| 4. Kapitel | Zweite Chance |
| 5. Kapitel | Abreise |
| 6. Kapitel | Erkenntnisse |
4. Kapitel
Zweite Chance
Malcolm kam ihr entgegen geeilt. Er hatte das Lachen gehört und war zutiefst beunruhigt. Fragend blickte er ihr entgegen. Jaqueline hatte sich wieder gefangen und winkte beruhigend ab. „Alles okay“ sagte sie in seine Richtung. „Ich glaube, jetzt haben wir eine reelle Chance endlich die nötigen Informationen zu bekommen. Wir müssen nur vorsichtig an die Sache heran gehen.“ Malcolm schaute etwas verdutzt drein, sagte aber nichts weiter und begleitete sie zurück in den Besprechungsraum.
Als sie
eintraten unterhielt sich ihr Rauchgefährte gerade angeregt mit den beiden
Agenten. Die Baseballkappe hatte er abgenommen und fuhr sich gerade mit einer
Hand durch das Haar. Für Jackie war diese Geste wie ein Schlag in die
Magengrube. „Mein Gott“, dachte sie „wieso bin ich so blind gewesen? So blöd
kann man doch gar nicht sein.“ Sie schnappte so unauffällig wie möglich nach
Luft und wappnete sich innerlich für die zweite Runde. Es war unverkennbar,
dass sich die Stimmung in dem Raum deutlich verändert hatte. Auch Myers,
Fletcher und Malcolm hatten dies bemerkt. Nur wusste keiner der Drei so recht,
was er davon halten sollte. Sie nahmen ihre Plätze um den Besprechungstisch ein
und schließlich ergriff Fletcher das Wort. „So, Mister Jackson“ hob er an,
„Sie möchten jetzt also von uns hören, wie uns ihr Vorschlag gefallen
hat.“ Malcolms Gesichtsfarbe wurde bedrohlich fahl. Er konnte sich nur zu gut
vorstellen, was jetzt auf ihn einprasseln würde. Jedoch der erwartete Segen
blieb aus. Ein tiefes „Stop“ brachte Fletcher zum Schweigen. Der Unbekannte
trug noch immer die Sonnenbrille und hatte sich den Platz genau gegenüber von
Jaqueline ausgesucht. Gespannt und verdutzt wandten alle Anwesenden sich ihm zu.
Er blickte jedoch geradewegs auf Jackie und lächelte sie an. „Ich würde
vorschlagen, wir vergessen, Mister Jacksons Vortrag und hören uns statt dessen
lieber an, was diese Lady zu sagen hat. Also Jaqueline, ich darf sie doch so
nennen, oder?“ Er erhielt ein automatisches Nicken zur Antwort. „Weihen Sie
uns ein in die Geheimnisse des Internets.“
Warum
kriechen Frösche einem immer dann in den Hals, wenn man sie am wenigsten
gebrauchen kann? Jackie schluckte, nahm einen Schluck Wasser und erhob sich. Mit
aller ihr zur Verfügung stehenden
Energie verdrängte sie, ihre gerade gewonnene Erkenntnis, wen sie da vor sich
sitzen hatte und zwang sich zur Professionalität. Wie und warum auch immer –
es funktionierte. „Nun, meine Herren, zunächst bitte ich schon einmal
vorweg um ihre Nachsicht. Ich bin mir bewusst, dass mein Englisch nicht
perfekt ist. Ich werde aber versuchen, ihnen meine Gedanken so gut es geht zu
erläutern.“ Aus den Augenwinkeln sah sie Malcolm unruhig auf dem Stuhl hin
und her rutschen. Sie zwinkerte ihm zu und hoffte, ihn so ein wenig zu
beruhigen. Egal wie das jetzt ausgehen würde, sie nahm sich vor, ihn heute
abend, als Entschädigung quasi, auf einen Drink einzuladen. So oder so, sie würden
ihn sich redlich verdient haben.
