| Kapitel 7 | Bedingungen |
| Kapitel 8 | Überraschungsbesuch |
| Kapitel 9 | Annäherung |
7.
Kapitel
Bedingungen
Der
Schlaf hatte ihr gut getan und als sie am nächsten Morgen erwachte, fühlte sie
sich frisch und gestärkt. Die Sonne schien hell und es versprach ein schöner
Tag zu werden. Ihre Zuversicht war zurück gekehrt und so machte sie sich fröhlich
auf den Weg in ihr Büro. Maggie würde erstaunt sein, sie heute schon
wiederzusehen. Eigentlich waren drei Tage für London eingeplant gewesen, aber
Jaqueline würde sie schon überzeugen, dass es so besser war. Hier kannte sie
ihr Team, wusste, was der einzelne leisten konnte und sie wollte keine weitere
Zeit verschwenden. Diesmal würde das Konzept komplett stehen, wenn der nächste
Termin anstand.
So
überrascht, wie Jaqueline dachte, war Maggie aber dann doch nicht – im
Gegenteil. Die komplette Crew stand bereit und applaudierte, als Jackie das Büro
betrat. Sie war völlig baff und vergaß fast sich bei Frank, dem Leiter des
Programmierbüros, für den überreichten Blumenstrauß zu bedanken. Zum Zweiten
mal innerhalb von 24 Stunden war sie umgeben von Menschen, die ihr Respekt
zollten und die Freude in den Gesichtern war ehrlich und wohlwollend. Jetzt gehörte
sie endgültig dazu und dieses Gefühl breitete sich über sie, wie eine wärmende
Decke.
Schon
schob Maggie sich aus der Menge heraus und umarmte sie herzlich. „Herzlichen
Glückwunsch, meine Kleine!“, strahlte sie ihr entgegen, „Ich bin wirklich
stolz auf Dich.“ Jaqueline lächelte glücklich zurück. „Danke“,
erwiderte sie schlicht, „das wird dich allerdings nicht davor bewahren, dass
ich ein ernstes Wörtchen mit dir zu reden habe.“ Sekt wurde herum gereicht,
man prostete sich zu und Jackie bedankte sich bei den Kollegen kurz für den
herzlichen Empfang. Dann folgte sie Maggie ins Allerheiligste und die Türen
schlossen sich fest von innen.
„Was
hast du dir dabei gedacht, mich derartig ins offene Messer laufen zu lassen?“
polterte Jaqueline los, sobald sie alleine waren. „Das London diesen Auftrag
bekommen hat, war pures Glück. Es hat nicht viel gefehlt und wir wären draußen
gewesen. Ich werde nachher sofort mit der Ausarbeitung beginnen und mich dann
mit Malcolm in Verbindung setzen. Bei dem Termin in 14 Tagen darf uns ein
solcher Patzer nicht noch einmal unterlaufen. Ich hoffe, du bist damit
einverstanden, wenn wir das Konzept hier ausarbeiten und es London dann zur Verfügung
stellen. Ich habe ganz bestimmte Vorstellungen davon, wie es aussehen soll und
es würde zu lange dauern, diese den Kollegen in England zu vermitteln. Vieles
kann ich selber machen und ich brauche nur zwei von unseren Leuten zur Seite.
Dann sollten wir in ca. 4 Tagen alles in trockenen Tüchern haben.“ Maggie
grinste sie die ganze Zeit an und Jaqueline hielt verwirrt inne. „Raus mit der
Sprache!“ forderte sie ihre Chefin gereizt auf „Was ist hier los?“ „Nun,
meine Kleine,“ hob Maggie an. Jackie hasste es, wenn die ältere Frau sie so
nannte. Sie war 10 Jahre jünger, ja, aber für ihre 38 Jahre fand sie den Titel
trotzdem reichlich unpassend. „Wenn du mich denn auch mal zu Wort kommen
lassen würdest, wäre ich gerne bereit, dir die gewünschten Antworten zu
geben.“ fuhr ihre Chefin ungerührt fort.
