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Germanien II
Berane kehrte später zurück als sie
beabsichtigt gehabt hatte.
Es war Nachmittag, als sie den Römer vor dem Eingang auf dem Boden sitzen
sah. Er war in einen der Mäntel gehüllt, wirkte völlig abwesend, verschwand
jedoch so schnell er sich bewegen konnte nach drinnen, sobald er sie
wahrnahm.
Ein schuldbewusster Blick streifte sie, während sie Brot und Milch von Edred,
einen großen Wasservogel und einen Frischling, die sie in den Fallen
gefunden hatte auf dem Tisch ablud. Es kam nur selten jemand aus der
Siedlung hier heraus, daher war es nicht gefährlich für ihn im Freien zu
sein, solange er sich nicht weiter als ein paar Meter entfernte.
Ihre übertriebene Vorsicht war unberechtigt gewesen. Es war
verständlich, dass er ans Licht wollte, nach den Tagen im Halbdunkel der
Höhle.
Sie winkte ihn zu sich. „Maximus, du machen ?“ bat sie ihn, deutete auf die
kleinere Beute, reichte ihm scheinbar gelassen eines der erbeuteten Messer.
Den Vogel legte sie für später beiseite.
Meridius wusste sofort, dass es eine Prüfung war. Er war noch schwach.
Sie könnte ihn leicht überwältigen, falls er sie angreifen sollte. Ihm war
bewusst, dass sie ihn aufmerksam beobachtete. Sein Mannesstolz, der in den
letzten Tagen erheblich gelitten hatte, bäumte sich auf.
„Denkst du, ich bin dumm?“ polterte er verletzt.
Ihre Züge entspannten sich, dann lächelte sie breit. Er hörte sich noch
immer an wie ein Ochsenfrosch, aber das brauchte er nicht zu wissen.
Seine Laune schien so schon schlecht genug.
„Nein.„ meinte sie schlicht und reichte ihm den Dolch.
Meridius ging missmutig hinaus und nahm den Frischling aus, vergrub die
Eingeweide bis auf die Leber und das Herz, um keine Raubtiere anzulocken.
Schweigend half sie ihm das Tier abzubalgen und fürs Feuer vorzubereiten.
Als sie fertig waren, meinte sie :“Wir bald viel gut essen.“ Er grinste und
nickte, seine Laune besserte sich zusehends bei dem Gedanken an den
Leckerbissen.
Ihm lief schon jetzt das Wasser im Munde zusammen nach dem zarten
Wildschweinferkelbraten. Sie hängte das Fleisch an einem Ast übers Feuer,
rieb es vorher mit würzig riechenden Blättern ab.
Er schnupperte, nickte anerkennend .Das Ferkel begann zu zischen, Berane
legte mehr Holz auf, spießte Herz und Leber auf einen dünneren Zweig, hängte
die Innereinen neben den Braten. Dann ging sie zum Tisch, goss Milch aus dem
aufgefüllten Schlauch in eine Schale, nahm einen Fladen Brot und hielt ihm
beides hin. Er senkte dankend den Kopf, fing sofort an das Brot in die Milch
zu tauchen und zu essen. Nachdem er ein paar Bissen geschluckt hatte, fiel
ihm etwas ein.
„Du Name?“ fragte er. Sie wandte ihm den Kopf zu, sah ihn prüfend an,
erwiderte nach kurzem Überlegen in fehlerfreiem Latein:
„Berane mihi nomen est.
Mein Name ist Berane.“
Er wiederholte und begann seltsam übermütig ihr gebrochenes Latein vom
Vorabend zu imitieren:“ Nihi pluribus nomen. Dicere Berane? Bonus?----Nicht
viel Name. Ich sagen Berane? Gut?" Sie stutzte, verzog aber keine Miene.
Etwas traf ihn mit einem dumpfen Geräusch an der Brust. Er ließ vor Schreck
fast seine Schale fallen. Sie hatte blitzschnell mit einem Fladen nach ihm
geworfen und tatsächlich getroffen. Dann lachte sie herzlich, stand auf.
„Tu malus hominus.
Du böser Mann!“ schimpfte sie, funkelte ihn in gespieltem
Zorn an. „Mortus hominus sum.
Ich bin ein toter Mann.“ ächzte er, wollte auf ihren
Scherz eingehen. Er griff sich dramatisch gestikulierend an die Stelle, wo
sie ihn getroffen hatte und schloss mit einer komischen Grimasse die Augen.
„Numquam! Nein!“ rief sie entrüstet. Er riss vor Schreck die Augen wieder
auf, sah sie verwirrt an. „Maximus vivere! Maximus leben!“ beschwor sie ihn
eindringlich. “Ich machen gut, dann machen tot??“
Sein Scherz war wirklich makaber und unbedacht gewesen. Sie wartete nicht
auf seine Antwort, zwinkerte plötzlich verschwörerisch und lachte erneut
aus vollem Hals über sein verdattertes Gesicht. Dieses unbeschwerte Lachen
war etwas aus einem früheren Leben. Einem Leben voller Vertrauen in die
Zukunft. Für beide. Meridius wurde bewusst, dass er ihr vertraute. Wie
konnte er anders?
Sie hatte ein Leben gerettet, das eigentlich nichts mehr wert war.
Ihr war es genug gewesen. Das Leben eines Feindes.
‚Ein gutes Omen .’ dachte er und lächelte sie an.
Sie lächelte entschuldigend zurück, sich ihrer Spötterei bewusst.
Das Ferkel fing an einen köstlichen Duft zu verbreiten. Berane nahm den
Spieß mit den Innereien vom Feuer und reichte sie ihm.„Du viel Blut fort.
Iss.“ erklärte sie, kniete neben ihn. Er nahm ihr den Zweig ab. Behutsam zog
sie ihm den Umhang vom Oberkörper.„Sehen. Machen neu.“ Ohne zu zögern begann
sie seine Verbände zu lösen. Mit dem gesunden, linken Arm hielt er den
Zweig, biss ab und zu in das zarte Fleisch, während sie seine Wunden
kontrollierte und frisch verband. Ihre Nähe und die Berührungen einer Frau,
die nicht Selene war, machten ihn plötzlich verlegen. Er erinnerte sich,
dass er nackt gewesen war und relativ sauber bei seinem Erwachen. Der
Gedanke, dass sie ihn ausgezogen und gewaschen haben musste, ließ ihn, den
großen Tribun, erröten.