„Das
Internet, meine Herren, ist ein einzigartiges Medium mit außergewöhnlichen Möglichkeiten,
dessen Tragweite so umfassend ist, dass man es mit Fug und Recht als das einzige
wirklich globale Medium bezeichnen kann.“ Begann sie ihren Vortrag und nachdem
sie nebenbei den Raum wieder leicht abgedunkelt hatte, entführte sie Ihre Zuhörer
in die Welt des World Wide Webs. Sie sprach über statische Seiten und deren
Nutz- und Zwecklosigkeit. Klickte auf Seiten, die der reinen Information dienten
und solche, die pure Unterhaltung waren. Sie sprach über Suchmaschinen und
Portale. Zeigte für alles positive und negative Beispiele, referierte über
Performance und Zugriffsgrößen und fand immer wieder Seiten, die ihren Zuhörern
ein Lachen entlockten. Dabei versäumte sie es nicht, auf die Reaktionen der
Anwesenden, oder besser, der für sie maßgeblichen Anwesenden zu achten.
Malcolm entspannte sich zusehends und zeigte mittlerweile sogar wieder eine
recht zufriedene Miene und der geheimnisvolle Unbekannte ließ sie nicht aus den
Augen und folgte interessiert und leise lächelnd ihren Ausführungen. Selbst
Myers und Fletcher schien sie in ihren Bann geschlagen zu haben. Sie hatte sie
soweit. Jetzt konnte sie es wagen, auf ihr Ziel zu zu steuern.
„Sie
sehen, meine Herren, die Güte einer Seite hängt immer maßgeblich von vier
Faktoren ab. Dem Konzept, dass sie trägt. Dem Design, dass den Betreiber repräsentiert.
Der Performance, die die Seite nutzbar macht und last but not least dem Inhalt,
der der Seite seine Individualität gibt. Und damit schließt sich der Kreis.
Sie sind heute hier, weil sie uns beauftragt haben, ihnen ein Konzept für die
Homepage eines namhaften Schauspielers zu erstellen. Ohne den Namen und das
Anliegen unseres Auftraggebers zu kennen, ist die Erstellung eines brauchbaren
Konzepts aber beinahe unmöglich. Eine mögliche, aber für alle Seiten
unbefriedigende Lösung, hat mein Kollege ihnen heute Mittag vorgestellt. Ich
werde nun versuchen, ihnen anhand eines Beispieles eine andere Möglichkeit
aufzuzeigen. Gleichzeitig möchte ich die Gelegenheit aber auch nutzen, um ihnen
eine meiner absoluten Lieblingsseiten vorzustellen. Es ist die offizielle
Homepage zu dem nun schon etwas in die Jahre gekommenen Film „A beautiful mind“,
die mich gerade durch ihr Design und ihr Konzept immer wieder aufs Neue
fasziniert. Das, meine Herren, ist Internet vom Feinsten.“ Sie regulierte die
Lautstärke und ließ die Musik einen Augenblick wirken. Aus den Augenwinkeln
beobachtete sie den Mann im Flanellhemd, der sich noch immer hinter seiner
Sonnenbrille versteckte. Ansonsten aber einen ganz ruhigen Eindruck machte. Sie
nahm ihr Glas und trank bedächtig einen Schluck Wasser. Jetzt galt es. Sollte
sie recht haben mit ihrer Vermutung, dann war der Moment der Wahrheit jetzt
gekommen. Obwohl sie gerade getrunken hatte, war ihr Mund plötzlich
staubtrocken. Vorsichtig fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen. „Jetzt
nicht schlapp machen“, ermahnte sie sich. „Du hast es gleich geschafft.“
Sie räusperte
sich und fuhr fort: „Nehmen wir also mal an, rein hypothetisch natürlich, es
ginge darum, eine Homepage für den Hauptdarsteller dieses Films zu
entwickeln.“ Der Unbekannte rührte sich. Verlagerte sein Gewicht nach vorn
und stützte die Ellbogen auf die Oberschenkel auf. Ruhig lehnte er den Kopf auf
seine Hände und fuhr sich mit dem Zeigefinger an die Lippen. Aber er sagte
nichts. Myers hingegen sog hörbar die Luft ein.
