Rom II

Berane

Ende des Monates, der nach dem Kaiser Julius  benannt ist, trat ich das erste Mal mit Freya auf. Seit Auriane und ich das erste Mal gemeinsam in der Arena  waren, hatten  wir jeden zweiten oder dritten Tag eine Vorstellung.
Wir hatten die Nummer erweitert und meine neuen Fertigkeiten mit dem Messer  eingebaut. Ich warf die Dolche auf ihren Schild, einmal verletzte ich sie leicht am Arm, weil sie ihn  nicht rasch genug hob. Sie lachte nur, meinte;
„Du bist zu schnell für mich.“ zwinkerte. Ich nahm mir vor in Zukunft bedächtiger zu werfen. Die Vorstellung sie ernsthaft zu verletzten, war furchtbar.

Freya war begeistert davon in einem abgesperrten Käfig im Ludus mit mir spielen  zu dürfen. Acon hatte es bewilligt, nachdem Auriane ihn dazu überredet hatte. Sie würde wohl kaum riskieren ihre Partnerin zu verlieren.
Bis die Raubkatze an den Lärm  in der Arena gewohnt war, sahen meine drei Zellengenossinnen und einige der Männer zu, machten Lärm und klatschten.
Anfangs war Freya an eines der Gitter angekettet, so dass ich mich bei Gefahr aus ihrer Reichweite begeben konnte.
Sie wurde stets gut gefüttert davor, damit sie ruhig war.
Endymion, der mich zu mögen schien, machte mir ein paar Vorschläge was ich ihr beibringen könne. Er hatte  schon einmal dressierte Raubkatzen gesehen.
Wir einigten uns auf einen Sprung durch einen Reif, einen Sprung über meinen liegenden Körper, und einen scheinbaren Angriff, bei dem Freya auf mich zulaufen und mich niederreißen sollte, und wir uns dann  im Sand herumrollen würden. Anfangs begriff sie überhaupt nicht was wir von ihr wollten.
Sie legte sich einfach hin, blinzelte uns träge an. Kurz bevor ich aufgeben wollte, hatte Callista die Idee, es ihr vorzumachen. Endymion opferte sich.
Wir hüllten ihn in ein mottenzerfressenes Tigerfell. So sprang er zur Erheiterung der Anwesenden  unzählige Male durch den Reifen, den ich ihm hinhielt und über mich hinweg, während ich längs am Boden lag. Freya fauchte zunächst, als sie den seltsamen Tigermann sah. Sie stand jedoch auf, ihr Schwanz zuckte vor Interesse.
Ich nahm sie an der Kette, bat Endymion seine Vorführung außerhalb fortzusetzen, damit sie zusehen könne. Ich hielt ihr einen zweiten Reif vor die Nase. Sie wich zurück, als ich ihn über ihren Kopf bewegte, sah mich zweifelnd an. Ich redete ihr zu, schmeichelte ihr. Es dauerte mehrere Tage bis sie sich den Reif  über den Kopf streifen ließ. Der Kreter bewies unglaubliche Geduld.
Mehrere Wochen schlüpfte er in das mottenlöchrige Fell.
Als ich  ihn fragte, warum er es tat, meinte er nur, es sei sinnvoller als dem dummen Geschwätz seiner Kumpane zu lauschen.
Auriane  hatte mir erzählt, er habe sie umworben. Als sie ihm zu verstehen gegeben habe, dass Männer nicht ihr Geschmack seien, waren sie Freunde geworden. Das beeindruckte mich.
Endymion rennen die Küchenmädchen nach. Er hat auch oft Besuch von Römerinnen. Er gab es zu.
„Ich brauche das Geld, Berane. Und ich mag Frauen. Ich nehme nicht jede. Sie muss mir gefallen.“
„Du meinst, sie muss schön sein?“ Er schnaubte.
„Schönheit. Sie hat mir mehr Leid gebracht, als du dir vorstellen kannst. Ein Freund versuchte mich zu töten, weil seine Frau mich begehrte. So glaubte er zumindest. Ich tötete ihn in Notwehr. Deshalb bin ich hier. Endymion von Chania, Mörder. Schönheit hat mich hierher gebracht.“

Er war schön. Ich hatte nie solch grüne Augen, solch wundervolles Haar gesehen, solch weiße Zähne. Nicht dass ich ihn begehrt hätte.
Ich sah seine Schönheit, erkannte sie.
Er sah aus wie eine Statue. Perfekte Haut. Groß. Muskulös, aber nicht zu sehr.
Endymion war ein Kunstwerk des Zufalls. Alles war vollendet an ihm.
Er hasste es. Und er mochte mich.
Auriane liebte er. Er akzeptierte ihr Nein, war dankbar für ihre Freundschaft.
„Bist du auch eine Verehrerin der Sappho?“ wollte er  vorsichtig wissen.
„Von wem?“ Mein gänzliches Unwissen amüsierte ihn. „Frauenliebe.“
Ich tat abgeklärt. „Ach. Das. Hmm. Nein.“
Freya grollte, ich streichelte ihren Rücken. „Heiliger Minos, ich kriege jedes Mal Gänsehaut, wenn sie das macht.“ meinte er. „Endymion?“ „Hmm, ja?“ „Ich kannte einmal einen Mann, der von Männern missbraucht wurde.“
„Und?“ Seine Stimme bebte.
„Ist dir das auch passiert?“ wagte ich zu fragen.
„Hmm. Ja.“  warf er  belanglos hin.
„Öfter?“
„Hmmm. Ja, oft.“
„Ist es schlimm?“
„Hmm, sicher  nicht schlimmer als für euch Frauen.“
„Endymion?“
„Hmm?“
„Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du ein wunderbarer Mensch bist?“
„Hmm. Nein. Sie sagen mir immer nur, ich sei wunderschön.“ murmelte er.
Ich ließ Freya los und umarmte ihn. „Du bist viel mehr als nur schön.“
Freya fauchte und der schöne Kreter riss sich panisch los, machte einen Satz ins Freie.

Unser erster Auftritt war ein völliges Chaos.
Freya wurde mit einem der Käfigaufzüge in die Arena transportiert.
Sie reagierte auf keines meiner Zeichen, musterte interessiert das Publikum, als wäre sie ein Kind, das bei fremden Verwandten zu Gast war.
Ich trug keine Waffe, nur meinen Reif, durch den sie springen sollte.
Bevor ich mich lächerlich machte, tat ich etwas, das sie nicht mochte.
Ich zog sie am Schwanz. Sie grollte, sah mich beleidigt an, machte aber keine Anstalten sich zu rühren. Das Publikum begann zu murmeln.
Als ich dies das dritte Mal getan hatte, gab sie ein verärgertes Raunzen von sich. Ich lief ein Stück weg, animierte sie mir zu folgen.
Sie spielte gern Fangen mit mir, sprang mir tatsächlich nach.
Ich lief weiter, hielt ihr den Reif vor die Nase. Sie ging durch, folgte mir.
Dann setzte sie sich wieder, döste vor sich hin. Ich hätte schreien können.
Stattdessen rannte ich zu ihr und warf sie um. Ein Stöhnen ging durch die Ränge. Wir wälzten uns kurz im Sand, dann sprang ich wieder  auf und sie rannte mir nach. Nach ein paar Metern ließ ich mich fallen, klopfte mit der Hand auf den Boden. Das war das Zeichen, dass sie über mich springen sollte.
Sie tat es, drehte sich um und legte sich neben mich, wie ein riesiges Hündchen.
Ich stand schnell auf verbeugte mich, hakte Freyas Kette an ihr Halsband und führte sie zu der Bodenöffnung des Aufzugs.
Es war eine misslungene Nummer, aber das Publikum war so verblüfft, dass es uns nicht ausbuhte. Beim nächsten Mal ging es schon besser.
Fast jeder erwartete, dass mein Tigermädchen mich früher oder später töten würde. Jeder außer Auriane, Oija, Kallista und Endymion.
Das Training mit mir gefiel ihr, es war ein Spiel für sie.
Wäre ich nicht vorher Maximus begegnet, ich hätte Endymion vielleicht lieben können, wie ich den Römer geliebt hatte. Oft dachte ich darüber nach.
Was für ein Sinn lag darin, dem nachzutrauern was endgültig verloren war?
Ich hatte Maximus danach gefragt. Er hatte sich verweigert. Er hatte  nur Rache gewollt. Vielleicht hätte ich ihn heilen können.
Es war vorbei. Dies war ein andres Leben.
Achillia. Ich spielte die Rolle. Und ich zahlte den Preis.
Er kam als Gespenst aus der Vergangenheit.

