Rom III

„Wir können  das keinem Prätorianer überlassen. Ein Gladiator wäre gut.
Vor allem, wenn es schief geht. Dann können wir alles vertuschen, es wie die Tat eines Wahnsinnigen aussehen  lassen. Fragt sich nur, wer sich auf ein solches Risiko einlässt.“ Lucilla seufzte.
Sie kamen einfach nicht weiter. Die Zeit drängte. Commodus wurde immer misstrauischer, ließ sie  überwachen.
Senator Claudius  hob in einer erklärenden Geste die Hände. Es war lange  nach Mitternacht. Er hatte die Kaisertochter wieder heimlich zu sich holen lassen. Commodus schlief, dank einer neuen, stärkeren Mischung seines Mittels gegen  Kopfschmerzen. Lucilla hatte es ihm selbst gegeben.
 Wenigstens soweit vertraute er ihr noch.
„Freiheit, Geld. Was will so ein Mann mehr. Dem Tod sieht er ständig ins Auge. Das ist perfekt. Aber ich kenne keinen, der absolut vertrauenswürdig wäre. Uns zum gleichen Preis an die Gegenseite verkaufen wäre ein Leichtes.“
Er runzelte ratlos die Stirn.
Lucilla erhob sich, Claudius begleitete sie hinaus, während sie die Schleier anlegte. Bevor sie in die Sänfte stieg, umarmte sie den Senator.
„Was tun wir nur? Er ist mein Bruder.“ murmelte sie.
„Es muss ein Ende gemacht werden. Er richtet uns alle zugrunde. Willst du Valens  an seiner Stelle sehen? Das ist sein Ziel. Entweder wir oder Valens. Dein Bruder ist nur sein Werkzeug, er wird nicht zögern ihn zu beseitigen, wenn es günstig für ihn ist. Er muss mit ihm verschwinden. Oder besser vorher. Ich werde  dir alles auf dem üblichen Weg mitteilen.“ erklärte Claudius entschlossen.

Priscus  deutete mit dem Finger auf eine Gruppe übender Männer  hinter dem Absperrungsgitter  des Ludus. „Der da drüben ist Endymion. Caelan ist sein Gegner in zwei Tagen.“ Cicero, sein Jugendfreund und entfernter Verwandter nickte. So oft es seine Zeit erlaubte, ging er ihn besuchen. Die Arena fasziniert ihn und er bewunderte Priscus, der sich aus freien Stücken zum Gladiator hatte ausbilden lassen, auch wenn der es nur wegen Spielschulden getan hatte.
Priscus war kahl und hässlich. Ein Ohr fehlte ihm inzwischen, was ihn nicht hübscher machte. Dennoch gab es immer Frauen, die sich ihm an den Hals warfen. Auch das bewunderte Cicero. Nicht einmal zum Legionär war er  selbst geeignet gewesen, er war zu klein und zu schmächtig, so war er Leibdiener  bei der Armee geworden. Meist blieb man jahrelang im Dienst eines Offiziers.
Sei momentaner Herr war ein  kränklicher Jammerlappen, der auf seine Pension wartete. Davor hatte er lange unter Tribun Meridius gedient. Er hütete sich, den Namen in der Öffentlichkeit zu erwähnen. Von Meridius Schuld war er nie überzeugt gewesen. Der Tribun war  der Held der Legion gewesen nach der letzten Schlacht bei Vindobona.
In der Nacht darauf war er hingerichtet worden. Verrat.  Jeder in der Armee wusste davon. Als Cicero erfuhr, dass Meridius Familie nach seiner Verurteilung geschlossen Selbstmord begangen haben solle, um der Schande zu entgehen, war ihm klar, dass Meridius einer Intrige zum Opfer gefallen war und seine Familie mit ihm. Alle waren kaltblütig beseitigt worden.
Er hatte ihm damals erzählt, dass er sich sehr freue bald nach Spanien zurückkehren zu können. Aber dann hatte er ihm mitgeteilt, dass  sie wohl erst nach Rom müssten. Das konnte nur eins heißen:
Der Kaiser hatte ihn nach Rom berufen.
Vielleicht als obersten Befehlshaber oder als Kopf der Prätorianer.
Marc Aurel starb völlig unerwartet, Meridius wurde verhaftet und  sofort ohne Verhandlung exekutiert. Das war zu offensichtlich für einen Zufall.
Meridius war ein guter Herr gewesen. Ein hervorragender Offizier und  ehrenhafter Mann. Er hatte  mäßig getrunken, im Gegensatz zu den meisten anderen Offizieren. Cicero konnte sich nur an ein einziges Mal erinnern, an dem er ihn geschickt hatte, um ihm eine der Lagerdirnen zu holen. Er erinnerte sich schmunzelnd an die Marotte des Tribuns mehrmals wöchentlich zu baden in einer eigens mitgeführten Wanne, was ihm viel Spott eingebracht hatte.
Lavatus sanctus hatten sie ihn genannt.
Er war nie ungerecht gewesen zu ihm oder gemein, hatte ihn oft nach persönlichen Dingen gefragt.  Seinen Tod hatte Cicero sehr bedauert.
Er hatte sich ihm sehr verbunden gefühlt, tat es noch immer.

„Ist Amazonia wieder  aufgetreten, seit sie besiegt wurde?“
Sein Freund schüttelte dem Kopf.  Dann sah er wieder zu der Gruppe hinter dem Gitter. „Schau Cicero, der da war es.„ Cicero reckte den Hals.
„Welcher? Der mit den langen Haaren?“  „Nein, der, der mit dem Rücken zu uns steht. Warte, jetzt dreht er sich um.“ Cicero musterte den bärtigen Mann mit den kurzen, dunklen Haaren bei dem Schlagabtausch mit seinem schwarzen Partner. Etwas kam ihm bekannt an ihm vor.
„Ist er ein Freier, wie du?“ wollte er wissen. Priscus verneinte.
„Er kam mit der Schule des Antonius Proximo aus Afrika. Ein Sklave. Proximo war mal berühmt hier. Marc Aurel schenkte ihm das Rudis und damit die Freiheit. Dann ging er in die Provinzen, weil die Spiele viele Jahre verboten waren.“ erzählte er.
Cicero  musterte den Mann noch immer interessiert.
„Was ist? Kennst du ihn?“ wollte Priscus verwundert wissen.
„Sicher nicht, aber er ähnelt einem früheren Herrn von mir. Einem Tribun. Kannst du ihn herrufen? Ich will ihn aus der Nähe sehen. Die Ähnlichkeit ist groß.“
„Er ist seltsam. Obwohl er gegen diese Germanenhexen kämpfen musste, sieht man ihn ständig mit ihnen. Er sondert sich ab, redet nur mit den Männer von Proximo. Ich weiß nicht, ob er kommen wird, wenn ich ihn rufe.“
„Versuch es. Ich will ihn aus der Nähe sehen.“ Priscus folgte der Bitte.
Der Mann wandte den Kopf, sah zu ihnen herüber. Cicero lief ein kalter Schauer über den Rücken. Die Ähnlichkeit war verblüffend.
Er winkte ihn heran, sah wie der Spanier zögerte, dann kam er  ans Gitter.
Cicero bemerkte sofort das Aufblitzen des Erkennens in den Augen  seines früheren Herrn, wusste zum Glück nicht was er sagen sollte.
Meridius sah ihn scharf an, als wolle er ihn beschwören zu schweigen.
„Du hast gut gekämpft gegen die Hexen, Spanier.“ brachte er schließlich hervor. „Danke. Es sind keine Hexen. Nur Sklaven wie ich.“
„Wann kämpfst du wieder? Ich möchte dir zusehen.“ fragte Cicero, mühsam seine Erregung verbergend. „Ich bin noch nicht ausgelost worden. Ich weiß es nicht.“  antwortete  der andere.
„Ich werde morgen wieder hier sein. Vielleicht weißt du es dann.“
Meridius hatte verstanden. Priscus redete mit einem anderen Freien, der gerade den Ludus verlassen wollte. Er hatte keinen Verdacht geschöpft.
„Morgen früh, gleich nach Sonnenaufgang.“ raunte Cicero  ihm zu.
Meridius nickte und ging zurück.
Cicero verabschiedete sich rasch von seinem Freund und eilte in sein Quartier.
Meridius war am Leben!!  Vielleicht konnte er ihm irgendwie helfen.
Ein solches Schicksal hatte er nicht verdient.
Er hatte nie eine besseren Herrn gehabt.
„Guter Cicero, du kannst nichts für mich tun.  Der Tribun, dem du gedient hast ist tot. Er starb in Germanien. Niemand  darf erfahren, wer ich bin.“ versuchte Maximus am nächsten Morgen seinem frühern Adjutanten klarzumachen. „Ihr hier, Herr, das darf nicht sein!“ widersprach Cicero.
„Ich kann von Glück sagen, dass ich noch lebe. Und es geht mir hier besser als in den Provinzen. Wenn du möchtest, komm einfach alle fünf Tage, wenn du kannst und berichte mir, was so geredet wird. Hier erfährt man wenig. Was ist mit der Kaisertochter? Macht sie gemeinsame Sache mit ihrem Bruder?“ Cicero lachte spöttisch.“Es ist ein offenes Geheimnis, dass sie den Senat unterstützt. Ich habe kürzlich ein Gespräch belauscht, als Senator Pompeianus bei meinem Herrn in der Garnison zu Gast war. Der Kaiser hat  angeblich vor Valens zum Oberbefehlshaber der Truppen zu machen.“
Maximus wurde blass.
„Valens ist in Rom??
Gracchus Septimus Valens???“ „Ja, und er ist des Kaisers Lieferant für Huren und Lustknaben, munkelt man. Ihm gehören die meisten Bordelle in  der Stadt. Er lässt einigen Gladiatoren Geschenke zukommen, hat mein Freund Priscus mir erzählt. Amazonia gehört auch dazu. Sie soll seine Geliebte sein. Er ist oft im Circus.“
Maximus versuchte seinen Widerwillen zu verbergen.
Berane hatte nichts davon gesagt. Das waren furchtbare Neuigkeiten.
Auriane und Valens....
„Und Lucilla??“ Cicero zuckte die Achseln.
„Commodus verschleudert die Steuern, hat sie zwei mal erhöht seit Aurelius Tod. Der Senat versucht es zu unterbinden. Ich meine Pompeianus so verstanden zu haben, dass sie hinter ihm steht.“
Maximus wusste, dass er ein tödliches Risiko einging, sollte Cicero Lucilla falsch eingeschätzt haben.  Vielleicht konnte er wenigstens etwas für Berane  und Juba erreichen. Er sah seinem ehemaligen Leibdiener direkt in die Augen.
„Cicero, du bist mir zu nichts verpflichtet. Ich bitte dich nur um Schweigen. Und vielleicht kannst du doch etwas für mich tun. Es kann gefährlich für dich werden.“ Cicero zuckte die Achseln. „Ich langweile mich zu Tode seit ich hier bin. Ein wenig Abwechslung kommt mir grade recht.“ grinste er begeistert.

