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17 – Jagdinstinkt
Missmutig verließen die beiden dunklen Männer das hohe Wohngebäude in Pyrmont. „Sie ist weg“, bestätigte der eine, der seine dunkle Brille auf der Nase zu Recht rückte, dem anderen, der im Foyer des Hauses auf Nachricht gewartet hatte. „Was heißt das?“ Ernüchterung und Zorn klangen aus der Stimme des Größeren. „Wohin ist sie? Sie hat sich doch nicht in Luft aufgelöst, oder?“ Der Angesprochene zuckte die Schultern und gab einem vorüber fahrenden Taxi ein Zeichen anzuhalten. Der Wagen fuhr weiter und der Albaner fluchte laut. Er hielt weiter Ausschau nach einem Auto, das sie zum Hafen zurück bringen würde. Der Vormittagsverkehr der Stadt war zähflüssig und die Luft stickig vom vergangenen Gewitter. Ein zeitiger und warmer Frühling stand bevor, doch daran dachten die beiden Männer nicht. Sie diskutierten, ohne dabei weiter aufzufallen, im bunten Völkergemisch Sydneys. „Keine Ahnung! Der Hausmeister versicherte mir, sie hätte keine Adresse hinterlassen. Hat die Wohnung einfach aufgelöst und ist abgehauen, mit Sack und Pack!“ „Hat der Kerl auch die Wahrheit gesagt, oder soll ich vielleicht seinem Gedächtnis nachhelfen?“ Der andere winkte ab: „Der hat keine Märchen erzählt, glaub’ mir. Ich konnte seine Enttäuschung in den versoffenen Augen lesen, als ich den Dollarschein, mit dem ich ihm vor der Nase herumwedelte, wieder einsteckte. Er hätte gesungen, sind doch alle gleich, diese Mistkerle!“ Ob sich sein Kompliment auf Hausmeister im Allgemeinen bezog, oder auf Australier im Großen und Ganzen, blieb ungeklärt. Der Größere trat wütend gegen eine Mülltonne, die am Straßenrand darauf wartete, geleert zu werden. Sie schwankte gefährlich, doch fiel nicht um. Ein paar Passanten blickten im Vorbeigehen unwillig zu den beiden hinüber. Herausfordernd schrie der Albaner in die Runde: „Gibt’s Probleme?“ „Lass den Shit“, mahnte jener mit der Brille. „Du musst nicht unbedingt die Aufmerksamkeit der Leute auf uns lenken, Mirko! Lass uns überlegen, was zu tun ist! Der Boss will die Sache rasch und ohne Aufsehen über den Tisch ziehen!“ Das nächste Taxi hielt an und die beiden Männer verschwanden im Wageninneren und ließen sich zum Hafen fahren. Sie sprachen leise miteinander, während der Taxifahrer den gedämpften Sportberichten des angestellten Autoradios lauschte. „Sie ist mit dem Schauspieler davon“, schlussfolgerte der Kleinere, der anscheinend der Denkende der beiden war. „Was liegt näher?“ Er kramte in der Innentasche seiner dunklen Anzugsjacke und holte ein abgegriffenes Farbfoto hervor. „Da! Die Schlampe und er sind unzertrennlich, wie du sehen kannst! Wo er ist, ist auch sie zu finden!“ Der Zweite betrachtete eingehend das Bild. „Sie sieht gut aus, mit ihren roten Haaren! Eine richtige Hexe. Warte, wenn ich sie zu fassen kriege! Wir werden sie finden. Ich nehme die Sache ziemlich persönlich!“ „Das kannst du“, bestätigte der neben ihm Sitzende und steckte das Bild zurück in die Tasche. „Wir haben freie Hand in der Sache. Trotzdem soll sie bald erledigt sein und wir aus diesem verdammten Land wieder verschwinden.“ Er lehnte sich in die Sitzpolster zurück und überlegte laut, jedoch leise genug, um die Neugier, das Interesse des Fahrers nicht zu wecken: „Wenn sie wirklich mit ihm weggefahren ist, dann ist es einfach sie zu finden, aber schwer, an sie heranzukommen! Der Kerl hat seine Schutzleute. Gab mal eine Kidnapping-Drohung, vor ein paar Jahren. Der hat sich vielleicht in die Hosen gemacht!“ Er grinste. „Sogar das FBI war an der Sache dran! Mann, oh Mann! Welchen Wirbel diese Leute doch um ihre Person machen!“ Dann wurde er wieder ernst. „Wir müssen mehr über sie rauskriegen. Irgendwann wird sie doch allein unterwegs sein, ohne diesen Muskelprotz an ihrer Seite! Der Kerl kann ja nicht ewig pausieren und ist sicher daran interessiert, weitere Millionen an Land zu scheffeln. Also muss er wieder weg, und dann kommen wir zum Zug und schnappen uns das Mäuschen!“ Der Grosse grinste anzüglich und malte sich in Gedanken aus, was er mit ihr anstellen würde, bevor man sie endgültig verschwinden ließ. Als sie das Taxi verließen, deutete der Kleinere auf einen Supermarkt, der die Segler und Bootsinhaber mit allem Nötigen versorgte, was sie für eine kurze oder auch längere Bootstour brauchten. „Kümmere dich um Proviant für ein paar Tage! Wir lichten den Anker und fahren die Küste aufwärts! Ich hab so eine Ahnung, wo die zwei Turteltäubchen sich versteckt halten. Ist ja auch nicht wirklich schwer! Der Kerl hat eine Farm, so an die 700 bis 800 km nördlich von hier. Ich denke, wir sehen uns das näher an. Und ich verwette meine Goldkronen, dass wir diese Reise nicht umsonst machen werden!“ Er kletterte auf die gemietete, unscheinbare Yacht, die auch schon bessere Tage gesehen hatte, und überließ es seinem Kumpel, sich um den Rest zu kümmern. Sie würden den Wasserweg nehmen, ungesehen und diskret. Und ebenso diskret und lautlos würde sie wieder verschwinden, jedoch nicht, ohne ihren Auftrag zu aller Zufriedenheit ausgeführt zu haben.