„Punkt
eins: ich hätte dir zugegebenermaßen von dem anstehenden Termin erzählen können,
aber ich hielt es für besser, es darauf ankommen zu lassen. Schließlich weiß
ich, wie gut du improvisieren kannst und dass hast du uns gestern wieder ausführlich
bewiesen.“ Sie hielt kurz inne und hob anerkennend ihr Glas.
„Punkt
zwei: ich habe genau so wenig wie du oder Malcolm gewusst, wer hinter diesem
Auftrag steckt. Folglich war ich auch genauso überrascht und hoch erfreut wie
ihr. Punkt drei: natürlich bin ich einverstanden, wenn du dich jetzt erst
einmal ausschließlich um dieses Projekt kümmerst. Ich verlange es sogar und du
erhältst dabei alle Hilfe, die du brauchst. In einem hast du dich nämlich in
deinen Ausführungen geirrt. Nicht London sondern Hamburg hat den Auftrag
bekommen.“ Jackie schaute abrupt auf. Maggie lächelte noch immer und machte
es sich in ihrem Sessel bequem. „Ich habe heute morgen um zwei einen Anruf aus
Sydney bekommen, indem mir die Agentin von Mister Crowe mitteilte, dass unsere
Agentur den Zuschlag für dieses Projekt bekommen hat. Allerdings machte sie mir
auch unmissverständlich klar, dass dieser Zuschlag an zwei Bedingungen geknüpft
ist. Die eine davon ist, dass der Auftrag nach Hamburg und nicht nach London
geht.“ Jackie schaute sie misstrauisch an. „Und die andere?"
fragte
sie.
„Das du, liebste Jaqueline, und nur du dieses Projekt leitest.“, kam prompt
die Antwort. Jackie verschluckte sich an ihrem Sekt, hustete und fragte schließlich
atemlos „Wie bitte? Das kann doch nicht dein Ernst sein. Du weißt genau, dass
ich noch nicht so weit bin, ein Projekt von diesen Ausmaßen alleine
abzuwickeln. So was großes habe ich noch nie gemacht“
Sie
hatte gehofft, dass Konzept
vorzulegen und damit aus dem Schneider zu sein. Das komplette Projekt zu
betreuen, war eine völlig andere Sache und erforderte bei einer solchen Größenordnung
Erfahrungen, die sie schlicht weg noch nicht hatte. „Damit magst du recht
haben“, erwiderte ihre Chefin gelassen, „aber einmal ist schließlich immer
das erste Mal. Es ist müßig darüber zu diskutieren, denn die gestellten
Bedingungen sind eindeutig. Laut Aussage von Miss Day kommt die Anweisung von
ganz oben und ist absolut zwingend. Du kennst mich. Ich kann bei einem solchen
Auftrag nicht widerstehen. Also habe ich zugesagt. Aber mach dir keine Sorgen
deshalb. Wir werden dich schon nicht im Regen stehen lassen. Letztendlich sitzen
wir alle im gleichen Boot.“
Jaqueline blickte sie fassungslos an und bemerkte, wie Panik sich in ihr breit machte. Sie hatte gewusst, dass sie Russell Crowe wiedersehen würde. Aber sie hatte mit einigen Tagen gerechnet, die gereicht hätten, um die Konzepterstellung mit ihm abzustimmen. Dann, so hatte sie gehofft, hätte sie alles weitere London überlassen können und wäre sofort dazu übergegangen, ihre Begegnung mit diesem Mann ad acta zu legen und ihn so schnell wie möglich zu vergessen. Diese Vorstellung jedoch löste sich gerade in Rauch auf. Er hatte darauf bestanden, dass sie das gesamte Projekt leitete. Das bedeutete sie würde seiner Ausstrahlung auf Monate ausgesetzt sein und sie wusste beim besten Willen nicht, wie sie das durchstehen sollte. Leise stöhnte sie auf.
