Na denn. Hier bin ich also. Der Wecker hat mich gerade unsanft aus dem Schlaf gerissen und nachdem ich einige Minuten gebraucht habe, um mich zurecht zu finden, habe ich mich noch mal in mein Bett gekuschelt und lasse die Ereignisse der letzten Wochen Revue passieren. Irgendwie kann ich es immer noch nicht glauben, dass ich mich wirklich darauf eingelassen habe. Was habe ich mir bloß dabei gedacht?
Seit fast drei Wochen bin ich nun schon hier - am anderen Ende der Welt, Tausende Meilen von zuhause entfernt. Bis jetzt war der Trip eine einzige Katastrophe. Dabei hatte sich das Angebot wirklich gut angehört. Wie oft bekommt man schon im fernen Deutschland einen Job in Australien angeboten? Ich kenne jedenfalls nicht viele Leute, denen das passiert ist. Umso glücklicher habe ich mich geschätzt, als ich den Brief bekam. Ein Jahr lang in Down Under arbeiten - ein absoluter Traum und eine zweite Chance. Die Möglichkeit noch einmal von vorne zu beginnen, die Pläne der frühen Jugend doch in die Tat umzusetzen, sich noch einmal wie zwanzig fühlen, wo die Welt nicht groß genug zu sein schien und die Zukunft hauptsächlich rosig aussah. Jetzt mit Mitte Dreißig fast eine Utopie. Zu vieles ist in der Zwischenzeit geschehen und natürlich habe auch ich meine Lektionen lernen müssen.
Weene nich'
es is verjebens.
Jede Träne deines Lebens
fließet in ein Kellerloch.
Deine Keile kriegst du doch.
(Heinrich Zille)
Keine Ahnung, wie oft ich mir dieses Gedicht im Stillen aufgesagt habe, wenn es mich mal wieder so richtig erwischt hatte. Es geht nicht immer so, wie man es gerne hätte. Dinge laufen anders, als geplant und dann steht man eines Tages vor einem Scherbenhaufen und versucht verzweifelt, die letzten verbleibenden Reste aufzusammeln. Eine angebliche Freundin von mir pflegte dann zu sagen: "Ich weiß nicht, was du hast. Im Grunde kann ich dich doch nur beneiden. Du hast keinerlei Verpflichtungen, bist frei und kannst tun und lassen, was du willst. Zur Hausfrau taugst du eh nicht." Was sie als Kompliment gedacht hatte, tat mir in den Jahren nur noch weh. Wahrscheinlich sehnt man sich immer gerade nach dem, was man nicht haben kann, und meine Sehnsucht galt einer intakten Beziehung, einem Zuhause, keinem Basislager, und dem Gefühl endlich angekommen zu sein. So war ich immer nur weiter auf der Flucht. Steigerte mich in meine Arbeit, gönnte mir zwischendurch mal die eine oder andere Affäre, war aber tunlichst darauf bedacht, die Kerle nur nicht zu nahe an mich heran kommen zu lassen. Nicht das das schwierig gewesen wäre. Echte Männer sind Mangelware und so hatte ich es dementsprechend eher mit Schosshündchen, als mit Mitgliedern des starken Geschlechts zu tun. Kein Wunder - kein Mann, der etwas auf sich hält, lässt sich freiwillig mit einer intelligenten und starken Frau ein. Vor allem nicht dann, wenn sie auch noch ganz passabel aussieht und in Führungspositionen arbeitet. Ist nicht gut fürs männliche Ego. Na ja, und der Umkehrschluss - je erfolgreicher die Frau umso seltener die Männer, die überhaupt in Frage kämen. Ein klassische Zwickmühle und ich hatte mir vorgenommen auszubrechen.
Wahrscheinlich hatte mich wirklich der Leichtsinn gepackt, als ich mich entschloss das Angebot anzunehmen. Innerhalb von vier Wochen hatte ich alles für meine Abreise vorbereitet. Der Job in Sydney versprach wirklich ein Neuanfang zu werden. Assistentin der Verkaufsleitung. Dritte Reihe also und damit nicht zuviel Verantwortung und endlich etwas mehr Zeit für mich. Vielleicht waren die Männer da unten ja nicht ganz so verbohrt wie in good old Germany. Ich hatte ein Jahr unbezahlten Urlaub angemeldet, Freunde gebeten nach meiner Wohnung zu sehen, und mich schließlich mit zwei Koffern und einem Rückflugticket in der Tasche auf den Weg gemacht.