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„Ich würde dich nicht fragen, wenn es nicht so wichtig wäre.“
Auriane wirkte verlegen.
„Dein Gönner will mich treffen??? Warum?“ wollte ich wissen.
Meine Freundin seufzte resigniert.
„Berane, ich werde dir jetzt die absolute Wahrheit sagen. Vielleicht wirst du mich hassen.“ Ich zog überrascht die Brauen hoch. Sie winkte ab.
„Gracchus Septimus Valens, so heißt mein Gönner, ist einer der reichsten Römer hier. Er ist ein Freund des Kaisers.  Er versorgt mich mit all dem, was ihr schon gesehen habt. Essen, Wein, Waffen, Schmuck. Ich besuche ihn, wenn er nach mir schickt. Ich erfülle meinen Teil der Abmachung.“
Ich wappnete mich für das, was kommen würde.
„Du bist ihm zu Willen.“  ergänzte ich sachlich.
Sie schüttelte den Kopf. Es tat mir weh, wie sie sich quälte.
„Nein. Nicht wie du denkst. Er sieht gern zu.“ Langsam begriff ich.
„Sappho?“ fragte ich nur. Sie schien verblüfft.
„Woher....?“ „Endymion. Den Rest habe ich mir zusammengereimt. Es geht mich nichts an.“ Auriane  räusperte sich.
„Leider doch. Berane, es tut mir so leid. Ich hätte dich nie zu der Amazonia/Achillia Nummer überreden dürfen. Er will, dass  ich dich mitbringe. Und nicht nur das.“
Ich verstand, ersparte ihr weitere Peinlichkeiten.
„Wann?“
„Heute Nacht noch.“
„Oh...“ Mehr bekam ich nicht heraus.

Kurz nach Einbruch der Nacht wurden wir mit einer Sänfte abgeholt.
Tief verschleiert betraten wir ein Gebäude , dass so überwältigend groß und schön war, dass ich meinen Augen kaum traute. Überall Marmor und Gold, goldene Lampen, Wandgemälde. Man führte uns in einen kleinen Nebenraum.
Auriane nahm den Schleier ab, wendete sich mir zu.
Ich sah, dass sie mit sich kämpfte. „Berane, wir werden etwas tun müssen, das dir zuwider sein wird. Ich werde versuchen, es dir so leicht wie möglich zu machen. Du wirst die passive Rolle spielen, musst nur wenig tun. Valens will zusehen.  Er ist beiden Geschlechtern zugetan, aber mehr Beobachter als Akteur. Er ist grausam und seine Gelüste sind unnatürlich. Zwei Frauen zuzusehen, ist die harmloseste seiner Vergnügungen. Manchmal ist der Kaiser bei ihm.“
Der Kaiser. Maximus Feind. Der Mörder seiner Familie.
Auriane’s Blick flackerte unsicher. Ich legte ihr die Hand auf die Schulter.
„Du tust es, weil dir keine  Wahl bleibt. Ich habe davon profitiert. Ich weiß, du würdest mich niemals hierher bringen , wenn du es hättest verhindern können. Ich werde das Spiel mitmachen. Ich habe weit Schlimmeres erdulden müssen. Dass du es bist, macht es  leicht. Wir werden ihn an der Nase herumführen. Ich werde dir helfen.“ versicherte ich ihr.
So hatte ich Gelegenheit Auriane das, was sie für mich getan hatte, zu vergelten.

Zum Glück dauerte es lange, bis ich ihn erkannte.
Er verlangte, dass wir eine Art Schauspiel aufführten.
Erst sollten wir mit Schwertern gegeneinander kämpfen, Auriane sollte mich besiegen. Dann wollte er uns im Bett  zusehen. Es sollte eine Art Vergewaltigungsszene sein, nur eben zwischen zwei Frauen.
Unser Auftritt war unverkennbar die Quelle seiner Begierden.
Die Schuld in Aurianes Augen war überdeutlich.
Als sie mich mit gespielter Brutalität zu der luxuriösen Schlafstätte drängte, murmelte ich: “Du wirst immer meine Schwester und Freundin sein. Immer.“

Unser Publikum war zufrieden. Der Gastgeber, ein sehr gutaussehender Mann Anfang Vierzig verabschiedete uns mit kalter, arroganter Liebenswürdigkeit.
Ich hatte den anderen nur flüchtig bemerkt, aber es war offensichtlich, wer er war.
Marcus Aurelius Commodus Antonius. Ich hatte ihn bereits  im Colosseum gesehen. Als mein Blick  den Hals  von Valens streifte, blieb er an einer langen, weißen Narbe über seiner Kehle hängen.
Ein stechender Schmerz schoss  durch meine Schläfe.
Ich wurde mehr als zehn Jahre zurückgeworfen.
Vor meinem inneren Auge sah ich denselben Mann, hoch zu Pferde im prachtvollen Ornat eines Offiziers der römischen Legion. Ich lauerte im Dickicht neben Baldur, als er das Feldlager in Begleitung vieler Soldaten verließ. Ein Verband bedeckte seinen Hals.
Drei der Mädchen, die als Geiseln festgehalten worden waren nach Frontos  Versetzung konnten fliehen und erzählten, Baldurs Schwester habe den Kommandanten mit einem Messer  angegriffen und  am Hals verletzt. 
Daraufhin habe er sie erwürgt.

Aurianes Gönner war kein anderer als der Mann, der meinem Heimatdorf  soviel Leid zugefügt hatte. Ich erinnerte mich an Maximus Worte:
‚Valens ist auch mein Feind.’
Wie vor den Kopf geschlagen saß ich in der Sänfte, die uns zurückbrachte.
Auriane konnte mir nicht in die Augen sehen.
Ich fasste mir ein Herz.
„Auriane, ich kenne diesen Mann.“ Sie hob  überrascht den Kopf.
„Er hat das Feldlager in Vindobona kommandiert, ein Jahr lang. Er hat den Vater und die Schwester des Mannes getötet, dem ich versprochen war. Seinetwegen habe ich ihn verloren. Er hat  damals großes Leid über uns alle gebracht.“
Auriane schnaubte. Sie schwieg lange, dann sagte sie erschreckend tonlos:
„Ich wusste, ich werde ihn irgendwann töten müssen. Oder er mich."

 

Juba

Mit offenen Mündern standen wir vor dem riesigen Bauwerk.
Ein gewaltiges Rund aus Stein, viele Männer hoch. 160 Fuß.
Wie ich später von einem der freien Gladiatoren erfuhr, war es vor etwa hundert Jahren gebaut worden, nachdem sein hölzerner  Vorgänger  während der Regentschaft Neros abgebrannt war. Eine neue Art Steinmörtel hatte es ermöglicht, ein solch gewaltiges  Gebilde zu erschaffen. Kaiser Vespasian hatte es unter anderem in Auftrag gegeben, um seiner Familie Unsterblichkeit zu verleihen.  Über zehn Jahre dauerte der Bau. Die Einweihungsfestspiele  100 Tage.
Gleichfalls 100 Tage lang  sollen die Spiele zu Ehren Marc Aurels stattfinden.

Gladiatorenkämpfe wurden einst nur bei Totenfeiern abgehalten. Mit der Zeit wurden sie immer mehr zur beliebten Unterhaltung. Zunächst nur für Reiche. Inzwischen kann ganz Rom zusehen. Kostenlos.  Zehntausende strömen mehrmals wöchentlich  in das Colosseum, gierig nach Sensationen und Blut, Zerstreuung suchend von den Härten ihres eigenen Lebens oder einfach nur um der Langeweile des  Reichtums und  Müßiggangs zu entkommen.
Am nächsten Tag wurden wir eingeteilt. Es gibt zehn Kategorien.
Wir, Proximos Männer waren noch neun Kämpfer.
Der Spanier, Sela und ich wurden als Zwei eingestuft.
Alle anderen als Drei. Das war gut. Die ersten drei Kategorien dürfen sich frei bewegen innerhalb des Ludus. Ab Fünf kämpft man in Gruppen.
Ab Rang  acht ist man Futter für die Löwen und Tiger, Ausschuss.
Die ersten beiden Ränge  sind in der ersten und zweiten Ebene untergebracht, die freien Gladiatoren haben teils  eigene Wohnungen, kommen täglich zum Training.
Die anderen hausen in der dritten Ebene, wo  die wilden Tiere in Käfigen gefangen gehalten werden. Es gibt Aufzüge hoch zur Arena von jeder Ebene aus, um Menschen und Tiere zu transportieren.
Crispos, ein freier Gladiator erzählte, dass auch Frauen hier auftreten.
 Als Artisten, aber auch im Zweikampf. Vor dem Ludus haben die Andenkenhändler ihre Stände. Zwei weibliche Figuren waren mir aufgefallen. Diese Tonfiguren, die die beliebtesten Kämpfer darstellen, sind übertrieben geformt, die Frauen haben riesige Brüste, die männlichen sind teils mit übertriebenen Geschlechtsmerkmalen ausgestattet. Dieses Volk hat eine Vorliebe dafür, das männliche Organ zu verherrlichen. Dabei ist doch der Schoß der Frau Ursprung allen Seins. Rom  mag Großes geschaffen  und die halbe Welt erobert haben, aber die Quelle des Lebens hat es aus den Augen verloren.
Deshalb regieren hier Blut, Tod und Leiden statt Freude, Leben und Liebe.
Es ist wie der Ort, wohin die Bösen kommen, wenn sie sterben und ihre Frevel nicht gesühnt haben. Laster und Vergnügen überall, aber die Augen der Menschen sind tot. Zucchabar war nur ein matter Spiegel dessen, was Rom seinem Volk zu bieten hatte. Und wir waren  widerwillig sein Werkzeug.

