2. Aufzeichnung

Verwicklungen

Da bin ich wieder. Allerdings muss ich gestehen, ich bin leicht verwirrt. Fast zwei Monate sind seit meiner letzten Aufzeichnung vergangen. Eine Menge Zeit, die angefüllt war mit neuen, spannenden, teilweise aber auch etwas seltsamen Eindrücken. Ich habe eine Menge gesehen und gelernt. Dabei ist mein Job leichter, als ich dachte. Vor etlichen Jahren hatte ich als Assistentin angefangen und mich dann kontinuierlich hochgearbeitet. Das, was ich jetzt tue, ist so ähnlich, wie die Assistenz einer Geschäftsleitung, nur etwas persönlicher. Zumindest fiel es mir im Großen und Ganzen nicht schwer wieder reinzukommen.

Alles in allem läuft es gut. Mir macht es Spaß und bei Russell hatte ich bislang den Eindruck, als wenn er auch zufrieden mit meiner Arbeit wäre. Er ist als Chef echt in Ordnung. Am Anfang hat er mir oft geholfen, indem er mir die Abläufe erklärt hat, mich mit den richtigen Leuten zusammen brachte und mich bei seinen Agenten und seinen übrigen Angestellten als die neue Assistentin einführte. Ich habe mich sogar zwischenzeitlich so sehr an dieses zeitweise komische Aussie-Englisch gewöhnt, dass meine Aussprache jetzt in schöner Regelmäßigkeit dazu führt, dass der Meister höchstpersönlich mich damit aufzieht, dass, wenn man mich reden höre, mir kein Mensch mehr glauben könne, dass ich eine waschechte Deutsche sei.

Jedenfalls gestaltet sich die Arbeit für Russell bei Weitem einfacher, als ich befürchtet hatte. Unser Umgehen miteinander ist relativ entspannt und locker. Teilweise mutet es sogar schon freundschaftlich an. Er ist wirklich ein außergewöhnlicher Mann. Knallhart im Geschäft, sensibel im Umgang mit seiner Familie, seinen Freunden und seiner Musik, absolut professionell, wenn es um die Schauspielerei geht. Dabei beeindruckt er mich immer wieder mit den vielfältigen Schichten seiner Persönlichkeit, seinem ungestilltem Wissensdurst und seiner lebensbejahenden Art. Dieser Mann sprüht vor Energie und lebt sein Leben mit jeder Faser seines Seins. Beneidenswert, wenn man bedenkt, wie abgestumpft unsere oft so dekadente Gesellschaft mittlerweile ist. Russell ist anders. Wenn er einen Raum betritt, ist die Luft angefüllt mit seiner Präsenz. Es ist unmöglich an ihm vorbei zu kommen und doch wirkt er wie ein Fossil, eine außerirdische Existenz, die so gar nichts mit dem Rest der Bevölkerung gemein zu haben scheint, um im nächsten Augenblick dann doch alle mit seiner Einfachheit zu verblüffen. Ich habe Frauen gesehen, deren Beine an Ort und Stelle versagten, nur weil er sie einmal angelächelt hat, ebenso wie Fotografen, die rannten, als sei der Teufel persönlich hinter ihnen her, nachdem sie ihm unerlaubt nachgestellt hatten. Unmöglich diesen Mann einzuordnen, ihn in einer Schublade abzulegen. Seine Reaktionen sind nicht vorhersehbar und seine Launen wechseln teilweise so schnell, wie sich die Wolkenformationen am Himmel verschieben. Irgendjemand nannte ihn mal das Chamäleon. Ich glaube, ich weiß jetzt warum.

Zeitweilig komme ich mir allerdings vor, wie bei einem immer währenden Drahtseilakt. Die zu Beginn aufgestellten Regeln, scheinen heute bei weitem nicht mehr so klar, wie am Anfang meiner Tätigkeit. Gerade in der letzten Woche hatte ich oft das Gefühl überfordert zu sein und an den Rand meiner Disziplin zu geraten. Dabei kann ich nicht einmal genau sagen, wieso das so ist. 