Maggie hatte sie aufmerksam beobachtet. „Wie wäre es,“ fragte sie ihren Schützling, „wenn wir beide uns ein gutes Frühstück gönnen und du mir in aller Ruhe erzählst, was gestern auf dieser verdammten Insel passiert ist? Vor allem brenne ich darauf, alles über unseren neuen Kunden zu hören. Ich gestehe, ich platze vor Neugier.“ Energisch stand sie auf und steuerte auf den Ausgang zu. „Los komm schon!“ rief sie Jackie auffordernd über die Schulter zu. Die jüngere Frau folgte ihr. Die Aussicht auf etwas Frischluft war ihr mehr als willkommen.
8.
Kapitel
Überraschungsbesuch
Sie
waren an die Innenalster gefahren und noch im Nachhinein war Jaqueline
verwundert darüber, wie nüchtern ihr Bericht geklungen hatte. Sie mochte
Maggie und sah sie fast als Freundin. Aber sie blieb auch ihre Chefin und ihre
Probezeit war noch nicht um. Also umging sie die emotionalen Details und beschränkte
sich auf das Wesentliche. Es reichte, um die ältere Frau zu beeindrucken. Wieso
Crowe darauf bestanden hatte, dass sie dieses Projekt leitete, konnte sie Maggie
allerdings auch nicht sagen und Spekulationen waren müßig. Vielleicht würden
sie es irgendwann erfahren.
Jackies Panik hatte ein wenig nach gelassen. Sie war klug genug, um die riesige Chance hinter dieser Aufgabe zu sehen und, rein beruflich betrachtet, reizte sie die Herausforderung. Eine emotionale Ebene würde es zwischen ihr und ihrem Auftraggeber niemals geben und so verschloss sie ihre Gefühle in ihrem Inneren. Wenn sich dieser Job schon nicht umgehen ließ, wollte sie sich zumindest nicht nachsagen lassen, sie hätte nicht alles gegeben. Mit diesen Vorsätzen machte sie sich ans Werk. Sie arbeitete bis spät in die Nacht, suchte sich alles an Informationen zusammen, derer sie habhaft werden konnte, wälzte Hunderte von Fotos und brütete mit Frank über möglichen Designs. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen und selbst Maggie hatte beim letzten Meeting keinerlei Verbesserungsvorschläge mehr einzubringen. Auch mit ihrer Schätzung hatte sie recht behalten. Vier Tage nach ihrem Abflug aus London stand das Konzept. Es war an diesem Samstag spät geworden und als sie das Büro verließ, beschloss sie den Sonntag zu nutzen und endlich mal wieder auszuschlafen. Zufrieden mit sich selbst und dem, was sie geschafft hatte, machte sie sich auf den Nachhauseweg.
Ihr Wagen war in der Werkstatt und deshalb hatte sie heute morgen die U-Bahn genommen. Hin und wieder genoss sie es, sich einfach mit den Massen treiben zu lassen. Mit Stefan hatte sie immer viel Spaß auf diesen seltenen Fahrten gehabt. Es gab viel zu lästern und zu bestaunen. Die Fahrgäste waren der beste Querschnitt durch die Bewohner der Stadt, den sie sich denken konnte und es gab Strecken, auf denen man direkt in die Wohnzimmer anderer Leute sah. Nur so spät nachts glich die Fahrt an die Stadtgrenzen meistens eher einem Abenteuer. Unverständlicherweise waren die Verkehrsbetriebe selbst am Wochenende erstaunlich unflexibel. Sie zögerte kurz, beschloss es aber dann darauf ankommen zu lassen. Ihre Entscheidung wurde belohnt – die allnächtliche Betriebspause war vorüber und sie erwischte den ersten Zug.
Als
sie am Bahnhof Sengelmannstraße ausstieg, dämmerte es bereits und der erste
Kiosk öffnete seinen Verschlag. Sie wollte sich ein paar frische Brötchen gönnen
und während sie auf ihre Ware wartete, fiel ihr Blick auf die Morgenzeitung.