Berane bemerkte die Veränderung an ihm, spürte wie er unmerklich von ihr
abrückte. Sie ließ sich nichts anmerken..
„Wie sagen?“ fragte sie ablenkend und deutete auf die vernarbenden Hiebe und
Stiche. Er antwortete ihr auf Latein.
„Maximus?“ sprach sie ihn danach zögernd an.
„Ego tu medica.. Tu ego dicere Roma..”
sie suchte nach einem Wort.
Meridius verstand.„Du heilst mich und ich lehre dich Latein?“ meinte er in
seiner Sprache. Sie wiederholte. Da lachte er. Irritiert musterte sie ihn.
‚Sie muss glauben, ich lache sie aus’.
Er schüttelte beruhigend den Kopf,
erklärte: “BERANE ist meine Medica und ICH, MAXIMUS, lehre sie Latein.“
Eifrig nickte sie und strahlte ihn an.
„Volere?“ fragte sie ungläubig.„Willst du?“
’Oh, Frau. Du rettest mich, den Feind,
fütterst und wäschst mich. Pflegst meine Wunden und gibst mir fast den
Glauben an das Gute zurück. Wie sollte ich dir dies verweigern??’
dachte er erstaunt bei sich. Das konnte er ihr
nicht erklären. Eine überwältigende Dankbarkeit ließ ihn wie schon ein Mal
ihre Hand ergreifen, an seine Stirn legen und sie danach leicht küssen.
„Ich danke dir von ganzem Herzen, Berane. Es ist mir eine Ehre, dich meine
Sprache zu lehren.“ erklärte er. Sie zog ihre Hand weg, sah ihn seltsam an.
„Volere?“ wiederholte sie, noch immer nicht überzeugt. „Volo.“ antwortete er
und nickte. „Bonus.“ entgegnete sie, deutete auf seine frischen Verbände.
Dann hob sie die Hand und spreizte fünf Finger. „Quintus“ erklärte er.
„Quintus dies tu familia …“
Sie vollführte eine weitschweifende Geste.
Meridius Herz machte einen Satz. „Du meinst, in fünf Tagen kann ich nach
hause??“ wollte er erregt wissen. Sie sah das Aufleuchten in seinen
Augen, neigte zustimmend den Kopf, dann stand sie auf und drehte das
brutzelnde Ferkel an seinem Spieß.
Als sie ihn wieder ansah, wirkten seine Augen traurig.
„Maximus, nicht wollen?“ fragte sie verwundert.
„Wie?? Keine Pferde.“ klagte er niedergeschlagen.
Berane begann plötzlich zu lachen. Er sah sie
gereizt an, als sei sie übergeschnappt. Sie winkte noch immer lachend
ab.„Ich viel dumm..
Ich nicht sagen. Pferde sehen .“ Sie hob die Hand. Zwei Finger.
Meridius wollte aufspringen, aber die Schmerzen bei
dieser abrupten Bewegung lehrten ihn eines besseren. Stöhnend setzte er sich
wieder.
“ Wo??“bohrte er ungeduldig.
„Nicht weit. Ich später gehen.“ versicherte sie ihm.
Berane hatte auf dem Hinweg zur Siedlung zwei der vier
Pferde entdeckt, auf denen die Legionäre und er gekommen waren. Ihr war so
vieles durch den Kopf gegangen auf dem Rückweg, dass sie es fast vergessen
hatte.
Dabei erinnerte sie sich auch wieder an den Ring.
Meridius beobachtete sie verwundert, als sie sich
plötzlich von ihm abwandte und an ihrer Kleidung nestelte. Dann drehte sie
sich um und kam direkt auf ihn zu.
Auf ihrer Handfläche lag der Siegelring seiner Familie. Selene hatte darauf
bestanden , dass er ihn anlegte, bevor er ging. Er hatte ihn als
Familiensiegel zuhause bei ihr lassen wollen.
„Bring ihn zurück für deinen Sohn.“ hatte sie gefordert und ihn zurück an
seinen Finger gesteckt. Er hatte ihn noch nicht einmal vermisst gehabt.
Berane beobachtete wie ein verzaubertes Lächeln sich
auf den Zügen ihres Patienten ausbreitete, als er den Ring erkannte.
Forschend blickte sie ihm in die Augen, sah Tränen der Freude darin. Ohne
ein Wort legte sie das Schmuckstück in seine Hand. Er blickte sie lange,
gleichfalls schweigend an, dann senkte er demütig den Kopf. Mit einer
geübten Geste streifte er sich den Ring über den rechten kleinen Finger.
Berane traf die Erinnerung wie ein Blitz, sie wandte
sich hastig ab, um zu verhindern, dass er ihren verstörten Gesichtsausdruck
sah.
Betont ruhig ging sie zum Feuer, prüfte den Braten, aber ihre Hände bebten.
‚Freya, was willst du mir mit diesem Traum sagen?? Es ist SEIN Ring und ich
sehe IHN in diesem Traum. Wer ist die Frau? Seine Frau?? Warum sehe ich
das?Freya, ich habe dir immer treu gedient, spiel nicht mit mir.
'Spiel nicht mit mir.’
flehte Berane zu ihrer Göttin.
‚Vertrau deinen Gefühlen. Sie sind deine große Stärke.’
Sie erinnerte sich wieder an Edreds Worte.
‚Meine Gefühle? Ich weiß nicht mehr was ich
fühle. Dieser Mann bringt alles durcheinander. Nicht ist mehr wie ich es
gekannt habe. Er verwandelt Hass in Fürsorge, Vorsicht in Vertrauen. Ich
kann das alles nicht verstehen, aber ich kann nicht anders handeln.’
‚Das Neue fordert deine ganze Kraft. Es
bedroht dich nicht, aber es bewirkt große Veränderungen für dich.’ hatte die
Seherin weiter gesagt.
Als sie sich wieder in der Gewalt hatte, nahm sie das mittlerweile knusprige
Ferkel vom Feuer und gesellte sich wieder zu ihrem Gast, der es ihr mit
einem seligen Lächeln abnahm und sofort große Stücke abzuschneiden begann.
Sie nahm eines von ihm entgegen, erhob sich.
„Maximus, du essen, ich sehen Pferde. Du hier.“ wies sie ihn an, ließ ihn
ohne weiteren Kommentar oder Rücksicht auf sein Erstaunen mit dem Festmahl
allein.
