19 – Orara Valley

 

Sie fuhren nur wenige Stunden ins Landesinnere, bis zu den Grenzen des Tales, zu dem auch Nana Glen gehörte. Orara Valley. In einem kleinen, Bungalow ähnlichem Hotel nahmen sie ein Zimmer. Es erinnerte sie an die Farm. Flach, ein paar Stufen, die zur Terrasse führte, die rings ums Haus lief, wie auf seiner Ranch auch. Davor exotische Büsche, Blüten und Gräser. Eine Komposition von Lila, Rosa und Dunkelrot, umrahmt vom zarten Grün des Blattwerks.

Das riesige Gebiet des Nationalparks ‚Great Dividing Range’ bildete den Hintergrund des weiten Tales. Unübersehbare Wälder auf felsigen Gebirgszügen, die spontan und zerklüftet aus der wildwüchsigen Landschaft hervorbrachen und sich steil zum Himmel reckten. In dieser Gegend fanden sich die Kletterer ein, die Wanderer und Backpackreisenden. Hier war der Ausgangspunkt für Bergwanderungen und Klettertouren, und Abenteurer aus aller Welt trafen hier zusammen, Einheimische waren eher selten zu Gast.

Russell trug eine Karte bei sich, die er eingehend studiert hatte. Alles was sie wollten, war ein wenig Abgeschiedenheit und Zweisamkeit. Die lange Trennung, die ihnen bevorstand, wog schwer auf seinen Schultern, vor allem in Anbetracht dieses harmlosen Fax’, das für seinen wachsamen Instinkt zu harmlos erschien. Die waffenlosen Aufgabe Lapierres war nicht glaubwürdig. Was er von Interpol erfahren hatte, trug nicht gerade dazu bei, seine Befürchtungen zu besänftigen oder auszuschalten. Ganz im Gegenteil. Lapierre dürfte über Mittel verfügen, die bis an die Grenzen des Vorstellbaren gingen, wenn nicht noch darüber hinaus! Er bereute ein wenig, dass er sich oft genug über Gillaines scheinbar unbegründete Angst, entdeckt zu werden, geärgert hatte. Es war ihm als unvorstellbar erschienen, dass sich der Mann die Mühe machen würde, seine Frau, von der er wusste, dass sie ihn verabscheute, bis ans Ende der Welt verfolgen zu lassen. Er konnte diese Gedankengänge eines Besessenen beim besten Willen nicht nachvollziehen. Doch nun wuchs seine Unruhe stetig an. So unglaublich es auch sein mochte, aber Lapierre wollte Gillaine vielleicht nicht zurück, sondern sie einfach aus der Welt schaffen...

 

Er selbst trug zwar nie eine Waffe bei sich, doch er hatte oft schon mit diesem Gedanken, das zu ändern, gespielt. Die Welt lief nicht in die Richtung, die er für gut hielt. Sie verhärtete sich zusehends, wurde skrupelloser und unbarmherziger. Gieriger und von Macht besessen, Geldgeil bis ins Mark! Man ging ganz offiziell über Leichen, solange es etwas brachte. Er hatte Gillaine noch nie so entspannt und unbekümmert erlebt wie in diesen letzten Stunden, seit sie vom Einverständnis Lapierres erfahren hatte. Wie sollte er ihr klar machen, dass sie sich trotz allem vorsehen musste, ohne sie dabei zu beunruhigen?

Während sie unter der erquickenden Dusche stand, um den Reisestaub der Autofahrt von sich zu spülen, gab er vor, an der Bar ein Bier trinken zu wollen, und war froh, dass sie verabsäumte, ihn daran zu erinnern, dass der kleine Eisschrank voll erquickendem Malz- und Hopfensaft war. So konnte er ungestört mit Terry telefonieren und ermahnte ihn, doppelt so aufmerksam wie sonst die Grenzen des Grundstücks kontrollieren zu lassen.

„Ich fürchte, wir haben ein Problem“, erklärte er. „Da ist Shit im Busch, Bruder! Ich rieche das!“

War er bereits paranoid? Doch sein Instinkt hatte ihn bis jetzt nie wirklich betrogen. Sein Gefühl ließ seine animalisch angeborenen Sensoren vielfach klingeln, und er bevorzugte Wachsamkeit der ungetrübten Erleichterung. Dann hatte er noch ein längeres Gespräch mit seinen Anwälten, die vor kurzem erst von Faviers Tod erfahren hatten. Crowe konnte sich nur ungenau an einen großen, schlanken, aber unauffälligen Mann erinnern, der Lapierre zur Premiere begleitet hatte. Ein Mann im Hintergrund, aber präsent. Vertrauensmann Lapierres. Tot aus der Seine gefischt. Seltsam, dass dies gerade jetzt passierte...

 

Vorsichtshalber rief er auch noch Jeff, seinen Hausmeister in Sydney an und trug ihm auf, im ehemaligen Wohnhaus Gillaines nachzufragen, ob man sich nach ihr erkundigt hatte, oder ob Post für sie abgegeben wurde. Wenn es etwas Neues gäbe, dann müsse er, Russell, sofort davon in Kenntnis gesetzt werden.

Dann erst genehmigte er sich ein ‚Victoria Bitter’ und gesellte sich zu Gil, um gemeinsam im Hotelrestaurant ein einfaches, aber würzig schmackhaftes Mahl zu sich zu nehmen.

Sie drängte ihn ins Zimmer zurück, wollte gemeinsam mit ihm endlich ihre sagenhafte Erleichterung feiern. Er bestellte eine gute Flasche Champagner, weil er wusste, sie erwartete eine Geste dieser Art, um auf ihre vollkommene Freiheit mit ihm anstoßen zu können.

Als sie es taten, flüsterte sie erlöst: „Wir haben es geschafft, Russell! Du hast es geschafft! Du hast mich von dem Monster im Smoking befreit! Deine Entscheidung, endlich etwas zu unternehmen, war richtig. Ich hätte schon früher auf dich hören sollen, Darling! Ich liebe dich so sehr!“

Sie stellte ihr Glas ab und begab sich in seine Arme, küsste sein Gesicht, seinen Hals und er ließ sich nach rückwärts aufs Bett sinken und die Flut ihrer Zärtlichkeiten über sich ergehen. Er versuchte, seine Zweifel zu verdrängen, sich ihr ganz hinzugeben und seufzte tief auf. Seine Hände strichen zärtlich über ihre Arme, ihren Rücken, als sie tiefer glitt, und ihre Zungenspitze mit seinem Nabel spielte. Er stöhnte, als ihr Haar wohltuend über seine Innenschenkel strich und ihre Lippen ihn zu kosen begannen.

Er vergaß vorübergehend die Schatten seiner Beunruhigung, genoss ihre überschäumende Zärtlichkeit und brachte sie geschickt in die Stellung, die es ihm ermöglichte, sie auf die gleiche Art zu erfreuen, wie sie es tat.

Genüsslich registrierte er ihre zitternde Reaktion, als er sein Gesicht in ihrem Schritt versenkte und sich an ihrer Weiblichkeit labte. Er versuchte, seine auf Erlösung wartende Lust solange zurückzuhalten, bis sie ebenfalls bereit war, sie mit ihm zu teilen, was ihm mit äußerster Mühe nur gelang. Ihr erhitzter Körper begann sich zu straffen, verkrampfte sich kurz und sie schwebte in ein Meer von unglaublicher Verzückung. Ihre Hände krallten sich in das Fleisch seines Gesäßes und sie empfing atemlos und selig erfüllt seinen Höhepunkt, der von seinem befreiten Röcheln begleitet wurde.

 

Am späten Abend hielten sich beide umfangen und starrten ins Dunkel des behaglichen Raumes. Jeder schien seinen eigenen Gedanken nach zu hängen und Zärtlichkeit ohne Gier behielt die Oberhand, als sie schließlich einschliefen, sich nur zu gut bewusst, dass die eine Seite ihres Bettes in den kommenden Wochen leer und kalt bleiben würde. Doch sie sprachen es nicht aus. Sie, weil sie nicht wollte, dass er sie als Klette empfand, er, weil seine Furcht um sie stumm war und unausgesprochen blieb.

