Zukunftsvision

Kapitel 1 Aufbruch
Kapitel 2 Begegnungen
Kapitel 3 Bewährungsprobe

 

1. Kapitel                            Aufbruch   

Sie sah die Sonne auf dem Wasser glitzern. Leicht brach sich das Licht auf den Wellen des träge vorbei ziehenden Stroms. Unermüdlich waren die Lichtreflexe und warfen muntere Muster an die helle Wand ihres Büros. Sogar ein paar kleine Regenbögen konnte man an der Wand entdecken, wenn man genau hinsah. „Ein Spiegelbild des Wellenspiels und doch unvollständig. Wie so vieles im Leben.“, dachte sich Jaqueline.

 

Sie liebte den Blick aus dem Fenster Ihres neuen Arbeitsplatzes schon jetzt. Hier, mitten im Hamburger Hafen, konnte der Blick frei über den Fluss gleiten. Die Skyline erhob sich imposant zu beiden Seiten der Elbe. In der Ferne, Richtung Geesthacht, konnte sie die gewaltigen Bögen der Elbbrücken ausmachen und gar nicht weit von ihrem Platz entfernt, erhob schützend die St. Michaelis Kirche ihr stolzes Haupt über diese Szenerie. „ Solange noch der Michel am Hafen Wache hält, bleibt unsere alte Hansestadt das große Tor zur Welt“. Leise summte sie die Melodie dieses Liedes aus irgendeinem deutschen Musical der 60er vor sich hin.

 

Das Tor zur Welt – dieser Job hier sollte ihr Tor zur Welt werden und dieser Gedanke erfüllte sie mit Stolz, aber auch mit etwas Angst. So recht wusste sie nicht, was sie erwarten würde. Aber sie hatte hart gekämpft, um soweit zu gelangen. Ihr Blick fiel auf die neuen Visitenkarten auf ihrem Schreibtisch. „Jaqueline Melzer - Art Director Internet“ stand dort in fein geschwungenen Linien. „Na Jackie,“ murmelte sie zu sich selbst, „dann mal viel Spaß beim Auslöffeln der Suppe, die du dir da eingebrockt hast.“

 

Sie holte tief Luft und verdrängte die Zweifel. Im Grunde war sie genau da, wo sie immer hin wollte. Noch vor anderthalb Jahren, kurz nach Stefans Tod, hätte niemand darauf gewettet, dass sie es schaffen könnte, wieder auf die Beine zu kommen. Ohne ihn schien nichts für sie einen Sinn zu haben. Auf einmal hatte sie völlig schutzlos und alleine da gestanden und das Gefühl gehabt, als hätte man ihr den Boden unter den Füßen weg gezogen.

Er war ihr Halt gewesen, ihr Fels in der Brandung. Mit ihm hatte sie gescherzt, gelacht, heftigst diskutiert, sich intensiv gestritten und sich ebenso intensiv versöhnt. Sie konnten sich aneinander reiben und trotzdem gemeinsam wachsen. Die Intensität mit der dies geschah, nahm einem manchmal den Atem. Aber gerade das hatte sie an ihm geliebt. Seine natürliche und ehrliche Art das Leben zu leben und in vollen Zügen zu genießen. Die guten wie die schlechten Seiten. Er hatte sie so geliebt, wie sie war – ohne wenn und aber. Hatte ihre Schwächen akzeptiert und Stärken unterstützt. Sie hatten sich ergänzt und waren ein perfektes Team. Wie sollte man die Lücke schließen, die sein Fortgang hinterlassen hatte?

Sie war wie betäubt gewesen und fiel von einer Lethargie in die andere. Nichts schien mehr einen Sinn zu haben und sie ließ sich treiben. Egal, was ihre Freunde auch versuchten, sie wollte einfach keinen an sich heran kommen lassen. Zu groß war die Trauer um das , was sie verloren hatte.

Natürlich blieb dieses Verhalten nicht ohne Folgen und der Abstieg war vorprogrammiert. Und doch hatte sie Glück im Unglück.

Ihr Chef war nicht gewillt, sie aufzugeben, und wandte sich an ihre Schwiegermutter, als er sich keinen Rat mehr wusste. Dank der resoluten Frau gelang es dann endlich, ihr den Kopf wieder zurecht zu rücken. Jaqueline lächelte in sich hinein, als sie die Szene vor Augen hatte, die Marlies ihr damals gemacht hatte. Sie hatte sie genau dort gepackt, wo es weh tat. Hatte ihr an den Kopf geknallt, sie würde Stefan verraten mit ihrem Verhalten und das er es niemals gut geheißen hätte, dass sie sich so gehen ließ. Das saß! Jaqueline wusste instinktiv, dass sie recht hatte und riss sich zusammen. Zur Freude Ihres Chefs stürzte sie sich von da an in die Arbeit. Schuftete wie eine Berserkerin und verbrachte die Abende bei unzähligen Kursen und Fortbildungsmaßnahmen. Sie wollte alles, nur nicht mehr diesen Verlust spüren.

Vor gut sechs Monaten war es dann soweit und ihr Chef legte ihr in einem Vier-Augen-Gespräch nahe, sich eine andere Stellung zu suchen. Sie war seiner Ansicht nach zu gut geworden für den handwerklich geführten EDV-Betrieb. „Nutze Deine Talente, Mädchen, und geh’ endlich in die Welt da draußen.“ hatte er zu ihr gesagt. „Ich lasse dich nicht gerne gehen, aber ich werde dich nicht halten. Hier bei uns gibt es nichts, was deinen Hunger stillen könnte und über kurz oder lang wirst du mir hier eingehen.“ Sie verstand die Welt nicht mehr und konnte im ersten Moment nicht glauben, dass er ihr etwas derartiges antun konnte und doch wusste sie, tief im Inneren, dass er Recht hatte. Es war Zeit Abschied zu nehmen und dem Leben wieder die Stirn zu bieten. Neue Herausforderungen anzunehmen, die es irgendwo da draußen in Hülle und Fülle gab. Sie würde sich selbst wieder eine Chance geben müssen.

