Germanien II                     

Berane kehrte später zurück als sie beabsichtigt gehabt hatte.
Es war Nachmittag, als sie den Römer vor dem Eingang auf dem Boden sitzen sah. Er war in einen der Mäntel gehüllt, wirkte völlig abwesend, verschwand jedoch so schnell er sich bewegen konnte nach drinnen, sobald er sie wahrnahm.
Ein schuldbewusster Blick streifte sie, während sie Brot und Milch von Edred, einen großen Wasservogel und einen Frischling, die sie in den Fallen gefunden hatte auf dem Tisch ablud. Es kam nur selten jemand aus der Siedlung hier heraus, daher war es nicht gefährlich für ihn im Freien zu sein, solange er sich nicht weiter als ein paar Meter entfernte.
Ihre übertriebene Vorsicht war unberechtigt gewesen. Es war verständlich, dass er ans Licht wollte, nach den Tagen im Halbdunkel der Höhle.
Sie winkte ihn zu sich. „Maximus, du machen ?“ bat sie ihn, deutete auf die kleinere Beute, reichte ihm scheinbar gelassen eines der erbeuteten Messer.
Den Vogel legte sie für später beiseite.
Meridius wusste sofort, dass es eine Prüfung war. Er war noch schwach.
Sie könnte ihn leicht überwältigen, falls er sie angreifen sollte. Ihm war bewusst, dass sie ihn aufmerksam beobachtete. Sein Mannesstolz, der in den letzten Tagen erheblich gelitten hatte, bäumte sich  auf.
„Denkst du, ich bin dumm?“ polterte er verletzt.
Ihre Züge entspannten sich, dann lächelte sie breit. Er hörte sich noch immer an wie ein Ochsenfrosch, aber das brauchte er nicht zu wissen.
Seine Laune schien so schon schlecht genug.
„Nein.„ meinte sie schlicht und reichte ihm den Dolch.
Meridius ging missmutig hinaus und nahm den Frischling aus, vergrub die Eingeweide bis auf die Leber und das Herz, um keine Raubtiere anzulocken. Schweigend half  sie ihm  das Tier abzubalgen und fürs Feuer vorzubereiten.
Als sie fertig waren, meinte sie :“Wir bald viel gut essen.“ Er grinste und nickte, seine Laune besserte sich zusehends bei dem Gedanken an den Leckerbissen.
Ihm lief schon jetzt das Wasser im Munde zusammen nach dem zarten Wildschweinferkelbraten. Sie hängte das Fleisch an einem Ast  übers Feuer, rieb es  vorher mit würzig riechenden Blättern ab.
Er schnupperte, nickte anerkennend .Das Ferkel begann zu zischen, Berane legte mehr Holz auf, spießte Herz und Leber auf einen dünneren Zweig, hängte die Innereinen neben den Braten. Dann ging sie zum Tisch, goss Milch aus dem aufgefüllten Schlauch in eine Schale, nahm einen Fladen Brot und hielt  ihm beides hin. Er senkte dankend den Kopf, fing sofort an das Brot in die Milch zu tauchen und zu essen. Nachdem er ein paar Bissen geschluckt hatte, fiel ihm etwas ein.
„Du Name?“ fragte er. Sie wandte ihm den Kopf zu, sah ihn prüfend an, erwiderte nach kurzem Überlegen in  fehlerfreiem Latein:
„Berane mihi nomen est. Mein Name ist Berane.“
Er wiederholte und begann seltsam übermütig ihr gebrochenes Latein vom Vorabend zu imitieren:“ Nihi pluribus nomen. Dicere Berane? Bonus?----Nicht viel Name. Ich sagen Berane? Gut?" Sie stutzte, verzog aber keine Miene. Etwas traf ihn mit einem dumpfen Geräusch an der Brust. Er ließ vor Schreck fast seine Schale fallen. Sie hatte blitzschnell mit einem Fladen nach ihm geworfen und tatsächlich getroffen. Dann lachte sie herzlich, stand auf.
„Tu malus hominus. Du böser Mann!“ schimpfte sie, funkelte ihn in gespieltem Zorn an. „Mortus hominus sum. Ich bin ein toter Mann.“ ächzte er, wollte auf ihren Scherz eingehen. Er griff sich  dramatisch gestikulierend  an die Stelle, wo sie ihn getroffen hatte und schloss mit einer komischen Grimasse die Augen.
„Numquam! Nein!“ rief sie entrüstet. Er riss vor Schreck die Augen wieder auf, sah sie verwirrt an. „Maximus vivere! Maximus leben!“ beschwor sie ihn eindringlich. “Ich machen gut, dann machen tot??“
Sein Scherz war wirklich makaber und unbedacht gewesen. Sie wartete nicht auf seine Antwort, zwinkerte  plötzlich  verschwörerisch und lachte erneut aus vollem Hals über sein verdattertes Gesicht. Dieses unbeschwerte Lachen war etwas aus einem früheren Leben. Einem Leben voller Vertrauen in die Zukunft. Für beide. Meridius wurde bewusst, dass er ihr vertraute. Wie konnte er anders?
Sie hatte ein Leben gerettet, das eigentlich nichts mehr wert war.
Ihr war es genug gewesen. Das Leben eines Feindes.
‚Ein gutes Omen .’ dachte er und lächelte sie an.
Sie lächelte entschuldigend zurück, sich ihrer Spötterei bewusst.
Das Ferkel fing an einen köstlichen Duft zu verbreiten. Berane nahm den Spieß  mit den Innereien vom Feuer und reichte sie ihm.„Du viel Blut fort. Iss.“ erklärte sie, kniete neben ihn. Er nahm ihr den Zweig ab. Behutsam zog sie ihm den Umhang vom Oberkörper.„Sehen. Machen neu.“ Ohne zu zögern begann sie seine Verbände zu lösen. Mit dem gesunden, linken Arm hielt er den Zweig, biss ab und zu in das zarte Fleisch, während sie seine Wunden kontrollierte und frisch verband. Ihre Nähe  und die Berührungen einer Frau, die nicht Selene war, machten ihn plötzlich verlegen. Er erinnerte sich, dass er nackt gewesen war und relativ sauber bei seinem Erwachen. Der Gedanke, dass sie ihn ausgezogen und gewaschen haben musste, ließ ihn, den großen Tribun, erröten.
Berane bemerkte die Veränderung an ihm, spürte wie er unmerklich von ihr abrückte. Sie ließ sich nichts anmerken..