Es dämmerte bereits. Dies war im Moment das Wichtigste. Schnell ging sie in
die Richtung, in der sie die Pferde vermutete, verzehrte dabei das Stück
Fleisch, dass sie noch in der Hand hielt. Es war wirklich köstlich.
Berane musste schmunzeln, während sie in leichten Trab fiel.
‚Hoffentlich isst er nicht alles allein auf.’
Maximus träumte.
Argento und Scarto.
Ein Apfelschimmel und ein Brauner.
Die Weingärten seines Vaters .
Reife Trauben, sie schimmern fast schwarz in der Abendsonne.
Scarto trägt ihn mühelos über die Hügel, hinter denen die Sonne wie ein
glühender Messingball verschwindet.
Er zügelt den Wallach, pflückt eine handvoll Trauben. Süß. Würzig.
Wie das Glück, wenn er hier sein kann. Ein Rieseln, als ob eine Sanduhr
Körnchen um Körnchen die Zeit misst. Sein Glück misst.
Der Braune schreckt auf und galoppiert los.
Er läßt ihm freie Zügel. Scarto und sein Reiter scheinen sich in rasendem
Tempo dem roten Ziegelbau oben auf dem Hügel zu nähern.
Selene und Claudius stehen dort zum Greifen nahe.
Als Maximus bewusst wird, dass Scarto auf der Stelle galoppiert und er
selbst dies alles träumt, beschließt er aufzuwachen.
Etwas hindert ihn daran weiter zu träumen. Die wunderbaren Bilder
zerfließen, als seien sie Wasser und er habe einen Stein hineingeworfen.
Dunkelheit. Er blinzelte. Der Geruch
des Bratens lag schwer in der Luft.
Das Feuer war nur noch Glut. Benommen rappelte er sich auf, warf die letzten
Vorräte an Holz hinein, um es neu zu entfachen. Pferdewiehern.
‚Ein Echo des Traumes.’
Er ging hinaus ins Freie.
Stunden waren vergangen, seit sie fort war. Sternklare, kalte Nacht.
Etwas kam auf ihn zu. Mühsam erkannte er zwei Pferde und dazwischen eine
Gestalt, die mit erhobenen Armen die Zügel hielt.
„Scarto, Argento.“ flüsterte er verwundert.
Berane führte die Tiere an ihm
vorbei, band sie an einen starken Ast.
Dann verschwand sie und kehrte mit einer großen Schale voll Wasser zurück,
die sie vor die Pferde stellte. Sie begannen sofort zu trinken. Maximus
fühlte eine Hand an seinem gesunden Arm, die ihn mitzog. Willig folgte er,
ließ sich zu seinem Lager führen.„ Selene.....Selene..“ murmelte er
schlaftrunken.
Jemand schob ihn sacht auf sein Lager. Leise Worte in einer fremden Sprache,
manche kannte er, viele nicht. Sanft raunend lullten sie ihn ein und das
letzte was er verstand war:„Dorme in pace, amicus. Equui habere.“
„Schlafe ruhig, mein Freund. Ich habe die Pferde .“
Es war leicht gewesen. Die beiden
Stuten waren am See, wie sie vermutete hatte. Ein Schnalzen mit der Zunge
hatte genügt. Die schönen Köpfe der Tiere hatten sich ihr zugewandt und als
sie sich langsam schmeichelnd näherte, waren sie weder zurückgescheut noch
hatten sie die Flucht ergriffen. Armeepferde.
Der Mensch war ihnen vertraut. Keine Wunden an ihnen, nur zerrissene Zügel,
ein paar Kratzer. Mehr als Glück nach all den Tagen im Wald.
Berane griff langsam nach dem Zaumzeug, zog
vorsichtig. Willig folgten sie ihr.
Hin und wieder gaben sie ein Schnauben von sich, sie redete ständig
besänftigend auf die Tiere ein. Der Römer stand im Freien, murmelte etwas,
sah sie entrückt an.
Sie hatte ihm wie jeden Abend ein wenig Mohn in sein Wasser getan, damit er
schmerzfrei und ruhig schlief und ihr nicht folgte.
Schnell band sie die Stuten an und gab ihnen zu trinken.
Dann nahm sie Maximus, der abwesend auf die Sterne starrte am Arm und
geleitete ihn zurück auf sein Lager. Er murmelte vor sich hin, sprach sie
mit einem fremden Namen an, schien sie nicht zu erkennen.
„Leg dich hin, du willst doch bald in deine Heimat zurück. Du wirst bald so
stark wie früher sein.“ sagte sie beruhigend auf Germanisch.
"Sei unbesorgt,
ich helfe dir. Ich spüre, dass du gut bist und dir Schlechtes widerfahren
ist. Schlafe ruhig, mein Freund. Ich habe die Pferde.“
Die letzten Sätze sprach sie instinktiv in Latein, damit er sie wirklich
verstand.
Sein unsteter Blick suchte ihren, dann schloss er die Augen, rollte sich in
den Mantel ein. Berane sah zum Feuer. Neben ihrem Schlafplatz stak etwas im
Boden.
Das hintere Drittel des Ferkels an seinem Spieß.
‚Na. Immerhin. ’dachte sie anerkennend und machte sich hungrig darüber her.
Eine Männerstimme drang von draußen
herein. Es musste schon spät am Morgen sein, denn ein Lichtstrahl fiel
herein, erhellte den Raum. Sie streckte sich, rieb die Augen und stand auf.
Mit geübten Bewegungen ordnete und kämmte sie ihr Haar, strich die Kleidung
glatt.
„Baldur hätte mich wecken sollen, mit wem spricht er?“ fragte sie sich, als
sie ins Freie trat. Statt auf einen schlaksigen, blonden, jungen Mann, fiel
ihr Blick auf einen älteren, braunhaarigen Fremden, der mit nacktem
Oberkörper dastand und in einer fremden Sprache auf die beiden Pferde
einredete, die ein paar Meter entfernt angebunden waren.
Einen Moment war ihr Kopf völlig
leer. Der Mann wandte ihr das bärtige Gesicht zu, seine hellen Augen
strahlten sie begeistert an. Hastig wandte sie sich ab und ging wieder
hinein. Stechender Schmerz rumorte in ihrem Kopf.
’Baldur. Wie oft habe ich in den Jahren nach
deinem Tod an dich gedacht. Dann heilte die Wunde nach all der Zeit. Und
jetzt reißt sie wieder auf in einer unbedachten Sekunde, in der ich eine
ähnliche Männerstimme höre und sie für die deine halte.’