„Ich
denke nicht, dass ich ihnen diesen Herrn vorstellen muss.“, fuhr Jaqueline
fort. „Nur der Form halber: Es handelt sich um Russell Crowe. Sicher ist es
kein Problem bei einem Schauspieler seines Formats eine ganze Homepage mit Aufzählungen
von Filmen, Aufzählungen von Auszeichnungen, einer Biografie und vielleicht
einem Kurzabriss seiner neuesten Projekte aufzubauen. Ob das diesem Mann jedoch
gerecht wird, steht dabei aber auf einem anderen Blatt.“ „Und was würdest
du ihm vorschlagen, Jackie?“ Da war sie wieder diese tiefe Stimme mit dem
leisen Timbre. Er hatte die Kurzform ihres Namens gewählt und damit
unbeabsichtigt eine Seite in ihr berührt, die schon lange verstummt war. Einen
Sekunde lang glaubte sie, der Boden unter ihr würde nachgeben. Sie riss sich
zusammen und wandte sich ihm zu. „Ich würde ihm vorschlagen, seine Page als
Kommunikationsplattform mit seinen Fans zu nutzen. Sie so persönlich wie möglich
zu gestalten und die Facetten seiner Persönlichkeit darin zu beleuchten, die
ihm selbst wichtig sind. Die bloßen Fakten über ihn finden sich auf nahezu
jeder Fanseite und in etlichen Filmlexika. Sie zu wiederholen, wäre
verschwendeter Platz.“
Er nickte
und senkte den Kopf. Als er wieder aufblickte, war die Sonnenbrille verschwunden
und Jaqueline schaute geradewegs in die faszinierendsten Augen, die sie je
erblickt hatte. Krampfhaft hielt sie sich an dem Stuhl in ihrem Rücken fest.
„Nicht schwach werden“, dachte sie, „Nicht jetzt!“ Sie kannte diese
Augen, hatte sie unzählige Male im Kino und im Internet bewundert und wusste nun hundertprozentig, dass sie richtig
vermutet hatte. Er war es wirklich.
Crowe
stand auf und kam auf sie zu. Kurz vor ihr blieb er stehen und sah auf sie
nieder. „Gratuliere, Mädchen! Du hast deiner Agentur gerade einen neuen
Auftrag beschert. Meine Agenten werden sich in den nächsten Tagen mit euch in
Verbindung setzen und den Vertrag aushandeln. Und wir beide sehen uns in 14
Tagen. Dann möchte ich dein ausgearbeitetes Konzept sehen. Ich bin wirklich
gespannt, was du noch alles aus dem Hut zauberst.“ Sie streckte ihm die Hand
entgegen und er ergriff sie. „Es wird mir eine Ehre sein, Sir.“ Sagte sie
mit einem leichten Zittern in der Stimme. Er lachte leise und erwiderte „Den
Sir vergiss bitte ganz schnell. Ich heiße Russell und ich freue mich auf die
Zusammenarbeit.“ Ehe sich Jaqueline versah, berührten seine Lippen ihre
Wange. Ganz kurz nur und mit einer Zartheit, die sie einem Mann wie ihm niemals
zugetraut hätte. Dann hatte er ihre Hand auch schon los gelassen und befand
sich samt Anhang auf dem Weg nach draußen, während Jaquelines Beine nun
wirklich versagten und sie sich kraftlos in einen der Stühle fallen ließ.
5. Kapitel
Abreise
Sie hatte
die Augen geschlossen und versuchte langsam wieder in die Realität zurück zu
finden. Alles in ihrem Kopf drehte sich und sie war sich absolut sicher, dass
sie ihr vertrautes Schlafzimmer vor sich sehen würde, wenn sie jetzt die Augen
öffnete. Das konnte doch nur ein Traum gewesen sein! So was verrücktes
passierte nicht wirklich und schon gar nicht ihr. Sie zögerte kurz und
beschloss schließlich den Versuch zu wagen. Langsam öffnete sie die Augen und
erschrak. Das war definitiv nicht ihre vertraute Umgebung, denn vor ihr stand
ein über das ganze Gesicht strahlender Malcolm, der ihr freudig ein Glas
Champagner entgegenstreckte.
