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Germanien V
Als die Frau
sich näherte, gab der grauhaarige Anführer seinen Begleitern einen Wink. Die
anderen drei Deserteure gingen lautlos in Deckung, verstummten.
Er hatte sie
vor Tagen schon einmal gesehen, zu Pferd.
Etwa eine
Stunde Fußmarsch von hier war sie an ihm vorbeigeritten.
Sie lagerten
seit gestern Abend, hatten die naheliegende Siedlung plündern wollen,
gehofft dort Pferde zu finden.
Wenigstens das
eine, auf dem er sie gesehen hatte.
Aber sie
hatten das Dorf verlassen vorgefunden. Es konnte nicht lange her sein, dass
die Bewohner fort waren. Alte Asche in den Feuerstellen, Spuren überall.
Er hatte den
anderen nichts gesagt davon, wollte sie für sich.
Aber jetzt
blieb ihm keine Wahl. Sixtus würde sie, ohne mit der Wimper zu zucken,
abstechen, wenn alle mit ihr durch sein würden.
Es sei denn er
hinderte ihn daran. Glaberus wollte sie mitnehmen, zum mindesten
bis sie lästig wurde. Sie konnte für sie kochen, waschen.
Er hatte lange
keine Frau mehr gehabt. Und er teilte nicht gern.
Sie war noch
jung, erinnerte ihn an eine der Lagerhuren, die er oft besucht hatte, als er
vor Jahren in Vetera stationiert gewesen war.
Er hatte sie
damals gefragt ob sie mit ihm kommen wolle, in der naiven Annahme sie würde
zustimmen. Sie war immer freundlich gewesen, im Gegensatz zu anderen Dirnen.
Aber die Frau vom Stamm der Batavier hatte ihn nur verwundert angesehen und
gelacht.
„Du Römer.
Feind. Ich nur dein Geld. Geh. Nicht dein Land.“hatte sie ihm förmlich ins
Gesicht gespieen. Ihre hübschen Züge hatten sich plötzlich in eine
hasserfüllte Fratze verwandelt und ihr höhnisches Lachen hatte ihn lange
verfolgt.
Die Frau ging
zielsicher auf den Weiher zu. Als sie sich zu entkleiden begann, suchte er
die Umgebung nach Begleitern ab, aber sie schien alleine zu sein.
Woher kam
sie? Sie musste hier irgendwo ein Versteck haben.
Es war zu weit
von der nächsten Siedlung.
Eine Frau
allein hier im Wald? Das war ungewöhnlich. Die Sonne war noch nicht
aufgegangen. Sie stieg bis zur Taille ins Wasser, begann sich zu waschen.
Sein Blick
blieb lüstern an ihren Brüsten hängen.
Unruhig wälzte
Meridius sich hin und her. Er konnte nicht mehr einschlafen,
stand auf. Es war noch dämmrig. Berane war sicher zum Weiher gegangen.
‚Wir
haben nur noch ein paar Stunden .’ dachte
er bedauernd.
Hastig
schlüpfte er in seine Kleider, folgte ihr.
Berane stieg
gerade fröstelnd aus dem Wasser, als sie Meridius kommen sah.
Sie wollte ihm
zuwinken, als sich eine Hand auf ihren Mund presste, ihren
Aufschrei erstickte. Sie sah noch wie er jäh in der Bewegung erstarrte.
Ein
eisenharter Arm hatte sie derb um die Mitte gepackt, der Angreifer wollte
sie mit sich ziehen. Mit aller Kraft biss sie in die Hand, als sie den
Schreckmoment überwunden und erfasst hatte was geschah.
Der Angreifer
fluchte, stieß sie von sich. Sie fiel auf die Knie, sah sich von mehreren
Männern in Uniform umringt. Lähmende Panik überkam sie.
‚Sie
werden ihn töten, wenn sie ihn entdecken.’schoss
es ihr durch den Kopf, trieb sie
wieder an. Sie rappelte sich auf, der Kreis wurde enger, schloss sich um
sie, wie um ein gefangenes Tier.
Meridius
entsetztes Gesicht tauchte kurz hinter einem Baumstamm auf, einen Steinwurf
entfernt.„Bleib weg!! Sie töten dich!“ schrie sie gellend in ihrer Sprache.
Dann rissen die Männer sie zu Boden. Sie wehrte sich mit der Kraft der
Verzweiflung, trat, biss, kratzte, bis ein heftiger Hieb an den Kopf ihr die
Besinnung raubte.
Ihm gefror das
Blut in den Adern, als er den Legionär aus dem Nichts hinter Berane treten,
sie packen sah. Impulsiv wollte er ihr zu Hilfe eilen, griff an seine Seite
nach einer Waffe, aber seine Hand langte ins Leere.
Dann sah er
die anderen drei Männer.
Deserteure
oder Plünderer in gestohlenen Uniformen.
Sie konnte
sich losreißen, fiel auf die Knie, stand wieder auf, schrie eine
verzweifelte Warnung auf Germanisch. Sie hatte ihn kommen sehen.
Dann wurde
sie niedergeworfen.
So schnell als
möglich, schlich er heran, wog verzweifelt seine Chancen ab.
Vier
Bewaffnete. Sie leistete erbittert Widerstand.
Jede Faser in
ihm wollte zwischen sie stürmen, aber Berane hatte recht.
Als er die
Prätorianer tötete , war mehr als Glück im Spiel gewesen und er hätte es
ohne sie nicht überlebt. Ein unbewaffneter Angriff auf vier Gegner konnte
sie beide das Leben kosten. Wie von Furien gejagt, hetzte er zurück, zerrte
eines der verpackten Schwerter aus dem Bündel, griff sich einen Dolch und
schwang sich auf eine der verstört hin und her tänzelnden Stuten.
Erbarmungslos
trieb er das Tier an. Ihm war klar, was mit ihr geschah.
Er konnte nur
hoffen, dass sie sie am Leben ließen, bis er dort war.
Die Braune
raste verängstigt zwischen den Bäumen hindurch, brutal hieb er ihr die
Fersen in die Flanken. Ein Vogel flatterte aufgeschreckt um ihren Kopf, sie
stieg, wieherte schrill in panischer Angst.
Meridius
spürte, wie er die Gewalt über das Pferd verlor.
Sie machte
einen Satz, warf ihn ab. Er stürzte hart, prallte mit der Schläfe gegen
einen Baum. Schreckliche Übelkeit stieg in ihm auf. Dann sackte er zusammen,
verlor die Besinnung.