„Hermione! Warte!“  Die Kammerzofe der edlen Lucilla hielt an und sah sich um. Ihre Augen weiteten sich, als sie den kleinen, schmächtigen Mann erkannte, der auf sie zukam.
„Cicero! Was tust du hier in Rom? Bist du nicht mehr bei der Armee?“
„Doch, aber mein Herr wurde hierher versetzt und ich folgte ihm. Arbeitest du noch immer  in der Küche des Palastes?“ wollte Cicero wissen.
Hermione war seine Cousine dritten Grades. Er hatte sie lange umworben, aber sie hatte ihn abgewiesen. Sie waren dennoch Freunde geblieben.
„Nein“ erklärte sie stolz. “Seit Sommer bin ich Kammerfrau der edlen Herrin Lucilla.“ Cicero lächelte  überrascht.
“Du ahnst nicht wie sehr mich das freut, Hermione.“

Lucilla  sah ihre Dienerin verblüfft an.  Sie war sehr zuverlässig und verschwiegen gewesen bisher. „Hermione, wenn du dich hast kaufen lassen, ich finde es heraus. Das würde schlimme Folgen für dich haben.“  beschwor sie die junge Frau.
„Herrin, ich soll euch nur eine mündliche Nachricht übermitteln. Der Kurier ist mein Cousin, er will mir sicher nichts Böses. Er ist Leibdiener des Befehlshabers  der Garnison. Sein Name ist Cicero. Ich soll euch das sagen, damit ihr ihm vertraut.“ Verärgert runzelte Lucilla die Stirn.
„Was habe ich mit ihm zu schaffen??“ „Das weiß ich auch nicht, aber er hat mich beschworen, euch eine Nachricht von einem alten Bekannten zu übermitteln.“ Lucilla wurde ungeduldig. „Du faselst Unsinn, Hermione. Hat er dich betrunken gemacht oder dir den Kopf verdreht??“ tadelte sie ihre Dienerin. Das war nicht Hermiones Art. 
„Bestimmt nicht Herrin. Lasst mich einfach die Nachricht sagen. Mehr weiß ich nicht. Cicero sagte ihr würdet die Nachricht verstehen.“
Lucilla schüttelte unwillig den Kopf.
„Dann rede, Mädchen.“  Hermione besann sich kurz, dann sagte sie:
„Euer Brief kam erst nach einem Jahr. Capri. Es war kalt am Morgen, als wir uns in Germanien  sahen. Am Abend starb euer Vater. Ein alter Freund, der euch vor vielen Jahren Schweigen gelobt hat, braucht eure Hilfe. Cicero ist mein Bote.“
Lucilla  ließ sich nichts anmerken, schickte Hermione hinaus.
Dann ließ sie sich in ihren Sessel am Schreibtisch fallen.
 Capri. Der Brief, der erst nach einem Jahr kam. Einer der Schweigen gelobt hat.
“Es ist unmöglich“ murmelte sie. „Jemand versucht mich  hinters Licht zu führen.“ Lucilla stand auf, ging ruhelos im Zimmer auf und ab, überlegte fieberhaft. Es konnte nur Maximus gemeint sein. Niemand  sonst  wusste von dem Versprechen, dem Brief. Es war über fünfzehn Jahre her.
Lucilla beschloss  zu antworten. Sie hatte  nichts zu verlieren.
 Sollte Maximus wirklich noch leben, hätten sie einen Verbündeten gegen Commodus und Valens. Sein Hass auf den Kaiser musste grenzenlos sein.
Sie öffnete die Tür, rief nach Hermione.
Die eilte rasch herbei. Ängstlich sah sie ihre Herrin an. Wenn Cicero ihr diese Stellung verdorben hatte, würde sie nie wieder mit ihm reden, schwor sie sich.
„Hermione, sag diesem Cicero, ich möchte seinen Auftraggeber treffen. Er soll dir Ort und Zeit nennen. Aber es muss spät Nachts sein.“  verlangte ihre Herrin zu Hermiones Erstaunen. „So bald wie möglich.“
Die junge Frau verbeugte sich. „Er wartet vor dem Palast.“
„Dann lass ihn nicht länger warten. Geh.“

Die Nachricht von Cicero kam am nächsten Tag.
Sie lautete:  Nennt euch Flavia. Kommt in fünf Tagen kurz nach Mitternacht ans Tor des Ludus Magnus. Verlangt nach einem Gladiator, der der Spanier genannt wird. Bringt zehn Aurei mit, als Preis für eine Stunde mit ihm.
 Gebt das Geld nur einem Mann namens Antonius Proximo, der euch  am Tor erwarten wird. Lasst keinen Zweifel aufkommen, dass ihr nur auf Vergnügen aus seid.

Lucilla war mehr als skeptisch.  Aber sie kam zu dem Treffpunkt. Hermione und Cicero kamen mit ihr, die Kammerfrau wartete. Cicero begleitete sie zur Sicherheit. Der erwähnte Mann  empfing sie, sie bezahlte ihn. Er führte Flavia, die eine Perücke trug, stark geschminkt und  tief verschleiert war  in die Gänge unter dem Colosseum.

Eine Stunde später  half  Hermione ihrer Herrin die Perücke abzulegen und die dicke Schminke zu entfernen. Dann brachte sie ihr Cassandra.
Lucilla rollte ihre verschlüsselte Botschaft auf und verstaute sie in dem kleinen Beutel, den die Taube zu Claudius bringen würde.
Lange stand sie noch an der Brüstung, verborgen von den schweren Samtvorhängen, nachdem Cassandra losgeflogen war.
Tränen rollten über ihre Wangen. Sie wischte sie hin und wieder weg.
Claudius las die Botschaft am nächsten Morgen, da er schon  geschlafen hatte als sein Kurier eintraf.
Er musste mehrmals lesen, um zu erfassen was Lucilla ihm mitteilte.

Ich habe unseren Mann. Er ist ein Toter. Ich vertraue ihm.
 Mein Vater liebte ihn. Er hasst unsere Gegner.
                                                           L.