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Lapierre kochte vor Wut, ließ sich jedoch nichts anmerken. Nach außen hin mimte er den gelassenen, wenn auch leicht verärgerten Geschäftsmann, der die überraschende Steuerprüfung wohl oder übel über sich ergehen lassen musste. Er thronte hinter seinem Schreibtisch und beobachtete die Leute von der Steuerfahndung, wie sie in seinen Akten wühlten, die Schubladen seines Büros durchsuchten und mit Haufen von Papieren ein- und aus gingen, seine Computer benützten und in ihren eigenen, mitgebrachten, Daten und Zahlen, Abrechnungen, Aufträge, Gewinne und Verluste prüften. Sie würden nichts finden. Nichts Bedeutendes! Eine kleine Abweichung hier und da, minimale Fehler der Buchhaltung, wie jedes andere Unternehmen sie auch nicht vermeiden konnte. Was glaubten diese Idioten, ihm nachweisen zu können? Das war reine Willkür, um ihn weich zu machen! Wer steckte hinter der Sache? Wahrscheinlich dieser verdammte Trottel vom Morddezernat! Er würde sich beim Finanzminister beschweren und seine Gratis-Clubmitgliedschaft im Golfclub konnte er sich in Zukunft auch abschreiben! Unwillig ballte er seine gepflegten Hände zu Fäusten. „Sie haben doch wohl nichts dagegen, wenn ich mit meinem Anwalt telefoniere?“ fragte er die eine Frau, die anscheinend hier das Sagen hatte. Das blöde Miststück ließ ihn gnadenhalber telefonieren und widmete sich dann wieder ihrem Laptop. Natürlich hörte sie mit einem Ohr zu. Madeleine stand an der Tür und sah ziemlich hilflos drein. Sie war verheult und niedergeschlagen, seit sie vom Tod Faviers erfahren hatte. Die Polizei war nicht zimperlich mit ihr umgegangen. Stürmte ins Büro und stellte die absurdesten Fragen. Ob sie etwa ein Verhältnis mit dem Sekretär gehabt hatte. Lächerlich! Er hatte Favier schon lange in Verdacht gehabt, dass er schwul gewesen war. Die Wahrheit würde sich wohl nie herausstellen und sie bedeutete Lapierre auch nichts. Er kam vor zwei Tagen aus Brüssel zurück, wohin er sich nach dem Gespräch mit dem Albanergauner abgesetzt hatte, um in Ruhe, bei Sekt und Austern, den Ausgang der Geschichte abzuwarten. Er hatte die Gelegenheit genutzt, um beim Europarat um Anhörung zu bitten, was ihm auch zugesagt wurde. Doch Faviers plötzlicher Tod hatte die Vorspielung seines Grundes, diese Reise zu tätigen, vorzeitig beendet. Dieser verdammte Idiot im Kriminalamt hatte sich aufgeplustert wie ein Pfau und anscheinend gedacht, ein paar gezielte Fangfragen könnten ihn aus der Reserve locken und verärgern, sodass er die fatale, falsche Antwort von sich geben würde. Er konnte nur lachen über diese Naivität des lächerlichen Beamten! Er war ein perfekter Schauspieler und hatte es im Büro Fargettes einmal mehr bewiesen. Ja, er weinte sogar ein paar Tränen um seinen Sekretär, der ihm, so sagte er aus, mehr bedeutete, als er sich je eingestehen hat wollen. Er war für ihn der Sohn, den er nie hatte. Fargettes Grinsen überging er völlig. Dann hat er durchblicken lassen, dass Serge Favier möglicherweise zum anderen Ufer gehört hatte. So wollte er den Verdacht auf homosexuelle Kreise lenken. Ein Eifersuchtsdrama? Selbstmord aus unglücklicher Liebe? Der Griff zur Flasche, der auch ihm, Lapierre scheinbar unverständlich erschien, konnte eine Verzweiflungstat gewesen sein... Die Möglichkeiten schienen plötzlich unbegrenzt zu sein. Nein, bestätigte er. Er wisse nichts über Faviers Privatleben, hatte sich nur so seine eigenen Gedanken gemacht. Er wusste nur, dass Serge bei seiner Mutter gelebt hatte. Aber die sexuellen Gepflogenheiten seiner Mitarbeiter gingen ihn schließlich auch nichts an, oder? Favier war ein recht gut aussehender Mann gewesen und mit Frauen schien er nichts am Hut gehabt zu haben. Reserviert, kühl und ergeben, ja das war er. Nie ein Grund zur Beschwerde. Pünktlich, ein Gedächtnis wie ein Elefant, der perfekte Mann für sein Unternehmen! Er hatte abermals ein paar Tränen weg geblinzelt. Gab sich hilflos und verzweifelt. Was sollte er nun anfangen ohne Favier? Woher sollte er einen so fähigen Mann zaubern, der ihn ersetzen könnte? Es schien unmöglich, denn Favier war die brauchbarste Unterstützung, die man sich nur wünschen konnte, für seine Geschäfte gewesen. Der Polizist hatte ihn die ganze Zeit über genau beobachtet, das war Lapierre nicht entgangen. Die geschulten Augen Inspektor Fargettes hatten jede Regung im Gesicht des aalglatten Mannes, der ihm da gegenüber saß, registriert, keine Regung war ihm entgangen. Ein schlauer Fuchs, hatte er gedacht, aber einen alten Hasen wie ihn legte auch ein so gewiefter Kerl wie Lapierre nicht herein. Er verkündete Lapierre, dass sie bereits im Büro des Sekretärs gewesen waren und seine Schreibkraft befragt hätten. „Das arme Ding“, hatte Lapierre gemurmelt. „Sie war verrückt nach Favier und litt unter seiner höflichen, aber bestimmten Ablehnung. Ich glaube nicht, dass ihnen die arme Person weiterhelfen konnte, Inspektor, oder irre ich mich da?“ „Allerdings konnte sie uns nicht viel sagen“, hatte Fargette bestätigt. „Auch sie wusste rein gar nichts von Favier. Ich denke, wir müssen wirklich in einer anderen Richtung weitersuchen und werden uns die einschlägigen Lokale ansehen, die sich in der Nähe des Unglücksortes befinden!“ Lapierre frohlockte. Der hirnlose Beamte hatte angebissen. Sie würden die Schwuchteln, die sich entlang der Seine herumtrieben, genauer unter die Lupe nehmen und sie mit ihren Fragen quälen. Er konnte aufatmen und verließ das Kommissariat als scheinbar gebrochener Mann. Fargette hatte ihm nachgeblickt. Sollte er sich nur in Sicherheit wiegen, dieser Lapierre. Man musste den alten Fuchs nur ein wenig verunsichern und dann machte er möglicherweise einen entscheidenden Fehler. Was fürchtete ein Mann wie er mehr als die Steuerfahndung? Er hatte zum Telefon gegriffen und setzte sich mit Interpol in Verbindung, die ein paar Tipps an die Steuerbehörde weitergeben sollten. Mal sehen, wer den längeren Atem hatte.