Dem Publikum wird meist vorgegaukelt, wir kämpften auf Leben und Tod.
Die ersten beiden Ränge taten das selten. Zu viel hatte die Ausbildung gekostet, zu hoch waren die Wetten auf diese Kämpfer, um sie einfach zu opfern.
Dafür ließ man sich die unteren Ränge abschlachten und gegen wilde Tiere kämpfen, um den Blutdurst des Mobs zu stillen.
 Sie wurden schnell ersetzt durch Kriegsgefangene und Verbrecher.

Der Spanier hatte sich verändert, seit die Heilerin verschwunden war.
Ich weiß nicht, was zwischen  ihm und dieser Rothaarigen gewesen war, die ihm Gold zugesteckt hatte. Er trank. Sein Kampfstil verrohte allmählich.
Proximo sah es mit Freude. Es war offensichtlich, dass es ihm  selbst keinen Spaß machte, aber sein früherer Ehrenkodex wie ein Soldat zu kämpfen und zu töten schien ihm nicht mehr so  wichtig zu sein. Ich mag ihn noch immer, denn ich weiß , dass dies nicht sein wahres Selbst ist. Er hat alles verloren wie ich. Und dann hat er noch einmal das verloren, was er  so unerwartet wiedergefunden hatte.
Berane war eine ungewöhnliche Frau. Er hatte mir nicht viel von ihr  erzählt.
 Sie muss ihn während seiner Zeit als Offizier in Germanien gepflegt, ihm das Leben gerettet haben. Dann sind  sie durch einen Überfall getrennt worden.
Es war offensichtlich für mich, dass eine starke Verbindung zwischen ihnen war.
Ich werde nie vergessen, wie sie sich im Dunkel der Zelle erkannten und in die Arme fielen. Der Spanier hatte geweint.
Nie wieder habe ich ihn seither weinen sehen.
Sie hat zwar bei ihm  in der Zelle geschlafen, aber nicht mit ihm.
Es gibt mehr zwischen Mann und Frau als Lust.
Batiatus nahm sie mit, als er verschwand.
Er hat sie Proximo abgegaunert, hieß es. Der Spanier sprach nicht darüber.
Er sprach wenig seit sie fort war.
Ich vermisste unsere Gespräche, ließ ihm Zeit.
Eine Woche nach unserer Ankunft kam er endlich  zu mir.
„Juba. Lass  uns wieder Freunde sein. Ich habe Fehler gemacht. Ich bereue sie. Ich habe dich stets geschätzt. Ich tue es noch immer.“ Der Spanier sah mir direkt ins Gesicht. Seine Augen sagen mehr als Worte. Viel mehr.
Sie sprechen von Trauer aber auch von Hoffnung. Und manchmal glühen sie von Hass. Dann fürchte ich ihn. Er ist stark.
 Sein Freund zu sein, macht mich stolz. Er ist kein gewöhnlicher Mann.
Wir sprachen von Hagen und Atlind.
 Er bereute zutiefst, nicht mehr getan zu haben.
„Gräme dich nicht. Sie haben es geschafft wegzukommen. Mehr war nicht nötig. Alles andre lag an ihnen.“ meinte ich versöhnlich. Sein schuldbewusste Blick wurde ruhiger, er schenkte mir ein dankbares Lächeln.
„Ich habe dir nie von Berane erzählt.“
„Willst du es ?“ Er nickte. Dann begann er. Er ist ein guter Erzähler.
Wir saßen bis zum Morgengrauen. Ich war gebannt.
So erfuhr ich, wie ein  zum Tode verurteilter, römischer Tribun von einer Heilerin des Feindes gerettet worden war. Wie sie ihm geholfen hatte in seine  Heimat zurückzukehren und dabei selbst ein Opfer der Legion geworden war.
Zwischen den Worten des Spaniers, der Art wie er über sie sprach, hörte ich seine tiefen Gefühle für sie heraus. Sie waren sich so nahe gekommen, wie Frau und Mann sich  kommen können. Ich fragte nicht. Es war klar in seinen Augen, seiner Stimme. Sie wiederzufinden, nachdem er sein Leben verloren hatte, war wie die Augen zu öffnen nach langer Dunkelheit. Und dann verlor er sie erneut.
Etwas hatte in Zucchabar zwischen ihnen gestanden. Ich habe keine Zweifel, dass sie in Germanien seine Geliebte geworden war. Es war etwas in ihrem Blick.
Sie KANNTE ihn. Ich erinnere mich an den Blick meiner Frau.
So hatte Berane den Spanier angesehen.
Es lag alles darin. Liebe, Verzeihen, Verständnis, Stolz und Nachsicht. Alles.
Alles was sie für ihn empfand.

Wenige Tage später wurde er ausgewählt, um gegen zwei  der Frauen zu kämpfen.
Amazonia und Achillia. Er durfte sie  verletzen, was den Kampf beenden würde. Sie  hingegen durften ihn töten. Zunächst war ich sehr gelassen was diese Paarung anging. Der Spanier war drei und mehr Männern gewachsen, was sollten ihm Frauen anhaben?? Dann sah ich eine davon, Amazonia, mit einem der als Eins eingestuften  Männer des Ludus beim Training.
Ich holte den Spanier dazu.

Die Gegner waren offensichtlich befreundet. Der auffallend gutaussehende, blonde Mann klopfte der Frau auf die Schulter, rief noch lachend:
“Diesmal wirst du mich nicht schlagen!!“ Sie lachte ebenfalls, erwiderte:
„Du kennst mich. Keine Männer  über mir.“
Der Blonde krümmte sich vor Lachen, griff sie an.
Sie wehrte mühelos ab. Ihr Stil erinnerte  mich an den Spanier.
Sie ist groß. Sie kämpft als spiele sie. Mühelos. Wie ein Raubtier.
Ihr Haar ist rot. Sie ist schön, wenn weiße Frauen schön sein können.

Berane hatte für mich  ebenfalls ungewohnt ausgesehen, aber ihre Augen waren denen des Spaniers so ähnlich, dass ich mich schnell an sie gewöhnt hatte.
Und nicht nur das. So sehr wie er Mann ist, war sie  Frau.
Sie waren sich so ähnlich, nur ihr Geschlecht unterschied sie.
Einen römischen Tribun und eine germanische Heilerin zu vergleichen, scheint unsinnig. Ich kannte diese Menschen nicht in ihrer Vergangenheit.
Ich sah  etwas  anderes.  Beide sind von kraftvollem Körperbau. Beide haben die Gabe Menschen an sich zu binden. Beide sind von voller Gefühl, voller Güte.
Beide sind ungewöhnlich. Sie sind sich begegnet, wurden getrennt und sie sind sich erneut begegnet und wurden wieder getrennt.
Wie grausam können Götter sein?

Die Rothaarige trieb ihren Gegner durch die Arena. Er bemühte sich, aber sie war besser. Sie war unglaublich. Sie tanzte zum Klang ihres Schwertes.
Irgendwann gab der Mann lachend auf. Sie fielen sich in die Arme.
Eine zweite und  eine dritte Frau traten dazu. Der Spanier und ich sahen uns verblüfft an. Die zweite war schwarz wie ich, klein und dünn. Die dritte war groß, wie Amazonia. Ein Helm bedeckte ihren Kopf. Sie warf geschmeidig mehrere Messer auf einen Schild. Alle trafen. Dann sprachen sie miteinander.
Sekunden später richtete sich aller Blick auf uns.
Wir waren am anderen Ende der Arena, weit entfernt.
Der Spanier und ich sahen uns an. Ich hatte ihn noch nie so ratlos gesehen.

