet! Das ist für mich eine ganz sichere Tatsache, Inspektor! Wahrscheinlich hat er zuviel gewusst. Wahrscheinlich stecken Monsieur Lapierres Feinde dahinter! Finden Sie das raus, Monsieur! Ich bitte Sie!“ Der Inspektor nickte und sah der Frau hinterher, lange, nachdem die Tür ins Schloss gefallen war. Dann schnappte er sich den Akt von Interpol und vertiefte sich in die Fakten der immer interessanter werdenden Sache. Favier schien nur eine Schachfigur gewesen zu sein. Er wurde nicht erwähnt. Jedoch der Name dieses Maître Bernardini schien immer wieder auf. Er wollte sich diesen Rechtsverdreher einmal genauer ansehen. Er fühlte, wie sein Jagdfieber zurück kehrte und rieb sich die Hände in der Vorfreude, auch Lapierre bald in die Mangel zu nehmen. ***** „Eine Lady deines Formats, die nicht reiten kann...!?“ neckte Russell sie. Die Stute blickte sie mit großen Augen an und schnaubte leise. Schien sie sich ebenso zu wundern wie er? „Das hatte sich nie wirklich ergeben“, versuchte sie sich zu rechtfertigen. „Wir waren zwar oft auf Pferderennen, Bernard setzte hoch und gewann auch unglaublich oft, doch ich denke, diese Präsentationen dienten vor allem, um sich sehen zu lassen!" Eigentlich wollte sie an nichts denken, was mit ihrer Vergangenheit verbunden war, doch angesichts dieses schönen, braunen Tieres, dessen weichen Hals sie streichelte, und das mit seinen weichen Nüstern die Möhre vorsichtig aus ihrer Hand nahm, ließ keinerlei Missstimmung aufkommen. Im Gegenteil. Sie wünschte, sie könnte wie Russell auf dem Pferderücken über die hügeligen Weiden jagen und dem Wind ein Schnippchen schlagen, ohne dabei fürchten zu müssen, in weitem Bogen durchs hohe Gras zu fliegen und womöglich mit dem Kopf auf einem spitzen Stein zu landen...
„Hier kann jeder reiten, sobald er laufen kann“, versicherte ihr der Mann schmunzelnd, der nun mit einem Satz im Sattel saß und auf sie nieder lächelte. „Du wirst es eben lernen! Gleich morgen früh beginnen wir mit dem Unterricht. Ich bin nicht mehr sehr lange auf der Farm und wir sollten keine einzige Minute ungenützt verstreichen lassen, love!“ Sogar diese einfachen Worte klangen verheißungsvoll für sie, wie ein Versprechen und die Erwartung auf jede ausgefüllte Sekunde an seiner Seite beschleunigte ihren Herzschlag. „Es wird dir großen Spaß machen, glaube mir!“ Sie zweifelte daran. „Bis später, ich muss nach den Forstarbeitern sehen!“ Er tippte wie ein echter Cowboy, der er zu sein schien, grüssend an seine Hutkrempe und trabte vom Platz. Sie sah ihm lange nach, bis die Umrisse seines dunklen, hinter ihm her wehenden Reitermantels nicht mehr zu erkennen waren. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und schlenderte zu ihrem Wagen. Die erste Woche Unterricht in Nana Glen lag hinter ihr und sie konnte zufrieden auf ihre Leistung zurück blicken. Es hatte keinerlei Probleme gegeben bisher, die Kinder waren ausgelassen, aber nicht wild, und vor allem, man konnte mit ihnen reden und sie hörten einem zu. Vielleicht auch deshalb, weil es sich sicher herum gesprochen hatte, dass sie nebenbei auch Russells „Sweetheart“ war und sie sich dementsprechend zu benehmen hatten. ‚Kleine Knirpse’, dachte sie lächelnd und startete den Motor, um vom Hof zu fahren. Vor ihr lag ein Wochenende mit Russell. Da sie bereits seine Hartnäckigkeit nur zu gut kannte, musste sie sich auf etwas gefasst machen. Er hatte sicherlich vor, in zwei Tagen eine Zirkusreiterin aus ihr zu machen, ohne Rücksicht auf ihre empfindlichen Körperteile. Er mutete sich, aber auch allen anderen, sehr viel zu. Verlierer gab es nicht, zumindest nicht in seiner Nähe. Als sie nach etwa zehn Minuten den Ort erreicht hatte und in die Grafton Road, die zur Schule führte, einbog, fielen die ersten Tropfen vom Himmel. Zaghafte Wasserperlen, die auf ihr Autodach fielen und den Sandweg in Kürze in Matsch und Schlamm verwandeln würden. Mit einem Blick zu der riesigen Wolkenbank, die am Himmel stand, hoffte sie, dass es sich nur um einen kurzen Wetterumschwung handelte, sonst würden Russells Reitstunden leider platzen! Doch das würde nur einen Aufschub bedeuten, niemals ein Aufgeben!