„Wie sagen?“ fragte sie ablenkend und deutete auf die vernarbenden Hiebe und Stiche. Er antwortete ihr  auf Latein.
„Maximus?“ sprach sie ihn danach zögernd an.
„Ego tu medica.. Tu ego dicere Roma..” sie suchte nach einem Wort.
Meridius verstand.„Du heilst mich und ich lehre dich Latein?“  meinte er in seiner Sprache. Sie wiederholte. Da lachte er. Irritiert musterte sie ihn.
‚Sie muss glauben, ich lache sie aus’.
Er schüttelte beruhigend den Kopf, erklärte: “BERANE ist meine Medica und ICH, MAXIMUS, lehre sie Latein.“  Eifrig nickte sie und strahlte ihn an.
„Volere?“ fragte sie ungläubig.„Willst du?“
’Oh, Frau. Du rettest mich, den Feind, fütterst und wäschst mich. Pflegst meine Wunden und gibst mir fast den Glauben an das Gute zurück. Wie sollte ich dir dies verweigern??’ dachte  er erstaunt bei sich. Das konnte er ihr nicht erklären. Eine überwältigende Dankbarkeit ließ ihn wie schon ein Mal ihre Hand ergreifen, an seine Stirn legen und sie danach leicht küssen.
„Ich danke dir von ganzem Herzen, Berane. Es ist mir eine Ehre, dich meine Sprache zu lehren.“ erklärte er. Sie zog ihre Hand weg, sah ihn seltsam an.
„Volere?“ wiederholte sie, noch immer nicht überzeugt. „Volo.“ antwortete er und nickte. „Bonus.“ entgegnete sie, deutete auf seine frischen Verbände.
Dann hob sie die Hand und spreizte fünf Finger. „Quintus“ erklärte er.
„Quintus dies tu familia …“ Sie vollführte eine weitschweifende Geste.
Meridius Herz machte einen Satz. „Du meinst, in fünf Tagen kann ich nach hause??“ wollte er erregt wissen. Sie sah das Aufleuchten in seinen Augen, neigte zustimmend den Kopf, dann stand sie auf und drehte das brutzelnde Ferkel an seinem Spieß.
Als sie ihn wieder ansah, wirkten seine Augen  traurig.
„Maximus,  nicht wollen?“ fragte sie verwundert.
„Wie?? Keine Pferde.“ klagte  er niedergeschlagen.
Berane  begann plötzlich  zu lachen. Er sah sie gereizt an, als sei sie übergeschnappt. Sie winkte noch immer lachend  ab.„Ich viel dumm..
Ich nicht sagen. Pferde sehen .“ Sie hob die Hand. Zwei Finger.
Meridius wollte aufspringen, aber die Schmerzen bei dieser abrupten Bewegung lehrten ihn eines besseren. Stöhnend setzte er sich wieder.
“ Wo??“bohrte er ungeduldig.
„Nicht weit. Ich später gehen.“ versicherte sie ihm.
Berane hatte auf dem Hinweg zur Siedlung zwei der vier Pferde entdeckt, auf denen die Legionäre und er  gekommen waren. Ihr war so vieles durch den Kopf gegangen auf dem Rückweg, dass sie es fast vergessen hatte.
Dabei erinnerte sie sich auch wieder an den Ring.
Meridius beobachtete sie verwundert, als sie sich plötzlich  von ihm abwandte und an ihrer Kleidung nestelte. Dann drehte sie sich um und kam direkt auf ihn zu.
Auf ihrer Handfläche lag  der Siegelring seiner Familie. Selene hatte darauf bestanden , dass er ihn anlegte, bevor er ging. Er hatte ihn  als Familiensiegel zuhause bei ihr lassen wollen.
„Bring ihn zurück für deinen Sohn.“ hatte sie  gefordert und ihn zurück an seinen Finger gesteckt. Er hatte ihn noch nicht einmal vermisst gehabt.
Berane beobachtete wie ein verzaubertes Lächeln sich auf  den Zügen ihres Patienten ausbreitete, als er den Ring erkannte. Forschend blickte sie ihm in die Augen, sah Tränen der Freude darin. Ohne ein Wort legte sie das Schmuckstück in seine Hand. Er blickte  sie  lange, gleichfalls  schweigend  an, dann senkte  er demütig den Kopf. Mit einer geübten Geste streifte er sich den Ring über den rechten kleinen Finger.
Berane traf die Erinnerung wie ein Blitz, sie wandte sich hastig ab, um zu verhindern, dass er ihren verstörten Gesichtsausdruck sah.
Betont ruhig ging sie zum Feuer, prüfte  den Braten, aber ihre Hände bebten.
‚Freya, was willst du mir mit diesem Traum sagen?? Es ist SEIN Ring und ich sehe IHN in  diesem Traum. Wer ist die Frau? Seine Frau?? Warum sehe ich das?Freya, ich habe dir immer treu gedient, spiel  nicht mit mir.
'
Spiel nicht mit mir.’ flehte Berane  zu ihrer Göttin.
‚Vertrau deinen Gefühlen. Sie sind deine große Stärke.’
Sie erinnerte sich wieder an Edreds Worte.
‚Meine Gefühle? Ich weiß nicht mehr was ich fühle. Dieser Mann bringt alles durcheinander. Nicht ist mehr wie ich es gekannt habe. Er verwandelt Hass in  Fürsorge, Vorsicht in Vertrauen. Ich kann das alles nicht verstehen, aber ich kann nicht anders handeln.’
‚Das Neue fordert deine ganze Kraft. Es bedroht dich nicht, aber es bewirkt große Veränderungen für dich.’ hatte die Seherin weiter gesagt.
Als sie sich wieder in der Gewalt hatte, nahm sie das mittlerweile knusprige Ferkel vom Feuer und gesellte sich wieder zu ihrem Gast, der es ihr mit einem seligen Lächeln abnahm und sofort große Stücke abzuschneiden begann.
Sie nahm eines  von ihm entgegen, erhob sich.
„Maximus, du essen, ich sehen Pferde. Du hier.“ wies sie ihn an, ließ ihn ohne weiteren Kommentar oder Rücksicht auf sein Erstaunen mit dem Festmahl  allein.
Es dämmerte bereits. Dies war im Moment das Wichtigste. Schnell ging sie in die Richtung, in der sie die Pferde vermutete, verzehrte dabei das Stück  Fleisch, dass sie noch in der Hand hielt. Es war wirklich köstlich.
Berane musste schmunzeln, während sie in  leichten Trab fiel.
‚Hoffentlich isst er nicht alles allein  auf.’