Eine der Überschriften hypnotisierte sie förmlich. Australischer Star Opfer
eines Betrugs?, stand da in der Klatschspalte zu lesen. Ein Rumpeln in ihrem Rücken
kündigte ihren Bus an. Schnell bezahlte sie die Brötchen und nahm nach kurzem
Zögern auch die Zeitung mit. So viele Australier gab es nicht, die eine
Schlagzeile auf der ersten Seite einer deutschen Zeitung wert waren. Sie wollte
sicher sein. Kaum im Bus schlug sie das Blatt auf und las den Artikel.
Russell Crowe, international bekannter Schauspieler und Oscarpreisträger, bestätigte in der Talkshow eines australischen Senders erstmals Gerüchte, dass er in Spekulationen verwickelt war, die ihn mehrere Millionen Dollar gekostet hatten. Seiner Aussage nach ist er das Opfer eines skrupellosen Maklers geworden, gegen den die Staatsanwaltschaft bereits ermittelt. Daneben waren zwei Bilder abgedruckt. Eines zeigte die Polizei bei der Durchsuchung eines Büros, das andere Russell allein bei seiner Abreise auf dem Flughafen.
Fast
hätte sie ihre Haltestelle verpasst und es gelang ihr gerade noch rechtzeitig
auszusteigen. Die Zeitung hatte sie in der Eile liegen lassen und war froh darüber.
Jaqueline war sich sicher, dass es sich um eine Zeitungsente handeln musste.
Wahrscheinlich hatten die Schreiber mal wieder keine passenden Meldungen
gefunden und sich statt dessen etwas aus den Fingern gesogen. Wahrscheinlich
fielen bei einem Vermögen wie dem von Crowe ein paar Millionen nicht ins
Gewicht. Sie war viel zu müde, um sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Das geplante
Frühstück und fiel aus, stattdessen sank Jackie erschöpft in ihr Bett.
*
* * * * * *
Der
ruhige Sonntag hatte ihr gut getan und sie fühlte sich frisch und erholt, als
sie am Montag morgen ins Büro kam. Sie hatte sich für den Tag einiges
vorgenommen und wollte endlich den unbearbeiteten Stapel auf ihrem Schreibtisch
in Angriff nehmen. Schon wollte sie mit einem Gruß auf den Lippen an Petra, der
neuen Empfangsdame der Agentur, vorbei stürmen, als diese sie aufhielt.
„Jaqueline, gut dass du kommst. Da wartet Besuch auf dich in deinem Büro.“
Jaqueline stutzte. „Ich kann mich nicht erinnern, heute morgen schon einen
Termin zu haben. Wer ist es denn?“ fragte sie an Petra gewandt. Die junge Frau
wurde verlegen und druckste herum. „Na los, raus mit der Sprache!“ forderte
Jackie sie aufmunternd auf. „So, schlimm wird es schon nicht sein und ich
werde dir auch bestimmt nicht den Kopf abreißen.“ scherzte sie. Petra war
erst seit einigen Wochen bei ihnen und frisch aus der Ausbildung. Wahrscheinlich
hatte sie nur wieder vergessen, den Termin in ihren Kalender einzutragen. „Na
ja,“ kam es scheu, „es ist ein Mann, aber er wollte seinen Namen nicht
nennen. Alles was er gesagt hat, war, dass er dich kennen würde und dass es
schon in Ordnung ginge, wenn er in deinem Büro auf dich wartet.“ Das
verschlug Jackie dann doch die Sprache und sie starrte die junge Frau
entgeistert an, die eilig nachsetzte „Es tut mir leid. Ich weiß, ich habe
einen Fehler gemacht. Aber er klang so überzeugend.“ Sie versuchte sich zu
rechtfertigen. Jaqueline schluckte. Sie brauchte einige Sekunden bis sie diese
Nachricht verdaut hatte. Petra schämte sich derweil in Grund und Boden und wäre
wohl am liebsten in ein Mauseloch verschwunden. Jackie wusste, dass es keinen
Sinn hatte, ihr Vorwürfe zu machen und verkniff sich den bissigen Kommentar,
der ihr auf den Lippen lag. „Jetzt könnte ich einen starken Kaffee vertragen
und am Besten bringst du gleich noch eine zweite Tasse mit.“ bemerkte sie
statt dessen trocken. Eilig machte sie sich auf den Weg zu ihrem Arbeitsplatz
und ging derweil alle in Frage kommenden Besucher durch, ohne dabei jedoch zu
einem Resultat zu kommen. Es wäre auch sinnlos gewesen. Denn derjenige, den sie
schließlich in ihrem Raum vorfand, war nicht auf dieser Liste gewesen.