Sie ging sie ziellos in dem kleinen Raum umher, bewegte sich schließlich
Richtung Ausgang. Der Römer stand dort, er versperrte ihr unabsichtlich den
Weg. Sie starrte ihn wütend an, drängte sich an ihm vorbei.
Er rief ihr nach als sie davonlief, aber sie reagierte nicht.
Wie gehetzt, rannte sie zum See, riss sich keuchend die Kleider vom Leib und
ließ sich ohne Rücksicht auf die Temperatur des Wassers hineinfallen.
Eisige Kälte schnürte ihr die Luft ab, brachte sie kurz zur Besinnung.
Einige Augenblicke gewann die Vernunft Oberhand, dann fiel sie in ein Chaos
aus Hass und Schmerz, Trauer und Ohnmacht, auf das sie so plötzlich nicht
vorbereitet gewesen war. All das hatte sie doch vor Jahren hinter sich
gelassen.
Jetzt war es plötzlich wieder da.
Aber da waren auch Mitleid und Zuneigung, die sie nur noch mehr
verwirrten, bis dieser Ansturm widerstreitender Gefühle in einen wilden und
gleichzeitig hilflosen Aufschrei mündete. Lange bewegte sie sich ruhelos in
dem eisigen Wasser, bis sie schließlich zitternd ans Ufer watete, sich mit
klammen Händen wieder anzog. Rastlos durchstreifte sie in den folgenden
Stunden den Wald, kontrollierte ihre Fallen.
Sie kehrte erst kurz vor Sonnenuntergang zurück.
Er hörte sie. Im ersten Moment hatte
er ihr nachgehen wollen, falls ihr etwas zugestoßen war. Sein Instinkt sagte
ihm jedoch, dass dies kein Hilferuf war.
Es war eine Art Laut wie der, den er bei seiner Verhaftung ausgestoßen
hatte. Ohnmächtige Wut und Trauer waren es bei ihm gewesen, die diesen
Schrei hatten entstehen lassen.
Sie hatte ihn angesehen als sei er ein Geist.
‚Familie tot, Mann tot’ erinnerte er sich an ihre Worte. Und an den
verwundeten Zorn in ihren Augen, als sie sich an ihm vorbeigedrängt hatte.
Er hatte sie unbewusst an etwas sehr Schmerzliches erinnert, das musste der
Grund sein. Bedrückt ging Meridius durch die Tür und versuchte das Feuer zu
entfachen. Es wollte ihm nicht gelingen.
Die Freude über die Pferde war plötzlich verflogen. Zufrieden grasten die
Stuten draußen und in wenigen Tagen würde er aufbrechen können. Er
betastete vorsichtig die Verbände. Die Wunden schienen weiter gut zu
verheilen, seine Schmerzen wurden von Tag zu Tag weniger.
Meridius Magen knurrte laut, er sah sich nach etwas
Essbarem um.
In dem kleineren Schlauch war noch Milch und ein halber Brotfladen stillte
seinen ärgsten Hunger. Missmutig griff er einen der erbeuteten Dolche und
ging los um Feuerholz und frische Zweige für die Schlafplätze zu holen.
Er war ihr jetzt lange genug nur zur Last gefallen.
Berane trug zwei Hasen über der
Schulter, als sie zurückkam. Er stand in der Abendsonne, die beiden Braunen
mit einem Stück Rinde striegelnd, sprach dabei mit den Pferden, lobte und
tätschelte sie. Abrupt verstummte er, als er sie bemerkte. Ohne ihn zu
beachten, verschwand sie im Eingang.
Sie warf die beiden Hasen unnötig derb auf den Stamm, der ihr als Tisch
diente.
„Kind, du bist manchmal so zornig, was ist
mit dir?“ hörte sie die Stimme ihrer Mutter
in ihrer Erinnerung. Tief durchatmend versuchte sie Gewalt über ihre noch
immer widerstreitenden Emotionen zu gewinnen. Es gelang ihr nicht.
Sie packte einen der Tierkadaver und begann ihn zu öffnen. Ungestüm warf sie
das Gekröse zu Boden und begann den Körper mühsam beherrscht abzubalgen.
Eine Hand auf ihrer Schulter ließ sie panisch herumfahren.
Der Römer stand hinter ihr. Er wich zurück und sah sie aus verwirrten,
wachsam blickenden Augen an. Sie hielt immer noch das blutbeschmierte Messer
in der Faust, hatte unbewusst die Angriffsstellung eingenommen. Sein Blick
wurde hart. Sie hielt stand.
„Warum du böse?“ drang es anklagend auf Germanisch aus seinem Mund.
Es war als ob die Zeit zwischen dem Jetzt und dem Damals verschmölze.
Berane sah ihn nur an.‚Er hat meine Augenfarbe.’ stellte sie
verblüfft fest.
‚Ihre Augen sind fast wie meine.’
dachte Meridius erstaunt, obwohl das nicht wichtig war im Moment. Sie
entspannte sich, legte demonstrativ das Messer auf den Tisch. Dann sagte sie
etwas, das ihn verblüffte.
„Du nicht Angst, bitte. Nicht deine Schuld. Zuviel Schmerz machen böse.“
flüsterte sie fast. Ihre Hand griff wieder nach dem Dolch, fuhr gewandt fort
mit der Arbeit.
„Berane.“ sprach er sie an. Sie hob den Kopf, suchte seinen Blick.
„Berane, hör auf, wir haben zu essen.“ Er wies zum Feuer. Der große
Vogel, den sie gestern mitgebracht hatte, hing über den Flammen.
Wie in sich gekehrt musste sie gewesen sein, um das nicht zu bemerken?
Hilflos zuckte sie die Schultern, verzog dabei entschuldigend das
Gesicht, setzte sich mit einem gewollt übertriebenen, müden Seufzer.
Der Römer begann heiser zu lachen, es klang noch immer nach Ochsenfrosch.
Sie sagte es ihm in ihrer Sprache, aber er lachte einfach weiter.
‚Er hat es nicht verstanden. Würde er sonst so lachen?’ schmunzelte sie in
sich hinein.Die Anspannung löste sich zu ihrer Erleichterung zusehends, als
ob schwere Steine von ihr abfielen. „Maximus“ unterbrach sie sein
erheitertes Krächzen.-
Er verstummte, sah sie erwartungsvoll an. Berane erhob sich, wies auf den
nun freien Sitzplatz.„Du hier. Ich sehen.“Sie berührte die identischen
Stellen an ihrem Oberkörper, wo er seine Verletzungen hatte. Er ließ den
Wollumhang der Legion, der ihm nachts als Decke diente von den Schultern
gleiten, setzte sich und überließ sich vertrauensvoll ihren kundigen Händen.