 

Am nächsten Morgen mieteten sie Pferde und beschlossen, den Tag in der Wildnis der Ausläufer des Regenurwalds zu verbringen. Es war bedeutend wärmer hier, unweit von Queensland. Hügel und Wälder der beiden Regionen verschmolzen harmonisch ineinander. Auch die Vegetation schien üppiger zu sein, und eine deutliche Spur tropischer. Gillaine entdeckte Pflanzen, die sie in der Umgebung von Nana Glen noch nicht gesehen oder bemerkt hatte. Hengst und Stute trabten mit ihren Reitern gemächlich über Pfade und Wege, dorthin, wo man sie behutsam lenkte. Leichter, warmer Regen hatte eingesetzt, und sie war froh, den Hut, einen Slouch, den er ihr im Hotel besorgt hatte, auf die dichten Locken gesetzt zu haben. Die breite Krempe hinderte die Tropfen, in den aufgestellten Kragen ihres Reitermantels zu fließen und so empfand sie den Regen sogar als willkommen und faszinierend, verlieh er doch der Welt ringsum diesen wunderbar intensiven Geruch nach Erde und reinem Sauerstoff. Pures Leben! Sie füllte ihre Lungen mit dem Gemisch einer intakten Natur und ließ ihren Blick auf seinen breiten, geraden Schultern ruhen, als er so vor ihr her ritt. Er saß seit dreißig Jahren im Sattel, schien mit ihm verwachsen zu sein, und auch wenn sie sich noch so anstrengte, würde sie sein Niveau nie erreichen. Doch sie war froh, dass sie sich einigermaßen ausdauernd auf dem Pferderücken hielt und auch die kurzen Galoppstrecken beherrschte, ohne dabei abgeworfen zu werden. „Du musst einfach mitschaukeln“, hatte er sie gemahnt, als sie das erste Mal in hohem Bogen aus dem Sattel gesaust war und im feinen Sand der Koppel landete.

„Du lässt die Zügel zu locker, er macht mit dir was er will, love!“

Ihr brummte der Schädel, doch er hob sie einfach auf und bugsierte sie wieder auf den Pferderücken. Sie wollte protestieren, tat es aber nicht. Sie wollte ihm klar machen, dass sie Angst hatte, doch unterließ es schließlich. In seinen Augen las sie, dass er das längst wusste. Er hätte es wahrscheinlich auch nicht akzeptiert.

 

„Komm mein Mädchen“, munterte er sie auf. „Pass dich einfach den Bewegungen des Tieres an, mach dich schwer und raus mit den Stiefeln aus den Steigbügeln, das macht es leichter für dich! Nimm die Zügel kurz, Pferdekopf nach unten! Komm, du kannst das!“ Er schlug dem Tier leicht auf die Kruppe und es galoppierte erneut mit ihr im Kreise los. Sie hatte seine Ratschläge befolgt, machte sich schwer und plötzlich schien es einfach zu sein: sie vermeinte in einem Schaukelstuhl zu sitzen, und ihr Becken ging mit dem Laufschritt des Pferdes mit, passte sich ihm an, und es schien ihr auf einmal ein Leichtes, sich sicher und gut dabei zu fühlen. Natürlich kam sie rasch außer Atem, die Kondition und Ausdauer würde mit der Zeit kommen, mit der Praxis und ihrem Willen. Davon besaß sie nun genug. Heute machte sich der radikale Unterricht gut bezahlt. Sie konnte Russell ohne Schwierigkeiten durch die Wildnis folgen und es sogar genießen.

Er hielt sein Pferd an und deutete mit dem Finger nach oben in die dichten Baumkronen. Sie konnte hunderte von Flughunden sehen, die still und gespenstisch mit dem Kopf nach unten auf die Abenddämmerung warteten, um dann auf Jagd zu gehen. Ohne sie, wären die lästigen und abertausenden von Insekten wahrscheinlich eine unerträgliche Plage geworden.

 

Die Hufe der Pferde trippelten über hölzerne Stege, die über schmale Flussläufe führten und durchquerten steinige Bachläufe, klares, flaches Wasser und feuchtes Gehölz, das sie schnurstracks in die Wildnis zu führen schien. Sie waren seit über zwei Stunden unterwegs und sie begann müde zu werden. Doch immer wieder lenkte eine neue Entdeckung, ein faszinierender Anblick, den Mutter Natur ihr schenkte, sie davon ab, ihrer Abgespanntheit nachzugeben.

 

Gillaine hörte eine Art Brausen. Umso überraschter war sie, als sich das Unterholz zu lichten begann und sie knapp unterhalb vor sich eine Art natürliches Badebecken, von der Natur selbst erschaffen, erblickte. Ein kleinerer Wasserfall, der gleich einem glitzernden, aus Perlen gesponnenen Vorhang das Becken mit seinem Wasserreichtum versorgte, erfüllte den Wald ringsum mit seinem rauschenden Klang.

„Wir haben ein paar ähnliche kleine Seen zuhause“, bemerkte Russ. „Ich werde dir das alles noch zeigen, Gil! Die letzten Tage waren etwas hektisch und die Überschwemmungen haben uns auch etwas auf Trab gehalten.“

„Es ist einfach atemberaubend“, staunte sie.

„Wir werden rasten und unser Picknick dort unten am Ufer genießen“, bestimmte er und half ihr abzusitzen. Sie machten die Pferde an einem sicheren Platz fest und kletterten rutschend bis zu den kleinen Felsen, die das Becken umgaben. Ein wenig Sonne stahl sich durch die graue Wolkenwand und ließ die Wasseroberfläche in allen möglichen Silbertönen glitzern. Es begann schwül zu werden und sie entledigten sich ihrer Mäntel, um so ein trockenes Plätzchen für ihren Lunch zu schaffen. Russell hatte bei der Hotelrezeption ein umfangreiches Picknickpaket bestellt und die Leute hatten es fachgerecht in Frischhaltematerial verpackt, sodass sie nun beide in den Genuss eines schmackhaften Imbisses kamen.

Sie scherzten miteinander und neckten sich und es war ihm keinesfalls anzusehen, dass seine schwerwiegenden Gedanken ihre Schatten über die scheinbar heile Welt, in der sie sich befanden, warfen. Schließlich war er Schauspieler. Und dazu noch ein verdammt guter!

 

Sie spülten die Mahlzeit mit kühlem Bier hinunter und lagen, mit im Nacken verschränkten Armen in der Sonne, die sich nun doch vollends hervor gewagt hatte und sie zwang, sich nach und nach von ihren beengenden Kleidungsstücken zu befreien.

Man hätte glauben können, dass die Welt nur ihnen gehörte und sie allein die Besitzer eines Paradieses waren, in dem es weder Hass noch Schmerz gab, nur Harmonie und Frieden. Diese kurzen Augenblicke völliger Freiheit und absoluten Einklang mit sich selbst, dem Geliebten und der Natur im Ganzen, waren rar und das schien jedem vom beiden auch sonnenklar zu sein. Umso mehr genossen sie diese Momente ihres Daseins. Zögerten sie hinaus und wollten sie sehnsüchtig festhalten.

Sie war beinahe eingeschlafen, als er sie mit seiner angenehmen Stimme aus der entspannenden Lethargie des frühen Nachmittags in die Wirklichkeit zurückholte.

„Gillaine, wir müssen reden!“ Sie hielt ihre Augen geschlossen und wartete darauf, dass er fort fuhr.

„Wir sollten das Aufgebot bestellen, jetzt wo die Scheidung so gut wie durch ist! So eine Art Vorausbestellung, meine ich!“

Sie schlug nun doch verwundert die Augen auf und blickte in die seinen, die nahe über ihrem Gesicht schwebten.