Auriane

Ich habe mich Valens  das erste Mal verweigert. Und er bestraft mich sofort.
Seit Wochen kämpfe ich nur gegen Achillia. Unser Auftritt ist eine der großen Nummern. Berane wird immer besser. Sie hat es mir leicht gemacht, als ich sie zu Valens  mitnehmen musste.  Dass sie ihn kennt, bestärkt meine Ahnung, dass unsere Begegnung nicht nur Zufall war.
Freya hat ihre Hand im Spiel. Gestern erzählte sie mir von einer Seherin, die ihr die Runen gedeutet hat in der Heimat.
Sie hat vorhergesehen, dass Berane im Schatten der Wolfsstatue kämpfen wird.
Und dass sie töten wird. Wird sie unseren nächsten Gegner niederstrecken?
Nun sollen wir beide gegen einen Neuankömmling antreten. Es riecht nach Valens. Es STINKT nach Valens.  Der Kaiser schützt uns.
Wir dürfen töten. Er nicht. Ich habe ihn gesehen. Berane ist ahnungslos.
Er genießt einen Ruf bei denen aus den Provinzen. Ein auf den ersten Blick unauffälliger Mann. Körperlich nicht beeindruckender als der Durchschnitt.
Dann sah ich in seine Augen. Sie erinnerten mich an Beranes Augen.
Er ist klug. Wir sollten uns vorsehen. Er hat uns beobachtet, scheint uns zu
studieren. Ich habe Berane noch nichts gesagt. Acon überlässt es mir.
Was habe ich nur angezettelt mit dieser Sache.. ich wollte sie schützen.
Morgen stehen wir gemeinsam in der Arena gegen einen gefürchteten Kämpfer aus den Kolonien. Africa? Gallien? Ich weiß nicht mehr.
Verus  und Spartacus, die berühmtesten waren aus den Provinzen.
Verus aus Gallien. Spartacus aus Thrazien.
Ich werde ihn töten. Ich werde mir einfach vorstellen, er sei Valens.
Und Berane wird mir dabei helfen.

Maximus

Juba meinte, ich solle diese Frauen nicht unterschätzen. Nachdem ich der einen beim Training zugeschaut  hatte, gab ich ihm recht, wollte  mehr sehen.

Den Stil, die Schwächen.
Zwei Tage vor meiner Begegnung mit ihnen, gab es einen Schaukampf zwischen den beiden, der anscheinend  sehr beliebt war. Sie traten am Nachmittag als Vorletzte auf. Commodus war anwesend, winkte huldvoll, als sie ihn grüßten.

Commodus. Ich meinte ohnmächtig zu werden vor Hass, als ich ihn das erste Mal sah eine Woche nach unserer Ankunft in Rom.
Auf seines  Vaters Platz. Lucilla habe ich seither noch nicht bemerkt  in der Loge das Kaisers.
Ich war erleichtert, dass  ich nicht töten durfte. Ich würde sie beide kampfunfähig machen. Nichts wird mich dazu bringen, eine Frau zu töten in der Arena. Dank Juba war ich nicht unvorbereitet. Die Rothaarige namens Amazonia, dies war sicher nicht ihr wahrer Name, war erschreckend gut.
Sie genoss einen gewissen Ruf, hatte schon einige Männer getötet.
Lächerliche Gerüchte sie sei eine germanische Hexe und die andre Frau ebenfalls, gingen um. Sie seien Anhängerinnen der Sappho, würden jeden entmannen, der sich an sie heranwagte. Der Aberglaube hier ist kindisch.
 Sie waren in einer anderen Ebene weit weg von Proximos Gruppe untergebracht zusammen mit der schwarzen Akrobatin und einer Griechin.
Als ich mit Juba zu den Treppen, die hoch zur Arena führten, ging, um den Schaukampf zu verfolgen, schritt eine der beiden an uns vorbei. Sie war voll ausgerüstet, trug einen leichten Helm und warf uns einen flüchtigen Blick zu. Offensichtlich wusste sie, wer wir waren. Als sie in die Arena trat und ihre Gegnerin von der gegenüberliegenden Seite auf sie zukam, gesellte Proximo sich zu uns.
„Weiber.“ knurrte er. Danach sagte er lange nichts mehr.

Die beiden Frauen waren  beeindruckend.  Es war ein Schauspiel, offensichtlich gut einstudiert. Aber sie ließen es verdammt echt aussehen.
Achillia warf mehrmals mit Messern auf Amazonia, gab einige akrobatische Einlagen zum Besten, die das Publikum zu Begeisterungsstürmen hinrissen.
Sie warf ihren Gladius steil hoch in die Luft. Wie ein Stein fiel er zurück in den Sand, blieb sauber stecken, um im nächsten Moment von der, auf die Waffe zuhechtenden Frau ergriffen zu werden.
Trommeln untermalten alles mit einem stampfenden, drohenden Rhythmus.
Amazonia umtänzelte sie in der leichtfüßigen Art, die ich zuvor schon bemerkt hatte.  Es war ein Genuss den beiden zuzusehen.
Nach etwa zehn Minuten war es zu Ende, eine Frau spielte die Leiche, die andre die Siegerin. Ich schaute Proximo ins Gesicht.
Es wirkte wie meist grimmig und missmutig. „Nun, was sagst du zu diesen ’Weibern? Oder hat es dir die Sprache verschlagen, Gebieter?“ forderte ich ihn heraus. Er musterte mich kurz, lachte spöttisch.
„Warte bis du die mit dem Tiger gesehen hast. Dann wird dir auch nicht mehr viel zu sagen bleiben, Spanier.“  Juba zuckte mit den Schultern. Er wusste auch nicht, wovon Proximo redete.
Wenige Augenblicke später ging Amazonia an uns vorüber.  Ihre Augen trafen meine. Sie lächelte grausam und richtete spielerisch ihr Schwert auf mich.
Dann verschwand sie hinter einer Ecke.
„Weiber.“ fluchte Proximo erneut. „Versprich mir, das du diese Hexen zum Heulen bringen wirst, Spanier.“ Ich schnaubte abfällig.
„Ich verspreche nichts. Ich bin dir nichts schuldig, alter Mann.“
Mit diesen Worten ging ich zurück in unser Quartier, Juba folgte mir.

Am folgenden Tag sah ich die Griechin über den Stier springen.
Ich hatte davon gehört, sah es zum ersten Mal. Die Schwarze warf gekonnt mit Messern und vollführte akrobatische Kunststücke. Mein Respekt wuchs.
Nach einer Pause wurde ein noch nicht ausgewachsener Tiger durch einen der Bodenaufzüge in die Arena gebracht. Das Publikum johlte, als das Tier gähnte und sich ungerührt hinlegte. Im nächsten Augenblick rannte eine Gestalt  auf den Tiger zu, warf sich auf ihn und balgte sich mit der Raubkatze im Sand. Ich fuhr hoch. Es war eine Frau. Unzählige geflochtene Strähnen baumelten um ihr Gesicht. Sie trug die grüne Tunika Achillias und einen leichten Lederharnisch, sowie Arm und Schienbeinschützer aus Leder, aber keine Waffe.
Juba stieß einen Fluch aus, verfolgte gebannt das Geschehen.
Die Frau wand sich aus den Pranken des Tiers und lief davon. Die Katze folgte ihr. Bevor sie sie einholen konnte, warf sich die Frau zu Boden und der Tiger sprang  elegant darüber, legte sich neben sie. Sie klopfte ihm auf den Rücken erhob sich wieder. Nachdem jemand ihr einen großen , hölzernen Reif  zugeworfen hatte, lockte sie das Tier erneut und es lief mehrmals durch den Reif. Die Frau verbeugte sich, führte den Tiger zu der Bodenklappe, die sich öffnete. Die Raubkatze sprang hinab und verschwand, während die Frau unter Applaus und Gelächter die Arena verließ.
Es dauerte nur wenige Minuten.
„Mach den Mund zu, Spanier, bevor dir etwas hineinfliegt.“ hörte ich Proximo frotzeln, der mich unbemerkt beobachtet hatte. Er hatte recht behalten.
Diesmal fehlten mir die Worte.