„Oleo.“ verkündete er missmutig die
Nase rümpfend, während sie seine Verbände löste.„Ich stinke.“ Berane lachte
kurz unbeherrscht, setzte aber sofort wieder die ernste Miene der Medica
auf. „Nicht schlimm.“ beruhigte sie ihn. Allerdings bebten ihre Nasenflügel
verdächtig und ihre Mundwinkel zuckten mühsam beherrscht. Er runzelte nur
die Stirn, zog finster die Brauen zusammen.
Es war einige Zeit her, seit sie ihn gründlich gewaschen hatte. Er hatte
sich notdürftig gereinigt mit sowenig Wasser aus dem großen Schlauch als
möglich, wenn sie nicht da war. Neben täglichem Reinigen des Gesichts, des
Mundes, der Hände und Füße war er es gewohnt mindestens alle drei Tage ins
Badehaus zu gehen oder zu schwimmen.
Selbst im Feldlager war er seinem Reinlichkeitsbedürfnis gerecht geworden
mittels einer großen, hölzernen Wanne, die er in seinem Feldgepäck mit sich
führte. Diese Marotte hatte ihm den spöttischen Titel
‚Tribun Meridius Lavatus Primus’ eingebracht.
Oberster, sauberer General Meridius’ .
Viele Legionäre, auch Offiziere hatten im Feldlager ihre Hygiene gern aus
Bequemlichkeit vernachlässigt und waren von ihm dafür gerügt worden.
Sie hatten sich mit diesem ‚Kosenamen’ an ihm gerächt.
Berane stand dicht über ihn gebeugt,
betrachtete und betastete die verschorften Wunden. Die Fäden lösten sich
bereits aus den Narben. Sie heilten sehr gut.
Sie sah verwundert auf, direkt in seine Augen, als er sich ihr zuwandte,
plötzlich an ihr schnupperte.“Non oles.
Ubi lavas? Volo.- Du stinkst nicht.
Wo wäschst du dich? Ich will das auch.“ erklärte er,
entdeckte eine prüfende Wachsamkeit in ihren Augen.
„Auhh!“ entfuhr es ihm im nächsten Moment. Er starrte sie vorwurfsvoll an.
Sie hatte statt zu antworten mit einem scharfen Ruck den Faden an seiner
Brustwunde entfernt. Unbeirrt ging sie zu ihren Töpfen und Schalen, kehrte
mit einer intensiv riechenden Masse zurück. Sie strich ein wenig davon auf
die empfindliche Narbe. Es kühlte und linderte den quälenden Juckreiz, der
den Heilungsprozess begleitete. „Bonus“ seufzte er dankbar, um gleich wieder
aufzujaulen. Diesmal beschwerte er sich nicht mehr, da sie den Schnitt am
Oberarm sofort mit der Heilpaste bestrich, schmale Blätter darüber legte.
„Quid ?“ fragte er. Sie drehte ihn seitlich. „Herba“* erwiderte sie knapp
und zog ohne Vorwarnung den letzten Faden der großen Rückenwunde.
Diesmal biss er die Zähne zusammen, knurrte nur. Während sie die Salbe
auftrug, entspannte er sich. „Bonus“ meinte diesmal sie zufrieden, kramte
schon wieder in einer Ecke. Meridius lächelte. Hätte sie ihm gesagt, was sie
vorhatte, wäre es viel schlimmer gewesen. Diese Frau war eine erfahrene
Heilerin und Klassen besser als die Schlächter von Feldscheren, die ihn
bereits bei unbedeutenden Verletzungen gepeinigt hatten.
Um seinen Männern Loyalität zu beweisen, hatte er bisher die
Sonderbehandlung durch griechische Ärzte abgelehnt. Zudem waren sie nicht
viel besser als die Sanitäter, nur teurer, was ihm die Entscheidung
erleichtert hatte.
Sie reichte ihm ein Bündel aus fein gegerbtem Leder.
Es entpuppte sich als loses Hemd mit großem Halsausschnitt, der passend
geschnürt werden konnte. Berane zupfte an ihrer eigenen Bekleidung,
signalisierte ihm er solle es anziehen.„Komm. Wasser holen.“
Vorsichtig streifte er den Kittel über.
Er war ein wenig lang, weich und warm und----sauber.
Allerdings kicherte die Germanin schon wieder, dann wurde sie ernst und
wandte sich ab. Meridius konnte nicht wissen, dass der Vorbesitzer dieses
Hemdes mindestens einen Kopf größer als er gewesen war und er im Vergleich
etwas zu kurz geraten darin aussah. Es war einer von Baldurs Kitteln
gewesen.
„Komm“ wiederholte sie knapp, nahm den appetitlich gebräunten Vogel vom
Feuer, damit er nicht verbrannte und ging voraus.
Er hatte Mühe mit ihr Schritt zu halten.
Die Sonne war bereits untergegangen, die Nacht aber noch fern.
Vögel zwitscherten, eine milde Frühlingsbrise umwehte sie. Nach wenigen
Minuten hörte er das Plätschern eines Baches. Sie beugte sich hinab, füllte
den großen Schlauch. Einige Gehminuten weiter lag ein kleiner See, mehr ein
Teich, zwischen den Eichen und Buchen hinter einem Dickicht aus Rohrkolben
und Wasserpflanzen verborgen. Einladend kräuselte der leichte Wind das klare
Wasser. Meridius wollte sich gerade impulsiv den Kittel über den Kopf
ziehen, um ein Bad zu nehmen, egal wie eisig das Wasser war, als ihn ein
scharfer Ruf stoppte. „Nicht!“ Berane schüttelte eindringlich den Kopf.
„Morgen gut. Heute nicht.“ erklärte sie ihm bedauernd.“Herba bleiben.“
Das Wasser würde den Salbenverband abwaschen.
Meridius ließ enttäuscht den Kittel wieder fallen.
“Komm. Essen. Morgen schwimmen.“ Sie machten sich auf den Heimweg.
‚Wolltest du dich tatsächlich vor ihr
ausziehen und hineinspringen??’
überlegte er verwundert, während er hinter
ihr hertrabte.
‚Du, Tribun lavatus sanctus, den sie immer
wegen seiner Schamhaftigkeit und Tugend in der Legion verspottet haben?’