„Du meinst...?“

„Ja, ich meine!“ bestätigte er ernst. „Ich meine, dass wir lange genug geprüft haben, ob wir zusammen passen und ich für meinen Teil bin restlos davon überzeugt. Ich kann nur hoffen, dass du mir zustimmst!“

Sie nahm sein Gesicht in ihre Hände und murmelte schwach geworden unter der Wucht seines Geständnisses: „Ich hoffe, du zweifelst nicht an meiner Liebe, mon Amour! Ich war dir verfallen vom ersten Moment unserer Begegnung an. Nichts konnte meine Zuneigung, die ich nicht wahrhaben durfte, erschüttern. Keine Erniedrigung, kein Schmerz, nichts! Aber ich habe es lange verdrängt, in der Meinung, dass ich dich nie wieder treffen würde.“

Er küsste ihre Nasenspitze. „Siehst du, manchmal geschehen eben Dinge, die außerhalb unseres Verstandes liegen. Ich denke dabei an schicksalhafte Fügung oder einfach nur Bestimmung, egal, wer sich diese Spiele mit uns ausdenkt, es scheint doch so, als lenke irgendetwas unser Dasein und den Verlauf unseres Lebens! Du bist also einverstanden, ja?“

Sie nickte und er küsste die aufsteigenden Tränen aus ihren Augenwinkeln und murmelte liebevoll: „Sieh mich an Gil! Du bist die Frau, auf die ich gewartet habe. Ich will, dass wir Kinder haben, bald schon. Das wurde mir schon nach einigen Tagen mit dir klar. Jetzt sollen es alle wissen und sich ihre verdammten Mäuler über uns wetzen, es kann uns nichts anhaben!“

Er verschwieg, dass er sie sicherer glaubte, wenn sie erst einmal seinen Namen trug und alle Welt wusste, dass man mit ihm rechnen musste, sobald man ihr auch nur ein Haar zu krümmen versuchte.

Sie lächelte zustimmend. „Du hast mich stark gemacht, in jeder Beziehung. Du bist mein Held, mein Geliebter und ich will nirgendwo anders leben als hier mit dir!“ Ein Finger, den er ihr auf die Lippen legte, hinderte sie am Weitersprechen.

Er erwiderte ihr Lächeln mit dem seinen, fing es ein und hielt es fest.

Er legte sich neben sie und sie hielten sich an den Händen und blickten zum Himmel, um die dahin ziehenden Schäfchenwolken zu betrachten.

Sie schaffte es immer wieder, aus ihm einen sentimentalen Spinner zu machen. Er beschloss, ihr nichts von seiner Beunruhigung zu erzählen. Er hatte ihr eben gestanden, dass er seine Zukunft mit ihr verbringen wollte. Einfach so, mit relativ banalen Worten, doch für Gillaine war es, als habe er eben die Tür zu ihrem ganz persönlichen Himmelreich aufgestoßen, so mir allem Drum und Dran – Engelsmusik, Geigen und dem zukünftigen Glück einer Traumwelt ohne Schattenseiten, was in der Realität ja doch unmöglich schien. Doch er vertrieb jeden Schatten, der sie zu bedrohen suchte, jede negative Erinnerung und jeden Makel, der ihr Lebensglück erneut beflecken könnte. Er war ihre Welt, er war ihr Leben und sie musste sich daran gewöhnen, sich an diese unfassbare Tatsache zu gewöhnen. Es würde ihr ein Leichtes sein!

 

Er zog sie hoch und schlug vor, das Quellwasser auszukosten und sich darin ein wenig zu erfrischen. Es war ziemlich kühl und sie zitterte, ließ sich jedoch dazu überreden, ein paar Runden mit ihm zu schwimmen. Kleine Insekten, Wasserläufer zogen ihre Bahnen auf der spiegelnden nassen Oberfläche. Die mit Moos bewachsenen Steine ringsum bildeten eine natürliche Beckenumrandung und vom See aus wirkte der Wasserfall um einiges gigantischer und auch bedrohlicher. Doch er schob sie schwimmend vor sich her und direkt darauf zu. Ihre Proteste gingen im Tosen der herabstürzenden Wassermassen unter. Sie zappelte und er lachte. Er nahm sie schwimmend in den Arm, küsste sie fest und lang und tauchte so mit ihr unter der Kaskade durch, um auf der anderen Seite, hinter dem, in der Nachmittagssonne, gleißenden Wasservorhang wieder aufzutauchen. Prustend kam sie an die Wasseroberfläche. Eine kleine Grotte tat sich hinter ihrem Rücken auf, eine Ausbuchtung im grauen Fels, der auch hier mit Gräsern und Moosgeflecht bewachsen war.

Sie staunte und plötzlich spürte sie wieder Grund unter den Füssen, und ihre Zehen versanken im feinen Kies des Ufers. Aus seinem langen Haar tropften Wasserperlen und er grinste schelmisch.

„Du hast gewusst, dass es dieses Versteck hinter dem Wasserfall gibt, nicht wahr!“ stellte sie mehr fest, als ihn danach zu fragen. „Du kennst die Gegend!“ Er lachte unschuldsvoll. „Ich schwöre dir, nein! Ich war noch nie zuvor hier. Aber die meisten Wasserfälle bergen ein kleines Geheimnis, einen kleinen, versteckten Ort, wo man sich ungestört zurückziehen kann und eins ist mit Natur und der Frau, die man, liebt!“

 

Sie wusste, dass es ihn nach ihrer Liebe verlangte. Nichts lag ihr ferner, als ihm diese zu verweigern. Sein sanft bittendes Lächeln brachte sie fast um den Verstand. Sie überließ sich seinen starken Armen und der Leidenschaft, mit der er sie im seichten Wasser dieses zurückgezogenen Ortes beglückte. Sie ergab sich seiner Lust, empfing sie mit Hingabe, bis ihre beiden Körper in flammender Glut miteinander verschmolzen und im Reigen der sich steigernden Begierde die Grenzen der Verzückung erreichten.

Als sie später den Heimritt antraten, fühlte sie trunken vor glücklicher Erfüllung und auserwählt, fortan an seiner Seite zu leben, ihn zu begleiten und sein Leben teilen zu können. Und es war ganz einfach Tatsache für sie: Er war ihr von irgendwelchen außerirdischen Mächten geschickt worden, und ganz sicher waren Lapierre und seine Sippe nur ein Randstein gewesen, eine unangenehme Station, die sie endlich bedenkenlos aus allen Erinnerungen und Winkeln ihres Bewusstseins streichen konnte.   

 

Der Anruf Jeffs erreichte Russell, als er half, Gillaines Pferd einzustellen. Er verließ den Stall, wo der Empfang nicht besonders gut war und trat ins Freie. Die Dämmerung des Abends würde nicht mehr lange auf sich warten lassen, die Sonne verschwand eben als roter Feuerball hinter den aufragenden Felsen im Westen.

Es erschütterte ihn nicht, zu hören, dass man sich nach Gillaine erkundigt hätte. Besser gesagt, nach Isabelle Valdeau. Er hatte damit gerechnet. Zwei Männer, die in einer ihm unbekannten Sprache radebrechten, (nein, französisch sei es nicht gewesen) hatten nach ihrem Verbleib gefragt. Und es gab auch ein Telegramm, das man an sie gesandt hatte. Ohne Unterschrift. Eine Warnung in der Art wie „Vorsicht, er weiß wo Sie sind“. Ein Freund vielleicht, möglicherweise auch nur ein dummer Scherz.

Crowe zog die Stirn in Falten. „Ich will, dass du dieses Telegramm zu Interpol bringst, Jeff. Mach es durch das Anwaltsbüro, dann wird es glaubwürdiger. Bring es denen einfach, die wissen schon, was sie damit anfangen. Das war gut, mate! Halt die Augen offen und lass dich von niemanden anschwatzen, der versuchen sollte, ins Haus einzudringen!“

Er könne sich auf ihn verlassen, versicherte Jeff und Russells Geist arbeitete fieberhaft. Wenn Lapierre jemanden auf seine „Noch-Frau gehetzt hatte, dann würden die nicht ruhen, ehe sie sie fanden. Wahrscheinlich wussten die Häscher längst, dass sie nicht mehr in Sydney war. Sicher hatten sie sich auch nach ihm erkundigt, wo er sich gerade aufhielt, was er tat. Alles war möglich, eine Auskunft dieser simplen Art war relativ einfach zu erhalten. Unter dem Deckmäntelchen „Journalist“ stieß man in der Regel über kurz oder lang auf die Informationen, die man suchte. Sie würden rasch begriffen haben: Wo er war, da war auch sie. Sollten sie doch versuchen sich mit ihm oder einem der Kumpel anzulegen! Sie würden ihr blaues Wunder erleben. Doch was, wenn sie solange warten würden, bis er aus ihrer Nähe verschwunden war? Was dann?