Leichter gesagt als getan, aber als den Bewerbungen dann die ersten Gespräche folgten, tat sich ihr eine völlig neue Welt auf. Langsam begann sie zu ahnen, dass das Leben wirklich mehr für sie bereit hielt. Oft sah sie in dieser Zeit in Ihrem Inneren Stefans schalkhaft grinsendes Gesicht vor sich, dass ihr zu zurufen schien: „Ich habe es dir immer gesagt. Du bist besser, als du glaubst.“ Verdammt – musste der Kerl denn immer recht behalten?

 

Die Zusage für den neuen Job war vor drei Wochen eingetrudelt. Eigentlich hatte sie sich auf die Annonce nur aus Jux und Tollerei beworben. Es schien ihr, wie ein Griff nach den Sternen zu sein. „ Junge internationale Internet-Agentur sucht engagierten Art Director.“ Sie fiel bald vom Esszimmerstuhl, als der Brief mit der Einladung vor ihr lag. „Ein Irrtum, ganz bestimmt. Das kann nur ein Irrtum sein.“ , waren ihre ersten Gedanken. Sie ging hin. Mit zitternden Knien und gestärkt durch einen Liter Kaffee am frühen Morgen trat sie in die Höhle des Löwen. Sie war in Hamburg aufgewachsen und kannte die Stadt, wie Ihre Westentasche, aber das Büro in der Speicherstadt schien dennoch in einer anderen Galaxie zu liegen. Sie war in den Randgebieten zu Hause. Nicht hier – wo man unweigerlich den Puls der Metropole spüren musste, als wäre es der Eigene.

Das Gespräch war eine einzige Katastrophe gewesen und sie hatte hinterher das Gefühl, sich noch niemals im Leben so blamiert zu haben. Der Personaler war ein Idiot. Er hatte wirklich geglaubt , sie mit Fangfragen traktieren zu können. Als er dann schließlich auch noch die Frechheit besaß, sie zu fragen, wie sie denn als Frau in mittleren Jahren auf die Idee gekommen wäre, sich für eine solche Stellung zu bewerben, blieb ihr schier die Luft weg. „Sie können sich vielleicht vorstellen, Frau Melzer, dass es sich hier um eine recht gut dotierte Anstellung handelt. Und wir haben nicht vor, sie dem erstbesten weiblichen Wesen hinterher zu werfen, die dann schließlich doch nichts Besseres zu tun hat, als sich bei nächster Gelegenheit ein Kind andrehen zu lassen. Sie wissen doch wie Frauen sind. Schließlich sind sie selbst eine.“ Demonstrativ hatte er seinen Blick anzüglich über Ihre Figur schweifen lassen. Sie war kein Modell, aber doch ganz ansehnlich. An den richtigen Stellen proportioniert und mit einem hübschen Gesicht versehen, eingerahmt von ihrem braunem Haar, das sie kurzgeschnitten trug und dadurch jünger und frech aussah. Beherrscht wurde dieses Gesicht aber von zwei eisblauen, lebendigen Augen. Kaum hatte er ausgesprochen, fingen diese auch schon an, gefährlich zu blitzen. Das war zu viel. Was bildete sich dieser Schnösel eigentlich ein?

Sie war auf 180. Leise und beherrscht fragte sie ihn, ob er verheiratetet sei und als sie die negative Antwort erhielt, die sie erwartet hatte, begann sie Gift und Galle zu spucken. Es würde sie nicht weiter verwundern, begann sie, schließlich wären die Männer, die solche Vermutungen äußern würden, diejenigen, die zu Hause nichts zu sagen haben, wenn sie denn jemals an eine richtige Frau geraten. Klein, spießig und von Mama verhätschelt, verkröchen sie sich hinter einer ziemlich wackeligen Fassade eines völlig lächerlichen Machogehabes. Lebensunfähig und unfähig, jemals wirklich zu lieben. Aber schließlich wäre das nicht ihr Problem und sie hätte keinerlei Ambitionen hier nur aufgrund seiner augenblicklichen Machtposition seine Lust auf Rache zu befriedigen. Allerdings könnte sie ihm gerne die Adresse eines fähigen Psychiaters hinterlassen. Dann war sie aufgestanden und gegangen. Das nächstbeste Café war ihrs gewesen und erst nach einem doppelten Cognac konnte sie sich langsam beruhigen. Aus der Traum! „Das war’s dann wohl mit dem Ausflug in die andere Galaxie“, dachte sie bitter auf dem Nachhauseweg.

 

Als vier Tage später der Entwurf Ihres Arbeitsvertrages im Briefkasten lag, schien ihr das umso unglaubwürdiger. Was für ein Spiel war das? –