Maximus träumte.
Argento und Scarto. Ein Apfelschimmel und ein Brauner.
Die Weingärten seines Vaters .
Reife Trauben, sie schimmern fast schwarz in der Abendsonne.
Scarto trägt ihn mühelos über die Hügel, hinter denen die Sonne wie ein glühender Messingball verschwindet.
Er zügelt den Wallach, pflückt eine handvoll Trauben. Süß. Würzig.
Wie das Glück, wenn er hier sein kann. Ein Rieseln, als ob eine Sanduhr Körnchen um Körnchen die Zeit misst. Sein Glück misst.
Der Braune schreckt auf und galoppiert los.
Er läßt ihm freie Zügel. Scarto und sein Reiter scheinen sich  in rasendem Tempo dem roten Ziegelbau oben auf dem Hügel zu nähern.
Selene und Claudius stehen dort zum Greifen nahe.
Als Maximus bewusst wird, dass Scarto auf der Stelle galoppiert und er selbst dies alles träumt, beschließt er aufzuwachen.
Etwas hindert ihn daran weiter zu träumen. Die wunderbaren Bilder zerfließen, als seien sie Wasser und er habe  einen Stein hineingeworfen.

Dunkelheit. Er blinzelte. Der Geruch des Bratens lag schwer in der Luft.
Das Feuer war nur noch Glut. Benommen rappelte er sich auf, warf die letzten Vorräte an Holz hinein, um es neu zu entfachen. Pferdewiehern.
‚Ein Echo des Traumes.’  Er ging hinaus ins Freie.
Stunden waren vergangen, seit sie fort war. Sternklare, kalte Nacht.
Etwas kam auf ihn zu. Mühsam erkannte er zwei Pferde und dazwischen eine Gestalt, die mit erhobenen Armen die Zügel hielt.
„Scarto, Argento.“ flüsterte er verwundert.

Berane  führte die Tiere an ihm vorbei, band sie an einen starken Ast.
Dann verschwand sie und kehrte mit einer großen Schale voll Wasser zurück, die sie vor die Pferde stellte. Sie begannen sofort zu trinken. Maximus fühlte eine Hand an seinem gesunden Arm, die ihn mitzog. Willig folgte  er, ließ sich zu seinem Lager führen.„ Selene.....Selene..“ murmelte er schlaftrunken.
Jemand schob ihn sacht auf sein Lager. Leise Worte in einer fremden Sprache, manche kannte er, viele nicht. Sanft raunend lullten sie ihn ein und das letzte was er verstand war:„Dorme in pace, amicus. Equui habere.“
„Schlafe ruhig, mein Freund. Ich habe die Pferde .“

Es war leicht gewesen. Die beiden Stuten waren am See, wie sie vermutete hatte. Ein Schnalzen mit der Zunge hatte genügt. Die schönen Köpfe der Tiere hatten sich ihr zugewandt und als sie sich  langsam schmeichelnd näherte, waren sie weder zurückgescheut noch hatten sie die Flucht ergriffen. Armeepferde.
Der Mensch war ihnen vertraut. Keine Wunden an ihnen, nur zerrissene Zügel, ein paar Kratzer. Mehr als Glück nach all den Tagen im Wald.
Berane griff  langsam nach dem Zaumzeug, zog vorsichtig. Willig folgten sie ihr.
Hin und wieder gaben sie ein Schnauben von sich, sie redete ständig besänftigend auf die Tiere ein. Der Römer stand im Freien, murmelte etwas, sah sie entrückt an.
Sie hatte ihm  wie jeden Abend ein wenig Mohn in sein Wasser getan, damit er schmerzfrei und ruhig schlief und ihr nicht folgte.
Schnell band sie die Stuten an und gab ihnen zu trinken.
Dann nahm sie Maximus, der abwesend  auf die Sterne starrte am Arm und geleitete ihn zurück auf sein Lager. Er murmelte vor sich hin, sprach sie mit einem fremden Namen an, schien sie nicht zu erkennen.
„Leg dich hin, du willst doch bald in deine Heimat zurück. Du wirst bald so stark wie früher sein.“ sagte sie beruhigend auf Germanisch.
"Sei unbesorgt, ich helfe dir. Ich spüre, dass du gut bist und dir Schlechtes widerfahren ist. Schlafe ruhig, mein Freund. Ich habe die Pferde.“
Die letzten Sätze sprach sie instinktiv in Latein, damit er sie wirklich verstand.
Sein unsteter Blick suchte ihren, dann schloss er die Augen, rollte sich in den Mantel ein. Berane sah zum Feuer. Neben ihrem Schlafplatz stak etwas im Boden.
Das hintere Drittel des Ferkels an seinem Spieß.
‚Na. Immerhin. ’dachte sie anerkennend und machte sich  hungrig darüber her.

Eine Männerstimme drang von draußen herein. Es musste schon spät am Morgen sein, denn ein Lichtstrahl fiel herein, erhellte den Raum. Sie streckte sich, rieb die Augen und stand auf. Mit geübten Bewegungen ordnete und kämmte sie ihr Haar, strich die Kleidung glatt.
„Baldur hätte mich wecken sollen, mit wem spricht er?“ fragte sie sich, als sie ins Freie trat. Statt auf einen schlaksigen, blonden, jungen Mann, fiel ihr Blick auf einen älteren, braunhaarigen Fremden, der mit nacktem Oberkörper dastand und in einer fremden Sprache auf die beiden Pferde einredete, die ein paar Meter entfernt angebunden waren.