Ein Schwall
kalten Wassers holte Berane aus ihrer Bewusstlosigkeit. Sie versuchte die
Augen zu öffnen, es gelang ihr nur zum Teil. Das linke Lid war zugeschwollen
durch einen Fausthieb. Sie richtete sich auf, musste sich im nächsten Moment
übergeben, würgte und hustete. Ihr Körper war ein einziger Schmerz.
Sie war nackt,
Prellungen , Kratzer und Schürfwunden wohin sie sah. Ihr Kopf schien unter
einen Steinschlag geraten zu sein. Im Schock rollte sie sich Schutz suchend
zusammen. Jemand warf ihre Kleider vor sie hin.
Eine barsche
Männerstimme befahl ihr auf Latein, sich anzuziehen.
Stöhnend hob
sie den Kopf zu dem Sprecher. Es war der Mann, der sie angegriffen hatte. Er
war allein. Ein grauhaariger, hagerer Haudegen mit einer auffallenden Narbe
auf der Stirn. Seine Miene war zunächst unerbittlich, wurde ein wenig
weicher, als sie von Weinkrämpfen geschüttelt, versuchte sich anzukleiden.
Mühsam streifte sie ihren Kittel über. Als sie die Beine anzog , um in die
Hose zu schlüpfen, sah sie das Blut und die Flüssigkeit auf der Innenseite
ihrer Schenkel.
Glaberus
bemerkte ihren entsetzten Blick.
Sie hob den
Kopf, sah ihn fassungslos und anklagend an, hilflose Pein in ihrem
zerschundenen, anschwellenden Gesicht. Er verspürte den Wunsch sie zu
schlagen unter dem Gericht dieser vorwurfsvollen Augen.
Berane sah
instinktiv wieder zu Boden, als sie sein zorniger Blick traf.
Wie ein Tier,
das von einem stärkeren Gegner bedroht wird.
„Bitte“
flüsterte sie demütig, “Waschen. Ich Blut. Bitte.“
Glaberus packte sie derb am Arm, zog
sie hoch.„Geh. Aber wenn du versuchst zu fliehen, bist du Futter für die
Wölfe.“warnte er sie kalt.
‚Er will
mich lebend, sonst wäre ich längst tot. Maximus. Wo ist Maximus??’
Sie sah sich
verstohlen um. ‚Haben sie ihn entdeckt??’
Eisige Klauen schienen sich um ihr Herz zu legen.
Zitternd stieg sie bis zu den Knien
ins Wasser, wusch sich die oberflächlichen Spuren der Vergewaltigung ab. Es
brannte, sie hatte Schmerzen im Unterleib,
als stäche jemand mit einem Messer in
sie. Wenigstens hatte sie es nicht miterleben müssen. Der Graue winkte sie
ungeduldig ans Ufer.
Krampfhaft
schluchzend zog sie sich an. Glaberus band ihr die Hände mit einem Strick
zusammen.„Stell dich nicht so an, Weib. Du bist nicht die erste und nicht
die letzte, der das passiert. Daran ist noch keine gestorben. Du kannst mir
dankbar sein. Wäre ich nicht gewesen, lägst du jetzt mit durchschnittener
Kehle im Gebüsch. Du kommst mit. Wenn du nett zu mir bist, lasse ich dich
vielleicht irgendwann laufen.“ erklärte er selbstgefällig.
Berane wollte
ihn töten, als sie verstanden hatte.
Weißglühender
Zorn überlagerte plötzlich ihre Schmerzen, ihren Schock, gab ihr wieder
Kraft. Aber sie zeigte es nicht. Schluchzend und zitternd stolperte sie
hinter ihm her einem ungewissen Ziel entgegen.
Meridius
stützte sich benommen gegen einen Baumstamm.
Starker
Schwindel und heftige Übelkeit peinigten ihn. Seine Schläfe war feucht vom
Blut der Platzwunde. Die Stute war verschwunden. Er sah zum Himmel.
Die Sonne
stand hoch in Südost.
‚Es
muss mindestens eine Stunde vergangen sein. BERANE.’
durchzuckte ihn die Erkenntnis wie ein Blitz. Ruckartig
richtete er sich auf.
Die Stute war
sicher zurückgelaufen, nachdem sie ihn abgeworfen hatte.
Nach wenigen
Schritten musste er sich übergeben. Er zwang sich wieder auf, eilte so
schnell als möglich durch den Wald.
Die Pferde
grasten, beäugten ihn misstrauisch.
Stöhnend vor
Übelkeit bewaffnete er sich erneut, bestieg die andre Stute.
Ein stechender
Schmerz durchfuhr seinen rechten Arm, als er die Zügel griff.
Ein langer
Splitter war durch die Schulternaht des Hemdes tief in die Narbe gedrungen.
Er riss ihn achtlos heraus, spürte das Blut herab rinnen, während er zum
Weiher ritt. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er abstieg.
Vorsichtig
nähert er sich dem Gewässer. Es war still und friedlich.
Nur das
plattgetretene Gras am Ufer zeugte von dem Akt der Gewalt, der dort
stattgefunden hatte. Mit bangem Herzen durchsuchte er das Gestrüpp und den
Uferbereich, watete ins Wasser. Jeden Moment fürchtete er auf Beranes
leblosen Körper zu stoßen. Aber er fand nichts.
Sie hatten sie
mitgenommen.
Er suchte nach
Spuren. Als er das Pferd wieder bestieg, liefen ihm Tränen übers Gesicht. Er
machte seiner Wut und Hilflosigkeit mit einem wilden, klagenden Schrei Luft.
Dann nahm er die Verfolgung auf.
Glaberus
erstarrte, riss Berane an ihren Fesseln hinter einem Busch zu Boden, presste
ihr die Hand auf den Mund. Sie hörte Schnauben, Pferdehufe auf weichem
Waldboden. Ein Reiter passierte sie in wenigen Metern Entfernung.
’MAXIMUS! Er muss es sein.’ Sie gebärdete
sich wie rasend um den Mund frei zu bekommen, aber ihr Entführer würgte sie
erbarmungslos.
Nach Luft
schnappend, sah sie das Messer in der Hand des Grauen.
„Sei still oder ich mach dich still.“
drohte er.
Das
Hufgetrappel wurde leiser, hörte ganz auf.
Ohnmächtiger
Zorn wallte wieder ihn ihr auf.‚Ich werde dich töten, Grauer.’
Teilnahmslos
ließ sie sich hinter ihm herzerren. Nach einer Stunde erreichten sie die
verlassene Siedlung. Die anderen drei hatten sich bereits in einer der
großen Hütten eingerichtet, saßen um die Feuerstelle.
