Germanien III

Während er seit mindestens einer Stunde mit dem armlangen Ast als Schwert Ausfälle und Angriffe übte, knurrte sein Magen unüberhörbar.
’Wo ist sie nur? Ich verhungre.’ dachte er vorwurfsvoll und ging in Angriffsposition. Abhängigkeit. Etwas, das ein Tribun nicht so leicht hinnimmt.
Meridius lächelte säuerlich angesichts seiner Ansprüche.
Ansprüche, die völlig unbegründet waren.
’Demut. Dies hat den Sinn mich Demut zu lehren. Geistig und körperlich.
Ich war alles andre als demütig und glaubte es zu sein. Stoisch, vielleicht.
Zum Teil. Wenn ich mich  an mein Gewinsel erinnere, als sie mir die Fäden gezogen hat... Demütig? Sicher nicht. Heuchler.’ philosophierte er. Die Übungen gingen schon recht gut. Die Bewegungsabläufe, die ihm in den Jahren als Soldat in Fleisch und Blut übergegangen waren, absolvierte er mit traumwandlerischer Sicherheit, wenn auch langsamer und bedächtiger als sonst. Er hatte Schmerzen, aber es war zu ertragen. Das kalte Bad hatte neue Lebensgeister in ihm geweckt. Die beiden Braunen grasten friedlich in Sichtweite, er hatte sie losgebunden.
Nach einem weiteren Schlagabtausch mit seinem imaginären Gegner, warf er den Ast hin und stöberte  drinnen nach Essbarem. Sorgsam nagte er die Knochen vom gestrigen Abendessen ab.
“Hunger?“ fragte ihn plötzlich eine bekannte Stimme.
Er fuhr herum. Berane ging rasch durch den Eingang an ihm vorbei.
Gezielt griff sie eine Schale, die unter einer anderen gestanden hatte, füllte einen Teil des Inhalts um und gab sie ihm. Dann  reichte sie ihm den Löffel, den er schon einmal benutzt hatte. Trockenfrüchte, Haselnüsse, Honig und Körner in Ziegenmilch.
„Sehr hungrig“ erwiderte er, dankte ihr und ging ins Freie. Sie folgte ihm nicht, mied den Augenkontakt, schien wieder in dieser seltsamen Stimmung zu sein.
Schnell löffelte er die süße Mahlzeit. Zufrieden und satt machte er sich wieder an seine Übungen. Berane beobachtete ihn vom Eingang aus.
Sie zögerte, dann holte sie zwei der römischen Schwerter aus dem mit Fellen abgehängten Teil des Raumes, wo sie die Ausrüstungen der getöteten Legionäre versteckt hatte.In jeder Hand ein Schwert trat sie ins Freie. Er stand mit dem Rücken zu ihr.„Maximus“ sprach sie ihn leise an. Er drehte sich  um.
Sie reichte ihm eine der Waffen. Verblüfft nahm er sie entgegen, schaute noch überraschter, als sie in Verteidigungsstellung ging.
„Woher du sie hast, brauche ich nicht zu fragen“, meinte er„aber was willst du mit dem Schwert?“ Berane zog die Brauen hoch. „ Luft kämpfen oder Mann besser?“ Maximus runzelte die Stirn.„Frau meinst du wohl. Nein. Ich will dir nicht weh tun.“ erwiderte er.„Gut.“ meinte sie knapp und griff ihn an.
Es war lange her, dass sie mit dem Schwert geübt hatte. Sehr lange. Aber auch sie hatte die Grundlagen nicht vergessen. Meridius wusste nicht wie ihm geschah.
Seine fürsorgliche Medica ging mit einem römischen Gladius* auf ihn los und stellte sich nicht gerade ungeschickt an. Instinktiv ging er in Position. Das Eisen der Waffen klirrte einige Minuten aufeinander, dann hob er die freie Hand.
Sie hielten inne, starrten einander  prüfend an.
Dann begann Meridius  zu lachen. „Wer hat dir das beigebracht? Dein Vater?“
Berane schüttelte den Kopf. „Mann. Tot. Viele Jahre.“ erklärte sie mit leiser Stimme. Sie wich seinem Blick aus. Er atmete tief durch, gab er ihr ein Zeichen und griff an. Sie hielt sich recht gut. Nach einer raschen Linksdrehung stöhnte er plötzlich auf und ließ das Schwert fallen, umklammerte seinen rechten Oberarm. Berane stieß sofort ihr Waffe in den weichen Waldboden und trat zu ihm.
Sie öffnete die Schnürung des Hemdes, schob das Leder vorsichtig über seine Schulter, bis die frisch vernarbte Wunde zu sehen war.
Die war zur Hälfte aufgeplatzt bei seiner letzten Bewegung.
Schuldbewusst suchte er ihren Blick. Sie ließ ihn einfach stehen, verschwand im Eingang und kehrte kurz darauf mit einem Töpfchen, einer beinernen Nadel und einem langen Stück Pflanzenfaser wieder. Sie zog den Ausschnitt des Hemdes weiter herunter und strich von der Masse aus dem Topf auf die offenen  Wundränder. „Warten.“ erklärte sie, fädelte ihre Nadel ein.
Meridius spürte die Stelle taub werden. Als sie kurz darauf die klaffende Stelle  zu schließen begann, beobachtete er ihr konzentriertes Gesicht. Sie zwinkerte nicht ein einziges Mal mit den Augen, bevor sie fertig war.
Dank der betäubenden Salbe schmerzte das Nähen kaum.
Mit einem mal wurde sie nervös, als sie seinen Blick bemerkte. Rasch wandte sie sich ab, trug die kühlende Paste auf und klebte ein frisches Blatt über die Stelle.
„Gut.“ meinte sie und zog das Leder wieder über seine Schulter.
“Berane, was hast du?“ wollte er wissen. “Bist du böse, weil ich zu früh geübt habe?“Sie schüttelte den Kopf. “Nicht mehr kämpfen. Morgen.“ wies sie ihn sachlich an.„Ich gehen Dorf mit Pferd. Bald zurück.“ eröffnete sie ihm, ließ ihn einfach stehen, ging hinein und kam gleich darauf mit dem leeren Schlauch und ihrem Beutel zurück. In ihrer Sprache auf die Pferde einredend, ging sie auf die Tiere zu und nahm eines am Zügel. Das andre band sie an einem Ast fest, damit es ihr nicht folgte. Kurz bevor sie aus seinem Blickfeld verschwand,
sah Meridius wie sie sich auf den Pferderücken schwang und in leichtem Trab davon ritt.
‚Dieses Weib kann störrischer sein als ein Maultier aus Ägypten.’ dachte er verärgert.‚Was hat sie denn nun wieder?’Vor sich hin schimpfend holte er den leeren Schlauch, machte sich auf, um Wasser und Holz zu holen.
Die Wunde an seinem Arm begann  unangenehm zu pochen.
 Die Betäubung ließ nach. Dabei  hatte der Tag so gut begonnen.