Berane

„Er darf uns nicht töten, nur verletzen. Wir dürfen ihn töten.“
Auriane versuchte gelassen  zu klingen. Ich hörte den besorgten Unterton.
„Warum? Wer...?“ stammelte ich verwirrt.
Sie senkte den Kopf, sah mich dann direkt an.
„Valens hatte uns zu sich befohlen. Vor drei Tagen. Ich habe mich herausgeredet. Ich sei krank, du verletzt. Er hat es natürlich nicht akzeptiert. Ich habe befürchtet, dass sein Einfluss so weit reicht. Das ist die Antwort.“ gestand sie bedrückt.
„Gegen wen müssen wir antreten?“ Mein Magen krampfte sich zusammen.
„Einer aus den Provinzen. Gallien, glaube ich. Ich habe ihn gesehen. Er wirkt nicht gefährlich, aber er hat den Ruf sehr gut zu sein. Es wird Zeit, dass sich das ändert.“ erwiderte sie kühl.
„Wann?“ wollte ich wissen. Auriane wich meinem Blick aus.
„Morgen. Ich konnte mich nicht überwinden, es dir früher zu sagen.“
„Wie ...“ Sie unterbrach mich. „Endymion wird mit uns üben. Er wird die Rolle des Galliers übernehmen. Komm jetzt, er wartet schon.“
Sie ließ mich einfach stehen, verließ unsere Zelle. Sie fühlte sich schuldig.
Es gab keinen Zweifel. Ihre Handlungsweise hatte uns in diese missliche Situation gebracht.

Endymion sprach mit Auriane, als ich mich ihnen näherte.
„Ich habe ihn  heute morgen beobachtet. Er ist stark und sehr erfahren. Er wird sicher versuchen euch schnell zu verletzen. Er scheint weder bösartig noch grausam. Sicher ist er nicht begeistert gegen Frauen antreten zu müssen. Vielleicht ist das sogar das Beste. Liefert eine gute Vorstellung, lasst euch eine Beule verpassen. Keiner muss sterben.“
Auriane starrte den Kreter unwillig an. Er hielt stand.
„Du willst ihn töten. Das kann eine von euch oder beide das Leben kosten. Ist es dir das wert? Bist du so eitel???“ ging er sie direkt an.
Sie zuckte abfällig mit den Schultern. „Je mehr Männer ich töte, desto mehr bin ich wert. Desto sicherer sind wir. Nichts ist umsonst. Eine Niederlage kann ich nicht in Betracht  ziehen. Es würde meinem Ruf schaden. Egal ob wir gewinnen oder nicht, mehr als verletzt werden wir nicht.“  erklärte sie ihm kühl.
„Und was macht dich so sicher, dass er sich daran halten wird, wenn du ihm an die Gurgel gehst?“ Auriane hob die Achseln.
„Wir werden es wissen, wenn es soweit ist. Außerdem wird er bestraft, wenn er es wagt.“ grummelte sie widerwillig. „Was nützt euch das, wenn eine von euch dabei verreckt?“ fluchte Endymion erbost über ihren Starrsinn.
„Lasst uns anfangen, statt zu streiten. Die Zeit läuft uns davon.“  unterbrach ich die beiden. Der Kreter nickte ernst und ging in Position.

Bei Sonnenuntergang hatten wir unsere Taktik ausgearbeitet. Wir würden ihn ermüden. Selbst wenn er sehr stark war, musste es gelingen ihn abwechselnd  so zu erschöpfen, dass Auriane ihn töten oder zum mindesten schwer verletzen konnte. Mit Sicherheit würde er versuchen den Kampf schnell zu beenden, uns sofort hart angehen. Er konnte kaum besser als Endymion sein, der mittlerweile keuchte und Anzeichen der Erschöpfung zeigte unter unseren wechselnden Attacken. Wir umkreisten ihn wie ein Schwarm zorniger Wespen, drangen abwechselnd auf ihn ein. Sobald seine Deckung nachließ, bedrängten wir ihn gemeinsam, Auriane rief mir auf Germanisch Anweisungen zu, die der Gallier nicht verstehen würde. Das würde ihn zusätzlich verwirren. Mit einem Handzeichen beendete Endymion schließlich  die Übung.
„Ich beneide ihn wirklich nicht. Der Mann tut mir fast leid. Ihr seid klar im Vorteil. Betet zu eurer Göttin, dass der Kaiser seine Meinung nicht ändert und er euch doch töten darf.“
Ich umarmte ihn schweigend als Dank für seine Hilfe. Auriane wandte sich schroff ab, strebte dem Baderaum zu. Wir waren alle schweißnass.
„Sag ihr, ich gebe euch die Umdrehung einer Sanduhr. Wenn ihr dann noch drin seid, ist es mir gleich.“ warf er mir verärgert zu. Er wirkte enttäuscht.
Ich nickte, folgte Auriane.

Als wir uns abtrockneten, kam Endymion herein.
Bis es dunkel wurde, war der Baderaum offen. Wenn man die nötigen Beziehungen hatte, konnte man ihn auch später nutzen.
Ein Becken, um sich abzuspülen. Ein Becken, um zu baden.
Eine hölzerne Liege. Eine Bank.
Auriane fuhr hoch, wollte ihn hinausweisen. Ich hob bittend die Hand.
 Sie sah mich zornig und verwirrt an. Dann, plötzlich, streifte sie sich die Tunika über und floh förmlich vor dem besten Freund, den sie hier hatte.  Sie sagte kein Wort. Weder zu ihm, noch zu mir.