9.
Kapitel Annäherung
Er
stand am Fenster und schaute auf die Elbe. Völlig unbeweglich und es schien,
als habe er sie gar nicht bemerkt. Jackie stand wie vom
Donner gerührt. Der Termin war definitiv nicht für heute vereinbart gewesen. Sie
hatte nicht damit gerechnet ihn so bald wieder zu sehen. Was konnte er jetzt schon
wollen?
„Hallo
Russell,“ sprach sie ihn mit gedämpfter Stimme an, „Ich hatte erst nächste
Woche mit ihnen gerechnet. Was verschafft mir die Ehre ihres verfrühten
Besuchs?“ Irgendetwas sagte ihr, dass es nicht angebracht war, laut zu reden. Er war zusammen gezuckt, als sie ihn angesprochen hatte und hatte sie
folglich wirklich nicht gehört. Jaqueline fragte sich, was ihn wohl so beschäftigen
konnte, dass er unbeweglich und in sich versunken den Fluss beobachtete. Es
klopfte.
Schnell
ging sie zur Tür und nahm der verdutzten Petra das Tablett aus der Hand, ohne
sie den Raum betreten zu lassen. „Es ist gut“ versicherte sie ihr. „Bitte
sorge dafür, dass ich innerhalb der nächsten Stunde nicht gestört werde. Ich
bin für niemanden zu sprechen, auch nicht für Maggie.“ Sie hatte keine
Ahnung, warum sie das sagte. Aber instinktiv wusste sie, das es richtig war. Da
war etwas an seiner Haltung, dass sie beunruhigte. Petra nickte verstört und
ging. Jackie schloss die Tür und trug das Tablett zu dem kleinen Couchtisch in
der Besprechungsecke. „Kaffee?“ fragte sie, „aber ich muss sie
warnen. Wir trinken unseren Kaffe hier etwas anders, als in ihrer Heimat. Wenn
sie möchten, lassen ich ihnen lieber einen Tee kommen?“ Sie fing an
ungeduldig zu werden. Endlich rührte er sich „Nein, danke“ erwiderte er
leise, „Das ist nicht nötig – Kaffee ist okay. Aber bitte nur mit etwas
Milch.“ Sie schenkte ein. Er stand noch immer mit dem Rücken zu ihr und so
langsam begann Jaqueline sich wirklich Sorgen zu machen. Sie wollte ihm gerade
seine Tasse bringen, als er sich umdrehte und sie erschrak bei seinem Anblick.
Seine sonst so lebendigen Augen waren dunkel und sein Blick wirkte stumpf. Er
hatte starke Ränder unter den Augen und schien total übernächtigt. Das war
nicht der Mann, dem sie in London begegnet war. Es war offensichtlich, dass
irgendetwas ihm stark zusetzte. Aber wie groß musste der Schmerz sein, dass er
einen Mann mit Russells Stärke, seiner Disziplin und vor allem seinem
Durchsetzungsvermögen aus der Bahn zu werfen schien? Der Artikel in der
Morgenzeitung fiel ihr ein. War doch etwas dran an dieser Geschichte? Sie schob
den Gedanken beiseite. Es ging sie nichts an – sie waren Geschäftspartner
nichts weiter. Aber warum war er hier? Ihr Blick fiel auf die Reisetasche und
den Koffer, die neben der Tür standen. Er musste also direkt vom Flughafen
hierher gekommen sein. Sie wandte sich ihm wieder zu und reichte ihm seine
Tasse. Dankend nahm er sie entgegen. „Tut mir leid, wenn ich dich hier einfach
so überfalle.“ Die gleiche Stimme, aber diesmal klang sie rau und belegt.