 

*****

Terrys Ohren liebten es nicht, zu hören, was man ihnen mitteilte. Er hatte in Coffs nachgefragt, in den Pubs und Läden, die von Fremden und Touristen, besonders jenen, die hier in der Gegend angeln wollten, aufgesucht wurden. Er wollte wissen, ob man sich nach dem Weg zur Farm erkundigt hatte. Das geschah oft genug. Die Einheimischen hielten dicht und zuckten nur die Schultern, wenn von der Crowe Farm die Rede war.

Stellten sich dumm oder taub, oder beides. Zwei Männer waren in mehreren Geschäften aufgefallen. Typische Angler, sicher harmlos. Sie sprachen kaum Englisch und sie erkundigten sich zwar nach der Farm, aber vor allem wollten sie wissen, ob es hier in der Gegend eine rotblonde junge Frau gab, die erst vor kurzem hierher gekommen war. Eine, die man sich merkte, die besonders auffiel, nicht nur durch ihr auffallendes Haar, sondern auch, weil sie besonders hübsch anzusehen war. Die beiden behaupteten, es sei ihre Schwester. Ihre Mutter läge im Sterben und verlange nach ihr. Sie hieße Isabelle Valdeau oder so ähnlich. Nachdem die Geschäftsinhaber ihre Verwunderung besiegt hatten, dass der Beschreibung nach diese hübsche, hellhäutige Lehrerin und Begleiterin Crowes die Schwester der beiden dunklen, eher exotisch aussehenden Burschen sein sollte, grinsten sie der Reihe nach und bedauerten, dass ihnen eine hübsche Rothaarige leider nicht aufgefallen war, das hätten sie sicher gemerkt.

Man sah den Kerlen den Ärger an, vor allem dem Größeren, der ein paar Flüche in einer absolut unbekannten Sprache von sich gab. Dann jedoch kauften sie normale Fischköder und Proviant und verschwanden wieder sang- und klanglos aus der Gegend.

Einer der Jungs, die mit der Überwachung des Grenzgebietes betraut waren, hatte von weitem zwei Kerle erblickt, auf die die Beschreibung passen könnte. Dunkel, ein wenig verrückt aussehend, wagten sie sich nicht allzu nahe an die Farm, hielten Ausschau mittels eines Fernglases und suchten das Gebiet ab. Natürlich konnten es Fans sein, aber die waren in der Regel weiblich, zumindest ein Grossteil davon. Männer, die alleine unterwegs waren, erregten die Aufmerksamkeit der Posten. Kidnapping war nicht ausgeschlossen, Crowe war reich und es gab genug zu holen, wenn man ihn oder eines seiner Familienmitglieder entführte. Verrückte, die vor nichts zurückschreckten, die hatte es schon immer gegeben.

Daraufhin beorderte Terry noch ein paar Burschen zur Überwachung ab.

Er erzählte es Russell noch am selben Tag ihrer Rückkehr.

„Ich muss in ein paar Tagen für längere Zeit hindurch weg“, konstatierte er trocken.

„Am Liebsten würde ich sie mitnehmen, aber sie nimmt ihren Job ernst und will niemanden enttäuschen, also würde sie ablehnen. Ich kann nur versuchen, sie aus der Ferne schützen zu lassen. Ich werde mit Interpol reden, vielleicht wissen die schon mehr über diesen Lapierre und haben etwas gegen ihn in der Hand. Wenn nicht, sollen sie ihn auspressen wie eine Zitrone“, schnaubte er wütend. „Was glaubt dieser Bastard eigentlich, mit wem er sich da einlässt? Er wird weder Gillaine noch uns lang terrorisieren!“

Terry versuchte den älteren Bruder zu beruhigen und wies darauf hin, dass es sich um einen Zufall handeln könnte und die gesichteten Typen wirklich nur gewöhnliche Souvenir- oder Autogrammjäger waren.

„Und du meinst, sie wollen ein Autogramm von unserer Lehrerin?“ entgegnete der zynisch und Terry verstummte. Wenn Russell erst in Zorn geriet, dann war mit ihm nicht mehr zu reden. Er versprach, alle Hebel in Bewegung zu setzen und mehr über die Unbekannten herauszufinden, wenn nötig, mit Hilfe der Ortspolizei von Coffs Harbour.

 

Nach dem Abendessen eröffnete Russell seiner Familie, dass er Gillaine in absehbarer Zeit heiraten würde. Sie schienen nicht sonderlich überrascht zu sein und Mrs. Crowe zeigte sich erfreut. Sie schien keine Bedenken zu haben, was die Wahl ihres Sohnes anbelangte. Gillaine schwebte im siebenten Himmel und gewann eine Familie, die sie selbst nie wirklich besaß, bis auf die kurze Zeit, mit ihren viel beschäftigten Eltern, während ihrer Kindheit und Jugend.

Russell wurde nach dem ersten Tumult, die seine Eröffnung hervorgerufen hatte, wieder ernst. Todernst! „Ich bin noch nicht fertig“, betonte er und blickte jeden einzelnen der Runde intensiv dabei an.

„Gillaine hat eine schlimme Zeit hinter sich und ist rechtlich noch an einen Mann gebunden, der sie durch die Hölle hat gehen lassen. Er hat zwar bereits einer Scheidung zugestimmt, doch ihm ist nicht über den Weg zu trauen. Es handelt sich dabei um einen einflussreichen, reichen und skrupellosen Mann, der in Frankreich sitzt und die Fäden der Politiker und noblen Herrn gleich Marionetten in seinen verdammten Schweinefingern hält.“

Gillaines Lider zuckten nervös, als er von ihrem Exmann sprach, doch Jo hatte ihre Schultern umfasst und tätschelte beruhigend ihren Oberarm.

„Ich will damit sagen, dass ich dem Ganzen erst traue, wenn wir die Scheidungsurkunde in Händen halten“.

Sein Blick haftete sich nun auf seine Geliebte. „Ich wollte, aber ich kann es dir nicht ersparen, love, ich fürchte, es ist noch nicht ganz vorbei.“

Sie wurde blass und ihr Herz begann unkontrolliert zu rasen. „Du meinst doch nicht...“

Er nickte und ließ den unausgesprochenen Satz im Raume stehen. Er verfehlte seine Wirkung nicht. Die Männer murrten und stießen wilde Drohungen aus. Es tat ihm leid, aber er konnte sie nicht schonen, sie musste auf der Hut sein.

„Der Polizeichef lässt nach zwei Männern suchen, die sich in der Gegend herum getrieben haben und nach dir fragten. Sie haben sich zuvor in Sydney nach dir erkundigt, aber nicht viel erfahren, eigentlich nichts. Doch es war nicht schwer, deine Spur bis hier her zu verfolgen, Gil. Ich lass die Farm Tag und Nacht bewachen, die Jungs patrouillieren teils mit Hunden. Ich kann euch nur eine vage Beschreibung geben. Es handelt sich um zwei dunkle Typen, sehen ein bisschen aus wie aus einem der Nahost- Länder, doch es können auch Kerle vom Balkan, ja selbst Spanien oder einem anderen, südlichen Europa-Land sein, was nahe liegt, wenn sie von Lapierre geschickt worden sind, wie ich fest annehme. Was sie im Schilde führen, wissen wir nicht. Nehmen wir an Entführung, aber das sind eben nur Vermutungen!“

 

Er ergriff ihre Hand und drückte einen Kuss darauf, um ihr Mut zu machen. „Aber keine Angst! Wenn alle wachsam bleiben, dann haben sie keine Chance, dir zu nahe zu kommen. Ich tue alles, damit die Polizei sich die beiden schnappt und genau unter die Lupe nimmt. Ich habe mir gedacht, du könntest einen Sonderurlaub beantragen und mit mir von hier verschwinden. Das wäre die sicherste und einfachste Lösung. Sobald die Kerle merken werden, dass du nicht hier bist, werden sie sich wieder verziehen und keinen Ärger machen.“ Sein besorgter Blick galt seiner Mutter, doch diese erwiderte ihn kampflustig und erzürnt: „Lass sie nur kommen, ich werde sie dementsprechend empfangen!“

„Mum, das ist kein Scherz!“

„Ich weiß Sohn“, entgegnete sie trocken. „Ich scherze auch nicht!“

„Also Gil, kommst du mit?“

Sie überlegte nur sekundenlang, bevor sie den Kopf schüttelte. „Nein“, sagte sie mit fester, aber spröder Stimme. „Ich laufe nicht mehr davon wie ein verschrecktes Huhn! Die Kinder brauchen mich und ich habe keine Angst!“