An eben diese Unterredung dachte Lapierre, als er dem eifrigen Tun, der vom Finanzamt zu ihm beorderten Leute, zusah. Die Nerven bewahren. Ruhig Blut! Vorerst lief alles, wie er es wünschte. Der Albaner hatte Wort gehalten. Bernardini, sein ganz persönlicher Anwalt und Rechtsbeistand versicherte ihm, er werde der Sache nachgehen und heraus bekommen, wer die Maschine der Verfolgungsjagd auf seinen Klienten in Gang gesetzt hatte. Er versprach, der Einladung Lapierres zum Abendessen Folge zu leisten. Mehr konnten und wollten die beiden Männer nicht telefonisch besprechen. Das war gut so, denn ohne es zu wissen, war die Leitung des Geschäftsmanns bereits von Interpol angezapft worden. Die Sache Favier interessierte sie nur am Rande. Der Tod eines einzelnen Mannes wog jenen von vielen anderen, die aus dem aufgeflogenen, wenn auch geleugneten und vorerst nicht nachweisbaren Waffenschmuggel folgen hätten können, nicht wirklich auf...
***** „Sie sollten die Scheidung stillschweigend durchgehen lassen“, riet der feiste Anwalt und stopfte eine weitere gebratene Schnecke, die er zuvor aus ihrem Häuschen gestochert hatte, in seinen breiten Mund. Bevor er weiter sprach, spülte er den Leckerbissen mit einem Schluck des vorzüglichen Weißweins hinunter, den Lapierre hatte kredenzen lassen. „Wir sollte keinen unnötigen Staub aufwirbeln, die Medien sind geil auf diese Art von Sensationen. Besser sie erfahren erst gar nichts von der Auferstehung ihrer Frau. Lassen wir doch die bestehende Version der verschwundenen Ehefrau weiter bestehen. Glauben Sie mir, Bernard, wir haben jetzt andere Sorgen!“ Lapierre schien zuzustimmen. Mit leicht gequälter Stimme antwortete er: „Ja, da gebe ich Ihnen Recht, so schwer es mir auch fällt. Schließlich will sie nichts von mir. Sie will nur ihre Freiheit, die soll sie haben! Machen wir kein Aufsehen um eine banale Sache wie eine Scheidung. Wir haben einander einfach nicht verstanden, das ist alles!“ Er schien sich mit der Lage und seiner gescheiterten Ehe abzufinden und Bernardini atmete erleichtert auf. „Nun zu unserem Hauptproblem! Wie konnte die Sache mit dem Schiffstransport so kläglich ausgehen?“ „Das frage ich Sie“, entgegnete Lapierre zynisch. „Schließlich waren die Papiere Ihre Sache. Es reicht ja wohl, wenn ich für die Finanzierung aufkomme, oder?“ „Nun“, lenkte der Anwalt ein und griff sich eine frische Feige. „Es war einfach Pech! Die falschen Leute am falschen Platz zur falschen Zeit! Wie es so gehen kann. Aber immerhin konnte man rein gar nichts nachweisen und jeder auch nur kleinste Verdacht gegen Sie wurde im Keim erstickt!“ Als er in die Feige biss, machte dies ein unschönes, ja vulgäres Geräusch und Lapierre verzog angewidert den Mund. „Und was soll dann das Interesse von Interpol an meinen Geschäften?“ konterte der Geschäftsmann und beobachtete den Anwalt mit Abscheu, wie er sich die vom Saft der Frucht triefenden Finger, einen nach dem anderen genüsslich ableckte. Der Mann sah nicht nur aus wie ein Schwein, er benahm sich auch so, dachte er und wartete auf die Antwort seines Beraters. „Nun“, begann dieser, „es ist nicht gesagt, dass Interpol an Ihnen oder Ihren Geschäften interessiert ist, Bernard. Wir wissen nur, dass der saubere Favier sich mit den Leuten in Verbindung gesetzt hat. Es ging keine Nachricht raus, es war reine Information, vielleicht auch nur Neugier. Mehr nicht! Was immer er auch von Interpol wollte, es konnte nicht viel sein, denn er wusste rein gar nichts von unseren kleinen Nebengeschäften, oder?“ Lapierre nickte zustimmend. „Natürlich nicht! Er war für den Golfclub zuständig, für die Restaurants, mehr nicht.“ „Nun können wir ihn ja leider nicht mehr befragen“, seufzte der Anwalt herausfordernd. „So ein Pech und auch verwunderlich, dass gerade jetzt Favier diesen Unfall haben musste, nicht wahr?“ „Er war ein guter Mann“, bestätigte ihm der Angesprochene. „Aber er war ein Pédé! So enden die meisten, wie man weiß. Dabei hätte er bei Frauen gut ankommen können! Nun, seine perversen Gelüste scheinen ihm zum Verhängnis geworden zu sein!“ seufzte er nachdrücklich und griff nach seinem Glas. Bernardini widmete sich der gefüllten Wachtel, die er sich von der Vorlegplatte gegriffen hatte, und begann, sich das knusprige Vögelchen mit beiden Händen einzuverleiben. Er hatte kürzlich befürchtet, Lapierre würde Rache an seiner Frau üben wollen und war froh, dass er ihn anscheinend von dieser Art von Absichten abbringen konnte.