Lautstark
begrüßten sie ihren Anführer.
„Da kommt ja
unser Liebhaber! Hättest sie abstechen sollen, Glaberus.
Mach sie los,
sie soll die Karnickel für uns braten.“johlten sie.
„Dann kannst
du es ihr noch mal besorgen. Vielleicht bleibt sie ja diesmal bei
Bewusstsein und wir müssen es diesmal mit keinem verdammten Leichnam
treiben.“ Brüllendes Gelächter.
Berane schloss
zitternd vor Ekel und Wut die Augen.
Glaberus
schnaubte verächtlich. “Ihr Dummköpfe. Sie kann uns von Nutzen sein. Sie
scheint mich zu verstehen. Keiner von euch Hurensöhnen rührt sie mehr an,
oder ihr bekommt mein Schwert zu spüren. Ich habe sie hierher gebracht.
Sie gehört mir. Ihr hättet sie aufgeschlitzt und verrecken lassen, dumme
Tiere, die ihr
seid.“ Berane bemerkte die Autorität in seiner Stimme.
„Der einzige
Nutzen liegt zwischen ihren Beinen und da war ich heute schon.“ grölte
Sixtus, ein derber, noch junger Mann mit brutalen, verlebten Zügen.
Glaberus
schlug ihm blitzschnell den Knauf seines Schwertes an die Schläfe.
Der
Angegriffene fiel zu Boden wie ein Sack.
„Das wird dich
lehren , mich zu verspotten, du Haufen Kameldung aus Syrien.“ meinte er mit
Genugtuung. Berane beobachtete befremdet das Geschehen.
Der Graue
schien der Anführer, hatte sein Vorrecht klar verteidigt. Die beiden
anderen lachten unsicher, hüteten sich einzugreifen.
Sixtus erhob
sich stöhnend, warf Glaberus wütende Blicke zu, fügte sich murrend.
Der Graue
löste ihre Fesseln, befahl ihr sich zu setzen. Sie kauerte sich in eine
Ecke, starrte in die Flammen, um ihren verstörten Geist zu sammeln, ihre
Angst unter Kontrolle zu bekommen.
Der Graue gab
ihr Wasser, später als sie die Karnickel brieten sogar etwas von dem
Fleisch. Sie hatten Wein dabei, begannen zu trinken. Berane schlief trotz
des Lärms irgendwann erschöpft ein.
Sie schreckte auf, als ein schwerer Körper sich auf sie zu wälzen versuchte.
„Na, mein
Täubchen. So müde. Ich habe da was , das dich munter macht.“ lallte ihr
Sixtus ins Ohr. Er stank nach Wein, und nach sich selbst.
Sie schrie,
trat, versuchte ihn von sich zu schieben.
Er lachte nur,
zerrte an ihrer Hose. Plötzlich wurde er weggerissen.
Der Graue
hatte ihn gepackt, schlug ihm wutentbrannt die Faust ins Gesicht.
„Mach das du
wegkommst! Verschwinde! Ich habe deine Quertreibereien satt!
Und nimm
deinen Kumpan dort gleich mit!“ brüllte er, wies auf einen Jüngeren,
Dunkelhaarigen, der etwas dümmlich dreinschaute. Sixtus fluchte und rappelte
sich auf. Er wagte nicht Glaberus anzugreifen. Stattdessen winkte er seinem
Freund und sie verschwanden wortlos.
Berane
krabbelte wieder in ihre Ecke, umschlang ihre Knie schützend mit den Armen,
wiegte sich hin und her. Der Graue fesselte sie an Händen und Füssen,
sah sie finster an. „Du weißt, was dir
blüht, wenn du zu fliehen versuchst.Schlaf
jetzt.“ Er warf ihr eine schmutzige Decke hin und legte sich neben
seinen verbliebenen Gefährten.
‚Maximus,
komm jetzt. Sie sind nur noch zu zweit. Ich bin hier. Hilf mir.’
sandte sie
einen stummen, verzweifelten Hilferuf hinaus in die Nacht.
Sie murmelte
es vor sich hin wie ein Gebet, wieder und wieder, bis ihr die Augen zufielen.
’HILF MIR’
Zwei Tage
später, frühmorgens, saß Meridius in der Uniform eines Prätorianers am
Feuer. Seine Züge waren wie versteinert. Eine Reitstunde von hier hatte er
gestern zwei der Deserteure aufgestöbert. Einen hatte er ohne Zögern
niedergestreckt, den anderen überwältigte er, verschonte ihn aber zunächst.
Er zwang ihn ihm zu sagen, was mit der Frau geschehen war, wo die anderen
beiden waren.
“Wir haben die
Hure aufgeschlitzt und in den Fluss geworfen. Wo die andren sind, weiß ich
nicht. Wir haben uns getrennt.“ spie ihm Sixtus bösartig ins Gesicht, da er sich
sicher war, dass ihn der andre ohnehin töten würde und um der Folter zu
entgehen. Also war sie doch nicht allein gewesen.
Der Angreifer
war ohne Zweifel Römer, trug aber die landesübliche Kleidung.
Zu mehr Lügen
kam er nicht. Meridius schnitt ihm wortlos die Kehle durch und ritt zurück.
Unermüdlich suchte er die Gegend ab, wagte sich in die Siedlung.
Es war
gefährlich für ihn, aber vielleicht wusste dort jemand etwas.
Sie war
verlassen. Er war verwirrt. Berane hatte gesagt sie würde ins Dorf gehen,
aber hier war niemand. Waren die Bewohner vor den Plünderern geflohen?
Er fand
frische Fußspuren, schöpfte Hoffnung, aber sie verloren sich mehr und mehr
nach einem starken Regenguss. Berane blieb wie vom Erdboden verschluckt.
Hatte der
Deserteur die Wahrheit gesagt? Er wollte es nicht glauben.
Er musste eine
Entscheidung treffen. Bereits drei Tage hatte er verloren, die Zeit lief
ihm davon.
‚Deine Familie ist wichtiger als alles
andre. Wenn du länger bleibst, wird es mich nur noch mehr schmerzen und du
wirst dich schuldig fühlen. Deshalb wirst du einen Tag früher gehen. Du bist
soweit.’
Seine Augen glitten über ihre Töpfchen
mit Heilmitteln, die Körbe voll getrockneter Kräuter und Früchte. Ihr Bogen,
mit dem er das Wildschwein geschossen hatte, lehnte in einer Ecke.
Der Schmerz
bei der Erinnerung schnürte ihm die Kehle zu.