Das Spiel hieß Margret Ferguson, ihrerseits geschäftsführende Gesellschafterin der Agentur, und eine Seele von Mensch. Eine gepflegte Engländerin wie aus dem Bilderbuch. Mittelgroß, schlank , mit braunen vollen Haaren und in ein gut sitzendes Kostüm gekleidet, dass ihre Weiblichkeit betonte, ohne der Autorität, die sie ausstrahlte einen Abbruch zu leisten. Ein spitzbübisches jugendliches Lächeln stand in den mandelförmigen Augen dieser attraktiven End-Vierzigerin. “Also das ist die Frau, die den armen Matthias zum Psychiater schicken wollte?“ grinste sie ihr entgegen, „der Gute hat einen doppelten Cognac gebraucht, um sich wieder zu beruhigen. Willkommen im Team! Ich bin Maggie.“ „Gut!“, entgegnete Jaqueline trocken, „Dann ging es ihm zumindest nicht besser als mir. Ich bin Jaqueline, aber meine Freunde nennen mich Jackie!“ Das herzhafte Lachen der älteren Frau erklang hell und klar durch den Raum und das Eis war gebrochen. Jaqueline mochte sie vom ersten Moment an und mit einem Mal freute sie sich darauf, mit und für diese Frau zu arbeiten. Nach nur einer Stunde waren sie sich einig geworden und hatten gleichzeitig fest gestellt, dass sie dieselbe Wellenlänge hatten. Der Rest war Formalität und nun saß sie also in diesem wunderschönen Büro und genoss den Ausblick auf die Elbe. Jaqueline Melzer – Art Director Internet. „Ich muss dringend Cousin Horst anrufen „, schoss es ihr durch den Kopf. „Schließlich macht er so einen Job schon seit Jahren. Er wird mir schon erklären, was man eigentlich von einem Art Director erwartet.“ Sie seufzte und wandte sich dem prall gefüllten Eingangskorb zu. An Arbeit würde es ihr jedenfalls nicht mangeln. Auch gut – also ran!

 

* * * * * * *

 

Die nächsten drei Monate vergingen wie im Flug und Jaqueline vergaß so allmählich ihre Bedenken. Die Arbeit machte ihr wahnsinnigen Spaß und ihre Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet. Sie hatte ein erstklassiges Team von Webdesignern und Technikern hinter sich, die sich ebenso engagiert in ihre Arbeit warfen, wie sie selbst. Sie sprühte vor Kreativität und genoss es in vollen Zügen, diese endlich wieder voll und ganz ausleben zu dürfen. Es erschien so leicht in stunden-, manchmal nächtelangen Diskussionen mit den Kollegen Konzepte zu erstellen, Designs zu entwerfen und Inhalte zu besprechen. Sie ging in ihrer Arbeit auf und schneller als gedacht, fand sie zurück zu ihrem alten Selbstvertrauen. Maggie erwies sich als echte Bereicherung in ihrem Leben. Hin und wieder gingen die beiden Frauen nach der Arbeit gemeinsam essen, philosophierten über das Leben oder lästerten nach Herzenslust über die mehr oder weniger ansehnlichen Exemplare des anderen Geschlechts, die sich auf der Suche nach einer Beute für die Nacht oder der Flucht vor der Einsamkeit des eigenen Appartements befanden. Jaqueline fand zurück ins Leben und begann auch die alten Kontakte zu ihren Freunden wieder aufzunehmen. Der Schmerz über ihren Verlust war noch da, aber sie war auf dem besten Weg zu lernen, damit zu leben. Die Zeit mit Stefan würde ihr niemals jemand nehmen können, aber ihr Leben musste weiter gehen. Sie war es ihm und vor allem sich selbst schuldig. Soviel wusste sie jetzt.

Maggie hatte sich Jaquelines Geschichte angehört und beneidete sie fast um diese außergewöhnliche und seltene Beziehung, die die Jüngere gefunden und viel zu früh verloren hatte. Die erfahrene Frau war sich aber auch bewusst, dass es noch einige Zeit dauern würde, bevor Jackie eine neue Beziehung würde aufbauen können. Also animierte sie sie, so gut es ging, sich auf alte Hobbys zu besinnen und war froh zu sehen, das ihr Neuzugang diesen Ratschlag zaghaft aber entschlossen annahm.

Beruflich ging es schneller voran und schon bald war Jaqueline vollständig in das Team integriert und konnte einige mittlere Projekte erfolgreich und zur vollsten Zufriedenheit der Kunden abwickeln. Maggie hatte sie bei ihren ersten Präsentationen persönlich begleitet und war fasziniert von dem Enthusiasmus mit dem die jüngere Frau ihre Ideen vorstellte und ihre Zuhörer mitriss. Sie war sich sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben und beschloss, dass es schon bald an der Zeit war, Jaqueline auf ein anderes Parkett zu schicken.

 

2. Kapitel                   Begegnungen             

Der Himmel war strahlend blau und erschien endlos. Die Wolken erstrahlten in reinem weiß und es war, als würden sie über ein Meer aus Watte segeln. Jackie saß im Flugzeug. London hieß das Ziel.

Maggie hatte sie gestern in ihr Büro gerufen und ihr in ihrer direkten Art mitgeteilt, dass sie morgen dorthin fliegen würde, um die Londoner Kollegen endlich kennen zu lernen. Was die Ältere nicht sagte, war, dass Malcolm Jackson, Jackies Pandon in der Londoner Filiale, einen großen Fisch an der Angel hatte und Maggie wollte sicher gehen, dass es ihre Agentur war, die das Rennen machte. Sie war zu lange im Geschäft, um nicht zu wissen, dass diese Interessenten sich Vergleichsangebote einholen würden. Malcolm war gut, aber nach Meinung der Chefin konnte etwas weibliche Intuition hier nicht schaden und sie hoffte insgeheim, dass es Jackie auch diesmal gelang, ihre Zuhörer mitzureißen und von dem erstellten Konzept zu begeistern. Sie war sich aber auch darüber im Klaren, dass es nicht einfach werden würde. Diesmal hatten sie es mit knallharten Filmleuten zu tun, die absolute Perfektion verlangten. Alles musste hundertprozentig sein und höchsten Ansprüchen genügen. Ihr blieb keine Wahl. Sie spielte Ihre Trümpfe aus und hoffte das Beste.

 

Von all dem wusste Jaqueline nichts, als sie Heathrow betrat. Sie freute sich nach vielen Jahren wieder einmal in England zu sein und wollte die Zeit nach Feierabend nutzen, um ein paar alte Plätze zu besuchen und Erinnerungen aufzufrischen. Erst aber kam der Job!