Lapierre verzichtete auf den zweiten Gang des Menüs. Irgendwie war ihm der Appetit vergangen. Ob es an seinen Problemen, den vielen ungeklärten Fragen oder an Bernardinis Tischmanieren lag, wusste er nicht. Wahrscheinlich an beidem. „Weiß man schon mehr über den Fall?“, schmatzte der Rechtsmann. Lapierre zuckte die Schultern. „Keine Ahnung! Ich werde es wohl als Letzter erfahren. Aber ich weiche von der Theorie, dass es einfach ein Unfall war, nicht ab.“ „Nun, dann ist die Sache ja weitgehend geklärt“, setzte Bernardini den Punkt und wischte die fetten, klebrigen Hände in seiner blütenweißen Stoffserviette ab. „Ich lasse die Scheidungspapiere morgen vorbei bringen und sie unterschreiben einfach. Den Rest erledige ich. So schaffen wir diese leidliche Sache aus der Welt, es gibt kein Aufsehen und keine Schlagzeilen. Sicher ist es nicht im Interesse ihrer Frau, die Sache hochzuspielen. Sie hält auf jeden Fall den Mund. Sie haben Großmut bewissen, Bernard! Ich hatte schon Angst, sie würden sich in Racheplänen verrennen, die uns, Ihnen wie auch mir, nur schaden könnten! Liebe macht bekanntlich kopflos!“ Lapierre rang sich ein wehmütiges Lächeln ab. Er machte eine wegwerfende Handbewegung. Von alledem brauchte Bernardini, der feig genug war, zu seiner Mannesehre zu stehen, nichts wissen. „Man muss wissen, wann man verloren hat. Ich gebe es zwar nur ungern zu, aber in diesem Falle bin ich der Verlierer. Soll sie glücklich werden mit diesem Schauspieler oder wem auch immer! Für mich geht die Welt deswegen nicht unter!“ „So ist’s recht! Ein wahrhaftig nobler Geist!“ schmeichelte Bernardini und tat sich an den gebratenen Maronen gütlich, bevor er zuletzt nach dem Zitronensorbet griff, das auf Eiswürfeln gekühlt darauf wartete, von ihm verschlungen zu werden. Lapierre bevorzugte eine Zigarre und im duftenden Rauch des exzellenten Tabaks konnte er seine Fantasie genießen, die ihm eine geschundene und leblose, rotblonde Frau bescherte, die man zwischen zwei Klippen gefunden hatte. Eine Unbekannte, ohne Papiere, die niemand vermissen würde. Ein Jammer, dass sie sich mit ihm angelegt hatte. Alles was er wünschte war, dass sie in den letzten Minuten ihres jämmerlichen Daseins zutiefst bedauerte, den falschen Weg gewählt zu haben...
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„Lass das“, schnauzte der kleinere Albaner seinen Begleiter an, als dieser mehrere Male auf irgendetwas schoss, das sich im Wasser bewegt hatte. „Da ist ein verdammter Hai“, entgegnete der Mann. „Das kann auch ein Delphin gewesen sein, Idiot!“ maßregelte der Erste den Größeren. „Na wenn schon“, war die ungerührte Antwort. „Sind alles dieselben Biester!“ „Steck das Ding weg, ich sag’s nicht zweimal, Mirko!“ Der Tonfall duldete keinen Widerspruch und Mirko erwiderte nichts. Schließlich versuchte er sich zu rechtfertigen: „Die Einsamkeit hier draußen macht mich fertig, Faysal!“ „Wir werden heute Abend noch unser Ziel erreichen! Mach keinen Unsinn und reiß dich am Riemen, verstanden? Wir dürfen nicht auffallen, müssen aussehen wie zwei verdammt blöde Touristen, die nichts anderes im Kopf haben, als angeln zu gehen, hast du das kapiert?“ „Ich bin ja nicht von gestern“, war die Antwort und mit Freude beobachtete der Mann wie das Wasser sich rötlich verfärbt hatte, und ein Schwall kleiner Luftblasen auf die Wasseroberfläche stieg, die das Sterben eines getroffenen Lebewesens bezeugten. „Ich hab’ ihn erwischt, den verdammten Menschenfresser!“ frohlockte der Albaner und sein Partner schüttelte nur stumm den Kopf. Er hoffte, dass der Andere ihn nicht mit seiner Dummheit in Schwierigkeiten bringen würde. Langsam aber sicher verlor er die Geduld mit seinem Partner. Er lernte nicht dazu, konnte die Kontrolle über sich nicht behalten und er, Faysal war es leid, den Oberlehrer zu spielen, auch wenn er Mirkos älterer Bruder war. Irgendwie fühlte er sich verantwortlich für ihn, doch alles hatte seine Grenzen, auch seine scheinbar endlose Geduld. „Du steckst die Knarre jetzt weg und hörst, was ich dir sage, Bruder! Sonst werden wir nach dieser Sache hier nichts mehr gemeinsam machen, verstanden! Ich lass dich fallen wie eine heiße Kartoffel, wie glühende Kohle, hörst du?“ „Du willst mich im Stich lassen, Faysal?“ klagte der Angesprochene fassungslos. „Das kannst du nicht tun! Du hast Mutter versprochen, immer für mich da zu sein, vergisst du das?“ „Ich vergesse gar nichts“, kam die genervte Antwort. „Ich will, dass du meine Anordnungen befolgst, sonst kannst du dich in Zukunft allein durchschlagen! Das würde auch Mutter verstehen! Wir machen einen verdammt gefährlichen und heiklen Job. Ich will nicht Kopf und Kragen riskieren, weil du Blödmann aus der Reihe tanzen willst, wie üblich! Ist das klar?“ Der Jüngere, jedoch größer Gewachsene gab klein bei und murmelte ein paar Unflätigkeiten in seiner Muttersprache, die der Bruder nur erahnen konnte, da er sich hütete, die Stimme laut zu erheben. „Wenn wir angekommen sind, tragen wir uns ins Hafenbuch unter falschem Namen ein. Zwei Sportfischer, wie all die anderen Idioten die dort unterwegs sind! Raus aus unseren Klamotten und rein in Blumenhemd und Shorts! Versuch einstweilen, eine Angelrute richtig in die Hand zu nehmen, das ist hilfreicher für uns, als deine Patronen im Ozean zu vergeuden!