„Das solltest du aber, Honey“, sagte er mit sanfter eindringlicher Stimme. „Heute wäre es angebracht, dich zu fürchten!“

Sie lächelte ein wenig verbittert und winkte ab. „Sie werden es nicht schaffen, mich von hier weg zu schleppen. Ich werde einfach darauf achten, nie allein unterwegs zu sein!“

Er nickte. „Gut, dann werde ich Anordnungen treffen, dass man dich zur Schule bringt und auch abholt. Keinen Schritt allein, bis auf weiteres, versprochen?“

Sie nickte und biss in ihre Oberlippe. Ihre Gelassenheit konnte Russell nicht täuschen. Innerlich bebte sie vor Angst und seine Mittel, ihr beizustehen, waren mehr als beschränkt. „Ich werde außerdem veranlassen, dass du eine Waffe bekommst. Von der machst du Gebrauch, sobald du dich bedroht fühlst, okay?“

Sie nickte abermals und er fühlte sich plötzlich machtlos und müde, fuhr sich fahrig durchs Haar und meinte abschließend: „Tut mir leid, dass auf die freudige Botschaft gleich ein solcher Shit folgen musste. Leider liegt es nicht an mir!“

Die Männer klopften ihm auf die Schulter und meinten zuversichtlich, sie würden schon auf sein Sweetheart aufpassen.

20 – Das Verhör

 

Mirko und Faysal hatten die Farm in den vergangenen Tagen lang genug beobachtet, um feststellen zu können, dass sich die Gesuchte nicht dort aufhielt. Sie hingen missmutig in den Kneipen herum, wo sie unter den anderen Touristen nicht besonders auffielen. Sie hatten Zeit und konnten nichts anderes tun, als zu warten. Irgendwann würde die Kleine wieder auftauchen. Mit oder ohne diesen Crowe, auf den das hier ansässige Pack so stolz war. Der konnte ihr im Endeffekt auch nicht viel helfen. Es war nicht der erste Auftrag dieser Art, den sie ausführten. Warten, beobachten und sie dann irgendwo abpassen, lautete der Plan.

Während sie sich in Europa noch immer den Kopf darüber zerbrachen, was mit diesem Idioten Favier geschehen sein mochte, saßen sie hier in der Sonne und ließen ihre Angelruten faul ins Wasser hängen. Das war die unverfänglichste Art, die Wartezeit tot zu schlagen, wenn auch todlangweilig.

Wie er gezappelt hatte, als sie ihm all das scharfe Zeug eingeflösst hatten. Eigentlich war alles viel zu schnell gegangen. Kein bisschen Spaß dabei! Ein kleiner Schubs und er lag im Wasser. Prustete ein wenig, schrie nicht einmal und ging unter wie ein Betonklotz.

Mirko war missgelaunt. Er begann sich zu langweilen und wurde aggressiv. Auch Faysal gegenüber, der ihn geduldig immer wieder zur Ruhe mahnte. Jetzt durfte keiner von beiden die Nerven verlieren.

„Ich brauche eine Frau“, erklärte er düster.

„Du weißt, dass ich das regelmäßig brauche, sonst raste ich aus, Bruder!“ Faysal beschwichtigte den Jüngeren. „Du weißt, dass das vorerst nicht geht! Überlege zur Abwechslung mal mit deinem Hirn und nicht mit deinem Schwanz! Es hängt zu viel davon ab. Du rührst dich nicht vom Boot und hältst dich an die Spielregeln, verstanden?“

Faysal fragte sich, wie lange er noch die Gewalt über seinen Bruder beibehalten würde. Irgendwann würde der wirklich ausrasten und sie beide in die Hölle mit seinem saumäßig verrückten Charakter bringen!

„Du hast mir versprochen, ich bekomm’ sie als Erster!“ erinnerte der Jüngere den schwitzenden, kleineren Mann, der sich mit einem Tuch übers Gesicht fuhr und zustimmend nickte.

„Ja, du kannst sie haben, sobald sie in unseren Händen ist. Ich halte meine Versprechen in der Regel, das weißt du!“

„Und dann hauen wir hier ab, sobald wir mit ihr fertig sind.“

„Natürlich! Was sollen wir dann noch hier? Wir kassieren die Prämie und machen erst mal Urlaub zu hause! Nehmen einen flotten Flitzer und lachen uns die Miezen in Tirana an! Was glaubst du Mirko, die fallen vor uns auf die Knie und du kannst alles nachholen, was dir jetzt fehlt!“

Der Grosse grinste zustimmend und malte sich seinen Einzug in die Heimat aus. Maßanzug, Zigarren und die Taschen voller Geld. Er würde durch die Strassen spazieren und großzügig haufenweise Münzen in die bettelnde Kindermenge werfen. Sie würden sich darum balgen wie wild gewordene Ferkel. Die Huren von Tirana würden sich die Kleider vom Leib reißen, wenn er kam. Das wird eine Show werden! Er rieb sich schon jetzt in stummer Vorfreude die Hände.

 

Faysal war der Polizeiwagen nicht entgangen, der heute schon zum dritten Male im Schritttempo die Pier entlang fuhr und sichtlich nach irgendwem oder –was Ausschau hielt.

„Runter mit dir in die Kajüte, Mirko, verzieh dich! Schnell!“ Er selbst duckte sich und schlich ebenfalls zur Tür. „Scheißbullen!“ knurrte er und seine Hand tastete automatisch zu seiner Waffe, die im Gürtel seiner Hose steckte. Das Polizeiauto fuhr weiter und sie atmeten auf.

„Ich hoffe, das ist bald vorbei hier“, zischte Mirko heiser.

„Du sagst es Bruder, du sagst es!“

„Wir werden uns morgen früh wieder umsehen“, beschloss er und plötzlich schien er den Geistesblitz seines Lebens zu empfangen.

„War die Frau von Lapierre nicht früher Lehrerin?“

Mirko brummte ein paar Flüche, bevor er antwortete: „Was weiß ich, was diese Schlampe einmal war! Aber ich erinnere mich, dass der Boss einmal so etwas angedeutet hat!“

„Und wieso komm ich erst jetzt darauf?“

„Weil du ein verdammter Hohlkopf bist Bruder!“ grinste Mirko.

„Weißt du, wo sich die verdammte Schule hier befindet?“ Der andere verneinte.

„Wie kommst du auf diese Idee! Sehe’ ich aus, als würde ich mich an Schulkindern vergreifen?“ Faysal überhörte die Dummheiten seines Bruders und überlegte fieberhaft. Er fühlte es. Sie waren ihrem Ziel nahe gekommen. Ein wichtiger Faktor, den sie übersehen hatten. Was war, wenn dieses kleine Miststück wieder als Lehrerin in diesem verdammten Versteck hier arbeitete? Er würde einfach eines der Kinder nach ihr fragen, das allein auf dem Weg zur Schule war. Kinder logen bekanntlich nicht! Wenn das nicht Glück war!

 

*****

Russell saß dem Polizeisergeant gegenüber und rauchte, trotz des Verbotsschildes an der Wand. Der Polizist nahm es einfach hin. Crowe war so etwas wie der Pate dieses Landstrichs. Er machte von seinen Vorrechten, die sie ihm zugestanden, nicht bewusst Gebrauch. Es war einfach so, dass er von seiner Nikotinsucht nur selten Abstand nehmen konnte, und seine zahlreichen Anläufe, endlich zum Nichtraucher zu werden, in Anbetracht eines gewissen Alters, in dem man gesundheitliche Risiken einging, wenn man paffte wie er, waren bisher fehlgeschlagen. Die Zigarette beruhigte seine angespannten Nerven. Schmutzige Verschwendung seiner Gesundheit. Er wusste das und er hasste sich dafür.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass die beiden einfach abgehauen sind, Joey!“ ließ er seinen Gedanken freien Lauf.