Einen Moment war ihr Kopf völlig leer. Der Mann wandte ihr das  bärtige Gesicht zu, seine hellen Augen strahlten  sie begeistert an. Hastig wandte sie sich ab und ging wieder hinein. Stechender Schmerz rumorte in ihrem Kopf.
’Baldur. Wie oft habe ich in den Jahren nach deinem Tod an dich gedacht. Dann heilte die Wunde nach all der Zeit. Und jetzt reißt sie wieder auf in einer unbedachten Sekunde, in der ich eine ähnliche Männerstimme höre und sie für die deine halte.’ Sie  ging sie ziellos  in dem kleinen Raum umher, bewegte sich schließlich Richtung Ausgang. Der Römer stand dort, er versperrte ihr unabsichtlich den Weg. Sie starrte ihn wütend an, drängte sich an ihm vorbei.
Er rief ihr nach als sie davonlief, aber sie reagierte nicht.
Wie gehetzt, rannte sie zum See, riss sich keuchend die Kleider vom Leib und ließ sich ohne Rücksicht auf die Temperatur des Wassers hineinfallen.
Eisige Kälte schnürte ihr die Luft ab, brachte sie kurz zur Besinnung.
Einige Augenblicke gewann die Vernunft Oberhand, dann fiel sie in ein Chaos aus Hass und  Schmerz, Trauer und Ohnmacht, auf das sie so plötzlich nicht vorbereitet gewesen war. All das hatte sie doch vor Jahren hinter sich gelassen.
Jetzt war es plötzlich wieder da.
Aber da waren auch Mitleid und Zuneigung, die sie nur noch mehr verwirrten, bis dieser Ansturm widerstreitender Gefühle in einen wilden und gleichzeitig hilflosen Aufschrei mündete. Lange bewegte sie sich ruhelos in dem eisigen Wasser, bis sie schließlich zitternd ans Ufer watete, sich mit klammen Händen wieder anzog. Rastlos durchstreifte sie in den folgenden Stunden den Wald, kontrollierte ihre Fallen.
Sie kehrte erst kurz vor Sonnenuntergang  zurück.

Er hörte sie. Im ersten Moment hatte er ihr nachgehen wollen, falls ihr etwas zugestoßen war. Sein Instinkt sagte ihm jedoch, dass dies kein Hilferuf war.
Es war eine Art Laut wie der, den er bei seiner Verhaftung ausgestoßen hatte. Ohnmächtige Wut und Trauer waren es bei ihm gewesen, die diesen Schrei hatten entstehen  lassen.
Sie hatte ihn angesehen als sei er ein Geist.
‚Familie tot, Mann tot’ erinnerte er sich an ihre Worte. Und an den verwundeten Zorn in ihren Augen, als sie sich an ihm vorbeigedrängt hatte.
Er hatte sie unbewusst an etwas sehr Schmerzliches erinnert, das musste der Grund sein. Bedrückt ging Meridius durch die Tür und versuchte das Feuer zu entfachen. Es wollte ihm nicht gelingen.
Die Freude über die Pferde war plötzlich verflogen. Zufrieden grasten die Stuten  draußen und in wenigen Tagen würde er aufbrechen können. Er betastete vorsichtig die Verbände. Die Wunden schienen weiter gut zu verheilen, seine Schmerzen wurden von Tag zu Tag weniger.
Meridius Magen knurrte laut, er sah sich nach etwas Essbarem um.
In dem kleineren Schlauch war noch Milch und ein halber Brotfladen stillte seinen ärgsten Hunger. Missmutig griff er einen der erbeuteten Dolche und ging los um Feuerholz und  frische Zweige für die Schlafplätze zu holen.
Er war ihr jetzt lange genug nur zur Last gefallen.

Berane trug zwei Hasen über der Schulter, als sie zurückkam. Er stand in der Abendsonne, die beiden Braunen  mit einem Stück Rinde striegelnd, sprach dabei mit den Pferden, lobte und tätschelte sie. Abrupt verstummte er, als er sie bemerkte. Ohne ihn zu beachten, verschwand sie im Eingang.
Sie warf die beiden Hasen unnötig derb auf den  Stamm, der ihr als Tisch diente.
„Kind, du bist manchmal so zornig, was ist mit dir?“ hörte sie die Stimme ihrer Mutter in ihrer Erinnerung. Tief durchatmend versuchte sie Gewalt über ihre noch immer widerstreitenden Emotionen zu gewinnen. Es gelang ihr nicht.
Sie packte einen der Tierkadaver und begann ihn zu öffnen. Ungestüm warf sie das Gekröse zu Boden und begann den Körper mühsam beherrscht abzubalgen. Eine Hand auf ihrer Schulter ließ sie panisch herumfahren.
Der Römer stand hinter ihr. Er wich zurück und sah sie aus verwirrten, wachsam blickenden Augen an. Sie hielt immer noch das blutbeschmierte Messer in der Faust, hatte unbewusst die Angriffsstellung eingenommen. Sein Blick wurde hart. Sie hielt stand.
„Warum du böse?“ drang es anklagend auf Germanisch aus seinem Mund.
Es war als ob die Zeit zwischen dem Jetzt und dem Damals verschmölze.
Berane sah ihn nur an.‚Er hat meine Augenfarbe.’ stellte sie verblüfft fest.
‚Ihre Augen sind fast wie meine.’ dachte Meridius erstaunt, obwohl das nicht wichtig war im Moment. Sie entspannte sich, legte demonstrativ das Messer auf den Tisch. Dann sagte sie etwas, das ihn verblüffte.
„Du nicht Angst, bitte. Nicht deine Schuld. Zuviel Schmerz machen böse.“ flüsterte sie fast. Ihre Hand griff wieder nach dem Dolch, fuhr gewandt fort mit der Arbeit.
„Berane.“ sprach er sie an. Sie hob den Kopf, suchte seinen Blick.
„Berane, hör auf, wir haben zu essen.“ Er wies zum Feuer. Der große Vogel, den sie gestern mitgebracht hatte, hing über den Flammen.
Wie in sich gekehrt musste sie gewesen sein, um das nicht zu bemerken?
Hilflos zuckte sie die Schultern, verzog dabei entschuldigend das Gesicht, setzte sich mit einem gewollt übertriebenen, müden Seufzer.
Der Römer begann heiser zu lachen, es klang noch immer nach Ochsenfrosch.
Sie sagte es ihm in ihrer Sprache, aber er lachte einfach weiter.
‚Er hat es  nicht verstanden. Würde er sonst so lachen?’ schmunzelte sie in sich hinein.Die Anspannung löste sich zu ihrer Erleichterung zusehends, als ob schwere Steine von ihr abfielen. „Maximus“ unterbrach sie  sein erheitertes Krächzen.-
Er verstummte, sah sie erwartungsvoll an. Berane erhob sich, wies auf den nun freien Sitzplatz.„Du hier. Ich sehen.“Sie berührte die identischen Stellen an ihrem Oberkörper, wo er seine Verletzungen hatte. Er ließ den Wollumhang der Legion, der ihm nachts als Decke diente von den Schultern gleiten, setzte sich und überließ sich vertrauensvoll ihren kundigen Händen.