’Sie
ist tot.’ dröhnte es immer wieder in seinem
Kopf.
Die
aufgebrochene Wunde am Arm pochte und schmerzte. Er hatte die Salbe
aufgetragen, aber bis jetzt half sie nicht. Wenigstens hatte sie die Folgen
der Platzwunde gelindert. Er hatte etwas von dem Opium genommen, um die
anfangs unerträglichen Kopfschmerzen zu betäuben.
Draußen
warteten die beiden Stuten, bepackt und getränkt. Er musste nur aufsitzen
und losreiten. Lange saß er vor dem Feuer, starrte in die Flammen.
Sie warfen
düstere Schatten auf sein ausdrucksloses, tränennasses Gesicht.
Tiefe Ringe
lagen unter seinen Augen, er hatte kaum geschlafen seit diesem furchtbaren
Morgen. Endlich erhob er sich, ging zum Ausgang.
Seine Bewegungen schienen die eines
wesentlich älteren Mannes zu sein.
Ein letzter
Blick in den Raum, auf sein Lager. Dann schloss er mit übertriebener
Sorgfalt die Tür, lehnte einige Augenblicke seine Stirn dagegen.
‚Viel
Name. Ich sagen Maximus. Gut?’ erklang das
Echo ihrer Stimme in seinem Kopf. Er ließ seinem Schmerz ein letztes Mal
freien Lauf.
Dann ging er
zu den Pferden. Er bestieg eine der Stuten, nahm die andre am Zügel und
machte sich auf nach Süden.
Der Stein
scheuerte ihr die Hand blutig, aber das spielte keine Rolle.
Verbissen rieb
sie den Strick seit Stunden über die scharfe Kante, spürte hin und wieder
wie winzige Fasern abrissen.
Glaberus und
Crixus schnarchten im Rausch einige Meter entfernt.
Den Stein
hatte sie aufgehoben, als sie auf dem Dorfplatz gefallen war.
Sie hatten sie
vorgestern morgen aus der Siedlung weggeschleppt.
Fiebernd war
sie vor Schwäche gestrauchelt, aber es war ihr gelungen den Stein, auf dem
sie schmerzhaft mit einem Knie gelandet war, unbemerkt in der Hand zu
verstecken. Später als die Gelegenheit günstig war, steckte sie ihn in ihren
Stiefel.
Sie lagerten
im Freien. Der Graue war gestern nacht zu ihr gekommen.
Teilnahmslos
hatte sie es über sich ergehen lassen.
Er tat ihr
weh, aber sie hatte keinen Laut von sich gegeben.
Es war ihr
lediglich schwer gefallen sich nicht unter dem grunzenden, stinkenden Mann
zu erbrechen. Sie konnte sich nicht waschen, ihre Blutung hatte eingesetzt.
Sie hatte
nichts, um sie aufzufangen. Noch niemals hatte sie sich so schmutzig und
abstoßend gefühlt in ihrem ganzen Leben.
Wenn sie es
nicht schaffte bis Morgengrauen die Fesseln durchzureiben, würden sie es
merken, sie bestrafen und wieder schärfer bewachen.
Ihre
vorgetäuschte Fügsamkeit hatte die Männer achtlos werden lassen.
Maximus war
nicht gekommen.
Alles in
Berane zog sich zusammen, Tränen quollen über ihr Gesicht.
Sie wusste
nicht einmal, ob er noch am Leben war.
Zweifellos war
er der Reiter gewesen. Aber warum hatte es so lange gedauert, bis er
zurückkam? Was war geschehen? Drei Tage waren vergangen.
Wenn er noch
lebte, war er sicher aufgebrochen.
Sie verdrängte
den Gedanken daran, dass er den beiden anderen begegnet sein könnte. Dass
sie ihm die Pferde weggenommen, ihn ausgeraubt und getötet oder schwer
verletzt haben könnten.
Berane
unterdrückte mühsam das krampfhafte Schluchzen, dass ihr das Atmen schwer
machte. Plötzlich riss der Strick mit einem dumpfen Ton, sie hatte die
Hände frei. Verblüfft starrte sie auf ihre Handgelenke, rieb sie.
Ihre Füße waren noch immer gefesselt.
Lautlos kroch sie Zentimeter um Zentimeter an Crixus heran. Schweiß bedeckte
bald ihre Stirn, sie hatte Mühe ihren angestrengten Atem zu dämpfen. Der
Dolch steckte normalerweise in seinem Gürtel. Glaberus schlief immer mit
der Waffe in der Hand.
‚Lieber sterbe ich bei dem Versuch, als weiter so zu vegetieren und dann
doch zu krepieren.’ dachte
sie bitter.
Beide hatten
viel getrunken, würden hoffentlich schwerer erwachen als sonst.
Crixus bewegte
sich im Schlaf, drehte sich auf den Rücken.
Berane
erstarrte, konnte ihr Glück kaum fassen, als der Dolch aus seinem Gürtel
rutschte und lautlos neben ihn fiel.
Sie schloss
die Augen, atmete tief ein. Ihre Hand bebte, als sie sich der Waffe näherte.
Mit einem Gefühl des Triumphes umfasste sie den Griff, wollte sie an sich
nehmen, als Crixus ihr Handgelenk packte.
Ein eisiger
Schreck durchfuhr sie.
Er sah sie
schockiert an, sie starrte wild zurück.
Berane wusste
später nicht mehr, wie der Dolch plötzlich in ihre andre Hand gekommen war.
Sie musste blitzschnell gewechselt haben.
Bruchteile von
Sekunden später steckte er tief in Crixus Kehlkopf.
Er griff sich
mit aufgerissenen Augen ungläubig an den Hals, gurgelte ein paar Mal, dann
verstummte er, sein Kopf fiel zurück.
Berane lag
starr, lauschte, bebend vor Schreck.
Glaberus
schnarchte noch immer.
Baldur hatte
ihr diesen Stich gezeigt. Sie hatte ihn noch niemals anwenden müssen.
Zitternd vor Ekel zog sie den Dolch aus Crixus Hals.
Es gab ein
schmatzendes Geräusch, dass sie fast zum Erbrechen brachte.
Sie war nicht
sicher, ob er tot war, aber im Moment schien er nicht gefährlich. Hastig
schnitt sie ihre Fußfessel durch, kroch zurück auf ihren Platz, überlegte
fieberhaft, ob sie jetzt einfach verschwinden sollte.
Dann fiel ihr
Blick auf den Eisenkessel, der auf mehreren Steinen über dem erloschenen
Feuer stand. Panik kam in ihr hoch.