Am Anfang schien alles toll zu laufen. Über Internet hatte ich mir ein kleines möbliertes Appartement besorgt, dass tatsächlich auch hielt, was die Anzeige versprach. Es lag am Rande der Rocks, aber war dennoch ruhig in einer dieser alten Stadtvillen. Da ich an einem Freitag ankam, hatte ich auch genügend Zeit, erst einmal auszuschlafen und es mir dann ein bisschen wohnlich her zu richten. Optimistisch hatte ich mich dann am Montag auf den Weg zu meinem neuen Job gemacht. Immer noch schien es, als würde alles positiv verlaufen. Das Büro lag in der Nähe des Australian Square und machte einen guten Eindruck. Der Empfang war herzlich. Ich war noch nicht einmal alarmiert, als mir eröffnet wurde, das ich mich gleich bei der Geschäftsleitung einfinden sollte. Fünf Minuten später war das anders.
Noch ehe ich meinen Arbeitsplatz überhaupt zu Gesicht bekommen hatte, saß ich schon wieder auf der Straße. Der Chef hatte mir für mein Kommen und mein Interesse gedankt und mir dann unumwunden mitgeteilt, dass man das Angebot leider nicht mehr aufrecht erhalten könne, da am Freitag Konkurs angemeldet worden sei. Immerhin gestand man mir die Gehaltszahlung eines Monats zu und wünschte mir viel Erfolg bei der Jobsuche. - Schöner Mist - da stand ich also wie ein begossener Pudel und fragte mich zum ersten Mal, ob ich wirklich noch ganz zurechnungsfähig gewesen bin, als ich dieses Angebot annahm.
Leider wird vom Jammern nie etwas besser und nach einem zweistündigen Frustspaziergang hatte ich mich endlich soweit beruhigt, dass ich in einem kleinen Bistro einkehrte und mir bei einer Tasse Cappuccino eine Entscheidung abrang. Aufgeben kam nicht in Frage. Schließlich hatte ich nicht Tausende von Kilometern zurück gelegt, um nach einer Woche wieder nach Hause zurück zu kehren. Es würde sich eine andere Lösung finden lassen. Gestärkt und wieder etwas zuversichtlicher hatte ich mich auf den Weg zur Einwanderungsbehörde gemacht, um erst mal etwas über die im Rahmen meines Visums bestehenden Möglichkeiten heraus zufinden. Drei Stunden später war ich schlauer. Ich hatte einen Monat Zeit. Hätte ich dann einen neuen Job, könnte ich bleiben. Wenn nicht, müsste ich das Land verlassen. Keine Zeit also, um frustriert da zu sitzen. Noch am selben Abend hatte ich einige Bewerbungsmappen fertig gemacht und mir Adressen von Jobagenturen rausgesucht, denen ich am nächsten Morgen einen Besuch abstatten wollte.
Gesagt, getan und obwohl anfangs recht chaotisch, lief die Stellensuche dann doch besser als gedacht. Schlimm war die Warterei danach. Insgeheim hatte ich mich schon darauf eingestellt, den Flug nach Hause zu buchen. Immer wieder ertappte ich mich dabei, wie ich mir passende Antworten für meine Familie und meine Freunde überlegte. Im Anschluss daran, fluchte ich stets über mich selbst. Ich hasste es, wenn ich mich beim Fassadenbauen erwischte. Schließlich traf mich keine Schuld an meiner derzeitigen Situation und es gab genügend Leute in meinem Freundeskreis, die schon längst wieder zu Hause gewesen wären. Woher kam bloß dieser blöde Drang, immer möglichst gut dastehen zu wollen? Widerliche Eigenart und doch so weit verbreitet. Zumindest Fortuna schien sie mir nicht übel zu nehmen. Nach 14 Tagen bangen Wartens klingelte endlich mein Handy.