„Auf
unsere Heldin“, ließ er dabei pathetisch verlauten, „Jaqueline, dich hat
uns wirklich der Himmel geschickt.“ Allgemeine Zustimmung wurde laut und erst
jetzt realisierte Jackie, dass sich zwischenzeitlich das komplette Londoner Büro
in dem Besprechungsraum eingefunden hatte. Sie wollte abwehren, aber die
Kollegen ließen ihr keine Chance. Sie wurde auf einmal gleichzeitig von allen
Seiten beglückwünscht und es schien, als wäre jeder darauf versessen, ihr
persönlich die Hand zu schütteln. Widerstand schien zwecklos, also fügte sie
sich in die Situation und gestattete Malcolm, sie herum zu reichen wie eine
Trophäe. Als alle begrüßt waren, hatte sie zum ersten Mal Zeit etwas Luft zu
holen und nutzte die Gelegenheit, sich auf den kleinen Balkon zu verdrücken.
Was für ein Tag!
Erschöpft
lehnte sie sich an die Hauswand und genoss die Wärme in ihrem Rücken, die die
von der Sonne aufgeheizten Steine zurück warfen. Ein Bild zog vor ihrem inneren
Auge herauf und sie durchlebte noch einmal, was sich vor einigen Stunden an
gleicher Stelle abgespielt hatte und dann sah sie wieder diese Augen vor sich.
Alleine die Vorstellung reichte fast, um ihr Magenkrämpfe zu verursachen. Was
zum Kuckuck hatte sie sich da nur eingebrockt?
Russell
Crowe – sie war seit Jahren ein Fan von ihm und gemeinsam mit Stefan hatten
sie sich alle Filme angesehen, derer sie habhaft werden konnten. Jaqueline hatte
ihn gemocht, weil er nun mal genau das verkörperte, was einen echten Mann für
sie ausmachte und Stefan begründete seine Sympathie auf der Tatsache, dass
dieser Crowe allem Anschein nach nicht sonderlich viel von political correctness
hielt. Beide waren sie sich dabei einig, dass er einer der besten Schauspieler
seiner Zeit war und so war u.a. die Gladiator DVD denn auch schon mächtig
abgenutzt.
Diesem
Mann aber jemals leibhaftig gegenüber zu stehen, war etwas völlig anderes. Nie
hätte sie gedacht auch nur entfernt in seine Nähe zu gelangen und dass hatte
sie auch nie wirklich gewollt. Ihr reichte die Betrachtung aus der Ferne und
wenn sie doch einmal die neuesten Nachrichten über ihn verschlungen hatte,
befiel sie schon beinahe ein schlechtes Gewissen. Sicher, er war eine öffentliche
Person und letztendlich waren es seine Fans, die ihr sauer verdientes Geld in
die Kinos schleppten und ihm damit zu noch mehr Ruhm und Reichtum verhalfen.
Irgendwie fand sie aber, dass auch jemand in seiner Stellung ein Recht auf
Privatsphäre hatte und die Presse ging nicht gerade zimperlich mit ihm um.
Zumindest die Skandalgeschichten hatten etwas nachgelassen. Es war ruhig um ihn
geworden, auch wenn die eine oder andere Affäre durch die Presse geisterte.
Nachdem er sich vor zwei Jahren eine Auszeit genommen hatte, war allgemein als
ein Schauspieler von Weltklasseformat anerkannt. Die Rolle des "Bad
Boy" hatten andere für ihn übernommen. „Er hat wirklich alles erreicht, was er immer wollte“, dachte sie bei sich.
Doch diese Feststellung versetzte ihr einen kleinen Stich. Vor drei Jahren hatte
sie das gleiche von sich behauptet. Kleines Häuschen, guter Job und eine
absolut glückliche Ehe. Sie hatte sich am Ziel ihrer Träume gewähnt und dann
hatte dieser verflixte Unfall ihr Leben von heute auf morgen auf den Kopf
gestellt. Und nun?