* römisches Kurzschwert

Berane lässt die Stute einige Gehminuten vor dem Dorf grasen, bindet sie hinter einem natürlichen Versteck  aus Büschen fest. Als sie Minuten später in der Siedlung eintrifft, herrscht dort reges Treiben. Alle Bewohner scheinen auf den Beinen zu sein ungeachtet ihres fortgeschrittenen Alters. Wittgern begrüßt sie freudig.„Berane! Du wirst doch mit uns kommen? Wir haben beschlossen umzusiedeln. In Widos Dorf stehen viele Hütten leer und wir haben Freunde und Verwandte dort. Widos Witwe Erfred hat es uns angeboten. Wir werden hier weggehen. Dort sind auch noch viele junge Leute, die sich um uns kümmern werden, wenn wir zu alt sind, uns selbst zu versorgen. Wir können nicht von dir verlangen, dass du das alleine tust wie bisher. Du bist noch jung, es wird Zeit, dass du wieder in der Gemeinschaft lebst, selbst eine Familie hast.“ sprudelt es nur so aus ihm heraus. Berane ist überrascht.
„Das ist eine gute Entscheidung, Wittgern.„ stimmt sie ihm zu.„Wo ist Edred?“ will sie wissen, da kommt die Seherin bereits auf sie zu, umarmt sie.
“Berane, komm mit uns. Eine größere Gemeinschaft bietet mehr Schutz, auch für dich. Es ist genug Platz in Widos Tal. Du kannst eine Hütte für dich haben. Ich habe es schon vorgeschlagen. Jeder dort kennt dich und wäre froh eine Heilerin wie dich in der Nähe zu haben. Es wird wieder sein wie früher.“ strahlt die alte Frau voller Freude.
Berane lächelt müde zurück. ’Es wird nie wieder sein wie früher.’ denkt sie.
Dennoch erwidert sie:„Ich werde es mir überlegen. Hab Dank, dass du für mich gesprochen hast. Kann ich euch helfen?“ „Wir werden morgen früh alle mit dem Ochsenkarren abgeholt. Unsere Sachen sind schon gepackt. Komm sobald du kannst und sieh dir alles an. Es sind viele  Leute dort in deinem Alter, das ist besser als immer alleine im Wald zu sein. Wir hätten das schon früher tun sollen.“erklärt Edred.
Berane schaut sich um, erkennt einen Mann im Alter ihres Vaters aus Widos Dorf.
„Gunthar, wie geht es dir!“  ruft sie ihm zu. Er dreht sich zu ihr, blickt sie verwirrt an. Dann erhellen sich seine Züge, er lacht.
„Bei Donar*, das ist Utes Mädchen! Berane, ich hätte dich nie erkannt in dieser Männerkluft.“antwortet er verwundert. Er mustert sie eingehend, kommt auf sie zu.  
Gunthar ist ein stattlicher, großer Mann mit vollem, grauem Haar und Bart.
Einer der wenigen seines Alters, die die Schlachten überlebt haben  und der Gefangenschaft entronnen sind.
Er umarmt sie.„Willst du nicht auch mit uns kommen? Edred sagte mir, du lebst ganz allein im Wald seit Hildur gestorben ist. Das ist nichts für eine Frau.
 Du bist immer willkommen bei mir, oder du kannst eine eigene Hütte haben.“ schlägt er vor. Berane glaubt zu wissen, was der Grund ist. Gunthar ist seit letzten Sommer Witwer. Er ist fast doppelt so alt wie Berane , hat jedoch schon immer eine Schwäche für sie gehabt. Unter ihrem prüfenden Blick wird er verlegen. “Meine Tochter Gerhild ist lange fort, Berinhard und Wigald sind mit Baldur gegangen. Ich sehe eine Tochter in dir, nichts anderes.
Und ich brauche eine Frau, die mir den Haushalt führt. Elsa hat mich letzten Sommer verlassen, das weißt du. Keine wäre mir lieber als du.“ erklärt er gerade heraus. Berane umarmt ihn herzlich.„Gunthar, ich glaube dir. Ich werde es mir überlegen und danke für dein Angebot. Ich werde bald kommen und euch besuchen.“ erwidert sie bewegt.
Gunthar mustert sie prüfend.“Warum nicht gleich? Was hält dich ab?“ fragt er misstrauisch.“Ich habe so lange alleine gelebt, ich muss mich erst an den Gedanken gewöhnen.“ beruhigt sie ihn. Er ist nicht überzeugt, das sieht sie an seinem Blick. Spontan zieht er sie in seine Arme, küsst sie väterlich auf die Stirn.
“Überlege nicht zu lange, Berane. Du weißt, Geduld war nie meine Stärke.“
Er schmunzelt, aber es liegt mehr darin, als er sagt. Sie lächelt ein wenig verkrampft zu ihm auf, weicht  unmerklich zurück, legt ihm  beruhigend die Hand auf die Schulter.
“Ich werde bald in Widos Tal kommen. Ich verspreche es.“
‚Sobald Maximus fort ist, werde ich den Wald verlassen. Ich werde in Widos Dorf gehen, in eine eigene Hütte. Es wird sich alles finden.’
Seit heute früh am See hat sie alle Gedanken an die seltsame Verknüpfung ihrer Leben verdrängt. Der Gedanke,  dass der Römer gehen wird, erscheint ihr unwirklich.
In diesen wenigen Tagen ist er ein fester Bestandteil ihres Lebens geworden.
Aber sie weiß, er wird gehen. Er muss gehen.
Edred kommt ihr entgegen, als sie sich von Gunthar verabschiedet, zieht sie mit in ihre Hütte, die nun bald leer stehen wird. Sie füllt Beranes kleinen Schlauch voll Ziegenmilch und packt ihr mehrere ihrer guten, flachen Brote in den Beutel.
„Du musst mir endlich einmal zeigen, wie man sie macht.“meint Berane schuldbewusst lächelnd.„Bald .“verspricht die Seherin .“Wenn du uns besuchst. Ich gebe dir das Korn mit. Mahle es fein und bring es, wenn du in Widos Tal kommst. Aber ich will dir noch einmal die Runen deuten, bevor du gehst.
 Die Zeichen haben mich beunruhigt, ich will sichergehen, dass ich mich nicht geirrt habe.“schlägt die alte Frau vor.
Berane nickt zustimmend, setzt sich an die Feuerstelle.
Vielleicht erkenne ich einen Ausweg aus dem Irrgarten meiner Gefühle.’
Edred schüttelt den Sack mit den Runensteinen, den sie bereits vorbereitet hat.
“Berane, sag mir die Fragen nicht. Ich spüre, dass du etwas zu verbergen hast, Kind. Ich werde nicht fragen. Ich spüre deine Unruhe, deinen Kampf.
 Ich hoffe es wird dir helfen. Ich werde nicht fragen.“ eröffnet die Seherin, hält ihr den Sack hin. Berane sieht ihr lange in die Augen, dann lächelt sie dankbar. Edred schmunzelt weise.
Sie zieht die erste Rune, dann die Zweite, die Dritte. Edred stutzt.
“Du hast dieselben Fragen gestellt?“meint sie verblüfft.
Vor ihr liegen  Naudhiz, Hagalaz, Uruz. Berane starrt die Runen an.
“Nein. Ich habe keine Fragen gestellt, ich habe einfach gezogen.
Die Antworten sollten mir sagen, wie meine Fragen lauten.“
„Und weißt du es jetzt?““Ja. Und es überrascht mich nicht. Aber ich habe doch noch eine Frage.“„Wie lautet sie?“ Edred spürt, dass dies der Schlüssel ist.
Der Schlüssel, der Berane eine Tür öffnen wird.
Eine Tür, von der niemand weiß, wohin sie führt. Sie hat die Wahl durch diese Tür zu gehen oder zu bleiben. Berane schließt die Augen, verbirgt das Gesicht in beiden Händen. Lange sitzt sie so. Edred lässt ihr Zeit. Sie weiß, dies ist von entscheidender Bedeutung für Beranes weiteren Weg. Entscheidend für ihre Sicht der Dinge.„Sind die Götter manchmal grausam oder steht hinter ihrem Wirken immer ein tieferer Sinn,den Sterbliche erkennen können?“ kommt es zögernd über ihre Lippen.Sie greift in den Sack. Als sie den Runenstein auf den Boden legt, fällt ein zweiter mit herab.
Der Stein hatte wohl an dem geklebt, den sie gewählt hat.
Edred holt hörbar Luft. Berane sieht sie beunruhigt an.
Die Seherin wiegt sich hin und her. Lange.
„Geh zu Gunthar, sobald ER  fort ist. Gunthar ist ein guter Mann. Er ist zu alt für dich, aber das ist nicht wichtig. Er wird dir helfen wieder zu dir zu finden. Er wird verstehen.“
„Edred, von wem sprichst du? Sobald WER fort ist?“ versucht sie die alte Frau zu täuschen, ruhig zu bleiben. “Kind, wem willst du etwas vormachen? Nicht mir.
 Ich weiß wer er ist und ich weiß, dass er bald gehen wird. Sei unbesorgt.
 Ich werde es für mich behalten. Aber du musst mir versprechen, dass du zu Gunthar gehen wirst, es wenigstens mit ihm versuchst.“ Berane nickt zögernd.
„Die beiden Steine sagen mir, dass du noch nicht bereit warst deinen Weg zu gehen. Freya zürnt dir nicht. Sie prüft dich. Und sie lässt dir die Wahl.
Du hast immer die Wahl. Tue was dein Herz dir befiehlt. Deine Gefühle sind deine mächtigste Waffe. Wenn du ihnen vertraust, wirst du das bekommen, was du dir wünschst.“ Berane zieht spöttisch die Augenbrauen hoch.
„Wenn ich das wüsste, wäre ich sehr viel klüger.“
„Die beiden Runen beweisen es. Widersprüche. Sie sagen nur, dass du verwirrt bist. Nicht mehr. Deine Welt ist nicht mehr die, die du gekannt hast.
Du kannst es annehmen oder nicht. Es wird nichts ändern.“
Berane nickt nachdenklich, mit einem Lächeln, das erst grimmig wirkt, dann ernst, bis Edred endlich ein wissendes Funkeln in ihren hellen Augen wahrnimmt.
Sie umarmt  die alte Frau herzlich und verabschiedet sich.
“Ich werde euch bald besuchen. Ich verspreche es. Ich danke dir, Edred.
Ich danke dir.“
Als Berane fort ist, zieht Edred eine letzte Rune. Es ist Berkano.
 Die Rune der Wiedergeburt. Des Frühlings. Freyas Rune.
„Sie wird dich führen.“ murmelt die Seherin zufrieden.
„Freya wird dir helfen. Du bist ihre Tochter. Was auch kommen wird.“ 