Ein Toter?? Lucilla wollte vielleicht damit sagen, dass er als tot galt.
Marc Aurel hatte ihn geliebt und er galt als tot.
Claudius runzelte die Stirn. Wen meinte sie? Wer war verschwunden oder angeblich gestorben, der sie bei solch einem gewagten Unternehmen unterstützen würde?
Sie hatten eine  Gladiator erwogen. Meinte sie das, wenn sie ihn als tot bezeichnete?   Nun, dieses Rätsel würde sich bald auflösen.
Er trug Kassandra in ihre Voliere und streichelte dem Vogel liebevoll über das hellgraue Gefieder, entlockte ihr damit ein zufriedenes Gurren.

 

Auriane

Es ist nicht einfach für mich, seit der Spanier aufgetaucht ist.
Berane verbringt die meiste Zeit mit ihm.
Endymion scheint es gelassener zu nehmen als ich.

Ich muss zugeben, dass er uns vielleicht bezwungen hätte.
Dass Berane ihn erkannt hat, war Zufall. Ein Zufall, wie meine Begegnung mit ihr vor Monaten im Gang der zweiten Ebene. Ein Zufall, wie ihre erstes Aufeinandertreffen mit ihm. Ihre Wiederbegegnung in Afrika. Zu viele Zufälle.
Freya. Sie hat ihre Hand im Spiel. Ich habe sie nie sehr verehrt, mein Gott ist Donar. Berane verehrt Freya. Sie betet zu ihr.
Sie hat mir alles erzählt, aus Dank, dass ich  den Kampf zu meinen Ungunsten beendet habe. Ihn damit zum Sieger gemacht habe.
Sie liebt diesen Mann. Ich würde ihn gern hassen dafür, aber es ist schwer ihn zu hassen. Er ist freundlich und ernst, begegnete uns allen mit Ehrerbietung.
Callista hatte ihn  bald gefunden und zu uns in den Baderaum gebracht.
Er war durch die Gänge geirrt, hatte uns gesucht.
Berane und er fielen sich in die Arme. Sie hatte sich nicht getäuscht.
Als ich wenig später die Geschichte hörte, wie sie sich begegnet waren  und was danach geschehen war, fehlten mir die Worte.

Der Spanier ist kein gewöhnlicher Legionär. Er ist gebildet, hat Manieren.
Er dankte mir, dass ich Berane geholfen hatte. Es klang sehr herzlich.
„Du bist eine große Kriegerin. Ich hoffe, ich muss nie wieder gegen dich antreten. Du machst Phentesilea Ehre. Sie war eine wahre Amazone. Wie du.“
Er vollführte eine Geste der römischen Armee. Die rechte Faust auf das Herz.
Höchste Anerkennung. Zunächst hielt ich ihn für gerissen.
Ich lag falsch, es ist einfach seine Art.
Später, als wir Freunde geworden waren, erzählte er mir die Illias.
Das große Werk des Griechen Homer.
Phentesilea, die Amazonenkönigin kämpfte an der Seite Trojas.
Sie war die Schwester von Hekuba,Trojas Königin. Sie galt als  unbesiegbar bis sie sich in Achilles, den Held der Griechen verliebte. Er tötete sie.
Achilles. Den Namen kannte ich bereits. Jetzt wusste ich wenigstens, was es damit auf sich hatte. Und dieser Achilles war mir plötzlich unsympathisch.

Anfangs verachtete ich Berane.
Dass sie sich Endymion hingegeben hatte, war etwas anderes.
Er ist körperlich so anziehend, dass selbst ich in Versuchung war.
Ich frage mich, was sie empfindet, da der Spanier einen Tag danach wieder in ihr Leben getreten ist. Sie ist auch nur eine von denen, die sich durch Liebe versklaven lassen, dachte ich. Wie Callista. Frauen, die ihren Weg gehen könnten, aber vorziehen einem Mann nachzutrauern, der sie ohnehin früher oder später  betrogen oder verlassen hätte. Seiner Wege gegangen wäre.
Bis ich sie unbeabsichtigt im Baderaum beobachtete.
Es dauerte lange, bis ich mir eingestand, dass meine Meinung über das Verhältnis  zwischen Frauen und Männern nicht  ganz zutraf.
Wenigstens nicht was Berane und den Spanier angeht.
Was ich dort sah und hörte, warf meine Ansichten und Überzeugungen völlig über den Haufen. Ich war darüber so erschrocken und wütend, das ich Tage brauchte, um es anzunehmen.
Zu akzeptieren, dass ein Mann Gefühle haben könnte, die mich an mein Verhältnis zu Sunia  erinnerten.

Es war zwei oder drei Tage nach dem Kampf.
Ich galt als schwer verletzt, Acon deckte mich. Valens ließ uns vorerst in Ruhe.
 Er hatte seine Rache gehabt. Er hatte mich gedemütigt. So glaubte er.
 Heimlich stahl ich mich bei Nacht  in den Ludus,  machte mein Übungen auf dem Trainingsplatz. Wenn man das sein Leben lang getan hat, fehlt es einem. Verschwitzt schlich ich zurück.
Ich hatte mir von Acon den Schlüssel für den Baderaum besorgt.
Die Tür war offen.  Ein schmaler Gang führt ein paar Schritte zu den Becken.
Man kann sie nicht direkt von der Tür aus sehen. Eine Mauerecke verbirgt sie.
Öllampen brannten. Jemand musste  vergessen haben sie zu löschen, den Raum zu schließen.
Bevor ich die Ecke erreicht hatte, hörte ich Stimmen.
 Das leise Lachen eines Mannes, in das eine Frau einstimmte.
Neugierig spähte ich hinter der Mauer hervor.
Erst erkannte ich das Paar im Becken nicht.
Der Mann stand mit dem Rücken zu mir, von der Frau sah ich im Halbdunkel kaum etwas. Erst als sie aus dem Wasser stieg und sich abzutrocknen begann, sah ich dass es Berane war. Sie musste gegangen sein, solange ich geübt hatte.
Der Mann folgte ihr, umschlang sie von hinten.
Am Bart und den kurzen Haaren erkannte ich den Spanier.
Ich bin niemand, der andere  beobachtet  aus Lust, wie es Valens tut.
Hätte ich Endymion oder Crispus, Callista oder Oija hier in Begleitung überrascht, ich wäre einfach gegangen.
Ich wollte wissen, was zwischen ihnen war, ob es anders war.
Ich wollte wissen, ob er anders war als andre Männer.
Ich wollte Berane nicht verachten. Ich spürte, dass sie es nicht verdiente.

Ich hörte sie flüstern. Das schwache, goldene Licht warf ihre Schatten an die Wände. Es war ein wunderbares Bild. Meine Freundin drehte sich um, umschlang den Mann, schmiegte sich an ihn. Ihre nassen Körper schimmerten im Halbdunkel.
Der Spanier ist ein wenig größer als Berane, breitschultrig. Er kann sich nicht mit Endymion messen, was sein Aussehen angeht, aber welcher Mann kann das schon... er ist gut gewachsen, wirkt sehr männlich. Seine Züge sind ansprechend, ausdrucksvoll, seine Augen zeugen von Intelligenz und Tiefe.
Er hat etwas Animalisches an sich, trotz der Sanftheit, mit der er Berane  behandelte. Die Spannung zwischen ihnen war fast spürbar.
Sie küssten sich. Lange, hingebungsvoll. Der Spanier streichelte ihren Rücken dabei, seine Hände glitten auf ihren Hintern, umschlossen ihn, strichen wieder hoch über ihre Seiten, auf ihre Brüste. Sie löste sich aus dem Kuss, legte den Kopf in den Nacken, reckte sie ihm entgegen. Er beugte sich über sie, begann  ihre Brustwarzen  mit Lippen und Zunge zu streicheln, hielt sie dabei um die Mitte.
Ich sah deutlich, dass er erregt war, aber statt sie einfach zu nehmen, fuhr er fort sie zu liebkosen. Ihre Hände rieben über seine Schultern, umschlossen seinen Nacken. Sie sagte etwas, worauf er den Kopf hob, sich aufrichtete.