„Wenn du fertig bist, setz dich zu mir, Endymion. Bitte.“
Er sah mich überrascht an. Aurianes  abweisende Reaktion hatte ihn offensichtlich sehr verletzt. Ich sah es an seinem Blick.
Ich streifte meine Tunika über, legte mich auf die Bank, genoss die Entspannung. Ich liebe das Brennen und Pochen meines Körpers nach dem Training, die wohltuende Wärme und Müdigkeit, die folgt und mir traumlose Ruhe verspricht.
Als Endymion sich wieder angezogen hatte, war ich kurz davor einzuschlafen.
Er trug nur sein Lendentuch. Den ledernen Harnisch brauchte er nicht mehr.
Trotz meiner Schläfrigkeit hatte ich ihn beobachtet. Respektvoll.
Endymion von Chania. Mörder wider Willen.
Freya hilf mir, ich habe nie etwas Schöneres gesehen als ihn.
Bis auf einen Mann, der bei Sonnenaufgang aus einem Weiher stieg.
Ich habe Maximus geliebt und liebe ihn wohl noch immer.
Ich habe ihn gewaschen und gepflegt. Erst als ich erkannt hatte, dass ich den Mann liebte, liebte ich auch seinen Körper. Die Erinnerung daran, weckte ihn mir ein Verlangen, wie ich es seit ich Germanien verlassen habe, nicht mehr kannte. Dies war anders. Jetzt erst verstand  ich die Macht der Schönheit, wenn Männer ihr verfallen.
Ich betrachtete ihn, wie ich eine Statue bewundert hätte. Er war sich wohl  bewusst, dass ich da war. Auriane hatte ihn enttäuscht, ihm nicht einmal gedankt. Ich verstand sie, aber ich verstand auch ihn.
Wie ein Kunstwerk des Praxiteles* kam er auf mich zu, legte sich vor die Liege, auf der ich erschöpft ruhte.
„Wenn sie könnte, würde sie dich lieben.“ 
Er sah mich hoffnungsvoll an. “ Sie tut es, auf ihre Art.“ ergänzte ich.
„Glaubst du das wirklich?“ fragte er leise.
„Ja.“
„Hat dir schon einmal jemand gesagt, dass du ein wunderbarere Mensch bist, Berane?“  Ich lächelte. „Du bist es, der wunderbar ist.“ erwiderte ich.
„Auriane weiß nicht, was ihr entgeht.“
Seine Hand berührte meinen Schenkel. Es war Frage und Antwort zugleich.
Nichts Forderndes lag darin. Lange sahen wir uns an, dann beugte ich mich zu ihm hinab und streichelte seine Wange, bevor ich ihn küsste.
„Nicht weil du schön bist. Nur weil ich dich sehr gern habe. Ich liebe einen anderen.“ „Wen?“
„Einen Gladiator, wie du es bist. Für mich ist er schöner, als alles was ich je gesehen habe. “ Endymion zog abrupt seine Hand weg, ich ergriff sie. Fest.
Der Kuss war süß und geduldig.
„Warst du mit ihr zusammen?“  wollte er wissen.
„Ja, aber nur, weil es unvermeidlich war. Valens hat es verlangt. Ich liebe Auriane. Ohne sie wäre ich wahnsinnig oder tot. Sie weiß, das ich ihre Neigung nicht teile. Ich tat es nur ihr zuliebe.  Ich ziehe Männer vor.“
Wir küssten uns erneut. Es schien, als ob wir beide etwas suchten, das uns verwehrt war.
„Endymion, Auriane hat dir nicht gedankt dafür, dass du uns auf den morgigen Kampf vorbereitet hast. Ich tue es,  auch in ihrem Namen. Sie will dich nicht verletzen. Sie ist selbst verletzt. Verzeih ihr. Auf ihre Art liebt sie dich.“  versicherte ich ihm.
„Auf ihre Art.....“ murmelte er traurig.. Dann hob er den Kopf und sah mich mit diesen langbewimperten grünen Augen an. Freya, war er schön.
Aber weit mehr als seine Schönheit rührte mich sein Schmerz.
Ich streichelte seine Wange, küsste sie. Er drehte den Kopf, suchte meinen Mund. Wenn ich die Augen geschlossen hielt, konnte ich mir vormachen, er sei Maximus. Aber das wollte ich nicht, es war seiner nicht würdig.
„Was willst du?“ fragte ich den Kreter direkt.
Seine Augen flackerten einen Moment, bis er die Antwort aussprach.
„Eine Frau, die mich nicht  nur wegen meines Aussehens mag.“
„Du weißt, dass ich eine solche Frau bin. Also ?“
„Weil ich es von dir hören will.“
„Ich mag dich, weil du alles bist, was man von einem Freund erwarten kann und mehr. Wenn du böse oder grausam oder gemein wärst, würde ich dich verabscheuen, schön oder nicht. Ist das genug?“
„Genug.“ murmelte er, presste seine Lippen wieder auf meine.
Dieser Kuss war anders. „Endymion, ich liebe einen anderen. Ich will dir nicht wehtun. Hör auf, wenn du das nicht hinnehmen kannst.“ flüsterte ich.
Ich hatte Mühe meine Sinne beisammen zu halten in Anbetracht der Müdigkeit, des Reizes, den dieser Mann physisch auf mich ausübte und der Anspannung wegen des morgigen Kampfes.
„Ich nehme es hin. Bleib bei mir. Heute nacht  will ich keine Hure sein.“
sagte er leise. „Heute Nacht will ich nur lieben. Lass uns so tun, als seien wir Liebende. Nur dieses eine Mal.“ bat er.
„Nein.“ widersprach ich unmissverständlich. „Ich will weder dich, noch mich, noch den Mann, den ich liebe, betrügen, in dem ich mich selbst belüge. Wenn  du mich  heute Nacht willst, dann sag meinen Namen  und ich werde deinen sagen.“ Er überlegte kurz, dann sagte er klar und deutlich:
“Berane“, sah mich voll ängstlicher Erwartung an.
 Ich  setzte mich auf, neigte mich zu ihm.
„Endymion. Süßer, lieber, wunderbarer Endymion.“ murmelte ich.
Seine  vollkommenen Lippen kräuselten sich in einem dankbaren Lächeln.

* Praxiteles: griech. Bildhauer

Maximus

Man teilte mir am selben  Morgen mit, dass mein Kampf gegen Achillia und Amazonia  die vorletzte Nummer dieses Tages sein würde. Niemals zuvor hatte ich gegen eine Frau gekämpft. Bis auf die Übung mit Berane vor ihrem Unterschlupf. Ich wollte nicht daran denken.
Nicht an den Geruch des Farns, den Geschmack des über dem offenen Feuer gegarten Wildschweins. Nicht an  ihre sanften, starken Finger, ihre weichen Lippen, die Wärme und Hingabe, die sie mir geben konnte.
Selene, vergib mir. Es ist so lange her. So lange. Die Erinnerung an sie ist  noch so lebendig in mir. Die Erinnerung an dich hat der Krieg auf dem Gewissen. Drei ganze Jahre.
Sie durften mich töten. Ich sie nicht. Amazonia ist stark. Die andre kenne ich nicht. Manchmal bin ich so müde. Manchmal will ich nur zu Selene und Claudius. Will nur, dass es vorbei ist.
Und dann erwacht der Tribun in mir. Und er will Commodus sterben sehen.
Welch ein Wahnsinn.  Tod. Tod. Tod.
Ich will, dass es vorbei ist.

Auriane

Berane kam lange nicht. Eifersucht nagte an mir.
Ich wusste, sie war unberechtigt. Sie hatte mir nie verhehlt, das sie Männer vorzieht und der Kreter ist ein Prachtexemplar der Gattung.
„Du stinkst nach Endymion.“ warf ich ihr entgegen, als sie sich schließlich  hereinstahl. Ich hätte mich im selben Moment ohrfeigen können.
„Endymion stinkt nicht, du weißt das, Auriane.“ kam es klar und deutlich von ihr. Sie legte sich hin. Ich sah im Dunkel ihre Augen glänzen.
„Ich brauche dir nicht zu sagen, dass er dich liebt. Du weißt es. Und er respektiert deine Neigung.  Wenn du mir jetzt Vorwürfe machst, weil ich ihm das gegeben habe, dass du nicht geben kannst und willst, gehen wir hinaus und tragen es mit den Schwertern aus.“ knurrte sie.“ Darüber wird sich unser Gegner sicher freuen.“ Ich hatte ihre Stimme noch nie so gehört.
„Schlaf. Wir haben morgen eine  schweren Kampf vor uns.“ lenkte ich ein.
Sie gab einen zustimmenden Laut von sich, drehte mir den Rücken zu.
Wenig später hörte ich ihren gleichmäßigen Atem.
Ich beneidete sie. Um Endymion.
Und  um den Schlaf.

 