Das Vorstellungsgespräch war für den nächsten Morgen um 10 fest gesetzt und allen Widrigkeiten zum Trotz, von der kalten Dusche bis zum explodierenden Wasserkocher, war es mir tatsächlich gelungen, pünktlich da zu sein. Ich hatte Businesskleidung zu diesem Anlass gewählt. Beigefarbenes Kostüm, dunkelgrüne Bluse, sehr harmonisch zu meinen dunkelblonden Haaren. Es wirkte weiblich, aber nicht zu sehr, und schien die beste Wahl zu sein, nachdem die nette Dame am Telefon mir keinerlei Informationen geben wollte oder konnte, um was für eine Stelle es sich genau handelte. Letztendlich war mir das auch egal. Hauptsache ich bekam die Chance, die vollen geplanten zwölf Monate in diesem außergewöhnlichen Land zu verbringen. Ich holte tief Luft, als ich den Fahrstuhl im zehnten Stock des Bürohochhauses verließ und steuerte entschlossen auf die Empfangsdame zu. Die Sachbearbeiterin, die hier für mich zuständig war, hatte ich bereits bei der Abgabe meiner Unterlagen kennen gelernt. Sie war eine junge, sympathische Frau Ende Zwanzig und ich ertappte mich dabei, mich auf das Gespräch mit ihr zu freuen. Wobei es diesmal schon etwas seltsam sein würde, auf der anderen Seite des Tisches zu sitzen.
Wahrscheinlich hatte ich etwas verdutzt geguckt, als die Empfangsdame mich nicht zu meiner Sachbearbeiterin schickte, sondern mich statt dessen bat, mich ein Stockwerk höher im Sekretariat der Geschäftsleitung zu melden. "Bitte, Miss Walter, sie werden bereits erwartet", fügte sie eindringlich hinzu. Mein Magen quittierte diese unerwartete Wendung prompt mit einem mulmigen Gefühl. Diese Jobagentur war nicht gerade klein und ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass die Chefs nur aus Jux und Tollerei sich zwischen durch noch die Zeit nahmen, um persönlich Vorstellungsgespräche zu führen. Wieso also der Umstand? - Da ich keine weiteren Antworten bekam und sowieso schon mal da war, konnte ich das Ding auch genauso gut durchziehen. Ich nickte der Empfangsdame zu und begab mich ein Stockwerk höher. Sie hatte Recht gehabt. - Ich wurde tatsächlich bereits erwartet und fand mich kurz darauf in einem riesigen Büro mit einem atemberaubenden Blick auf den Sydney Harbour wieder. Die Einrichtung war modern und dennoch gediegen. Alles wirkte sehr stillvoll. Die hohen Berberbrücken dämpften die Schritte und trugen noch zu dieser beinahe mysteriös wirkende Stimmung des Raumes bei. Skulpturen aus den unterschiedlichsten Ländern, die wie eine zusammengewürfelte Museumsausstellung wirkten, standen überall in dem Raum verteilt, der auf zwei Seiten von der getönten Fensterfront mit dem bereits erwähnten Ausblick und auf den anderen beiden Seiten mit zwei Wänden verkleidet mit massiver Buche begrenzt wurde. An einer dieser Holzwände hing ein riesiges Gemälde von Dali. Der Unterschied zwischen der surrealistischen Darstellung des Künstlers und der warmen Ausstrahlung des Holzes hatte beinahe etwas Groteskes. Fasziniert betrachtete ich das Bild, das mich förmlich anzuziehen schien.
"Guten Tag, Miss Walter. Danke, dass sie unserer Aufforderung nach einem Gespräch so schnell nachgekommen sind." Gewaltsam riss ich mich von dem Dali los und wandte mich zu meinem Gesprächspartner um. "Gestatten sie mir, dass ich mich vorstelle. Mein Name ist Maxwell Finch." Überrascht hielt ich kurz die Luft an. Dieser Mann war wirklich das, was man ohne Übertreibung als gut aussehend bezeichnen konnte, gehörte aber auch zu der Sorte Männer, die sich ihrer Wirkung auf Frauen sehr wohl bewusst sind. Zumindest war das schalkhafte Blitzen in seinen Augen ein untrügliches Indiz dafür, dass er meine Reaktion bemerkt hatte und sie genoss. Dumm gelaufen - könnte man jetzt sagen. Finde ich aber nicht. Ich rechnete mir stattdessen einen ersten Punkt an. Zeig einem Mann, dass er dir imponiert und du hast ihn schon so gut wie in der Tasche. Lächelnd streckte ich meine Hand aus. "Freut mich sie kennen zu lernen, Mister Finch. Ich bin Sylvia Walter."
