Germanien V

Als die Frau sich näherte, gab der grauhaarige Anführer seinen Begleitern einen Wink. Die anderen drei Deserteure gingen lautlos in Deckung, verstummten.
 Er hatte sie vor Tagen schon einmal  gesehen, zu Pferd.
Etwa eine Stunde Fußmarsch von hier war sie an ihm vorbeigeritten.
Sie lagerten seit gestern Abend, hatten die naheliegende Siedlung plündern wollen, gehofft dort Pferde zu finden.
Wenigstens das eine, auf dem er sie gesehen hatte.
Aber sie hatten das Dorf verlassen vorgefunden. Es konnte nicht lange her sein, dass die Bewohner fort waren. Alte Asche in den Feuerstellen, Spuren überall.
Er hatte den anderen nichts gesagt davon, wollte sie für sich.
Aber jetzt blieb ihm keine Wahl. Sixtus würde sie, ohne mit der Wimper zu zucken, abstechen, wenn alle mit ihr durch sein würden.
Es sei denn er hinderte ihn daran. Glaberus wollte sie mitnehmen, zum mindesten bis sie lästig wurde. Sie konnte für sie kochen, waschen.
Er hatte lange keine Frau mehr gehabt. Und er teilte nicht gern.
 Sie war noch jung, erinnerte ihn an eine der Lagerhuren, die er oft besucht hatte, als er vor Jahren  in Vetera  stationiert gewesen war.
Er hatte sie damals gefragt ob sie mit ihm kommen wolle, in der naiven Annahme sie würde zustimmen. Sie war immer freundlich gewesen, im Gegensatz zu anderen Dirnen. Aber die Frau vom Stamm der Batavier hatte ihn nur verwundert angesehen und gelacht.
„Du Römer. Feind. Ich nur dein Geld. Geh. Nicht dein Land.“hatte sie ihm förmlich ins Gesicht gespieen. Ihre hübschen Züge hatten sich plötzlich  in eine hasserfüllte Fratze verwandelt und ihr höhnisches Lachen hatte ihn lange verfolgt.

Die Frau  ging zielsicher auf den Weiher zu. Als sie sich zu entkleiden begann, suchte er die Umgebung nach Begleitern ab, aber sie schien alleine zu sein.
 Woher kam sie? Sie musste hier irgendwo  ein Versteck haben.
Es war zu weit von der nächsten Siedlung.
Eine Frau allein hier im Wald? Das war ungewöhnlich. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Sie stieg  bis zur Taille ins Wasser, begann sich zu waschen.
Sein Blick blieb lüstern an ihren Brüsten hängen.

 
Unruhig wälzte Meridius sich hin und her. Er konnte nicht mehr einschlafen,
stand auf. Es war  noch dämmrig. Berane war sicher zum Weiher gegangen.
‚Wir haben  nur noch ein paar Stunden .’ dachte er bedauernd.
Hastig schlüpfte er in seine Kleider, folgte ihr.

Berane stieg gerade fröstelnd aus dem Wasser, als sie Meridius kommen sah.
Sie wollte ihm zuwinken, als sich eine Hand auf ihren Mund presste, ihren Aufschrei erstickte. Sie sah noch wie er jäh in der Bewegung erstarrte.
Ein eisenharter Arm hatte sie derb um die Mitte gepackt, der Angreifer wollte sie mit sich ziehen. Mit aller Kraft biss sie in die Hand, als sie den Schreckmoment überwunden und erfasst hatte was geschah.
Der Angreifer fluchte, stieß sie von sich. Sie fiel auf die Knie, sah sich von mehreren Männern in Uniform umringt. Lähmende Panik überkam sie.
‚Sie werden ihn töten, wenn sie ihn entdecken.’schoss es ihr durch den Kopf, trieb sie wieder an. Sie rappelte sich auf, der Kreis wurde enger, schloss sich um sie, wie um ein gefangenes Tier.
Meridius entsetztes Gesicht tauchte kurz hinter einem Baumstamm auf, einen Steinwurf entfernt.„Bleib weg!! Sie töten dich!“ schrie sie gellend in ihrer Sprache. Dann rissen die Männer sie zu Boden. Sie wehrte sich mit der Kraft der Verzweiflung, trat, biss, kratzte, bis ein heftiger Hieb an den Kopf ihr die Besinnung raubte.

Ihm gefror das Blut in den Adern, als er den Legionär aus dem Nichts hinter Berane treten, sie packen sah. Impulsiv wollte er ihr zu Hilfe eilen, griff an seine Seite nach einer Waffe, aber seine Hand langte ins Leere.
Dann sah er die anderen drei Männer.
Deserteure oder Plünderer in gestohlenen Uniformen.
Sie konnte sich losreißen, fiel auf die Knie, stand wieder auf, schrie eine verzweifelte Warnung auf Germanisch. Sie hatte ihn kommen sehen.
 Dann wurde sie niedergeworfen.
So schnell als möglich, schlich er heran, wog verzweifelt seine Chancen ab.
Vier Bewaffnete. Sie leistete erbittert Widerstand.
Jede Faser in ihm wollte zwischen sie stürmen, aber Berane hatte recht.
Als er die Prätorianer tötete , war mehr als Glück im Spiel gewesen und er hätte es ohne sie nicht überlebt. Ein unbewaffneter Angriff auf vier Gegner konnte sie beide das Leben kosten. Wie von Furien gejagt, hetzte er zurück, zerrte eines der verpackten Schwerter aus  dem Bündel, griff sich einen Dolch  und schwang sich auf eine der verstört hin und her tänzelnden Stuten.
Erbarmungslos trieb er das Tier  an. Ihm war klar, was mit ihr geschah.
Er konnte nur hoffen, dass sie sie am Leben ließen, bis er dort war.
Die Braune raste verängstigt zwischen den Bäumen hindurch, brutal hieb er ihr die Fersen in die Flanken. Ein Vogel flatterte aufgeschreckt um ihren Kopf, sie stieg, wieherte schrill in panischer Angst.
Meridius spürte, wie er die Gewalt über das Pferd verlor.
Sie machte einen Satz, warf ihn ab. Er stürzte hart, prallte mit der Schläfe gegen einen Baum. Schreckliche Übelkeit stieg in ihm auf. Dann sackte er zusammen, verlor die Besinnung.