„Oleo.“ verkündete er missmutig die Nase rümpfend, während sie seine Verbände löste.„Ich stinke.“ Berane lachte kurz unbeherrscht, setzte aber sofort wieder die ernste Miene der Medica auf. „Nicht schlimm.“ beruhigte sie ihn. Allerdings bebten ihre Nasenflügel verdächtig und ihre Mundwinkel zuckten mühsam beherrscht. Er runzelte nur die Stirn, zog finster die Brauen zusammen.
Es war einige Zeit her, seit sie ihn gründlich gewaschen hatte. Er hatte sich notdürftig gereinigt mit sowenig Wasser aus dem großen Schlauch als möglich, wenn sie nicht da war. Neben täglichem Reinigen des Gesichts, des Mundes, der Hände und Füße war er es gewohnt mindestens alle drei Tage ins Badehaus zu gehen oder zu schwimmen.
Selbst im Feldlager war er seinem Reinlichkeitsbedürfnis gerecht geworden  mittels einer großen, hölzernen Wanne, die er in seinem Feldgepäck mit sich führte. Diese Marotte hatte ihm den spöttischen Titel
‚Tribun Meridius Lavatus Primus’ eingebracht.
Oberster, sauberer General Meridius’ .
Viele Legionäre, auch Offiziere hatten  im Feldlager ihre Hygiene gern aus Bequemlichkeit vernachlässigt und waren von ihm dafür gerügt worden.
Sie hatten sich mit diesem ‚Kosenamen’ an ihm gerächt.

Berane stand dicht über ihn gebeugt, betrachtete und betastete die verschorften Wunden. Die Fäden lösten sich bereits aus den Narben. Sie heilten sehr gut.
Sie sah verwundert auf, direkt in seine Augen, als er sich ihr zuwandte, plötzlich an ihr schnupperte.“Non oles.
Ubi lavas? Volo.-  Du stinkst nicht. Wo wäschst du dich? Ich will das auch.“ erklärte er, entdeckte eine prüfende Wachsamkeit in ihren Augen.
„Auhh!“ entfuhr es ihm im nächsten Moment. Er starrte sie vorwurfsvoll an.
Sie hatte statt zu antworten mit einem scharfen Ruck den Faden an seiner Brustwunde entfernt. Unbeirrt ging sie zu ihren Töpfen und Schalen, kehrte mit einer intensiv riechenden Masse zurück. Sie strich ein wenig davon auf die empfindliche Narbe. Es kühlte und linderte den quälenden Juckreiz, der den Heilungsprozess begleitete. „Bonus“ seufzte er dankbar, um gleich wieder aufzujaulen. Diesmal beschwerte er sich nicht mehr, da sie den Schnitt am Oberarm sofort mit der Heilpaste bestrich, schmale Blätter darüber legte.
„Quid ?“ fragte er. Sie drehte ihn seitlich. „Herba“* erwiderte sie knapp und zog ohne Vorwarnung den letzten Faden der großen Rückenwunde.
Diesmal biss er die Zähne zusammen, knurrte nur. Während sie die Salbe auftrug, entspannte er sich. „Bonus“ meinte diesmal sie zufrieden, kramte schon wieder in einer Ecke. Meridius lächelte. Hätte sie ihm gesagt, was sie vorhatte, wäre es viel schlimmer gewesen. Diese Frau war eine erfahrene Heilerin und Klassen besser als die Schlächter von Feldscheren, die ihn bereits bei unbedeutenden Verletzungen gepeinigt hatten.
Um seinen Männern Loyalität zu beweisen, hatte er bisher die Sonderbehandlung durch griechische Ärzte abgelehnt. Zudem waren sie nicht viel besser als die Sanitäter, nur teurer, was ihm die Entscheidung erleichtert hatte.
Sie reichte ihm ein Bündel aus fein gegerbtem Leder.
Es entpuppte sich als loses Hemd mit großem Halsausschnitt, der passend geschnürt werden konnte. Berane zupfte an ihrer eigenen Bekleidung, signalisierte ihm er solle es anziehen.„Komm. Wasser holen.“
Vorsichtig streifte er den Kittel über.
Er war ein wenig lang, weich und warm und----sauber.
Allerdings kicherte die Germanin schon wieder, dann wurde sie ernst und wandte sich ab. Meridius konnte nicht wissen, dass der Vorbesitzer dieses Hemdes mindestens einen Kopf größer als er gewesen war und er im Vergleich etwas zu kurz geraten darin aussah. Es war einer von Baldurs Kitteln gewesen.
„Komm“ wiederholte sie knapp, nahm den appetitlich gebräunten Vogel vom Feuer, damit er nicht verbrannte und ging voraus.
Er hatte Mühe mit ihr Schritt zu halten.
Die Sonne war bereits untergegangen, die Nacht aber noch fern.
Vögel zwitscherten, eine milde Frühlingsbrise umwehte sie. Nach wenigen Minuten hörte er das Plätschern eines Baches. Sie beugte sich hinab, füllte den großen Schlauch. Einige Gehminuten weiter lag ein kleiner See, mehr ein Teich, zwischen den Eichen und Buchen hinter einem Dickicht aus Rohrkolben und Wasserpflanzen verborgen. Einladend kräuselte der leichte Wind das klare Wasser. Meridius wollte sich gerade impulsiv den Kittel über den Kopf ziehen, um ein Bad zu nehmen, egal wie eisig das Wasser war, als ihn ein scharfer Ruf stoppte. „Nicht!“ Berane schüttelte eindringlich den Kopf.
„Morgen gut. Heute nicht.“ erklärte sie ihm bedauernd.“Herba  bleiben.“
Das Wasser würde den Salbenverband abwaschen.
 Meridius ließ enttäuscht den Kittel wieder fallen.
“Komm. Essen. Morgen schwimmen.“  Sie machten sich auf den Heimweg.
‚Wolltest du dich tatsächlich vor ihr ausziehen und hineinspringen??’
überlegte er verwundert, während er hinter ihr hertrabte.
‚Du, Tribun lavatus sanctus, den sie immer wegen seiner Schamhaftigkeit und Tugend in der Legion verspottet haben?’  Meridius war in einem spanischen Außenposten Roms aufgewachsen. Sohn eines ehemaligen Offiziers und einer Einheimischen, fern der Bordelle, Schenken und morbiden Vergnügungen Roms. Die Freizügigkeit, die übersättigte, menschenverachtende Verdorbenheit der römischen Gesellschaft, die erst nach Domitians Herrschaft wieder akzeptablere Züge angenommen hatte, war ihm immer obszön und falsch erschienen.
Die verbreitete Unverblümtheit  was intime und sexuelle Dinge betraf, hatte ihn selbst jetzt noch abgestoßen.
Als Sohn einer Spanierin, die ihn früh gelehrt hatte, dass ein Mann ALLE Frauen zu achten hat, nicht nur Mutter und Ehefrau  und als Anhänger des stoischen Kaisers Aurelius, dessen Gelassenheit seiner Opposition nach eher dem Opiumkonsum als der Stoa zuzuschreiben war, hatten ihn die sexuellen Prahlereien und derben Zoten , sowie die männlichkeitsverherrlichende Promiskuität in der Armee befremdet. Es war unwürdig und kindisch in seinen Augen. Sanctus hatten sie ihn verspottet, weil er sich nie eine Lagerhure kommen ließ oder eine der Einheimischen, die für ein paar Sesterzen wuschen, kochten und sexuelle Dienstleistungen anboten. Lavatus sanctus. Sauber und heilig.
Den Kult der Römer um den Phallus* hatte er erst bemerkt, als er vor vielen Jahren auf Capri Gast der Kaiserfamilie gewesen war. Priapische Lampen, Skulpturen, unmissverständliche Malereien, offen dargestellte Knabenliebe. Erotische Kunst. Er erinnerte sich an sein Unbehagen, als Lucilla ihm freimütig erklärte, was es damit auf sich habe. Sie hatte ihn ausgelacht und damit geneckt, er sei eine Unschuld vom Lande, was den Tatsachen entsprochen hatte.
Er hatte das Thema  ihr gegenüber danach gemieden. Die meist übertriebenen Dimensionen  des Organs, vor allem in Darstellungen des Gottes Priapus* hatte ihm damals, als unerfahrenem Jüngling, echte Sorgen bereitet. Erst als er sich überwinden konnte seinen Vater darauf anzusprechen, hatte dieser ihn lachend beruhigt.„Es ist alles in Ordnung bei dir, mein Sohn, das versichere ich dir. Priapus soll ein Gott sein, wenn auch ein recht unheiliger.
Ein Gott muss sich durch Größe von den Sterblichen unterscheiden und er tut es eben in diesem Bereich“ Meridius schmunzelte unbewusst bei dieser Erinnerung. Kindheit und Jugend. Seine war unbeschwert gewesen.
Bald würde er wieder bei seinem Sohn und dessen Mutter sein. Bald.
‚Warum machst du dir darüber Gedanken? Sie hat dich gewaschen. Sie wird es wohl kaum mit geschlossenen Augen getan haben. Und Priapus ist ihr sicher kein Begriff.’
 Berane drehte sich verwundert um, als sie ihn glucksen hörte.
Er zuckte arglos mit den Achseln und überholte sie mit einem unschuldigen Lächeln im Gesicht.