„Möglicherweise waren es doch nur Touristen und sie sind bereits ihres Weges gezogen.“

„Den Schwachsinn glaubst du doch selbst nicht, oder?“

Der Polizist zuckte die Schultern. „Nur weil sie sich nach einer Frau erkundigt haben, die aussieht wie eure Lehrerin?“

„Die Lehrerin ist zufällig auch meine Braut, mate“, knurrte Russell und sprang aus dem Stuhl hoch. „Ich will nicht, dass darüber jetzt schon gequatscht wird, also behandle das vertraulich, klar?“

Der Sergeant war sichtlich überrascht und kaute mit Hingabe am Ende seines Bleistiftes. „Ich tu was ich kann Russ“, versicherte er ernst. „Ich halte Ausschau nach den Kerlen, aber ich kann nicht eine Fahndung rausgeben, nur weil sie mit ein paar Leuten im Ort gesprochen haben, sieh’ das ein! Wenn sie uns über den Weg laufen sollten, dann werde ich sie verhören, egal unter welchem Vorwand! Das verspreche ich dir!“

„Das ist nicht viel, fürchte ich!“ schnarre Crowe zurück. „Ich denke, ich werde mich selbst nach den beiden umsehen und mir Klarheit verschaffen. Ich will nicht, dass Gillaine in Schwierigkeiten kommt, wenn ich meinen Arsch irgendwo, auf der anderen Seite des Globus spazieren trage, klar?“

Der Sergeant schien nicht besonders angetan von Russells Plan zu sein. An seine Ausdrucksweise war er gewöhnt. „Du solltest das der Polizei überlassen, mate!“

Russell nickte zustimmend. „Mach ich, Joey! Aber nur, wenn sie die Kerle vor mir schnappt!“

Er verließ grußlos die Polizeistelle und einer der Männer, die auf ihn gewartet hatten, sah sich vorsichtig um, bevor Russell einstieg und sie wegfuhren.

Der Sergeant spuckte inzwischen das abgebissene Holz des Bleistiftes auf den Boden und fluchte leise. Dann rief er nach zwei seiner Männer und trug ihnen auf, sich weiterhin aufmerksam umzusehen. „Seht euch auch in Nana Glen um, Jungs. Vielleicht suchen wir hier umsonst und die beiden Ausländer treiben sich in der Gegend der Crowe-Farm herum. Haltet die Augen offen und seid vorsichtig!“

Er beschloss, selbst noch den Hafen abzuklappern. Er würde sich umhören und die anderen Bootsinhaber ausfragen. Vielleicht sind sie ja jemandem aufgefallen. Angeblich hatten sie sich als Angler ausgegeben. Was lag in diesem Fall also näher, als dass sie per Boot unterwegs waren?

 

Ein paar Stunden später hatte man die Verdächtigen noch immer nicht entdeckt. Ungesehen hatten die beiden Männer den Anker gelichtet und hielten sich in einer der zahlreichen Buchten versteckt, wo sie die Zeit totschlugen, wie sie eben konnten.  Bei Anbruch der Dunkelheit würden sie sich der Stadt nähern und mit dem unscheinbaren, alten, gemieteten Jeep ein paar Runden drehen. Sie mussten vermeiden, ins Licht des Polizeiinteresses zu tappen. Eine Ahnung sagte Faysal, dass man nach ihnen suchte. Andererseits bedeutete das wieder, dass die Zielperson sich in der Nähe befand und Angst hatte. Vielleicht sogar vorgewarnt worden war. Die Kleine kannte ihren Mann nur zu gut, und wusste, wie er handeln konnte und auch würde, wenn er einmal Wind davon bekommen hat, wo sie sich aufhielt. Er grinste hämisch. Sie hatte nicht Unrecht, sich zu fürchten. Doch er empfand keinerlei Regung dabei, auch keinen Anflug von Sadismus. Das war ein Job und Gefühle waren ihm fremd. Sie würden ihn sauber und gewissenhaft erledigen und dann ebenso unauffällig verschwinden, wie sie gekommen waren. Er musste nur versuchen, seinen Bruder einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Der war nicht der hellste auf der Platte und oftmals geradezu eine schwierige Bürde auf Faysals Schultern. Aber er war eben sein Bruder.

„Morgen früh hör ich mich in der Stadt um, du wartest dann hier auf mich“, rief er ihm zu. Mirko kaute an einem vertrockneten Käsesandwich und war verdrossen wie immer. Er ersparte sich diesmal eine Antwort. Doch er überlegte, warum eigentlich immer Faysal bestimmte, was sie zu machen hatten. Er wurde aufmüpfig und unzufrieden. Ein nagendes Gefühl, das sich von Tag zu Tag steigerte, füllte seine Eingeweide aus. Irgendwann würde er platzen und dann konnte er für nichts mehr garantieren, auch nicht für den Bruder.

 

*****

 

Die Unterredung, die Inspektor Fargette mit dem Interpolbeamten in Paris gehabt hatte, dauerte eine volle Stunde. Nun stieg er wieder in seinen Wagen und war hochzufrieden mit dem Ergebnis. Lapierre würde sein Ansehen und wahrscheinlich auch seine Freiheit bald verlieren. Der geachtete König der Geschäftsleute dieses Landes, ja Europas, wusste noch nicht, dass sich die Schlinge um seinen Hals enger und enger zog. Fargette sah ihn bereits am Ende des Stricks baumeln, den Interpol für ihn ausgelegt hatte. Die Spur führte über den Albaner Kostovico. Man ließ ihn seit langem beschatten. Ihn und einige seiner Handlanger. Ein schlauer Fuchs, der Albaner, der seit einiger Zeit bereits um die französische Staatsbürgerschaft angesucht hatte. Aber nicht schlau genug, zu selbstbewusst und dadurch unvorsichtig geworden. Kostovico besaß offiziell einige Nachtlokale. Mehrere Razzien hatten ergeben, dass in den Hinterzimmern Prostitution ausgeübt wurde. Junge Mädchen, der Sprache nicht mächtig und natürlich ohne Papiere hatte die Polizei aufgegriffen. Selbst mit Dolmetschern war kein Wort aus den  verängstigten Frauen heraus zu bekommen. Interpol tippte auf Menschenhandel. Eines der verwerflichsten Verbrechen auf diesem Planeten. Fargette empfand das ebenso. Immerhin hatte er zwei Töchter im Alter von vierzehn und sechzehn Jahren. Manche der verschreckten Mädchen, die sie aufgegriffen hatten, waren sicher nicht älter als sie.

 

Fargette schüttelte sich vor Abscheu und startete den Motor seines Wagens. Der zähflüssige Verkehrsstrom bildete eine geschlossene Mauer der Sturheit, die den Blinker des Wagens, der sich in den Autostrom einreihen wollte, einfach übersah. Fargette fluchte und griff nach dem Blaulicht, dass er auf dass Wagendach schob. Er schaltete Sirene und Licht gleichzeitig ein. Wie durch ein Wunder kam die endlose Autoschlange zum Stehen und Fargette trat aufs Gaspedal, schlängelte sich durch die Automassen, links, rechts, kurz aufs Trottoir und wieder auf die Fahrbahn zurück. „Ist schon besser, ihr verdammten Hurensöhne“, knurrte er. Unglaublich, welchen überraschenden, aber durchaus wirksamen Effekt Blaulicht und Polizeisirene auf die Psyche des normalen Durchschnittsbürgers ausübte. Aber praktisch, sehr praktisch für ihn und seinesgleichen.

 

Während seiner Fahrt überlegte er die nächsten Schritte. Kostovico war nichts eindeutig nachzuweisen, aber die Beamten blieben an ihm dran. Der Detektiv nestelte nach seinen Zigaretten. Jahrelange Praxis erlaubte ihm, sich in Sekundenschnelle eine Zigarette anzuzünden, gleichzeitig zu telefonieren und den Wagen trotzdem sicher durch dichtesten Stadtverkehr zu lenken. Eine Art Jagdfieber hatte ihn gepackt. Seine Beute war Lapierre. Kostovico überließ er Interpol. Er hatte einen Mord aufzuklären, dann konnten die Typen von der Verbrechensorganisation ihn übernehmen.

Sicher war, Favier wusste zuviel. Er wusste etwas, das auch Interpol interessiert hatte. Lapierre hat ihn aus dem Weg räumen lassen, er selbst befand sich zur Tatzeit ja in Brüssel, das war bereits überprüft worden.

Lapierre traf sich mehrere Male mit dem Albaner, das erfuhren die Beschatter ganz zufällig, als sie Kostovico überwachten. Was hatte ein angesehener Geschäftsmann wie er mit diesem Balkangangster zu tun?