Berane sank auf die Knie, zog ihn mit. Ich sah einige Decken am Boden, auf die sie sich niederließen. Eng umschlungen knieten sie dort, küssten und streichelten einander, bis sie ihn mit sich zu Boden zog. Er lachte, sagte etwas, worauf sie mitlachte. Spielerisch biss sie ihn in den Oberarm, legte ein Bein um seine Hüfte. Er griff in ihre Kniekehle, zog es eng an sich, schob sich über sie.
Sie wölbte sich im entgegen. Ich hörte ihn leise keuchen, als er anfing sich zu bewegen. Berane hatte die Augen geschlossen, seine Hüften mit beiden Beinen umschlungen.  Er steigerte sich rasch in einen schnellen, harten Rhythmus, stützte sich über sie, bis er plötzlich verharrte, ihr etwas  ins Ohr zu flüstern schien.
Sie richtete sich auf die Ellbogen auf, küsste ihn hungrig, um sich dann von ihm zu lösen, drehte ihm den Rücken zu, bot sich ihm von hinten an.
Ohne Hast zog er sie an sich, umfasste dabei ihre Brüste, rieb die Spitzen  langsam zwischen den Fingern. Sie bäumte sich auf, drehte ihm das Gesicht zu. Er presste seines dagegen, begann sachte die Hüften zu bewegen.  Berane gab Laute von sich, aus denen ihre Lust an dem, was er mit ihr tat, unmissverständlich erkennbar war.
Sie wand sich vor ihm, erwiderte seine Bewegungen. Gemeinsam steigerten sie sich in eine wilde, gierige Paarung wie  Tiere in der Brunst.
Mit einem Unterschied. Die Weibchen sind im Tierreich überwiegend  passiv, überlassen den Akt den männlichen Tieren. Manche dulden die Paarung nur zum Zweck der Empfängnis. Berane schien es so sehr  zu wollen wie ihr Liebhaber.

Trotz aller Triebhaftigkeit wirkte dieser Akt in keiner Weise abstoßend auf mich, wie es der Fall gewesen war, wenn ich bei Valens an seinen nächtlichen Orgien   teilnehmen musste. Dies war etwas völlig anderes.
Es ging nicht  nur um die eigene Befriedigung.
 Es war vor allem ein gegenseitiges  Geben.
Der Spanier kam zum Höhepunkt, presste dabei sein Gesicht in ihren Nacken.

Eine Weile verharrten sie so, bis sich beider Atem beruhigt hatte. Dann löste Berane sich aus der Umarmung, zog ihn mit sich  zu Boden. Sie lag mit dem Rücken zu mir, er ihr gegenüber. Ich sah sein Gesicht.
Ich kannte diesen Ausdruck. Ich hatte ihn auf Sunias Zügen gesehen, wenn wir uns geliebt hatten. Sein Rechte lag auf ihrer runden Hüfte, glitt hinauf über das Tal ihrer Mitte  und zurück. Ab und zu  verirrte sie  sich auf ihre Hinterbacken, drückte und umschloss sie mit offensichtlichem Vergnügen.
Sie lachten leise, redeten, küssten einander. Es dauerte nicht lange, bis sie ihr Liebesspiel wieder aufnahmen. Vorsichtig schlich ich mich davon.
Erst vor unserer Zellentür wischte ich mir hastig die Tränen ab.
Oh, Sunia.

Maximus

Juba glaubte mir nicht. Erst als ich Berane mit in unsere Zelle brachte.
Er schüttelte nur sprachlos den Kopf. Sie umarmte ihn.
Ich habe sie noch nie so glücklich gesehen. Sie sieht sehr verändert aus.
Jetzt ist es wohl an mir, mich daran zu gewöhnen.
Alle, die sie noch aus Zuccabar kannten, starrten sie fassungslos an.
Sie war Achillia geworden. Achillia, die Tigerfrau.
Lentulus hatte sie betrogen. Er hat sie verkauft, weil sie zuviel Einfluss auf seine Tochter gewonnen hatte. So war sie hier gelandet und Auriane war auf sie aufmerksam geworden, hatte sie unter ihre Fittiche genommen.
Ich weigere mich daran zu denken, was aus Berane  geworden wäre ohne sie.
Sie wäre wohl nicht mehr am Leben. Ich dankte ihr von ganzem Herzen dafür.

 Am  selben Abend  trafen wir uns vor dem Baderaum, gingen von dort zu dem Feuer in der zweiten Ebene, das die ganze Nacht brennt.
Ich wollte alles wissen. Sie erzählte mir, was sie wusste, den Rest erfuhr ich später von Auriane.
Auriane  misstraute mir anfangs. Sie ist eine großartige Kämpferin, erinnert mich an Homers Amazonenkönigin. Sie hält sehr viel von Berane.
Zwischen ihnen  ist etwas, das ich nicht erfassen kann.
Etwas, das mich beunruhigt. Proximo weiß noch  nichts.
Er ist irgendwo in Rom.
Rom.
„Rom ist das Licht.“ habe ich einmal zu Marcus gesagt, ich Tor.
Ohne je hier gewesen zu sein.
Wo Licht ist, ist auch Schatten.
Wir waren im Schatten  Roms angelangt. Wo der Mob regiert, die Langeweile, der Überdruss und die Sensationsgier.
Berane hat mir etwas sehr seltsames erzählt. Als ich in Germanien bei ihr war und sie mich gepflegt hat, hat ihr eine Seherin die Runen gelesen.
Das ist eine Art Weissagung bei ihrem Volk.
Man zieht die Runen selbst und die Seherin deutet sie.
Diese Frau hat vieles vorhergesehen.
Berane selbst  hatte Visionen. Vom Kampf mit mir.
Die Seherin sprach vom Schatten der Wölfin.
Sie sprach von einem Weg und dass ich selbst keine Gefahr  sei, aber viele Gefahren auftauchen könnten. Berane solle ihren Gefühlen vertrauen.
Sie hat mich vielleicht damit gerettet.
Es war die Narbe an meinem Arm. Der Schulterschutz  riss ab, als wir gegeneinander prallten. Ich sehe noch ihren entsetzten Blick.
Ich hätte sie im Leben nicht erkannt. Sie  jedoch erkannte mich.
Bevor wir uns an diesem Abend trennten, führte sie mich zu einem der Raubtierkäfige in der dritten Ebene. Ein junger, nicht ganz ausgewachsener Tiger lag darin, sah uns gelassen an. Das Tier erhob sich träge, als Berane es lockte.
Sie langte durch das Gitter, kraulte der Bestie den Kopf.
Ihre mit Khol umrandeten Augen strahlten mich an.
„Das ist meine Freya. Sie ist ein bisschen eigenwillig, aber sonst brav wie ein Lamm.“ erklärte sie. Ich nickte respektvoll, zog es vor zu schweigen.
Das Raubtier beäugte mich, gab ein  tiefes Raunzen von sich.
„Gib mir deine Hand.“ forderte Berane. Ich tat es. Sie hielt sie der Katze vor die Nase. Ich spürte den heißen Atem, zuckte zurück als eine raue Zunge mich berührte. Berane hielt mich fest.
„Sie mag dich. Lass sie. So gewinnst du ihr Vertrauen.“

Wir trennten uns an diesem Abend mit einer Umarmung.
Sie war Berane und sie war auch  jemand Neues. Sie war mehr als die Germanin, die mich gepflegt hatte und mehr als die Frau, die ich in Afrika wiedergefunden hatte. Die Erfahrungen, die sie  gemacht hat, haben sie verändert.
Als sie mich zum Abschied küsste, wusste ich, dass das, was in Zucchabar zwischen uns gestanden hatte, nicht mehr da  war.
Ihr Kuss war fordernd und sinnlich.
„Bald“ flüsterte sie mir zu, dann gingen wir stumm zurück, trennten uns vor der Zelle der Frauen.
Ein letztes  Mal umschlang sie mich, rieb ihre Wange an meinem Bart.
 Diese Geste hatte mich einmal fast etwas tun lassen, das ich sicher bereut hätte.
„Maximus“ murmelte sie, küsste mich ein letztes Mal.
„Komm morgen  wieder zum Feuer. Ich werde zur selben Zeit da sein wie heute.“

Der Sieg über Auriane brachte mir am nächsten Tag eine Kampf mit dem blonden Adonis ein, den ich bereits mit den Frauen gesehen hatte.
Acon ließ es mir erst spät mitteilen.
Mein Gegner kam kurz zu mir, als wir darauf warteten, die Arena betreten zu können. „Auriane hat mir von dir erzählt. Sie werden uns nicht auf Tod kämpfen lassen. Wir sind beide zu hoch eingestuft. Nun, Spanier, wie wollen wir es aussehen lassen?“ fragte er mich gutgelaunt.
Also waren die Wetten und Kämpfe unter den Besten oft so abgesprochen wie in Zucchabar, um wertvolle Verluste zu vermeiden.
Erleichtert  willigte ich ein , mich besiegen zu lassen.
„Ich habe gestern gut genug ausgesehen. Der Kampf gehört dir“ kam ich ihm entgegen. Wir vereinbarten die Verletzungen, gaben dem Publikum was es wollte.
Commodus  verfolgte unsere Auseinandersetzung interessiert, applaudierte sogar.
„Endymion von Kreta ist der Sieger. Der Spanier hat gut gekämpft.  Dismitte!“