Maximus

Die beiden Frauen wurden erst nach meiner Ankündigung durch den Zeremonienmeister über zwei der Aufzüge nach oben gebracht.
Ich hatte auf Anweisung Proximos als Erster die Arena über die mittlere Steintreppe von der Südseite her  betreten.
Commodus Platz war noch  leer. Die gesamte Loge war leer.
Ich blieb mitten in der Kampfbahn stehen, wartete.
Als die Bodenklappen sich öffneten und die Frauen links und rechts von mir, begleitet von  einer Fanfare auftauchten, fing das Publikum an zu jubeln.
Ich suchte Proximo, erspähte ihn an einem der Eingänge.
Er gab mir das Zeichen noch zu warten.
Endlich kam Leben in die Loge. Commodus und ein zweiter Mann setzten sich unter dem Beifall der Menge. Die Frau, die sich gleich darauf dazu gesellte war  niemand anderes als Lucilla. Meine Ausrüstung mit dem Helm, der mein gesamtes Gesicht bedeckte und nur die Augen freiließ, würde mich davor schützen, erkannt zu werden.
Der Zeremonienmeister wollte gerade noch einmal die Gegner ausrufen, als der Kaiser ungeduldig abwinkte, ihn damit unterbrach. Commodus Blick richtete sich auf die Arena. Er musterte mich. Dies war der Moment ihm zu huldigen mit dem Gruß der Gladiatoren.
„Morituri te salutant“ riefen wir fast wie aus einem Mund.
Die Frauen hatten sich mir genähert, wir standen ungefähr jeweils fünf Meter voneinander entfernt in einer Reihe. Sie waren beide in samitischer Rüstung, sahen fast identisch aus bis auf die Farben ihrer Tuniken, waren von etwa gleicher Größe und Statur.
Ich fühlte zwei wachsame, helle Augenpaare auf mich gerichtet.
Das Zeichen wurde gegeben. Sofort begannen die beiden mich zu umkreisen, kamen mir dabei immer näher.
Mein Plan war, sie schnell ungefährlich zu verletzen und diese unwürdige Komödie rasch zu beenden. Bevor ich den ersten Ausfall machen konnte, griff die Frau in Rot, die wohl Amazonia war, mich an. Sie deckte mich mit einem Hagel gezielter Schläge ein, wirbelte zur Seite, um ihrer Partnerin Platz zu machen, die  keine Sekunde zögerte mich weiter zu traktieren. Ich konnte sie leicht abwehren, sie  war nicht so gut wie die andre, aber sie war blitzschnell und ich musste ständig beide im Auge behalten.
Ich habe  schon gegen fünf Männer gleichzeitig gekämpft und habe sie alle besiegt. Aber das waren schwerfällige Myrmilli gewesen und Thraker, denen behände Bewegungen durch ihre  Panzerung nicht möglich  gewesen war. Und sie hatten nicht zusammengearbeitet, was meine Gegnerinnen perfekt  taten.
Die Sonne stand schon tief, sie versuchten mich dorthin zu treiben und so auszurichten, wo sie mich blenden würde.
Amazonia rief der in  Grün gekleideten Achillia  immer wieder etwas zu.
Es klang vertraut. Nach einigen weiteren Ausrufen erkannte ich die Sprache.
Germanisch. Es gelang mir auszubrechen und einen  Ausfall auf die Schwächere zu machen, um endlich in die Offensive gehen zu können. Ich zielte auf ihr rechtes Bein, verfehlte es aber wegen ihrer blitzschnellen Reaktion. Sie nutzte meine offene Deckung aus, aber ihr Hieb ging daneben. Bei Amazonia wäre ich nicht ungeschoren davongekommen. Als ich ihr nachsetzte, wich sie zurück in den Schatten der Luperca Roma, der großen Wolfstatue an der Nordtribüne.
Amazonia kam von der Seite, verstellte mir den Weg. Sie sprang plötzlich hoch und versetzte meinem Schild einen  derart heftigen Tritt, dass ich rückwärts taumelte. Ein Stöhnen erklang von den Rängen.
Diesen Trick kannte ich noch nicht. Sie kämpfte völlig anders als die Männer.
Mit einem schrillen Schrei stürzte sie sich auf mich, lenkte mich mit einem Trommelwirbel von Schlägen ab und trat dabei  hinterlistig von der Seite gegen die ungeschützte Partie meines Unterschenkels. Ein dumpfer Schmerz durchfuhr mich, ich verlor das Gleichgewicht, könnte mich gerade noch aus ihrer Reichweite rollen. Der Mob jubelte. Es klang wie Sturm auf hoher See.
Einen Atemzug nachdem ich mich wieder erhoben hatte, stellte  sich mir die andre entgegen. Ich konnte gerade noch meinen Schild heben als auch schon der erste Dolch in ihm stecken blieb. Die andren beiden Würfe konnte ich mit dem Gladius abwehren. Sie wollten mich zermürben, ermüden. Abwechselnd  ging eine mich heftig an, ließ mich kaum zu Atem kommen, während die andre sich kurz ausruhen konnte.  Sie schienen mich tatsächlich töten zu wollen und sie hatten sich gut vorbereitet. Ein eingespieltes Duo waren sie, dass hatte ich schon gesehen bei dem Schaukampf. Ich musste meine Strategie ändern.
Amazonia war die Gefährliche. Ich musste sie aus dem Konzept bringen.
Ihre Partnerin in der grünen Tunika war  die Schwächere, sie musste ich zuerst ausschalten, um mich dann ganz auf Amazonia konzentrieren zu können.
Ich trieb sie vor mir her, drang mit aller Kraft auf sie ein, hielt mir Amazonia mit dem Schild vom Leib. Die  erwischte mich am Arm, es war nur eine Fleischwunde, aber das Fließen des ersten Blutes machte das Publikum rasend.
Ich trat nach ihr,  traf sie  voll an der Hüfte, sie verlor die Balance und kippte nach hinten, landete im Sand. Das gab mir einige Momente Luft.
Ich warf meinen Schild mit voller Wucht auf Achillia, er prallte auf die Vorderseite ihres Helms. Sie stieß einen Schrei aus, strauchelte, versuchte das Gleichgewicht zu halten. Ich setzte ihr gebückt nach, griff sofort wieder nach meinem Schild.
Als ich mich aufrichtete, prallten wir zusammen.
Dabei löste sich der lederne Schutz über meiner rechten Schulter, der bis halb über den Oberarm reichte und die große Narbe über der verblassten Stell, wo das Zeichen der Armee gewesen war, verdeckte. Ich sah noch, wie ihr  verstörter Blick über meinen Arm glitt. Sie floh.
Ich wollte ihr folgen, kam aber nicht weit. Wie eine Katze sprang mich Amazonia von hinten an, umklammerte mit dem Schwertarm meine Kehle, versuchte mich umzureißen. Ich hörte das Publikum schon lange nicht mehr, alle Sinne richteten sich auf den Kampf.
Während ich mich mühte sie abzuschütteln, stand ihre Partnerin wie erstarrt im Schatten der Statue. Amazonia  rief  ihr etwas zu, versuchte verzweifelt mich im Griff zu behalten. Achillia reagierte nicht, starrte  uns nur an.
Dann hörte ich wie Amazonia sie anschrie. Ich verstand ein paar Worte.
„Komm, töte ihn! Wach auf, Berane!!“
Berane. Welch ein seltsamer Zufall. Beide Frauen waren Germaninnen, eine schien Berane  oder ähnlich zu heißen. Ich  hatte mich  wohl verhört.
Mein Germanisch war nie gut gewesen.
Amazonia  ließ nach, ich bekam etwas Spielraum, stieß ihr den Ellbogen hart in die Rippen und war frei. Die Grüne regte sich noch immer nicht. Ich nutzte die Chance, machte einen Ausfall in ihre Richtung. Sie hob nicht einmal ihren Schild.
Ich zielte erneut auf ihre Beine, hatte sie fast erreicht, als sie aus ihrer Apathie erwachte und mir  auf Germanisch etwas zurief.
„Deine Frau hieß Selene.“
 Ich stoppte abrupt, traute meinen Ohren nicht.
Erst als Amazonia mich von links angriff, kam ich wieder zu mir.
Die andre warf sich mit einem wilden Schrei dazwischen. Für das begeisterte Publikum sah es aus wie ein Handgemenge, aber  tatsächlich bewahrte mich diese Reaktion vor einem Treffer, der mich sicher erheblich geschwächt hätte.
Amazonia wich verwirrt zurück, während die andre ihr etwas zurief.
Daraufhin  musterte sie mich, als sähe sie mich zum ersten Mal.
Mein Kopf raste. Woher wusste Achillia Selenes Namen???
Nur Berane kannte ihn und Berane war auf Sizilien...
Berane.... das war einfach nicht möglich.....
Die Frau lief zu ihrer Partnerin,  stellte sich mit ihr gegen mich, sie begannen mich wieder einzukreisen, dabei redeten sie leise miteinander.
Sie griffen mich wieder abwechselnd an, aber nur zum Schein, teilten mir jedes Mal ein paar Worte mit, wenn sie nahe genug waren.
„Beende es.“  „Erst mich, dann Achillia.“ Ich verstand gar nichts mehr.
„Am Bein.“ Amazonia sah mich auffordernd an, öffnete einen Moment ihre Deckung. Ich führte meine Waffe schräg über ihren Schenkel, auf den sie demonstrativ ihr Gewicht verlagert hatte.
Instinktiv versuchte ich sowenig Schaden wie möglich anzurichten. Sie ging überzeugend in die Knie, griff im Fallen nach meinem blutenden Arm. Ich sah wie sie geschickt mein Blut übers Bein schmierte, indem sie so tat als presse sie die Wunde zusammen, um die Blutung zu stoppen.
Ich ließ von ihr ab. Achillia warf in dem Moment, als ich mich ihr wieder zuwandte ihr Gladius in den Sand, schritt an mir vorbei und kniete mit gesenktem Kopf vor der Loge des Kaisers nieder, hob demütig die Hand.
Das war das Zeichen, dass sie aufgab. Ich hatte gewonnen.
Die Meute pfiff und buhte, weil ich ihren Liebling Amazonia besiegt hatte.
Der Kaiser entließ mich gelangweilt mit der ’Dismitte’ Geste.
Lucilla war bereits gegangen, der andre Mann ebenfalls.
Als ich mich dem Ausgang zuwandte, verschwanden die beiden Frauen gerade durch eine Bodenklappe nach unten, wie sie gekommen waren.
Juba wartete auf mich  am Fuß der Treppe. Sobald mich das Publikum nicht mehr sehen konnte, rannte ich hinab, löste dabei den Helm. Mein Freund sah mich verwundert an, als ich ihm nur den Becher mit Wasser aus der Hand riss , es hinunterstürzte, das Schwert und den Schild hinwarf und ihm den Helm in die Hand  drückte. Dann hetzte ich zu einem der Abgänge in die zweite Ebene.
 Ich wusste nicht, wo ich suchen sollte. Die Männer in den Gängen, die sich auf den Weg zu ihrem Auftritt machten, sahen mich nur verblüfft an, als ich ihnen zurief: “Wo finde ich Amazonia und Achillia??“  Ich irrte mehrere Minuten umher. Plötzlich rief eine Frauenstimme: “Spanier!!“
Mein Herz machte einen Satz.
Es war die Griechin, die Stierspringerin. Sie winkte mir.
“Folge mir!“ rief sie. Ich holte sie ein.
Wir gingen zum anderen Ende der Ebene. Sie öffnete eine Zellentür, ließ mich eintreten. Es war ein Baderaum, wie es ihn auf jeder Ebene gab.
Amazonia saß auf einer Bank, sah mir direkt ins Gesicht.
Vor ihr, mit dem Rücken zu mir kniete Achillia. Sie trug noch immer ihren Kopfschutz schien die Wunde der anderen zu  untersuchen.
Sie drehte den Kopf, starrte mich an, dann drehte sie sich zurück und löste den Riemen ihres Helms, nahm ihn ab. Sie stand  auf und wandte sich zu mir.
Im ersten Augenblick erkannte ich sie nicht. Die Haare hingen ihr in unzähligen dünnen Zöpfen um das Gesicht. Ihre Augen waren schwarz umrandet mit ägyptischer Augenschminke, die der Schweiß etwas verwischt hatte.
Die Lippen waren mit Weinstein gerötet.
Mein Herz wusste es, aber mein Verstand weigerte sich noch immer es zu glauben.
Erst als sie auf mich zuging, mir die Hand an die Wange legte, wich jeder Zweifel.
„Maximus,“ murmelte sie ängstlich, „erkennst du mich denn nicht??“
Ich brachte kein Wort heraus, riss sie einfach an mich.
Sie warf ihre Arme um  mich, lachte und weinte gleichzeitig dabei.