 

Viele Fakten fielen Fargette nach und nach ein: Die verschwundene Frau des Mannes, der nicht nachweisbare Waffenschmuggel, der in Toulon aufgeflogen war und für den es nie einen Verantwortlichen gab, der ungeklärte Tod des Sekretärs Favier und schließlich die Besuche in der Hochburg Kostovicos. Von der Botschaft in Sydney hatte er erfahren, dass Madame Lapierre sich in Australien aufhielt, unter falschem Namen eingereist war und sich um Hilfe an sie gewandt hatte. Sie war auf der Flucht vor ihrem Mann. Das klang unglaublich, erwies sich jedoch, auf Grund ihrer Aussage bei der Botschaft, als Tatsache. Angeblich wurde sie von ihrem Mann misshandelt und gefangen gehalten.  Die Unterredung mit dem Chefarzt in der Klinik, die ihr Gefängnis gewesen war, ergab nicht viel. Niemand konnte sich daran erinnern, dass sie sich je über ihren Mann beschwert hatte. Ihre Nerven waren kaputt, sie durfte nicht lange allein gelassen werden und wurde mit Beruhigungsmitteln niedergehalten. Die übliche Vorgehensweise bei Paranoia. Und dann der Grund ihres psychischen Niederganges: der unerfüllte Kinderwunsch. Fargette schnaubte. Einen derartigen Schwulst hatte er schon lange nicht mehr gehört. Natürlich war das ein Machwerk von Lapierre. Wusste Gillaine Lapierre auch zu viel über seine Geschäfte? Wollte er sie ausschalten, indem er sie dort einsperren ließ?

 

Er grinste süffisant. Die Frau hatte ihm jedenfalls einen Strich durch die Rechnung gemacht. War auf und davon, spurlos! Er konnte sich die Wut des Geschäftsmannes vorstellen. Der unantastbare Gentleman! Jetzt hatte er wohl ein paar unschöne Schmutzflecken auf seiner weißen Weste! Er bewunderte die Frau, die es gewagt  hatte, dem mächtigen Mann die Stirn zu bieten. Flog quer über den Ozean und reichte dort die Scheidung ein. Das Bild Crowes entstand unscharf hinter den Augen Fargettes. Sicher war er nicht unbeteiligt an alledem. Inzwischen war er über die Details der Premierenparty ebenfalls informiert. Der Raufhandel, die Blöße Lapierres, der Hass, alles das schien sich immer mehr zu einem Kreis zu formen, der sich bald schließen würde. Ein gigantisches Puzzle, zu dessen Vollendung nur mehr wenige Teile fehlten! Er hoffte, dass er derjenige war, der das letzte Glied einfügte und versprach sich dadurch eine Erhöhung seines Dienstgrades.  Doch nur mehr von seinem Schreibtisch aus auf Jagd zu gehen, das erschien ihm gar nicht so erstrebenswert. Man würde sehen, noch war es ja nicht so weit. Er wollte Lapierre vorladen, würde ihm die Treffen mit Kostovico einfach ins Gesicht schleudern und die Reaktion dessen abwarten.

 

*****

Wie erwartet fand sich Lapierre mit seinem Anwalt zum angesagten Vorsprechtermin ein. Der Mann schien darauf vorbereitet zu sein, dass aus der angesagten Besprechung ein Verhör wurde.

Fargette maß den feisten Mann, der sich neben dem Geschäftemacher in den unbequemen Holzstuhl pferchte. Sein selbstherrliches Lächeln ging ihm auf die Nerven. Bernardini war in Polizeikreisen bekannt. Ein windiger Hund, der manchen Verbrecher aus der Patsche geholfen hatte mit seinen verdrehten Wortspielen. Seit einigen Jahren arbeitete er nur mehr für Lapierre und hatte so sein sicheres Auskommen.

„Nun“, begann Fargette und zündete seine Zigarette an. Er übersah die angewiderte Visage des Rechtsmannes ebenso, wie die abwehrenden Handbewegungen des Nichtrauchers.

Sein Kollege hockte auf der Tischkante im hinteren Teil des Zimmers und schaltete das Magnetophon ein.

Fargette verlas die Daten des Mannes und er bestätigte sie mit einem vagen Kopfnicken.

„Kommen wir zurück auf den armen Favier! Ich habe gehört, er war wie ein Sohn für Sie, Monsieur?“

Lapierre bejahte einfach. „Ich habe ihn geformt und zu dem gemacht, was er war. Ein zuverlässiger Vertrauter und Mann für jede Situation! Ich wüsste nicht, was ich noch dazu sagen könnte, was Sie nicht schon wissen, Inspektor!“

Fargette überging den Einwand. „Schön. Wussten Sie davon, dass er sich mit Interpol in Verbindung gesetzt hatte?“

„Soll das ein Witz sein?“ Kam die entrüstete Antwort. „Wollen Sie mich etwa in eine Falle locken? Dieser Versuch scheint mir wirklich zu plump zu sein, Inspektor!“

„Natürlich nicht, Monsieur. Ich stelle einfache Fragen und die basieren zum Teil auf den Berichten der Kollegen von Interpol!“ Er winkte mit einem zusammengehefteten Akt. „Hier ist die Aussage Faviers, die er bei Interpol gemacht hat, verzeichnet. Es ist keine Fälschung, ihr Anwalt kann das gerne überprüfen.“ Die dicken Finger des eben Genannten griffen sofort nach dem Beweisstück.

„Es ist mit dem Tag vor Faviers Tod datiert, sehen Sie selbst. Lesen Sie es durch und sagen Sie mir, was Sie davon halten!“

Der Anwalt begann zu lesen, während Lapierre mit ruhiger Hand eine Zigarre aus dem vergoldeten Etui seiner Jacke zog und sie fachgerecht zum Rauchen vorbereitete.

Als Bernardini seine Lektüre beendet hatte, reichte er sie dem Inspektor zurück. Sein dickes Gesicht wurde von einem zufriedenen Lächeln überstrahlt.

„Anscheinend war Monsieur Favier in Madame Lapierre verliebt gewesen. Das ist doch lächerlich! Er vermutete, dass ihr Mann sie aus dem Weg räumen wollte! Ich hätte nicht gedacht, dass sich Interpol mit solchen Kleinigkeiten halluzinierender Kleinbürger abgibt! Es gibt doch wirklich wichtigeres zu tun!“ Er kramte in seinem Aktenkoffer und fischte die Scheidungsklage samt der Gerichtseingabe heraus.

„Sehen Sie selbst, Inspektor, die Sache war längst bereinigt. Monsieur Lapierre wünscht nichts mehr, als dass seine Frau glücklich wird. Sie können sich den Schrecken nicht vorstellen, die Sorge, die er empfand, als man ihm ihre Entführung mitteilte. Daran hatten wir alle geglaubt. Wie sich in der Folge herausstellte, war es eher eine Flucht. Eine Flucht einer verwirrten Frau, die sich anscheinend in diesen Schauspieler verliebt hatte. Ein klärendes Gespräch hätte ihr und vor allem meinem Mandanten viel Ärger und schlaflose Nächte erspart. Ich habe Madame gekannt, Inspektor, und ich versichere ihnen, sie besaß eine höchst eigenartige Persönlichkeit, einen verwirrten Geist und sie litt an schweren Depressionen. Deshalb befand sie sich auch in dieser Klinik.“

Er machte eine Pause und blickte den Inspektor ruhigen Blutes in die wachsamen Augen.

„Man tat alles erdenklich Mögliche, um sie zu heilen. Kosten und Mühen, um eine rasche Genesung herbei zu führen wurden keineswegs gescheut, müssen Sie wissen! Mein Mandant hat sehr gelitten unter dem spurlosen Verschwinden seiner geliebten Frau, das können Sie mir glauben. Ihre Untersuchungen haben ja leider auch nichts ergeben. Ich möchte noch betonen, es handelt sich bei Monsieur Lapierre um einen sehr guten Freund, dem ich, wie ich zu hoffen wage, in diesen schweren Stunden treu zur Seite stand.“

Der Polizist fixierte Bernardini und suchte umsonst nach einem Glorienschein um dessen Haupt. Er holte Luft und nahm diese Pause wahr, um ein wenig ironisch anzumerken: „Ich wusste nicht, dass Anwälte auch Freunde haben. Ich dachte immer, sie hätten nur Klienten!“ ‚Du kommst auch noch in meine Gasse, mein Lieber’, dachte er bei sich.