Wir gingen gemeinsam in den Baderaum der ersten Ebene. Ich bemerkte die prüfenden Blicke des Kreters, während wir uns den Schweiß abwuschen und dann ins Becken stiegen. Meine Vermutungen gingen in die völlig falsche Richtung..
Gerade als ich ihm versichern wollte, dass ich kein Freund der gleichgeschlechtlichen Liebe sei, sprach er mich an.
„Du kennst Berane. Achillia, wird sie hier genannt.“  Er zögerte.
„Was ..wie steht ihr zueinander?“ Ich stutzte, beschloss offen zu ihm zu sein.
„Ich war bei der Armee in Germanien. Ich wurde verwundet, Berane fand und rettete mich. Ich geriet in Sklaverei, sie ebenfalls. Sie hat mich erkannt.“ erklärte ich.
“Du hast meine Frage nicht beantwortet. Was bedeutet sie dir?“bohrte er.
Ich musterte ihn scharf. “Was bedeutet sie DIR, Kreter?“
Endymion lächelte milde. „Ich habe verstanden, Spanier. Sei unbesorgt.
Ich mag sie sehr. Es ist keine zwei Tage her, dass sie mir sagte, sie liebe einen anderen, wolle mir nicht wehtun. Jetzt weiß ich, von wem sie gesprochen hat.“


Nachdem Auriane die Zelle verlassen hatte, schlich ich mich ebenfalls davon.
Sie trainierte nachts heimlich, da sie momentan als kampfunfähig galt.
Unter den  meisten Gladiatoren war es ein offenes Geheimnis, wie der Spanier zu seinem Sieg gekommen war. Niemand würde uns verraten, selbst hier gab es einen Ehrenkodex.
Sie ist  seither sehr zurückhaltend mir gegenüber.
Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass sie mehr als eine Freundin in mir sieht. In dieser Nacht bei Valens, als wir ihm diese  Komödie vorspielen mussten, habe ich durchaus hin und wieder Vergnügen empfunden bei ihren Berührungen. Ein rein körperlicher Reiz, der nichts mit unserer sonstigen Verbundenheit zu tun hat.
Endymion scheint nichts gegen Maximus zu haben. Er ist ein wahrer Freund.
Sie wurden gleich am nächsten Tag gegeneinander ausgelost.
Es war der typische ‚Rang eins’ gegen ‚Rang zwei’ Kampf. Die oberen drei Ränge werden selten geopfert, meist  will man nur gut unterhalten werden, wenn zwei erfahrene Männer gegeneinander antreten. Man überlässt ihnen schlechtere Gegner zum Abschlachten, schont die Besten, um sich nicht  des Vergnügens zu berauben, dass sie versprechen. Diese Männer hatten ohnehin meist Gönner oder Gönnerinnen, die es zu lenken wussten, dass ihrem Schützling keine riskanten Paarungen zugemutet wurden.
Mit Geld ist  hier alles möglich.

Endymion sprach sich mit ihm ab und Maximus schenkte ihm den Sieg.
Ich sah ihnen zu. Sie lieferten eine prachtvolle Vorstellung.
Der Spanier wurde entlassen. Sie hatten sich ein paar oberflächliche Kratzer zu gefügt, um es echt wirken zu lassen.
Ich frage mich, ob der Kaiser ihn  ohne Kopfschutz und aus der Nähe erkennen würde. Wenn ich ihn mit dem Mann vergleiche, den ich  in meiner Heimat unter dem Farn gefunden habe, halte ich es für unwahrscheinlich.
Wenigstens auf den ersten Blick.
Valens hat ihn seit vielen Jahren nicht gesehen, hält ihn ebenfalls für tot.
Nicht einmal Auriane weiß soviel, dass es ihn in Gefahr bringen könnte.
Proximo hat mich bisher nicht erkannt. Er ist ohnehin kaum im Colosseum.
Die Männer, die mich  noch aus Zucchabar  kennen, werden mich auf Maximus Bitte hin nicht verraten.

Er saß bereits am Feuer, musterte mich, während ich auf ihn zuging.
Etwas beschäftigte ihn, ich sah es an seinem Blick.
Wir hatten uns tagsüber hin und wieder gesehen. Auf dem Übungsplatz des Ludus und in den Gängen bei der Essensausgabe.
Ich setzte mich ihm gegenüber auf den Boden. Er nahm meine Hand, drehte die Innenfläche nach oben.
„Du hast Schwielen vom Gladius“ stellte er verblüfft fest.
Ich nickte, lächelte entschuldigend.
Wir waren allein, die Wachen hatten ihn  gerade passiert, würden so schnell nicht wieder hier vorbei kommen.
„Berane, sag mir, was ist das, dass uns immer wieder trennt und zusammenführt? Ist es die Macht deiner Göttin? Diese Weissagung?“
Seine Augen suchten ratlos die Antwort in meinen.
„Ich weiß es nicht. Die Runen haben bis jetzt Recht behalten. Sie sagten, ich würde morden im Schatten der Wölfin. Und ich würde den Kreis vollenden. Vielleicht bedeutet es einfach, dass ich in der Arena sterben werde.“
Maximus sah mich erschrocken an. „Wir könnten beide hier sterben.“ ergänzte ich.
Er sah kurz zu Boden, als suche er etwas.
„Was war mit dem Kreter?“ fragte er vorsichtig. Als ich ihm einen ängstlichen Blick zuwarf, wollte er mich beruhigen. “Ich habe kein Recht, das zu fragen. Wenn du es mir nicht sagen willst..“ meinte er verlegen.
„Was hat er dir gesagt? Ihr müsst darüber gesprochen haben, sonst würdest du nicht fragen.“ unterbrach ich ihn. Ich hatte Angst, wie er auf die Wahrheit reagieren würde. Ihm hatte ich mich in Zucchabar verweigert.
Dass ich hier mit einem anderen einen Nacht verbracht hatte, würde mich auch nicht freuen an seiner Statt.
„Er fragte mich, wie wir zueinander stehen. Ich sagte ihm, wir würden einander gut kennen. Er erklärte, du hättest ihn abgewiesen, weil du einen anderen lieben würdest.“
Er klang sehr ruhig. Ich wollte ihn nicht im Glauben lassen, es sei nichts gewesen, irgendwann hätte er es vielleicht  von jemand andrem erfahren. „Maximus, am Abend bevor ich mit Auriane gegen dich antreten musste, hat er uns auf den Kampf vorbereitet. Er ist ein wirklicher Freund geworden. Er hat mir mit Freya geholfen. Er liebt Auriane. Auriane schätzt ihn, aber sie bevorzugt Frauen.“ Ich sah ein Aufblitzen in seinen Augen.
„Ich brauche dir nicht zu sagen, dass er auf Frauen einen großen Reiz ausübt. Ich habe ihn nie als Mann begehrt, aber an diesem Abend gaben wir einander das, wonach wir uns sehnten. Ich war diese eine Nacht mit ihm zusammen. Er weiß, dass es keine weitere geben wird. Nicht nur weil du wieder da bist. Wir sind Freunde, nicht mehr. Er kann Frauen haben, soviel er will. Sie rennen ihm nach. Er wollte jemand, der ihn als Mensch schätzt, nicht als prachtvollen Körper und schönes Gesicht. Nicht als bloßes Spielzeug der Lust.“ Maximus lauschte mir aufmerksam.
„Und was wolltest du?“ Seine Frage überraschte mich.
Ich hatte Enttäuschung erwartet, Missmut. Nichts davon war in seiner Stimme.
„Es war vieles. Die Angst vor dem Kampf und der Wunsch sich geborgen zu fühlen in der Umarmung eines  Mannes, wie es mit dir gewesen war. Es war auch der Reiz seiner Schönheit, aber das allein hätte nicht genügt. Ich wollte wissen, ob ich wieder empfinden kann, wie damals mit dir. Ob ich wieder fühlen  kann wie eine Frau.“ gestand  ich.
Er atmete tief ein, schwieg eine Weile.
Dann sah er mir eindringlich in die Augen.
„Kannst du es ?“ fragte er nur.
„Es ist seltsam. In Zucchabar war ich Berane die Heilerin. Die, die all diese Dinge erlebt hat, die es ihr unmöglich machten. Dann verließ ich diese Welt und kehrte zurück als Achillia. Sie hat Zucchabar hinter sich gelassen. Achillia  ist stärker als ich es war, sie ist weiser. Und sie ist überglücklich hier zu sein, mit dir.“
Er kannte die Antwort bereits.
Ich hatte ihn am Tag zuvor zum Abschied geküsst. Es war nicht die Art Kuss, die wir in Zucchabar getauscht hatten. Es war der Kuss einer Frau gewesen, die einen Mann begehrt. Er hatte es bemerkt, wollte aber  ganz sicher gehen.