Mitten in der Nacht erwachte Meridius. Sie saß kerzengerade vor dem Feuer, wie schon einmal, starrte in die Flammen. Ihr Oberkörper bewegte sich dabei, als wiege sie ein Kind in den Schlaf. Er sprach sie leise an, sie reagierte nicht. Nach ihrer Rückkehr hatte er die Pferde getränkt  und sie hatten gemeinsam ausgehungert das Fleisch des von ihm zubereiteten Vogels verspeist.
Beim ersten Bissen hatte sie die Stirn gerunzelt und aus einer Ecke etwas grobes Salz hervorgezaubert. Er hatte leider nicht daran gedacht, dass Geflügel ungewürzt recht fade schmeckt. Das Salz rettete den Braten. Später versuchte er sich mit ihr zu unterhalten, was sich zu einem teils lustigen, teils frustrierenden Ratespiel  entwickelt hatte. Er wusste nur, dass ihr Mann und ihre Angehörigen tot waren. Kinder hatte sie keine. Warum sie hier statt in der Siedlung lebte – die sie fast täglich besuchte- konnte sie ihm nicht klar machen. Sie behandelte die Menschen dort und bekam dafür Lebensmittel wie Ziegenmilch und das über dem Feuer gebackene, flache Brot, das er schon mehrmals gegessen hatte.
Sie brachte ihnen Fleisch, wenn sie mehr in den Fallen fand als sie brauchte oder ein großes Tier erlegt hatte.
„Was machen  mit Familie?“ fragte sie ihn besorgt.
„Ich weiß noch nicht, erst einmal verschwinden, bis man mich vergessen hat.“
Berane hörte angestrengt zu.
“Männer denken du tot. Du falsche Name. Familie falsche Name. Fortgehen.“
riet sie ihm. Er nickte.„Ja, daran habe ich auch gedacht, das könnte gehen.“
Müde rieb er sich das Gesicht, gähnte herzhaft.
„Auf dem Weg nach Spanien werde ich viel Zeit haben nachzudenken.“
 Sie schien zu verstehen.„Du  viel Kraft brauchen. Schlafen. Fünf Tage du gut.“ erinnerte  sie ihn .Er legte sich hin, wickelte sich in den Umhang und schnarchte bald leise. Fünf Tage.