“ Er reichte dem Grossen eine der ausgelegten Angelruten und beobachtete die ungeübten Hände, die nicht viel mit dem Ding anzufangen wussten. „Und das soll Spaß machen?“ knurrte der Hagere. Hoffnungslos schüttelte Faysal den Kopf: „Du wartest hier im Boot auf mich und ich organisiere inzwischen einen Mietwagen. Das ist ein kleiner, beschissener Fischerort, trotz der vielen Touristen! Man fällt also leicht auf und es gibt genug untätiges Gesindel, das nichts anderes zu tun hat, als da zu sitzen und zu beobachten, was so um sich herum vorgeht! Ich meine damit, dass wir so unauffällig wie möglich bleiben müssen, kapiert?“ Der andere nickte verbissen und verschwand in der Kajüte, um sich eines seiner Porno-Magazine zu schnappen. Das würde ihm die Zeit vertreiben und besänftigen. Es konnte auch hilfreich sein und seine Ideen anregen, was er mit der feinen Frau aus Paris alles anstellen würde, bevor er ihr den Garaus machte... |
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18 – Der Fall Favier
„In einer Woche geht es los!“ Crowe meinte damit, dass seine neuen Drehverpflichtungen in der nächsten Woche beginnen würden. Als wüsste sie dies nicht! Als zählte sie nicht jeden Tag, der ihnen noch blieb! „Du bist zwar erst seit ein paar Wochen hier, doch mir kommt vor, als hättest du immer schon zu uns gehört!“ Es schien ihn selbst zu verwundern. „Ich kann mir die Farm ohne dich nicht mehr vorstellen, und ich denke, dass es eine ganz abgefeimte Rasselbande gibt, die ebenso denkt wie ich, Gillaine!“ Sie freute sich über sein Geständnis. Er sagte nie, was er nicht wirklich meinte und so hatten seine Worte mehr Gewicht für sie, als alles andere, das man je zu ihr gesagt hatte. Er sah sie sinnend an und stocherte dabei in der Glut des von ihm angefachten Feuers. Sie machte sich ganz gut auf dem Pferderücken. Er schmunzelte, als er sich daran erinnerte, wie mitgenommen ihr Hinterteil die ersten Tage lang ausgesehen hatte. Rötliche und blaue Flecken zierten ihre hübsche, geschundene Kruppe und er brachte jede erdenkliche Mühe auf, um sie zu pflegen und ihre mitgenommenen Körperteile fachgerecht mit Salben und liebevoller Behandlung zu versorgen. Vielleicht hatte er auch zuviel von ihr verlangt, doch sie hatte nicht aufgegeben. Schon nach wenigen Tagen saß sie sicher im Sattel und nur ihr von Schmerz verzogenes Gesicht ließ auf die Mühe und Entbehrung schließen, die sie da auf sich genommen hatte, um ihn nicht zu enttäuschen. Sie konnte nun mühelos bei kleineren Ausritten mithalten und es schien ihr sogar Spaß zu machen. Zwischen ihr und den Pferden hatte sich eine Bindung entwickelt, die nicht zu übersehen war. Da war etwas spürbar Positives und Wahres entstanden. Sie gab zu, diese großen, scheuen und doch so kraftvollen Tiere zu mögen, liebte es, aktiv an ihrer Pflege Teil zu nehmen. Wenn ihr Fell durch sorgfältiges Striegeln glänzte, ihre Mähnen durch hingebungsvolles Bürsten weich und voll wurden, dann fühlte sie eine seltsame Befriedigung in sich aufsteigen. Fühlte, dass sie Teil dieser Harmonie war, den Weg gefunden hatte, den der Mensch mit dem edlen Reittier seit jeher beschritten hatte, diese Bindung genießen konnte und es eine wahrhafte Bereicherung ihres Lebens geworden war, die oft besungene Beziehung mit diesen Tieren eingegangen zu sein. Und es war auch ein Teil Russells Welt...
„Sind die Schäden der Überschwemmung groß gewesen?“ erkundigte sie sich interessiert. Er zuckte mit den Schultern: „Wie man es nimmt! Auch nach dem Rückgang der Fluten, als die Häuser und Felder wieder frei lagen, waren die Folgen der Überschwemmungen immer noch zu spüren. Weite Gebiete waren so nass, dass ihre Wege unpassierbar waren, und auch Tage und Wochen später hatten viele Flüsse noch eine solche Breite, dass sie kaum überquert werden konnten. Wir sind hier weitgehend verschont geblieben von großen Schäden, weil wir hügelan liegen. Der Regen kam an anderen Orten, weiter landeinwärts, in großen Unwettern, die viele Tage lang andauerten. Für Farmer bedeutete dies häufig, dass ihre gesamte Ernte weggespült wurde; Schaf- und Rinderzüchter mussten ihre Tiere vor dem Ertrinken retten und wir haben geholfen, wie und wo es ging. Wir sind hier gegenseitig aufeinander angewiesen, musst du wissen! Doch es gab diesmal keine Menschenleben zu beklagen, das ist das Wichtigste! Die Farmervereinigung, der ich ebenfalls angehöre, wird sich bemühen den Schaden der anderen mit vereinten Kräften weitgehend zu ersetzen.“ Sie wusste, wie leidenschaftlich er sich für andere einsetzte und nickte zustimmend zu seinen Worten. „Und wenn du weg bist?“ fragte sie und bezog ihre Frage auch ein wenig auf sich selbst. „Ich habe alles geregelt und meine Männer und Terry sind zuverlässig. Ich kann ihnen blind vertrauen.