Einen kurzen Moment fühlte sie sich wie erschlagen von diesen Menschenmassen und dem Gewirr der vielen englischen Dialekte, die alle gleichzeitig auf sie einzuprasseln schienen. Die Sprache als solches war nicht das Problem. Sie sprach sie lange genug. Zwar fehlten ihr manchmal die passenden Vokabeln, aber im allgemeinen gelang es ihr recht gut, sich zu verständigen. Fließend in Wort und Schrift stand in ihrer Bewerbungsmappe und das traf es auch in etwa. Sie brauchte nie lange, um sich im Englischen zurecht zu finden und konnte von hier auf jetzt zwischen den Sprachen wechseln. Diesen Umstand hatte sie ihrem Vater zu verdanken. Er war lange zur See gefahren und hatte sich Englisch mühsam selbst beibringen müssen. Seiner Tochter wollte er das ersparen. Kaum hatte sie in der Schule begonnen, die Sprache zu erlernen, triezte er sie jeden Sonntag morgen beim Frühstück. Ob sie wollte oder nicht – er unterhielt sich nur in Englisch mit ihr. Mit der Zeit fanden Vater und Tochter Gefallen an den sonntäglichen Morgendebatten in der fremden Sprache und für Jackie wurde der Umgang damit zu einer Selbstverständlichkeit, die ihr bei späteren Auslandsaufenthalten immens zu Gute kam.

 

Der Moment der Unsicherheit war so schnell vorbei, wie er gekommen war. Sicheren Schrittes durchkehrte sie die Ankunftshalle und schon einige Minuten später saß sie in einem dieser wunderschönen alten englischen Taxis auf dem Weg zum Piccadilly Circus. Sie war gespannt, was sie im Londoner Büro erwarten würde.

Ihre Ankunft in den Geschäftsräumen verlief jedoch völlig anders als gedacht. Malcolm Jackson stellte sich als gutaussehender Mann Ende Dreißig heraus. Er hätte ohne Probleme für die Statue des Latin Lovers schlecht hin Modell stehen können. Ca. 1.70m groß, braune Augen, schwarze Haare, dunkle Haut. Er war durchtrainiert, das musste man ihm lassen, und dennoch musste Jaqueline unwillkürlich schmunzeln, weil sich ihr mit aller Macht die Vorstellung aufdrängte, ihn gemeinsam mit hundert anderen morgens schwitzend durch den Hyde-Park rennend zu sehen. Was auf andere Frauen überaus anziehend wirkte, war für sie nur der blanke Horror. Bevor sie mit Stefan zusammen kam, war sie auf einen ähnlichen Typen herein gefallen. Die Wunden, die sie aus dieser Beziehung davon trug, waren immerhin groß genug, um bei der Begegnung mit einem Mann dieses Typs sämtliche Warnsysteme in ihr, in Alarmbereitschaft zu versetzen. Als er sie begrüßte, musste sie allerdings schwer an sich halten, um nicht laut loszulachen. Der Kerl schien die Stimme eines Zehnjährigen zu haben und fistelte in reinem Oxford vor sich hin. Krasser hätte der Gegensatz zwischen äußerer Erscheinung und dem, was raus kommt, gar nicht sein können. Mühsam kämpfte sie um ihre Fassung und schließlich gelang es ihr irgendwie Haltung zu bewahren. Trotzdem konnte sie nicht verhindern, das ein leises Glucksen ihrer Kehle entkam, was mit einem bitterbösen Blick ihres Gegenübers quittiert wurde. Sorry – aber so hatte sie sich diese Begegnung nun wirklich nicht vorgestellt. Sie würde ein ernstes Wörtchen mit Maggie zu reden haben, wenn sie wieder heim kam. Zumindest eine kleine Vorwarnung wäre hier sicher sinnvoll gewesen.

 

Gott sei Dank, stand Malcolm viel zu sehr unter Spannung, um weiter auf Jackies Verhalten einzugehen. Er schwitzte die Nervosität förmlich aus jeder Pore und fing an, Jaqueline mit dieser unterdrückten Spannung zu beunruhigen. Was ging hier vor sich? Nachdem er sich umständlich vorgestellt und sie begrüßt hatte, ließ er dann auch gleich die Katze aus dem Sack. „Gut, dass du endlich da bist. Ich hatte schon befürchtet, du würdest es nicht rechtzeitig zu dem Termin schaffen“, begann er. „So bleiben uns wenigstens noch ein paar Minuten um die Präsentation kurz durch zu gehen. Ich denke, es ist am Besten, wenn du mich reden lässt, aber ich wäre dir dankbar, wenn du mit einspringst und mir zur Seite stehst, sobald es um die kreative Seite geht.“ Er hatte sie an der Hand gepackt und zog sie, ohne weitere Einwürfe ihrerseits abzuwarten, hinter sich her in sein Büro. Dort angekommen, dirigierte er sie hinter seinen Schreibtisch und drückte sie mit einer Hand in den Stuhl, während er mit der anderen schon damit beschäftigt war, die vorbereitete Präsentation auf seinem Rechner aufzurufen. Jaqueline wusste nicht, wie ihr geschah und war völlig überrumpelt. So langsam fing die Sache an, mulmig zu werden. „Ruhig!“, dachte sie und holte erst mal tief Luft. Dann wandte sie sich Malcolm zu und fiel ihm ins Wort, als er gerade Anstalten machte, mit seinem Vortrag fortzufahren. „ Hold on! Erst Mal - guten Tag1 Ja, ich bin Jaqueline und ich freue mich auch, Deine Bekanntschaft zu machen.“ „Böses Mädchen, dass war glatt gelogen.“, dachte sie im Stillen bei sich. Laut fuhr sie jedoch fort: „Würdest du mir bitte erklären, was hier eigentlich los ist? Von was für einem Termin sprichst du da? Und von einer Präsentation hat mir auch keiner was erzählt. Ich wurde hierher geschickt, um das Londoner Büro kennen zu lernen und habe nicht den Schimmer einer Ahnung, was du eigentlich von mir willst. Es wäre also überaus wünschenswert, wenn Du vorne beginnen könntest. Danke!“ Fassungslos starte Malcolm sie an und sank völlig entnervt auf die Schreibtischkante. Ihm brach vollends die Stimme und es hörte sich kaum nach mehr als einem verzweifelten Piepsen an, als er sie fragte: “Du willst doch damit nicht ernsthaft sagen, du weißt gar nicht, um was es heute für uns hier geht?“ „Nein, tue ich nicht.“ erwiderte Jackie ruhig. „Aber Angesicht der Tatsache, dass uns scheinbar in Kürze ein sehr wichtiger Termin bevorsteht, solltest du mich vielleicht schnellstens von den wichtigsten Dingen in Kenntnis setzen. Was meinst du, kriegst du das hin?“ Sie hatte ihn auf dem falschem Fuß erwischt und ihre barsche Art tat ihr jetzt fast schon leid. Er starrte sie völlig entnervt an, räusperte sich dann und versuchte ihr in aller Kürze zu erklären, was ihnen bevor stand.