Maxwell Finch wurde dem ersten Eindruck mehr als gerecht und entpuppte sich als Gentleman. Nachdem er mir also einen Platz in der Besprechungsecke des Raumes angeboten und dafür gesorgt hatte, dass ich mit Tee und Gebäck versorgt war, griff er lässig nach einer Akte auf seinem Schreibtisch und ließ sich mir gegenüber nieder. Hatte ich damit gerechnet, jetzt die üblichen Fragen nach meinem Lebenslauf, meiner Ausbildung und meinen bisherigen Tätigkeiten zu hören, wurde ich enttäuscht. Dieser Mann drehte den Spieß um und erzählte mir statt dessen weit mehr über mich, als das was in meiner Bewerbungsmappe stand. Als er endete, konnte ich nicht anders, als ihm anerkennend zu zu nicken. "Kompliment", sagte ich, "scheint als hätten sie ihre Hausaufgaben gemacht. Zumindest ist dem nichts hinzuzufügen." "Danke", grinste er zurück, "Aber ich denke ein Frage stellt sich doch." Abwartend sah ich ihn an. "Warum lässt eine Frau mit ihren Erfahrungen, die wichtigsten Qualifikationen in ihrem Lebenslauf aus und das obwohl sie angeblich dringend auf Jobsuche ist?" - Erwischt! Er hatte Recht. Ich hatte tatsächlich einige meiner Fähigkeiten nicht in meinen Unterlagen erwähnt, weil ich es vermeiden wollte, in zu hoch dotierte Jobs zu rutschen. Ich war davon ausgegangen, dass alleine die Sprache schon zu einer gewissen Begradigung führen würde und ich daher einige meine Erfahrungen eh nicht würde nutzen können. Außerdem war ich schließlich in diesem Land, um Abstand von meinem bisherigen Leben zu bekommen. Ich wollte arbeiten, aber in einem Job, in dem ich nicht die gesamte Verantwortung trug und mich nach Feierabend entspannt zurück legen konnte. Die 70-Stunden Wochen der letzten Jahre hatten an meinem Nerven gezerrt. Alles, was ich wollte, war es ein wenig ruhiger angehen zu lassen. Würde dieses Musterbeispiel des kapitalistischen Unternehmers das verstehen? Aufmerksam blickte ich ihn direkt an. Ich würde es mit der Wahrheit versuchen. "Sagen wir mal, ich hatte in letzter Zeit erste Anzeichen eines Burn-Outs und wollte dieses eine Jahr nutzen, um zum Einen einen Gang zurück zu schalten und zum Anderen mich wieder auf die Wurzeln meiner Arbeit zu besinnen."
Mein Ehrlichkeit wurde belohnt. "Wenn ich sie richtig verstehe, suchen sie also tatsächlich nur nach einer Assistenzstelle?" Ich nickte. "Gut", erwiderte Finch, "dann habe ich da vielleicht etwas für sie." Endlich kamen wir mal zum Punkt. Ich hatte schon begonnen, mich zu fragen, warum ich eigentlich da war. Gab es eine Strafe für fehlende Angaben in den Unterlagen? Finchs letzte Äußerung schien dem zu widersprechen und mir fiel gleich ein ganzer Gesteinsbrocken vom Herzen. Interessiert folgte ich seinen Ausführungen und fand zunehmend Gefallen an dem, was ich hörte. Es ging also um die Besetzung einer vakanten Stelle einer persönlichen Assistentin für einen VIP. Der Aufgabenbereich beinhaltete hauptsächlich Terminabsprachen und -koordination, Zusammenarbeit mit der PR-Abteilung, persönliche Korrespondenz und all die kleinen Nebensächlichkeiten, die man seinem Brötchengeber abnehmen sollte. Das alles unter dem Siegel der absoluten Verschwiegenheit und der ständigen Präsenz. In Letzterem lag das Manko dieser Offerte. Finchs Auftraggeber bot ein stattliches Gehalt neben freier Kost und Logis, verlangte dafür aber eine 24-Stunden Erreichbarkeit und die Bereitschaft zu Reisetätigkeiten. Da suchte jemand nicht nur eine rechte Hand sondern gleich einen ganzen Schatten. Nachdenklich sah ich auf meine Hände. Finch hatte mit seinen Ausführungen geendet und betrachtete mich abwartend. "Miss Walter? Was sagen sie zu diesem Angebot?" Langsam sah ich auf. "Ganz ehrlich, Mister Finch, es hört sich sehr interessant an. Aber ich denke wir beide wissen, dass ein derartiger Job nur funktionieren kann, wenn der Auftraggeber und der Assistent auch menschlich miteinander auskommen. Ich bin sehr an ihrem Angebot interessiert, kann aber keine abschließende Entscheidung fällen, solange ich nicht weiß, für wen ich die Assistenz übernehmen soll." Ich hatte gerade ausgesprochen, als das Telefon klingelte. Beinahe unwirsch nahm Finch ab, kam aber gerade mal dazu sich zu melden. Sekunden später war das Telefonat bereits beendet. Überrascht sah er mich an, zögerte dann einen Moment und erhob sich schließlich. "Bitte entschuldigen sie mich kurz.", ließ er sich in meine Richtung vernehmen und war auch schon draußen.