Sie war in
eine andere Welt eingetaucht, konnte die Eindrücke, die während der
vergangenen vier Monaten auf sie eingestürmt waren, gar nicht so schnell
verarbeiten und heute war sie schließlich auch noch dem Mann begegnet, von dem
sie manchmal heimlich träumte. Es war ihr gelungen, ihn mit ihren Argumenten
und ihrem Enthusiasmus zu überzeugen und sie würde ihn in knapp zwei Wochen
wiedersehen. Zwei Wochen – ihr blieb nicht viel Zeit, um eine Mauer um ihre
Seele zu errichten.
* * * * *
* *
„Jaqueline,
Telefon für Dich.“ Jackie schreckte aus ihren Gedanken auf. Sie hatte nicht
bemerkt, dass Miriam neben ihr stand und ihr das Mobilteil entgegen streckte.
Wer sollte sie hier anrufen, schoss es ihr durch den Kopf. „Sicherlich Maggie,
die sich in die Reihe der Gratulanten einfügen möchte.“ Sie nahm Miriam das
Telefon aus der Hand und atmete durch. So unbefangen wie möglich meldete sie
sich. „Melzer“ – „Hi, Jackie“ kam zur Antwort und sie erstarrte. Es
war unverkennbar seine Stimme, aber was könnte er von ihr noch wollen? Es war
alles besprochen und der weitere Ablauf war festgelegt. Machten die Kollegen
sich einen Spaß mit ihr? Vorsichtig antwortete sie: „Hallo Russell, was kann
ich für sie tun?“
„Ich
habe vorhin glatt vergessen, mir deine Karte geben zu lassen und wollte wissen,
wie ich dich in Hamburg erreichen kann. Mister Jacksons Assistentin hat mir
mittlerweile die Nummer das Hamburger Büros genannt. Ich bräuchte aber noch
deine Handy-Nummer und die gute Frau stellt auf stur. Also wollte ich dich
direkt bitten, sie mir zu geben.“ Was soll das, fragte sich Jackie im Stillen.
Irgendwie hörte sich das arg nach einem Vorwand an. Sie gab sie ihm dennoch und
hoffte so, das Gespräch schnell beenden zu können. Wenn sie ihm noch länger
zuhörte, würde sie alleine seiner Stimme verfallen. Sie hörte durch das
Telefon das Kratzen des Kugelschreibers auf dem Papier und unwillkürlich
tauchte vor ihr das Bild auf, wie er in einem der großen Hotels der Stadt in
irgendeiner Suite saß und sich ihre Nummer notierte. Krampfhaft riss sie sich
zusammen. „Kann ich sonst noch etwas für sie tun, Sir?“ „Ja“, kam
prompt die Antwort. Er schien etwas verärgert als er fortfuhr „Zum Einen
hatte ich Dich schon vorhin gebeten, mich bei meinem Vornamen zu nenne. Ich mag
es nicht, wenn du mich mit Sir ansprichst.“ Jaqueline war verdutzt. Es schien
ihn wirklich zu stören. „Okay, Russell“, lenkte sie mit Betonung auf seinen
Namen ein „Und zum anderen?“ Er schien halbwegs versöhnt und seine Stimme
klang nun wieder weicher: „Ich würde dich gerne heute Abend zum Essen
einladen und mit dir auf unsere Zusammenarbeit anstoßen. Du hast mich neugierig
gemacht und ich weiß gerne Bescheid über die Leute, die für mich arbeiten.
Sag ja – und in 15 Minuten steht ein Wagen vor dem Büro, der dich abholt.
Keine Angst, es geht nur um ein harmloses Essen.“ Jaqueline schnappte nach
Luft. Fast wäre ihr der Hörer aus der Hand gefallen. Das war jetzt nicht wahr!