 

Vor zwei Wochen also hatte das Londoner Büro Post von einer angesehenen Künstleragentur aus Los Angeles bekommen. In diesem Schreiben wurde der Besuch zweier Agenten in London für heute 11:30 Uhr angekündigt. Bis dahin hatten sie Zeit gehabt, sich ein Konzept zu überlegen, dass in einer knappen halben Stunde vorgelegt werden sollte. Dieses Konzept aber gab es nicht wirklich, weil Malcolm einfach nicht gewusst hatte, wo er ansetzen sollte. Die Basisinformationen, die sie erhalten hatten, waren mehr als spärlich gewesen. Eigentlich wussten sie nur, dass es darum ging, eine Homepage für einen berühmten Schauspieler zu erstellen. Kein Name, keine Andeutungen, keine Stilwünsche, keinerlei Verweise auf mögliche Tendenzen. Sie wussten nichts! Malcolms Verzweifelung angesichts dieser Situation und seine Nervosität in Anbetracht des auf ihn zukommenden Gesprächs begann binnen weniger Minuten für Jaqueline nachvollziehbar zu werden. Er hatte nichts in der Hand, auf das er hätte aufbauen können und die vorbereitete Präsentation war dementsprechend dürftig ausgefallen. Sie verkniff sich einen Kommentar dazu. Ein Seitenblick auf den Kollegen sagte ihr, dass er selbst wusste, was von dieser Vorstellung zu halten war. Schließlich war er länger im Geschäft als sie und nicht umsonst der Leiter des Londoner Büros. In Hamburg hingen Kopien von einigen Auszeichnungen, die er für seine Arbeiten erhalten hatte. Sie wusste, dass er beruflich in der Branche hoch angesehen war und nicht unwesentlich dazu beitrug, der Agentur in London und im englischsprachigen Ausland einen guten Namen zu verschaffen. Wenn dieser „alte Hase“ derartig nervös war, schien es mehr als berechtigt und Jaqueline besaß genügend Auffassungsgabe, um zu begreifen, dass hier in weniger als 15 Minuten einiges für sie alle auf dem Spiel stand. Warum um alles in der Welt hatte Maggie ihr das nicht gesagt?

Egal, sie würde sich später Gedanken darüber machen können. Jetzt galt es erst mal, sich bestmöglichst aus der Affaire zu ziehen. Sie schaute offen in Malcolms abwartenden Blick und versuchte ihm so kurz und prägnant wie möglich zu erklären, wie sie die Sache sah. Es gelang ihnen gemeinsam, in wenigen Minuten einen provisorischen Schlachtplan aufzustellen und als seine Assistentin stotternd das Eintreffen der Agenten und eines weiteren Herrn meldete, schien er etwas zuversichtlicher zu sein. Kurz schauten Jaqueline und er sich an. Ein gegenseitiges Nicken bestätigte dem Gegenüber, dass sie bereit waren, sich diesen Gästen zu stellen und Jackie registrierte erstaunt, dass das Zittern aus Malcolms Händen verschwunden war, als er entschlossen die Tür öffnete und ihr den Vortritt ließ.

 

* * * * * * *

 

Miriam, Malcolms Assistentin, hatte die Gäste schon in den Konferenzsaal des Büro gebracht und sie waren bereits mit Getränken versorgt, als Malcolm und Jackie dort eintrafen. Malcolm hieß sie alle herzlich willkommen und stellte zuerst Jaqueline und dann sich selbst vor. Sie erfuhren, dass die Namen der Agenten Mitchell Fletcher und Jeff Myers lauteten. Beide um die 35 Jahre jung und ganz im Stil von amerikanischen Sonnyboys aufgemacht. Sie trugen lässige T-Shirts unter ihren Maßanzügen und selbst die obligatorischen Turnschuhe fehlten nicht. Jaqueline schmunzelte in sich hinein. „Wäre einer von ihnen schwarz, könnten sie sich glatt für eine Neuauflage von Miami Vice bewerben“, schoss es ihr durch den Kopf. Selten war sie einer Person begegnet, die so sehr, wie eine Karikatur ihrer selbst wirkte und dann gleich im Doppelschlag?