„Hat es für dich jemand gegeben?“
Er sah mich überrascht an. Dann schüttelte er den Kopf.
„Bevor wir hier ankamen, hat Proximo mich verkauft für eine Nacht. Er brauchte Geld, gab mir eine Droge. Ich erwachte bei einer Frau. Fast wäre ich schwach geworden. Aber sie war nur eine Hure und mich zu verführen, sollte nur den wahren Kunden anregen. Ich merkte es noch rechtzeitig.“ murmelte er. Er schien sich ungern daran zu erinnern.
„Was hat dich schwach werden lassen?“ wollte ich wissen.
Er lächelte mich an, ein Zucken spielte um seine Mundwinkel.
„Sie klang wie du, sie küsste wie du , und es gab gewisse Ähnlichkeiten.“
Ich ertappte ihn dabei, wie er ein wenig zu lange auf meine Brüste sah.
„Hmm. Gewisse Ähnlichkeiten...„ Er sah mich tadelnd an, als ich ihn damit neckte.  Es war Zeit  damit aufzuhören.
Ich wollte nicht nur  hier sitzen, mit ihm reden.
Ich wollte ihn spüren, ihn küssen. „Diese Art Kuss?“ fragte ich und zeigte ihm, was ich damit meinte.
Er erwiderte sofort, hielt mich fest. „Ja, so kann man sagen.“ antwortete er.
Ich löste mich aus seiner Umarmung.
„Lass uns hier verschwinden.“ schlug ich vor, stand auf und zog ihn ebenfalls hoch. Er lachte leise. „Wohin?“ fragte er  fast scheu. Ich schwieg.
Ich führte ihn zum Baderaum in der zweiten Ebene, den die Frauen nutzen dürfen. Ich hatte Oija gebeten dorthin zu gehen, sobald ich die Zelle verlassen haben würde. Den Schlüssel hatte ich von der Sklavin, die den Raum sauber hält. Ich hatte ihr vor einigen Wochen erklärt  welche Kräuter sie besorgen muss und ihr einen Tee bereitet, der nach längerem Genuss  zu einer Fehlgeburt führte. Danach habe ich ihr die Kräuter gemischt, die in Zukunft eine Empfängnis verhindern helfen würden.
Ich sagte ihr auch, dass sie den Mond beobachten solle und wann es ungefährlich sei. Selbst an diesem Ort des Todes gibt es Liebe und neues Leben entsteht daraus. Aber das Kind einer Sklavin wird ein Sklave sein.
Ich hätte genauso gehandelt. Einen  Moment überlegte ich. Dann verwarf ich meine Bedenken. Ich war in Germanien nicht schwanger geworden und auch danach nicht. Es schien nicht meine Bestimmung zu sein.

Auf mein Klopfzeichen öffnete Oija, verließ den Raum. Sie nickte Maximus kurz zu, verschwand im Dunkel. Wir traten ein. Sie hatte Lampen mitgebracht und angezündet. Ein paar Decken aus unserer Zelle.
Er sah mich verblüfft an. „Hast du das geplant?“
„Ja“ gab ich zu. „Ich wollte Erinnerungen damit wecken. An einen Teich voll eisigem Wasser.“ spottete ich, um meine Verlegenheit zu verbergen.
Er lachte leise, nickte belustigt.
„Ich habe dich beobachtet, als du das erste Mal dort gebadet hast.“ gestand ich. Er wurde tatsächlich rot. “Du hast mir zugesehen...?“ fragte er empört. Ich nickte.
„An dem Tag habe ich mir endlich  meine Gefühle eingestanden...“ Er unterbrach mich. “Berane, es tut mir so leid.... ich war so voller Schuld wegen Selene. Ich habe dir auch danach in Zucchabar nie gesagt, was  ich für dich fühle. Ich konnte es  nicht. Noch nicht. Selene ist tot. Du hattest Recht. Sie würde meinen Tod nicht wollen. Sie würde mein Glück wollen..“ „Willst du dich nicht mehr rächen?“ fragte ich erstaunt.
“Jetzt wo du ihm so nahe bist?“ Er seufzte. “Nicht mehr um jeden Preis. Er  ist es nicht wert. Jetzt nicht mehr. Und ich bin ihm nicht  wirklich näher. Erst hier ist mir bewusst geworden, wie gering meine Aussichten sind.“
Wir hatten nie darüber gesprochen. Also war meine Vermutung richtig gewesen.
Er umschlang mich, zog mich eng an sich. Ich liebe es seine Wärme, seine Kraft zu spüren. Wir zogen uns aus, stiegen in das Becken.
Anfangs waren wir beide ein wenig scheu.
Es war lange her.
Die Küsse und Liebkosungen wurden allmählich  fordernder. Beide hungerten wir danach. Die Nacht mit Endymion hatte meinen sinnlichen Appetit geweckt.
Ich stieg aus dem Becken, er folgte mir. Fast konnte ich mir vormachen, wir wären wieder in Germanien. Die Lampen  erzeugten ein ähnliches Licht wie das Feuer in meiner Höhle. Er umschlang mich von hinten. Ich drehte mich zu ihm, er presste sich an mich, rieb sich warm und hart  an meinem Schenkel.
Unser beider Verlangen steigerte sich  schnell. Er vergrub sein Gesicht an meinen Brüsten, streichelte mit den Lippen, der Zunge.
So sehr ich das genoss, ich konnte es nicht erwarten, zog ihn mit mir auf die Knie. Ich ließ keine Zweifel daran, dass ich bereit war. Er lachte, neckte mich wegen meiner Ungeduld.
Bald liebten wir uns auf den Decken, die am Boden lagen.
Als wäre  es nie anders gewesen. Hart und gierig kam er zu mir, ich genoss sein Verlangen, die kraftvollen, schnellen Bewegungen, folgte  bereitwillig seiner Bitte, mich umzudrehen. Er schmiegte sich  wieder an mich, kam  in mich, umschloss meine Brüste, knetete sie sanft, rieb die Warzen.
Wir steigerten uns  in einen wilden, hungrigen Akt, der ihn bald zum Höhepunkt trieb. Sein Gesicht in meinem Nacken  erstickte er die Laute seiner Befriedigung, um niemand  auf uns aufmerksam zu machen.
Eine Weile ruhten wir, redeten , liebkosten uns. Ich konnte mich nicht  satt fühlen an ihm, seinem weichen Bart, dem kurzen, dichten Haar, seinem Mund, seinem  kraftvollen Körper. Ich konnte mich nicht satt sehen an seinen klaren Augen, den Zügen, die ich so gut kannte, als müsse ich mir immer wieder versichern, dass ich nicht träumte. Ich konnte ihm nicht genug zeigen, wie sehr ich ihn  wollte.  In dieser Nacht holten wir nach, was uns in Zucchabar verwehrt geblieben war.
Er zog mich auf sich, wie  damals, als ich ihn im Schlaf beobachtet hatte und er voller Angst und Verlangen  neben mir erwacht war. Sich so zu lieben, machte es mir möglich ihn sehr  tief aufzunehmen, während er mich zusätzlich streichelte und rieb, bis ich  den Gipfel erreichte. Ich vergaß alles um mich, er legte mir  vorsorglich die Hand über den Mund, um zu verhindern, dass ich unsere Anwesenheit  verriet. Dann drehte er sich, noch in mir, kam über mich, um seine eigene Erfüllung zu finden.
Als er  mich nicht mehr nehmen konnte, und scherzhaft meinte, ich hätte  ihn  mit meiner Ausdauer besiegt, streichelte ich sein erschöpftes Glied mit den Fingern, umschmeichelte ihn mit der Zunge, versuchte ihm so Vergnügen zu bereiten, ohne Hintergedanken. Er genoss es, reagierte. Es erregte ihn genug, dass wir uns ein weiteres Mal lieben konnten. Gesättigt und erfüllt, war es ein ruhiger, sanfter Akt, nach dem wir rasch einschliefen.