Den Abend mit ihm verbringen? Womöglich allein bei Kerzenschein in seiner
Suite? Selbst innerhalb einer größeren Gesellschaft wäre sie in ihrer
derzeitigen Verfassung nicht in der Lage gewesen, seine Anwesenheit auch nur für
eine Minute zu ertragen. Unmöglich – es ging nicht. Sie brauchte schnellstens
eine Ausrede und eine gute dazu. Sie räusperte sich „Danke für die
Einladung, Russell, aber ich habe vorhin einen Anruf aus Hamburg bekommen und
fliege heute noch mit der letzten Maschine wieder zurück. Wir werden es
verschieben müssen.“ Jaqueline hielt die Luft an. Sie wusste, dieser Mann gehörte
zu den Menschen, die gewöhnlich bekamen, was sie wollten. Ihm nach Vergabe
dieses Auftrags eine Abfuhr zu erteilen, war alles andere als höflich und sie
war sich absolut nicht sicher, wie er reagieren würde. Es blieb still am Ende
der Leitung. „Okay“, kam schließlich zur Antwort, „Aufgeschoben ist nicht
aufgehoben. Aber dafür wirst du mir Hamburg zeigen müssen, Miss Jaqueline
Melzer.“ Er betonte jedes Wort ihres Namens und brachte damit wieder jene
Seite tief in Ihrem Inneren zu schwingen. „Versprochen“ antwortete sie
erleichtert. Jederzeit – nur nicht heute. Sie musste erst mal wieder zu sich
kommen und sich wieder unter Kontrolle kriegen.
„Gut,
dann wünsche ich dir einen guten Flug und komm’ heil an. Wir sehen uns in
zwei Wochen. Bis später also. Bye!“ Er hatte aufgelegt.
Jaqueline
atmete erleichtert aus und gab einer völlig verblüfften Miriam das Mobilteil
zurück. „Sei so gut“, wandte Jackie sich an sie, „und versuche mir für
heute noch einen Rückflug zu buchen. Ich muss dringend nach Hause.“
6.
Kapitel
Erkenntnisse
Sie hatte
Glück gehabt. Miriam hatte es geschafft ihr noch einen Platz zu buchen und mit
etwas Mühe war es ihr schließlich auch gelungen, Malcolm von der Notwendigkeit
ihrer Abreise zu überzeugen. Fast tat es ihr ein wenig leid und sie hätte die
Londoner Kollegen gerne etwas näher kennen gelernt, aber sie musste hier
einfach so schnell wie möglich weg.
Drei
Stunden später landete sie in Hamburg. Erst
als sie ausstieg und der frische nach Nordsee riechende Wind ihr durchs Haar
fuhr, begann sie langsam etwas ruhiger zu werden. Obwohl rein äußerlich
betrachtet dieser Tag ein voller Erfolg gewesen war und sie eigentlich stolz auf
sich hätte sein können, hatte er sie doch eine Menge Substanz gekostet. Sie
war nicht vorbereitet gewesen auf eine solche Begegnung. Nicht das sie eine
Scheu vor den sogenannten „großen Tieren“ hatte, im Gegenteil. Sie war
Profi genug um zu wissen, dass sie auf einer Augenhöhe mit ihrem Gegenüber
stehen musste, um gut verkaufen zu können. Diese Ausgangsbasis war fast ebenso
wichtig wie ein solides Produkt im Hintergrund. Jaqueline hatte beides zur Verfügung
und mochte es sehr, unter solchen Bedingungen in Verhandlungen gehen zu können.
Es war nicht das Gespräch an sich gewesen, korrigierte sie sich innerlich. Sie
war auf IHN nicht vorbereitet gewesen und es ärgerte sie im Stillen, dass sie
sich zeitweise benommen hatte wie ein Teenager. Absolute Professionalität war
eine der Säulen auf der ihre ganze Tätigkeit ruhte. Crowe hatte diese heute
zum Wackeln gebracht und das beunruhigte sie.
Sie
entschied sich gegen ein Taxi. Nach Stefans Tod hatte sie das Haus verkauft und
war wieder in ihre alte Wohnung gezogen. Sie hatte die vielen Erinnerungen nicht
ertragen können. Nun wohnte sie also wieder in der Stadt. Ca. 15 Minuten Fußweg
vom Flughafen entfernt in einer ruhigen Nebenstraße auf der Grenze der
Stadtteile Alsterdorf und Fuhlsbüttel. Der Spaziergang würde ihr gut tun und
sie genoss die frische Luft des Sommerabends nach der Hitze des Tages. Sicher würde
es ihr helfen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Entschlossen stapfte sie
los und mit jedem Schritt ließ sie ein Stück dieses Tages hinter sich. Als sie
zuhause ankam, war die Distanz zu den Geschehnissen groß genug, um in Ruhe darüber
nachdenken zu können.