*Donar: Thor, Göttervater, oberster nordischer Gott, Äquivalent zu Zeus/Jupiter

Während sie das Halfter der Stute an einen kräftigen Ast band, trabte die zweite Braune an ihr vorbei. Überrascht sah sie hoch, ein abschätzender, kühler Blick aus blaugrünen Augen traf sie. Maximus stieg ab, band sein Pferd  neben ihrem an. Berane reichte ihm einfach den Schlauch und den Beutel, nickte ihm zu.
Dann lächelte sie. Er stutzte, nahm ihr beides ab, sein Blick wurde unsicher.
“Ich Hunger“ erklärte sie. Er sah in den Beutel, zog einen Brotfladen heraus, reichte ihn ihr mit einer gespielt großzügigen Geste.
Dann lachte er entschuldigend.
‚Es ist schwer für ihn. Er war immer der Versorger. Nun ist der, der versorgt wird. Der, der wartet.’
Sie lächelte verstehend, berührte vorsichtig seinen rechten Oberarm.
“Gut?“ „Gut.“ bestätigt er, schob das Brot zurück.
“Berane, warum bist du böse mit mir?“ brach es nach kurzem Zögern aus ihm heraus.“Habe ich irgendetwas... ich meine.. du bist so... du tust immer als sei nichts, aber.. ich weiß nicht...“versuchte er zu erklären.
“Nein, nicht böse. Ich viel denken. Alles viel ANDERS.“ erwiderte sie.
Er zwinkerte ein paar Male, neigte unschlüssig den Kopf.
„Nicht böse.“ wiederholte Berane, lächelte ihn versöhnlich an, ging hinein.
Er folgte ihr.
Während er den Schlauch mit Milch und den Beutel ablegte, bemerkte sie die Ente über dem Feuer. Er hatte am frühen Nachmittag beschlossen die andere Stute an sich zu gewöhnen und war mit ihr gemächlich durch den Wald zum See und zurück getrabt. Dabei hatte er ihre Fallen gesucht, Wasser und Holz gesammelt. Anschließend hatte er die Ausbeute  gerupft, ausgenommen und zum Garen übers Feuer gehängt.
“Gut.“ lobte sie ihn. Sie füllte sich eine Schale mit Milch, trank durstig.
’Irgendetwas ist anders. Sie ist anders. Kein Ausweichen mehr. Keine verstohlenen Blicke.’ bemerkte er neugierig. Sie kam  direkt auf ihn zu, sah ihn an. “Maximus, du Schmerzen?“ wollte sie wissen. Er schüttelte den Kopf. Das Pochen im Arm hatte nachgelassen, war schließlich ganz verschwunden. Sie nickte zufrieden.
„Du bald gut. Bald nach hause.“erklärte sie, rieb im Vorbeigehen aufmunternd über seinen Arm, schenkte ihm einen warmen Blick voller Mitgefühl.
Dies unerwartete Entgegenkommen nach ihrem abweisenden Verhalten, rührte ihn sehr. Er dachte nicht nach, reagierte einfach. Mit drei Schritten stand er vor ihr, umarmte sie wortlos. Einige Sekunden passierte nichts, dann spürte er ihre Arme sich um seinen Rücken legen, ihre Hände auf seinen Schultern.
 Er wagte ihr ins Gesicht zu schauen.
Was er sah war nicht das, was er erwartet hatte. Kein Befremden, keinerlei Abwehr. Stattdessen ein völlig offener Blick, leicht geöffnete Lippen.
Sie wartete darauf, dass er etwas sagte.
“Berane, ich bin dir so dankbar. Du warst so gut zu mir und hast so viel für mich...“brachte er mühsam heraus. Ihre Hand legte sich sacht über seinen Mund.
“Ssssscht.“ machte sie nur. Er verstummte. Sie ließ die Hand wieder sinken, sah ihn seltsam an. ’Wie schön ihre Augen sind, wie das Meer.’ dachte er, verwundert über ihre Reaktion.