*Herba : Kräuter, lat.     
*Phallus: Penis, lat
*Priapus: Gott der röm. Mythologie, stets dargestellt mit grotesk großem, erigiertem Penis. Wahrzeichen der Bordelle, Sinnbild der Verherrlichung der Männlichkeit und des Sexualtriebes. Darstellungen in Gebrauchsgegenständen waren verbreitet.

 ie war schon fort, als er am nächsten Morgen aufwachte. Der Gedanke an ein Bad in dem kleinen See ließ ihn rasch munter werden. Vorsichtig streckte er sich, verzog das Gesicht. Es tat noch ziemlich weh.
‚Ich muss trainieren, bevor ich losreite, sonst komme ich nicht weit.’ stellte er besorgt fest. In so schlechtem Zustand hatte er sich körperlich noch nie befunden, es war erschreckend für ihn, da er bisher fast immer vor Energie und Kraft gestrotzt hatte.
Das Wasser würde sicher eisig sein, aber er sehnte sich nach einem richtigen Bad. Schnell lief er durch den Wald, er hatte sich gestern die Strecke eingeprägt.
 Die Sonne war noch nicht aufgegangen, es war sehr früh. Am Rand des einladend klaren Gewässers zog er sich aus, zögerte kurz, dann sprang er mit einem lauten Schnauben hinein. Im ersten Moment schnappte er nach Luft vor Kälte.
Nachdem er sich soweit es ihm bei seinen Verletzungen möglich war im Wasser bewegt hatte, gewöhnte er sich daran, sein Körper erwärmte sich und er begann es zu genießen. Er tauchte mehrmals ganz unter, kam prustend wieder hoch, schwamm ein wenig herum. Die Kälte betäubte die vernarbenden Stellen.
Der Juckreiz hatte gestern schon nachgelassen, nachdem Berane den Salbenverband aufgetragen hatte. Einige Minuten später stieg er ans Ufer, streifte sich mit den Händen das Wasser von der Haut. Die Sonne ging gerade auf, er spürte dankbar ihre Wärme im Rücken, drehte sich um. Rasch rieb er sich mit seiner wollenen Hose ab, zog sich an. Erfrischt, hellwach und mit einem wunderbar sauberen Gefühl ging er zurück, ließ dabei seine Gedanken schweifen.

’Berane ist  eine seltsame Frau. Einerseits so geheimnisvoll und verschlossen mit ihren nächtlichen Meditationen vor dem Feuer, andererseits bereit einen verwundeten Feind zu pflegen, als wäre er ein Freund oder Verwandter. Und dass sie hier im Wald lebt statt in der Siedlung, die sei immer besucht... vielleicht ist es mit schmerzlichen Erinnerungen verbunden, die sie nicht ständig aufleben lassen will. Sie hat einmal etwas von Runen und Freyas Willen gesagt, das scheint mit ihren barbarischen Göttern zu tun zu haben. Barbarisch. Ich sollte dieses Wort nicht mehr  in Zusammenhang mit ihr bringen. Wenn diese Frau barbarisch ist, bist du, Meridius, es nicht weniger.
Sie ist die Güte in Person, eine fähige, erfahrene Medica. Ich habe zuvor nie eine Frau gekannt, die das konnte. Im Lager hätte ich mit solchen Wunden kaum überlebt, höchstens wenn Aurelius Leibarzt, der berühmte Galen mich behandelt hätte. Ihr Mann ist gefallen, viele Freunde und Verwandte ebenfalls.
Meine Truppen sind dafür verantwortlich. Ich bin dafür verantwortlich.
Wie viele bittere Schicksale wie dieses habe ich unbewusst mitbestimmt?
Es ist eine gewaltige Ironie der Götter, dass jemand wie sie mir das Leben rettet und mir hilft nach Hause zu gelangen. Sie hätte die Pferde fangen und ins Dorf bringen können um sie zu verkaufen. Jeder andre hätte das getan. Jeder andre hätte mich krepieren lassen.’
Er empfand eine überwältigende Dankbarkeit ihr gegenüber. Und er mochte ihre Art, intelligent und einfühlsam. Aber auch ihren direkten, trockenen Humor, der ihn mehr als einmal in Erstaunen versetzt hatte, seit er sie besser kannte.
Ihre weiblichen Seiten  in Verbindung mit ihrem eher männlichen Lebensstil und ihrer Unabhängigkeit war völlig neu für ihn bei einer Frau. Sie erschien ihm wie das reine Gegenteil von Selene. Im Aussehen und im Wesen.
Seine Frau war klein und mädchenhaft zart, dunkel. Ihre Stimme war hell.
Berane war nicht viel kleiner als er selbst, eher hellhaarig und besaß diese auffallend ähnliche Augenfarbe. Sie musste viel körperliche Kraft besitzen für eine Frau, das lag sicher an den Umständen, unter denen sie lebte. Sie schien ausgesprochen weiblich gebaut, soweit er das beurteilen konnte.
Breite Hüften, volle Brüste. Ihre Stimme war eher tief und etwas sonor.
Selene war ebenfalls sehr empfindsam und klug, aber auf andre Art.
Auf eine typisch weibliche, defensive Art. Sie hatte sich mit Freude dem Haushalt gewidmet und ihm alles andre überlassen, es sei denn er fragte sie um Rat, was er oft getan hatte. Selene war die ideale Frau für einen Mann, der gern die Dinge selbst in die Hand nahm, oder sich genug Personal dafür leisten konnte.
Sie mischte sich kaum ein in seine Bereiche und genoss das Gefühl der Sicherheit als seine Ehefrau. Sie war seine Insel, wo er nicht der Soldat war, nicht der Tribun. Nur der Mann, der sie und ihr Kind liebte und beschützte.
Bei ihr konnte er seine militärischen Pflichten vergessen.
Aber wer konnte wissen, ob die Germanin das nicht genauso genießen würde, wenn ihr das Schicksal nicht ein andres Leben verweigert hätte?
Ein Leben als Mutter und Ehefrau, als Hüterin des Hauses, wie Selene es führte?
‚Wer kann sich schon sein Schicksal aussuchen. Kein römischer Kaiser, kein siegreicher Tribun. Am Ende sind wir alle Sklaven unserer Umstände.’ beendete er vorerst seine philosophischen Betrachtungen und kümmerte sich um die beiden Stuten, die ihn freudig schnaubend  begrüßten.