Bernardini schenkte ihm einen missmutigen Blick und überging die Aussage des Beamten. Doch Lapierre konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Es stimmt, Favier hatte Geld von der Bank für eine Geschäftsabwicklung geholt. Er tat es nicht zum ersten Male. Manche Geschäfte werden nur auf Bargeldbasis abgewickelt, das wissen Sie, Monsieur!“ Er wusste, dass die Bank ganz sicher darüber bereits befragt worden war. Es hatte also keinen Sinn, irgendwelche unglaubwürdigen Märchen von sich zu geben.

Der Polizist wollte bereits einen Zwischenruf tun, so in der Art: ‚Und ob ich das weiß – Drogen, Geldwäscherei, und alles andere, was sich im illegalen Tunnel der Unrechtmäßigkeit so tut!’, doch er unterließ es, hielt dem Blick des Anwalts mit distanzierter Ruhe stand,  und ließ ihn weiterreden.

 

„Favier vermutete also, dass sein Boss einen Mörder für Gillaine dingen wollte! Ha! Seine Phantasie scheint enorme Ausmaße angenommen zu haben! Möglicherweise hatte er schon länger, heimlich getrunken! Ich muss wirklich über die Naivität von Interpol, und leider auch über ihre, Monsieur, lachen. Wofür halten Sie meinen Mandanten eigentlich? Wissen Sie nicht, welch Ansehen er Europa weit genießt? Persönlicher Freund unseres Unterrichtsminister, des Kulturministers, ....“

Ersparen Sie mir das“, unterbrach Fargette ihn schroff und fixierte Lapierre. „Ich frage sie gerade heraus, Monsieur: Haben Sie etwas mit Faviers Tod zu tun?“

Bernardini wandte sich rasch an seinen Freund: „Verweigern Sie die Aussage Bernard! Das ist doch lächerlich!“

„Ja das ist es tatsächlich“, kam die Hohntriefende Antwort Lapierres. „Trotzdem werde ich antworten. Ich habe nichts zu tun mit Faviers Tod, den ich immer noch beweine, Inspektor, auch wenn Sie das nicht zu glauben scheinen! Und ich füge hinzu, dass ich mich an höchster Stelle über ihre Verdächtigungen und die Art, wie Sie mich hier befragen, beschweren werde. Ich denke, sie werden sich in kürzester Zeit im Keller des Polizeiarchivs wieder finden und dort Akten schieben!“

Fargette nickte geduldig. „Ich mache nur meinen Job.“

Oft genug hatte man ihm mit derartigen Versprechungen gedroht. Er wandte sich kurz um und sah seinen Kollegen an: „Ich hoffe, Thierry, du hast alles auf Band aufgezeichnet!“ Der Angesprochene nickte und Fargette zog sein Ass aus dem Hemdsärmel, um es dem Verdächtigen ins Gesicht zu werfen: „Sagt Ihnen der Name Kostovico etwas? Mehmet Kostovico, 55, geborener Albaner und seit mehreren Jahren in Paris ansässig, wo er einige Nachtclubs unterhält und wahrscheinlich noch viel mehr!“

„Kosto... was?“ fragte der gerissene Lapierre nach, den anscheinend nichts aus der Ruhe brachte. Doch Fargette waren die kleinen Schweißperlen auf der Stirn des Anwalts nicht entgangen.

„Ko-st-o-vi-co!“ trennte der Inspektor die Silben des Namens, damit Lapierre sie auch wirklich gut verstand. Wenn er den Dummen spielen wollte, dann nur zu, er hatte Zeit.

„Prostitution und Menschenhandel werden ihm von Interpol vorgeworfen! Sie haben den Mann dreimal in der Folge aufgesucht! Das können Sie nicht leugnen!“ Seine Stimme war laut geworden und er holte aus einer Tischlade die verfänglichen Fotos, die er auf den Tisch, geradewegs vor die Augen seines Gegenübers, knallte.

Die Augenlider des Anwalts flatterten leicht, doch Fargette war dies nicht entgangen. Er konnte aus den kleinsten Mimikveränderungen der Menschen sehr viel herauslesen. Lapierre schien ungerührt zu sein. Er grinste sogar anzüglich.

„Ist es ein Verbrechen, sich ein wenig in öffentlichen Bars vergnügen zu wollen?“

„Das ist es nicht“, brummte Fargette schroff. „Aber es ist höchst verdächtig, wenn man dabei jedes Mal die Hintertür benützt!“

„Ich bitte Sie“, flehte der Anwalt. „Verweigern Sie ab jetzt jede Aussage, das ist ihr gutes Recht!“

Lapierre wehrte ab. „Ich habe nichts verbrochen und nichts zu verbergen. Dieser Mann, dessen Namen mir immer wieder entfällt, wollte in meinen Golfclub als Aktionär einsteigen. Das ist alles! Sein Angebot war nicht uninteressant.“

„Ich kann mich nur wundern, Monsieur“, schnarrte Fargette. „Ich habe Sie für intelligenter gehalten. Denn ich frage mich, wieso sie eine Menge Geld herumschleppen, wenn man Ihnen ein Angebot machen will! Ihr zweiter Besuch bei dem Kerl geht auf den Tag nach Faviers Tod zurück und das letzte Mal haben Sie ihn erst vor drei Tagen besucht! Er scheint Ihnen sehr ans Herz gewachsen zu sein, ist es nicht so?“

„Ich bestreite es nicht, Inspektor. Jetzt versuchen Sie erst einmal, mir etwas, das einem Verbrechen gleichkommt, zu beweisen. Ich bin Geschäftsmann und stehe in Verbindung zu den skurrilsten Leuten. Ich sehe darin kein Vergehen, auch wenn die Polizei hinter jeder meiner Geste etwas Verdächtiges vermutet!“

Fargette kochte. „Sie sind von einer außerordentlichen Kaltblütigkeit, Lapierre! Aber sie sind nicht ein so verbissener Jäger wie ich! Es ist ein Fehler, mich zu unterschätzen! Wenn mir zu Ohren kommt, dass Gillaine Lapierre etwas zustößt, selbst am anderen Ende der Welt, werde ich Sie persönlich zur Verantwortung ziehen. Sie können sich einstweilen eine Geschichte ausdenken, die ich Ihnen ganz gewiss nicht abkaufen werde. Sie stehen ganz oben auf meiner persönlichen Abschussliste, Mann!“

Lapierre hatte sich ebenfalls über den Schreibtisch geneigt und zischte drohend: „Alles was ich bis jetzt erkennen kann, verehrter Inspektor, ist, dass Sie unbedingt einen Schuldigen für Faviers Tod brauchen. Aber Sie scheinen außer Acht zu lassen, dass Sie sich lieber nicht mit mir anlegen sollten!“

Fargette grinste ungerührt: „Wollen Sie mir drohen?“

Ebenso anmaßend grinste der andere zurück: „Keinesfalls, mein Guter, keinesfalls! Ich gebe Ihnen nur einen gut gemeinten Ratschlag. Der kostet Sie keinen Cent!“

Maître Bernardini versuchte Fassung zu bewahren. Wenn Lapierre wirklich etwas zu tun hatte mit diesem Albaner, dann sollte er sich rasch und unverfänglich aus der Sache ziehen. Betrug, ja, mit Vorbehalt, Rechtsverdrehung, warum nicht, die Gesetze luden ja direkt dazu ein, aber Mord und möglicherweise in doppelter Ausführung, damit wollte er nichts zu tun haben. Lapierre hatte ihn also belogen, als er von seinem Seelenfrieden im Bezug auf seine Frau sprach!

Lapierres Lächeln schien auf seinem Gesicht zu gefrieren.

„Ich nehme an, ich kann jetzt gehen, Inspektor Fargette?“

Fargette winkte mit gerunzelter Stirn ab und die beiden Männer verließen mit kurzem Gruß das Büro. Fargette konnte es sich nicht verkneifen, ihnen wütend hinterher zu rufen: „Wir sehen uns wieder, Messieurs, schon bald, sehr bald!“

Der Maître dachte bei sich: ‚Mich bestimmt nicht! Ich muss Lapierre klar machen, dass ich aussteige und nichts mehr mit der Sache zu tun haben möchte!’ Er wusste nur noch nicht, wie...

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