Ein Schwall kalten Wassers holte Berane aus ihrer Bewusstlosigkeit. Sie versuchte die Augen zu öffnen, es gelang ihr nur zum Teil. Das linke Lid war zugeschwollen durch einen Fausthieb. Sie richtete sich auf, musste sich im nächsten Moment übergeben, würgte und hustete. Ihr Körper war ein einziger Schmerz.
Sie war nackt, Prellungen , Kratzer und Schürfwunden wohin sie sah. Ihr Kopf schien unter einen Steinschlag geraten zu sein. Im Schock rollte sie sich  Schutz suchend zusammen. Jemand warf ihre Kleider vor sie hin.
Eine barsche Männerstimme befahl ihr auf Latein, sich anzuziehen.
Stöhnend hob sie den Kopf zu dem Sprecher. Es war der Mann, der sie angegriffen hatte. Er war allein. Ein grauhaariger, hagerer Haudegen mit einer auffallenden Narbe auf der Stirn. Seine Miene war  zunächst unerbittlich, wurde ein wenig weicher, als sie von Weinkrämpfen geschüttelt, versuchte sich anzukleiden. Mühsam streifte sie ihren Kittel über. Als sie die Beine anzog , um in die Hose zu schlüpfen, sah sie das Blut und die Flüssigkeit auf der Innenseite ihrer Schenkel.
Glaberus bemerkte ihren entsetzten Blick.
Sie hob den Kopf, sah ihn fassungslos und anklagend an, hilflose Pein in ihrem zerschundenen, anschwellenden Gesicht. Er verspürte den Wunsch sie zu schlagen unter  dem Gericht dieser vorwurfsvollen Augen.
Berane sah instinktiv wieder zu Boden, als sie sein zorniger Blick traf.
Wie ein Tier, das von einem stärkeren Gegner bedroht wird.
„Bitte“ flüsterte sie demütig, “Waschen. Ich Blut. Bitte.“
Glaberus packte sie derb am Arm, zog sie hoch.„Geh. Aber wenn du versuchst zu fliehen, bist du Futter für die Wölfe.“warnte er sie kalt.
‚Er will mich lebend, sonst wäre ich längst tot. Maximus. Wo ist Maximus??’
Sie sah sich verstohlen um. ‚Haben sie ihn entdeckt??’
Eisige Klauen schienen sich um ihr Herz zu legen.
Zitternd stieg sie bis zu den Knien ins Wasser, wusch sich die oberflächlichen Spuren der Vergewaltigung ab. Es brannte, sie hatte Schmerzen im Unterleib,
als stäche jemand mit einem Messer in sie. Wenigstens hatte sie es nicht miterleben müssen. Der Graue winkte sie ungeduldig ans Ufer.
Krampfhaft schluchzend zog sie sich an. Glaberus band ihr die Hände mit einem Strick zusammen.„Stell dich nicht so an, Weib. Du bist nicht die erste und nicht die letzte, der das passiert. Daran ist noch keine gestorben. Du kannst mir dankbar sein. Wäre ich nicht gewesen, lägst du jetzt mit durchschnittener Kehle im Gebüsch. Du kommst mit. Wenn du nett zu mir bist, lasse ich dich vielleicht irgendwann laufen.“ erklärte er selbstgefällig.
Berane wollte ihn töten, als sie verstanden hatte.
Weißglühender Zorn überlagerte plötzlich ihre Schmerzen, ihren Schock, gab ihr wieder Kraft. Aber sie zeigte es nicht. Schluchzend und zitternd stolperte sie hinter ihm her einem ungewissen Ziel entgegen.

Meridius stützte sich benommen gegen einen Baumstamm.
Starker Schwindel und heftige Übelkeit peinigten ihn. Seine Schläfe war feucht vom Blut der Platzwunde. Die Stute war verschwunden. Er sah zum Himmel.
Die Sonne stand hoch in Südost.
‚Es muss mindestens eine Stunde  vergangen sein. BERANE.’ durchzuckte ihn die Erkenntnis wie ein Blitz. Ruckartig richtete er sich auf.
Die Stute war sicher zurückgelaufen, nachdem sie ihn abgeworfen hatte.
Nach wenigen Schritten musste er sich übergeben. Er zwang sich wieder auf, eilte so schnell als möglich durch den Wald.
Die Pferde grasten, beäugten ihn misstrauisch.
Stöhnend vor Übelkeit bewaffnete er sich erneut, bestieg die andre Stute.
Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen rechten Arm, als er die Zügel griff.
Ein langer Splitter war durch die Schulternaht des Hemdes tief in die Narbe gedrungen. Er riss ihn achtlos heraus, spürte das Blut herab rinnen, während er zum Weiher ritt. Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er abstieg.
 Vorsichtig nähert er sich dem Gewässer. Es war still und friedlich.
Nur das plattgetretene Gras am Ufer zeugte von dem Akt der Gewalt, der dort stattgefunden hatte. Mit bangem Herzen durchsuchte er das Gestrüpp und den Uferbereich, watete ins Wasser. Jeden Moment fürchtete er auf Beranes leblosen Körper zu stoßen. Aber er fand nichts.
Sie hatten sie mitgenommen.
Er suchte nach Spuren. Als er das Pferd wieder bestieg, liefen ihm Tränen übers Gesicht. Er machte seiner Wut und Hilflosigkeit mit einem wilden, klagenden Schrei Luft. Dann nahm er die Verfolgung auf.