„Kein Problem“ beeilte sich Jaqueline zu erwidern. „Fühlen sie sich
einfach wie zuhause und wenn sie rauchen möchten, hier ist ein Aschenbecher.“
Sie schob ihm die Schale hin und richtete sich gerade wieder auf, als er sie
sanft am Arm berührte. „Danke“, sagte er kaum hörbar. „Ich weiß es
wirklich zu schätzen.“ Er nahm ihr den Aschenbecher ab und ging mit seinem
Kaffee wieder ans Fenster. Sein Blick galt wieder den Wellen. Die wenigen Worte
hatten genügt und Jaqueline hatte verstanden, dass ihm nicht nach reden zumute
war.
Sie
ließ ihn gewähren. Leise ging sie hinüber zu ihrem Schreibtisch und begann
mit ihrer Arbeit. Er würde sagen, wenn er etwas brauchte. Hin und wieder
blickte sie zum Fenster hinüber. Russell beobachtete noch immer die Wellen und
seine einzigen Bewegungen waren das Anheben der Tasse und das Abstreifen der
Asche seiner
Zigarette. Er stand völlig still und blickte starr auf die Elbe. Sein Rücken
wirkte verkrampft und manchmal sah es so aus, als würde ihn ein leichtes
Zittern durchlaufen. Dieser Mann hatte nichts mit dem gefeierten Helden
Hollywoods zu tun. Ebenso wenig schien er mit dem Rauf- und Trunkenbold, den die
Presse mit Vorliebe aus ihm machte, etwas gemein zu haben. Nein - der Mann dort
am Fenster ihres Büros hatte sich eine Zuflucht gesucht. Eine Ecke, in der er
seine Wunden lecken konnte, wie ein verletztes Tier. Aber warum gerade hier? Sie
war für ihn eine völlig Fremde, die sich zu allem Überfluss bei ihrer letzten
Begegnung auch noch stellenweise ziemlich dumm verhalten hatte. Sie hatte Angst
gehabt vor der neuen Begegnung mit ihm, war beunruhigt, dass seine Ausstrahlung
und seine Stärke letztlich dazu führen würden, dass sie die Kontrolle über
ihre Gefühle verlieren könnte. Aber auf diese Situation hier war sie nicht
gefasst gewesen. Irgendwie glaubte sie nicht, dass es besonders viele Menschen
gab, die ihn so sehen durften. Verwundert stellte Jaqueline fest, dass allein seine Gegenwart für
sie etwas beruhigendes hatte. Trotz - oder gerade wegen seiner offensichtlich
schlechten Verfassung war der Raum angefüllt mit einer tröstenden Atmosphäre,
die alleine aus der Stille und ihrer beider Anwesenheit zu erwachsen schien. Sie
wollte nicht weiter darüber nachdenken. „Ehre das Leben und nimm es, wie es
kommt“, hatte Stefan ihr oft gesagt. Sie lächelte bei dem Gedanken an ihn und
berührte sanft sein Foto vor sich auf dem Schreibtisch.