Die Zusammenarbeit mit der Agentur und der Presse klappt prima und ohne Probleme. Die Korrespondenz ist auch kein Problem. Sich im Hintergrund zu halten? - Dieser Mann zieht eh alle Aufmerksamkeit auf sich. Da ist von Haus aus kein Platz neben ihm. Hatte ich am Anfang noch gehofft, er würde sich von ganz alleine ab und an mal abseilen, erwies sich dies als trügerische Hoffnung. Das mit den 24 Stunden war ernst gemeint. Egal, wo er hinging, ich musste mit. Ob ins Theater, zur Probe, zum Shopping, ins Restaurant oder auf irgendwelche Empfänge, bewaffnet mit Laptop oder zumindest einem Palm hatte ich Erscheinungspflicht. Ich bin in der kurzen Zeit so sehr zu seinem Schatten geworden, dass mich mittlerweile Fotografen schon verfolgen, wenn ich mal alleine Einkaufen gehe. Einzig meinem Kleiderschrank hat diese  Entwicklung sichtlich gut getan, da er jetzt um einige hübsche Teile reicher ist.

Nein - was sich zunehmend schwieriger gestaltete, waren nicht die Auftritte in der Öffentlichkeit oder das Tagesgeschäft. Ich hatte bei Weitem mehr damit zu kämpfen, mit ihm allein zu sein. Anfangs ging ich abends einfach in mein Zimmer und machte es mir mit einem Buch oder vor dem Fernseher bequem, lehnte mich zurück und schaltete ab. Ich fand, es reichte völlig aus, wenn wir uns zu den Mahlzeiten trafen, wo sich die Gespräche dann hauptsächlich um die Arbeit oder die Planung für den nächsten Tag drehten. Gemäß den aufgestellten Regeln, keinerlei Kommentare oder Kritik zu seiner Person, vor allem aber keine persönlichen Verwicklungen, schien mir dies der beste Weg zu sein. Schließlich war ich für Russell eine wildfremde Person und nur eine Angestellte. Ich fand es angemessen, ihm in seiner eigenen Wohnung aus dem Weg zu gehen, um seinen Freiraum so wenig wie möglich zu belasten. Das funktionierte ganz gut, aber scheinbar hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Es begann vor ca. drei Wochen. Wir kamen von Verhandlungen über ein neues Projekt aus der Agentur zurück, die ziemlich nervenaufreibend gewesen waren. Uns beiden knurrte der Magen, aber keinem stand der Sinn danach, jetzt noch irgendein Restaurant aufzusuchen. Mittlerweile hatte der Sommer Einzug gehalten und die Luft über der Stadt flirrte vor Hitze. Nach kurzer Rücksprache beschlossen wir daher ins Penthouse zu fahren, was beim Chinesen zu bestellen und dann auf der großen Dachterrasse den leichten Wind vom Meer als willkommene Abkühlung zu nutzen. Kaum angekommen, hatte Russell auch schon den Telefonhörer in der Hand, während ich in meinem Zimmer verschwand. Ich konnte es gar nicht abwarten, aus den verschwitzten Klamotten heraus und unter die kühle Dusche zu kommen. Ich genoss es, das kalte Wasser auf meiner überhitzten Haut zu spüren, die sich unendlich langsam, wieder der Normaltemperatur anzunähern schien. Keine Ahnung wie lange diese Prozedur dauerte, ein Klingeln an der Haustür schreckte mich schließlich auf. Verflixt - schnell kam ich aus der Dusche, kämmte mir die nassen Haaren nach hinten und warf ein luftiges Leinenkleid über, um dann barfuss Richtung Wohnzimmer zu tappen.