Es war  Ironie des Schicksal, dass ausgerechnet hier, umgeben von Tod, Gewalt und Kampf unsere Liebe in den folgenden Wochen zu voller Blüte gedieh.
Die Tage gehörten der Arena, die Nächte gehörten uns. Wir trafen uns oft  im Baderaum der Frauen, auch die Abende, nach denen wir in die Arena mussten. Maximus trainierte manchmal mit mir, zeigte mir vieles von seinem Können.
 Ich lehrte ihn Messerwerfen.
Oija und Callista behandelten mich wie zuvor, ich war sicher, dass ich ihnen vertrauen konnte. Auriane zog sich zunächst vor mir zurück. Es fiel ihr schwer die Situation anzunehmen. Maximus gewann bald  mit seiner  ehrlichen, gradlinigen Art ihr Vertrauen. Eines Abends, als wir mit ihm am Feuer saßen, erzählte er uns die ‚Illias’, Homers großes Werk  vom Untergang Trojas.
Von Krieg und Liebe, Mut, Lügen und Hinterlist. Ich hörte die Namen Paris und Helena, Kassandra und Hektor. Ich erfuhr wer Achilles gewesen war, nach dem Auriane mich benannt hatte. Maximus verglich sie mit der Amazonenführerin Phentesilea, was ihr sehr schmeichelte.
 Ich bemühte mich, mein Training mit ihr nicht zu vernachlässigen, bat sie es mir zu sagen, sollten unsere Auftritte darunter leiden. Ich war  glücklich bei ihm sein zu können und bei Menschen, die ich schätzte.
Bis ich ihn mit Flavia belauschte und  Dinge erfuhr, von denen ich nichts hätte erfahren sollen.
Gefährliche Dinge. Ungeheure Dinge.
Dinge, die Maximus wieder in den Sog aus Hass und Rache zogen, in sein altes Leben als Tribun Meridius.


Lucilla

Meine Kammerfrau und der Kurier begleiteten mich. Ich hatte Claudius gebeten mir zwei seiner Männer zu schicken, die uns unauffällig bewachen sollten, bis ich wieder  unversehrt  im Palast wäre. Sie kamen nach Mitternacht.
Hermione hatte mich fast unkenntlich gemacht  mit Hilfe einer schwarzen Perücke und dicker Schminke. Ich verschleierte mich wie für  meine Besuche bei Claudius.

Ein Mann stand bereits am Eingang des Ludus. Cicero ging zu ihm, dann winkte er mich heran. Ich reichte ihm das Gold, er gab es weiter an den älteren Mann  mit dem zerfurchten Gesicht und den stechenden Augen. Der trug einen Spitzbart und war arabisch gekleidet.
„Folgt mir, edle Flavia“ bat er mich unterwürfig, schloss den Eingang auf.
Cicero begleitete uns zu meinem Schutz, während Hermione vor dem Tor warten sollte. Wir gingen lange durch dunkle Gänge , hinab in die Bereiche unter der Arena, wo die Sklaven untergebracht sind.

Ich hasse das Colosseum.
Einst Symbol von Größe und Macht ist es Sinnbild der Grausamkeit, der Willkür und der Verderbtheit Roms geworden.
Ich gehe nur zu den Spielen, wenn ich es wirklich nicht verhindern kann.
Commodus liebt die Arena. Als unsere Mutter Galeria einmal sehr wütend über sein Verhalten  gewesen war, hatte sie etwas gesagt, woran ich immer wieder denken muss, seit er erwachsen ist. Er hatte mit kaum zehn Jahren  seinen Leibsklaven  gepeinigt , weil er ihm auf Anweisung unserer Mutter Wein vorenthalten hatte. Hatte ihm gedroht, er würde ihn hinrichten lassen aus einer kindischen Boshaftigkeit heraus.
„Du bist es nicht wert den Namen Aurelius zu tragen, du Abkömmling eines Schlächters. Ich hätte dich abtreiben oder  aussetzen sollen. Dein schlechtes Blut wird noch dein Verderben sein.“ hatte sie voller Bitterkeit gemurmelt, nachdem sie ihn getadelt und fortgeschickt hatte.
Ich hatte es gehört, war sehr erschrocken gewesen darüber. Ich habe nie gewagt, sie danach zu fragen. Als ich älter wurde, kamen mir  Gerüchte zu Ohren, dass meine Mutter viele Liebhaber gehabt habe. Schauspieler und Gladiatoren, während unser Vater kaum in Rom war. Er war ständig  bei Senatsversammlungen und bei den Truppen in den Provinzen.
Die Vorstellung sie könnte, so wie ich jetzt zum Schein , zu einer erkauften Stunde  mit  einem dieser brutalen Kerle geschlichen sein, um sich mit ihm zu vergnügen...

Ich fragte mich, warum der Mann, der mich wohl  erwartete ausgerechnet diesen Ort gewählt hatte. Dass er in Rom sein sollte, war so unglaublich wie  die Möglichkeit, dass er der Hinrichtung entgangen war.
Unser Führer blieb stehen, klopfte an eine Zellentür. Sie öffnete sich.
„Ich warte hier auf euch.“ meinte Cicero, machte eine auffordernde Bewegung.
Ich nahm allen Mut zusammen, trat über die Schwelle. Die schwere Tür schloss sich hinter mir.
Mehrere Öllampen brannten, erhellten den Raum dürftig. Ein breitschultriger Mann in einem ärmellosen Leinenkittel saß mit dem Rücken zu mir an einem Tisch. Als er sich umdrehte, erkannte ich ihn erst nicht. Ich zog den Schleier von meinem Gesicht, um ihn besser zu sehen. Bärtig, dunkel, kurzes Haar. Helle Augen.
Wir musterten uns eine Weile, schwiegen.
Dann  spielte ein Lächeln um seine Lippen und ich hörte die bekannte  Stimme.
„Deine Maske ist gut, Lucilla. Ich dachte schon, du hättest jemand geschickt statt selbst zu kommen.“ Es war Maximus Stimme.
Er bemerkte meine Zweifel, stand auf und ging ins Licht.
Er hatte sich verändert, aber es gab keinen Zweifel.
Einen  Moment wurde mir schwindlig.
Er merkte es, trat schnell zu mir, stützte mich.
„Bist du so überrascht?“ wollte er wissen.“ Meine Nachricht hätte dich überzeugen müssen...“ Ich  fasste mich, setzte mich auf einen der Schemel.
„Man begegnet nicht jeden Tag einem Toten., Maximus“ erwiderte ich.
„Verzeih, wenn mir die Worte fehlen bei deinem Anblick.“
Er kam zum Tisch, setzte sich zu mir.
Seine Züge waren härter und gealtert, seit ich ihn in Germanien gesehen hatte.
Er war jetzt  tief gebräunt, die muskulösen, bloßen Arme  zeugten davon, warum wir uns ausgerechnet hier trafen. Er bemerkte meine Blicke.
„Ich bin ein Sklave, ein Gladiator. Ich werde dir kurz schildern, was  nach Marcus  Tod geschehen ist.“
Ich lauschte ihm atemlos. Er war seinen Henkern entkommen. Es war ihm gelungen nach Spanien zurückzukehren, aber sein Anwesen lag bereits in Schutt und Asche, seine Familie war tot. Er geriet in Sklaverei, war bis vor einigen Monaten in Afrika gewesen, bis die Schule von Commodus wegen der Festspiele nach Rom beordert worden war. Mein Bruder hatte ihn selbst wieder hierher gebracht. Ich war erschüttert. Einer der besten Offiziere Roms in der Arena.
Ein Sklave. Ein  Jahr und ein halbes war vergangen seit dem kalten Tag in Vindobona, an dem mein Vater gestorben war.
„Ich habe versucht deine Familie zu warnen. Mein Bote verschwand. Ich konnte nichts für sie tun. Ich hasse  meinen Bruder dafür. Es tat mir so unendlich leid. Ich habe geweint. Um sie und um dich. Glaube mir. Ich hatte keine Wahl. Commodus hätte auch mich beseitigt. Ich habe deine Reaktion nie verstanden. Es war reiner Selbstmord. Mein Vater hat dich zu seinem Nachfolger bestimmt gehabt, nicht wahr?“
Maximus nickte. “Du  warst  schon damals sehr viel weiser als ich. Ich war töricht. Stolz und töricht. Es hat mich fast das Leben gekostet und mir alles genommen was ich besaß und was mir lieb war. Ich habe einen furchtbaren Preis gezahlt für meinen Hochmut.“ murmelte er. Nicht nur sein Aussehen hatte sich verändert. Ich wurde unsicher, was meinen Plan  betraf.
Ich schloss  die Augen, sah wieder die Schuld in Commodus Augen, als wir am Totenbett des Kaisers gestanden hatten.
„Also war er es. Ich wollte es nicht glauben, dass er dazu fähig wäre. Dass du an seiner Stelle regieren solltest, war Grund genug, Vater zu beseitigen, dich und die Deinen. Claudius hat Recht.“ stieß ich in ohnmächtigen Zorn hervor.
Er sah mich fragend an.
„Claudius Pompeianus. Der Führer der Senatoren.“
„Womit hat er Recht?“ wollte er wissen. Er schien etwas zu ahnen.
Ich kannte seine Absichten noch nicht, wusste nicht was er von mir wollte.
„Ich kann es nicht aussprechen“ murmelte ich.
„Ihr plant seine Ermordung.“ stellte er fest. Ich zögerte, dann beschloss  ich ihm reinen Wein einzuschenken. Er hatte allen Grund mit uns gemeinsame Sache zu machen. Ich wollte ihn nicht benutzen, aber die Gelegenheit war so unverhofft gut, dass mir keine Wahl blieb.
„Wer wird es tun?“ fragte er leise. Ich sah ihm direkt in die Augen.
Ich meinte ein Funkeln darin zu erkennen.
Er wich mir nicht aus, las förmlich in meinem Schweigen.
„Wir  dachten an einen Gladiator. Und ich glaube, ich habe gerade den Richtigen gefunden.“ erklärte ich  ihm schließlich.