Berane

Unser Gegner trieb mich in die Enge, nachdem ich ihn verfehlt hatte. Er war beängstigend gut. Meine Furcht wuchs.
Ich beobachtete Aurianes Angriff, machte mich bereit.
Sie brachte den Gallier zu Fall. Er rollte sich weg, kam wieder hoch.
Ich ließ ihm keine Pause, warf meine drei Dolche auf ihn. Den ersten fing er mit dem Schild auf, die beiden anderen lenkte er geschickt mit dem Schwert aus ihrer Bahn. Im nächsten Moment traf mich sein Schild im Gesicht. Ich schrie  vor Schreck auf, taumelte, versuchte auf den Beinen zu bleiben. Der Mann musste sich  vorgebeugt haben, um seinen Schild aufzuheben, denn wir  prallten hart  aufeinander, als ich  mit einer Bewegung nach vorne meinen Sturz verhindern konnte. Ein reißendes Geräusch erklang. Mein Blick fiel auf seine Schulter, wo sich  ein Teil seiner Ausrüstung  gelöst hatte und herabhing.
Ich sah die Narbe unter der seltsam hellen Stelle.
Dann floh ich  in den Schatten der Wölfin.

Ein Heulen und Jaulen als tobe ein Sturm. Sand zu meinen Füßen.
 Ich drehe mich im Kreis. Wachsam. Das Heulen wird lauter.
Verschwommene Gestalten, blitzendes Metall in der Sonne.
Schweiß rinnt über mein Gesicht. Das Licht blendet mich.
Ich fliehe in den großen Schatten hinter mir. Er ist kalt.

In der letzten Nacht, bevor mich die Deserteure überfallen hatten.
Dies war der Moment, von dem  ich in Germanien geträumt hatte, vor mehr als einem Jahr. Der Schatten der Wölfin.
Ich wusste, wer der Mann war. Ich verstand.
Ich kannte die Narbe. Ich hatte die Wunde genäht.
Ich wusste, dass  die verblasste Partie einmal die lateinischen Zeichen SPQR  gezeigt hatte, bevor sie entfernt worden waren.
Es war als fiele ein Schleier von meinen Augen.
 Wie hatte ich so blind sein können??
 Auriane  schien mir zuzurufen, ich hörte nichts, sah nur wie ihre Lippen sich bewegten. Sie hing ihm auf dem Rücken, würgte ihn. Er konnte sich befreien, Auriane fiel rückwärts in den Sand. Er kam auf mich zu.
Maximus.
Ich konnte mich nicht bewegen. Worte formten sich in meinem Kopf, fanden ihren Weg aus meinem Mund.
Er erstarrte, sah mich fassungslos an. Auriane stürzte sich  erneut auf ihn.
 Ich erwachte aus meiner Reglosigkeit, warf mich  ohne nachzudenken dazwischen, stieß Auriane weg. Sie sah mich wütend an. „Er ist der Mann, von dem ich erzählt  habe.“ versuchte ich zu erklären, während wir uns ein wenig zurückzogen.
Auriane musterte ihn verblüfft.
„Bist du sicher?“ flüsterte sie. Ich nickte.
Ich stellte mich an ihre Seite, griff ihn zum Schein wieder an, um keinen Verdacht zu erregen. Niemand durfte es merken. Auriane zögerte.
„Er versteht uns. Wir müssen das zu Ende bringen.“ Sie nickte unmerklich, griff ihn an, zog sich nach einigen Hieben zurück. Er beobachtete uns genau.
Er schien zu verstehen, dass wir ihn nicht mehr töten wollten.
Dass ich ihm den Namen seiner Frau genannte hatte, hätte es ihm erklären müssen. Aber wie konnte er in Betracht ziehen, dass ich es sei?
Es musste  ihm noch unwahrscheinlicher vorkommen, als diese Widerbegegnung es  für mich war.
„Er soll mich verletzen, dann gibst du auf.“ schlug  Auriane vor und machte einen Ausfall. Meine Kampfunfähigkeit wäre kein Grund für sie gewesen, aufzugeben.
 Ich war die Schwächere, das war glaubwürdig.
Maximus verstand. Er ritzte Auriane  geschickt am Oberschenkel, sie ließ sich fallen, presste dramatisch ihre Hand auf den Schnitt. Das viele Blut, das plötzlich auf ihrem Bein war, konnte nicht von ihr stammen. Die Wunde war nicht der Rede wert. Meine schlaue Freundin. Sie musste Maximus Arm berührt haben.
Es war sein Blut. Er drehte sich zu mir. Das war mein Zeichen.
Ich warf das Gladius in den Sand. Wie hatte ich diese  Augen nicht erkennen können, die gerade auf mich gerichtet waren?
Der Mob war erbost über Aurianes Niederlage. Ich fürchtete um unseren Gegner.
Der Kaiser war unberechenbar. Er hatte ihn mit Sicherheit nicht erkannt, dennoch könnte er sich vom Volk beeinflussen lassen.
Aber Commodus entließ ihn mit gleichgültiger Miene, folgte seiner Schwester und Valens, die schon  gegangen waren. Ich sah noch, wie Maximus der Loge den Rücken zudrehte, bevor wir über die Bodenklappen in die unteren Ebenen verschwanden.
Endymion kam uns mit besorgter Miene entgegen.
„Was ist passiert? Es lief doch so gut...“ rief er. Ich winkte ab, stütze zum Schein Auriane auf dem Weg zum Baderaum.
Callista  hatte ebenfalls zu gesehen, schloss sich uns an.
Ich bat sie nach unserem Gegner  zu suchen,  ihn herzubringen.
„Man nennt ihn Spanier. Ruf ihn mit diesem Namen.“
Sie sah mich groß an, dann verschwand sie.
Aurianes Verletzung war nur ein oberflächlicher, sauberer Schnitt bis zum Knie.
„Du musst den Verband so aussehen lassen, als ob es schlimmer wäre.“ erklärte sie, setzte sich auf die Bank an der Tür. Ich kniete nieder, noch in der Ausrüstung, begann die Wunde vorsichtshalber  mit Wasser zu säubern.
Endymion hatte mir Leinenstreifen aus unserer Zelle gebracht.
Ich begann Aurianes Bein zu verbinden.
„Ist er der Spanier, der Legionär war?“ Ich nickte.
„Berane,  wehe dir, wenn du dich geirrt hast... ich habe mich zum Gespött gemacht für...“ Sie verstummte, blickte auf, als die Tür sich öffnete.
Ich sah über meine Schulter. Maximus.
Er trug keinen Kopfschutz mehr, war aber noch in seiner Kampfausrüstung.
Er sah mich verwirrt an. Ich drehte mich zurück, nahm den Helm ab.
Er schien mich immer noch  nicht zu erkennen. Erst, als ich ihn  ansprach, änderte sich der Ausdruck in seinen Augen.  Wir fielen uns in die Arme.

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