Russell stand bereits in der Küche und packte die georderten Köstlichkeiten aus. Auch er hatte geduscht, sich die Haare nur nach hinten gekämmt und die Sachen des Tages gegen eine Boxershorts und ein T-Shirt getauscht. Zugegebenermaßen ein Wahnsinnsanblick und ein Bild von einem Mann. Leise hielt ich die Luft an und versuchte das Klopfen in meiner Brust wieder zu beruhigen, als er mich bemerkte. Aufmerksam musterte er mich von oben bis unten. Langsam glitt sein Blick an mir herunter, blieb eine Sekunde an meinem Ausschnitt und dann wieder an meinen Hüften und meinen nackten Füßen hängen, um schließlich wieder meine Augen zu suchen. Das Herzklopfen war wieder da. Vielleicht hätte ich mir vorkommen sollen, wie bei einer Fleischbeschau, wären da nicht diese Schauer gewesen, die abwechselnd heiß und kalt über meinen Rücken jagten. Verdammt - was war denn auf einmal los? Wie ein Schulmädchen stand ich da und wagte nicht, mich zu rühren, unfähig diesem Blick zu entkommen. Endlich räusperte Russell sich und wandte sich wieder dem Essen zu. Erleichtert atmete ich leise aus.

Der Moment war vorbei, mein Herz klopfte wieder im Normalmodus und mein Verstand tat alles, um das eben Erlebte in die hinterste Ecke meines Bewusstseins zu drängen. Eine Täuschung, ein Hirngespinst - sicher nicht mehr. Wie lautete doch gleich, die letzte der aufgestellten Regeln - keine Schwärmerei. Immerhin floss jetzt wieder genug Blut durch meine Beine, um sich sicher auf ihnen bewegen zu können. Die Arbeitsplatte der Designerküche schien ein passabler Rettungsanker für meine weichen Knie und die Chancen standen gut, sie unbeschadet zu erreichen. Toll - es klappte. Frischen Mutes griff ich nach dem Geschirr, um es auf dem Küchentisch zu platzieren, als ich einen Luftzug in meinem Nacken spürte, der unwillkürlich dafür sorgte, dass sich sämtliche kleinen Härchen kerzengerade aufrichteten. Russell war hinter mich getreten. Zu nah für meine gerade wieder gewonnene Fassung. Ohne sich beiseite zu bewegen, griff er nach einem Tablett und nahm mir die Teller aus der Hand. "Ich dachte, wir essen heute mal auf der Terrasse.", bemerkte er leichthin, während ich verzweifelt versuchte, die Reaktionen meines Körpers in den Griff zu bekommen. Alles in mir schrie danach, mich einfach an ihn zu lehnen und seine Nähe zu genießen. Zum Kuckuck - was für ein Spiel war das? So hatte ich das nicht gemeint. Ich war davon ausgegangen, schnell zu essen und mich dann auf den Abschnitt der Terrasse vor meinem Zimmer zu verkrümeln. Romantisches Abendessen mit meinem Boss über der Bucht von Sydney stand definitiv nicht auf meinem Tagesplan. Schließlich war ich trotz aller Disziplin auch nur eine Frau und hatte in den vergangenen Tagen verdammt viel Sonne bekommen. Auf diese Form der Kneippkur war ich jedenfalls nicht im mindesten vorbereitet.

Während Russell also pfeifend samt Tablett den Weg zur Terrasse einschlug, versuchte ich mich in hastigen Atemübungen, die immerhin so erfolgreich waren, dass ich nach einigen Sekunden und ablenkendem Blick in den Kühlschrank meinem Arbeitgeber folgen konnte. Das Betreten der Terrasse stürzte mich dann allerdings gleich wieder in ein Gefühlschaos.