Glaberus erstarrte, riss Berane an ihren Fesseln hinter einem Busch zu Boden, presste ihr die Hand auf den Mund. Sie hörte Schnauben, Pferdehufe auf weichem Waldboden. Ein Reiter passierte sie in wenigen Metern Entfernung.
’MAXIMUS! Er muss es sein.’ Sie gebärdete sich wie rasend um den Mund frei zu bekommen, aber ihr Entführer würgte sie erbarmungslos.
Nach Luft schnappend, sah sie das Messer in der Hand des Grauen.
„Sei still oder ich mach dich still.“ drohte er.
Das Hufgetrappel wurde leiser, hörte ganz auf.
Ohnmächtiger Zorn wallte wieder ihn ihr auf.‚Ich werde dich töten, Grauer.’
Teilnahmslos ließ sie sich hinter ihm herzerren. Nach einer Stunde erreichten sie die verlassene Siedlung. Die anderen drei hatten sich bereits in einer der großen Hütten eingerichtet, saßen um die Feuerstelle.
Lautstark begrüßten sie ihren Anführer.
„Da kommt ja unser Liebhaber! Hättest sie abstechen sollen, Glaberus.
Mach sie los, sie soll die Karnickel für uns braten.“johlten sie.
„Dann kannst du es ihr noch mal besorgen. Vielleicht bleibt sie ja diesmal bei Bewusstsein und wir müssen es  diesmal mit keinem verdammten Leichnam treiben.“ Brüllendes Gelächter.
Berane schloss zitternd vor Ekel und Wut die Augen.
Glaberus schnaubte verächtlich. “Ihr Dummköpfe. Sie kann uns von Nutzen sein. Sie scheint mich zu verstehen. Keiner von euch Hurensöhnen rührt sie mehr an, oder ihr bekommt mein Schwert zu spüren. Ich habe sie hierher gebracht.
Sie gehört mir. Ihr hättet sie aufgeschlitzt und verrecken lassen, dumme Tiere, die ihr seid.“ Berane bemerkte die Autorität in seiner Stimme.
„Der einzige Nutzen liegt zwischen ihren Beinen und da war ich heute schon.“ grölte Sixtus, ein derber, noch junger Mann mit brutalen, verlebten  Zügen.
Glaberus schlug ihm blitzschnell den Knauf seines Schwertes an die Schläfe.
Der Angegriffene fiel zu Boden wie ein Sack.
„Das wird dich lehren , mich zu verspotten, du Haufen Kameldung aus Syrien.“ meinte er mit Genugtuung. Berane beobachtete befremdet das Geschehen.
Der Graue schien  der Anführer, hatte sein Vorrecht klar verteidigt. Die beiden anderen lachten unsicher, hüteten sich einzugreifen.
Sixtus erhob sich stöhnend, warf Glaberus wütende Blicke zu, fügte sich murrend.
Der Graue löste ihre Fesseln, befahl ihr sich zu setzen. Sie kauerte sich in eine Ecke, starrte in die Flammen, um ihren verstörten Geist zu sammeln, ihre Angst unter Kontrolle zu bekommen.
Der Graue gab ihr Wasser, später als sie die Karnickel brieten sogar etwas von dem  Fleisch. Sie hatten Wein dabei, begannen zu trinken. Berane schlief trotz des Lärms irgendwann erschöpft ein.
Sie schreckte auf, als ein schwerer Körper sich auf sie zu wälzen versuchte.
„Na, mein Täubchen. So müde. Ich habe da was , das dich munter macht.“ lallte ihr Sixtus ins Ohr. Er stank nach Wein, und nach sich selbst.
Sie schrie, trat, versuchte ihn von sich zu schieben.
Er lachte nur, zerrte an ihrer Hose. Plötzlich wurde er weggerissen.
Der Graue hatte ihn gepackt, schlug ihm wutentbrannt die Faust ins Gesicht.
„Mach das du wegkommst! Verschwinde! Ich habe deine Quertreibereien satt!
Und nimm deinen Kumpan dort gleich mit!“ brüllte er, wies  auf einen Jüngeren, Dunkelhaarigen, der etwas dümmlich dreinschaute. Sixtus fluchte und rappelte sich auf. Er wagte nicht Glaberus anzugreifen. Stattdessen winkte er seinem Freund und sie verschwanden wortlos.
Berane krabbelte wieder in ihre Ecke, umschlang ihre Knie schützend mit den Armen, wiegte sich hin und her. Der Graue fesselte sie an Händen und Füssen,
sah sie finster an. „Du weißt, was dir blüht, wenn du zu fliehen versuchst.Schlaf jetzt.“ Er warf ihr eine  schmutzige Decke hin und legte sich neben seinen verbliebenen Gefährten.
‚Maximus, komm jetzt. Sie sind nur noch zu zweit. Ich bin hier. Hilf mir.’
sandte sie einen stummen, verzweifelten Hilferuf hinaus in die Nacht.
Sie murmelte es vor sich hin wie ein Gebet, wieder und wieder, bis ihr die Augen zufielen. ’HILF MIR’

Zwei Tage später, frühmorgens, saß Meridius in der Uniform eines Prätorianers am Feuer. Seine Züge waren wie versteinert. Eine Reitstunde von hier hatte er gestern zwei der Deserteure aufgestöbert. Einen hatte er ohne Zögern niedergestreckt, den anderen überwältigte er, verschonte ihn  aber zunächst.
Er zwang ihn ihm zu sagen, was mit der Frau geschehen war, wo die anderen beiden waren.
“Wir haben die Hure aufgeschlitzt und in den Fluss geworfen. Wo die andren sind, weiß ich nicht. Wir haben uns getrennt.“ spie ihm Sixtus bösartig ins Gesicht, da er sich sicher war, dass ihn der andre ohnehin töten würde und um der Folter zu entgehen. Also war sie doch nicht allein gewesen.
Der Angreifer war ohne Zweifel Römer, trug aber die landesübliche Kleidung.
Zu mehr Lügen kam er nicht. Meridius schnitt ihm  wortlos die Kehle durch und ritt zurück. Unermüdlich suchte er die Gegend ab, wagte sich in die Siedlung.
 Es war gefährlich für ihn, aber vielleicht wusste dort jemand etwas.
Sie war verlassen. Er war verwirrt. Berane hatte gesagt sie würde ins Dorf gehen, aber hier war niemand. Waren die Bewohner vor den Plünderern geflohen?
Er fand frische Fußspuren, schöpfte Hoffnung, aber sie verloren sich  mehr und mehr nach einem starken Regenguss. Berane blieb wie vom Erdboden verschluckt.
Hatte der Deserteur die Wahrheit gesagt? Er wollte es nicht glauben.
Er musste eine Entscheidung treffen. Bereits drei Tage hatte er verloren, die Zeit lief ihm davon.
‚Deine Familie ist wichtiger als alles andre. Wenn du länger bleibst, wird es mich nur noch mehr schmerzen und du wirst dich schuldig fühlen. Deshalb wirst du einen Tag früher gehen. Du bist soweit.’
Seine Augen glitten über ihre Töpfchen mit Heilmitteln, die Körbe voll getrockneter Kräuter und Früchte. Ihr Bogen, mit dem er das Wildschwein geschossen hatte, lehnte in einer Ecke.
Der Schmerz bei der Erinnerung schnürte ihm die Kehle zu.
’Sie ist tot.’ dröhnte es immer wieder in seinem Kopf.
Die aufgebrochene Wunde am Arm pochte und schmerzte. Er hatte die Salbe aufgetragen, aber bis jetzt half sie nicht. Wenigstens hatte sie die Folgen der Platzwunde gelindert. Er hatte etwas von dem Opium genommen, um die anfangs unerträglichen Kopfschmerzen zu betäuben.
Draußen warteten die beiden Stuten, bepackt und getränkt. Er musste nur aufsitzen und losreiten. Lange saß er vor dem Feuer, starrte in die Flammen.
Sie warfen düstere Schatten auf sein ausdrucksloses, tränennasses Gesicht.
Tiefe Ringe lagen unter seinen Augen, er hatte kaum geschlafen seit diesem furchtbaren Morgen. Endlich erhob er sich, ging zum Ausgang.
Seine Bewegungen schienen die eines wesentlich älteren Mannes zu sein.
Ein letzter Blick in den Raum, auf sein Lager. Dann schloss er mit übertriebener Sorgfalt die Tür, lehnte einige Augenblicke seine Stirn dagegen.
‚Viel Name. Ich sagen Maximus. Gut?’ erklang das Echo ihrer Stimme in seinem Kopf. Er ließ seinem Schmerz ein letztes Mal freien Lauf.
 Dann ging er zu den Pferden. Er bestieg  eine der Stuten, nahm die andre am Zügel  und machte sich auf nach Süden.