Berane spürte seine Verwirrung, ließ ihn los und ging zum Feuer.
“Bald fertig.“ stellte sie mit einem Blick auf das Fleisch fest, warf ihm gleichzeitig einen fragenden Blick zu. Er verstand worauf sie anspielte, lächelte siegessicher, ging zum Tisch.
Dort hob er demonstrativ eines der restlichen Bärlauchblätter hoch, die er zum Würzen verwendet hatte. Zum Glück hatte er den faden Braten von gestern nicht vergessen. Berane schmunzelte erst, dann fing sie an zu lachen, wurde plötzlich wieder ernst.Es schien als sei ihr etwas eingefallen, denn  sie verschwand hinter dem Vorhang aus Fellen, wo sie im hinteren Teil des Raumes ihre Schätze aufbewahrte. Meridius bekam große Augen, als sie eine komplette Ausrüstung, eine Börse mit vielen Denaren und drei Aurei, drei Dolche und ein drittes Kurzschwert herbeischleppte.
„Mitnehmen.“ erklärte sie ohne Umschweife.
Er sah sie fassungslos an, schüttelte den Kopf, hob abwehrend die Hände.
“Berane, du kannst das verkaufen. Es ist viel wert!  Du gibst mir schon die Pferde, das kann ich nicht auch noch annehmen. Ich nehme eines der Schwerter, mit denen wir geübt haben und zwei Dolche. Die beiden Mäntel. Das ist mehr als genug.“
Sie schüttelte energisch den Kopf, setzte sich zu ihm.
“Ich nicht wollen, nicht brauchen. Du töten Männer, deine Beute.“ stellte sie eindringlich gestikulierend mit simpler Logik fest.
Meridius schnaubte gereizt angesichts ihrer Sturheit.
“Warum willst du das unbedingt?“ wollte er wissen. “Du kennst mich nicht, ich gehe bald fort, kann nichts mehr für dich tun. Was hast du davon mir all das zu geben?“ fragte er vorwurfsvoll.
Ihre Augen trafen sich. Sie hielt seinen Blick fest, schwieg zunächst, musterte sein Gesicht. Meridius sah an ihrem Blick, dass sie mit sich rang.
 Diese wachen, intelligenten Augen sagten ihm, dass sie ihre nächsten Worte sehr sorgfältig durchdachte, bevor sie sie aussprach.
“Warum? Du dummer Mann. Nicht fragen mich. Fragen ...“  Sie legte die  Rechte auf ihre Herzgegend. In ihrer Stimme klang Spott aber  in ihren Augen lag sehr viel Wohlwollen. Er sah sie verständnislos an. Sie verzog in gespielter Resignation den Mund.“Dummer Mann, du essen. Vielleicht machen Kopf besser.“schlug sie ihm vor, um ihre Unsicherheit zu überspielen und nahm die Ente vom Feuer.
Meridius blinzelte verlegen, er war völlig überfordert von ihren Andeutungen.
Stumm nahm er eine Schale mit Fleisch und Brot von ihr entgegen, warf ihr immer wieder prüfende Blicke zu. Sie setzte sich zu ihm, schob eine Stück Ente in den Mund, begann zu kauen. Meridius beobachtete sie dabei. Sein Blick lag auf ihren Lippen. Als sie es bemerkte, lächelte sie ihn beruhigend an.
„Gut. Du gut machen.“ lobte sie ihn. Er runzelte die Stirn, fing selbst an zu essen. Sie hatte Recht, das Fleisch schmeckte.
Eine Weile schwiegen beide. Auf einmal stellte er sein Essen weg, nahm ihr ebenfalls die Schale aus der Hand. Sie sah ihn erst verblüfft an, dann fragte sie schmunzelnd: “Kopf besser?“ Er verzog das Gesicht, blitzte sie warnend an.
Spott vertrug er auf die Dauer nicht gut.
“Kopf besser.“ stellte sie unbeeindruckt fest, legte den Kopf schräg, fixierte ihn.
“Jetzt wissen?“ Ihre Frage klang kühl, er erkannte den unechten Unterton darin.
Meridius räusperte sich. “Mein Herz sagt...“, er stockte,“... es sagt, ich bin dir wichtiger als die wertvollen Dinge, die du mir geben willst. Es sagt, du tust das alles, weil deine Göttin es so will. Weil deine Runen es so wollen. Ich verstehe es nicht, ich kenne deine Riten nicht. Wenn du vor dem Feuer sitzt, wenn du bis tief in die Nacht in die Flammen starrst. Wenn du einen Feind behandelst als wäre er ein Bruder. Wenn du edler und großmütiger bist, als die meisten Menschen, die ich kenne.“ Die Worte kamen erst zögernd, dann sprudelten sie förmlich aus ihm heraus. Berane verstand alles dem Sinn nach, blickte ihm in die Augen, die seinen inneren Aufruhr deutlich widerspiegelten. Ohne seinem Blick auszuweichen, erwiderte sie: “Nicht Runen, nicht Freya. Ich lange nicht verstehen. Dann verstehen. Kopf schweigen wenn Herz sprechen.“ erklärte sie.
Sein Ausdruck war noch immer ratlos, sie wurde verlegen, sah zur Seite, wich seinem Blick aus.
Meridius zögerte, dann fragte er: “Was.... sagt dein Herz?“
Berane schüttelte scheinbar amüsiert den Kopf.„Du mehr essen. Kopf schlecht.“
Sie lachte hilflos, dann hob sie wieder den Kopf, beugte sich zu ihm und nahm sein verblüfftes Gesicht in beide Hände.
’Ist er wirklich so ahnungslos oder spielt er mir etwas vor? Nein, er täuscht mich nicht. Er kann es nicht glauben, dass ich soviel für ihn empfinden soll. Nun, ich kann ihn verstehen. Ich habe selbst lange genug gebraucht dafür.’
Sie küsste ihn sanft auf beide Wangen, die Stirn.
Meridius regte sich nicht. Er schloss die Augen, als ihre Lippen ihn berührten.
Als er sie wieder öffnete, war ihr Gesicht noch dicht vor seinem. Ihre Augen glitten zärtlich über jeden Winkel seiner Züge. Tränen glänzten darin. Eine stahl sich davon und lief ihr verräterisch über die Wange. Er hob die Hand, wischte sie weg.
Sie wich zurück, ihre Augen wurden schmal, bekamen einen wachsamen Ausdruck.
“Nicht...“sagte er leise in einem vorwurfsvollen Ton.
„Nicht machen?“ fragte sie geradeheraus, sah ängstlich in seine Augen, dann zu Boden. Eine Hand legte sich an ihre Wange, unter ihr Kinn, streichelte, hob ihr Gesicht wieder an. Sein Blick flackerte, wanderte in ihrem. Er musterte sie schweigend und ernsthaft. Berane fühlte sich unwohl, wollte zurückweichen.
Sein gesunder Arm legte sich fest um ihre Taille, als er es merkte, hinderte sie daran. “Nicht weinen. Du hast genug Schmerz erduldet. Ich will dir nicht noch mehr bereiten.“ antwortete er schließlich mit sanfter Stimme.
Dann senkte er den Kopf, schloss die Augen und küsste sie.