Der Graue
würde sie sicher verfolgen.
„Du weißt was
dir blüht, wenn du zu fliehen versuchst.“ hörte sie seine Stimme in ihrem
Kopf. Er sah sie als sein Eigentum, seine Sklavin an.
Sie musste ihn
beseitigen. Qualvoll langsam bewegte sie sich zur Feuerstelle, richtete sich
zur Hocke auf, hob den Kessel an, die Waffe noch immer in der Rechten. Der
Kessel war schwer.
So vorsichtig
und lautlos wie möglich näherte sie sich mit ihrer Last Glaberus.
Er lag
seitlich abgewandt den Dolch in der Faust.
Berane
richtete sich auf, starrte einige Sekunden auf ihn hinunter.
‚Ich
kann das nicht tun.’ Wie versteinert stand
sie über dem Schlafenden.
Dann dachte sie voller Hass daran,
was er ihr angetan hatte, wie er sie gewürgt hatte. An seine herablassenden
Worte.
’Du kannst mir dankbar sein. Stell
dich nicht so an. Daran ist noch keine gestorben. Sei still oder ich mach
dich still.’
Die brutale
Rücksichtslosigkeit mit der er seine Gier an ihr gestillt hatte.
Dieser
weißglühende Zorn ballte sich wieder in ihr, riss sie mit sich.
Im nächsten
Moment schmetterte sie den Kessel mit aller Kraft auf ihn herab.
Es krachte
nass und widerlich.
Sie hatte die
Schläfe getroffen, zertrümmerte ihm dabei den Schädel.
Er riss mit
einem Röcheln Mund und Augen auf, zuckte wild und schlug unkontrolliert um
sich. Sie sprang zur Seite, holte noch einmal mit geschlossenen Augen aus,
spürte, dass sie ein zweites Mal getroffen hatte.
Als sie wieder
hinsah, lag der Graue reglos mit seitlich eingedrücktem, blutüberströmtem
Kopf und glasigen Augen. Crixus ächzte, bewegte sich.
Berane ließ
den Kessel fallen, sprang mit einem wilden Satz zu ihm, riss ohne
nachzudenken seinen Kopf herum und schnitt ihm die Kehle durch.
Sein Blut
schoss ihr warm über die Unterarme.
Keuchend ließ
sie den blutigen Dolch fallen, taumelte ein paar Schritte weg und brach in
die Knie. Ihre Hände und Arme waren bis zu den Ellbogen besudelt. Würgender
Ekel überkam sie.
Sie übergab
sich krampfhaft, stützte sich auf, kauerte lange mit ausdruckslosen Zügen
neben den beiden Leichen.
Schließlich
nahm sie wie in Trance den Proviant und die Wasserflaschen an sich.
Sie wusch sich
die blutigen Hände, das Gesicht, spülte ihren Mund vom Erbrochenen. Sie nahm
eines der Schwerter, band sich die Scheide um, die mit der Waffe darin beim
Feuer lag, wo der Graue sie abgelegt hatte.
Dann rollte
sie die Decke zusammen, um auch sie mitzunehmen.
Ein
Schwächeanfall ließ sie fast stürzen.
Gierig leerte
sie eine der Wasserflaschen, zwang sich etwas von dem gebratenen Fleisch aus
Crixus Proviantbeutel zu essen. Ihr Kopf schien völlig leer.
Das
Unterbewusstsein übernahm mehr und mehr die Kontrolle, ließ sie den Schock
und die körperlichen wie seelischen Wunden der letzten Tage aus Selbstschutz
nicht spüren.
„Ich muss nach
Hause.“ murmelte sie verwirrt, sah sich um.
“Wo bin ich?
Ich muss nach hause.“
Humpelnd
machte sie sich auf den Heimweg.
Gunthar stand
ratlos in Beranes verlassenem Unterschlupf.
Es sah aus,
als sei seit Tagen niemand hier gewesen.
Die Asche in
der Feuerstelle war alt und zusammengefallen.
Vor der Höhle
hatte er tiefe Hufspuren im weichen Boden bemerkt.
Mehrere Pferde
mussten längere Zeit hier gestanden haben.
Das Gras war
abgeweidet, hier und da lag zerfallender Pferdekot.
Ihre
persönlichen Dinge schienen noch da zu sein. Kräuter, ihre Salben und
Tinkturen. Felle, Decken. Ein schwerer Wollumhang wie ihn die Römer trugen,
lag auf einer breiten Schlafstätte. In einer Ecke lag eine wollene Hose aus
einem ähnlichen Stoff. Soldatenkleidung.
Gunthar spähte
hinter die Felle, die vor einem Durchgang hingen.
Ein
Kurzschwert und Ausrüstungsgegenstände der römischen Legion.
Er runzelte
die Stirn. Woher hatte sie dies alles? Und wo war sie??
Gunthar
entfachte ein Feuer, wärmte sich auf. Es war noch einmal kalt geworden.
Schneeregenschauer hatten ihn überrascht auf seinem mehrstündigen Marsch
hierher. Edred hatte ihm erklärt, wo er sie finden würde, hatte ihm wie
immer Brot und Milch für sie mitgegeben.
„Bring sie
mit, wenn du zurückkommst.“hatte sie ihn gebeten.
“Sie war zu lange allein. Sie hat seit
Baldurs Tod viel durchgemacht. Nimm sie zu dir.“ Gunthar hätte das liebend
gern getan, aber Berane schien ihm eher abweisend, als sie sich begegnet
waren.
Über eine
Woche war das her. Da sie nicht gekommen war, wie versprochen, beschloss er
zu ihr zu gehen, um sie zu überzeugen, dass Widos Tal der richtige Platz für
sie sei.
‚Ich werde
heute Nacht hier bleiben. Vielleicht kommt sie morgen zurück. Vielleicht
haben wir uns ja verfehlt und sie ist auf dem Weg ins Tal. Ich werde
warten.’
Er warf mehr
Holz aufs Feuer, hängte seinen feuchten Überwurf zum Trocknen an den
Rauchfang, aß von dem mitgebrachten Brot. Er dachte an Elsa, seine Frau.
Sie war
letzten Sommer gestorben. Seit dem Tod ihrer beiden Söhne vor bald 10 Jahren
war sie nie wieder dieselbe geworden. Seine früher so lustige, runde Elsa
war am Ende ein Schatten ihrer selbst gewesen. Eine heimtückische Krankheit
hatte sie von innen aufgezehrt, förmlich aufgefressen. Es war eine Erlösung
gewesen, als sie endlich sterben konnte. Für sie und für ihn.