Nachdem
sie kurz die Post durchgesehen und den Anrufbeantworter kontrolliert hatte, ließ
sie sich ein Bad ein, um schließlich mit einem Seufzer in die Wanne zu gleiten.
Sie hatte ein paar Kerzen angezündet und leise Musik lief im Hintergrund.
Irische Folklore von Loreena McKennitt – genau richtig um einfach
abzuschalten. Sie hatte sich ein Glas Wein eingeschenkt und schloss für einen
Moment die Augen um diese ruhige Atmosphäre aufzusaugen wie ein Schwamm. Dies
war ihr Nest, ihr Refugium, in das sie sich zurück ziehen konnte. Hier fühlte
sie sich geborgen und sicher, wenn da nur nicht dieser kleine spitze Dorn in
ihrem Innern säße.
„Warum
machst du dir was vor?“, schalt sie sich selbst. Jackie wusste nur zu gut,
dass nicht alles in ihrem Leben perfekt war. Es gab eine Lücke. Diese war
kleiner geworden, aber sie war da. Bei Stefan hatte sie sich geborgen und
geliebt gefühlt. Sie hatte gewusst, dass er immer zu ihr stehen würde und
dieses Gefühl der Sicherheit hatte sie genossen. Dieser Crowe hatte mit seiner
tiefen Stimme und seiner überaus männlichen Ausstrahlung diese Sehnsucht
wieder geweckt. Die Sehnsucht im Arm gehalten zu werden und sich einfach dem Gefühl
hinzugeben, dass es da jemanden gab, der sie liebte und sich um sie sorgte. Die
Verantwortung für all die kleinen Dinge im Leben teilen zu können und die
Gewissheit, dass jemanden da war, der auf sie wartete und sich auf sie freute.
Diese
Erkenntnis tat weh und sie ließ den Tränen freien Lauf. Lange hatte sie sich
nicht mehr gestattet zu weinen, aber nun brach alles aus ihr heraus und sie
weinte hemmungslos. Sie weinte um das, was sie verloren hatte, ebenso wie aus
Angst vor dem, was ihr bevor stand. Es ließ sich nicht umgehen. In Kürze würde
sie diesem faszinierenden Mann wieder gegenüber stehen. Sie würde mit ihm
arbeiten und damit für eine kurze Zeit noch mal seine Nähe ertragen müssen.
Jaqueline wusste, sie durfte nicht zulassen, dass ihre Schwärmerei in
Verliebtheit überging. er lebte in einer anderen Dimension und hatte nichts mit
ihrem alltäglichem Leben gemein. Auf der
ganzen Welt gab es Tausende von Frauen, die ihm zu Füßen lagen. Alles, was von
ihr erwartet wurde, war, dass sie einen guten Job ablieferte. Fast wünschte sie
sich, er hätte sich heute als Stänkerer entpuppt. Aber statt dessen hatte er
sich genau so verhalten, wie sie ihn sich immer vorgestellt hatte. Ihre Hand
griff instinktiv an ihre Wange, wo er sie zum Abschied küsste. „Oh, nein“
sagte sie laut in den Raum. Dieser Mann ist tabu. Jedes investierte Gefühl
musste unweigerlich in etwas selbst zerstörerischen enden. Sie durfte es nicht
dazu kommen lassen, aber sie wusste schon jetzt, dass es sie alle Kraft kosten würde,
die sie aufbringen konnte.
Sie
tauchte unter und als sie sich aus der Wanne erhob, waren die Tränen versiegt.
Sie ließ das Wasser ab, warf den Bademantel über und begab sich mit der
Flasche Wein und ihrem Glas ins Wohnzimmer. Vor Stefans Bild blieb sie stehen
und prostete ihm zu „Auf uns, mein Schatz. Ich werde deine Hilfe gebrauchen können.“
Kurze Zeit
später war die Flasche leer und Jaqueline hatte es gerade noch geschafft, sich
ins Bett zu schleppen, wo sie sofort tief und traumlos einschlief.