Ganze 15 Minuten lang hatte ich Zeit, den herrlichen Ausblick auf den Hafen zu genießen. Die Harbour Bridge glitzerte im Schein der Sonne. In den Wellen spiegelte sich verschwommen die Skyline und die weißen Segel des Opera House reckten sich dem blauen Himmel entgegen. Ich versuchte diesen Anblick in meinem Herzen zu verankern. Wer konnte schon sagen, ob ich jemals wieder so einen Ausblick zu sehen bekam? Dann war Maxwell Finch wieder da. Lächelnd kam er auf mich zu. "Gratuliere, Miss Walter. Ich habe gerade mit unserem Auftraggeber gesprochen und darf ihnen mitteilen, dass er sie gerne persönlich kennen lernen möchte." Eine Eintrittskarte für ein Benefiz-Konzert vor der Sydney Opera am selben Abend wurde vor mir hingelegt. "Bitte melden sie sich heute Abend nach dem Konzert hinter Bühne bei den Sicherheitsleuten. Alles weitere ist veranlasst. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg." Damit war ich entlassen. Dankend nahm ich die Karte und ging. Unten vor dem Haus angekommen, lehnte ich mich stöhnend gegen die Fassade. Dankbar spürte ich die Kühle des Betons in meinem Rücken, während ich, wie betäubt auf die Eintrittskarte in meiner Hand starrte. Alles, aber bitte nicht das!!!
"Bilde dir nichts ein, altes Mädchen!", redete ich mir selber zu. Ich hatte bereits im Vorfeld von diesem Konzert gehört. Mehrere australische Künstler hatten sich zusammen getan, um für die Hinterbliebenen eines Schiffsunglücks vor der australischen Küste Geld zu sammeln. Die Interpreten reichten wirklich von Stomp über Kylie Minogue bis hin zu TOFOG. Genau dieser letzte Name auf der Liste war es aber, der mich nervös machte. Blödsinn - so viel Glück oder Pech konnte ich gar nicht haben. Buchstäblich jeder auf der Liste könnte Finchs Auftraggeber sein. "Mach Dich nicht vorher verrückt!" sagte ich entschlossen zu mir selbst und beeilte mich in mein Appartement zu kommen.