Einen
geliebten Menschen ohne Hoffnung leiden zu sehen, war fast noch schlimmer
als seine Kinder zu verlieren. Ihre Tochter lebte mit Mann und Kindern im
nächsten Dorf, aber sie hatte ihm nicht verziehen, dass er damals ihre
jüngeren Brüder mit in den Kampf gegen die Römer genommen hatte. Er hätte
sie ohnehin nicht davon abhalten können und so hatte er sie wenigstens im
Auge gehabt. Dennoch waren sie gefallen und er hatte überlebt. Verletzt und
krank vor Trauer war er heimgekehrt. Sie hatte ihn bei seiner Rückkehr
verflucht, halb verrückt vor Kummer, hatte ihn zutiefst verletzt damit.
Seither gingen
sie sich aus dem Weg.
Nicht einmal
Elsa hatte sie versöhnen können.
So war ihm
nichts geblieben außer seinem eigenen Leben, seiner robusten Gesundheit und
dem Wunsch noch ein paar Jahre in Frieden unter Menschen, die er schätzte zu
erleben. Und er wollte nicht allein sein, er konnte es nicht.
Über dreißig
Jahre hatte er mit Elsa verbracht.
Berane hatte
niemand mehr. Er würde ihr ein Vater sein.
Und wenn sie
mehr in ihm sah, auch das.
Er sehnte sich
danach wieder eine Frau in den Armen zu halten.
Gunthar legte
sich hin, war am Einschlafen als er Geräusche hörte.
Etwas oder
jemand war am Eingang.
Bevor er sich
bewaffnen und nachsehen sehen konnte, ging die Tür auf.
Gunthar
versuchte im Halbdunkel etwas zu erkennen, das Feuer war fast erloschen. Die
Gestalt gab ein leises Flüstern von sich, näherte sich ihm vorsichtig. Er
verstand nicht was sie sagte, es klang wie die Sprache der Römer.
Verwirrt erhob
er sich, sprach den Eindringling an.
„Bist du es,
Berane?“
Es war eine
Frau. Mit Entsetzen sah er das von Schlägen verfärbte, hohläugige Gesicht.
Ein Auge war zugeschwollen und dunkel umrandet, die Oberlippe aufgeplatzt.
Die verwirrt blickenden Augen glänzten vor Fieber.
Erst jetzt
erkannte er, dass es wirklich Berane war.
Sie sah
furchtbar aus. Nach dem ersten Schreck stürzte er auf sie zu, konnte sie
gerade noch auffangen. Sie murmelte immer wieder dasselbe Wort, ließ ihn
nicht aus den Augen. Sie war krank.
Ihre Kleidung
war nass und ihr Körper glühte vor Fieber.
Vorsichtig
legte er sie auf den Schlafplatz. Sie rührte sich kaum, war aber bei
Bewusstsein. Apathisch ließ sie sich die nassen Sachen ausziehen.
Gunthar zog
sich das Herz zusammen, als er die dunklen Prellungen und aufgeschürften
Stellen an ihr bemerkte. Auf ihren Brüsten waren Bissmahle und ihr linkes
Auge war blutunterlaufen. Ihre Schenkel waren stellenweise schwarz und
blau, aber es gab keine offenen Wunden.
Sie war
relativ sauber, bis auf ihr Haar, das verfilzt und voller kleiner Blätter
und Kletten war. Schnell deckte er sie mit dem Wollstoff zu, legt Holz nach,
hängte einen Kessel übers Feuer, füllte ihn mit dem Wasser, das er in einem
großen Schlauch hinter dem Eingang gefunden hatte.
Minze und
Kamille aus ihren getrockneten Vorräten warf er in das sich erhitzende
Wasser, versuchte ihr während der nächsten Stunden davon einzuflößen.
Sie litt unter
Schüttelfrost im Wechsel mit Fieberschüben, sah ihn anfangs nur mit
verwirrten, unruhigen Augen an, als kenne sie ihn nicht.
Gunthar war
sehr besorgt. Manchmal sprach sie ihn mit einem fremden Namen an,
streichelte sein bärtiges Gesicht. Die Zärtlichkeit, die dann in ihren vor
Fieberwahn glänzenden Augen erkennbar war, rührte ihn , auch wenn er ahnte,
dass sie nicht ihn damit meinte. Ihren Verletzungen nach zu urteilen, war sie
vergewaltigt worden. Sein Herz zog sich zusammen, wenn er in
ihr armes geschundenes Gesicht sah.
Es dauerte
mehrere Tage, bis sie imstande war ihn zu Widos Tal zu begleiten.
Edred sah
Gunthar mitfühlend an, aber ihre Stimme klang fordernd.
„Du musst sie
gehen lassen.“
Der
Angesprochene hob die Hände in einer Geste, die Hilflosigkeit und Wut
deutlich erkennen ließ.„Sprich du mit ihr. Erst willigt sie ein bei mir zu
bleiben, dann das. Ich verstehe es nicht! Sie muss verrückt geworden sein.
Seit Eostre leben wir zusammen wie Mann und Frau“, er errötete ob seines
ungewollten Geständnisses, “und jetzt eröffnet sie mir, sie kann nicht länger
bleiben.
Will mit
Sigwulf, Thure und einigen anderen nach Süden.“
Der
grauhaarige Hüne war außer sich.
„Seit ihr das
zugestoßen ist, ist sie nicht mehr dieselbe.“
Edred musterte
ihn argwöhnisch. „Was meinst du damit ?“
„Hat sie es
dir nicht erzählt?“ fragte Gunthar verwundert.
‚Verzeih, ich will nur wissen, was du
weißt. Mir hat sie alles gesagt. Dir sicher nicht. Sie will dir nicht
wehtun und sie hat dich gebraucht nach all dem. Aber nun wird es Zeit für
sie ihre Reise anzutreten. Lieber, guter Gunthar, was soll ich dir sagen?
Wie soll ich dir das erklären? Etwas, dass ich selbst nicht verstehe. Ich
habe nur gesehen, dass es unabwendbar ist.’
„Dass sie von
römischen Deserteuren entführt und geschändet worden ist?“
Er nickte
bedrückt.
„Das weiß ich.
Schick sie zu mir. Wir werden die Runen legen.“ eröffnete ihm Edred.„Wirst
du.....“ begann Gunthar. Edred sah ihn scharf an.
„Was? Ihr das
sagen, das sie dazu bringt hier zu bleiben? Gunthar, wenn es nicht so sein
soll, nein. Ich werde mich nicht ins Schicksal einmischen. Wenn Berane gehen
muss, wird sie gehen. Und du wirst mir versprechen, sie gehen zu lassen.“
Ihr Gegenüber
sah sie vorwurfsvoll an. Edred seufzte.