“ „Davon bin ich überzeugt“, murmelte sie und versuchte dabei, nicht niedergeschlagen zu klingen. Sie hatten unweit der Farm ein kleines Feuer gemacht und wärmten ihre Hände im Schein der Flammen. Die beiden Pferde grasten gemächlich in der untergehenden Frühlingssonne. Der Tag war warm gewesen und das junge Grün der frisch knospenden Laubbäume, vorwiegend Buchen, mischte sich mit den robusten Hartlaubbüschen, die sich nie zu verändern schienen. Die immergrünen Akazien blühten in sattem Gelb und das zum Nationalbaum Australiens erklärte Gewächs, zierte die Gegend hier in großem Ausmaß und konkurrierte mit dem blaugrünen Blätterkleid der Eukalyptusbäume. „Ich bin stolz auf dich“, gestand er und griff nach ihrer Hand. „Ich habe dir einiges zugemutet, aber in dieser Gegend reiten zu können, scheint mir äußerst wichtig, um nicht zu sagen, lebenswichtig zu sein.“ Er holte tief Atem, bevor er fort fuhr: „Gut, wenn man in Coffs hockt und seinen Hintern aus der Stadt nicht raus rückt, dann gibt es diese Frage nicht!“ Er grinste sie an. „Das ist zwar noch nicht der tiefste Busch hier, nicht das tiefste Outback, aber sobald man auf diesem Kontinent die Stadt oder Ansiedlung verlässt, sollte man sich ein wenig zurecht finden können in der Natur, und mit den Überraschungen, die sie parat hält, fertig werden. Dazu gehört natürlich der mögliche, plötzliche Wetterumschwung, Buschfeuer, und Angriff von kleinen, aber manchmal giftigen Waldbewohnern. Die Möglichkeit, sich rasch und relativ gefahrlos weiter zu bewegen, auch auf unwegsamem Gelände, sollte sich nicht nur auf motorisierte Untersätze beschränken, die man nicht immer zur Verfügung hat!“ „Du brauchst nicht zu versuchen mich davon zu überzeugen“, versicherte sie ihm. „Das ist ein wundervolles Land, an das man sich gerne anpasst. Ich habe viel entdeckt, auch an mir selbst...“ Er machte die Feuerstelle aus, zertrat die noch verbleibende Glut mit seinen Stiefeln und zog sie in die Arme. „Ich habe auch viel an dir entdeckt, love! Lass uns heim reiten“, meinte er eindringlich. „Lass uns ein paar Sachen packen und für ein paar Tage von hier verschwinden. Es wird unser letztes gemeinsames Wochenende für längere Zeit sein. Einen weiteren Tag lang kannst du dich gewiss von jemandem vertreten lassen. Lass uns irgendwo in die Berge fahren, wo wir unentdeckt für uns sein können. Was meinst du?“ Sie nickte und freute sich auf drei Tage nur mit ihm, fernab jeder Farmerversammlung, Lehrerbesprechung oder ähnlichem. Sie ritten zurück und versorgten die Pferde, packten rasch ihre Taschen und gaben Bescheid, übers Wochenende nicht erreichbar zu sein. Bevor sie in Russells Geländewagen kletterten, wandte sich Russell seinem Bruder zu, der aus dem Bürogebäude kam, ein Blatt Papier in der Luft schwenkend. „Das ist für euch“, rief er. „Kam eben aus Sydney vom Büro deiner Anwaltskanzlei, Russ! Hoffe, es gibt gute Neuigkeiten!“ Er überreichte ihm besagtes Fax, zwinkerte beiden aufmunternd zu und verschwand dorthin, woher er gekommen war. Russell überflog die Zeilen. Steile Falten standen auf seiner Stirn. Ihr wurde mulmig zumute. Sie ahnte, dass es sich bei der Nachricht um etwas handelte, dass sie betraf. Er blickte sie lange und ernst an, und ihre Hand klammerte sich an seiner Jacke fest. „Schlimm?“ flüsterte sie fast tonlos. „Du bist so gut wie geschieden“, antwortete er gelassen und beobachtete ihre Reaktion. „Lapierre ist mit allem einverstanden und die Scheidung wird in kürzester Zeit rechtskräftig sein!“ „Ich glaub’s nicht!“ flüsterte sie fassungslos und starrte ihn an. „Das ist unmöglich!“ „Ist es nicht“, grinste er nun und hielt ihr das Papier unter die Nase. „Hier steht es schwarz auf weiß, und die Unterschrift deines Exmanns haben sie gleich mitgeschickt. Anscheinend wussten sie, dass du einen Beweis verlangen würdest, ungläubige Seele, die du bist!“ Sie konnte ihren Freudenschrei nicht länger zurückhalten und warf ihre Arme in die Luft. „Frei“, schrie sie und ein paar aufgeschreckte Wildtauben suchten schleunigst gurrend das Weite. Sie warf sich an seine Brust, so dass er Mühe hatte, nicht zu stolpern, und von der Wucht ihrer Ausgelassenheit mitgerissen zu werden. Dann schlang sie die Arme um seinen Nacken und küsste ihn auf den Mund. „Ich danke dir!“ Ihre zitternde Stimme rührte ihn und er umschlang sie. „Wofür?“ fragte er rau. „Ich danke Gott, dass du bei mir bist, dass ich dich wieder fand, und meinen Anwälten, dass sie das Unmögliche möglich gemacht haben und der Mistkerl unterschrieben hat!“ Dann zwangen seine warmen Lippen ihren Mund zu einem innigen, leidenschaftlichen Kuss, während seine Gedanken nicht die Ruhe fanden, die er empfinden sollte, auf Grund der frohen Botschaft. Die Morgensonne fing sich in ihrem goldroten Haar und er strich ihr sanft darüber. „Ich liebe dich, Honey“, murmelte er und schalt sich selbst einen misstrauischen Spinner. „Du brauchst keine Angst mehr zu haben und kannst alles vergessen, ohne Ausnahmen, alles was war, alles was du gefürchtet hast!“ Er spürte, dass er sie belog und fand, dass seine Worte seltsam hohl klangen. Doch sie war verrückt vor Glück, die Erleichterung ließ sie zittern wie Espenlaub und er half ihr beim Einsteigen in den Wagen, wo sie sich selig zurück lehnte und unbekümmert die Augen schloss. Er setzte sich ans Steuer und fuhr los. Das Blatt Papier schien schwer zu wiegen in der Seitentasche seiner wildledernen Jacke und er hoffte, sie mit seinem gezwungenem Grinsen von seiner gelassenen Fröhlichkeit überzeugen zu können.