 

Der Stein scheuerte ihr die Hand blutig, aber das spielte keine Rolle.
Verbissen rieb sie den Strick seit Stunden über die scharfe Kante, spürte hin und wieder wie winzige Fasern abrissen.
Glaberus und Crixus schnarchten im Rausch einige Meter entfernt.
Den Stein hatte sie aufgehoben, als sie auf dem Dorfplatz gefallen war.
Sie hatten sie vorgestern morgen aus der Siedlung weggeschleppt.
Fiebernd  war sie vor Schwäche gestrauchelt, aber es war ihr gelungen den Stein, auf dem sie schmerzhaft mit einem Knie gelandet war, unbemerkt in der Hand zu verstecken. Später als die Gelegenheit günstig war, steckte sie ihn in ihren Stiefel.

Sie lagerten im Freien. Der Graue war gestern nacht  zu ihr gekommen.
Teilnahmslos hatte sie es über sich ergehen lassen.
Er tat ihr weh, aber sie hatte keinen Laut von sich gegeben.
Es war ihr lediglich schwer gefallen sich nicht unter dem grunzenden, stinkenden Mann  zu erbrechen. Sie konnte sich nicht waschen, ihre Blutung hatte eingesetzt.
Sie hatte nichts, um sie aufzufangen. Noch niemals hatte sie sich so schmutzig und abstoßend gefühlt in ihrem ganzen Leben.
Wenn sie es nicht schaffte bis Morgengrauen die Fesseln durchzureiben, würden sie es merken, sie bestrafen und wieder schärfer bewachen.
Ihre vorgetäuschte Fügsamkeit hatte die Männer achtlos werden lassen.

Maximus war nicht gekommen.
Alles in Berane zog sich zusammen, Tränen quollen über ihr Gesicht.
Sie wusste nicht einmal, ob er noch am Leben war.
Zweifellos war er der Reiter gewesen. Aber warum hatte es so lange gedauert, bis er zurückkam? Was war geschehen? Drei Tage waren vergangen.
Wenn er noch lebte, war er sicher aufgebrochen.