Der dritte Mann erschien ihr dabei schon bei weitem interessanter. Er war fast einen ganzen Kopf größer als der Rest der anwesenden männlichen Bevölkerungseinheiten und im Gegensatz zu deren gestyltem Äußeren schien er etwas urtümliches an sich zu haben. So verstohlen wie möglich musterte sie ihn. Er trug verwaschene Jeans und sein muskulöser Oberkörper zeichnete sich unter dem weißen T-Shirt ab, über das er ein offenes Flanellhemd trug. Obwohl der Raum für die bevorstehende Präsentation etwas abgedunkelt worden war, hatte er seine Sonnenbrille nicht abgesetzt. Ebenso wenig wie die Baseballkappe, die er über den halblangen vollen und scheinbar etwas widerspenstigen Haaren trug. Er hatte ihr und Malcolm zu Beginn die Hand gereicht und Jaqueline stellte erstaunt fest, dass sie den festen Händedruck und die Wärme seiner Haut genossen hatte. Gesagt hatte er nichts und weder er noch seine Begleiter hatten seinen Namen genannt. Trotzdem hatte Jackie das Gefühl, ihn irgendwo her zu kennen. „Auch gut“, dachte sie bei sich, „ Er ist also der geheimnisvolle Unbekannte und wird sicher seine Gründe haben, warum er uns seinen Namen nicht nennen will.“ Jäh registrierte sie, dass er sich ihr zugewandt hatte, und senkte augenblicklich ihren Blick, als ihr bewusst wurde, dass sie ihn doch angestarrt  haben musste. „Mist“, schalt sie sich selbst in Gedanken, „mach so weiter, du dumme Gans, und das Ding ist gelaufen, bevor wir angefangen haben.“ Als sie aber wieder aufsah, blickte sie geradewegs in sein Lächeln und der Raum war mit einem Mal so angefüllt mit seiner Präsenz, dass sie fast glaubte, ihr würde die Luft zum Atmen fehlen. Zum dritten Mal seit ihrer Ankunft am Morgen kämpfte sie verzweifelt darum, ihre Fassung zu bewahren. Glücklicherweise gelang es ihr auch diesmal. Sie lächelte zurück und wies einladend auf die bereit gestellten Stühle. Er nickte und wandte sich ab, um in der hintersten Reihe Platz zu nehmen. Jaqueline versuchte so leise wie möglich tief auszuatmen und wurde sich erst jetzt der Tatsache bewusst, dass sie scheinbar in den letzten Minuten die Luft angehalten hatte. Sie begab sich zu ihrem Platz und zwang sich, sich auf Malcolms Vortrag zu konzentrieren. Aber ein prickelndes Gefühl im Nacken sagte ihr, dass sie dabei nicht unbeobachtet blieb.

 

 

3. Kapitel                   Bewährungsprobe          

Malcolm machte seine Sache gut und hielt sich genau an die abgesprochene Strategie. Er zog seine Präsentation wie vorbereitet durch. Nahm sich einige existierende Seiten von Hollywood Schauspielern vor und sprach über deren Vor- und Nachteile. Nettes Design, aber wenig Aussagekraft. Ganz hübsch. Klares Konzept usw. Am Ende dieser einstündigen Analyse ging er dazu über, die Punkte herauszustellen, die seiner Ansicht nach zwingend auf eine solche Page gehörten. Aber alles halt sehr allgemein gehalten. Jackie fragte sich denn auch zwischenzeitlich, ob sie sich vielleicht in den Hörsaal einer Uni und eine Vorlesung zum Thema „Nutzung der neuen Medien“ verlaufen hatte. Verstohlen musterte sie die beiden Agenten, um deren Reaktion abschätzen zu können. Aber beide schauten völlig regungslos und schienen durchaus zufrieden mit dem, was sie zu sehen bekamen. „Das wäre zu einfach.“, dachte Jaqueline bei sich, „Irgendwo gibt es hier einen Riesenhaken. Wir müssen unbedingt heraus finden, wo der steckt.“

Während sie über diesen Gedanken grübelte, beendete Malcolm seinen Vortrag. Anderthalb Stunden Präsentation waren um, und sie waren genau so schlau wie vorher. Sowohl Jaqueline als auch Malcolm hatten gehofft, durch Reaktionen Ihrer Gäste vielleicht doch einige Hinweise zu bekommen, was eigentlich erwartet wurde und um wen es ging. Aber sie waren einem Trugschluss aufgesessen, hatten ihr Material verspielt und trotzdem nichts an die Hand bekommen. Alles weitere würden sie improvisieren müssen. Jaqueline fielen die Schweißperlen auf Malcolms Stirn ins Auge. Was jetzt? Es musste doch eine Möglichkeit geben, an weitere Informationen zu kommen. Vor allem aber brauchte Malcolm eine kurze Auszeit, um sich wieder zu sammeln und dem nun völlig stillem Raum die Spannung zu nehmen. Jackie erhob sich und wandte sich den Gästen zu. „Ihr Einverständnis vorausgesetzt, würde ich eine kleine Pause vorschlagen.“, begann sie, „Das gibt Ihnen die Gelegenheit, das eben gehörte noch mal zu reflektieren und wir könnten uns dann in 15 Minuten wieder zusammen setzen. Gerne würden wir dann etwas über ihre Eindrücke zu unserem Vorschlag hören und diesen gemeinsam mit ihnen erörtern. Ich bin mir sicher, Mister Jacksons Assistentin hält dann auch eine weitere Erfrischung bereit.“ Myers und Fletcher quittierten diesen Vorschlag mit einem schiefen Lächeln und wendeten sich gleichzeitig zu ihrem Begleiter um. Dieser nickte fast unmerklich und schon ließ Fletcher in seinem ausgeprägten Südstaaten-Akzent verlauten, dass sie einverstanden wären. „Gut !“ erwiderte Jackie und steuerte auf die Fenster zu. Etwas Sonnenlicht und frische Luft konnte ihnen allen nicht schaden und dann würde sie Malcolm fragen, wo man hier rauchen dürfte. Sie brauchte dringend eine Zigarette!!!