Punkt 7 h abends erreichte ich den Vorplatz des Opera Houses, der bereits weiträumig für die Konzertgäste abgesperrt war. Jetzt Anfang September beginnt hier unten der Frühling. Die Tage und Nächte werden wärmer, ohne aber die stickige Hitze des Sommers zu erreichen. Die Nacht des Konzerts versprach mild und trocken zu bleiben. Ideale Voraussetzungen für einen gelungenen Abend. Ich hatte mich rechtzeitig eingefunden, um mir einen halbwegs guten Platz auf dem Open-Air-Gelände zu sichern. Auf keinen Fall wollte ich zu weit nach vorne, musste aber mit Beginn der Vorstellung feststellen, dass das ein frommer Wunsch war. Menschenmassen entwickeln ihre eigene Dynamik und so fand ich mich doch direkt an der Bühne wieder. Die Show hatte es wirklich in sich, aber tief in meinem Innern fieberte ich eigentlich nur einem Auftritt entgegen. Und dann kamen sie. 30 Odd Foot of Grunts mit Ihrem Frontmann Russell Crowe. Seit Jahren schon sah ich mir jeden seiner Filme an und verschlang alles, was ich über ihn erfahren konnte. Die meisten CDs der Gruppe hatte ich zu Hause im Schrank und hatte sie hundertmal rauf und runter gehört. Ich verehrte diesen Mann für seine Schauspielkunst und seine Musik und insgeheim träumte ich manchmal von ihm. Wenn ich ehrlich mit mir selbst war, musste ich zugeben, dass er im Grunde all das verkörperte, was einen richtigen Mann für mich ausmacht. Schon bei meiner Ankunft hatte ich mir vorgenommen, die Band bei Gelegenheit unbedingt live zu erleben. Dass sich diese Chance jedoch so schnell bieten würde, damit hatte ich nicht gerechnet. Egal, wer mein neuer Arbeitgeber sein würde, dass er mir die Möglichkeit gegeben hatte, bei diesem Konzert dabei zu sein, brachte ihm schon vorher einen Haufen Pluspunkte.
Bislang hatte ich aber immer noch keine Ahnung, was mich nach dem Konzert erwarten würde. Dementsprechend versuchte ich, mich so gut es ging zurück zu nehmen. Drängte mich durch bis in die äußerste Ecke der Absperrung und genoss die Musik. Live war Crowes Stimme noch bei weitem imposanter, als durch den Lautsprecher der HiFi-Anlage. Ich konnte gerade zu fühlen, wie sie in mir nachhalte und ich mich völlig automatisch zum Takt der Musik zu bewegen begann. Fast war ich soweit, meine mühsam aufrecht erhaltene Beherrschung dem gemeinsamen Gekreische und Gejohle mit den anderen meist weiblichen Fans zu opfern, als sein Blick mich traf. Ich stand still, wie vom Blitz getroffen, und bevor ich mir noch im Klaren darüber war, ob das jetzt gerade tatsächlich passiert war, oder ich mich täuschte, blitzte Erkennen in seinen Augen auf und ein Lächeln begleitet von einem kurzen Nicken flog zu mir herüber. Eine kurze Handbewegung zu seinen Sicherheitsleuten und ehe ich richtig mitbekam, was los war, spürte ich eine Hand auf meiner Schulter. Verdutzt wandte ich mich um und prallte zurück. Vor mir stand ein wahrer Schrank von Kerl. Fast zwei Meter groß und man könnte beinahe sagen Länge mal Breite. Die Buchstaben "Security" standen groß vorne auf seinem T-Shirt. Unwillkürlich musste ich grinsen. Klar doch - wenn es jemals einen Prototyp für einen Bodyguard gegeben hatte, dann hatte dieser Typ unter Garantie dafür Modell gestanden. Bedrohlich schien dieser Fleischberg in der Menschenmasse zu schwanken, als er sich zu mir runterbeugte. "Sylvia Walter?", schrie er mir fragend ins Ohr. Ich beschränkte mich auf ein Nicken. Dann teilte sich das Gedränge vor uns auf wundersame Weise, bis mein ganz persönlicher Titan mich aus der Masse heraus und hinter die Bühne gelotst hatte. Die Band war mittlerweile bei ihrem letzten Stück angekommen und machte noch mal richtig Dampf. Begeistert feuerte das Publikum sie an, während ich mir heimlich eine vertrauenswürdige Stützte suchte, um die ich krampfhaft meine Hände klammerte, in dem Versuch meine vor Aufregung zitternden Hände zu verbergen.