Sie verdrängte den Gedanken daran, dass er den beiden anderen begegnet sein könnte. Dass sie ihm die Pferde weggenommen, ihn ausgeraubt und getötet oder schwer verletzt haben könnten.
Berane unterdrückte mühsam das krampfhafte Schluchzen, dass ihr das Atmen schwer machte. Plötzlich riss der Strick mit einem dumpfen Ton, sie hatte die Hände frei. Verblüfft starrte sie auf ihre Handgelenke, rieb sie.
Ihre Füße waren noch immer gefesselt. Lautlos kroch sie Zentimeter um Zentimeter an Crixus heran. Schweiß bedeckte bald ihre Stirn, sie hatte Mühe ihren angestrengten Atem zu dämpfen. Der Dolch steckte  normalerweise in seinem Gürtel. Glaberus schlief immer mit der Waffe in der Hand.
‚Lieber  sterbe ich bei dem Versuch, als weiter so zu vegetieren und dann doch zu krepieren.’ dachte sie bitter.
Beide hatten viel getrunken, würden hoffentlich schwerer erwachen als sonst.
Crixus bewegte sich im Schlaf, drehte sich auf den Rücken.
Berane erstarrte, konnte ihr Glück kaum fassen, als der Dolch aus seinem Gürtel rutschte und lautlos neben ihn fiel.
Sie schloss die Augen, atmete tief ein. Ihre Hand bebte, als sie sich der Waffe näherte. Mit einem Gefühl des Triumphes umfasste sie den Griff, wollte sie an sich nehmen, als Crixus ihr Handgelenk packte.
Ein eisiger Schreck durchfuhr sie.
Er sah sie schockiert an, sie starrte wild zurück.
Berane wusste später nicht mehr, wie der Dolch plötzlich in ihre andre Hand gekommen war. Sie musste blitzschnell  gewechselt haben.
Bruchteile von Sekunden später steckte er tief in Crixus Kehlkopf.
Er griff sich mit aufgerissenen Augen ungläubig an den Hals, gurgelte ein paar Mal, dann verstummte er, sein Kopf fiel zurück.
Berane lag starr, lauschte, bebend vor Schreck.
Glaberus schnarchte noch immer.
Baldur hatte ihr diesen Stich gezeigt. Sie hatte ihn noch niemals anwenden müssen. Zitternd vor Ekel zog sie den Dolch aus Crixus Hals.
Es gab ein schmatzendes Geräusch, dass sie fast zum Erbrechen brachte.
Sie war nicht sicher, ob er tot war, aber im Moment schien er nicht gefährlich. Hastig schnitt sie ihre Fußfessel durch, kroch zurück auf ihren Platz, überlegte fieberhaft, ob sie jetzt einfach verschwinden sollte.
Dann fiel ihr Blick auf den Eisenkessel, der auf mehreren Steinen über dem erloschenen Feuer stand. Panik kam in ihr hoch.
Der Graue würde sie sicher verfolgen.
„Du weißt was dir blüht, wenn du zu fliehen versuchst.“ hörte sie seine Stimme in ihrem Kopf. Er sah sie als sein Eigentum, seine Sklavin an.
Sie musste ihn beseitigen. Qualvoll langsam bewegte sie sich zur Feuerstelle, richtete sich zur Hocke auf, hob den Kessel an, die Waffe noch immer in der Rechten. Der Kessel war schwer.
So vorsichtig und lautlos wie möglich näherte sie sich mit ihrer Last Glaberus.
Er lag seitlich abgewandt den Dolch in der Faust.
Berane richtete sich auf, starrte einige Sekunden auf ihn hinunter.
‚Ich kann das nicht tun.’ Wie versteinert stand sie über dem Schlafenden.
Dann  dachte sie voller Hass daran, was er ihr angetan hatte, wie er sie gewürgt hatte. An seine herablassenden Worte.
’Du kannst mir dankbar sein. Stell dich nicht so an. Daran ist noch keine gestorben. Sei still oder ich mach dich still.’
Die brutale Rücksichtslosigkeit mit der er seine Gier an ihr gestillt hatte.
Dieser weißglühende Zorn ballte sich wieder in ihr, riss sie mit sich.
Im nächsten Moment schmetterte sie den Kessel mit aller Kraft auf ihn herab.
Es krachte nass und widerlich.
Sie hatte die Schläfe getroffen, zertrümmerte ihm dabei den Schädel.
Er riss mit einem Röcheln Mund und Augen auf, zuckte wild  und schlug unkontrolliert um sich. Sie sprang zur Seite, holte noch einmal mit geschlossenen Augen aus, spürte, dass sie ein zweites Mal getroffen hatte.
Als sie wieder hinsah, lag der Graue reglos mit seitlich eingedrücktem, blutüberströmtem Kopf und glasigen Augen. Crixus ächzte, bewegte sich.
Berane ließ den Kessel fallen, sprang mit einem wilden Satz zu ihm, riss ohne nachzudenken  seinen Kopf herum und schnitt ihm die Kehle durch.
Sein Blut schoss ihr warm über die Unterarme.
Keuchend ließ sie den blutigen Dolch fallen, taumelte ein paar Schritte weg und brach in die Knie. Ihre Hände und Arme waren bis zu den Ellbogen besudelt.  Würgender Ekel überkam sie.
Sie übergab sich krampfhaft, stützte sich auf, kauerte lange mit ausdruckslosen Zügen neben den beiden Leichen.
Schließlich nahm sie wie in Trance den Proviant und die Wasserflaschen an sich.
Sie wusch sich die blutigen Hände, das Gesicht, spülte ihren Mund vom Erbrochenen. Sie nahm eines der Schwerter, band sich die Scheide um, die mit der Waffe darin beim Feuer lag, wo der Graue sie abgelegt hatte.
Dann rollte sie die Decke zusammen, um auch sie mitzunehmen.
Ein Schwächeanfall ließ sie fast stürzen.
Gierig leerte sie eine der Wasserflaschen, zwang sich etwas von dem gebratenen Fleisch aus Crixus Proviantbeutel zu essen. Ihr Kopf schien völlig leer.
Das  Unterbewusstsein übernahm mehr und mehr die Kontrolle, ließ sie den Schock und die körperlichen wie seelischen Wunden der letzten Tage aus Selbstschutz nicht spüren.
„Ich muss nach Hause.“ murmelte sie verwirrt, sah sich um.
“Wo bin ich? Ich muss nach hause.“
Humpelnd machte sie sich  auf den Heimweg.