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Fargette und sein Kollege hatten Madeleine in die Mangel genommen. Sie sprach leise und die verstohlenen Blicke, die immer wieder zu Lapierres Bürotür wanderten, gaben dem Inspektor einigen Aufschluss darüber, das die Frau mehr wusste, als sie zu sagen wagte. Er lud sie in sein Büro ein, wohin er sie mitnahm. Lapierre blickte den Dreien stumm hinterher, als sie gingen, und Madeleine vermied es, ihren Blick mit jenem ihres Patrons zu kreuzen. „Ich verstehe nicht, was Sie von der armen Person wollen“, rief er höhnisch hinterher. „Typisch Polizei! Sie sollten bei den schwulen Brüdern entlang der Seine nachfragen und nicht hier, wo Favier geachtet und beliebt war. Oder denken Sie etwa, Madeleine hätte Favier betrunken in die Seine gestoßen?“ Er lachte und sein Lachen ließ Madeleines Blut in den Adern gefrieren. ‚Mit dir bin ich noch lange nicht fertig’, dachte der Detektiv grimmig. Am Quai d’Orfèvres versuchte Henri Fargette, die Sekretärin mit Kaffee und aufmunternden Worten zu entspannen. Sein untrügliches Gefühl verriet ihm, dass Madeleine aufschlussreiche Informationen für ihn hatte. Doch sie hatte auch Angst und das war weniger gut, denn Angst lähmte bisweilen die Zunge und schnürte die Kehle zu. Sie nestelte am Verschluss ihrer großen Handtasche und blickte nervös auf die Uhr, die über der Tür hing, als hinge ihr Leben davon ab, die genaue Zeit zu wissen. Unwohl fühlte sie sich hier, und man sah es ihr an. Sie hockte am Rand ihres Stuhls und wagte es nicht, sich zu entspannen. „Sie mögen ihren Big Boss, nicht wahr?“ fragte er, nachdem sie seine angebotene Zigarette abgelehnt hatte. Sie nickte ergeben. „Und wie war ihr Verhältnis zu Monsieur Favier? Standen Sie einander nahe?“ „Wir kamen gut miteinander aus“, erwiderte sie belanglos. „Er war nett und korrekt!“ „Mehr nicht?“ Die bläuliche Rauchwolke hüllte Fargettes Gesicht vollkommen ein. „Wo denken Sie hin, Monsieur!“ entrüstete sich die Frau. „Serge war gute zehn Jahre jünger wie ich!“ „Ich sehe darin kein Problem“, versuchte Fargette es mit Humor, doch der war nie seine starke Seite gewesen und Madeleines finsterer Blick bestätigte ihm diese Tatsache einmal mehr. „Gut! Bleiben wir bei den Fakten! Favier verließ also an dem Tage seines tragischen Ablebens schon früh am Nachmittag sein Büro. Das war gegen seine Gewohnheit. Er sagte nicht, wohin er gehen wollte. Das wissen wir bereits. Aber ist Ihnen etwas Ungewöhnliches an ihm aufgefallen? War er vielleicht nervös, angespannt? Hatte er zuvor telefoniert? Gab es Streit mit Lapierre? Haben Sie nichts Derartiges gehört? Was tat ihr Vorgesetzter, bevor er ging?“ Sie verkrampfte ihre Hände ineinander. „Nichts besonderes ist mir aufgefallen“, antwortete sie mit fester Stimme. „Er war wie immer. Nicht anders. Er wollte, dass ich eine Kopie von der Übersetzung des Patrons für ihn mache und das tat ich. Er war schon gegangen, als ich damit fertig wurde. Ich deponierte sie auf seinem Schreibtisch, wie er es mir aufgetragen hatte und ging an meine Arbeit zurück.“ „Wo war ihr Boss zu diesem Zeitpunkt? Ich meine Lapierre.“ „Er musste rasch weg, noch vor Monsieur Favier.“ „Ein geplanter Termin?“ Sie schüttelte den Kopf. „N-nein. Nicht dass ich wüsste. Aber Serge hatte an diesem Morgen einen Aluminiumkoffer bei sich, wie er oft verwendet wird, wenn Bargeld von der Bank abgeholt wurde.“ Das war ja interessant! Bargeld! Wann verwendete man heute noch Bargeld bei Geschäftsabwicklungen? Wenn es keine Spuren über den Verbleib des Geldes geben sollte, was denn! „Wussten Sie, was in dem Koffer war?“ Sie verneinte, gab jedoch an, dass er mit einen Sicherheitsring erst an der Hand Faviers und dann Lapierres festgemacht war, als dieser das Büro verließ. „Ich nehme an, es war Geld, oder vielleicht wichtige Dokumente, doch mit Bestimmung kann ich das nicht behaupten!“ Sie erinnerte sich, dass sie dem Patron ein wenig besorgt nachgeblickt hatte, als er ging.