Malcolm verwies auf einen Balkon am Ende des Ganges und machte sich dann seinerseits schleunigst unter dem Vorwand, seine Assistentin informieren zu wollen, auf, den Raum zu verlassen. Jackie steuerte ebenfalls dem Ausgang zu. Sicher wäre es den Gästen nur recht, wenn sie sich ein paar Minuten alleine besprechen konnten.

Sie holte ihre Tasche aus Malcolms Büro und strebte dem Balkon entgegen. Die Zigaretten waren schnell gefunden und sie schob sich eine zwischen die Lippen. Während sie noch nach dem Feuerzeug kramte, flammte eine kleine Flamme vor ihr auf. „Danke“ sagte sie geistesabwesend und zog gierig den Rauch ein. „Keine Ursache“, kam prompt die Antwort. Sie erschauerte beim Klang dieser Stimme. Tief, warm und ausgesprochen männlich. Erstaunt sah sie auf und da stand der geheimnisvolle Unbekannte keinen halben Meter von ihr entfernt. Er trug noch immer seine Sonnenbrille, lehnte sich lässig an die Wand und fischte mit einer Hand nach seiner Zigarettenpackung in der Hemdtasche. Er steckte sich eine an und inhalierte genüsslich den Rauch. Ein Grinsen umspielte seine Lippen, als er sich ihr wieder zuwendete.

„Scheint, als ginge ihnen und ihrem Kollegen, die ganze Sache hier ziemlich an die Nerven.“, hob er an. „Dabei besteht dazu keinerlei Grund. Ich kann ihnen versichern, dass wir weder verkleidete Monster sind, noch vor haben sie oder ihren Kollegen zu fressen.“ Jackie musste über dieses unerwartete Geständnis lachen und erwiderte ungezwungen „Das hatte ich ehrlich gesagt auch nicht vermutet, aber danke, dass sie es mir noch einmal bestätigen.“ Verflixt - wer war dieser Typ? Sie hatte das Gefühl, als könnte sie seine warme und tiefe Stimme in Ihrem Inneren nachhallen hören und, ohne es zu wollen, genoss sie es. Und dieser Akzent. Irgendwo hatte sie diese Aussprache schon gehört. „Australien!“ schoss es ihr durch den Kopf. Dieser Mann musste Australier sein, konstatierte sie überrascht für sich. Irgendwie beruhigte es sie. Sie hatte einen Faible für dieses außergewöhnliche Land Down Under, seit sie durch einen glücklichen Umstand vor etlichen Jahren eine Reise dorthin machen durfte und eine tolle Zeit verlebt hatte. Sie lächelte bei dem Gedanken daran.

Der Unbekannte schien sie die ganze Zeit über zu mustern und fragte schließlich: „Sie kommen aus Deutschland. Richtig?“ „Ja“, antwortete sie „Aus Hamburg um genau zu sein.“ Er legte den Kopf leicht schief „Muss eine schöne Stadt, was man so hört. Aber wieso spricht eine Deutsche Englisch mit australischem Akzent?“ Er grinste sie so unverschämt an, dass sie sich beinahe an ihrem Rauch verschluckte. „Ich habe Freunde da unten“, erwiderte sie so unverfänglich wie möglich. Allmählich fing dieser Typ wirklich an, sie nervös zu machen. Es gefiel ihr gar nicht und doch musste sie sich eingestehen, dass seine überaus maskuline Ausstrahlung nicht ohne Wirkung auf sie blieb. Mit seinen Klamotten, der Sonnenbrille und dem halblangen Haaren hatte er etwas verwegenes an sich, dass durch den Drei-Tage-Bart, den er trug, nur noch unterstrichen wurde. Der Mund schien etwas zu klein geraten für dieses Gesicht und gab seinen sonst so markanten Zügen einen sensiblen Touch. Seine Statur war kräftig und er wirkte durchtrainiert. Die Muskeln seiner Oberarme zeichneten sich deutlich unter dem Hemd ab und sein Nacken zeugte von vielen Stunden Fitnessstudio und harter Arbeit. Sie ertappte sich dabei, dass sie sich fragte, welche Farbe seine Augen wohl hätten und erschrak im gleichen Moment über sich selbst. Es war lange her, dass ein anderer Mann außer ihrem eigenen sie nervös gemacht hatte. Irgendwie hatte sie im Stillen gehofft, gegen solche Gefühle immun geworden zu sein. Dieser Fremde hier bewies ihr aber gerade mit ein bisschen Smalltalk und seiner puren Anwesenheit das Gegenteil. Er fing an sie zu interessieren und das behagte ihr nicht gerade. „Vorsicht, altes Mädchen“ ermahnte sie sich selbst. „Du bist hier, um einen Job zu machen. Nicht mehr und nicht weniger.“

„Sind sie schon länger in London?“ Die Frage holte sie aus ihren Gedanken. „Verflixt – Kunde hin, Kunde her, aber muss mir dieser Typ ausgerechnet jetzt ein Gespräch aufzwängen?“ Sie wünschte sich zurück in die gediegene Atmosphäre des Besprechungsraumes. Diese Unterhaltung mit dem Fremden auf dem engen Balkon über dem Piccadilly Circus entsprach nicht ihren Vorstellungen eines normalen Kundengesprächs. Wie auch immer, sie würde dadurch müssen. „Nein“ antwortete Jaqueline „Ich bin vor ca. 4 Stunden aus dem Flugzeug gestiegen.“ „Sie sind also extra für diesen Termin angereist?“ Zumindest ihr Gesprächspartner schien zu wissen, worauf dieses Gespräch hinaus laufen würde. „Nein“ antwortete sie wahrheitsgemäß, „ Nicht direkt. Ich bin erst seit einigen Monaten in der Agentur beschäftigt und bin hauptsächlich hier, um das Londoner Büro und die Kollegen kennen zu lernen.“ Sie bewegte sich auf dünnem Eis und hoffte inständig, dass er nicht weiter darauf einging. Aber ihr Gegenüber verfügte über einen wachen Verstand. Zu spät wurde Jaqueline sich dessen bei seiner Antwort bewusst. „Eine Anfängerin also!“, bemerkte er trocken. „Schade! Diese Agentur war mir als besonders kompetent empfohlen worden. Es hieß, sie sei in der Branche sehr renommiert. Bislang hat mich das Gesehene allerdings nicht überzeugt und ich hatte wirklich damit gerechnet, dass einem Auftrag dieser Größe etwas mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden würde. Wissen sie, Lady, ich halte nicht viel von Leuten, die ihre Arbeit nur mittelmäßig tun.“