Während der Pause vormittags, regnete es bereits heftig und gleichmäßig, und die Kinderschar durfte nicht aus dem Schulgebäude um draußen herum zu toben. Sie liefen also durch das Klassenzimmer und pressten die kleinen Nasen an die Scheibe. Ihre Enttäuschung, nicht im roten Schlamm nach Lust und Laune stapfen zu dürfen, stand sichtbar in den großen Augen geschrieben. Gillaine konnte es den Kleinen nachfühlen, aber die Vorstellung, in welchen Zustand sie das Klassenzimmer sonst versetzen würden, hatte sie ein energisches „Nein“ durchsetzen lassen. Sie blickte von einem dunklen Lockenkopf zum anderen, einem Rotschopf zu den blonden Engelsgesichtern und empfand tiefe Zuneigung zu dem kleinen Haufen der hier ansässigen Kinder, die die Zukunft dieses Kontinents, dieses Landes in ihren kleinen Händen hielten. Sie war fest entschlossen, ihnen soviel auf den langen Weg mitzugeben, wie sie nur konnte. Bildung, Freundschaft, Menschenliebe und Selbstvertrauen. Aus eigener Erfahrung wusste sie, wie rasch man diese wichtigen Werte verlieren oder vergessen konnte. Man hatte ihr diese Kinder anvertraut, ihren zarten, jungen Geist, den es zu formen galt, in ihre Hände gelegt, vertrauensvoll und zuversichtlich. Sie gehörte nicht zu den Pädagogen, denen das selbstverständlich erschien. Nicht zu jenen, die es blasiert und arrogant genug als Gegebenheit hinnahmen. Heikle, nur zu rasch verwundbare Seelen verlangten nach Wissen und nach Antworten. Sie waren nicht zu täuschen und frei jeden Hintergedankens. Sie verlangten nach Aufmerksamkeit und Ehrlichkeit.
Sie selbst kam von ganz unten, wohin man sie getreten hatte mit Blendung und unter Vorspiegelung falscher Tatsachen, und nun trieb sie wieder oben. Hatte sie an die Oberfläche gestrampelt, erst ängstlich dann mit dem Mut der Verzweiflung. Wem sie dies zu verdanken hatte, das war keine Frage. Sie dachte auch an André und war erleichtert, ihn in der Sicherheit einer unendlichen Wüste zu wissen. Wie Lapierre wohl auf die Scheidungsklage reagiert hatte? Wütend? Kalt? Gefasst? Sie sah ihn vor sich, wie er mit seinem Anwalt den nächsten Gegenzug ausheckte, ihr die Pest an den Hals wünschte und Verleumdungen über sie in Gang setzte. Doch was konnte ihr das schon ausmachen, was über sie geredet wurde? Sie hatte nicht vor, jemals auf europäischen Boden zurückzukehren, vorläufig zumindest nicht.
Als der Unterricht beendet war, hatte der Himmel bereits alle seine Schleusen geöffnet. Gillaine blieb am Tor stehen, bis auch die letzten Schüler nach hause gelaufen oder in die Autos ihrer Eltern geklettert waren. Der Vorplatz hatte sich in eine bräunlichrote Brühe verwandelt. Sie beschloss, noch ein paar Besorgungen zu machen und sich dann ebenfalls heimwärts zur Ranch zu sputen. Während der Fahrt hatte sie Mühe den Weg zu erkennen, nachdem sie die Hauptstrasse erst einmal verlassen hatte. Wie ein grauer Vorhang flossen die Wassermassen über ihren Wagen und die Gegend ringsum. Die Welt hatte sich in eine nuancenreiche Welt in Grau verwandelt. Die Scheibenwischer waren der Wucht dieses Ansturms nicht gewachsen und sie kam nur Schritt für Schritt vorwärts. Einige Male hatte sie Angst, mit den Rädern im aufgeweichten Erdreich stecken zu bleiben. Glücklicherweise bewies der Motor genug Kraft, um dem Übel nach einigen Versuchen doch noch zu entfliehen. Als schließlich die Gebäude der Ranch vor ihr lagen, konnte sie aufatmen! Die kurze Distanz vom Wagen zum Haus machte aus ihr ein Häufchen aufgeweichter Kläglichkeit und Jo kam ihr mit einem flauschigen Froteetuch entgegen, das sie ihr um die Schultern legte. „Arme Kleine“, bemerkte sie, obwohl sie einen halben Kopf kleiner als Gillaine war. „Das sieht nicht gut aus“, meinte sie besorgt. „Die Männer werden alle Hände voll zu tun haben, um die Tiere aus den Überschwemmungsgebieten auf die Hügel zu treiben. Wird wohl nichts mit geruhsamen Wochenende!