Der Inspektor nickte und dachte nach, bevor er seine nächste Frage an sie stellte. „Kommen wir auf diese Übersetzung zurück, Madeleine. Es macht Ihnen doch nichts aus, dass ich Sie so nenne, nicht wahr?“ Sie schüttelte verneinend den Kopf. „Sie haben also eine Übersetzung getippt. Aus dem Englischen, nehme ich mal an, oder?“ Sie nickte abermals, diesmal bejahend, bevor sie sich bequemte, den Mund zu öffnen. Sie schien etwas verlegen zu sein: „Es ist sehr privat.“ Fargette nickte und meinte: „Dann wollen wir uns die Geschichte also anhören!“ Sie druckste ein wenig herum, doch dann sprudelte sie, mit den für sie höchst interessanten Informationen, los: „Es ging um Monsieurs Ehefrau, Gillaine. Sie war seit einem guten halben Jahr verschwunden. Einfach weg aus der Klinik, vielleicht entführt! Monsieur war untröstlich! Und plötzlich glaubte er, ihre Spur gefunden zu haben. Ich übrigens auch, nur Monsieur Favier war nicht unserer Meinung. Er beharrte darauf, dass sie nicht die Frau auf den Fotos war, die ich ihm gezeigt hatte. Doch sie war es! Sie haben mich beide zum Augenarzt geschickt, doch meine Brille ist immer noch unverändert gut meinen Augen angepasst! Man hat es mir bestätigt!“ Dieser Zwischenfall dürfte sie verärgert haben und ihr Gesichtsausdruck war beleidigt. Die Sache wurde ja richtig spannend! Fargette erinnerte sich an den Fall Gillaine Lapierre, war er doch in aller Munde gewesen und die Zeitungen hatten für Tage wieder ein gefundenes Fresschen gehabt! Spekulationen über ihr Verschwinden häuften sich an, die dann im Sand verlaufen waren, wie auch die angestrebten Ermittlungen, sie aufzufinden. „Gillaine Lapierre, also! Die schöne und spurlos verschwundene Frau ihres Patrons! Und von welchen Fotos war eben die Rede?“ Sie kramte eifrig in ihrer Tasche, froh darüber einen Zuhörer für ihre romantische These gefunden zu haben. Sie brachte den rosafarbenen Akt zum Vorschein, den sie besser mit nach Hause nehmen wollte und reichte ihn über den Tisch. „Sehen Sie selbst, Inspektor“, forderte sie Fargette auf. „Sehen Sie und sagen Sie mir, ob das Gillaine Lapierre ist, oder nicht!“ Fargette ließ Bild um Bild durch seine Finger gleiten, verglich sie mit den älteren Zeitungsausschnitten, die von Empfängen und Partys der Lapierres berichteten und brummte:“ Ja, scheint so, dass dies ein und dieselbe Frau ist! Ich habe sie nicht persönlich gekannt, aber...“ „Sehen Sie!“ triumphierte Madeleine auf. „Monsieur Favier stritt es ab und verbot mir, darüber zu sprechen.“ „Ach ja?“ antwortete Fargette gedehnt und seine Augen überflogen den übersetzten Detektivreport. Australien! Das war ja nicht gerade die Tür nebenan. „Hier ist jedoch von einer anderen Frau die Rede. Einer gewissen Isabelle Valdeau!“ Madeleine neigte sich vertraulich über den Tisch. „Ich habe da so meine eigene Hypothese entwickelt“, sagte sie selbstzufrieden. „Das Mädchen hat sich in diesen Schauspieler verliebt und er hat sie aus der Klinik befreit und mit nach Australien genommen. Dort lebt sie jetzt unter einem falschen Namen!“ Das schien ihm nun doch ein wenig zu verwegen zu klingen. „Hmm, das ist ja interessant, Madeleine! Sie meinen, Gillaine Lapierre flüchtete vor ihrem Mann?“ Die Sekretärin wurde etwas verlegen und rutschte unruhig auf der Kante ihres Stuhls umher. „Ich weiß es nicht, Inspektor. Manchmal hatte ich den Eindruck, dass nicht alles so goldig in dieser Ehe lief, wie es den Anschein hatte.“ Sie atmete tief aus. „Obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass Monsieur seine Frau unglücklich machte. Sie war wohl ein wenig hysterisch...“ ‚Armes Geschöpf’, dachte der Polizist bei sich. ‚Was weißt du von unglücklichen Ehen...’ Laut fragte er: „Und Favier wollte nicht, dass Sie darüber sprechen, nicht wahr?“ Sie schüttelte pikiert den Kopf. „Und Monsieur Lapierre? Haben Sie ihm von ihrem Verdacht etwas gesagt?“ Sie zögerte und sagte schließlich entrüstet:“ Wo denken Sie hin? Ich konnte das dem armen Mann doch nicht antun! Diese Enttäuschung, diese Schmach! Er war außer sich, als er zum ersten Mal ein Zeitungsbild gesehen hatte...“ Es wurde ihr klar, dass sie zuviel sprach und wollte Lapierre keinesfalls belasten, also verstummte sie. „Gut“, erwiderte Fargette und nahm ihr das nicht ab. Natürlich hatte sie ihm von dem Zeitungsbild erzählt! „Ich darf das doch erst einmal behalten. Es könnte uns weiterhelfen.“ Madeleine konnte sich nicht vorstellen wie, denn was hatte Gillaine mit Faviers Tod zu tun? Doch sie getraute sich nicht zu protestieren. Der Detektiv wandte sich an seinen Kollegen und bat ihn, eine Online-Verbindung zur Französischen Botschaft in Sydney für ihn herzustellen. „Ich weiß ja nicht, was Serge Interpol über Madame erzählen wollte. Vielleicht wollte er sie einfach für Monsieur zurückholen und hat deshalb...“ Nun, da der Beginn ihres Geheimnisses preisgegeben war, ließ Fargette nicht mehr locker. Interpol? Wann, wo und wie? Der Patron musste doch über diese Dinge informiert werden, klagte sie. Und dann habe sie eben den Chef persönlich angerufen und ihm Faviers Verbindung zu den Leuten mitgeteilt. Es war doch sein gutes Recht, davon zu erfahren! Doch die Polizei dürfe es dem Patron nicht verraten, was sie nun ausgeplaudert hatte, denn in ihrem Alter fand sie keine andere Anstellung mehr, wenn Lapierre sie entließ, und das würde er gewiss, wenn er von ihrer Redseligkeit erfuhr! Fargette versicherte ihr, dass sie sich keine Sorgen zu machen brauchte, und nachdem er die Frau hinausbeförderte, wandte er sich an seinen Partner: „Halt mir die Botschaft warm, aber verbinde mich zuerst telefonisch mit dem Typen, mit dem wir bei Interpol geredet haben, es eilt! Irgendwie läuft alles auf Interpol hinaus. Warum und wie, das wollen wir herausfinden! Da kann es nicht nur um diese Frau dabei gehen. Ich glaube wir sind auf einer heißen Spur, Ami!“ |