Bislang waren unsere gemeinsamen Mahlzeiten im Penthouse immer recht nüchtern und hauptsächlich von der Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme geprägt gewesen. An diesem Tag erwartete mich ein festlich gedeckter Tisch nebst einem Strauß champagnerfarbener Rosen, zwei Kerzen und einer bereits geöffneten Flasche Wein. Sämtliche Alarmglocken in meinem Kopf fingen gleichzeitig an zu läuten, während ich fassungslos den Tisch anstarrte. Ich war mir sicher - irgendetwas hatte ich nicht mitbekommen. "Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich jetzt glauben, du hättest noch nie einen anständig gedeckten Tisch gesehen", grinsend reichte er mir ein Glas mit leicht vor sich hin perlenden Proseccos. Ich besann mich und konzentrierte mich darauf, meine Gesichtsmuskeln wieder in den Griff zu kriegen. Mit einem schiefen Lächeln nahm ich das Glas entgegen und beschloss es mit Kaltschnäuzigkeit zu versuchen. "Sorry, ich war nur überrascht und wusste nicht, dass du heute noch Besuch erwartest. Aber ehrlich, ich habe kein Problem damit, in der Küche zu essen und dann auf meinem Zimmer zu verschwinden. Ich werde bestimmt nicht stören." Ein etwas zu kräftiger Schluck aus dem Glas rettete mich vor weiteren Dummheiten.

Russell hatte mich die ganze Zeit aufmerksam beobachtet und war bei meinen Worten fast unmerkbar zusammen gezuckt. Ich biss mir auf die Zunge. Auf keinen Fall hatte ich ihn verletzen wollen, aber ich wusste einfach nicht, wie ich mich anders der Situation entziehen sollte. Die Spannung zwischen uns war derart greifbar, dass die Luft förmlich knisterte. Zumindest hatte meine Äußerung dafür gesorgt, dass dieses Knistern deutlich nachließ. "Du weißt genau, dass ich niemanden erwarte, und wenn wärst du jetzt bestimmt nicht hier." kam die barsche Antwort. "Im Übrigen hatte ich nur mit dir auf deine bislang ausgezeichnete Arbeit anstoßen wollen. Da du es nicht abwarten konntest, auch gut." Der Inhalt seines Glases verschwand in einem Rutsch in seinem Rachen. Autsch - das saß.  Allem Anschein nach hatte ich ihn wirklich verärgert. Betreten schaute ich zu Boden und wartete. Endlich kam nach ein paar Minuten die Aufforderung "Was ist nun? Das Essen wird kalt und ich verhungere gleich." Immer noch barsch, aber nicht mehr so kalt klang seine Stimme jetzt. Uff! "Glück gehabt, altes Mädchen!", dachte ich bei mir und beeilte mich, meinen Platz einzunehmen. Kaltschnäuzigkeit wurde währenddessen definitiv von der Liste der möglichen Reaktionen in Bezug auf Russell gestrichen.