„Sag Berane,
ich erwarte sie morgen, wann immer sie möchte.“
Berane sah
bedrückt zu Boden, als Gunthar hereinkam.
„Edred lässt
dich grüßen, sie bittet dich morgen zu ihr zu kommen.“
Er versuchte
gelassen zu klingen, setzte sich ans Feuer.
Gunthars Heim
war gut ausgestattet. Drei Räume gab es unter dem niederen Grasdach. Die
Schlafstätten waren dick gepolstert und Elsas Haushalt war reich bestückt
gewesen. Truhen mit hölzernem und tönernem Geschirr, Leinenkleidern, Hosen
und Hemden. Bänke, Hocker und Tische aus Buchenholz, wie die schwere
Eingangstür. Berane schöpfte ihm eine Schale aus dem dampfenden Kessel
voll, reichte sie ihm mit einem Löffel. Er nahm sie entgegen, begann stumm
den dicken Eintopf zu löffeln.
Berane hatte
Wochen gebraucht um sich von den Verletzungen und dem Fieber zu erholen.
Edred hatte sie einige Tage gepflegt, bis sie sich selbst versorgen konnte.
Gunthar hatte
sich rührend um sie gekümmert, sie vom ersten Tag wie eine Tochter
behandelt. Schuldgefühle stiegen wieder in ihr auf.
Sie hatte es
versucht, aber seine Fürsorge erstickte sie immer mehr, engte sie ein, seit
es ihr besser ging. Jeder Tag hier machte es schlimmer, steigerte ihre
Ruhelosigkeit.
Wenn er nicht
gekommen wäre, hätte sie das Fieber vielleicht nicht überlebt.
Sie hatte
mehrere Tage keine Erinnerung gehabt, nachdem sie überfallen worden war.
Ihr Instinkt hatte sie einen Tagesmarsch lang zu ihrem Versteck
zurückgeführt. Es hatte Momente gegeben in denen ihr Fieberwahn ihr
vorgaukelte der Mann, der an ihrem Lager saß, sei Maximus.
Maximus.
Die quälende
Ungewissheit seines Schicksals ließ sie nicht zur Ruhe kommen.
Lebte er noch?
Hatte er seine Familie retten können? Wo war er?
Hatte er die
Pferde und Waffen genommen oder jemand anderes?
Bald war der
zweite Vollmond seit dem Überfall.
Nach den
Eostrefeiern letzten Monat hatte sie das erste Mal Gunthars Lager geteilt.
Sie hatte es in einer Mischung aus Dankbarkeit und aus einer unbestimmten
Sehnsucht heraus getan. Er war sehr behutsam und rücksichtsvoll mit ihr
gewesen, überglücklich,
dass sie zu ihm gekommen war. Seither schlief sie meist bei ihm.
Es war beruhigend und angenehm in seinen Armen zu liegen, wenn sie aus einem
der Albträume erwachte, die allmählich seltener wurden Mehr empfand sie
nicht dabei. Es lag nicht an ihm.
Berane konnte
die Vereinigung nur noch erdulden, sie empfand keinen Genuss dabei. Das war
ihr schnell bewusst geworden.
Sie konnte es
nicht verbergen vor Gunthar. Ihm war klar, dass es an dem lag, was ihr
zugestoßen war und er hoffte sie würde früher oder später darüber
hinwegkommen. Er bedrängte sie nie.
Wenn sie
willens schien, ging er dankbar darauf ein, sonst hielt er sie einfach im
Arm, genoss ihre Nähe. So waren sie sich nahe gekommen und er war zufrieden
mit der Situation.
Bis Berane ihm
eröffnet hatte, dass sie gehen müsse. Für eine gewisse Zeit.
Dann würde sie
zurückkehren. Sie wich seinen Fragen aus, erklärte es damit, dass hier zu
viele Erinnerungen wach waren an Dinge, die sie vergessen wolle.
Dass sie Zeit
brauche.
„Bist du noch
immer entschlossen zu gehen?“ wollte er wissen, sah sie mit einem hilflosen
Ausdruck an. Berane stellte sich hinter ihn, legte ihm die Hände auf die
Schultern.„Ich wollte, ich könnte dir eine andre Antwort geben.“ begann sie
leise. “Ich fühle mich nicht gut dabei, Gunthar. Es liegt nicht an dir. Wenn
ich bleiben könnte, von Herzen gern würde ich mit dir zusammen sein. Aber
ich muss das hier eine Weile hinter mir lassen. Ich verspreche, ich kehre
zurück.
Aber lass
mich gehen.“ erklärte sie schuldbewusst.
Er seufzte. „Berane,
du weißt, ich habe dich sehr lieb gewonnen. Wovon willst du leben? Das Geld
vom Verkauf der Ausrüstungen und Waffen wird nicht ewig reichen.“„Ich werde
meine Dienste als Heilerin anbieten und mich dafür mit Essen und einem
Schlafplatz entlohnen lassen, das habe ich bisher auch getan. Ich bin ein
einfaches Leben gewöhnt, es macht mir nichts aus. Und es ist bald Sommer.
Spätestens vor dem Winter kehre ich zurück.“
Gunthar
schüttelte missbilligend den Kopf.
Vielleicht
würden die Runen ihr etwas sagen, dass sie doch noch davon abhielt.
Berane hatte
ihm nur die halbe Wahrheit gesagt. Sie hatte vor mit einer Gruppe junger
Männer, die Zuchtvieh kaufen wollten nach Süden zu ziehen, um etwas über
Maximus Schicksal in Erfahrung zu bringen. Jemand musste ihn gesehen haben.
Sie wollte Hinweise finden, als würde dies den Abschied aufwiegen, der ihr
versagt geblieben war. Was sie Gunthar gesagt hatte, war nicht gelogen, aber
es war nicht der wahre Grund. Wie sollte sie ihm das erklären?
Es war besser,
wenn er es nicht wusste.
Sie würde vor
dem Winter zurückkehren. Sie hätte sich nie dazu entschlossen, wären da nicht
diese quälenden Fragen, die sie nicht losließen.
Sie musste es
wenigstens versuchen. Wenn sie auseinander gegangen wären wie vorgesehen,
hätte sie einfach warten können, ob Nachricht von ihm käme. Irgendwann. Und
wenn nicht, hätte sie es akzeptiert.
Jahre später
wäre es sehr schwierig gewesen nachzuforschen.