Gunthar stand ratlos in Beranes verlassenem Unterschlupf.
Es sah aus, als sei seit Tagen niemand hier gewesen.
Die Asche in der Feuerstelle war alt und zusammengefallen.
Vor der Höhle hatte er tiefe Hufspuren im weichen Boden bemerkt.
Mehrere Pferde mussten längere Zeit hier gestanden haben.
Das Gras  war abgeweidet, hier und da lag zerfallender Pferdekot.
Ihre persönlichen Dinge schienen noch da zu sein. Kräuter, ihre Salben und Tinkturen. Felle, Decken. Ein schwerer Wollumhang wie ihn die Römer trugen, lag auf einer breiten Schlafstätte. In einer Ecke lag eine wollene Hose aus einem ähnlichen Stoff. Soldatenkleidung.
Gunthar spähte hinter die Felle, die vor einem Durchgang hingen.
Ein Kurzschwert und Ausrüstungsgegenstände der römischen Legion.
Er runzelte die Stirn. Woher hatte sie dies alles? Und wo war sie??
Gunthar entfachte ein Feuer, wärmte sich auf. Es war noch einmal kalt geworden. Schneeregenschauer hatten ihn überrascht auf seinem mehrstündigen Marsch hierher. Edred hatte ihm erklärt, wo er sie finden würde, hatte ihm wie immer Brot und Milch für sie mitgegeben.
„Bring sie mit, wenn du zurückkommst.“hatte sie ihn gebeten.
“Sie war zu lange allein. Sie hat seit Baldurs Tod viel durchgemacht. Nimm sie zu dir.“ Gunthar hätte das liebend gern getan, aber Berane  schien ihm eher abweisend, als sie sich begegnet waren.
Über eine Woche war das her. Da sie nicht gekommen war, wie versprochen, beschloss er zu ihr zu gehen, um sie zu überzeugen, dass Widos Tal der richtige Platz für sie sei.
‚Ich werde heute Nacht hier bleiben. Vielleicht kommt sie morgen zurück. Vielleicht haben wir uns ja verfehlt und sie ist auf dem Weg ins Tal. Ich werde warten.’
Er warf mehr Holz aufs Feuer, hängte seinen feuchten Überwurf zum Trocknen an den Rauchfang, aß von dem mitgebrachten Brot. Er dachte an Elsa, seine Frau.
Sie war letzten Sommer gestorben. Seit dem Tod ihrer beiden Söhne vor bald 10 Jahren war sie nie wieder dieselbe geworden. Seine früher so lustige, runde Elsa war am Ende ein Schatten ihrer selbst gewesen. Eine heimtückische Krankheit hatte sie von innen aufgezehrt, förmlich aufgefressen. Es war eine Erlösung gewesen, als sie endlich sterben konnte. Für sie und für ihn.
 Einen geliebten Menschen ohne Hoffnung leiden zu sehen, war fast noch schlimmer als seine Kinder zu verlieren. Ihre Tochter lebte mit Mann und Kindern im nächsten Dorf, aber sie hatte ihm nicht verziehen, dass er damals ihre jüngeren Brüder mit in den Kampf gegen die Römer genommen hatte. Er hätte sie ohnehin nicht davon abhalten können und so hatte er sie wenigstens im Auge gehabt. Dennoch waren sie gefallen und er hatte überlebt. Verletzt und krank vor Trauer war er heimgekehrt. Sie hatte ihn bei seiner Rückkehr verflucht, halb verrückt vor Kummer, hatte ihn zutiefst verletzt damit.
Seither gingen sie sich aus dem Weg.
Nicht einmal Elsa hatte sie versöhnen können.
So war ihm nichts geblieben außer seinem eigenen Leben, seiner robusten Gesundheit und dem Wunsch noch ein paar Jahre in Frieden unter Menschen, die er schätzte zu erleben. Und er wollte nicht allein sein, er konnte es nicht.
Über dreißig Jahre hatte er mit Elsa verbracht.
Berane hatte niemand mehr. Er würde ihr ein Vater sein.
Und wenn sie mehr in ihm sah, auch das.
Er sehnte sich danach wieder eine Frau in den Armen zu halten.
Gunthar legte sich hin, war am Einschlafen als er Geräusche hörte.
Etwas oder jemand  war am Eingang.
Bevor er sich bewaffnen und nachsehen sehen konnte, ging die Tür auf.
Gunthar versuchte im Halbdunkel etwas zu erkennen, das Feuer war fast erloschen. Die Gestalt gab ein leises Flüstern von sich, näherte sich ihm vorsichtig. Er verstand nicht was sie sagte, es klang wie die Sprache der Römer.
Verwirrt erhob er sich, sprach den Eindringling an.
„Bist du es, Berane?“
Es war eine Frau. Mit Entsetzen sah er das von Schlägen verfärbte, hohläugige Gesicht. Ein Auge war zugeschwollen und dunkel umrandet, die Oberlippe aufgeplatzt. Die  verwirrt blickenden Augen  glänzten vor Fieber.
Erst jetzt erkannte er, dass es wirklich Berane war.
Sie sah furchtbar aus. Nach dem ersten Schreck stürzte er auf sie zu, konnte sie gerade noch auffangen. Sie murmelte immer wieder dasselbe Wort, ließ ihn nicht aus den Augen. Sie war krank.
Ihre Kleidung war nass und ihr Körper glühte vor Fieber.
Vorsichtig legte er sie auf den Schlafplatz. Sie rührte sich kaum, war aber bei Bewusstsein. Apathisch ließ sie sich die nassen Sachen ausziehen.
Gunthar zog sich das Herz zusammen, als er die dunklen Prellungen und aufgeschürften Stellen an ihr bemerkte. Auf ihren Brüsten waren Bissmahle  und ihr linkes Auge war blutunterlaufen. Ihre Schenkel waren  stellenweise schwarz und blau, aber es gab keine offenen Wunden.
Sie war relativ sauber, bis auf ihr Haar, das verfilzt und voller kleiner Blätter und Kletten war. Schnell deckte er sie mit dem Wollstoff zu, legt Holz nach, hängte einen Kessel übers Feuer, füllte ihn mit dem Wasser, das er in einem großen Schlauch hinter dem Eingang gefunden hatte.
Minze und Kamille aus ihren getrockneten Vorräten warf er in das sich erhitzende Wasser, versuchte ihr während der nächsten Stunden davon einzuflößen.
Sie litt unter Schüttelfrost im Wechsel mit Fieberschüben, sah ihn anfangs nur mit verwirrten, unruhigen Augen an, als kenne sie ihn nicht.
Gunthar war sehr besorgt. Manchmal sprach sie ihn mit einem fremden Namen an, streichelte sein bärtiges Gesicht. Die Zärtlichkeit, die dann in ihren vor Fieberwahn glänzenden Augen erkennbar war, rührte ihn , auch wenn er ahnte, dass sie nicht ihn  damit meinte. Ihren Verletzungen nach zu urteilen, war sie vergewaltigt worden. Sein Herz zog sich  zusammen, wenn er in ihr armes geschundenes Gesicht sah.
Es dauerte mehrere Tage, bis sie imstande war ihn zu Widos Tal zu begleiten.

 

Edred sah Gunthar mitfühlend an, aber ihre Stimme klang fordernd.
„Du musst sie gehen lassen.“
Der Angesprochene hob die Hände in einer Geste, die Hilflosigkeit und Wut  deutlich erkennen ließ.„Sprich du mit ihr. Erst willigt sie ein bei mir zu bleiben, dann das. Ich verstehe es nicht! Sie muss verrückt geworden sein. Seit Eostre leben wir zusammen wie Mann und Frau“, er errötete ob seines ungewollten Geständnisses, “und jetzt eröffnet sie mir, sie kann nicht länger bleiben.
Will mit Sigwulf, Thure und einigen anderen nach Süden.“
Der grauhaarige Hüne war außer sich.
„Seit ihr das zugestoßen ist, ist sie nicht mehr dieselbe.“
Edred musterte ihn argwöhnisch. „Was meinst du damit ?“
„Hat sie es dir nicht erzählt?“ fragte Gunthar verwundert.
‚Verzeih, ich will nur wissen, was du weißt. Mir hat sie alles gesagt. Dir sicher nicht. Sie will dir nicht wehtun  und sie hat dich gebraucht nach all dem. Aber nun wird es Zeit für sie ihre Reise anzutreten. Lieber, guter Gunthar, was soll ich dir sagen?  Wie soll ich dir das erklären? Etwas, dass ich selbst nicht verstehe. Ich habe nur gesehen, dass es unabwendbar ist.’
„Dass sie von römischen Deserteuren entführt und geschändet worden ist?“
Er nickte bedrückt.
„Das weiß ich. Schick sie zu mir. Wir werden die Runen legen.“ eröffnete ihm Edred.„Wirst du.....“ begann Gunthar.  Edred sah ihn scharf an.
„Was? Ihr das sagen, das sie dazu bringt hier zu bleiben? Gunthar, wenn es nicht so sein soll, nein. Ich werde mich nicht ins Schicksal einmischen. Wenn Berane gehen muss, wird sie gehen. Und du wirst mir versprechen, sie gehen zu lassen.“
Ihr Gegenüber sah sie vorwurfsvoll an. Edred seufzte.
„Sag Berane, ich erwarte sie morgen, wann immer sie möchte.“