Das Essen schmeckte himmlisch und obwohl wir schweigend aßen, schien sich die Befangenheit, die sich zwischen uns aufgebaut hatte, mit jedem Bissen zu legen. Als ich fertig war, ließ ich jede Vorsicht fahren und lehnte mich mit einem Seufzer entspannt in dem gemütlichen Rattansessel zurück. "Wow, das war klasse. Kompliment an den Koch", bemerkte ich grinsend und prostete Russell zu. Er griff zu seinem Glas. "Danke. Ich werde es bei Gelegenheit weiter geben.", kam die prompte Antwort. Es hörte sich an, als hätte er sich tatsächlich beruhigt. Aufmerksam schaute ich ihn an und räusperte mich dann. "Es tut mir leid. Bitte entschuldige. Ich war vorhin einfach nur völlig überrascht. Auf keinen Fall wollte ich unhöflich sein." Ein Nicken war die Antwort, während er den letzten Bissen verschlang. "Schon gut. Vielleicht hätte ich dich wirklich vorwarnen sollen, anstatt dich so zu überfahren." Jetzt lehnte auch Russ sich entspannt zurück. "Mmmh. Das war wirklich gut." Ich sah ihn immer noch an und wartete. Lässig griff er zu Flasche und füllte uns nach. "Weißt du, Sylvie, ich wollte mich wirklich nur in erster Linie für den guten Job, den du machst, bedanken." Ich weiß nicht genau, wann er damit angefangen hatte, aber seit kurzem wählte er nicht mehr meinen richtigen Namen, sondern benutzte die weichere Form. Ich hatte dafür von den Kollegen schon einige skeptische Blicke kassiert. Es klang vertrauter, als wir miteinander waren, aber ich mochte es. Beruhigt wagte ich daher eine Frage "Und in zweiter Linie?". Er betrachtete mich abschätzend über sein Glas hinweg, bevor er antwortete. "Na ja. Ehrlich gesagt, wollte ich die Gelegenheit nutzen, die Spielregeln für unser Zusammenleben hier etwas zu ändern." Ich horchte auf. "Inwiefern ändern?" kam es mir prompt über die Lippen. Russell stellte sein Glas beiseite und lehnte sich vor. "Sieh mal, du lebst hier in meiner Wohnung mit mir unter einem Dach, aber außer deinem beruflichen Lebenslauf weiß ich eigentlich nichts von dir. Du machst deinen Job. Wir essen zusammen und danach verschwindest du sofort in dein Zimmer." Er hielt inne und griff nach seinem Glas. "Ich halte dich für eine sehr intelligente Frau und würde mir wünschen, wenn ich gerade auch hier, wenn wir unter uns sind, auf deinen Rat zurück greifen könnte. Wie wäre es also, wenn wir uns einfach mal abends zusammen setzen und uns unterhalten?" Ich war baff, ob dieser Aufforderung, fragte mich aber gleichzeitig, wie das gehen sollte. Zu spät bemerkte ich, dass ich die Frage laut ausgesprochen hatte. Verdutzt sah Russell mich an und ich beeilte mich nachzusetzen. "Ähem - ich meine, nach den Regeln, die du aufgestellt hast, sind mir jeglicher Kommentar und jede Kritik untersagt. Wie soll ich dir da meine Meinung zu irgendetwas sagen?" Ein erleichtertes Lächeln war die Antwort. "Gut, dann gelten diese Regeln fortan nur solange wir nicht alleine sind. In Ordnung?" Ich nickte. Mit dieser Aussage konnte ich leben. "Okay" lachte ich ihm zu und hob mein Glas. "Dann also auf unseren ersten gemeinsamen Abend."

Es wurde ein ziemlich langer Abend, oder besser eine recht lange Nacht. Russell nutzte die Gunst der Stunde und fragte mich nach Strich und Faden über mich selbst aus. Kein Thema war ihm zu langweilig, keine Begebenheit zu banal. Er schien sich wirklich für alles, was mich betraf, brennend zu interessieren. Nach kurzer Zeit gab ich es auf, jedes meiner Worte auf die Goldwaage zu legen und plapperte einfach munter vor mich hin. Mehrmals verschluckte er sich fast vor Lachen, wenn ich mir mal wieder einen Klopfer in der englischen Grammatik leistete oder eine meiner Jugendsünden zum besten gab. Der Wein lockerte meine Zunge und ehrlich gesagt, erzählte ich bei weitem mehr als mir lieb war. Aber ich genoss es viel zu sehr, ihn lachen zu hören, zu sehen, wenn er sich den Bauch hielt, oder die Tränen aus den Augenwinkeln wischte. Alles an ihm war so ehrlich und echt. Mit leichtem Unbehagen musste ich mir an jenem Abend eingestehen, dass ich mich in seiner Nähe sehr wohl fühlte. Viel wohler als gut für mich war. Und doch konnte ich ihm nicht widerstehen. Endgültig war es um mich geschehen, als Russ schließlich anfing, Geschichten aus seinem Leben zum Besten zu geben. Verzaubert lauschte ich seiner Stimme, ließ ich mich einfangen von seinen Gesten und wünschte mir, in dem Meer aus dem Blau und Grün seiner Augen zu ertrinken. Das hatte nichts mit Schwärmerei zu tun. Beinahe zu spät bemerkte ich, dass ich auf dem besten Wege war, mich ernsthaft in meinen Chef zu verlieben. 