“ Einer der Hunde schnüffelte an ihren schmutzigen Stiefeln und sie streichelte seinen schön geformten Kopf. „Wenn ich helfen kann, tu ich es natürlich gern“, bemerkte sie, an Jo gewandt. Diese nickte. „Kann sein! Wir werden Unmengen von heißem Tee brauchen und Berge von Sandwichs für die Leute machen müssen. Die armen Jungs werden wohl auch eine Nachtschicht einlegen, wenn das Wetter sich nicht bessert. Jos Worte wurden bestätigt. Es regnete Tag und Nacht und am folgenden Morgen schien es nicht besser zu sein. Hinzu kamen gewitterartige Stürme. Ganze Äste splitterten wie berstendes Glas von den alten Eukalyptusbäumen und Gillaine war froh, dass sie nicht zu nahe am Haus standen. Hier und da kam ein Reiter aus dem Inferno daher gesprengt, um Verpflegung zu holen. Mit knappen Worten schilderte der Mann die Situation. Der ausgetrocknete Boden und die schmalen Flussbette waren den Wassermassen nicht gewachsen, viele Weiden standen bereits unter Wasser. Kleinere Farmen hatten bereits Mühe, ihre Dächer über den Köpfen zu behalten und Russell schickte jeden entbehrlichen Mann zu seinen Nachbarn, um ihnen bei der Bergung ihres Viehs zu helfen. Aus einer Nacht wurde eine zweite, und die Männer blieben draußen, stellten sich den Gefahren und der entfesselten Naturgewalt, um die Tiere zu retten und ihre jahrelange Arbeit zu schützen. „Ich kann nicht sagen, dass dies etwas Neues für uns hier ist“, seufzte Jo am Sonntagabend, als sie beide vor dem großen Kamin saßen und dem prasselnden Holzscheiten zusahen wie sie sich langsam dem Feuer ergaben. Irgendwie beruhigte der Anblick der stetigen Glut und der züngelnden Flammen ihre Gemüter und vermittelte den Trost von der Sicherheit eines intakten Heimes. „Aber“, fuhr sie fort, „mit dieser Heftigkeit haben wir nicht wirklich gerechnet, nicht um diese Jahreszeit!“ Später verkroch sich Gillaine in Russells Bett. Sie hoffte, dass er sich keiner Gefahr aussetzte. Sie umklammerte sein Kissen, als handle es sich dabei um seinen beruhigend starken Körper. Herab sausende Äste, brechende Dämme, scheuende Pferd, verrückt spielende Kühe, all das konnte ihm gefährlich werden. Sie schalt sich selbst als dumm, schließlich war er diese Situation gewohnt, kannte seine Aufgaben und jeder seiner Handgriffe saß ebenso, wie die seiner Männer. Sie lauschte. Wenn sie sich nicht täuschte, ließ das Trommeln des Regens gegen die Scheiben ein wenig nach und wurde dann nur mehr zu einem leisen Flüstern. Ja, es schien wahrhaftig, als hätten sie das Gröbste überstanden! Sie glitt unruhig in einen leichten Schlaf und der leiser werdende Regenfall beruhigte ihre Anspannung.
Es dämmerte bereits, als sie sein Gewicht spürte, und er sich neben sie legte. Sie zwinkerte müde den Schlaf aus ihrem Bewusstsein und blinzelte. Dunkle Ringe umzeichneten seine Augen, sein bärtiges Gesicht wirkte müde und erschöpft. Sie strich über das vom Duschen noch feuchte Haar. Doch er war heil und ganz! Sie schlang ihre Arme um seine breite Brust, küsste die glatte, warme Haut und hielt ihn fest, während er in den wohlverdienten, erlösenden Schlaf glitt, bis sie selbst bedauernd das gemeinsame, warme Nest verlassen musste und sich leise davon stahl, um ihren Schuldienst erneut aufzunehmen. An der Tür wandte sie sich nochmals um und betrachtete liebevoll die ausgestreckte, kräftige Gestalt, sein ebenmäßiges Gesicht, von dunkelblondem Haar umrahmt, die geschlossenen, schweren Lider, mit den langen Wimpern, die seine ausdrucksstarken Augen verbargen, und die kräftigen Arme, die er friedlich über den Kopf ausgestreckt hatte. Am Liebsten hätte sie auf dem Absatz kehrt gemacht und wäre an seine Seite zurück geflüchtet, doch die Pflicht rief! Schweren Herzens löste sich ihr Blick von dem Anblick ihres Helden, ihrer Liebe und sie schlich aus dem Zimmer, um noch rasch eine Tasse Tee zu trinken, bevor sie in ihren Wagen sprang und ihn durch die tiefen Pfützen nach Nana Glen lenken wollte. |