Wie befürchtet dauert das Lied nicht ewig und ein paar Minuten später, stand er dann also leibhaftig vor mir. Mit diesem unbeschreiblichen Lausbubengrinsen im Gesicht kam er direkt auf mich zu. "Hey, Sylvia Walter, richtig?" ließ er sich zur Begrüßung vernehmen. Ich nickte und war insgeheim hoch erfreut zu bemerken, dass mein Verstand sich nicht doch schon gänzlich verabschiedet hatte. Woher zum Geier wusste er, wie ich aussah? Wir waren uns noch nie begegnet und ich stellte es mir reichlich schwierig vor, einen Menschen in der wogenden Masse von euphorischen Fans zu erkennen. Wie so oft konnte ich meinen vorlauten Mund nicht halten und fragte prompt zurück "Richtig. Aber verraten sie mir bitte, Mister Crowe, woher sie das wussten? Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass wir einander schon vorgestellt wurden." Er stutze und für einen kurzen Moment blitzte etwas in seinen Augen auf. Diese Augen! "Bloß nicht", rief ich mich selbst zur Ordnung, "Lass dich bloß nicht von diesem Blick einfangen!". Mein Griff um die Metallstange, die ich noch immer umklammerte, wurde wieder etwas fester, was, Gott sei Dank, dazu führte, dass ich meine Beherrschung behielt. Da war es wieder - dieses Lächeln. Ich hatte es schon auf Hunderten von Bildern gesehen, aber so nah und real, konnte es einem wirklich den Atem nehmen. "Gut", sagte er und musterte mich von oben bis unten, "Sie scheinen so schlagfertig zu sein, wie ich angenommen habe. Wie wär's also, wenn sie mir folgen. Dann können wir uns in Ruhe unterhalten." Mir blieb nichts anderes übrig, als zu Nicken und brav hinter ihm hinterher zu trotten, während ich verzweifelt versuchte festzustellen, ob ich nicht vielleicht doch an Wahnvorstellungen litt.
Natürlich war dieser Gedanke illusorisch. Immerhin war es Crowe selbst, der es schaffte, mich nach kürzester Zeit wieder auf den Teppich zu bringen. Er führte mich in eine der Garderoben des Opera Houses und bat mich Platz zu nehmen. Ohne Umschweife eröffnete er mir dann, dass wir uns das ganze übliche Brimborium sparen könnten. Schließlich wäre er heute morgen bei meinem Gespräch mit Maxwell Finch zu gegen gewesen und hätte es vom Nebenzimmer aus verfolgt. "Der Dali !", bemerkte ich trocken, was er nur mit einem leichten Nicken quittierte. "Sie sehen also, Miss Walter, ich bin bereits ausreichend informiert. Alles, was noch zu klären wäre, sind die Anforderungen, die ich an meine Assistentin stelle, und ob sie sich vorstellen können, für mich zu arbeiten." Spätestens jetzt wurde mir klar, dass der Mann, dem ich da gegenüber saß, zumindest im Augenblick nichts mit den romantischen Vorstellungen seiner Fans zu tun hatte. Das hier war ein knallharter Geschäftsmann, der ganz genau wusste, was er wollte, und dessen Ansprüche an sich selbst und an seine Mitarbeiter ziemlich hoch gesteckt waren. Irgendwie beruhigte mich diese Erkenntnis. Wenn ich mit etwas umgehen kann, dann mit Professionalität. Er zeigte mir gerade einen Weg, ihn als meinen neuen Arbeitgeber zu sehen und damit einen Status quo für eine Zusammenarbeit zu finden. Mehr noch - seine Anforderungen waren klar definierte Regeln. Aufmerksam hörte ich ihm zu.
Letztlich war es relativ einfach. Der Job, den er mir anbot, war hoch interessant und würde mir die Möglichkeit bieten, eine Menge interessante Leute kennen zu lernen und völlig neue Eindrücke zu gewinnen. Im Gegenzug dazu würde ich ein Jahr lang, so lange sollte der Vertrag laufen, fast gänzlich auf ein Privatleben verzichten. Um die 24-Stunden-Erreichbarkeit zu gewährleisten, würde mir ein Gästezimmer in seinem Appartement bzw. Haus zugewiesen werden. Alle 14 Tage hätte ich Anspruch auf zwei Tage frei. Ich würde meine Aufgaben erledigen, mich ansonsten aber immer im Hintergrund halten und zur Stelle sein, wenn er mich bräuchte. Jegliche Kritik und Kommentare zu seiner Person waren untersagt und persönliche Verwicklungen wurden von vornherein ausgeschlossen. "Damit das klar ist", stellte er am Ende seiner Ansprache fest, "sollte ich bemerken, dass du anfängst für mich zu schwärmen, bist du draußen. Okay?"