Er  konnte nicht einschlafen. Berane lag mit dem Rücken zu ihm jenseits des Feuers, rührte sich nicht. Ihr regelmäßiges Atmen sagte ihm, dass sie scheinbar keine Probleme hatte Ruhe zu finden. Er drehte sich auf die andre Seite.
Das Gesicht auf einen Ellbogen gestützt, starrte er in die sich allmählich verzehrenden Flammen. Wenn man lange genug hineinsah, konnte man sich ganz nach innen wenden, seine Gedanken sammeln oder sie einfach schweifen lassen. Das war sicher die Grundlage für das Ritual, bei dem er sie beobachtet hatte.
‚Alles ist so anders, Selene.  Das hast du damals nicht gemeint.’  stellte Meridius fest.‚Dass ich irgendwann eine andre Frau ansehen und das Verlangen spüren könnte, ihr so nahe sein zu wollen, wie ich dir war. Du hast von körperlichem Verlangen gesprochen, von männlichen Bedürfnissen, die du mir nicht zur Last machen wolltest. Du gabst mir dein Einverständnis diesen Bedürfnissen  nachzukommen, ohne Schuld dir gegenüber  empfinden zu müssen.
Die eine Dirne, die ich kommen ließ, hat mich wohl für alle Zeiten von ihrer Zunft geheilt. Es war ein halbes Jahr nachdem ich in Germanien den Oberbefehl hatte. Alle taten es. Man verspottete mich insgeheim.
Maximus Sanctus Lavatus Decimus Meridius. Ich war verletzt, glaubte den Männern etwas beweisen zu müssen, ich Esel, obwohl ich sonst ihren vollen Respekt hatte.Und ich vermisste dich so unsäglich. Tag und Nacht.
Cicero, mein Adjutant, brachte mir schließlich auf meine Bitte ein germanisches Mädchen. Sie war sehr jung. Er hatte sie wohl gewählt, um mich vor Krankheiten zu schützen. Sie war so willfährig, so demütig, nachdem er ihr den doppelten Betrag gegeben hatte. Ihr Blick jedoch war misstrauisch, berechnend und ängstlich, konnte den Abscheu vor dem wofür sie bezahlt wurde nicht leugnen. Als ich ihr zunickte, trat sie zu mir, sank auf die Knie. Was sie sagte, verstand ich nicht und Cicero hatte uns allein gelassen. Also nickte ich einfach. Ihre Hände glitten zielsicher unter meine Kleidung. Es war so demütigend, sie sah mich nicht einmal an. Ich war wie gelähmt. Dennoch reagierte mein Körper. Als sie den gewünschten Effekt erreicht hatte, entblößte sie sich und bot sich mir an. Ich verstand nicht, warum ich sie nahm. Vielleicht um nicht später  die üblichen Witze darüber zu hören, dass ich mit Frauen nichts anzufangen wisse und meinen Adjutanten vorzöge.
Die Lagerdirnen verbreiten noch mehr Klatsch als Läuse und Krankheiten.
Das ist ihre Art sich an den Männern zu rächen. Denn Freude oder gar Lust kann wohl keine dabei empfinden, es geht um Geld, um Überleben.
Es war nur ein Reiz, wie sich kratzen, oder niesen. Eine mechanische Reaktion.
Einige Atemzüge lang in gleichgültiges Fleisch stoßen. Es war das einzige Mal.
Das hast du gemeint. Es war nicht einmal Lust.
Nicht mehr als sich selbst Befriedigung zu verschaffen. Du hattest Recht.
Ohne Bedeutung.’

Tu, was immer du für gut hältst. Wenn du wieder bei mir bist, ist all dies vorbei. Du kennst mich. Ich liebe dich und bin gern deine Frau, in jeder Beziehung.
 Du weißt, dass ich körperlich weniger leiden werde als du. Du weißt, dass du mir dennoch sehr fehlen wirst.
Wir beide wissen nicht wie lange. Deine Bedürfnisse, dein Verlangen sind stärker als meines. Ich will nicht, dass du darunter leidest. Stille sie.
 Es hat keine Bedeutung für uns. Ich vertraue dir. Nichts wird sich ändern.

Meridius kamen die Worte seiner Frau vom Abend bevor er aufgebrochen war wieder in den Sinn. Bald drei Jahre war das her. Spätsommer in Spanien. Regen.
Er hatte ihr versichert, dass dies nie in Frage käme.
“Wenn ein Mann nicht ein Jahr treu sein kann, kann er nie treu sein. Niemandem.“ hatte er beleidigt erwidert. Selene hatte ihn geküsst und seine Wange gestreichelt, ihm verschwörerisch und nachsichtig ins Ohr geflüstert:
 »Wenn die Zeit kommt, erinnere dich daran. Nichts wird sich ändern.“

Er hatte sie geküsst. Sie hatte den Kuss erwidert, dann hatten sie sich losgelassen, als wäre nichts gewesen. Berane hatte einfach weitergegessen. Er war ihrem Beispiel gefolgt, hatte versucht so gelassen wie sie zu wirken.
Als seine Schale leer war, hatte sie sie erneut mit dem saftigen Fleisch gefüllt, ihm über die Schulter gestrichen, als er sie von ihr entgegen nahm. Diese zärtliche Geste rief ihm schmerzlich in Erinnerung, wie sehr er noch immer den liebevollen Umgang mit seiner Frau und seinem Sohn vermisste. Er hatte ihre Hand berührt, es erwidert. Am liebsten hätte er sie erneut umarmt, um noch einmal die wohltuende Wärme und Weichheit einer Frau zu spüren. Sie würde es missverstehen, falsche Schlüsse ziehen, womöglich glauben er wolle die Situation ausnutzen. Also ließ er es.