Meridius war in einem spanischen Außenposten Roms aufgewachsen. Sohn eines
ehemaligen Offiziers und einer Einheimischen, fern der Bordelle, Schenken
und morbiden Vergnügungen Roms. Die Freizügigkeit, die übersättigte,
menschenverachtende Verdorbenheit der römischen Gesellschaft, die erst nach
Domitians Herrschaft wieder akzeptablere Züge angenommen hatte, war ihm
immer obszön und falsch erschienen.
Die verbreitete Unverblümtheit was intime und sexuelle Dinge betraf, hatte
ihn selbst jetzt noch abgestoßen.
Als Sohn einer Spanierin, die ihn früh gelehrt hatte, dass ein Mann ALLE
Frauen zu achten hat, nicht nur Mutter und Ehefrau und als Anhänger des
stoischen Kaisers Aurelius, dessen Gelassenheit seiner Opposition nach eher
dem Opiumkonsum als der Stoa zuzuschreiben war, hatten ihn die sexuellen
Prahlereien und derben Zoten , sowie die männlichkeitsverherrlichende
Promiskuität in der Armee befremdet. Es war unwürdig und kindisch in seinen
Augen. Sanctus hatten sie ihn verspottet, weil er sich nie eine Lagerhure
kommen ließ oder eine der Einheimischen, die für ein paar Sesterzen wuschen,
kochten und sexuelle Dienstleistungen anboten. Lavatus sanctus. Sauber und
heilig.
Den Kult der Römer um den Phallus* hatte er erst bemerkt, als er vor vielen
Jahren auf Capri Gast der Kaiserfamilie gewesen war. Priapische Lampen,
Skulpturen, unmissverständliche Malereien, offen dargestellte Knabenliebe.
Erotische Kunst. Er erinnerte sich an sein Unbehagen, als Lucilla ihm
freimütig erklärte, was es damit auf sich habe. Sie hatte ihn ausgelacht und
damit geneckt, er sei eine Unschuld vom Lande, was den Tatsachen entsprochen
hatte.
Er hatte das Thema ihr gegenüber danach gemieden. Die meist übertriebenen
Dimensionen des Organs, vor allem in Darstellungen des Gottes Priapus*
hatte ihm damals, als unerfahrenem Jüngling, echte Sorgen bereitet. Erst als
er sich überwinden konnte seinen Vater darauf anzusprechen, hatte dieser ihn
lachend beruhigt.„Es ist alles in Ordnung bei dir, mein Sohn, das versichere
ich dir. Priapus soll ein Gott sein, wenn auch ein recht unheiliger.
Ein Gott muss sich durch Größe von den Sterblichen unterscheiden und er tut
es eben in diesem Bereich“ Meridius schmunzelte unbewusst bei dieser
Erinnerung. Kindheit und Jugend. Seine war unbeschwert gewesen.
Bald würde er wieder bei seinem Sohn und dessen Mutter sein. Bald.
‚Warum machst du dir darüber Gedanken? Sie hat dich gewaschen. Sie wird es
wohl kaum mit geschlossenen Augen getan haben. Und Priapus ist ihr sicher
kein Begriff.’ Berane
drehte sich verwundert um, als sie ihn glucksen hörte.
Er zuckte arglos mit den Achseln und überholte sie mit einem
unschuldigen Lächeln im Gesicht.
Mitten in der Nacht erwachte Meridius. Sie saß kerzengerade
vor dem Feuer, wie schon einmal, starrte in die Flammen. Ihr Oberkörper
bewegte sich dabei, als wiege sie ein Kind in den Schlaf. Er sprach sie
leise an, sie reagierte nicht. Nach ihrer Rückkehr hatte er die Pferde
getränkt und sie hatten gemeinsam ausgehungert das Fleisch des von ihm
zubereiteten Vogels verspeist.
Beim ersten Bissen hatte sie die Stirn
gerunzelt und aus einer Ecke etwas grobes Salz hervorgezaubert. Er hatte
leider nicht daran gedacht, dass Geflügel ungewürzt recht fade schmeckt. Das
Salz rettete den Braten. Später versuchte er sich mit ihr zu unterhalten,
was sich zu einem teils lustigen, teils frustrierenden Ratespiel entwickelt
hatte. Er wusste nur, dass ihr Mann und ihre Angehörigen tot waren. Kinder
hatte sie keine. Warum sie hier statt in der Siedlung lebte – die sie fast
täglich besuchte- konnte sie ihm nicht klar machen. Sie behandelte die
Menschen dort und bekam dafür Lebensmittel wie Ziegenmilch und das über dem
Feuer gebackene, flache Brot, das er schon mehrmals gegessen hatte.
Sie brachte ihnen Fleisch, wenn sie mehr in den Fallen fand als sie brauchte
oder ein großes Tier erlegt hatte.
„Was machen mit Familie?“ fragte sie ihn besorgt.
„Ich weiß noch nicht, erst einmal verschwinden, bis man mich vergessen hat.“
Berane hörte angestrengt zu.
“Männer denken du tot. Du falsche Name. Familie falsche Name. Fortgehen.“
riet sie ihm. Er nickte.„Ja, daran habe ich auch gedacht, das könnte gehen.“
Müde rieb er sich das Gesicht, gähnte herzhaft.
„Auf dem Weg nach Spanien werde ich viel Zeit haben nachzudenken.“
Sie schien zu verstehen.„Du viel Kraft brauchen. Schlafen. Fünf Tage du
gut.“ erinnerte sie ihn .Er legte sich hin, wickelte sich in den Umhang und
schnarchte bald leise. Fünf Tage.
*Herba : Kräuter, lat.
*Phallus: Penis, lat
*Priapus: Gott der röm. Mythologie, stets dargestellt mit grotesk großem,
erigiertem Penis. Wahrzeichen der Bordelle, Sinnbild der Verherrlichung der
Männlichkeit und des Sexualtriebes. Darstellungen in Gebrauchsgegenständen
waren verbreitet.
ie war schon fort, als er am
nächsten Morgen aufwachte. Der Gedanke an ein Bad in dem kleinen See ließ
ihn rasch munter werden. Vorsichtig streckte er sich, verzog das Gesicht. Es
tat noch ziemlich weh.
‚Ich muss trainieren, bevor ich losreite,
sonst komme ich nicht weit.’ stellte er
besorgt fest. In so schlechtem Zustand hatte er sich körperlich noch nie
befunden, es war erschreckend für ihn, da er bisher fast immer vor Energie
und Kraft gestrotzt hatte.