 

Aua – das tat weh. Und Jaqueline verfluchte sich selbst im gleichen Augenblick. Das war nun bestimmt nicht der Eindruck, den sie mit ihren Worten erwecken wollte. Es ging an ihre Ehre. So neu war sie in der Branche nun auch wieder nicht, um sich als Anfängerin betiteln zu lassen, nur das internationale Parkett war sie noch nicht gewohnt. Immerhin konnte sie seinen Worten entnehmen, dass um es seine Seite ging. Folglich musste er der Star sein. Aber warum machte er so ein Geheimnis aus seiner Person? Jaqueline beschloss alles auf eine Karte zu setzen. So, wie die Dinge lagen, waren sie drauf und dran, den Auftrag zu verlieren. Also blieb nur Rückzug oder Angriff und Letzteres schien ihr im Moment bei weitem angebrachter.

Hatte sie bislang leicht vorgebeugt an der Balkonbrüstung gelehnt, wandte sie sich Ihrem Gesprächspartner nun vollends zu. „Darf ich sie etwas fragen, Sir?“ er nickte. „Was haben sie erwartet?“ fragte Jackie, fuhr dann aber sofort fort, ohne eine Antwort abzuwarten. „Die Agentur erhält einen Brief, indem um ein Konzept für die Homepage eines internationalen Schauspielers gebeten wird. Es wird ein Termin fest gesetzt, an dem dieses Konzept vorgestellt werden muss. Weitere Informationen? – Fehlanzeige! Sie haben vorhin auf unsere Nervosität angespielt. Sie haben Recht, wir sind nervös und ich sage ihnen auch warum. Natürlich möchten wir den Auftrag gerne haben, aber das, was man uns bisher an Informationen an die Hand gegeben hat, ist gleich Null. Wir sind nervös, weil wir wissen, dass die Präsentation da drinnen eben unterstes Mittelmaß war und es geht uns an die Nieren, eine solche Arbeit abliefern zu müssen. Aber hatten wir denn eine Wahl? Wenn sie meine persönliche Meinung hören wollen, wäre es am Besten gewesen, das Projekt unter diesen Umständen erst gar nicht anzunehmen. Mein Kollege und meine Chefin sehen das anders. Letztendlich verlangen sie von uns aber unmögliches. Es wäre in etwa so, als würde man sie zu einem Drehort bestellen, ohne dass sie jemals das entsprechende Script bekommen hätten. Wie fänden sie die Aussicht unter solchen Bedingungen perfekte Arbeit abzuliefern zu sollen?“ Sie hatte recht schnell gesprochen, um nicht von ihm unterbrochen zu werden. Außerdem war sie sich nicht sicher, ob sie alles richtig gesagt hatte. Sie sprach fließend, aber nicht perfekt. Immerhin - er hatte sich aufgerichtet, aber er wirkte ruhig. Ein Grinsen spielte um seine Lippen und gab ihm das Aussehen eines Lausbuben. Dann drang ein leiser Pfiff durch seine Zähne. Er legte den Kopf leicht schief und fischte nach seinen Zigaretten. Ruhig steckte er sich eine an und hielt ihr dann die Schachtel hin. Sie nahm an. Er grinste noch immer, als er ihr Feuer gab. „Alle Achtung! Die Lady hat ja doch Biss. Gehen sie mit ihren Kunden immer so hart ins Gericht?“

Jaqueline hatte das Gefühl als würde sich ein ganzer Felsbrocken in ihrem Magen lösen. Sie hatte sich nicht getäuscht. Dieser Mann wollte Klartext sprechen. Erleichtert über diese Erkenntnis grinste sie zurück „Nur, wenn sie dabei sind mich zur Verzweifelung zu treiben.“, konstatierte sie trocken. Die Antwort war ein schallendes Lachen, ebenso gewaltig wie echt. Man konnte gar nicht anders, als mit einzustimmen und Jackie registrierte verwirrt, dass sie lange nicht mehr so gelacht hatte. Viel zu lange – und es fühlte sich gut an.

Als sie sich wieder beruhigt hatten, klang seine Stimme ganz weich und er lächelte sie auf eine Art und Weise an, dass sie unweigerlich das Gefühl hatte, weiche Knie zu bekommen. „Okay,“ sagte er leise und in einem beinahe vertrauten Ton, „also beginnen wir noch mal von vorne. Lass’ uns wieder zu den anderen gehen, Mädchen, und dann sagst du mir, welche Informationen du brauchst!“ Er drehte sich auf dem Absatz um und ging hinein. Jaqueline sah ihm verdutzt nach, blieb aber zurück, verzweifelt darum bemüht, das Zittern in ihren Knien unter Kontrolle zu bringen. Diesen Gang kannte sie und schlagartig war ihr bewusst geworden, mit wem sie gerade auf dem Balkon gestanden und gelacht hatte.

 

 

Zurück                Nach oben                 Weiter