Jetzt machte
es noch Sinn für sie. Vielleicht konnte sie bei den römischen Besatzern
etwas erfahren. Wenn er wirklich ein so wichtiger Mann hier gewesen war,
würden sie vielleicht etwas wissen.
Edred sah
Berane kommen. Sie trug ein dunkles Leinenkleid mit einem ledernen Gürtel,
das Haar zu einem Zopf geflochten.
Ihr Gesicht
trug noch immer die Spuren der letzten Wochen.
Die Blessuren
waren natürlich verheilt, aber unter ihren Augen lagen dunkle Schatten und
ihre Wangenknochen traten schärfer hervor, als Edred es
in Erinnerung hatte.
‚Sie hat große Ähnlichkeit mit Hildur,
meiner alten Freundin. Und sie scheint ihre Talente geerbt zu haben.
Heilkunst und Hellsicht.’
Berane trat
wortlos ein . Edred setzte sich zu ihr.
„Gunthar war
bei mir.“ eröffnete sie das Gespräch.
Berane nickte
stumm.
„Ich will,
dass du ein letztes Mal die Runen befragst, bevor du aufbrichst. Vieles ist
geschehen. Vielleicht hat es keinen Sinn zu gehen. Sieh selbst.“
Sie holte den
Runenbeutel, schüttelte ihn, hielt ihn Berane hin.
Deren Blick
war furchtlos und ruhig. Sie griff hinein und legte den Stein auf das raue
Holz des Tisches. Es war die Rune Uruz.
Edred
stutzte, lachte leise in sich hinein.
„Du bist dir
deiner Sache sehr sicher, Kind. Nicht wahr?“
Berane sah sie
verwundert an.
„Nein, Edred.
Aber ich weiß, dass ich es tun muss, um Frieden zu machen damit. Diese
Begegnung war das Seltsamste und Wunderbarste, was mir bisher widerfahren
ist. Ich muss es versuchen. Dann werde ich hier in Ruhe leben können.
Gunthar ist ein guter Mann, du hattest recht. Er versteht es nicht, aber er
wird mich gehen lassen. Ich habe ihm versprochen zurückzukehren vor dem
Winter.“
Edred musterte
ihre Züge. Sie hatte sich verändert.
In ihren
klaren Augen lag manchmal eine erschreckende Härte.
Nur Edred
wusste, was mit den beiden Deserteuren geschehen war.
Sie nahm
Beranes Hände, drückte sie innig.
„Finde wonach
du suchst und kehre wohlbehalten zurück...“
„Wann werdet
ihr aufbrechen?“ fragte Gunthar leise.
Berane packte
ihre Habseligkeiten zusammen, schaute zu ihm hinüber.
Es war spät,
er hatte sich vor einer Weile hingelegt, sah ihr zu.
"Morgen früh.“
erwiderte sie knapp.
„Berane, du
verschweigst mir den wahren Grund. Was ist geschehen?
Ich spüre,
dass du nicht bei mir bist, auch wenn ich dich in den Armen halte.
Es ist nicht
nur, was dir die Römer angetan haben. Du hättest nicht zu mir kommen müssen.
Und es bereitet dir keine Freude.“ Seine Stimme klang verletzt.
Sie legte das
fertig gepackte Bündel hin, trat zu ihm. Dann kniete sie hin.
Sie
streichelte das wettergegerbte Gesicht, sah ihm eindringlich in die dunklen
Augen. „Gunthar, ich verspreche dir, wenn ich zurück bin, wirst du alles
erfahren. Ich bin es dir schuldig. Jetzt kann ich es noch nicht. Vertrau
mir. Wenn ich könnte, würde ich bei dir bleiben.“ Sie streifte ihr Kleid
über den Kopf.
Er sah sie
nachdenklich an, hob die Decke, ließ sie neben sich schlüpfen.
Warm und weich
schmiegte sie sich an ihn, ließ sich bereitwillig küssen.
„Ich habe dich
gebraucht, deshalb kam ich. Und ich habe es nicht bereut.“ erklärte sie.„Es
tut mir sehr leid, dass ich dich enttäuschen muss. Ich tue es nicht gern. Du
hast recht, ich denke nicht an dich, wenn du mich umarmst. Ich fühle
mich schuldig dafür. Aber jetzt bin ich nur bei dir, mein Freund. Das ist mein
Dank und unser Abschied.“
Es war das
erste Mal, dass die Initiative von ihr ausging.
Gunthar zog
sie voll freudigem Erstaunen an sich, sie begann ihn zu küssen. Drängend,
erregend, wie er es von ihr nicht kannte, presste sie sich an ihn, stachelte
sein Verlangen mit gezieltem Streicheln an. Sie ging auf ihn ein, lag nicht
einfach in seinen Armen wie sonst, schien bemüht ihm Vergnügen zu bereiten.
Er wusste, dass sie es ihm zuliebe tat und nahm es dankbar an.
Als er am nächsten Morgen erwachte, war sie fort.
An ihrer
Statt lag als Abschiedsgruß eine frisch gepflückte Ranke mit hellblauen,
glockenförmigen Blüten, die er als ‚Freyas Blume’
kannte.
Beranes Lied*
Manchmal führt
ein Gedanke auf einen Pfad.
Den dir die
Götter weisen...
Manchmal ist
ein Gefühl der Beginn einer Tat.
Die dir
seltsam erscheint...
Aus den Tiefen
des Herzens...
Triffst du
deine Wahl...
Und der Himmel
schweigt...
Dann wird
manchmal hell, was sonst dunkel erscheint
Wenn du
erwachst und verstehst...
Alles ändert
sich, alles bewegt...
Sich im Kreis
der Gezeiten
Unendliche
Weiten...
Aus Wasser,
Sand und Stein
Denk an mich
und du bist nicht mehr allein
Manchmal wirkt
ein Wort wie eine Waffe.
Die tödlich
ist wie ein Schwert...
Manchmal ist
die Suche der Beginn einer Jagd.
Die dich führt
bis ans Ende der Welt...
Aus den Tiefen
der Seele....
Steigt die
Wahrheit empor...
Dann wirst du
sehen...
Dass du
manchmal sterben musst, um zu leben.
Wenn du
erwachst und verstehst...
Alles ändert
sich, alles bewegt...
Sich im Kreis
der Gezeiten
Unendliche
Weiten...
Aus Wasser,
Sand und Stein
Denk an mich
und du bist nicht mehr allein
*
Genadis2003-06-22
Tausend Dank
an meinen Editor für dieses wunderbare Gedicht. M.L.
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