Maximus

Cicero hatte sich nicht getäuscht. Lucilla kam zur vereinbarten Zeit. Sie trug einen Perücke, war stark geschminkt, um nicht erkannt zu werden.
Sie brauchte eine Weile, bis sie sich sicher war.
Ich berichtete ihr wie ich entkommen und in Sklaverei geraten war.
Bevor ich ihr mein Anliegen nahe bringen konnte, das darin bestand Berane und Juba frei zu kaufen, ließ sie etwas durchblicken , was mir  eine völlig neue Perspektive eröffnete. Sie und ein einflussreicher Senator namens Pompeianus, ich hatte Marcus in Germanien schon von ihm  reden hören, planten ein Attentat auf Commodus. Ich war nicht überrascht. Was ich von Cicero  über ihn gehört hatte, klang nach Nero und Caligula in einer Person.
Fast hätte ich gelacht, als sie mir unmissverständlich sagte, dass sie mich für den Rechten hielt. Sie  brauchten jemand, dem sie völlig vertrauen konnten, der selbst ein Motiv hat und nichts zu verlieren. Selbst viel Geld wiegt Hass nicht auf.
Ich war  perfekt für diesen Auftrag. Ich würde alles von ihr bekommen dafür.
Berane hatte gesagt: “Vielleicht bedeutet es, dass ich in der Arena sterben werde. Wir könnten beide hier sterben.“ Sie würde nicht hier sterben, dafür würde ich sorgen. Dann fiel mir etwas ein.
„Was ist mit Valens?“ fragte ich. Lucilla wurde unsicher.
„Valens ist ein fast größeres Problem als Commodus. Er ist der Puppenspieler, der die Marionette , die mein Bruder ist, führt. Wenn er hiervon erfährt, sind wir verloren. Er muss zuerst verschwinden.“
Von Berane wusste ich inzwischen, was es in Wahrheit mit Valens und Auriane auf sich hatte. Mir kam eine Idee. Auriane wäre wohl fähig dazu.
Sie hat getötet, ist eine Kriegerin. Für die Freiheit könnte es ihr das Risiko wert sein. Ich ahnte nicht wie Recht ich damit hatte.
„Vielleicht habe ich jemand, der das mit Freuden tun würde. Für eine Freilassungsurkunde.“ Lucilla hob überrascht die Brauen.
„Wer?“ fragte sie spontan. Ich hob abwehrend die Hände.
Sie verstand. Wir zuckten beide zusammen, als Cicero klopfte.
„Ich werde dich holen lassen zu einer Unterredung mit Claudius oder wir kommen zu dir. Bald.“ meinte sie entschlossen, erhob sich und legte ihre Schleier an. Bevor sie ging, umarmte sie mich innig, sah mich voller Mitgefühl an.
„Verzeih, ich habe dir noch nicht einmal gesagt, wie sehr es mich freut, dich wiederzusehen, mein Freund. Du bist wie ein Stern in dunkler Nacht für uns. Für Rom. Wir werden ihn zu Fall bringen.“ flüsterte sie, küsste meine Wange.
Dann eilte sie davon.

Lucilla

Claudius, mein Freund,
ich habe den Toten gesprochen und mich von seiner Person und Zuverlässigkeit überzeugt. Er hat vielleicht eine Lösung für Valens, den wir zuerst  beseitigen müssen. Lasst den Toten, der ‚Spanier’ genannt wird und Gladiator im Colosseum ist, in sieben Tagen zu euch bringen. Da es bekannt ist, dass ihr der Knabenliebe zugetan seid, macht seinem Besitzer, einem Antonius Proximo ein Angebot.
Er wird darauf eingehen, ihn zu euch bringen lassen. Wenn er da ist, schickt mir Kassandra und ich werde bereit sein, wenn eure Männer kommen.
                                                          L.

Lange nach Mitternacht landete unser geflügelter Bote auf meinem Schreibtisch.
Ich hatte schon befürchtete, es sei etwas schief gelaufen.
Wenig später stieg ich in Claudius Sänfte. Hermione hatte verbreitet, ich sei krank und  früh zu Bett gegangen.
Maximus und Claudius waren bereits  in ein angeregtes Gespräch vertieft, als ich ankam. Claudius erhob sich, küsste mich auf beide Wangen, führte mich zu einer Liege. Ich streckte mich darauf aus, sah meine beiden Gesellschafter erwartungsvoll an. Es  war ein seltsames Bild. Claudius, weißhaarig, in einer blauen, bestickten Robe, glatt rasiert und frisiert, ein Politiker, Gelehrter, schmal und asketisch wirkend.
Daneben der eigentliche Herrscher von Rom, in einer schäbigen, leinenen Sklaventunika, bärtig  und sonnenverbrannt, mit schwieligen Händen wie ein Bauer, durchtrainiert wie ein Athlet, der er als Gladiator auch war.
Er nahm einen Schluck aus seinem Pokal.
Selbst in diesem Aufzug  konnte er den Tribun nicht verleugnen.

 Dieser Moment  gebar den Wunsch, ihn an meiner Seite zu haben.
Ich kannte Maximus seit frühester Jugend.
Er war meine Mädchenliebe gewesen, hatte mich vor mir selbst geschützt, mir eine große Demütigung erspart. Ich hätte ihn auch später meinem Mann und Adoptivonkel bei weitem vorgezogen. Er schien seine Frau und sein Kind geliebt zu haben, sein Schicksal hatte ihn geformt aber weder resignieren noch verbittern lassen. Ich war tief beeindruckt von ihm. Einen Mann wie ihn wollte ich an meiner Seite. Aber es war nicht nur das. Ich hatte bisher nie Leidenschaft oder echtes Verlangen für einen Mann empfunden, außer für den Jüngling, der mich auf Capri umworben hatte. Mein zwanzig Jahre älterer Mann war ein Soldat gewesen wie er. Er war auch in unserem Ehebett ein Soldat gewesen.
Aber Frauen sind keine Schlachtfelder und auch keine Gegner.
Und dazu war er ein Soldat, der kaum da war.
Ich habe Liebhaber gehabt. Es waren flüchtige Vergnügen, durchaus erfreulich , aber nie von tieferer Bedeutung. Ich fühlte mich einsam.
Eigentlich war ich es immer gewesen. Bis auf die Wochen auf Capri, wo ein blutjunger Adjutant mir Homer vorgelesen  und mir die Strategien des Julius Caesar erklärt hatte. Ich erinnerte mich an seine bezaubernde Naivität gegenüber erotischer Kunst. Er war  damals  errötet beim Anblick phallischer Lampen und  eindeutiger Gemälde. Er war anders. Spanier. Er verstand etwas von Pferden und von Wein. Und er war weit mehr Ehrenmann mit achtzehn Jahren gewesen als  mancher Senator mit achtundvierzig . Ich wollte wissen, wie der junge Mann sich entwickelt hatte. In jeder Beziehung.
Er hatte mich einmal  geliebt, er würde mich wieder lieben.
Ich bin noch jung. Ich gelte als schön und bin  aus edlem Geschlecht.
Ich konnte viel für ihn tun. Ich wollte endlich einen Mann, nach dem ich mich sehnte, der mir ebenbürtig war. Ich war es leid einsam zu sein und nur von meinem größenwahnsinnigen Bruder begehrt zu werden.
Konzentriert lauschte ich den beiden Männern, denen ich vertraute.
Endlich konnte ich schweigen, meine Gedanken schweifen lassen.
Ich sah Maximus in seiner Uniform mit dem Mantel des Heerführers, der mit Wolfspelzen verbrämt ist. Mit dem Harnisch und den Beinschienen, den Insignien des Oberbefehlshabers der Prätorianergarde. Und denen des gesamten Heeres.
Dies würde ich ihm geben, sollten wir Erfolg haben.
Und mich. Er würde mich wieder lieben. Es war nur eine Frage der Zeit.

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