„Dein
Mann, nehme ich an“ Jaqueline fuhr zusammen. Sie hatte nicht bemerkt, dass
Russell sich umgedreht und sie beobachtet hatte. Er hatte ihre Reaktion gesehen
und entschuldigte sich. „Ist okay – ja das auf dem Foto ist mein Mann.“,
erwiderte sie gelassen. Russell kam näher und setzte sich auf einen der Stühle
vor ihrem Schreibtisch. „Verstehe mich bitte nicht falsch. Aber deine Reaktion
gerade....“, er zögerte, „So wie du dieses Foto ansiehst und es berührst,
musst du ihn sehr lieben. Seid ihr glücklich verheiratet?“ Seine Offenheit
und dennoch diese Sensibilität in seiner Frage erstaunte sie. Sie konnte
beinahe fühlen, dass ihm etwas auf der Seele brannte. Ruhig sah sie an „Wir waren
sehr glücklich verheiratet – ja.“ Es schien als würde so etwas wie
Erleichterung in seinen Augen aufblitzen, als sie seine Frage beantwortete. Die
Vergangenheitsform jedoch ließ ihn stutzen „Waren?“, fragte er prompt,
machte im nächsten Moment aber schon eine abwehrende Handbewegung. „Verzeih,
Jackie. Ich weiß es geht mich nichts an“ „Und ich sagte schon, dass es okay
ist. Tun sie mir nur den Gefallen und hören sie auf sich ständig zu
entschuldigen. Bei allem Respekt – das steht ihnen nicht.“ Sie war
ungehalten und biss sich jedoch gleich auf die Zunge. Jackie hatte ihn nicht so
anfahren wollen. Vorsichtig sah sie Russell an. Ein leises Lächeln umspielte
seine Lippen. „Wahrscheinlich hast du recht, aber sei ein bisschen nachsichtig
mit mir. Ich denke, du weißt, dass ich im Augenblick etwas neben mir stehe.“
Er richtete sich in dem Stuhl auf und es schien als kehrte langsam seine Kraft
zurück. „Also“, seine Stimme klang jetzt viel fester, „Wieso sprichst Du
von Deinem Mann in der Vergangenheit?“ Jackie sah ihn an. Er hatte im Grunde recht
– es ging ihn nichts an. Aber irgendwie wollte sie, dass er es wusste.
„Weil er vor fast genau zwei Jahren bei einem Bahnunglück ums Leben gekommen
ist. Seitdem bin ich Witwe.“, sie hasste dieses Wort und sie konnte sehen,
dass ihre Antwort ihn betroffen machte. Er schluckte. Sie wollte ihm aus
seiner offensichtlichen Verlegenheit helfen und so fuhr sie fort. „Zuerst habe
ich gedacht, ich könnte den Verlust nicht verkraften und wollte selbst nicht
mehr weiter leben. Aber dann habe ich irgendwann begriffen, dass man das
Schicksal weder ändern noch davor davon laufen kann. Heute habe ich gelernt,
mit dem Verlust zu leben. Aber ich weiß auch, das ein Teil von mir immer bei
ihm sein und ihn ewig lieben wird. Den Rest versuche ich einfach zu nehmen, wie
es kommt und das Beste daraus zu machen.“ Sie hatte die Worte so leicht wie möglich
dahin gesagt, aber ihr Gegenüber war kein Mann der Oberflächlichkeiten. Er
hatte verstanden, was sie ihm hatte sagen wollen, und schaute sie nachdenklich
an. „Wie war sein Name?“, fragte er leise. „Stefan“, antwortete sie
tonlos. Für einige Minute herrschte Stille und die einzige Kommunikation in dem
Raum waren die Blicke der beiden Anwesenden, die miteinander zu verschmelzen
schienen.
Ein
Grinsen begann sich auf seinem ganzen Gesicht auszubreiten „Gute Idee“,
meinte er und rümpfte spielerisch die Nase. Russell erhob sich energisch und griff nach seiner Reisetasche. Sie freute
sich zu sehen, dass das Leben in seine Augen zurück gekehrt war und grinste ihm
ihrerseits fröhlich nach. Kurz vor dem Waschraum drehte er sich plötzlich zu ihr um und
schaute nachdenklich auf sie herab.
„Dein Stefan muss ein sehr glücklicher Mann gewesen sein, da er dich zur Frau
hatte.“, sagte er ruhig. Dann verschwand er hinter der Wandtür. Jackie
starrte ihm nur fassungslos hinterher.