Den Rest des Nachmittags hatten sie damit verbracht Proviant und Ausrüstung für seine Heimreise zusammenzustellen. Vielmehr sie hatte es getan und er hatte interessiert zugesehen. Er hatte sich nicht mehr dagegen gewehrt, als sie ihm Salben und Kräuter in kleinen Töpfen und Beuteln zusammensuchte.
 Sie gab ihm sogar ein wenig von ihrem zur Neige gehenden Vorrat an Mohn, den sie von einer Landsmännin bekommen hatte.
Die Frau war ihr zufällig in der Siedlung begegnet. Sie hatte eine Fehlgeburt erlitten und bat Berane um Hilfe. Als Gegenleistung gab sie ihr den Saft, den ihr der Kindsvater, ein Unteroffizier im Feldlager geschenkt hatte. Der hatte sie zu den Feldscheren geschickt um die Schwangerschaft abzubrechen.
 Der Mohn sollte ihre Schmerzen betäuben.
Das war ungewöhnlich großzügig von ihm gewesen. Er hätte sie einfach davon jagen lassen können. Sie hatte es nicht getan, da solche Eingriffe meist nicht erfolgreich waren oder das Leben der Schwangeren kosteten.
 Stattdessen ging sie zu einer Heilerin in ihrem Dorf.
Die mischte ihr einen Trank, der das Ungeborene abgehen  und sie fast verbluten hatte lassen. Berane untersuchte sie und gab ihr eine Kräutermischung, die sie als Tee trinken sollte. Die Behandlung half. Die Frau überließ ihr als Dank ein kleines Gefäß mit dem Mohnsaft. Sie sah sie nie wieder.
Berane kannte die starke Wirkung der Pflanze, war beglückt gewesen über diesen Schatz. Die Hälfte hatte sie verbraucht seither. Das meiste für Maximus.

Meridius hatte zunächst abgelehnt, aber sie unterbrach ihn.
“Vielleicht du krank, du Schmerzen. Ich nicht wollen.“
Ihre Augen hatten ihn fast angefleht, es anzunehmen.
’Sie muss mich wirklich gern haben.’dachte er, noch immer ungläubig.
’Du Esel, hätte sie dich sonst geküsst??’ tadelte er sich sofort für seine Torheit.
Er freute sich schuldbewusst über die überaus nützlichen Dinge, die sie ihm zusammenpackte. Sie zeigte ihm die Menge an Opium, die er verwenden sollte.
 Nur ein paar Tropfen für leichtere Beschwerden, das doppelte für schwere.
 Sie erklärte ihm die Anwendung der Salben und Kräuter, schnürte alles in ein Stück feste Birkenrinde, bevor sie es in einem Beutel aus dunklem Leder verstaute. Er hörte ihr konzentriert zu, sein Leben konnte davon abhängen.
Sie sprach immer flüssiger, verstand mehr und mehr. Als er sie dafür lobte, schüttelte sie den Kopf, errötete und lächelte verlegen. Ein Säckchen Getreide packte sie, eines mit Trockenfrüchten. Kirschen, Waldbeeren, Äpfel. Sie zeigte ihm wie er die Zutaten einige Stunden in Flüssigkeit legen musste, um den gequollenen, nahrhaften Brei zu erhalten, den er bereits kannte. Sie zauberte Trockenfleisch hervor, dass sie dank des milden Winters nicht gebraucht hatte. Es war zäh wie Leder und trotz Bärlauch und wildem Knoblauch etwas fade,aber nahrhaft und eine gute Notration.
Seifenkraut packte sie ihm auch dazu, erklärte wie er es zerstoßen und den entstehenden Brei mit Wasser zu einem reinigenden, wohlriechenden Schaum mischen konnte. Er beobachtete ihr Hände, die flinken, geschickten Finger.
Selene hatte auch....
’Meridius, sie ist nicht Selene. Hör auf, sie mit ihr zu vergleichen.
Sie ist anders.’ Er wollte sich auf ihre Erklärungen konzentrieren, ertappte sich aber immer wieder dabei, wie er ihre Bewegungen verfolgte, die Art wie sie mit den Händen ergänzte, was sie in Worten nicht ausdrücken konnte. Bewusst nahm er das erste Mal ihren Geruch wahr. Farn und Minze und etwas Süßlicheres. Vielleicht das Seifenkraut. Ihr leicht welliges Haar schwang auf ihren Schultern, wenn sie in ihrer lebhaften Art den Kopf beim Reden hin und her bewegte. Er hatte Lust es zu berühren, zu prüfen, ob es so roch wie sie.
Sie war ihm in den Tagen davor oft so nahe gewesen. War er wirklich blind gewesen  für ihre wunderbar klaren, meerfarbenen Augen, die so sanft, aber auch so spöttisch wirken konnten?
Einmal mehr blau, dann wieder grünlich, mal hell, mal dunkel?
Die geschwungenen Brauen und Wimpern, die vollen, weichen Lippen, die seinen Kuss erwidert hatten? Für diesen Körper, der sich  kraftvoll und weiblich angefühlt hatte, als er sie in den Armen hielt? War er taub gewesen für dieses raue Schwingen in ihrer ausdrucksvollen Stimme?
Ihr spontanes, lautes Lachen, ihren trockenen aber unleugbaren Humor?

‚Nein. Das war ich nicht. Aber erst seit ich weiß, warum sie all das tut, sehe ich sie in diesem Licht. Und was sagt dir das, Tribun? Dass ein Moment gekommen ist, von dem deine Frau in all ihrer Nachsicht und Feinfühligkeit nichts wissen konnte. Ein Moment in dem du einmal mehr erkennen musst, dass man nicht alles voraussehen kann. Nicht alles kontrollieren, nicht immer Herr der Lage ist. Nicht einmal wenn es nur um dich selbst geht. Vielleicht gerade deshalb.
Mach dir nichts vor. Sie hat dir deutlich genug gezeigt, was sie für dich empfindet. Und du spürst die Anziehung schon lange, hast sie verdrängt.
Aber was ist besser? Der Versuchung nachgeben und Selene auf eine Art betrügen, die über körperliche Bedürfnisse hinausgeht,
 Beranes Gefühle für dich ausnutzen, sie dann verlassen und mit den Schuldgefühlen für beides gestraft werden?
Oder es bei diesem Kuss, ein paar harmlosen Zärtlichkeiten belassen?’
Meridius  Kopf entschied sich vernünftigerweise für das letztere, aber sein restlicher  Körper war offensichtlich ganz andrer Meinung, während er darüber nachdachte. Der sehnte sich nach einer liebevollen, leidenschaftlichen Umarmung, einem Verlangen das gegenseitig war und einer sowohl geistigen als auch körperlichen Erfüllung, die er so lange entbehrt hatte.
Leise fluchend warf er sich auf den Rücken, was ihm die heilende Verletzung dort prompt mit einem scharfen Schmerz quittierte, der ihn nur noch mehr fluchen ließ und versuchte vergeblich Ruhe zu finden.