Ich ließ die Finger vom Wein und schob alle Gedanken, die über die tatsächliche Situation hinausgingen, gewaltsam beiseite. Trotzdem wurde ich bei jedem seiner Worte schwächer, bis ich schließlich nur noch auf Erlösung hoffte. Selbst wenn diese schlicht darin bestand, dass ich mich endlich auf mein Zimmer zurück ziehen konnte. Nach endlosen Stunden schien es dann soweit zu sein. Ich versuchte mich mit dem Abräumen des Tisches abzulenken, um die eingetretene Stille zu überspielen, und Russell spielte mit.

Wir räumten gemeinsam auf, bevor ich mich auf den Weg zu meinem Zimmer machte. An der Tür drehte ich mich um. Russ war mir gefolgt und stand jetzt ganz dicht vor mir. Ich konnte ihn riechen und hätte noch nicht mal meine Hand ausstrecken müssen, um ihn zu berühren. Gott, steh mir bei. Sollte jetzt auf dem letzten Meter meine Disziplin doch noch versagen? Meine Kehle fühlte sich staubtrocken an, als ich mühsam ein "Danke für den wunderschönen Abend"  herauspresste. Ich bekam keine Antwort. Statt dessen fuhren seine Finger über mein Gesicht. Zärtlich hob er mein Kinn an und zwang mich, ihm in die Augen zu sehen. Wie in Zeitlupe beugte er sich zu mir herab und begann mich zu küssen. Sanft berührten seine Lippen die meinen, glitten kaum fühlbar über meinen Mund. Ich erwiderte instinktiv. Der Kuss wurde fester. Unsere Lippen sogen sich aneinander fest, erkundeten sich. Ich spürte, wie seine Arme sich um mich legten, seine Hände begannen über meinen Rücken zu gleiten, griffen nach meinem Hintern und hoben mich hoch. Wie selbstverständlich schlang ich meine Beine um seine Hüften und umarmte ihn. Ich spürte die Hitze seiner Hände, die heiß meine Schenkel hielten. Fordernd drang seine Zunge in meinem Mund, liebkoste ihn, bis wir beide schwer atmend nach Luft schnappten. Als wir uns ansahen, war Russells Blick voller Schmerz und für einen winzigen Augenblick flammte Erstaunen darin auf. Ein kurzer Kuss auf meine Nase und er ließ mich los. "Gute Nacht, Sylvie.", sagte er tonlos, wandte sich um und ging.

Seit dieser Nacht ist irgendwie alles anders. Keiner von uns hat je wieder von dem gesprochen, was da passiert ist. Die Arbeit läuft nach außen normal weiter. Und wenn wir allein sind? - Wir sitzen jetzt öfter zusammen, diskutieren und reden. Russell hat mir zwei der ihm angebotene Skripte gegeben und mich gebeten, sie zu lesen, und ihm zu sagen, was ich davon halte. Es scheint, als wäre so etwas wie Freundschaft entstanden und ich tue alles, um diese nicht zu gefährden. Doch dann sind da die Abende, an denen er neuerdings alleine ausgeht und ich wartend in diesem riesigen Penthouse sitze und mich frage, ob er heute nacht wohl auch alleine nach Hause kommen wird. Ich habe es schon immer gewusst, Gefühle sind Gift fürs Geschäft. Bacardi ist ein gutes Mittel, um sie zu ertränken, und hat mir gleichzeitig die Erkenntnis gebracht. Ich sollte dringend meine freien Tage einfordern und mir einen Kerl suchen.

 

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