Das Wasser würde sicher eisig sein, aber er sehnte sich nach einem richtigen
Bad. Schnell lief er durch den Wald, er hatte sich gestern die Strecke
eingeprägt.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen, es war sehr früh. Am Rand des
einladend klaren Gewässers zog er sich aus, zögerte kurz, dann sprang er mit
einem lauten Schnauben hinein. Im ersten Moment schnappte er nach Luft vor
Kälte.
Nachdem er sich soweit es ihm bei seinen Verletzungen möglich war im Wasser
bewegt hatte, gewöhnte er sich daran, sein Körper erwärmte sich und er
begann es zu genießen. Er tauchte mehrmals ganz unter, kam prustend wieder
hoch, schwamm ein wenig herum. Die Kälte betäubte die vernarbenden Stellen.
Der Juckreiz hatte gestern schon nachgelassen, nachdem Berane den
Salbenverband aufgetragen hatte. Einige Minuten später stieg er ans Ufer,
streifte sich mit den Händen das Wasser von der Haut. Die Sonne ging gerade
auf, er spürte dankbar ihre Wärme im Rücken, drehte sich um. Rasch rieb er
sich mit seiner wollenen Hose ab, zog sich an. Erfrischt, hellwach und mit
einem wunderbar sauberen Gefühl ging er zurück, ließ dabei seine Gedanken
schweifen.
’Berane ist eine seltsame Frau.
Einerseits so geheimnisvoll und verschlossen mit ihren nächtlichen
Meditationen vor dem Feuer, andererseits bereit einen verwundeten Feind zu
pflegen, als wäre er ein Freund oder Verwandter. Und dass sie hier im Wald
lebt statt in der Siedlung, die sei immer besucht... vielleicht ist es mit
schmerzlichen Erinnerungen verbunden, die sie nicht ständig aufleben lassen
will. Sie hat einmal etwas von Runen und Freyas Willen gesagt, das scheint
mit ihren barbarischen Göttern zu tun zu haben. Barbarisch. Ich sollte
dieses Wort nicht mehr in Zusammenhang mit ihr bringen. Wenn diese Frau
barbarisch ist, bist du, Meridius, es nicht weniger.
Sie ist die Güte in Person, eine fähige, erfahrene Medica. Ich habe zuvor
nie eine Frau gekannt, die das konnte. Im Lager hätte ich mit solchen Wunden
kaum überlebt, höchstens wenn Aurelius Leibarzt, der berühmte Galen mich
behandelt hätte. Ihr Mann ist gefallen, viele Freunde und Verwandte
ebenfalls.
Meine Truppen sind dafür verantwortlich. Ich bin dafür verantwortlich.
Wie viele bittere Schicksale wie dieses habe ich unbewusst mitbestimmt?
Es ist eine gewaltige Ironie der Götter, dass jemand wie sie mir das Leben
rettet und mir hilft nach Hause zu gelangen. Sie hätte die Pferde fangen und
ins Dorf bringen können um sie zu verkaufen. Jeder andre hätte das getan.
Jeder andre hätte mich krepieren lassen.’
Er empfand eine überwältigende Dankbarkeit
ihr gegenüber. Und er mochte ihre Art, intelligent und einfühlsam. Aber auch
ihren direkten, trockenen Humor, der ihn mehr als einmal in Erstaunen
versetzt hatte, seit er sie besser kannte.
Ihre weiblichen Seiten in Verbindung mit ihrem eher männlichen Lebensstil
und ihrer Unabhängigkeit war völlig neu für ihn bei einer Frau. Sie erschien
ihm wie das reine Gegenteil von Selene. Im Aussehen und im Wesen.
Seine Frau war klein und mädchenhaft zart, dunkel. Ihre Stimme war hell.
Berane war nicht viel kleiner als er selbst, eher hellhaarig und besaß diese
auffallend ähnliche Augenfarbe. Sie musste viel körperliche Kraft besitzen
für eine Frau, das lag sicher an den Umständen, unter denen sie lebte. Sie
schien ausgesprochen weiblich gebaut, soweit er das beurteilen konnte.
Breite Hüften, volle Brüste. Ihre Stimme war eher tief und etwas sonor.
Selene war ebenfalls sehr empfindsam und klug, aber auf andre Art.
Auf eine typisch weibliche, defensive Art. Sie hatte sich mit Freude dem
Haushalt gewidmet und ihm alles andre überlassen, es sei denn er fragte sie
um Rat, was er oft getan hatte. Selene war die ideale Frau für einen Mann,
der gern die Dinge selbst in die Hand nahm, oder sich genug Personal dafür
leisten konnte.
Sie mischte sich kaum ein in seine Bereiche und genoss das Gefühl der
Sicherheit als seine Ehefrau. Sie war seine Insel, wo er nicht der Soldat
war, nicht der Tribun. Nur der Mann, der sie und ihr Kind liebte und
beschützte.
Bei ihr konnte er seine militärischen Pflichten vergessen.
Aber wer konnte wissen, ob die Germanin das nicht genauso genießen würde,
wenn ihr das Schicksal nicht ein andres Leben verweigert hätte?
Ein Leben als Mutter und Ehefrau, als Hüterin des Hauses, wie Selene es
führte?
‚Wer kann sich schon sein Schicksal
aussuchen. Kein römischer Kaiser, kein siegreicher Tribun. Am Ende sind wir
alle Sklaven unserer Umstände.’ beendete er
vorerst seine philosophischen Betrachtungen und kümmerte sich um die beiden
Stuten, die ihn freudig schnaubend begrüßten.
Berane hört Schritte. Erst duckt sie
sich, dann erkennt sie Baldurs Hemd, das sie Maximus gestern gegeben hat.
Einen Steinwurf entfernt bewegte sich ihr Patient schnell in Richtung See.
Er scheint wirklich in dem eisigen Wasser baden zu wollen. Schnell schneidet
sie noch ein paar Stängel Bärlauch* zum Würzen ab, dann folgt sie ihm
neugierig.
‚Er tut es nicht. Es ist ihm zu kalt.’
Als sie ihn wieder in ihrem Blickfeld hat,
steht er gedankenverloren am Rand des Sees. Berane beobachtet ihn. Hinter
einer mächtigen Buche versteckt, späht sie durch die Farnwedel, die hier
fast mannshoch wuchern.