Berane bemerkte sofort, dass er schlecht geschlafen hatte.
Sein müdes, etwas mürrisches Gesicht sprach für sich. Sie versuchte sich nichts anmerken zu lassen, reichte ihm ein Frühstück aus Ziegenmilch und Brot.
Er murmelte Dankesworte, schaute sie aber nicht an.
‚Er kann mir nicht einmal in die Augen sehen.’ dachte sie bedrückt.
Am liebsten hätte sie die Ereignisse des gestrigen Abends ungeschehen gemacht.
Sie ging hinaus, sah nach den Pferden. Die beiden Stuten grasten, schnaubten freundlich bei ihrem Anblick. Berane ging zu ihnen, rieb ihnen die Stirn.
 Sie stellte sich zwischen sie und legte je einen Arm um die muskulösen Hälse, kraulte die Mähnen. Unbewusst lehnte sie den Kopf an eine der Stuten, schloss die Augen und rieb ihre Wange an deren Fell. Lange stand sie so, genoss die Wärme und Nähe der beiden anderen weiblichen Wesen. Sie schienen sie zu verstehen, schnaubten beruhigend, streiften hin und wieder ihr Gesicht mit ihren samtigen Nüstern, wischten dabei die Tränen fort, die ihr ungewollt über die Wangen liefen.
‚Nicht weinen’‚ hatte er sie gebeten. Sie lachte bitter auf.
„Es muss Zeiten geben für Tränen.“ hatte ihre Mutter einmal gesagt.
Berane hatte nicht weinen können, als sicher war, dass Baldur nicht mehr heimkehren würde. Ute hatte mehrere Nächte mit ihr das Feuerritual abgehalten, bis der steinerne Ausdruck im Gesicht ihrer Tochter gewichen war und sie endlich um Baldur hatte trauern können. Sie hatte dagegen gekämpft es zu akzeptieren. Ute hatte Menschen gekannt, die krank an Körper und Seele wurden aus einem solchen Verlust heraus und tat alles, um ihrer Tochter dies zu ersparen.
 Als sie selbst ums Leben kam, war Berane dank ihrer Hilfe wieder gefestigt genug  gewesen, damit umzugehen.

Meridius stellte die leere Schale weg und trat ins Freie. Keine Sonne an diesem Morgen. Grauer, verhangener Himmel. Berane stand bei den Pferden.
 Er hatte sie mit zum Weiher nehmen wollen. Sie konnten trinken und grasen, während er ein Bad nahm. Die Frau stand mit dem Rücken zu ihm, hatte beide  Tiere in einer Art Umarmung umfangen, ihr Kopf lehnte am Haupt einer der Stuten. Er zögerte. Die Szene hatte etwas sehr liebevolles, fast zärtliches.
Plötzlich drehte sie den Kopf, wandte ihm das Gesicht zu. Einen Augenblick war er versucht sie einfach in die Arme zu schließen, ihr den Trost zu geben, den sie scheinbar bei den Stuten gesucht hatte. Aber dann schweifte ihr Blick ab, sie klopfte den beiden Braunen noch einmal auf den Hals und trat beiseite.
„Maximus gehen Wasser?“ fragte sie emotionslos. Sie sah müde aus, blass.
Er nickte stumm.„Pferde nehmen, trinken. Schnell. Regen.“Sie deutete in die bleifarbenen Wolken, dann verschwand sie im Eingang. Meridius machte sich eilig auf den Weg.

Als er sich nach dem Bad wieder anzog, begann es zu tröpfeln. Er schwang sich auf eines der Pferde und ritt zurück, das andre am Zügel.
‚In zwei Tagen werde ich aufbrechen. Es geht mir ziemlich gut, ich kann reiten und wenn ich noch ein wenig mit den Waffen übe, um mich wieder geschmeidiger zu machen, wird es gehen.’
Selenes und Marcus Züge  wollten nicht deutlich werden in seiner Erinnerung.
Sie blieben verschwommen. Eine kleine, zarte Frau mit langem, dunklem Haar,
 die einen schmächtigen, ebenfalls dunkelhaarigen Knaben von fünf Jahren an der Hand hält.
‚Bald bin ich bei euch.’ beruhigte Meridius sich, versuchte die nagenden Ängste, die ihm manchmal Bilder zeigten, die er schnell ins Dunkel zurückwies sobald sie auftauchten, zum Verstummen zu bringen. Bilder, die ihn verzweifeln lassen wollten, die anklagend in seinem Kopf  flüsterten:
Warum mühst du dich? Es ist alles vergebens, alles verloren. Du hast es verdorben. Es ist deine Schuld. Du hast sie deinem Stolz geopfert.
Deinem, ach so teuren Stolz, großer Tribun. Er ist alles, was dir bleiben wird.
Meridius schüttelte, innerlich wie äußerlich fröstelnd, die düsteren Gedanken ab, band die Stuten unter einer mächtigen Buche fest, die sie vor dem beginnenden Regen schützen würde und eilte in den  dämmrigen, warmen Schutz von Beranes Unterschlupf.