Wieso nur hatte ich nach dieser Aufzählung das Gefühl, als hätte jemand von mir verlangt, ein Jahr lang ins Kloster zu gehen? Und das inklusive der Androhung von schwerer Folter? - Trotzdem konnte ich nicht anders. Die Möglichkeiten, die dieser Job eröffnete, waren einfach viel zu faszinierend. Schon als kleines Mädchen hatte ich davon geträumt, hinter die Kulissen des Showbiz zu gucken. Die kurzen Eindrücke, die ich bislang hier und da erhaschen konnte, hatten mir Lust auf mehr gemacht. Abgesehen davon - ich war eine erwachsene Frau und realistisch genug, um mir darüber im Klaren zu sein, dass ich nicht im mindesten in die Reihe der Frauen passte, die mit Crowe in Verbindung gebracht wurden. Warum also nach den Sternen greifen und sich damit eine einmalige Gelegenheit verderben? Zum ersten Mal wagte ich es, ihn direkt anzusehen. "Okay", gab ich zurück, "Ich habe verstanden."
Der Rest war Formalität. Den Vertrag hatte er schon in der Tasche. Ein paar seiner Leute würden in mein Appartement fahren und meine Sachen holen, während ich ihn noch zusammen mit Mark Wesler, seinem Agenten, und den übrigen Bandmitgliedern zum Essen begleiten sollte. Meinem Vermieter könnte ich dann morgen Bescheid geben, dass ich auszog. Ebenso würde ich dann die Einwanderungsbehörde von meinem neuen Job unterrichten.
Die anschließende Fahrt ging zu einem Italiener, wo ordentlich auf das gelungene Konzert angestoßen wurde. Ich hielt mich an die Vereinbarungen, nippte an meinem Wein und hielt mich im Hintergrund. Dies hier war für mich eine neue Welt und von meinen Schwierigkeiten, mich in einigen australischen Phrasen zurecht zufinden mal abgesehen, gab es genug zu beobachten. Ich begnügte mich daher damit, mir erst mal ein Bild von meinem neuen Umfeld zu machen und lächelte still in mich hinein. Es war früh am nächsten Morgen, als wir endlich in Russells Appartement direkt am Hafen ankamen. Im Vorübergehen zeigte er mir mein Zimmer und verschwand dann ohne Umschweife. Dieser Tag hatte es echt in sich gehabt. Ich lag noch nicht ganz, als ich bereits tief und fest schlief.
Heute morgen hatte ich dann das erste Mal Gelegenheit, meine neue Umgebung genauer zu betrachten. Es gefiel mir auf Anhieb, was ich sah. Teppich und Gardinen waren ebenso wie das kleine Sofa in der Ecke in einem hellen Blau gehalten, das gut mit den einfachen aber schönen Buchenmöbeln kombinierte. Die Sonne stahl sich durch die Jalousien und die Reflektionen an der Decke zeigten mir, dass ich höchstwahrscheinlich auch von diesem Zimmer aus einen Blick auf den Hafen hatte. Vielleicht war die Entscheidung doch richtig gewesen. Und wenn nicht, ich zuckte innerlich mit den Schultern, würde ich das früh genug zu spüren bekommen. Schwungvoll glitt ich aus dem Bett und verschwand in dem angrenzenden Bad.
Ich war gerade fertig geduscht und angezogen, als es leise an meiner Tür klopfte. "Herein", rief ich fröhlich und musste mir krampfhaft das Lachen verbeißen, als mein reichlich verdutzter und noch ziemlich zerknittert aussehender Chef die Nase zur Tür herein steckte. "Oh, gut, du bist schon auf", bemerkte er fast erleichtert, als er mich angezogen vorfand. "Ich dachte schon, ich hätte eine Langschläferin eingestellt." "Mitnichten, Sir", antwortete ich gut gelaunt, "aber ich könnte jetzt wirklich einen Kaffee vertragen." Die Antwort kam in Form eines Lausbubengrinsens daher, das ihn gleich um Jahre jünger aussehen ließ. "Der Kaffee steht schon fertig in der Küche und was den Sir angeht, den verkneif dir bitte in Zukunft. Ich bin Russell." Lächelnd ergriff ich die mir dargebotene Hand und erwiderte, "Okay - Russell". Sah so aus, als würde dies ein guter Tag werden.