‚Er wagt es wirklich’
denkt sie anerkennend, als er sich vorsichtig den
Kittel über den Kopf zieht. Die große Narbe unter den Schulterblättern ist
deutlich sichtbar.
’Jetzt solltest du gehen.’ sagt etwas in ihr.
Ihr Blick gleitet über seinen Rücken, die breiten Schultern.‚Geh’.
Sie kann nicht, etwas hält sie. Die ersten Sonnenstrahlen spielen über dem
Wasser.
Es ist schön. Er bückt sich, bindet seine Stiefel auf. Als er die Hose
abstreift, muss sich Berane die Hand vor den Mund halten, um nicht
loszukichern.
Seine Pobacken leuchten weiß wie der Vollmond, der Rest ist leicht gebräunt.
‚Geh’. Es
kribbelt in ihrem Bauch, ihrem Magen. Mit einem komischen Laut springt der
Römer ins eisige Wasser des Sees. Als er auftaucht, wendet er ihr sein
Profil zu. Sie sieht den Kälteschock auf seinen Zügen, fast tut er ihr leid.
Sie ist es gewohnt; er hat bisher sicher angenehmere und vor allem wärmere
Möglichkeiten gehabt. Amüsiert beobachtet sie, wie er umher paddelt. Er
taucht einige Male unter, scheint es zu genießen, wenn er auch ständig
schnaubende Laute von sich gibt, wohl um sich von der Temperatur seines
Bades abzulenken.
Die Kälte betäubt sicher die Schmerzen, die er eigentlich haben müsste, wenn
er sich so intensiv bewegt. ‚Geh.’ Die innere Stimme wird immer
leiser .
Berane ist sich noch nicht bewusst, was in ihr vorgeht. Es ist angenehm und
sie genießt zu sehr, um es zu unterbrechen. Maximus scheint genug zu haben
und watet zum Rand. Dabei streift er sich mit den Händen das Wasser vom
Oberkörper. Ihre Augen folgen seinen Bewegungen, gleiten über die muskulösen
Arme, die breite Brust, folgen dem leichten Haarwuchs in Richtung Nabel.
Als er aus dem Wasser steigt, umgibt ihn das Morgenlicht wie eine Aura,
jeder Wassertropfen auf seiner Haut funkelt wie ein winziger Stern.
Er scheint in einen kostbaren Mantel aus weißgoldenem Feuer gehüllt zu sein.
Erst reibt er sich mit den Händen, dann mit seiner Hose ab. Das Spiel
seiner Muskeln und das zauberhafte Licht, das ihn noch immer umschmeichelt,
fesselt sie. Sie kennt diesen Körper, hat ihn gewaschen, gepflegt wie andere
Männer vor ihm.
Ihr Blick wandert an seinen Beinen hoch, über die kraftvollen Schenkel zu
dem dunklen Nest dichter Haare um sein Geschlecht, die sich zum Nabel wieder
verlieren. Er dreht sich um, schlüpft in Hose und Stiefel, zieht sich rasch
das Hemd über. Ihm ist sicher kalt. Dann setzt er sich in Bewegung, streicht
sich einige Male durch sein nasses Haar und verschwindet aus ihrem
Blickfeld.
Als er weit genug weg ist, verlässt Berane ihr Versteck, zieht sich schnell
aus und nimmt selbst ein morgendliches Bad. Dabei fällt ihr Blick auf die
knospenden Stauden der wilden Glockenblume am Ufer. Freyas Blume.
Eine eiserne Faust scheint sich in ihr zu schließen.
Sie erstarrt, beginnt zu verstehen.
„Es steht nicht in deiner Macht es abzuwenden.“ hört sie wieder Edreds
Worte.
Mitleid, Fürsorge, Hilfe, Zuneigung. Eine Entwicklung, die sie nicht
weiterdenken will. Sie hatte nicht gehen können, weil sie nicht wollte. Weil
sie dieses längst vergessene, köstliche Flattern im Magen auskosten wollte,
das hungrige Ziehen, das von dort in ihren Schoß gewandert war. Sie kennt
es, hat es oft genug gespürt, wenn Baldur sie angesehen, sie berührt hatte.
In diesem See waren sie geschwommen während des letzten unbeschwerten
Sommers vor so vielen Jahren, sie hatten sich im Wasser geküsst und
gestreichelt, immer darauf bedacht nicht zu weit zu gehen. Er hatte sich
verlegen lachend zurückgezogen, wenn ihre Liebkosungen zu hitzig wurden.
Manchmal hatte sie keinen Sinn darin gesehen, sich gegenseitig so zu quälen.
Baldur wollte es für ihre Hochzeit aufsparen und es war ein Spiel zwischen
ihnen geworden, das die Spannung und Erwartung steigerte. Bis es zu spät
gewesen war. War es nur die Erinnerung an Versäumtes oder mehr? Sie steigt
aus dem Wasser und zieht sich an.
Der Traum fällt ihr wieder ein. Sie hat ihn wieder und wieder gehabt.
Im Schlaf und wenn sie am Feuer meditiert.
Berane ahnt, was er bedeuten könnte. Ihre alte Gabe ist wiedergekehrt und
schickt ihr eine Botschaft. Eine Botschaft, in der kein Sinn liegt, die
keine Perspektive hat.
Eine Göttin, die ihr etwas gibt, damit sie es gleich wieder verliert.
‚Du wirst finden um gleich darauf wieder zu verlieren und das wird mehr als
einmal geschehen’ Edreds Runendeutung kommt ihr erneut in den Sinn.
‚Nein.‚
denkt sie erbost. ’Nicht so. Nicht dieser Mann.
Nicht er.’
Bevor sie zurückgeht, sucht sie die Stelle, wo die
Glockenblumen wachsen.
Sie sieht die knospenden Stiele einige Sekunden lang finster an, dann packt
sie mit beiden Händen alle Triebe auf einmal, reißt sie impulsiv aus, wirft
sie mit Schwung ins Wasser.
‚Ich habe Baldur verloren, ich kann das
nicht noch einmal ertragen. Nein, ich werde mich dir nicht beugen,
Freya..Warum? Es ist so sinnlos. Mir bleiben wieder nur Schmerz und
Schuldgefühle, nur Erinnerungen.’
"Ich habe genug, die mich quälen. Lass mich
in Ruhe!!“ ruft sie zornig und anklagend in den Wald. Noch bevor sie sich
hundert Schritte vom See entfernt hat, sind die hellgrünen Büschel wieder
ans Ufer getrieben.
* Gewürzkraut, leicht salzig |