Es regnete bis zum späten Nachmittag. Berane und Maximus versuchten sich aus dem Weg zu gehen. In dem kleinen Raum war es kaum zu verhindern, dass Blicke sich trafen, man sich hin und wieder im Weg war. Sie kramte in ihren Sachen, schien weiteren Proviant und Ausrüstung für ihn zusammen zu stellen, verschwand immer wieder hinter der Abtrennung zum hinteren Teil des Raumes.
Er nahm indessen ein Karnickel aus, bereitete es zum Braten vor, dann schnitzte er an einem Ast herum, beobachtete sie dabei heimlich. Sie tat dasselbe.
Beiden war klar, dass der andre es wahrnahm. Als die Spannung allmählich unerträglich wurde, durchbrach Berane die Mauer aus Verlegenheit.
„Heimat. Familie. Du erzählen.“ bat sie ihn zögernd. Meridius atmete auf, er hatte sich sehr unwohl gefühlt in diesem Schweigen, war jedoch unfähig gewesen es zu beenden. Erleichtert setzte er sich ans Feuer, begann zu sprechen.
Er sprach von der langen Trennung, von seinem Land, den Weinbergen, dem Vieh und der Schönheit Spaniens. Sie setzte sich ihm nach den ersten Sätzen gegenüber, lauschte aufmerksam. Er wusste nicht, wie viel sie wirklich verstand.
‚Diese Frau kann mit dem Herzen hören, es spielt keine Rolle, dass sie meine Sprache nicht gut beherrscht.’ 
Es tat ihm so gut von zuhause zu reden. Er erinnerte sich an das letzte Gespräch mit dem Kaiser. Der hatte ihn ebenfalls gebeten davon zu erzählen. Wie immer war er schnell ins Schwärmen geraten.„..Trauben, Äpfel, Feigen. Der Garten riecht tags nach Kräutern, abends nach Jasmin. Die Erde ist schwarz, schwarz wie das Haar meiner Frau...“hatte er seine Rede geschlossen .
Es schien Jahre her zu sein, wie sein Abschied .
Es waren nur Tage, weniger als zwei Wochen seit er mit Marcus gesprochen hatte. Die Zeit schien hier keine Bedeutung zu haben.
Meridius starrte ins Feuer, stellte sich vor einfach hier so weiterzuleben, fern der Schlachtfelder, fern der Intrigen und Pflichten.
 Fern der Sorge um die Zukunft, die ihn und die Seinen erwartete.
Beranes Stimme riss ihn aus seinen Träumen. „Deine Frau, wie Name?“ wollte sie wissen. Meridius antwortete erst, nachdem sie ihre Frage wiederholt hatte.
Die bloße Vorstellung, er würde nicht nach Spanien zurückkehren , erschien ihm mit einem Mal  so verwerflich , so unerhört, dass die Schuld nur daran gedacht zu haben ihm geradezu körperliche Schmerzen bereitete. Er war entsetzt über die Untiefen seines Selbst.
„Selene“ bellte er förmlich. Seine Stimme klang scharf und hart.
Berane zuckte sichtbar zusammen, starrte ihn erschrocken an.
“Maximus, du nicht böse. Ich dumm, schweigen.“ stammelte sie entschuldigend.
Meridius rieb sich nervös übers Gesicht, schüttelte den Kopf.
„Nein. Ich bin dumm. Verzeih. Ich bin böse auf mich selbst. Wie könnte ich dir böse sein.“murmelte er, sah sie betrübt an. Berane erinnerte sich.
’Selene. Er hat mich so angesprochen, als ich die Pferde brachte.’
„Name gut. Wie Kind?“„Claudius.“ „Wie viel Jahre?”
“Claudius ist jetzt acht. Er war fünf als ich ging.“ erklärte er mit nachdenklicher Miene. Berane nickte. Meridius erinnerte sich, dass er das Hemd ihres toten Mannes trug. Er berührte demonstrativ das weiche Leder, fragte sie:
„Wie war sein Name?“
Die Frau sah kurz zur Seite, dann erwiderte sie:„Baldur.“ Ihre Stimme klang plötzlich spröde.„Es tut mir leid.“ sagte er leise. Sie blinzelte.„Viele Jahre gehen. Ich jung, er jung. Viele Jahre.“ meinte sie.
„Berane, du bist noch immer jung, du kannst...“
Ihr resignierter Blick ließ ihn verstummen. Verlegen starrte er in die Flammen, legte etwas Holz nach.„Wie lange reiten?“setzte sie das ins Stocken geratene Gespräch fort. Meridius atmete tief ein, überlegte.
 „Mit zwei Pferden, nun, acht, neun Tage, vielleicht mehr.“ Berane sah ihn erschrocken an.„Viel weit. Rom wie weit?“ wollte sie wissen.
„Rom ist näher von hier. Fünf oder sechs Tage.“„ Schön?“„ Ich war nie dort. Aber ich denke es ist die schönste Stadt der Welt“ erklärte er stolz.
 „Wie Name Heimat?“„Spanien.“
„Spanien nicht schön? Heimat mehr schön! Nicht?“entgegnete sie verwundert darüber, dass er eine Stadt, die er nicht kannte seiner Heimat vorzog.
Er runzelte verblüfft die Stirn, dann lächelte er anerkennend.
„Berane, du bist eine kluge Frau. Klüger als ein römischer Tribun.“ gab er ihr recht. Sie verzog spöttisch den Mund, lachte geringschätzig auf.
„Klug? Ich dumm. Viel dumm.“ Sie schien  geradezu wütend zu werden, schlug sich spontan mit der flachen Rechten gegen die Stirn, dann gegen die Brust. Meridius beobachtete sie befremdet.„Kopf dumm, Herz dumm. Frau dumm“ presste sie erneut hervor, erhob sich unvermittelt. Sie drehte das Gesicht weg, stand auf und ging Richtung  Ausgang.
„Berane, halt, geh nicht! Lauf nicht wieder weg! Du bist nicht dumm. Wie kannst du das nur glauben?? Ich sage immer das falsche...“rief er ihr nach, aber sie reagierte nicht. Impulsiv sprang er auf, versperrte ihr den Weg, hielt sie an der Schulter fest. Sie versuchte auszuweichen, verbarg ihr Gesicht vor ihm.
Als er die Hand an ihre Wange legte und ihren Kopf zu sich drehte, schloss sie mit einem beschämten Ausdruck die Augen, wehrte sich aber nicht dagegen.
„Soviel Schmerz..“ murmelte er bedauernd, wischte ihr die Tränen ab.
Sie rührte sich nicht.
„Sieh mich an, Berane." forderte er leise aber bestimmend.
Zögernd hoben sich ihre Lider. Die meerfarbenen Augen schimmerten unergründlich. Er hielt ihre Schultern fest, als wolle er sie in seiner Hilflosigkeit schütteln, suchte nach Worten, während sein Blick in ihrem hin und herwanderte, über ihre Züge glitt, um immer wieder zu ihren Augen zurückzukehren.
„Ich werde gehen. Ich MUSS gehen. Verstehst du?“ erklärte er eindringlich.
Sie nickte ruhig, scheinbar völlig gelassen. Im endgültigen, entschiedenen Ausdruck seiner Stimme schwang Bedauern mit.
Bedauern und das Bewusstsein kein Leid zufügen zu wollen und es doch nicht verhindern zu können. „Verstehst du?“ wiederholte er, verzweifelt eine Reaktion von ihr fordernd.
Eine Lossprechung. Absolution. Von dem Schmerz, den er ihr ungewollt bereitete, der Mitschuld am Leiden ihres Volkes, dem Tod ihres Mannes.
Berane  musterte seine aufgewühlten Züge, während er sprach.
Statt zu antworten, lächelte sie wehmütig. Ihre Rechte legte sich in einem beruhigenden Streicheln auf seine bärtige Wange, glitt über sein Kinn, die Lippen mit den Fingerspitzen streifend, bis zu seiner Schläfe. Ihre Lippen öffneten sich, als wolle sie etwas sagen, aber sie blieb stumm.
Meridius drückte den Kopf gegen ihre warme Hand, schloss die Augen.
„Du verstehst. Du hast es auf deine Art verstanden, von Anfang an.
ICH bin der, der nicht versteht.“ sprach er mehr mit sich selbst, als mit ihr.
Er öffnete die Augen, ließ ihre Schultern los. Sie sah ihn ruhig an.
Einen Moment zögerte er, dann zog er sie an sich und küsste sie das zweite Mal.

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