Berane hört Schritte. Erst duckt sie sich, dann erkennt sie Baldurs Hemd, das sie Maximus gestern gegeben hat. Einen Steinwurf entfernt bewegte sich ihr Patient schnell in Richtung See.
Er scheint wirklich in dem eisigen Wasser baden zu wollen. Schnell schneidet sie noch ein paar Stängel Bärlauch* zum Würzen ab, dann folgt sie ihm neugierig.
‚Er tut es nicht. Es ist ihm zu kalt.’
Als sie ihn wieder in ihrem Blickfeld hat, steht er gedankenverloren am Rand des Sees. Berane beobachtet ihn. Hinter einer mächtigen Buche versteckt, späht sie durch die Farnwedel, die hier fast mannshoch wuchern.
‚Er wagt es wirklich’ denkt sie anerkennend, als er sich vorsichtig den Kittel über den Kopf zieht. Die große Narbe unter den Schulterblättern ist deutlich sichtbar.
’Jetzt solltest du gehen.’ sagt etwas in ihr.
Ihr Blick gleitet über seinen Rücken, die breiten Schultern.‚Geh’.
Sie kann nicht, etwas hält sie. Die ersten Sonnenstrahlen spielen über dem Wasser.
Es ist schön. Er bückt sich, bindet seine Stiefel auf. Als er die Hose abstreift, muss sich Berane die Hand vor den Mund halten, um nicht loszukichern.
Seine Pobacken leuchten weiß wie der Vollmond, der Rest ist leicht gebräunt.
‚Geh’. Es kribbelt in ihrem Bauch, ihrem Magen. Mit einem komischen Laut springt der Römer ins eisige Wasser des Sees. Als er auftaucht, wendet er ihr sein Profil zu. Sie sieht den Kälteschock auf seinen Zügen, fast tut er ihr leid.
Sie ist es gewohnt; er hat bisher sicher angenehmere und vor allem wärmere Möglichkeiten gehabt. Amüsiert beobachtet sie, wie er umher paddelt. Er taucht einige Male unter, scheint es zu genießen, wenn er auch ständig schnaubende Laute von sich gibt, wohl um sich von der Temperatur seines Bades abzulenken.
Die Kälte betäubt sicher die Schmerzen, die er eigentlich haben müsste, wenn er sich so intensiv bewegt. ‚Geh.’ Die innere Stimme wird immer leiser .
Berane ist sich noch nicht bewusst, was in ihr vorgeht. Es ist angenehm und sie genießt zu sehr, um es zu unterbrechen. Maximus scheint genug zu haben und watet zum Rand. Dabei streift er sich mit den Händen das Wasser vom Oberkörper. Ihre Augen folgen seinen Bewegungen, gleiten über die muskulösen Arme, die breite Brust, folgen dem leichten Haarwuchs in Richtung Nabel.
Als er aus dem Wasser steigt, umgibt ihn das Morgenlicht wie eine Aura,  jeder Wassertropfen auf seiner Haut funkelt wie ein winziger Stern.
Er scheint in einen kostbaren Mantel aus weißgoldenem Feuer gehüllt zu sein.
Erst reibt  er sich mit den Händen, dann mit seiner Hose ab. Das Spiel seiner Muskeln und das zauberhafte Licht, das ihn noch immer umschmeichelt, fesselt sie. Sie kennt diesen Körper, hat ihn gewaschen, gepflegt wie andere Männer vor ihm.
Ihr Blick wandert an seinen Beinen hoch, über die kraftvollen Schenkel zu dem dunklen Nest dichter Haare um sein Geschlecht, die sich zum Nabel wieder verlieren. Er dreht sich um, schlüpft in Hose und Stiefel, zieht sich rasch das Hemd über. Ihm ist sicher kalt. Dann setzt er sich in Bewegung, streicht sich einige Male durch sein nasses Haar und verschwindet aus ihrem Blickfeld.
Als er weit genug weg ist, verlässt Berane ihr Versteck, zieht sich schnell aus und nimmt selbst ein morgendliches Bad. Dabei fällt ihr Blick auf die knospenden Stauden der wilden Glockenblume am Ufer. Freyas Blume.
Eine eiserne  Faust scheint sich in ihr zu schließen.
 Sie erstarrt, beginnt zu verstehen.
„Es steht nicht in deiner Macht es abzuwenden.“ hört sie wieder Edreds Worte.
Mitleid, Fürsorge, Hilfe, Zuneigung. Eine Entwicklung, die sie nicht weiterdenken will. Sie hatte nicht gehen können, weil sie nicht wollte. Weil sie dieses längst vergessene, köstliche Flattern im Magen auskosten wollte, das hungrige Ziehen, das von dort in ihren Schoß gewandert war. Sie kennt es, hat es oft genug gespürt, wenn Baldur sie angesehen, sie berührt hatte. In diesem See waren sie geschwommen während des letzten unbeschwerten Sommers vor so vielen Jahren, sie hatten sich im Wasser geküsst und gestreichelt, immer darauf bedacht nicht zu weit zu gehen. Er hatte sich  verlegen lachend zurückgezogen, wenn ihre Liebkosungen zu hitzig wurden. Manchmal hatte sie keinen Sinn darin gesehen, sich gegenseitig so zu quälen. Baldur wollte es für ihre Hochzeit  aufsparen und es war ein Spiel zwischen ihnen geworden, das die Spannung und Erwartung steigerte. Bis es zu spät gewesen war. War es nur die Erinnerung an Versäumtes oder mehr? Sie steigt aus dem Wasser und zieht sich an.
Der Traum fällt ihr wieder ein. Sie hat ihn wieder und wieder gehabt.
Im Schlaf und wenn sie am Feuer meditiert.
Berane ahnt, was er bedeuten könnte. Ihre alte Gabe ist wiedergekehrt und schickt ihr eine Botschaft. Eine Botschaft, in der kein Sinn liegt, die keine Perspektive hat.
Eine Göttin, die ihr etwas gibt, damit sie es gleich wieder verliert.
‚Du wirst finden um gleich darauf wieder zu verlieren und das wird mehr als einmal geschehen’ Edreds Runendeutung kommt ihr erneut in den Sinn.
‚Nein.‚ denkt sie erbost. ’Nicht so. Nicht dieser Mann. Nicht er.’
Bevor sie zurückgeht, sucht sie die Stelle, wo die Glockenblumen wachsen.
Sie sieht die knospenden Stiele einige Sekunden lang finster an, dann packt sie mit beiden Händen alle Triebe auf einmal, reißt sie impulsiv aus, wirft sie mit Schwung ins Wasser.
‚Ich habe Baldur verloren, ich kann das nicht noch einmal ertragen. Nein, ich werde mich dir nicht beugen, Freya..Warum? Es ist so sinnlos. Mir bleiben wieder nur Schmerz und Schuldgefühle, nur Erinnerungen.’
"Ich habe genug, die mich quälen. Lass mich in Ruhe!!“ ruft sie zornig und anklagend in den Wald. Noch bevor sie sich hundert Schritte vom See entfernt hat, sind die hellgrünen Büschel wieder ans Ufer getrieben.

* Gewürzkraut, leicht salzig

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