 Berane sah bedrückt zu Boden, als Gunthar hereinkam.
„Edred lässt dich grüßen, sie bittet dich morgen zu ihr zu kommen.“
Er versuchte gelassen zu klingen, setzte sich ans Feuer.
Gunthars Heim war gut ausgestattet. Drei Räume gab es unter dem niederen Grasdach. Die Schlafstätten waren dick gepolstert und  Elsas Haushalt war reich bestückt gewesen.  Truhen mit hölzernem und tönernem Geschirr, Leinenkleidern, Hosen und Hemden. Bänke, Hocker und Tische aus Buchenholz, wie die schwere Eingangstür. Berane schöpfte ihm eine Schale aus dem dampfenden Kessel voll,  reichte sie ihm mit einem Löffel. Er nahm sie entgegen, begann stumm den dicken Eintopf zu löffeln.
Berane hatte Wochen gebraucht um sich von den Verletzungen und dem Fieber zu erholen. Edred hatte sie einige Tage gepflegt, bis sie sich selbst versorgen konnte.
Gunthar hatte sich rührend um sie gekümmert, sie vom ersten Tag wie eine Tochter behandelt. Schuldgefühle stiegen wieder in ihr auf.
Sie hatte es versucht, aber seine Fürsorge erstickte sie immer mehr, engte sie ein, seit es ihr besser ging. Jeder Tag hier machte es schlimmer, steigerte ihre Ruhelosigkeit.
Wenn er nicht gekommen wäre, hätte sie das Fieber vielleicht nicht überlebt.
Sie hatte mehrere Tage keine Erinnerung  gehabt, nachdem sie überfallen worden war. Ihr Instinkt hatte sie einen Tagesmarsch lang zu ihrem Versteck zurückgeführt. Es hatte Momente gegeben in denen ihr Fieberwahn ihr vorgaukelte der Mann, der an ihrem Lager saß, sei Maximus.
Maximus.
Die quälende Ungewissheit seines Schicksals ließ sie nicht zur Ruhe kommen.
Lebte er noch? Hatte er seine Familie retten können? Wo war er?
Hatte er die Pferde und Waffen genommen oder jemand anderes?
Bald war der zweite Vollmond seit dem Überfall.
Nach den Eostrefeiern letzten Monat hatte sie das erste Mal Gunthars Lager geteilt. Sie hatte es in einer Mischung aus Dankbarkeit und aus einer unbestimmten Sehnsucht heraus getan. Er war sehr behutsam und rücksichtsvoll mit ihr gewesen, überglücklich, dass sie zu ihm gekommen war. Seither schlief sie meist bei ihm.
Es war beruhigend und angenehm in seinen Armen zu liegen, wenn sie aus einem der Albträume erwachte, die allmählich seltener wurden Mehr empfand sie nicht dabei. Es lag nicht an ihm.
Berane konnte die Vereinigung nur noch erdulden, sie empfand keinen Genuss dabei. Das war ihr schnell bewusst geworden.
Sie konnte es nicht verbergen vor Gunthar. Ihm war klar, dass es an dem lag, was ihr zugestoßen war und er hoffte sie würde früher oder später darüber hinwegkommen.  Er bedrängte sie nie.
Wenn sie willens schien, ging er dankbar darauf ein, sonst hielt er sie einfach im Arm, genoss ihre Nähe. So waren sie sich nahe gekommen und er war zufrieden mit der Situation.
Bis Berane ihm eröffnet hatte, dass sie gehen müsse. Für eine gewisse Zeit.
Dann würde sie zurückkehren. Sie wich seinen Fragen  aus, erklärte es damit, dass hier zu viele Erinnerungen wach waren an Dinge, die sie vergessen wolle.
 Dass sie Zeit brauche.

„Bist du noch immer entschlossen zu gehen?“ wollte er wissen, sah sie mit einem hilflosen Ausdruck an. Berane stellte sich hinter ihn, legte ihm die Hände auf die Schultern.„Ich wollte, ich könnte dir eine andre Antwort geben.“ begann sie leise. “Ich fühle mich nicht gut dabei, Gunthar. Es liegt nicht an dir. Wenn ich bleiben könnte, von Herzen gern würde ich mit dir zusammen sein. Aber ich muss das hier eine Weile hinter mir lassen. Ich verspreche, ich kehre zurück.
Aber lass mich gehen.“ erklärte sie schuldbewusst.
Er seufzte. „Berane, du weißt, ich habe dich sehr lieb gewonnen. Wovon willst du leben? Das Geld vom Verkauf der Ausrüstungen und Waffen wird nicht ewig reichen.“„Ich werde meine Dienste als Heilerin anbieten und mich dafür mit Essen und einem Schlafplatz entlohnen lassen, das habe ich bisher auch getan. Ich bin ein einfaches Leben gewöhnt, es macht mir nichts aus. Und es ist bald Sommer. Spätestens vor dem Winter kehre ich zurück.“
Gunthar schüttelte missbilligend den Kopf.
Vielleicht würden die Runen ihr etwas sagen, dass sie doch noch davon abhielt.

Berane hatte ihm nur die halbe Wahrheit gesagt. Sie hatte vor mit einer Gruppe junger Männer, die Zuchtvieh kaufen wollten nach Süden zu ziehen, um etwas über Maximus Schicksal in Erfahrung zu bringen. Jemand musste ihn gesehen haben. Sie wollte Hinweise finden, als würde dies den Abschied aufwiegen, der ihr versagt geblieben war. Was sie Gunthar gesagt hatte, war nicht gelogen, aber es war nicht der wahre Grund. Wie sollte sie ihm das erklären?
Es war besser, wenn er es nicht wusste.
Sie würde vor dem Winter zurückkehren. Sie hätte sich nie dazu entschlossen, wären da nicht diese quälenden Fragen, die sie nicht losließen.
Sie musste es wenigstens versuchen. Wenn sie auseinander gegangen wären wie vorgesehen, hätte sie einfach warten können, ob Nachricht von ihm käme. Irgendwann. Und wenn nicht, hätte sie es akzeptiert.
Jahre später wäre es sehr schwierig gewesen nachzuforschen.
Jetzt machte es noch Sinn für sie. Vielleicht konnte sie bei den römischen Besatzern etwas erfahren. Wenn er wirklich ein so wichtiger Mann hier gewesen war, würden sie vielleicht  etwas wissen.

Edred  sah Berane kommen. Sie trug ein dunkles Leinenkleid mit einem ledernen Gürtel, das Haar zu einem Zopf geflochten.
Ihr Gesicht trug noch immer die Spuren der letzten Wochen.
Die Blessuren waren natürlich verheilt, aber unter ihren Augen lagen dunkle Schatten und ihre Wangenknochen traten schärfer hervor, als Edred es in Erinnerung hatte.
‚Sie hat große Ähnlichkeit mit Hildur, meiner alten Freundin. Und sie scheint ihre Talente geerbt zu haben. Heilkunst und  Hellsicht.’
Berane trat wortlos ein . Edred setzte sich zu ihr.
„Gunthar war bei mir.“ eröffnete sie das Gespräch.
Berane nickte stumm.
„Ich will, dass du ein letztes Mal die Runen befragst, bevor du aufbrichst. Vieles ist geschehen. Vielleicht hat es keinen Sinn zu gehen. Sieh selbst.“
Sie holte den Runenbeutel, schüttelte ihn, hielt ihn Berane hin.
Deren Blick war furchtlos und ruhig. Sie griff hinein und  legte den Stein auf das raue Holz des Tisches. Es war die Rune Uruz.
Edred  stutzte, lachte leise in sich hinein.
„Du bist dir deiner Sache sehr sicher, Kind. Nicht wahr?“
Berane sah sie verwundert an.
„Nein, Edred. Aber ich weiß, dass ich es tun muss, um Frieden zu machen damit. Diese Begegnung war das Seltsamste und Wunderbarste, was mir bisher widerfahren ist. Ich muss es versuchen. Dann werde ich hier in Ruhe leben können. Gunthar ist ein guter Mann, du hattest recht. Er versteht es nicht, aber er wird mich gehen lassen. Ich habe ihm versprochen zurückzukehren vor dem Winter.“
Edred musterte ihre Züge. Sie hatte sich verändert.
In ihren klaren Augen lag manchmal eine erschreckende Härte.
Nur Edred wusste, was mit den beiden Deserteuren geschehen war.
Sie nahm Beranes Hände, drückte sie innig.
„Finde wonach du suchst  und kehre wohlbehalten zurück...“

„Wann werdet ihr aufbrechen?“  fragte Gunthar leise.
Berane packte ihre Habseligkeiten zusammen, schaute zu ihm hinüber.
Es war spät, er hatte sich vor einer Weile hingelegt, sah ihr zu.
"Morgen früh.“ erwiderte sie knapp.
„Berane, du verschweigst mir den wahren Grund. Was ist geschehen?
 Ich spüre, dass du nicht bei mir bist, auch wenn ich dich in den Armen halte.
 Es ist nicht nur, was dir die Römer angetan haben. Du hättest nicht zu mir kommen müssen. Und es bereitet dir keine Freude.“ Seine Stimme klang verletzt.
Sie legte das fertig gepackte Bündel hin, trat zu ihm. Dann kniete sie hin.
Sie streichelte das wettergegerbte Gesicht, sah ihm eindringlich in die dunklen Augen. „Gunthar, ich verspreche dir, wenn ich zurück bin, wirst du alles erfahren. Ich bin es dir schuldig. Jetzt kann ich es noch nicht. Vertrau mir. Wenn ich könnte, würde ich bei dir bleiben.“ Sie streifte ihr Kleid  über den Kopf.
Er sah sie nachdenklich an, hob die Decke, ließ sie neben sich schlüpfen.
Warm und weich schmiegte sie sich an ihn, ließ sich bereitwillig küssen.
„Ich habe dich gebraucht, deshalb kam ich. Und ich habe es nicht bereut.“ erklärte sie.„Es tut mir sehr leid, dass ich dich enttäuschen muss. Ich tue es nicht gern. Du hast recht, ich denke nicht an dich, wenn du mich umarmst. Ich fühle mich schuldig dafür. Aber jetzt bin ich nur bei dir, mein Freund. Das ist mein Dank und unser Abschied.“
Es war das erste Mal, dass die Initiative von ihr ausging.
Gunthar zog sie voll freudigem Erstaunen an sich, sie begann ihn zu küssen. Drängend, erregend, wie er es von ihr nicht kannte, presste sie sich an ihn, stachelte sein Verlangen mit gezieltem Streicheln an. Sie ging auf ihn ein, lag nicht einfach in seinen Armen wie sonst, schien bemüht ihm Vergnügen zu bereiten.
Er wusste, dass sie es ihm zuliebe tat und nahm es dankbar an.
Als er am nächsten Morgen erwachte, war sie fort.
An ihrer Statt  lag  als Abschiedsgruß eine frisch gepflückte Ranke  mit  hellblauen, glockenförmigen Blüten, die er als ‚Freyas Blume’ kannte.                         

Beranes Lied*
Manchmal führt ein Gedanke auf einen Pfad.
Den dir die Götter weisen...
Manchmal ist ein Gefühl der Beginn einer Tat.
Die dir seltsam erscheint...
Aus den Tiefen des Herzens...
Triffst du deine Wahl...
Und der Himmel schweigt...
Dann wird manchmal hell, was sonst dunkel erscheint

Wenn du erwachst und verstehst...
Alles ändert sich, alles bewegt...
Sich im Kreis der Gezeiten
Unendliche Weiten...
Aus Wasser, Sand und Stein
Denk an mich und du bist nicht mehr allein

Manchmal wirkt ein Wort wie eine Waffe.
Die tödlich ist wie ein Schwert...
Manchmal ist die Suche der Beginn einer Jagd.
Die dich führt bis ans Ende der Welt...
Aus den Tiefen der Seele....
Steigt die Wahrheit empor...
Dann wirst du sehen...
Dass du manchmal sterben musst, um zu leben.

Wenn du erwachst und verstehst...
Alles ändert sich, alles bewegt...
Sich im Kreis der Gezeiten
Unendliche Weiten...
Aus Wasser, Sand und Stein
Denk an mich und du bist nicht mehr allein

* Genadis2003-06-22          

 

Tausend Dank an meinen Editor für dieses wunderbare Gedicht. M.L.

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